Kategorie: untold music

  • Iuna Lux träumt sich auf „Chemicals and Gold“ in eine Parallelwelt aus Bedroom-Synth-Pop

    Iuna Lux träumt sich auf „Chemicals and Gold“ in eine Parallelwelt aus Bedroom-Synth-Pop

    Wenn es wieder Neues aus der Regensburger Indie-Bubble gibt, heißt es: Ohren gespitzt, es gibt Hit-Potenzial! Iuna Lux hat am Freitag die EP „Chemicals and Gold“ veröffentlicht und beweist zum zweiten Mal, dass er den Indie-Synth-Pop einfach beherrscht. Irgendwo zwischen tanzbarer Melancholie, verträumten Bedroom-Pop und einer fetten Ladung spacigem Electro Sounds entführt Iuna Lux auf „Chemicals and Gold“ in eine Parallelwelt – fernab der Realität, tief versunken in Träumen.

    Kurze Exkursion, weil es keinen Artikel gibt, in dem ich nicht abschweife

    Aber nochmal auf Anfang, damit wir alle auf dem gleichen Stand sind. Wenn ich von der Regensburger Indie-Bubble spreche, dann meine ich some sprouts, Telquist, Iuna Lux, The Komets, Surv und Marlin Beach (vergebt mir bitte, wenn ich jemanden vergessen haben sollte). Als Norddeutsche, die leider viel zu wenig über diese musikalisch anscheinend recht bedeutende Stadt weiß, finde ich es ziemlich beeindruckend, wie viel Indie-Potenzial in Regensburg verborgen ist. Umso glücklicher macht es mich, dass die Artists auch noch zusammenarbeiten und sich gegenseitig supporten.

    Christoph Hundhammer, aka Iuna Lux, war nämlich bis vor zwei Jahren als Gittarist mit Telquist auf Tour. Bei den sproutis war er auch schon zu Besuch und Marlin Beach, aka Lucas Adlhoch, ist Mitproduzent bei Iuna Lux‘ Tracks. Also ich find’s ziemlich wholesome. Vor allem kommt aber auch einfach verdammt viel gute Musik aus diesem Pool an kreativen Köpfen zusammen. Deswegen komme ich jetzt auch wieder zurück zu „Chemicals and Gold“.

    „And she’s dreaming of a blue sky … with her head in the clouds“

    Den Einstieg übernimmt der Song “Cold“, einer der drei Singles auf der EP. Mit „Cold“ wird auch direkt das Thema der EP klargestellt: hier geht es um Tagträumereien und eine Welt fernab der Realität. Planlos durch die Straßen laufen und die Gedanken an einem ganz anderen Ort. Iuna Lux besingt eine Flucht vor der Dunkelheit der Realität, aber immer mit dem Fokus auf den schönen, unbeschwerten Gedanken. Und so schwebt der Song förmlich vor sich hin.

    Musikalisch passiert vergleichsweise wenig, aber der synthige Sound der gesamten EP findet hier eine solide Einführung, ohne direkt zu überladen. Als Single hat „Cold“ mich leider gar nicht mitgenommen. Beim Hören der EP wird ich allerdings so langsam warm mit dem Song. Nach meinem Gefühl funktioniert der Song super auf der EP, aber einzeln gehört wirkt er wie ein Bruchteil aus einer Geschichte, zu der mir der Kontext fehlt.

    Auch der zweite Song war als Single vorab bekannt. Nach dem eher nachdenklichen ersten Track, weckt „Memory Lane“ mit seiner wiederkehrenden Melodie irgendwie auf. Ich spüre starkes Ohrwurm-Potenzial. „Memory Lane“ war 2021 gleichzeitig die erste Single nach der ersten EP „All Of My Answers“. Auch hier muss ich wieder gestehen, dass mich die Single damals leider gar nicht gecatched hat. (Ich weiß, dass das ein beschissener Start für eine Review ist, wenn die ersten beiden Songs für mich nicht als Singles funktionieren, aber es wird besser – versprochen). Was „Memory Lane“ bei mir allerdings direkt auslöst, ist ein wohlig warmes „Sommer, Sonne, ich mache einen Roadtrip ins Blaue“-Gefühl. Und dieses Gefühl haben wir doch gerade alle bitter nötig, oder?

    Wie viel Synthesizer willst du noch einbauen? Ja

    It Out“ ist also der erste komplett neue Song auf „Chemicals and Gold“. Zu meiner eigenen Überraschung überzeugt mich der Song direkt. Das Zusammenspiel von Beat und offensiven Textpassagen stimmt einfach. Kurze Unterbrechungen gibt es durch Einlagen der Synthesizer, die das generelle Soundbild der EP perfekt einfangen. Auch hier wurde wieder nicht an genug Synth-Einlagen gespart. Das Ganze klingt für meinen Geschmack sehr futuristisch, spacig und erinnert mich ein bisschen an Songs von Roosevelt. Ich weiß nicht wieso, aber irgendwie stelle ich bei dem Song einen kleinen Roboter vor, der in einem leergefegten Club auf der Tanzfläche tanzt. Wahrscheinlich liegt es daran, dass „It Out“ einfach ein verdammt tanzbarer Song. Damit überzeugt man mich sowieso schon in 90% der Fälle relativ easy. 

    Das passt perfekt, denn der nächste Song wurde quasi zum Tanzen geschaffen. Widmen wir uns „Monsters“.

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    „Get on your feet and get in your dress to dance“

    Monsters“ ist die Lead-Single der EP und sollte dem ein oder anderen bekannt vorkommen. Im Oktober habe ich die Videopremiere der Single begleitet und will deswegen gar nicht mehr zu lange auf den Song eingehen. Wenn ihr Genaueres wissen wollt, könnt ihr den Artikel zur Videopremiere mit ein paar Hintergrundfacts hier lesen. Aber beim Hören der EP gibt es dann doch wieder ein paar Kleinigkeiten, die mir so vorher gar nicht aufgefallen sind. Die Frage, woher der Titel der EP kommt, der mir in keinem der bisherigen Songs begegnet ist, wird hier zum Beispiel geklärt. Die Zeile „We’ll swim in chemicals and gold“ deutet auf die Namensgebung „Chemicals and Gold“ hin. Zudem passt auch dieses Wortspiel einfach wieder sehr gut in die verträumte Welt von Iuna Lux, die er sich selbst „zusammenbraut“. Diese Analogie fügt sich auch perfekt in den progressiven Sound der Synths ein.

    Das Beste kommt zum Schluss

    Ich glaube es war Liebe auf den ersten Blick oder eher auf das erste Hören. „Pillows and Aeroplanes“ hat es mir auf jeden Fall direkt angetan. Der Song ist der perfekte Soundtrack zum Tagträumen, über den Sinn des Lebens zu philosophieren oder in Gedanken an schöne Erinnerungen zu schwelgen. Meine Gedanken zu dem Song in vernünftige Worte zu fassen, fällt mir dementsprechend schwer, da sie immer sehr schnell abdriften, wenn ich „Pillows and Aeroplanes“ höre. Auch bei diesem Song macht sich wieder ein wohlig-warmes Gefühl in mir breit. Der Track fällt etwas aus dem Muster der vorherigen Songs: Die Synths sind weniger offensiv und drängen sich nicht auf. Um noch ein bisschen mehr mit Anglizismen und Genres um mich zu schmeißen, zwinge ich „Pillows and Aeroplanes“ das Label Dreampop auf.

    Ok, zum Abschluss hier mal mein Versuch eines Fazits: „Chemicals and Gold“ ist mit drei bekannten Singles und zwei neuen Songs nun keine große Überraschung für mich gewesen. Dass Iuna Lux den thematischen roten Faden der Realitätsflucht, die manchmal gelingt und manchmal auch nicht, so klar und deutlich in jedem einzelnen Song der EP verstrickt, gefällt mir total. Für mich macht es seine Musik sehr authentisch und greifbar. Begleitet durch Synth-Pop à la 80er-Jahre wirkt das Ganze einfach sehr rund. Der harmonisierte Gesang geht mir dabei direkt unter die Haut und spiegelt gleichzeitig die Traumwelt und die unterschiedlichen Stimmen im Kopf wider, die Iuna Lux beschäftigen. Mein absoluter Liebling ist „Pillows and Aeroplanes“ – ein Song, der bei mir genau den richtigen Nerv trifft.

    Hier könnt ihr die EP „Chemicals and Gold“ von Iuna Lux hören:

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    Fotocredit: Dennis Mnich

  • The Wombats mit ihrem fünften Album „Fix Yourself, Not The World“

    The Wombats mit ihrem fünften Album „Fix Yourself, Not The World“

    Als großer The Wombats Fan war ich nach der Ankündigung des neuen Albums „Fix Yourself, Not The World“ ziemlich aus dem Häuschen. Geschlagene vier Jahre ist es her, dass ihr letztes Album „Beautiful People Will Ruin Your Life“ erschien und bei mir damals Euphorie auslöste. Es ist also langsam an der Zeit für neue The Wombats Banger, wie „Let’s Dance To Joy Divison“ oder „Greek Tragedy“, der letztes Jahr zum TikTok-Hit wurde. Das neue Album bietet auf jeden Fall neue solcher Songs, die im Ohr bleiben.

    Bereits an den Single-Auskopplungen konnte man erahnen, dass es sich wieder um eine Indie Guitar-Pop Platte mit viel Potenzial handelt. „If you Ever Leave, I‘m Coming with You” und “Everything I love Is Going To Die” gaben vor dem Release einen Vorgeschmack auf den typischen Wombats-Sound, der auch auf diesem Album nicht zu überhören ist. Das Album lässt sich als ein Selbsthilfe-Leitfaden für Unzufriedene lesen, so Frontman Matthew Murphy. Es geht quasi darum, sich besser zuerst mit sich selbst auseinanderzusetzen, bevor man es am Rest der Welt auslässt. Logisch. 

    Während „If you Ever Leave, I‘m Coming with You” von exzessiver Hingabe und Abhängigkeit handelt, geht es in “Everything I love Is Going To Die” um den Gedanken, dass Leben so gut es geht zu genießen und auszuleben. Der Song ist super catchy und bringt gute Laune, wenn man den Titel mal beiseite lässt. Das offizielle Musikvideo zum Song veröffentlichte die Band bereits letztes Jahr und ist vom Album-Artwork inspiriert. Im Animationsvideo werden The Wombats und die 8-Bit Stadt zum Leben erweckt.


    „Icarus Was My Best Friend,
    So I’m Gonna Make Him Proud In The End.“

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    Flip Me Upside Down

    Das Album beginnt mit dem Disco-Funk Song „Flip Me Upside Down“. Ein passendes Intro für ein Album, das voll mit energiegeladenen Songs ist, die zum Tanzen einladen. Er erinnert allerdings nicht direkt an den altbekannten Wombats-Sound. Prägnanter Bass und treibenden Drums sind im Vordergrund des Songs, machen ihn groovy und heben ihn so ziemlich vom Rest des Albums ab.


    Über’s Loslassen

    Mit „Method to the Madness“ kam 2021 der erste Song des neuen Albums raus. Eine musikalisch eher ungewöhnliche und ruhigere Ankündigung für die Band, die sich damit zum ersten Mal auf der neuen Platte ausprobieren. Im Song hat Frontman Murphy einen „breaking point“ und schafft es endlich seine Ängste zu bekämpfen und loszulassen. Der sanfte Track der Platte überrascht zum Ende hin mit neuem Refrain, der mit Strophen wie «Fuck my sadness» wie eine Kampfansage klingt. Mit den Drums kommt die Spannung und es folgt ein rockiges Finale, wie man es von der Band gewohnt ist. Das ist auch der Part des Songs, wo ich jedes Mal Gänsehaut bekomme. Man fiebert mit.

    Einer meiner liebsten Songs auf dem Album ist „People Don’t Change People, Time Does“, der mich wieder sehr an den Sound der Band erinnert. Er handelt von der Stadt Los Angeles, die für viele junge und talentierte Künstler:innen sehr hart sein kann, wenn man dort versucht seine Träume zu verwirklichen. Dabei mag ich den Titel total. „Wildfire“ ist einer von den Tracks, die sich ein bisschen neuer anhören, weiter weg von allem Alten. Das liegt vielleicht an den Trompeten in der Besetzung, die ebenso in „Ready for the High“ vorkommen. Mit der Hookline hat der Song neben großem Live-Potenzial ebenso sehr die Chance, dein nächster Ohrwurm zu werden.


    It’s not, it’s not, it’s not paranoia if it’s really there.

    „Um, I worry, uh, I’m pretty much worried about everything really, I worry that I’m worrying so much maybe I’m gonna, you know, have some kind of pattern.” Mit einem gesprochenen Intro beginnt der elfte Song “Worry“ – zugegebenermaßen sehr relatable. Eigentlich geht es im Song mehr um Zwangsstörungen (OCDs). „It’s supposed to be inside the head of someone who’s loosing it a bit“, so Murphy. Musikalisch ist der Song eher das Gegenteil – fröhlich, locker und reißt einen förmlich mit. Auch hier liegt der Gedanke nahe, wie gut sich der Song wohl live anhören würde. 



    Fix Yourself, Then The World

    Leicht abgeändert vom Titel des Albums, schließt “Fix Yourself, Then The World” als Outro das Album ab. Der Song dröhnt aus der Ferne, klingt verzerrt und gleichzeitig schwebend. Es fühlt sich an, als würde sich der Song und die Stimme des Sängers langsam auflösen und derartig das Ende des Albums ankündigen. Es ist ein eintöniges Outro, aber ein Schönes.

    The Wombats haben erneut ein super catchiges Album gezaubert, auf dem sie neue Genres ausprobieren und sich musikalisch an ihre Grenzen gebracht haben. Ein sehr gelungenes Album, das gute Laune auslöst, obwohl es thematisch gar nicht danach aussehen mag. In „Fix Yourself, Not The World“ geht es um die Auseinandersetzung mit sich Selbst, aber auch darum, dass es immer irgendwie weitergeht. Bessere Zeiten kommen.

     

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    Fotocredit: Tom Oxley

  • Das Fernweh nach der Liebe: Skuppins neue Romantik

    Das Fernweh nach der Liebe: Skuppins neue Romantik

    Mitten im Herbst, genauer gesagt in der letzten Oktoberwoche, erschien Neue Romantik. Die Debüt-EP des Chemnitzers Musikers Skuppin. Ich muss sagen, es hätte wohl kaum einen besseren Zeitpunkt für die Veröffentlichung geben können. Draußen ist es nass, kalt und dunkel. Die Stimmung sieht auch nicht wirklich anders aus. Was ein Glück, dass man dann, zu solch sanften, warm klingenden EP’s wie Neue Romantik tagträumen und der Melancholie freien Lauf lassen kann.


    Poesie

    Eingeleitet wird Skuppin’s Neue Romantik mit meinem persönlichen Favoriten der Platte. Dieser trägt den schönen Namen Poesie. Poesie beginnt mit einem sanften Meeresrauschen und wird von verträumten Synths, soften, elektronischen Drums und einem ebenso sanften, melodischen Bass, begleitet. 

    Alles wird irgendwann
    Poesie sein
    Alles wird irgendwann
    Nicht mehr da sein

    In einem mit Liebe vollgepackten, traurigen Text, besingt der Musiker aus Chemnitz Träume, Gedanken und Gefühle. Diese Träume, Gedanken und Gefühle befinden sich irgendwo zwischen unüberhörbarem Herzschmerz und der Akzeptanz dieses Schmerzes.


    Man darf ja wohl noch Träumen

    Weiter geht es mit Fern. In Fern fängt Skuppin an, zu vermissen. Aber was vermisst er? Das Träumen? Die alten Zeiten? Eine Person? Eine Person, wie Sie in alten Zeiten war? Wahrscheinlich eine Mischung aus allem. Zeilen wie

    Ich fühl mich nur noch leer
    Ich fühl mich dir so fern

    dringen tief ins Ohr ein, bleiben im Kopf und deuten auf unverhoffte Veränderungen und das Auseinanderleben hin.

    Fern ist der einzige Song der EP, welcher allein mit einem Klavier begleitet wird. Insgesamt, klingt Fern nochmal sowohl etwas trauriger, als auch zerbrechlicher, als der Rest der Platte. Während seine starke Stimme mitten ins Herz, schon fast bis zur Seele langt, sorgt das Klavier für die ruhige Konstante, welche den nötigen, emotionalen Halt gibt.


    Unerreichbar

    Das dritte Lied der EP beginnt mit mit einem eindringlichen Uhrenticken, welches den gesamten Song lang präsent bleibt. In Unerreichbar kommt man aus dem musikalischen Tief wieder etwas heraus. Textlich bleibt es allerdings melancholisch. Man kann den Schmerz in jeder Zeile spüren. Die Liebe bleibt unerreichbar und wohl oder übel, schwindet die Hoffnung.

    „Bis wir beide uns sehen
    Bis wir beide verstehen
    Ist ein Leben vorbei“


    Liebe mit Abstand

    Der Schluss der Kassette(!), Liebe mit Abstand, passt sowohl vom Sound als auch vom Thema zum Rest der Indie-Dreampop-EP. Mein Highlight des Songs ist das wirklich, arg wunderschöne Gitarrensolo in der Mitte des Tracks.

    Auch in Liebe mit Abstand vermisst Skuppin. Es geht um eine Beziehung, welche es nicht schafft, die schwierige Hürde Abstand zu überwältigen. Auch wenn man noch nicht so ganz loslassen mag, muss man langsam. Ein letztes mal.

    „Bleib nicht für immer
    Nur heute Nacht
    Liebe mit Abstand
    Schwerer als gedacht“

    Zu Liebe mit Abstand hat Skuppin auch ein Musikvideo veröffentlicht, welches analog aufgenommen wurde. Hach, wie schön. Die Protagonist*innen sind Skuppin selbst und eine Person, welche Skuppin’s Partnerin darstellt. Das schwarz&weiß gehaltene Video unterstreicht den Text des Liedes. Ich kann nur wärmstens empfehlen, mal reinzuschauen.

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    Fazit

    Skuppin hat auf seiner Debüt EP Neue Romantik seine eigene Romantik erschaffen. Diese handelt von einer langsam, aber sicher endenden Beziehung. Es geht um die Liebe in Kombination mit Fernweh. Fernweh nach der Liebe. Die Art von Fernweh, die schmerzt. 

    Auch alles um die EP herum ist bestens aufeinander abgestimmt. Seien es die Musikvideos, das Cover, oder auch, dass Neue Romantik als Kassette physisch zu erwerben ist. Es passt einfach alles unglaublich gut zusammen und vermittelt einen wunderschönen, melancholischen Vibe. Ich bin auf jeden Fall Fan geworden.


    Neue Romantik ist durch und durch von einer Fernbeziehung und Vermissen geprägt. Es ist die perfekte EP für die düstereren Tage. Die Tage, an denen das Herz schmerzt und man den Gefühlen Raum geben sollte. Und hier könnt ihr sie euch anhören.

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    Fotocredit: tungachtung, Skuppin

  • artists to watch 2022: Die vielversprechendsten Künstler:innen

    artists to watch 2022: Die vielversprechendsten Künstler:innen

    Zwischen all den Jahresrückblicken von 2021 quetschen sich Anna und Jule kurz mal mit etwas Zukünftigem dazwischen und präsentieren euch die Künstler:innen, die ihrer bescheidenen Meinung nach 2022 zu ihrem Jahr machen werden. Letztes Jahr haben wir uns schon an einer Liste der 10 heißesten Musiker:innen versucht und retrospektiv haben wir da gar nicht so schlecht gelegen: Arlo Parks? 2x nominiert für einen Grammy – mit ihrem Debütalbum! Jeremias? 1Live Krone-Nominierung für “Beste:r Newcomer:in” und fette Konzerte, auf denen die Hälfte von euch doch auch war. Anaïs? Support auf der Provinz-Tour und versprechende Singles, die auf ein noch besseres 2022 erhoffen lassen. Trille, MELE, Luke Noa, MAJAN, WizTheMC – alle haben sich im Jahr 2021 extrem weiterentwickelt, tolle Songs veröffentlicht und, soweit es eben möglich war, viele Fans dazu gewonnen.

    Jetzt schauen wir also auf das Jahr 2022 und geben euch auch dafür die heißesten 10+1 Tipps an die Hand, wen man als artist to watch auf dem Schirm haben sollte (hier klicken, um parallel zu hören).


    2022 wird das Jahr von…


    Wet Leg
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    Kennt ihr die Isle of Wight? Das ist ein kleiner Schnipsel von der englischen Insel, im Meer vor Hampshire. Von dort erobert ein ganz besonderes Möbelstück die ganze Welt: die “Chaise Lounge”. Mit nur dieser einen Single katapultiert sich Wet Leg über Nacht in die traurigen Herzen aufgekratzter Indieheads und auf die ganz große Bühne. Inzwischen ist klar: Rhian Teasdale und Hester Chambers, die beiden umwerfenden Frontfrauen, begeistern schlechtgelaute Post-Punk-Purist:innen und pogotanzende Popfans gleichermaßen. Nie war ein Schlafzimmerblick energiegeladener, ein Schulterzucken elektrisierender. Ohne auch nur ein einziges Album veröffentlicht zu haben, spielte Wet Leg sich 2020 in UK und Europa die Finger wund, jetzt folgt ihre erste US-Tour. Dass es live genauso gut funktioniert, beweist das gerade erschienene NPR Tiny Desk Concert! Kauft also schon mal ein Ticket für die Shows im Frühjahr, denn nächstes Jahr gehen die beiden wohl komplett durch die Decke!

    Hier noch ein Youtube Kommentar, für den letzten Stupser Überzeugung: „I’ve never experienced a new band I liked so much in the modern era. Like this is the first time I’ve got to watch every little clip of ever little thing a band does. It’s fun. I’m 141 years old. The last band I liked this much was The Strokes in 2001. Internet was like 7 pages then.“


    Novaa
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    Wir haben uns 2021 so in Novaa verliebt, dass wir gar nicht anders können als sie hier mit an die Spitze zu setzen. Sie ist zwar lange keine Newcomerin mehr, dafür hat sie einfach schon viel gute Musik released, aber gerade beobachten wir eine Musikerin und Produzentin, die all ihre Erfahrung zu etwas Purem formt – und damit immer mehr Künstler:innen um sich herum inspiriert. Das hat 2021 mit ihrem dritten Album “She’s A Roseordentlich an Fahrt aufgenommen und ist mehr als überfällig, auf so vielen Plattformen wie möglich stattzufinden. Denn was Novaa macht, sind nicht nur wunderschöne Melodien in einen Klangteppich zu wickeln, der 1:1 unserer comfort zone entspricht. Ihre Texte sind ehrlich verletzlich und trotzdem berührend empowernd, dass Anna schon in der Review zu “This Ain’t Your Home” die Worte gefehlt haben. Nach dem (wirklich unfassbar guten) Album kam erst vor wenigen Wochen ihre Kollaborations-EP “MooN” mit Moglii raus und mit „You Can F With Meauch die erste Single ihres für 2022 angekündigten Albums. Als würde das also nicht ihr Jahr werden!

    Alles an Novaas Musik ist so atemberaubend ehrlich, nah und berührend, dass wir wirklich jede Person, die sie noch nicht kennt, dazu ermutigen wollen, sich das mal anzuhören. Sie könnte die deutsche Musiklandschaft mit ihrer empowernden und sensiben Art und Weise maßgeblich verändern. Ihr müsst sie nur lassen.


    Schmyt
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    Wir kommen hier auch absolut nicht daran vorbei, Schmyt mit Großbuchstaben und mindestens drei Ausrufezeichen (!!!) auf die Liste der artists to watch 2022 zu packen. Bei uns hat er schon öfter seinen verdienten s/o bekommen (hier im Interview und hier zur EPReview). Und ganz offensichtlich sind wir nicht die Einzigen, die von Anfang an den Hype um den ehemaligen Rakete-Sänger glaubten – die Colors Session zu seiner Single Ich wünschte, du wärst verloren beweist, dass er sich zu einem waschechten kurz-vorm-Durchbruch-Newcomer durchgekämpft hat. Und das in so kurzer Zeit und mit einer Pandemie im Nacken! Schmyt wirbelt die Deutschrap- und Indie-Szene gleichermaßen auf. Wir können nur daneben stehen und wie die echten Fangirls der ersten Stunde sagen: “Den kannte ich, da war er noch ganz unbekannt”. Und damit ihr da auch noch einsteigen könnt, bevor es 2022 richtig knallt (wir sind da zuversichtlich), legen wir ihn euch auch hier nochmal nahe – für den herzzerreißenden Liebeskummer zwischendurch.


    Stanovsky
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    Auch mit Stanovsky tun wir euch einen echten Gefallen. Nach dem Projekt KAIND war er zunächst als Songwriter für Artists wie LEA, Prinz Pi oder Celine aktiv. Im April 2021 veröffentlichte er dann die Doppelsingle Dünnes Eis” / “Jogginghoseund startete damit gefühlt aus dem Nichts durch. Aber wer erst einmal in den Genuss seiner Musik, in der er Klavierakkorde mit elektronischen Sounds kombiniert und dieser mit seiner unvergleichbaren Stimme seinen absolut eigenen Stempel aufsetzt, gekommen ist, kommt davon nicht mehr so schnell los. Im Sommer stand er nicht nur als Support von Joris, Clueso und Lotte auf der Bühne, er hat auch einige Wochen in Portugal verbracht, um dort an neuer Musik arbeiten. Die Weichen für weitere wunderbare Songs, die Stanovsky uns 2022 präsentieren wird, sind also gestellt. Wir sind auf jeden Fall mega gespannt, was da auf uns zukommt, wissen aber eigentlich schon jetzt, dass wir nicht enttäuscht werden können.


    Paula Hartmann
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    Wenn ihr genauso Newcomer:innen vernarrt seid wie wir, dann habt ihr bestimmt auch schon von Paula Hartmann gehört. Die eigentliche Schauspielerin hat Mitte diesen Jahres mit “Nie Verliebtund “Truman Show Bootdie ersten musikalischen Zeichen gesetzt – und wir sind völlig hin und weg. Also völlig. Sie klingt für uns wie eine geniale Mischung aus Haiyti und Lina Maly, weil sie einfach dieses einzigartige Feingefühl hat für sowohl raumfüllende Beats und sitzende Lines als auch für emotionale Texte und wunderschöne Melodien. Dazu noch ihre ganz besondere Stimme und diese perfekt Kombination beider Welten ist bereit für die große Musikwelt da draußen. Wir wissen noch nicht, was da nächstes Jahr genau auf uns zu kommt, aber was sicher ist: Wenn das nur so halb so gut wird wie das, was 2021 angestoßen wurde, dann könnte Paula Hartmann in eine ähnliche Hype-Richtung wie die rund um Schmyt gehen. Und das wollt ihr nicht verpassen, oder? Sehr gut, wir nämlich auch nicht.


    Edwin Rosen
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    Wer in dieser Aufzählung auch auf keinen Fall fehlen darf, ist Edwin Rosen – der laut Laras Jahresrückblick mit „leichter//kälter“ schon im letzten Jahr mietfrei Plätze in ihren Playlists bekommen hat. Und wie ihr ging es vielen von uns. War alles rund um den jungen Stuttgarter am Anfang noch sehr geheimnisvoll, hat man ihn inzwischen schon auf einigen Bühnen des Landes erspähen können. Mit seinen poetischen Texten und experimentellen Sounds hat er sich so inzwischen auch (völlig zu Recht) eine beachtliche Fangemeinschaft erspielt. Im nächsten Jahr geht’s für ihn auf große Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Doch so schön das auch erstmal klingen mag, die Tour ist leider bereits restlos ausverkauft. Wenn ihr aber doch die Chance bekommen solltet, Edwin Rosen live zu sehen (fingers crossed für einen machbaren Festivalsommer), dann nehmt sie unbedingt wahr. Es wird 2022 nämlich sicherlich nicht nur neue Musik für uns, sondern auch weitere große Schritt für seine musikalische Laufbahn geben. Sagt nicht, wir hätten euch nicht darauf vorbereitet.


    Panda Lux
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    Auch der nächste Act hier ist eigentlich nur reine Formsache. Panda Lux sind wirklich seit Jahren schon ein ewiger Newcomer-Brenner – da fehlt nur noch der kleine Stupser Glück und dann sollten die vier Schweizer in Bilderbuchs Fußstapfen treten und alle Clubs Deutschlands durchspielen. Musikalisch ist das ein absolutes hohes Level, auf dem die studierten Musiker sich bewegen. Und auch lyrisch ist das, was die vier da machen, Kunst auf jedem Level. Eigentlich hätte ihr letztes Album “Fun, Fun, Fun2020 die Jungs auf so viel mehr Radare bringen sollen (warum, hat Anna in ihrer Review schon einmal niedergeschrieben), aber Covid hat auch da einiges ausgebremst. Doch jetzt kam November 2021 mit “Blumen so ein neuer Knaller-Song raus, dass da auf jeden Fall mehr in der Pipeline liegen sollte. Und wenn das alles rauskommt, dann streamt das kaputt, damit unsere Quarterlife-Crisis endlich auch auf den großen Bühnen von Panda Lux besungen werden kann, direkt mit Ensemble.


    Pip Millett
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    Wir nehmen den internationalen Vibe aus der Schweiz mit und richten unseren Blick einmal nach England. Da hat sich Pip Millett nämlich einen Platz auf der „DSCVR Artists to Watch 2022„-Liste von vevo gesichert und wir können und wollen das auf ganzer Linie unterschreiben. Wenn es in Richtung Soul oder R’n’B geht, dann steht Pip Millett ganz oben auf der Agenda. Vor allem wenn er aus England kommt. Anna hat sie erst in diesem Jahr mit ihrem Song “Hard Lifeentdeckt und sich selten so schnell in eine ganze Diskografie verliebt wie hier. Ihre erste Single “Make Me Cry kam 2018 raus und ist ein souliger Song über Depressionen und hat direkt eine COLORS Session bekommen. Wenn Künstlerinnen wie Jorja Smith und Joy Crookes (zu Recht, wie Lucas in beiden Reviews auch schon festgehalten hat!) in euren Jahresrückblicken 2021 zu finden waren, dann solltet ihr dieser Musikerin hier auf jeden Fall auch ein Ohr leihen. Pip Millett kann eurer musikalisches 2022 eigentlich nur noch besser machen.


    Badmómzjay
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    Schon seit einigen Jahren kommt man nicht an Badmómzjay vorbei. Die 19-jährige hat noch vor ihrer Volljährigkeit ein eigenes Label gegründet und letzten Monat ihr Album Badmomz.” veröffentlicht, mit dem sie aufgrund ihrer musikalischen Finesse nicht nur eingefleischte Rap-Fans zufrieden gestellt hat. Mit ihrer Vielfältigkeit und mitreißenden Beats überzeugt sie auf so vielen Ebenen. Wir schauen gerade einer jungen Künstlerin dabei zu, wie sie mit großen Schritten ihren Weg ganz nach oben besteigt. Nicht umsonst betitelte hip-hip.de sie als eine der “spannendsten Nachwuchs- Rapperinnen der Szene”. Und trotz oder gerade wegen ihres Erfolges wird Badmómzjay auch nicht müde, auf Missstände in der Musikbranche (Stichwort hier: Ungleichbehandlung) aufmerksam zu machen und sich für LGBTQIA+ Community einzusetzen. Die Zeichen stehen also gut, dass 2022 sowohl musikalisch als auch menschlich ein mehr als erfolgreiches Jahr für sie wird.


    Mayberg
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    Kommen wir zu einem Künstler, bei dem wir uns ein bisschen ärgern, dass er nicht schon früher auf unserem Radar aufgetaucht ist – immerhin veröffentlicht er bereits seit 2020 regelmäßig Songs: Mayberg ist ein junger Singer-Songwriter aus Kassel (treue Leser:innen checken: das ist der Aufgabenbereich von Jule), der inzwischen aber in Leipzig lebt und sich, als das noch möglich war, durch viele Live-Auftritte, u.a. auch als Support für Provinz bei den Picknick-Konzerten, die Herzen seiner heutigen Fans erspielt hat. Die Vergleiche mit Henning May bzw. AnnenMayKantereit und Faber sind zwar nicht von der Hand zu weisen – aber wenn man sich erstmal mit seiner Musik auseinandersetzt, merkt man schnell, dass da so viele Eigenheiten drinstecken, die diese Vergleiche unnötig werden lassen. Aktuell arbeitet Mayberg an seiner ersten EP und wir hoffen, dass wir die 2022 zu hören bekommen. Wir sehen hier auf jeden Fall riesiges Potential für eine steile Karriere und einen extrem talentierten Künstler, von dem bald alle reden werden.


    Anoki
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    Und zuletzt noch ein kleines und untypisches Add-on. Quasi unsere 10+1, weil wir ihn auch schon als artist to watch 2021 aufgelistet haben. Aber aufgrund seiner im April 2022 erscheinenden EP “Irgendwann wird alles leichter” müssen und wollen wir das unbedingt wiederholen: Anoki. Es gibt Menschen in unserer Redaktion (Jule), die musikalisch nichts auf den in Berlin lebenden Künstler kommen lassen. Und wer sich die zuletzt erschienenen EP-Vorboten Sie bauen eine Mall” und Is Ok schon angehört hat (falls nicht, gerne in unserer Playlist nachholen), wird dem sofort zustimmen. Was wir alle schon erahnen können: 2022 erwarten uns eingängige Beats, krasse Melodien und Songs, die aufgrund ihrer berührenden Texte und Geschichten einfach direkt unter die Haut gehen werden. Dazu aber zu gegebener Zeit mehr. Behaltet Anoki daher also bitte auf jeden Fall auch nächstes Jahr im Auge – ihr werdet es nicht bereuen, großes untoldency-Ehrenwort.


    Weil aber Worte nur Worte sind und nur die Musik selbst so richtig überzeugen kann, ist hier die Playlist zu all den vielversprechenden Künstler:innen: (Ja, da haben wir, kitschig wie wir sind, uns selbst aus letztem Jahr zitiert, aber it’s true).

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    Frances Beach / Dork – Alexandra Maria – Lea Bräuer – Max Hartmann – Claudia Schröder – Vivien Staff – Anja Furrer – Jake Millers – Universal Music – Rafael Michel – Charlotte Hanner

  • die neue leichtigkeit präsentiert deutschsprachige Musik – Ausgabe 1

    die neue leichtigkeit präsentiert deutschsprachige Musik – Ausgabe 1

    Die Zeit der grandiosen Split-EPs scheint noch nicht vorbei zu sein, juhu! Wein & Haschisch, Der Frühling und Tom Taschenmesser machen uns ein ganz besonderes Geschenk in der Vorweihnachtszeit. Mit ihrem Kollektiv die neue leichtigkeit bringen sie schon morgen (!) ihre gemeinsame Schallplatte heraus, limitiert auf nur 300 Stück. Unter dem klangvollen Titel „die neue leichtigkeit präsentiert deutschsprachige Musik — Ausgabe 1“ fasst das Kollektiv erstmalig seine nestwarmen Veröffentlichungen zu einem spannenden Gemeinschaftswerk zusammen. Zu finden sind darauf neben der EP „Warten auf den Knall“ von Wein & Haschisch auch die EPs „verstehst du nein gut“ von Tom Taschenmesser und „Tamtam“ von Der Frühling. Über die letzten beiden berichteten wir bei untoldency bereits begeistert.

    Die Geschichte der Split-Veröffentlichungen geht weit zurück. Schon früh haben sich Bands die Spielzeit auf LPs oder Kassetten gerne geteilt, um zum Beispiel Produktionskosten zu sparen. In Anbetracht heutiger Debatten rund um den Klimaschutz, spart eine solche Split-LP aber natürlich nicht nur Kosten für die Bands, sondern auch Ressourcen für die Umwelt. Das Ganze ist also von vorn herein schon mal eine tolle Idee, mal ganz abgesehen von der schönen Geste der Wertschätzung, die sich die drei Protagonisten mit diesem gemeinsamen, gleichgestellten Release entgegen bringen. Und dann sieht die Platte auch noch so mega gut aus! Ich bin begeistert.

    Bevor ich euch jetzt den Mund wässrig schreibe, habt ihr JETZT die Möglichkeit, die Platte noch schnell vorzubestellen. KLICK HERE. Ihr könnt dann an dieser Stelle direkt weiterlesen, ich warte hier auf euch.


    Seite A: Wein & Haschisch — „Warten auf den Knall“

    Obwohl es der Bandname anders vermuten lässt, fallen die Songs auf dieser EP zwar noch nicht unter das Betäubungsmittelgesetz, viel fehlt da aber nicht! Sechs berauschende Tracks geben den Startschuss in eine wundervolle Indierockwelt, in der Indie auch Indie bedeutet. Wer auf dieser sanft-aufgekratzten Stimme von Isaak J. Winkeln nicht sofort hängen bleibt, ist wohl dazu verdammt auf ewig nüchtern zu bleiben. Irgendwo zwischen Jeff Buckley und Portugal. The Man, aber auf Deutsch und mit der Attitude eines young Christoph Daums, scheinen die guten Gene auch im ersten Song „Papa war ein Model“ in der Familie zu liegen. Treffsicher im sarkastischen Chorgesang skizziert Wein & Haschisch das Bild der Generation Y&Z und fragt sich, was da noch kommen muss, um uns Kids (lol) von heute bei der Stange zu halten.

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    „Warten auf den Knall“, zweiter Track, bringt wie kein anderer die öde, miese und langweilige Zeit des Wartens auf ein Krümelchen Veränderung aufs Band. Die Küchenuhr tickt, die Hand hast du in die Wange gestützt und dein schlechter Atem pustet dir die Haarsträhne aus den müden Äuglein. So oder so ähnlich gehen die Tage ja oft genug vorbei. Und dieser Song ist durch das allmählich sinkende Tempo der beste Soundtrack.

    „Ich mag rauchen warum“, ja ich ja auch, aber WARUM denn? Diese und andere essentielle Lebensfragen finden sich in der Hymne des gepflegten Begasens. Eine Antwort gibt es allerdings nicht. Das ist Hedonismus in seiner reinsten Konzentration. Richtig gutes Zeug. Und gleichzeitig die Erinnerung, lieber auch das halbleere Glas zu heben, als das halbvolle unterm Tisch zu verschütten. Einer der tollsten Tracks auf der EP, nicht zuletzt wegen des sehr einprägsamen Groovepatterns von Drums und Bass im Riff.

    Richtig deep wird’s dann mit Songs wie „Goldener Sturm“, wo ich nicht sicher sagen kann, ob der Protagonist:in seine:n Geliebte:n am Ende jetzt die Kerzen ausgeblasen hat? Da läuft mir dann kurz der Schauer über den Rücken, der lässt sich aber glücklicherweise durch die üppigen Synth-Landschaften und den heiteren 6/8 Takt des Songs wieder gut wegschunkeln. Die Vergänglichkeit der schönen Dinge und der Wunsch nach sozialem Aufstieg dann verwurschtelt im Surfrockgewand von „St. Tropez“. Toll, wie Wein & Haschisch immer wieder die Kurve zum Augenzwinkern kratzt und trotz teils saukitschiger Textzeilen die Coolness eines Antihelden niemals verliert.


    „Heut Abend bitt ich zum Rendezvous
    Auf meine Yacht an der Küste aus Azur
    Denn ich weiß, du hast auch genug
    Davon zu wenig zu schlafen

    Zu viel zu malochen
    Die Kippe hier kostet dich übrigens 20 Minuten deines Lebens
    Aber was willst du tun“


    „Warum quälst du dich mein Kind“ ist dann der gebührende Abschluss der Seite A und dieser ikonischen „Warten auf den Knall“-EP. Hier kann man noch mal die außergewöhnliche Vocalperformance bewundern, die an sich einfach schon ein Alleinstellungsmerkmal ist. In einem Pink Floyd-mäßigen Jam-Epos endet dieses Debüt rund um den Themenkomplex Apathie in unserer Gesellschaft, gespickt mit deftigen Portionen Nihilismus und Selbstironie. Schräg, mutig, spannend. Super EP.


    Seite B: Tom Taschenmesser — „verstehst du nein gut“
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    Das Debüt von Tom Taschenmesser hat mich seinerzeit ja schon komplett aus den Latschen gehauen. Ich muss sagen, dass sich dieser Effekt tatsächlich ständig wiederholt, wenn ich mir die EP von Zeit zu Zeit mal wieder anhöre. Und jetzt kann ich sie sogar auflegen, so richtig schön aufm Sofa mit nem Aperol und einer Zigarette. Hier sei übrigens erwähnt, dass euch nebst geschmackvoller Covergestaltung auch zwei schicke rottransparente Vinylscheiben erwarten, denn das Auge hört ja mit.

    Damals in meiner Review beschrieb ich die Songs als eine „alles in Grund und Boden rauschende EP voller Lofi-Sound und Wut im Bauch. Immer auf der Suche nach der Schönheit in ihrer hässlichsten Verkleidung, fließen Toms Texte und Songs wie in einem Bewusstseinsstrom flussabwärts.“ In diesem Bewusstseinsstrom finden wir zum Beispiel mit „Meine Schwestern“ einen heftigen Angriff aufs Patriarchat, der so laut, brutal und erbarmungslos auf all die toxischen Männer eindrischt, dass mir selbst beim Zuhören schon die Testikel wehtun.

    Aber Tom Taschenmesser ist kein Grobian, auch wenn er mit seiner Band schon heftig die Hütte abreißen kann. Die Balladen auf dieser EP haben es genau so in sich. So ist „Verzeih dir deine Schönheit“ für mich immer noch ein Paradebeispiel für einfühlsames Storytelling, bei dem ich jedes Wort begierig aufsauge — und jedes davon glaube. Auch ein halbes Jahr nach Veröffentlichung kommt mir immer wieder das Bild vom Apfelkuchen in der Krankenhauscafeteria in den Sinn, der uns allen so viel Trost spenden kann.


    „Wir schlendern zurück zu dieser Cafeteria
    Ich bestell uns beiden ein Apfelkuchen und sag
    Der soll hier wirklich sehr sehr sehr gut sein
    Sie sagt: manchmal da hasse ich dich Tom
    Und ich sag: ja ich weiß, jetzt halt dein Mund
    und beiß da rein“


    Tom Taschenmesser ist kurzgesagt ein moderner Geschichtenerzähler mit toller lyrischer Sprache („Niemand kann alle sein“) und derbem, unverblümtem Slang („Maury“). Diese beiden Stilmittel verknüpft er immer wieder einzigartig miteinander. Er erzählt uns in seinen Songs von all den Dingen, die alle anderen rausretuschiert hätten. Thematisch absolut aktuell und dennoch zeitlos, kickt diese EP von hinten in die Kniekehlen. “verstehst du nein gut” hinterlässt einen bleibenden Geschmack mit Suchtfaktor.


    Seite C: Der Frühling — „Tamtam“
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    Das grande final dieser Ansammlung außergewöhnlicher Musik ist dem Hannoverschen Multitalent Lukas Kurz alias Der Frühling vorbehalten, über dessen EP „Tamtam“ ich ebenfalls in vergangenen Tagen schon berichtete. Er scheint augenscheinlich auch eine Art Bindeglied bei die neue leichtigkeit darzustellen. So kann man dem der Schallplatte beigelegten Textheft entnehmen, dass ihm sowohl die Verantwortung als Drummer, als auch als Mixing Engineer aller drei EPs zu Teil wurde. An dieser Stelle sei ihm also gedankt für den durchweg eigenwilligen, aber sehr eingängigen Sound dieser Compliation.

    Auf „Tamtam“ führt uns Der Frühling wie einst Peter Pan zurück in eine Traumwelt, die wir hart arbeitenden Erwachsenen schon lange nicht mehr besucht haben. Dort zeigt er uns mit „Allein zu sein“ beispielsweise, wie himmlisch doch die Zeit mit sich selbst sein kann, lethargisch und gedankenleer. Generell ist von den drei hier vorgestellten EPs diese hier die introvertierteste; intim und ganz nah dran am Ohr. „Du hast das Träumen verlernt mein Schatz“, der wohl schönste Vorwurf dieses Jahr. „Das Dreamen“, ein Appell ans Lockermachen, Liegenbleiben und Treibenlassen im musikalischen Gewand einer Steely Dan-Ballade.

    Mit einem schönen Gruß der Hamburger Schule rocken „Bevor du aufstehst“ und „Warten & Starren“ weiter und tauschen die prägnanten Synthesizer der EP gegen E-Gitarren ein. Aber nur kurz, denn „Hauptsache zu spät“ kommt wieder im durchaus gutsitzenden Synthiedress um die Ecke, wenn auch von der Message nicht schwungvoll, sondern eher wie das Schulterzucken des Phlegmatikers in uns.


    „Ich werd’ niemals wieder richtig wach
    Meine Rauchsäule reicht bis unter’s Dach
    Und da bleibt sieh hängen
    Da hängt sie gut“


    Mit „Ich sag dir alles“ endet dann auch die letzte Seite der Platte. Hier werden wir erneut Zeuge von Der Frühlings Fähigkeit, knackige Aussagen verbrauchergerecht und prägnant in seine Texte zu verpacken. Also so, dass sie auch unbeschadet beim Empfänger ankommen. „Tamtam“ ist ziemlich gut darin, eine innere und verborgene Gefühlswelt behutsam nach außen zu stülpen. Aber scheint die Außenwelt dabei im Gegenzug auch mit jeder Faser aufzusaugen und zu verschlingen. Genauso wie ich diese EP. Ein gelungener Abschluss.


    Fazit

    Am Ende bleibt mir nur zu sagen, dass ihr euch dieses Werk auf jeden Fall zulegen solltet. Abgesehen von den vielen ungeahnten Bedürfnissen, die die Musik stillen kann, ist die Schallplatte auch einfach ein geiles Weihnachtsgeschenk. DIESE deutschsprachige Musik kennen eure Omas sicherlich noch nicht. Hier bekommt man noch Qualität, ob im Songwriting, in der Produktion oder im Design des Endprodukts. Wenn der physische Release eine Zukunft haben sollte, dann doch bitteschön genau so.

    „die neue leichtigkeit präsentiert deutschsprachige Musik Ausgabe 1“ — ich hoffe und freue mich sehr auf Ausgabe 2.

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  • „Bitches Brauchen Rap“ und die Welt mehr Shirin Davids

    Egal ob Deutschrap Fan oder nicht: Shirin David hat ihr zweites Album „Bitches Brauchen Rap“ vor einer Woche veröffentlicht und es könnte inhaltlich kaum stärker sein. Female Empowerment, Feminismus und Selbstbestimmung überhäufen sich auf dieser Platte und beweisen, dass Rap Klischees nicht mehr notwendig sind, um erfolgreich zu sein. Wer ein bedeutungsvolleres deutsches Rap Album aus den letzten Monaten, vielleicht sogar Jahren, kennt, soll sich bei mir melden.


    Politische Punchlines am Fließband
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    Die Texte bilden das Herzstück dieses Albums und sind ein unglaublicher Genuss. Aggressive, minimalistische Hip Hop Beats schaffen Shirin Davids Worten Platz und unterstützen die Message, ohne von ihr abzulenken. Aus diesem Grund soll dieser Artikel vielmehr eine Best of Zitatsammlung der Lyrics darstellen, als eine Review. 

    »Mein Sportlehrer sagt,
    deine Texte wären sexistisch
    Doch beim Handstand mein’n Arsch berühr’n,

    findet er echt witzig«


    Um die Treffsicherheit einfach jeder Zeile zu garantieren, hat sich Shirin David die Hilfe von Deutschlands Most Underrated Rapper Laas Unltd. geholt, der zunehmend als Ghostwriter der deutschen Rap Stars seine Fertigkeiten teilt. Dass die Künstlerin beim Texten unterstützt wird, gibt sie offen zu und nimmt damit den zahlreichen Kritikern den Wind aus den Segeln. Kritik, die im Angesicht der zahlreichen Songwriter Bootcamps, die Radiohits am Fließband schreiben, eh schon lange haltlos sein müsste.

    »Transparent trotz millionenschwerer Reichweite
    Es gibt keinen Mensch in meinem Team, den ich geheimhalte
    Ghostwriter was? Schreib‘ Songs mit Laas
    Und nehm‘ ein’n Veteran mit auf die Eins in den Char
    ts«


    Männliche Dominanz im Visier

    “Bitches Brauchen Rap” startete mit den meisten Streams einer deutschen Künstlerin am Release-Wochenende und schaffte es mit 11,4 Millionen Streams sogar in die weltweite Spotify Top5. Das Schönste daran: Shirin David nutzt ihre Reichweite, um Sexismus offenzulegen und männlich geprägte Werte und Strukturen zu kritisieren.

    »Von „Bei Gott ist sie sexy“ hin zu „Vallah, sie’s ’ne Schlampe!“
    Die deklarier’n ein’n Minirock zu maximaler Schande
    Doch ’ne Frau mit Grips im Kopf wird abgetan zu ’ner Emanz

    „Babsi Bars“


    »Girls canceln Girls, Stimmung heiß wie Schaumbäder
    Boys werden nicht ma‘ boykottiert, sind sie Frauenschläger«

    „Last Bitch Standing“

    Dabei hat die Rapperin Einzelpersonen ebenso wie Institutionen im Visier und schießt gegen alles was ansatzweise männliche Hegemonie ausstrahlt. Shirin David greift auf „Last Bitch Standing“ unter anderem die männlich dominierten und klischeebehafteten Strukturen der Radio- und Rundfunkanstalten an. Bestes aktuelles Beispiel: Julian Reichelt und die Bild.

    »I’m so bossy, Bitch get off me
    Labels fassen Frauen falsch an wie Bill Cosby
    Das Radio will uns nur weinerlich und so zerbrechlich
    Rollenunterdrückung im Rundfunk öffentlich-rechtlich
    Als Zicke betitelt, wenn du zum Redakteur frech bist
    Die sagen, bist du fame, ist jede Kritik berechtigt

    Alle woll’n zwar Realtalk face-to-face auf männlich
    Doch 2 Minuten „Babsi Bars“
    und du fühlst dich offended«
    „Last Bitch Standing“


    Musikindustrie in der Kritik

    Mit „Bitches Brauchen Rap“ emanzipiert sich Shirin David von ihrem Debütalbum, das noch deutlich generischer klang. Auf der Suche nach einem eigenen Sound ist sie bei den Ursprüngen des HipHop gelandet. Harte Punchlines auf repetitiven Beats. Immer nach dem Credo, Message first! Und mit diesen Punchlines macht sie auch keinen Halt vor der Musikindustrie (von dessen Strukturen sie ehrlicherweise auch profitiert).

    »Rap ist jetzt in Mode, Songs aus der Schablone
    Jeder schreibt den gleichen Unfug, alles Katastrophe
    Die sagen: „Shirin kann nichts und sie schreibt nicht eine Strophe“
    Doch was ist, wenn ich erstmal ein paar Umstände expose?«

    »Singles, Singles, Singlеs, Shirin, denk an Streaming!“
    Mit zwei Minuten Minimum das Maximum verdienen«

    »Geht’s nach deutschen Produzenten, sing‘ ich nur noch Love-Songs
    Nicht, dass ihr mich falsch versteht, ich will niemanden shamen
    Doch große Jungs sind aufgeregt, als wollten diе mich daten«

    „NDA‘s“

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    Female Empowerment

    Die Rapperin attackiert auf ihrem Album nahezu alles, was attackierenswürdig erscheint. Und dennoch zieht sich ganz viele Liebe durch alle Lieder. Shirin David droppt einen Shoutout nach dem anderen an alle Frauen dieser Welt, um strukturelle Geschlechternachteile durch Support en masse auszugleichen. Hier kommt die vermutlich längste und schönste Textsammlung:

    »Manager denken, sie wären Marketinggenies
    Wenn sie ihren Künstlerinnen raten: „Diss Shirin!“
    Aber Fakt ist, für mich ist deren Erfolg kein Problem
    Denn ich liebе es, alle Bitches еrfolgreich zu seh’n«

    „Bitches brauchen Rap“

    »Für meine Iggys, die RiRis, Gigi Hadids, Beyoncés, Nickis und Cardis
    Die Megans, Mileys, Kylies und für die Kehlanis
    Für die Pablos, Donnatellas, RuPauls und die Mariahs
    Für jedе Außenseiter-Bitch, diе weiß, sie ist on fire, ah«

    »This is a man’s world, selbst der Himmel ist in Blau getränkt
    Ich hab‘ mich von den Wurzeln bis zur Blüte hier raufgekämpft
    Kings werden gebor’n, Prinzessinn’n werden auserwählt
    It’s a man’s world, die sich um Frauen dreht«

    „Man’s World“

    »No way, fuck Shaming
    Stelle keine Frau in den Schatten, damit ich schеin‘
    Ugly Bitches machen Prеtty Bitches gerne klein
    Aber Real Bad Bitches lieben Bad Bitches, weil ich kann das
    Uh, nur ein kleiner Ratschlag
    Kein Mann in dieser Welt macht dich zum Star, Schatz
    Selbst, wenn du einen kleinen Arsch hast
    Shake Booty, Babygirl, denn du darfst das«

    „Ich darf das“


    Gender Fluidity

    Obwohl Shirin David in ihren Texten durchgehend von Männern und Frauen spricht, schafft sie es dennoch an einigen Momenten eine klassische Geschlechtertrennung aufzulösen. Zum einen fasst sie den Frauenbegriff weiter, als in traditionellen Rollenbildern typisch (siehe Zitat „Für meine Iggys, die RiRis, […]“). Zum anderen thematisiert sie nicht-heterosexuelle Orientierungen.

    »Vielleicht hab‘ ich ein’n Boy, vielleicht sind es auch zwei
    Oder drei Girls (Rrh), alles könnte sein
    Nehme zwei Baddies mit heim, spiele Frauentausch«

    „Lieben wir“

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    Die Welt braucht mehr Shirin Davids

    Eins der Lieblingsworte von Shirin David lautet „Bitch“. Wer sich fragt, was daran empowernd ist, lässt es sich am besten von ihr selbst erklären:

    »Meine Mutter versteht kein Englisch – „Was sind Bad Bitches?“
    Sag‘ ihr: „Sowas wie ’ne Existenz, die selbstbestimmt ist“«

    „Schlechtes Vorbild“

    Die Künstlerin, Sängerin, Rapperin, Influencerin und vieles mehr erreicht auf 48 Minuten Albumlänge mehr, als Politiker:innen in einem Monat. Female Support und Empowerment, Medien- und Gesellschaftskritik, die Umdeutung/ Reappropriation des Wortes „Bitch“ und ganz nebenbei verpackt sie alle diese Themen stilsicher auf einem der besten deutschen Rap Alben jemals. Egal ob Deutschrap Fan oder nicht: Gebt euch dieses Album VERDAMMT NOCHMAL, denn es lohnt sich sehr!

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    Fotocredits: Shirin David, Universal Music Group

  • Krisen vor der Haustür, einsame Hornissen und die fehlende Balance: „YinYin“ von Albert Luxus

    Krisen vor der Haustür, einsame Hornissen und die fehlende Balance: „YinYin“ von Albert Luxus

    In diesen dunklen und kalten Tagen veröffentlicht die Kölner Band Albert Luxus heute ihr Album „YinYin“ und bringt uns damit den richtigen Soundtrack für gedankenverlorene Nächte in schweißnasser Flanellbettwäsche. Der aufmerksamen Leser:in mag hier auch schon aufgefallen sein, dass „YinYin“ irgendwie seltsam anmutet, denn da fehlt doch was? Von dem in der ganzen Welt beliebten Nackentattoo „Yin Yang“ ist bei Albert Luxus nur noch das einsame Ungleichgewicht der Einzelkomponente geblieben.

    „Yin“ bedeutet dunkel, kalt, negativ. Und in Verbindung mit „Yang“ – hell, hoch, positiv – bildet es nach der traditionellen chinesischen Philosophie das essentielle Gleichgewicht der Kräfte. Küchentischphiliosophie Grundkenntnisse. Schon bei einmaligem Hören des Albums wird klar, warum es nicht „YangYang“ heißt, denn Albert Luxus hält der Gesellschaft erbarmungslos den Spiegel vor. Und der zeigt eher so die böse Stiefmutter als das hübsche Schneewittchen. Die Harmonie unserer schönen Welt scheint einige Dissonanzen zu verbreiten. „YinYin“ soll uns das aufdröseln.


    Kopfloses Gedudel oder Befreiungsschlag?

    Als passende Einleitung in diesen Themenkomplex bietet sich der Titelsong „YinYin“ an. Die minimalistische Bandbesetzung kommt schon fast nur mit dem Groove aus Bass und Schlagzeug aus, um den Song treiben zu lassen. Die Blubbersounds der Sologitarre und die psychedelischen Vocaleffekte sorgen für ein Gefühl der Schwerelosigkeit im freien Fall. Im Text hängen die rhetorischen Fragen nahtlos aneinander. Sie erwarten keine Antworten oder geben sich gleich selbst welche. Ein Gefühl von Orientierungslosigkeit breitet sich in mir aus, die Orientierungslosigkeit einer ganzen Generation. Alles überschlägt sich und schichtet sich zu einem großen Haufen eitler Individualitätsmerkmalen. „Wo leuchtest du?“ — Was ist dein Steckenpferd? Wie stellst du dich gern zur Schau? Der Song erklärt Selbstinszenierung als wesentliche Gepflogenheit. Eine gesellschaftliche Mechanik, um aus der Masse hervorzustechen.

    Solche Phänomene lassen sich in den Texten von Matthias Sänger immer wieder blicken. So auch im Track „Gott vs Tinder“, über den lakonischen Hedonismus und das neue sexuelle Erwachen der 10er Jahre, das musikalisch so passend durch das leise „Ulalala“ des Backingchors aufgriffen wird. „Ulalala“, kopfloses Gedudel oder Befreiungsschlag? Der Vergleich Tinder und Gott mag an einigen Stellen hinken, aber greift doch interessante Denkanstöße auf: Monogamie der heiligen Ehe vs. neue Bekanntschaften, die die Bettlaken kaum erkalten lassen. Oder Tinder als Überlistung der natürlichen Paarungszeit 1 Mal im Jahr auf der Firmenweihnachtsfeier. Mir gefällt das sehr.


    „Hier ist es kalt, hast du da Heizung?“
    Albert Luxus, YinYin, indiepop, german indie, pop, alternative, indierock, folkrock, deutschsprachig, albumreview, untoldency, untold music, credit Laurentia Genske

    Die Texte auf „YinYin“ sind die meiste Zeit angenehm uneindeutig und lassen viel Platz für Interpretation. Das Schöne daran: Ich weiß manchmal nicht, ob ich die Zeilen lustig oder bitter finden soll. Sie sind im besten Sinne ambivalent und polarisieren, da sich jede:r darin an der ein oder anderen Stelle wiederfinden kann. Und deswegen vielleicht das Lachen dann kurz im Hals steckenbleibt, weil man sich ertappt fühlt.

    In „Zeitzonen“ betören zwar die geschmackvollen Gitarrensounds unsere Ohren, die Lyrics kritisieren nach meinem Verständnis aber gleich mehrere Verhaltensweisen scharf. Zum einen die Jagd nach neuen Krisenherden und spannenden Katastrophen in der ganzen Welt und der damit verbundene Voyeurismus von Menschen mit Helfersyndrom. Andererseits aber auch die Apathie so mancher Ewigdaheimgebliebenen, die sich nicht im Traum vorstellen können, dass in Afrika jemand ein Smartphone besitzt. Eventuell geht es auch einfach um zwei Personen, die sich in verschiedenen Teilen der Erde befinden. Und nachts oder ganz früh morgens aufstehen, um sich eine halbe Stunde im Videochat sehen zu können, weil sie sich so sehr vermissen. Wer weiß das schon. „Heizung“ auf „Zeitzone“ zu reimen ist allerdings nichts anderes als äußerst erfrischend und elegant.


    Mit Allradantrieb zum Olymp

    Die Szenerie im Song „Himalaya“ lässt mich unweigerlich an die abgefrorenen Gliedmaßen von Extrembergsteiger:innen denken, die sich nach irgendeinem Blockbuster mal ganz eklig in mein Gedächtnis gefrierbrannt haben. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt: war es das wirklich wert? Die gleiche Frage stelle ich mir auch im Song, in dem die Bezwingung des Gipfels den sozialen Aufstieg verbildlicht. „Vis a vis, wie mit den Stars“. Ganz weit oben, auf dem Olymp. Und trotzdem keine Zehen mehr, toll. So mag es einigen ergangen sein. Von hier unten aber auch schwer zu beurteilen.

    Ein weiteres Sinnbild für den sozialen Aufstieg begegnet uns dann durch das Statussymbol überhaupt: Ein großer, dicker Einfamilienpanzer, der sich durch die Innenstädte schiebt. Der „SUV“. Der gleichnamige Titel trumpft mit Retro-Indierocksounds auf, die an Balthazar oder Grizzly Bear erinnern. Der fadenscheinige Reiz dieser Dekadenz auf vier (oder mehr) Rädern wird hier gekonnt zynisch an den Pranger und in Frage gestellt. Somit hätten wir wirklich schon einige Schattenseiten des 21. Jahrhunderts abgehandelt, dabei sind wir gerade erst bei der Hälfte des Albums angekommen.

    „Eine Irrfahrt durch den Park
    Die Pferde rauchen stark
    Die Blicke scharf und gut dressiert
    Es riecht so gut nach Gras
    Scheiben aus Panzerglas
    Dahinter geht’s auch schon zu mir“


    Der schönste Platz ist immer an der Theke

    Das Zusammenspiel von Drums und Bass ist auf Albumlänge besonders gelungen und läuft auch in „Ein Glas aus Sympathie“ wie eine präzise Dampfmaschine im Takt. Dazu scheucht uns der Schellenkranz durch den Song und lässt selbst den einsamsten Introvert in der Ecke mit dem Fuß wippen. Das ist der Soundtrack für den Kneipenabend, der eigentlich nach ein oder zwei Bier enden sollte und mit Erwachen auf den Badezimmerfliesen seinen krönenden Absturz findet. Dieser Song ist ein Toast auf all die guten Freunde, die auch mal Scheiße labern, wenn sie voll sind. Und natürlich ein Toast auf all die guten Freunde, die meinen und deinen eigenen gequirlten Quark wohlwollend abnicken, wenn wir voll sind. Dieser Song ist die Erkenntnis, dass nicht jedes ehrliche Wort auch wahr ist.

    Musikalisch passt auf „YinYin“ alles richtig gut zusammen. Unter dem Deckmantel „Indiepop“ sammelt sich hier so einiges an. An mancher Stelle grüßt zum Beispiel ein Folkrock à la Wilco oder Fleet Foxes, an anderer Stelle habe ich das Gefühl, hier die ausgefeilte Version von Bands wie Von Wegen Lisbeth oder Provinz vor mir zu haben. Auch weil Die Höchste Eisenbahn als Referenz sicherlich für Albert Luxus eine Rolle spielt, muss die Band den Vergleich keineswegs scheuen und steht durch die raffinierten Harmonien und die lyrische Qualität der Texte mal mindestens auf Augenhöhe.


    Zwischen Voodoo und Hey Hey Yeah

    Über den Pianopop von „Voodoo“, der frühe Keane– oder Coldplayvibes bereithält, zeigt sich unter anderem in Songs wie „Sibirisches Eis“ auch ein weiteres prägendes Instrument dieses Albums. Der Vintage-Synthesizer „Solina String Ensemble“, der eine Brise Schlaghose, Mustertapete und Früchtebowle in euer Wohnzimmer pustet. Worum es im Text geht kann ich diesmal wirklich nur mutmaßen. Vielleicht um exzessiven Drogenkonsum? K.O. Tropfen? Oder halbnackt im Winter aus dem Club kommen und sich serotoninbetrunken die Erkältung des Lebens zuziehen. Oder was komplett anderes.

    In einer feuchtkalten Novemberkulisse eskortieren uns die „Einsamen Hornissen“ allmählich zum Ende des Albums. Während unter dem Raureif die Sorgen und Geheimnisse der einen eingewintert werden, suchen die letzten überlebenden Hornissen den Boden nach etwas Erhellendem ab. Das Streben nach Glück ist ein wiederkehrendes Motiv auf „YinYin“, das hier durch Übereifer und Wahnsinn der in Panik zustechenden Hornissen beschrieben wird. „Hey Hey Yeah“ — das ist der hysterische Schlachtruf der Opportunisten. Und klingt dabei wie ein energetischer Refrain von The Verve, nur halt 25 Jahre später.

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    Fazit

    Ich bin nie über Küchentischphilosophie Grundkenntnisse hinausgekommen, aber wenn ich eins mit Sicherheit sagen kann, dann dass Albert Luxus auf „YinYin“ absolut im Gleichgewicht schwingt. Die Texte sind besonders ausschlaggebend für die Einzigartigkeit dieser Band. Niemals verliert sich auch nur eine Zeile in floskelhafter Langeweile oder biedert sich irgendwelchen Popnormen an. Klar, die Themen wiegen schwer und Gesellschaftskritik ist immer wie eine heiße Kartoffel im Mund, die man einfach nur schnell runterschlucken möchte. Aber diese Platte ist angenehm unkitschig und bedient sich eben nicht am schillernden Pathos. Dazu eine wirklich überzeugende Band mit viel Schwung und eine alternativpoppige Produktion. So sollte deutschsprachige Indiemusik immer sein: fordernd, witzig und verzwickt. Für mich definitiv eines der besten Alben dieses Genres in 2021!

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    Fotocredit: Laurentia Genske

  • „Alles wird gut“ – Ach, wird es das? Kummer verabschiedet sich mit „Der letzte Song (Alles wird gut)“ feat. Fred Rabe

    „Alles wird gut“ – Ach, wird es das? Kummer verabschiedet sich mit „Der letzte Song (Alles wird gut)“ feat. Fred Rabe


    Treffender kann ein Songtitel nicht sein: Mit „Der letzte Song“ beendet der Kraftklub-Sänger sein Soloprojekt Kummer. Ins Leben gerufen hat Felix Kummer seine Solokarriere als Rapper 2019. Seine Texte sind eher welche von der traurig-melancholischen Sorte, zu hören in Liedern, wie „26“ oder „Es tut wieder weh“. Den hohen Grad an Emotionalität in seinen Lyrics machte er sich schnell zum Markenzeichen.


    Böse Mine

    Tut mir leid, keine Sätze, die dich aufmuntern zum Schluss
    Auch der letzte Track zieht einen noch runter in den Schmutz


    Dieser Manier ist Kummer auch in seinem letzten Song treu geblieben. Er handelt von Perspektivlosigkeit und einer gnadenlosen Realität, die keinen Platz für das leere Versprechen eines Happy Ends lässt. Auch, wenn er es selbst gern anders hätte, meint der Rapper jede Zeile so ernst, wie die Vorangegangene. Er gesteht sich ein, dass seine Texte eben nicht dazu da sind, Ängste zu nehmen und Parolen zu füllen. Wenn man aber ehrlich ist, braucht es das bei einem perfekt traurigen Song, wie diesen auch nicht.


    „Ich hab‘ keinen sicken Flow und schreib‘ auch keine Hits
    Aber gib mir eine Strophe und die gute Stimmung kippt“


    Gutes Spiel

    So, wie die Strophen einen runterziehen, zieht die Musik dazu einen wieder hoch. Man könnte fast sagen böse Mine zu gutem Spiel? Produziert von BLVTH und Flo August, klingt der Track rockig voranbringend – der Beat allem voran. Auch, wenn es sich zu Anfang erst etwas bedeckt und abgedämpft hält, treibt einen das Instrumental in der zweiten Hälfte zur Bewegung.


    Abgerundet wird „Der letzte Song“ durch die wunderschöne, hoffnungsvoll klingende Stimme von Fred Rabe. Für den Giant Rooks Sänger ist es nichts Neues, einen Rapper auf Deutsch zu featuren, schließlich hat er das dieses Jahr schon mit RIN bei „Insomnia“ gemacht. So übernimmt er hier den Gesang in der Hook, was dem Song wirklich gut steht. Ihm würde man tatsächlich glauben, dass alles gut wird.


    Live-Performance

    Und dann ist da noch der unfassbar sehenswerte Fernsehauftritt im ZDF Magazin Royale vom 12. November. Begleitet vom Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld, legt Kummer eine 1-A Performance hin. Auch Fred Rabe beweist einmal mehr seine musikalischen Fähigkeiten und zeigt sich erstmals am Schlagzeug. Damit sich niemand den Aufwand machen muss, habe das Video dazu hier einmal verlinkt.


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    Kummers letzte Tour begann bereits am 17. November und danach ist endgültig Schluss mit dem Soloprojekt. Er kündigte an, sich in nächster Zeit wieder Kraftklub zu widmen. Mit „Der letzte Song“ gelang ihm jedenfalls ein Finale, dass an trauriger Schönheit nicht zu übertreffen ist. Zudem stürmte die Single kürzlich die Spitze der deutschen Single Charts. Falls sich jetzt aber jemand nach dem Ende der Solokarriere in tiefe Sinnkrisen stürzt: Alles wird gut – Ach, wird es das?


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    Fotocredit: Phillip Gladsome, Lennart Speer

  • Parcels zeigen uns auf „Day/Night“ die Licht- und Schattenseiten des Lebens

    Parcels zeigen uns auf „Day/Night“ die Licht- und Schattenseiten des Lebens

    Im Sommer 2017 ist die fünfköpfige, aus Australien stammende Band Parcels, das erste Mal so richtig auf internationaler Bildfläche aufgetaucht. Mit ihrem Hit Overnight, welches (unschwer erkennbar) von dem französischen Legenden-Duo Daft Punk produziert wurde, konnten sie sich einen ersten Namen in der Musikszene machen. Mit dem Erfolg über den eigenen Kontinent heraus, haben sich Parcels dazu entschieden, sich raus aus der australischen Indie-Bubble, rein in die Berliner Musiklandschaft zu wagen. Nach zwei EP’s und einem Debütalbum, haben Parcels das Doppelalbum „Day/Night“ herausgebracht.


    Day

    Day/Night“ ist ein Konzeptalbum mit insgesamt 19 Tracks, welche sich in zwei Alben aufteilen. „Day“ macht den Anfang mit langen, sanften Streichern, welche an die ersten Sonnenstrahlen am Morgen erinnern. Während der Anfang des Intros noch sehr mysteriös wirkt und an Filmmusik erinnert, wird „LIGHT“ im Laufe des Tracks immer funkiger und freundlicher. Gesanglich wird der Opener mit Parcels’s altbekannten, herrlichen Harmonien begleitet, welche man auf dem gesamten Doppelalbum wiederfinden kann.

    Alex Waugh

    See that sun Burning down
    Morning lights Calling out
    See that sun Don’t look down
    Here it comes Feel it now

    -LIGHT

    Mit Songs wie „Free“ oder „Somethinggreater“ wird dann etwas mehr Bewegung in „Day“ gebracht. Vor allem letzterer ist wunderbar Tanzbar und ich kann mir jetzt schon vorstellen, wie viel Spaß dieser Song live machen wird.

    Until it lasts forever
    Until it lasts so long
    Until we’re back together
    I’ll be alone

    -Somethinggreater
    Melancholie meets Disco

    Das Äquivalent zu „LIGHT“ ist der Song „SHADOW“, welcher der Opener für den Nachtteil des Doppelalbums darstellt. Ähnlich wie „LIGHT„, ist „SHADOW“ sehr Instrumental-lastig. Im Gegensatz zu den in „LIGHT“ zu erahnenden Sonnenstrahlen, kommt hier eine düstere, dramatische Spannung zum Vorschein. Diese düstere Stimmung wird auf dem folgendem Track „Neverloved“ weitergeführt, wenn auch mit etwas mehr Action. „Famous“ sticht wohl vom Sound her am meisten aus „Night“ heraus. Im Gegensatz zu den vorherigen Songs, klingt er sehr nach einer 70er Disco Party. Hört man allerdings genauer hin und achtet auf den Text, wird klar, dass die fröhliche Stimmung trügt.

    Oh, don’t go thinking why you’re living a lie
    Now there’s a lot to earn, dead or alive
    They told you what you want, you never decide
    Just hold on and you might

    -Famous
    Ashleigh Pepper

    Liebe auf den zweiten Blick

    Ich muss zugeben, es hat etwas gebraucht, bis mich das Album wirklich überzeugt hat. Bei den ersten Malen fand ich es sogar schon fast etwas anstrengend zuzuhören. Durch die doch sehr langen Streicherpassagen und Jams fand ich es irgendwie sehr zäh und in die länge gezogen. Es ist mir einfach zu wenig passiert, es war nicht aufregend genug.

    Dass ich etwas gebraucht habe, um mit „Day/Night“ warm zu werden, lag im Nachhinein wahrscheinlich daran, dass ich es falsch gehört habe. Wer sich jetzt fragt, wie man ein Album denn falsch hören kann, dem sei gesagt; anything is possible, musste ich auch erst lernen.

    Ich habe es vorher, eher nebenbei gehört, sprich: Unterwegs, beim Bahn fahren. Erst als ich mich zu Hause hingesetzt und meine ungeteilte Aufmerksamkeit voll und ganz dem Album gewidmet habe, hat es plötzlich „Klick“ gemacht. Auf einmal habe ich jeden einzelnen Ton, der mich vorher noch so gelangweilt hat, nachvollziehen und fühlen können.

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    Das Album muss verstanden werden

    Der Schwerpunkt des Albums liegt nicht in Hits, welche auf Repeat, oder in Playlists gespielt werden sollen bzw. können. Und das muss es auch gar nicht. Das Doppelalbum „Day/Night“ von Parcels ist mehr als ein nur für Streamingzahlen erschaffenes Album. Viel mehr ist das Album eher eine Reise, ein Erlebnis. Oder wie eine Serie. Man hat vielleicht seine Lieblingsfolgen, welche man öfter schaut, wenn man gerade Lust drauf hat, aber wirklich Sinn ergibt alles erst, wenn man sie von vorne bis hinten, in chronologischer Reihenfolge schaut. Genau so ist es mit dem Konzeptalbum von Parcels. Als Hörer:in merkt man, dass die Reihenfolge jedes einzelnen Titels sorgfältig auserwählt und alles perfekt aufeinander abgestimmt wurde. Man hört und spürt von der ersten bis zur letzten Sekunde einfach die Liebe zum Detail.

    Ich lege jeder Person, die das Album noch nicht gehört hat, ans Herz, dies zu tun. Ich empfehle wirklich(!!) sich die Zeit zu nehmen, sich vielleicht vorher noch einen Tee zu machen, sich hinzusetzen und dieses wirklich sehr gut konzeptierte Album auf sich wirken zu lassen.

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    Fotocredit: Remi-Ferrante Hartmann

  • doppelfinger fängt den November-Blues mit seiner neuen Single „seasonal affective disorder“ auf

    doppelfinger fängt den November-Blues mit seiner neuen Single „seasonal affective disorder“ auf

    Seien wir ehrlich, wir sind gerade alle völlig niedergeschlagen vom November-Blues. Oder bin nur ich das? Der Winter naht, es ist kalt und andauernd dunkel. Und das schlägt auf die Mentalität. Es ist viel schwieriger als im Sommer sich an positiven Sonnenvibes festzuhalten. Es ist aber auch umso einfacher sich in langsam-schwere Melancholie-Songs reinfallen zu lassen, die einen in die traurige Gefühlswelt der Musik ziehen. And I’m here for it. Meine neuste Entdeckung, die es direkt in meine folk-autumn Playlists geschafft hat: doppelfinger und seine neue Single seasonal affective disorder. Hier erfahrt ihr, wieso.

    Das Setting und der Song

    Doch erst zum Setting. Gestern stand ich an der warmen Heizung anlehnend vorm Fenster und hab mich aufgeregt, dass die Kirchenglocken mitten in der Nacht läuten und das ja wirklich an Lärmbelästigung grenze. Dann hab ich festgestellt, es ist erst 18 Uhr. So weit bringt dieser unfassbar dustere Winter uns: ab 18 Uhr ist alles schon „mitten in der Nacht“. Die Überwindung, die ich aufbringen muss, nach Finsternis-Einbruch um halb 5 (eigentlich mitten am Tag) das Haus noch zu verlassen, ist enorm. Alles in mir schreit nach der Couch, Decke und am liebsten noch Wärmflasche. Draußen ist es dunkel und mir ist kalt – der Diskussionsraum für Unternehmungen ist also dementsprechend klein.

    Für solche Momente braucht es Musik, die sich an das bekannte Setting anpasst. Sich genauso schwer auf mich legt wie die Decke, genauso warm an Emotionen fühlen lässt wie die Wärmflasche (Vergleiche hinken). Es braucht langsame Gitarren, gefühlvolle Stimmen und ganz viel melancholische Traurigkeit. Es braucht seasonal affective disorder.

    seasonal affective disorder hat alles, was ich gerade beschrieben habe. Übereinander gezupfte Gitarren, die beruhigend schöne Stimme von Sänger Clemens und sogar einen folkartigen Aufbau á la Mighty Oaks. Und dazu die tieftraurige Melancholie, der ich so verfalle. Einfach wunderschön.

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    Der Künstler

    Doch wer macht diese schöne Musik für die herbstdepressiven Tage im November? Es ist Clemens Bäre aka doppelfinger. Der Wiener, dessen Künstlername zu Recht an einen Gitarren-Nerd erinnert, könnte ein paar von euch schon auf der Bühne der Acoustics begegnet sein, denn er ist in der Live-Band von Singer Songwriterin OSKA, der wir hier auch schon mehrmals unsere Liebe gestanden haben. Und sie ihre Liebe Stu Larsen. Aber das ist eine andere Geschichte.

    doppelfinger jedenfalls ist nicht nur ein sehr süßes Bandmitglied der Liveband von OSKA, sondern auch ein wahnsinns Solokünstler. Und absoluter Newcomer! Also jetzt auschecken bevor ihn wieder jeder kennt:

    Die Emotionen

    Nun der Teil mit all den Emotionen. Wie man schon herauslesen konnte, ist seasonal affective disorder kein mentaler Sonnenschein. Im Gegenteil: Der Titel beschreibt eine medizinische Krankheit, bekannt als Winterdepression. Es ist eine Art der Depression, die ähnliche Symptome aufweist und das tägliche Leben beeinträchtigt. Durch weniger Sonnenlicht im Winter wird ein biochemisches Ungleichgewicht im Gehirn ausgelöst, das dazu führen kann, dass man sich leer und lähmend fühlt und aus seinem Tagesrhythmus fällt. Und all die Gefühle, die man so sich mitträgt, machen sich breit. Im Fall von doppelfinger (und mir) ist das: an etwas festhalten, wenn man weiß, man sollte es besser loslassen.


    »I’m holding onto these postcards as a reminder of you
    cause forever I’ll be clinging to darkest corners of my room
    Can someone tell me now where I‘m supposed to be?«


    Doch auch wenn inhaltlich sehr deep und traurig, ist seasonal affective disorder einfach wirklich ein wunderschöner Song und doppelfinger ein wunderschöner Künstler. Hier könnt ihr den Song in eure Herbst-Playlist der Wahl packen:

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    Fotocredit: Alex Gotter