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Schmyt gibt mit seiner EP “Gift” Trennungsschmerz endlich einen angemessenen Soundtrack

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2021, der Deutschrap fährt wieder auf. Schmyt ist die Empfehlung für alle, die mit dem Deutschrap von Samra, Capo und wie sie alle heißen nicht wirklich viel anfangen können. Aber auch für alle, die es tun! Das muss heißen, es ist gut oder? Manche könnten ihn als Feature auf Majans Monoton mal gehört haben. Wer ihn im Zuge dessen mal ausgecheckt hat und seine ersten beiden Singles gehört hat, wusste – wenn hier was Größeres kommt, wird das unglaublich gut. Und so ist es auch. Schmyts Debüt-EP Gift ist seit nun knapp zwei Wochen draußen und seitdem bin ich von allen Songs einfach nur gefesselt. Wieso, lest ihr jetzt.

 
„Hier hat jeder einen Schaden, das ist mir sympathisch“

Vor fast genau einem Jahr kam seine erste Single Niemand, im Juni 2020 dann Taximann. Beide Singles sind in die Szene eingeschlagen und auf einmal hatte jede Person im Deutschrap-Kosmos auf einmal Schmyt auf dem Radar. Und dann – Stille. Schmyt ließ uns fast 9 Monate warten bis er jetzt endlich seine Debüt-EP veröffentlich hat. Und das ist okay, denn wenn es 9 Monate sind, die es braucht, um diese sechs absolut starken Songs fertigzustellen, dann ist das so. Doch sammeln wir uns erstmal und fangen an:

Als Opener der EP hat sich Schmyt niemand anderen als RIN dazugeholt. RIN. Tschuldiung, ich sags nur zwei Mal, damit wirklich klar ist, was das für ein mordsmäßiges Feature ist. Es wurde geheim gehalten bis kurz vor Release und hatte somit noch zusätzlich einen Überraschungseffekt. Das Warten hat sich gelohnt, würde ich sagen. Mit Gift eröffnet Schmyt die gleichnamige EP und ich komm nicht umhin, die Boxen lauter zu drehen. Der Beat zieht einen ab Sekunde eins in den Bann, baut sich mit seiner wirklich sehr schönen Stimme in der ersten Strophe auf, um im Refrain mit RIN dann zu einem völligen Hit zu werden.

Inhaltich geht es um den Frust und den Schmerz nach einem Beziehungsende, den man mit allen Mitteln versucht, wegzutrinken. Gift gegen ein gebrochenes Herz, so viel, bis man den Schmerz nicht mehr spürt: „Unfähig zu gehen, halbseitig gelähmt, dann bin ich okay“. Wir wissen, man ist offensichtlich ganz weit weg von „okay“, wenn man halbseitig gelähmt in einem Club die ganze Karte trinkt. Aber dann wiederum ist es manchmal das Einzige, was in solchen Momenten hilft. Ein kleiner Hauch von Crazy kommt dazu, wenn ein sehr creepiges Lachen zum Refrain ertönt, aber auch das passt komplett zum Thema. Wer sich so abschießt, ist sich ja keiner fünf Sinne mehr bewusst.

 
„Fahr zur Hölle, Mann, gib Gas!“

Niemand war der erste Song, mit dem Schmyt seine Solokarriere vor einem Jahr startete. Doch war er bis Dato ein nicht ganz unbeschriebenes Blatt: Man könnte ihn vielleicht als Mitglied der deutschen Hip Hop/Elektro/Raggae Band Rakede kennen, die sich 2020 auflöste. Mit Niemand startete Julian Schmit, so sein richtiger Name, dann aber solo und, wie gesagt: Ein Jahr später schafft es dieser Song immer noch, mich emotional so zu fesseln, dass ich es nicht hören kann, ohne Gänsehaut zu bekommen. Das Thema des Songs ist, wie auch im vorherigen das gebrochene Herz nach einer unglücklich geendeten Beziehung. Die Ex-Freundin hat einen neuen Freund und auf die Frage, wer ihr Ex ist, antwortet sie „Niemand“. Talk about being cruel. Schmyt nimmt sich dieses „niemand“ so zu Herzen, dass er dem ein ganzes Lied gewidmet hat.

Die Ballade, unterlegt von einem tiefen Klavier, strotzt vor selbstzerstörerischer Sehnsucht nach etwas, was nicht mehr da ist. In den drei Minuten spür ich diesen Schmerz wirklich ganz stellvertretend. Und dann kommen da ja noch die Drums hinzu, die diesen Herzschmerz auf eine brachiale Weise untermalen und mich absolut fasziniert zurücklassen. Zusammengehalten von Schmyts schönen Stimme ist Niemand ein ganzes Statement. Wenn man sich fragt, warum dieser Newcomer im Deutschrap so gehyped wird, dann deswegen.

Auch Taximann zeichnet sich durch Schmyts Gefühl für schmerzhafte Verzweiflung aus. Wie viel kostet eine Taxifahrt zur Hölle? Schmyt will es wissen. Was man für die Fahrt aber auf jeden Fall braucht: Boxen mit einem guten Bass. Denn auch Taximann ist ein Song, den man eigentlich wirklich super laut hören muss. Am Besten wenn man nachts im Auto auf leeren Straßen fährt. Ein sehr spezifisches Szenario, aber falls ihr mal in so einer Situation seid, denkt an mich und versucht es – es funktioniert unfassbar gut. Auch lyrisch beweist Schmyt, wie auch in allen anderen Songs, was ihn so auszeichnet: sein Sprachgefühl. Mit wenigen Worten beschreibt er Szenarien, die unter die Haut gehen:

„Drück aufs Gas, Mann, ich zahl’ EC
Und ich hab‘ keinen Grund, heimzugehen
Denn da wartet das Nichts, kauert im Dunkeln und grinst
Schiebt mir den Ballermann hin, flüstert: „Du kannst nicht gewinn’n“
Ohrenbetäubende Stille, ich will da nicht hin“

 
Das hier ist nicht „nur“ Deutschrap, das ist einfach auch richtig gut produzierte Musik

Schmyt, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, derschmyt, julian schmit, rakede, taximan, gift EP, RINDas, was in der Zwischenüberschrift steht: Das hier ist nicht „nur“ Deutschrap, das ist auch einfach richtig gut produzierte Musik. Alles ist durchdacht und fein aufeinander abgestimmt. Ich hab wirklich das Gefühl, dass jeder einzelne Song wie eine Welt für sich erschafft. Alles ist mystisch, sehnsüchtig und dramatisch. Wo gibt’s das sonst im Deutschrap? Poseidon greift Schmyts Liebe für Literatur und Poesie auf und nimmt mich einfach komplett in diese von ihm erschaffene Welt. Wirklich nur musikalisch gesehen, ist das einfach was komplett anderes zu allem, was da draußen so rumschwirrt. Man konnte es bis hier hin wahrscheinlich nicht rauslesen, aber ich find‘s wirklich richtig gut.

Auch Jenny kriegt mich Schmyt wieder direkt mit der ersten Zeile „Kipp‘ Rosé auf den Schmerz und dein Herz in mein’n Grinder / Sag mir, sind wir zusamm‘ oder nur zusamm‘ einsam?“ – ich find’s genial. An dieser Stelle auch einfach mal ein s/o an das Produzenten-Team um Schmyt herum. Mit Bazzazian hat er sich Haftbefehls „Hauptproduzenten“ geschnappt, und auch Alexis Troy und Farhot sind etablierte Größen in der Szene. Diese Kombination aus ihren kompromisslosen und soliden Beats und Schmyts beeindruckender Stimme und seinem Gefühl für Sprache ist, jedenfalls für mich, einzigartig. Sie setzen den thematisierten Herz- und Trennungsschmerz in einen musikalischen Rahmen, der schon beim ersten Mal Hören einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Ich beweg mich zugegebenermaßen nicht super viel im Rap-Game rum, aber so ein paar Sachen machen mich immer wieder schwach. So wie das hier.

 
„Ist die Reise schon der ganze Sinn?“

Der letzte Song 100 Euro beendet die Gift EP dann nochmal mit einem richtigen Knall (wortwörtlich, wenn man bis zur allerletzten Sekunde hört). Ich muss ein bisschen an Lass Die Scheine Fliegen von den Gloomy Boyz denken (wer das hier kennt und feiert, hello old friend), aber das nur als side note. 100 Euro kommt einfach geil. Vor allem nach all den relativ ruhigen Liedern der EP haut Schmyt noch einmal völlig raus und zeigt, dass er zurecht einer der vielversprechendsten Newcomer da draußen ist. Die Hauptfrage in 100 Euro ist „Sag mir, wohin geht die Reise?“ und handelt von einem leichten Absturztrip mit jemanden, der so gut zu einem passt wie „ein Zippo und Benzin“. Wohin Schmyts Reise geht, kann ich nicht sagen, aber die düster-dystopischen Produktionen haben ja schon ab Track eins angedeutet, dass das eher eine Reise Richtung Selbstzerstörung ist.

Fazit: Gift ist für mich jetzt, Stand April, schon eine der besten Platten im Deutschrap dieses Jahr. Aber – es gibt auch bald das Debüt-Album von Schmyt. Also muss ich meine eigene Aussage dann vielleicht revidieren. Bis dahin, hört hier rein:

 

Fotocredit: Lea Bräuer, Marco Justus Schöler

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