Glastonbury, England
David Bowies Konzert beim legendären Glastonbury Festival im Jahr 2000 sollte in mehrfacher Hinsicht sein Comeback darstellen. Zum einen, weil er dort bereits im Jahr 1971 gespielt hatte. Zum anderen, weil die Achtzigerjahre, Tin Machine, Let’s Dance und Pop-Hegemonie tiefe Wunden und Niederlagen hinterlassen hatten. Jetzt, nach einigen Transformationen und den 90er Jahren, kehrte der Starman zurück nach Avalon – jener Zwischenwelt, in der König Artus nach seiner letzten Schlacht ruhen soll.
Im Sommer 1971 spielte Bowie bereits beim Glastonbury Festival. Rund 12.000 Besucher*innen schwärmten damals auf einen Acker in der Grafschaft Somerset, rund 200 Kilometer von London entfernt. David Bowie spielte zur Mittagszeit, der Auftritt brachte ihm einen Achtungserfolg. Hier tauchte erstmals die Avalon-Idee auf: Glastonbury als mythischer Ort, als Schnittstelle von Musik, Gegenkultur und keltischer Legende. Das berühmte Glastonbury-Tor wurde Teil der symbolischen Aufladung des Festivals. Und noch heute glaubt man, dass sich der mythologisch aufgeladene Ort genau dort befindet.
Es sollte das Comeback des Jahrzehnts werden. Auf der Bühne trug Bowie einen Mantel wie eine Robe, langes gelocktes Haar – man hatte den Eindruck, er sei nicht älter geworden, sondern lediglich weiter gereist. Als würde Zeit für ihn keine Linie sein, sondern ein Koordinatensystem. Brixton in den späten 40er Jahren war der erste Eintrag im Logbuch.
Von Major Tom und Ziggy Stardust
Am 8. Januar 1947 erblickte David Robert Jones im süd-londoner Stadtteil Brixton das Licht der Welt. Ein unscheinbarer Ort, an dem der Musiker aufwuchs. In den 60ern suchte er nach seiner Stimme, seinem musikalischen Stil. Er trat zunächst als Davy Jones auf, dann kurzzeitig als Tom Jones, bevor man ihn als David Bowie kennenlernen sollte.
Im Jahr 1969 hob Bowie mit Space Oddity ab. Er verließ die Erdumlaufbahn der Popmusik und schwebte fortan in eigenen Bahnen. Major Tom, der Protagonist des Songs, war eine Figur, die Bowie von da an begleitete. Der endgültige Durchbruch sollte sein 1973 veröffentlichtes Album The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars markieren, in dem die Geschichte eines außerirdischen, androgynen Rockstars erzählt wird. Ziggy war Prophet und Warnung zugleich.
Am 3. Juli 1973 ließ Bowie Ziggy Stardust beim letzten Konzert seiner Welttournee im Londoner Hammersmith Odeon „sterben“, bevor er zum letzten Mal mit seiner Band Rock ’n’ Roll Suicide intonierte.
Beim Folgealbum Aladdin Sane stieß erstmals der Pianist Mike Garson zur Band, der Bowies langjähriger Begleiter werden sollte. Er verlieh der Musik einen jazzigen Anstrich. Für das Album trafen in England über 100.000 Vorbestellungen ein, eine Zahl, die bis dahin nur die Beatles erreicht hatten.
Station zu Station
Es folgten weitere Stationen. Nach dem Glam kam der Soul. Young Americans, entstanden in New York, wurde von Bowie selbst als „Plastic Soul“-Album bezeichnet. Station to Station bewegte sich dann bereits kühl und gefährlich nah am Abgrund. Schwer angeschlagen, ausgebrannt, alkohol- und drogenabhängig kam der Thin White Duke schließlich nach West-Berlin. Die geteilte Stadt bot ihm in den späten Siebzigern Schutz. Zusammen mit Brian Eno entstanden dort die legendären Alben Low, Heroes und Lodger – häufig als Berlin-Trilogie bezeichnet. „We can be heroes, just for one day.“
Von nun an bezeichnete man David Bowie als Chamäleon. Neben dem Schreiben und Komponieren, widmete sich das Allroundtalent auch dem Produzieren von Musik (Lou Reed) sowie der Schauspielerei („Christiane F.“, „Merry Christmas, Mr. Lawrence“, „Labyrinth“, „Twin Peaks“).
Mit den Achtzigern begann eine Zeit erneuter Transformation. Mit Let’s Dance wurde Bowie zum globalen Superstar, doch ein Chartstürmer wollte der Musiker nie sein. Er fing also wieder an, zu experimentieren: Tin Machine, Industrial, Elektronik. Alles fühlte sich wie eine Sinneskrise an. In Berlin fiel die Mauer – und die Zeichen standen auf Aufbruch. In Großbritannien wurde Britpop zum nationalen Hype, Techno zum Sound einer neuen Generation. Bowie tauchte in den 1990ern ab – flüchtete sich ins Privatleben.
Glastonbury, 2000
Am Abend des 25. Juni trat David Bowie wie ein Phönix aus der Asche. Da war er wieder, der Starman. Mit seiner Band – Earl Slick (Gitarre), Gail Ann Dorsey (Bass/Gesang), Sterling Campbell (Schlagzeug) und Mike Garson (Piano) – betrat er die Bühne und intonierte Wild Is the Wind.
Love me, love me, love me
Love me, say you do
Let me fly away with you
Es müssen an die 250.000 Menschen gewesen sein. Glastonbury bebte. Als Bowie später Life on Mars? anstimmte, sang ein ganzes Feld mit. Nicht aus Nostalgie, sondern aus dem Gefühl heraus, Zeuge eines seltenen Moments zu sein. Der Starman, Ziggy Stardust, Aladdin Sane, Halloween Jack, Thin White Duke, Major Tom oder The Man Who Fell to Earth nahm uns an die Hand, um zu sagen: Es wird alles gut. Wir waren zurück in Avalon.
Rückkehr nach Avalon
Und dann, viel später, ein letzter Himmelskörper: David Bowie brach zu seinem Todesstern – dem Blackstar – auf. Kein Abschied, sondern ein Ritual. Bowie veröffentlichte sein Requiem an seinem Geburtstag. Zwei Tage später, am 10. Januar 2016, starb er. Zehn Jahre ist es nun her, dass der Starman nicht mehr unter uns ist. Und die Welt, so scheint es, ist ohne ihn unübersichtlicher geworden.
Artus’ Schwert Excalibur soll aus Avalon stammen oder dorthin zurückgebracht worden sein – je nach Version. Avalon steht für Ende und Neubeginn, für eine magische Zwischenwelt, die die Grenze zwischen Leben und Tod, Mensch und Mythos verwischt. Genau dort vermutet der Autor David Bowie heute.
Text: Johannes Martin
„Blow up / David Bowie – Schon 10 Jahre“ arte
https://www.arte.tv/de/videos/130432-003-A/david-bowie-schon-10-jahre/























