Autor: Jule

  • Jules Jahresrückblick: Eintönig oder erfüllend? Wie ich ein Jahr lang nur einen Artist hörte

    Jules Jahresrückblick: Eintönig oder erfüllend? Wie ich ein Jahr lang nur einen Artist hörte

    Dass ich mich ausgerechnet in dem Jahr unserem tollen Redaktionsteam anschließe und meinen ersten Jahresrückblick schreibe, in dem ich genau einen (1) Künstler on repeat gehört habe, klingt erstmal doof. Aber ich nutze die Gunst der Stunde einfach, um endlich ins Internet zu posaunen, WIE GUT ich seine Musik finde. Um welchen Künstler es geht, erfahrt ihr gleich. Greift euch ein paar Lebkuchen und/oder einen warmen Kakao (beides austauschbar durch alles, was ihr mögt) und taucht ein in mein musikalisches Jahr 2023.

    Alle, die mich ein bisschen kennen oder mir auf Social Media folgen wissen es bereits und werden einmal genervt durchatmen, wenn ich jetzt schreibe, dass sich mein kompletter Jahresrückblick um Hazlett drehen wird. Nicht, weil ich ihm nicht sowieso längst einen Artikel widmen wollte, sondern, weil niemand mein musikalisches Jahr 2023 so konsequent begleitet hat wie er. Laut meinem Spotify Wrapped habe ich seine Musik 114.227 Minuten lang gehört, das sind 79,3 Tage. Was das über mich aussagt? Vielleicht bin ich 2023 endgültig verrückt geworden. Aber bin ich der Meinung, jemanden gefunden zu haben, der zu 100% Musik für mein Herz macht? Auf jeden Fall.


    Eine kleine Zeitreise

    Aber spulen wir zurück zum Sommer 2022, die Acoustics Concerts sind in vollem Gange und ich so oft dabei wie es geht. Am 12.07.2022 spielt Anoki, lasse ich mir natürlich nicht entgehen. Mit ihm auf der Bühne: Masha The Rich Man und… Hazlett. Hätte ich damals geahnt, was dieser Abend auslösen wird, ich hätte es mir selbst nicht geglaubt. Da steht dieser in Stockholm lebende Australier in Latzhosen mit seiner Gitarre auf der Bühne, hinter ihm die Spree und die 23. Stadtrundfahrt-Fähre, während langsam die Sonne untergeht. Ich kannte ihn und seine Musik zu diesem Zeitpunkt noch nicht, war aber wie immer mehr als offen für neue Artists. Sein Set klingt folkig, seine Stimme gefällt mir auf Anhieb extrem gut, er erzählt zwischen den Songs lustige Anekdoten und füllt die Bühne auch alleine voll aus, wirkt aber trotzdem irgendwie unbeholfen. Und dann spielt er den damals noch unveröffentlichten Song Everybody Hates Me – der mich wie ein Blitz durchfährt und mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf gehen will. Im Nachhinein denke ich, dass ich mich in diesem Moment das erste Mal wirklich in Musik verliebt habe.


    Der Beginn einer (lieb gemeinten) Obsession

    Bis „Everybody Hates Me“ dann einen Monat später veröffentlicht wird, durchforste ich seine bisherige Diskografie. Und ich höre nicht einen Song, den ich nicht unfassbar schön finde? Ihr kennt das bestimmt, ihr habt eine Lieblingsband, liebt alles, aber da gibt halt auch diesen einen Song, der holt euch nicht so ab. Völlig okay, kein Problem. Aber so ist das hier nicht. Jeder einzelne Song klingt PERFEKT in meinen Ohren. Und, Spoiler: Das hat sich ein Album und eine EP später noch immer nicht geändert. Im September 2022 sehe ich Hazlett noch einmal live in Berlin, als er bei der Indiean Summer Tour 2022 im Privatclub spielt, diesmal in kleiner Bandbesetzung. Mich persönlich berührt er alleine mit Gitarre noch einen Schnuff mehr, aber auch dieses Set befeuert meine beginnende Obsession.

    Im Januar 2023 erscheint dann das Debütalbum Bloom Mountain“. Schon da war mir klar, dass das ganz oben in meiner Jahresliste stehen wird. Ich mache seitdem mit Anlauf einen Kopfsprung in alles, wo „Hazlett“ draufsteht. Ich kenne jedes verdammte Interview, das ich online finden konnte. Jedes Video auf seinem YouTube-Kanal habe ich ca. 1 Mio. mal gesehen. Ich habe mir in einem nur mittelmäßig echt aussehenden UK-Onlineshop für einen eigentlich unzumutbaren Preis seine 2020 erschienene EP Thundering Hopes auf Vinyl gekauft. Dass er mir dann erzählte, sie sei eigentlich ausverkauft und er wüsste wirklich nicht, dass man die noch irgendwo bekommt, steigerte meine Hoffnung darauf, nicht auf einen Fakeshop reingefallen zu sein, nur bedingt. Aber um hier keinen unnötigen Bogen zu spannen: Ihre Ankunft dauerte zwar ewig, aber inzwischen steht sie in der front row meiner Vinylsammlung. 2023 nicht auf einen Fakeshop reingefallen, check!

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    Kein Weg ist mir zu weit, aber manche halt zu teuer

    Wenn ich mitbekommen habe, dass Hazlett in meiner Nähe auftritt, war ich da. Das war zugegebenermaßen leider nur ein weiteres Mal am 12.09.2023 im Berliner Privatclub, als er Support für Wild Rivers gespielt hat (woraufhin ich überdurchschnittlich lange darüber nachgedacht habe, warum er in Berlin fast immer im Privatclub spielt und ob er denkt, dass wir nur diese Location haben?). Ich hatte mich ein paar Tage vor diesem Konzert mies am Fuß verletzt, konnte kaum laufen oder stehen – aber ratet mal, wer trotzdem auf Krücken ganz vorne stand und jeden einzelnen Song laut mitgesungen (und jeden Akkord mitgesummt) hat. Na klar. Am Ende des Abends habe ich ihm noch eine „Bloom Mountain“-Vinyl abgekauft und ein wirklich liebes Gespräch über u.a. Bahnfahrten in Dänemark geführt. Klingt random, war aber so herrlich normal. Ich möchte in Ermangelung weiterer Berlin-Konzerte auch nicht abstreiten, dass ich kurz davor war, für eine Show von ihm nach Stockholm zu fahren. Konnte ich mir nicht leisten, aber der Wille war uneingeschränkt da.


    How to: Mit 31 Jahren nochmal zum Fangirl werden

    Wenn man mich fragt, was es ist, das mich mit meinen inzwischen 31 Jahren nochmal zu dem 14-jährigen Fangirl werden lässt (nur mit weniger Kreischen), das ich einmal war, dann kann ich darauf keine verständliche Antwort geben. Denn eigentlich, das muss ich zugeben, höre ich die Art von Musik, die Hazlett macht, gar nicht so gerne – ohne jetzt groß in Genredenken zu verfallen. Aber wenn mich Spotify aufgrund meines wahnhaften Hörverhaltens darum bittet, ENDLICH mal „ähnliche Künstler*innen“ zu hören, dann mag ich das alles gar nicht so gerne. Was mich dann so an ihn fesselt? Ich kann es nicht sagen. Aber im Laufe der Jahre habe ich festgestellt, dass ich Musik noch mehr fühle, wenn ich die Artists dahinter „kennenlerne“. Ich denke, dass das hier auch ein großer Punkt ist. Hazlett ist für mich einer der sympathischsten Künstler, die ich „kenne“. Sehr zurückhaltend, sehr dankbar, sehr nahbar. Er bezieht seine Hörgemeinschaft in so gut wie alle Prozesse ein, wenn sie denn einbezogen werden möchten. Er spricht in der Wir-Form, wenn er neue Songs veröffentlicht und meint damit seine Fans, die für ihn offensichtlich genauso zu diesem Projekt gehören, wie sein Produzent. Ich muss zugeben, dass dieses Gemeinschaftsgefühl eine Menge mit mir macht. Ein paar Tage vor dem Albumrelease im Januar hat er ein kleines Prelistening über Zoom organisiert, in der man sich ungefiltert und direkt über das austauschen konnte, was einem nach dem Hören des gesamten Albums so in den Sinn kam. Ich finde das in der heutigen Zeit einfach sehr wholesome. Vielleicht will ich als Hörerin genau so abgeholt werden.

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    Die Worte in meinem Kopf stammen nicht von mir

    Egal, ob ich in diesem Jahr traurig, wütend, frustriert oder glücklich, motiviert, freudestrahlend war. Die Musik von Hazlett hat mich immer begleitet. Und sie hat auch immer gepasst. Ich weiß nicht, wie oft ich 2023 inbrünstig mitgesungen habe oder seine Songs zum Einschlafen gehört habe. Es wurde einfach nie langweilig, weil man auch nach dem 40. Mal hören noch neue Feinheiten entdeckt (glaubt mir das einfach). Und wenn ihr mich fragt, dann lege ich euch hier im Übrigen auch einen der besten Wortakrobaten ans Herz.


    I wear my heart on my sleeve /
    I’m sick and tired of trying to change clothes for you

    (aus „Part Time Lovers“)
    „I wanted to be / A little bit more
     Someone you see, who you adore /
    But happy sleeping on your floor“
     (aus „Even If It’s Lonely“)
    It’s heaven sent / Then left on read“
    (aus „Slow Running“)


    Ich könnte ewig so weitermachen. Es sind diese Zeilen, die ich rund um die Uhr in meinem Kopf habe und die ständig ihre Bedeutung für mich ändern. Mein bester Freund sagte vor ein paar Tagen zu mir: „Ich bin mir sicher, dass du dir über manche Songs mehr Gedanken gemacht hast, als er“. Es wäre absolut seltsam und hochnäsig, dem zuzustimmen – aber so richtig verneinen kann ich es irgendwie auch nicht, ich habe schon unangebracht viel darüber nachgedacht. Mal abgesehen davon, dass ich für untoldency natürlich viele andere Songs gehört habe, hatte ich in diesem Jahr privat wirklich nur selten das Begehren nach anderer Musik. Weil ich mich so gut mit Hazletts beschäftigen konnte und alles inhaliert habe, was ich bekommen konnte – und das war in diesem Jahr eine Menge, sein Output war wirklich wahnsinnig. An dem Wochenende, an dem das Album erschien, hat er einfach ein neues geschrieben. Wenn ihr das hier lest, dauert es noch einen Tag, bis seine neue EP „Goodbye To The Valley Low“ erscheint. Ihr könnt euch vorstellen, wer hier schon aufgeregt seine Kopfhörer auflädt.


    Ich würde alles nochmal genauso machen!

    2023 war insgesamt gesehen für mich ein seltsames bis schwieriges Jahr, mental und physisch. Aber dass ich jemanden gefunden habe, der ungewollt für jede Situation den richtigen Ton und die richtigen Worte für mich übrig hatte, hat schon vieles leichter gemacht. Ich weiß nicht, ob das jemand von euch nachvollziehen kann, aber ich wünsche euch allen, dass ihr Künstler*innen oder Alben findet, die euch das geben, was mir Hazlett geben kann. Ich bin unendlich dankbar für den 12.07.2022, der Tag an dem alles begann. Ich weiß nicht, ob ich 2023 so gut überstanden hätte, wenn ich diesen musikalischen Zweig nicht gehabt hätte, mit dem ich mich über Wasser halten konnte. Das klingt pathetisch, aber ich weiß nicht, wie ich es noch passender formulieren könnte. Alles, was ich damit ausdrücken möchte, ist: Danke, Haz!

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    Kaum zu glauben, aber…

    … ich möchte euch natürlich trotzdem nicht die paar wenigen Künstler*innen vorenthalten, die ich zwischendurch doch auch mal gehört habe. Ganz oben dabei ist auf jeden Fall Paula Carolina, deren EP Heiß/Kalt ich sehr gefeiert habe. Auch „Gradient“ von LIN fand ich unfassbar stark. In meinen Top Artists 2023 finden sich aber auch aus vergangenen Jahren bekannte Favorites wie SALÒ, Anoki, Paula Hartmann oder Jacob Leo. Zu meinen liebsten Neuentdeckungen gehörten auf jeden Fall Serpentin, MODULAR und Fiese Luise. Aber auch mehr oder weniger Klassiker von R.E.M., Lana Del Rey oder Drangsal haben es wenigstens mal kurz in meine Ohren geschafft. Und noch ein ganz aktueller Nachtrag: Am 01.12.2023 hat MIKA sein neues, französisch-sprachiges Album „Que ta tête fleurisse toujours“ veröffentlicht und das liebe ich gerade sehr, obwohl ich kein Wort Französisch verstehe. Aber muss man eigentlich immer alles verstehen? Wahrscheinlich nicht.

    Fast 1.700 Zeichen später komme ich nun also zum Ende. Ich freue mich doll, dass du es bis hier hin geschafft hast. Ich weiß nicht, ob ich selbst so viel gelesen hätte. Eigentlich fügen wir hier jetzt noch eine extra für die Jahresrückblicke erstellte Playlist ein, damit ihr euch nicht nur durch unser musikalisches Jahr lesen, sondern auch hören könnt. Aber sind wir ehrlich, das wäre bei mir wirklich witzlos. Also füge ich euch einfach genau die Playlist ein, die mich 2023 eben begleitet hat – mit haargenau allen auf Spotify verfügbaren Songs von Hazlett. Ich freue mich, wenn du mal reinhörst. Und wenn dich seine Musik nur ansatzweise so kriegt, wie mich, dann slide bitte in meine DMs, damit wir uns darüber austauschen können!

    Den allerletzten Absatz dieses Artikels möchte ich noch ganz besonderen Personen widmen: unserem zauberhaften untoldency-Team! Ich weiß, wie schwierig dieses Jahr für alle von uns war. Und trotzdem hat jede*r Einzelne von euch alles ihr/ihm Mögliche für dieses Magazin gegeben. Dafür bin ich euch ewig dankbar, ich hoffe, ihr wisst das! Lots of love 💚

    https://open.spotify.com/playlist/3exkNyyRi4VTDVLqNcyPY1?si=a01990aeca454478

  • untoldency proudly presents: Peat „Weich“ Record Release Show am 17.06.2023 in Berlin (+ Verlosung)

    Am 16.06.2023 veröffentlicht Experimental-Producer und -Artist Peat sein inzwischen drittes Studioalbum „Weich“. Am Abend danach findet im Berliner Prachtwerk eine fette Record Release Show mit Taby Pilgrim, Furk und Prenzlboys statt, präsentiert von untoldency. Die ganz Aufmerksamen unter euch wissen vielleicht, dass die Show schon ausverkauft ist, ABER: Wer kein Ticket mehr bekommen, aber trotzdem Bock hat, mit Peat zu feiern, der sollte untoldency mal auf Instagram abchecken, zwinker zwinker.


    Peat gehört aktuell zweifelsfrei zu den interessantesten Independent-Künstler*innen, die der deutschsprachige Raum gerade so zu bieten an. Mit den Alben „Weit Weit Weg“ (2020) und Das Fest(2021) hat sich Peat in den letzten Jahren einen Namen gemacht. Selbst wenn man die Musik nicht kennt, den Namen haben wir doch aber alle schon mal irgendwo gelesen, oder? Die Musik nicht zu kennen ist übrigens ein Manko, das es spätestens mit dem 16 Track starken neuen Album „Weich“ (VÖ: 16.06.2023) abzuändern gilt. Mit seinem Mix aus Hyper-Pop, Rap, Rock und Industrial spielt Peat nicht nur gekonnt mit Genres, er verbindet sie vielmehr zu einem völlig neuen, nämlich seinem ganz eigenen Genre.

    Auf „Weich“ geht es um die wohl bisher prägendste Zeit in Peats Leben: Eine zunächst unberührte Jugend, die mit düsteren Begegnungen im Internet und starken, aufbrechenden Gefühlen wie Angst, Hass und Wut konfrontiert wird. Parallel zu dem ständigen Kampf zwischen Selbstzweifel und Selbstliebe. Distorted Synthies, psychedelisch angeordnete, verzerrte Stimmen sowie analog eingespielte Drums und E-Gitarren bringen neben den dichten Reimketten und den eingängigen Lines zwischendurch, Depressionen auf der Suche nach der eigenen Identität, furchteinflößende Liebe und unbändige Wut zum Ausdruck.


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    Die Songs des Albums, die bereits veröffentlicht sind – wie zum Beispiel die am letzten Freitag erschienene Doppel-Single „DER SCHRECKEN“/„DAS WILDE VERDERBEN“ – und auch die wirklich krass ästhetischen und fesselnden Musikvideos (checkt mal Peat auf YouTube, lohnt sich sehr doll, versprochen <3) machen so viel Bock auf „Weich“, ich verstehe alle, die sich den 16.06.2023 rot-fett-leuchtend im Kalender eingetragen haben.

    Normalerweise würde hier jetzt wie immer ein süßer grüner Ticketlink-Button erscheinen. Da ihr die Record Release Show aber bereits restlos ausverkauft habt, müssen wir darauf an dieser Stelle leider verzichten. Für alle, die nun in ca. 3,5 Sekunden in untröstliche Traurigkeit verfallen wollten, haben wir aber ein kleines Trostpflaster parat: Wir verlosen auf Instagram nämlich noch 1 x 2 Gästelistenplätze für die Record Release Show am 17.06.2023. Alle Infos zur Verlosung findet ihr in unserem Feedpost. Die Verlosung läuft bis zum 10.06.2023, 18 Uhr. Die Gewinner*innen werden dann per Instagram-DM benachrichtigt. Viel Glück an alle Mitmachenden! 💚

    Wir freuen uns jedenfalls auf jede und jeden, die mit Peat und uns am 17.06.2023 Albumrelease feiern kommt. Bis dahin einfach nochmal bisschen Spotify zum Glühen bringen, auf los geht’s los, LOS:

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    Fotocredit: Till Wilhelm

  • Exklusive Videopremiere: NYLE und „THE ORBIT LIVE SESSION“

    Wir haben heute eine ganz besonders schöne Videopremiere für euch: Newcomerin NYLE hat Anfang des Jahres viele verschiedene Künstler*innen im Kesselsaal des Hamburger Planetariums versammelt und mit ihnen das Aufeinandertreffen von Musik und Lyrik in der Weitläufigkeit eines Raumes eingefangen. Dabei entstanden ist die „THE ORBIT LIVE SESSION“, die ihr euch jetzt exklusiv bei untoldency anschauen könnt.


    Hallo an alle, die nach einem stressigen Tag zur Ruhe kommen und sich für ein paar Minuten mit zauberhaften Klängen in eine andere Welt verkriechen möchten. NYLE öffnet gleich ihre musikalische Tür und lädt euch ein, mit ihr zu schweben. Die Sängerin, Pianistin und Songwriterin Elin Bell, wie NYLE bürgerlich heißt, hat im Herbst 2020 inmitten des globalen Stillstandes ihre Debüt-EP Where To Hide veröffentlicht, auf der sie organische Klänge mit elektronischen Elementen vermischt und ihren Hörer*innen genau damit einen place to hide schenkt. Mit der 2022 erschienenen EP Made Up Memories hat sie dann an genau diese Stimmung angeknüpft. Die Hamburgerin schafft es, mit ihren Songs ab der ersten Sekunde grazil und anmutig die undenkbarsten Atmosphären zu schaffen – und für diese dann auch noch die perfekten Worte zu finden. Ich habe mich in den letzten Tagen sehr intensiv mit ihrer Musik beschäftigt und bin zu dem Schluss gekommen, dass meine kleine Welt ein ganzes Stück schöner geworden ist, weil ich mit NYLE einen neuen Soundtrack dafür gefunden habe.

    Dass die Soundwelt, die sie sich im Laufe der Jahre erschaffen hat, nahezu danach schreit, live performt zu werden, ist eine Selbstverständlichkeit, sobald man einmal von ihr in den Bann gezogen wurde. Glücklicherweise hat sie sich Anfang 2023 mit den Musiker*innen Arne Vogeler, Björn Kröger, Hans-Christian Stephan, Dorothee Möller, Melanie Demissie, Ben Galliers und Timon Schempp im Kesselsaal des Hamburger Planetariums versammelt und die „THE ORBIT LIVE SESSION“ aufgezeichnet, die ihr euch hier und jetzt exklusiv anschauen dürft/könnt/müsst:


    „THE ORBIT LIVE SESSION
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    Mit dieser Session macht NYLE erlebbar, was in unser schnelllebigen Welt immer mal wieder in Vergessenheit gerät: Die Wirkung von Musik in einem Raum, wenn sie auf Lyrik trifft und sich mit ihr zu einer Emotion entwickelt. In ihrem Orbit trifft Gitarre auf Bass und Flügelhorn, sphärischer Chorgesang auf samtige Klavierklänge und brachiale Drums auf ihre engelsgleiche Stimme. Während der vier performten Songs schauen wir NYLE über die Schulter, in die Augen und vor allen Dingen in ihr Herz. Die Bilder, die Videografin Marie Krahl während der Performances eingefangen hat, sind wirklich eindrucksvoll. Sie hat perfekt für die Ewigkeit festgehalten, wie die Instrumente und Stimmen die hohen, kahlen Betonsäulen ausfüllen und darin ihre eigenen kleinen Galaxien bilden.

    Ich hoffe, dass euch die „THE ORBIT LIVE SESSION“ genauso abholt, wie sie mich in ein anderes Universum katapultiert hat. Und wer jetzt nicht genug von NYLE bekommen kann und nach dem 42. Mal Videoanschauen noch mehr Songs von ihr hören möchte, bitte sehr:

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    Fotocredit/Video Still: Marie Krahl

  • Jules‘ annual review: Monotonous or fulfilling? How I spent a hole year listening to just one artist

    Jules‘ annual review: Monotonous or fulfilling? How I spent a hole year listening to just one artist

    The fact that I’m joining our great editorial team this year to write down my first annual review when I’ve listened to exactly one (1) artist on repeat sounds absolutely silly at first. But I’m using this opportunity to finally inform the internet HOW GOOD I think his music is. You’ll find out which artist I’m talking about in a moment. Grab some gingerbread and/or a cup of coffee (both replaceable with anything you like) and immerse yourself in my musical year 2023.

    Jules-Jahresrueckblick-Jule-Jahresrueckblick-2023-Hazlett-Spotify-Wrapped-untoldency-Musicmagazine-Blog-Indie

    Anyone who knows me just a little bit or follows me on social media already knows what’s following and will probably now take an annoyed breath when I tell you that my entire annual review will be about Hazlett. Not because I didn’t want to dedicate an article to him anyway but just because no one had accompanied my musical year 2023 as extensively as he did. According to my Spotify Wrapped I listened to his music for 114,227 minutes, which means 79,3 days in a row. Well. What does that say about me? I have no idea. Maybe I’ve finally gone mad in 2023. But do I think I’ve found someone who does the perfect soundtrack for my heart? Definitely.


    A little journey through time

    But let’s rewind to summer 2022, the Acoustics Concerts are in full swing and I’ll be there as often as I can. On 12/07/2022 my friend Anoki is playing, of course I won’t miss it. On stage with him: Masha The Rich Man and… Hazlett. If I had known back then what this evening would entail, I wouldn’t have believed myself. There’s this Australian living in Stockholm in dungarees with his guitar on stage in front of the Spree and the 23rd city tour ferry while the sun slowly sets. I didn’t know him or his music but as always I was more than open to new artists. His set sounds folky, I love his voice straight away, he tells funny anecdotes between the songs and fills the stage to capacity even on his own. But he still seems a little awkward, in the most pleasant way. And then he plays his unreleased song Everybody Hates Me – which hits me like a bolt of lightning and which I haven’t been able to get it out of my head since. Looking back I think that this moment was the first time I really fell in love with music.


    The beginning of a (well-intentioned) obsession

    Until „Everybody Hates Me“ is released a month later I browse through his previous discography. And I don’t listen to just one song that I don’t think is incredibly beautiful? You probably know this: There’s your favorite band and you adore everything they do but there’s this one song that doesn’t quite grab you. That’s totally fine, no problem. But that’s absolutely not what happened here. Every single song sounds PERFECT to me and spoiler: One album and one EP later that still hasn’t changed. In September 2022 I saw Hazlett live again in Berlin when he played the Indiean Summer Tour 2022 at Privatclub, with a small band line-up this time. He personally touches me even more when he plays acoustic with his guitar but this set also fires up my nascent obsession.

    The debut album Bloom Mountain was released in January 2023. Days before l aready knew that it would be at the top of my lists of the year. Since then I’ve been taking a running jump into anything with „Hazlett“ on it. I know every damn interview I could find online, I’ve watched every video on his YouTube channel at least a million times. I bought a vinyl of his 2020 released EP Thundering Hopes in a average looking online shop for an unreasonable price. The fact Hazlett told me afterwards that he thought it was actually sold out didn’t really increase my hope of not being fooled. But not to draw an unnecessary bow here: It took forever to arrive but it’s now in the front row of my vinyl collection. I didn’t fall for a fake shop in 2023, check!

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    No distance is too far for me but some are just too expensive

    Whenever I’ve noticed Hazlett playing live in my area I was there. I’ve to admit that it was unfortunately only one more time, on 12/09/2023 in Berlin’s Privatclub when he played support for Wild Rivers (afterwards I spent an above-average amount of time thinking about why he’s almost always playing in Privatclub and whether he thinks that we only have this one location in Berlin?) I injured my foot really badly a few days before this concert and could hardly walk – but thanks to crutches that made it possible for me to sing the life out of my lungs along to every single song (and humming along to every chord) in the front row. At the end of the evening I bought a „Bloom Mountain“ vinyl from him and had a really nice chat about train journeys in Denmark and other interesting topics. Sounds incredibly random but was wonderfully normal. In the absence of other Berlin concerts I won’t deny that I was on the verge of travelling to Stockholm for one of his shows. I couldn’t afford it, but the will was absolutely there!


    How to: Becoming a fangirl again at age 31

    If you ask me what it is that makes me, now 31 years old, become the 16-year-old fangirl again (less screaming) I once was, I can’t give you a comprehensible answer. Because, I have to admit, I actually don’t really like the kind of music Hazlett makes – without getting into genre thinking. But when Spotify asks me to FINALLY listen to „similar artists“ because of my delusional listening behavior I invariably don’t like it that much. So what is it about his music that captivates me? I really don’t know. But over the years I’ve realized that I feel music even more when I „get to know“ the artists behind it. And I think that’s a big point here too. Hazlett is one of the most likeable artists I „know“. Very grateful, very approachable. He involves his community in almost every process, if they want to be involved. He speaks in „we“ when he releases new songs, referring to his fans who are obviously just as much a part of this project as his producer is. This feeling of community does a lot to me. A few days before the album-release he did a prelistening session on Zoom so his fans could talk directly and unfiltered about what came to their mind after listening to the full album. This is just wholesome to me.

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    The words in my head aren’t mine

    No matter whether I was sad, angry, frustrated or happy, motivated and beaming with joy in this year, Hazletts music has always accompanied me. I don’t know how many times I sang along fervently or listened to his songs to fall asleep. It just never got boring, even after the 20th time of listening to a song you still discover new subtleties. And if you ask me, I’m also recommending one of the best word acrobats to you:


    I wear my heart on my sleeve /
    I’m sick and tired of trying to change clothes for you

    („Part Time Lovers“)
    „I wanted to be / A little bit more
     Someone you see, who you adore /
    But happy sleeping on your floor“
     („Even If It’s Lonely“)
    It’s heaven sent / Then left on read“
    („Slow Running“)


    I could go on like this forever. It’s these lines that I have in my head 24/7 and that constantly change their meaning for me. A few days ago my best friend said to me: „I’m sure you’ve put more thought into the songs than he has“. It would be totally weird and snooty to agree with that – but somehow I can’t really deny it either. I’ve thought about his music for an inordinate amount. Apart from the fact that I naturally listened to a lot of other songs for untoldency, I rarely had the desire to listen to other music in my private life. Because I was able to keep myself so busy with Hazletts and inhaled everything I could get – and that was a lot this year, his output was insane. The weekend the album came out he just wrote another one. By the time you read this it’ll be one more day until his new EP „Goodbye To The Valley Low“ will be released. You can imagine who is already excitedly charging their headphones here.


    I would do it again!

    Overall, 2023 was a strange to difficult year for me, both mentally and physically. But the fact that I found someone who unintentionally had the right tone and the right words for every situation made a lot of things easier. I don’t know if any of you can relate to this but I hope you all find artists or albums that give you what Hazlett gives me. I am eternally grateful for this day in summer 2022 where it all began. I don’t know if I would have survived 2023 so well if I hadn’t had this musical branch to keep me afloat. That sounds pathetic but I don’t know how I could put it any more aptly. All I want to say is: Thank you, Haz!

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    Hard to believe, but…

    … of course I don’t want to deprive you of the few artists I’ve been listening to in between. At the top of this short list definitely is Paula Carolina, I really liked her EP Heiß/Kalt. I also think LINs Gradient is incredibly strong. My top artists 2023 also includes well-known favorites from previous years such as SALÒ, Anoki, Paula Hartmann or Jacob Leo. My favorite new discoveries includes Serpentin, MODULAR and Fiese Luise. But also classics by R.E.M., Lana Del Rey and Drangsal made it into my ears (at least briefly). And a very recent addition: MIKA released his new album Que ta tête fleurisse toujours last friday, I’m really loving it right now even though I don’t understand a single word. But do you always have to understand everything? Probably not.

    More than 1,600 letters later I’m coming to an end. I’m really glad you’ve made it this far. I don’t know if I could’ve done it myself. Actually we’re now adding a playlist created especially for this reviews so you can also listen to our musical year. But let’s be honest, that would really be pointless here. So I’ll just add the playlist that accompanied me in 2023 – with exactly all of Hazletts songs available on Spotify. I’d be delighted if you take a listen. And if his music gets you just a little bit please slide in my DMs so we can talk about it!

    But the really last paragraph is dedicated to my great untoldency team – I know how difficult this year has been for all of us. And yet every single one of you has given everything possible for this magazine. I am eternally grateful and I hope you know that. Lots of love! 💚

    Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.

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  • Jacob Leo im Interview: »Es sind hauptsächlich düstere Emotionen, die ich in meiner Musik verarbeite«

    Wir stellen wir euch einen Künstler vor, den ihr euch, falls ihr ihn noch nicht kennt, unbedingt zu Gemüte ziehen solltet. Es geht um Jacob Leo, einem jungen Musiker aus Berlin. Im Mai 2022 hat er seine Debüt-EP Surreal, Numb & Blindveröffentlicht und damit ein großes Ausrufezeichen gesetzt. Nachdem Jule im März 2022 die erste Single “Pray” quasi in Dauerschleife gehört hat, hat sie sich in den letzten Atemzügen des Sommers mit ihm im Berliner Gleisdreieckpark zum Interview getroffen. Jacob Leo erzählt darin von seinen musikalischen Anfängen, der Entstehung seiner EP und erklärt, warum er gerne brennen möchte. Viel Spaß beim Lesen.


    Jacob Leo im Interview

    Jule: Hey Jacob, schön dich kennenzulernen. Möchtest du dich vielleicht einmal kurz vorstellen – wer du bist, was du machst, wo du hin willst?

    Jacob Leo: Ja, sehr gerne. Also, ich bin Jacob Leo. Ich habe schon einige musikalische Anläufe gewagt, war aber immer unzufrieden mit meinen Namen. Es war also ein langer Weg bis zu dieser Identität. Ich mache aber eigentlich schon ewig Musik. Als Jacob Leo bin ich allerdings noch nicht so lange auf der Bildfläche. Ich habe in den letzten drei Jahren hauptsächlich für andere Musiker*innen als Produzent gearbeitet und mich parallel um meine eigene Ausbildung als Musiker gekümmert. Ich hatte immer den Anspruch, dass wenn ich dann irgendwann mal auftauche, das möglichst professionell und ich möglichst souverän rüberkommen soll. Gerade bin ich aber noch immer voll in diesem Prozess, an dem ihr jetzt einfach alle teilhaben könnt. Ich sehe mich in der Zukunft auch auf jeden Fall noch auf dem Weg, den ich jetzt losgelaufen bin. Songideen umsetzen, Projekte realisieren, auftreten – das sind gerade meine großen Themen. Als Solokünstler ist es für mich gar nicht so einfach, alle Ideen so umzusetzen, wie sie in meinem Kopf sind. Aber ich möchte meinem Publikum in Zukunft auf jeden Fall eine Show bieten können. Klar, sie können meine Musik genießen. Aber ich möchte auch, dass die Leute danach denken “Wow, das war eine besondere, coole Show und ich habe etwas Tolles erlebt”. Ich habe da vielleicht eine kleine Obsession entwickelt (lacht).

    Jule: Waren deine eigenen vorherigen Projekte auch Solo- oder Bandprojekte?

    Jacob Leo: Immer solo tatsächlich, ich weiß auch nicht warum (lacht). Ich habe auch mal in einer Band gespielt, das war so zu Teenager-Zeiten. Hm, ich weiß nicht, wahrscheinlich kommt es einfach zwangsläufig daher, dass ich so Bedroom-Producer-mäßig immer alleine Zuhause rumgetüftelt habe. Ich war immer alleine im Dialog mit meiner Musik und habe es deshalb wahrscheinlich auch gar nicht in Betracht gezogen, diesen Prozess mit irgendwem zu teilen – immer erst, wenn es fertig war. Und irgendwie fühlt sich der Gedanke für mich auch seltsam an, diesen Prozess zu teilen. Ich sehe mich einfach eher als Solokünstler. Mittlerweile finde ich es aber auch sehr schön, mit meinen halbfertigen Sachen und Ideen zu Leuten zu gehen und sich auszutauschen oder Input zu holen. Aber am Ende muss ich ganz allein die Idee cool finden, da kann irgendwie niemand ran (lacht). Aber wer weiß, vielleicht entwickeln sich dadurch ja irgendwann auch mal langfristige Zusammenarbeiten mit den immer gleichen Leuten. Das wäre dann ja fast sowas wie eine Band.


    „Ich bin leider sehr ungeduldig und fies zu mir selbst“

    Jule: Aber du möchtest immer deine Finger im Spiel behalten (lacht).

    Jacob Leo: Jaaaa! Ich glaube, ich bin da mitunter auch wirklich nervig, sehr verkopft und engstirnig. Es gibt immer so 50 Mix-Versionen von einem Song, bis ich damit irgendwann vielleicht mal happy bin. Ich bin da leider auch sehr ungeduldig und fies zu mir selbst. Manchmal läuft es aber auch direkt sehr gut. Bei meiner EP „Surreal, Numb & Blind“ war das ganz interessant. Da gab es Songs, die waren super einfach für mich. Und dann gab es Songs, da war der Prozess sehr, sehr, sehr lang und fast schon etwas nervig. Wobei ich daran einfach komplett selbst Schuld war (lacht).

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    Jule: So ähnlich habe ich mir den Prozess bei dir tatsächlich auch vorgestellt. Ich finde nämlich, dass man den Songs deiner EP sehr gut anhört, dass sie bis ins kleinste Detail ausgearbeitet wurden. Wollen wir vielleicht einmal etwas deeper in den Prozess der Entstehung eintauchen?  Wie alt – oder neu? – sind die Songs?

    Jacob Leo: Super gerne. Also das sind zum Teil schon ältere Ideen, z.B. Hope. Es war Silvester 2020 – ein sehr düsteres Jahr für mich, wie für so viele andere auch. Ich war bei meiner Familie und diese Silvesternacht war so eine richtig klischeehafte Scheißnacht, in der man realisiert, wie beschissen alles ist. Am Morgen des 01.01. lag dann draußen Schnee und ich sehe durch das Fenster meine kleine Schwester Schneemänner bauen. Ich habe daraufhin einfach angefangen, auf dem Klavier zu spielen, während ich sie weiter beobachte. Und da ist die Melodie des Refrains von “Hope” entstanden. Das ist auch eine ziemlich repräsentative Geschichte, denn eigentlich sind alle Songs mit einem Backround entstanden. Pray ja auch, das ist ein Song mit einer relativ klaren Aussage. Es geht darum, jemanden dabei zu beobachten, wie er oder sie sich selbst kaputt macht und es selbst vielleicht gar nicht bemerkt. Wobei das auch so in Anführungsstrichen sein muss. Wer hat das Recht zu beurteilen, ob jemand anderes in eine falsche Richtung läuft? Aber ja, bei mir sind es hauptsächlich düstere Emotionen, die ich in meiner Musik verarbeite und die raus müssen. Ich habe die EP auch in so vielen verschiedenen Lebensabschnitten produziert. Circles ist während einer ganz düsteren Phase 2020 entstanden. Da habe ich auch dazu tendiert, sehr extrem zu leben, tagelang in meinem Zimmer zu verschwinden und stundenlang das Essen und Trinken zu vergessen. Ich war bisschen wie ein Kind, das die Eltern von den Legosteinen wegziehen müssen, damit es endlich ins Bett geht (lacht). Die EP war auf jeden Fall eine Art Pilotprojekt für mich. Sie sollte eine Geschichte erzählen, ohne zu viel Preis zu geben. Und ich finde, dass das eigentlich ganz gut gelungen ist.


    „Seit ich 14 bin habe ich quasi nichts anderes mehr gemacht“

    Jule: Wie hat denn deine musikalische Karriere eigentlich begonnen?

    Jacob Leo: Relativ klassisch eigentlich, ich habe mit 6 Jahren Klavierspielen gelernt, mit 12 Jahren dann Gitarre und habe in einem Chor gesungen. Irgendwann wurde mir klar, dass ich das ja auch alles selber machen und erschaffen könnte. Ich habe mir dann Gitarrensolos überlegt, fand Matthew Bellamy von Muse super. Dann ging es weiter mit dem Gedanken, dass ich auch selbst produzieren könnte. Ich habe mir Programme runtergeladen, da konnte ich mein Klavier anschließen und habe damit erstmal nur Scheiße gemacht. Mit einem Klavier und dem passenden Programm kannst du ja theoretisch eben auch eine Gitarre einspielen. Klingt zwar, wenn du eigentlich keine Ahnung ist, erstmal scheiße, aber geht. Das Ganze hat mir aber auf jeden Fall eine neue Welt eröffnet. Seit ich 14 bin habe ich quasi nichts anderes mehr gemacht. Ich habe damals auch mal eine CD produziert, mit so 12 oder 13 Songs drauf und habe sie an meine Familie verschenkt. Das klang alles nicht so gut und die Texte waren auch schlimm, aber das waren auf jeden Fall meine musikalischen Anfänge. 

    Jule: Hast du daraus denn auch mehr gemacht, eine musikalische Ausbildung oder sowas?

    Jacob Leo: Ja, ich bin aber gerade noch mittendrin. Ich studiere Musikproduktion, also tatsächlich eher technisch, aber mit Gesang im Hauptfach. Also für mich eine richtig schöne musikalische Mischung. Dadurch, dass ich viel produziere, bin ich auch sehr technisch und würde behaupten, dass ich der Musiktheorie ganz gut ausgebildet bin. Ich war aber auch bis zum Stimmbruch in einem Chor. Nur wusste ich damals nicht, dass es im Gesang viel darum geht, auf sein Gefühl zu vertrauen. Mir fiel es schon immer eher leichter, Gefühle über Sounds als über Texte zu vermitteln. Also ganz klar meine Message zu präsentieren – klingt das hoffnungsvoll oder traurig, düster oder depressiv? In meinen Songtexten lasse ich gerne Spielraum, da kann man dann so viel oder so wenig reininterpretieren, wie man will. Manchmal sage ich ein bisschen klarer und ausformulierter, was auch in meinem Kopf für mich klarer ist. Und manchmal sind es abstrakte Gefühle, die ich äußere und irgendwie mit Bildern versuche zu verknüpfen. Hier habt ihr Fetzen meiner Gedanken, macht eure eigene Story daraus. Und vielleicht identifiziert sich dann ja jemand auch genau damit? Wenn ja, dann ist es das Schönste. Aber es geht mir eben eher um die Stimmung, das fand ich als Teenager schon total cool und seitdem hat es auch nicht mehr aufgehört. Und da ich beim Produzieren eben ganz genaue Vorstellungen habe, bin ich auch sehr an meinen Computer gebunden – das ist mein Medium im Endeffekt.

    Jule: Spannend und doch eher ungewöhnlich. Aber tatsächlich hatte ich dieses Gefühl auch, als ich deine Debütsingle “Pray” zum ersten Mal gehört habe. Die ist textlich ja schon sehr emotional. Auch wenn du gerade gesagt hast, dass du eher technisch bist, finde ich schon, dass du nicht minder emotionale Songs schreibst, da ist schon sehr viel Herz drin. 

    Jacob Leo: Schön, dass du das sagst, danke. Und absolut, ich bin vom Kern her ein ultra emotionaler Mensch und sehr feinfühlig, was Stimmungen angeht. Ich finde, man kann in Songs Stimmung und Message gut voneinander trennen. Aber na klar, man kommt ja nicht drum rum, Gefühle zu zeigen und die lasse ich auch wie sie sind.  Aber dann kommt bei mir eben als nächstes immer die Frage, wie ich den Herzschmerz aus dem Text jetzt durch Instrumente spürbar machen kann. Ich kann mich da sehr gut in Präzision verlieren, so unromantisch das auch klingen mag. Auf der anderen Seite: Wie oft tanze ich wie ein Bekloppter alleine in meinem Zimmer rum, wenn ich gerade einen neuen Song produziere – einfach, weil ich es dann so sehr fühle. Das ist auch etwas, das ich nie vor Leuten zeigen würde, weil ich da manchmal wie ein kleines Kind mit meinem Mikro durchs Zimmer tanze und dazu singe (lacht).

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    Jule: Das ist doch mega schön! Wenn du und das Kind in dir sich etwas für deine Musik wünschen könnten, gerne auch utopisch gedacht, was wäre das?

    Jacob Leo: Auf der einen Seite wären das so unlimited technische Möglichkeiten, mit einem großen Team eine krasse Bühnenshow auf die Beine zu stellen. Ich habe zum Teil auch so utopische Bilder im Kopf, wie ich eigentlich gerne Songs machen würde. Und dann kommt ich natürlich der Punkt mit meinem Bekanntheitsgrad und so, also das kann ich halt jetzt nicht ganz machen (lacht). Ich würde zum Beispiel voll gerne eine Bühnenshow mit Stunts auf die Beine stellen. Stell dir mal vor, so ein richtig epischer Abschlusssong und zum letzten Snare-Schlag springe ich einfach aus 20 Metern in die Tiefe. Ich möchte auch gerne brennen oder dass im richtigen Moment der Musik Dinge explodieren und solche Sachen (lacht). Ansonsten würde ich mir für mich mehr Gelassenheit und Entspanntheit im Entstehungsprozess wünschen. Finanzielle Unabhängigkeit, das ist wahrscheinlich der Wunsch von allen Musiker*innen. Aber es wäre auch schon schön, nur noch am Mischpult stehen und nicht jeden Tag einem Job nachgehen zu müssen, mit dem ich zwar Geld verdiene, der mir aber Zeit zum Musikmachen klaut. Ich würde mich gerne einfach 24/7 um meine musikalischen Babies kümmern können. Und jetzt wäre es mir auch noch möglich, brennend von Erhöhungen runterzuspringen – wenn ich 60 bin muss ich das wahrscheinlich auch nicht mehr haben (lacht).


    „Ich möchte irgendwann auch große Bühnen bespielen“

    Jule: Apropos live: Du spielst ja Ende Oktober beim KiezKultur-Festival. Hast du dich ansonsten auch schon mit Konzerten auseinandergesetzt oder macht das für dich in der aktuellen Live-Situation keinen Sinn?

    Jacob Leo: An sich macht das für mich natürlich total Sinn, dass ich live spiele. Einfach weil ich, wie du gerade schon mitbekommen hast, auch sehr viel ausprobieren möchte. Aber auf der anderen Seite ist es natürlich ein Problem für kleine Künstler*innen, überhaupt irgendwo spielen zu können. Aber live ist und bleibt auf jeden Fall ein wichtiges Thema. Ich möchte irgendwann auch große Bühnen bespielen und ich komme nicht drum herum, dafür Erfahrung zu sammeln. Das ist aktuell aber für alle einfach extrem schwierig. Konkrete Pläne dafür stehen noch nicht, aber wenn es soweit ist, sage ich natürlich Bescheid!

    Jule: Ich bitte darum! Und damit kommen wir auch schon zur letzten Frage. Die ist bei uns klassischerweise immer die nach einer untold story – etwas, was du noch nie öffentlich erzählt hast.

    Jacob Leo: Oh, das ist eine fiese Frage. Ich bin doch so jemand, ich erzähle halt einfach immer alles (lacht). Hm, also ja. Ich bin ein Kaffee-Arschloch.

    Jule: Was ist denn ein Kaffee-Arschloch?

    Jacob Leo: Waaas, weißt du nicht, was ein Kaffee Arschloch ist? Also ein Kaffee-Arschloch bin ich, männlich, 23 Jahre alt und ich brauche Kaffee, aber ich brauche guten Kaffee. Ich bin so der Typ “Flat White mit Hafermilch, bitte”, exakt auf 62,7 Grad erhitzt und 18 Gramm Kaffeepulver in der Siebträgermaschine einmal durchgelaufen, so der Vibe. Ich bin auch richtig schlecht drauf, wenn es morgens nur Filterkaffee gibt. Ein Hotel, das nur Filterkaffee anbietet, da bin ich richtig pissig. Meine Traumwelt hat auch ganz viel damit zu tun, dass es überall zu jedem Zeitpunkt guten Kaffee gibt. Ich war im Sommer im Urlaub auf Sardinien und ich war ENTTÄUSCHT. Die haben eigentlich sehr guten Kaffee, aber aus irgendeinem Grund geht man dort davon aus, dass Tourist*innen keinen guten Kaffee trinken wollen? Also das ist so eine krasse Eigenart von mir. Und Leute, die mich im Leben begleiten, finden das auch ganz schnell heraus. Ich bin halt nachtaktiv und dementsprechend ein kleiner Grumpy Boy am Morgen. Wenn ich dann keinen guten Kaffee kriege, dann ist wirklich… dann kann man nicht damit rechnen, dass ich mit “Guten Morgen Leude, let’s goooo” in den Tag starte (lacht).

    Jule: Dann bin ich froh, dass du heute Morgen offensichtlich deinen geliebten Kaffee bekommen hast (lacht). Danke für deine Zeit und das schöne Interview!


    Hier könnt ihr euch Jacob Leos, unserer bescheidenen Meinung nach, grandiose Diskographie – da findet ihr auch die neue Single „Blockades“ – reinfahren, bevor ihr ihn am 22.10.2022 beim KiezKultur-Festival in Hannover bestaunen könnt:

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    Fotocredit: Claire Johanna

  • Exklusive Videopremiere: Paul Gerlinger und „Von vorne anfangen“

    Freitag ist neben den restlichen Tagen der Woche der beste Tag zum Feiern? Richtig, sehen wir auch so. Also lasst uns doch einfach eine Premiere feiern: Paul Gerlinger hat heute seine neue Single „Von vorne anfangen“ veröffentlicht. Und der Song kommt nicht alleine, sondern hat auch noch ein feines Musikvideo im Gepäck, das ihr euch hier exklusiv reinfahren könnt. Alle Infos zum Song und Video lest ihr hier.


    Fast ein Jahr ist es jetzt her, dass ich Paul Gerlinger online zum Interview für die Acoustics Concerts 2021 getroffen habe. Damals hatte er gerade seine Gut Allein-EP veröffentlicht, für die ich an dieser Stelle nochmal eine absolute Hörempfehlung aussprechen möchte. Mit „Von vorne anfangen“ ist nun seine dritte Single in diesem Jahr erschienen und ich muss sagen: Ich bin in vielerlei Hinsicht wirklich Fan seiner Musik. Dass der Mannheimer ein absolutes Texttalent ist, dürfte inzwischen jeder halbwegs Singer-Songwriter-affinen Person aufgefallen sein, die auch nur für ein paar Sekunden mal in seine Diskografie reingehört hat. Paul Gerlinger ist für mich das personifizierte „auf dem Teppich bleiben“. Einfach ein Typ, der Musik machen will, auch wenn das Shirt nicht mehr frisch gebügelt aussieht und die Haare machen, was sie wollen. Sollen sie doch. Ich finde das sehr angenehm, so ganz ohne komisches Gehabe und seltsame Attitüden.


    „Deine Zukunft ist aussichtslos, dein Horizont klein,
    ein Leben im Hintergrund – vergeudete Zeit!
    Glaub mir, das Ende ist nah, du hast keine andere Wahl“


    Die ersten Sekunden von „Von vorne anfangen“ überraschen mich, weil sie mich irgendwie in eine Alicia Keys-Nummer schubsen. Habe ich so jetzt halt auch nicht erwartet. Aber als Paul Gerlinger anfängt zu singen ist da genau das, was ich will. Diese raue Stimme, die nach zwei Packungen Zigaretten und ein Glas zu viel am Vorabend klingt. Das schiebt mich. Der Songtitel lässt es schon erahnen: In „Von vorne anfangen“ geht es darum, alles über den Haufen zu werfen und einfach nochmal neu zu starten. Weil du halt nicht vorankommen wirst, wenn du dich nur im Kreis drehst.

    Und mit dieser unfassbar guten Metapher (die ich mir ehrlich gesagt aus den Lyrics gezockt habe, danke Paul) fürs Musikvideo, bitte ich euch jetzt, eben dieses hier anzuschauen:

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    Wer bis eben noch dachte „was für Metapher?“ wird es jetzt verstanden haben. Das Video zeigt Paul Gerlinger beim Autoscooter fahren. Er kommt nicht voran, weil er sich im Kreis dreht. Ist das diese Metaebene, von der immer alle sprechen? Ich gebe zu, es ist kein Actionfilm, ja. Aber ich finde die Aussagekraft der Bildsprache dem Song absolut würdig. Und auch hier zeigt sich wieder genau das, was ich an Paul Gerlinger so gerne mag: Es ist alles gemütlich, ich habe genug Zeit, um Text und Bild auf mich wirken zu lassen. Es ist so… normal. Und das meine ich im absolut positivsten Sinne. So wie andere Künstler*innen ihre ach so flippige Art in Songs und Videos präsentieren, so präsentiert er eben, dass Gemütlichkeit eine fucking Tugend ist. Gut, wenn man hin und wieder daran erinnert wird, auch mal durchzuatmen, oder?

    Wer jetzt Bock auf Jahrmarkt/Rummel/Kirmes (oder wie auch immer ihr es nennt) hat, schaut sich das Video am besten noch 3 bis 30 Mal an. Alle anderen können hier aber auch zu Spotify switchen, es sich mit einem Gläschen leckerem Irgendwas im Ohrensessel gemütlich machen und sich einfach von Paul Gerlinger tiefer in die Sitzfläche drücken lassen. Viel Spaß dabei!

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  • Anoki im Interview: »Nach einem jahrelangen Prozess hat sich alles ganz intuitiv zusammengefügt«

    Es ist wohl nicht mal mehr ein offenes Geheimnis, dass wir große Fans von Anoki sind. Nicht umsonst hat er es zwei Jahre in Folge in unsere artists to watch geschafft. Im April 2022 hat er nun seine EP „Irgendwann wird alles leichter“ veröffentlicht. Jule hat sich dazu Ende Mai mit ihm zum Brunchen getroffen, um über die zentralen Themen der EP – Rassismus, mentale Gesundheit und eine bessere Welt – zu sprechen. Das, und warum ihr Anoki in seiner freien Zeit zukünftig nur noch zu Wasser antreffen werdet, erfahrt ihr jetzt. Viel Spaß.


    Anoki im Interview

    Jule: Hey Anoki. Erst einmal freue ich mich stark, dass das heute geklappt hat. Wie geht’s dir?

    Anoki: Mir geht es heute ausgesprochen gut, weil ich sitze jetzt hier mit dir, bei einem Kaffee und einem Croissant und das ist sehr schön. Mir geht’s wirklich gut. Wir sind gerade viel im Studio und machen eine neue Single für den Sommer fertig. Und der Sommer wird auch richtig gut, wir spielen viele Konzerte. Deswegen geht’s mir gerade… heute ist ein echt guter Tag, ja.

    Jule: Das freut mich zu hören. Es ist jetzt knapp zwei Monate her, seit deine Platte „Irgendwann wird alles leichter“ erschienen ist. Ist für dich seitdem schon etwas leichter geworden?

    Anoki: Ey, tatsächlich, also: Das Große und Ganze ist natürlich immer noch schwer. Aber diese Platte rauszubringen war für mich schon ein Schritt dahin, dass es leichter für mich ist, zu sagen: „Das ist, was ich mache, das ist die Musik, die ich mache, dafür stehe ich“. Das ist für mich auf jeden Fall immer ein großes Ding gewesen, zu Sachen richtig stehen zu können und in dem ganzen Wahnsinn, den wir jeden Tag zu tun haben, so eine Sache zu finden, die MEIN Ding ist. Ich habe in meinem Leben schon in super vielen unterschiedlichen Jobs gearbeitet. Aber das ist für mich eine so große Sache, dass es mir jetzt leicht fällt zu sagen, dass ich Musiker bin, das ist meine Musik, das ist mein Baby, da bin ich sehr stolz darauf – das ist schön.

    Jule: Das war vorher anders?

    Anoki: Ja, auf jeden Fall. Also jetzt nicht unbedingt, was den Musik-Anteil betrifft. Aber es ist ja trotzdem immer so, „Musik ist ja kein Job“. Bestes Beispiel: Stell dir vor, du bist auf einem Klassentreffen. Der eine sitzt im Autohaus, die andere arbeitet bei der Sparkasse. Dann gibt es vielleicht welche im Studium oder so, aber alle können handfest erzählen, was sie in ihrem Job machen, wie viel sie im Monat verdienen, dass sie sich irgendwo ein tolles Haus hingestellt haben. Und dann saß ich dabei und dachte mir „Ja keine Ahnung, ich mache halt Musik“. Da kommen dann natürlich die immer gleichen Fragen. Ich hatte da oft nicht die Energie, alles immer wieder zu argumentieren und zu rechtfertigen, es kommt trotzdem immer wieder dieses „Ah, und kann man davon leben? Ah, und wie lange willst du das noch machen? Und wie ist das? Und ist der und die, sind die nett?“. Dann habe ich halt sowas wie „Aber ich studiere ja auch“ oder „ich arbeite da und da“ gesagt, obwohl das dann vielleicht gar nicht stimmte, aber ich hatte meine Ruhe. Das hat sich auf jeden Fall geändert, ich kann jetzt freier sagen „Hey, das ist meine Musik, da kannst du sie hören, viel Spaß“.

    Jule: Ist das echt immer noch so, dass man so oft gefragt wird, ob man damit Geld verdienen kann?

    Anoki: (lacht) Ja, aber man ist ja auch so ein bisschen in einer Bubble. Wir arbeiten in dieser Branche, für uns sind die Strukturen klarer. Aber ich vergesse oft, dass es immer noch ein Außen gibt, eine Welt, die damit gar keine Berührungspunkte hat. Und das ist dann so die Schwelle, da gibt es sehr viele offene Fragen. Ich kann mir vorstellen, was man macht, wenn man in der Sparkasse arbeitet. Aber viele können sich nicht vorstellen, wie das ist, einen Song zu machen oder sowas. Du machst ja als Musiker*in erstmal alles: Du fährst auf Konzerte, kümmerst dich um den ganzen Ablauf. Das fängt schon bei Bus-Miete an, bei der Kalkulation, kannst du das mit der Gage überhaupt fahren? Du hast eine Band, die musst du bezahlen. Dann musst du gucken, macht das strategisch Sinn, wenn ich jetzt dreimal hintereinander in Hamburg spiele? Und währenddessen solltest du auch noch neue Songs schreiben. Nicht zu vergessen, Social Media: wäre schon cool, wenn du noch bisschen mehr auf TikTok machst. Es ist halt ultra kleinteilig und die Aufgaben und ihre Gewichtung verändern sich ständig, je nach Jahreszeit. Wir merken gerade beide, es gibt da einfach viel zu erzählen und dementsprechend auch viele offene Fragen.


    „Das alles kann Rap sein, das macht Spaß, es gibt Möglichkeiten“

    Jule: Apropos nicht wissen, wie man einen Song macht. Lass uns doch ein bisschen über die Entstehung deiner Platte quatschen. Wie ist „Irgendwann wird alles leichter“ zu dem geworden, was es heute ist?

    Anoki: Also, ich wollte schon sehr, sehr lange eine EP machen, das war der große Plan, für viele Jahre. Ich habe super viele Songs geschrieben und nichts davon rausgebracht, weil ich, wenn ich ehrlich bin, nie zufrieden war mit dem, was da entstanden ist. Irgendwas klang immer ein bisschen zu sehr nach dem oder die Inspiration war nicht weit genug von dem entfernt. Und dann kam 2020, Lockdown, Stillstand. Alles war leer, es gab keine Events, keine Produktionen mehr, es war alles auf Null. Im April 2020 war dann die erste Session für diese Platte und wir haben „Sie bauen eine Mall“ geschrieben. Wir haben Instrumente in die Hand genommen, wir haben das alles eingespielt und das war für mich so – das alles kann Rap sein, das macht Spaß, es gibt Möglichkeiten. Und das war so der zündende Funke für mich, die Blaupause, wie ich das machen möchte. Und dann habe ich das mit Tim Tautorat und Dennis Borger möglich gemacht. Wir haben uns fast jeden Tag im Studio getroffen und an den Songs gearbeitet. Der Bremshebel war umgelegt, es hat sich ganz intuitiv einfach alles zusammengefügt. Wir sind dann 5 Tage und Nächte in die Freudenhaus Studios gegangen, haben tonnenweise Equipment im Studio aufgebaut und aufgenommen. Irgendwann war das auf einmal alles da. Nach diesem jahrelangen Prozess war es einfach da.

    Jule: Aber warum nennst du die Platte EP und nicht Album, es sind ja immerhin 9 Songs drauf.

    Anoki: (lacht) Das fragen sich einige. Ich bin einfach mit dem festen Wunsch rangegangen, dass es eine EP wird. Weil das Thema „Album“, ich finde das sehr holy irgendwie. Und ich weiß, dass „Irgendwann wird alles leichter“ einfach eine EP ist. Auch wenn sie einen roten Faden hat, auch wenn sie soundästhetisch zusammenpasst, auch wenn die Geschichte zusammenpasst, der Titel das alles zusammenfasst. Ich weiß, dass wenn ich das Album mache, dass das nochmal anders wird und ich weiß, dass es nochmal ein Schritt mehr wird. Ich wollte hier einfach auch ein paar Sachen ausprobieren so, weißt du? Bei einem Album möchte ich mir aber sicher sein, mit allem, was ich tue. Bei der EP bin ich mir im Nachgang auch sicher, aber der Weg dahin war super viel trial and error. Und jetzt weiß ich genau, wie ich möchte, dass das Album funktioniert.

    Jule: Du hast gerade die zusammenpassenden Geschichten angesprochen. Deine Texte sind ja auch sehr intim, tun an den wichtigen Stellen weh, machen aber zum richtigen Zeitpunkt noch die Biege, sodass man gerade so nicht anfängt zu heulen. War es dir wichtig, dass die Platte diesen Funken Hoffnung behält? Sie ist ja schon sehr schwer, das muss man zugeben.

    Anoki: Das hast du voll schön zusammengefasst, danke. Also der Titel alleine ist ja schon eine Kernessenz: Wir machen gerade so viel Scheiß mit, beißen uns irgendwie durch, weil wir alle davon ausgehen, dass es leichter wird. Sonst würden ganz viele Sachen auch gar nicht funktionieren. Ganz viele Leute könnten ihre schweren Jobs nicht machen und durch ihre schweren Tage kommen, wenn diese Hoffnung nicht da wäre. Und diese Perspektive zu haben, das ist der rote Faden der Platte. Ich habe genau das gesagt, was in mir vorgeht. Das sind oft sehr dunkle Sachen, aber wir haben die so in Instrumental-Gewänder eingebettet, dass es trotzdem irgendwie eine Leichtigkeit mitgibt. Es war eine krasse Challenge, aber ich finde, die Balance ist gut durchgekommen. Deswegen: Ja, war es mir sehr wichtig, dass diese Perspektive, das Leichte, auf jeden Fall fühlbar und erlebbar ist.


    „Ich lege mich in die Sonne, lese ein Buch oder male irgendeinen Quatsch“

    Jule: Du sprichst auch schon länger offen über Panik, Angst, Depression. Wie schaffst du es, dich selbst aus einem Loch rauszuholen? Ist das für dich auch die Musik oder gibt es auch andere Sachen, die dir helfen?

    Anoki: Ich habe für mich rausgefunden, dass es mehr gibt als Arbeit. Guck mal, ich liebe ja, was ich tue und das macht mich immer happy. Das ist immer geil, aber es ist trotzdem alles Arbeit. Und rauszufinden, dass es auch andere Dinge gibt, die mich erfüllen können, die nicht Arbeit sind, also Sachen, die keinen verwertbaren Output haben: Ich lege mich in die Sonne, lese ein Buch oder male irgendeinen Quatsch. Das hat mir geholfen, nicht mehr in eine Panik reinzurutschen. Panik kommt bei mir immer mit einer ganz krassen Überforderung zusammen, wenn alles ballert und von allen Seiten über lange Zeit die Belastung hoch ist. Aber natürlich war das auch zwei Jahre Therapie. Das ist auf jeden Fall ein heißer Tipp für ganz viele Leute, auch wenn der Weg dahin super schwer ist – auch, sich das selbst einzugestehen. Es ist nicht normal, morgens aufzuwachen und müde zu sein oder abends im Bett zu liegen und Angst zu haben, dass es zu Ende geht. Nur mit einem guten Mindset und zu sagen „Ich mach Pausen und nur schöne Sachen“ ist eine Panikstörung oder Depression einfach nicht zu behandeln. Es ist einfach ein normales Krankheitsbild. Wenn du Rückenschmerzen hast, gehst du auch zum Arzt, das ist ganz normal. Aber eine Therapie nicht? Bestes Beispiel: Berufsunfähigkeitsversicherung. Kriege ich nicht, weil ich eine Therapie gemacht habe. Was zur Hölle ist das? Ich meine, ich gehe doch zur Therapie, damit ich noch ein bisschen mehr vom Leben habe und eventuell auch länger dabei bin. Aber für solche Versicherungen ist das einfach ein Ausschlusskriterium, da bist du einfach raus. Das ist doch nicht normal. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der das normal ist, ich möchte darüber offen sprechen können und nicht dafür bewertet und absolut nicht institutionell bewertet werden. Das finde ich ganz, ganz furchtbar.

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    Jule: Auch ein großes Thema der EP ist Rassismus, dem du selbst ausgesetzt warst und bist, dem andere ausgesetzt sind. In „Schüsse“ geht es um den Anschlag in Hanau am 19.02.2020 – einer von vielen, das muss man ja leider auch einfach mal sagen. Begleitet und beeinflusst dich sowas in deinem täglichen Leben?

    Anoki: Auf jeden Fall, ja, klar. Das ist aber auch super vielschichtig. Ich komme ja aus einer Kleinstadt, bin in Bayern aufgewachsen und da habe ich das tagtäglich, physisch und psychisch, erlebt. Ob Polizei, Lehrkräfte, Mitschüler*innen, das war Gang und Gebe. Es gibt einfach hierarchische Strukturen, die sich aufbauen und oben stehen einfach selten Leute, die Migrationserfahrung haben. Kennst du diese Racial Stress Theorie? Durch das Aufwachsen in diesen Strukturen ist dein Stresslevel grundlegend einfach höher, weil du immer eine Bedrohungssituation siehst. Du bist einmal am „falschen Ort“ und bekommst die Fresse poliert. Das passiert dir ein-, zweimal. Dann siehst du eine Person, die sieht aus wie die, die dir das angetan hat. Das könnte jetzt also wieder eine Gefahrensituation sein. Damit ist dein Stresslevel ist die ganze Zeit angespannt. Ich war dann immer so, ich bin jetzt extra nett zu Leuten, ich spreche extra gut Deutsch mit ihnen, damit die sehen, okay, der ist gut integriert, bla bla bla. Das lässt sich auch direkt zusammenführen mit dem Thema Depression und Angststörung – was ich eben ja schon erzählt habe. Es gibt tagtäglich solche Situationen, das ist ein großes Thema.


    „Ich würde mir wünschen, dass es gerechter zugehen würde“

    Jule: Wie würde eine bessere Welt für dich aussehen?

    Anoki: Also ich würde erst einmal ganz viel umverteilen und viele Leute enteignen (lacht). Das war jetzt ein bisschen plakativ gesagt, aber Fakt ist: Vieles ist einfach super ungerecht. Viele unserer Sorgen, Ängste, Nöte und Krankheiten basieren darauf, dass jeder Tag ein Struggle ist. Wie zahle ich die Miete? Wie bringe ich meine Familie durch? Will ich diesen Job? Das fußt alles darauf, dass für viele Leute jeder Tag ein Kampf ist. Es gibt Menschen, die sind über 50 und müssen drei Jobs machen, um zu überleben, das ist doch geisteskrank. Man redet immer so über diese Leistungsgerechtigkeit – das ist ja so ein geiles Wort von neoliberal argumentierenden Leuten. Wenn du viel leistest, verdienst du viel. Ja, haben wir in den letzten Jahren ja gesehen. Wenn du im Krankenhaus auf der Intensiv arbeitest, dann leistest du anscheinend sehr wenig, weil du verdienst ja auch sehr wenig. Ich würde mir wünschen, dass es gerechter zugehen würde. Wir hätten ein viel längeres Leben, wenn Armut nicht tabuisiert wird, sondern normalisiert wird und wenn Programme greifen und nicht stigmatisiert werden. Ich glaube, das wäre eine gute Welt. Im Song Irgendwann wird alles leichterhabe diesen Ort in meinem Kopf gebaut. Wo es egal ist, welche Schuhe wir tragen. Wo es egal ist, wo wir herkommen.

    Jule: Auch ein zentraler Punkt auf deiner EP ist das Fragen und Hinterfragen. Und du traust dich aber auch, manche Fragen unbeantwortet zu lassen, weil du sie gerade einfach nicht beantworten kannst. Bei mir ist beim Hören angekommen, dass du dir über sehr viele Sachen Gedanken zu machen scheinst. Bist du ein nachdenklicher Mensch?

    Anoki: Ich glaube, das ist Teil dieses Abwägens von Situationen: Ist die Situation gerade gut oder schlecht für mich, ist sie gefährlich oder nicht gefährlich. Meine Freund*innen nennen das „Grübeln“ und fragen mich oft „Grübelst du gerade wieder?“ (lacht). Ich merke das ja auch, ich mache das sehr viel und ich merke auch, dass ich das ein bisschen weniger machen muss, weil mir damit auch echt auch viel Energie und Freude flöten geht. Aber ich kann sehr schwer abschalten irgendwie. Das wird ein bisschen besser gerade, was aber auch damit zu tun hat, dass ich mich wohler fühle. Aber ja, ich denke ein bisschen zu viel nach und wünsche mir oft, das einfach mal ausmachen zu können und einen Moment einfach so geil zu finden. Das ist mein Projekt für den Festival-Sommer. Wir spielen so viele Shows, meine wunderbare Band und ich haben da so lange drauf hingearbeitet. Ich weiß nicht, wie lange wir das noch machen können, deshalb will ich es einfach nur genießen.

    Jule: Du überzeugst ja nicht nur mit genre-übergreifenden Sounds, darauf war ich vorbereitet. Aber auf die Wortgewandtheit und Texte, darauf war ich nicht so ganz vorbereitet. Und die hat mir beim ersten Hören der EP ein bisschen den Boden unter den Füßen weggezogen. Weißt du eigentlich, wie gut du mit Worten bist?

    Anoki: Wow Jule ey, danke (lacht). Also ich schreibe ja schon sehr lange Texte. Ich habe immer Musik gemacht, habe aber nie ein Instrument gelernt – mit Zettel und Stift konnte ich aber trotzdem immer an einer Band teilnehmen. Das habe ich schon immer gemacht und deshalb auch Linguistik studiert, weil ich das super geil finde. Ich schreibe ja auch für viele andere Künstler*innen, weil ich Sprache liebe. Ich meine schon, dass ich ein gutes Gespür habe für Wortästhetik und so.

    Jule: Das meine ich auch!

    Anoki: … das freut mich wirklich sehr, weil mir Texte super wichtig sind. Ich habe jetzt diesen einen Schritt gemacht. Früher habe ich immer eine Grenze gezogen, dass ich Texte nicht zu nah werden lasse. Ich wollte immer noch so eine Mauer haben zwischen dem, was in meinem Inneren abgeht und dem, was ich sage. Und das habe ich jetzt einfach mal versucht einzureißen. Ich habe diese Worte, dann kann ich sie doch auch benutzen. Warum versperre ich mich dagegen, die Dinge zu sagen, die tatsächlich in mir vorgehen? Deshalb finde ich es sehr schön, wenn Leute diese Texte gut finden und mit diesen Aussagen etwas anfangen können. Wir haben auf der Platte auch komplett auf den Aufbau von typischen Popsongs geschissen. Und diese Texte stehen irgendwie trotzdem so im Vordergrund und die Songs bauen sich so um diese Texte rum auf, das war ein cooler Step irgendwie.


    „Auf der eigenen Tour zu zocken, das wird ultra geil“

    Jule: Ein nächster cooler Step ist auch, dass du im September gemeinsam mit Kaltenkirchen auf Tour gehst. Wie sind deine Gefühle dazu?

    Anoki: Jetzt richtig gut. Wir haben ja gerade OK KID auf ihrer „Kleiner Drei“-Tour supportet, durch kleine Clubs. Und das sind fast die gleichen Clubs, in denen wir auch im September auf unserer Tour spielen. Ist natürlich geil, dass ich den Leuten halt schon vorab meine Musik präsentieren konnte (lacht). Ich merke auch, die Leute kaufen wieder Konzertkarten. Das war direkt nach Corona natürlich sau schwer, weil alle halt noch 1.000 Karten am Kühlschrank hängen hatten. Aber ja, im September touren wir dann und ich hoffe, dass das alles funktioniert. Ich habe sooo Bock. Natürlich habe ich auch Bock auf diese 40 Konzerte im Sommer aber dann nochmal im September auf der eigenen Tour zu zocken, das wird ultra geil. Ich kann es wirklich nicht erwarten. Es juckt so sehr, also kommt alle dahin, wir sind auch in eurer Nähe (lacht).

    Jule: Dann kommen wir auch schon zu letzten Frage, die traditionell bei uns die nach einer untold story ist. Etwas, dass du noch nie in einem Interview erzählt hast.

    Anoki, Irgendwann wird alles leichter, IWAL, Interview, Rap, Hiphop, EP, Geister, Schüsse, Indie, Blog, Magazine, untoldency, Paul Weber.jpg

    Anoki: Okay, also, das hat aber gar nix mit Musik zu tun. Ich habe letztes Jahr, es war Corona, ein bisschen zu viel Zeit im Internet verbracht, wie ungefähr alle. Ich habe damals noch studiert und an meiner Uni kommt man relativ cheap in so Segelkurse rein, also habe ich einen Segelkurs gemacht. Dann bin ich immer so 4 Stunden auf dem Wannsee gesegelt und danach ins Studio gefahren, um Mucke zu machen – wie geil isses? Dann bin ich aber leider in so ein rabbit hole gefallen und habe auf eBay Kleinanzeigen ein altes Segelboot gefunden, das in einer Scheune in Sachsen-Anhalt stand. Das Ding war eine richtige Ruine, kannst du dir nicht vorstellen. Aber ich bin hingefahren und das war alles suuuuper dubios (lacht). Da ist so ein freilaufender Pitbull mit Nietenhalsband rumgelaufen, der an der Pfote geblutet hat und der Besitzer meinte nur so: „Das ist ganz normal, wenn der gestresst ist, beißt der sich immer“ – und das beschreibt eigentlich den ganzen Vibe (lacht). Und naja, dann habe ich dieses Boot halt gekauft.

    Jule: Hahahaha! (Anm.: Ich weiß, dass sich ein „hahaha“ eher awkward liest, aber das war der einzige Weg, mein lautes Lachen zu verschriftlichen, verzeiht mir)

    Anoki: Es wird noch besser. Ich habe das Boot dann an der Grenze zu Brandenburg ins Wasser gelassen. Dann habe ich es 4 Tage am Stück nach Berlin überführt. Durch sieben Schleusen. Das habe ich natürlich noch nie vorher gemacht. Ich war nervlich ein Wrack, wir waren zwar zu zweit, aber es war trotzdem die blanke Superhölle (lacht). Jetzt habe ich aber einen Stellplatz gefunden in einem wunderbaren Segelverein. Es ist so funny da, wie ein Kleingartenverein, aber mit Leuten, die gerne chillen und Bier trinken. Da konnten wir das Boot jedenfalls ordentlich reparieren, mit Freund*innen, die auch handwerklich Ahnung davon hatten. Uuuuuund, vor einer Woche waren wir endlich das erste Mal richtig damit segeln. Das war so geil, so geil. Ich werde also im Sommer, wenn ich in Berlin bin, nicht Zuhause sein, sondern die Zeit ausschließlich auf dem Segelboot chillen, den Anker auswerfen, Aperol saufen und mein Maul halten (lacht).

    Jule: Und dabei wünsche ich dir den größten Spaß. Und Respekt, ich habe bei noch keiner untold story so viel gelacht, vielen Dank fürs Teilen. Und natürlich auch vielen Dank für deine Zeit!


    Wenn ihr jetzt auf der Suche nach einem Soundtrack für eure nächste Segeltour seid oder jetzt einfach nur Bock habt, Anokis EP auf Repeat zu hören, dann könnt ihr das hier gerne tun:

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    Fotocredits: Janos Götze (Titelbild, Bild 2), Jens Krahe (Bild 1), Paul Weber (Bild 3, Screenshot)

  • Sam Vance-Law im Interview: »Ich hatte nichts mehr in mir – keine Wut, keine Trauer, war einfach nur noch da«

    Endlich ist es da! Über vier Jahre (gefühlt: siebenundvierzig Jahre, mindestens!) mussten wir warten: Sam Vance-Law, der beliebteste in Berlin lebende kanadische Musiker ever, hat endlich sein zweites Album „Goodbye“ veröffentlicht. Nach seinem bis heute allseits beliebtem Debüt „Homotopia“ lässt er uns nun an einer Trennung teilhaben, die wir auf keinen Fall selbst erlebt haben wollen. Und doch reißt er uns mit seiner unvergleichlichen musikalischen Kraft direkt mit in Schmerz, Trauer und auch irgendwie Humor. Für Fangirl Jule ist ein kleiner (großer) Wunsch in Erfüllung gegangen, als sie sich kürzlich mit Sam Vance-Law zum Interview getroffen hat. Es geht – natürlich! – um die Entstehung des neuen Albums, aber auch um Witze und Weinen im Taxi. Viel Spaß beim Lesen!


    Sam Vance-Law im Interview

    Jule: Hey Sam, freut mich, dich zu sehen. Zuerst mal: Wie geht’s dir?

    Sam Vance-Law: Mir geht’s blendend. Wir haben Sommer, die Platte ist draußen in der Welt und ich habe frei. Also nein, das stimmt nicht so richtig, weil wir eben geprobt haben und ich dafür ja üben musste. Aber ansonsten habe ich mir die letzten Tage freigenommen, das finde ich sehr schön. Ich habe meine Steuern nicht gemacht, die schreiben mir ständig. Ich habe auch nicht abgewaschen. Es ist super gewesen (lacht). Irgendwann muss ich damit wieder anfangen, aber ja, also mir geht es gut, alles super.

    Jule: Das freut mich sehr! Du hast ja in den letzten Tagen bestimmt schon ein paar Reaktionen zu deinem neuen Album „Goodbye“ bekommen. Wie waren die für dich bis jetzt?

    Sam Vance-Law: Die sind bisher super gewesen, das finde ich top. Also die Kritiker*innen waren natürlich die ersten, die die Platte gehört und dann darüber geschrieben haben. Das war ein bisschen überfordernd, aber auch sehr schön. Jetzt kommen auch so „normale“ Menschen dazu und die finden die Platte bisher auch gut. Das sind auch eher Fans und Leute, die mich schon kennen, weil die eben die ersten sind, die Bock haben, eine neue Platte zu hören. Aber die sind bisher auch alle Fans davon und finden sie gut. Bisher kann es also echt nicht besser laufen.

    Jule: Dein Debütalbum Homotopia hatte 2018 ziemlich großen Erfolg und ist sowohl in der queeren als auch besonders in der schwulen Musikkultur ein ganz wichtiges Werk. Hast du vor dem zweiten Album irgendwie Druck verspürt, so nach dem Motto „ich muss jetzt nachliefern, das muss genauso geil werden“?

    Sam Vance-Law: Ja, Leute haben mich ständig gefragt, wann „Homotopia 2“ kommt (lacht). Aber ähm, nein, eigentlich nicht. Hätte ich keine Trennung gehabt, wäre das wahrscheinlich ein Ding gewesen, dass ich mich gefragt hätte: „Worüber möchte ich schreiben? Was wollen die Leute? Was möchte ich? Habe ich noch was zu sagen?“. Aber das ist ja eh das Zweite-Platte-Problem. Anyway, ich habe dieses Problem nicht gehabt, denn da gab es eben diese Trennung. Ich war gar nicht glücklich und konnte daher auch nichts Anderes schreiben. Dann habe ich das geschrieben, was ich eben geschrieben habe. Also das hat es für mich auf jeden Fall viel einfacher gemacht, thematisch.


    »Irgendwas zu bereuen, worüber man keine Kontrolle hat, ist Irrsinn«

    Jule: Auf der anderen Seite muss man aber auch dazu sagen, dass, diese Trennung, von der „Goodbye“ handelt, ja rund um den Release von „Homotopia“ passiert ist.

    Sam Vance-Law: Ja genau, das war kurz vor dem Release.

    Jule: Wie war diese Zeit für dich? Konntest du diesen emotional-schönen Input, den du ja bekommen hast – die Reaktionen waren ja ziemlich lange ziemlich geil –genießen? Hast du das überhaupt mitbekommen? Oder hat es dich vielleicht sogar beflügelt?

    Sam Vance-Law: Nein, gar nicht, ich habe eigentlich alles verpasst. Es gab Freunde, Fans oder die Band, die gesagt haben „Ach, war das schön“ – und ich war nur so: „Ja, für euch, hoffentlich“ (lacht). Aber für mich war das so… Es war natürlich sehr schön, dass die Reaktionen so gut waren, aber ich konnte die absolut nicht annehmen, emotionalwise. But it’s a bit of a silver lining – dafür bin ich nicht super egoistisch oder eitel oder so was geworden, weil ich das alles nicht so richtig mitbekommen habe. Also weißt du, dieses Star-Gefühl, „ich bin es jetzt“ oder so (lacht). Also es hat mir schon was bedeutet, aber im Vergleich zu dem, was ich parallel noch alles erlebt habe, war es ziemlich wenig eigentlich. Jedenfalls in diesem Moment.

    Jule: Auch wenn es Blödsinn ist, aber würdest du das ändern, wenn du könntest?

    Sam Vance-Law: Irgendwas zu bereuen, worüber man keine Kontrolle hat, ist ja Irrsinn, das mache ich nicht. Ich bereue es nicht und ärgere mich daher auch nicht. Ja, vielleicht wäre es unter anderen Umständen schöner für mich gewesen. Vielleicht. Aber ziemlich viel wäre vielleicht irgendwie schöner gewesen.

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    Jule: Kommen wir mal ein bisschen zur Entstehung von „Goodbye“. Einige Songs scheinst du ja schon kurz nach dieser Trennung geschrieben zu haben. „Been Drinking“ habe ich schon 2018, also im „Homotopia“-Jahr auf deinen Konzerten gehört. Sind alle Songs zu dieser Zeit entstanden oder hast du manche auch so als eine Art Recap geschrieben, um das für dich nochmal zu verarbeiten?

    Sam Vance-Law: Nicht alle, aber ja, fast alle Songs wurden innerhalb des ersten Jahres angefangen. Außer „Get Out“, den habe ich erst drei Jahre später geschrieben. Aber du hast Recht, „Been Drinking“ war auf jeden Fall schnell da. Ich schreibe zuerst den Text und die Gesangsmelodie. Manchmal dauert es aber auch einfach, bis ich Lieder zu Ende schreibe, manchmal so anderthalb, zwei Jahre. Aber nee, ich musste nicht irgendwie zurückgehen, um die Lieder zu schreiben. Ich musste zurückgehen, um die Lieder zu arrangieren und aufzunehmen halt. Aber das Schreiben passierte einfach. Das ist auch das Ding an dieser Trennung, die ging, für mich zumindest, ewig. Also hatte ich eigentlich vier Jahre, in denen ich schreiben konnte, ohne zu sagen, dass ich es faken oder recapen muss.

    Jule: Und damit hast du uns jetzt einen allumfassenden Soundtrack für Herzschmerz geschenkt. Hast du denn auch Songs, die du selber gerne hörst, wenn es dir schlecht geht? So wie meine Freundin, die bei Herzschmerz IMMER James Blunt hört.

    Sam Vance-Law: Nein, gar nicht. Ich habe in der Zeit auch eigentlich gar keine Musik gehört, einfach weil ich nicht wollte. Aber ich habe ab und zu ein paar Sachen so für mich gecheckt. Ich saß mal in einem Taxi, nach einer Show. Und dann lief im Radio ein Lied von Robyn. Ich saß hinten im Taxi und habe einfach angefangen zu weinen. Das kam aus dem Nichts. Just Robyn doing her Robyn things. Aber dann habe ich mich auch gefragt: „Was meinte Joni Mitchell eigentlich? Oder Bill Withers? Oder Beyoncé?“ Es gibt so viele Lieder, die schön sind, aber mir persönlich nichts bedeutet haben, im Sinne von „das habe ich auch erlebt“. Aber nein, ich höre keine Musik, um mir zu helfen oder sowas. Ich schreibe, ich glaube, genau deswegen schreibe ich.


    »Ich finde ich es gut, wenn Leute sich das Album anhören, um sich zu helfen«

    Jule: Und wie ist das Gefühl für dich zu wissen, dass wir uns jetzt dein Album anhören werden, um uns zu helfen?

    Sam Vance-Law: Ich habe schon gecheckt, dass die Reaktionen diesmal ziemlich viel doller sind als bei „Homotopia“, viel mehr emotionaler. Damals war das mal ein „das war aber ein schönes Lied“ oder sowas. Und jetzt gibt es eben manchmal Tränen dabei. Also ich bin völlig okay damit, ich habe es ja auch geschrieben, um mir zu helfen. Wir wollen immer Musik schreiben und produzieren, die unfiltered ist. Aber das ist sie ja eigentlich gar nicht. Jedes Wort kann man umschreiben. Die Texte werden bearbeitet, die Musik arrangiert, komponiert, gemischt, gemastert. Und in jeder Sekunde, in der ich nicht happy damit bin, was andere Leute hören könnten, kann ich es ändern. Also das, was du jetzt hörst und die anderen hören, das ist genau das, womit ich okay bin, dass ihr es hört. Das war meine Entscheidung. Ich finde es also sehr gut, dass Leute sich das anhören, auch um sich zu helfen. Das war auf jeden Fall der Plan.

    Jule: Und er ist aufgegangen (lacht).

    Sam Vance-Law: Ja, und das finde ich super, dass die Leute sich mit Musik weniger allein fühlen. Wie deine Freundin, wenn sie James Blunt hört (lacht). Ich finde es sehr schön, wenn Menschen etwas haben, wo sie sagen können „heute geht es mir nicht gut, deswegen höre ich James Blunt oder deswegen höre ich Sam Vance-Law oder was auch immer.

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    Jule: Wer dich schon mal kennenlernen durfte oder auf einer Bühne erlebt hat, weiß, dass du ein sehr humorvoller Mensch bist. Das kann man aktuell ja auch auf TikTok erleben. Und auch auf „Goodbye“ gibt es Textstellen, die sehr humorvoll und manchmal fast ein bisschen zynisch sind. Ist Humor etwas, was dir in dieser Zeit geholfen hat, wieder mit dir selbst klar zu kommen?

    Sam Vance-Law: Oh mein Gott, ja, Humor rettet mich. Ich habe auf jeden Fall immer so einen kleinen Sam auf meiner Schulter sitzen, der mich auslacht. Ständig. Nicht auf eine gemeine Art und Weise. Aber dieser kleine Sam hilft mir auf jeden Fall, mich nicht zu verlieren in Trauer, Glück, Stolz oder was auch immer. Der ist immer da und sagt „yeah well, thats kinda funny though“.

    Jule: Hast du deshalb auch mit diesen TikTok-Videos angefangen, in denen du, na sagen wir mal, „Witze“ erzählst?

    Sam Vance-Law: (lacht) Hey, das sind Witze! Was daran ist kein Witz?

    Jule: Hm. Also. Weißt du… Weißt du, was halt einfach zu 95 % noch viel witziger ist als die Witze selbst? Dein Lachen danach.

    Sam Vance-Law: (lacht). Ja, also ich liebe Witze. Alle sagen, Witze seien out, aber ich finde Witze sehr funny. Und ich habe mich gefragt, was ich social-media-mäßig machen kann – besonders bei TikTok, das ist ganz neu für mich. Ich wollte etwas machen, womit ich ein bisschen austesten kann, wie das funktioniert und was das eigentlich ist. Und dann dachte ich mir: „Witze, ich liebe Witze, ich erzähle einfach Witze“.

    Jule: Kannst du mir jetzt einen Witz erzählen?

    Sam Vance-Law: Ich habe einen deutschen Witz, den finde ich top. Eigentlich ist es ein Schweiz-Witz. Also: Schweizer reden ja sehr komisches Deutsch, deren Grammatik ist super crazy und Verben sind… die sagen „gesein“ statt „gewesen“ und sowas. Also das ist das Setup für den Joke. Der Joke ist Folgender: Eine Deutsche geht über die Grenze in der Schweiz und steht am Zoll. Da fragt der Zoll-Mensch „Haben Sie Waren?“. Dann sagt die Deutsche: „Meinen Sie nicht „sind Sie gewesen“?

    (Sam lacht. Sam lacht sehr doll. Ich lache mit. Was soll ich denn machen? Habt ihr ihn schon mal lachen sehen?)

    Sam Vance-Law: Das ist so herrlich. Gut, oder? Also, siehst du, Witze sind funny. Heutzutage sind nur noch Memes unterwegs. Aber Witze sind doch auch geil.

    Jule: Ich erinnere mich noch, wie du vor einigen Jahren auf der Bühne einen ewiiiig langen Witz erzählt hast.

    Sam Vance-Law: Jaaa, der Motte-Witz (lacht).

    Jule: Ah, Motte, ich dachte, es wären Ameisen gewesen, naja. Ich habe vor ein paar Tagen noch überlegt, wie dieser Witz ging.

    Sam Vance-Law: Der ist ein Klassiker, leider nicht meiner, aber man kann ihn immer ändern, je nach Gefühl. Es gibt Setup und Punchline und man könnte den innerhalb von fünf Sekunden erzählen. Odeeeeer. Oder man redet ein bisschen in der Mitte und kommt mit einer random Geschichte raus und dann kann er 5 Minuten, 20 Minuten dauern, ein paar Tage, Monate. Aber die Punchline ist immer noch dieselbe und funktioniert einfach.

    Jule: Es war wirklich witzig, weil NIEMAND verstanden hat, was du da machst und worum es geht.

    Sam Vance-Law: „Was labert der denn? Was passiert denn hier überhaupt?“ (lacht)


    »Ich habe das Album so geschrieben, dass man sich nicht darauf vorbereiten kann«

    Jule: Kommen wir wieder zurück zu den ernsten Themen. Mit der Veröffentlichung von „Goodbye“ durchlebst du ja gezwungenermaßen nochmal deinen Kummer, den Schmerz, die Trauer. Und ich weiß, du bist nicht die erste Person, die das macht, aber: Hast du dich darauf irgendwie vorbereitet, auch im Hinblick auf die anstehenden Konzerte, dass du dich damit auf die Bühne stellst? Ich stelle mir das… schwierig vor.

    Sam Vance-Law: Wir haben letzte Woche zum ersten Mal geprobt, also so richtig. Und durch all die Lieder zu kommen, ohne zu weinen, ist schwierig. Aber auch durch die „Homotopia“-Lieder zu kommen, ist schwierig. Das sind für mich jetzt auch Lieder, die ich geschrieben habe, als ich ein anderer Mensch war. Oder wenn nicht ein anderer Mensch, dann ein glücklicherer, vielleicht naiverer Mensch. Es ist auch wieder dieser Humor, diese Humor-Trauer. Ich denke, das ist nicht unwichtig, weil Menschen wie ich… wir können uns sehr oft vor Gefühlen schützen, wenn wir das brauchen. Du sagst „Hey, es wird traurig“ und wenn ich nicht traurig sein möchte, dann bereite ich mich vor, no problem. „Es wird lustig, aber du darfst nicht lachen“ – das kann ich wahrscheinlich auch, wenn ich mich darauf vorbereitet habe. Aber wenn du sagst „Hey, hier ist ein Witz und by the way, hier ist was super Trauriges“, während ich noch beim Lachen bin, dann fange ich einfach an zu heulen, weil ich keinen Schutz mehr habe. Und das auf die Bühne zu bringen ist dann weird, because then I fall on my own sort. Ich habe gemacht, dass ein Publikum offen und verletzlich ist. Aber dann singe ICH das, und ich bin das ja auch. Leider. Ich kann mich darauf dann nicht vorbereiten, weil ich habe es ja genauso geschrieben, dass man sich nicht darauf vorbereiten kann. Aber es ist schön, dass man das auf der Bühne dann mit den Menschen teilen kann. Das ist viel besser als alleine. Und meine Gefühle sind auch nicht mehr die, die sie waren, als ich die Songs geschrieben habe. Ich bin dann nicht mehr mitten drin in meinem Leid, vielleicht einfach nur ein bisschen sad.

    Jule: Sad Vance-Law.

    Sam Vance-Law: Ja, Sad Vance-Law (lacht). Geil, I’m taking that. Thank you very much (lacht).

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    »Ich bin gespannt, wie das Publikum die neuen Songs finden wird«

    Jule: Du hast in den letzten Monaten ja öfter mal wieder auf einer Bühne gestanden, warst z.B. mit den Mighty Oaks auch auf Tour. Aber bald geht es wieder los, dass du wieder mit deinen eigenen Songs auftreten wirst.

    Sam Vance-Law: Wir haben neulich eine kleine Radioshow gespielt. Das war zwar nur die Hälfte der Band, aber zumindest live. Es gab ein Mini-Publikum und das war einfach so schön. Ich freue mich so sehr drauf, mit den neuen Liedern, und mit meiner Band – ich liebe meine Band – wieder auf Tour gehen zu können und auf Bühnen stehen zu dürfen und für Leute zu spielen. Ich bin auch so gespannt, wie das Publikum die neuen Songs finden wird.

    Jule: Oh ja, ich bin auch gespannt, wie ich reagiere, wenn ich „Goodbye“ das erste Mal live höre. Das ist ja doch nochmal ganz anders.

    Sam Vance-Law: Ja, und vielleicht wird es so, dass wir alle miteinander weinen, wenn ich die Setlist richtig bastele, mal sehen. Oder einfach nur… schöne Unterhaltungsmusik (lacht).

    Jule: Weißt du, wann ich beim ersten Mal „Goodbye“ hören wirklich Tränen in den Augen hatte? Ich habe mir die Singles vorher nicht angehört, weil ich mir diesen ersten Album-Moment nicht nehmen wollte. Ich wusste, worum es geht, habe mir Zeit genommen, aber ich war trotzdem… so unvorbereitet? Und dann kommt der letzte Song, „Thanks Again“. Dieser Text und dann deine gebrochen klingende Stimme, da war es bei mir wirklich vorbei.

    Sam Vance-Law: Oh wie schön, dass du das sagst. Das war mein Plan, der Plan dieser ganzen Platte, den ich so geil finde. Dieses Album ist so sad, sad, sad und du denkst, das hälst du durch. „Icarus“, „Get Out“ – sad but fun. Dann „Blissful Times“ in der Mitte, kann man auch durchhalten. Dann kommst du langsam zum Ende und „Too Soon“ hittet dann schon ein bisschen. „Been Drinking“, ALTER. Naja, zumindest der letzte Song kann ja jetzt nicht so schlimm sein. Und dann ist er einfach so sau viel schlimmer?! Das finde ich so top.

    Jule: Also dann hat dein Plan bei mir auf jeden Fall geklappt (lacht).

    Sam Vance-Law: Yes, YES, YES, ich liebs, danke schön. Sorry about that but that was the plan. Ich liebs so sehr, dass es bei dir geklappt hat. Und danke, dass du dir so viel Mühe gemacht und Zeit genommen hast.

    Jule: Und ich würde es immer wieder so machen! Aber hey, hören wir auf den Konzerten eigentlich auch Songs von deiner NDW“-EP?

    Sam Vance-Law: Das kann ich doch noch nicht verraten (lacht). Ich möchte auf jeden Fall hauptsächlich meine eigenen Lieder spielen. Aber vielleicht auch ein oder zwei „NDW“-Hits, mal sehen… Das war sehr diplomatisch, oder? (lacht)

    Jule: Ja schon, also lassen wir uns einfach überraschen. Und damit komme ich auch schon zu meiner letzten Frage, die bei uns immer die nach einer „untold story“ ist – etwas, was du noch nie öffentlich erzählt hast, etwas zum Album, deine Morning Routine, was immer du willst.

    Sam Vance-Law: Also, du hast eben von „Thanks Again“ gesprochen und dazu möchte ich dir etwas erzählen. Dieser Text ist wie viele andere auch in Schottland entstanden, wo ich mit einem Kumpel war. Irgendwann habe ich mich gefragt, was das letzte Lied sein soll. Wir sind da im Winter 30 Kilometer durch die Highlands gewandert, haben uns so richtig ausgepowert, die ganze Zeit nur geredet. Irgendwann hatte ich nichts mehr in mir drin. Keine Wut, keine Trauer, war einfach nur noch da. Plötzlich sagt er zu mir, dass er uns was kochen geht. Und ich war so dankbar. Dann dachte ich: „You know what? Ich glaube, das ist es: einfach thank you“. Dann habe ich losgeschrieben, seitenlang. Später wollte ich den Song mit Wallis Bird aufnehmen, die die Gitarre spielt. Und ich hatte immer noch nur diesen seitenlangen Text aus Schottland. Also sage ich Wallis, dass ich es nicht geschafft habe, es zu kürzen. Und sie antwortet: „Oh don’t worry, it will take me 15 minutes to set up the microphones“. Weißt du, das ist der letzte Song, ich habe so viel zu sagen und muss es in nur einen einzigen Song packen. Und dann gibt mir Wallis einfach 15 Minuten (!), bis sie die Mikrofone vorbereitet hat. (lacht). Also das finde ich super.

    Jule: (lacht) Das ist eine sehr schöne und unterhaltsame untold story. Danke schön, Sam! Und auch danke für deine Zeit und dieses sehr schöne Interview, es war mir wirklich eine große Ehre und Freude! Wir sehen uns ja dann bald auch wieder im echten Leben!

    Sam Vance-Law: Darauf freue ich mich schon! Danke dir!


    Wer es bisher noch nicht getan hat oder, wie wir, nicht genug davon bekommen kann, der kann sich hier jetzt gerne „Goodbye“ auf Dauerschleife anhören und dann später in diesem Jahr auch unbedingt ein Konzert von Sam Vance-Law besuchen. Es wird sich lohnen, versprochen!

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    Fotocredit: Alexander Coggin

  • Exklusive Videopremiere: Kids Of Adelaide und „The Beauty And The Pain“

    Erst letzten Freitag haben Kids Of Adelaide ihre neue Single „The Beauty And The Pain“, die zeitgleich auch der zweite Vorbote für das im Herbst erscheinende neue Album ist, veröffentlicht. Und heute feiert das dazugehörige Musikvideo bei uns Premiere. Ein Musikvideo voll mit alten Dias, die die Message des Songs (auch wortwörtlich) nicht besser hätte treffen können. Wie der Song klingt und was euch im Video erwartet, das erfahrt ihr jetzt.


    Eingefleischte Indie-Hörer*innen wie ich sind in den vergangenen Jahren bestimmt schon das ein oder andere Mal über die Kids Of Adelaide gestolpert. Severin Specht und Benjamin Nolle aus Stuttgart veröffentlichen nämlich schon richtig lange gemeinsam Musik – ihr Album „Home“ wird in diesem Jahr immerhin schon sportliche 10 Jahre alt. Passend dazu veröffentlichen die beiden im Herbst ihr neues Album „The Cabin Tapes“ und gehen damit dann auch auf Tour (Tickets gibt’s hier). Nach der im März 2022 erschienenen Single „I Still Wonder“ hat letzten Freitag mit „The Beauty And The Pain“ nun schon der zweite Song des neuen Albums das Licht der Welt erblickt.

    Der Titel lässt es schon ein bisschen erahnen: In „The Beauty And The Pain“ behandeln Kids Of Adelaide Dinge und Situationen, die bedingungslos zusammengehören, obwohl sie im allerersten Augenblick nicht gegensätzlicher sein könnten. Sonne und Regen. Hinfallen und aufstehen. Salz und Pfeffer. Beauty und pain. Das eine geht ohne das andere nicht. Benjamin hat das sehr schön zusammengefasst: „Die schönen und die schmerzvollen Dinge im Leben erscheinen zunächst als Gegensätze. Aber wenn man genauer hinschaut, sieht man, dass beides Enden der gleichen Sache sind. Ich sehe den Schmerz als eine Art Rahmen, der Schönheit erst ermöglicht. Dieser Rahmen ist für jedes Leben der gleiche: die Endlichkeit. Ohne sie wäre nichts kostbar – und somit auch nichts schön.“


    The lucky I am, the sad I feel
    Being trapped in time thinking of you and me“


    Der Song wird getragen von Kids Of Adelaide-typischen Folkgitarren, die schon ganz allein für sich die nötige Prise Melancholie in den Gehörgang fräsen. Der Refrain mit seinem deutlichen Ohrwurmcharakter tut dazu dann sein Übriges und verwandelt das Ganze in einen eingängigen Popsong. Entstanden ist der Song (wie viele des kommenden Albums) in einer abgeschiedenen Hütte, irgendwo im Nirgendwo. Und ich finde, das hört man auch. Der Sound ist sehr bei sich, keine Spielerei, einfach pures Gefühl. Glück und Melancholie. Und auch hierin zeigt sich dann wieder einnmal ein Beweis für die Dualität des Songs. Und eigentlich in sowieso allem. Lasst uns daher jetzt gemeinsam das Musikvideo anschauen:

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    Als ich das Video zum ersten Mal gesehen habe, war ich gerade dabei, zu essen (Klassiker). Schon die ersten Bilder haben mich so in ihren Bann gezogen, dass ich für ein paar Minuten aufgehört habe zu essen, weil ich Angst hatte, ich würde auch nur eine kleine Sekunde verpassen. Kim Hoss, die das Video gemacht hat, hat dafür nämlich unzählige Dias zusammengesammelt und sich so KRASS GUT zum Text passende rausgesucht, dass ich fast irre geworden bin. Ich hoffe, ihr guckt euch jede einzelne Sekunde ganz aufmerksam an, dann wisst ihr, was ich meine. Keine Ahnung, wie viele Stunden Arbeit da drin stecken, aber ich ziehe ganz kompromisslos meinen Hut davor. Die Bilder erzeugen eine so emotionale Stimmung, ich bin nachhaltig beeindruckt. Und ich behaupte, dass man „The Beauty And The Pain“ in keine bessere Dia-Bildsprache hätte übersetzen können. Mic drop.


    Wer von dem Musikvideo genaus begeistert ist wie ich und nicht genug von „The Beauty And The Pain“ kriegen kann, kann ihn sich hier auch gerne nochmal 10 bis 100 Mal anhören. Und auch direkt alle anderen Songs von Kids Of Adelaide. Lohnt sich, versprochen!

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    Fotocredit + Videocredit: Kim Hoss

  • Exklusive Videopremiere: Anoki und „Irgendwann wird alles leichter“

    Die Musikwelt erwacht langsam aus ihrem Winterschlaf und beglückt uns endlich wieder regelmäßig mit neuen Songs, juhu! Einer dieser neuen Songs kommt vom Berliner Rapper und Songwriter Anoki. „Irgendwann wird alles leichter“ ist der dritte Vorbote seiner gleichnamigen, am 08.04.2022 erscheinenden EP. Und es ist uns eine wahre Freude, euch jetzt (als erste Videopremiere des Jahres) exklusiv das Musikvideo zu präsentieren. Jule verrät euch nachfolgend alles Wissenswerte zum Song und natürlich auch zum Video!


    Wer „Anoki“ in die Suchmaschine des Vertrauens eingibt, wird schnell auf die Bedeutung des Vornamens, nämlich „Schauspieler“, stoßen. Wie gut das passt, werdet ihr erfahren, wenn ihr das Musikvideo seht. Aber eins nach dem anderen. Wer nämlich nach dem Treffer der Namensbedeutung weiterscrollt, findet dann auch gleichnamige Schulhefte, in denen ein süßer Junge beim Lernen hilft. Und auch das liegt hier gar nicht so fern, denn wer sich die Songs von unserem Anoki aufmerksam anhört, kann ebenfalls eine Menge lernen. Ja, das war schon sehr weit ausgeholt, um einen kleinen Bogen zu spannen.

    Wer uns schon seit allerjüngster Zeit liest, kennt Anoki natürlich längst – gehört er doch eindeutig zu den Künstler:innen, bei denen wir einfach nicht müde werden, sie euch ans Herz zu legen. Ich habe letztens den aus dem Deutschrap stammenden Begriff „Rücken“ kennengelernt, der eigentlich aus der Zoologie stammt. Denn der Silberrücken eines Gorillas symbolisiert Stärke, aber auch Schutz. Und mit Gorillas legt man sich ja bekanntlich eher ungerne an. Dass der Gorilla in der Deutschrap-Übersetzung dann letztlich von Kriminellen dargestellt wird, ist eine Tatsache, die wir jetzt wegignorieren müssen, weil meine Erklärung sonst völlig ihren Sinn verfehlt. Also, was ich eigentlich sagen will: Anoki hat untoldency-Rücken – nur halt in sehr lieb und ohne Gewalt und so blödes Zeug. Aber halt … Rücken! … Ja … Lasst das jetzt einfach mal kurz sacken … Und? … Schon ist der Bogen von Namensbedeutung und Schulheft gar nicht mehr das Weirdeste, was ihr seit langem gelesen habt, ne?

    In seiner neuen Single „Irgendwann wird alles leichter“ befasst sich Anoki mit dem ewig währenden Glücksversprechen, dass man nur lange genug warten muss, bis alles leichter wird. „Aller Anfang ist schwer“, „kommt Zeit kommt Rat“ und „die Zeit heilt alle Wunden“. Doch wann ist dieser Moment erreicht, an dem die Last abfällt? Kommt er überhaupt? Eine Sache verbindet den Großteil von uns in dieser Angelegenheit miteinander: Es ist völlig egal, wie unrealistisch der Zustand vollkommener Unbekümmertheit (gibt es die überhaupt?) auch sein mag, allein der Glaube daran treibt uns an. Und darauf kommt es doch am Ende auch irgendwie an, oder?


    „Als ich noch ein Kind war habe ich immer gedacht,
    das alles kommt mit der Zeit, mit der Zeit
    Doch wie es aussieht, kommt es anders als gedacht:
    Ich fühl mich immer noch gleich“


    In „Irgendwann wird alles leichter“ beschäftigt sich Anoki mit genau diesen Gedanken. Im Vergleich zu den vorangegangenen Singles Sie bauen eine Mall und Is Ok ist diese mehr in ein Rap-Gewand eingehüllt. Und wird umarmt von einem Vintage-Band-Sound, der am Ende überraschend ausufert. Wer wie ich großer Fan von Anokis Stimme und seinem Songwriting ist, wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr abgeholt fühlen. Unterstrichen wird das dann aber vor allem durch das Musikvideo, das ich euch jetzt auch nicht länger vorenthalten möchte:

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    Das Video zu „Irgendwann wird alles leichter“ wurde von Chris Schwarz gedreht und zeigt Anoki als Hilfsarbeiter in einer isländischen Hafenstadt. Das Video könnte ohne Zweifel einer Doku entstammen – das macht es irgendwie ungewöhnlich, ist im Zusammenspiel mit den Lyrics aber unfassbar passend. Das Eingesperrtsein der Figur in einem Leben, das noch so viel mehr zu bieten hat. Ein Hauch von Perspektivlosigkeit. Das Gefangensein in Strukturen, in die man gedrückt wurde und aus denen man sich nur schwer befreien kann. Ich kann euch sehr empfehlen, das Video mehrfach anzugucken. Denn mit jedem Mal wird die Bildsprache klarer, die Zerrissenheit greifbarer und die Hoffnung größer. Es müssen nicht immer explodierende Autos sein: Anoki und Chris Schwarz haben es mit diesem minimalistischen Video geschafft, auf eine sensible Art eine bedeutungsvolle Geschichte zu erzählen – denn das Leben ist immer wieder weitaus berührender als es Fiktion jemals sein könnte.

    Wenn ihr nach dem Song und dem Musikvideo jetzt auch Fans von Anoki geworden seid (Fanclub-Mitgliedschaftsanträge bitte direkt zu mir), dann hier noch ein kleiner Reminder: Im April 2022 geht Anoki gemeinsam mit Kaltenkirchen auf „Irgendwann“-Doppelheadliner Tour. Alle Infos und natürlich auch Tickets bekommt ihr h i e r.

    Und klar, ihr könnt euch „Irgendwann wird alles leichter“ auch hier anhören:

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    Fotocredit: Janos Götze