Autor: Jule

  • Drens im Interview: „Wir haben eine „Halt den Kopf oben“-Attitüde, auch wenn’s mal nicht läuft“

    Drens im Interview: „Wir haben eine „Halt den Kopf oben“-Attitüde, auch wenn’s mal nicht läuft“

    Drens haben letzten Monat ihre EP Pet Peeves rausgehauen. Ihre Musik betiteln die Dortmunder als „Surfpunk“. Zu Recht, trifft man sie doch meist in ihren quietschroten Drenspants an, ready for the beach. Jule hat mit Drens (leider nicht am Strand, aber nächstes Mal!) über good vibes/bad vibes, Lieblingstracks und Halloumi gequatscht. Und was es da zu erzählen gab, lest ihr jetzt.

    Drens im Interview

    Jule: Erstmal vielen Dank, dass ihr euch Zeit für uns genommen habt. Am 15.05. ist eure EP mit dem schönen Namen Pet Peeves erschienen. Was ist denn euer persönliches Pet Peeve?

    Drens: Hi! Gerne, danke für deine Fragen. Ich glaube, der größte Nenner den wir haben ist, sich selbst im Weg zu stehen. Verursacht durch Selbstzweifel oder der Angst vor dem Versagen. Es ist auf jeden Fall gesund zu versuchen, sich da etwas lockerer zu machen und mit sich selbst Frieden zu schließen. Es ist schon ok, dass der eigene Weg zum Beispiel nicht so geradeaus läuft wie bei anderen.

    Jule: Eure EP wurde von niemand geringerem als Steffen Israel von Kraftklub produziert. Wie kam es denn zu dieser Zusammenarbeit?

    Drens: Wir haben auf ein paar Festivals gespielt auf denen Kraftklub ebenfalls waren. So haben wir Steffen und die Gang kennengelernt. Es hat sich dann rausgestellt, dass wir uns für die gleichen Bands begeistern. Als es dann darum ging aufzunehmen, haben wir Steffen einfach gefragt, ob er Bock hat mit uns zu arbeiten. Zum Glück hatte er das, denn es hat echt super gepasst. Er hat einfach komplett verstanden, wo wir mit Pet Peeves hin wollten.

    Jule: Euer Sound klingt ja erstmal nach guter Laune und mit ’nem Bier am See feiern. Textlich geht’s jedoch eigentlich genau um das Gegenteil. Ist es euch wichtig, auch beschissene Tage und Feelings zu feiern und zu versuchen, das Bestmögliche bzw. vielleicht sogar was Gutes daraus zu machen?

    Drens: Ja, das trifft es schon ganz gut. Bei uns allen gibt’s da schon so eine „Halt den Kopf oben“-Attitüde, auch wenn es mal nicht läuft und alles etwas düsterer um dich herum ist. Wir vier sind an sich schon sehr lebensbejahend, das merkt man auch der Musik an. Textlich wird dann der Mist verarbeitet. Uns gefällt der Kontrast auch: Wie oft hat man Tage an denen sich schlechte Laune schnell in gute verwandeln kann, oder andersrum. Hell und dunkel liegt nah bei einander, daher finden wir es ganz cool zu sagen, dass es nicht immer nur traurig oder glücklich gibt.

    The good life – oder doch nicht?
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    Jule: Apropos beschissene Tage, davon gab es ja jüngst echt ein paar. Wie habt ihr denn die letzten Wochen und Monate in Isolation verbracht? 

    Drens: Am Anfang war schon echt viel Frust da. Auch wir mussten viele Konzerte absagen, auf die wir uns ewig gefreut hatten. Wir hätten zum Beispiel zusammen mit Itchy gespielt oder auch unsere Release-Tour im Mai. Dass das auf einmal wegfiel war schwierig, aber irgendwann hat der Gedanke auch getröstet, dass es allen so geht und man mit dem Gefühl nicht alleine ist. Wir konnten dann auf jeden Fall auch mal richtig rekapitulieren, was wir alles in den letzten zwei Jahren erleben durften. Wir haben sehr viel live gespielt und generell Zeit mit der Band verbracht. Auf einmal gab es dann sehr viele Gespräche bei Skype, in denen einige „Weißt du noch..“- Geschichten ausgepackt wurden. Nicht nostalgisch oder so, sondern einfach mit super viel Freude darüber, was alles so passiert ist.

    Jule: Wie steht’s eigentlich so ums Musikhören bei euch? Irgendwelche Lieblingstracks oder -releases aus der letzten Zeit?

    Drens: Das ist übrigens ein schöner Nebeneffekt der Isolation: Gerade ist die Zeit, sich den Dingen wieder richtig zu widmen. Musik nicht nur nebenbei, sondern ganz bewusst hören. Wir haben die neue Single von Idles gefeiert, auch die Live-Platte von King Gizzard and the Lizard Wizard ist nice. Ansonsten machen die Alben von Blond und Itchy auch richtig Bock. Die Singles von Pabst sind auch super. Ach, diese Liste könnte man ewig weiterführen..

    Jule: Ab November 2020 geht ihr ja (hoffentlich!) auf Tour, aber bis dahin wird wohl nicht so viel abgehen. Gibt’s schon Pläne, wie ihr die Zeit bis dahin rumkriegt?

    Drens: Hoffentlich so produktiv wie möglich. Wir könnten unseren Proberaum mal wieder aufräumen, haha… Musik schreiben geht gerade schon ganz gut, das machen wir auch viel und schicken uns dann Demos hin und her. Mal sehen was daraus wird. Irgendwann dann auch wieder zu viert proben wäre stark.

    In Teufelsküche mit Drens

    Jule: Mal ein offtopic: Man erzählt sich, dass ihr als Band u.a. durch die gemeinsame Liebe zu Halloumi zueinander gefunden habt. Wie esst ihr Halloumi am liebsten (gerne mit genauem Rezept, frag für’n Freund..)?

    Drens: Oh ja, Halloumi ist großartig! Es ist etwas komisch, dass es bei uns in Dortmund nur ein paar wenige Läden gibt, die Halloumi-Sandwich machen. Voll die Marktlücke. Sind jedes Mal neidisch, wenn wir auf Tour in Städten sind, wo es das überall gibt. Favorit ist dann oft die klassische Falafel-und-Halloumi-Rolle. Ansonsten empfehlenswert: Burger mit Halloumi. Belegt dann mit gegrillter Zucchini, Aubergine und Paprika. Gerne noch ein bisschen Petersilie. Würde super gerne das Brot dazu mal selbst machen, dauert mir dann aber doch immer zu lange – Ciabatta-Brötchen tun es dann auch. 

    Jule: Hm, jetzt hab ich Hunger.. Nun gut. Zum Ende eines jeden Interviews gibt’s ein Blank Space. Ihr könnt jetzt alles rauslassen, was euch auf dem Herzen liegt, völlig egal was:

    Drens: Das ist wahrscheinlich eh klar, aber wir freuen uns super krass auf unsere Tour im November und Dezember, das ist gerade echt unser Licht am Ende des Tunnels. Hoffentlich ist die Welt bis dahin wieder besser drauf und Corona nervt nicht mehr. Was wir uns wünschen würden ist, dass die Menschen, an die gerade nicht so häufig gedacht wird, nicht vergessen werden: Corona kennt keine Grenzen und wie Menschen vor den Toren Europas hängen gelassen werden, ist traurig. Es wäre schön, wenn die EU Organisationen wie die „Seebrücke“ oder „Grenzenlose Wärme“ nicht hängen lassen und teilweise kriminalisieren, sondern helfen würde.

    Jule: Liebsten Dank für den schönen Talk und die noch schöneren letzten Worte. Ich werd mir jetzt erstmal was zu Essen organisieren.


    Wenn ihr übrigens Bock habt, Drens‚ EP Pet Peeves zu hören, klickt ihr hier. Und danach könnt ihr euer Bestes geben und laut beim letzte Woche erschienenen Karaoke-Video zum Song Ride The Tide mitsingen, um euch wie der Surferdude zu fühlen, der ihr seid. Viel Spaß!

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  • Exklusive Videopremiere: PBSL und „Vermissen“

    Wir lieben feiern und deshalb feiern wir heute gemeinsam mit PBSL die Premiere ihres Musikvideos zum Song Vermissen“. Bitte nehmt eure Plätze ein und schnallt euch an: Die Zeitkapsel mit dem Ziel „Fernsehen im Jahr 1986“ hebt ab!


    PBSL kommen aus Bonn und machen süßen deutschen Indiepop. Ihr Song „Vermissen“ ist bereits auf dem im letzten Jahr erschienen Album Tropfen Traenen vertreten. Aber heute ist der Tag, an dem der Song in die Bildsprache übersetzt wird – und die ist famos, knorke und andere Worte aus den 80ern.

    In „Vermissen“ geht es eigentlich um die Hin- und Hergerissenheit einer Fernbeziehung. Um die Gefühle massiver Vorfreude, aber auch der nicht enden wollenden Einsam- und Traurigkeit, wenn der/die Andere wieder im Zug sitzt. Und vielleicht nicht mehr wiederkommt. Allerdings kann man den Songtext auch ausnahmslos gut ins Isolationsjahr 2020 spiegeln. Haben PBSL da aus Versehen einen genialen Song geschrieben?

    Als ich das Video das erste Mal gesehen habe, musste ich wirklich heftig lachen. Das hat sich übrigens dank der vielen liebevollen Details bis heute nicht geändert. PBSL zeigen damit, dass es für ein geiles Video vielmehr auf das Konzept als auf die Kohle ankommt. Die Jungs haben es als „DIY-No-Budget-Video“ betitelt, immerhin sind sie (wie auch immer) mit nicht mal 150 Euro ausgekommen. And I think I love that.

    Das Video spielt in der spießigen Fernsehlandschaft der 1980er Jahre – die Mehrzahl von uns war da wohl noch nicht mal annähernd geplant. Von Kartoffelsalat und Würstchen über durchfallfarbene Sackos und alte Röhrenfernseher ist alles dabei, was unsere Eltern und Großeltern damals gefeiert haben. Dabei haben PBSL das Video jedoch nicht passend zum Text verbildlicht, vielmehr zieht dieser sich einfach so durch das Leben der gutbürgerlichen Deutschen.

    Aber genug angeteasert. Das ist jetzt der perfekte Moment, euch endlich in das Video zu entlassen. Ich wünsche euch mindestens so viel Spaß damit, wie ich ihn habe. Vielleicht schickt ihr’s auch einfach jemandem, den ihr gerade vermisst, wie wär’s?

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    Wer jetzt richtig Bock bekommen hat, sein Gesicht in eine Schüssel voll Ketchup zu drücken und dafür noch den passenden Soundtrack braucht, möge sich bitte auf dem Spotify-Profil von PBSL austoben. Da ist für jede Eventualität was dabei, versprochen!

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  • Betterov im Interview: »Krass, das hören jetzt auch Leute«

    Betterov hat letzten Monat seine Debüt-EP Viertel vor Irgendwas veröffentlicht. Im ausführlichen Interview mit Jule erzählt er u.a. über den Entstehungsprozess der EP, seine Musikvideos und löst das Rätsel um die Schwarzwälder Kirschtorte.

    Ich habe ja bereits ausführlich über die Debüt-EP von Betterov referiert (die Review findest du hier). Kurz nach dem Release habe ich mit dem Wahl-Berliner ein bisschen gequatscht – natürlich social-distancing-mäßig am Telefon. Was ich aus ihm so rauskitzeln konnte, lest ihr jetzt. Viel Spaß!

    Betterov im Interview

    Jule: Hey, Betterov. Schön, dass du Zeit für uns gefunden hast. Fangen wir direkt an: Das Release-Konzert, bei dem du in Viertel vor Irgendwas reinfeiern wolltest, konnte aus allseits bekannten Gründen nicht stattfinden. Wie hast du den Release-Day stattdessen verbracht?

    Betterov: Tagsüber habe ich einfach Musik gemacht. Ich saß halt so Zuhause rum – man ist aktuell ja auch ein bisschen eingeschränkt und die Möglichkeiten echt begrenzt. Ich hätte den Tag ansonsten mit Sicherheit anders verbracht. Am Ende habe ich auf jeden Fall recht viel Wein getrunken. (lacht)

    Jule: Wie ging es dir denn, als du die fertige EP das erste Mal gehört hast? Hast du diesen Moment irgendwie „gefeiert“?

    Betterov: Ich hatte diesen Moment von „das ist jetzt fertig“, als ich vom Studio nach Hause gefahren bin, nachdem ich den Gesang aufgenommen hatte. Das ist so doof irgendwie, aber ich saß so da und dachte nur: „Krass. Das ist jetzt fertig. Das geht jetzt nach draußen. Das hören jetzt auch Leute“. Das war ein sehr aufregender Moment. Aber als die Platte dann richtig fertig-fertig war, hatte ich das nicht mehr so.

    Über das Leben auf dem Land

    Jule: Es geht in Viertel vor Irgendwas viel um das Leben auf dem Land. Du bist ja auch ein Dorfkind, lebst aber seit einigen Jahren in Berlin. Wie war die Umstellung für dich – ein Kulturschock oder bist du gut klargekommen?

    Betterov: Das war ganz schwer für mich und die Umstellung ist auch immer noch nicht vorbei. Als ich nach Berlin gezogen bin, habe ich versucht, das Leben vom Land 1 zu 1 auf das Leben in der Stadt zu projizieren. Ich komme aus der Rhön, das ist so’n Mittelgebirge. Da bin ich halt immer die kleinen Berge hochgelaufen, wenn mich was genervt hat oder so. Und wenn ich dann auf dem Berg stand und mir das Ganze so von oben angeguckt habe – das klingt jetzt sehr pathetisch, und das ist es auch, aber dann war alles irgendwie nicht mehr ganz so schlimm. In Berlin musste ich dafür plötzlich eine ganz andere Übersetzung finden. Das war sehr schmerzhaft, aber ab einem gewissen Zeitpunkt auch cool, weil es mich extrem weitergebracht hat.

    Jule: Also würdest du schon sagen, dass deine Texte eher autobiografisch sind? Mehr, als dass du ein Geschichtenerzähler bist?

    Betterov: Es ist irgendwie beides. Ich versuche, wenn ich etwas Autobiografisches schreibe, wie z.B. den Song Das Tor geht auf, das in eine Geschichte einzubetten, das ist mir schon wichtig. Ich weiß nicht, wie interessant mein Privatleben ist – ich würde mal schätzen, dass es wohl nicht albumfüllend wäre. Es interessiert mich auch viel mehr, etwas autobiografisch zu erzählen, vielleicht Probleme aufzuzeigen und das eben in eine Geschichte zu verpacken. Und wenn mir das gelingt, dann wäre das cool!

    Über die Produktion, Einflüsse und Ansprüche

    Jule: Ich finde, dass der Sound der EP eine sehr klare Linie hat. Gab es besondere Einflüsse, durch die sich diese Linie entwickelt hat?

    Betterov: Das ist schon eine sehr stringente Platte, das stimmt. Das liegt aber hauptsächlich auch an Tim Tautorat, der sie mit mir produziert hat. Wenn die Sperenzien in meinem Kopf zu groß wurden, hat er dann einfach gesagt: „Nee, sollten wir jetzt vielleicht nicht tun“. Ansonsten gab es auch Einflüsse: Ich bewundere die Smiths wahnsinnig. Das, was die gemacht haben, das gab es nur einmal und das gibt es nie wieder. Wie auch das Album Stadtaffe von Peter Fox. Der hat damit einfach etwas ganz Eigenes geschaffen. Selbst wenn Leute sich vornehmen, das nachzuahmen, sie werden diesen Status nicht erreichen. Sowas habe ich mir ein bisschen als Richtung gesucht – es sollte eine Platte werden, die Kraft hat, nach vorne geht und Themen beschreibt, die es vielleicht noch nicht so häufig in deutschen Texten gibt. Das würde ich dann aber vielleicht nicht „Einfluss“, sondern „Anspruch“ nennen.

    Jule: Gibt es jemanden, mit dem du gerne mal zusammenarbeiten wollen würdest?

    Betterov: Ich bewundere Herbert Grönemeyer sehr. Ich finde den extrem klug, auch abseits der Musik. Er ist natürlich auch schon wahnsinnig lange dabei und weiß ganz viel. Den finde ich sehr beeindruckend, das würde mich sehr interessieren. Ansonsten, hmm. Er ist jetzt der Erste, der mir spontan einfällt. Der ist schon ziemlich gut.

    Über seine Musikvideos

    Jule: Ein Aspekt, der dich auch sehr ausmacht, sind deine Musikvideos. Wie wichtig sind dir die Videos, auch bezogen auf deinen Schauspiel- und Theater-Hintergrund?

    Betterov: Die Videos sind mir schon sehr wichtig. Das ist natürlich auch super, wenn du die Geschichte des Songs mit dem Video nochmal komplett erzählen kannst. Das ist auch das Tolle an dem Beruf, den ich gerade habe. Es geht, na klar, um die Musik und die Texte. Dann kommt es aber auch darauf an, eine Bildsprache zu entwickeln, die Kostüme zu entwerfen – das ist eigentlich exakt dasselbe, was im Theater stattfindet, nur dass hier alles von mir ausgeht. Das ist natürlich eine krasse Verantwortung und es gibt sehr viel zu tun. Auf der anderen Seite hat man auch eine unglaubliche künstlerische Freiheit – nämlich alle Freiheit. Und das ist ein riesengroßes Glück.

    Jule: Das heißt, die Konzepte für die Videos kommen auch aus deiner Hand?

    Betterov: Nicht ganz. Ich arbeite mit Michél Almeida zusammen – der macht u.a. auch Videos für Fil Bo Riva. Mit ihm funktioniert das wahnsinnig gut. Wir brainstormen gemeinsam, entwickeln Ideen, dann zieht sich langsam die Schlinge zu, die Ideen werden immer klarer. Am Ende haben wir dann ein Konzept und das ziehen wir durch. Michél hat auch einfach schon sehr viele Musikvideos gemacht und kann daher z.B. auch sagen „ist ’ne super Idee, aber technisch nicht umsetzbar“, da fehlt es mir oftmals ein bisschen.

    Jule: Aber manchmal sind auch die einfachsten Ideen nicht so leicht umzusetzen, oder? Ich spiele hier explizit auf das Video zu Angst an.

    Betterov: Ja, bei dem Video zu Angst war das wirklich gar nicht so einfach. Dreieinhalb Minuten in One-Take zu versuchen einen Pullover auszuziehen, der die Angst symbolisiert, aus der man nicht rauskommt. Und das Kuriose daran ist eben: Der Pullover ist ein Alltagsgegenstand – warum kommt er da nicht raus? Super geile Idee in der Theorie, aber mega schwer umzusetzen (lacht). Wenn du es nicht glaubwürdig hinbekommst darzustellen, dass du nicht aus diesem Pullover rauskommst, wird es nicht nur ein schlechtes Musikvideo, dann geht einfach das ganze Konzept nicht mehr auf. Die Idee ist weg und es gibt dann faktisch kein Musikvideo mehr. Da war es auch total wichtig, dass Michél und ich gut zusammengearbeitet haben – wir haben immerhin um die 40 Durchläufe gebraucht, bis ein Take dabei war, mit dem wir letztendlich zufrieden waren.

    Über die Bedeutung der Torte und seines Künstlernamens

    Jule: Was hat es eigentlich mit der Schwarzwälder Kirschtorte auf sich? Ist sie nur ein Signature-Ding oder hat sie eine tiefere Bedeutung?

    Betterov: Sie ist schon ein Signature-Ding und entstand für das Video zu Dynamit. Wir dachten es wäre cool, ein Mond-Video zu machen. Aber ohne große Handlung, sondern eher so David-Lynch-artig, wo es um Bilder geht, über die man so komisch in eine Situation geworfen wird. Dann war die Idee, dass die beiden Protagonisten irgendwas finden müssten und zwar etwas, was da überhaupt nicht hingehört – so kam es zur Schwarzwälder Kirschtorte. Wir fanden es dann witzig, wenn sich diese Torte durch jedes Video zieht, aber erst im letzten Video zu Irrenanstalt im richtigen Kontext auftaucht – nämlich auf einer Familienfeier, da wo sie in ihrer natürlichen Umgebung hingehört (lacht).

    Jule: Wo wir gerade bei Bedeutungen sind, kommen wir mal zu deinem Künstlernamen. Was bedeutet „Betterov“?

    Betterov: Der Name kommt von einer Figur aus der dänischen Filmreihe Die Olsenbande. Das sind drei sehr gut angezogene Ganoven, die krumme Dinger drehen, die eigentlich immer schief gehen. Diese Filme waren in der DDR sehr populär, deshalb flogen sie bei uns Zuhause auch immer rum und ich habe sie als Kind echt abgefeiert. In einem dieser Filme gibt es einen Betterøv – wird wohl eher „Betterö“ ausgesprochen. Ich fand diesen Namen aus vielen Gründen wahnsinnig passend. Ich habe ihn dann irgendwann eingedeutscht, indem ich das skandinavische ø gegen ein o ausgetauscht habe. Das witzige an der Figur Betterøv ist auch, dass sie höchstens zweimal trottelig durch’s Bild läuft und einfach total unbedeutend ist (lacht). Man muss echt richtig Recherche betreiben, bis man herausfindet, wie sie überhaupt heißt. Ich fand das irgendwie gut, sich nach einem Statisten zu benennen und nicht nach einer Hauptfigur oder jemandem, der richtig was reißt (lacht).

    Jule: Am Ende eines Interviews gibt es immer einen Blankspace, wo man alles sagen kann, was man will. The stage is yours:

    Betterov: Jetzt gerade ist es einfach nur: Bitte bleibt Zuhause!

    Jule: Perfekt, das kann man aktuell echt nicht oft genug sagen! Vielen Dank für das sehr lustige und aufschlussreiche Interview!


    Hier könnt ihr euch noch eine Schwarzwälder Kirschtorte in ihrer natürlichen Umgebung anschauen:

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    Fotocredits: Massimiliano Corteselli

  • MOA baut in „trümmer“ sein Leben wieder auf

    MOA baut in „trümmer“ sein Leben wieder auf

    MOA hat mit „trümmer“ eine weitere Single aus seinem im Sommer 2020 erscheinenden Debütalbum veröffentlicht. Frei nach dem Motto: Können wir das schaffen? Jo, wir schaffen das! Warum der Song zum Ärmel hochkrempeln animiert liest du jetzt in der Review von Jule.

    Lucas Mohr, der sich hinter MOA verbirgt (Wortwitz-Queen Jule liebt das!), ist ein junger Songwriter aus Kassel, der schon seit frühester Kindheit Musik macht. Gemeinsam mit seiner Schwester war er u.a. auch mal als Duo Gimmemohr (ich flipp aus!) unterwegs. Das erste Mal ist er Ende 2019 auf meinem Radar aufgetaucht. Seitdem hat er regelmäßig neue Singles rausgehauen, die zusammenhängende Geschichten erzählen und im Sommer 2020 in dem Release seines Debütalbums an/aus gipfeln werden.

    MOA – echte, deutsche Wertarbeit!

    Das Intro von trümmer beginnt zunächst mit einer ruhigen Gitarre, die aber in der anschließenden Strophe die melodischen Pop-Flügel ausbreitet. Ich muss bisschen grinsen, als MOA dieses „ja ja“ singt, was wir alle auch aus den Songs von Provinz kennen dürften. Im Refrain gibt’s dann schöne Claps, die im Fernsehgarten sicherlich fleißig mitgeklatscht werden würden. Der Rhythmus des Songs ist dadurch ziemlich catchy und mitreißend. trümmer könnte auf jeden Fall aus dem Lehrbuch „How to: Popsongs schreiben“ stammen, ohne dabei jedoch verweichlicht wie jeder zweite aus den Charts zu klingen. Das macht vielleicht auch MOA’s Stimme, die dem Song an den richtigen Stellen einen ganz besonderen Vibe gibt.

    Aus Trümmern und Staub – bau ich alles wieder auf.
    Aus Trümmern und Staub – steh ich wieder auf.
    Lass‘ alles los, will nichts davon zurück.
    Aus Trümmern und Staub bau ich alles, ich bau mich wieder auf.

    Inhaltlich geht es in trümmer offensichtlich darum, einmal mehr über den Scherbenhaufen, den das Leben einem manchmal vor die Füße wirft, zu klettern. Darum, aus etwas Kaputtem ein neues Kunstwerk zu basteln und nicht aufzuhören, an sich selbst zu glauben. Die Devise lautet eindeutig „aufstehen, statt liegenbleiben“. MOA hat durch den eben beschriebenen Rhythmus des Songs eine feine, ohrwurmlastige Motivationshymne für alle Pop-Liebhaber geschaffen. Für meinen nächsten mental breakdown weiß ich auf jeden Fall, welchen Song ich hören muss, um mich wieder zu motivieren.

    Und wenn euer Leben gerade nicht in Trümmern liegt (i hope so), dann könnt ihr den Song auch richtig gut beim Wohnung putzen und Staubmäuse sammeln (Selbstisolation macht erfinderisch) hören – habe das bereits getestet und für witzig befunden. Wobei das nichts zu sagen hat, denn mein Sinn für Humor ist.. speziell. Egal. Der Kernpunkt meiner Aussage ist: Hört den Song! Und am besten auch alle anderen Songs von MOA. Und wenn wir jetzt noch alle weiter artig Zuhause bleiben (#stayhome), dann können wir uns im Sommer zum gemeinsamen Debütalbum-Hören treffen. Deal? Cool!

    Manchmal kommt es eben doch auf die Optik an…

    An dieser Stelle will ich unbedingt noch ein nicht-musikalisches Lob loswerden: MOA hat obviously nicht nur ein Händchen für Töne, sein Augenmerk scheint auch auf dem Visuellen zu liegen. Seine Storys bei Instagram sind beispielsweise gerade alle im Design des Covers zu trümmer. Generell sind seine Feeds auf sämtlichen Plattformen (beispielsweise auf Spotify) und auch der minimalistische Faden in seinen Videos und Songtiteln echte Hingucker.

    Zusätzlicher fun fact: Eine investigative Nachfrage bei MOA hat ergeben, dass die handgeschriebenen Texte (z.B. in den Lyric-Videos) von ihm höchstpersönlich stammen. Also mich spricht die optische Umsetzung und die kompromisslose Liebe für’s Detail total an, i like that very much.

    Ihr könnt euch davon jetzt selbst überzeugen, indem ihr euch das Video zu trümmer anschaut, viel Spaß!

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  • Betterov trifft mit „Viertel vor Irgendwas“ direkt ins Herz

    Endlich, die Debüt-EP Viertel vor Irgendwas von Betterov ist da! In 6 Akten geht es neben dem Leben auf dem Land u.a. auch um ein Thema, was uns alle begleitet: die Liebe. Jule hat’s die Schuhe ausgezogen. Wieso, weshalb und warum lest ihr jetzt in der Review!

    Wer immer mal wieder ein Auge auf den Newcomer-Bereich wirft, dem sollte Betterov inzwischen ein Begriff sein. Schauspielstudium, 26 Jahre jung, aufgewachsen in einem Dorf in Thüringen, seit mehreren Jahren in Berlin. Ende letzten Jahres hat er seine Debüt-Single Dynamit veröffentlicht und dann mit zwei weiteren Singles nachgelegt. Die logische Konsequenz daraus ist jetzt natürlich die EP. Dank der lieben Leute von NEUBAU Music durfte ich bereits Mitte Februar reinhören. Und das habe ich getan, ziemlich exzessiv sogar.

    Zuerst möchte ich von meinem allerersten Hörerlebnis erzählen: Wir schreiben den 10.02.2020. Es war wahrscheinlich wieder einer dieser typisch verregneten Tage – Berliner Winter halt. Da mir die ersten beiden Singles von Betterov schon unfassbar gut gefallen haben, habe ich mir vorsorglich vorgenommen, diesen Moment ausgiebig zu zelebrieren. Die Sound-Anlage ist auf Anschlag gedreht und nur die Lichterkette im Fenster (die halt seit Weihnachten hängt) leuchtet soft. Die Platte geht los und von der ersten Sekunde an beamt sie mich völlig weg. Die Texte, die Stimme, die Instrumente. Betterov, you fucking got me. Die kompletten 20 Minuten dieser Platte verbringe ich in folgendem Mix: Offener Mund, Lähmung, geschlossene Augen, Fassungslosigkeit, aufgerissene Augen. Eventuell muss ich mir zwischenzeitig auch das ein oder andere Tränchen verkneifen. Und haargenau so verbringe ich die nächsten ein bis drei Stunden.


    Akt 1: Wenn die Liebe gegangen ist – eine starke Exposition

    Der erste Song der EP ist zugleich auch der Titelsong: Viertel vor Irgendwas wirft uns direkt ins Geschehen. Zunächst erzählt Betterov semibegeistert, welch ein Wunder es sei, wie die Vögel auf den Stromleitungen sitzen. Relativ schnell nimmt der Song aber an Emotionen auf. Aufgebrachte Menschen zitierend lässt er durchblitzen, dass ihm aktuell einfach alles wirklich völlig Wurst ist. Wir befinden uns in der akuten Situation, dass eine Liebe zerbrochen ist. Wir realisieren, dass das gemeinsame Leben nicht mehr existiert. Und das ist schmerzhaft.


    An mir geht alles vorbei, ich bin die pure Langeweile.
    Das Einzige, was ich weiß: Ich ertrag‘ mich nicht alleine.


    Irgendetwas in der Stimme von Betterov macht mich direkt mit traurig. Heftig, wie krass man dieses Gefühl in Gesang umsetzen kann. Der eingängige und griffige Sound der Gitarren unterstreicht zusätzlich den Moment, in dem wir komplett von unserer Niedergeschlagenheit eingenommen werden. Wenn wir erst weinen, dann lachen und letztlich in uns zusammensacken. Ich bin heftig gerührt. Unfassbarer Einstieg in die EP und unfassbare Umsetzung des Themas.


    Akt 2: Eine Umleitung

    Angst, den zweiten Song der EP, habe ich bereits ausführlich auseinandergenommen – die Single-Review könnt ihr hier nachlesen. Ich spare mir daher hier die Wiederholung meiner Lobeshymne.


    Akt 3: Die Reise ins Weltall

    Weiter geht es mit Dynamit, die erste Single-Auskopplung dieser EP. Es geht darum, dem Alltagstrott zu entfliehen. Um die Sehnsucht nach Größerem. Und wenn es auch nur gedanklich ist, indem man sich auf Juri Gagarins Spuren begibt und ins Weltall träumt. Mit rauer Stimme besingt Betterov, wie er durch den Flur fliegt. Ich fühle mich direkt in meine Kindheit zurückversetzt, als Abenteuer-Rollenspiele einfach der absolute Shit waren – do you remember?


    Wenn ich wiederkomm‘, werd‘ ich ein Anderer sein
    Vielleicht komm‘ ich ja auch gar nicht wieder heim


    Etwas, was Betterov bemerkenswert gut beherrscht, sind Melodien. Dynamit ist ein beschwingter Song, den man spätestens nach dem zweiten Mal hören mittrommeln kann. Als Großstadtmädchen ist es für mich super spannend, ein Gefühl für das Landleben zu bekommen. Die Vorstellung, dass es Freunde gibt, die sich gemeinsam aus ihrem trostlosen Leben wegträumen und zusammen spannende Geschichten erfinden – irgendwie beruhigt mich das. Auch dieser Song ist auf seine einzigartige Art ein echter Hinhörer, so kann es weitergehen.


    Akt 4: Verwundbarkeit – eine leise Peripetie

    Das nächste Lied heißt Das Tor geht auf. Die erste langsame und zurückhaltende Nummer – was natürlich nicht bedeutet, dass es hier nicht ebenfalls geile Gitarren-Sounds gibt. Mir persönlich fällt es echt schwer, die genaue Bedeutung des Textes zu verstehen. Ich habe schon einmal erwähnt, dass ich nicht die krasseste Analytikerin bin. Die Lyrics sind zwar aussagekräftig und bildlich, aber dennoch so flexibel, dass ich nicht genau weiß, was Betterov mir hier erzählen will. An dieser Stelle wird’s mal interaktiv: Mich würde interessen, wie ihr diesen Song deutet. Slidet dafür gerne mal in unsere DM’s auf Instagram und lasst mich an euren Interpretationen teilhaben!


    Das Tor geht auf. Das alles dreht sich.
    Ich würd‘ gern noch bleiben.
    Doch hier ist kein Platz für mich.


    Mal von der Interpretation abgesehen habe ich ehrlicherweise auch etwas länger gebraucht, um den richtigen Zugang zu Das Tor geht auf zu finden. Er fällt ein wenig aus dem Rahmen, was den sonst so nach vorne gerichteten Sound der EP angeht. Inzwischen finde ich ihn im Gesamtpaket aber sehr schlau gewählt und platziert. Und irgendwie macht für mich den Song erst so richtig aus, dass ich seine Bedeutung noch nicht zu 100 % durchschaut habe. Dadurch bleibt er auf viele Emotionen und Situationen spiegelbar.


    Akt 5: Wenn die Liebe gegangen ist 2.0

    Irrenanstalt heißt der nächste Song, in dem es wieder um die Liebe geht. Gewohnt lethargisch beginnt der Gesang von Betterov. Dann kicken Gitarren, Bass und Drums rein und es folgt einer der vielen wunderschönen Sätze in diesem Song: „Der Plan, der mal mein Leben war, ist jetzt ein Stück Papier“. Mit dieser Zeile singt er sich sein Herz aus der Brust und wirft es mir mit voller Wucht an den Kopf. Das ist wieder der Moment, in dem ich es nicht fassen kann, wie viel Emotionen man mit seiner Stimme in nur einen Satz packen kann.


    „Doch falls ich irgendwo unter die Räder komm‘,
    dann möcht‘ ich neben dir bestattet sein“


    Dieser Song ist für meinen Geschmack ein lyrisches Meisterwerk. Ich habe bereits zwei Sätze herausgepickt und ich muss weitermachen: „Und ich bleib‘ dabei, ich bin ab jetzt allein.“ – wie Betterov auch diese Stelle singt.. ciao. Ich liebe liebe liebe jedes einzelne Wort in diesem Stück. Ich habe zwar noch eins vor mir, aber Irrenanstalt ist auf jeden Fall mein allerliebstes Lied auf dieser EP. Hier passt einfach alles zusammen: Text, Stimme, Instrumente, Melodie, Stimmung. Alles.


    Akt 6: Leben – ein lautes Finale

    Kennt ihr diese Szenen in Filmen, in denen die jungen Protagonisten nachts auf Fahrrädern durch’s Dorf hechten? Weil das letzte Bier vielleicht eins zu viel war. Einer fährt, einer sitzt hinten drauf und manchmal findet auch noch jemand einen Platz auf dem Lenker. Das sind die Bilder, die ich im Kopf habe, wenn ich den letzten Song der Platte höre: Nacht. Für mich erzählt er von einer lauen Sommernacht, in der man einfach nur geschehen lässt. Die Augenblicke so nimmt, wie sie kommen.


    „Die Leute in den Häusern kommen nach Haus‘.
    Wir ziehen uns an, die Nacht lockt uns raus.“


    Das ist der erste Song, der für mich mehr von den Drums lebt, als von den Gitarren. Wenn die loslegen, fühle ich genau die oben beschriebene Heiterkeit – auch wenn „heiter“ nicht unbedingt das passende Adjektiv für die Lyrics ist. Auch hier gibt es wieder eine Textzeile, die es mir völlig angetan hat: „Drück den Schalter an der Wand und die Sonne ist am Start. Strahlt mit 60 Watt und hängt an einem Draht“. Fürs Songwriting gibt es von mir einfach eine glatte 1.


    Eine EP, die dein Freund sein kann – mein Fazit

    Obwohl es sein Debüt ist, lässt sich schon nach dem ersten Hören feststellen, dass Betterov einen ganz eigenen Sound hat. Eine klare Linie, die sich von Lied zu Lied zieht, ohne langweilig zu werden. Prägnante Gitarren-Riffs, die sich sofort ins Hirn bohren. Massive Drums, die eine einmalige Stimmung erzeugen. Texte, die gesungen werden, als wäre es das Letzte, was man tun kann. Der Sound ist strikt, geradeaus und nach vorne. Dass Viertel vor Irgendwas mega gut produziert sein würde, war mir ab dem Moment klar, als ich gelesen habe, dass the one and only Tim Tautorat seine Finger im Spiel hat. Der Titel passt für mich übrigens auch wie die Faust auf’s Auge – wenn ich es mir explizit gemütlich mache, um sie zu hören, dann verliere ich jegliches Gefühl für Raum und Zeit. Wann ich mich hier hingesetzt habe? Muss so Viertel vor irgendwas gewesen sein…

    Solltet ihr euch Betterovs Debüt noch nicht angehört haben, dann folgender Tipp: In Zeiten von Quarantäne und social distancing gibt es sicher die eine oder andere ruhige Minute, in der Viertel vor Irgendwas der so dringend gebrauchte Freund sein kann. Bitte schenkt dieser Platte all eure Aufmerksamkeit und lasst jedes einzelne Wort in euer Herz – das hat sie wirklich verdient. Und wenn ihr soweit seid, dann klickt ihr einfach nur noch hier auf Play:

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  • Kaltenkirchen mit bittersüßem Debüt: „Im Namen der Liebe“

    Am 27.12.2019 veröffentlichte Kaltenkirchen das Debüt-Album „Im Namen der Liebe„. In 11 Songs werden wir mitgenommen auf eine Reise in die 80er, voll von Liebeskummer und Verlusten, am Ende aber irgendwie auch Zuversicht. Die komplette Albumreview von Jule lest ihr hier.


    Ich war 2019 wohl auf kein Debüt mehr gespannt als auf das von Kaltenkirchen, formally known as Philip Maria Stoeckenius. Vollständigerweise möchte ich hier aber auch Niklas Pichler, der sowohl Ein-Mann-Liveband als auch Produzent ist, erwähnen. Denn die beiden sind gemeinsam Kaltenkirchen.

    Mit „Liebe auf dem Klavier“ starten wir die Platte. Der Song handelt von einer leidenschaftlichen Romanze, die zu einer tiefen Verbindung verschmelzen zu scheint. Bis man merkt, dass die andere Person es irgendwie doch nicht so ernst meint. Kaltenkirchen singt mit solch einer Dramatik, dass ich das Gefühl habe, dass er diese Geschichte nicht nacherzählt, sondern genau in diesem Moment erlebt. Mit all der Liebe und all dem Schmerz. Das nicht weniger dramatische Instrumental da sein Übriges.

    Weiter geht’s mit „Die Lichter„. Und da passiert es: Ich frage mich ernsthaft, ob Kaltenkirchen uns eigentlich alle verschaukeln will. Ich bin mir während „Die Lichter“ sicher, dass er eigentlich bereits 50 Jahre alt ist und nun die Hits, die er als Jugendlicher 1986 geschrieben hat, unters Volk bringt. So authentisch 80er klingt der Sound für mich – und als im Jahr 1992 Geborene weiß ich genau, wovon ich spreche. Zweiter Song des Albums und ich bin überaus positiv überrascht. So kann es weitergehen.


    Vorsorglich schon einmal tief durchatmen…

    Du und Ich (1990)“ ist wahrscheinlich der Song, vor dem ich am meisten Respekt hatte. Via Instagram hat Kaltenkirchen erzählt, dass es um seine Eltern geht, die 1990 die Fehlgeburt des dritten Geschwisterkindes zu verkraften hatten. Schluck. Schwere Kost. Und da Kaltenkirchen mir seine Songs bisher mit 300 % Leidenschaft vorgesungen hat, befürchte ich hier gleich einen mental breakdown.


    Du trägst die Frucht unserer Zweisamkeit in deinem Bauch.
    Die Engel nehmen sie dir weg.
    Du nimmst es wahr wie im Rausch.
    Du versucht es dir zu erklären, warum das Kind in dir starb.
    Ich nehme dich bei der Hand, bis dort wo noch
    niemand war.


    Ich lasse diese Zeilen einfach mal so stehen. Höchst aufgewühlt bin ich, dieses Lied ist eine emotionale Achterbahnfahrt. Ich hoffe wirklich, dass der nächste Song mich wieder bisschen runterholt.

    Track 4 des Albums ist (zum Glück) der Gassenhauer „Harry Haller„, den viele von uns wohl besonders nach dem Video mit Mia Morgan und Drangsal lange im Ohr hatten. Ihr wisst schon, „zwei Seelen kämpfen in meiner Brust“. Gute Texte brauchen nicht immer eigenen Hirnschmalz. Manchmal ist es auch schön, die Lyrik eines anderen zu verwenden. Die von Goethe zum Beispiel. Den hat Kaltenkirchen hier nämlich zitiert. „Harry Haller“ ist wahrscheinlich sein Signature Song, der (hoffentlich) vielen Leuten Bock auf seine Musik gemacht hat. Ich jedenfalls singe jetzt für die nächsten Tage wieder leise „zweiiiisaaaam ist besser als einsam“ vor mich hin.


    Kaltenkirchen, we’re going down…

    Der nächDer nächste Song heißt Phase Null und ist wohl der seelische Tiefpunkt dieses Albums. Es geht um jemanden, der offensichtlich gerade nicht so ‘ne geile Zeit hat. Ob Philip hier von sich selbst erzählt? Er hat schon öfter erzählt, dass Kaltenkirchen das Ventil für seine eben kalte und depressive Seite ist. Trotz des schweren Themas ist der Synthie-Sound in Phase Null (wie bei allen Songs bisher) sehr melodisch und energiegeladen. Ich habe im Moment eine ziemlich gute Zeit. Vielleicht konzentriert sich mein Kopf deshalb auch eher auf den Beat, als auf den Text, der aber auch wieder unschlagbar ist:


    Und die Zynik lässt dich immer tiefer fallen
    und vernebelt den Verstand.
    Denn du hast dich im Verharren und im Trinken
    in der Nichtigkeit verrannt.


    Ob Philip hier von sich selbst erzählt? Er hat schon öfter erzählt, dass Kaltenkirchen das Ventil für seine eben kalte und depressive Seite ist. Wenn das so sein sollte, dann hoffe ich jetzt einfach mal, dass aus Phase Null inzwischen Phase Hundert geworden ist.

    In „Die Wolke“ werden sich wahrscheinlich sehr viele Leute wiedererkennen (und es nicht zugeben). Wir, die wir in einer Gesellschaft leben, in der uns unser Look auf Social Media oft wichtiger ist, als das Wohlergehen unseres Gegenübers in der realen Welt. Kaltenkirchen kritisiert hier lautstark unsere gesellschaftliche Entwicklung. Diese Kritik wird eingehüllt vom einem heftigen 80er-Pop-Sound, der super innovativ klingt. Ich möchte dieses Lied einfach ganz doll umarmen!


    Ich bin voll und ganz begeistert

    Im ersten Moment hat mich „Gib mir Deine Hand“ geschockt. Kaltenkirchen haucht mir hier im feinsten ASMR-Style ins Ohr. Gänsehaut. Aber nicht die gute, sondern die komische. Ich gewöhne mich aber zum Glück schnell daran. Der Song baut sich auf zu einem melodischen Meisterwerk. Textlich wieder ziemlich dunkel, aber für mich ist „Gib mir Deine Hand und lass dich von mir ziehen“ einfach einer der aufmunternsten Sätze, die man einem anderen sagen kann. Der prägnanten E-Gitarren-Riff in diesem Song gefällt mir auch richtig gut. In Kombination mit der Chipmunk-Stimme (das nennt man seit 2005 nicht mehr so, oder?) ist das ein Song, der etwas vereint, was meine Ohren so noch nie gehört haben.

    Von Song zu Song werde ich betrübter, weil ich mich langsam dem Ende nähere. Und auch „Testosteron“ enttäuscht mich nicht. Die Synthies in diesem Song gefallen mir bisher am besten von allen. Hier fällt mir zum wiederholten Male auf, dass ich die Wortwahl in den Texten von Kaltenkirchen wirklich unfassbar bewundere. Ich fühle die Hin- und Hergerissenheit mit jeder Sekunde des Songs mehr.

    In „Wir sind das Volk“ geht es um den oftmals schwierigen Grat von Toleranz zu Akzeptanz. Das Gefühl, alles umkrempeln und ändern zu wollen, aber nicht bei sich selbst anzufangen. Textlich ist dieses Lied einfach ein Hinhörer für alle New-Wave-Lover. Undd auch hier triggert er mich wieder mit den Emotionen in seine Stimme – ich möchte einfach mit ihm auf den Tisch hauen.

    Kommen wir zum Titelsong der Platte, der an vorletzter Position des Albums gelandet ist: „Im Namen der Liebe„. Viele von uns kennen das. Man liebt, obwohl man weiß, dass es keine Zukunft haben wird. Trennen wir uns aber dann? Nö, oftmals nicht. Anders hier: Es wird bemerkt, dass man nicht mehr so begehrt wird, wie es einmal war.


    „Im Namen der Liebe verlasse ich dich.
    Nicht weil ich das so möchte,
    es ist die Pflicht die aus mir spricht.


    Auch bei diesem Song fällt mir wieder auf, wie sehr ich Freud und Leid in Kaltenkirchens Stimme hören kann. Er catcht mich damit wie kaum ein anderer.

    Kommen wir zum letzten Song: „Demonstration“. Dieser ist ein reines Instrumental. Ich kenne mich in der elektronischen Musik nicht so gut aus, aber sind das Technobeats? Wie auch immer. Ich feier es irgendwie. Guter Song für mich, um nach dem emotionalen Auf und Ab wieder runterzukommen.


    Fazit

    Ich war super gespannt und hatte daher irgendwie aus Versehen auch ziemlich hohe Ansprüche. Ich mag Philip als Typen total gerne und meine zu wissen, was für ein kreativer und schlauer Kopf er ist. Und was soll ich sagen: Ich bin absolut hyped mit diesem Album.Im Namen der Liebe“ ist für mich eines der besten Debütalben ever. Ich möchte an dieser Stelle auch nochmal auf Niklas Pichler zurückkommen, der als Produzent unfassbar gut abgeliefert hat.

    Alle Songs erzählen auf wunderschön lyrische Art und Weise die bittersüßen Aspekte der Liebe, des Lebens und des Seins. Ohne mich jedoch mit einem schlechten Gefühl in den Tag zu entlassen. Ganz im Gegenteil. Durch die dynamischen Beats und den vielen unterschiedlichen Synthie-Sounds verkauft Kaltenkirchen geschickt seine durchaus kritischen und kompromisslosen Texte. Irgendwie hat er etwas erschaffen, was (jedenfalls in meiner Bubble) bisher noch nicht dagewesen ist.

    Und wer es bisher nicht getan hat und textsicher werden möchte, der kann sich hier das komplette Album anhören:

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