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Southstar vs. Robin Schulz — ist der Shitstorm gerecht?

Southstar vs. Robin Schulz, was ist da los? Bewegt man sich dieser Tage in bestimmten Kreisen der sozialen Medien, könnte der Aufschrei, der dort durch die Reihen geht, kaum lauter sein. Es sieht alles ganz danach aus, als habe der Dance-Gigant Robin Schulz doch tatsächlich den Song „Miss You“ des Berliner Newcomers Southstar dreist geklaut. Die Bubble um Southstar reagiert hart und zeigt kein Erbarmen gegenüber dem mittlerweile weltbekannten DJ Robin Schulz. Viele Musiker*innen wie Bausa, Ahzumjot oder Paula Hartmann solidarisierten sich sehr früh mit Southstar und kennen kein Pardon, wenn es um die Urheberrechte des jungen DJs geht.

Doch ist die Sache wirklich so klar? Als ich die Geschichte das erste Mal hörte, wollte ich einerseits mit einstimmen. So eine Schweinerei, was soll das? Andererseits gibt es halt leider auch überall nur die eine Seite der Story zu hören und obendrein so gar keine Fakten.


Ein kleiner Rückblick

Was bisher geschah: Der junge Techno-Produzent Southstar veröffentlichte am 30.07.2022 seinen neuen Track „Miss You“ auf Spotify (Erstrelease am 09.05.2022 – vielen Dank für den Hinweis). In diesem verarbeitet er ein Sample des Songs „Jerk“ von Oliver Tree zu einem schnellen 90s-Techno-Remix. Quelle dieses Songs auf Spotify ist das Label B1 Recordings, das vom renommierten Produzenten Wolfgang Boss gegründet wurde und mittlerweile zu Sony zu gehört. Große Nummer. Nun gut. Im Netz gab es viel Lob, Yung Hurn teilte den Song, 1live spielte ihn im Radio. Das ist ein toller Start für einen Song, der eigentlich schon über einen Monat zuvor released wurde. Wie man in diversen Kommentaren auf Instagram und Youtube nachlesen kann, loben zwar viele Fans den Song, bemängeln aber immer wieder die schlechte Qualität auf Spotify im Gegensatz zur „alten Version“.

Wir spulen eine Woche vor: Es ist Freitag, der 05.08.2022. Ein dem Dance-Genre ganz und gar nicht unbekannter Robin Schulz veröffentlichte zusammen mit Oliver Tree seinen neuen Track „Miss You“ über Atlantic Records. Ehh, Moment mal? Tatsächlich überschneiden sich bei den beiden Songs nicht nur die Namen, sondern auch so gut wie alles andere. Das Vocalsample, das Piano, das Tempo, der Songaufbau: identisch. Rhythmus und Feeling: identisch. Lediglich die Drums klingen etwas anders und die Qualität des Masterings scheint etwas besser zu sein. Was ist denn hier los? Hat Robin Schulz da etwa den Song des aufstrebenden Newcomers einfach so geklaut?

Möglich ist das natürlich. Aber jetzt direkt jemanden verurteilen, ohne seinen Standpunkt zu kennen? Mir kommen Zweifel. Nicht, weil ich Robin Schulz für Mutter Theresa halte. Aber weil der Diebstahl zu plump und das ganze Drumherum so seltsam ist. Es gibt nicht einmal Promo oder Werbung für „Miss You“ auf Schulz‘ Kanälen.


Das riecht doch nach…

Was mich zunächst stutzig macht: Warum veröffentlicht Robin Schulz den Song gemeinsam mit Oliver Tree, dem Urheber des Original Samples, Southstar hingegen nicht? Wirft man einen Blick in die Credits der Southstar-Version auf Spotify, sind dort zumindest Oliver Tree und zwei weitere Songwriter aufgeführt. Seltsam finde ich aber, dass ausgerechnet Robin Schulz offenbar mit einem vermeintlich geklauten Song die offizielle Kollaboration mit Oliver Tree an den Start brachte. Warum konnte Southstar das nicht schon in seinem Release offiziell machen?

Liegt es daran, dass Southstar als Newcomer nicht über die nötigen Kontakte verfügt, um so eine Collab an Land zu ziehen? Wohl kaum, denn hinter dem Label B1 Recordings steckt nicht irgendwer, sondern einer der erfolgreichsten Musikproduzenten Deutschlands, Wolfgang Boss. Dieser produzierte Hits wie „Dragostea den tei“, „Alors on danse“, „Somebody that I used to know“ und etliche weitere Chartbreaker — also sicherlich jemand mit Einfluss in der Branche. Das befleckt für meinen Geschmack auch so ein bisschen das Image des total unbekannten Newcomers. Das hier ist mit Sicherheit kein underground selfmade release, das riecht nach industry plant.

Bei Diffus lese ich außerdem, dass Robin Schulz den Song „Miss You“ bereits in seinen Live-Sets prominent platziert habe, und das lange vor offiziellem Release beider Versionen. Das heißt, eine Verbindung besteht hier augenscheinlich schon länger. Aber kann es wirklich sein, dass eine Branchengröße wie Robin Schulz, samt Label und Management, einen geklauten Song fast 1:1 unter eigenem Namen veröffentlicht, ohne mit den Konsequenzen zu rechnen? Und, hat er das nötig?


David gegen Goliath?

Es kommt mir irgendwie nicht plausibel vor. Natürlich wird in der kommerziellen Popbranche geklaut, zuletzt ist erst Ed Sheeran der Urheberrechtsverletzung bezichtigt worden. Allerdings kam mir das immer viel subtiler vor, als in unserem Beispiel hier. Auch weil „Miss You“ vor dem Skandal schon Welle machte und eigentlich zu bekannt war.

Der Shitstorm gegen Schulz ist bereits im vollen Gange und jetzt wohl nicht mehr aufzuhalten. Aber findet ihr es nicht auch schade, dass hier jetzt jemand vollkommen niedergetrampelt wird, ohne dass wir je ein Wort von ihm dazu gehört haben? Solange es keine Fakten gibt, ist ein Shitstorm dieser Art, ehrlich gesagt, verantwortungslos. Denn behaupten können Southstar und sein Major-Label erstmal vieles.

Bevor wir also mit engelsgleichen Stimmen in den Shitstorm des Jahrhunderts einstimmen, sollten folgende Fragen besser mal schnell geklärt werden:

  • Wer ist der Urheber dieses Remixes? Könnte es vielleicht sein, dass Southstar und Robin Schulz beide daran beteiligt waren? Somit läge die Schuld schon nicht mehr nur auf einer Seite.
  • Könnte es vielleicht auch sein, dass ein gemeinsamer Release von Southstar, Robin Schulz und Oliver Tree geplant war und irgendetwas dazwischen gekommen ist? Vielleicht hat eine der Parteien ihr Wort gebrochen und ein eigenes Ding durchgezogen?


Nur wer?

Für den Robin Hood in uns ist hier sicherlich der mächtige, erfolgreiche DJ Robin Schulz der Fuchs im Hühnerstall. Solange das aber nicht bewiesen ist, sollte man sich vielleicht nicht allzu laut am Geschrei der Masse beteiligen, sondern lieber abwarten, was da noch so kommt.

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