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Samuel Breuer im Interview: » Ich dachte, es muss immer alles kompliziert sein. Aber das braucht es nicht«

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Letzten Freitag veröffentlichte Samuel Breuer mit seiner neuen Band die erste Single seit sechs Jahren. “Wackelkontakte” ist ein surfrockiger Song über flatterhafte Beziehungen und on-off Freundschaften, ohne einen Schuldigen finden zu wollen. Außerdem der Vorbote für das im Herbst angekündigte Debütalbum, denn obwohl Samuel schon sehr lange Musik macht, gab es bisher keinen Langspieler.

Samuel Breuer kommt eigentlich aus Düsseldorf, aber ist einfach ein Bonner Original und kannte dort Gott und die Welt. Wenn man mit ihm durch die Straßen schlenderte, kam er meistens nicht unerkannt voran. Wir kennen uns von gemeinsamen Konzerten und schönen Abenden, tauschen uns auch heute noch über neue Musik aus und schätzen unser gegenseitiges Feedback. Auch wenn er und ich vielleicht auch so etwas wie “Wackelkontakte” sind. Deswegen war es umso schöner, mit ihm hier ausführlich über seine Vorstellung von Freundschaft, sein neues Label und sein Umzug nach Berlin sprechen zu können.


Lukas: Lieber Samuel, schön, dass du dir Zeit für uns nimmst! Wir beide haben uns vor gefühlt ewigen Jahrtausenden in Bonn kennengelernt, bevor wir beide dann von dort wegzogen. Du bist dann vor ein paar Jahren in Berlin gelandet. Erzähl doch mal, was dich dorthin verschlagen hat und was Berlin mit dir gemacht hat!

Samuel: Ich habe in Bonn studiert und war dort sehr viele Jahre als Singer-Songwriter unterwegs. Bin durch die Lande gefahren mit meiner Akustikgitarre und habe das total genossen. Aber ich habe dann, vor allem zum Ende hin, immer mehr das Gefühl gehabt, dass es nicht ganz das ist, wonach mein Herz schreit. Ich war aus Bonn irgendwie rausgewachsen. Ursprünglich wollte ich die Stadt schon nach dem ersten Semester wieder verlassen, bin dann aber doch zehn Semester geblieben. (schmunzelt)

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Ich bin dann für meine Masterarbeit nach Berlin gezogen und wusste auch irgendwie, das wird ein kompletter Neuanfang. Sowohl für meine Persönlichkeit, als auch für mein musikalisches Schaffen. Als ich hier ankam, habe ich erstmal super viele Pop- und Schlagersessions gemacht und Songs für viele Künstler mitgeschrieben. Das war eine schöne Erfahrung und gleichzeitig konnte das gut parallel neben meiner Masterarbeit laufen. Aber sobald ich diese abgegeben hatte, war nur noch Platz für meine eigenen Songs, für meine Musik.

Ich habe mir dann hier eine neue Band zusammengesucht. Und ich wollte diesmal eine Band, die einfach fix am Start ist. Ich habe auch vorher auch schon in Duos, Trios, oder Quartetten gespielt, aber es war immer so, dass ich die Konzerte organisiert habe und diese Konstellationen immer sehr lose und unverbindlich waren. Ich wollte zwar immer noch meine Songs spielen und meine Geschichte erzählen, aber mit einem Team, auf das ich mich verlassen kann. Und das habe ich jetzt! Wir haben im Laufe der letzten zwei einhalb Jahre ganz viele tolle Dinge zusammen erlebt, trotz Corona, und dafür bin ich richtig dankbar.

Lukas: Deine letzte Veröffentlichung ist mittlerweile sechs Jahre her. Da ist einiges an Wasser den Rhein runtergeflossen, wie man bei uns im Rheinland sagt. Wenn wir jetzt mal bei deiner Musik bleiben: Sind diese neuen Songs jetzt irgendwie Songs, die du von früher mitgenommen hast? Inwiefern knüpft da die neue Musik an deine Musik von früher an?

Samuel: Da sind teilweise Songs dabei, die wie eine Übergangsphase für mich sind. Hier und da erkennt man noch meine Handschrift, zum Beispiel die abstrakten Bilder in meinen Texten. Gleichzeitig markiert das Album einen Neustart, weil kein einziges Mal eine Akustikgitarre in den Songs auftaucht. Das, was ich mitgenommen habe sind tendenziell die sprachlichen Bilder, die ich benutze. Da merke ich allerdings sehr, welche Songs auf dem Album älter sind.

Meine Schreibe hat sich im Laufe dieses Neustarts sehr stark verändert. Ein großer Einfluss war sicherlich die Celler Schule. Eine Songwriting Masterclass, bei der ich sehr viel Input bekommen habe. Da konnte ich lernen, mit einer kritischeren Distanz auf meine Texte zu schauen. Manchmal klangen Texte in meinem Kopf halt irgendwie geil, aber es war überhaupt nicht verständlich, was ich damit sagen wollte. Die Sprache in den neueren Songs ist sehr viel klarer geworden.

Lukas: Möchtest du denn, dass deine Zuhörer*innen immer direkt kapieren, was du meinst? Oder findest du es nicht auch interessant, diesen abstrakten Gedanken Raum zu lassen, ohne dass sie jemand versteht?

Samuel: Ich finde das vom Prinzip total interessant, sonst hätte ich es auch lange Zeit nicht so gemacht. Allerdings hat sich das auch einfach bei mir selbst geändert. Ich denke weniger abstrakt als früher und das spiegelt sich in meinen Songs wider. Ich höre immer noch total gerne Musik, die versteckt schreibt. Aber das, was im Moment aus mir raussprudelt, ist von der Sprache immer klarer geworden. Noch vor vier oder fünf Jahren hätte ich das nicht nur für nicht möglich gehalten, ich habe sogar Musik, die so klar und eindeutig war, ein bisschen belächelt. Ich dachte, es muss auch immer alles kompliziert sein. Aber das braucht es nicht.

Lukas: Deine Musik wirkt nicht nur sehr authentisch, sie ist sehr authentisch. Ich merke, dass du alles so singst, wie du es meinst. Und obwohl ihr jetzt ja eine feste vierköpfige Band seid, trägt das Ganze noch deinen richtigen, bürgerlichen Namen. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Samuel: Das war auch ein Prozess. Als ich mit unserem Gitarrist Simeon angefangen habe, die Songs zu arrangieren, habe ich ihm gesagt: “Simeon, ich will keine Akustikgitarre mehr. Ich möchte Indierock machen!” Wir haben dann an den Songs gearbeitet und durch den Bandcharakter kam dann die Idee, das „Samuel“ zu streichen und das Projekt einfach nur „Breuer“ zu nennen. Ich habe das dann längere Zeit mit mir rumgetragen, aber letztendlich gemerkt, dass diese Songs einen Vornamen brauchen. Diese Songs sind eben so persönlich für mich und so sehr meins, dass ich da den Eindruck hatte, die Songs verlangen, dass ich mit meinem vollem Namen dahinterstehe.

Lukas: Vielleicht hättet ihr euch sonst irgendwann auch über einen dämlichen Bandnamen geärgert, so etwas entsteht ja auch nicht selten aus einer Laune heraus…

Samuel: Ja, und hinzu kam noch, dass ich diese Musik ja auf jeden Fall für immer mache. Ich wollte mich nie abhängig machen von einem Bandkonstrukt, das nur als solches besteht. Ich liebe meine Band und mein Traum ist, dass wir das einfach ewig so weitermachen können. Wir haben so tolle Dinge gemeinsam erschaffen und sind ein grandioses Team. Aber sollten sich ein oder zwei dazu entscheiden, irgendwann andere Wege zu gehen, möchte ich nicht in die Lage geraten, nach einem neuen Namen, einer neuen Identität suchen zu müssen.

Lukas: Ihr wart dann für die Produktion des Debütalbums im Tonstudio in Hennef (meiner Heimatstadt btw) mit eurem neuen Produzenten. Wie kam es dazu?

Samuel: Ich habe unseren Produzenten Thorsten 2017 kennengelernt. Ich hatte ihm ganz viele Demos von meinen anderen, alten Songs gezeigt. Und als wir die neuen Demos fertig hatten, haben wir ihm das geschickt und er wollte das mit uns ausarbeiten. Tja, dann haben wir einen Studiotermin festgelegt im Oktober 2019. Und ich habe noch ganz blauäugig gedacht, wir spielen da in zwei Wochen das gesamte Album ein, obwohl wir uns in dieser Formation vielleicht vier Monate kannten. Ich bin dann im Laufe des folgenden Jahres wirklich oft hin und her gefahren, um die Songs fertigzustellen. Und es war anstrengend, aber jedes Mal wenn ich da war, gab es die restliche Welt nicht mehr.

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Lukas: Lass uns zu deinem Release kommen! “Wackelkontakte” ist letzten Freitag erschienen, die erste Singleauskopplung aus dem kommenden Album. Was sind für dich denn eigentlich Wackelkontakte?

Samuel: Es gibt verschiedene Arten von Wackelkontakten. Sie eint, dass man immer wieder in Kontakt ist und dann immer mal wieder Ewigkeiten nicht. Aber ohne, dass es jemand böse meint. Und man weiß, dass man sich total gerne hat. Man kommt einfach nicht dazu, sich beieinander zu melden, obwohl man es so lange unbedingt mal wieder hätte machen wollen. Und manchmal braucht so ein nächstes Mal eben ein paar Jahre.

Lukas: Findest du denn, man braucht solche Wackelkontakte im Leben? Oder anders, brauchst du welche in deinem Leben?

Samuel: Ich habe lange gebraucht um zu verstehen, dass das Teil des normalen Lebens ist. Ich musste lernen zu akzeptieren, dass man nicht mit allen Menschen so eng Kontakt halten kann, wie man es vielleicht möchte. Ich kann durch die Verarbeitung in diesem Lied jetzt viel besser damit umgehen. Manche Menschen sehe ich halt nur einmal in drei Jahren und höre auch sonst nichts von ihnen, aber wenn wir uns sehen ist alles total schön und ich freue mich total. Im Song habe ich schon fast einen sarkastischen Blickwinkel darauf gewählt, der zum größtem Teil aus meinem damaligen Frust entstanden ist. Mittlerweile hat sich dieser Frust gelegt, ich kann das inzwischen mit einem lachenden Auge sehen. Ob ich Wackelkontakte brauche – würde ich verneinen.

Lukas: Es ist ja so eine unerklärliche Mischung aus Faulheit und Pflichtbewusstsein. Ich finde das Thema total interessant. Ich denke mir oft, irgendwie werden gerade ganz viele Freunde in meinem Leben zu Wackelkontakten. Der Song ist so herrlich unentschieden, denn es ist ja keine Anschuldigung, sondern einfach eine Feststellung. Da habe ich mich gefragt, ist der Song für dich ein Wunsch den Status Quo zu ändern, oder ist es die Akzeptanz dieser Beziehungen?

Samuel: Das hat sich sehr gewandelt! Ich kann das mittlerweile viel entspannter betrachten. Es gab aber Zeiten, da hatte ich wirklich eine regelrechte Wut auf solche Situationen. Immer kommt das Leben dazwischen und das hat mich richtig wütend gemacht. Er ist so herrlich unentschieden… Ich finde es schön, dass du das sagst!

Lukas: Ja ich weiß einfach nicht, ob ich jetzt abhaten oder mich freuen soll, denn wenigstens besteht ja überhaupt noch Kontakt. Ich dachte auch beim ersten Hören, es kommt vielleicht noch ein Twist in deinem Text. Also, dass dann die Rache folgt, von wegen „du kannst mich mal“. Aber das kommt eben nicht! Ich glaube, viele Hörer*innen können solche Beziehungen gut nachvollziehen. Vor allem weil ich auch glaube, dass es etwas mit unserem Alter zu tun hat. Wie siehst du das?

Samuel: Ich glaube das auch. Das ganze kommende Album handelt ja auch vom Älter- und Erwachsenwerden. Und da ist genau das auch einer dieser Punkte. Unsere Freunde gehen ihres Weges und es bleibt nicht mehr für alle Platz. Und die Zeile, die für mich den Song auf den Punkt bringt, ist „keine böse Absicht“. Es ist ein „tut mir Leid“ und ein „ist schon okay“ zugleich. Eine Bitte um Entschuldigung und eine Vergebung!

Lukas: Du hast ja jetzt auch ganz frisch noch ein Label gegründet! Wie kam es denn dazu?

Samuel: Wir haben lange überlegt, wie wir die Veröffentlichung angehen wollen. Und ich habe von Anfang gedacht, es wäre ja schon geil, ein eigenes Label zu gründen. Die Musikindustrie hat sich sehr verändert im Laufe der letzten zehn Jahre. Und ein Label macht im Endeffekt wenig mehr, als du ohnehin als Künstler oder Band in unserer Größenordnung selbst machen musst. Ich fand den Gedanken charmant, alles selbst in der Hand zu haben und alles selbst bestimmen zu können. Wir hätten auch einfach eine Selbstveröffentlichung machen können, aber das hätte sich unvollständig angefühlt. Und unsere Bewerbungen bei den Labels stieß nie auf die gewünschte Resonanz. Dazu kam noch, dass viele kleine Indie-Labels wegen Corona gerade so ein bisschen untergehen. Und dann dachte ich, let’s do it, lass es uns einfach selber machen. Harry Potter hat am Anfang ja auch keiner gewollt.

Lukas: Ich weiß nicht ob es wirklich etwas mit „nicht wollen“ zu tun hat. Viele gehen ja gerade diesen Schritt, eben weil man sowieso fast alles selber machen muss. Und wenn dann was übrig bleibt, kannst du es wenigstens alles behalten. Ich finde das mutig und ziemlich cool! Kritzel Records finde ich auch einen einprägsamen Namen. Wie seid ihr darauf gekommen, hat das eine tiefere Bedeutung?

Samuel: Ich habe den Slogan „Ich kritzel Bilder für deine Ohren“ für mich gefunden, einfach weil meine Texte sehr visuell sind. Weniger Leonardi Da Vinci-Style, sondern halt eher gekritzelt. Und Thorsten kam dann am Ende auf die Idee, dem Ganzen diesen Namen zu geben.

Lukas: Wie stellt ihr euch das denn jetzt weiterhin vor, wächst dieses Label jetzt parallel zur Musik eigenständig weiter oder ist das eher ein Mittel zum Zweck?

Samuel: Ich träume schon davon, dass das ein richtiges Label wird! (grinst breit) Ich habe Bock auf diese Arbeit. Ich habe Bock, Künstler zusammenzubringen, die ähnliche und geile Mucke machen! Kitzel Records ist ein Zuhause für diejenigen, die sich in der popkulturellen Musiklandschaft obdachlos fühlen.

Lukas: Sehr schön gesagt. Das könnte ja schon weitreichendes Interesse regen! Arbeit gibt es ja genug und sicherlich auch viele Künstler*innen, die sich bei dir melden würden.

Samuel: Erstmal geht es aber um unseres eigenes Ding. Kritzel Records ist ein Hafen für unser eigenes Boot, welche Boote dann dazu kommen, werden wir sehen!

Lukas: Wir bleiben gespannt. Vielen Dank für dieses schöne Gespräch! Viel Erfolg mit eurer Musik – bis bald!

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