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die neue leichtigkeit präsentiert deutschsprachige Musik – Ausgabe 1

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Die Zeit der grandiosen Split-EPs scheint noch nicht vorbei zu sein, juhu! Wein & Haschisch, Der Frühling und Tom Taschenmesser machen uns ein ganz besonderes Geschenk in der Vorweihnachtszeit. Mit ihrem Kollektiv die neue leichtigkeit bringen sie schon morgen (!) ihre gemeinsame Schallplatte heraus, limitiert auf nur 300 Stück. Unter dem klangvollen Titel „die neue leichtigkeit präsentiert deutschsprachige Musik — Ausgabe 1“ fasst das Kollektiv erstmalig seine nestwarmen Veröffentlichungen zu einem spannenden Gemeinschaftswerk zusammen. Zu finden sind darauf neben der EP „Warten auf den Knall“ von Wein & Haschisch auch die EPs „verstehst du nein gut“ von Tom Taschenmesser und „Tamtam“ von Der Frühling. Über die letzten beiden berichteten wir bei untoldency bereits begeistert.

Die Geschichte der Split-Veröffentlichungen geht weit zurück. Schon früh haben sich Bands die Spielzeit auf LPs oder Kassetten gerne geteilt, um zum Beispiel Produktionskosten zu sparen. In Anbetracht heutiger Debatten rund um den Klimaschutz, spart eine solche Split-LP aber natürlich nicht nur Kosten für die Bands, sondern auch Ressourcen für die Umwelt. Das Ganze ist also von vorn herein schon mal eine tolle Idee, mal ganz abgesehen von der schönen Geste der Wertschätzung, die sich die drei Protagonisten mit diesem gemeinsamen, gleichgestellten Release entgegen bringen. Und dann sieht die Platte auch noch so mega gut aus! Ich bin begeistert.

Bevor ich euch jetzt den Mund wässrig schreibe, habt ihr JETZT die Möglichkeit, die Platte noch schnell vorzubestellen. KLICK HERE. Ihr könnt dann an dieser Stelle direkt weiterlesen, ich warte hier auf euch.


Seite A: Wein & Haschisch — „Warten auf den Knall“

Obwohl es der Bandname anders vermuten lässt, fallen die Songs auf dieser EP zwar noch nicht unter das Betäubungsmittelgesetz, viel fehlt da aber nicht! Sechs berauschende Tracks geben den Startschuss in eine wundervolle Indierockwelt, in der Indie auch Indie bedeutet. Wer auf dieser sanft-aufgekratzten Stimme von Isaak J. Winkeln nicht sofort hängen bleibt, ist wohl dazu verdammt auf ewig nüchtern zu bleiben. Irgendwo zwischen Jeff Buckley und Portugal. The Man, aber auf Deutsch und mit der Attitude eines young Christoph Daums, scheinen die guten Gene auch im ersten Song „Papa war ein Model“ in der Familie zu liegen. Treffsicher im sarkastischen Chorgesang skizziert Wein & Haschisch das Bild der Generation Y&Z und fragt sich, was da noch kommen muss, um uns Kids (lol) von heute bei der Stange zu halten.

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„Warten auf den Knall“, zweiter Track, bringt wie kein anderer die öde, miese und langweilige Zeit des Wartens auf ein Krümelchen Veränderung aufs Band. Die Küchenuhr tickt, die Hand hast du in die Wange gestützt und dein schlechter Atem pustet dir die Haarsträhne aus den müden Äuglein. So oder so ähnlich gehen die Tage ja oft genug vorbei. Und dieser Song ist durch das allmählich sinkende Tempo der beste Soundtrack.

„Ich mag rauchen warum“, ja ich ja auch, aber WARUM denn? Diese und andere essentielle Lebensfragen finden sich in der Hymne des gepflegten Begasens. Eine Antwort gibt es allerdings nicht. Das ist Hedonismus in seiner reinsten Konzentration. Richtig gutes Zeug. Und gleichzeitig die Erinnerung, lieber auch das halbleere Glas zu heben, als das halbvolle unterm Tisch zu verschütten. Einer der tollsten Tracks auf der EP, nicht zuletzt wegen des sehr einprägsamen Groovepatterns von Drums und Bass im Riff.

Richtig deep wird’s dann mit Songs wie „Goldener Sturm“, wo ich nicht sicher sagen kann, ob der Protagonist:in seine:n Geliebte:n am Ende jetzt die Kerzen ausgeblasen hat? Da läuft mir dann kurz der Schauer über den Rücken, der lässt sich aber glücklicherweise durch die üppigen Synth-Landschaften und den heiteren 6/8 Takt des Songs wieder gut wegschunkeln. Die Vergänglichkeit der schönen Dinge und der Wunsch nach sozialem Aufstieg dann verwurschtelt im Surfrockgewand von „St. Tropez“. Toll, wie Wein & Haschisch immer wieder die Kurve zum Augenzwinkern kratzt und trotz teils saukitschiger Textzeilen die Coolness eines Antihelden niemals verliert.


„Heut Abend bitt ich zum Rendezvous
Auf meine Yacht an der Küste aus Azur
Denn ich weiß, du hast auch genug
Davon zu wenig zu schlafen

Zu viel zu malochen
Die Kippe hier kostet dich übrigens 20 Minuten deines Lebens
Aber was willst du tun“


„Warum quälst du dich mein Kind“ ist dann der gebührende Abschluss der Seite A und dieser ikonischen „Warten auf den Knall“-EP. Hier kann man noch mal die außergewöhnliche Vocalperformance bewundern, die an sich einfach schon ein Alleinstellungsmerkmal ist. In einem Pink Floyd-mäßigen Jam-Epos endet dieses Debüt rund um den Themenkomplex Apathie in unserer Gesellschaft, gespickt mit deftigen Portionen Nihilismus und Selbstironie. Schräg, mutig, spannend. Super EP.


Seite B: Tom Taschenmesser — „verstehst du nein gut“
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Das Debüt von Tom Taschenmesser hat mich seinerzeit ja schon komplett aus den Latschen gehauen. Ich muss sagen, dass sich dieser Effekt tatsächlich ständig wiederholt, wenn ich mir die EP von Zeit zu Zeit mal wieder anhöre. Und jetzt kann ich sie sogar auflegen, so richtig schön aufm Sofa mit nem Aperol und einer Zigarette. Hier sei übrigens erwähnt, dass euch nebst geschmackvoller Covergestaltung auch zwei schicke rottransparente Vinylscheiben erwarten, denn das Auge hört ja mit.

Damals in meiner Review beschrieb ich die Songs als eine „alles in Grund und Boden rauschende EP voller Lofi-Sound und Wut im Bauch. Immer auf der Suche nach der Schönheit in ihrer hässlichsten Verkleidung, fließen Toms Texte und Songs wie in einem Bewusstseinsstrom flussabwärts.“ In diesem Bewusstseinsstrom finden wir zum Beispiel mit „Meine Schwestern“ einen heftigen Angriff aufs Patriarchat, der so laut, brutal und erbarmungslos auf all die toxischen Männer eindrischt, dass mir selbst beim Zuhören schon die Testikel wehtun.

Aber Tom Taschenmesser ist kein Grobian, auch wenn er mit seiner Band schon heftig die Hütte abreißen kann. Die Balladen auf dieser EP haben es genau so in sich. So ist „Verzeih dir deine Schönheit“ für mich immer noch ein Paradebeispiel für einfühlsames Storytelling, bei dem ich jedes Wort begierig aufsauge — und jedes davon glaube. Auch ein halbes Jahr nach Veröffentlichung kommt mir immer wieder das Bild vom Apfelkuchen in der Krankenhauscafeteria in den Sinn, der uns allen so viel Trost spenden kann.


„Wir schlendern zurück zu dieser Cafeteria
Ich bestell uns beiden ein Apfelkuchen und sag
Der soll hier wirklich sehr sehr sehr gut sein
Sie sagt: manchmal da hasse ich dich Tom
Und ich sag: ja ich weiß, jetzt halt dein Mund
und beiß da rein“


Tom Taschenmesser ist kurzgesagt ein moderner Geschichtenerzähler mit toller lyrischer Sprache („Niemand kann alle sein“) und derbem, unverblümtem Slang („Maury“). Diese beiden Stilmittel verknüpft er immer wieder einzigartig miteinander. Er erzählt uns in seinen Songs von all den Dingen, die alle anderen rausretuschiert hätten. Thematisch absolut aktuell und dennoch zeitlos, kickt diese EP von hinten in die Kniekehlen. “verstehst du nein gut” hinterlässt einen bleibenden Geschmack mit Suchtfaktor.


Seite C: Der Frühling — „Tamtam“
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Das grande final dieser Ansammlung außergewöhnlicher Musik ist dem Hannoverschen Multitalent Lukas Kurz alias Der Frühling vorbehalten, über dessen EP „Tamtam“ ich ebenfalls in vergangenen Tagen schon berichtete. Er scheint augenscheinlich auch eine Art Bindeglied bei die neue leichtigkeit darzustellen. So kann man dem der Schallplatte beigelegten Textheft entnehmen, dass ihm sowohl die Verantwortung als Drummer, als auch als Mixing Engineer aller drei EPs zu Teil wurde. An dieser Stelle sei ihm also gedankt für den durchweg eigenwilligen, aber sehr eingängigen Sound dieser Compliation.

Auf „Tamtam“ führt uns Der Frühling wie einst Peter Pan zurück in eine Traumwelt, die wir hart arbeitenden Erwachsenen schon lange nicht mehr besucht haben. Dort zeigt er uns mit „Allein zu sein“ beispielsweise, wie himmlisch doch die Zeit mit sich selbst sein kann, lethargisch und gedankenleer. Generell ist von den drei hier vorgestellten EPs diese hier die introvertierteste; intim und ganz nah dran am Ohr. „Du hast das Träumen verlernt mein Schatz“, der wohl schönste Vorwurf dieses Jahr. „Das Dreamen“, ein Appell ans Lockermachen, Liegenbleiben und Treibenlassen im musikalischen Gewand einer Steely Dan-Ballade.

Mit einem schönen Gruß der Hamburger Schule rocken „Bevor du aufstehst“ und „Warten & Starren“ weiter und tauschen die prägnanten Synthesizer der EP gegen E-Gitarren ein. Aber nur kurz, denn „Hauptsache zu spät“ kommt wieder im durchaus gutsitzenden Synthiedress um die Ecke, wenn auch von der Message nicht schwungvoll, sondern eher wie das Schulterzucken des Phlegmatikers in uns.


„Ich werd’ niemals wieder richtig wach
Meine Rauchsäule reicht bis unter’s Dach
Und da bleibt sieh hängen
Da hängt sie gut“


Mit „Ich sag dir alles“ endet dann auch die letzte Seite der Platte. Hier werden wir erneut Zeuge von Der Frühlings Fähigkeit, knackige Aussagen verbrauchergerecht und prägnant in seine Texte zu verpacken. Also so, dass sie auch unbeschadet beim Empfänger ankommen. „Tamtam“ ist ziemlich gut darin, eine innere und verborgene Gefühlswelt behutsam nach außen zu stülpen. Aber scheint die Außenwelt dabei im Gegenzug auch mit jeder Faser aufzusaugen und zu verschlingen. Genauso wie ich diese EP. Ein gelungener Abschluss.


Fazit

Am Ende bleibt mir nur zu sagen, dass ihr euch dieses Werk auf jeden Fall zulegen solltet. Abgesehen von den vielen ungeahnten Bedürfnissen, die die Musik stillen kann, ist die Schallplatte auch einfach ein geiles Weihnachtsgeschenk. DIESE deutschsprachige Musik kennen eure Omas sicherlich noch nicht. Hier bekommt man noch Qualität, ob im Songwriting, in der Produktion oder im Design des Endprodukts. Wenn der physische Release eine Zukunft haben sollte, dann doch bitteschön genau so.

„die neue leichtigkeit präsentiert deutschsprachige Musik Ausgabe 1“ — ich hoffe und freue mich sehr auf Ausgabe 2.

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