Autor: Lukas

  • Bilderbuch schließen mit „Gelb ist das Feld“ den Kreislauf der Liebe

    Bilderbuch schließen mit „Gelb ist das Feld“ den Kreislauf der Liebe

    „Gelb ist das Feld“ heißt das neue Album der ikonischen Band Bilderbuch. Der beliebteste Exportschlager Österreichs, neben Falco und der Sachertorte, reitet seit Jahren auf einer meterhohen Erfolgswelle. Kürzlich haben sie erst in den USA getourt, im Moment befinden sie sich auf ausverkaufter Albumrelease-Tournee in den Philharmonien der Bundesrepublik. Krasse Bühnenoutfits und eine Show voller Glamour machen diese Band, seit den Rolling Stones und Annett Louisan, definitiv zu den most-sexy Artists Mitteleuropas.

    Ich bin ehrlich mit euch: Ich war nie ein großer Bilderbuch-Fan. Und obwohl ich genau so wie ihr mit geklappter Kinnlade und geplatzter Hose damals „Spliff“ oder „Maschin“ zum ersten Mal gehört habe, hatte ich nie so eine connection zu dieser doch sehr extravaganten Band. Bis jetzt. „Gelb ist das Feld“ ist ausgerechnet das Album, das mich zum vehementen Verfechter macht. Obwohl viele meiner Freund*innen bei den letzten Singles nur noch mit den Augen rollten und auch in unserer untoldency-Redaktion Uneinigkeit herrschte, wie man diese neuen Songs denn jetzt finden soll. Diese Band polarisiert. Und anscheinend sind sie in der Lage, ihre Polung jederzeit beliebig umzukehren.


    Zärtliche Rockstars
    Bilderbuch, gelb ist das Feld, neues album, britpop, austro pop, indie rock, indie pop, schick schock, maschin, spliff, untoldency, nahuel huapi, cover
    Bilderbuch – „Gelb ist das Feld“

    Fakt ist: Nichts klingt wie Bilderbuch. Das haben sie uns bisher auf allen sechs Alben bewiesen. Die Ideen für den permanenten Fortschritt in der Popmusik scheinen den vier Österreichern einfach nicht ausgehen zu wollen. Wie machen die das nur? Dem Trend immer eine Nasenlänge voraus zu sein, fordert allerdings auch seinen Tribut. Denn an Mut und Selbstbewusstsein darf es zu keiner Zeit fehlen. „Gelb ist das Feld“ ist mit nichts aus ihrem Repertoire vergleichbar. Und ja, auch diesmal haben sie sich wieder neu erfunden. Obwohl sie vielleicht im Sound hier und da eher einen Schritt zurück gehen.



    Das Overdesign der bisherigen Alben haben sie sich nämlich gespart. Dabei klingen die Songs nicht einmal reduziert oder besonders minimalistisch, sondern einfach weniger aufgekratzt und hyper. In einem Mix aus Country-Rock und Brit-Pop erzählt Bilderbuch ein neues Kapitel, das im ersten Moment vielleicht etwas unter unseren hohen Erwartungen liegen mag, sich im zweiten aber als minutiöse Detailarbeit entpuppt. Aus den unberechenbaren Edgelords sind auf einmal ziemlich stringente, aber zärtliche Rockstars geworden. Dominierend in der Musik auf „Gelb ist das Feld“ sind ganz klar die Gitarren, besonders akustische Instrumente wie 12-saitige Gitarren, kommen in nahezu jedem Song zum Einsatz. Bass und Schlagzeug bilden, wie wir es von ihnen gewohnt sind, das unerschütterliche Fundament, sind aber im Vergleich zu den letzten vier Vorgängeralben ziemlich konservativ abgemischt.

    Keine Ahnung, nennt mich langweilig, aber das steht ihnen beim siebten Album gut! Alles, was ich an ihrer Musik vorher nicht richtig begriffen habe, bekommt hier einen Kontext. Auf einmal hören wir Einflüsse und Vorlieben aus der Pop- und Rockmusik von 1970-2000 und erhalten die Chance, diese bisher so unbegreifliche Band etwas besser zu verstehen.


    Die Frucht der Wahrheit

    Das Intro von „Bergauf“ macht schon mal direkt Lust auf Gitarrenmusik. In reinster „chicken picking“-Manier gniedeln uns die Klampfen in die richtige Stimmung. Das hat Südstaatenflair, das Österreich ja definitiv auch durch seine geographische Lage verkörpern kann. Gitarren nicht zu knapp auf diesem Album, ich finde das toll. Besonders bei einem so außergewöhnlichen Gitarristen wie Mike Krammer, der in jedem Song glänzen kann.

    So optimistisch gestimmt wie der Titel des Stücks bin ich somit auch. Gleich in den ersten Zeilen offenbart sich auch schon ein wichtiges Kernthema dieses Albums: Distanz. Und was gehört zu Distanz wie die Butter aufs Brot? Nähe (Mund-Nasen-Schutz hätte ich aber auch gelten lassen). Distanz und/oder Nähe verweben sich fortan in fast jeden Song und bilden die Motive der kleinen Geschichte, als die man dieses Album durchaus hören kann. Im Gegensatz zum trippy Refrain, in den das ungewohnt lange Intro mäandert, wirkt die erste Strophe wie ein kalter Waschlappen im Gesicht:

    „kaltes wasser
    himmel blau
    wir gehen bergauf“

    Immer wieder sollen wir das Bewusstsein verlieren oder in einen Trancezustand verfallen. Weiße Pferde und Space Shuttles ziehen am inneren Auge vorbei, ein Tagtraum, ein Rauschzustand. Immer wieder sollen wir dann auch geweckt werden. Liebe ist nur Fiktion, alles andere ist erbarmungslose Realität. „I eat that fruit“ — die Frucht der Wahrheit? Vielleicht, aber seriously guys, war die noch gut?

    Dass mir beim Titel „Bergauf“ sofort der arme Sisyphus in den Kopf kam, soll sich im Laufe des Albums auch noch als gar nicht so weit entfernte Assoziation herausstellen. Denn dieses von den Göttern verdammte Schlitzohr schiebt seinen Stein, seine schwere Last des Lebens, jedes Mal aufs Neue Richtung Gipfel, um kurz vorm Ziel abzurutschen und von vorne beginnen zu müssen.
    Ganz ähnlich beschreibt Bilderbuch auf dem neuen Album auch den Kreislauf der Liebe. Vom anfänglichen Verliebtsein, über die investierte Mühe und Kraft in eine Beziehung bis zum traurigen Ende einer solchen. Und dann wieder von vorne.


    Die Liebe in 1 paper bag

    „For rent“ ist hierbei vorab die Hymne für alle Unabhängigen. Für alle, die ihre Flexibilität nicht gegen eine feste Bindung tauschen wollen. Hier schwappt uns die erste Welle 80s-Indie ins Gesicht. Denn würde Morissey diesen Text singen, hätte ich „For rent“ für einen unveröffentlichten Smiths-Song gehalten. Im Text geht es zurück zu den Wurzeln, zurück in die Heimatstadt. Und damit auch zurück zu alten Bekanntschaften, Freunden, Geliebten. Hier wird alles gepriesen, was von kurzer Dauer ist: vergängliche Affären und kurzfristige leidenschaftliche Romanzen, denn morgen fahren wir wieder und sagen Tschüss. „Ich tu die Liebe in ein paper bag“, da wo du sonst nur ne Flasche Bier vor den Cops versteckst (oder peinlich berührt ne Flasche Erdbeerlimes vor deinen Freunden), findet das große Wort „Liebe“ jetzt seinen temporären Unterschlupf. Raus kommt es da halt erst, wenn es irgendwann mal so weit ist.

    Und wenns dann doch funkt? „Dates“ verrät es uns. Wenn es einmal ZOOM gemacht hat, wird plötzlich das „keiner will ein open end“ gegen ein „es ist kalt alleine draußen“ eingetauscht. „And all she wanted was the man of her dreams“ kreischt da das Springsteen-Tribute aus dem Off, und was wir vorhin noch schallend lachend abgewunken haben, wollen wir jetzt mit einem inbrünstigen Verlangen. Innerhalb von ein paar Sekunden, wie im echten Leben. Apropos „Dreams“, musikalisch lässt sich hier die Ähnlichkeit zum 80er Fleetwood Mac-Klassiker auch kaum mehr verheimlichen, vor allem wenn der Bass so kuschelrockig abgrooved.


    Alle Weichen auf sexy

    Ich habe mich noch nicht ganz entschieden, aber der interessanteste Song könnte für mich langfristig „Nahuel Huapi“ werden, den wir ja schon ziemlich früh als Singleauskopplung zu Gehör bekamen. Here is why: Im „Everybreath you take“-Stampf werden wir Zeuge einer unbedingten und grenzenlosen Bewunderung für einen geliebten Menschen. Und was thematisch im Song von The Police noch irgendwie seltsam cringe nach Stalking klingt, bringt hier einen ganz zärtlichen Liebesbeweis mit sich.

    Egal ob krasse Restaurants oder high-end E-Autos, du bekommst es. Ich besorge es dir. Besorgen!!! Unter freiem Himmel, da oben leuchten die Sterne, da unten leuchten wir!
    „We can talk about everything“ mag in der ersten Strophe noch arrogant und gönnerhaft nach einer Mitgift-Verhandlung klingen. In der zweiten Strophe allerdings wie ein Beweis für Intimität und Verbundenheit, wenn es auf einmal nicht mehr um materielle Konsumgüter geht, sondern um vergangene toxische Beziehungen.

    Das anschließende „Daydrinking“ wirkt da wie die logische Konsequenz. Oder eine Belohnung? Musikalisch bleiben die Harmonien fast gleich, als wäre es eine Art „was danach geschah“-Version von „Nahuel Huapi“. Vom Vibe klingt es, als hätte die Band den „sexy“-Schalter gekippt und das Licht ausgeknipst. Denn Achtung, in diesem kurzen Text steckt explicit content in jedem Wort.

    „zeig mir deine perle
    ich tauche tief
    kein rush keine hurry nur intimacy“


    Katertag
    Bilderbuch, gelb ist das Feld, neues album, britpop, austro pop, indie rock, indie pop, schick schock, maschin, spliff, untoldency, nahuel huapi, hendrik schneider

    Nach so einem Tag exzessiven Trinkens ist der nächste Morgen natürlich für Katz, that’s for sure. „Schwarzes Karma“ gibt gleich in der ersten Zeile bekannt, dass das nichts wird mit dem Aufstehen. Oder besser: dass das nichts geworden sein wird. Hä? Was für eine komplexe sprachliche Schönheit allein schon in dieser ersten Zeile „heute bin ich nicht aufgewacht“ steckt! Man muss schon sagen, das mit dem Texten hat Sänger Maurice Ernst einfach im Griff. Seine Lyrics sind oft so simpel und verkürzt, aber alles was wir wissen müssen, schwebt über diesen Wörtern mit. Übrigens, würden wir die Wörter dieses Albums zählen, kämen wir locker auf einen 50% Anteil englischer Sprache. Aber das mischt schon schön, beim zweiten Mal Durchhören habe ich es schon nicht mehr gemerkt. Eine Kunstsprache, die nicht gestelzt klingt? Bilderbuch schafft das irgendwie.

    Die Oasis und Suede Anklänge in „Schwarzes Karma“ sind auf einmal nicht nur verzeihbar, sondern auch irgendwie wieder cool. Nachdem wir so tolle Songs wie „Wonderwall“ wohl endgültig an den gemeinen Pöbel verloren haben, kann so ein bisschen 90er Rockhymnennostalgie wohl niemandem schaden, vor allem bei einem Song mit so starkem Ohrwurm-Potenzial. Die packendste Stelle ist der kurze Teil ohne Bass nach dem Refrain. Wenn dieser dann zusammen mit der fuzzigen Gitarren wieder in die Strophe droppt, oh good lord, da hält mich gar nichts mehr. Einfach ein geiler Rocksong. „Liebe oder codependency“? Bei mir definitiv beides.


    Von Bienchen und Blümchen

    In so einem Liebeskreislauf kommt es zwangsläufig eben auch zu festen Beziehungen. Und in einer Beziehung gibt es eigentlich nur zwei Gründe, sich wegen fröstelnder Gefühle in die Decke auf dem Sofa einzuwickeln. Der erste, most obvious: die Beziehung neigt sich dem Ende zu und alles nervt gerade nur noch. Der zweite: krasse Vermissung und Einsamkeit. Dann kann so ein Wechselbad von heiß zu kalt schon mal ganz schön auf den Kreislauf gehen. In „Klima“, dessen Titel zwar so ein bisschen clickbaity in eine politische Richtung zu gehen scheint, geht es tatsächlich aber um die heiße Leidenschaft und die kalte Zeit danach bis zum Wiedersehen. Die Akustikgitarren geben dem ganzen Song einen charmanten Kneipen-Folk Charakter. Könnte aber auch durchaus bei gedimmtem Licht im Schlafzimmer für Stimmung sorgen. Da bekomme ich schon vom Zuhören ganz rote Backen.

    Denn das mit den Bienchen und den Blümchen scheint Bilderbuch anscheinend immer wieder sehr am Herzen zu liegen, so auch in „Blütenstaub“. Ein Song der nur so vor Verliebtheit strotzt und die Welt rosarot färbt. Zwei Dinge sind auf diesem Album sicher: sie haben keine Angst vor Kitsch und keine Angst vor Sex. Oder darüber offen zu sprechen. In Kombination wirkt das erfrischend unprüde und in deutscher Sprache bahnbrechend. Könnte das dann vielleicht tatsächlich dazu führen, dass wir uns etwas weniger verklemmen und das nächste Mal einfach drauf losplaudern? Vielleicht im Restaurant oder in der U-Bahn, mit „g-string zwischen haut“ und „blütenstaub in der luft“? Obwohl ich gerade noch nicht genau weiß, ob ich das alles immer so wissen will.


    „Baba“ my love

    Mit „I’m Not Gonna Lie“ erfährt die süße Liebesgeschichte dann das erste Mal einen Bruch. Im rockigen Brit-Pop Gewand mit lauten, verzerrten Gitarren wird hier ein glorreiches Ende eingeläutet. Tja, so ist vielleicht einfach das Leben, konstatiert auch Maurice in seinen Lyrics:

    „ich erzähl dir was
    i’m not gonna lie
    wir sind zerbrochen nur an uns zwei
    du gehst deinen weg
    und ich geh heim
    maybe baby that’s life“

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen

    Irgendwann ist die Luft einfach raus, da hilft kein Betteln und kein Flehen. Verschont geblieben sind davon wohl die wenigsten. Das beste Rezept für einen freien Kopf ist dann oft ein paar Tage vor die Türe zu gehen. Zum Beispiel Argentinien, genauer: „La Pampa“. Gut, vielleicht hätte ne Kippe auf dem Weg zum Netto auch gereicht, aber wir reden hier schließlich von Bilderbuch und da zählen die ganz großes Gesten.

    Tatsächlich war ich da auch schon mal, also in der Pampa, kleiner fun fact am Rande. Ist nicht so öde, wie ihr euch das vorstellt! Die lonesome rider feelings bringt Bilderbuch aber dennoch im Song rüber. Das Gitarrenriff erinnert an alte Westernfilme und staubige Pferdehufen im Sand. In meinem Kopf ein wirklich schöner Ort für ein Komplett-Reset nach einem schmerzhaften break up.

    Ja, ihr ahnt es vielleicht schon, aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende.
    Kurzes Orientieren:

    • wir haben die hedonistische „Alles kann, nix muss“-Phase
    • wir haben uns dann trotzdem verliebt
    • wir sind total mega in love und können uns ein Leben ohne unsere große Liebe nicht mehr vorstellen
    • wir zelebrieren unsere Beziehung und gehen auf sexuelle und seelische Tuchfühlung
    • wir haben uns auseinander gelebt
    • wir haben die Nase voll, lass mal abhauen


    Sisyphus‘ burden

    Klingt nach einem gutem Ende? Stimmt. Dann wäre es aber kein Kreislauf. Deswegen muss es konsequenterweise irgendwie wieder von vorne losgehen und Sisyphus plumpst den Abhang hinab. Seufz. In „Auf und Ab“ suggeriert der Titel ja eigentlich schon die ganze Story in drei knappen Wörtern. Die soulige Ballade, die fast ausschließlich im Falsett gesungen wird, beschreibt die Unstetigkeit unserer Gefühle akkurat, obwohl es kaum Text gibt. Es ist wohl niemals eine schnurgerade Storyline in unserem Leben und die überraschende Wendung nur eine Achterbahnfahrt entfernt.

    „Zwischen deiner und meiner Welt“ kann nämlich anschließend der Beweis dafür sein, dass der kalte Entzug die Sehnsucht nicht so einfach überwindet. Und auch wenn wir es manchmal nicht wollen, unsere Gedanken hängen dem*der Verflossenen ganz furchtbar lang hinterher. Oooooder es gibt bereits eine neue Flamme. Entscheidet selbst. Witzigerweise muss ich gerade bei dem Song dann wirklich an Stalking denken. Aber nee quatsch, der Text ist für sich genommen einfach irgendwie süß.

    „keine distanz
    zwischen uns
    ist weit genug
    flüster nur
    meinen namen
    durch dein display
    und ich bin da
    wo immer du
    bist bin ich da“

    Außerdem ist dieser Song auch einer Gründe, warum ich den neuen Bilderbuch-Sound so mag. Nach den letzten beiden wirklich experimentellen Alben jetzt wieder so straight und vergleichsweise bodenständig nach Rockband zu klingen, ist zumindest mal bemerkenswert. Schon klar, dass sie hier das Rad nicht neu erfinden und sich hier und da mal an Ideen bedienen (und ich meine nicht kopieren). Aber, und das finde ich sehr wichtig, die Auswahl ist durchweg geschmackvoll.


    Perspektivenwechsel?

    Mit dem Titelstück schließt „Gelb ist das Feld“ dann. Die gezupfte Gitarre mit Chorus-Effekt und das 4-on-the-Floor Drumset erinnern ein bisschen an U2 gepaart mit Rollschuhdisko. Gehört für mich aber leider zu den schwächsten Stücken. Unter anderem, weil mein Eindruck der auf dem gesamten Album zur Schau gestellten Geschlechterrollenverteilung, erneut bestätigt wird. „Gelb ist das Feld where I’m gonna lay you down“ klingt für mich im Jahre 2022 ganz schön arg nach männlicher Ermächtigung.

    Mag sein, dass ich da etwas empfindlich bin. Aber ein dieser männlich-egozentrischen Erzählweise entfliehender Perspektivenwechsel hätte an manchen Stellen für erfrischende Überraschungsmomente sorgen können. Die etwas uninspirierten vier Standardakkorde begleitet dann zusätzlich noch eine nahezu identische Melodie in Strophe und Refrain, da hätte ich mir an dieser prominenten Stelle doch noch einen Knaller zum Abschluss gewünscht. Aber hey. Die Katze wollte auch die Bratwurst.


    Fazit

    Zum Schluss bleibt hier eigentlich nur zu sagen, dass dieses Album insgesamt durchaus gelungen ist. Es ist spannend zu erfahren, wie gut diese Band zusammen funktioniert und was sie abseits von einer guten Show noch zu bieten hat. In diesem Fall mit wenig Schnick Schnack, back to the roots. Und auch wenn ich verstehen kann, dass manche Fans die vielgepriesene Innovation hier vergeblich suchen und „Gelb ist das Feld“ möglicherweise sogar etwas langweilig finden könnten, bin ich jemand, der hier endlich einen barrierefreien Zugang in Bilderbuchs Welt erhält.

    Alles, was mir vorher irgendwie affektiert und überzogen vorkam, bekommt mit diesem Album einen doppelten Boden samt Auffangnetz. Und damit meine ich nicht nur den Sound, sondern auch die Attitüde. Es ist einfach weniger Playboy. Die überbordende Coolness wurde schlicht gegen eine zärtliche Verletzlichkeit eingetauscht. Dabei hat Bilderbuch an Lässigkeit kein Stück einbüßen müssen.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen

    Fotocredit: Hendrik Schneider

  • Samuel Breuer im Interview: » Ich dachte, es muss immer alles kompliziert sein. Aber das braucht es nicht«

    Samuel Breuer im Interview: » Ich dachte, es muss immer alles kompliziert sein. Aber das braucht es nicht«

    Letzten Freitag veröffentlichte Samuel Breuer mit seiner neuen Band die erste Single seit sechs Jahren. „Wackelkontakte“ ist ein surfrockiger Song über flatterhafte Beziehungen und on-off Freundschaften, ohne einen Schuldigen finden zu wollen. Außerdem der Vorbote für das im Herbst angekündigte Debütalbum, denn obwohl Samuel schon sehr lange Musik macht, gab es bisher keinen Langspieler.

    Samuel Breuer kommt eigentlich aus Düsseldorf, aber ist einfach ein Bonner Original und kannte dort Gott und die Welt. Wenn man mit ihm durch die Straßen schlenderte, kam er meistens nicht unerkannt voran. Wir kennen uns von gemeinsamen Konzerten und schönen Abenden, tauschen uns auch heute noch über neue Musik aus und schätzen unser gegenseitiges Feedback. Auch wenn er und ich vielleicht auch so etwas wie „Wackelkontakte“ sind. Deswegen war es umso schöner, mit ihm hier ausführlich über seine Vorstellung von Freundschaft, sein neues Label und sein Umzug nach Berlin sprechen zu können.


    Lukas: Lieber Samuel, schön, dass du dir Zeit für uns nimmst! Wir beide haben uns vor gefühlt ewigen Jahrtausenden in Bonn kennengelernt, bevor wir beide dann von dort wegzogen. Du bist dann vor ein paar Jahren in Berlin gelandet. Erzähl doch mal, was dich dorthin verschlagen hat und was Berlin mit dir gemacht hat!

    Samuel: Ich habe in Bonn studiert und war dort sehr viele Jahre als Singer-Songwriter unterwegs. Bin durch die Lande gefahren mit meiner Akustikgitarre und habe das total genossen. Aber ich habe dann, vor allem zum Ende hin, immer mehr das Gefühl gehabt, dass es nicht ganz das ist, wonach mein Herz schreit. Ich war aus Bonn irgendwie rausgewachsen. Ursprünglich wollte ich die Stadt schon nach dem ersten Semester wieder verlassen, bin dann aber doch zehn Semester geblieben. (schmunzelt)

    Samuel Breuer, Wackelkontakte, Indie Rock, Interview, Singer Songwriter, untoldency, untold stories

    Ich bin dann für meine Masterarbeit nach Berlin gezogen und wusste auch irgendwie, das wird ein kompletter Neuanfang. Sowohl für meine Persönlichkeit, als auch für mein musikalisches Schaffen. Als ich hier ankam, habe ich erstmal super viele Pop- und Schlagersessions gemacht und Songs für viele Künstler mitgeschrieben. Das war eine schöne Erfahrung und gleichzeitig konnte das gut parallel neben meiner Masterarbeit laufen. Aber sobald ich diese abgegeben hatte, war nur noch Platz für meine eigenen Songs, für meine Musik.

    Ich habe mir dann hier eine neue Band zusammengesucht. Und ich wollte diesmal eine Band, die einfach fix am Start ist. Ich habe auch vorher auch schon in Duos, Trios, oder Quartetten gespielt, aber es war immer so, dass ich die Konzerte organisiert habe und diese Konstellationen immer sehr lose und unverbindlich waren. Ich wollte zwar immer noch meine Songs spielen und meine Geschichte erzählen, aber mit einem Team, auf das ich mich verlassen kann. Und das habe ich jetzt! Wir haben im Laufe der letzten zwei einhalb Jahre ganz viele tolle Dinge zusammen erlebt, trotz Corona, und dafür bin ich richtig dankbar.

    Lukas: Deine letzte Veröffentlichung ist mittlerweile sechs Jahre her. Da ist einiges an Wasser den Rhein runtergeflossen, wie man bei uns im Rheinland sagt. Wenn wir jetzt mal bei deiner Musik bleiben: Sind diese neuen Songs jetzt irgendwie Songs, die du von früher mitgenommen hast? Inwiefern knüpft da die neue Musik an deine Musik von früher an?

    Samuel: Da sind teilweise Songs dabei, die wie eine Übergangsphase für mich sind. Hier und da erkennt man noch meine Handschrift, zum Beispiel die abstrakten Bilder in meinen Texten. Gleichzeitig markiert das Album einen Neustart, weil kein einziges Mal eine Akustikgitarre in den Songs auftaucht. Das, was ich mitgenommen habe sind tendenziell die sprachlichen Bilder, die ich benutze. Da merke ich allerdings sehr, welche Songs auf dem Album älter sind.

    Meine Schreibe hat sich im Laufe dieses Neustarts sehr stark verändert. Ein großer Einfluss war sicherlich die Celler Schule. Eine Songwriting Masterclass, bei der ich sehr viel Input bekommen habe. Da konnte ich lernen, mit einer kritischeren Distanz auf meine Texte zu schauen. Manchmal klangen Texte in meinem Kopf halt irgendwie geil, aber es war überhaupt nicht verständlich, was ich damit sagen wollte. Die Sprache in den neueren Songs ist sehr viel klarer geworden.

    Lukas: Möchtest du denn, dass deine Zuhörer*innen immer direkt kapieren, was du meinst? Oder findest du es nicht auch interessant, diesen abstrakten Gedanken Raum zu lassen, ohne dass sie jemand versteht?

    Samuel: Ich finde das vom Prinzip total interessant, sonst hätte ich es auch lange Zeit nicht so gemacht. Allerdings hat sich das auch einfach bei mir selbst geändert. Ich denke weniger abstrakt als früher und das spiegelt sich in meinen Songs wider. Ich höre immer noch total gerne Musik, die versteckt schreibt. Aber das, was im Moment aus mir raussprudelt, ist von der Sprache immer klarer geworden. Noch vor vier oder fünf Jahren hätte ich das nicht nur für nicht möglich gehalten, ich habe sogar Musik, die so klar und eindeutig war, ein bisschen belächelt. Ich dachte, es muss auch immer alles kompliziert sein. Aber das braucht es nicht.

    Lukas: Deine Musik wirkt nicht nur sehr authentisch, sie ist sehr authentisch. Ich merke, dass du alles so singst, wie du es meinst. Und obwohl ihr jetzt ja eine feste vierköpfige Band seid, trägt das Ganze noch deinen richtigen, bürgerlichen Namen. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

    Samuel: Das war auch ein Prozess. Als ich mit unserem Gitarrist Simeon angefangen habe, die Songs zu arrangieren, habe ich ihm gesagt: „Simeon, ich will keine Akustikgitarre mehr. Ich möchte Indierock machen!“ Wir haben dann an den Songs gearbeitet und durch den Bandcharakter kam dann die Idee, das „Samuel“ zu streichen und das Projekt einfach nur „Breuer“ zu nennen. Ich habe das dann längere Zeit mit mir rumgetragen, aber letztendlich gemerkt, dass diese Songs einen Vornamen brauchen. Diese Songs sind eben so persönlich für mich und so sehr meins, dass ich da den Eindruck hatte, die Songs verlangen, dass ich mit meinem vollem Namen dahinterstehe.

    Lukas: Vielleicht hättet ihr euch sonst irgendwann auch über einen dämlichen Bandnamen geärgert, so etwas entsteht ja auch nicht selten aus einer Laune heraus…

    Samuel: Ja, und hinzu kam noch, dass ich diese Musik ja auf jeden Fall für immer mache. Ich wollte mich nie abhängig machen von einem Bandkonstrukt, das nur als solches besteht. Ich liebe meine Band und mein Traum ist, dass wir das einfach ewig so weitermachen können. Wir haben so tolle Dinge gemeinsam erschaffen und sind ein grandioses Team. Aber sollten sich ein oder zwei dazu entscheiden, irgendwann andere Wege zu gehen, möchte ich nicht in die Lage geraten, nach einem neuen Namen, einer neuen Identität suchen zu müssen.

    Lukas: Ihr wart dann für die Produktion des Debütalbums im Tonstudio in Hennef (meiner Heimatstadt btw) mit eurem neuen Produzenten. Wie kam es dazu?

    Samuel: Ich habe unseren Produzenten Thorsten 2017 kennengelernt. Ich hatte ihm ganz viele Demos von meinen anderen, alten Songs gezeigt. Und als wir die neuen Demos fertig hatten, haben wir ihm das geschickt und er wollte das mit uns ausarbeiten. Tja, dann haben wir einen Studiotermin festgelegt im Oktober 2019. Und ich habe noch ganz blauäugig gedacht, wir spielen da in zwei Wochen das gesamte Album ein, obwohl wir uns in dieser Formation vielleicht vier Monate kannten. Ich bin dann im Laufe des folgenden Jahres wirklich oft hin und her gefahren, um die Songs fertigzustellen. Und es war anstrengend, aber jedes Mal wenn ich da war, gab es die restliche Welt nicht mehr.

    Samuel Breuer, Wackelkontakte, Indie Rock, Interview, Singer Songwriter, untoldency, untold stories

    Lukas: Lass uns zu deinem Release kommen! „Wackelkontakte“ ist letzten Freitag erschienen, die erste Singleauskopplung aus dem kommenden Album. Was sind für dich denn eigentlich Wackelkontakte?

    Samuel: Es gibt verschiedene Arten von Wackelkontakten. Sie eint, dass man immer wieder in Kontakt ist und dann immer mal wieder Ewigkeiten nicht. Aber ohne, dass es jemand böse meint. Und man weiß, dass man sich total gerne hat. Man kommt einfach nicht dazu, sich beieinander zu melden, obwohl man es so lange unbedingt mal wieder hätte machen wollen. Und manchmal braucht so ein nächstes Mal eben ein paar Jahre.

    Lukas: Findest du denn, man braucht solche Wackelkontakte im Leben? Oder anders, brauchst du welche in deinem Leben?

    Samuel: Ich habe lange gebraucht um zu verstehen, dass das Teil des normalen Lebens ist. Ich musste lernen zu akzeptieren, dass man nicht mit allen Menschen so eng Kontakt halten kann, wie man es vielleicht möchte. Ich kann durch die Verarbeitung in diesem Lied jetzt viel besser damit umgehen. Manche Menschen sehe ich halt nur einmal in drei Jahren und höre auch sonst nichts von ihnen, aber wenn wir uns sehen ist alles total schön und ich freue mich total. Im Song habe ich schon fast einen sarkastischen Blickwinkel darauf gewählt, der zum größtem Teil aus meinem damaligen Frust entstanden ist. Mittlerweile hat sich dieser Frust gelegt, ich kann das inzwischen mit einem lachenden Auge sehen. Ob ich Wackelkontakte brauche – würde ich verneinen.

    Lukas: Es ist ja so eine unerklärliche Mischung aus Faulheit und Pflichtbewusstsein. Ich finde das Thema total interessant. Ich denke mir oft, irgendwie werden gerade ganz viele Freunde in meinem Leben zu Wackelkontakten. Der Song ist so herrlich unentschieden, denn es ist ja keine Anschuldigung, sondern einfach eine Feststellung. Da habe ich mich gefragt, ist der Song für dich ein Wunsch den Status Quo zu ändern, oder ist es die Akzeptanz dieser Beziehungen?

    Samuel: Das hat sich sehr gewandelt! Ich kann das mittlerweile viel entspannter betrachten. Es gab aber Zeiten, da hatte ich wirklich eine regelrechte Wut auf solche Situationen. Immer kommt das Leben dazwischen und das hat mich richtig wütend gemacht. Er ist so herrlich unentschieden… Ich finde es schön, dass du das sagst!

    Lukas: Ja ich weiß einfach nicht, ob ich jetzt abhaten oder mich freuen soll, denn wenigstens besteht ja überhaupt noch Kontakt. Ich dachte auch beim ersten Hören, es kommt vielleicht noch ein Twist in deinem Text. Also, dass dann die Rache folgt, von wegen „du kannst mich mal“. Aber das kommt eben nicht! Ich glaube, viele Hörer*innen können solche Beziehungen gut nachvollziehen. Vor allem weil ich auch glaube, dass es etwas mit unserem Alter zu tun hat. Wie siehst du das?

    Samuel: Ich glaube das auch. Das ganze kommende Album handelt ja auch vom Älter- und Erwachsenwerden. Und da ist genau das auch einer dieser Punkte. Unsere Freunde gehen ihres Weges und es bleibt nicht mehr für alle Platz. Und die Zeile, die für mich den Song auf den Punkt bringt, ist „keine böse Absicht“. Es ist ein „tut mir Leid“ und ein „ist schon okay“ zugleich. Eine Bitte um Entschuldigung und eine Vergebung!

    Lukas: Du hast ja jetzt auch ganz frisch noch ein Label gegründet! Wie kam es denn dazu?

    Samuel: Wir haben lange überlegt, wie wir die Veröffentlichung angehen wollen. Und ich habe von Anfang gedacht, es wäre ja schon geil, ein eigenes Label zu gründen. Die Musikindustrie hat sich sehr verändert im Laufe der letzten zehn Jahre. Und ein Label macht im Endeffekt wenig mehr, als du ohnehin als Künstler oder Band in unserer Größenordnung selbst machen musst. Ich fand den Gedanken charmant, alles selbst in der Hand zu haben und alles selbst bestimmen zu können. Wir hätten auch einfach eine Selbstveröffentlichung machen können, aber das hätte sich unvollständig angefühlt. Und unsere Bewerbungen bei den Labels stieß nie auf die gewünschte Resonanz. Dazu kam noch, dass viele kleine Indie-Labels wegen Corona gerade so ein bisschen untergehen. Und dann dachte ich, let’s do it, lass es uns einfach selber machen. Harry Potter hat am Anfang ja auch keiner gewollt.

    Lukas: Ich weiß nicht ob es wirklich etwas mit „nicht wollen“ zu tun hat. Viele gehen ja gerade diesen Schritt, eben weil man sowieso fast alles selber machen muss. Und wenn dann was übrig bleibt, kannst du es wenigstens alles behalten. Ich finde das mutig und ziemlich cool! Kritzel Records finde ich auch einen einprägsamen Namen. Wie seid ihr darauf gekommen, hat das eine tiefere Bedeutung?

    Samuel: Ich habe den Slogan „Ich kritzel Bilder für deine Ohren“ für mich gefunden, einfach weil meine Texte sehr visuell sind. Weniger Leonardi Da Vinci-Style, sondern halt eher gekritzelt. Und Thorsten kam dann am Ende auf die Idee, dem Ganzen diesen Namen zu geben.

    Lukas: Wie stellt ihr euch das denn jetzt weiterhin vor, wächst dieses Label jetzt parallel zur Musik eigenständig weiter oder ist das eher ein Mittel zum Zweck?

    Samuel: Ich träume schon davon, dass das ein richtiges Label wird! (grinst breit) Ich habe Bock auf diese Arbeit. Ich habe Bock, Künstler zusammenzubringen, die ähnliche und geile Mucke machen! Kitzel Records ist ein Zuhause für diejenigen, die sich in der popkulturellen Musiklandschaft obdachlos fühlen.

    Lukas: Sehr schön gesagt. Das könnte ja schon weitreichendes Interesse regen! Arbeit gibt es ja genug und sicherlich auch viele Künstler*innen, die sich bei dir melden würden.

    Samuel: Erstmal geht es aber um unseres eigenes Ding. Kritzel Records ist ein Hafen für unser eigenes Boot, welche Boote dann dazu kommen, werden wir sehen!

    Lukas: Wir bleiben gespannt. Vielen Dank für dieses schöne Gespräch! Viel Erfolg mit eurer Musik – bis bald!

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen
  • Love, Drugs, Murder & Blues: alt-J mit ihrem neuen Album „The Dream“

    Love, Drugs, Murder & Blues: alt-J mit ihrem neuen Album „The Dream“

    Alt-J veröffentlicht ein neues Album. Es heißt „The Dream“. Das muss man sich doch erstmal auf der Zunge zergehen lassen. Ich meine, wie oft wird das in unserem Leben wohl noch passieren? Wie oft dürfen wir davon noch Zeuge werden? Bisher ist es vier Mal passiert und ich für meinen Teil bin froh, jede Sekunde dabei gewesen zu sein.

    Alt-J. Das ist mehr als eine Band für mich. Ich glaube, das ist meine Jugend. „An Awesome Wave“ haben wir damals auf dem Schulhof gehört. Zu zu dritt, zu viert, mit einem Paar Kopfhörer. Wir prügelten uns darum, weil wir nicht fassen konnten, was da auf unseren iPods gelandet war. Wir haben mit unseren Patschefingern Dreiecke geformt und die A-Capella Parts leidenschaftlich und schief nachgesungen. Dann das erste Mal alt-J live, als Vorband von Two Door Cinema Club. Als Vorband! Könnt ihr euch das vorstellen? Wir waren so glücklich damals.

    Auch nach ihrem Debüt 2012 kamen mit „This is All Yours“ und „Relaxer“ monumentale Werke, die immer mehr Facetten einer unglaublich kreativen Band hervorgebracht haben. Und jetzt, erschreckende zehn Jahre nach Release ihres ersten Albums, erscheint ihr wahrscheinlich bisher Bestes: „The Dream“.

    alt j, the dream, cover, new album, indie, untoldency, review

    Was erwartet uns? Hmm, ich habe mich natürlich im Vorfeld oft gefragt, wie das neue Album wohl klingen wird. Bisher hatte mich die Band von Album zu Album mehr überzeugt, ohne dass die Vorgänger an Qualität verloren hätten. Alt-J war immer modern, immer dem Zeitgeist voraus, immer ein Trendsetter. Und so soll es jetzt wohl auch weitergehen, denn das neue Album klingt zwar wieder ganz anders — und doch so sehr nach .

    Ihren Signaturesound haben sich die drei Briten jedenfalls bewusst behalten. Allerdings klingt ihr Schlagzeug lustigerweise diesmal auch manchmal wie ein Schlagzeug, und nicht wie eine aus Töpfen und Pfannen zusammengebastelte Schießbude. Gitarren und Keyboards gibt es auch heute wieder in Hülle und Fülle, oft bis ins kleinste Detail auskomponiert. Und natürlich bekommen wir auf „The Dream“ ein paar Leckerbissen des unverwechselbaren Chorgesangs von Joe Newman und Gus Unger-Hamilton.


    It’s just you and me now

    Doch fangen wir von vorne an. So ein Album lässt sich Zeit. Deshalb starten wir, genau wie die Band, mit der ersten Single. Zugegeben — bevor „U&ME“ erschien, hatte ich lange Zeit nicht mehr an alt-J gedacht. Diese neue Single erwischte mich eiskalt, sie war einfach eines morgens da. Ich muss auch zugeben, dass mich „U&ME“ anfangs so gar nicht gecatched hat. Irgendwie klang es für mich so seltsam herkömmlich.

    Wo war der Sound hin? Wo waren die krassen Drops, die unerwarteten Wendungen? Und dieses Video dazu; eine etwas uninspirierte Szene im örtlichen Skatepark. Alles irgendwie so 15 Jahre vorbei. Vielleicht gerade deshalb so geil? Irgendwie gefiel mir die ganze Ästhetik von Mal zu Mal besser. Ich kann es mir nicht so recht erklären. Denke aber, irgendwer muss ja damit anfangen, Trends wieder auszugraben. Sonst würden wir ja heute auch keine boot-cut Jeans oder Arschgeweihe mehr tragen (like wenn du eins hast).

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen


    Klick hatte es bei mir erst dann gemacht, als ich die Single ein paar Tage später im Radio hörte. Das Intro erklang und mein Gehirn direkt: „Fuck! Was ist das denn nochmal?!“ Ich bekomme deswegen wirklich häufig Panik, wenn mir nicht direkt Titel oder Interpret einfällt. Das war ein halber Schweißausbruch (horizontal) in einem Bruchteil von Sekunden. Als Joes Stimme einsetzte war klar, dass diese Single allen anderen alt-J Classics in nichts nachstehen wird. Und ohne, dass ich es wusste oder wollte, hatte ich mich in diese Single verknallt. Sie haben es mal wieder geschafft.


    Keine hippen Roboter

    Ich finde es irgendwie beruhigend, dass alt-J doch im Endeffekt ganz normale Dudes zu sein scheinen. Denn sie huldigen im Opener „Bane“ nicht etwa Cold Brew Coffee oder Mate-Tee aus ausgehöhlten Kürbissen, sondern ganz ordinärer, industrieller Coca-Cola. Das ist doch mal bodenständig. Ich habe dazu auch noch vor Augen, dass sie vor etwa fünf oder sechs Jahren (vielleicht auch länger her) ein Foto von einem RIESIGEN SCHINKEN (ehrlich, ein halbes Schwein locker) aus dem Tourbus gepostet hatten — gerade als die große Welle der Lifestyleveganer zu brechen begann. Da hagelte es Hasskommentare. „Bodenständig“ und „geschmacklos“ mag hier nah beieinander liegen, ich find’s aber irgendwie sympathisch.

    Wie ich im exklusiven untoldency Interview meiner lieben Kollegin und Magazinchefin Anna nachlesen konnte, gibt es auch eine Referenz zu diesem ersten Track. Referenzen und kleine Easter-Eggs sind tatsächlich bei alt-J nichts ungewöhnliches, dennoch macht es immer wieder Spaß, diese zu entdecken. Wer sich in seiner Jugendzeit mit Heavy Metal beschäftigt hat (oder es vielleicht immer noch tut), wird den Wink mit dem Zaunpfahl auch direkt bemerkt haben: Black Sabbath, is that you? Und tatsächlich, Drummer Thom Green nennt den Song „Planet Caravan“ einen direkten Einfluss. Sucht mal beim Papa in der Schublade, da liegt die Sabbath Platte bestimmt noch rum. Give it a spin!

    „It [Planet Caravan] sounded similar, and I thought well, we can emphasize that. We like to do that sometime. We’ve got a lot of references because we all listen to different kinds of things. I think we’re always just as open minded as possible.“

    Thom Green x untoldency

    Machen Sie 70.000$ von Zuhause in nur 12 Stunden

    Im surfpoppig-leichten „Hard Drive Gold“ beschreibt uns alt-J, wie gewöhnlich und einfach es doch geworden ist, die Millionen von daheim aus zu machen, ohne wirklich dafür arbeiten zu müssen. Ja, sie ermutigen uns sogar dazu! „Don’t be afraid to make money“. Was sich jetzt wie eine gefährliche Spam-Mail im Postfach eurer Eltern anhört, ist tatsächlich inzwischen Realität. Digitales Geld lässt sich beispielsweise mit einem entsprechend starken Rechner heutzutage „generieren“, der Traum vom goldscheißenden Esel ist wahr geworden. Und der im Song skizzierte Teenager mit den millionen Bitcoins auf dem Konto existiert, ganz sicher auch in deiner Nachbarschaft! Vielleicht ist euch in letzter Zeit auch schonmal aufgefallen, dass sich unsere Freunde und Bekannte mittlerweile Dinge (Häuser) kaufen, während wir so das Pfandgeld abzählen und hoffen, dass es mal für eine Avocado zum Frühstück reicht? CRYPTO, LEUDE!

    Schon allein wegen solcher Storys bin ich mir sicher, dass wir alt-J irgendwann als wichtige historische Quelle der Post-Moderne zu Rate ziehen werden. Denn auch weiterhin finden sich auf „The Dream“ viele popkulturelle Referenzen, Kurzgeschichten und Trivia. Allesamt bezeichnend für unsere Epoche. Schon auf dem ersten Album entwickelte Joe eine ganz besondere Form des Storytellings, das historische oder literarische Ereignisse aufgreift und sie aus ungewohnten Perspektiven wiedergibt. Da wäre zum Beispiel „Matilda“, über einen Charakter aus „León der Profi“. Oder „Taro“ über eine Episode aus dem Leben der Kriegsfotografin Gerda Taro. Oder auch „Fitzpleasure“, der den gewaltsamen Tod einer Prostituierten aus der Kurzgeschichte „Tralala“ von Hubert Selby Jr. neuinterpretiert.


    Code word: Ice Cream

    In „The Actor“ geht es, wie es der Titel vermuten lässt, um einen Schauspieler. Aber auch um Misserfolg, Kokainhandel und das legendäre Skandal-Hotel „Chateau Marmont“ in L.A.
    Ganz passend zu diesem Thema, teleportiert uns der Sound des Songs zurück ins schillernde Hollywood der 1980er: ein gedämpftes Drumset mit einem kurzen Hall auf der Snare, ein analog anmutender Synthesizer und eine schimmernde U2-E-Gitarre. Dazu ein weißes Jacket und Glanzlichter auf 100% und Hall & Oates wären geklont — bei uns in Deutschland nannte man so etwas „Modern Talking“.

    Aus der Perspektive eines mutmaßlich erfolglosen Schauspielers, bringt uns alt-J die Lebensrealität dieser erbarmungslosen Branche in den 80er Jahren nahe. Während dieser Schauspieler immer wieder versucht, Rollen zu bekommen und mit Konkurrenten in vollen Wartezimmern der Auditions ausharrt, lockt das Kokain. Und diesem Falle nicht nur als Muntermacher, sondern auch als lukrativer Nebenerwerb mit Folgen. Code word: Ice Cream. So wird auch der Protagonist Zeuge eines eventuell durch ihn verursachten Drogentods:


    „Swarm of TV cameras click and stumble at the Chateau,
    Later I hear John’s body got carried out“


    Sehr wahrscheinlich, dass hier explizit auf den Tod des Schauspielers John Belushi („Blues Brothers“) angespielt wird, der 1982 in besagtem Hotel an einer Überdosis starb. Also liebe Kinder, keine Macht den Drogen! Coca-Cola ist ok. „Cold and sizzling“


    Verbranntes Fleisch und Nackenhaare
    Alt-J, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, the dream, thom, altj, an awesome wave

    Wer ein wenig recherchiert, wird schnell merken, dass True Crime auf „The Dream“ einen wesentlichen Einfluss auf Joes Lyrics nimmt. Er nennt True Crime-Podcasts, besonders während der Lockdowns, eine wichtige Inspirationsquelle. Die teils verstörenden Bilder, die er mit seiner ruhigen Stimme für uns kreiert, haben es auf jeden Fall in sich. So werden wir in „Happier When You’re Gone“ Zeuge, wie sich eine Frau aus einer gewaltsamen Beziehung befreit und ihren Peiniger kurzerhand umbringt und verbrennt. Die makabere Beschreibung des Geruchs von verbranntem Fleisch in Verbindungen mit dem gechillten low-tempo Track, beschwört eine Gänsehautstimmung, die man sonst nur aus Psycho-Thrillern kennt.

    Apropos, im Song „Losing My Mind“ wird es noch düsterer. Hier werden wir musikalisch zunächst ebenfalls von einem ruhigen ersten Teil empfangen, der immer mehr zu einem schwungvollen Britpop-Song mäandert. Im Text tauchen wir ab in die Psyche eines Serienkillers, zum Teil posthum geschildert aus der Perspektive eines entführten Kindes. Da stellen sich bei mir jedenfalls die Nackenhaare schon gen Himmel. Vor allem, wenn da diese eine Line auf Deutsch mittendrin wie eine Botschaft direkt aus der Hölle empor crawlt. Naja, ich bin zwar insgesamt kein besonders großer Fan von True Crime-Podcasts, aber in dieser Form könnte ich mich daran gewöhnen. Zumindest schlafe ich hier nicht ein.


    „Montag
    You’re in drag,
    Oh es war einfach.“


    Tränen, Techno, Opera

    Eines der absoluten Highlights auf „The Dream“ ist für mich „Get Better“, das sich als Langzeit-Grower in meinen Kopf gefressen hat. Ich glaube, es ist der emotionalste Song, den alt-J jemals geschrieben hat. Und er braucht so erschreckend wenig. Nur eine Akustikgitarre, ein paar Klavierakkorde und Joes sanfte Stimme. So verständnisvoll und sensibel schildert er Krankheit und Verlust eines geliebten Menschen, dass man sich fast nicht vorstellen kann, hier eine fiktive Geschichte zu Gehör zu bekommen. Rührend finde ich auch, dass er die erste Skizze dieses Songs seiner Freundin gewidmet hat, die zu dieser Zeit unter starken Regelschmerzen litt. Ich habe es schon immer gewusst, es sind einfach tolle Menschen.


    „A younger you and a younger me,
    meeting at the Serpentine,
    I am yours, you are mine.“

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen


    Kommen wir noch zu zwei Herzstücken, die dieses Album ganz besonders machen, weil alt-J damit in ihrem Oeuvre stilistische Nova etabliert. Beide Titelnamen sind von großen US-amerikanischen Metropolen entliehen und heißen zum einen „Chicago“, zum anderen „Philadelphia“. Ersteres beginnt im buchstäblichen Sinne mit einem Donnerschlag, der in ein gezupftes Gitarrenintro übergeht. Danach scheint sich dieser Song komplett um 360º zu drehen. Wir hören eine Bassdrum, die in Viertelnoten aus der Versenkung zu Pumpen beginnt. Techno? House? Ja, Leute! Das hättet ihr nicht erwartet, oder? Dieser Track ist so sick! Die heftigen Kopfnick- und Tanzreflexe, die er bei mir ausgelöst hat, werde ich nie vergessen. Musikalisch könnte man hier tatsächlich auch eine Parallele zum Namensvetter ziehen, denn in Chicago hat sich in den 80er und 90er Jahren der House-Musikstil in besonders aufregender Form entwickelt und prägt Generationen von DJs und Musiker*innen bis heute.

    „Philadelphia“ bedient sich ebenfalls an einem Genre, allerdings springen wir hier nochmal etwa 100 Jahre zurück und befinden uns in der Oper der Romantik. Gut, das war jetzt hauptsächlich kluggeschissen. Aber dieses immer wiederkehrende, markante Sample des Wortes „Philadelphia“ hört sich nunmal sehr nach klassischem Gesang an. Ich warne hier direkt: Ihr werdet es nicht mehr aus euren Köpfen bekommen. Ihr werdet nie wieder den Namen dieser Stadt lesen können, ohne ihn derartig schwülstig im Kopf mitzuträllern!

    Alt-J, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, the dream, thom, altj, an awesome wave

    In der Pressemitteilung habe ich gelesen, dass auf „The Dream“ alle Vocal-Samples von der Band selbst, sowie von Familie und Freunden aufgenommen wurden. Bei diesem Song kann ich es mir eigentlich kaum vorstellen. Falls es aber stimmt, sollte jene Person vielleicht ernsthaft über eine Bewerbung bei Britain’s Got Talent nachdenken.


    „Your reassurances subtitled in American English“

    Wer alt-J gerne und oft hört, wird bereits festgestellt haben, dass sie sich auf ihren bisherigen Alben oft an Genre oder speziellen Genremerkmalen orientiert haben. Ganz besonders merkt man eine Affinität zu keltischen/mittelalterlichen Musiken auf „This is All Yours“, die sich in Songs wie „Nara“, „Every Other Freckle“ oder „Garden of England“ besonders zeigt.

    Ich meine, auf „The Dream“ auch ein neues, verbindendes Genre herausgehört zu haben: Viele der Songs wirken auf mich sehr amerikanisch. Vor allem der Blues und der Gospel mischen sich hier immer häufiger unter. „Hard Drive Gold“, „Walk a Mile“ und ganz zum Schluss „Powders“, dieser mit seltenem, aber astreinen E-Gitarrensolo, weisen allesamt Bluesstrukturen auf. Der kurze Skit „Delta“ erinnert sogar stark an typische Traditionals, quasi die Vorfahren des Blues. In „Walk a Mile“ gibt es im Text gleich eine typisch amerikanische Sehnsucht als Souvenir mit auf den Weg. Ich stelle mir glühende Hitze, abgelaufene Lederboots und eine laaaange Reise bis zum Ziel vor. Schlagzeuger Thom mag diesen Song übrigens am liebsten:

    „When I picture it, it’s very coherent to me. Our parts are very well balanced in terms of like what we contribute. Works just wholly for me.“

    Thom Green x untoldency

    Fazit

    Je tiefer ich in dieses Album eintauche, desto mehr entdecke ich. Meine Worte können diesem Album letztendlich nicht gerecht werden. Ich will daher gar nicht mehr viele davon verlieren. Ich will, dass ihr das Album hört!


    Freut euch auf Melodien, die das Verlangen wieder für ein paar Jahre stillen dürften. Es gibt ikonische Slogans, tolle Geschichten und, nicht zu vergessen, Romantik pur. Denn im Kern geht es um Liebe: Sehr verliebt sein, sehr verletzt sein, sehr irrationale Dinge deswegen anrichten. Ein bisschen wie „Sex, Drugs & Rock’n’Roll“ quasi, aber eher „Love, Drugs, Murder & Blues“. Alt-J machen aus mir den Hauptcharakter in einem Coming of Age-Roman. Egal, wie alt ich bin. Hier darf ich ausnahmsweise alles sehr stark fühlen, ich darf weinen, ich darf über banalen Humor lachen. Und das jetzt schon zum vierten Mal.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen

    Fotocredit: Rosie Matheson, George Muncay

  • Tocotronic im Interview: „Das Ergötzen am Hass passt einfach nicht mehr in die Zeit“

    Tocotronic im Interview: „Das Ergötzen am Hass passt einfach nicht mehr in die Zeit“

    Könnt ihr es fassen? Ehrlich gesagt bin ich immer noch platt. Wenn ich mir vor Augen führe, dass ich tatsächlich mit Tocotronic über ihre neue Platte sprechen konnte… Mit f*cking TOCOTRONIC!!! Zum Glück fiel es nicht zu sehr auf, wenn mir die Worte fehlten, weil mir mit Bassist Jan Müller ein sehr eloquenter und aufgeschlossener Gesprächspartner gegenüber saß. Naja, zumindest digital, im Videocall.

    Tocotronic, wahrscheinlich die einflussreichste deutschsprachige Band seit den 1990er Jahren, veröffentlicht morgen ihr neues Album „Nie wieder Krieg“. Und mir kommt es immer mehr so vor, als käme hier einfach das Beste aus fast 30 Jahren ihres Wirkens zusammen: Die ikonischen Texte von Dirk von Lowtzow machen betroffen, treffen aber auch mitten ins Herz. Die Band ist musikalisch perfekt eingespielt und scheint sich blind zu verstehen. Und die Entwicklung ihres Sounds wird auch nach dem 13. Album nicht gestoppt; immer mehr Facetten und Nuancen bilden sich heraus und machen dieses neue Werk einfach unheimlich spannend.

    Dass Dirk, Jan, Rick und Arne, trotz ihres verdienten Erfolgs, alles andere als abgehoben sind, merkte ich schon in den ersten paar Sätzen unseres gleich folgenden Interviews. Bevor ich die Audioaufzeichnung überhaupt starten konnte, teilte Jan Müller schon Erinnerungen an Gigs in heute längst geschlossenen Locations meiner Wahlheimat Trier mit mir. Weiterhin sprachen wir dann über die Entstehung des neuen Albums, den Hass in unserer Gesellschaft, seine Arbeit als Podcaster und Musikjournalist und die perfekte TK-Pizza. Ich wünsche euch viel Spaß!

    Jan Müller von Tocotronic im Interview

    Lukas: Lieber Jan, ich freue mich wirklich sehr, dich kennenzulernen. Und natürlich, dass du Zeit für ein kleines Interview mit untoldency hast. „Nie wieder Krieg“ ist euer 13. Studioalbum: Wie fühlt sich das an, mit diesem umfangreichen Œuvre im Rücken, ein neues Album zu machen?

    Jan: Gut! Sonst hätten wir es nicht gemacht! Es ist eigentlich ein ganz spannendes Oszillieren. Man sollte versuchen, sich als Musiker:in zumindest grundsätzlich zu hinterfragen: Hat man wirklich noch den Drive, neue Musik zu machen? Andererseits merkt man natürlich irgendwann, dass man als Band gut zusammen funktioniert, dass es Spaß macht, Musik zu machen. Da gerät man auch schnell in eine Routine rein. Bei diesem 13. Album war das vielleicht auch so ein Sonderfall, dadurch dass wir dieses eine Jahr extra hatten. Vor allem, nachdem das Meiste schon fertig war. Klar, da kamen dann noch so Sachen wie Artwork und Titelfindung, aber wir hatten eigentlich ein Jahr Zeit, zu reflektieren: Wo stehen wir als Band? Und wir sind im Nachhinein zu dem Ergebnis gekommen, dass es immer noch Menschen gibt, denen unsere Musik etwas sagt und gefällt. Und dass es uns auch noch Spaß macht.

    Generell versuchen wir aber, Routinen zu vermeiden, mit unterschiedlichen Techniken. In den ersten Jahren haben wir sehr schnell unsere Alben veröffentlicht, die haben wir sehr schnell rausgehauen. Und dann ging bei uns dieser Prozess los, bei dem wir uns gefragt haben: „Hat es noch Sinn, Musik zu machen?“. Dann kam so ein Album wie „K.O.O.K“., bei dem wir einiges anders gemacht haben. Was Texte betrifft und die Art und Weise, wie wir aufnehmen. Solche Brüche gab es immer wieder. Zwischendurch gerät man mal in einen Schaffensrausch, zum Beispiel, als wir mit Moses Schneider angefangen haben. Das letzte Album hatte dann so ein Oberthema, nämlich Dirks Biografie. Und von da aus konnten wir jetzt ganz befreit weitermachen. Im Moment arbeiten wir daran, wieder eine etwas einfachere Sprache zu finden. Eigentlich schon seit dem roten Album. Und so ist man immer in diesem Gedanken drin, wie macht man weiter. So dass man eigentlich nie zu dieser Frage kommt, was wir dann beim nächsten Album machen. Man ist einfach sehr in diesen Prozessen drin.

    Lukas: Wie können wir uns denn so einen Prozess vorstellen; habt ihr einen Proberaum, in dem ihr euch Freitagabends trefft? Eine Kiste Bier leerproben, Pizza bestellen und nach und nach entsteht dann das neue Album?

    Jan: (Lacht) Ne, Kiste Bier leer auf gar keinen Fall! Allenfalls wird mal eine Flasche Wasser getrunken. (lacht) Der Proberaum kommt eigentlich später erst ins Spiel tatsächlich. Wenn wir noch auf der Tour des vorherigen Albums sind, fängt Dirk meistens schon wieder an, erste Stücke zu schreiben. Er macht dann Skizzen am Smartphone, ganz einfach aufgenommen. Wir reden über die Musik, auch viel über die Texte. Dann kommen immer mehr Lieder dazu und irgendwann schält sich heraus, was die Grundidee des Albums sein könnte, das Konzept. Das passiert eigentlich, bevor wir überhaupt im Proberaum waren.

    Für das rote Album und „Die Unendlichkeit“ waren wir gar nicht im Proberaum. Diesmal war das anders, weil wir einen Teil der Lieder live aufgenommen haben, im Hansa Studio. Früher war es tatsächlich so mit der Kiste Bier, aber das hat sich sehr geändert. Meist proben wir tagsüber. Das ist dann schon eine sehr konzentrierte Atmosphäre. Es wird auch sehr viel geredet, fällt mir gerade ein. Als Rick dazu kam, hat er sich sehr gewundert, wie viel wir reden und wie wenig wir eigentlich musizieren. (lacht) Und das hat sich eigentlich kaum geändert.

    „Ich finde, man sollte es sich auch nicht zu bequem machen“

    Lukas: Vermisst du die alten Zeiten oder bist du auch so zufrieden, wie es jetzt läuft?

    Jan: Nee, ich bin sehr zufrieden. Ich finds aber auch super, wie es damals lief. Das ist für mich nach wie vor eine ganz tolle Art, seine Zeit zu verbringen. Mit Freunden zusammen laute Musik zu machen, in einem möglichst unansehnlichen Raum. Damals hatten wir einen Bunker, heute proben wir übrigens auch noch in einem Keller. Ich finde, man sollte es sich auch nicht zu bequem machen.
    Wir waren auch alle Sporthasser, als wir uns gefunden haben. Die Sportstunde war damals auch schon unser Austauschraum. Das war nicht mal eine freiwillige Verweigerung, ich hatte schlicht nie eine Ader dafür. Viel später habe ich erst bemerkt, dass es auch gut tun kann, sich zu bewegen. Aber im Mannschaftszusammenhang ist das bei mir so geblieben, dass ich eine Abneigung gegen Wettkämpfe habe. Deswegen finde ich auch die Musik so toll, weil der Wettkampf da eine geringe Rolle spielt. Wenn man sich diese komischen Formate im Fernsehen anschaut — das finde ich einen völlig perversen Gedanken, dass man Talent durch einen Wettbewerb herausfinden will. Entschuldigung, ich schweife ab…

    Lukas: Nein, nein, das ist ja die perfekte Überleitung zum Titel des neuen Albums: „Nie wieder Krieg“. Denn ein Krieg ist ja im weitesten Sinne auch ein Wettkampf, wenn auch ein sehr drastischer. Wenn man jetzt so in die Welt schaut, muss man eigentlich gar nicht lange suchen, um Kriege jeglicher Art zu finden. Ob es jetzt die Ukraine ist, oder Syrien oder Mali. Der Titel steht da natürlich erstmal in einem krassen Kontrast, weil es offensichtlich keine Ist-Beschreibung darstellt. Was hat der Titel für euch zu bedeuten?

    Jan: Es gab immer Kriege, seit ich lebe. Und außerdem ist ein Bewusstsein hinsichtlich des zweiten Weltkriegs und des Faschismus präsent. Kriege kommen jetzt wieder näher, zumindest die Kriegsgefahr. Das schwingt natürlich mit, das wollen wir auch nicht verleugnen, wenn wir „Nie wieder Krieg“ zitieren. Der Slogan geht auf ein Plakat von Käthe Kollwitz und einen Aufsatz von Kurt Tucholsky zurück. Das ist natürlich auch eine Verbeugung vor diesen beiden Menschen und überhaupt vor dem Antimilitarismus. Aber unsere Intention geht ein bisschen weiter: Wo entsteht da eigentlich der Krieg? Eine Betrachtung nach Innen, das ist die Idee. Wir haben viel über diesen Titel diskutiert, ob er nicht auch missverständlich sein könnte.

    In jenen Tagen begannen auch die Aktivitäten der rechtsoffenen bis rechtsextremen Coronaleugnerszene. Es ist geradezu grenzenlos und völlig frei von Scham, was sich dort angeeignet wird. Wir kamen zu der Überzeugung, dass der Titel „Nie wieder Krieg“ auch ein Statement ist, dass man den antiaufklärerischen Kreisen nicht die Begriffe und das Feld überlässt. Und davon unabhängig finde ich es interessant, hinter einer altbekannten Parole, einen für den Zusammenhang überraschenden Text zu haben.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen
    „Das Ergötzen am Hass passt einfach nicht mehr in die Zeit“

    Lukas: Also wolltet ihr euren Hörer:innen eine bestimmte Botschaft mit auf den Weg geben?

    Jan: Auf den Weg geben… Da kann ich nicht so viel mit anfangen. Das sind ja irgendwie immer Angebote. Ich finde, das Schöne an Musik ist ja, man kann damit machen, was man will. Man muss ja nicht einmal die Sprache verstehen. Ich zum Beispiel höre sehr textinteressiert Musik, anderen Leuten ist das vielleicht gar nicht so wichtig. Naturgemäß ist das bei uns vielleicht eher so, dass unsere Stücke die textaffinen Hörer:innen anzieht.

    Lukas: Ich bin auf den Gedanken gekommen, weil sich „Nie wieder Krieg“ ja auch als Appell verstehen lässt, also als Aufforderung. Ihr beschreibt das Album selbst unter anderem als „Lieder über allgemeine Verwundbarkeit, Einsamkeit und Angst“. Wenn ich mir aber die Titelliste anschaue und mich quer durchhöre, bemerke ich Songtitel wie: „Nie wieder Krieg“, „Komm mit in meine freie Welt“, „Hoffnung“, „Liebe“. Das sind ja alles sehr friedliche, man könnte schon fast sagen, pazifistische Motive. Ich dachte, vielleicht war es daher Teil eurer Intention, eine Art Empowerment zum Ausdruck zu bringen…

    Jan: Achso ja, ich verstehe, was du meinst! Musik kann Trost spenden. Und wenn unser Album das irgendwie schafft, dann würde mir das schon vollkommen reichen. Die erste Zeile auf unserem ersten Album „Digital ist besser“ lautet: „Ich weiß nicht, warum ich euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt“. Wir haben viel Zeit damit verbracht, unserem Hass auf die bizarrsten Dinge freien Lauf zu lassen. Jetzt, wo aber der Hass etwas so Gegenwärtiges ist, in den Diskursen, die stattfinden… Und so viel antidemokratisches Potential freisetzt, haben wir einfach kein großes Bedürfnis mehr danach. Es gibt zwar noch ein Lied auf dem Album mit dem Titel „Ich hasse es hier“, aber das ist ja eher ein ungewollter Hass auf einen Ort, der aus einer gescheiterten Liebe resultiert. Das Ergötzen am Hass passt einfach nicht mehr in die Zeit, finde ich.

    Lukas: Als die Single „Jugend ohne Gott gegen Faschismus“ erschien, dachte ich, wie viele andere wahrscheinlich, an meinen Deutsch-LK zurück und natürlich direkt an den Roman „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horváth. Ein Roman über Wahrheit, Gewissen und Moral. Ist das ein Zufall? Wie stehen Song und Roman im Zusammenhang?

    Jan: In keinem so konkreten. Ich kenne den Roman und finde ihn ganz toll, ich weiß aber von Dirk, dass er ihn gar nicht gelesen hat. Ihm ist dieser Titel über den Weg gelaufen und er war interessiert an der Zusammensetzung der Parolen „Jugend ohne Gott“ und „Youth against fascism“, dem Song von Sonic Youth. Als er mir den Titel vorstellte, ergab sich bei mir auch erstmal so ein Moment der Irritation. Diese Verzahnung von „ohne“ und „gegen“ hat ja etwas Merkwürdiges. Ich fand es aber im nächsten Moment sehr interessant, weil es in Bezug auf die Sprache etwas Spielerisches hat. Der Bezug zu Horváth ist gar nicht so groß. Sag ich jetzt einfach mal. Außer, wenn Dirk das neuerdings anders sieht. (lacht)

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen
    „Grundsätzlich versuchen wir schon sehr stark, Wiederholungen zu vermeiden“

    Lukas: Ich habe euch letztes Jahr live sehen können und auf eurer Tour „Let there be Tocotronic – The Hamburg Years“ habt ihr ausschließlich Songs der ganz frühen Alben gespielt. Ihr schreibt auch im Pressetext zum Album, dass ihr vieles wieder so gemacht habt, wie in den 90ern. Zum Beispiel die Songs nicht einzeln, sondern als Band gemeinsam in einem Raum aufzunehmen. Sogar mit live vocals. Bringt das das Alter mit sich, oder warum werdet ihr jetzt nostalgisch?

    Jan: (Lacht) Nostalgisch bin ich nicht! Aber ich glaube, ich bin sehr sentimental, um ein noch negativeres Wort zu benutzen. Das war ich aber auch schon in frühester Jugend. Eigentlich war das nur so eine schrullige Idee, die Konzerte sollten auch ursprünglich nur einmal stattfinden. Also in Hamburg sollte das „The Hamburg Years“– Konzert und in Potsdam, also bei Berlin, das „The Berlin Years“-Konzert stattfinden. Coronabedingt war das aber zu diesem Zeitpunkt nicht mehr so durchführbar. Da aufgrund der Pandemie die Festivalsituation sehr kompliziert war, hatten wir dann die Idee, unser Hamburg-Years-Konzept auszuweiten.

    Schlussendlich wurden daraus pandemiegerechte Konzerte und einiges mussten wir leider auch absagen, als klar wurde, dass es bestuhlte Konzerte sein werden. Da dachten wir zunächst, dass das ja sehr dialektisch sei, diese schnellen Lieder von damals vor bestuhlten Reihen zu spielen. Wir sind dann auch mit geringen Erwartungen gestartet, haben dann aber gemerkt, dass es eigentlich ganz toll ist. Für mich waren diese Shows durch die chronologische Setlist viel mehr, als eine Nostalgieshow. Weil wir auf der Bühne die Entwicklung, die wir mit der Band von 1993 bis ins Jahre 2002 vollzogen haben, erleben konnten.

    Lukas: Und was die Produktion der Platte angeht?

    Jan: Liveaufnahmen haben wir tatsächlich auch in späteren Jahren noch häufiger gemacht. Das ist im Grunde das Markenzeichen unseres Produzenten Moses Schneider, mit dem wir seit dem Jahr 2004 zusammenarbeiten. Für die live aufgenommenen Songs von „Nie wieder Krieg“ hatte er nun allerdings Dirk den Vorschlag gemacht, sogar den Gesang bei den Live-Sessions gleich mit aufzunehmen. Das ist eine ziemliche ungewöhnliche Methode. Das hat sich schon sehr angefühlt wie bei „Digital ist besser“, weil wir das damals auch so gemacht haben.

    Ein paar Lieder haben bei mir auch ein ähnliches Gefühl ausgelöst, wie manche Songs des ersten Albums. „Nachtflug“ zum Beispiel. Das könnte jetzt so natürlich nicht auf „Digital ist besser“ sein, auch textlich ist das in einer anderen Welt angesiedelt, aber wenn wir das zusammen spielen, setzen sich bei mir zumindest ähnliche Emotionen frei. Grundsätzlich versuchen wir schon sehr stark, Wiederholungen zu vermeiden. Das wäre ja schlicht langweilig. Aber irgendwie scheint da manchmal etwas in uns zu ruhen, was dann wieder hervorkommt.

    Lukas: So viel also zum „blast from the past“. Zu Anfang hast du ja schon erwähnt, dass ihr auch an eurem letzten Album gut anknüpfen konntet. Was sind denn deiner Meinung nach die größten Unterschiede zu „Die Unendlichkeit?“

    Jan: Hmm… Vielleicht eine eher technische Sache, die ich aber dennoch wichtig finde: Der Schlagzeugsound ist ganz anders. Das ist ein großer Unterschied, jetzt rein musikalisch. Ansonsten geht der Blick, was Dirks Texte betrifft, ein bisschen von ihm selbst weg. Das Stück „Nie wieder Krieg“ zum Beispiel ist fast wie eine Kurzgeschichte mit verschiedenen Protagonisten. Es geht zwar um das Innere dieser Menschen, aber eben auch weg aus dem eigenen Ich.

    Tocotronic, nie wieder krieg, hamburger schule, rock, indierock, interview, jan müller, reflektor, untoldency, untold stories, moses schneider, deutschsprachig, german rock band, Credit Gloria Endres de Oliveira
    „Irgendwann hatte ich tatsächlich Sorge, dass der Musikgenuss in meinem Leben zu kurz kommt“

    Lukas: Da ich ja jetzt das Vergnügen habe, mit dir zu sprechen, möchte ich ein bisschen auf deine Person eingehen. Denn du bist ja nicht nur Bassist, sondern inzwischen auch ein renommierter Podcaster und Musikjournalist…

    Jan: (Lacht) Danke, ja, danke, dass du das so einordnest!

    Lukas: Ja, auf jeden Fall! Ich bin großer Fan von Reflektor, ich höre dich oft zum Einschlafen! (lacht) Natürlich nicht, weil es langweilig ist! Ich habe mich gefragt, inwiefern hat dich diese Arbeit als Interviewer in deiner bzw. eurer eigenen Musik beeinflusst? Also gibt es konkrete Beispiele, Bands oder Musiker:innen, die dich beim neuen Album stark inspiriert haben?

    Jan: (Überlegt) Das glaube ich nicht, ehrlich gesagt. Weil ja dann doch jede:r ganz eigene Sachen macht. Das finde ich auch das Tolle an Bands, dass man mit anderen zusammen eine kleine Zelle bildet, mit einer ganz eigenen Ästhetik. Natürlich auch mit vielen Einflüssen, aber das funktioniert irgendwie indirekter, glaube ich. Das war auch einer der Gründe, warum ich mich entschlossen habe, Reflektor zu machen. Weil wir als Band so lange über Distinktion und Abgrenzung funktioniert haben. Das hat mich dann irgendwann ermüdet und ich dachte mir, guckst du doch mal woanders hin.

    Einerseits mache ich natürlich Interviews als Fan, gerade die Sachen aus dem Punk. Wenn ich jetzt Frank Z von Abwärts, oder Annette Benjamin von Hans-A-Plast interviewe, dann mache ich das, weil ich einfach Fan dieser Musik bin. Aber ich suche mir auch Sachen, bei denen ich nicht so den Zugang habe. Zum Beispiel aus dem Hip Hop, oder bei Bands mit einer eher mainstreamigen Auffassung von Punk. Oder bei Musik, die an den Schlager grenzt. Um dann einfach mal herauszufinden, warum Menschen die Musik machen, die sie machen.

    Durch Reflektor höre ich wieder sehr viel mehr und sehr gezielt Musik. Als junger Mensch habe ich immer Musik um mich gehabt, beim Arbeiten, beim Essen, eigentlich bei jeder Tätigkeit. Irgendwann hatte ich tatsächlich Sorge, dass der Musikgenuss in meinem Leben zu kurz kommt. Das vorbereitende Hören ist für mich jetzt eine neue Art, mir Musik sehr gezielt zu erarbeiten. Ich bereite mich recht intensiv auf meine Reflektor-Interviews vor. In dieser Zeit höre ich wirklich nur diese eine Band oder die ein:e Künstler:in. Ich finde das total schön, da so einzutauchen. Und zum Schluss kommt dann eben dieses Gespräch und man sieht, ob sich diese ganzen Ideen, die man zu dieser Person hatte, bestätigen. Oder eben nicht.

    „Erstens Mu-Err Pilze, zweitens Gummibärchen“

    Lukas: Du hattest auch vorhin schon den Song „Ich hasse es hier“ angesprochen. Als ich mir das Album das erste Mal angehört habe, kam „Ich hasse es hier“ und ich musste so lachen über die Zeilen mit der Pizza! Mir ist dann aufgefallen, dass ich solche Momente eigentlich auf jedem Tocotronic-Album habe. Das ist euch schon wichtig, dass es neben aller Ernsthaftigkeit auch mal etwas zum Schmunzeln gibt, oder?

    Jan: Ja, auf jeden Fall! Uns umgibt immer so ein ganz ernsthafter, theoretischer Nimbus und wir versuchen das schon deutlich zu machen, dass das eben nicht ganz den Tatsachen entspricht. Das ist ja keine akademische Tätigkeit, der wir hier nachgehen. Keiner von uns hat eine Ausbildung für das, was wir tun. Das ist irgendwie alles selbst angeeignet und für uns gefühlt immer nahe der Hochstapelei. (lacht) Da tut so ein bisschen Humor auch ganz gut, finde ich. Im Endeffekt sind wir ja Gaukler. Und es verunsichert mich manchmal, wie weihevoll man wahrgenommen wird. Das ehrt uns natürlich einerseits, allerdings sollte die unseriöse Seite, die wir ins uns tragen, nicht zu kurz kommen. (schmunzelt)

    Lukas: In diesem Song haben wir dann also gelernt, dass Kräuter der Provence und Dosenchampignons nicht die richtigen Mittel sind, um eine Tiefkühlpizza aufzupeppen. Wenn es so nicht geht, wie geht es dann? Was ist dein heißer Tipp?

    Jan: Ok, warte mal… Lass mich mal überlegen. Also erstens Mu-Err Pilze, zweitens Gummibärchen, natürlich. Das ist ja eh klar. Ehm, vier Knollen Knoblauch. Und… Gurken. Gewürzgurken. Cornichons. Und zum Schluss mit Cola ablöschen.

    (Beide lachen)

    Lukas: Das klingt köstlich, das werd ich gleich mal ausprobieren! Danke für dieses schöne Interview, viel Erfolg mit der Platte und bis bald!

    Fotocredit: Gloria Endres de Oliveira

  • Emma Philine im Interview: „Letztendlich gucke ich aber immer wieder in den Spiegel und sage: »Doch, ich mag dich«“

    Emma Philine im Interview: „Letztendlich gucke ich aber immer wieder in den Spiegel und sage: »Doch, ich mag dich«“

    Wenn es um alternative Popmusik geht, werden wir in den nächsten Monaten voraussichtlich über einen Namen besonders oft stolpern: Emma Philline. Die 21-jährige Künstlerin aus Leipzig mischt mit ihrem experimentellen Bedroom Pop die Szene gewaltig auf – und das obwohl sie erst letzte Woche ihre erste EP 17 2 20 veröffentlicht hat. Mit ihren autobiographischen Texten ist sie dabei nicht nur eine authentische Stimme ihrer Generation, sie verhilft auch Themen wie Sex, Feminismus und Depressionen zu enormer Dringlichkeit.

    Ich hatte die Möglichkeit, per Videocall mit Emma und ihrem Producer Dennis Behrendt (alias Zoetrop) über ihre Kunst, ihre Arbeitsweise und ihr Engagement für female empowerment zu sprechen.


    Emma Philine im Interview

    Lukas: Hallo Emma, hallo Dennis! Schön, dass ihr Zeit für ein Interview mit untoldency habt. Ihr wohnt zur Zeit in Leipzig, habe ich das richtig aufgeschnappt?

    Emma: Ja, genau. Ich bin eigentlich Berlinerin und bin hergezogen mit 12 oder 13. Seitdem bin ich irgendwie hier geblieben, weil ich mir hier natürlich einen sozialen Kreis aufgebaut habe. Und jetzt auch künstlerisch, durch Dennis und die ganzen anderen Kontakte. Ich will auf jeden Fall irgendwie wieder zurück nach Berlin, aber erstmal macht es jetzt Sinn für mich und uns, hier zu bleiben.

    Lukas: Also ist Leipzig doch nicht das neue Berlin?

    Emma: Hmm, nee, aus meiner Sicht nicht. Dennis liebt Leipzig. Ich liebe Leipzig auch, aber Berlin ist eben Berlin. Man kann es nicht vergleichen. Die Internationalität in Berlin, die Größe, die Möglichkeiten der Venues und Veranstaltungen… Bei mir ist das gerade eben auch so ein Lebensabschnitt, wo ich gerade auch durch die Kunst noch mal mehr raus möchte und mich da noch mehr vernetzen möchte.

    Lukas: Spielt Leipzig als Stadt denn eine Rolle für deine Musik?

    Emma: Also natürlich im Sinne, dass wir mit ganz tollen Leuten aus Leipzig zusammenarbeiten, ja. Aber das ist nicht so ein local Ding, wie man das bei local Rap hat. Leipzig ist jetzt nicht verankert in meinen Lyrics, so wie „Leipzig – das Lebensgefühl“… Das nicht, ne. Aber natürlich die Kooperationen hier. Das kann ich nicht außen vor lassen. Gerade als DIY-Projekt wäre das alles nicht denkbar ohne die Leute, die uns hier vor Ort helfen. None of that.

    Lukas: Leipzig lässt bei mir immer direkt die Alarmglocken läuten, weil im Moment so viel gute Musik aus Leipzig kommt. Wie kann man sich die Bubble in Leipzig vorstellen, kennt da jede:r jede:n?

    Emma: Man kennt sich, aber trotzdem macht jeder sein Ding. Wir sind jetzt nicht eine Familie, die die ganze Zeit aufeinanderhängt. Leipzig hat eine gewisse Größe, aber ist trotzdem begrenzt und da hat wahrscheinlich jeder plus/minus mal mit jedem so ein bisschen zusammengearbeitet. Also wir auf jeden Fall, mit Zouj zum Beispiel oder mit Magnus aus dem Lala Studio.

    Lukas: Und dann chillt ihr in Reudnitz oder Connewitz in den ultra hippen Vierteln, oder wo hängt man als Musiker:in in Leipzig ab?

    Emma: Ich häng erstaunlich wenig ab, muss ich sagen… (lacht). Keine Ahnung, ich glaub, wir arbeiten halt immer. Ich chill wenn dann mal mit Dennis, aber so get togethers gibt es gar nicht so viel. Wir husslen einfach die ganze Zeit. Und zwischendurch kochen wir hektisch. (grinst)

    Dennis: Hektische Spaghetti.

    Emma: So wie gerade. (lachen) Also ne, Dennis ist auf jeden Fall auch mein Freund, safe. Gerade weil die Arbeit an der Musik so super persönlich ist und er dadurch eine große Vertrauensperson für mich geworden ist. Aber wir kommen nicht mehr zum Chillen so richtig. Ich finds auch nicht schlecht, so wie es gerade ist. Also ich arbeite gerne.


    „Das Ganze hat irgendwie einen Geschmack, eine Farbe bekommen“

    Lukas: Du hast jetzt letzte Woche deine neue EP „17 2 20“ veröffentlicht. Darauf sind vier Songs, inkl. der Vorab-Singles „SLOW“ und „GHOST OF MINE“. Ihr habt die Songs ja gemeinsam produziert. Wie sieht denn bei euch so die typische Routine aus, wenn ihr an neuen Songs arbeitet?

    Dennis: Ich weiß gar nicht, ob wir so eine krasse Routine haben. Aber Emma liefert fast ausschließlich die Texte. Meistens improvisiert sie Zuhause grobe Songskizzen auf Beats von YouTube oder am Klavier. Dann zeigt sie mir das. Und ich habe meistens einen Teil, der mir gar nicht gefällt und einen Teil, den ich richtig nice finde. Dann streiten wir uns manchmal darüber, welche Teile gut sind. Und aus diesem Rohmaterial machen wir dann etwas Neues.

    Emma: Manchmal ist es auch andersrum. Ich komme zu Dennis und er zeigt mir einen Beat, den er gemacht hat. Ich mache dann super spontan irgendwas, also schreibe auch den Text vor Ort in einer halben Stunde. Das kann cool sein, das kann aber auch im Nachhinein so Unzufriedenheiten auslösen. Wir möchten jetzt auch einiges ändern oder ausprobieren, das ist einfach gerade die Phase, in der wir sind. Ich glaube, ich möchte ein bisschen konzeptueller arbeiten, weil ich jetzt erst gelernt habe, wie viel einfach an so einer Fertigstellung dranhängt. Da möchte ich mir in Zukunft einfach sehr sicher sein. Und natürlich auch mit Blick auf die Künstleridentität; was bedeutet das, was trag ich nach außen… Das ist so ein Gefühl, das du am Anfang noch gar nicht kennst. Da machst du es irgendwie einfach, dann entwickelt sich das und man wird kritischer.

    Lukas: Ich finde, dafür dass 2021 die ersten Songs erst rauskamen, ist das schon sehr gelungen…

    Emma: Ich bin auch erstaunt darüber, wie das funktioniert. Ich habe am Anfang gar nicht darüber nachgedacht, dass es bei der EP ein Konzept geben wird. Das ist jetzt alles zum ersten Mal passiert. Das Ganze hat irgendwie einen Geschmack, eine Farbe bekommen. Und ich finds so cool, dass es jetzt am Ende irgendwie doch für mich funktioniert. Das war echt ne spannende Reise und Erfahrung. Hat auch wirklich lang gedauert, aber wenn man fast alles selbst macht, ist das einfach so.


    „Es geht nicht um Provokation, denn das passiert als Frau sowieso“

    Lukas: Apropos alles selbst machen: Ich habe schon oft mitbekommen, dass sich weiblich gelesene Personen in der Popmusik häufig die Frage anhören müssen: „Hast du das wirklich alles selbst gemacht?“ Kennst du das auch? Wie fühlst du dich dabei?

    Emma Philine, 17220, ep, alternative pop, pop, experimental, bedroom pop, dark rnb, rnb, untold stories, interview, feminism, female empowerment, kim camille

    Emma: Das ist mir so noch nicht passiert, weil das stimmt ja auch nicht. Ich habe nichts davon komplett selber gemacht. Aber dafür bin ich auf viele andere unangenehme Sachen gestoßen, auf jeden Fall. Gerade auch in der Zusammenarbeit mit Leuten, die mit daran gearbeitet haben. Im Prozess, Entscheidungen treffen, Ansagen machen. Dass Leute dich eben als weiblich gelesene Person erstmal weniger respektieren. Oder du dir immer wieder Scheiße anhören musst. Letztendlich ist es mein Projekt und es ist mein Name, deswegen muss ich das letzte Wort haben. Und das ist ein übelster Krampf bei ganz vielen Leuten. Da werden und wurden Grenzen überschritten, zum Beispiel:. „Hast du dir Gedanken über deine Social-Media Präsenz gemacht? Soll das so freizügig sein?“ Auch gerade auf dieser Schiene. Ganz furchtbare Kommentare habe ich bekommen und es ist unglaublich, was ich mir da alles geben muss. Aber, I think I’m doing good und mein Ding ist, dass ich solche Leute einfach cancel. Da wird mein Geduldsfaden auch immer kürzer.

    Lukas: Was sollte sich denn ändern, um die Situation von Musiker:innen zu verbessern?

    Emma: Wir brauchen mehr FLINTA* Personen, auf jeden Fall auch in Entscheidungsrollen. Aber auch allgemein. Mehr Produzent:innen, mehr Cutter:innen, einfach in allen Bereichen. Das ist mir ganz wichtig. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich mich immer für eine FLINTA* Person entscheiden, aufgrund meiner bisherigen Erfahrung. Das ist einfach ein anderes Zusammenarbeiten. Und sonst müssen sich Männer eben ändern. Punkt. Das ist einfach etwas Grundsätzliches. Dann brauchen wir noch Bildung, würde ich sagen. Feministische Bildung, denn dann fängt man ja auch an zu reflektieren. Und Zuhören ist ganz wichtig, oder sich manchmal auch einfach zurücknehmen als Cis-Mann.

    Lukas: Ich könnte mir vorstellen, dass „SLOW“, sowohl Song als auch Video, einige Leute, vielleicht auch gerade Cis-Männer, provozieren könnte. Willst oder wolltest du damit provozieren und wenn ja, wen?

    Emma: Also ich mach das hier nicht, um irgendjemand gezieltes zu provozieren. Sondern, egal was ich mache, ich provoziere. Auch allein mit steigender Reichweite, könnte ich eine Künstlerin sein, die sich nicht auszieht. Und dann wärs auch ein Thema, wenn auf irgendeinem Foto dann doch ein bisschen zu viel Bein zu sehen ist. Es geht nicht um Provokation, denn das passiert als Frau sowieso, egal was ich anziehe. Slow ist ein Song über Intimität und über Sex, und deswegen ist das Video auch so geworden, weil es einfach diesem Thema folgt.


    „Es interessiert ja die Leute nichts mehr als Nacktheit und Sex — plus/minus“

    Lukas: Also, für die, die es noch nicht gesehen haben: Im Video lässt du dich quasi nackt mit Honig übergießen. Musstest du dich sowohl für Song und Video aus deiner Comfortzone herausbewegen?

    Emma: Ich habe meine Grenzen und die habe ich gewahrt. Jede Person hat andere Grenzen, aber meine Brüste oder mein Po sind keine Grenzen für mich. Also es kommt drauf an, aber wenn ich es ästhetisch finde, dann darfst du das auch. Was aber natürlich immer wieder passiert ist, dass ich Kommentare bekomme, die sehr sexuell sind und sowas. Und dass sich Leute irgendetwas vorstellen mit mir.

    Lukas: Das wäre jetzt tatsächlich meine nächste Frage gewesen, ob du dir da schon viel Unsägliches gefallen lassen musstest?

    Emma: Ja, allerdings weniger wegen des Videos zu „SLOW“. Eher so durch OnlyFans, oder zum Thema Sex Work, zu dem ich mich positioniert habe. Oder laszivere Bilder auf Social Media. Bei „SLOW“ habe ich, to be honest, nicht so viele grenzüberschreitende Kommentare bekommen. Ich habe aber den Kommentar bekommen, was das denn mit Feminismus zu tun habe und was die Message sein soll. Sowas wird es immer geben und meine Antwort darauf ist, dass solche Personen erstmal selbst was auf die Beine stellen sollen. Meine Projekte sind nicht perfekt. Ich bin nicht perfekt. Unsere Art zu arbeiten ist noch nicht perfekt und ich weiß nicht, ob sie es je sein wird. Aber am Ende des Tages bin ich stolz darauf, was wir gemacht haben. Es steckt viel Arbeit drin und wir haben viel darüber nachgedacht. Und dann lass ich mir von keinem Mann sagen, ich sei nicht feministisch. Das wird belächelt und ignoriert, dazu bin ich zu sicher, in dem was ich denke und erlebt habe.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen

    Lukas: Sind für dich Songs über weibliche sexuelle Lust und freizügige Musikvideos denn female empowerment?

    Emma: Das ist ja für jeden was anderes. Für mich ist es ein Teil davon, aber noch so viel mehr. Die Videoproduktion ist ja jetzt schon eine Weile her, aber ich mache das immer noch, dass ich mich lasziv zeige, oder dass ich mich ausziehe. Als ich 14 oder 15 war, gab es in meinem Freundeskreis schon Leute, die sowas auf Instagram gemacht haben. Und ich habe als junges Mädchen nicht verstanden, warum ziehen die sich aus? Ich hatte genau diese komische, verschobene Meinung dazu. Ich habe das gesehen und dachte immer: „Was hat denn das jetzt mit Empowerment zu tun?“ Und das bekomme ich ja auch oft zu hören. Und wenn man selbst die Erfahrung nicht gemacht hat, wenn man sich nicht vorstellen kann, dass man sich sexy fühlt oder so… Dann wird es eben als etwas Schlechtes abgetan. Es ist auch nicht so, dass ich da immer Bock drauf habe. Aber es ist für mich einfach nichts Schlimmes, es ist einfach ein Körper. Wenn wir jetzt etwas internationaler schauen, ist es ganz normal, dass man sich sexy präsentiert. Und das hat ja auch eine Kraft! Es interessiert ja die Leute nichts mehr als Nacktheit und Sex — plus/minus. Das heißt nicht, dass man das machen muss, aber wenn man sich gut damit fühlt, gibt’s da keine Regeln.

    Lukas: In Slow geht es aber ja gar nicht nur um Sex, oder?

    Emma: Nein, wir hatten ja schon das Thema Sex von vornherein angeschnitten, deswegen habe ich da auch vorhin angesetzt. Aber natürlich geht’s um mehr als nur um Sex. Es geht um dieses tiefe Verlangen nach Nähe und Vereinigung, sexually und emotional. Ein Verlangen, das eben so stark ist, dass es zur Qual wird. 


    „Ich mache das wirklich aus einem need heraus“

    Lukas: Bei der Interpretation von Texten muss man ja immer etwas vorsichtig sein. Was davon ist noch Künstler:in und was ist vielleicht schon Rollenprosa. Verarbeitest du denn deine eigenen persönlichen Erfahrungen auch unmittelbar in deinen Texten?

    Emma: Ja, schon eigentlich ausschließlich. Kann mir vorstellen, dass es irgendwann mal anders sein wird. Wenn ich mich vielleicht gerade mal selber langweilig finde, dass ich mir dann eine Geschichte von jemand anderem nehme, die mich dann inspiriert. Aber an und für sich ist es mir ein Bedürfnis, Songs und Kunst zu machen. Ich mache das wirklich aus einem need heraus. Und nicht: „Ach am Montag habe ich zwei Stunden Zeit und dann setz ich mich hin und mache das“. Ich bin unterwegs und lebe mein Leben. Und zwischendurch passiert irgendwas, das kickt mich voll raus… Dann weiß ich nicht, wie ich damit umgehen soll und genau in dieser Situation fange ich an, meine Skits zu machen. Weil ich einfach nicht weiß, wohin sonst damit. Unabhängig davon, dass ich früher nicht immer wusste, wohin ich mich sozial wenden konnte, im Gegensatz zu heute. Trotzdem gibt es Sachen im Leben, bei denen mir niemand helfen kann. Und die schreibe ich dann eben auf. Oder singe sie, oder rappe sie. Manchmal ist es auch ne Audioaufnahme. Ich nehme viel auf aus meinem alltäglichen Leben.

    Lukas: Also als Part deines Songwritings? Oder ist das Teil deiner alltäglichen Lebensroutine, dass du viele Audios aufnimmst?

    Emma: Ja, und wenn es nicht zu einem Song wird, wird es zu einem Musikvideo, oder einem Text, einem Podcast… Deswegen würde ich mich auch primär als Künstlerin bezeichnen, und nicht nur als Musikerin, weil ich einfach sehr multidisziplinär arbeite. Ein tool reicht mir da nicht.


    „Es gab auch damals und immer Hoffnung in mir“

    Lukas: Deine Musikvideos sind ja zum Beispiel auch ein wichtiger Bestandteil deiner Kunst und, meinem Empfinden nach, mindestens genauso intensiv, wie die Musik. Über das Video zu „SLOW“ konnten wir ja gerade schon sprechen. Im Dezember kam dann auch noch das Video zu „GHOST OF MINE“, bei dem du unter anderem auch Regie geführt hast. Ich habe in dem Kontext auch gelesen, dass du dir und deinen Freund:innen ab und zu gerne Tarotkarten legst. Was haben diese Tarotkarten denn mit dem Musikvideo zu tun?

    Emma: Wo hast du das alles gelesen, sag mal? (lacht)

    Lukas: Das stand in deiner Pressemappe! (lacht)

    Emma: Ahja, stimmt! (lacht) Die Idee für das Video von „GHOST OF MINE“ kam tatsächlich daher. Ich hatte eine Tarotkarte gezogen, nämlich „Neun der Schwerter“. Das ist eine ziemlich scary Karte. Da liegt eine schlaflose Person im Bett und über ihr sieht man neun Schwerter. Ein sehr darkes Setting. Und ich dachte so: „oh nee!“ (lacht) Und die Karte hat literally gesagt: „Sie stehen vor einer Phase, in der sie sich extremen Qualen hingeben.“ Manchmal ziehe ich Tarotkarten und das ist dann eher so „hier rein, da raus“. Aber weil ich so ein bisschen Angst davor hatte, habe ich mir die Karte an den Kühlschrank gehängt und die Karte jeden Tag gesehen. Irgendwann kam mir dann die Idee, dieses Gefühl von Schwertern zerstochen zu sein als Metapher für emotionale Schmerzen in einem Video darzustellen. Die Schwerter sind also die Hauptmetapher, so wie der Honig bei „SLOW“.

    Lukas: Kannst du uns kurz beschreiben, worum es in dem Song geht und ein bisschen den Kontext erläutern?

    Emma: Also die Schwerter stehen symbolisch dafür, was den Prozess bremst, sich in eine Beziehung zu begeben. Die Angst nicht lieben zu können, das ist eigentlich „GHOST OF MINE“. Und dann ist es gleichzeitig so ein Wegstoß. Das ist ja eine normale Reaktion. Wenn etwas nie klappt, so psychologisch, dann denk ich irgendwann: „Das ist halt nichts für mich. Ich bin eigentlich gar nicht da, ich bin eigentlich schon tot.“ Das ist so eine Schutzreaktion und letztendlich das, was ich im Song und im Video beschreibe. Dann am Ende öffnet sich der Song von der Struktur. Damals, als wir den Song geschrieben haben, habe ich aber schon verstanden, dass das ganze Leben eigentlich nicht so ist. Es gab auch damals und immer Hoffnung in mir und diese Umstrukturierung im Song bedeutet, dass ich jetzt gerade vielleicht nicht zu zweit sein kann. Und das ist auch ok. Diese Zeit kann aber kommen, ich akzeptiere das und bin jetzt erstmal allein mit meinen Wunden. 

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen


    Lukas: Für mich war diese Zeile „I’m just a goddamn child“ beim Hören quasi der break through, bei der ich den turn im Song gespürt habe. Da war so eine Akzeptanz zu erkennen, die Schmerzen und Vergangenes zum Teil der Persönlichkeit werden lässt, aber auch mit so einer Resignation koppelt…

    Emma: Ja, das ist ja auch in den Vocals drin so ein bisschen, safe. Aber von sich selbst zu sagen „ich bin nur ein Kind“, spricht einem ja auch voll den Respekt ab, eine mündige Person zu sein. Ich würde gar nicht sagen, dass das so der Befreiungsschlag ist, aber vielleicht war es das damals. Das ist eben immer das Ding, man ist immer seiner Kunst voraus und jetzt bin ich auch ein anderer Mensch, als ich damals war. Deswegen heißt die EP auch „17 2 20“, weil ich eine Distanz schaffen wollte, zwischen den ganzen Themen und dem Stil, in dem ich es nach außen trage. Das ist alles schon so dramatisch. Deswegen einfach „17 2 20“, das ist der Zeitraum in dem das alles war. Das klingt irgendwie fresh und ein bisschen leichter, nicht alles so schwer. That’s it.


    „Letztendlich gucke ich aber immer wieder in den Spiegel und sage: »Doch, ich mag dich.«“

    Lukas: Lass uns noch kurz über Zufriedenheit sprechen. Ich habe in einem Radiointerview gehört, dass du mit deiner Musik nie zufrieden bist. Das muss sich ja furchtbar anfühlen. Woher kommt das, ist das dein Perfektionismus?

    Emma: Das ist eher das tiefe Bedürfnis, weiter zu machen. Ich weiß, dass ich jetzt woanders bin und das möchte ich auch möglichst schnell in etwas Neues packen. Es ist ja nicht so, als würde ich jetzt meine Musik runtermachen oder so. Es gibt halt Tage, da kann ich es mir nicht so gut anhören, dann denk ich mir so: „Boah, kein Bock“. Wie du auch nicht immer jeden Tag in den Spiegel guckst und sagst: „Geil, ich find mich so geil heute!“ Diese Tage gibt es aber ja. Und dann gibt es Tage, da ist es eben nicht so. Letztendlich gucke ich aber immer wieder in den Spiegel und sage: „Doch, ich mag dich.“ So ist es auch mit meinen Songs. Aber ich will halt weiter.

    Lukas: Deine Unzufriedenheit bremst dich also nicht aus, sondern treibt dich an? Heißt das, es gibt auch schon neue Musik?

    Emma: Ja voll, wir haben schon einige Sachen im Petto. Es muss aber auch auf jeden Fall viel neue Musik gemacht werden und da müssen wir uns noch Zeit für nehmen. Für ein großes Ding möchte ich auch mal etwas Ruhe haben und mich diesmal ein bisschen vorbereiten. Es gibt so drei, vier Themen, die ich unbedingt in einen Rahmen fassen möchte. Damit das nicht immer alles so ein Wirrwarr ist und man sich das Thema irgendwie nachher sucht.

    Lukas: Wenn man dir auf Instagram folgt, wird schnell klar: Zu deiner Musik gehören nicht nur die Musikvideos, sondern auch deine Persönlichkeit und deine ganze Appearance. In deinen Texten höre ich ganz viele introvertierte Motive heraus, z.B. Überforderung, Angst oder Einsamkeit. Wie passt dieses introvertierte Fühlen denn mit der Extrovertiertheit deines Auftretens zusammen?

    Emma: Das bin halt einfach ich. Oder das war ich. Ich war schon immer jemand, der sehr outgoing ist. Oder auch sehr selbstbewusst und sehr direkt. Ich bin aber genau so eine Person, die rumheult, weil sie irgendwie unsicher ist und in den Arm genommen werden muss. Ich war sehr einsam und wusste jahrelang nicht so richtig, wo ich hingehöre. Aber es war einfach nicht der Zeitpunkt für eine Partnerschaft und da musste ich alleine durch. Dann habe ich ein paar Sachen erlebt, die nicht so schön waren und die ich verarbeiten musste. Und so wie ich als Person über die Straße laufe, so passt das auch zusammen. Menschen sind komplex und deswegen ist meine Musik auch komplex. Das ist vielleicht an manchen Punkten schwieriger zu konsumieren, weil wir eben nicht so einen Archetypen schaffen „Emma Philine ist genau dies, oder genau das“. Und das möchte ich auch nicht. Deswegen hat das Ganze auch keinen Künstlernamen, das ist einfach sehr nah an mir dran.

    Lukas: Zu dieser Komplexität passt ja deine Metapher mit dem Spiegel von vorhin sehr gut. Deine Musik also auch als direktes Spiegelbild von dir.

    Emma: (lacht) Ja, da war ich auch sehr stolz auf mich. In solchen Gesprächen kommen einfach manchmal Sachen, die wären dir im Leben nicht eingefallen!


    „Wo ich hinmöchte, ist zu mehr Authentizität“

    Lukas: Komplex ist ja auch die musikalische Seite der EP. An einigen Stellen hört man krasse Transitions, dann gibt es unerwartete Pausen und einfach insgesamt viele Überraschungsmomente. Mich persönlich holt das total ab. Würdest du sagen, deine Musik ist eher etwas für Musiknerds im kleinen Kellerclub, oder kannst du sie dir auch zum Beispiel in großen Stadien vorstellen?

    Emma: Große Stadien, ja. Es geht ja um mein Herz. Und darum was ich reingebe an Text und Gefühl und wie ich es singe. Und wenn man sich zum Beispiel mal den Vergleich gibt zwischen der „SLOW“ Originalversion und der Akustiksession, die es auf YouTube gibt, wird das deutlich. Wo ich hinmöchte, ist zu mehr Authentizität. Die ist zwar da, aber einfach manchmal schwierig einzufangen. Für mich könnte meine Musik zum Beispiel auch reduzierter sein. Da haben wir auch immer wieder eine Grundsatzdiskussion bei der Produktion. (lacht)

    Dennis: Nichtsdestotrotz, Pop kommt ja am Ende bei raus! (lacht)

    Emma: Wir nähern uns, also alles gut. Ich bin sehr glücklich über Dennis’ Meinung, aber manchmal denke ich, dass ich als character dieses overdesign nicht brauche. Aber an und für sich, ist die EP schon gut so wie sie ist, weil die vocal lines eben trotzdem sehr straight sind. Deswegen passt das schon so, als Gesamtprodukt.


    „Ich bekomme Stresspickel, wenn ich mich mit Billie Eilish vergleichen müsste“

    Lukas: Welche Musik hat euch letztes Jahr denn besonders inspiriert, was sind zum Beispiel eure TOP-3 Alben?

    Dennis: Für mich auf jeden Fall Tagat“ von Zouj. Dann von clipping. „Visions of Bodies Being Burned“, ist allerdings von 2020. Und dann… Dijon mit „Absolutely“.

    Emma: Ich würde sagen von Summer Walker „Still Over It“! Ich mag zwar das Album „Over It“ mehr, aber das ist ja jetzt aktuell… Dann das neue Album von Kanye West, also „Donda“. (überlegt) Und natürlich noch das neue Album von Billie Eilish.

    Lukas: Ist Billie Eilish auch eine Person, die dich persönlich inspiriert? Ein bisschen Einfluss meine ich auch in deinen Songs rausgehört zu haben…

    Emma: Es gibt so fucking oft diesen Vergleich mit ihr. Ich hab sogar schon Hatekommentare bekommen.

    Lukas: Ich dachte mir sowas schon, deswegen habe ich es eigentlich extra nicht angesprochen…

    Emma Philine, 17220, ep, alternative pop, pop, experimental, bedroom pop, dark rnb, rnb, untold stories, interview, feminism, female empowerment, by sarah letalik

    Emma: Nein, alles gut! Aber es nervt mich extrem, weil wir ganz unterschiedliche Menschen sind und uns in ganz anderen Lebensumständen befinden. Und die Leute wollen oft so eine Überschrift über mich setzen oder mich irgendwo reindrücken. Dürfen sie auch, aber das ist manchmal so engstirnig. Wenn ich jetzt deutschsprachige Musik machen würde, hätte ich ein großes Problem, denn ich hab rote Haare. Und Badmómzjay hat auch rote Haare, und dann geht das natürlich nicht! (lacht) Bei Billie Eilish und mir ist das halt auch thematisch so eine Generationssache: Depressions, self reflection und eine selbstbewusste Frau zu sein. Dann kommt ganz schnell „du bist ja wie Billie Eilish!“ — aber auch so anders!

    Ich war jedenfalls extrem Fan, aber das ist auch schon ne Weile her. Aktuell höre ich sie nicht mehr so rauf und runter wie früher, aber ab und zu mache ich ihr neues Album an. Und das ist für mich so ein Album, zu dem man einfach gut flennen kann. Gerade „Everybody dies“ ist ein Song, der mich wegkickt. Da muss ich jedes Mal weinen. Dafür hör ich mir den an, aber nicht im Alltag oder so. Sie macht ihren Job wirklich super gut, aber ich bekomme Stresspickel, wenn ich mich mit Billie Eilish vergleichen müsste. Dann kann ich ja auch direkt einpacken und nach Hause gehen, denn dann braucht’s mich ja gar nicht mehr. Aber ich glaube daran, dass ich auch noch etwas zu bieten habe, was sie nicht bedienen kann.

    Lukas: Da stimme ich dir auf jeden Fall zu! Ich finde eure Musik sogar sehr viel spannender und ich glaube, dass es diesen Stil so auch noch nicht gibt. Leider kommen wir aber jetzt schon zu letzten Frage. Zum Schluss möchten wir, wie immer, noch eine untold story von euch hören! Gibt es eine kleine Anekdote über euch oder eure Musik, die ihr so noch niemandem erzählt habt?

    (überlegen)

    Dennis: ist jetzt keine Geschichte, eher so ein Eindruck. Ich wollte mir vorhin die Hände waschen und war schon länger nicht mehr bei Emma zu Besuch…

    Emma: (lacht)

    Dennis: Und Emma hat direkt neben der Seife einen wohlgeformten Dildo stehen, der mich hier vorhin überrascht hatte (lacht)

    Emma: (lacht) So ein fettes Ding, Alter! Aber das steht da wirklich 24/7, das hab ich jetzt nicht vergessen wegzuräumen oder so! Das ist Deko!

    Lukas: Perfektes Schlusswort! Vielen Dank für dieses ausführliche Interview und viel Erfolg mit eurer Musik in der Zukunft!

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen

    Fotocredit: Sarah Letalik, Kim Camille, Jeff Heidenreich

  • Eigentlich wollte Lukas (26) nur ein Top-10 Ranking machen. Doch was dann geschah, ist einfach unglaubl…

    Eigentlich wollte Lukas (26) nur ein Top-10 Ranking machen. Doch was dann geschah, ist einfach unglaubl…

    Ich gebe zu, ich tue mich sehr schwer mit Jahresrückblicken. Das liegt vermutlich daran, dass mein Gedächtnis einem spaghetti strainer gleicht und ich schon Probleme habe, mir ne normale Einkaufsliste zu merken. Oder deinen Geburtstag. Außerdem schlafe ich quasi keine Nacht mehr durch und frage mich stattdessen, in welcher Reihenfolge ich meine Lieblingsalben dieses Jahr bloß anordnen soll? Ich terrorisiere mittlerweile schon mein komplettes Umfeld mit diesen Überlegungen. Die gesamte Redaktion habe ich mehrfach genötigt, endlich ihre Top-10 Listen rauszurücken. Nur damit ich abgucken kann. Ich habe das Gefühl, die Auslastung meines Hirns ist zum ersten Mal in 2021 auf 101% overload.

    Allgemein möchte ich schon mal ganz am Anfang loswerden, dass ich das Jahr sehr viel besser fand, als das dämliche 2020. Na klar, auch dieses Jahr hatte uns das Virus fest im Griff. Aber im Gegensatz zum letzten Jahr, keimte wieder etwas Hoffnung in mir auf. Irgendwie fühlt sich 2021 für mich an wie eine frisch aufgeräumte Wohnung. Allerdings hast du halt nicht selbst aufgeräumt, sondern irgendein völlig übermotivierter Hans-Gerd, früh morgens nach der Houseparty. Deshalb ist vielleicht noch nicht alles wieder so ganz an seinem Platz.
    Aber ich bin auch ganz ehrlich mittlerweile einfach an einem Punkt, an dem ich nur noch das Positive sehen möchte. Das Jahr war toll! War’s echt!!!1!!11!

    Herzklopfen und Rausch

    Zum Beispiel habe ich noch nie mehr Musik gehört, als in diesem Jahr. Ich glaube ich habe sogar meine eigenen Rekorde aus verschmockten Teenagerzeiten gebrochen. Und da musste ich die AA-Batterie meines Mp3-Players zeitweise täglich wechseln! Natürlich habe ich diese Tatsache hauptsächlich untoldency zu verdanken. Jahresrückblick bedeutet für mich nämlich auch auf ein (1) Jahr Musikjournalismus im süßesten und diversesten Profi-Blog der WELT zu schauen. Durch diese glückliche Fügung unseres Zusammenfindens, habe ich so viele talentierte Künstler:innen kennenlernen dürfen, das hätte mein kümmerlicher Spotify Mix der Woche mit seinen dünnen Ärmchen sicherlich niemals gestemmt. Durch untoldency kann ich endlich über all das schreiben. Schreiben, wenn im Sommer alle meine Freunde im Biergarten sitzen. Oder sich im Winter in meiner eigenen Küche ohne mich mit Glühwein betrinken. DANKE EY! haha

    Um ein paar absolut heiße Interpret:innen Geheimtipps aus diesem Jahr bin ich natürlich nie verlegen: da wäre zum Beispiel Pink Lint, der ein tolles Anti-Folk-Avantgarde Album veröffentlicht hat; das Indiekollektiv die neue leichtigkeit mit einem jetzt schon legendären Split-Release auf Vinyl; die Band Micro Circus mit ihrem düsteren Synth-Rocksound, der so viel größer klingt als ich erwartet hatte; und natürlich Botticelli Baby mit DER Jazzplatte für Nicht-Jazzer (wie mich). Das alles (und noch viel meeehr) nur durch die tollen Agenturen und das ziemlich familiäre Promonetzwerk. Tja, ich wette ihr habt es kaum bemerkt, aber da sind wir dann auch schon voll im Rückblickmodus!

    Wenn ich Musik höre, möchte ich, dass da war passiert in meinem Kopf. Ich möchte eine schäumende chemische Reaktion. Kleine Explosionen. Herzklopfen. Rausch! Ich liebe wirklich nichts mehr, als akustisch etwas Neues zu erfahren und meine Nerven von Songs so lange kitzeln zu lassen, bis ich ein bisschen Pipi… naaaaaah, lassen wir das.
    Jedenfalls müsst ihr über mich wissen, dass mir absurde Musik und alles, was erstmal komisch klingt, ziemlich sicher gefällt. Mein Faible! Gleichzeitig bin ich aber auch einfach eine ziemlich basic person. Ich liebe Popmusik und alles, was ich schnell mitsingen kann. Wer diese beiden Welten miteinander verbinden kann, hat mich.

    Das UK-Post-Punk-Revival und ich

    Ein Genre, das vor einiger Zeit ganz stürmisch die Tür zu meinem Herzen eingetreten hat, ist POST-PUNK. Und 2021 war definitiv ein Jahr im Sternzeichen Post-Punk! Man kann wohl sagen, dass vor allem das UK-Post-Punk-Revival in die zweite Runde ging. Es gab so viele Veröffentlichungen, dass ich zeitweise den Überblick fast verloren habe und jede Band irgendwie gleich klang lol. Naja, eine gewisse Ähnlichkeit weisen diese Bands halt auch immer auf: 4-5 englische Jungs (meistens) mit Segelohren in absolut feschen Klamotten (als hätte man einen HUMANA-Container gesprengt), viel viel Gitarrenkrach und ein wütender, oberkörperfreier Frontmann, der uns seine schlechte Laune ins Gesicht spuckt. Ich weiß auch nicht warum, aber manchmal lasse ich mich irgendwie echt gerne VOLLE KANNE von Millenials mit britischem Akzent anschreien.

    Den Anfang machten dieses Jahr shame mit ihrer Platte „Drunk Tank Pink“, das nach unfassbar vielen Live Shows der Band nun ihr zweites und (imho) bisher bestes Album ist. Auch die Idles legten vor kurzem erst mit „Crawler“ nach, wobei mir da im Vergleich zum Vorgänger die politische Schlagkraft und die typische Kaltschnäuzigkeit etwas abhanden gekommen scheint. Bemerkenswert für mich waren dagegen definitiv Squid mit ihrem Debüt „Bright Green Field“, das noch etwas raffinierter und dringlicher wirkt, als die anderen Alben dieser Kategorie. Natürlich haftet auch diesem Genre eine weiße, männliche Note an. Allerdings gab es dieses Jahr Hoffungsträger mit weiblichen Protagonistinnen. Zum einen wären da z.B. Dry Cleaning mit der gefeierten Platte „New Long Leg“. Die charismatische Sängerin Florence Shaw lernte ihre Band bei einem Karaokeabend kennen und hatte— ohne Scheiß jetzt — bis dato noch nie vorher gesungen. Gut, genau genommen singt sie jetzt eigentlich immer noch nicht.

    Zum anderen ist da ein ganz heller Stern am Post-Punk-Himmel aufgegangen. Dieser trägt den Namen Wet Leg und weist uns hoffentlich den Weg zur Krippe (wow). Das Frontfrauenduo von der Isle of Wight hat allein mit seiner Single „Chaise Lounge“ den Olymp quasi schon bestiegen und letztes Jahr so ziemlich überall live gespielt, wo ging, inklusive US-Tour. Ich sags mal so, das Album kommt nächstes Jahr und wird ziemlich sicher alles abreißen. Da freu ich mich drauf.

    Nerven schreddern mit Black Midi <3

    Dabei sollte es aber nicht bleiben, denn auch Black Midi (mittlerweile wohl LEGENDENSTATUS) hat ihr heißersehntes, zweites Album „Cavalcade“ veröffentlicht. Darauf hatte ich tatsächlich sehr hingefiebert, weil mir das erste Album „Schlagenheim“ Augen, Ohren und die sämtlichen anderen Sinnesorgane geöffnet hat. Ich würde sogar behaupten, Black Midi ist der Grund, warum es Rockmusik überhaupt noch geben sollte. Tatsächlich haben sie sich auf dem neuen Album etwas vom ursprünglichen Post-Punk entfernt und ihren ganz eigenen, naja, keine Ahnung was genau, erschaffen. Ein wilder Mix aus Noise, Jazz und steilen Gitarrenwänden. Ihr sagt Krach. Ich sage Avantgarde. Mich fasziniert dieses Album nach wie vor. Meistens darf ich es nur alleine hören, weil (fast) alle meine Freunde in Knoblauchöl getränkte Cruzifixe nach mir werfen und anfangen zu fauchen, wenn ich es in einer gemütlichen Runde mal wieder auflegen möchte. Naja! Es ist eben speziell. Give it a turn tho!

    Kommen wir zu meinen absoluten Highlights aus 2021. Ich habe erst beim Schreiben dieses Textes gemerkt, dass ich meine drei Lieblingsreleases dieses Jahr auch tatsächlich live erleben konnte. Das bestärkt mich natürlich nochmal mehr in meiner Entscheidung, den folgenden drei Bands die Krone aufzusetzen:

    Highlight 1: International Music und der „Ententraum“

    Ein (erneut) epochales Werk, ihr könnt es mir glauben. Ich bin in eine Band verliebt und diese Band heißt International Music. Dieser klangvolle Bandname verrät schon sehr viel über den Humor, allerdings recht wenig über die Musik dieses Trios. Für mich klingt diese Band irgendwie immer nach Birkenstocksandalen, 80er Jahre Elektronik (Made in Germany) und Maggi. Das verrät zugegebenermaßen noch weniger über die Musik der Band. I know. Mit „Ententraum“ bescherten sie uns jedenfalls meiner Meinung nach einen Geniestreich. Deutschsprachige Texte im endlos weiten Raum, die X-Achse heißt ULKIG und die Y-Achse PSYCHEDELISCH. Der Krautrock wurde wieder ausgebuddelt und mundzumundbeatmet. Und er lebt, Leute, ER LEBT!

    international music, untoldency, jahresrückblick, live, concert, zitadelle mainz, ententraum
    International Music live @Zitadelle Mainz

    Ich bin schon fast in Ohnmacht gefallen, als Anfang des Jahres ihr Auftritt beim ESNS-Festival gestreamt wurde (Live-Konzerte waren zu dem Zeitpunkt undenkbar) und dort der Song „Museum“ zum ersten Mal live zu hören war. Ein gelungener Vorgeschmack und damals wusste ich schon: das Album muss großartig werden. Und es ward großartig! Im Sommer durfte ich International Music dann tatsächlich mal wieder richtig live erleben, Open Air, Zitadelle Mainz. Es waren vielleicht 200 Sitzplätze, es gab ästhetische Drinks und trotz des großen Geländes und der strengen Coronaregeln, kam eine richtig intime Stimmung auf. Wieder einmal hat mich diese Band gelehrt, dass nicht alles immer perfekt sein muss. Charme auf der Bühne ist eben der Gamechanger. Und halt krasse Songs. Das war das erste Konzert seit Beginn der Pandemie für mich. Das erste Mal wieder Bassdrum in der Magengrube spüren. Das erste Mal Glück dieses Jahr.

    Highlight 2: ZOUJ und sein „Tagat Mixtape“

    zouj, live, schalander, tagat, mixtape, untoldency, jahresrückblick
    Zouj live @Schalander, Kusel

    Durch Zufall bin ich auf das experimentelle Projekt Zouj von Tausendsassa und Wahl-Leipziger Adam Lenox gestoßen. Als Zouj hat eben jener im Sommer das Mixtape „Tagat“ zum Besten gegeben. Und ja, es ist tatsächlich auch als Tape erschienen! Die Vielfalt an Sounds, seien sie durch schrankwandgroße Synthesizer generiert oder einfach mit einem Handy aufgenommen, ist überwältigend. Es gibt am laufenden Band Überraschungen in seiner Musik. Hier eine Transition, da eine Pause. Irgendwo im Hintergrund abgelenkt von einem Endlosecho, und die 808-Kick boxt dir in die Leber. Ich habe sowas noch nie vorher gehört.

    Eine meiner schönsten Erfahrungen war dann die Liveperformance dieses Ausnahmekünstlers. Die Umstände waren strange. Mein bester Freund und ich sind für dieses Konzert über eine Stunde in die komplette Walachei gegurkt. Es hat so krass geregnet, dass der Scheibenwischer fast seine Karriere an den Nagel hängen musste. Das klitzekleine Dorf namens Kusel, kurz vor Kaiserslautern, beheimatet genau einen (1) Liveclub. In einem alten, maroden Kino spielen rund ums Jahr tatsächlich internationale Indie- und Punkbands. Und ganz ehrlich, bei dem Booking dort bekommen so manche Großstadtschuppen wässrige Münder. Allerdings machte dieses ganze Szenario zugegeben auch genau den Eindruck, den wir uns kaum trauten, laut auszusprechen: wo zur Hölle sind wir hier? Trotz aller eitlen Vorurteile wurden wir mit einer heftigen (aber zu kurzen!) Show von Zouj belohnt und mischten uns unter die ca. 30 glücklichen Dorfbewohner mit exzellentem Musikgeschmack.

    Highlight 3: Black Country, New Road und ihr Debüt „For the first time“

    black country new road, for the first time, live, luxemburg, rotonde
    BCNR beim Signieren @Rotondes Luxemburg

    Ja, das habe ich mir zum Schluss aufgespart. Ich sage schon so circa seit der Veröffentlichung des Albums im Februar, dass es das Album des Jahres wird. Und dabei bleibe ich jetzt auch. Black Country, New Road — das sind sieben Musiker:innen aus London, die alle exakt so aussehen, wie die Charaktere aus dem English G 2000 Schulbuch. Der musikalische Mix aus Post-Rock, Jazz, Folk und Punk lässt für mich einfach keine Wünsche mehr offen. Die Texte des Sängers Isaac Wood sind das hässliche Spiegelbild seiner Generation, sie betören und verstören zugleich. Übrigens stammt der Name Black Country, New Road aus einem Zufallsgenerator und das komplette Artwork besteht aus stock photos. Hier wurde für mich alles richtig gemacht. That’s my vibe.

    Auch live hat mich dieses „Miniorchester“ sehr überzeugt. Ich konnte sie, noch kurz vor allen Konzertabsagen, in Luxemburg sehen. Es gab keine Show, es gab nicht mal ein Hallo, geschweige denn Ansagen zwischen den Songs. Das ist aber eben alles Firlefanz, den diese Band nicht braucht. Dicht an dicht standen wir mit offenen Mündern, die wir nur zumachten, um uns beim Pogo nicht die Zunge abzubeißen. Ich habe sogar ein Tourplakat signiert bekommen. Drummer Charlie Wayne schrieb: „ahhhhhhhh“, Isaac Wood unterschrieb mit „Signature“.

    black country new road, live, rotondes, luxemburg, post punk, jahresrückblick
    Mein signiertes Tourplakat

    Tja und während ich hier noch sitze und schreibe, erreicht mich die Nachricht, dass auch für Geimpfte und Genesene das gesellschaftliche Leben bald wieder sehr kurzgestutzt wird. Da bin ich doch wirklich dankbar, dass uns 2021 zumindest zeitweise wieder sehr viel Spaß und Lebenslust in Form von Konzerten und Parties bieten konnte. Für die langweiligen Abende Zuhause, empfehle ich euch zukünftig noch eines meiner liebsten Lockdown-Hobbies: TIE DYE! Für die, die es nicht kennen: Das ist wie Batiken, nur andersrum. Ihr braucht dafür nur eine kleine Wanne, Chlorbleiche, Handschuhe, Maske, eine Sprühflasche und ein paar Gummibänder. Passt nur auf, dass ihr beim Kauf nicht von den Cops beobachtet werdet. Sieht bisschen komisch aus im Einkaufswagen…

    Zum Schluss möchte ich euch noch ein wenig belohnen. Ich habe ja zu Anfang schon geteasert, dass ich echt lang an meiner TOP-10 Alben des Jahres rumgedoktert habe. Nun möchte ich sie euch präsentieren! Einige Namen habt ihr bereits oben im Text gelesen. Falls ihr nur schnell gescrollt habt, um bei meiner TOP-10 abzugucken: Das ist ok für mich. Ihr seid ja schließlich auch auf den clickbait reingefallen.
    Viel Spaß!

    Ich habe gelogen, es ist eine TOP-11, sorry.

    1. Arlo Parks – Collapsed in Sunbeams
      (verrückt, dass diese Platte nur auf die 11 kommt. Grandioses Soulalbum mit 90s Trip-Hop Einflüssen und extrem wichtigen, queeren Lyrics)
    2. Japanese Breakfast – Jubilee
      (die stärkste Weiterentwicklung im musikalischen Sinne für mich. Michelle Zauner ist eine bemerkenswerte Frau, jede:r sollte sie kennen.)
    3. Squid – Bright Green Field
      (diese steigende, irgendwie unangenehme Spannung in „Narrator“… Gänsehaut)
    4. Faye Webster – I know I’m funny haha
      (country-ish, folk-ish, also eigentlich so gar nicht mein Fall. Sie schafft es aber, diese altbackenen Genres irgendwie wieder knusprig zu machen. Übrigens auch mega Musikvideos!)
    5. Black Midi – Cavalcade
      (WARUM haben alle Bands jetzt wieder ein Saxophon im Kader?!?)
    6. Audiobooks – Astro Tough
      (keine Ahnung WAS das ist, aber ist krass. Electropunk trifft Artrock, dazu female spoken word von Künstlerin und Model Evangeline Ling. David Wrenchs neuestes Meisterwerk)
    7. Theon Cross – Intra-I
      (der britische Jazztubist zieht alle Register, ob Hip Hop, Dub oder RnB. Dazu holt er alles aus seiner Tuba raus. Sehr coole Features. Ein akustisches Erlebnis!)
    8. Dijon – Absolutely
      (Frank Ocean meets Bon Iver meets James Blake… RnB wie ich ihn sehr, sehr gerne habe. Wären da nicht diese drei heißen Feger auf den ersten Plätzen, „Absolutely“ hätte Chancen gehabt)
    9. International Music – Ententraum
      („Museum“, „Zucker“ und „Raus aus’m Zoo“ sind meine Lieblinge! Unbedingt anspielen)
    10. Zouj – Tagat
      (hier solltet ihr alles hören und, ganz wichtig, die krassen 3D-Animationen gucken!)
    11. Black Country, New Road – For the first time
      (Slint und Talk Talk geben sich die Hand und schauen sich ganz tief in die Augen. Was dann passiert, ist einfach unglaubl….
      Ganz groß. Mehr kann eine Rockband nicht leisten)

    Und damit sage ich VIELEN DANK an euch alle. Für’s Lesen, Geheimtipps austauschen, Anhören, Streiten. Wir lesen nächstes Jahr voneinander. Frohes Fest!
    Hier habe ich euch noch eine Playlist mit meinen Hits des Jahres gemacht:

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen
  • die neue leichtigkeit präsentiert deutschsprachige Musik – Ausgabe 1

    die neue leichtigkeit präsentiert deutschsprachige Musik – Ausgabe 1

    Die Zeit der grandiosen Split-EPs scheint noch nicht vorbei zu sein, juhu! Wein & Haschisch, Der Frühling und Tom Taschenmesser machen uns ein ganz besonderes Geschenk in der Vorweihnachtszeit. Mit ihrem Kollektiv die neue leichtigkeit bringen sie schon morgen (!) ihre gemeinsame Schallplatte heraus, limitiert auf nur 300 Stück. Unter dem klangvollen Titel „die neue leichtigkeit präsentiert deutschsprachige Musik — Ausgabe 1“ fasst das Kollektiv erstmalig seine nestwarmen Veröffentlichungen zu einem spannenden Gemeinschaftswerk zusammen. Zu finden sind darauf neben der EP „Warten auf den Knall“ von Wein & Haschisch auch die EPs „verstehst du nein gut“ von Tom Taschenmesser und „Tamtam“ von Der Frühling. Über die letzten beiden berichteten wir bei untoldency bereits begeistert.

    Die Geschichte der Split-Veröffentlichungen geht weit zurück. Schon früh haben sich Bands die Spielzeit auf LPs oder Kassetten gerne geteilt, um zum Beispiel Produktionskosten zu sparen. In Anbetracht heutiger Debatten rund um den Klimaschutz, spart eine solche Split-LP aber natürlich nicht nur Kosten für die Bands, sondern auch Ressourcen für die Umwelt. Das Ganze ist also von vorn herein schon mal eine tolle Idee, mal ganz abgesehen von der schönen Geste der Wertschätzung, die sich die drei Protagonisten mit diesem gemeinsamen, gleichgestellten Release entgegen bringen. Und dann sieht die Platte auch noch so mega gut aus! Ich bin begeistert.

    Bevor ich euch jetzt den Mund wässrig schreibe, habt ihr JETZT die Möglichkeit, die Platte noch schnell vorzubestellen. KLICK HERE. Ihr könnt dann an dieser Stelle direkt weiterlesen, ich warte hier auf euch.


    Seite A: Wein & Haschisch — „Warten auf den Knall“

    Obwohl es der Bandname anders vermuten lässt, fallen die Songs auf dieser EP zwar noch nicht unter das Betäubungsmittelgesetz, viel fehlt da aber nicht! Sechs berauschende Tracks geben den Startschuss in eine wundervolle Indierockwelt, in der Indie auch Indie bedeutet. Wer auf dieser sanft-aufgekratzten Stimme von Isaak J. Winkeln nicht sofort hängen bleibt, ist wohl dazu verdammt auf ewig nüchtern zu bleiben. Irgendwo zwischen Jeff Buckley und Portugal. The Man, aber auf Deutsch und mit der Attitude eines young Christoph Daums, scheinen die guten Gene auch im ersten Song „Papa war ein Model“ in der Familie zu liegen. Treffsicher im sarkastischen Chorgesang skizziert Wein & Haschisch das Bild der Generation Y&Z und fragt sich, was da noch kommen muss, um uns Kids (lol) von heute bei der Stange zu halten.

    die neue leichtigkeit, präsentiert deutschsprachige musik, ausgabe 1, indiekollektiv, indierock, indiepop, indie, germanindie, rock, untoldency, untold music

    „Warten auf den Knall“, zweiter Track, bringt wie kein anderer die öde, miese und langweilige Zeit des Wartens auf ein Krümelchen Veränderung aufs Band. Die Küchenuhr tickt, die Hand hast du in die Wange gestützt und dein schlechter Atem pustet dir die Haarsträhne aus den müden Äuglein. So oder so ähnlich gehen die Tage ja oft genug vorbei. Und dieser Song ist durch das allmählich sinkende Tempo der beste Soundtrack.

    „Ich mag rauchen warum“, ja ich ja auch, aber WARUM denn? Diese und andere essentielle Lebensfragen finden sich in der Hymne des gepflegten Begasens. Eine Antwort gibt es allerdings nicht. Das ist Hedonismus in seiner reinsten Konzentration. Richtig gutes Zeug. Und gleichzeitig die Erinnerung, lieber auch das halbleere Glas zu heben, als das halbvolle unterm Tisch zu verschütten. Einer der tollsten Tracks auf der EP, nicht zuletzt wegen des sehr einprägsamen Groovepatterns von Drums und Bass im Riff.

    Richtig deep wird’s dann mit Songs wie „Goldener Sturm“, wo ich nicht sicher sagen kann, ob der Protagonist:in seine:n Geliebte:n am Ende jetzt die Kerzen ausgeblasen hat? Da läuft mir dann kurz der Schauer über den Rücken, der lässt sich aber glücklicherweise durch die üppigen Synth-Landschaften und den heiteren 6/8 Takt des Songs wieder gut wegschunkeln. Die Vergänglichkeit der schönen Dinge und der Wunsch nach sozialem Aufstieg dann verwurschtelt im Surfrockgewand von „St. Tropez“. Toll, wie Wein & Haschisch immer wieder die Kurve zum Augenzwinkern kratzt und trotz teils saukitschiger Textzeilen die Coolness eines Antihelden niemals verliert.


    „Heut Abend bitt ich zum Rendezvous
    Auf meine Yacht an der Küste aus Azur
    Denn ich weiß, du hast auch genug
    Davon zu wenig zu schlafen

    Zu viel zu malochen
    Die Kippe hier kostet dich übrigens 20 Minuten deines Lebens
    Aber was willst du tun“


    „Warum quälst du dich mein Kind“ ist dann der gebührende Abschluss der Seite A und dieser ikonischen „Warten auf den Knall“-EP. Hier kann man noch mal die außergewöhnliche Vocalperformance bewundern, die an sich einfach schon ein Alleinstellungsmerkmal ist. In einem Pink Floyd-mäßigen Jam-Epos endet dieses Debüt rund um den Themenkomplex Apathie in unserer Gesellschaft, gespickt mit deftigen Portionen Nihilismus und Selbstironie. Schräg, mutig, spannend. Super EP.


    Seite B: Tom Taschenmesser — „verstehst du nein gut“
    die neue leichtigkeit, präsentiert deutschsprachige musik, ausgabe 1, indiekollektiv, indierock, indiepop, indie, germanindie, rock, untoldency, untold music

    Das Debüt von Tom Taschenmesser hat mich seinerzeit ja schon komplett aus den Latschen gehauen. Ich muss sagen, dass sich dieser Effekt tatsächlich ständig wiederholt, wenn ich mir die EP von Zeit zu Zeit mal wieder anhöre. Und jetzt kann ich sie sogar auflegen, so richtig schön aufm Sofa mit nem Aperol und einer Zigarette. Hier sei übrigens erwähnt, dass euch nebst geschmackvoller Covergestaltung auch zwei schicke rottransparente Vinylscheiben erwarten, denn das Auge hört ja mit.

    Damals in meiner Review beschrieb ich die Songs als eine „alles in Grund und Boden rauschende EP voller Lofi-Sound und Wut im Bauch. Immer auf der Suche nach der Schönheit in ihrer hässlichsten Verkleidung, fließen Toms Texte und Songs wie in einem Bewusstseinsstrom flussabwärts.“ In diesem Bewusstseinsstrom finden wir zum Beispiel mit „Meine Schwestern“ einen heftigen Angriff aufs Patriarchat, der so laut, brutal und erbarmungslos auf all die toxischen Männer eindrischt, dass mir selbst beim Zuhören schon die Testikel wehtun.

    Aber Tom Taschenmesser ist kein Grobian, auch wenn er mit seiner Band schon heftig die Hütte abreißen kann. Die Balladen auf dieser EP haben es genau so in sich. So ist „Verzeih dir deine Schönheit“ für mich immer noch ein Paradebeispiel für einfühlsames Storytelling, bei dem ich jedes Wort begierig aufsauge — und jedes davon glaube. Auch ein halbes Jahr nach Veröffentlichung kommt mir immer wieder das Bild vom Apfelkuchen in der Krankenhauscafeteria in den Sinn, der uns allen so viel Trost spenden kann.


    „Wir schlendern zurück zu dieser Cafeteria
    Ich bestell uns beiden ein Apfelkuchen und sag
    Der soll hier wirklich sehr sehr sehr gut sein
    Sie sagt: manchmal da hasse ich dich Tom
    Und ich sag: ja ich weiß, jetzt halt dein Mund
    und beiß da rein“


    Tom Taschenmesser ist kurzgesagt ein moderner Geschichtenerzähler mit toller lyrischer Sprache („Niemand kann alle sein“) und derbem, unverblümtem Slang („Maury“). Diese beiden Stilmittel verknüpft er immer wieder einzigartig miteinander. Er erzählt uns in seinen Songs von all den Dingen, die alle anderen rausretuschiert hätten. Thematisch absolut aktuell und dennoch zeitlos, kickt diese EP von hinten in die Kniekehlen. “verstehst du nein gut” hinterlässt einen bleibenden Geschmack mit Suchtfaktor.


    Seite C: Der Frühling — „Tamtam“
    die neue leichtigkeit, präsentiert deutschsprachige musik, ausgabe 1, indiekollektiv, indierock, indiepop, indie, germanindie, rock, untoldency, untold music

    Das grande final dieser Ansammlung außergewöhnlicher Musik ist dem Hannoverschen Multitalent Lukas Kurz alias Der Frühling vorbehalten, über dessen EP „Tamtam“ ich ebenfalls in vergangenen Tagen schon berichtete. Er scheint augenscheinlich auch eine Art Bindeglied bei die neue leichtigkeit darzustellen. So kann man dem der Schallplatte beigelegten Textheft entnehmen, dass ihm sowohl die Verantwortung als Drummer, als auch als Mixing Engineer aller drei EPs zu Teil wurde. An dieser Stelle sei ihm also gedankt für den durchweg eigenwilligen, aber sehr eingängigen Sound dieser Compliation.

    Auf „Tamtam“ führt uns Der Frühling wie einst Peter Pan zurück in eine Traumwelt, die wir hart arbeitenden Erwachsenen schon lange nicht mehr besucht haben. Dort zeigt er uns mit „Allein zu sein“ beispielsweise, wie himmlisch doch die Zeit mit sich selbst sein kann, lethargisch und gedankenleer. Generell ist von den drei hier vorgestellten EPs diese hier die introvertierteste; intim und ganz nah dran am Ohr. „Du hast das Träumen verlernt mein Schatz“, der wohl schönste Vorwurf dieses Jahr. „Das Dreamen“, ein Appell ans Lockermachen, Liegenbleiben und Treibenlassen im musikalischen Gewand einer Steely Dan-Ballade.

    Mit einem schönen Gruß der Hamburger Schule rocken „Bevor du aufstehst“ und „Warten & Starren“ weiter und tauschen die prägnanten Synthesizer der EP gegen E-Gitarren ein. Aber nur kurz, denn „Hauptsache zu spät“ kommt wieder im durchaus gutsitzenden Synthiedress um die Ecke, wenn auch von der Message nicht schwungvoll, sondern eher wie das Schulterzucken des Phlegmatikers in uns.


    „Ich werd’ niemals wieder richtig wach
    Meine Rauchsäule reicht bis unter’s Dach
    Und da bleibt sieh hängen
    Da hängt sie gut“


    Mit „Ich sag dir alles“ endet dann auch die letzte Seite der Platte. Hier werden wir erneut Zeuge von Der Frühlings Fähigkeit, knackige Aussagen verbrauchergerecht und prägnant in seine Texte zu verpacken. Also so, dass sie auch unbeschadet beim Empfänger ankommen. „Tamtam“ ist ziemlich gut darin, eine innere und verborgene Gefühlswelt behutsam nach außen zu stülpen. Aber scheint die Außenwelt dabei im Gegenzug auch mit jeder Faser aufzusaugen und zu verschlingen. Genauso wie ich diese EP. Ein gelungener Abschluss.


    Fazit

    Am Ende bleibt mir nur zu sagen, dass ihr euch dieses Werk auf jeden Fall zulegen solltet. Abgesehen von den vielen ungeahnten Bedürfnissen, die die Musik stillen kann, ist die Schallplatte auch einfach ein geiles Weihnachtsgeschenk. DIESE deutschsprachige Musik kennen eure Omas sicherlich noch nicht. Hier bekommt man noch Qualität, ob im Songwriting, in der Produktion oder im Design des Endprodukts. Wenn der physische Release eine Zukunft haben sollte, dann doch bitteschön genau so.

    „die neue leichtigkeit präsentiert deutschsprachige Musik Ausgabe 1“ — ich hoffe und freue mich sehr auf Ausgabe 2.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen
  • Botticelli Baby im Interview: „Von Brutzeln bis  Brennen war alles dabei“

    Botticelli Baby im Interview: „Von Brutzeln bis Brennen war alles dabei“

    Botticelli Baby veröffentlichten im Februar ihr aktuelles Album „SAFT“ und überzeugten mich schon damals mit ihrem derben heavy swing, toller Dynamik der Arrangements und der progressiven Herangehensweise an ein vermeintlich eingestaubtes Genre (meine Review findet ihr hier). Nun hatten sie ihre sieben Sachen gepackt und waren im Oktober und Novmeber unterwegs auf den Straßen und in den Clubs der Bundesrepublik, um diese mit ihrem fulminanten Powerjazz zu überrollen. Per Videocall konnte ich mit der Band in ihrer „secret mansion“ in Norddeutschland Kontakt aufnehmen. Mit Marlon (Gesang, Bass), Alex (Trompete) und Jörg (Gitarre) konnte ich über die Tour, ihre Musik und über Pedro Lombardi sprechen.


    Botticelli Baby im Interview

    Lukas: Hallo, grüßt euch! Schön, euch zu sehen. Ihr seid gerade wieder auf Tour, wohin seid ihr gerade unterwegs?

    Marlon: Ja richtig, wir sind seit ein paar Tagen in der Nähe von Hamburg in einem Häuschen. Und morgen geht’s dann nach Hamburg City und da spielen wir dann den ersten Gig unserer kleinen Norddeutschlandtour.

    Lukas: Ihr wart im Oktober ja bereits ein paar Tage auf Tour. Was und wo war denn bis jetzt so euer Highlight?

    Marlon: Auf Tour sein ist sowieso immer cool. Da ist mann ja eh immer in so ‘nem gewissen mood. Natürlich gibt’s gute Gigs und schlechte Gigs. Viele Leute, wenig Leute. Gute Vibes, schlechte Vibes. Aber klar, wenn der Laden brennt, macht’s richtig Bock.

    Lukas: Und hat’s gebrannt?

    Marlon: Ich sag mal so, es war von Brutzeln bis Brennen alles dabei. (lacht)

    Lukas: Ihr seid ja sieben Musiker. Mit so einer großen Band, fahrt ihr da alle mit dem Linienbus oder wie macht ihr das logistisch?

    Marlon: Ne, wir haben ‘nen Ford Transit. Einen 9-Sitzer. Da haben wir genug Platz um unser eigentlich recht spärliches Equipment reinzuknallen. Und jeder hat dann seinen Platz und dann wird losgedüst, ne!?


    Lukas: Die Musik, die ihr macht, ist ja im weitesten Sinne zeitlos. Da ist viel Jazz drin, aber auch Punk- und Rockelemente. Trotzdem ist sie ja auch speziell und eben kein Cloud Rap oder Indierock auf Deutsch, was im Moment so die Menschenmassen bewegt. Wie findet sich so eine Band wie ihr und wie kommt man da musikalisch auf einen gemeinsamen Nenner?

    Marlon: Der gemeinsame Nenner ist glaube ich Spaß an Musik, um das jetzt mal so platt zu sagen. Das macht einfach Bock. Und wenns kein Bock macht, dann krampfen wir einmal kurz, und wenn es dann nicht besser wird, dann lassen wir das.

    Lukas: Ihr habt euch also nicht vorher auf eine bestimmte Musikrichtung festgelegt?

    Marlon: Also klar, wenn man sich so ganz am Anfang trifft, gibt es natürlich eine grobe Vorstellung. Davon haben wir uns aber dann irgendwann entfernt.

    Lukas: Und wo habt ihr euch kennengelernt?

    Marlon: In Essen. Da haben wir uns eigentlich alle zu dem Zeitpunkt aufgehalten. Und da sind wir dann zusammengekommen.

    Lukas: Wie können wir uns das vorstellen, im Netto oder im Penny oder wo findeet sich so eine Truppe?

    Marlon: (schmunzelt) Das wär auch cool gewesen.

    Alex: Den einen hab ich vor der Kneipe getroffen, der andere hat mit mir bei Decathlon gearbeitet und wieder einen anderen kannte ich von einer Jamsession.

    Marlon: In der ganzen normalen Welt. Bei Decathlon, in der Kneipe und auf einer Jamsession (lacht)

    Lukas: Wenn man euch zuhört wird auch relativ schnell klar, dass ihr keine Autodidakten sein könnt, die vor der Bandgründung noch nie ihr Instrument in der Hand hatten.
    Seid ihr alle studierte Musiker?

    Marlon: Ja, ich glaube der Einzige, der nicht studiert hat, bin ich. Aber die Uni war nicht der Ort oder der ausschlaggebende Punkt dafür, dass wir die Band gegründet haben. Wir sind wirklich eine reine Kneipenband! (lacht)

    Alex: Die meisten von uns haben auch noch nicht studiert, als wir angefangen haben. Ich zum Beispiel habe meine Aufnahmeprüfung erst zusammen mit der Band gemacht.

    Marlon: Stimmt. Wir waren jetzt auch nicht so ausstudierte Musiker, die sich getroffen haben, um mal ein Projekt zu machen. Es ging auch immer so um die Freundschaft, dass wir beisammen sind und dass das cool ist.

    Lukas: Bei anderen Bands ist es oft so, dass es ein Mastermind gibt, der die Songs Zuhause im stillen Kämmerlein schreibt, dann mit zur Probe bringt und sie dann so gespielt werden. Wie ist das bei euch?

    Alex: Nicht so. Wir haben Ideen, die die Einzelnen mitbringen und wir arbeiten das dann alles im Kollektiv aus. Es gibt jetzt hier keinen, der von vorne bis hinten einen Song schreibt. Oder ganz selten mal. Meistens diskutieren wir das Songwriting ausgehend von mehreren kleinen Motiven.

    Lukas: Und dafür müsst ihr dann, wie bei der Produktion von „SAFT“, immer nach Belgien in irgendwelche verlassenen Geisterhäuser fahren?

    Alex: Ganz genau. (lacht) Sonst funktioniert das nicht.

    Lukas: Was unterscheidet eurer Meinung nach das neue Album „SAFT“ von euren bisherigen Alben?

    Marlon: Es ist besser. (grinst) Nein, es ist eine Weiterentwicklung. Und das ist das Schöne. Und auch nach der Platte werden wir nicht aufhören, uns zu entwickeln. Was sich verändert hat, ist die Aufnahmesituation. Wir haben das Album ein bisschen mehr produziert bzw. produzieren lassen. Und es waren auch zum Teil einfach Tracks, die wir nicht jahrelang auf Tour runtergeballert haben, sondern die waren teilweise erst kurz vorher fertig. Die waren noch nicht eingespielt, in dem Sinne. Bei Junk zum Beispiel standen wir wirklich hochgradig klassisch im Kreis, und wenn einer verkackt hat, mussten halt alle noch mal ran. (Überlegt) Die Songs sind auf jeden Fall ein bisschen deeper. Es sind andere Stories, die da erzählt werden.

    Jörg: Ja, ich glaube wir wollten etwas anderes erzählen mit dem SAFT-Album.

    Lukas: Inwiefern?

    Jörg: Bei Junk haben wir Songs aufgenommen, die wir einfach schon lange geschrieben und super viel live gespielt hatten. Bei SAFT wollten wir schauen, wie wir uns und die Songs weiterentwickeln können. Da hörst du Sounds, die du vorher bei uns nicht gehört hast.

    Botticelli Baby, SAFT, indie, swing, jazz, big band, golden 20s, new music, review, untoldency, untold music, pop, brassband, brass


    Lukas: Seid ihr denn zufrieden mit dem Album? Was würdest du z.B. im Nachhinein gerne noch ändern wollen?

    Jörg: Also wie gesagt, wir haben für SAFT Songs aufgenommen, die wir noch nie vorher gespielt hatten. Du kannst dir einen superschönen Song ausdenken, alles cool, aber so richtig zum Song wird er für mich erst, wenn er live so richtig eingekocht wird, weißt du was ich meine?

    Lukas: War es denn jetzt andersrum schwierig für euch, die neuen Studiosongs für eine Liveperformance vorzubereiten?

    Jörg: Ich hatte schon das Gefühl, wir hatten ein bisschen Angst, die neuen Songs zu performen. Nicht weil die Songs schlecht wären, sondern weil wir nicht wussten, wie fühlt sich das live denn jetzt an? Worauf müssen wir achten?

    Lukas: Und? Hat es funktioniert?

    Jörg: Voll, ich glaube das Publikum hat es gut angenommen. Wir haben ja auch ruhigere Songs auf dem Album und ich glaube, weil wir ja auch so ne Ballerband sind, hatten wir schon Angst davor, die Balladen zu spielen. Weil wenn die Leute jetzt nicht abgehen, headbangen und pogen, gefällt ihnen der Song vielleicht nicht. Aber das ist Quatsch, wir hatten jetzt ein geiles Konzert in Bochum und haben die fette Ballade gespielt. Und die Leute in der ersten Reihe haben ganz erwartungsvoll geflüstert: „Ey, das ist doch „Yes““!

    Lukas: Welche Songs liegen euch persönlich mehr, die schnellen, traditionelleren Songs oder die düsteren, experimentellen Songs wie zum Beispiel „The Inner Hulk“ oder „Yes“?

    Jörg: Das kann man nicht so sagen. Das ist wie mit Menschen. Ist jetzt sehr esoterisch, aber Marlon hier zum Beispiel. Ich mag den ja super gerne, aber manchmal hasse ich den ja auch! (lachen) Ich glaube wir müssen die ruhigen Songs halt so spielen, dass sie auf einer anderen Ebene genau so ballern, wie die schnellen Songs. Darum geht’s.

    Lukas: Würdet ihr sagen, ihr habt euren Sound gefunden? Seid ihr da, wo ihr hinwolltet?

    Jörg: Viel mehr natürlich als vor sieben Jahren. Unsere DNA haben wir gefunden. Aber das jetzt auszuarbeiten, da sind wir noch dran. Die DNA ist schon diese Jazzmukke würde ich sagen, und da gibt es dann verschiedene Attitudes, wie wir die spielen können. Wir sind viel näher dran, unseren Sound zu finden, aber andererseits sind wir auch immer gerne auf der Suche danach. Das ist ja ein Prozess, irgendwie. Wir sind noch nicht da, aber vielleicht werden wir auch einfach nie da sein.

    Lukas: Wie geht es mit Botticelli Baby weiter? Welche Pläne habt ihr?

    Jörg: Wir haben noch ein paar Nachholtermine für ausgefallene Konzerte, es sind also schon ein paar Gigs für nächstes Jahr geplant. Und es gibt zwar noch keine konkreten Pläne, aber ich gehe mal davon aus, wir veröffentlichen auch neue Musik nächstes Jahr. Jetzt wahrscheinlich kein großes Album, aber heutzutage kann man ja auch mal ne 3-Song EP veröffentlichen oder sowas.

    Marlon: Und die Stimmung ist noch gut. Wir haben noch Bock eine Band zu sein und weiterzuarbeiten, egal ob uns jetzt Corona die Touren verhagelt oder nicht.

    Lukas: Wenn ihr jetzt sofort in dein Spotifyprofil schauen würdet: welchen Track habt ihr zuletzt gehört?

    Marlon: Ich glaube es waren die Ramones.

    Jörg: Bei mir sind es Regengeräusche (lacht). Aber ich hab vor ein paar Tagen gesehen, dass José González ein neues Album hat. Das hab ich mir mal angehört.

    Marlon: Ich sehe gerade, bei mir war es On The Phone von Civil Attack. Warum hab ich das denn gehört? Ich glaube das war in einer Playlist oder so.

    Lukas: Und welchen Botticelli Baby Track würdet ihr den untoldency-Leser:innen hier und jetzt gerne ans Herz legen? Welchen spielt ihr am liebsten live?

    Marlon: Am liebsten spiele ich Ballerspring live. Das ist mein favorite Song! Welchen würden wir empfehlen? (überlegt) Vagabond in a Dandy Suit vielleicht.

    Jörg: Oh ja, der macht auch echt Bock zu spielen, mit den Kicks, die da zwischendurch drin sind. (beide stimmen gleichzeitig die Stelle im Song an) (lachen)

    Lukas: Zum Schluss fragen wir immer gerne nach einer UNTOLD STORY. Gibt es irgendeine peinliche, kuriose oder witzige Story aus eurem Bandalltag, die ihr vorher noch nie erzählt habt?

    Jörg: (überlegt) Also, als wir das SAFT-Album im Studio in Köln aufgenommen haben, haben wir Pedro Lombardi getroffen, der da ein paar Räume weiter aufgenommen hat. (alle lachen) Dann haben wir mit dem Pizza gegessen in der Studioküche. Wir haben da abgehangen und er war auch da, mit seiner Käppi, die er immer aufhat (lacht). Der war echt nett!

    Lukas: Viele Dank für eure Antworten und eure Zeit! Viel Erfolg auf der Tour!

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen
  • Krisen vor der Haustür, einsame Hornissen und die fehlende Balance: „YinYin“ von Albert Luxus

    Krisen vor der Haustür, einsame Hornissen und die fehlende Balance: „YinYin“ von Albert Luxus

    In diesen dunklen und kalten Tagen veröffentlicht die Kölner Band Albert Luxus heute ihr Album „YinYin“ und bringt uns damit den richtigen Soundtrack für gedankenverlorene Nächte in schweißnasser Flanellbettwäsche. Der aufmerksamen Leser:in mag hier auch schon aufgefallen sein, dass „YinYin“ irgendwie seltsam anmutet, denn da fehlt doch was? Von dem in der ganzen Welt beliebten Nackentattoo „Yin Yang“ ist bei Albert Luxus nur noch das einsame Ungleichgewicht der Einzelkomponente geblieben.

    „Yin“ bedeutet dunkel, kalt, negativ. Und in Verbindung mit „Yang“ – hell, hoch, positiv – bildet es nach der traditionellen chinesischen Philosophie das essentielle Gleichgewicht der Kräfte. Küchentischphiliosophie Grundkenntnisse. Schon bei einmaligem Hören des Albums wird klar, warum es nicht „YangYang“ heißt, denn Albert Luxus hält der Gesellschaft erbarmungslos den Spiegel vor. Und der zeigt eher so die böse Stiefmutter als das hübsche Schneewittchen. Die Harmonie unserer schönen Welt scheint einige Dissonanzen zu verbreiten. „YinYin“ soll uns das aufdröseln.


    Kopfloses Gedudel oder Befreiungsschlag?

    Als passende Einleitung in diesen Themenkomplex bietet sich der Titelsong „YinYin“ an. Die minimalistische Bandbesetzung kommt schon fast nur mit dem Groove aus Bass und Schlagzeug aus, um den Song treiben zu lassen. Die Blubbersounds der Sologitarre und die psychedelischen Vocaleffekte sorgen für ein Gefühl der Schwerelosigkeit im freien Fall. Im Text hängen die rhetorischen Fragen nahtlos aneinander. Sie erwarten keine Antworten oder geben sich gleich selbst welche. Ein Gefühl von Orientierungslosigkeit breitet sich in mir aus, die Orientierungslosigkeit einer ganzen Generation. Alles überschlägt sich und schichtet sich zu einem großen Haufen eitler Individualitätsmerkmalen. „Wo leuchtest du?“ — Was ist dein Steckenpferd? Wie stellst du dich gern zur Schau? Der Song erklärt Selbstinszenierung als wesentliche Gepflogenheit. Eine gesellschaftliche Mechanik, um aus der Masse hervorzustechen.

    Solche Phänomene lassen sich in den Texten von Matthias Sänger immer wieder blicken. So auch im Track „Gott vs Tinder“, über den lakonischen Hedonismus und das neue sexuelle Erwachen der 10er Jahre, das musikalisch so passend durch das leise „Ulalala“ des Backingchors aufgriffen wird. „Ulalala“, kopfloses Gedudel oder Befreiungsschlag? Der Vergleich Tinder und Gott mag an einigen Stellen hinken, aber greift doch interessante Denkanstöße auf: Monogamie der heiligen Ehe vs. neue Bekanntschaften, die die Bettlaken kaum erkalten lassen. Oder Tinder als Überlistung der natürlichen Paarungszeit 1 Mal im Jahr auf der Firmenweihnachtsfeier. Mir gefällt das sehr.


    „Hier ist es kalt, hast du da Heizung?“
    Albert Luxus, YinYin, indiepop, german indie, pop, alternative, indierock, folkrock, deutschsprachig, albumreview, untoldency, untold music, credit Laurentia Genske

    Die Texte auf „YinYin“ sind die meiste Zeit angenehm uneindeutig und lassen viel Platz für Interpretation. Das Schöne daran: Ich weiß manchmal nicht, ob ich die Zeilen lustig oder bitter finden soll. Sie sind im besten Sinne ambivalent und polarisieren, da sich jede:r darin an der ein oder anderen Stelle wiederfinden kann. Und deswegen vielleicht das Lachen dann kurz im Hals steckenbleibt, weil man sich ertappt fühlt.

    In „Zeitzonen“ betören zwar die geschmackvollen Gitarrensounds unsere Ohren, die Lyrics kritisieren nach meinem Verständnis aber gleich mehrere Verhaltensweisen scharf. Zum einen die Jagd nach neuen Krisenherden und spannenden Katastrophen in der ganzen Welt und der damit verbundene Voyeurismus von Menschen mit Helfersyndrom. Andererseits aber auch die Apathie so mancher Ewigdaheimgebliebenen, die sich nicht im Traum vorstellen können, dass in Afrika jemand ein Smartphone besitzt. Eventuell geht es auch einfach um zwei Personen, die sich in verschiedenen Teilen der Erde befinden. Und nachts oder ganz früh morgens aufstehen, um sich eine halbe Stunde im Videochat sehen zu können, weil sie sich so sehr vermissen. Wer weiß das schon. „Heizung“ auf „Zeitzone“ zu reimen ist allerdings nichts anderes als äußerst erfrischend und elegant.


    Mit Allradantrieb zum Olymp

    Die Szenerie im Song „Himalaya“ lässt mich unweigerlich an die abgefrorenen Gliedmaßen von Extrembergsteiger:innen denken, die sich nach irgendeinem Blockbuster mal ganz eklig in mein Gedächtnis gefrierbrannt haben. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt: war es das wirklich wert? Die gleiche Frage stelle ich mir auch im Song, in dem die Bezwingung des Gipfels den sozialen Aufstieg verbildlicht. „Vis a vis, wie mit den Stars“. Ganz weit oben, auf dem Olymp. Und trotzdem keine Zehen mehr, toll. So mag es einigen ergangen sein. Von hier unten aber auch schwer zu beurteilen.

    Ein weiteres Sinnbild für den sozialen Aufstieg begegnet uns dann durch das Statussymbol überhaupt: Ein großer, dicker Einfamilienpanzer, der sich durch die Innenstädte schiebt. Der „SUV“. Der gleichnamige Titel trumpft mit Retro-Indierocksounds auf, die an Balthazar oder Grizzly Bear erinnern. Der fadenscheinige Reiz dieser Dekadenz auf vier (oder mehr) Rädern wird hier gekonnt zynisch an den Pranger und in Frage gestellt. Somit hätten wir wirklich schon einige Schattenseiten des 21. Jahrhunderts abgehandelt, dabei sind wir gerade erst bei der Hälfte des Albums angekommen.

    „Eine Irrfahrt durch den Park
    Die Pferde rauchen stark
    Die Blicke scharf und gut dressiert
    Es riecht so gut nach Gras
    Scheiben aus Panzerglas
    Dahinter geht’s auch schon zu mir“


    Der schönste Platz ist immer an der Theke

    Das Zusammenspiel von Drums und Bass ist auf Albumlänge besonders gelungen und läuft auch in „Ein Glas aus Sympathie“ wie eine präzise Dampfmaschine im Takt. Dazu scheucht uns der Schellenkranz durch den Song und lässt selbst den einsamsten Introvert in der Ecke mit dem Fuß wippen. Das ist der Soundtrack für den Kneipenabend, der eigentlich nach ein oder zwei Bier enden sollte und mit Erwachen auf den Badezimmerfliesen seinen krönenden Absturz findet. Dieser Song ist ein Toast auf all die guten Freunde, die auch mal Scheiße labern, wenn sie voll sind. Und natürlich ein Toast auf all die guten Freunde, die meinen und deinen eigenen gequirlten Quark wohlwollend abnicken, wenn wir voll sind. Dieser Song ist die Erkenntnis, dass nicht jedes ehrliche Wort auch wahr ist.

    Musikalisch passt auf „YinYin“ alles richtig gut zusammen. Unter dem Deckmantel „Indiepop“ sammelt sich hier so einiges an. An mancher Stelle grüßt zum Beispiel ein Folkrock à la Wilco oder Fleet Foxes, an anderer Stelle habe ich das Gefühl, hier die ausgefeilte Version von Bands wie Von Wegen Lisbeth oder Provinz vor mir zu haben. Auch weil Die Höchste Eisenbahn als Referenz sicherlich für Albert Luxus eine Rolle spielt, muss die Band den Vergleich keineswegs scheuen und steht durch die raffinierten Harmonien und die lyrische Qualität der Texte mal mindestens auf Augenhöhe.


    Zwischen Voodoo und Hey Hey Yeah

    Über den Pianopop von „Voodoo“, der frühe Keane– oder Coldplayvibes bereithält, zeigt sich unter anderem in Songs wie „Sibirisches Eis“ auch ein weiteres prägendes Instrument dieses Albums. Der Vintage-Synthesizer „Solina String Ensemble“, der eine Brise Schlaghose, Mustertapete und Früchtebowle in euer Wohnzimmer pustet. Worum es im Text geht kann ich diesmal wirklich nur mutmaßen. Vielleicht um exzessiven Drogenkonsum? K.O. Tropfen? Oder halbnackt im Winter aus dem Club kommen und sich serotoninbetrunken die Erkältung des Lebens zuziehen. Oder was komplett anderes.

    In einer feuchtkalten Novemberkulisse eskortieren uns die „Einsamen Hornissen“ allmählich zum Ende des Albums. Während unter dem Raureif die Sorgen und Geheimnisse der einen eingewintert werden, suchen die letzten überlebenden Hornissen den Boden nach etwas Erhellendem ab. Das Streben nach Glück ist ein wiederkehrendes Motiv auf „YinYin“, das hier durch Übereifer und Wahnsinn der in Panik zustechenden Hornissen beschrieben wird. „Hey Hey Yeah“ — das ist der hysterische Schlachtruf der Opportunisten. Und klingt dabei wie ein energetischer Refrain von The Verve, nur halt 25 Jahre später.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen

    Fazit

    Ich bin nie über Küchentischphilosophie Grundkenntnisse hinausgekommen, aber wenn ich eins mit Sicherheit sagen kann, dann dass Albert Luxus auf „YinYin“ absolut im Gleichgewicht schwingt. Die Texte sind besonders ausschlaggebend für die Einzigartigkeit dieser Band. Niemals verliert sich auch nur eine Zeile in floskelhafter Langeweile oder biedert sich irgendwelchen Popnormen an. Klar, die Themen wiegen schwer und Gesellschaftskritik ist immer wie eine heiße Kartoffel im Mund, die man einfach nur schnell runterschlucken möchte. Aber diese Platte ist angenehm unkitschig und bedient sich eben nicht am schillernden Pathos. Dazu eine wirklich überzeugende Band mit viel Schwung und eine alternativpoppige Produktion. So sollte deutschsprachige Indiemusik immer sein: fordernd, witzig und verzwickt. Für mich definitiv eines der besten Alben dieses Genres in 2021!

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen

    Fotocredit: Laurentia Genske

  • Moritz Krämer und „Die traurigen Hummer“: Vorsichtiger Optimismus und herbstliche Heizdeckenbeats

    Moritz Krämer und „Die traurigen Hummer“: Vorsichtiger Optimismus und herbstliche Heizdeckenbeats

    Ist das nicht herrlich, ein goldbrauner Herbst. Es riecht nach Kürbissuppe und Chai Latte. Morgens früh frieren dir endlich wieder die Haare ein, wenn du dich nicht geföhnt hast. Abends willst du einfach nur noch ab aufs Sofa, Decke drüber, fertig. Natürlich nicht ohne vorher noch den richtigen Soundtrack anzumachen. Wie zum Beispiel das neues Album „Die traurigen Hummer“ von Moritz Krämer. Denn das passt nicht nur musikalisch zur gediegenen Jahreszeit, auch die Texte sind kuschelig und weich. Also, Kopfhörer auf und Fußsohlen an die knallheiße Heizung pressen, los gehts!

    Vorab solltet ihr vielleicht wissen: Moritz Krämer ist ein Held für mich. Ein Held, der deutschsprachige Popmusik gerettet hat und anscheinend mit seiner Aufgabe noch nicht fertig ist. Seit ich damals seinen TV Noir-Auftritt mit dem Song „Der kleine Spatz“ gesehen habe (angucken!), bin ich hin und weg. Freakin’ 10 Jahre her. Dann kam seine Band Die Höchste Eisenbahn. Alle so: wow, deutsche Popmusik ist ja doch nicht scheiße!
    Wie er Geschichten erzählt, so beiläufig und unaufdringlich, ist einzigartig. Andere Songwriter wären wahrscheinlich froh, wenn ihnen allein die Wörter eingefallen wären, die Moritz Krämer manchmal so charmant verschluckt.

    Riesenbaby

    Bei seinen Texten ist es oft so, dass ich schon eine Weile zuhöre, bevor ich merke, dass ich schon komplett in der Geschichte versunken bin. Irgendwie ist da so etwas unwiderstehliches, das mich in jedem Muskel die Anspannung verlieren lässt und ich nur noch reglos lauschen möchte. Gleich beim ersten Track des Albums. Ein Klavier, eine packende erste Zeile, dann eine packende zweite. Einsatz Drums: Knochentrocken und groovy in Verbindung mit dem abgedämpften Bass.

    „Nackt und einsam“ fragt zwar nicht die Gretchenfrage, aber trotzdem stellt der Song textlich schon ziemlich tiefgründige philosophische Thesen auf. Es geht zum Beispiel um „den großen Plan“, um Zufälle, um den:die-da-oben. Wer sitzt dort und lenkt? Nur ein Riesenbaby (Stichwort: Generation Teletubbies!)? Wem das für den Einstieg vielleicht schon ein bisschen too much ist: Keine Sorge. Wenn Moritz Krämers Texte komplexe Brüche sind, ist er selbst der liebe Mathenerd, der sie alle im Kopf für dich kürzen kann.

    Zwischen den Zeilen könnte es auch einfach um das überwältigende und zugleich erleichternde Gefühl gehen, nach großer Anstrengung mal etwas zu entgleisen und in einen unerklärlichen Lachkrampf zu geraten. Wenn du einfach so ein bisschen drüber bist und die Selbstbeherrschung verlierst, weil es ein langer Tag war. Und du hast eh schon wenig getrunken und so. Ich glaube er will uns damit sagen, dass man manchmal auch ein paar Dinge unkontrolliert durchwinken muss. Lieber einmal zu viel ohne Grund lachen, als einmal zu wenig.

    Der zweite Song „Die traurigen Hummer“ lässt Krämers Vorliebe zu einfachen und einprägsamen Erkennungsmelodien deutlich werden, die uns noch bei vielen seiner Songs in den Intros begrüßen werden. Und außerdem gibt es im Refrain immer diese kleine Klarinettenmelodie, oh my goodness, ist das schön! So sanft und gefühlvoll angeblasen, da will ich mich reinlegen und nie wieder eine andere Melodie hören.
    Diesmal etwas schneller im Tempo erzählt er uns von den traurigen Hummern, die darauf warten gekocht zu werden. Von den traurigen Hummern als Bild für das Abstellgleis. Das aussortierte, ausrangierte, alte Eisen. „Jeder muss gucken wo er bleibt“. Es geht um Schuld und Unschuld. Und um Pech und Glück und alle Graustufen dazwischen. Mir fällt beim Hören auf, dass diese armen Hummer, dem Tode geweiht, auch für etwas exklusiv Auserwähltes stehen. Für das Erlesene, die Delikatesse. Das macht deutlich, dass der Grat zwischen „kann weg“ und „muss bleiben“ manchmal eben doch sehr schmal ist.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen

    Fake it till you make it

    Eine magische Verbindung haben für mich die Songs „Auffliegen“ – „Verlieren“ – „Beweisen“.
    Auffliegen – Verlieren – Beweisen. Da erzählen schon allein die Titel eine ziemlich interessante Geschichte. „Auffliegen“ hat mich sofort an „First day of my life“ von den Bright Eyes erinnert. Die ganz zart angeschlagene Akustikgitarre und die folkigen Akkorde untermalen mal leiser, mal lauter den Spannungsaufbau der Lyrics. Diese enttarnen nämlich nach und nach den kleinen Hochstapler, der in uns allen steckt. Spenden allerdings auch das Schulterklopfen, das wir manchmal brauchen, um vor Nervosität nicht die Wände hochzulaufen. Er vermittelt für mich hier einen sehr wichtigen Ansatz, nämlich dass es überhaupt nicht schlimm ist, nicht immer alles zu können. Auch wenn alle Freunde um dich herum scheinbar Überflieger sind und von dir dasselbe erwarten. Aber hey, am Ende bleibt uns immer noch: Fake it till you make it!

    In „Verlieren“ zeichnet Moritz Krämer uns den Gegenentwurf zur heutigen Wegwerfgesellschaft. Es ist nicht alles Müll, was stinkt. So in etwa. Er singt es uns etwas schöner: „Was kaputt geht kann man auch wieder reparieren“. Dabei pumpt musikalisch der 2010er Indiepuls, den wohl auch Balthazar oder Mac DeMarco schon mit zwei Fingern abgetastet haben, wieder auf 180.
    Wie schön, dass dieses Herz auch noch zu schlagen scheint. Insgesamt wird für mich hier eins der Hauptmotive der ganzen Platte herausgestellt: Vorsichtiger Optimismus. Egal was so passiert, egal wie groß der Scherbenhaufen ist, Moritz Krämer ist der Ansicht, dass wir immer die Möglichkeit haben, von vorne zu starten. Ob falsche politische Entscheidung oder zerbrochene Freundschaften. Und das alles zwar immer ironisch mit Augenzwinkern, dabei aber so angenehm ehrlich.

    Das zeugt mal ausnahmsweise nicht vom „Erwachsenwerden“ sondern vom „Erwachsensein“. Ich finde „reif“ ist so ein blöder Begriff, aber auf eine Weise ist Krämers Sicht auf vermeintliche Niederlagen eine weise (ok steinigt mich dafür) (es ist schon spät). Aber mal ohne Flax, als waschechter Erwachsener muss man Niederlagen auch mal verkraften können. Das kommt an bei mir.

    „Beweisen“, letzter Song in meiner kleinen Dreierreihe, spielt mit einer ähnlichen, ganz losgelösten Auffassung von Erwartungshaltungen. Denn hier bringt er uns näher, dass es ab und zu auch einfach gut tut, Dinge NICHT tun zu müssen. „Keiner muss was beweisen“, weder sich selbst, noch irgendwem sonst. Ich mag auch die Vorstellung, dass es in diesen drei Songs vielleicht um Selbstliebe und -akzeptanz geht. Und um ein gutes Gefühl, gerade dann, wenn es in manchen Lebenssituationen überhaupt keinen Grund für ein gutes Gefühl gibt.

    Wormhole

    Moritz Kraemer, Cover, Artwork, Die traurigen Hummer, Pop, Indiepop, Folkpop, new album, Die Höchste Eisenbahn, Untoldency, Untold Music, Review, Albumreview

    Zum Erwachsensein gehört auch, reflektiert in die Vergangenheit zu schauen und daraus zu lernen. Solche nostalgischen Rückblicke erleben wir zum Beispiel in Songs wie „Austauschbar“, „Schwarzes Licht“ oder „Jetzt“. Jinglehaft und unverschämt fröhlich tönt da beispielsweise „Austauschbar“, mit dem Wechselspiel von Flöten- und Klaviermelodie, ins Ohr. „Nichts ist nur ein Wort“, eine Zeile mit doppelter Bedeutung, so unauffällig genial, dass man es fast nicht bemerkt: „Nichts“ ist nur ein Wort, aber auch „Nichts ist NUR ein Wort“. Gehirnknoten. Schwarzes Loch. Wormhole. Vakuum. Tja.

    „Schwarzes Licht“, das Feature mit Larissa Pesch, beginnt mit einem (etwas) schwülstigen Orchesterintro, das mich ein wenig an die Filme erinnert, die ich mit meiner Oma im Vorabendprogramm im Ersten geschaut habe, wenn meine Eltern mal ins Kino wollten. Hier beschreiben die beiden Sänger:innen, wie Menschen sich leicht in festsitzenden Schemata verfangen können. Dass Zufriedenheit auch mit Sicherheiten zusammen hängt, die man ab und zu auf der Stelle bereit sein muss, aufzugeben.

    Jetzt muss man natürlich ein wenig aufpassen, was in Krämers Texten noch persönliche Empfindungen sind, und was schon Rollenprosa ist. Allerdings kommt es mir so vor, als wolle er mit diesem Album einige Kapitel in seinem Leben abschließen. So klingt dieses Album nämlich stellenweise so, wie die alten Singer-Songwriter-Solosachen von ihm, an anderer Stelle aber doch sehr viel moderner und irgendwie auch nach seiner jetzigen Band, der Eisenbahn. Vielleicht ein Goodbye an den Singer/Songwriter Moritz Krämer?

    Nimmt man sich beispielsweise das Stück „Rhythmus“ vor, das sicherlich auch einigen Bilderbuch-Fans gut gefallen wird, wird klar, in welche musikalische Richtung es wohl weitergehen wird. Da flowt sein Gesang im absoluten Einklang mit Schlagzeug und Bass und der Song macht seinem Titel alle Ehre.

    „Ich hab meinen Rhythmus, ich lauf in meinem Takt“

    Eine ziemlich simple, aber wahrheitsgemäße Selbsteinschätzung, wenn man sich seine Karriere einmal anschaut. Er ist sich treu geblieben, hat sich nicht verbogen und es niemandem recht machen wollen mit seiner Musik. Das ist in der Popmusik ja nicht immer so einfach, denn es geht zum einen darum, viele Menschen anzusprechen. Und zum anderen darum, nicht allzu beliebig daherzukommen. Ziemlich ironisch, dass gerade dieser Song 1.) auf einem Standard Blues Schema aufbaut und 2.) wie gesagt, irgendwie sehr an eine moderne, österreichische Indiepop Band erinnert. Und trotzdem ist es ein verdammt guter Song.

    Fazit

    „Die traurigen Hummer“ ist ab der ersten Sekunde ein Album zum Chillen. Es zieht den Stress aus dem Körper und öffnet ganz selbstverständlich die Rezeptoren, die die Ohren spitzen lassen. Und genaues Hören ist wichtig, um die Tiefe und Schönheit dieser Musik ganz aufnehmen zu können.
    Die Songtexte von Moritz Krämer sind für mich wie Ratschläge von den allerbesten Freunden. Sie lassen mich einen Moment lang zur Ruhe kommen, nehmen mir meine Selbstzweifel und muntern mich auf. Musikalisch serviert er uns die Mixtur aus dem jazzigem Folk seiner frühen Schaffensphase und dem mordernen, tanzbaren Indiepop, der zum Glück noch nicht durch den Mainstream-Radio-Fleischwolf gedreht wurde. Wenn ihr mal ne Pause braucht — spielt dieses Album.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen

    Fotocredit: Max Zerrahn