Autor: Lukas

  • Pink Lint mit „Ü“: Imperfektion in Perfektion

    Wenn ich Musik von Pink Lint höre, stelle ich mir immer eine futuristische Maschine vor, die ein ganzes Orchester auf einmal abspielen kann. Oder noch viel besser: Ein steampunkmäßiger, mechanischer Roboter mit einer großen Trommel auf dem Rücken und zahlreichen weiteren Instrumenten in seinen zahlreichen weiteren Armen. Denn was auf dem neuen Album „Ü“ so zu hören ist, ist gewaltig an Soundviellfalt und detailliert bis in alle Poren. Wie Oliver Burghardt alias Pink Lint das macht? Ich habe keine Ahnung! Und das ist absolut faszinierend.


    Wimmelbild

    Abreißen, Neubauen. Nach diesem Motto scheint der Berliner Musiker seine Musik zu konzipieren. So zerpflückt er beispielsweise bestehende Orchestersamples, Field Recordings und weitere Instrumentals und setzt sie, wie in einer Collage, wieder zusammen.

    Es gab mal eine Zeit in meinem Leben, da habe ich gerne mal ne Collage aus Partybildern, lustigen Sprüchen und Eintrittskarten gebastelt (macht das heute noch jemand?). Jedenfalls kam es dabei immer drauf an, diese Fetzen genau an den richtigen Stellen über- und untereinander zu verwursten, sodass es am Ende ein stimmiges Ganzes ergab. Gar nicht so leicht. Und erst geil, wenn es ganz fertig war.

    Ich stelle mir das genau so bei den musikalischen Collagen auf „Ü“ vor. Ich kann deswegen vorab eines mit Gewissheit sagen: Pink Lint und sein Produzent David Hoffmann müssen STUNDEN (Tage, Wochen) damit verbracht haben, nach Sounds und Samples zu graben, sie zu dekonstruieren und wieder neu zusammenzupappen. Und wenn es dann ganz fertig ist, wie jetzt, hat es eine krasse Fernwirkung und alle so „whoa!!!“.

    Die Texte auf „Ü“ suchen da eher den direkteren Weg und sind, um beim Bild zu bleiben, der Kleber, der die Collage zusammenhält. Insgesamt geht es wohl darum, verlorene Freiheiten wiederzuerlangen. Und wenn sie niemals da waren, selbstreflektiert an neuen Herangehensweisen zu arbeiten. Kurz gesagt: Pink Lint seziert seine Persönlichkeit und analysiert sein Verhalten in Bezug auf die zentrale Frage: Wo steht mir mein Ego im Weg? Völlig transparent, auf der Suche nach einem positiven Mindset. Denn ein „Ü“ ist ja schließlich auch ein lächelnder Buchstabe.


    Einhornballon

    Im Song „Bad Idea“ geht es um eine Form von Co-Abhängkeit in Beziehungen. Nicht immer schön, sowas. Klar, man sorgt sich halt manchmal. Will wissen was der*die andere so macht, wie es so geht. Und dann sorgt man sich vielleicht einmal zu oft. Offenbar kann dieses „Klammern“ ganz schön in den Wahnsinn treiben und führt im Song allmählich zur kompletten Selbstaufgabe. Musikalisch untermalt er das mit einem zunächst ziemlich undurchsichtigen Songschema. Kreuz und quer im Raum verteilte Streicherensembles und die immer mal hervorblickende Ukulele (ist doch ne Ukulele, oder?) sorgen für entsprechendes Chaos, das erstmal geordnet werden will.

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    Fleißigen UNTOLDENCY-Leser*innen dürfte der Track „Windhound“ auch schon bekannt vorkommen. Vor einiger Zeit konnten wir gemeinsam bei UNTOLDENCY die exklusive Videopremiere des Songs feiern (click here). Auch im Kontext des Albums funktioniert der Song super. Ziemlich selbstreflektiert schildert Pink Lint hier seine Bewunderung einer extrovertierten Persönlichkeit. Eine, die immer nur das macht, was sie will und damit prima durchs Leben kommt. Spontanität und „Fuck-Off“-Attitüde sind bei anderen Menschen oft bewundernswert und man selbst scheint daneben manchmal etwas lost unterzugehen.

    Um dem Überbegriff „Freiheit“ jetzt auch noch eine schöne Metapher zu verpassen, bedient sich Pink Lint auch weiterhin gerne in der Tierwelt. Den Windhund hatten wir ja jetzt schon, der durch seine schnelle und agile Art eigentlich ja schon so etwas wie Freiheit verkörpert. Noch besser können das aber? Vögel! In „Bird“ sind unsere gefiederten Freunde für mich das Sinnbild für Genügsamkeit und Frieden. Etwas, das im rasenden Alltag einfach oft fehlt, aber eigentlich doch immer greifbar nah ist. Die unsichtbare Hand auf unserer Schulter, die uns sagt: „Hey, alles gut, Mensch!“ Wie in einem ziemlich klassischen Folk Song begleitet sich Pink Lint anfangs nur mit Gitarre und föhnt uns mit seinem angenehmen Bariton die Härchen auf den Armen zu Berge. Der Autotuneeffekt im Refrain flasht mich wahrscheinlich so, wie der inhalierte Einhornballon auf der Kirmes es getan hätte:


    „let’s go to the fair
    buy a balloon unicorn and inhale it
    let’s get some weed and get high first
    take this seriously, please
    my day is wide open“

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    Times are strange

    „Happy Meals“ – das ist für mich der absolute Kracher auf dem Album. Spannungen bauen sich im Song auf und wieder ab. Dann immer wieder diese epischen Trommel-Fill-Ins. Dort ein paar Orchestral Hits, dann wieder nur Gesang mit Gitarre und leisem Synthesizer. Aufruhr – Abklingen, Aufruhr – Abklingen. Thematisch in den Lyrics auch; ist dieser Song vielleicht sogar ein politischer Song? Ich habe auf jeden Fall beim ersten Hören gestaunt, wie gut die Lyrics zu den aktuellen Debatten und Protesten, national und international, passen. Kaum waren sie da, sind sie auch wieder verschwunden. Und dann diese unglaublich gute Zeile:


    „we’re throwing happy meals at the establishment“


    Ähm? Wie geil? Das ist so ein wundervolles Bild. Ich seh’ mich auch direkt auf ’nem Scooter die fettdurchtrieften ghetto grocery bags gegen die Fassaden der Mächtigen werfen. Drive by, pow pow pow.
    Für mich jedenfalls steckt da allerdings noch einiges mehr hinter. Auf den ersten Blick wirkt diese „Waffe“ natürlich etwas harmlos und unbeholfen, auf den zweiten Blick öffnen sich meine Augen aber immer weiter. Denn in diesen „Happy Meals“ steckt quasi der komplette Kapitalismus, die Globalisierung, der perverse Fleischkonsum und damit die Zerstörung unserer Erde. Wow. Und das werfen wir den Verantwortlichen einfach wieder zurück vor die Füße.


    „it’s just how it is, they say,
    until it is no more“


    Damit bringt er im gleichen Text auch direkt ein viel gehörtes Gegenargument. Es ist halt wie es ist, und dabei bleibt’s! Hm, echt? Naja, jedenfalls bis zum nächsten trendenden #riot-Hashtag. Ein schöner Denkanstoß.

    „Mama sagt“ fügt sich nahtlos an und bildet auch thematisch eine schöne Ergänzung. Während ich mich bei „Happy Meals“ vielleicht gefragt habe, ob hier der Generationenkonflikt eine Rolle spielt, wenn es um Verantwortliche und Leidtragende aktueller und zukünftiger Probleme geht, liefert dieser Song eine mögliche Antwort. Auch weil der Song für sich genommen eigentlich etwas sehr unbeschwertes aussstrahlt — nämlich Mamas Rat zu folgen, eine fünf auch mal gerade sein zu lassen— wirkt er im Kontext einer ganzen Palette drohender globaler Katastrophen natürlich umso pikanter. „Times are strange“, das ist wahr. Und vielleicht ist jetzt auch nicht mehr so viel Zeit, die Füße hochzulegen.


    Rubrik: Okkultes

    Zwischendurch schielt dann auch immer mal wieder der Folk zwischen den vielen Schichten der Collage hervor. Generell würde ich sogar behaupten, die (Akustik-)Gitarre und Oliver Burghardts angenehm sanfte Stimme bilden das Grundgerüst in nahezu jedem Song. Auch wenn er selbst seine Musik vorzugsweise als Anti-Folk bezeichnet, sind die folkigen Singer-Songwriter Einflüsse nicht zu überhören. Verheimlichen muss er sie ja auch gar nicht, denn ein Song wie „Zoo Animal“ bietet eine angenehm straighte Abwechslung auf dem Album. Back to the roots, nur eine Gitarre und eine schöne Geschichte.

    Mit großen, stampfenden Schritten kommt gegen Ende „Sunbright Motel“ auf uns zu. Eine tiefe gestrichene Kontrabasssaite (glaub ich?), schwankend im Takt. Dachte direkt, das könnte auch der Soundtrack eines Tarantino-Westerns sein. Irgendwo weit hinten vermutet man leises Hufklappern und ein Schellenkranz scheppert im Takt, wie die Sporen an den Stiefeln. Insgesamt schon eher eine düstere Stimmung, die hier anklingt. Auch beim Blick in den Text gruselt’s mich schon etwas:


    „are they killing a goat everyday –
    at the the Sunbright Motel?“


    …ehhhä? Da musste ich dann mal kurz schlucken. What? Also auch inhaltlich ein Tarantino-Film? Okay, also noch mal hören. Dann noch mal lesen. Was will mir Pink Lint da mitteilen? Verpasse ich da irgendwie ne Metapher oder so?
    Ich habe dann beschlossen, „killing a goat meaning“ einfach mal zu googlen. Ich kann euch dazu vorab zwei Dinge sagen:

    • Tut das a) eurem Suchverlauf nicht an (wer weiß, wer das alles mitliest oder später mal schnell an eurem PC was googlen will)
    • und b) GEHT AUF KEINEN FALL AUF BILDER!

    Ich weiß zwar jetzt, wie eine Ziege richtig geschlachtet wird, eine bestimmte tiefere Bedeutung habe ich allerdings nicht gefunden. Außer die, die ich ohnehin schon vermutet hatte: Opferkult. Muhahahaha. (*Licht geht aus, Orgelmusik ertönt*)

    Pink Lint sagt selbst zu diesem Song:


    Das „Sunbright Motel” im Song ist für mich ein Last-Resort-Ort, in dem alles möglich und alles ok ist, egal wie abgefuckt man ist. Man ist eingeladen, Urschrei-artig auszurasten und zu lernen – so sehr, dass man die eigenen Grenzen kennen lernt.“

    Cool, dann passt das ja mit dem Opferkult ganz gut. Denn wenn im Sunbright Motel jeden verflixten Tag den Göttern eine Ziege geopfert wird, hat man dort offensichtlich viele Sünden zu büßen. Zwinker 😉

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    Zum Schluss geht auf „Ü“ aber noch mal richtig die Sonne auf! „Oh what a Day“ — Oh happy Day! Ein wahrhaftiges Lobpreislied. Denn zum Abschied soll hier mal ordentlich „Cheers!“ gebrüllt werden: Auf’s Leben! Keine Zeit mehr verschwenden! Nicht verrückt werden auf der Suche nach der Essenz des Lebens! Und, am allerwichtigsten, auch hin und wieder mal den Booty shaken. Eine ziemlich einfache Anleitung, bei der ab und zu tatsächlich die olle rosarote Brille nochmal etwas nachhelfen kann. Das selbstbetitelte „Gummiorchester“ (großartig!) umhüllt hier den zerbrechlichen Kern des Inhalts mit einer stoßfesten Schutzschicht.


    Fazit

    „Happy Accidents“, also kleine, ungewollte klangliche Zufälle, und das „Zulassen von Imperfektion“ haben, laut eigener Aussage, maßgeblich zum Sound von „Ü“ beigetragen. Und abschließend bleibt nur zu sagen, dass trotz tolerierter Ecken und Kanten am Schluss alles ziemlich perfekt für uns Hörer kuratiert wurde. Imperfektion in Perfektion. Die Bandbreite seiner Musik ist riesig und reicht von zärtlichen Chansons bis zu aufbrausenden, orchestralen Höhepunkten, nach denen uns allen die Ohren klingeln. Pink Lint ist ein Klangkünstler mit einem eigenen Museum. Dieses Museum heißt „Ü“ und Besuch ist Pflicht!

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    Fotocredit: Neven Allgeier, Marie-Luise Knauer

  • Exklusive Videopremiere: Tropen Tropen mit „Paola“

    Wenn bei uns eine Videopremiere ansteht, sind wir bei untoldency immer alle ganz aus dem Häuschen! Heute haben wir wieder einen Leckerbissen für euch, und zwar Tropen Tropen mit ihrer neuen Single „Paola“.

    Diese Kirschen sind sauer

    Die Band aus Bonn, bestehend aus Oleg, Linus und Simon, trumpft hier mit ihrem frischgegründeten Synth-Pop Projekt samt einer Prise tropischem Fernweh auf. Und diese Feelings tun gut, denn auch eure Käsemauken haben sich dieses Jahr wahrscheinlich eher im feuchten Kiesstrand von Kühlungsborn eingegraben, als im heißen Sand der Copacabana.

    Im Video, bei dem übrigens Studenten-Oscar Anwärter Moritz Müller-Preißer Regie geführt hat, wird uns Paola vorgestellt. Paola lebt gutsituiert in einer Suburb-Traumwelt. Das Wetter ist perfekt und die Vögel zwitschern. Paola bekommt eines Tages Besuch von drei schnieken Gärtnern mit Schlafzimmerblick. Jetzt gilt es für jene natürlich dieses anmutende Geschöpf zu erobern, mit allen zulässigen Mitteln, nach allen Regeln der Kunst. Wie im echten Leben.

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    Im echten Leben? Wirklich? Tja, das wäre doch gelacht, wenn Paola hier den Spieß nicht umdrehen würde. Denn alle Klischees, die die drei männlichen Exemplare in Paola projizieren wollen, prallen einfach an ihr ab und liegen unbeweglich am Boden. Der Vertrag, den Paola hier ganz zu Anfang mit den drei Dienstleistern unterschreibt, scheint in ihrer Realität immer mehr an Gültigkeit zu verlieren. Und da helfen auch keine coolen Posen mit schweren Werkzeugen mehr. Und auch keine Einladungen auf einen Drink.

    Der Mörder ist nicht immer der Gärtner

    „Paola, trink den Suco de Acerola mit mir“. Der Saft der Acerola-Kirsche wird hier zum Sinnbild des weiblichen Empowerments. Und zum Sinnbild männlicher Verletzlichkeit. Tropen Tropen zeigt uns, wie man mit Gepflogenheiten bricht. Und wie unangenehm aufdringlich Männer sein können, wenn sie sich mit ihrem immer gleichen Balzverhalten so durchzumogeln scheinen. Da ist es doch äußerst erfrischend, eine völlig selbstbewusste Paola zu sehen, die sich von nichts mehr beeindrucken lässt, was der alte, staubige Werkzeugkasten der Herzeroberung so hergibt. So erfrischend und bitter wie eine Dusche mit Suco de Acerola.

    Ganz besonders schön gemacht finde ich das Setting, die Farben und das entschleunigte Tempo des Videos. Zusammen mit dem in eine große Hallfahne eingewickelten Drumset und der schwebenden Basslines birgt der Song zwar auch eine gewisse Portion 80’s-Kitsch. Allerdings passt das einfach perfekt zu stereotypischen Mustern. Ein Augenzwinkern, aber ohne zweifelhafte Absichten.

    Viel Spaß mit „Paola“ von Tropen Tropen!

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  • „Sunny Bay“ – Befreiung und Neuanfang für Odd Beholder

    Für internationalen Sound muss man manchmal einfach nur einen Blick in eines unserer alpinen Nachbarländer werfen. Daniela Weinmann alias Odd Beholder ist Schweizerin und liefert genau das: Kosmopolitische Klangwelten mit angenehm selbstreflektierten Texten. Ihr neues Album „Sunny Bay“ erschien erst letzte Woche beim Label Sinnbus und weiß zumindest mich schon voll und ganz von sich zu überzeugen.

    Es·ka·pis·mus, der

    Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich eine belebte Innenstadt. Eine Eisdiele und ein großes, mittlerweile insolventes Warenhaus. Eine Shopping Mall. Und überall Menschen. Wenn mir die Geranien vom Balkon gegenüber nicht mehr reichen, muss ich schon ein paar Schritte gehen, um die Natur zu sehen.
    Anders ist das bei Odd Beholder. Die Musikerin hat sich in eine alte Fabrik mitten in der Natur verschanzt, um ihr zweites Album „Sunny Bay“ zu produzieren. Ihre Verbundenheit mit der Natur und die Zurückgezogenheit sind darauf die beiden Hauptmotive — gekonnt vermischt mit modernen Beats und analog anmutenden Synthesizern.

    Die Flucht nach vorn in die Natur haben während der Lockdowns sicherlich einige Menschen gewagt, bot diese doch erholsame quality time nach erdrückenden Tagen in den eigenen grauen vier Wänden. Odd Beholder liegt daher also voll im Trend mit der Rückbesinnung auf die Natürlichkeit. Auf „Sunny Bay“ ist die Natur allerdings einiges mehr als nur Freizeitpark im Grünen, sie ist der Motor der Kreativität von Odd Beholder. Eine Muse.

    Als ich das Album das erste Mal hörte, war es kalt, dort wo ich lebe. Aber es war Sommer, laut Kalender zumindest. Jetzt ist es September und mir ist in meiner Jacke viel zu heiß. Und zu diesem kuriosen Wetter (man könnte auch sagen „besorgniserregend“), gesellt sich passend der erste Song des Albums „Disaster Movies“. Ganz lethargisch und schwermütig überrollen uns ein rhythmischer Synthbass und schnalzende Drums. Ich habe mich wirklich sehr in meine Kindheit zurück versetzt gefühlt, als wir uns „The Day After Tomorrow“ heimlich in der Schulbibliothek unter die Jacke geschoben hatten und uns nachmittags den Weltuntergang reinzogen. Mehr Gänsehaut ging nicht. Solche Filme sind selten geworden, oder? Kein Wunder, denn Nachrichten schauen ist im Moment schlimmer als alles, was sich Roland Emmerich so ausdenken kann.

    Ni·hi·lis·mus, der

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    Diese dystopische Stimmung greift Odd Beholder also schon ganz zu Anfang auf und lässt sie auch nicht mehr los. Auch wenn sie sich in ihren Texten offensichtlich an den schönen kleinen Dingen erfreuen kann, schwebt die Melancholie über allem. Wenn sie mit lines wie „throw me the lifeline, pull me out of the water“ startet, dann ist das ganz offensichtlich ein Hilferuf. Und nicht nur hier finden wir den Wunsch nach Befreiung bzw. Rettung, auch im zweiten Song „Accept Nature“ sehnt sich die Protagonistin nach einem Neuanfang: „I don’t want to be human no more“. Na, wer hat es nicht satt?

    Entscheidungen treffen, arbeiten, funktionieren. Im Text gesteht sie nicht nur ihre Resignation, sie fragt auch gleichzeitig, was aus uns Menschen eigentlich geworden ist. Affen, die sich aus ihren Plänen und Diagrammen einen eigenen Käfig gebaut haben? Und funktionieren wir nicht längst wie Maschinen, die sich allmählich das Schlafen abgewöhnen? Und wenn solche Fragen im Kopf noch nachhallen, kommt Odd Beholder zu einem fast schon zu simplen Ergebnis: Wir sind zu dumm und zu klug, zur gleichen Zeit.

    Al·ko·ho·lis·mus, der

    „Sunny Bay“ ist das Titelstück des Albums. „Sunny Bay“ steht auf der Rumflasche in der Küche. Daniela Weinmann erzählt uns, gediegen und atmosphärisch wie in einem Stilleben, von der goldenen kleinen Göttin, die sie in ihrer Küche auf dem Regal findet. Dieses göttliche Wesen stellt alles auf den Kopf, lässt die Welt gleichgültig erscheinen und — schmeckt hervorragend im Kaffee. Man müsste nur den Mumm haben, diese Göttin anzubeten. *hicks* Auch wenn ich nicht genau weiß, ob hier zwischen Rum und Göttin eine konkrete Verwandtschaft existiert, ist es faszinierend, wie Odd Beholder Metaphern erschafft und so zart ins Mikrofon haucht, dass mich die Fahne auch durch die Boxen noch fast betrunken macht.

    Ähnlich sphärisch macht sie das in „Birds“, das durch den Synthesizer mit „Sidechaineffekt“ die Frequenz meines Herzschlags zu kontrollieren scheint. Im Hintergrund immer wieder kleine bleeps und bloops und rhythmisch gegeneinander laufende Percussions. Im Vordergrund die gelassenen Filterfahrten der Synthies. Ein soft rave, den man am besten wahrscheinlich mit geschlossenen Augen auf dem Boden liegend mitfühlen kann. (Habs ausprobiert – confirmed).

    „And the people on the station
    Bend their heads as if in prayer
    Looking for angels in their phones“

    Hy·b·ris, die

    Hoch hinaus geht es nicht nur mit den Vögeln, sondern auch im Track „Transantlantic Flight“. Kennen wir alle, oder? Wir sind die Generation, die die Welt gesehen hat. Nach dem Abi nach Australien, Kolumbien oder Tibet. Im Rausch der Höhe und der Geschwindigkeit den Tomatensaft aus Plastikbechern schlürfen. Das Leben könnte ja kaum schöner sein. Odd Beholder übt hier nach meinem Verständnis Kritik an unserer hedonistischen Gesellschaft. Sie zeigt uns, dass die egoistischen Träume von früher nicht mehr die Träume von heute sein können, egal wie blau und wolkenlos der Himmel ist. Wer hoch steigt, kann auch tief fallen.

    Welche Rolle wir Menschen im Konstrukt der Natur spielen, beschäftigt Daniela Weinmann in nahezu jedem Song. Dabei immer sehr reflektiert und verantwortungsvoll, wirkt ihre Liebe zur Natur oft wie ein sanfter, willensstarker Aktivismus. Eine Aufforderung, Respekt zu zeigen. Diese sensible, aber bestimmte Herangehensweise steht ihr gut und ist absolut glaubwürdig. Den Dialog mit der Natur suchen, darum geht es zum Beispiel in „Silent Spring“. Und keine Sorge, euch fliegt kein Insekt ins Ohr, auch wenn ich das jedes Mal beim Hören denke. Das ist nur Odd Beholder beim Versuch mit der Natur in Kontakt zu treten.

    Und auch wenn das vielleicht nicht gelingen mag — „Nature doesn’t speak, nature doesn’t see me“ — der Dialog mit ihren Hörern funktioniert. Denn sowohl der Text ist Bildsprache pur, als auch die repetitive Melodie des Stücks, die sich bei mir einschleicht und bleibt. Der Gitarrenloop hat eine orientalische Note und erinnert mich an eine Oud, die Drums sind chillig wie in einem 90’s TripHop-Track und die Synthies streuen noch etwas Glitzer drüber. Vorhänge zu, zwei Tage im Bett bleiben. Mit diesem Song machbar.

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    Wenn du Detailarbeit schätzt, kommst du mit diesem Album auf jeden Fall auf deine Kosten. Die Vinyl-Liebhaber unter euch kennen es vielleicht: Die Platte ist zu Ende und die Nadel läuft in der Endlosrille. Und du sitzt halt gerade echt comfy womfy auf dem Sofa und kannst dich nicht bewegen. Du lauschst der Nadel. Und dann erkennst du allmählich einen Rhythmus. Ich liebe dieses Geräusch und der Anfang vom letzten Song „Cupid’s Foul Play“ klingt wie ein Sample dessen. Endlich hat es mal jemand gemacht! Mit diesem Song schenkt sie uns zum Schluss noch mal eine herzzerreißend schöne Sehnsuchtsbekundung. Sie teilt ihre Ängste mit, jemanden zu verlieren, bevor er oder sie überhaupt gefunden wurde. Begleitet wird sie in dem Stück nur von Klavier und flächigen Synthesizern; trotzdem sind diese Songs auf dem Album nicht weniger fulminant.

    Fa·zit, das

    Für Daniela Weinmann ist „Sunny Bay“ sehr wohl mehr als „nur“ das zweite Album. Sie emanzipiert sich und geht neue Wege. Und macht viele Dinge einfach selbst, die sie vorher vielleicht abgegeben hätte.

    „Immer wenn du als Frau etwas in die Hand nimmst, ist ein Typ zur Stelle, der dir ungefragt erklärt, wie es eigentlich funktioniert. Und über all die Jahre in der großen Summe macht das etwas mit der Selbstwahrnehmung. Offensichtlich kannst du es nicht, obwohl du es kannst.“


    Als Außenstehender kann ich dazu nur sagen: Das Ergebnis ist überzeugend. Es ist super produziert und bietet Sound auf internationalem Topniveau, für den man sonst vielleicht eher nach UK oder USA schielen muss. Analog und digital zu gleich, best of both worlds. „Sunny Bay“ ist nicht nur sturer Appell, sondern auch ein sehr sensitiver Blick in Odd Beholders Gefühlswelt. Innere Zerrissenheit und Versöhnung geben sich die Hand. Ihre Beobachtungen sind einfach sweet, aber erschrecken manchmal auch sehr, weil sie so wahr sind. Und so pflanzen sich die Gedanken beim Hören von selbst in den feuchten Nährboden unseres Hirns und gedeihen dort hoffentlich zu einer besseren Zukunft.

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  • Exklusive Videopremiere: Pink Lint und „Windhound“

    Es ist endlich mal wieder Zeit für eine Premiere! Diesmal präsentieren wir euch die neueste Single „Windhound“ samt Video von Pink Lint.

    Pink Lint alias Oliver Burghardt ist ein Berliner Art-Pop Projekt, das mit dieser mittlerweile dritten neuen Single wieder ganz frischen Wind in die Szene bringt. Im Musikvideo zum Song, welches der Musiker im Übrigen in Eigenregie produziert hat, verschmelzen Musik und Bild auf ganz wunderbare Weise miteinander. So wie es halt sein soll.


    Lichtflecken und die Zehennägel einer Ära

    Manchmal fühlt es sich wirklich gut an, am Arsch zu sein. Frei übersetzt könnte man so wohl eine Textstelle im Song verstehen. Habe geschmunzelt, denn irgendwie trifft es ja auch wirklich manchmal zu. Bitter und süß, das gehört einfach zusammen. Worum es in dem Song so ganz genau geht, ist schwierig zu definieren und wird wohl in Gänze auch immer etwas kryptisch bleiben. Allerdings lässt sich ganz unbeschwert einiges herauslesen, z.B. eine schmerzhafte Trennung, ein Abschied, ein Verkriechen ohne entdeckt zu werden. Aber Verkriechen vor was? Tja, vor dem Leben, Kinder! Vor dem Alltag, vor Menschen in der Mall oder vor uns selbst. Und dann heißt es einfach abwarten, bis uns irgendwer wiederfindet und sagt: ACH HIER BIST DU?!

    Verstecken und Entdecktwerden — das sind sicherlich die Hauptmotive der Lyrics. Im Video verdecken analog dazu animierte Elipsen und Ovale das Geschehen. An anderer Stelle beleuchten sie einzelne Fragmente neu, wie Spot-Ons im Theater. Die verschiedenen Bildsequenzen, mal Stand- und mal Bewegtbild, orientieren sich teilweise sehr nah an der direkten Bedeutung der Songzeilen. Teilweise sind sie aber auch nur über mehrere Ecken mit dem Text verwandt und wirken völlig random zusammengewürfelt. Telefonkabel im Detail, Zugvögel und Fahrradlichter in der Nacht — das alles passt bei Pink Lint trotzdem irgendwie zusammen. Die bunten Ovale kommen mir dabei vor wie Lichtflecken, die mir häufig das Blickfeld blockieren, wenn ich mal wieder zu lange in die Sonne geglotzt habe. Vielleicht verkörpern sie mit ihrer Form aber auch die im Text erwähnten „toenails of an era“ – die Zehennägel einer Ära.

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    Und was hat der Windhund jetzt damit zu tun?

    „I am so uneasy to be found out
    like the waist of a windhound“

    Tatsächlich ist die Taille eines Windhundes schwer zu entdecken. Sie ist nämlich fast nicht existent. Wespe war gestern, Windhund ist das neue chique! Nicht entdeckt werden zu wollen ist natürlich das eine. Aber einfach nicht entdeckt zu werden, obwohl man es sich sehnlichst wünscht, impliziert Unsichtbarkeit. Die traurige Facette der Unsichtbarkeit und das lange Warten, endlich von der richtigen Person gefunden zu werden, schwingt im Text von Windhound mit: Ich warte hier, auch wenn mich niemand findet.

    Musikalisch ist „Windhound“ ein absolutes Wimmelbild. Denn auch hier versteckt sich einiges an Detail, ohne überladen zu klingen. Im Gegenteil, der Song klingt eigentlich sogar minimalistisch instrumentiert, obwohl er doch zunehmend orchestrale Strukturen annimmt. Man findet in diesem Song Gitarren, die wie plucked Strings klingen, oder einen Kontrabass, der an den richtigen Stellen Akzente setzt. Vintage Drummachines und sogar eine asiatische Zither namens Guqin. Außerdem gibt es gleich in der ersten Strophe noch einen kleinen Gruß in Form eines charmanten musikalischen Zitats. Jeff Buckley, is that you? Das ist wahre Tüftlerarbeit und den Spaß am Experimentieren hört man Pink Lint in seiner Musik zu jeder Zeit an.

    Wir sollten Pink Lint nicht mehr länger warten lassen. Dieser Song muss entdeckt werden. Viel Spaß bei „Windhound“!

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    Fotocredit: Marie-Luise Knauer

  • Wild, ikonisch und innovativ: ZOUJ und „Tagat“

    Schon die erste Single, die Adam Lenox alias ZOUJ letztes Jahr herausgebracht hat, hat mich jegliche Fassung verlieren lassen. Danach ging es stetig weiter, die Songs und die Videos wurden immer krasser und langsam zeichnete sich ein Gesamtwerk ab. Tja, und jetzt ist es soweit: Mit „Tagat“ erscheint jetzt endlich ein Mixtape voller experimenteller, elektronischer Musik, versehen mit diesem unverwechselbaren ZOUJ-Charakter. Und Mixtape heißt in diesem Falle wirklich Mixtape — es erscheint tatsächlich auf Kassette.

    ༼ ºل͟º ༼ ºل͟º ༼ ºل͟º ༽ ºل͟º ༽ ºل͟º ༽

    Wenn man sich ein wenig mit ZOUJ beschäftigt, wird ziemlich schnell klar, dass sein Schaffen ein gefestigtes Konzept hat. Es ist nicht nur seine Musik, die auf dem Mixtape nahtlos ineinander übergeht und wie eine einzige riesige Komposition wirkt — es sind auch die animierten 3D-Musikvideos, die Fotos, seine Instagrampage und seine Liebe zu Textfaces. Ihr wisst nicht was das ist? Dann solltet ihr unbedingt mal bei seinen Social Media-Accounts vorbeischauen. Denn er ist ein wahrer Meister dieser fast schon urzeitlichen Hieroglyphen, die er auch gerne anstelle von Songnamen verwendet. Die Faszination für seine Kunst greift bei mir wirklich tief. Ich habe das Gefühl, derartige Musik einfach noch nie vorher gehört zu haben. Ich versuche euch jetzt mal ein bisschen in diese seltsame Welt mitzunehmen.

    So, what’s new here? Vier der neun Tracks auf „Tagat“ sollten dem eingefleischten Fan schon bekannt vorkommen, waren sie doch vorab schon als Single samt Video erschienen. Gleich zu Beginn werden wir aber mit zwei neuen Tracks belohnt, nämlich „o╮༼;´༎ຶ..̸̸̨̨۝ ༎ຶ༽╭o. (ten of swords)“ und „Embryo 2“. Während sich ersterer als ein klassisches Intro mit nihilistischen Gedankenentwürfen entpuppt, wird es bei „Embryo 2“ schon etwas wilder. Bei beiden Tracks fällt sofort auf: Die Synthesizer sind in ZOUJs Musik der zentrale Dreh- und Angelpunkt. Und Adam Lenox ist wirklich ein mächtiger dunkler Magier an diesen modularen Instrumenten. Im Song vermischt sich eine blühende Geräuschelandschaft mit minimalistischem Drumset und tiefen Synthbässen. Auf jeden Fall so treibend, dass die Beine gleich zu Anfang des Mixtapes schon zu zucken beginnen.

    Gamechanger für mich ist dann die Melodie des Synthesizers im letzten Part des Songs, die an orientalische Musik erinnert und endgültig zum Dancebattle auffordert. Bereits nach zwei Tracks ist die Richtung, in die es weitergehen soll, klar. Wir finden fortan immer wieder auf allen Achsen verzerrte und gepitchte Vocals, teilweise bis zur Unkenntlichkeit verändert. Außerdem viele vertrackte perkussive Elemente und Noise aller Art aus den verschiedensten Ecken, die den Songs eine unglaublich tiefe Räumlichkeit verleihen.

    (^O^)~♪

    Sehr gut zu hören ist das schon in den folgenden Tracks. „Fl00te“ startet mit genau solchen perkussiven Synthelementen, die einfach genial random klingen. Bereits hier ist als Hörer nichts mehr vorhersagbar. Im ganzen Song gibt es immer wieder kurze Pausen, Stop and Go und plötzliche Stille. Dadurch wirkt die Musik rastlos und aufgewühlt. Das animierte 3D-Musikvideo nimmt uns in ein völlig absurdes Videogame mit, in dem ein glänzender Stier das melodische Hauptthema des Tracks auf einem blauen Flötemännchen. Klingt weird? Ist weird!

    Dieser blaue Flöten-Cha ist irgendwie total beängstigend, aber auch niedlich zugleich und lässt in Verbindung mit den Lyrics einige Interpretationen zu. Zwischen dem Stier und der kleinen Flöte auf zwei Beinen könnte man eine Art Oppressor/Untergebener-Verhältnis herauslesen. In den Lyrics hören wir ebenfalls Anspielungen auf ein solches Verhältnis. Daraus entsteht dann einerseits vielleicht eine aufkeimende Revolte, oder andererseits die endgültige Resignation bzw. Kapitulation. Wie so häufig in derartigen toxischen Strukturen.

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    „This is not a pop hit we´ll leave that to the good boys
    Stop the radios im staying with my own blood“

    Cool finde ich auch diese Zeile des Texts. Hier wird noch einmal deutlich, dass ZOUJ wirklich ein ziemlicher Anti-Pop-Held ist, der mit seinem Hang zum Okkulten zwar überhaupt nicht in diese Welt passt, aber durch seine Melodien durchaus eingehende Ohrwürmer produziert, die sich irgendwo unter dem ganzen Wulst an Sounds verbergen.

    (﹡ꑓ ︿ ꑓ`﹡)

    „Anxious Sleep“ ist dafür wohl das beste Beispiel. Im Intro des Songs hören wir tatsächlich eine verhältnismäßig fast cleane Vocalline, begleitet von einer Art E-Piano. Der Drop von Drums und Bass könnte dann kaum mehr Gänsehaut erzeugen. Die Trägheit des Tracks passt hervorragend zu Thema Schlaflosigkeit und -störungen und die Lyrics geben den letzten Rest zum Nightmarefeeling. Wieder werden wir von allen Seiten überrascht von Sounds, Wassergeräuschen oder abrupten Pausen. Es ist schwierig zu folgen, allerdings werden die Strukturen mit jedem Durchlauf erkennbarer. Alle, die schon einmal Musik produziert haben, bekommen hier eine Ahnung, wie viel f*cking Arbeit in der Programmierung dieser Musik stecken muss. Denn auch wenn hier vieles zufällig wirkt, ist mit Sicherheit alles genau da, wo es hingehört.

    An dieser Stelle vielleicht ein kurzer Exkurs zum Thema Modular Synthesizer, die Adam in seiner Musik häufig verwendet. Für alle, die sich darunter nichts vorstellen können: Optisch ungefähr eine Mischung aus der Star Trek Kontrollbrücke und einem experimentellen russischen Atomkraftwerk, mit tausenden Kabeln, Steckern und kleinen blinkenden Lichtern. Von der Komplexität mal mindestens gleiches Niveau wie Thermodynamik, Teilchenphsyik oder das PAX Regalsystem von IKEA. Mit einem solchen Monster gilt es Sounds zu generieren, zu verändern oder gar gänzlich zu zerstören. Wenn ihr mal einen freien Nachmittag habt, schaut euch auf YouTube mal ein paar Videos an, das ist eine komplette Parallelwelt (die, glaube ich, auch eine bleiben möchte).

    „I’m trying to make my machines sound human by emulating errors, randomness and tempo ups-and-downs while i’m trying my best as a human to sound like a machine.”

    ᕕ( ཀ ʖ̯ ཀ)ᕗ

    Die Mensch-Maschine-Beziehung ist defintiv in jedem Song deutlich zu hören, während ZOUJ offensichtlich mit seinen Musikmaschinen verschmilzt. Allerdings ist der Mensch eben keine Maschine, was man in Adams Texten immer wieder heraushören kann. Vom Instinkt sich permanent anpassen zu wollen und die resultierende Panik, nicht in bestehende Muster zu passen und die Zeit lieber alleine in sicherer Umgebung zu verbringen, handelt „j0_0j“.

    Passend dazu ist der Track auf jeden Fall auch ein Vorzeigemodell, wenn es darum geht, NICHT in Muster zu passen. Die generierten Bleeps und Bloops fliegen mir nur so um die Ohren, ein scheinbar unbezwingbares Chaos mit unstetigem Schlagzeug. Bis zum Refrain, denn dann löst sich auf einmal alles ziemlich in Wohlgefallen auf und ein kleiner Fetzen jazziger Popmusik blitzt auf. Vielleicht bin ich zu konservativ, aber natürlich fiebere ich jedes Mal auf diese „gefällige“ Hook hin, denn diese ist erstens einfach geil und zweitens kann man super mitsingen:

    „Run home where I’ll be safe in my skin
    (All) My life (has) been trying to fit in
    Most days something is stabbing in my spleen“

    ZOUJ, Tagat, Noise, Pop, Alternative, Synthpop, Synthesizer, untold music, untoldency, review, mixtape, city slang,

    Dass Adam auf seinem Mixtape neben der Masse an elektronischen Instrumenten auch „echte“ Instrumente (wie unsere Dads sagen würden) verwendet hat, hören wir besonders gut an den Drums von „Lefty“. Für sein Projekt hat er sich nämlich einfach mal eine der besten DrumerInnen überhaupt mit ins Boot geholt: Linda-Philomène Tsoungui (MINE, Tarek K.I.Z., Fatoni, uvm.). Was diese Frau aus einem Drumset herausholt ist unbeschreiblich und passt einfach wie Fell auf Kessel zu ZOUJ. Definitiv einer meiner Lieblingssongs, geht dieser allerdings auch in eine etwas andere Richtung; der progressive, klarere Charakter erinnert mich am meisten an Adam Lenox‚ bisheriges Bandprojekt Lingua Nada. Und es steht mit seiner Präzession und der filigranen Geschicklichkeit im kompletten Gegensatz zu der in den Lyrics thematisierten Tollpatschigkeit, wenn sich wegen der großen Liebe mal wieder alles upside down dreht.

    Ab und zu geht es auf „Tagat“ auch funky zu. „St00pid“ ist eigentlich ein astreiner Dancetrack, der mich stark an frühe Chicago-House Nummern erinnert. Die Bassline rollt und die Drums geben mit dem 4-On-The-Floor-Beat alles, um mich zum Ende hin noch mal aus dem Sessel zu holen. Im Text geht es um Fehler, die wohl gemacht werden müssen, um daraus zu lernen. Gleichzeitig spielt die akute und permanente Unzufriedenheit über den Status Quo des eigenen Nutzens eine Rolle; die Reflexion der „Work-Life-Balance“ ist damit wohl ein Thema, das eine ganze Generation momentan herumtreibt und von ZOUJ im Song verarbeitet wird.

    Fazit ( ಠ ͜ʖರೃ)

    Das hier ist future shit, ich sag’s wie es ist. Ich traue mich wirklich nicht, es einzuordnen. ZOUJs Songs sind so neu, dass sie mir teilweise zwar Angst machen, ich aber hauptsächlich süchtig danach geworden bin. Es gibt so viele Details! Wie ein Kaleidoskop, bei dem sich das Bild bei der kleinsten Bewegung schon verändert. Das ist Musik, die ich meinen Freunden zeigen möchte, einfach nur im sie zu überwältigen. Und um sehen, ob sie genauso im positiven Sinne shocked sind, wie ich es immer noch bin. „Tagat“ ist zum einen sicherlich Musik für Nerds, zum anderen aber der beste Beweis für eine spannende Subkultur in der Popmusik. Ich will mehr!

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    Fotocredit: BENJAKON

  • Multitalent Faye Webster mit Coming-Of-Age Album „I Know I’m Funny haha“

    Vollblutmusikerin, erfolgreiche Fotografin und Yoyo-Akrobatin. All das ist Faye Webster, die jetzt ihr neues Album „I Know I’m Funny haha“ veröffentlichte. Ein selbstbewusstes Folkpop-Album zum Mitlachen und Mitweinen im schlichten Soundkleid.

    „Oh, we got both kinds, country and western!“

    Es kommt nicht so besonders häufig vor, dass sich Country in meine Gehörgänge verirrt – und vor allem auch dort bleibt. Auch wenn es nur ein Hauch von Country ist. Woran das liegt weiß ich natürlich nicht genau, aber ich vermute, dass ich diese Musikrichtung einfach immer ein bisschen zu kitschig finde. Und weil ich immer an Monstertrucks und Bullenreiten denken muss. Irgendwo in der Wüste. Und an diese komischen rollenden Staubbälle, begleitet von einer Mundharmonika. Und an 3 Liter Colaflaschen. Naja, ihr merkt schon, alles Klischees und wahrscheinlich echt großer Quatsch. Sieht man jetzt ja auch wieder schön, denn Faye Webster war für mich Liebe auf die ersten 20 Sekunden Stream.

    Witzigerweise muss ich bei ihrem neuen Album „I Know I’m Funny haha“ kein einziges Mal an meine Vorurteile denken. Obwohl es musikalisch doch schon klare Signale in Richtung Country gibt, zum Beispiel in Form von Slidegitarren. Aber zu meiner eigenen Überraschung ist das sehr gut so, wie es ist. Und bei Faye Webster sind es eben diese Roots ihres Schaffens, die das Fundament bilden. Ein bisschen wie bei Taylor Swift, nur eben in cool. (*wegduck*)

    Ein berühmter Fan und bittersüßer Sarkasmus

    Aber hey, sagt mir bitte mal wie mein Album cooler eröffnen kann, als mit einem Song, der einfach einer der Lieblingssongs 2020 von Barack Obama war. HALLO? Ja, das habt ihr alles schon richtig gelesen. Barack f*cking Obama. Friedensnobelpreisträger. Vierundvierzigster US-Präsi. Ich meine, Faye Webster ist 23 Jahre alt, Baujahr ’98. Was möchte die Frau denn noch erreichen? Ich hätte es ihr nicht übel genommen, hätte sie danach mal schön die Füße hochgelegt. Aber nee, Frau Webster macht ein ganzes Album draus, was nicht nur Barack, sondern auch mir zu den sommerlichen Temperaturen ziemlich gut in den Kram passt.

    Eben erwähnter Song „Better Distractions“ ist ein Song voller Sehnsucht und Schmacht. Ganz sanft schaukeln uns schon die ersten Takte des Tracks in Stimmung. Wie in der Vertonung einer Traumsequenz hat die Slideguitar mit ihren langen, wabernden Tönen direkt zu Beginn ihren großen Auftritt. Jetzt ist Abschalten und Zuhören angesagt. Na gut! Wie der Titel schon verrät, sucht Faye im Song nach Ablenkung. Sie beschreibt die gähnende Langeweile und die Lustlosigkeit, irgendetwas anderes zu machen, als an die schmerzlich vermisste Liebe zu denken.

    Die Musik unterstreicht das wirklich hervorragend, da ist einfach etwas super lethargisches und faules in der Instrumentierung zu hören. Passt auch wunderbar zu diesem viel zu heißen Tag heute, während ich mir die Schweißperlen von der Oberlippe wegpuste. „Will you be with me?“ fragt Faye Webster schüchtern (und wirklich oft) im Refrain. Dabei bleibt offen, ob sie ihren Schwarm direkt anspricht, oder die Frage quasi in die Glaskugel hineinfragt. Das schöne daran; wir wissen nicht, ob es sich hierbei vielleicht sogar um unerwiderte Liebe handelt. Oder die angehimmelte Person überhaupt etwas von diesen Gefühlen weiß.

    Bittersüße Melancholie flechtet sich also schon ganz früh in dieses Album ein. Auch im zweiten Song „Sometimes“, ein Song über das Verlassenwerden, aber irgendwie doch nicht so ganz Loslassenkönnen. Oder im Titelstück „I Know I’m Funny haha“, das irgendwie herzzerreißend sarkastisch ein paar kleine Fetzen aus einer Liebesbeziehung erzählt und ich nicht klar sagen kann, ob das jetzt irgendwie wunderschön oder ganz toxisch klingt.

    „I think your sisters are so pretty
    Got drunk and they forgot they met me
    I made her laugh one time at dinner
    She said I’m funny and then I thanked her
    But I know I’m funny haha“

    A different vibe

    Das Musikvideo ist auf die gleiche ironische Art und Weise berührend, denn hier wurden verwackelte Handycam-Clips aus dem Alltag so perfekt zusammengeschnitten, dass es an einigen Stellen schon fast zu gut zum Text passt. Und wäre es nicht so super authentisch, würde ich kreischen: „safe gescripted!!!“. Aber glaube, das ist echt. Ehrlich, wer sich beim Schauen nicht auch heimlich in den Lifestyle von Faye Webster (und in sie selbst) verguckt, da weiß ich auch nicht mehr. Könnte ich mir Millionen Mal angucken.

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    Ich bin übrigens ursprünglich auch durch ein Musikvideo auf sie und das neue Album aufmerksam geworden. Und zwar zum Song „Cheers“. Ich habe wirklich selten so ein extrem cooles Posing vor motorisierten Gefährten gesehen, wie in diesem Musikvideo. Zur Abwechslung sieht man dort keine Ferraris oder Lambos, sondern Motocrossmaschinen. Und an solche habe ich bestimmt seit MX Unleashed für die Playsi 2 nicht mehr gedacht. Die Grafik war damals der Hammer. Ne Spaß, ich hab echt überhaupt keine Ahnung von Games, aber wollte das auch mal sagen.

    Musikalisch hat „Cheers“ auch ganz schön was zu bieten und ist eigentlich mein Lieblingssong der Platte. Der stampfende Rhythmus von Drums und Bass in der Strophe fließt übergangslos in einen luftig-lockeren Refrain mit gezupften Chorus-Gitarren. In den Lyrics finden wir eine zuckersüße Liebeserklärung, die den ganzen Coming-of-Age-Charakter des Albums widerspiegelt. Denn ohne dass Faye uns das aufzwingen würde, erfahren wir auf dem Album so einiges über ihre momentanen Gefühlslagen. Und auch wenn ich immer erstmal etwas vorsichtig mit der Auslegung der Texte bin, können wir uns hier sicher sein, dass sie ihre eigene aktuelle Beziehung einfach gerade sehr genießt und das auch aller Welt zeigen möchte.

    “But now I’m living with my partner; I’m happy most of the time. I’m in such a different place. These songs aren’t necessarily happier, but it’s a different vibe.”

    Did I fall in love with someone I don’t know?

    Faye Webster, I Know I'm Funny haha, new Album, pop, country, folk, folkpop, folkrock, barack obama, atlanta, Credit Pooneh Ghana

    Schaut man sich Faye Websters bisherige Karriere an, hätte man sich diese eigentlich gar nicht schöner ausdenken können. Bereits mit 16 hat sie ihr erstes Album released, dann wenig später ein Signing bei Awful Records aus ihrer Heimatstadt Atlanta, einem Label für überwiegend Hip-Hop und R’n’B. Mittlerweile zwar bei Secretly Canadian unter Vertrag, spürt man ihre Liebe zu R’n’B und die Einflüsse aus vergangenen Tagen aber auch weiterhin in ihrer Musik. Am stärksten fällt mir das im Song „A Dream With a Baseball Player“ auf. In diesem souligen Stück tönt uns sogar ein Saxophon entgegen. Da bin ich ja gerade sowieso sehr Fan von.

    Der laid-back Groove des Songs ist der perfekte Soundtrack zu so einem Traum, wie ihn Webster wohl auch schon einmal hatte: Sie war, während sie eigentlich ständig nur auf Tour war, zu einer großen Baseballverehrerin geworden. Und da bleibt es natürlich nicht aus, sich auch mal in einen dieser Supersportler zu vergucken. Ein richtiger Crush! Vor allem, wenn man pausenlos reist und „echte“ Crushs nicht an jeder Ecke stehen. Im Song stellt sie sich selbst und uns immer wieder die Frage: „How did I fall in love with someone I don’t know?“. Damit thematisiert sie einen ziemlichen Klassiker aus meinen Jugendzeiten. Manchmal war ich auch so doll verknallt, dass ich ganze Gespräche mit meiner großen aber unerwiderten Liebe nur in meinem Kopf geführt habe. Und bei Faye könnte mir das auch passieren. Ja lacht ruhig!

    Spätzünder

    Obwohl diese Themen jetzt so gar nicht mehr meine Welt sind (weil ich jetzt alt und langweilig bin), tut es gut, mal wieder dahin zurückzukehren und diese Gefühle durch Songs wie „A Dream With a Baseball Player“ noch einmal durchzumachen. Ich denke für mich ist das ein Knackpunkt des Albums: Faye ist jung und manchmal mag sie wohl at first sight auch etwas naiv klingen. Aber sie schämt sich nicht, einfach mal zu erzählen, was sie so auf dem Herzen hat. Und das macht sie mit ihren Texten meistens ganz unmittelbar, aus dem Kontext gerissen, ohne lange Einleitung oder öde Moral zum Schluss.

    Verabschiedet werden wir auf „I Know I’m Funny haha“ von einer ganz intimen Gitarrenballade im 3/4 Takt, die Faye auch nicht im Studio, sondern Zuhause am Schreibtisch aufgenommen hat. „Half Of Me“, eine Hymne für die einsamen Seelen. „Alone, alone, what could go wrong again?“ singt die Musikerin und weiß nichts mehr mit sich anzufangen. Muss schon ziemlich heftig sein die Sehnsucht, wenn sie sich außerdem fragt, was überhaupt der Sinn von allem so ist? Hier schließt sich thematisch so ein bisschen der Kreis zum ersten Stück und auch hier fühle ich mich persönlich ganz arg angesprochen (ich kann auch einfach nicht allein sein!). Richtig geil, Coming-of-Age mit Mitte/Ende 20. Danke!

    „With nothing to do but thinking
    I cried all the way home last week
    And I felt bad for the stranger sitting next to me“

    Fazit

    „Vielleicht ist man auch nie zu alt für diese frischen und jugendlichen Themen?“, höre ich mich sagen und erinnere mich selbst dabei gerade stark an meine Oma. Ich weiß ich bin lustig haha. Aber komme nicht an Faye Webster ran, egal was ich mache. Und ihr müsstet sie erstmal diese krassen Tricks mit dem Yoyo performen sehen! Zum Glück gibt sie in ihren Musikvideos regelmäßig Kostsproben ihrer Kunst. Ich liebe an diesem Album, dass es so natürlich klingt, als würde sie mit ihrer Band bei mir im Wohnzimmer spielen. Und dann ist Faye Websters Stimme und ihr Südstaatendialekt natürlich absolut catchy. Die Ausstrahlung stimmt und sie präsentiert uns mit „I know I’m Funny haha“ ein selbstbewusstes Charakteralbum. Die sehr erwachsene lyrische Verarbeitung der kindlich-naiven Themen macht das Hörerlebnis spannend und lässt jeden altklugen Adult mit offener Kinnlade zurück. Von Faye Webster kann man einiges lernen!
    Hat den Obamas sicherlich auch gefallen.

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    Fotocredit: Pooneh Ghana

  • Japanese Breakfast feiert auf „Jubilee“ die Verarbeitung ihrer Krisen

    Im Leben von Michelle Zauner aka Japanese Breakfast gab es in den letzten Jahren einiges zu verarbeiten. Persönliche Ängste, ihre Identität als Migrantin in den USA und zuletzt die Krebserkrankung und der Tod ihrer Mutter waren Treibstoff für die musikalische Entwicklung auf ihren letzten beiden Alben. Nun scheinen die Rückschläge überwunden. Auf dem neuen Album „Jubilee“ kann Zauner wieder optimistisch in die Zukunft schauen. Und für ihr anhaltendes Glück ist die ikonische Musikerin bereit zu kämpfen.

    Irrungen und Wirrungen sind in meinem Musikgeschmack eigentlich nichts Neues. Wenn mich etwas sofort catcht, dann ist es entweder schräger Post-Punk oder richtig süße Popmusik. Letzteres war es auch hier – ich hatte vorher offen gestanden noch nie etwas von Japanese Breakfast gehört, aber die erste Single „Be Sweet“ hat mich umgehauen. Schade eigentlich, dass man keine CDs mehr kauft. Denn meine Vorfreude war in etwa so wie damals; vor’m Provinz CD-Laden die Cellophan-Folie mit den Zähnen aufknabbern, um schon auf der Busfahrt nach Hause das Album in den Discman zu schmeißen. Ich wurde nicht enttäuscht! Ich sag euch, warum.

    It’s a rush!

    Wie könnte man ein „Jubilee“ am besten feiern, wenn nicht mit einem großen Fest? Das gehört ja irgendwie auch zusammen. Der Opener „Paprika“ vermittelt dieses Gefühl mit rollenden Marching-Snares, die wie bei einer großen Parade zum Festplatz führen. Durch die nach und nach hinzukommenden Bläser, versetzt mich der Song in genau diese feierliche Stimmung an einem lauen Sommerabend. Hier werden quasi die Vorbereitungen für das anstehende Jubiläum getroffen. Lichterketten werden aufgehängt und Bowle ausgeschenkt. So, dass der ausgelassenen Feierei nachher nichts mehr im Wege steht. Hoch die Tassen!

    Doch zunächst hätte Japanese Breakfast in den Lyrics gerne noch ein paar Fragen beantwortet: Wie fühlt es sich wohl an, immer im Mittelpunkt zu stehen? Wenn alle an deinen Lippen hängen und jedes Wort nur so aufsaugen? Gut vorstellbar, dass Michelle Zauner sich diese Fragen hier selbst stellt. Denn nur wenige KünstlerInnen können sich wahrscheinlich der Sucht nach Aufmerksamkeit und einer wachsenden Egozentrik entziehen. Vor allem, wenn der Erfolg parallel (und natürlich absolut verdient) dazu wächst. Michelle Zauner ist nämlich nicht nur Musikerin, sie ist seit kurzem auch Bestsellerautorin in den USA. Und auch wenn man sich gar nicht so sehr im Glanzlicht des Narzissmus gefällt, ist es schwer, sich der Sucht zu stellen. Ein Erklärungsversuch? Zumindest eine Einsicht.

    „Oh it’s a rush!
    It’s a rush!
    But alone it feels like dying
    All alone I feel so much“

    Tell the men I’m coming

    Japanese Breakfast, pop, indiepop, untoldency, untold music, jubilee, review, peter-ash-lee

    Die Popkomponente, nur echt mit der Bassdrum auf der 1 und der Snare auf der 2, kommt auf dem Album natürlich auch nicht zu kurz. Das zu Anfang schon erwähnte „Be Sweet“ ist ein absoluter Hit. In den 80ern hätte Cyndi Lauper den Beat wahrscheinlich auch gepickt und damals einen Chartbreaker draus gemacht. Knackiger Bass, super viel Hall auf den Drums und Gitarren mit Choruseffekt. Geht da überhaupt noch mehr 80er? Heute ist das ein hübsches Zitat an ein mutiges und super interessantes Jahrzehnt. Was übrigens, je älter ich werde, auch für mich musikalisch immer interessanter wird. Keine Ahnung was da los ist.

    Dass der Optimismus in das musikalische Schaffen von Michelle Zauner Einzug erhalten hat, ist bei „Be Sweet“ sofort spürbar. Kann eine kaputte Beziehung noch mal wieder funktionieren? Ja! Im Song bietet sie Versöhnung an, zählt ihre Vorzüge auf und bittet um Höflichkeit und Respekt. Das alles aber mit dem Selbstbewusstsein einer modernen Frau. Und nicht um jeden Preis. Sie selbst beschreibt die Motivation für den Song so:

    „After spending the last five years writing about grief, I wanted our follow up to be about joy. For me, a third record should feel bombastic and so I wanted to pull out all the stops for this one.“

    The fear of an oven left on

    Aber jetzt noch mal kurz zurück zu den Momenten, die noch ein bisschen wehtun. „Kokomo, IN“ ist ein wirklich herzzereißender Song über eine Fernbeziehung. Ebenfalls etwas retro instrumentiert, versprüht der Song eine bittersüße Melancholie. Jede*r, die*der schon mal eine Fernbeziehung erlebt hat, kann bezeugen, wie zerrissen man sich da fühlt. Selbst wenn es nur 2 1/2 Stunden Bleifuß über die A3 sind und nicht wie im Song eine Fernbeziehung ins Ausland. Mein Herz wird jedenfalls schwer, wenn ich mir vorstelle, dass ein geliebter Mensch so unfassbar weit weg ist. Auf einmal ist alles ungewiss. Vermissen ist dann gleichzeitig Schmerz und Linderung. Japanese Breakfast fängt das alles perfekt in den Lyrics ein. Nichts schockt Körper und Geist so heftig, wie die kurze Ungewissheit, ob man den Ofen auch wieder ausgemacht hat, bevor man gegangen ist. Mit diesem Gefühl vergleicht Japanese Breakfast die Angst des Getrenntseins und erzählt die Geschichte aus der Perspektive des*der Zuhausegebliebenen:

    „I know they deserve you too
    And maybe I’m not that worthy“

    Um wie bei „Paprika“ ein bisschen auf das Thema Selbstoptimierung einzugehen, präsentiert uns Zauner dann „Slide Tackle“. Eine Drummachine, ein Synthesizer und ein wirklich sexy Saxophonsolo, mehr braucht der Song gar nicht. Er flowt und grooved entspannt vor sich hin. So kann Motivation also auch klingen? Eine schöne Abwechslung zu den sonst manchmal so aggressiven Powersongs. Und ich liebe einfach, wie sie sich selbst von unerwünschten Gedanken abbringen möchte, indem sie sie einfach „weggrätscht“ — „Don’t mind me while I’m tackling this void“.

    A billion dollar bunker for two

    Ein richtiges Highlight ist dann der Song „Savage Good Boy“ auf der zweite Hälfte des Albums. Aus der Sicht eines sehr reichen Mannes beschreibt Japanese Breakfast die Versuche, eine Frau für sich zu gewinnen. Da ist der Kloß im Hals ja eigentlich schon obligatorisch. Aber es kommt noch dicker, denn hier geht es nicht nur um Gepose und Angeberei. Dieser Mann hat zusätzlich auch noch Wahnvorstellungen und macht der Angebeteten eine Offerte, die er für unwiderstehlich hält: die drohende Apokalypse könne man ja zusammen in seinem „billion dollar bunker“ verbringen. Er habe alle Vorkehrungen getroffen. Ich finde den Text aus verschiedenen Gründen großartig: es ist zunächst mal ein ironisches „fuck you“ an alte, weiße, reiche Männer. Männer die glauben, sich alles erkaufen zu können und darauf auch noch stolz sind. Und weiter ist es eben auch ein sehr kluger Wink in Richtung Gesellschaft, wenn man sich die steigende Zahl von Anhängern verschiedenster Verschwörungsmythen anschaut.

    Gegruselt habe ich mich dann noch mal richtig, als ich gelesen habe, dass der Titel „Savage Good Boy“ tatsächlich der Headline eines Artikels über bunkerkaufende Millionäre entstammt, der sie zu diesem Song inspiriert hat. OMG, es ist also alles real!? So abgedreht der Song auch durch die schrillen hochgepitchten Vocals und das zweistimmige Gitarrensolo wirken mag, holt uns die Message auf den traurigen Boden der Tatsachen zurück. Ja, die Welt ist wirklich so scheiße. Ein kleines Lichtlein ist allerdings das Musikvideo zum Song, wenigstens da können wir uns kurz an der bittersüßen Rache des bezirzten Geschöpfs erfreuen.

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    There’s nothing left to fear, at least there’s that

    Wisst ihr, um einen Neuanfang zu feiern und mit einem Jubiläum die Vergangenheit in Ehren zu halten, muss man mit eben dieser allerdings erst einmal abschließen. Ein gutes Beispiel dafür könnte der Song „In Hell“ sein. Auch wenn ich nicht weiß, wen Michelle Zauner hier besingt und vermisst, und überhaupt, ob es ihre eigene Geschichte ist. Der Song widmet sich einem der schwierigsten Themen unserer Gesellschaft: einen Menschen durch die Krankheit begleiten, wenn es sein muss die Maschinen abschalten und Abschied nehmen. Auch hier sind die Lyrics hochemotional und direkt. Ich bin eigentlich gar nicht so ein empfindsamer Mensch, aber der Song ist nach „Kokomo, IN“ schon der zweite auf dem Album, bei dem es mir ganz anders wird. Und mir wird bewusst, dass Optimismus nicht unbedingt bedeutet, strahlend und quietschfidel durchs Leben zu gehen. Sondern dass Akzeptanz und echte Verarbeitung dafür schon ausreichen.

    Japanese Breakfast, pop, indiepop, untoldency, untold music, jubilee, review, peter-ash-lee

    Auffallend ist, dass eigentlich kein einziger Text auf „Jubilee“ fröhlich pfeifend rumnervt. In allen Texten finden wir eine Ernsthaftigkeit, die erst durch den Kontext und im Gesamten einen optimistischen Blick in die Zukunft ergibt. Auch beim letzten Song „Posing for Cars“ ist das der Fall. Kennt ihr diese amerikanischen Filmszenen: die*der ProtagonistIn sitzt alleine in der Bar, betrunken, am Boden zerstört? Und auf der Bühne sitzt eine Musikerin mit Gitarre und spielt einen traurigen Song? So klingt „Posing for Cars“ für mich. Auch in diesem Stück wird etwas verarbeitet, diesmal ist eine Trennung. Faszinierend ist für mich glaube ich die plakative Ehrlichkeit der Lyrics in Verbindung mit der simplen Gitarrenbegleitung. Cool, dass der Song bis zum Ende des Textes absolut ohne Schlagzeug und sonstige Krachmacher auskommt. Und sich dann langsam wiegelnd in einen Jam samt hingebungsvollem Gitarrensolo, übrigens auch von Zauner gespielt, entfaltet.

    Fazit

    Bei vielen KünstlerInnen aus diesem Genre wird oft und gerne von einem „interessanten Popentwurf“ gesprochen. Nur hier ist das kein Entwurf mehr. „Jubilee“ ist fertig. Damit meine ich natürlich nicht, dass es kein Potenzial zur Steigerung mehr gibt. Aber es ist stimmig, es trifft den Zeitgeist und es ist inhaltlich gehaltvoll. So stelle ich mir Pop vor! Klar, es gibt durchaus für meinen Geschmack auch 1,2 Skips auf dem Album. Aber das ist eher ein Zeichen für Vielfalt und Bandbreite, die im Pop ja eine wesentliche Rolle spielen.

    Ich habe mich richtig in die Welt von Japanese Breakfast entführt gefühlt, obwohl ich mit vielen der Themen eigentlich wenig Berührungspunkte habe. Das lag auf jeden Fall an den berührenden Texten, aber auch an der Art wie Michelle Zauner die Worte performed. Ich kenne zwar weder sie, noch kann ich ihre Schicksalsschläge mangels eigener Erfahrungen nachvollziehen, aber sie hat sich mir gegenüber verständlich gemacht. Und ich glaube, ich habe sie auch verstanden. Unbedingt auch probieren!

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    Fotocredit: Peter Ash Lee

  • Nichts für schwache Nerven: black midi mit „Cavalcade“

    Endlich, seit dieser Woche ist das neue Album „Cavalcade“ von black midi draußen. Zugegebenermaßen habe ich darauf jetzt wirklich lange fingernägelkauend gewartet und möchte jetzt natürlich auch ausführlich darüber berichten. Vorweg sei allerdings gesagt: auch das zweite Album ist nichts für schwache Nerven.

    Erstmal aber einen Schritt zurück. Im Jahre 2019 veröffentlichte black midi aus London, damals noch vierköpfig, ein absolut unfassbares Debütalbum: „Schlagenheim“. Die Musikwelt stand Kopf, sowas hatte man noch nicht gehört. Das war roh, das war brutal. Das war innovativ und technisch versiert. So einig war man sich in Kritikerkreisen. Wo man las, nur Lob und Preis für diese zeitweise ziemlich gehypte Band. Und ich glaube, eine Band hat es definitiv erst geschafft, wenn nicht nur Gleichaltrige himmelhochjauchzend in Freudentränen ausbrechen, sondern auch täglich dutzende Liebesbriefe von Ü-50 Rezensenten zur Tür reinflattern. Auch ich bin damals in Flammen aufgegangen für diese Band, vor allem nachdem ich diese eine KEXP-Livesession gesehen hatte. So routiniert und selbstbewusst habe ich Musiker, die damals im Schnitt nicht mal 20 Jahre alt waren, noch nie erlebt. Also, um mich war es auch geschehen.

    Während ich das hier schreibe muss ich wirklich schon sehr lachen, denn trotz der guten Kritiken habe ich in meinem Freundeskreis genau nur 1,5 Personen, die diese oben erwähnte Begeisterung mit mir teilen. Und glaubt mir, ich habe black midi wirklich mehr als ein Mal meinem sehr verehrten Publikum (meinen restlichen Freunden) vorgespielt und die Tanzfläche damit leergefegt. Die Reaktion darauf war eigentlich immer: „Mach das bitte aus. Das ist Krach“.
    Und wenn sich „Krach“ so anhört, als würden zwei Elefantenherden mit extrem hoher Geschwindigkeit aufeinander prallen, und in der Mitte, bei einem Aufprall epischen Ausmaßes, einen erneuten Urknall auslösen — stimmt, dann ist es Krach. Aber ja, mal im Ernst. Das ist einfach extrem verstörende und laute Musik, damit können nicht alle etwas anfangen und das ist auch völlig ok. Es ist stellenweise so bedrückend komplex und überwältigend, dass ich Angst beim Hören habe. Haha. Und das finde ich geil.

    When John L comes to town

    Kommen wir nun also zu „Cavalcade“. Eine traurige Nachricht gab es für alle Fans schon recht früh, Gitarrist Matt Kwasniewski-Kelvin wirkt auf dem neuen Album wegen psychischer Probleme nicht mit. Und somit wird aus dem Quartett ein Trio. In der Theorie zumindest, denn für das Album konnte die Band den Saxophonisten Kaidi Akinnibi und den Keyborder Seth Evans gewinnen, die dem gesamten Bandsound einen ganz neuen Schliff verpassen konnten. Dass sich da nämlich schon einiges verändert hat, merkt man relativ schnell. Während das Debüt „Schlagenheim“ von stark verzerrten Gitarrenriffs, skurrilen Geräuschen und lauten Drums geprägt war, kommt „Cavalcade“ an einigen Stellen schon fast brav daher… An einigen Stellen. An anderen Stellen brettert black midi natürlich wie eh und je, dass mir Hören und Sehen vergeht. Interessanterweise ist das neue Album sowohl zugänglicher, als auch noch komplizierter als sein Vorgänger. Wie das zusammengeht? Ehrlich, keine Ahnung! Ich verstehe bei dieser Band eigentlich gar nichts mehr.

    „John L“ ist der Opener von Cavalcade. Das „L“ steht hier übrigens für „fifty“ – fünfzig. Also die lateinische Zahl. Hier kommt einiges zusammen: Ein fast schon orchestrales Arrangement mit Bläsersatz und Streichern, schnell, kurzatmig und undurchsichtig. Der Song stoppt und startet zwischendurch immer wieder ganz abrupt, sodass ich zumindest Schwierigkeiten habe, dem Konstrukt zu folgen. Das sorgt für Verwirrung und Desorientierung (die Angst beim Hören habe ich ja schon mal erwähnt, hier ist sie). Sänger und Gitarrist Geordie Greep führt uns in seinem übertrieben artikulierten Sprechgesang eine Art Gedicht vor, das für mich irgendwie wie ein Drehbuchauszug oder eine Regieanweisung klingt. Zwischendurch fasst er nämlich immer wieder erläuternd zusammen: „This is the scene on Main Street when John L comes to town“.

    Er scheint uns also eine Geschichte erzählen zu wollen und erinnert mich dabei an einen Moritatensänger mit Drehorgel auf den Straßen des 19. Jahrhunderts. Der Song handelt von einem bizarren Götterkult und dem Fall des Kultführers, ebenjener John L. Im Musikvideo wird dieser Kult durch eine beeindruckende Tanzperformance von gender- und skincolorneutralen Menschen dargestellt. Das ist für mich wieder so ein Moment gewesen, in dem Musik ihr wahres Potenzial erst zusammen mit der visuellen Umsetzung entfaltet. Diese schnelle Rhythmik, Stop/Start, Chaos – all das wird durch die Performance geordnet und erträglich.

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    The joy of performance

    „Erträglich“ klingt wirklich so, als würde ich mich hier die ganze Zeit zwingen, mir black midi in die Hirse zu löffeln. Das stimmt aber nicht. Denn auch wenn viele Stücke viel Aufmerksamkeit und Zeit benötigen, kommen manche Stücke auch ganz ohne aus. Wie zum Beispiel der Track „Marlene Dietrich“. Wirklich eine Neuheit, denn dieser Song ist ein eigentlich ein Jazz-Chanson. Sehr zugänglich! Und ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie absurd das ist, wenn man das erste Album kennt. Da wurden gefühlt pausenlos nur die Instrumente verdroschen und den besinnlichen Momenten wenig Platz gelassen. „Marlene Dietrich“ schwingt sich richtig lauschig in die Ohrmuschel. Das tut einfach gut nach diesem Höllenritt mit „John L“.

    Als ich „Cavalcade“ das erste Mal nebenbei laufen ließ, habe ich doch tatsächlich gedacht, ich höre auf Shuffle und Nina Simone hätte sich in die Playlist geschlichen. Ohne Mist – Geordie Greep kann richtig singen! Bisher klang seine Stimme immer seltsam verstellt und hatte glaube ich eher den Zweck zu irritieren, als zu begeistern. Aber mir zumindest gefällt diese neue Abwechslung. Es soll auch tatsächlich nicht bei dem einen Mal bleiben. Im Song geht es, wie könnte es anders sein, um die Schauspielerin Marlene Dietrich herself. Geordie sagt dazu selbst: “She was someone who couldn’t really dance, couldn’t really sing, wasn’t the greatest actor and spent all her years in Hollywood on the wrong side of 30, but she had that indefinable but undeniable quality: incredible presence. She embodies the joy of magic and the joy of performance.”

    Witzigerweise finde ich dieses Zitat auch ziemlich passend für black midi. Klar – technisch sind hier absolute Könner am Werk, keine Frage. Vor allem Schlagzeuger Morgan Simpson kann eigentlich kein Mensch, sondern muss Maschine oder Gott sein. Aber was diese Band so besonders macht, ist ihre Performance und die unglaubliche Kraft, die sie so elegant entfaltet. Deswegen freut es mich auch so, dass sie im Song „Chondromalacia Patella“ neben ihrem Math-Rock-Gefrickel auch zwischendurch noch mal die Sau rauslassen und übertrieben laute Unisono-Hits raushauen. Jeder einzelne trifft mich ins Herz.

    Schrammel Schrammel ist nicht mehr

    Apropos: Herzstück ist für mich unter anderem übrigens „Slow“, das von Bassist Cameron Picton gesungen wird. Ich mag den Gegensatz des schnellen Instrumentals und der lethargischen Gesangsdarbietung. Und außerdem finde ich es super, dass das Stück „Slow“ heißt, aber eigentlich einfach super schnell gespielt ist, mit schnellen Hihats und Snare-Ghostnotes. Überzeugend sind für mich auch die ruhigen Passagen, die sich richtig verträumt aufbauen. Und das Saxophonsolo am Ende ist einfach die Kirsche auf dem Sahnehäubchen. Besonders packt mich eine bestimmte Stelle in den Lyrics, die sich so bedrohlich aufschaukelt und mir andauernd einen Ohrwurm verpasst:

    „Slowly it falls and slowly it dies
    Slowly it crumbles right under my eyes
    And it takes so long“

    Mit ruhigeren Passagen geht es auch weiter, in „Diamond Stuff“ findet man erst ganz zum Schluss mal ein Schlagzeug. Die meiste Zeit wird der Gesang, auch dieses mal wieder von Cameron, nur durch zwei Töne auf einer Mandoline (oder so) begleitet. Durch die plötzlichen Basstöne ab und zu, wird hier eine ganz intime Atmosphäre geschaffen, die mir Gänsehaut verpasst. Erst ziemlich spät ergießt sich das alles in einen rhythmisch geschichteten Groove, der mich teilweise an Radiohead erinnert. Ich bin übrigens immer mehr der Auffassung, dass „Cavalcade“ in erster Linie mal einfach ein AKUSTISCHES ERLEBNIS darstellt. Als solches sollte man es auch hören, denn hier noch in Genre-Schubladen einsortieren zu wollen, ist „verlorene Liebesmüh“.

    So Leude! Und das war gerade eine Shakespear-Überleitung (wer es nicht bemerkt hat)! Kurz Applaus bitte. Denn das gesamte Konzept scheint dieses Mal sehr ans Theaterspiel angelehnt zu sein. Nicht nur bei den Regieanweisungen von „John L“, auch mit „Marlene Dietrich“ und diesem Song hier, „Diamond Stuff“, wird darauf Bezug genommen. Im Text geht es zwar nicht um Schauspielerei, sondern um eine Mumie (oder Leiche?), die in einer Diamantenmiene gefunden wird — aber das alles aus der Ich-Perspektive der Mumie, was die verschiedenen theatralischen Erzählperspektiven verdeutlicht.

    Auf die Dosis kommt es an

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    „Dethroned“ beginnt mit einem smoothen Saxophonintro, so hätte man es vielleicht auch in den Straßen New Yorks der 70er Jahre gehört, ihr wisst schon, mit dampfenden Gullideckeln und so. Ich komme einfach nicht drum herum es auszusprechen: ist euch schon mal aufgefallen, dass das Saxophon eine extreme Renaissance erfährt gerade? Gerade im Post-Punk (wo man es wirklich überhaupt nicht erwartet hätte), schleppen die Bands wieder Saxophonisten mit zum Gig. Nur als Beispiel: Squid, Iceage, Black Country New Road, Protomartyr… sie alle machen das auf ihren neuen Alben. Und jetzt auch black midi.

    „Dethroned“ ist vielleicht einer der Songs, mit dem ich es bei meinen Freunden noch mal versuchen würde. Er ist zwar vertrackt und geht einige Abbiegungen, die andere Bands abgekürzt hätten, aber er grooved einfach auch die ganze Zeit durch. Was vor allem an der tighten Bassline in Verbindung mit den Drums liegt. Hier erinnert mich der Sound auch stark an King Crimson, der legendären Prog-Rock Band aus den 70ern („21st Century Schizoid Man“, hat auch Kanye mal gesampled).

    Das Album ist mit acht Songs einigermaßen kurz geraten. Ehrlich gesagt finde ich das aber gut. Das ist so, als hätte black midi gewusst, dass sie ihre Musik sparsam und in kleinen Dosen verabreichen müssen. Denn ein Overload ist bei den KonsumentInnen durch die Komplexität und das vermeintliche Chaos wohl schnell erreicht. Dafür ist allerdings das letzte Stück „Ascending Forth“ über neun Minuten lang. Die gepickte Akustikgitarre ist das wiederkehrende Element und führt durch den Song. Die dynamischen Peaks und Troughs machen den Song super spannend. Hier baut sich mal ein lauter Swell auf, dort baut er sich wieder ab und reduziert sich auf Geordies Stimme und die gezupfte Gitarre.

    Am meisten erinnert mich der Song an Jeff Buckley, der in seinen Songs auch Jazzpatterns mit einer ähnlich intonierten Stimme kombiniert hat. Und so orchestral arrangiert wie „Cavalcade“ angefangen hat, so endet es auch: tiefe Bläser, perkussives Schlagzeug und die Musik folgt dem Text, in dem es um einen von Schreibblockaden geplagten Künstler und dessen Schicksal geht. Durchkomponiert nennt man das und hier merkt man am deutlichsten, wie viel Detailarbeit in dieser Musik steckt.

    Fazit

    „Cavalcade“ bedeutet auf deutsch etwa „feierliche Parade“. Und all diese auf diesem Album von black midi geschaffenen Charaktere, schreiten an uns in dieser Parade vorbei. Wir stehen am Rand, gaffen, glotzen, träumen. Wie ich weiter oben schon schrieb, ist dieses Album als Gesamtkunstwerk und akustische Attraktion zu betrachten. Ich könnte niemals nur einen Song auswählen, um diesen beispielsweise in eine unserer Playlists bei untoldency zu packen. Erstens, weil ich das wirklich niemandem antun möchte und zweitens, weil diese Musik sowohl Kontext als auch Zeit benötigt. Wenn ihr mich fragt, ist das ein Meisterwerk der verschachtelten Rockmusik geworden. Ich glaube man kann sich gar nicht weiter weg von Pop bewegen, denn hier will und muss nichts gefallen.

    Nicht nur das musikalische Songwriting, auch die Texte sind literarisch hoch anspruchsvoll. Wahrscheinlich habe ich nicht mal 25% verstanden, von der Sprachhürde und den vielen ultra komplizierten Wörtern mal ganz abgesehen. Die verrohte Brutalität des ersten Albums ist kaum mehr zu spüren, stattdessen hat Jazz Einzug erhalten. Und das ergänzt sich erstaunlich gut mit den Post-Punk-, Metal- und Rockeinflüssen auf „Cavalcade“. Das glaubt ihr mir nicht? Kein Wunder. Würde ich es selbst nicht immer wieder anhören, um zu checken ob das auch wahr ist, ich würde es mir selbst nicht glauben.

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    Fotocredit: Yis Kid

  • Das Träumen verlernt: Der Frühling und die „Tamtam“-EP

    Meine sehr verehrten Damen und Herren, sehr verehrte Menschen,
    ich präsentiere euch: Der Frühling. Also jetzt nicht die Jahreszeit, denn die ist dieses Jahr irgendwie etwas seltsam und nicht besonders frühlingsmäßig wie im Bilderbuch. Ich meine das Musikprojekt von Lukas Kurz aka Der Frühling, Mitglied des Indiekollektivs die neue leichtigkeit. Und wenn wir am Rande schon so über die dieses Mal etwas faule Jahreszeit plaudern, könnte seine neue Debüt-EP „Tamtam“ eine echte Alternative für die Serotoninproduktion im Frühjahr sein.

    Der Frühling ist schon der zweite Streich, den mir das Kollektiv die neue leichtigkeit spielt. Nach der tollen (tollen!) EP von Tom Taschenmesser (Untoldency berichtete), folgt jetzt hier eine mindestens genau so tolle, aber komplett andersartige EP. Sechs Songs voller lässiger Grooves, schwurbelnden Synthesizern und vor allem: grandiosen Texten.

    Alone sein und dreamen

    Los geht’s direkt mit einem luftigen Indiepop-Beat und die Synthies flirren und schweben wie Pollen durch die Luft. Mac DeMarco hätte dieses Intro von „Allein Zu Sein“ wohl genau so, aber auf keinen Fall besser gemacht. Mit Überraschungseffekten muss man ja bekanntlich nicht sparsam sein, deswegen werden diese ersten luftigen Takte auch ziemlich direkt in einer ohrenbetäubenden Hallfahne erstickt. Und dann beginnt eigentlich erst der Song so richtig. Deutlich gechillter und in Halftime führt uns Der Frühling in seine EP ein.

    Ein lässig gespielter Basslauf begleitet dabei die lethargische Stimmung des Songs und bringt das Thema der Lyrics auf den Punkt: „Es ist schön allein zu sein„. Das ist sicherlich ein Statement, das mit der Pandemie im Rücken noch einmal ganz anders klingt, als vor März 2020. Aber stimmt es denn nicht immer noch? Ich für meinen Teil finde schon. Und es ist auch wieder Zeit, das offen zuzugeben! Pandemieende hin oder her, ich freue mich schon mit Songs wie diesem in meine Sommerdepression zu fallen und alleine zu prokrastinieren.

    Stimmungsmäßig bleiben wir in diesen Regionen auch noch ein bisschen, denn auch der zweite Song ist eher von melancholischer Natur. „Das Dreamen“ handelt von der abhandengekommenen Fähigkeit, sich in seinen Träumen zu verlieren. Und ganz verträumt klingt auch der Song. Ein geschmackvoll abgemischtes Vintage E-Piano und trockene, intime Drums rollen einen flauschig weichen Teppich aus, der zum verweilen einlädt. Und so gehen wir gemeinsam mit Der Frühling auch ein wenig auf Erkundungstour durch den eigenen Körper; da machen wir nicht nur im Traumzentrum unseres Gehirns, sondern auch beim angeknacksten Herzen und beim angstgeplagten Zwerchfell Halt. Und wenn wir das Träumen tatsächlich mittlerweile verlernt haben sollten, dann hilft uns die Bridge des Songs auf jeden Fall, wieder langsam damit anzufangen. In den Sound der Stimme und in diese wunderbaren Zeilen möchte ich mich einfach voll und ganz hineinwerfen:

    „Der Schnee auf den Dächern von Graz
    Liegt viel zu perfekt
    Der Schnee auf den Dächern von Graz
    Reflektiert nicht meinen Dreck“

    Wie lange wollen wir noch warten?

    Hach ja, der Frühling! Also die Jahreszeit meine ich jetzt. Endlich wieder ein bisschen Sonne, es sprießt und gedeiht überall, es keucht und fleucht und die Eisdielen machen wieder auf. Und auch unsereins, der Mensch, schält sich aus der Couchlandschaft und traut sich wieder vor die Tür. Die verbleibenen Zweidrittel der EP scheinen auch mit ähnlicher Motivation ausgestattet worden zu sein, denn „Bevor Du Aufstehst“ staubt die Gitarren ab und tauscht sie gegen die Synthesizer der ersten beiden Songs ein. Hier geben sich The Smiths und Tocotronic die Hand, der Rhythmus ist treibend und die Bassline keeps on running. Richtig gut! Wenn ich ein Cabrio hätte, würde ich diesen Song jetzt pumpen und das lichte Haar im Wind wehen lassen.

    Der Song ist ein Appell, der uns alle mal kräftig wachrütteln soll. „Sag mir, wie lange du noch warten willst, bevor du aufstehst und sprichst“ — das klingt nach Protest und Empowerment. Und in diesem Licht wirkt das Stück dann auch irgendwie politisch, denn was bringt es Missstände nur zu benennen und lange darüber zu sinnieren, wenn dann am Ende doch nichts passiert? Ein Anfang ist auf jeden Fall, einen Song darüber zu schreiben, auch wenn es der Kürzeste dieser EP ist.

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    Mit „Warten Und Starren“ gibt es auch noch was zum Abshaken kurz vor Schluss. Und während der Song so in meinen Kopfhörern abrockt, frage ich mich wirklich ernstlich, wo dieses Kollektiv ihren unfassbar guten Sound herholt. Wie auch schon Tom Taschenmessers „verstehst du nein gut“-EP ist die „Tamtam“-EP super produziert und stellt zu jeder Zeit die richtigen Dinge in den Fokus. Und auch der subtile DIY-Charakter macht diesen Sound mehr als sympathisch. Nach kurzer Recherche wird mir klar: der Hannoveraner Lukas Kurz ist nicht nur Multiinstrumentalist, nein, er ist auch Produzent und Mixing-Engineer zugleich. Das erklärt dann natürlich einiges.

    In den Lyrics von „Warten Und Starren“ findet man die abstraktesten Textzeilen der EP. Eine leicht dystopische Note zieht sich hier einmal quer durch und die Zukunft wird hier als bittersüße Königin ohne Reich gelobt und gepriesen. Königin ohne Reich? Klingt kryptisch. Hab auch lange gegrübelt, aber wenn mit „Reich“ zum Beispiel „Macht“ oder „Untertanen“ gemeint ist, schließt sich für mich der Kreis. Die Zukunft ist unantastbar und majestätisch, hat aber keine Gefolgschaft, weil sie ja keiner kennt. Oder so ähnlich. Da kann man sicher noch einige Repeats drüber nachdenken.

    Ich bin wirklich froh, dass ich auch diesen Frühling keine Pollenallergie bekommen habe (soll ja manchmal noch kommen, im Alter!), aber die Augen schwellen mir bei der „Tamtam“-EP auch ohne an. Einfach allein schon vor Rührung und diesem Gefühl, dass da jemand so tickt wie ich. Ich denke, da bin ich auch nicht alleine mit, denn die Kunst in den Lyrics von Der Frühling liegt definitiv im Herunterbrechen von komplexen Gefühlen und Empfindungen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. So, dass es viele Menschen verstehen können, wenn sie denn wollen. Das ist ein glasklarer Popindikator und ich finde auch, Pop ist am Schönsten, wenn er gar keiner sein will.

    Viel Tamtam um alles

    Wir haben ja schon Mitte/Ende Mai, Frühling ist eigentlich fast schon vorbei und so kratzt auch die „Tamtam“-EP vom Timing her gerade noch so die Kurve, sonst hätte sich Lukas Kurz vielleicht „Der Sommer“ nennen müssen. Höhö. Witzig, dass dann auch ein Song „Hauptsache Zu Spät“ heißt, als wäre das alles berechnetes Kalkül. Auch passend, dass uns Der Frühling uns hier im Riff mit seinen „Ha Ha Has“ ein bisschen auszulachen scheint und ziemlich schadenfroh folgende Zeilen singt:

    „Wenn der Teufel morgen kommt
    Und dich nach Hause holt
    Dann schau ich zu und freu mich drauf
    Wie du dann zittern wirst“

    Kann es sein, dass da jemand ziemlich pissed ist? Wir erfahren nicht so richtig, was genau vorgefallen ist. Für mich kommen da irgendwie so ein paar „Hab ich dir doch gesagt“-Vibes rüber (aber nicht die nervigen, sondern die, die recht haben). Der Sound des Songs ist eigentlich ein ziemlich guter Mix der gesamten EP, wir finden hier wieder oszillierende Synthesizerflächen, melodische Bassläufe und langsamere, groovige Drums. Ein Best Of Der Frühling quasi.

    Da „Tamtam“ ja leider nur eine EP ist, kommen wir mit „Ich sag dir alles“ auch schon zum letzten Song dieses Debüts. Hier werden wir noch mal Zeuge von Der Frühlings Fähigkeit, knackige Aussagen verbrauchergerecht und prägnant in seine Texte zu verpacken. Also so, dass sie auch unbeschadet beim Empfänger ankommen. Außerdem erinnert er uns daran, dass wir manchmal wahnsinnig schnell darin sind, uns einer Person anzuvertrauen. Und es offensichtlich nicht immer notwendig ist, das alles auch zu verstehen, was man da so von sich gibt. Was wissen wir denn eigentlich über uns selbst, bevor wir unser Inneres nach außen stülpen? Ich bleibe jedenfalls zu großen Teilen im Ungewissen, aber bin mir ziemlich sicher: Der Frühling hat hier abgeliefert. Die „Tamtam“-EP hat mir richtig Spaß gemacht und sollte gut für alle taugen, die in letzter Zeit auch das Träumen ein bisschen verlernt haben.

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    Fotocredit: Patrick Slesiona, Anna Niedermeier

  • Sophia Kennedy stellt sich mit „Monsters“ ihren und unseren Dämonen

    In heutigen Zeiten ist es wirklich leicht, Dämonen zu erschaffen. Ich bin mir sicher, es gibt irgendwo ein Youtube-Tutorial dazu. Wirklich schwierig ist es, sich ihnen dann im Nachhinein auch zu stellen. Sophia Kennedy macht sich auf ihrem neuen Album Monsters genau das zur Aufgabe. Die Angst vor den Monstern, Dämonen und Geistern, die sowohl in uns selbst als auch in den Ruinen unserer Gesellschaft spuken, zu überwinden.


    Science-Fiction Apocalypse

    Der erste Track „Animals Will Come“ ist das direkte Tor zur Welt von Sophia Kennedy. Eine Post-Irgendwas-Welt. Oder Pre-Irgendwas? Die bereits drohende dystopische Stimmung im ersten Song lässt auf jeden Fall nichts Blumiges und Quicklebendiges vermuten. Verspielte kleine Detune-Gitarrenlicks verschmelzen hier mit gehaltenen Akkorden auf der Orgel. Kennedys markante Stimme nimmt uns ab Sekunde 1 mit in ihre Gedanken. Wir finden uns in einer trockenen und heißen Wüste wieder. Ich spüre förmlich wie ich Durst bekomme und anfange zu halluzinieren. Ein Häufchen Elend, nur noch Haut und Knochen im heißen Sand. Die Tiere kommen langsam näher, um mich, die seltene Beute, für sich in Anspruch zu nehmen.

    „Animals Will Come“ — das dachte sich wahrscheinlich auch Noah damals, als er seine Arche baute, um die Sintflut unbeschadet zu überstehen. Ist dieses Album also ein Vorbote der drohenden Überflutung? Reizüberflutung? Sicher weiß ich nur: Etwas wird kommen mit diesem Album. Vielleicht 40 Jahre Regen. Vielleicht die Apokalypse, Tiere, Dämonen oder… „Monsters“. Sophia Kennedy hat hier definitiv etwas heraufbeschworen.

    „Orange Tic Tac“ zeigt gleich zu Beginn den unfassbaren Facettenreichtum ihrer Stimme. Neben ihrem großen Ton- und Dynamikumfang fasziniert auch die Fähigkeit, nur mit dem Klang Erzählperspektiven und Szenen zu wechseln. So erschafft sie innerhalb eines Songs scheinbar mehrere Charaktere, mal frech und vorlaut, mal reif und allwissend. Wie ein Strobo-Flashlight flackern die Bilder im Text auf und verschwinden wieder. Oder wie in einer ständig refreshten Instagram-Timeline. Bilder von Flammen im Himmel, Kindern mit Helmen und Süßwarenverkäufern. „Highlights“ und „Headlines“, Hand in Hand, genau wie bei unserem Medienkonsum. Tatsächlich singt Kennedy hier auch von einer „Science-Fiction Apocalypse“. Also doch eher eine Post-Irgendwas-Welt?


    Die Geister, die ich rief

    Im Galopp der apokalyptischen Reiter bewegen sich passenderweise Bassynthesizer und Drums bei „I Can See You“. Die von allen Popkonventionen befreite Songstruktur macht Spaß, gerade wenn dann auch mal ein Geräusch in der Form eines „blurps“ in den Gehörgang kriecht. Sophia Kennedy zieht und dehnt ihre Stimme eindrucksvoll in alle Richtungen. Im Dialog, face to face mit ihren eigenen inneren Monstern, so scheint es.


    „Like a dark cloud of insects
    Lifting from the trees
    My eyes open wide
    Through you I see me“


    „Durch dich sehe ich mich“ — ist das nicht eine wunderbare Liebeserklärung an die vielen Stimmen in uns? Und damit meine ich jetzt nicht etwa Schizophrenie als psychische Krankheit, sondern die verschiedenen Facetten unseres Charakters, die sich hin und wieder zeigen. Von denen wir vielleicht manchmal überrascht oder überwältigt sind, durch die wir aber letztendlich immer wieder zu uns finden und uns selbst besser kennenlernen. Ich denke, Sophia Kennedy will nicht unbedingt alle ihre inneren Stimmen verstehen. Doch ihr ist es gelungen, diese zuzulassen und zu verwalten. Eine Transzendenz der Persönlichkeiten. Die völlige Akzeptanz weiterer Mieter im Plattenbau der Seele.


    Just put on a smile :-)))
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    Mit „Francis“ wird’s dann das erste mal so richtig politisch. Und mit so richtig meine ich, dass mir fast schlecht wird vor Wahrheit und Ehrlichkeit in diesen Zeilen. Ein Synthie, in feine slices zerhackt, hämmert in meine primäre Hörrinde, irgendwie oddly satisfying. Ein tiefer Klavierton vermischt sich mit weiteren verzerrten Basstönen und bildet eine schwarze, bedrohliche Szenerie. Hier fällt mir zum ersten Mal auf, dass ich das gesamte Album über schon voll im Film bin und wirklich zu jedem Song ganze Welten in meiner Vorstellung enstehen.

    In „Francis“ besingt Sophia Kennedy die durch unsere Gesellschaft herangezüchtete toxische Männlichkeit. Ein bürgerliches Konstrukt, das noch lange nicht durchbrochen scheint. Die akkurate Beschreibung der Auswirkungen unserer Erziehungsmethoden ist so bedrückend wahr, dass die scharfe Zynik in den Lyrics schon fast verborgen bleibt. Faszinierend und klug finde ich, dass Kennedy hier den Problemkomplex „Gender Equality“ an der Wurzel packt bzw. in der Kinderstube vorführt. Wirklich, bei jedem Hören Gänsehaut. Vor allem, weil so ein bisschen Francis wahrscheinlich in jedem Mann, und somit auch in mir, steckt.

    „Too many chances, Francis
    Just put on a smile
    Everything is free
    All the papers have been signed

    Just loosen up the buttoned shirt
    You won’t ever make mistakes
    Cause you were never taught
    How mistakes are made“


    And then it hits again

    „Loop“ greift ein ganz artverwandtes Thema auf. Wir scheinen uns in einer Art undurchbrechbaren Zeitschleife, einem „Loop“, zu befinden, wenn wir die Schuld für unsere Missstände immer bei den Generationen vor uns suchen. Dabei aber oft vergessen, dass wir es nicht unbedingt besser machen, als unsere Eltern. Dieser Teufelskreis setzt immer wieder von vorne ein — „and then it hits again“. Passend dazu hittet dann auch die 808-Bassdrum mal so richtig in die Magengrube.

    Die gesanglich beste Leistung in meinen Ohren liefert Sophia Kennedy im Song „Chestnut Avenue“ ab. Die Geschichte des Songs folgt ihrer Stimme auf Schritt und Tritt, so als wären es nicht die Worte, die die Story formen, sondern allein die Performance. Düster und theatralisch, wie in einem Bühnenstück von Berthold Brecht. Die Chestnut Avenue ist gleich in doppelter Hinsicht für die gebürtige US-Amerikanerin bedeutend, denn sowohl ihre alte Adresse in der Heimat Baltimore, als auch eine ihrer späteren Adressen in Hamburg ist nach Kastanien benannt. Skuriler Zufall! Musikalisch fühlt sich der Song an wie eine Postkarte aus den 60er Jahren, deren Einflüsse auf dem gesamten Album stark wahrzunehmen sind. Denn auch die Chorarrangements bei „Do They Know“ erinnern an die Experimentierfreude der Vocalaufnahmen von Bands wie den Beatles, den Kinks oder den Beach Boys.


    Has the cat get your tongue?

    Musikalisch ebenfalls auffällig auf „Monsters“ sind die Beats, die Sophiay zusammen mit ihrem Produzenten und partner in crime Mense Reents geschraubt hat. Oft geht es chaotisch zu, es gibt viele Störgeräusche und Irritationen, wie zum Beispiel im Chorus von „I’m Looking Up“. Auch im Letzten Song des Albums „Dragged Myself Into The Sun“ taucht dieser abgehackte Synth-Beat wieder auf und versetzt mich so sehr in Schwindel, dass ich mich mal kurz hinsetzen muss. Mir fällt es dabei echt schwer, mich auf irgendetwas im Song oder in meiner Umgebung zu fokussieren und habe beinahe Angst, dass mir der Kopf platzt. Dieses maschinelle Einpauken neuer Gedanken gelingt ihr auf ganzer Länge sehr. Und passend zu den Lyrics will auch ich meinem Alltag entfliehen, am besten so weit weg, wie es nur geht. Mit einem Spaceship ins All? Ja, bitte, wo kann ich einsteigen?

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    Im wahrsten Sinne des Wortes hat mir das gesamte Album die Sprache verschlagen. „Has the cat get your tongue?“ fragen native speaker, meist leicht genervt, wenn du kein Wort mehr rausbekommst und wie der Ochs vor’m Berg stehst. In „Cat On My Tongue“ thematisiert Sophia Kennedy dieses Phänomen der heruntergeschluckten Zunge in ihrem Text, dazu ein cooler Vocalloop auf einem Odd Future inspiriertem Beat. Passieren kann das mit der Wortfindungsstörung ja ziemlich oft, und mir persönlich tatsächlich auch häufiger, als mir lieb wäre. Sei es vor Aufregung, vor Scham, vor Wut oder… wenn ich meinem Crush meine Liebe gestehen will. Übrigens ist dieser Song auch jener, den der God of Punk höchstselbst, nämlich Iggy Pop, kürzlich in seiner Radioshow im BBC gespielt hat. Das ist ein Ritterschlag. Glückwunsch, Frau Kennedy!


    Fazit

    Auch wenn eigentlich schon alles gesagt ist und die Musik spätestens ab jetzt für sich selbst sprechen sollte, hier noch ein kurzes Fazit. Ich habe heute ein kurzes Interview von Sophia Kennedy im DLF Kultur gehört. Darin sagte sie, „schlauer Pop“ gefiele ihr eigentlich so gar nicht als Genre-Schublade. Weil sie ja gar nicht wisse, ob das alles immer so schlau sei, was sie so produziert. Das finde ich sehr sympathisch. Aber auch schade, denn ihre Musik ist einfach nun mal sehr schlau und ich hätte sie intuitiv tatsächlich in diese Kategorie einsortiert. Ein klassisches Dilemma! Man muss aber ja nicht immer alles benennen, deswegen ganz einfach: mir hat „Monsters“ wirklich wirklich gut gefallen. Kaum zu glauben, dass das erst das zweite Album ist. Es verarbeitet persönliches und gesellschaftliches Chaos, ohne es unbedingt aufklären zu wollen. Und es ist mit der Mischung aus hypermodernen Synthesizerklängen und tighten Lo-Fi Beats einfach nur on point. Wenn das der Vorbote der Apokalypse ist, wie gut wird dann bitte die Apokalypse?

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    Fotocredit: Helena Ratka, Benjakon