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Autor: Lukas
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Lukas‘ Jahresrückblick: Ich höre nur noch Musik, die mich abfuckt
Willkommen zu meinem Jahresrückblick! 2023, was warst du bloß für ein wirrer Rush. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, wirklich zu wenig Zeit zu haben und das nicht immer nur zu sagen. Ich glaube, deswegen erinnere ich mich auch so schlecht an alles, was länger als das die letzte Mahlzeit her ist. Doch fangen wir von vorne an.
Auch wenn Filtern hart ist und das ja auch immer heißt, sich mit sich selbst und seiner Vergangenheit zu beschäftigen (schwierig), möchte ich euch hier ein paar musikalische Highlights präsentieren. Musik hat dieses Jahr vor allem eins: connected. Und das war sehr schön. Ein paar Geschichten:
Im Schein der Schreibtischlampen

Kölsch in der Veedelskneipe Februar. Besuch in der Heimat. Kurz vor Karneval. Im Großraumbüro einer Kölner Grafikagentur hängen bunte Girlanden über den Bildschirmen. Auf der Theke in der Teeküche steht ein Fass Kölsch. Die Ruhe vor dem Sturm, bevor die kollektive Alkoholfahne eine Woche lang durch die Straßen der Domstadt weht. Tagsüber arbeitet in diesem Büro ein alter Schulfreund von mir. Jetzt ist es Nacht und er sitzt mit einer roten Nase neben mir auf dem Bürostuhl. Arschkalt draußen. Kurz ausruhen. Gleich weiter in die Stadt.
Dort, im Halbdunkeln, an diesem Ort, der nachts so seltsam unnütz erscheint, zeigt er mir „Let’s Start Here.“ Das neue Album von Lil Yachty. Und mir wird schmerzhaft bewusst, wie lange wir das hier nicht mehr gemacht haben. Nebeneinandersitzen und uns gegenseitig die neuesten musikalischen Entdeckungen zeigen. „Album des Jahres!!“, überschlägt sich meine Stimme schon nach dem zweiten Song. Im Februar! Und ja, so etwas habe ich wirklich noch nie gehört. Das Album klingt, als hätte der Cloud-Rapper Lil Yachty eine alte Pink Floyd-Vinyl zu einem Hubba-Bubba zerkaut. „Let’s Start Here.“ – ein gutes Motto für den Rest Jahres.
Symptome der Besessenheit

„Ein Auge Blau“ Juni. Im ICE nach Hamburg. Ich sitze im Gang. Im Board-Bistro ist die Kaffeemaschine kaputt. Alle Gerüche der Menschheit sind in diesem Zug wie in einem Vakuum-Beutel konserviert und mischen sich ausgerechnet in meiner Nase. Am Tag zuvor war ich zum ersten Mal seit langer Zeit mal wieder hingefallen, mein Auge war blau und alle Gliedmaßen an den Kontaktpunkten aufgeschürft. Aus dieser Hölle holt mich nichts mehr raus. Dachte ich. Da spawnt das neue Album „WEICH“ des Berliner Rappers Peat in meinen Algorithmus. Es wird das erste von vielen Malen sein, dass ich beim Song „IRGENDWANN WIRD ALLES“ Play drücke und „AM ENDE“ noch so vieles nicht verstanden habe. Und nicht nur mir wird es so gehen. Ich schicke den Link meiner Schwester und ahne nicht, welch schwerwiegenden Folgen das haben wird.
Als meine Schwester und ich uns Monate später wieder sehen, gesteht sie mir, dass sie seitdem NICHTS mehr anderes als dieses Album gehört habe. Und irgendwie hat sie sich verändert. Gesteigerte Selbstironie, unbarmherzige Offenheit und immer wieder diese verstörenden Geschichten aus der Jugend – typische Peat-Symptomatik. Langsam mache ich mir Sorgen. Ich empfehle ihr, einen Spezialisten aufzusuchen.
Selbstverständlich habe ich sie dorthin auch begleitet. So etwas steht man am besten gemeinsam durch. Tja, und da waren wir dann – auf der WEICH-Tour von Peat im Oktober. Geheilt sind wir bis heute nicht.
Ü im Fichtenhain

Pink Lint auf dem ObenAir September. Mitten im Weinberg. Seit meinem Umzug vor einem Jahr, vermisse ich die Mosel und die lieben Menschen von dort schmerzlich. Zum rituellen Wiedersehen treffe ich meine Trierer Freunde ab jetzt jedes Jahr hier, auf dem ObenAir-Festival. Die Luft und die Erde sind noch feucht vom Regenschauer der letzten Nacht. Die Sonne hat sich mittlerweile wieder durch die Wolkendecke gepflügt, bereit die Bühnen des süßesten Festivals Deutschlands schon einmal vorzuwärmen.
Auf einer kleinen Bühne mitten im Fichtenwald spielt Pink Lint am frühen Abend. Einige von euch erinnern sich vielleicht – 2021 hatte ich über sein Album „Ü“ hier eine Review geschrieben. Überall im Wald stehen Liegestühle, in den Nadelbäumen glühen die Lichterketten. Diese Songs dort live zu hören und zu sehen, wie meine besten Freunde an seinen Lippen hängen, werde ich so schnell nicht vergessen. Genau wie den letzten Act des Festivals: Es brennt. Statt auf der Main-Stage spielen Sören und Magnus auf ihrer eigenen Bühne, direkt vorm Weinstand. Gerade mal so groß, dass Magnus mit den Drums oben drauf passt. Und Sören wirbelt mit dem Mikrofon davor, im Publikum. Schon nach dem ersten Song weiß ich nicht mehr, wie ich heiße, wie alt ich bin und wo ich wohne. „Hast du sowas schon mal gehört???“, frage ich kreischend wirklich JEDE PERSON im Mosh-Pit um mich herum. „NEIN!!!“, ist ausnahmslos die Antwort.
Meine Perle

Peat live in Hamburg Ja, und dann war da natürlich noch meine Zeit in Hamburg im Herbst. Ich glaube, ich war noch nie auf so vielen Konzerten in so kurzer Zeit, wie in den zwei Monaten in der Hansestadt – nicht zuletzt auch wegen des Reeperbahn-Festivals. Ganz besonders im Kopf sind mir die Shows von Clipping, Uche Yara, Another Sky und joe unknown geblieben. Mittlerweile wieder in Würzburg angekommen, wirkt die Zeit in Hamburg wie ein Fiebertraum – hier holt mich der Alltag ein, hier hab‘ ich keine Zeit mehr für gar nichts.
In diesem Jahr gab es für mich viel Veränderung und verändert hat sich auch die Art, wie ich Musik höre. Es klingt schlimm, aber meist skippe ich Playlists oder Alben nur noch durch. Hängen bleibe ich mit wenigen Ausnahmen nur dort, wo mich Musik komplett überfährt und mir den letzten Nerv raubt. Ich höre nur noch Musik, die mich abfuckt, Musik, die ich nicht verstehe. Ob das gut oder schlecht ist, muss ich im nächsten Jahr herausfinden. Gefunden habe ich dadurch dieses Jahr jedenfalls zwei sehr spezielle Alben, die ich euch noch ans Herz lege: Zum einen wäre da „Vidrio“ von Titanic. Das mexikanische Jazz-Duo um Cellistin Mabe Fratti hat mit diesem experimentellen Album bei mir einen Volltreffer gelandet – unbedingt anhören. Und zum anderen wäre da Enji. Die mongolische Sängerin mischt auf ihrem zweiten Album „Ulaan“ Volksmusik aus ihrer Heimat mit Jazz – obwohl ich kein Wort verstehe, bin ich damit emotional komplett überfordert.
Darf ich euch das Tschüss anbieten?

1. Platz Alf-Look-Alike-Contest Im letzten Jahresrückblick habe ich mir gewünscht, wieder mehr auf Konzerte zu gehen. Es waren jetzt zum Schluss so viele, dass ich gar nicht nachzählen kann. Ich habe mir auch gewünscht, dass Frank Ocean ein neues Album rausbringt. Ich hätte ihm vielleicht noch eine Erinnerungs-E-Mail schreiben sollen, denn – das hat nicht geklappt. Mein dritter Wunsch war, wieder mehr über Musik zu schreiben. Eigentlich war ich mir sicher, dass zwei der drei Wünsche in Erfüllung gehen werden. Aber das Schreiben für untoldency kam dieses Jahr so kurz, wie nie zuvor. Daher ist es für mich jetzt Zeit, vorerst den Anker zu werfen und mich aus der Redaktion zu verabschieden, bis ich wieder Zeit habe. Ich möchte euch allen danken, fürs Lesen und das liebe Feedback. Dafür, dass ihr dadurch meine beruflichen Pläne maßgeblich umgestaltet habt und ich jetzt endlich das mache, was mir gefällt. Jule, Anna, euch besonders großen Dank für euer Vertrauen und eure viele Arbeit, die ihr in uns und untoldency investiert habt. Gäbe es euch nicht, wäre ich jetzt ganz woanders.
Wir lesen uns. Macht’s gut!
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Nicht verpassen: Peat geht mit seinem Album „WEICH“ auf Tour
Es gibt immer wieder Albumreleases, die nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie eigentlich verdienen. Nichts anderes als eine kleine Sensation ist das im Juni erschienene Album „WEICH“ des Wahlberliner Musikers Peat. Besser spät als nie, möchte ich euch jetzt davon berichten und dem Jahresrückblick ein Highlight aus 2023 vorziehen. Aber das ist noch nicht alles: Peat hat letzte Woche schon wieder eine neue Single veröffentlicht. Diese trägt den Titel „Der September ist noch nicht vorbei“. Außerdem geht er nächste Woche auf Tour.
Mitte Juni sitze ich im ICE nach Hamburg. Also – ich sitze, aber nicht auf einem Platz, sondern auf der Stufenkante der Schiebetür. Aus der Zugtoilette hustet es. Die Tür geht auf, ein Schwall kalter Rauch zieht in den Gang. Ein Kind schreit und tröstet sich mit einem braun gewordenen Apfelschnitz, der mutmaßliche Vater findet Trost in einem kräftigen Schluck aus seiner Bierflasche. So weit, so scheiße, scrolle ich durch meine Playlists – nichts. Nichts, was mich hier rausholen kann.Dann finde ich Peat und sein vor ein paar Stunden releastes Album „WEICH“, ein purer Zufall. Es wird das erste von vielen Malen sein, dass ich beim Song „IRGENDWANN WIRD ALLES“ Play drücke und „AM ENDE“ noch so vieles nicht verstanden habe. Es sind vor allem die Texte, die mühelos die gesamte Aufmerksamkeit ihres Publikums aufsaugen. Sie sind so schonungslos und ehrlich, dass Weghören manchmal die gesündere Option für den Seelenfrieden zu sein scheint. Erwachsene Vernunft hat hier aber keine Chance. „WEICH“ ist das Chaos jugendlicher Gefühle, das Chaos des Internets der 2000er und die säuerliche Essenz dessen, was daran und darin damals unheimlich sein konnte.

Songs wie „MR. RATTENSAU“ oder „DER SCHRECKEN“ lassen uns die Coming-Of-Age-Episode des Lebens einerseits körperlich nachempfinden – bei den wirklich verstörenden Schilderungen andererseits nur als schockierte Gaffer zurück. Dabei ist auch auf „WEICH“ nicht alles apokalyptisch und dem Tode geweiht. Das Album hat nicht selten hoffnungsvolle Momente, wie im sehnsüchtigen Warten des Songs „ZURÜCK“ oder im letzten Stück „AM ENDE“ mit erfreulichen Aussichten: „Alles wird gut, solang‘ ich bei dir bin.“
Die Produktion der Platte ist außerdem bemerkenswert gut. Peat macht alles selbst. Sie ist vielschichtig, komplex und überrascht in nahezu jedem Track mit unerwarteten Wendungen. Akustische Drums und Balkan-Beats. Gitarrensoli und tiefe, sägende Synthesizer. Klavierballaden, ab und zu eine kleine Überdosis Autotune und über allem schwebt irgendwie „Where Is My Mind“ von den Pixies. Am Ende dieses Albums eine wirklich gute Frage.
Auf die WEICHe TourIn der neu erschienenen Single „Der September ist noch nicht vorbei“, dass uns bei früherem Release vielleicht einige Green Day-Alben erspart hätte ;), resümiert Peat: „Ich hab‘ mich echt so gut ich kann abgemüht, doch bis hierhin war das Ganze ja nicht so gut.“ Naja, so bescheiden muss er nun wirklich nicht sein. „Der Oktober bringt mir nur Skelette“ könnte hingegen stimmen, wenn er sein Publikum auf den Oktober-Tourdates ordentlich grillt. Ich mache mich jedenfalls auf alles gefasst.
Zum Schluss möchte ich allen von Herzen empfehlen, diese Shows in Deutschland und Österreich zu besuchen. Da steckt viel Arbeit drin, die honoriert werden will.

Erwischen könnt ihr Peat und seine Crew hier:
17.10. Köln – MTC (mit Taby Pilgrim und Thizzy)
22.10. Hamburg – Häkken (mit Juno 030)
29.10. Wien – B72 (mit Taby Pilgrim)
02.11. Berlin – Schokoladen (mit PSASSA)Fotocredit: Jan Neumann, Enlight
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Nicht verpassen: ‚Es brennt‘ im Oktober 2023 auf Tour
Freunde der Nacht, heute gibt es eine kleine Empfehlung für Zwischendurch. Kürzlich berichteten wir auf untoldency bereits über die neue EP „Es geht wieder schief“ des Duos Es brennt.
Hellauf begeistert können wir nun verkünden: Es geht diesmal nicht schief, denn Es brennt spielt endlich live – und zwar gleich fünf Mal am Stück! Als Support der Leipziger Band Humans As Ornaments sind Sören und Magnus alias Es brennt Ende Oktober vorwiegend in Ost- und Mitteldeutschland unterwegs. Und Leser*innen unserer Review zur EP wissen schon, dass das live einfach anderes Level ist. Dafür lohnt sich die Anreise, egal wo ihr wohnt, ganz fest versprochen.
Hier könnt ihr sie erwischen:
27.10. Chemnitz – Zukunft
28.10. Leipzig – Plaque

Wer an diesen Daten also noch nichts vorhat, sollte sich auf den Weg machen, um die Live-Qualitäten dieser Bands hinterher selbst bezeugen zu können. Und wer schon was anderes geplant hat, sagt das am besten einfach ab. Denn auch die Tourgastgeber von Humans As Ornaments überzeugen mit ihrem Post-Pop-Hardcore auf ganzer Linie. Das wird laut und heiß und euch am Morgen danach einen schönen Muskelkater bescheren, wenn ihr alles richtig gemacht habt. Also hin da!
Fotocredit: Rebecca Krämer, Humans As Ornaments
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Im Rampenlicht: Fheels in Wolfsburg
Unser Autor Lukas hat die Hamburger Band Fheels zu einem ihrer Konzerte nach Wolfsburg begleitet. Ein Konzerterlebnis, das seine Perspektive auf unsere Gesellschaft geändert – aber vorrangig einfach Spaß gemacht hat. Eine Band auf dem steilen Weg zum Durchbruch: Zwischen Barriere und Karriere.
Die Handbremse knarzt als Felix Brückner sie bis zum Anschlag zieht und seinen VW-Bus vor dem Proberaum im Norden Hamburgs parkt. Es ist heiß in der Hansestadt, kein Schietwetter, nur ein paar Wolken spenden Schatten. Ein kleines Podest schmiegt sich surrend an die Schwelle der Seitentür. Mit einer Hand greift Felix nach seinem Rollstuhl hinter sich, gleitet hinein und rollt auf die hydraulische Bühne – nicht die einzige, die er heute befahren wird.
Felix ist 34 Jahre alt. Er ist Sänger und Gitarrist der Hamburger Rockband Fheels. Ein Wortspiel aus „Wheels“ und „Feel“. Fühlen kann er seinen Körper brustabwärts seit dem 17. Lebensjahr nicht mehr. Auf einer Klassenfahrt in Tirol stürzte er mit seinem Snowboard abseits der Piste in die Tiefe. Rückenlandung. Notoperation. Querschnittslähmung.
Welche Rolle spielt der Rollstuhl?
„Hast du alles?“, fragt Keyboarder Tobias unter der Heckklappe des Tourbusses nebendran, der die Band heute zum Konzert nach Wolfsburg chauffiert. Felix reicht ihm das Nötigste nacheinander an: „Meine Gitarre, meinen Koffer, meinen Duschhocker“, bestätigt er. Samt Rollstuhl hievt ihn Schlagzeuger Justus auf die Kante des Siebensitzers. Jede Handbewegung sitzt, ein Ablauf wie einstudiert. Mit einem Klimmzug am Haltegriff schwingt Felix sich auf die Rückbank.
Neben Felix, Tobias und Justus ist da auch noch Jonathan, Justus‘ älterer Bruder. Er spielt Bass und wird erst in Wolfsburg dazustoßen. Kennengelernt haben sie sich an der Hamburg School Of Music, da hat es gefunkt, seit 2015 zunächst als Trio. Tobias stieß an den Keys später hinzu. Live unterstützt sie außerdem Gitarrist Florian so oft es geht. „Ich kann mich ohne Gitarre einfach besser bewegen“, sagt Felix auf der Fahrt durch Niedersachsen. Heute ist Florian nicht dabei.

Bassist Jonathan beim Auftritt in Wolfsburg. 
Felix kurz vor dem Soundcheck. Felix‘ Behinderung habe beim Musikmachen zunächst weder bei ihm noch bei seinen Kollegen eine Rolle gespielt. „Ein Rollstuhl sollte nicht mehr Beachtung finden als eine Brille“, sagt Felix. Die Gefahr, zur Attraktion zu werden, bestehe allerdings schon. „Es kommt natürlich immer darauf an, für was wir Aufmerksamkeit bekommen. Wir möchten sie für unsere Musik, nicht für meine Querschnittslähmung.“ Seine Augen jagen der Landschaft hinter dem Fenster nach. „Trotzdem haben wir als inklusive Band auch einen Auftrag, den wir wahrnehmen wollen. Aber richtig aktiv sind wir erst vor ein paar Jahren geworden.“
In puncto Gleichberechtigung engagiert ist Felix schon unter anderem in der „Initiative Barrierefrei Feiern“. Inklusionsexpert*innen wie er geben dort Workshops für Veranstalter*innen und bieten ihre Expertise zu Themen wie Barrierefreiheit, Inklusion und Awareness an. „Wenn wir auch als Band zeigen, was alles möglich ist, können wir Menschen im Publikum vielleicht von einer neuen Perspektive überzeugen.“
Gut zugänglich
Virtuose Songstrukturen und dicke Riffs helfen Fheels bei der Überzeugungsarbeit. Auf ihrem 2022 erschienenen Debütalbum „Lotus“ verknüpfen sie traditionelle Rockmusik mit modernen Arrangements, technisch auf Topniveau und hochwertig ausproduziert. Das klingt mal nach Radiohead, mal nach Queens of the Stone Age oder den Foo Fighters in ihren fetten Jahren. Dabei verlieren sie vor allem eines nicht aus den Augen: die Eingängigkeit ihrer Songs, die sie bei aller Liebe für Details und unvorhersehbare Abzweigungen der Abläufe gewissermaßen barrierefrei und zugänglich halten. Besonders Songs wie „Mr. Elephant“ oder „Pieces“ haben es dadurch sehr leicht, die Hirnwindungen durch den Gehörgang zu betreten. Und da bleiben sie dann erst einmal.

Das ehemalige Hallenbad in Wolfsburg. Tobias parkt den Tourbus. Das „Hallenbad“ in Wolfsburg liegt neben Wettbüros und Nagelstudios mitten in der Stadt: Ein stillgelegtes Schwimmbad, zur Kulturstätte umgebaut. Hier, im sonst eher kargen Wolfsburg, wirkt die Location ein bisschen wie eine Oase. Bassist Jonathan wartet schon. „Na, kommst du gar nicht raus?“, begrüßt er Felix mit einem frechen Lächeln an der Seitentür. „Rette mich, holder Ritter!“, scherzt der Frontmann zurück, während sie sich zur Begrüßung umarmen.
Es dauert keine zwei Minuten, da eskortiert eine Veranstalterin Felix bereits zum Aufzug. „Klar, Felix hilft mal wieder nicht beim Ausladen“, stichelt sein Bandkollege. Felix wirft ihm eine Kusshand zu, bevor er hinter der Tür des Lifts verschwindet. „Typisch Sänger!“, ruft ihm Jonathan hinterher.
So lang wie ein Volleyballfeld
Für Menschen mit Behinderung ist das Konzert heute Abend gut zu erreichen. Das ist Fheels besonders wichtig. Ein Veranstaltungsbesuch muss bei Um- und Neubauten von Kultureinrichtungen in Deutschland eigentlich barrierefrei möglich sein. Das gilt für Besucher*innen – barrierefreie Bühnen seien aber die absolute Seltenheit. „Diese Hürden machen Menschen mit Behinderung im Kulturbereich unsichtbar“, beginnt Felix und blickt zur Bühne hoch. „Aber wir als Band können es uns auch nicht leisten, deswegen Konzerte abzusagen. Dann würden wir gar nicht mehr spielen.“
Im Saal hat sich mittlerweile der gesamte Inhalt des Tourbusses breitgemacht. Der Haufen aus Kabeln, Trommeln und Gitarrenkoffern erinnert an ein chaotisches Kinderzimmer. „Wir haben dir extra eine Rampe an die Bühne gestellt“, ruft einer der Tontechniker. Felix inspiziert die Anderthalb-Meter-Schanze aus Aluminium, die an der Bühnenkante aufliegt.

Fheels beim Aufbau ihrer Backline. Rechts die Rampe aus Aluminium. Er lächelt. „Das ist lieb. Aber könntet ihr mich bitte trotzdem hochtragen?“ Bei einer hüfthohen Bühne müsste die Rampe etwa 18 Meter messen, so lang wie ein Volleyballfeld. Nur dann käme Felix aus eigener Kraft hinauf. „Ach, die Jungs heben mich auf fast alle Bühnen“, sagt er und winkt routiniert ab. Mit einem „Hau-Ruck“ ist er oben, seine Gitarre auf dem Schoß, bereit für den Soundcheck.
Showdown
Kurz vor dem Auftritt umrundet Felix bereits zum dritten Mal den Tisch im Backstage-Raum. Eigentlich wollte er sich ausruhen, mit niemandem sprechen. Jetzt redet er unentwegt und blubbert ab und zu Luft durch einen Strohhalm in sein Wasserglas: Warm-Up für Stimmlippen und Zwerchfell, eine Stunde Singen will gut vorbereitet sein. „Noch fünf Minuten!“, meldet die Veranstalterin auf dem Flur. Felix, Tobias, Jonathan und Justus machen sich bereit, die Kopfhörer ihrer In-Ear-Systeme im Ohr. In einem Kreis umarmt Felix seine Kollegen, klopft ihnen auf Rücken und Hüfte. Ein letztes Mal vor der Show spricht er ihnen Mut zu, bevor er mit ihnen ins Rampenlicht rollt: „Hals- und Beinbruch, Jungs!“

Tobias (l.) und Felix bei Konzertbeginn. Mit dem Rücken zum Publikum gedreht, spielt Felix das Intro von „Sharp Dressed Animal“ auf seiner E-Gitarre. Ein Zucken fährt durch die Zuschauer*innen, als die Band mit zwei Hits unisono einsetzt, das Licht brennt im Takt dazu auf. Es ist laut. Der Sound sitzt. Immer mehr Menschen im Raum lockern ihre Gliedmaßen und tanzen – der Funke springt über, nicht zuletzt wegen Felix‘ sympathischen Ansagen. Dabei ist er nicht der geborene Frontmann, wie er im Vorfeld erzählt, keine Rampensau. Er sei da reingewachsen.
Nicht nur die Songs des aktuellen Albums funktionieren live, „Toyboy“ von ihrer 2017 erschienenen EP „Traveller“ klingt sogar besser als auf der Aufnahme. Alle Musiker auf der Bühne sind synchronisiert auf das Uhrwerk im Hintergrund: Justus, der mit seinem dynamischen Schlagzeug den Saal zum Schaukeln bringt. „Toyboy“ fetzt, die Off-Beat-Einsätze von Tobias‘ Orgel und Felix‘ Gitarre passen wie angegossen auf das Bassriff von Jonathan und machen den Song zu einem Highlight des Abends, der alle noch so schüchternen Fans auftaut. Gehen lassen möchte hier Fheels heute eigentlich niemand mehr. Der Schlussakkord hallt noch nach, die Menge dankt mit Jubel und Applaus und Felix rollt noch einmal ans Mikrofon: „Wenn ihr eine Zugabe wollt, müsst ihr schon ein bisschen lauter schreien, bevor es zu spät ist. Noch einmal tragen mich die Jungs nicht die Bühne hoch!“

Tobias an den Keys. 
Justus am Schagzeug. 
Ein glückliche Band bei Konzertende. 
Fheels live im Hallenbad Wolfsburg 
Fheels live im Hallenbad Wolfsburg Wer Lust bekommen hat, Fheels auch einmal live zu erleben: Am 01.12.2023 spielt die Band in der Hebebühne in Hamburg. Bis dahin hier ein musikalischer Vorgeschmack:
Fotocredit: Lukas Harth
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Manege frei: Rolfie und sein „Zirkus Blumig“ sind in der Stadt
Lieber Herr Blumig, an dieser Stelle erst einmal ein großes SORRY. Wir hätten dich hier schon viel früher vorstellen sollen.
Nicht nur das neue Album „Zirkus Blumig“ des Leipziger Musikers Rolf Blumig ist eine Attraktion in der Manege. Auch der Vorgänger „Rolfie lebt“ war eine akustische Sensation. An die Promo-Mail seines Labels Staatsakt erinnere ich mich jedes Mal gerne: „Meine Damen und Herren, darf ich vorstellen: Rolf Blumig, Ihr neuer Lieblingskünstler“.
Us (us us) and them (them them)In gewisser Hinsicht war das absolut richtig vorausgesagt, zumindest war ich damals im positiven geschockt von der ersten Single „1000 Thomas“: südamerikanisch angeswingter Anti-Rock mit einer schauerlichen Vision einer geklonten Thomas-Gottschalk-Armee. Wirklich wild.
Für weit aufgerissene Augen und feuchte Handflächen sorgt jetzt auch sein zweites Werk „Zirkus Blumig“. Das liegt vor allem an Rolfies Fähigkeit, für Überraschungen zu sorgen. Wie in den ersten Takten des Openers „Liebe ist überall“, der mit einem ungewöhnlichen Chorarrangement eröffnet. Ungewöhnlich deshalb, weil hier ausnahmsweise mal von schönen Terzen abgesehen wird und sich die Harmonien so richtig schön reiben. GÄN-SE-HAUT. Naja, vielleicht für jemand, der hauptsächlich mit den Prinzen und den Wise Guys musikalisch sozialisiert wurde. So wie ich. Natürlich bleibt danach noch genügend Zeit, um Pink Floyd mal zu zeigen, wie Gitarrenmusik richtig funktioniert. Fast pünktlich zum 50. Geburtstag von „Dark Side of the Moon“. Dieses unverhofft frühe Rendezvous mit einem Gitarrensolo vor Anbruch der zweiten Songminute ist mindestens genau so episch wie die Soli der Altrocker, allerdings weniger pathetisch.
Harte Zärtlichkeiten
Betrachten wir Titelliste, geht es ähnlich positiv gestimmt zum zweiten Song: „Fiderallala“. Das klingt nach Vogelhochzeit. Das muss heile Welt sein. Nur leider stimmt das nicht. Pauschaltourismus, Billigreisen und masochistische Gewaltfantasien: Das gehört in Blumigs Welt einfach zusammen. Eine Szene unangenehmer als die andere vor einer hübschen All-inclusive-Kulisse. Das lässige Indiepop-Mäntelchen, das der Leipziger dieser Tabuzone überwirft, setzt der Zynik die Krone auf. Da weiß ich gar nicht, was ich noch sagen soll. Außer toll natürlich.
„Ich ess’ den Monat nichts,
dann fahren wir auf Fuerte
Doch sind wa vom Buffet weg,
gibst du mir die Gerte“
„Cornern“, zu Deutsch etwa „herumlungern“, klingt wie ein zärtlicher Kuss von Mac DeMarco und Kevin Parker von Tame Impala. So, als hätten diese beiden dann anschließend ganz verliebt eine Session zusammen aufgenommen: In alle Richtungen verbogene Akkorde treffen analoge Synthesizer und drei Meter hohe Gitarrenwände. Die Ghost Notes der Snare im Chorus von „Mit dir“ sorgen hingegen für ein beschwingteres Kopfnicken. Ich fühle mich hier sehr an Grizzly Bear erinnert, jedes Instrument macht sein Ding, aber alles fließt ineinander. Die romantische Vorstellung, eng umschlungen mit einer geliebten Person in ein paar tausend Jahren als Fossilien ausgegraben zu werden, wird hier zu so etwas ähnlichem wie ein Liebeslied. Das ist erfrischend und irgendwie süß.
Premiumheu für euch alleDurch die brütende Hitze irgendwo in der nordafrikanischen Wüste schleppt sich „Sicherheit“ zur nächsten Oase, zumindest klingen die Gitarrenriffs und das King-Size-Bett von einem Basston sehr nach Sahara-Rockbands wie Tinariwen oder Tamikrest. Rolfie karikiert im Text vermutlich das Sicherheitsbedürfnis des rechten Randes im Joggingdress, gekrönt mit der Krone aus dem Happy Meal. Vermutlich — denn was das alles genau zu bedeuten hat, bleibt angenehm ungewiss. Eine Sicherheit gibt es: beim Hören fängt das Gehirn mal wieder an zu arbeiten.
Richtig ausgefuchst wird es beim Song „Premiumheu für Maxi“. Dieses Highlight des Albums ist eine bitterböse Millieustudie, in der sowohl die blondierte Angelika, die glatzköpfigen Gestalten in der Kneipe und Tim aus dem Bio-Supermarkt von Dr. Blumig untersucht werden. Neugierig aufgeschnappte Gesprächsfetzen fädelt er uns da geschickt auf die Kette. In diesem Puzzle passt zwar kein Teil richtig ineinander, aber Rolf Blumig drückt sie mit Gewalt einfach da rein, wo sie ihm gefallen. Zum Schluss ergibt sich trotzdem ein Bild. Vielleicht ein viel interessanteres.
„Die Welt ist schlecht, die Bar ist voll
Und drinnen sabbern alte Ois
Der Kopf ist kahl, das Bier ist schal
Das immer ewig selbe HamsterradDoch wer soll die Couch bezahlen?
Das Pack, was sie näht?
Das Pack, was sie trägt?
Ja, drei Mal kannst raten, wa?“
Living in PeaceIm letzten Song des Albums werden alle Kitschkanonen zum finalen Schlag in Stellung gebracht. Ich bin so dermaßen verwirrt allein schon vom Anfang, wo hat Rolf Blumig auf einmal dieses Orchester her? Und warum klingt genau so wie bei Night of the Proms im britischen Fernsehen? „Ja zum Leben“, ein letzter zynischer Gruß dieses beeindruckenden Albums, ist eine kleine Liebeserklärung an die schönste Nebensache der Welt: Nein, nicht Sex! Fußball! Und dann auch noch im Ruhrpott. Ab und zu ein kleines musikalisches Zitat aus Lennons „Imagine“ — da hat Rolf Blumig doch wirklich nicht zu tief in die Effekt-Besteckschublade gegriffen und diesem einzigartigen Lebensgefühl angemessen gehuldigt. Da holt er wirklich jede*n nochmal mit ab, wenns um Fußball geht, dann wird’s einfach emotional.
Im „Zirkus Blumig“ hat also wirklich jede noch so kuriose Attraktion ihren Platz gefunden. Erzählt und ausgewählt vom kaum zu fassenden Direktor, Rolf Blumig himself. Die Miniaturen, die er uns in jedem Song nahelegt, schmerzen, oft sind sie knallhart. Manchmal will man gar nicht hinsehen. Rolf Blumigs Charaktere sind quasi die Einrad-Artisten beim Drahtseilakt. Musikalisch serviert er ein 1a produziertes Rockalbum mit viel Platz auf den Gehwegen neben dem Mainstream. Das Ganze eingespielt von seiner topbesetzten Zirkuskapelle, die die Darbietungen noch einmal spannender machen. Aus Deutschland habe ich so etwas noch nie gehört. Weltsensation! Weltsensation! Go and grab a copy!
Fotocredit: Nathalie Valeska Schüler
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Lukas‘ Jahresrückblick: Das Jahr, in dem ich das Schreiben zum Beruf machte
Hallo. Auch dieses Jahr darf ich mich an einem Jahresrückblick versuchen.
An die erste Hälfte des Jahres kann ich mich kaum erinnern. Wie hinter Milchglas sehe ich verschwommen noch die ein oder andere Erinnerung. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Tage sich vor Juni alle mehr oder weniger glichen, bevor dann in der zweiten Hälfte des Jahres noch einmal richtig Schwung in die Kiste kam. Dafür ist, um es kurz zu machen, untoldency verantwortlich.Ja. Richtig. Die schicksalhafte Fügung meiner zweiten Jahreshälfte habe ich ganz allein untoldency zu „verdanken“. Jetzt kommt hier mal alles auf den Tisch. Denn ich habe wegen untoldency jetzt weder Geld noch Freizeit. Außerdem lebe ich seit drei Monaten in Bayern. IN BAYERN!!!!!!!
Sorry. Musste mir gerade die Tränen abtupfen.
Wie konnte es dazu kommen? Wie einige vielleicht wissen, feiert untoldency dieses Jahr das zweijährige Bestehen. Konfetti, Sekt, Buttercremetorte. Als kleiner Bub, also vor zwei Jahren, bewarb ich mich, grün hinter den Ohren, mit einer E-Mail bei den Chefinnen Anna und Jule. „Ich will auch mal was schreiben“, schrieb ich und zurück kam: „wenns unbedingt sein muss, okay“. Geil! Ich tippte mir die Finger wund: erste Review, erstes Interview, erster Feuilletonartikel — und es machte mir verrückt viel Spaß. So viel Spaß, dass mein eigentlicher Job, also der, durch den ich mir etwas zu Essen kaufen kann, immer uninteressanter wurde.
Es gibt verpasste Chancen im Leben. Davon habe ich schon einige gesammelt und fein säuberlich in meiner Vitrine der Schande ausgestellt. Diese hier sollte nicht dazu gehören. Ihr müsst wissen: ich bin mittlerweile 27 Jahre alt. Mir fallen an zwei Stellen gleichzeitig am Kopf die Haare aus. Ich habe Knieschmerzen, wenn mein Fahrradsattel nicht perfekt eingestellt ist. Manchmal rieche ich nach Rentner. Ich weiß nicht genau, an welcher Körperstelle. Der Duft verflüchtigt sich binnen Sekunden, ich kann ihn nicht aufspüren. Kurz: Ich stehe mit einem Bein im Grab. Mein Leben ist gelebt. Das ist okay.
A rush of blood to my head
Doch dann: im Frühjahr las ich eine Stellenanzeige eines großen Musikmagazins: „Praktikant gesucht“. Ich war nervös. Noch zwei Tage bis zur Deadline. Bei Zusage hieße das: Job kündigen, Stadt verlassen, Neuanfang. Der Gedanke daran ließ mich kaum noch los. Ich war wie im Rausch. Ich muss es versuchen!
Ich bewarb mich nicht.
Loser.Allerdings wollte der Funke in meinem Motor der Selbstverwirklichung wieder zündeln. Und dann ging alles ganz schnell. An der Uni beworben, angenommen worden, umgezogen.
Ich studiere jetzt Journalismus in Bayern. Konfetti, Sekt, und so weiter.
Ich werde damit fertig sein, wenn alle meine Freunde Kinder haben und überlegen, wie sie ihre Doppelgarage am besten finanzieren. Und es ist mir egal! Aber Leute, ich sage euch: gäbe es untoldency nicht, wäre ich unzufrieden und mit schmerzenden Knien immer noch am selben Fleck stehengeblieben, auf ewig. Dafür, dass dem nicht so ist, ganz unironisch: Danke.
Ihr habt bestimmt noch gar nicht bemerkt, dass es bisher in keinem einzigen Satz um Musik ging. Gut! Dann hat das Ablenkungsmanöver geklappt. Ich werde nämlich wieder total irre bei dem Gedanken, die besten Platten und Songs des Jahres so halbwegs zu sortieren. Ich habe langsam das Gefühl: das will doch auch niemand mehr lesen. Ich klatsche euch hier meine Top 10 hin, ihr werdet es brav lesen, klar. Nur: die eine Hälfte kennt ihr nicht. Die andere Hälfte fandet ihr scheiße. Mehrwert = Null.
Deswegen kommen jetzt hier erstmal drei kleine Kapitel aus meinem musikalischen Jahr 2022. Viel Spaß <3
Kapitel 1: Chang Hyun und die Frau im Regen
Ich hatte im Frühling zum ersten Mal Covid. Eingefangen habe ich mir diese widerliche Seuche auf einem Konzert meiner eigenen Band. Der Preis für 45 Minuten Ruhm und Ehre. Toll. Nachdem ich mich wieder einmal wütend in den verschwitzten Laken hin und her gewälzt und die schlimmsten Flüche heiser in mein Kopfkissen gebrüllt hatte, fasste ich einen Entschluss: ich bestelle mir ein MUBI-Abo, weil bei Netflix einfach nix mehr läuft. MUBI: die Spielwiese der Cineasten und Cinephilen. Arthouse- und Autorenfilme, soweit das Auge reicht. Streaming für Feinschmecker.
Wie mich. Zwinker.Es ist zwar leider so, dass ich die Hälfte der dort gezeigten Filme nicht verstehe. Aber das macht nichts. Jeder einzelne Film, den ich mir ansah, war der beste Film aller Zeiten. Unter anderem der koreanische Thriller „살인의 추억“ („Memories of Murder“) des Regisseurs Bong Joon-ho, den ihr vielleicht von „Parasite“ schon kennt. „Memories of Murder“ ist ein toller Film über zwei mehr oder weniger sympathische Polizisten, die im Südkorea der 1980er Jahre einem Serienmörder auf den Fersen sind.
Um mich geschehen war es, als Chang Hyun mit seinem souligen Rocksong „빗속의 여인“ („bis-sog-ui yeoin“ — „Frau im Regen“) einige Szenen des Films untermalte. Durch seine unvorhersehbaren, aber subtilen Stopps und Rhythmuswechsel, macht er den Thriller auch ohne Bilder spannend. Ich glaube, das ist einer der besten Songs, die ich je gehört habe. Vor allem in dem Moment, wenn es im Film anfängt zu regnen, die Frau die Wäsche abnimmt, die Aufstände von der Polizei brutal niedergeschlagen werden und das nächste Opfer des Mörders ahnungslos durch den Regen nach Hause läuft: Gänsehaut. Dieser Song ist ein Highlight meines Jahres, trotz des hohen Alters.
Kapitel 2: Anxious und ein Call aus den 2000ern
Die 2000er haben angerufen? Ja. Weil sie neidisch sind.
Ich gebe es öffentlich zu: ich lasse mich gerne in bessere Zeiten zurückversetzen. Und mit voller Wucht schafft das der Song „Call From You“ der US-amerikanischen Band Anxious. Dieser 2022 erschienene Song klingt wie eine erwachsene Version meiner musikalischen Idole aus den 2000ern: My Chemical Romance, Yellowcard, Fall Out Boy und so weiter. Klar, Pop-Punk ist wieder in und so, aber mussten sie es gleich so viel besser machen?!Wirklich umgehauen hat mich die Stimme des Sängers Grady Allen. Soft und roh, die Übergänge sind fließend. Der Text, der so unpoetisch und gleichermaßen total lyrisch daherkommt, schockiert mich jedes Mal durch die filterlose Ehrlichkeit. Beide Seiten dieses Beziehungs-Dilemmas sind für mich nachzuvollziehen, ich fühle es mit. Fühlen. Das ist es, was diese Musik unglaublich gut vermittelt.
Ich habe versucht meine äußerst authentischen Emo-Utensilien bei meinen Eltern wiederzufinden, bisher fand ich nur meinen „Pali“. Die schwarze Militär-Umhängetasche mit den Patches ist nach wie vor verschollen. Vielleicht besser so. Diese ganzen Dinge brauche ich nämlich gar nicht mehr. Das Debutalbum „Little Green House“ von Anxious bringt alles mit, um die Zeitreise gebührend anzutreten.
Kapitel 3: Jan Müller und die furchtbare Prophezeiung
Muss kurz lachen, denn „und die furchtbare Prophezeiung“ könnte genau so gut eine neue Folge der Drei ??? sein. Leider ist die ganze Sache überhaupt nicht lustig und das Lachen bleibt mir im Halse stecken. Denn als ich im Januar mit Jan Müller, dem Bassisten von Tocotronic, über deren neues Album „Nie wieder Krieg“ im Interview sprach, war von dem menschenrechtsverletzenden Angriffskrieg Putins gegen die Ukraine noch keine Rede. Und genau dieser seltsame Umstand, die Vorhersage und die anschließende Trostspende dieses Albums, macht es für mich zu einem Highlight des Jahres. Auch wenn es kein positives ist.
Dieses Gespräch wirkt im Nachhinein so unwirklich auf mich. Wenn ich bedenke, dass nicht mal einen Monat nach Veröffentlichung des Interviews über den Einmarsch Russlands berichtet wurde. Das tut weh und versetzt mich in den ganz unsicheren Februar 2022 zurück, den ich niemals vergessen werde. „Nie wieder Krieg“ von Tocotronic ist die einzige Linderung.
Ich hoffe, dass diese ganze Scheiße bald ein Ende hat.
Die weiteren Aussichten
Jetzt kommt dann der Punkt, an dem ich mir für das nächste Jahr noch etwas wünschen darf. Ich möchte wieder mehr auf Konzerte gehen. Ich möchte, dass Frank Ocean ein neues Album macht. Ich möchte auch wieder viel mehr über Musik schreiben. Leider kam das im Stress der letzten Monate viel zu kurz. Bei zwei von diesen drei Dingen bin ich mir sicher, dass es klappt. Außerdem möchte ich von Herzen Danke sagen: an die Redaktion, an Jule und Anna und natürlich an euch, fürs Lesen. Ich habe wegen euch das Schreiben zum Beruf gemacht.
Schöne Feiertage! Legt was schönes auf und lasst es euch gut gehen.Showdown
So, und weil man manchmal eben auch schreiben muss, was niemand lesen will, gibt es hier natürlich noch die Top 10 meiner Lieblingsalben dieses Jahr. Da lass ich mich doch nicht lumpen.
Wir starten bei Platz 10:
- Bilderbuch – Gelb ist das Feld
… ist das erste Album dieser Band, mit dem ich so richtig etwas anfangen kann. Cooles Rockalbum. „Schwarzes Karma“ war der meistgespielte Song dieses Jahr — richtige Wumme. - Anxious – Little Green House
… habe ich oben schon erwähnt. Emo-Pop-Punk wie früher, nur besser. - Mitski – Laurel Hell
… ist musikalisch anspruchsvoll und genau die Sorte Pop, die ich sehr sehr liebe. „Working for the Knife“ oder „Stay Soft“ stellen das unter Beweis. - Oliver Sim – Hideous Bastard
… versetzte mich wieder in meiner Teenagerzeit, als wir das Debüt von The XX in Dauerschleife gehört haben. XX-Sänger Oliver Sim begeistert mich mit seiner Stimme und den düsteren Arrangements seiner Tracks. - Regina Spektor – Home, before and after
… viel zu spät entdeckt, aber in der letzten Minute noch auf der 6 eingestiegen. Diese Frau weiß, wie man hervorragende Popsongs schreibt. Und das nicht erst seit dem Titelsong von „Orange is the new Black“. - alt-J – The Dream
… hatte ich zwischenzeitlich fast wieder vergessen. Dabei ist es vielleicht das beste Album des Trios. Die Transition in „Chicago“ lässt mich jedes Mal vor Ehrfurcht erblassen. - Sorry – Anywhere but here
… ist einfach von vorne bis hinten gelungen. „Key to the City“ ist einer der besten Songs des Jahres. Harmonisch interessant und sehr abwechslungsreich, hier und da grüßen auch mal die Beatles. - PVA – Blush
… dunkle Materie gemixt mit Post-Punk, Electro und Hyper-Pop. East Londons neue Geheimwaffe und frischer Wind im mittlerweile mainstreamigen Post-Punk-Geschäft. Übrigens auch live gesehen: geil! - Black Country, New Road – Ants from up here
… ist das traurige letzte Album dieser Formation. Leider hat Sänger Isaac Woods die Band verlassen. Das Album ist sagenhaft gut. „Concorde“ oder „Basketball Shoes“ zeigen ihr Können. - Jockstrap – I love you Jennifer B
… kann ich nur ganz schwer einordnen. Und das ist ein gutes Zeichen. Ich begreife ganz viele Sachen hier noch nicht. Alles was ich weiß: was sind das bitte für wunderschöne Melodien. Und diese Sounds. Keine Ahnung. Verdiente Gewinner*in.
Das alles noch mehr gibt es in dieser Spotify-Playlist, danke für eure Aufmerksamkeit!
- Bilderbuch – Gelb ist das Feld
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Southstar vs. Robin Schulz — ist der Shitstorm gerecht?
Southstar vs. Robin Schulz, was ist da los? Bewegt man sich dieser Tage in bestimmten Kreisen der sozialen Medien, könnte der Aufschrei, der dort durch die Reihen geht, kaum lauter sein. Es sieht alles ganz danach aus, als habe der Dance-Gigant Robin Schulz doch tatsächlich den Song „Miss You“ des Berliner Newcomers Southstar dreist geklaut. Die Bubble um Southstar reagiert hart und zeigt kein Erbarmen gegenüber dem mittlerweile weltbekannten DJ Robin Schulz. Viele Musiker*innen wie Bausa, Ahzumjot oder Paula Hartmann solidarisierten sich sehr früh mit Southstar und kennen kein Pardon, wenn es um die Urheberrechte des jungen DJs geht.
Doch ist die Sache wirklich so klar? Als ich die Geschichte das erste Mal hörte, wollte ich einerseits mit einstimmen. So eine Schweinerei, was soll das? Andererseits gibt es halt leider auch überall nur die eine Seite der Story zu hören und obendrein so gar keine Fakten.
Ein kleiner RückblickWas bisher geschah: Der junge Techno-Produzent Southstar veröffentlichte am 30.07.2022 seinen neuen Track „Miss You“ auf Spotify (Erstrelease am 09.05.2022 – vielen Dank für den Hinweis). In diesem verarbeitet er ein Sample des Songs „Jerk“ von Oliver Tree zu einem schnellen 90s-Techno-Remix. Quelle dieses Songs auf Spotify ist das Label B1 Recordings, das vom renommierten Produzenten Wolfgang Boss gegründet wurde und mittlerweile zu Sony zu gehört. Große Nummer. Nun gut. Im Netz gab es viel Lob, Yung Hurn teilte den Song, 1live spielte ihn im Radio. Das ist ein toller Start für einen Song, der eigentlich schon über einen Monat zuvor released wurde. Wie man in diversen Kommentaren auf Instagram und Youtube nachlesen kann, loben zwar viele Fans den Song, bemängeln aber immer wieder die schlechte Qualität auf Spotify im Gegensatz zur „alten Version“.
Wir spulen eine Woche vor: Es ist Freitag, der 05.08.2022. Ein dem Dance-Genre ganz und gar nicht unbekannter Robin Schulz veröffentlichte zusammen mit Oliver Tree seinen neuen Track „Miss You“ über Atlantic Records. Ehh, Moment mal? Tatsächlich überschneiden sich bei den beiden Songs nicht nur die Namen, sondern auch so gut wie alles andere. Das Vocalsample, das Piano, das Tempo, der Songaufbau: identisch. Rhythmus und Feeling: identisch. Lediglich die Drums klingen etwas anders und die Qualität des Masterings scheint etwas besser zu sein. Was ist denn hier los? Hat Robin Schulz da etwa den Song des aufstrebenden Newcomers einfach so geklaut?
Möglich ist das natürlich. Aber jetzt direkt jemanden verurteilen, ohne seinen Standpunkt zu kennen? Mir kommen Zweifel. Nicht, weil ich Robin Schulz für Mutter Theresa halte. Aber weil der Diebstahl zu plump und das ganze Drumherum so seltsam ist. Es gibt nicht einmal Promo oder Werbung für „Miss You“ auf Schulz‘ Kanälen.
Das riecht doch nach…Was mich zunächst stutzig macht: Warum veröffentlicht Robin Schulz den Song gemeinsam mit Oliver Tree, dem Urheber des Original Samples, Southstar hingegen nicht? Wirft man einen Blick in die Credits der Southstar-Version auf Spotify, sind dort zumindest Oliver Tree und zwei weitere Songwriter aufgeführt. Seltsam finde ich aber, dass ausgerechnet Robin Schulz offenbar mit einem vermeintlich geklauten Song die offizielle Kollaboration mit Oliver Tree an den Start brachte. Warum konnte Southstar das nicht schon in seinem Release offiziell machen?
Liegt es daran, dass Southstar als Newcomer nicht über die nötigen Kontakte verfügt, um so eine Collab an Land zu ziehen? Wohl kaum, denn hinter dem Label B1 Recordings steckt nicht irgendwer, sondern einer der erfolgreichsten Musikproduzenten Deutschlands, Wolfgang Boss. Dieser produzierte Hits wie „Dragostea den tei“, „Alors on danse“, „Somebody that I used to know“ und etliche weitere Chartbreaker — also sicherlich jemand mit Einfluss in der Branche. Das befleckt für meinen Geschmack auch so ein bisschen das Image des total unbekannten Newcomers. Das hier ist mit Sicherheit kein underground selfmade release, das riecht nach industry plant.
Bei Diffus lese ich außerdem, dass Robin Schulz den Song „Miss You“ bereits in seinen Live-Sets prominent platziert habe, und das lange vor offiziellem Release beider Versionen. Das heißt, eine Verbindung besteht hier augenscheinlich schon länger. Aber kann es wirklich sein, dass eine Branchengröße wie Robin Schulz, samt Label und Management, einen geklauten Song fast 1:1 unter eigenem Namen veröffentlicht, ohne mit den Konsequenzen zu rechnen? Und, hat er das nötig?
David gegen Goliath?Es kommt mir irgendwie nicht plausibel vor. Natürlich wird in der kommerziellen Popbranche geklaut, zuletzt ist erst Ed Sheeran der Urheberrechtsverletzung bezichtigt worden. Allerdings kam mir das immer viel subtiler vor, als in unserem Beispiel hier. Auch weil „Miss You“ vor dem Skandal schon Welle machte und eigentlich zu bekannt war.
Der Shitstorm gegen Schulz ist bereits im vollen Gange und jetzt wohl nicht mehr aufzuhalten. Aber findet ihr es nicht auch schade, dass hier jetzt jemand vollkommen niedergetrampelt wird, ohne dass wir je ein Wort von ihm dazu gehört haben? Solange es keine Fakten gibt, ist ein Shitstorm dieser Art, ehrlich gesagt, verantwortungslos. Denn behaupten können Southstar und sein Major-Label erstmal vieles.
Bevor wir also mit engelsgleichen Stimmen in den Shitstorm des Jahrhunderts einstimmen, sollten folgende Fragen besser mal schnell geklärt werden:
- Wer ist der Urheber dieses Remixes? Könnte es vielleicht sein, dass Southstar und Robin Schulz beide daran beteiligt waren? Somit läge die Schuld schon nicht mehr nur auf einer Seite.
- Könnte es vielleicht auch sein, dass ein gemeinsamer Release von Southstar, Robin Schulz und Oliver Tree geplant war und irgendetwas dazwischen gekommen ist? Vielleicht hat eine der Parteien ihr Wort gebrochen und ein eigenes Ding durchgezogen?
Nur wer?Für den Robin Hood in uns ist hier sicherlich der mächtige, erfolgreiche DJ Robin Schulz der Fuchs im Hühnerstall. Solange das aber nicht bewiesen ist, sollte man sich vielleicht nicht allzu laut am Geschrei der Masse beteiligen, sondern lieber abwarten, was da noch so kommt.
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Exklusive Videopremiere: DAVEE DEE und „Zellophan“
Liebe Leser*innen,
heute feiern wir die Videopremiere von „Zellophan“ von DAVEE DEE! Der Leipziger Musiker serviert uns nach seiner im Juni erschienenen Single „Liebe Grüße“ schon die zweite Single samt Video dieses Jahr. Im Fokus steht seit 2020 auch seine Band, die nicht nur live für die Prise Abriss sorgt, sondern den Sound der neuen Songs ebenfalls maßgeblich beeinflusst. Ein Mix aus düsterem Alternative-Rock und Rap, die Texte zwischen melancholischen Gedankenspielen und Gänsehaut-Storylines.
Viel mehr als PlastikZellophan? Ist das nicht das Zeug, in dem die CDs eingepackt sind? Diese Folie, die man erst halb abgelutscht und dann — wenn überhaupt — nur mit den Zähnen aufbekommen hat? Pardon, aber nein. Denn Zellophan besteht nicht (wie ich immer dachte) aus Plastik, sondern wird aus nachwachsenden Rohstoffen (wie zum Beispiel Holz) hergestellt. Somit ist es sogar kompostierbar und wasserdampfdurchlässig! Klingt verrückt, ist aber für unser heutiges Vorhaben durchaus von Vorteil. Denn das, was DAVEE DEE in seine Zellophanfolie einwickelt, darf auf keinen Fall dem Erstickungstod zum Opfer fallen!
DAVEE DEEs markante Stimme braucht eigentlich nicht viel mehr als eine Klavierbegleitung. Und genau so beginnt auch der Song. Die ersten Sekunden von „Zellophan“ wiegen mich in den richtigen Modus, bevor Drums und Bass sich auf gemeinsamen Zählzeiten schneiden und meinen Oberkörper im Takt zucken lassen. Dezente E-Gitarren sorgen für die sphärischen Flächen und das Schwelgen in eigenen Erinnerungen, die der Text bei mir hervorruft. Darin geht es um begrabene Träume, Erwartungsdruck und um den Moment, wenn du draußen im Kalten stehst, durchatmest und merkst: irgendwie ist hier etwas aus dem Ruder gelaufen — obwohl doch eigentlich alles nach Plan läuft.
Zum Fliegen aufs DachDie eigenen Träume in Zellophan zu verpacken ist ja eigentlich keine schlechte Idee. Noch heute ist Zellophan ein beliebtes Material zum Verpacken verderblicher Waren. So werden die Träume zwar kurzfristig artgerecht konserviert, doch leider nagt wohl auch hier der Zahn der Zeit ein Loch in die Knisterfolie. Und dieser Traum, das aufgeschobene Vorhaben, wird irgendwann einfach unappetitlich. Dann fragt man sich ja, wäre es nicht besser gewesen, die Träume direkt zu verwerfen, bevor sie noch so endlos lange auf Halde liegen und langsam verrotten? Auch hier gibt der Song Antwort: es ist nicht immer nur ein „Fingerschnippen“, aber der Wille zur Veränderung lässt diese dünne Folie leicht einreißen.
„Nichts geplant, einfach gemacht
In Hausschuhen zum Fliegen aufs Dach
Und kaum bist du wieder am Boden
Fragst du dich „Wow, wie hab ich das bloß gemacht?“
Musikalisch passend baut sich der Song immer breiter und größer vor uns auf. Die einzelnen Szenen des Videos werden immer wieder durch keine Trickfilm Animationen ausgeschmückt und visualisieren die gesungenen Zeilen. Das vermittelt zwischen den sonst doch sehr düsteren Kulissen einen lauwarmen Hauch von Geborgenheit. In einem endlos langen Tunnel und einer Waldlichtung bei Nacht sehen wir DAVEE DEE und seine Band performen, gekonnt durch gezielte Schnitte und sanfte Blenden in Szene gesetzt.Die anfänglich zarten Gitarrenklänge werden im Laufe des Songs immer härter und rhythmischer. Kurz vor Schluss noch mal ein kurzer Part zum Durchatmen, wahrscheinlich der Part, bei dem live die ganze Crowd in die Hocke geht und gespannt auf den Drop zum Ausrasten wartet. Und der hat sich dann definitiv gewaschen! Dicke Gitarrenwände und ein mächtiger Breakdown-Beat sorgen zum Abschied noch für saftigen Muskelkater im Nacken. Bei mir hats definitiv nicht nur an der Folie geknistert! Viel Spaß mit „Zellophan“!
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Exklusive Videopremiere: Der Assistent und „W“
Es ist wieder Premierentag bei untoldency und das bedeutet wir haben uns alle frisch geduscht und gekämmt und einen Sekt aufgemacht! Heute im Programm: Der Assistent mit seinem Musikvideo zum Song „W“. Ploppt euch doch auch schnell einen Sekt und klemmt euch mit uns vor die Glotze, los geht’s!
Fleißigen Lesebienchen unseres Magazins wird der Name Tom Hessler auch schon bekannt vorkommen. Erst letztes Jahr hat er mit seiner Band FOTOS ein neues Album veröffentlicht und damit Kritiker und Fans gleichermaßen von seinen Songwriterqualitäten überzeugen können. Auch wir waren ein begeistertes Publikum, wie ihr in der Review nachlesen könnt. Als Der Assistent veröffentlichte Tom 2020 bereits die Single „Neue Lunge“, ein Jahr später folgte „Einsamkeit“. Entspannte, elektronische Beats untermalen mal quirlige, mal gediegene Synthesizer, in den Texten schwingt stets eine beruhigende Message mit. Das ist die richtige Musik für den Urlaub der Menschen, die nie Urlaub machen.
„Dub-Treatment für die Seele“Wisst ihr noch was eine Heimorgel ist? In besonders gepflegten Partykellern der Republik sind sie bis heute anzutreffen: braune, schwere Ungetüme aus beschichtetem Pressspan, „MELODIA“ oder „CONCORDIA“ sind ihre Namen. Und aus ihnen dröhnt Musik, feinste elektronische Orgelklänge und swingende Drumpatterns.
Mit einer ähnlichen Klangästhetik begegnet uns die neue Single „W“. Ein verträumter Reggaegroove, dauerhaft in die Knie gebeugt, schnipst uns auf die 2 und die 4 in eine ausgeglichene Grundstimmung. Genau die richtigen Vibes bei diesen Temperaturen.
Doch genug der Worte vorerst, hier gibt es jetzt erstmal das Video:
Traurige Songs im SommerIm Musikvideo wurde nach guter alter Meme-Manier montiert was das Zeug hält. Wie zufällig zusammen gewürfelt, wird uns hier eine Fülle an kleinen Videoschnipseln geboten, die man sich sonst auf Clipfish über Jahre mühevoll selbst kuratieren musste. Von lustigen Pannen bis süßen Katzenvideos ist hier alles dabei. Allerdings auch solche Sequenzen, bei denen mir nur das Lachen im Halse stecken bleibt. Kontextualisiert werden diese einzelnen Szenen durch wechselnde Bildtexte, immer bestehend aus jeweils einem Wort. Manchmal passgenau wie ein Stichwort, manchmal allerdings nur über zwei oder drei Ecken mit dem Bewegtbild verknüpfbar. „Wadenkrampf“ oder „Wolfsbegegnung“ lesen wir dort, und was diese schönen Worte gemeinsam haben, lernen wir relativ bald: das „W“.
Dieses „W“ ist nicht nur ein Schlüsselelement des Videos, auch der Song lebt von diesem einzelnen Buchstaben. „Ich tat mir selber WEH“ heißt es da nämlich im Refrain. Diese prägnante Zeile lässt nichts Gutes vermuten, muss man sich hier ernsthaft Sorgen machen? Nein, denn hier wurde und wird bereits verarbeitet. Im Song geht es um die Vernachlässigung der eigenen Person – andersrum könnte man es als shout-out für mehr self care betrachten. Ein Thema, das in Anbetracht von Leistungsdruck, Home-Office-Versklavung und strikten Deadlines gesellschaftlich immer wichtiger wird. Eine zugegeben ernste Angelegenheit in einem wirklich fast schon übertrieben fröhlich wirkenden Reggaesong? Ja! Ich kann mir ehrlich gesagt nichts schöneres vorstellen, als traurige Songs im Sommer. Da stimmt einfach der Kontrast!
Will Smith und SelbstreflexionAuch Der Assistent legt den Fokus auf den Kontrast, denn im Video blitzt immer wieder ein dunkler, manchmal fast zynischer Humor durch. So ist eine Razzia von Polizeispezialkräften mit „Wohnungsbesichtigung“ oder das gescheiterte Abfeuern einer Flak mit „Wehrdienst“ untertitelt. Dadurch wird man das Gefühl nicht los, hier den bösen Zwilling eines TikTok-Feeds vor sich zu haben. Unter dem Deckmantel alberner Kurzvideounterhaltung bildet sich hier im Kern die destruktive und schmerzvolle Realität ab. Und ist deswegen nicht nur auf persönlicher, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene als Kritik im Umgang mit Selbstwertschätzung zu verstehen. Was Will Smith damit zu tun hat? Findet es selbst heraus und schaut euch das Video an!
Diese „Pop-Therapie“ von Der Assistent ist eine inspirierende Motivation zur Selbstreflexion und eine herzliche Empfehlung, euch selbst mal wieder auf die Schulter zu klopfen. Und es gibt noch eine gute Nachricht obendrauf: das Album ist für November 2022 beim Label Papercup Records angekündigt und birgt hoffentlich noch viel mehr davon.
Fotocredit: Maximilian König

