LOKI ist eine Band, von der wir uns fragen, ob ihr sie eigentlich auch alle schon kennt – und wenn nicht, warum nicht? Das achtköpfige Projekt rund um Marc Grünhäuser macht Indie-Neo-Folk fürs Herz und hat mit Cyan nun endlich (!) ihr Debütalbum released. Dazu sprechen wir nicht nur unsere Glückwünsche aus, sondern haben sie direkt auch für ein paar Fragen im Interview.
Cyan ist ein Album, das die Reise selbst feiert. Es geht nicht um das Ankommen, sondern um die kleinen Umwege – und um das gemeinsame Erleben und Erschaffen dieser Erinnerungen. So wholesome wie sich das anhört, so klingt und ist es auch. Eine große Empfehlung von uns an euch.
LOKI im Interview
Anna: Hi! Wie geht’s euch? Es ist viel los bei euch, aber auch in der Welt. Wie navigiert ihr euch gerade durch die Zeit?
Marc: Hey! Ganz gut. Danke für die Nachfrage. Es ist tatsächlich auf allen Ebenen viel los. Navigieren klingt da schon fast zu kontrolliert. Es fühlt sich eher an, als wäre man in einen Bus gestiegen, ohne wirklich zu wissen wo’s hingeht, samt all der Schönheit und all der Überforderungen die eine solche Fahrt mit sich bringen kann.
Wenn ich mich richtig erinner, ist LOKI als ein Uni-Projekt gestartet. Was sind die Dinge, an die ihr euch jetzt noch am liebsten von der Anfangszeit erinnert? Was waren die Hürden, die ihr seitdem überkommen habt (oder noch überkommt)?
Marc: Nicht ganz. LOKI war kein klassisches Uni-Projekt, die heutige Konstellation hat sich allerdings an einer Uni kennengelernt. Ich erinnere mich an den Anfang so gerne, weil es einfacher war äußere Umstände, wie Streaming-Zahlen, Ticketverkäufe etc., auszublenden. Mit der Zeit wird ein Projekt meist professioneller, was sehr viele Vorteile mit sich bringt, aber eben auch mit mehr Verantwortung daherkommt.
Ich glaube die große Hürde, aber auch die große Stärke von LOKI ist die Größe und Vielseitigkeit der Gruppe. Wir sind insgesamt 8 Leute mit verschiedenen Geschmäckern, Ideen & Visionen. Das alles in einem Projekt zu vereinen kann schonmal aufreibend sein, lohnt sich jedoch jedes Mal. Heute denke ich etwas anders darüber nach – ich bin dankbar dafür, dass ich die Möglichkeit hatte, alle diese Orte zu sehen. Ich glaube tatsächlich sogar, dass all das genau richtig war, sonst hätte ich die Songs, die ich schreibe, nie so schreiben können, ohne all diese Einflüsse.
„In jedem Raum findet sich ein neuer Song.“
Wann habt ihr gemerkt, jetzt ist der Zeitpunkt, um an einem Album zu arbeiten?
Marc: Wir haben einfach irgendwann gespürt, dass es nach all den EPs die wir schon veröffentlicht, hatten nun an der Zeit ist ein Album anzugehen – dieses Bauchgefühl hat vermutlich vor ca. 1 1/2 Jahren eingesetzt. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt schon einige Demos angesammelt hatten und sobald der Prozess erstmal ins Laufen kam, waren die Unterschiede zu vorherigen Produktionen gar nicht mehr so groß.
Eurer Album lebt (laut Pressetext) “irgendwo zwischen Blau und Grün” – wo genau ist das? In welcher Szenerie würdet ihr Cyan sehen?
Marc: Cyan fühlt sich wie ein altes Holzhaus an, das irgendwo auf dem Land steht, aber durch einen modernen Anbau samt Tanzfläche ergänzt wird. In jedem Raum findet sich ein neuer Song, der mal die musikalische Reise von LOKI über die Jahre portraitiert, aber auch neue Einflüsse und Ideen hervorhebt.
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Wie ist es, zu acht Musik zu machen? Habt ihr euch da mittlerweile gut eingespielt oder gibt es noch ab und zu kreative Differenzen?
Marc: Ich denke, wir haben uns schon sehr gut eingespielt und trotzdem muss man in Bezug auf kreative Entscheidungen durchgehend Kompromisse eingehen, da es schlichtweg unmöglich ist acht Visionen, die vielleicht zu sogar konträr zueinander sind, in jedem Song zu vereinen. Wir versuchen möglichst viel zu kommunizieren, demokratisch zu handeln und haben ein Veto Recht, das jede:r ziehen kann sobald er oder sie sich mit einer Entscheidung unwohl fühlt. Natürlich benötigen solche Prozesse viel Zeit und können anstrengend sein. Die Erfahrung mit acht Freund:innen auf einer Bühne zu stehen und Musik zu machen, ist es aber auf jeden Fall wert.
„Wenn man sich die Mühe macht, genau hinzuhören, lernt man uns ein bisschen besser kennen.“
Was ist euer jeweilige Lieblingssong vom Album, und warum?
Marc: Ich mag „Greedy“ sehr gerne, weil ich die Produktion und das Songwriting sowohl spannend als auch schön finde.
Was sind die Momente eurer letzten Jahre, die ihr auf Cyan verarbeitet habt?
Marc: Cyan verarbeitet ein breites Spektrum an Themen. Manche Texte sind beispielsweise schon ein paar Jahre alt und unterscheiden sich daher auf vielen Ebenen von den neueren. Letztlich schreiben wir immer über unser Leben bzw. unser Erfahrungen – wenn man sich die Mühe macht genau hinzuhören, lernt man uns also ein bisschen besser kennen.
Gab es einen Song, der besonders lange gebraucht hat, bis er fertig war, bzw. einen, über den ihr gar nicht lange nachdenken musstet, und er hat gepasst?
Kai: Viele Cyan Songs waren schon vor den Recordings relativ weit, sodass wir die Zeit im Studio zum Experimentieren nutzen konnten, um unsere Vorproduktionen aufsnächste Level zu bringen. „Greedy“ war vermutlich der Song, der am längsten gebraucht hat. Es gab viele Ideen, Parts und Richtungen, die sich erst ganz knapp vor Deadline zusammenführen ließen. Das Outro hingegen ist komplett in einer Livesession entstanden und war innerhalb von drei Takes im Kasten.
Ein Rezept á la LOKI
Wie unterstützt ihr euch gegenseitig im miteinander Musik machen? Und denkt ihr, ihr hättet auch in einer anderen Realität zueinander gefunden?
Kai: Unser Zusammenfinden ist von derartig vielen Zufällen geprägt, dass wir uns kaum vorstellen können, auf irgendeinem anderen Weg davonzukommen, wo wir jetzt sind. Das macht unsere gemeinsame Zeit so einzigartig und wertvoll. Die Dankbarkeit dafür zeigt sich vor allem, wenn wir zusammen Musikmachen, wo wir voller Respekt und Spielfreude aufeinander hören und uns gegenseitig begeistern.
Im Oktober geht ihr auf Tour! Falls hier jemand mitliest und noch kein Ticket gekauft hat – was erwartet uns auf Tour und warum sollten wir alle kommen?
Kai: Auf der Cyan Tour erwarten euch acht Leute, die sich nicht nur aufeinander freuen, sondern auch seit einem Jahr kaum erwarten können, die neuen Songs live zu präsentieren. Wir wollen auf der Tour aber auch eine kleine Reise in die Geschichte der Band wagen und auf die Bühne bringen, inwiefern wir als Gruppe in den vergangenen Jahren zusammengewachsen sind.
Die letzte Frage bezieht sich bei uns immer auf eine untold story, etwas,was ihr bisher in keinem Interview erzählt habt. Das kann alles Mögliche sein,ein Fun-Fact über eine Songentstehung, euer Lieblingsrezept aus diesem Jahroder was ihr sonst noch gerne loswollen möchtet.
Anna: Es gibt tatsächlich ein Rezept, was wir jedes Mal, wenn wir zusammenkommen, gemeinsam kochen: nudeln mit vegetarischer Bolognese-sauce, darauf Apfelmus und ein Spiegelei nach Rezept von Marcs Oma. klingt erstmal weird aber schmeckt richtig lecker.
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Wenn am 16. September melancholische Streichinstrumente auf Synth-Pop treffen und die wunderbare Welt von To Athena genau dazwischen tanzt, dann seid ihr hoffentlich im Kesselhaus, Berlin. Denn die Magie, die genau dort entsteht, muss live erlebt werden. To Athenaverbindet Kammerpop, Wehmut und wunderschöne Lyrik, die reflektiert und schmerzt. Und nächsten Dienstag reicht sie euch die Hand und lädt euch ein, in dieser Welt mitzuexistieren.
„I’ve been a weird kid all my life“
To Athena haben wir schon bei den Hamburger _space nights*entdeckt. Die Singersongwriterin erzählt introperspektive Gechichten auf Schweizerdeutsch und Englisch und verwandelt sie in filmischen Pop. Sie findet die Größe in den kleinen Details auf eine zugängliche und liebevolle Weise und genau das verschaffte ihr 2023 schon den Swiss Music Award in der Kategorie „Artist Award“. Nun ist sie auf „Weird Kid Tour“-2025. Und in Berlin!
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“We’re excited to get back into the color red again. Because the goal the whole time was learning how to utilize the thing that we were afraid of and try to win. This is kind of what the story is all about.” – Tyler Joseph
Mit diesem Zitat hab ich 2024 meinen letzten Artikel zur Twenty One Pilots-Lore abgeschlossen. Die Kick-Off Single Overcompensate zum aktuellen Album CLANCY wurde Ende Februar released. Im Mai kam dann das Album – und ich höre es seitdem auf Dauerloop. Bisher hatte ich noch keine Möglichkeit gehabt, in Worte zu fassen, was eigentlich alles auf diesem Album passiert ist. Vor dem Kontext, dass es diese Woche mit einer NEUEN SINGLE zu einem NEUEN ALBUM weitergeht (!), ist jetzt der Zeitpunkt, nochmal alles zu sammeln, was bisher passiert ist.
Was bisher geschah
Wir befinden uns in dem sechsten Artikel zu der Lore, die Alternative Duo Twenty One Pilots seit ihrem Erfolgsalbum Blurryface (2015) rund um ihre phänomenale Musik bauen. In jedem davon muss ich zu den vorherigen Artikeln verweisen, weil es wirklich unmöglich ist, alles bündig zusammenzufassen. Wer sich also tief in die Geschichten hinter DEMA, Trench, Clancy und Blurryface einlesen will, kann sich ab hier einmal durchklicken. Es lohnt sich.
Und weil sich die beiden sweeten Boys aus Ohio, Columbus die Mühe gemacht haben, zur jedem Song ein absolut sehenswertes (!) Musikvideo zu drehen, gehen wir genau so durch das Album. Song by Song, Musikvideo by Musikvideo. Buckle up.
Disclaimer: Ich habe tausende Gedanken und Gefühle zu diesem Album, aber es lohnt sich wirklichwirklichwirklich alles zu lesen und in die eigene Welt von Twenty One Pilots einzutauchen.
Can you die of anxiousness?
NachOvercompensate war nicht ganz klar, in welche Richtung die Story rund um den Protagonisten Clancy gehen wird. Klar war: there’s gonna be some kind of confrontation. Denn nachdem Clancy zum zweiten Mal aus DEMA (aka die mentale Gefängnisstadt) geflohen ist, hat er beschlossen, zurückzugehen, um zu kämpfen. Im Musikvideo sieht man ihn, wie er mit Sturmmaske im Gesicht in ein Auditorium schreitet und ankündigt, entweder ganz DEMA von innen zu stürzen oder selbst zu einem Bischof zu werden. Viele Gänsehautmomente mit vielen Fragezeichen in einem wahnsinnig starken Intro Song. Ob in Tylers Bassriffs oder Joshs treibenden Drums, zu Overcompensate kann man fantastisch einen Moshpit starten.
Dann, die zweite Singleauskopplung, Next Semester. Für Fans von Songs, deren harte Riffs sich in die Seele ballern, ein absoluter Diamant. Inhaltlich geht es um Panikattacken, die Tyler im College hatte, und den Struggle, diese zu überkommen und immer weiterzumachen. Das Musikvideo wurde in einem kleinen Punkclub mit einer 130 Kapazität in LA gedreht, mit Fans, die extra für den Dreh eingeladen wurden. Der Schweiß tropft von der Decke und von jedem Körper, der sich in der Menge befindet – einschließlich Josh und Tyler. Ja, das ist schon sexy.
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Immer wieder gibt es einen Cut vom Club auf eine leere, dunkle Straße und ein großes Licht, das auf Tyler zugerast kommt – bis er in letzter Sekunde ausweicht. Dass das Lied dann mit einem Ukulele-Outro in einem kleinen Kreis von Fans endet und mir Flashbacks zu diesem Elvis Cover gibt, dass die Band vor 12 Jahren gespielt hat, ist einfach nur ein Extra on top. Tyler selbst sagt, dass er von diesem Musikvideo geträumt hat – wie wholesome kann es noch werden?
I don’t wanna backslide
Der nächste wholesome Moment wartet nicht lange, sondern ist direkt im nächsten Musikvideo zu Backslidezu finden. Mein absoluter persönlicher Lieblingssong vom Album ist fast eine Hommage an das Musikvideo von Stressed Out. Man sieht Tyler, wie er am Anfang des Videos Burger Brötchen in einem kleinen Laden kauft und sich dann auf sein Bike schwingt, um irgendwo hin zu fahren. Dabei tauscht er es entweder gegen Limonade um oder beißt ab und zu in eins rein, mag es nicht, und wirft es wieder weg. Im Refrain muss er durch Stürme und Regen radeln, nur um am Ende dann bei Josh anzukommen, der beim Grill auf ihn und die Brötchen wartet. Diese sind zu dem Zeitpunkt so gut wie nicht mehr vorhanden. Tyler muss also wieder zum Laden zurückfahren – wo all das nochmal von vorne beginnt. Wer von euch mag das interpretieren?
Produziert hat dieses Meisterstück Josh Dun selbst. Es ist das erste Musikvideo, was der Drummer eigenständig in die Hand genommen hat. Ironisch, dass es genau das ist, welches Tyler tagelang Muskelkater im Hinterteil beschert hat, weil er über 8 Stunden Fahrrad fahren musste.
Auch inhaltlich hat das Video sehr viele Referenzen – “Backslide” bedeutet Rückfall oder Wiederholung alter schlechter Gewohnheiten, auch mentaler. Die Referenz zu dem Stressed Out Video könnte dafür stehen, dass er wieder in die Gefühle und Themen von damals zurückfällt. Was auch Sinn ergibt mit der schwarzen Farbe an seinen Händen und Hals – diese stehen für seine Unsicherheiten und erstickenden Gefühle. Sie sind immer zu sehen, wenn er sich in den Fängen von Blurryface befindet. Zurück in DEMA und in diesen alten Mustern hat er Angst, diesen erneuten Kampf zu verlieren.
There’s no chance I will shake this again ‚Cause I feel the pull, water’s over my head Strength enough for one more time Reach my hand above the tide
Die Verzweiflung, mit der Tyler den gesamten Chorus singt, macht mich gelinde gesagt fertig. Ich fühl den Pull, ich fühl alles. Ich weiß nicht, was genau es ist, was Twenty One Pilots in diesen Song gepackt haben, aber es ist fast wie eine Droge.
Winter in Ohio
Der nächste Song Midwest Indigo ist wiederum eine Hommage an die Region in den USA, wo die beiden aufgewachsen sind: Columbus, Ohio. Bekannt für kalte Winter, wird das Thema der Kälte nicht nur lyrisch in jedem zweiten Vers aufgegriffen, sondern auch im Musikvideo. Ganz DIY auf einem zugefrorenen See gefilmt, mit versteckten Cameos und vielen süßen Momenten.
Obwohl der Song eine poppige Melodie hat, die tagelang in meinem Kopf rumschwirrt, ist das Thema ein wenig darker (suprise, it’s a Twenty One Pilots Song). Es geht um Isolation, schwindende Chancen, den Drang vor den eigenen Problemen wegzulaufen und eine durchweg präsente Anxiety zu spät zu sein.
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Vor den Problemen weglaufen kann Clancy. Auch im nächsten Song Routines In The Nightist genau das Thema – diesmal nur nachts. REM Cycle nach REM Cycle wird geskipped, um nicht im Schlaf von den eigenen Dämonen heimgesucht zu werden. Schlaflosigkeit ist ein häufiges Symptom von mentalen Krankheiten. Und auch das verworrene Labyrinth im eigenen Geist eine Metapher, die wir alle kennen. In dem Musikvideo sieht man Clancy, wie er anstatt zu schlafen, durch die Räume seines eigenes Geistes wandelt. An manchen ist STAY OUT an die Tür gesprüht, in anderen sitzt Josh und spielt Schlagzeug. Interessante Easter Eggs: der Raum, in dem gelbe Blumen von den Bandidos liegen (die ihn das erste Mal aus DEMA befreit haben) und ein anderer, in dem Clancy vor einem Schrank voller Bischofs-Umhängen sitzt. Will er DEMA mit den Banditos stürzen oder will er einer der Leader werden? Wir wissen es immer noch nicht.
So beautiful, the space bеtween A painful reminder and a terrible dream I’ve been here before and I’ve got time I’ll give you the tour, show you why I
Ebenfalls empfehlen kann ich euch neben dem Musikvideo diese Live-Version von Tour. Es macht wirklich Spaß, die einzelnen mit Euphorie überforderten Gesichter der Crowd zu sehen, durch die Tyler einfach so marschiert.
No, not me, it’s for a friend
Der nächste Song, Vignette, ist ein Song, der nicht nur ballert, sondern tief persönlich ist, denn es geht um Abhängigkeiten:
“There’s a few interpretations of it. I think for me, it makes the most sense when I look at it from the perspective of addiction and what that can feel like at times. A certain type of season of that and that’s why this song is very special to me.” – Tyler
Auch wenn wir alle individuell anders dazu relaten können, bestehen Abhängigkeiten in so vielen mehr Aspekten des Lebens als wir es wahrhaben wollen. Sie sind fast immer mit Scham und defensiven Verhalten verbunden, sie haben ständige Ups and Downs. Sie sind vielleicht der schwerste Kampf in uns allen.
Das Musikvideo ist in der dunkelsten Stunde der Nacht gedreht, auf einem zugefrorenen See, von Schnee bedeckt. Tyler hat einen roten Zettel in der Hand, der ihm zu sagen scheint, wo er hingehen soll, und malt nicht erkennbare Muster in den Schnee. Er schreit Where Do I Go From Here? und hält sich mit seinen schwarz bemalten Händen die Augen zu. Am Ende erscheint dann ein wahres Meisterwerk von Josh Dun’s Gesicht in Großaufnahme – Kunst kreiert Kunst.
Another Love Letter
Eine Tradition, mit der Tyler Joseph auch auf diesem Twenty One Pilots Album nicht gebrochen hat, ist einen Song nur für seine Frau zu schreiben. Von Tear In My Heart, zu Smithereens und Formidable haben die letzten drei Alben einen Song, der nur seiner Frau Jenna gewidmet ist. The Craving (Jenna’s Version) ist dieser Song auf CLANCY. Ein paar Tage vor Album-Release kam eine Single Version raus, ebenfalls mit eigenem DIY Video. Auf dem Album wurde jedoch Jenna’s Version veröffentlicht. Viel ruhiger als die Single-Version und nur mit einer Ukulele, hat dieser Song ein Musikvideo bekommen, das genau diese Intimität einfängt. Mit alten Videos auf einer Leinwand projiziert, kommt die Nostalgie hoch, um die es in The Craving geht. Die Hoffnung, dass diese eine Person für immer im Leben bleibt und man ihr die eigene Liebe gut genug zeigt.
Welcome to the new way of living
Welcome to the most underrated track on the album: Lavish. Es ist wahrscheinlich der Track, der am meisten aus dem Album hervorsticht. Es geht um den abgehobenen und verschwenderischen Lifestyle der Musikbranche, und alles wird ein wenig auf die Schippe genommen. Inmitten vieler Referenzen (wie die Capri Sonne aus dem Stressed Out Video oder die Anzüge, die sie bei ihrer 2017 Grammy-Verleihung anhatten) haben sie ein wahnsinnig cooles Musikvideo kreiert, vielleicht das coolste aus der ganzen Reihe. Die Magie von Google Maps und Straßenschilder kann einen nur zum Lächeln bringen. Welcome To The Lavish-Lifestyle:
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Wir befinden uns im letzten Drittel von CLANCY und falls ihr hier noch dabei seid, es warten wirklich noch die besten Songs auf euch. Sobald Navigating anfängt, öffnet sich der Mosh – da ist es mir egal, ob ich in einer Arena mit 20 anderen euphorisch rumspringe, oder ob ich alleine in meinem Bad bin. Hier wird aufgestaute Energie ausgeschüttet.
Das liegt nicht nur an den treibenden Riffs, sondern auch daran, dass die Lyrics aus dem Nichts so ins Schwarze treffen. “Pardon my delay, I’m navigating my head” beschreibt einfach perfekt das, was ich so oft fühle. In einer ewigen Dissoziation, überfordert mit allem, und immer diese Angst, dass Leute gehen.
If you really want to know what I’m thinkin‘ Kind of feels like everybody leaves Feelin‘ the reality that everybody leaves My dad just lost his mom, I think that everybody leaves And now I’m tryin‘ to hold onto you ‚cause everybody leaves
Für Lore Zwecke müsst ihr euch das Musikvideo angucken. Es knüpft direkt an das letzte Lore-Video von The Outside an, welches ich zum Glück schon hier für euch auseinander genommen hab. Dort ist Clancy aus DEMA ausgebrochen und wurde an eine einsame Insel gespült. Mit Torchbearer Josh an der Seite, wird er ins innere der Insel geleitet und lernt seizing – das Ergreifen und Steuern eines entfernten Körpers. (Das wird dann zum Beispiel im Musikvideo von Overcompensating wieder aufgegriffen). Am Ende sieht man beide mit Fackel in die Nacht auf das Meer schauen und ganz viele andere Fackeln, die am Horizont zurückleuchten. Von diesen Personen werden beide am Anfang von Navigating am Ufer begrüßt. The rebels are preparing to fight.
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Das Riff startet und Josh hämmert auf seine Drums ein in tiefster Nacht. Hinter ihnen ein riesen Feuer, das brennt. Dann, Szenenschnitt zu den Banditos (Rebellen, die helfen wollen, die Bischöfe zu stürzen). Sie führen Clancy und Josh durch einen Wald, durchschreiten Täler, laufen an gelben Blumen vorbei. Josh hilft Clancy einen kleinen Abhang hinauf und ermuntert ihn, weiterzulaufen, als dieser zu erschöpft war. So laufen sie scheinbar stundenlang bis in die Nacht hinein. Dann treffen sie auf eine Lichtung. Auf der anderen Seite tritt Josh in Bandito-Kleidung hinein, und Clancy schaut sich verwundert um. Der Josh, der ihn gerade noch begleitet hatte, ist nicht mehr da. Turns out: er war nie da. Man sieht Flashbacks aus den vorherigen Szenen, in denen Clancy ihn gesehen hat, in denen er aber nie da zu gewesen zu sein scheint. Ich hab Gänsehaut.
Navigating endet mit Torchbearer-Josh und Clancy, die sich vor dem Lagerfeuer erneut zusammenschließen. Im Hintergrund hört man das Knistern des Feuers und ganz leise die Snythie-Melodie von My Blood. It’s another wholesome moment in this fandom. Take him home, Josh.
It’s a backslide
Während es im vorderen Teil des Albums darum ging, nicht in alte Muster zu verfallen, ist genau das, was nun passiert. Snap Back ist ein, wie ich finde, underrated Track, der mit seiner Melodie direkt im Ohr bleibt. Es knüpft an Themen von Backslide und Vignette an. Clancy will mit Muster und Abhängigkeiten zu brechen, spürt aber auch den einher kommenden Druck, nicht zu scheitern. Relatable oder?
Got a bad feeling that I’m about to break Been a good streak, but the pressure’s overweight Is it even good for my head to keep track? If I’m gonna snap necks, I’m gotta snap back
Wer sich das Musikvideo zu Snap Back anschaut, sieht Tylers braunen Haarschopf abrasiert werden. Fans wissen, das ist ein common theme, das sich schon in manch andere Musikvideos geschlichen hat. Es passiert nicht viel, aber strahlt irgendwie doch die Verzweiflung aus, die der Song inne trägt.
Der Song für die Fans
Fast direkt daran anknüpfend, kommt Oldies Station, der Song, den Tyler für seine Fans geschrieben hat. Es ist ein Song für alle, die auch gegen Muster, Abhängigkeiten und ihre eigene Art von Dunkelheit ankämpfen. Auch wenn Tyler mit Clancy und DEMA und allem drum herum eine komplett fiktive Welt gebaut hat, so sind es reale Probleme, die er von sich und seinem Umfeld verarbeitet. Es ist ua. diese Ehrlichkeit und Offenheit, über solche Themen zu sprechen, die Twenty One Pilots über die Jahre eine so große und loyale Fanbase beschert haben. Dieser Song ist nur ein kleines Danke, dafür aber ein sehr deutliches. Denn so wie Tyler durch seine Depressionen kämpft und nicht aufgibt, so wünscht er sich dasselbe auch für seine Fans.
Make an oath, then make mistakes Start a streak you’re bound to break When darkness rolls on you Push on through
Das Video dazu ist einfach nur wholesome. DIY, ohne viel Budget, inklusive Workout für Josh Dun. Es braucht eine Weile, weil das Video sich erstmal nur auf Tyler mit seiner Ukulele fokussiert, der einen von Schnee bedeckten Waldweg langläuft. Doch dann bekommt man einen Blick hinter die Kulissen und sieht die auf Tyler gerichtete Steadycam, die auf einer Holzplatte gezogen wird. Damit sie so gezogen werden kann, braucht sie Rohre unter sich. Diese werden von Josh selbst immer wieder vor die Holzplatte geworfen. Wie ein Hamster im Rad muss er sich Rohr für Rohr holen, hinschmeißen, das nächste holen, hinschmeißen – alles, damit das Rad weiter läuft. Ich fang beim Zuschauen schon an zu schwitzen. Und je länger man das so betrachtet, desto mehr kommt auch der Gedanke auf, dass sich so das eigene Leben anfühlt.
It’s not worth the risk of losing a friend
Der nächste Song beschäftigt sich ebenfalls damit wie wichtig es ist, aufeinander aufzupassen. Während es in Oldies Station eher darum ging, auf sich selbst aufzupassen, geht es in The Risk Of Feeling Dumb darum, auf andere aufzupassen, die mit ihrer Mental Health strugglen. Vor allem wenn diese das nicht wollen oder sich abgrenzen. Wir wissen, dass “Danke, gut” die Standard-Antwort auf die Frage ist, wie es einem geht. Es fällt uns allen schwer, nach Hilfe zu fragen wenn es uns nicht gut geht, weil man nicht will, dass andere deswegen ihre Pläne ändern oder sich Sorgen machen. Genauso kann es schwerfallen, die eigenen Herzensmenschen zu fragen, wie es ihnen wirklich geht. Wenn alles okay ist, fühlt man sich vielleicht ein “dumm”, gefragt zu haben. Doch umso wichtiger ist es, trotzdem da zu sein.
Musikalisch einer der rockigsten Songs auf dem Album und definitiv einer meiner Favoriten. Das Video dazu macht auch einfach Spaß zu schauen. Die Metapher des Pläne fallen Lassens (“drop everything”) wird wörtlich genommen und im Laufe des Videos immer mehr gesteigert. Es fängt an auf Heuballen, über kleine Scheunen zu Hausdächern. Überall sieht man Josh seine Drums spielen. Ähnlich wie das Video baut sich auch der Song auf und endet fast explosiv auf dem Dach eines Hochhauses. It’s worth a watch:
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Wir sind am Ende. Also fast. Paladin Strait ist der abschließende Lore-Song auf CLANCY. Clancy, der sich auf den letzten Kampf seinem Endgegner Blurryface vorbereitet. Wir wissen, dass Clancy die Macht erhalten hat, tote Körper in Beschlag zu nehmen (“seizing”). Er hat den Versuch aufgegeben, aus DEMA zu fliehen. Stattdessen will er die Konfrontation suchen und den Kreislauf durchbrechen. Diese Geschichte wird im Musikvideo von Paladin Strait wie in einem Film festgehalten. Man sieht die Berg- und Tallandschaften von Trench, das Camp der Banditos, die sich mit Clancy auf die Kampf vorbereiten, die Wellen vom Paladin Strait Gewässer im Sonnenuntergang. Und: die Gefängnisstadt DEMA. An den Außenmauern treffen Banditos auf eine Armee aus Körpern, die von den Bischofs aus ihrem Turm heraus kontrolliert werden. It’s an old fashion Kriegsschlacht, die sich beide Gruppen leisten – zu einem wahnsinnig epischen Song.
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On the ground are banditos Fighting while I find Nico Even though I’m past the point of no return Climb the top of the tower „Show yourself,“ I yell louder Even though I’m past the point of no ret—
Clancy schafft es in die Stadt und erklimmt den Turm, von dem aus die Bischöfe ihre Macht ausüben. Er schaltet sie aus, doch wird dann von der plötzlichen aufspringenden Tür überrumpelt. Blurryface rast auf ihn zu und legt seine Hände würgend um seinen Hals.
So few, so proud, so emotional Hello, Clancy
Paladin Strait ist mit 6:28 Minuten der längste Song in der Diskografie von Twenty One Pilots und mit Abstand der schönste auf dem gesamten Album. Alles, was es braucht, ist diese Ukulele. Ruhig und melodisch zieht sie einen in das Outro der Geschichte, hält aber auch einen unglaublichen Cliffhanger in sich. Denn es endet genau an dieser Stelle. Es scheint, als sei das ultimative Duell zwischen Blurryface und Clancy das, was jetzt aussteht. Fans spekulieren seit über einem Jahr, dass hier noch was kommen muss. Ein Doppelalbum oder ein Nachfolgealbum? Irgendetwas, das die Geschichte weitererzählt. Denn jetzt steht noch alles offen.
Ein Jahr später bestätigt sich diese Theorie. Nach dem Ende ihrer Welttour haben Twenty One Pilots ihre neue Single The Contract für den 12. Juniangekündigt. Das Album The Breach wird im September 2025 veröffentlicht.
Heute stellen wir euch eine Newcomerin vor, die was für alle sein könnte, die melancholische Musik á la Lana Del Rey mögen. ANTHI hat am Freitag ihre Debüt-EP Verwelkte Rosenveröffentlicht, auf der sie nicht nur ihren musikalischen Werdegang aufzeichnet, sondern auch viele persönliche Dinge verarbeitet. Die EP ist geprägt von toxischen Beziehungen aber auch dem Cut und dem Weg zur Heilung. Sie ist geprägt von einer Leidenschaft fürs Storytelling, tiefgründigen Reflektionen und einer Nahbarkeit und Emotionalität, die verbindet. Wir haben mit ANTHI über ihren Werdegang zur Musik und die Inhalte der EP gesprochen.
ANTHI im Interview
Anna: Hey! Bald ist es so weit und deine Debüt-EP kommt in die Welt! Es ist das erste Mal, dass deine Songs gesammelt in einem Werk veröffentlicht werden. Wie fühlt sich dieser Moment für dich an? Bist du aufgeregt?
Ich bin unfassbar aufgeregt! Die Menschen da draußen hören meine intimsten Gedanken aus meinem Tagebuch, die ich auch teilweise nicht mal meinen engsten Freunden erzählt habe. Es ist wie ein Geständnis. Es fühlt sich einerseits sehr aufregend und befreiend an, aber irgendwie macht man sich dadurch sehr verletzlich.
Du bist als Kind mehrfach umgezogen, auch in unterschiedliche Länder. Wie war diese Zeit für dich, wie hat sie dich geprägt? Gibt es Orte, die du besonders vermisst?
Als Kind war diese Erfahrung sehr schlimm für mich. Immer wieder neue Städte, neue Länder und neue Sprachen. Immer wieder aus allem, was mir je Halt gegeben hat, rausgerissen werden. Ich hatte nie feste Freunde oder einen Ort, den ich „Zuhause“ nennen kann. Ich wusste auch nie, dass wir umziehen werden: Ich hab mich fertig gemacht für die Schule und hab plötzlich gemerkt, dass das nicht der Schulweg ist.. Dadurch konnte ich mich nie wirklich verabschieden.
Heute denke ich etwas anders darüber nach – ich bin dankbar dafür, dass ich die Möglichkeit hatte, alle diese Orte zu sehen. Ich glaube tatsächlich sogar, dass all das genau richtig war, sonst hätte ich die Songs, die ich schreibe, nie so schreiben können, ohne all diese Einflüsse.
„Ich liebe einfach Melancholie.“
Wie hast du inmitten all dem zur Musik gefunden? Und welche musikalischen Einflüsse haben dich besonders geprägt?
Musik war das einzige was, mir niemand wegnehmen konnte als Kind. Mich hat klassische Musik wirklich geprägt – diese Dramatik und Sinnlichkeit war schon immer meins. Mein Traum war es immer in einer Oper meine Songs zu singen. Aber natürlich habe ich auch schon immer Rihanna & Adele sehr bewundert, genau so Lana del Rey. Ich liebe einfach Melancholie.
Kannst du dich noch erinnern als du deinen ersten Song geschrieben hast? Worüber war er?
Ich habe schon nach paar Monaten in Deutschland angefangen Gedichte zu schreiben. Meine Lehrer haben die nie bewertet, weil sie mir unterstellt haben, sie nicht geschrieben zu haben, da eine 12 jährige in der fünften Klasse nicht dazu fähig wäre – vor allem nicht nach wenn sie erst seit 2 Monaten in Deutschland lebt. In dem Gedicht ging es um Verluste und den Neuanfang des Frühlings. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, so ein bisschen wie mein neuer Song „Nur für dich“.
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Letztes Jahr hat sich jemand aus meiner Vergangenheit wieder gemeldet und wollte sich entschuldigen für die Dinge, die vor langer Zeit zwischen uns passiert sind. Wir standen uns gegenüber und das einzige, was ich gehört habe, waren die Blätter und der Wind. Er fängt an sich zu entschuldigen und mir zu sagen, dass er seitdem ein sehr schlechtes Gewissen hat und nachts nicht schlafen kann. „Kannst du mir verzeihen“, fragt er mich. Und das einzige, was ist höre ist, dass er sich besser fühlen will und es nur für sich macht. Hätte ich von seinen Tagen nicht erfahren, würde es ihm nicht leid tun. Am nächsten Tag war ich im Studio und die Fenster waren auf. Und plötzlich höre ich den Wind und die Blätter der Bäume und da wusste ich, dass das der Song wird.
„Es ist okay, nicht zu verzeihen.“
Was hast du aus dieser zerbrochenen, toxischen Beziehung gelernt?
Dass ich keine Verantwortung für die Fehler anderer übernehmen muss. Es ist nicht meine Schuld, dass mir das passiert ist und es ist okay nicht zu verzeihen.
Hast du Tipps oder unterstützende Worte für Leute, die in einer toxischen Beziehung stecken und es noch nicht rausgeschafft haben oder gerade dabei sind, sie zu verlassen?
Es ist so schwer, weil es nicht „die eine Lösung“ dafür gibt. Aber ich kenne es, wenn man sich „wertlos“ fühlt und es einem eingeredet wird. Ich kenne es, wenn man sich die Schuld an allem gibt und das tut weh. Wenn ihr selbstlos seid, werdet ihr nicht dafür „mehr“ geliebt. Die Person wird sich dadurch nicht ändern. Wenn euch jemand so behandelt, dann nicht, weil ihr es verdient habt, sondern weil er einfach ein schlechter Mensch ist. Ich wünschte, das hätte mir jemand gesagt.
Wie hat dir Musik geholfen, das alles zu verarbeiten?
Ich schreibe unfassbar gerne. Ich hab tagelang oder sogar wochenlang jeden Tag so viel über den Schmerz, den ich in dem Moment gefühlt habe, geschrieben, bis ich mich etwas besser gefühlt habe. Schreiben heilt – manchmal hilft aber auch einfach in ein Kissen zu schreien. Oder halt mehrmals.
„Azadi is my story: pain, resistence, rebirth.“
Was sind deine weiteren Pläne dieses Jahr?
Ich möchte öfters Live singen. Mehr auf die Bühne gehen und mir die Seele raussingen mit Menschen, die es fühlen oder auch mal so etwas erlebt haben.
Die letzte Frage bezieht sich bei uns immer auf eine untold story. Das kann alles sein, was du noch nie in einem Interview erzählt hast, aber jetzt gerne loswerden würdest.
Ich hab jahrelang gemalt. Viel abstrakte Kunst. Ich hab überlegt, Kunst zu studieren und ich lese sehr viele naturwissenschaftliche & philosophische Bücher.
Hört hier in Verwelkte Rosen von ANTHI rein!
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Faravaz‘ musikalische Reise begann im Iran, wo Sologesang für Frauen verboten war und sie rechtlich gesehen nur als Backgroundsängerin auftreten durfte. „Jedes Mal, wenn ich zu einem Konzert ging, habe ich geweint“, erinnert sie sich. Sie wurde als Untergrundsängerin aktiv, nutzte Social Media, um ihre Musik zu verbreiten. Das führte zu ihrer Verhaftung und sie war gezwungen, ins Exil zu fliehen. In Berlin startete sie ihre Karriere neu, und ist nun kurz vor der Veröffentlichung ihres Debütalbums! Mit kraftvollen, provokanten Texten in Englisch und einer einzigartigen Mischung aus alternativer Popmusik und orientalischen Elementen gibt sie ihrer Geschichte und ihrem Aktivismus eine Stimme. Wir haben mit ihr über all das im Interview gesprochen.
Faravaz im Interview
Anna: Hey Faravaz, I hope you’re good! Since not everyone will know you, do you want to introduce yourself in a few sentences?
Hi! I’m Faravaz, an Iranian singer, composer, and activist currently living in exile in Berlin. My journey began in Tehran, where making music as a woman was nearly impossible. But I’ve never been able to stay silent – my voice is my weapon, and through music, I fight for freedom, justice, and the right to simply exist as we are.
You are now releasing your very first debut album but your path to it has been the opposite of an easy one. Before we get into that though, how did you find your love for music? What is it in music that touches your soul and makes you not want to do anything else?
In school singing for other students and in the car for my parents and sister when we were on the road. They loved me singing and that’s how I learned that I have a voice for singing. Music was always my escape. Even as a little girl, when I wasn’t allowed to sing in public, I would hum melodies to myself, imagining a world where I could be heard. Music doesn’t just express my emotions – it becomes them. It’s my way of surviving pain, celebrating resilience, and connecting with something deeper than words.
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Growing up as a woman in Iran, you being were heavily restricted from making music and singing on stage – unless you performed as a background singer. How did you deal with that struggle?
It was heartbreaking. Being told that your voice is a threat just because you’re a woman – it stays with you. But I never gave in to silence. I performed underground, behind closed doors, wherever I could. And I always knew: one day, I would sing freely. It always made me cry watching my male friends on stage singing in Iran! And I never could understand what is the difference between our voices. But also was hard to see that most of the men in my country didn’t really stand for us female singers. We were their friends, fan and colleagues…
Were you scared for rebelling the restrictions by going into the underground? How did your family and friends react?
Of course I was scared. Every performance felt like a risk. But I couldn’t live in fear forever. My family was torn – some were terrified for me, others proud. But they all knew: music is who I am.
What happened then?
Eventually, the fear caught up with me. I was arrested, interrogated, threatened and sentenced to one year of prison because of only singing. I knew I couldn’t stay if I wanted to keep creating, so i had to decide between going to prison or living in exile. So I left Iran. I had no choice but to go into exile.
„It fuels my fire.“
You’re living in exile in Berlin for a couple of years now. How did the city welcome you? What are the things you miss most about Teheran?
Berlin gave me space to breathe and create again. And to be me, more than ever in my life. I found my best friends in Berlin. I am loved and supported here. It’s a city full of contrast and courage. But I miss Tehran’s warmth, the smell of my mother’s cooking, the chaos of the bazaars, the mountains, my people and of course speaking Farsi.
You continued to make music here, already releasing a couple of songs the last years. One of them is Ey Iran. What are the things you’re telling your home country in that song? Does it make you more angry or more sad?
Ey Iran is my love letter and my cry. It’s filled with grief – for what we’ve lost – and rage, for what we continue to endure. It makes me sad, yes, but mostly it fuels my fire. I sing it with hope that one day we can return to a free Iran.
Another song is Enemy Of God, where you sing “If god gave a man all the power | Then why you killing women like a coward | Condemn us to death from your tower”. How would you describe your relationship to religion?
My relationship to religion is not good. I grew up surrounded by faith used as a tool for oppression. I believe religion always been weaponized against human specially women, flinta and queer people, and I also believe patriarchy needs religion to create more borders, taboos, hate and war! This song was dedicated by me to all the political prisoners who stands for humanity and dignity all around the world.
„Azadi is my story: pain, resistence, rebirth.“
You also continue to be very passionate about human rights, especially for women and queer communities in the Middle East. As the founder of the non-profit organisation The Right to Sing e.V., you fight to make marginalised groups heard. What can you tell us about that?
The Right to Sing is more than an organisation – it’s a movement. We work to give voice to those forced into silence. Whether you’re a woman, queer, exiled, or censored, your voice matters. We create platforms, offer workshops, and build communities that reclaim the right to be loud. Also sponsoring Iranian and Afghan female singers who are still living in Iran and Afghanistan.
On May 11th you will finally release your debut album Azadi (Freedom in Farsi) – how excited are you for the release? What are the things that were the most fun but also challenging when making it?
’m beyond excited—it still doesn’t feel real. Azadi is my story: pain, resistance, rebirth. The fun part was collaborating with other artists who felt the same fire. The hard part? Revisiting my traumas to turn them into sound. But that’s also what made it healing.
„This isn’t just a concert – it’s a celebration of survival.“
On the same day, May 11th, you will perform the release concert in SO36 – it will be a beyond special moment for you, I’m sure. You’re also premiering your documentary The Orange Garden, a film that captures your imprisonment, exile and resilience. What would you tell people, who haven’t got a ticket yet – what will make this evening so special that they should come?
You come to my concert to celebrate my residence, a women who is singing at her first solo concert after 35 years! I have fight with my love to see this moment. This isn’t just a concert – it’s a celebration of survival. It’s a night where every note carries a story of defiance. The documentary is deeply personal, and I’ve never shared this much before. If you want to witness the truth behind the headlines, and feel the power of freedom in music – come. Be part of it.
For our last question we always ask for an untold story – is there something you haven’t told in an interview before and want to get off your chest now? Could be literally anything.
Honestly I am truly scared and stressed when I am thinking about my future and my music career in exile! To be weird, loud and straight to the point! Already being a refugee, woman, fat and a person in colour make it hard to have peace and safety. And my music and character might make it even more scary… But that’s my goal in my life. To live and be myself as it’s possible.
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Soft Loft sollten alle die von euch kennen, die sich wie wir knee-deep in der Newcomer-Indie-Bubble bewegen. Wir haben sie euch auch schon als einer unserer Artists To Watch 2024 vorgestellt und eigentlich ist der Begriff „Newcomer“ auch bald überfällig. Falls ihr noch nichts von der Band mit dem wunderschönen Namen Soft Loft gehört habt, dann findet ihr hier euer nächstes Indie-Wunder aus der Schweiz, das ihr beim Durchbruch begleiten könnt. Nach ihrem Debütalbum The Party And The Mess, haben sie letzten Freitag ihre neue EP Modern Roses veröffenlicht. Wir haben mit ihnen über all das gesprochen, was die EP begleitet – unter anderem die 46 starke Sommer- und Herbst Tour, die sie letzte Woche angekündigt haben. 2025 ist das Jahr von Soft Loft und wir sind bereit!
Soft Loft im Interview
Anna: Hey! 🙂 Ein paar Tage vor eurem EP-Release und kurz nach Ankündigung einer riesen Welle Live-Termine, wie fühlt ihr euch gerade?
Jorina: Wir sitzen gerade im Auto auf dem Weg ins Studio, um neue Songs aufzunehmen. Deshalb kommt gerade alles zusammen, aber alles, was passiert, fühlt sich sehr gut an. Wir freuen uns mega, dass die EP nun endlich mit der Welt geteilt werden darf und wir dann auch im Herbst groß auf Tour gehen, um sie auch live zu spielen. Die Herbsttour ist für uns ein Riesentraum und fühlt sich noch sehr surreal an.
Ihr seid schon eine Weile zusammen Soft Loft – bisher noch in Eigenregie, mit der neuen EP jetzt bei PIAS gesigned. In wenigen Jahren seid ihr von kleinen Shows in der Schweiz zu mehreren Clubshows in ganz Europa gewachsen! Wie habt ihr selbst die Entwicklung eurer Band die letzten Jahre wahrgenommen?
Irgendwie fliegt die Zeit gerade an uns vorbei. Es passiert super viel und wenn wir so zurückblicken, haben wir schon ordentlich Kilometer und Erfahrungen hinter uns. Und trotzdem fühlt sich auch alles noch sehr neu und aufregend an. Unser gemeinsames Wachsen fühlt sich aber sehr natürlich und nicht nach allem auf einmal an. In Gesprächen und auch in unserer Musik spüren wir die Entwicklung dann aber schon sehr, haha. Einerseits sind wir als Band in den letzten Jahren mega fest zusammengewachsen, wir kennen uns immer besser und sind durch die viele gemeinsame Zeit, die wir miteinander verbringen, auch quasi dazu gezwungen gut miteinander zu kommunizieren. Andererseits fühlt sich unsere Musik auch immer reifer und besser an über die Jahre. Und auch live wird das Ganze nach 45 Shows im Jahr natürlich schon immer besser hehe.
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„Wenn sich Musik so anfühlt, ist das doch das Schönste.“
Soft Loft hat schon immer als Live-Band funktioniert. Was macht euch am meisten Spaß auf der Bühne? Gibt es Momente, an die ihr euch heute noch gerne erinnert?
Ich persönlich kann gar nicht genau beschreiben, was mir am meisten Spass macht. Ich glaube zu spüren, dass die Zuschauer*innen dabei sind und dass unsere Musik ihnen gut tut. Das ist ein schönes Gefühl. Wenn du plötzlich irgendwo in Dänemark ein Konzert spielst und Menschen deine Songs mitsingen, ist das schon ganz verrückt – verrückt schön. Erst neulich ist nach dem Konzert jemand zu mir gekommen und meinte unsere Musik hätte sie grad kurz wieder zusammengeflickt. Wenn sich Musik so anfühlt, ist das doch das Schönste. Als Band kommen wir auch immer mehr an auf der Bühne, wir fühlen uns immer wohler und es geht auch einfach darum gemeinsam Spaß auf der Bühne zu haben. Es muss nichts perfekt sein, obwohl viele in der Band zum Perfektionismus neigen 😉
Ich hab mich letztes Jahr Hals über Kopf in euer Debütalbum The Party And The Mess verliebt. Wo setzt die neue EP Modern Roses an? Nach der Party?
Oh wie schön! Modern Roses probiert mehr aus und ist vielleicht fast mutiger als The Party And The Mess. Auf Modern Roses stelle ich mir viele Fragen bezüglich Zuneigung, die modernen Rosen sollen aber noch immer umarmend sein, vielleicht so wie sich Zuneigung halt anfühlen soll. Nachdem wir unser Debütalbum released hatten, hat sich das Schreiben irgendwie noch freier angefühlt, der Druck von dem ersten Eindruck war weg und wir wussten, die Leute wissen jetzt irgendwie was Soft Loft ist, und wir können mit den nächsten Songs noch weiter in andere Richtungen gehen und anknüpfen.
„Und, wie klingt es?“
Kannst du den Prozess hinter den neuen Songs ein wenig beschreiben? War er anders als bei eurem Album?
Es ging alles viel schneller. Wir haben uns sehr schnell ein Datum gesetzt, um ins Studio zu gehen und quasi diese 6 Momentaufnahmen mitgenommen. Es war wie oben beschrieben viel weniger Druck auf den Songs. Nicht, dass wir den beim Album sehr verspürt hätten, aber irgendwie waren wir alle befreiter von „das muss jetzt richtig gut werden, weil das unser erstes Album wird„. Die Einstellung war mehr „wir machen gerade Musik, die sich für uns gut anfühlt und wenn es verträumter, weirder ist als das Album ist das total egal“. Zum Album zurückgehen kann man ja immer. Zudem haben wir für die EP-Songs alles selbst gemacht! Wir wollten nach dem Prozess mit unserem Produzenten, mit dem wir die Arbeit geliebt hatten, auch hier aber wieder wissen: wie weit kommen wir, wenn wir das alles allein machen? Und wie klingt es?
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Habt ihr einen Lieblingssong auf der EP? Und warum?
Ich glaube alle haben einen anderen Lieblingssong aber Can, Paper Plane und Le Parfait sind wohl weit vorne im Rennen. Für mich persönlich fühlen sich Can und Paper Plane je nach Stimmung am besten an. Can gibt mir Comfort an einem eher nachdenklichen Tag und Paper Plane tanzt mit mir durch den sonnigen Frühling.
In Modern Roses geht es viel um zwischenmenschliche Beziehungen. Findet ihr, dass es schwieriger geworden ist, sich zu finden und verbunden zu fühlen?
Ich kann nur für mich sprechen, aber das passt glaub auch ganz gut, da ich die Texte schreibe, haha. Ich denke, die anderen aus der Band sehen das nicht alle gleich. In Bezug auf Dating finde ich es persönlich super schwierig, sich zu finden: es gibt zwar sehr viele Optionen, die unterstützend sein sollen, aber einfach jemanden kennenlernen da draussen ist irgendwie kein Thema mehr. Und wenn du dann nicht gerade matchst mit all den Optionen, wirds schwierig.
Was ist das süßeste/liebste, was je jemand für dich gemacht hat?
Ich hab eine Zeit lang Gedichte bekommen; das war sehr cute. Aber wir sind froh um jegliche Tipps für Modern Roses! (Notfalls sonst auch immer Paper Planes)
„Wir fühlen uns alle mal verloren, aber gemeinsam verloren zu sein, ist immer besser.“
Wir haben alle ein bisschen das Gefühl, verloren zu sein in dem Strudel des Erwachsenenwerdens – gibt es Dinge, die euch geholfen haben, die ihr teilen könnt? Mit welchen Dingen fühlt ihr euch noch immer überfordert?
Ja! Die beste Medizin hierzu, glaube ich, ist, sich damit nicht alleine zu fühlen. Wir fühlen uns alle mal wieder verloren, aber gemeinsam verloren zu sein, ist immer besser. Und was auch hilft, ist Musik. Sich durch Musik verstanden fühlen und sich somit nicht alleine fühlen, hilft mir persönlich auch oft. Und Laufen! Ich habe die letzten Monate gemerkt, wenn ich mich schlecht fühle, kann ich das manchmal auch einfach weglaufen und fühl mich danach besser. Und wenn du dich wirklich absolut überfordert fühlst, sprich mit deinen Freundinnen oder einer Psychologin, das ist nicht schlimm, für das sind die ja da 🙂
Vielleicht seid ihr das zu oft gefragt worden und es ist ein wenig offensichtlich, aber wie seid ihr auf den Bandnamen Soft Loft gekommen? Er geht einfach genauso schön und sanft über die Lippen.
Werden wir tatsächlich in fast jedem Interview gefragt, aber was gibt es auch Spannenderes als die Herkunft eines Namens zu wissen, haha. Der Name ist eigentlich auch irgendwie random entstanden: Wir waren aktiv auf der Suche nach Bandnamen und ich habe damals mit meiner Mitbewohnerin mit einem Bandnamengenerator rumgespielt und plötzlich war da das Wort „soft“, das ich irgendwie sehr passend gefunden hab und dann kam noch „loft“ dazu, um den Namen zu vervollständigen und irgendwie passt der Name jetzt ganz gut.
Die letzte Frage bezieht sich bei uns immer auf eine untold story. Das mag eine Anekdote aus dem Studio, eine Empfehlung von Herzen oder etwas komplettes Random sein. Hier ist euer Space:
Untolder geht nicht: eine Songzeile aus einem noch unreleasten Song:
oh love, keep calm the world will not stay mad oh love, be smart the world will not stay mad
Derya Yıldırım & Grup Şimşekbestehen darauf, dass man, wenn man ein altes Volkslied spielt, etwas Neues beisteuern muss, „sonst könnte man genauso gut einfach die alte Platte auflegen.“ Seit mehreren Jahren beeinflusst die Band um Derya Yıldırım die Wahrnehmung türkischer Volksmusik in Deutschland und weltweit. In Hamburg geboren und mit vielen Instrumenten aufgewachsen, hat sie sich schon von früh an intensiv mit Musik beschäftigt – und was es mit ihr macht. Anlässlich ihren neuen Albums Yarın Yoksa haben wir mit ihr über die Bandynamik, Volksmusik als Spiegel der Gegenwart und die Verbundenheit über Musik gesprochen.
Derya Yıldırım & Grup Şimşek im Interview
Anna: Hey! Es ist gerade wahrscheinlich sehr viel los bei euch, könnt ihr uns einen Einblick geben in alles, was gerade passiert und wie’s euch geht?
Derya: Wir sind gerade von unserer Album Release Tour zurückgekommen und immer noch total überwältigt von den ersten Konzerten mit dem neuen Album. Die Tour begann mit einem sehr besonderen Konzert in der Elbphilharmonie in Hamburg – das war ein wunderschöner Auftakt und ein ganz besonderer Moment für uns. Es gab viele Überraschungen und die Resonanz war einfach unglaublich. Ich glaube, wir müssen alle erst mal wieder ein bisschen runterkommen und alles verarbeiten. Gerade jetzt, in der kleinen Verschnaufpause vor den Frühlingskonzerten im Mai, fühle ich mich sehr beseelt und dankbar.
Yarın Yoksa, so der Titel eures neuen Albums, ist nun seit etwa zwei Wochen erhältlich. Wie fühlst du dich damit, dass die neue Musik endlich in der Welt ist?
Es ist wirklich aufregend, dass das Album jetzt draußen ist. Wir haben ziemlich lange daran gearbeitet, aufgenommen haben wir es schon letzten Sommer. Jetzt endlich die Musik teilen zu können, fühlt sich sehr besonders an. Vor allem, weil ich das Gefühl habe, dass diese Lieder den Menschen in der aktuellen Zeit Halt geben können. Die politische Lage, die Unsicherheiten – all das spiegelt sich in gewisser Weise auch im Album. Es hat eine bestärkende, fast tröstende Energie. Es ist Musik, die versucht, die Welt zu verstehen, sie zu beobachten, und gleichzeitig die eigene innere Stimme zu finden.
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Wie war das Schreiben und Produzieren des Albums? Habt ihr einen Unterschied im Vergleich zu euren vorherigen Alben festgestellt? Gab es etwas, das ihr anders geplant (oder nicht geplant) habt?
Ja, da gab es tatsächlich eine große Veränderung. Unsere bisherigen Alben haben wir alle selbst geschrieben und produziert, komplett als Band. Bei Yarın Yoksa war das zum ersten Mal anders: Wir haben bei Big Crown Records unterschrieben und mit Lein Michels als Produzenten gearbeitet. Wir schätzen ihn sehr und die Arbeit mit ihm im Diamond Mine Studio war eine ganz neue, bereichernde Erfahrung. Seine Perspektive hat uns in unserer Entwicklung sehr weitergebracht. Das war der entscheidende Unterschied bei diesem Album – und in gewisser Weise auch der Beginn eines neuen Kapitels für uns.
Kannst du uns den Entstehungsprozess (eines) deiner Lieblingssongs auf dem Album erklären? Warum und wann hat dieser Song begonnen, sich für dich besonders anzufühlen?
Ein Lied, das mir besonders am Herzen liegt, ist Bilemedim Ki– auf Deutsch: Ich konnte es nicht wissen. Der Song erzählt von einem lyrischen Ich, das in einem kleinen Boot sitzt, im Auge des Sturms, und der Kompass ist kaputt. Diese schwankende Bewegung – wie ein Boot auf dem Wasser – wollten wir unbedingt auch musikalisch spürbar machen, und dabei die inneren Ruhe nicht verlieren. Anstatt eine Demo vorzuspielen, haben wir im Studio spontan eine reduzierte Version gespielt – mit Rahmentrommel, ein paar Akkorden und einem einfachen Groove. Es ging uns vor allem darum, das Gefühl und den Kern des Refrains erfahrbar zu machen… Besonders war auch das Experimtieren mit dem Sound der Bağlama, wie sie zum Beispiel durch einem Oilcan effect Pedal aufzunehmen. Dadurch hat der Song einen schimmernden, fast träumerischen Klang bekommen. Es war einer der ersten Titel, die wir aufgenommen haben – und beim gemeinsamen Spielen entstand sofort eine besondere Magie.
„Volksmusik ist kein Relikt aus der Vergangenheit, sondern ein Spiegel der Gesellschaft.“
Ihr habt euch Musik immer aus einem ganz bestimmten Blickwinkel genähert. Was ist für euch so wichtig, wenn ihr traditionelle Musik in moderne Musik übersetzen? Ich glaube, man muss sehr behutsam vorgehen, um die Seele dieser Lieder nicht zu verlieren, ihnen aber dennoch eine neue Wendung zu geben.
Für uns geht es gar nicht darum, traditionelle Musik modern zu machen – denn was bedeutet überhaupt modern? Volksmusik ist kein Relikt aus der Vergangenheit, sondern ein Spiegel der Gesellschaft. Sie war immer Ausdruck ihrer Zeit, ihrer Menschen, ihrer Kämpfe und Hoffnungen. In diesem Sinne ist sie auch heute relevant – vielleicht sogar notwendiger denn je.
Ein zentrales Anliegen für uns ist es, unsere eigene Sprache zu finden. Eine Stimme, die in unserer heutigen Gesellschaft schwingt und sich darin spiegelt. Die Volksmusik, insbesondere durch die Bağlama, ist ein wesentlicher Bestandteil unserer musikalischen Identität. Sie prägt unseren Sound, ohne dass wir sie „anpassen“ müssen. Es geht nicht um Tradition versus Moderne, sondern um das, was dazwischen liegt – um ein musikalisches Erbe, das weiterlebt, wenn man es ernst nimmt und ihm zuhört. Für uns heißt das: Kultur und Herkunft sind lebendig, sie entwickeln sich – und sie geben uns das Gefühl von Tiefe, Zugehörigkeit und Sinn. Das ist es, was wir mit unserer Musik ausdrücken wollen.
Wie seid ihr zum Musikmachen gekommen? Kannst du dich an den Moment erinnern, in denen euch klar wurde, dass ihr dieser Leidenschaft professionell nachgehen und sie auf Bühnen und Festivals bringen wollt, um sie mit vielen anderen zu teilen?
Wir haben uns 2014 bei einem Theaterprojekt kennengelernt – und diese intensive Zusammenarbeit hat uns nicht nur musikalisch, sondern auch freundschaftlich sehr zusammengeschweißt. Einer der Schlüsselmomente war, als wir unsere ersten Konzerte, die in England stattfanden, selbst organisiert haben. Das war aufregend, mutig und hat uns gezeigt, wie viel möglich ist, wenn man einfach loslegt. Kurz darauf entstand unsere erste EP Nem Kaldı, und die Resonanz auf unsere erste Single war überwältigend. Das war für uns der Wegweiser – da wussten wir: Das ist mehr als nur ein Projekt, das ist unser Weg. Und jetzt, über zehn Jahre später, sind wir immer noch gemeinsam unterwegs.
„Es geht darum, den ständigen Kampf um Sichtbarkeit und Anerkennung weiterzuführen.“
Wir haben mit ENGIN, einer deutsch-türkischen Indie-Band, die kürzlich eine EP mit türkischen Volksliedern und Klassikern des Anadolu-Rocks namens Mesafeler veröffentlicht hat, darüber gesprochen, wie türkische Musik in Deutschland wahrgenommen wird und wie sich das über die Jahre verändert hat. Was sind deine Erfahrungen damit?
Definitiv hat sich die Wahrnehmung anatolischer Volksmusik in Deutschland verändert – sie hat sich auf neuen Ebenen etabliert. Früher fand sie oft eher im kleinen Rahmen statt: in der Nachbarschaft, in Kulturvereinen, innerhalb einer Community. Heute wird sie durch neue Generationen weitergetragen – und dadurch entstehen neue Räume für Begegnung.
Es geht nicht nur darum, mehr Aufmerksamkeit zu bekommen, sondern darum, den ständigen Kampf um Sichtbarkeit und Anerkennung weiterzuführen. Es fühlt sich an, als wären wir gerade an einer Schnittstelle angekommen, an der sich etwas öffnet: Es entstehen professionelle Alben, Konzerte, Festivals – und diese Musik erreicht ein neues Publikum. Ein starkes Zeichen dafür ist für uns, dass die Bağlama heute über die Grenzen hinweg klingt – dass wir mit einem Plattenvertrag in New York arbeiten und Musik machen, die tief in Anatolien verwurzelt ist, aber gleichzeitig ihren Platz in einem globalen Kontext findet. Da wo es auch hingehört.
„Uns fasziniert vor allem die Ästhetik des analogen Sounds.“
What is it that pulls you to this era of music of the 60s and 70s?
Uns fasziniert vor allem die Ästhetik des analogen Sounds – diese Wärme, Tiefe und Direktheit. Gleichzeitig steht bei uns immer die Suche nach einer eigenen musikalischen Sprache im Mittelpunkt. Geschmack und Klangästhetik spielen dabei eine zentrale Rolle. Natürlich ist die Musik dieser Zeit eine große Inspirationsquelle für uns, aber es geht uns nicht um Nostalgie oder Nachahmung. Ganz im Gegenteil: Wir wollen etwas Eigenes schaffen – mit Respekt vor dem, was war, aber mit dem Blick nach vorne.
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Was sind deine schönsten Erinnerungen an deine Kindheit, was die Musik angeht? Welche Künstler und Lieder, sowohl deutsche, internationale als auch türkische, haben dich am meisten beeinflusst?
Meine musikalische Sozialisation fand stark im familiären Kontext statt. Bei uns lief immer Musik – sei es die Plattensammlung meiner Großeltern oder die Kassetten meiner Eltern, die zu jeder Tageszeit liefen. Musik war ein ständiger Begleiter im Alltag. Besonders prägend war die Vielfalt türkischer Genres: von traditioneller Volksmusik über Pop und Rock bis hin zu Arabesque. Diese breite Mischung hat mich tief beeinflusst. Eine besonders schöne Erinnerung sind die Autofahrten zur Musikschule mit meinem Vater. Er hatte immer selbstgebrannte Compilations dabei – das war für mich etwas ganz Besonderes und hat mich musikalisch stark geprägt.
Wenn wir gerade bei musikalischen Prägungen sind: gibt es türkische Bands/Künstler, die wir uns ansehen sollten? Wir sind immer auf der Suche nach neuem Input.
AySay aus Dänemark – ein kurdischsprachiges Trio, die Musik ist sehr eigen, atmosphärisch.. und Meral Polat aus den Niederlanden – eine unglaublich vielseitige Künstlerin. Beide Projekte tragen zur Sichtbarkeit und Weiterentwicklung anatolischer und kurdischer Musik im europäischen Kontext bei.
„Musik verbindet uns einfach.“
Ihr macht jetzt seit fast 10 Jahren zusammen Musik – wie hat sich die Dynamik in eurer Band seitdem verändert?
Unsere Banddynamik hat sich im Laufe der Zeit bestimmt verändert. Es ist schwer, das genau in Worte zu fassen, weil es einfach passiert, ohne dass man es wirklich merkt. Natürlich verändert man sich mit der Zeit, aber das Besondere ist, dass wir uns immer gegenseitig zuhören und die Lebensweisen des anderen respektieren. Es ist einfach dieser natürliche Flow, der es uns ermöglicht, auch mit unterschiedlichen Lebensrealitäten und Orten zu leben und trotzdem zusammenzukommen, um Musik zu machen. Für mich macht das die Band so besonders – Musik verbindet uns einfach.
Für unsere letzte Frage fragen wir immer nach einer untold story – gibt es etwas, dass du noch keinem Interview erzählt hast und jetzt loswerden willst? Das kann eine zufällige Geschichte sein oder ein gutes Album, das Sie kürzlich gehört haben.
… hmm weiß jetzt nicht genau, was ich erzählen soll. Kurz vor dem Albumaufnahmen wo wir noch auf Tour waren, hat mir Graham MushnikDorothy Ashbys Album The Rubáiyát of Dorothy Ashby empfohlen und drauf geschworen, dass ich es lieben werde und dass es genau was für mich wäre… und da kannte Graham mich einfach wirklich zu gut. Seither höre ich das Album immer wieder und hat mich während der Albumproduktion sehr inspiriert. Ich fühle mich sehr wohl in Dorothy Ashbys Stimme und in ihren Melodien.
Fotocredit: Philomena Wolflingseder + Sebastian Madej
CARY nimmt uns auf ihrem Debütalbum Allein oder Einsam auf eineintensiveReise durch persönliche und universelle Gefühlswelten und beschäftigt sich mit Verlusten, Depression, dem Bruch mit der Familie oder Freund:innen – aber auch mit der Hoffnung, dass alles besser werden kann. Warum fühlen wir uns alle so einsam? Und was können wir dagegen tun? Über all das und noch mehr haben wir mit ihr gesprochen.
CARY im Interview
Anna: Hey CARY, als erstes ein kleiner Check-In: Wie geht’s dir gerade?
CARY: Hi Anna, danke der Nachfrage! Mir geht es aktuell sehr gut. Ich genieße und sauge auf. Es gab am Anfang des Writing-Prozesses sehr viel Hürden zu überwältigen. Die Findungsphase und auch die Album- und Tourpromo kommen mit steilen Hindernissen. Jetzt aktuell freue ich mich einfach, dass das Album so gut ankommt, verstanden wird und meine Tour ansteht!
Anna: Willst du dich und dein kommendes Projekt für alle vorstellen, die dich noch nicht kennen?
CARY: Sich selbst vorstellen ist immer so ne Sache. Ich würd sagen: Hört mein Album und kommt Ende Februar zu meinen Tour-Shows in Berlin, Hannover & Leipzig. Danach kennt ihr mich in und auswendig.
Anna: Du machst ja schon seit ein paar Jahren Musik. Ich hab die ersten Sachen so richtig erst 2023mitbekommen, als du Teil der 365XX-Vol.I Reihe warst. Wie bist du zur Musik gekommen und wasbedeutet die 365XX Family für dich?
CARY: Ich mach schon super lange Musik. Ich habe mit sechs angefangen, Klavier zu spielen und mit sieben meine ersten eigenen Songs geschrieben. Als ich mit 12 das erste Mal Whitney Houston und Mariah Carey gehört habe, war für mich klar, dass ich den Großteil meines Lebens mit dem Singen füllen möchte. Dass natürlich neben den Kreativprozessen noch sehr viel Business dazugehört, musste ich dann als Artist erfahren. Mit der 365XX-Family allerdings habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass sich Professionalität und „miteinander lieb umgehen“ überhaupt nicht ausschließen müssen. Lina ist für mittlerweile für mich weitaus mehr geworden. Sie ist Teil meines Management-Teams und eine Freundin. Sie unterstützt mich in allem, wo sie kann und das nun schon seit zwei Jahren. Dafür bin ich sehr dankbar.
„Die Grenze ist nicht klar, sie verschwimmt.“
Anna: In deinem Debütalbum geht es, das sagt der Titel ja schon, um Einsamkeit. Du beschäfigst dich mit vielen traurigen und deepen Themen wie Depression, toxische Beziehungen oder den Verlust von Freundschafen. Dort greifst du auch das Thema Familie auf. Was bedeutet Familie für dich in diesem Zusammenhang?
CARY: Familie bedeutet für mich, vom gleichen Blut zu stammen. Alle, die mir erzählen, dass meine engen Freunde oder Familienmitgliedern von meinen Freunden doch meine Familie sind, weiß einfach nicht, wie es sich anfühlt, keine echte Blutsfamilie mehr bei sich zu haben. Das bedeutet nicht, echte Blutsfamilie auch immer als Familie anzusehen. Aber ich glaube, das größte Glück ist es, ein Blutsfamilienmitglied zu haben, das einen bedingungslos liebt. Ich hatte die Ehre, eine Mama zu haben, die genau das getan hat, mich geliebt. Ich musste sie 2015 gehen lassen und hab das auf meinem Song Ascheverarbeitet.
Anna: Wie definierst du Einsamkeit? Und warum denkst du fühlen so viele von uns diese Emotion so stark und präsent?
CARY: Einsamkeit begleitet mich schon mein Leben lang. Es passiert mir sehr schnell, dass wenn ich alleine bin, ich mich einsam fühle. Die Grenze ist nicht klar, sie verschwimmt. Und manchmal frage ich mich eben: “Bin ich gerade allein oder einsam?” Es ist ein Problem unserer Zeit. Es passiert immer mehr online. Kellner werden Roboter. Der Einkauf passiert über Flink. Wir vereinsamen nach, ohne dass wir es merken. Ich glaube sogar, dass noch viel mehr Menschen dieses Gefühl der Einsamkeit haben, ohne dass sie wissen, dass es sich bei ihrer „schlechten Laune“ gerade um „Einsamkeit“ handelt.
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Anna: In Lena geht es um den Verlust einer sehr engen Freundschaft – wer das schon einmal erlebt hat, weiß, dass der Schmerz anders tief sitzt als der Verlust einer Beziehung. Es ist aber auch Teil vom Älterwerden und sich Weiterentwickeln – wie hast du einen Weg gefunden, mit dem Verlust umzugehen? Was hast du daraus vielleicht auch gelernt?
CARY:Lena und ich haben uns im Prozess des Erwachsenwerdens irgendwie aus den Augen verloren, sind unsere eigenen Wege gegangen und haben vergessen, wie wir eigentlich zusammen waren. So einen richtigen „Cut“ wie bei einer Liebesbeziehung gab es da aber nie. Als ich Lena geschrieben hab, habe ich gemerkt, dass ich dieses Thema unserer zerrissenen Freundschaft lange verdrängt hatte, weil andere Themen akuter waren. Und doch war da etwas in meinem Herzen, dass zu mir gesagt hat, “ich vermisse sie eigentlich”, „wie geht es ihr?“. In dem Moment wusste ich, ich muss ihr nach all den Jahren einfach den Song senden. Es war für mich an der Zeit, ich hatte mich weiterentwickelt und reflektiert. Es ist für mich also nie ein „Verlust“ gewesen, sie war und ist immer noch da.
„Das Schreiben von Songs ist wie Therapie.“
Anna:Hat dir das Schreiben der Songs geholfen, all das zu verarbeiten?
CARY: Das Schreiben von Songs ist wie Therapie. Erst kommt der Schmerz doppelt so schlimm und dann wird es immer besser, weil du auf einmal Zusammenhänge verstehst, warum du so fühlst. Also ja. Ich hab das Glück, mich als Künstlerin sehr viel refektieren zu dürfen und mir Zeit für mich nehmen zu können. Das ist ein großes Privileg und weiß ich zu schätzen. Ich musste aber auch während des Albumprozesses und der wirklich deepen Songthemen aufpassen, dass ich mich nicht zu sehr retraumatsiere. Man verliert sich schnell, wenn so tef taucht, ich habe aber meistens ein Seil mit, um wieder nach oben zu gelangen 😉
Anna:Was sind die größten Erkenntnisse, die du während des Albumprozesses über dich aber auch über den Umgang mit all diesen Themen gezogen hast?
CARY: Als ich das Album angefangen habe zu schreiben, war für mich die Frage: “Was ist der Unterschied zwischen “Allein” und “Einsam”?“ nicht ganz klar. Es war schwammig. Dann, als ich den Titeltrack Allein oder Einsam geschrieben habe, ist mir ganz viel bewusst geworden. Dass sich Einsamkeit aus einem reinen Gefühl, sogar aus einem Hirngespinst zusammensetzt, das einem ganz schön weh tun kann. Mittlerweile hab ich sogar das Gefühl, Einsamkeit etwas besser lenken zu können und mich davor so manchmal zu bewahren, bevor sie eintritt.
Anna: Viele werden dein Album wahrscheinlich hören, wenn sie sich einsam fühlen und es wird sie hoffentlich auffangen können. Welche Artists fangen dich auf, wenn du dich down fühlst?
CARY: Es sind nie die positiven Songs, die mich in meinem Schmerz halten. Viel mehr sind es die, die mich fühlen lassen, dass ich nicht die Einzige mit dem Thema bin. Ich hab im Winter ’23 Crystal F kennen und schätzen gelernt. Er ist ein Künstler, der sehr transparent über seinen Feelings redet, ohne ein Blatt vor dem Mund zu nehmen. Seine Texte berühren, weil sie echt sind. Ich bin 1000fach dankbar, dass er mit Eingefrorenen ein wichtiger Part auf meinem Album ist.
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Anna: Du bringst Allein oder Einsam im Februar auch auf die Bühne! Es wird deine erste Headline-Tour sein – auf was freust du dich am meisten?
CARY: Ich freue mich auf die Bühne und dass ich meine Songs mit anderen Menschen teilen kann. Während des Albumprozesses ist man sehr mit sich, setzt sich alleine mit dunklen Themen auseinander, ist in seinen eigenen Gedanken. Auf der Bühne kann ich dann sehr extrovertiert Gefühle rauslassen und sie mit meinen Zuhörer*Innen teilen und nach der Show dann erfahren, wie es ihnen mit ihren Problemen geht. Zusammen weinen, zusammen tanzen und wissen, dass wir alle nicht alleine sind.
Anna: Die letzte Frage bezieht sich bei uns immer auf eine untold story, etwas, was du in keinem Interview bisher erzählt habt. Gibt es etwas, was du in diesem Kontext noch loswerden möchtest?
CARY: Ein Songwriter sagte mir mal, dass ich doch mal einen heiteren Partysong im Repertoire haben sollte. Wir haben keinen Kontakt mehr.
Hier könnt ihr in CARYs Debütalbum reinhören! Vielleicht fängt es ja den ein oder anderen February-Blues auf 🫂
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Eine Auswahl an Songs, die Anna durch den Januar getragen haben
2024 endete unerwartet zäh und überrumpelnd schnell zu gleich. Die erste Woche in 2025 ist um, und es wurde bereits eine 2 Millionen Unterschriften große Petition für ein Böllerverbot eingereicht. Gar nicht mal so ein schlechter Start. Doch dann wurde Donald Trump ins Präsidenten-Amt eingeführt und sprach schon in seiner ersten Woche von der ethnischen Säuberung Gazas. Alice Weidel war der Meinung, Hitler sei ein linker Kommunist gewesen und schon schaltete sich Elon Musk auf einem AfD-Parteitag dazu – der Wahlkampf hat gerade erst angefangen. Shit is truly running wild.
Und selbst wenn man es schafft, all das irgendwie auszublenden, ist und bleibt der Januar einer der schwierigsten Monate des Jahres, vor allem in Berlin. Alles ist grau und dreckig, unpünktlich und unfreundlich. Das kippt erst, wenn die ersten Kirschbäume anfangen zu blühen und der Frühling so langsam die mürrischen Winter-Wolken aufbricht. Da das noch dauert, muss man bis dahin versuchen, verbissen an der kurz verspürten Neujahrsmotivation festzuhalten und gleichzeitig der hinter jeder Ecke anschleichenden Winterdepression zu entkommen. Das klappt mal mehr, mal weniger. Was aber auf jeden Fall hilft, ist Musik. Und damit sind wir endlich beim Thema.
Hello, Hi January
Little Simz ist die Namensgeberin der „hello, hi january“-Playlist, weil sie es sich mittlerweile schon fast zum Markenzeichen gemacht hat, Musik aus dem Nichts zu veröffentlichten – besonders gerne zum Ende des Jahres. Hello, Hi war am 30.12. veröffentlicht der erste neue Song, den ich mit in 2025 genommen hab. Prägender jedoch ins neue Jahr katapultiert hat mich The Line (from the series Arcane League of Legends) meiner nie enttäuschenden LieblingsbandTwenty One Pilots. Seitdem diese Live-Session existiert, bin ich nicht mehr dieselbe Person.
Ebenfalls verzaubert hat mich das filigrane Gitarrenspiel von Vraell. Perfekt geeignet für die melancholischen Stimmungen, kann man sich eigentliche in die gesamte Diskographie des Londoners fallen lassen. Genauso wie die absolut wunderschöne Magie, die Frankie Stew and Harvey Gunn mit jeden ihrer Songs schaffen. Dann gibt’s noch ein wenig Afrosoul von Juls, Masego und Victony, um tanzen zu können während man aktiv das Weltgeschehen verdrängt. Das kann man auch mit dem neuen und so lang ersehnten Album von Heisskalt, oder meinen all-time favorite und purer Balsam für die Seele Orbit – An NPR Tiny Desk Concert von dem harmonievollsten Duo Dänemarks, Svaneborg Kardyb. Der bunte Mix macht’s, um irgendwie von Tag zu Tag zu kommen.
Vielleicht passt was aus diesem Mix perfekt in euren?
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Es ist 16:30 Uhr und stockduster in Berlin. Eine Kerze brennt auf meinem Wohnzimmertisch, es riecht nach Pumpkin Latte und durch meine Kopfhörer tönt Frankie Stew and Harvey Gunn – nur ein Album von so vielen, das mein Jahr geprägt hat. Book Smartist der erste Song, den ich Anfang des Jahres auf Dauerloop gehört hab und der mich in die komplett verzaubernde Welt der beiden Briten gezogen hat. Es hittet einfach zu sehr: “I’m nearly 30, shit. Maybe I should quit, Maybe I should not do this.”
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…maybe I should? Das frag ich mich seit Jahren. Zwischen Berufswechseln und Burnouts chille ich nun ein Weilchen schon in diesem Vakuum in der Mitte von Dingen und weiß nicht so Recht, wohin oder woher. Doch eins bleibt über die Zeit eine Konstante und wird es auch weiterhin bleiben: die Liebe zur Musik. Ob auf Alben, Konzerten oder im Maileingang von untoldency – 2024 hielt mich Musik bei Sinnen. Es gab dieses Jahr so viele Songs und Alben, die sich in meine Identität gegraben haben, als würden sie schon ewig dort leben. Also wirklich so viele! Wenn ihr wollt, werd ich euch einige davon hier vorstellen. Wenn ihr nicht so viel lesen wollt, könnt ihr sie hier hören. Beides geht auch, klar, und keins davon eh.
“I don’t wanna backslide“
Auch wenn dieser Artikel und die Playlist mit Booksmart starten, ist er nicht mein meistgehörter Song des Jahres. Diese Trophäe geht an, suprise suprise, Twenty One Pilots. Und das absolut zu Recht! Ich hab mich dieses Jahr nicht in Chapell Roan oder Sabrina Carpenter verliebt (sorry), sondern stattdessen meine ewigwährende Liebe zu Tyler Joseph und Josh Dun vertieft. Für die Personen, die mich kennen, wird das absolut keine Überraschung sein. Für die unter euch, die einen meiner Twenty One PilotsDeep Dives gelesen haben, wahrscheinlich auch nicht. Für mich ist die Band aus Ohio, Columbus eine der most underrated Bands überhaupt. Obwohl sie Arenen ausverkaufen und Festivals headlinen, ist für die meisten das Universum, das Tyler und Josh mit jedem Aspekt ihrer Musik erschaffen, völlig unbekannt. Wer ist Clancy? Was ist Trench? Wieso hat der Sänger schwarze Farben auf seinem Hals und Händen? SO VIELE FRAGEN und mindestens genau so viele Antworten.
Das letzte Mal, als ich ausführlich über die Storyline der Alternative Band philosophiert hab, war im März zu ihrer ersten Singleauskopplung Overcompensate. Ich werde noch die Zeit finden, die Theorien, Fakten und Gefühle zum neuen Album schriftlich festzuhalten. Dass ich das in dem halben Jahr seit Albumveröffentlichung nicht geschafft habe, zeugt davon, wie verschlungen ich vom restlichen Leben war. Schnell auf die Hand empfehlen kann ich euch: Backslide, Routines In The Night, Snap Back und At The Risk Of Feeling Dumb. Mit meilenweitem Abstand gewinnt hier aber Backslide. Auf Platz 1 von meinem Spotify Wrapped gekrönt ist es der eine Song, der mich seit Monaten emotional komplett durchwirbelt. Egal, wie oft ich ihn höre oder wann er zufällig angespielt wird, ich gebe meine ganze Seele diesem Song. Der Aufbau, die Lyrics, der musikalische Switch, die Verzweiflung – alles ist perfekt. Und wahnsinnig schwer zu beschreiben. Also hört einfach selbst:
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Dass Clancy mein Top-Album 2024 wird, war schon klar, bevor es überhaupt veröffentlicht wurde. Ein weiteres Album, das ganz weit oben auf der Liste gelandet ist, ist das Debütalbum des palästinensischen, französischen, algerischen und serbischen Künstlers Saint Levant. In Gaza aufgewachsen, hat er mit seiner Debüt-EP From Gaza, With Loveden ersten internationalen Durchbruch erreicht. Saint Levant singt auf Englisch, Französisch und Arabisch und schafft auch was Genres angeht eine so spannende Mischung, dass ich ihm komplett verfallen bin. Sein Debütalbum DEIRA war mein Türöffner für mehr arabische Musik in 2024, etwas, das ich euch wirklich sehr ans Herz legen kann. Es ist Wahnsinn, wie sehr einen etwas berühren kann, was man nicht versteht.
Was ich verstehe, ist der Hype um Fontaines D.C. – die Band aus Irland hat mit ihrem neuen Album Romance und der dazugehörigen Tour alle in meinem Umfeld mitgerissen. Bei mir lief im durchwachsenden April vor allem Starbuster auf Dauer-Repeat, abgelöst von WILLOWs run! Beide Songs haben meine Winterdepression in Schach gehalten, bis sie langsam den aufblühenden Kirschblüten gewichen ist. Das erste Mal die Jacke in der wärmenden Sonne ausziehen ist und bleibt für immer einer der besten Momente im Jahr. Und wenn dann so ganz unerwartete Songs wie Nukho von niemand anderen als Comedy-King Teddy Teclebrhan in der Playlist landen, werden ganz andere Glücksgefühle wach.
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Generell hab ich mich dieses Jahr weiter in Afrosoul und Afrobeat verloren. Genres im Deep-Dive von Künstler*innen zu entdecken, ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Falls ihr auch mal einen Abstecher machen wollt, kann ich euch Artists wie Juls, June Freedom, Tems, Tyla, CKay, Tim Lyresehr empfehlen – fast alle mit einem neuen Album! Ich sags ja, es gab 2024 wirklich so viele gute Alben.
Hit me hard and soft, please.
Darunter auch, ich könnte sie nie vergessen, Billie Eilish. Mittlerweile eine völlige Ikone und ohne weitere Erklärung hält ihr neues Album HIT ME HARD AND SOFTalle Versprechen. Songs wie CHIHIRO, BIRDS OF A FEATHER oder BITTERSUITE schlängen sich durch ihren gesamten Aufbau durch jede emotionale Barriere und lassen einen atemlos zurück. Für mich allein nur deshalb eines der absoluten Highlights des Jahres, weil Billie vor Album-Release keine einzige Single veröffentlicht hat. Und für dieses Erlebnis, das Album wirklich von vorne bis hinten als eine Sammlung komplett neuer und unbekannter Songs zu erfahren, bin ich ihr sehr dankbar. In dem Sog aus wöchentlichen Releases vergisst man schnell, wie es ist, Alben als die Gesamtwerke wahrzunehmen, die sie sind.
Ebenfalls komplett aus dem Nichts kam Ende November Kendrick Lamar mit seinem neuen Album GNX. Es heißt, nicht mal das Label hatte was vom Album gewusst bis kurz vor Veröffentlichung. Es braucht seine Zeit, die Gänze und Tiefe von Kendricks Alben zu erfassen. Klar ist aber, dass wenn die ganze Drake/Kendrick – Debatte bis hier noch keinen klaren Abschluss gefunden hatte, es spätestens mit diesem Album ganz eindeutig ist, wer den amerikanischen Hip Hop dominiert.
(So halb) fließende Überleitung zum nächsten Song, der mich in den letzten Wochen komplett umgehauen hat: Kennedy Space Centervon der Americanism-EP von Post Punk-Duo GAST. Ich hab die beiden auf ihrer ersten Tour live sehen können und bin jetzt noch überzeugter als davor, dass wir hier gerade die Anfängen von etwas ganz Großem beobachten. Die Verzweiflung übers Leben und die Sehnsucht nach Mehr ist in jedem ihrer Songs so unfassbar spürbar, dass man sich am liebsten in den Sound legen und nicht mehr aufstehen möchte. Es hilft vielleicht nicht gegen die grauen Wintergedanken, aber es gibt ihnen immerhin den richtigen Soundtrack.
Purer Balsam für die Seele: WEZN
Ebenfalls in diesen Soundtrack eingereiht hat sich dieses Jahr bei mir All I Have von RY X und das Debütalbum von Singer-Songwriter Mustafa. Und, Wundermittel gegen jedes Wetter und purer Balsam für die ganze Seele: WEZN. Auch wenn sie in diesem Jahresrückblick evtl. ein wenig untergehen, (ich hoffe, jemand von euch liest hier noch mit?), sind sie vielleicht der bedeutendste Teil meines Versuchs, dem Leben mithilfe von Musik einen Sinn zu geben. Das klingt düsterer als es ist, aber die noch fairerweise kleine Band aus Hannover ist der Grund, warum ich nie aufhören werde, nach neuer Musik zu suchen. Es gibt einfach SO VIEL unbekannte Musik da draußen, die darauf wartet, entdeckt zu werden. Bands wie WEZN zuzuschauen (und in meinem Fall direkt mitzuhelfen) wie sie größer werden, hat mir in diesem Jahr so viel mehr Energie und Motivation gegeben, als sie es selbst vielleicht wissen. Hier hab ich schon mal versucht zu beschreiben, was genau WEZN ausmacht. Aber weil die Musik selbst sowieso immer mehr überzeugt als reine Worte, könnt ihr euer ganzes Herz hieran verlieren:
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WEZNs Debütalbum Meet Me In The Middle ist deshalb nicht nur Namensgeber für meinen Jahresrückblick, sondern irgendwie auch für das ganze Jahr. Ich arbeite immer noch auf Nachtzügen nach Stockholm, buche aber nicht mehr die Tour meiner Lieblingsband. Dafür manage ich sie! Ich bin umgezogen, hab mich verliebt, war auf Demos und vielen Festivals, und wurde mir mal wieder sehr vieler meiner eigenen Privilegien bewusst und wie wichtig es ist, sich immer weiterzubilden. 2024 war ein sehr intensives Jahr, Räume für Kultur werden chronisch weggekürzt und universal geglaubte Menschenrechte muss man auf einmal rechtfertigen. Sich zwischen all dem, was in der Welt schief geht, nicht zu verlieren, sondern sich halbwegs glücklich durchs Leben zu navigieren, ist für uns alle jedes Jahr aufs Neue eine Herausforderung. Dieses Jahr war ein wahres Auf und Ab, und in all dem hat mich Musik begleitet. Wenn ihr wollt, könnt ihr hier in eine kleine Auswahl reinhören:
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Und wenn ihr bis hier hin gelesen habt und untoldency generell eine Weile schon verfolgt und gut findet: wir haben jetzt die Möglichkeit geschaffen, dass ihr uns unterstützen könnt! Es ist auch finanziell kein leichtes Jahr gewesen und Musikjournalismus in dem liebevollen Rahmen hier ist leider komplett unbezahlt, deshalb könnt ihr (wenn ihr wollt), uns auf Steady mit monatlich 3,50€ unterstützen. Im Gegenzug bekommt ihr unendliche Liebe & Wertschätzung, Sticker, exklusive Verlosungen und eine monatliche kuratierte Playlist. Es würde uns die Welt bedeuten.