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Paul Gerlinger im Interview: »Ich schreibe einfach Songs – ohne Dollarzeichen in den Augen«

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Er gehört zweifelsfrei zu den spannendsten Newcomer:innen, die 2021 zu blühen angefangen haben: Paul Gerlinger. Mit seiner im Juni 2021 erschienenen Debüt-EP „Gut allein“ hat der Singer-Songwriter aus Mannheim einfach mal so ein großes Ausrufezeichen gesetzt. Ohne viel Chichi, dafür mit umso mehr Gefühl und einer unverkennbaren Stimme. Im Rahmen der Acoustics Concerts spielt er am 16.08. in Berlin und am 18.08. in Hamburg. Jule hat sich vorab mit Paul Gerlinger zum Interview getroffen und mit ihm über seine musikalischen Anfänge, Zukunftspläne, die Entstehung seiner EP und natürlich auch über Konzerte gesprochen.


Paul Gerlinger im Interview

Jule: Hey Paul, freut mich dich kennenzulernen. Möchtest du dich vielleicht einmal für diejenigen, denen du noch unbekannt bist, vorstellen?

Paul Gerlinger: Hey, ja na klar. Also ich bin Paul Gerlinger und Singer-Songwriter aus Mannheim. Obwohl der Trend ja gerade wieder ins Elektronische mit vielen Synthesizern geht, mache ich akustisch angehauchte Musik. Bei mir ist alles handgemacht, mit Kontrabass, Cello und echtem Schlagzeug. Im Juni habe ich meine Debüt-EP Gut allein veröffentlicht. Hast du da vielleicht auch schon mal reingehört?

Jule: Na aber selbstverständlich (lacht). Nicht nur zu Vorbereitungszwecken; mein bester Freund mag deine Musik total gerne und da wollte ich natürlich mitreden können.

Paul Gerlinger: Ach, wie schön, das freut mich sehr zu hören!

Jule: Wir haben vor ein paar Wochen auch einige YouTube-Videos von dir gecheckt und u.a. auch ziemlich alte Videos gefunden, als du noch Teil des Duos Flourishless warst. Damals waren eure Songs auf Englisch, inzwischen schreibst du auf Deutsch. Haben sich deine Songwriting-Prozesse aufgrund der anderen Sprache verändert?

Paul Gerlinger: Ja, schon. Früher war es mehr so „Wir machen Musik und schreiben dann einen Text dazu“. Mittlerweile ist es eher so, dass ich zuerst den Text schreibe. Ich habe einfach entschieden, nur noch auf Deutsch zu singen, weil sich mein Leben zu 99 % im deutschsprachigen Raum abspielt. Es gab Momente, in denen ich mich über die englischen Texte geärgert habe, weil sie nicht immer alle verstanden haben. Nach Konzerten kamen oft Leute zu uns, die meinten „Hey voll schön, aber worüber singt ihr eigentlich die ganze Zeit?“. Deshalb schreibe ich nur noch auf Deutsch. Ich bin auch mit deutscher Lyrik aufgewachsen, mein Großvater hat mir das immer nahegebracht. Für das Soloprojekt war daher sofort klar, dass ich auf Deutsch weitermache. Es ist toll, wenn die Leute mir nach einem Konzert erzählen, dass ihnen die oder die Textzeile gefallen hat. Es ist für mich einfach ein schöneres Gesamtgefühl.


„Ich denke nicht, dass ich der größte Songwriter nach Bob Dylan bin“

Jule: Du hast ja auch sehr jung angefangen, selbst Gedichte zu schreiben – Songs hingegen schreibst du noch gar nicht so lange. Dann habe ich aber rausgefunden, dass du 2016 den 1. Platz bei einem Songcontest der Popakademie gemacht hast. Und da habe ich mich gefragt: Bist du dir deinem Schreibtalent eigentlich bewusst? Oder ist das für dich so… „normal“?

Paul Gerlinger: Mir ist durch das Feedback von außen schon irgendwie bewusst, dass ich offensichtlich so schreibe, dass das irgendwie ankommt und gefällt. Aber ich, und die meisten Künstler:innen wahrscheinlich auch, bin nie ganz zufrieden mit dem, was ich mache. Die Außenwahrnehmung, die mir so zugetragen wird, ist häufig „Cool, was du da schreibst“. Meine Innenwahrnehmung ist eher „ist ganz nett, kann man mal machen“ (lacht). Aber es tendiert immer mehr dazu, dass ich ein bisschen reflektierter darauf schaue. Ich vergleiche nicht unbedingt, das sollte man nie tun, aber so ganz analytisch schaue ich, welche Sprachelemente andere so benutzen. Ich gebe mir auf jeden Fall immer Mühe, was die reine Sprache angeht. Und ich glaube, wenn ich das so sagen darf, dass ich schon ein kleines Talentchen habe, ja. Aber ganz bescheiden, ne. Ich denke jetzt nicht, dass ich der größte Songwriter nach Bob Dylan bin (lacht).

Paul Gerlinger, Acoustics Concerts, Interview, Gut allein, EP, Bandstillstand, Singer-Songwriter, Mannheim, Interview, Blog, Magazin, untoldency Lea Bräuer


Jule: Bist du beim Songwriting eigentlich eher ein Geschichtenerzähler oder sind deine Texte vielmehr autobiografisch?

Paul Gerlinger: Also bisher waren meine Texte eigentlich alle autobiografisch. Ich übe aber tatsächlich auch gerade, mal andere Perspektiven einzunehmen und ein bisschen erzählerischer zu schreiben. Faber zum Beispiel mag ich da sehr gerne, der sich eigentlich in jedem seiner Songs in irgendeinen Menschen hineinversetzt, den er kritisieren möchte. Ein, zwei Song habe ich auch in der Schublade, die eher in diese Richtung gehen. Aber grundsätzlich ist es bei mir doch viel Paul. Wenig Tamtam, wenig Fake und wenig an den Haaren herbeigezogen, sondern eben Paul. Sehr viel Paul sogar eigentlich.


„Ich bin angespornt, die nächste Platte genauso gut oder sogar noch besser zu machen“

Jule: Deinen ersten Song als Solokünstler hast du ja erst im März veröffentlicht. Im Juni kam dann die EP. Bei Spotify hast du gerade um die 15.000 monatliche Hörer:innen. Wie fühlt es sich für dich an, dass es so schnell so gut läuft?

Paul Gerlinger: Das fühlt sich natürlich mega schön an. Ich muss aber zugeben, dass diese Zahl sehr stark an dem glücklichen Fakt liegt, dass ich mit Bandstillstand auf der Wilde Herzen-Playlist gelandet bin (lacht). Das zieht natürlich viele Hörer:innen an, die ich sonst vielleicht nie erreicht hätte. Das hat mich natürlich sehr gefreut, ich bin da echt sehr glücklich drüber. Und auch mein Label hat sich auch noch nicht beschwert (lacht). Aber ja, dass es allgemein so gut läuft, ist natürlich toll. Wenn du mir vor 5 Jahren gesagt hättest, dass ich irgendwann mal auf großen Bühnen vor sehr vielen Menschen spielen würde, hätte ich dich wahrscheinlich ausgelacht. Das ist für mich immer noch ein bisschen surreal. Aber ich bin dadurch auch angespornt, die nächste Platte genauso gut oder sogar noch besser zu machen. Ach, das ist schon geil, das kann man ruhig mal so festhalten (lacht).

Jule: Du warst ja auch in der 22. Generation beim Bandpool, wo auch schon Künstler:innen und Bands wie Provinz, Rikas, Lotte usw. teilgenommen haben, die zum Teil ja auch echt steile Karrieren hingelegt haben. Wünschst du dir sowas für dich auch?

Paul Gerlinger: Gegen eine große Karriere habe ich prinzipiell natürlich erstmal nichts. Ob die so steil sein muss, ist die andere Frage. Ich bin eher so der Gemütliche. Es wäre auch voll okay, wenn das einfach noch 5 Jahre dauert oder eben langsam vorangeht. Aber ich habe natürlich schon Bock, das auch hauptberuflich machen zu dürfen. Aktuell wäre es sehr schwierig, von der Musik meine Miete zu bezahlen. Das ist glaube ich so der Breakeven-Point, den ich irgendwann mal erreichen möchte. Dass ich sagen kann, dass ich nichts anderes mehr machen muss als das was ich will, nämlich Musik. Und alles was danach kommt, ist einfach nur noch Luxus.

Jule: Du zielst also nicht unbedingt darauf ab, keine Ahnung, einen Charthit zu landen oder sowas?

Paul Gerlinger: Oh nee, so viel Kalkül habe ich da nicht. Ich schaue natürlich mittlerweile schon, dass ich nicht jeden geschriebenen Song rausbringe. Weil ich auch selbstkritisch genug bin um zu sagen, dass die Leute das gerade vielleicht nicht unbedingt hören wollen oder der Song einfach nicht gut ist. Aber ich bin nicht so jemand, der sich Strukturen anschaut oder sich daran orientiert, dass Spotify nur noch 2:46 min lange Songs haben will und der Refrain in den ersten 15 Sekunden kommen muss. Ich schreibe einfach Songs – und wenn es mir gefällt, gehe ich damit ins Studio und bringe dann irgendwann den Song raus. Ganz ohne Dollarzeichen in den Augen zu haben.



„Die Songs der EP sind weitestgehend schon 2019 entstanden“

Jule: Lass uns doch mal ein bisschen über die Entstehung deiner EP sprechen. Ich könnte mir vorstellen, dass da auch Songs drauf sind, die schon ein paar Jahre alt sind.

Paul Gerlinger: Witzigerweise ist „Bandstillstand“ das allererste deutsche Lied, das ich jemals geschrieben habe – das war 2016. Wir waren, damals noch zu zweit, beim Mannheimer Bandsupport und mein ehemaliger Musikkumpane Philipp hat gesagt „Paul, du schreibst immer alle Texte, ich will das auch lernen“. Also haben wir dort einen Songwriting-Workshop gemacht, weil ich ihm das absolut nicht erklären konnte. Während dieses Workshops habe ich immer drei Akkorde gezupft, damit er etwas hat, worauf er schreiben kann. Nach 2 Stunden hat er dann entschieden, dass er lieber doch nicht texten will (lacht). Bei mir kam dann „Bandstillstand“ raus. Die anderen Songs der EP sind aber noch gar nicht so alt, aber weit vor der Pandemie entstanden. Es floss dann dafür während der Pandemie sehr viel Zeit in die Produktion – das war für mich der einzig positive Aspekt während dieser Zeit. Die Texte sind aber weitestgehend schon 2019 entstanden.

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Jule: Du hast die EP inzwischen ja auch schon auf ein paar Bühnen vortragen dürfen. Am 16.08. und 18.08. bist du dann bei den Acoustics Concerts am Start. Dein Sound gibt ein akustisches Konzert natürlich voll her. Aber hast du die Songs vielleicht doch nochmal anders arrangiert als für ein „normales“ Konzert?

Paul Gerlinger: Tatsächlich nicht wirklich, nein. Die Besetzung bei den Acoustics Concerts ist etwas kleiner als sonst – wir sind nur zu zweit mit Cello und Gitarre. Aber es gibt die gleiche Performance wie auf einer großen Bühne, nur in einem intimeren Rahmen. Wie du schon sagst, ich mache ja auch einfach akustische Musik. Deshalb sind die Acoustics Concerts für mich eine absolute comfort zone.

Jule: Das heißt, du bist vor den Acoustics auch weniger aufgeregt?

Paul Gerlinger: Ich bin eigentlich generell immer sehr entspannt – bis so 30 Minuten vor Stagetime. Dann werde ich kurz nervös. Aber wir hatten viel Zeit zu proben, deshalb bin ich zuversichtlich, dass das alles astrein ablaufen wird und wir zwei schöne Abende in Berlin und Hamburg haben werden.


„Mein Traum ist es, mal mit John Mayer auf der Bühne zu stehen“

Jule: Was wäre das Schlimmste, das dir auf der Bühne passieren könnte?

Paul Gerlinger: Dass die Stimme ausfällt. Das hatte ich einmal, da war ich leicht erkältet. Nach 2/3 des Sets konnte ich nicht mehr singen, da kam einfach nichts mehr raus. Das wäre schon so worst case. Wenn die Gitarre kaputt geht oder so – egal, dann singe ich a cappella. Aber wenn die Stimme weg wäre, das wäre scheiße (lacht).

Jule: Und was wäre das Schönste, was passieren könnte?

Paul Gerlinger: Ganz traumtänzerisch: Dass hinter mir so ein Bühnenboden hochfährt und da steht John Mayer drauf und spielt ein astreines Solo über mein Lied und verschwindet wieder. Das wäre geil. Der Traum vom kleinen Paul ist es auf jeden Fall, mal mit John Mayer auf der Bühne zu stehen.

Jule: Oh, da muss ich mal schauen, ob wir das arrangieren können (lacht). Planst du eigentlich eine eigene Tour?

Paul Gerlinger: Der ursprüngliche Plan war natürlich, die EP rauszubringen und dann auf Tour zu gehen. Aber momentan kann ich froh sein, wenn ich überhaupt irgendwo einen Slot bekomme, wo ich spielen kann. Eine Tourplanung ist für mich als Newcomer gerade echt weit weg. Das ist quasi unmöglich, deshalb habe ich es hintenangestellt. Ich lerne gerade ein bisschen Klavier, um mich kreativ zu erhalten und versuche, die Zeit bis zu einer möglichen Tour, mit Songwriting zu überbrücken. Also außer hier kommt jemand wie in Großbritannien, macht wieder alle Läden auf und scheißt generell auf alles, dann vielleicht schon demnächst eine Tour. Aber das ist ungefähr so realistisch, wie dass John Mayer auf meiner Bühne auftaucht (lacht). Deshalb gehe ich davon jetzt erstmal nicht aus.

Jule: Dann komme ich auch schon zu meiner letzten Frage. Die ist bei uns immer die nach einer untold story: Eine Geschichte oder ein Fakt über dich, den man noch nicht kennt.

Paul Gerlinger: Es gibt super viele untold stories von mir, weil ich bisher öffentlich noch gar nicht so viel von mir preisgegeben habe. Also ich bin jetzt noch nie betrunken vom Schlagzeug erschlagen worden oder sowas. Aber ich plane für diesen Sommer noch einen Fallschirmsprung. Den hat mir mein Bruder zum Geburtstag geschenkt, der ist so ein Action-Typ. Er hat mich vor ein paar Jahren auch zum Motorradfahren gebracht. Und ich bin Angler, ich habe einen Angelschein und manchmal angle ich mir einen Zander zum Abendessen (lacht).

Jule: Hui, das klingt sehr actionreich. Lieben Dank für das schöne Gespräch, Paul!


Wer sich jetzt noch für das heutige Acoustics-Konzert in Berlin oder für das am Mittwoch in Hamburg einstimmen will, der kann sich hier die Debüt-EP „Gut allein“ von Paul Gerlinger anhören:

Fotocredits: Lea Bräuer

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