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NOTH im Interview: »Natürlich ist ein Start-Up Beschäftigter auch immer noch ein Mensch«

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Ich habe die Ehre, euch heute einen ganz besonderen Geheimtipp ans Herz zu legen: NOTH — das sind vordergründig die beiden Songwriter Luis Schwamm und Linus Kleinlosen. Für ihr am 13.05. erscheinendes Album “Die Wahrheit über Arndt” haben sie sich in kleinteiliger Detailarbeit ein eigenes literarisches Universum erschaffen und dieses dann geschmackvoll vertont.

Zwischen Bürostühlen und Kaffeeautomaten spannen die beiden den Vorhang des theatralischen Schauplatzes und stellen uns ihre tragische Hauptfigur vor: den Büroangestellten Arndt. Mit einer musikalischen Untermalung zwischen Folk, Avantgarde-Pop und Jazz ist das nicht nur etwas für Literaturnerds, sondern auch für Liebhaber durchdachter musikalischer Arrangements. Das Konzeptalbum ist zurück!

Im Interview konnte ich mit Luis und Linus über ihre neue Video-Livesession, die Gentrifizierung der Städte und — natürlich — über Arndt sprechen. Viel Spaß!

NOTH im Interview

Lukas: Hallo Luis, hallo Linus. Ich freue mich, euch zu sehen! Vielleicht könnt ihr euch für unsere Leser*innen ganz kurz vorstellen: wer seid ihr, was macht ihr in eurer Band und was hat es mit Arndt auf sich?

Luis: Wir sind Luis und Linus, leben in Köln und Hamburg und haben zusammen die Musik und die Story unseres bald erscheinenden Albums geschrieben, das konzeptuell aufgezogen ist. Es geht um die Geschichte einer Figur namens Arndt. Er ist 38 Jahre alt, inzwischen fast 39 – er hat am 01.07. Geburtstag – und arbeitet in Hannover in einem Start-Up. Und er hat keinen Bock mehr auf seinen Job. Das spürt man im Album, das zerrt ziemlich an ihm. Ich singe auf dem Album und spiele Gitarre. Linus spielt Saxophon und Synthesizer und hat alles für die volle Bandbesetzung arrangiert. Live haben wir nämlich noch Verstärkung; gerade haben wir erst eine Live Session aufgenommen und diese dann gestern veröffentlicht. Dafür hatten wir super coole Leute am Start!

Lukas: Ja, diese Live-Session zum Song “Nur zu” konnten wir gestern ja schon bewundern! Eine ziemlich spektakuläre Location, die ihr da gefunden habt. Wo war denn das genau?

Linus: Das war eine sehr schöne Kegelbahn in Bergedorf, ein Stadtbezirk von Hamburg.

Lukas: Wirkt herrlich provinziell. So, wie man sich das vorstellt!

Linus: Ja, und die Leute waren auch genau so, wie man sich das vorstellt! Die waren so richtig nett und interessiert und haben noch gefragt: “Dürfen wir das teilen, wenn es rauskommt?” Und dann sah man da zwei ältere Herren, Joachim und Dieter, glaube ich. Die fanden es richtig schön! Die haben sich gefreut, dass Leute da waren.

Lukas: Hat es auch so nach Bockwurst gerochen? Meine letzten Erinnerungen ans Kegeln riechen irgendwie immer nach Bockwurst.

Linus: Nee, das gar nicht. Aber die haben uns freundlicherweise ihren Kaffee angeboten, weil wir unseren vergessen hatten. Später haben sie uns sogar eine Kaffeemaschine gebracht.

Luis: Wir haben am Ende des Tages erfahren, dass der Kaffee entkoffeiniert war. Und dann wussten wir auch, warum wir so müde waren nach diesem Videodreh! (lacht)

Lukas: Wenn man sich die drei bisher veröffentlichen Singles von euch anhört, wird relativ schnell klar, dass da nicht nur zwei Personen am Werke sind. Das klingt ja stellenweise schon nach einem kleinen Orchester, oder nach einem größeren Kollektiv. Ist die Band aus dem Video jetzt quasi fest im Boot? Oder wer steckt auf der Platte hinter diesem Sound?

Linus: Wir haben ein bisschen getauscht. Die Bläser sind eigentlich zum größten Teil Konstantin, der auch im Video mitspielt, und ich. Wir haben noch eine weitere Saxophonistin gefunden, nämlich Conny, die ich auch schon seit Ewigkeiten kenne. Wir haben probiert, eine Band in Hamburg aufzubauen, denn bis auf Luis leben alle in Hamburg. Deswegen mussten wir für die Livebesetzung ein bisschen tauschen, weil der Bassist auf der Platte, Dan, zum Beispiel in Amsterdam lebt. Für Silvan, der auf der Aufnahme spielt, ist Max am Schlagzeug zu uns gestoßen und Falco ist quasi der neue Bassist der Band. Das ist jetzt schon mit dem Ziel ausgelegt, dass diese Band sich dann auch so entwickeln darf.

Luis: Mit unserem Schlagzeuger Max und Bassisten Falco durften wir kürzlich auch direkt unsere erste Supportshow in Hamburg spielen. Daher konnten wir das, was wir jetzt für die Videos zum ersten Mal zusammen ausprobiert haben, dann auch gleich auf der Bühne umsetzen. Das war sehr, sehr nice.

Lukas: Luis, du wohnst in Köln, Linus wohnt in Hamburg und die weiteren Musiker*innen ganz woanders – wie habt ihr das mit dem Proben und Aufnehmen koordiniert? Das stelle ich mir schwierig vor.

Luis: Ich bin relativ oft für lange Wochenenden nach Hamburg gekommen. Das war so die Zeit, in dem wir das ganze Zeug geschrieben und auch die ersten Sachen aufgenommen haben. Teilweise erstmal als Guide Tracks*, manche dieser Spuren sind aber tatsächlich dann in der Endversion geblieben. Nachdem dann die Band ihre Parts aufgenommen hatte, haben Linus und ich die Songs nach und nach vervollständigt. Im Grunde haben wir aber alles in Hamburg gemacht.

Linus: Wir haben aber auch über Remote** gearbeitet, das ist auch ein bisschen Corona geschuldet. Damals waren wir alle noch im Lockdown, sonst wäre ich zum Beispiel auch für die Bassaufnahmen nach Amsterdam gefahren.

Lukas: Wart ihr denn für den Rest so richtig klassisch im Tonstudio, oder gehört ihr auch zu den Bedroom-Producern?

Linus: Für die Schlagzeugspuren waren wir im Studio, für den Rest haben wir uns ein Studio eingerichtet. Ich hatte einen kleinen Raum bis vor kurzem, da konnten wir das gut umsetzen. Also es war jetzt nicht Zuhause im Wohnzimmer oder so.

Luis: Wobei es eine Vocalspur gibt, die quasi fast noch eine Demoaufnahme ist. Die habe ich auf dem Sofa, wo wir jetzt sitzen, eingesungen. Kurz nachdem wir den Song geschrieben hatten. Und die haben wir tatsächlich einfach behalten, weil da der Vibe komplett gestimmt hat.

Lukas: Hat es direkt gefunkt bei euch beiden? Wie habt ihr euch kennengelernt?

Luis: Ja, es ging schon ziemlich schnell. Die Idee von der Charakterstudie habe ich Linus direkt beim ersten Treffen erzählt und ihm Musik gezeigt. Er hat sich dann direkt drangesetzt und Harmonien ausgearbeitet. Wir haben uns beim Popkurs in Hamburg kennengelernt, das ist eine Songwriting Masterclass. Dort hatten wir aber nicht die Ruhe, das Projekt jetzt innerhalb dieses Kurses auch direkt umzusetzen. Aber es war klar, dass wir genug Bock hatten, dass auch weiterhin aus eigenem Antrieb zu verfolgen.

Linus: Was uns auch im Popkurs verbunden hat, ist, dass wir beide nicht so richtig in den Mainstream reinpassen. Wir haben verschiedene Qualitäten, die sich ganz gut ergänzen. Ich habe zum Beispiel vorher nie auf Deutsch geschrieben, was Luis sehr gut kann.

Luis: Ja und ich schreibe immer die gleichen vier Akkorde und Linus kennt noch ein paar mehr. (lacht)

Linus: Das entwickelt einfach eine Tiefgründigkeit, wenn man diese verschiedenen Qualitäten zusammenwirft. Und da funkt es dann..

Lukas: Jetzt heißt ihr ja NOTH, mit th. Das ist ja irgendwie auch erst mal ungewöhnlich. Was hat es damit auf sich? Gibt es da eine Story zu?

Luis: Also irgendwie war der Name einfach da. Wir haben uns zuerst darauf geeinigt und dann im Nachhinein die sehr wahrscheinliche Quelle dieses Namens gecheckt. Da, wo wir aufgenommen haben, hing nämlich eine Tafel. “Die Entwicklung des Lebens” stand darauf. Da waren dann ganz viele Phasen der Erdentwicklung abgebildet. Und dann gab es tatsächlich einen Dino, der hieß Nothosaurus, und ich vermute, dass das bei mir hängen geblieben ist. Der Nothosaurus ist ein Wasser-Dino und übersetzt heißt das “falsche Echse”. Habe ich rausgefunden, über Wikipedia. Man könnte jetzt versuchen, das zu deuten, aber wir haben uns NOTH genannt, bevor wir überhaupt gecheckt haben, dass es daher kommt. (lacht)

Lukas: Okay, sehr aufschlussreich! Ich dachte zwischendurch noch an das deutsche Wort “Not”…

Luis: Das ist dann Interpretationssache. Eine gewisse Not steckt in dem Album schon drin. Aber wir haben tatsächlich wenig über die “Not” nachgedacht, als wir den Namen genommen haben.

Lukas: Du hast vorhin ja schon ein bisschen über die Geschichte des kommenden Albums erzählt. Es trägt den Titel “Die Wahrheit über Arndt” und laut Pressetext handelt es sich um biographische Auszüge eines Büroangestellten Ende 30. Die einzelnen Songs sind dann sozusagen als kleine Kapitel aus seinem Leben zu verstehen. Wie kamt ihr denn auf diesen Arndt? Gibt es da ein reales Vorbild?

Luis: Als wir uns das erste Mal zusammengesetzt haben, gab es zwei Songskizzen und wir haben über Andy Shauf gesprochen. Cooler kanadischer Singer/Songwriter, der ganz fantastische Figuren schreiben kann. Und so eine Figur zu entwickeln, das war irgendwie interessant für uns. Diese Songskizzen konnten wir dann weiter ausbauen, dieses Charakterstudien-Konzept hatten wir aber wieder so ein bisschen aus den Augen verloren. Als dann die Hälfte des Albums fast fertig war, konnten wir das nochmal aufgreifen. Wir haben dann festgestellt, dass diese Idee immer noch gut zu den Songs passte. Die Figur hat sich sozusagen von selbst entwickelt. Und nach diesem Vorbild haben wir dann quasi die zweite Hälfte des Albums fertig gemacht.

Linus: Für uns gab es dann einen Punkt, an dem es umgeschlagen ist. Ich glaube, es war der Song “Anita”, bei dem wir relativ konkret plötzlich eine Geschichte vor Augen hatten. Und dann wussten wir, so funktionieren die anderen Songs auch. Damit war unser Interesse geweckt. Ich meine, man stellt sich vor die Herausforderung, sich immer neu zu entdecken. Und in diesem Fall war es für uns interessant, künstlerisch einen Bogen zu spannen.

Das Thema Konzeptalbum hat mich sowieso auch gereizt. Wir haben uns dann erstmal an verschiedenen Künstlern orientiert, zum Beispiel Randy Newman, der in seinen Songs auch häufig über dieselben Charaktere schreibt. Ab da haben wir angefangen, entweder noch Details anzupassen oder eben Stücke auch spezifisch für diese Geschichte zu schreiben. Und wir haben uns gefragt, wie können wir die Geschichte vertiefen? Wie können wir einen Charakter schaffen, der vielseitig ist und uns auch interessiert? Und an dem man sich auch selbst hinterfragen kann.

Luis: Mir hat mal jemand als Feedback zu dem Album geschrieben: “Es klingt wie ein Album für oder gegen BWL-Studenten, aber eher für”. Er war sich nicht ganz sicher. (lacht) Da gibt es einen schönen Deutungsspielraum.

Lukas: Also wenn ich das richtig verstehe, ist Arndt eine Art Bürohengst-Stereotyp, den ihr beschreibt?

Luis: Einerseits ja. Ich würde sagen, das Umfeld dieses Menschen, so dieses hippe Start-Up Umfeld, ist heute natürlich irgendwie ein Stereotyp. Aber uns war wichtig, eine Figur darin zu beschreiben, die durch etwas aus der Masse raussticht. Denn natürlich ist ein Start-Up Beschäftigter auch immer noch ein Mensch außerhalb des Start-Ups.

Wenn man jetzt über eine Figur schreibt, die super simpel stereotypisiert werden kann, ist es natürlich das Einfachste, sich darüber lustig zu machen und dieses Leben runter zu ziehen. Aber was wir beide viel spannender finden, und was man auch bei vielen unserer Vorbildern findet, ist, diesen Figuren trotzdem noch ihre Vielschichtigkeit zu lassen. Zu ergründen, wo welcher Charakterzug herkommt. So, dass Empathie noch möglich ist, denn sonst ist die Figur natürlich viel zu flach. Und so ein Arndt hat dann natürlich auch seine Hintergründe. Wenn wir die wegließen, wäre das ganze Szenario wahrscheinlich ziemlich unecht.

Lukas: Konntet ihr euch denn in Arndts Lebenssituation besonders gut reinversetzen? Ist dieses “Büroleben” vielleicht auch Teil eurer eigenen Realität gewesen, oder warum war euch dieses Thema so wichtig?

Linus: Wenn man in der Stadt lebt, ist man natürlich mit diesen Themen konfrontiert. Es geht um Gentrifizierung, bzw. wie sich die Städte in der Zukunft gestalten. Das ist für mich persönlich ein großes Thema. Ich habe lange in Holland gelebt und Amsterdam ist extrem gentrifiziert. Dort war ich umgeben von International Expats. Und die sind ja alle nett. Die Menschen sind nämlich überhaupt nicht das Problem. Ich meine, Arndt ist jemand, den ich mögen könnte. Ich würde mit ihm ein Bier trinken gehen. Aber trotzdem ist die Art, wie sich die Stadt gesellschaftlich entwickelt etwas, das mich als Künstler irgendwie aus diesem Umfeld verdrängt. Ich merke das auch in Hamburg immer mehr. Die Läden, die hier öffnen und die Sachen, die sich in der Stadt entwickeln, sind meistens nicht für mich konzipiert. Und ich muss irgendwie ausweichen. Aber ich nehme es diesen Leuten nicht übel.

Lukas: Ich habe mich beim ersten Hören gefragt, ist das irgendwie jetzt alles ironisch gemeint? Ist das eine Lebenssituation, die die beiden total absurd finden, und deswegen jetzt hier zur Schau stellen wollen?

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Linus: Es war uns auf jeden Fall ein Anliegen, uns nicht über Leute lustig zu machen, denen es schlecht geht. Denn das war die Gefahr, auf die wir wirklich achten mussten. Es ging immer darum, dass Arndts Probleme schon auch ernstgenommen werden.

Lukas: Es ist ja auch so, dass dieser Arndt seinem Alltag irgendwie entfliehen möchte. Er ist zwar Teil dieses Systems, aber sehnt sich eigentlich nach einem Lebenswandel. Ist das von eurer Seite der Hinweis auf die Missstände, die eine solche Gentrifizierung mit sich bringt? Und wenn ihr einen Vorschlag zur Verbesserung hättet, wie sähe dieser aus?

Linus: Das ist auf jeden Fall eine Kritik an der Konsumgesellschaft, irgendwo. Aber es ist ambivalent. Es ist hochnäsig zu sagen, dieses sei das “falsche Leben”. Denn wir können uns in allen Dingen, die wir tun, verwirklichen. Die Missstände sind da, aber es ist zu oberflächlich, nur den Kapitalismus zu kritisieren. Interessanter ist es, zu erforschen, warum wir das eigentlich alle mitmachen und warum Arndt das mitmachen muss. Denn er ist eigentlich ein guter Typ mit guten Wünschen, er hängt seiner Jugendliebe nach und hat im Grunde keine schlechten Prinzipien. Er wurde einfach in ein System gedrückt, das ihn unzufrieden werden lässt.

Lukas: Also ihr gebt diesem Problem durch Arndt sozusagen ein Gesicht, das finde ich sehr spannend! Das ganze Konzept hat mich irgendwie auch sehr an ein Märchen erinnert. Und diese Geschichte hat etwas sehr romantisches, obwohl sie ja im ersten Moment an vielen Stellen ganz muffig und öde wirkt. Dadurch fiebert man mit möchte Arndt auf die Beine helfen. Würdet ihr sagen, es gibt auch eine Art Moral?

Luis: Also ich finde es super cool, dass es so rüberkommt! Es ist für mich etwas mega Gutes, in so drögen Alltäglichkeiten etwas Interessantes zu finden. Ich weiß nicht… Wenn es eine Moral gibt, dann ist es vielleicht sogar genau das. (lacht) Irgendwie zu versuchen, in solchen Situationen das Positive zu sehen und sich daran auch zu orientieren. Auf der faktischen Ebene gibt es in dieser Erzählung zwar Probleme und Sehnsüchte, aber eine Lösung wird ja im Grunde nicht vorgeschlagen. Es geht vielmehr darum, das Problem überhaupt zu sehen und zu verstehen.

Lukas: Könnt ihr vielleicht den Handlungsstrang der Geschichte mal kurz skizzieren, dass wir da mal in die Welt eintauchen können?

Luis: Also man kann auf jeden Fall sagen, dass Arndt ja so ein bisschen in seine Funktion hineingedrängt wird, sich in diesem Startup um die Finanzen zu kümmern. Und dass er sich da definitiv in so legale Grauzonen vorwagt. Das belastet ihn natürlich, weil er, wie Linus gesagt hat, ein guter Kerl ist und das nicht aus eigenem Antrieb machen würde. Das trägt dazu bei, dass er immer weiter abdriftet. Und die Tagträumereien werden dann im Verlauf zu einer wachsenden Psychose. Und im letzten Song, “Waldbad”, findet die Geschichte dann so ein bisschen ihr vorzeitiges Ende.

Linus: Es gibt Stellen, die wir auch untereinander noch offengelassen haben. Man muss immer aufpassen, dass man den Zauber nicht nimmt, indem man zu viel vorweg deutet. Denn es ist auch immer schön, wenn die Leute das anders interpretieren.

Lukas: Ich freue mich auf jeden Fall, dieses Album bald auch als Vinyl in den Händen halten zu können!

Luis: Die Platte wird auch super schön gestaltet sein. Heutzutage Tonträger zu machen kann man sich auch sparen, wenn man da nicht noch einen Mehrwert liefert. Und wir haben da einen tollen Gestalter an der Hand, der da ein cooles Ding draus gemacht hat. Man kann die nämlich aufklappen und da nochmal schön in der Geschichte rumstöbern. Da sind dann auch Texte drin und einiges an Bildmaterial. Das ist im Grunde eine Erweiterung des musikalischen Projektes.

Lukas: Habt ihr denn das nächste Projekt schon in Planung? Wird das wieder eine Charakterstudie?

Luis: Wir denken im Moment noch drüber nach. Wir haben großen Gefallen daran gefunden, dass so ein Albumprojekt einen roten Faden hat. Es entwickelt eine ganz eigene Zugkraft, wenn man daran arbeitet. Weil es da noch etwas anderes gibt und es im Album nicht nur um uns beide geht. Wir haben schon ein paar Ideen, aber was das genau wird, wird sich zeigen.

Lukas: Ist ja schon ein Alleinsstellungsmerkmal im deutschsprachigen Raum, findet ihr nicht?

Luis: Gute Frage. Grundsätzlich ist das Album natürlich obsolet geworden, Singles und Playlists sind im Moment wichtiger als kohärente Anhäufungen von Songs. Vielleicht ist das Konzeptalbum aber deshalb auch ein schönes Gegengewicht, um etwas auf mehr Raum erzählen zu können. Die Höchste Eisenbahn oder Moritz Krämer schreiben oft auch sehr szenisch und über Figuren. Das ist so von dem Zeug, was ich kenne, am nächsten dran.

Lukas: Ein paar Einflüsse habt ihr uns ja schon verraten. Was hat euch denn sonst noch inspiriert?

Luis: Woran ich viel denken musste und worüber wir auch viel gesprochen haben ist George Saunders, ein amerikanischer Autor, der hauptsächlich durch seine Kurzgeschichten bekannt ist. Und anhand von sehr persönlichen und konkreten Geschichten, schreibt er über benachteiligte Milieus in den USA. Er ist jemand, dem es wahnsinnig wichtig ist, nicht auf etwas oder jemanden herunterzuschauen, sondern widerzuspiegeln, wie die Menschen sich fühlen. Das kann natürlich auch ein Geschmäckle gewinnen, wenn man sich so als der Sprecher einer sozialen Schicht darstellt. Aber wenn das gut gemacht ist, ist das sehr viel besser als Geschichten grundsätzlich zu ironisieren und Personen als Witzfiguren zu inszenieren. Wir haben eigentlich oft auch Bücher untereinander ausgetauscht, Italo Calvino haben wir zum Beispiel beide gelesen. Und was die Klanglichkeit angeht, fanden wir z.B. Nick Drake, Elliot Smith und Black Country, New Road sehr inspirierend.

Lukas: Das macht auf jeden Fall große Lust auf “Die Wahrheit über Arndt”! Vielen Dank euch beiden für das schöne Gespräch und die Musik. Viel Erfolg weiterhin!

Luis & Linus: Vielen Dank!

* Guide Track: eine Demo-Pilotspur, die bei Instrumentenaufnahmen für Orientierung sorgt
** Remote: In diesem Kontext Aufnahmen von Zuhause aus, die zum Schluss zusammengefügt werden

Fotocredit: Rebecca Kraemer

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