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Mit Schwung durch den Winter: Botticelli Baby mit “SAFT”

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Die neuen Zwanziger sind eingeläutet, Freunde. Botticelli Baby liefern uns auf ihrem neuen Album „SAFT“ einen derben Big-Band-Swing, der mit triumphalen Bläsersätzen und einem fulminanten Percussiongeschütz ins Schwarze trifft.

Die Wurzeln ihres Sounds kann die siebenköpfige Band aus Essen sicherlich nicht leugnen. Da ist viel Jazz drin, viel Offbeat, viel 20er Jahre Big-Band-Vibe. Dieses wilde Jahrzehnt ist nun 100 Jahre vergangen und gerade wieder sehr en vogue, was Serien wie z.B. Babylon Berlin oder der Charleston-Tanzstil unter Beweis stellen. Trotzdem ist die Musik auf dem neuen Album von Botticelli Baby keineswegs rückwärtsgewandt oder in irgendeiner Form idealisierend. Die Band scheint sich einfach großartige Elemente dieser zeitlosen Musik herauszupicken und zu ihrer ganz eigenen, düsteren Soundscape zu formen.

Melancholisch, aber mit Wumms

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Besonders am Haken hatte mich gleich das erste Stück des Albums „The Inner Hulk“. Schwer und lethargisch bewegt sich dieses Ungetüm von Song fort, mitreißend wie Treibsand. Ein leichter Hauch Fat Freddy’s Drop weht durch mein notgedrungen selbstgeschnittenes Haar. Der „constantly growing anger“ aka „The Inner Hulk“, den die Band im Song heraufbeschwört, unterstreicht das hervorragende Musikvideo. Das von dem britischen Comickünstler Stathis Tsemberlidis (Decadence Comics) animierte Video passt durch seine makabere und düstere Stimmung super zum Song und erinnert in seiner Videoästhetik leicht an die berüchtigten Videos von Tool. Die perfekte Einführung in ein überwiegend melancholisches Album.

Dass Botticelli Baby aber auch so richtig abswingen kann, beweist die Band nicht nur in zahlreichen Live-Videos auf Youtube, sondern auch bei Songs wie „Joy passed by“, dessen aufgewühlter Schlagzeuggroove die verfrorenen Zehen schon langsam auftauen lässt. Schnelle und wachrüttelnde Bläserarrangements sorgen schon für ein konstantes Mitwippen. In mehreren Soloparts der einzelnen Instrumente hat man das Gefühl, die Band nach und nach vorgestellt zu bekommen. Dabei schöpfen sie sicherlich auch aus der über die Jahre gesammelten Erfahrung als Live-Band, die bei der Enstehung und der Produktion des Albums eine große Rolle gespielt haben dürfte.

Tempo, Tempo!

In eine ähnlich schwungvolle und irgendwie traditionelle Richtung geht „Crash Test Dummy“, der durch sein Polka-Feeling besticht und über Vorbilder von damals und heute skandiert. Die thematisierte Angepasstheit der Menschen, die auf kurz oder lang literally den Karren an die Wand fahren werden, scheint im Kontrast zu der musikalischen Bandbreite auf „SAFT“ zu stehen.

“And the crash test dummy
Of a Porsche Cayenne
Is terrible blonde
And terrible thin”

Wie auf Speed in einem überfüllten und viel zu heißen Nachtclub, überrollt mich der Song „01-30“, der gleichwohl mit klassischen Swing-Vibes, staubaufwirbelnd und schnell durch meine Arterien weiterbraust. Auch „Vagabond in a Dandy Suit“ gehört auf “SAFT” zu den schnelleren und härteren Stücken. Hier ist das angezogene Tempo als Offbeat-Attacke von der ersten Sekunde an zu spüren. Und wenn es die Möglichkeit gäbe das mal live zu hören, Junge Junge! Ihr müsstet mich schon festhalten. Stimmlich zeigt hier Sänger Marlon Bösherz im imposanten Endpart seine Muskeln. Auf dem gesamten Album bekommt man den Facettenreichtum seiner Stimme zu spüren. Mal zerbrechlich und gediegen. Mal brachial und wütend, als hätte sich die Band ihren Sänger bei einer britischen Post-Punk-Band ausgeliehen.

Mit den Bläsern auf Tuchfühlung

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Ich kann es richtig fühlen, dass dieses Album in verlassenen und einsamen Unterkünften in Holland und Belgien geschrieben wurde. Denn auch die schwärzeren und ruhigeren Stücke kommen auf „SAFT“ keinesfalls zu kurz. „Follow Me“, ein jazziger Groove mit starkem „walking Bass“, spiegelt beispielsweise die Coolness dieser Formation wider, die ihr in diesem Genre sehr gut steht. Oder der Song „Yes“, bei dem man schon fast ASMR-like die entweichende Luft aus den Blasinstrumenten hört und durch das reduzierte Schlagzeug eine ganz eigene Atmosphäre kreiert wird. Auch der letzte Song des Albums „Baller Spring“ glänzt durch eine minimalistische Aufmachung, die mich in einen tranceartigen Ravemodus transportiert. Hier seien auch die Gitarren erwähnt, die in diesem Song und auf dem gesamten Album durch ihre Klarheit und die düsteren Voicings bestechen.
Und mit diesen tiefgreifenden Zeilen das Album zu beenden, ist schon ein genialer Schachzug:

“And if I was your time machine
I wouldn’t change a single thing”

Fazit

Botticelli Baby schafft es vorbildlich, das Album mit den richtigen Songs zu bestücken. Die Dynamik zwischen den Songs macht „SAFT“ einfach sehr kurzweilig und unterhaltend. Ein Album, das die Reife und Reise der Band nach immerhin drei vorangehenden Alben authentisch verkörpert. Die Lyrics, mal ulkig und grotesk, mal sehr tiefsinnig und lyrisch, passen gut zu dieser Mischung. Instrumentiert ist das Album à la bonne heure (a la bonnör), die technische Leistung jedes Einzelnen beeindruckend.
Kurz um: Lasst uns all diese starken Eigenschaften in ein großes Fass werfen. Dann ziehen wir uns die Schuhe und Strümpfe aus, steigen in das Fass und beginnen damit, diese Früchtchen barfüßig zu zerstampfen und auszupressen, wie die Weinbauern aus Piemont. Und dieses trübe und süße Konzentrat, das am Ende dabei unten rauskommt, genau das ist es: „SAFT“.

Botticelli Baby mit “SAFT” bei Spotify (klick here).

Fotocredit: Nicole Kempa

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