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Sophia Kennedy stellt sich mit “Monsters” ihren und unseren Dämonen

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In heutigen Zeiten ist es wirklich leicht, Dämonen zu erschaffen. Ich bin mir sicher, es gibt irgendwo ein Youtube-Tutorial dazu. Wirklich schwierig ist es, sich ihnen dann im Nachhinein auch zu stellen. Sophia Kennedy macht sich auf ihrem neuen Album Monsters genau das zur Aufgabe. Die Angst vor den Monstern, Dämonen und Geistern, die sowohl in uns selbst als auch in den Ruinen unserer Gesellschaft spuken, zu überwinden.


Science-Fiction Apocalypse

Der erste Track „Animals Will Come“ ist das direkte Tor zur Welt von Sophia Kennedy. Eine Post-Irgendwas-Welt. Oder Pre-Irgendwas? Die bereits drohende dystopische Stimmung im ersten Song lässt auf jeden Fall nichts Blumiges und Quicklebendiges vermuten. Verspielte kleine Detune-Gitarrenlicks verschmelzen hier mit gehaltenen Akkorden auf der Orgel. Kennedys markante Stimme nimmt uns ab Sekunde 1 mit in ihre Gedanken. Wir finden uns in einer trockenen und heißen Wüste wieder. Ich spüre förmlich wie ich Durst bekomme und anfange zu halluzinieren. Ein Häufchen Elend, nur noch Haut und Knochen im heißen Sand. Die Tiere kommen langsam näher, um mich, die seltene Beute, für sich in Anspruch zu nehmen.

„Animals Will Come“ — das dachte sich wahrscheinlich auch Noah damals, als er seine Arche baute, um die Sintflut unbeschadet zu überstehen. Ist dieses Album also ein Vorbote der drohenden Überflutung? Reizüberflutung? Sicher weiß ich nur: Etwas wird kommen mit diesem Album. Vielleicht 40 Jahre Regen. Vielleicht die Apokalypse, Tiere, Dämonen oder… “Monsters”. Sophia Kennedy hat hier definitiv etwas heraufbeschworen.

„Orange Tic Tac“ zeigt gleich zu Beginn den unfassbaren Facettenreichtum ihrer Stimme. Neben ihrem großen Ton- und Dynamikumfang fasziniert auch die Fähigkeit, nur mit dem Klang Erzählperspektiven und Szenen zu wechseln. So erschafft sie innerhalb eines Songs scheinbar mehrere Charaktere, mal frech und vorlaut, mal reif und allwissend. Wie ein Strobo-Flashlight flackern die Bilder im Text auf und verschwinden wieder. Oder wie in einer ständig refreshten Instagram-Timeline. Bilder von Flammen im Himmel, Kindern mit Helmen und Süßwarenverkäufern. “Highlights” und “Headlines”, Hand in Hand, genau wie bei unserem Medienkonsum. Tatsächlich singt Kennedy hier auch von einer „Science-Fiction Apocalypse“. Also doch eher eine Post-Irgendwas-Welt?


Die Geister, die ich rief

Im Galopp der apokalyptischen Reiter bewegen sich passenderweise Bassynthesizer und Drums bei „I Can See You“. Die von allen Popkonventionen befreite Songstruktur macht Spaß, gerade wenn dann auch mal ein Geräusch in der Form eines „blurps“ in den Gehörgang kriecht. Sophia Kennedy zieht und dehnt ihre Stimme eindrucksvoll in alle Richtungen. Im Dialog, face to face mit ihren eigenen inneren Monstern, so scheint es.


„Like a dark cloud of insects
Lifting from the trees
My eyes open wide
Through you I see me“


„Durch dich sehe ich mich“ — ist das nicht eine wunderbare Liebeserklärung an die vielen Stimmen in uns? Und damit meine ich jetzt nicht etwa Schizophrenie als psychische Krankheit, sondern die verschiedenen Facetten unseres Charakters, die sich hin und wieder zeigen. Von denen wir vielleicht manchmal überrascht oder überwältigt sind, durch die wir aber letztendlich immer wieder zu uns finden und uns selbst besser kennenlernen. Ich denke, Sophia Kennedy will nicht unbedingt alle ihre inneren Stimmen verstehen. Doch ihr ist es gelungen, diese zuzulassen und zu verwalten. Eine Transzendenz der Persönlichkeiten. Die völlige Akzeptanz weiterer Mieter im Plattenbau der Seele.


Just put on a smile :-)))
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Mit „Francis“ wird’s dann das erste mal so richtig politisch. Und mit so richtig meine ich, dass mir fast schlecht wird vor Wahrheit und Ehrlichkeit in diesen Zeilen. Ein Synthie, in feine slices zerhackt, hämmert in meine primäre Hörrinde, irgendwie oddly satisfying. Ein tiefer Klavierton vermischt sich mit weiteren verzerrten Basstönen und bildet eine schwarze, bedrohliche Szenerie. Hier fällt mir zum ersten Mal auf, dass ich das gesamte Album über schon voll im Film bin und wirklich zu jedem Song ganze Welten in meiner Vorstellung enstehen.

In „Francis“ besingt Sophia Kennedy die durch unsere Gesellschaft herangezüchtete toxische Männlichkeit. Ein bürgerliches Konstrukt, das noch lange nicht durchbrochen scheint. Die akkurate Beschreibung der Auswirkungen unserer Erziehungsmethoden ist so bedrückend wahr, dass die scharfe Zynik in den Lyrics schon fast verborgen bleibt. Faszinierend und klug finde ich, dass Kennedy hier den Problemkomplex „Gender Equality“ an der Wurzel packt bzw. in der Kinderstube vorführt. Wirklich, bei jedem Hören Gänsehaut. Vor allem, weil so ein bisschen Francis wahrscheinlich in jedem Mann, und somit auch in mir, steckt.

„Too many chances, Francis
Just put on a smile
Everything is free
All the papers have been signed

Just loosen up the buttoned shirt
You won’t ever make mistakes
Cause you were never taught
How mistakes are made“


And then it hits again

„Loop“ greift ein ganz artverwandtes Thema auf. Wir scheinen uns in einer Art undurchbrechbaren Zeitschleife, einem „Loop“, zu befinden, wenn wir die Schuld für unsere Missstände immer bei den Generationen vor uns suchen. Dabei aber oft vergessen, dass wir es nicht unbedingt besser machen, als unsere Eltern. Dieser Teufelskreis setzt immer wieder von vorne ein — „and then it hits again“. Passend dazu hittet dann auch die 808-Bassdrum mal so richtig in die Magengrube.

Die gesanglich beste Leistung in meinen Ohren liefert Sophia Kennedy im Song „Chestnut Avenue“ ab. Die Geschichte des Songs folgt ihrer Stimme auf Schritt und Tritt, so als wären es nicht die Worte, die die Story formen, sondern allein die Performance. Düster und theatralisch, wie in einem Bühnenstück von Berthold Brecht. Die Chestnut Avenue ist gleich in doppelter Hinsicht für die gebürtige US-Amerikanerin bedeutend, denn sowohl ihre alte Adresse in der Heimat Baltimore, als auch eine ihrer späteren Adressen in Hamburg ist nach Kastanien benannt. Skuriler Zufall! Musikalisch fühlt sich der Song an wie eine Postkarte aus den 60er Jahren, deren Einflüsse auf dem gesamten Album stark wahrzunehmen sind. Denn auch die Chorarrangements bei „Do They Know“ erinnern an die Experimentierfreude der Vocalaufnahmen von Bands wie den Beatles, den Kinks oder den Beach Boys.


Has the cat get your tongue?

Musikalisch ebenfalls auffällig auf „Monsters“ sind die Beats, die Sophiay zusammen mit ihrem Produzenten und partner in crime Mense Reents geschraubt hat. Oft geht es chaotisch zu, es gibt viele Störgeräusche und Irritationen, wie zum Beispiel im Chorus von „I’m Looking Up“. Auch im Letzten Song des Albums „Dragged Myself Into The Sun“ taucht dieser abgehackte Synth-Beat wieder auf und versetzt mich so sehr in Schwindel, dass ich mich mal kurz hinsetzen muss. Mir fällt es dabei echt schwer, mich auf irgendetwas im Song oder in meiner Umgebung zu fokussieren und habe beinahe Angst, dass mir der Kopf platzt. Dieses maschinelle Einpauken neuer Gedanken gelingt ihr auf ganzer Länge sehr. Und passend zu den Lyrics will auch ich meinem Alltag entfliehen, am besten so weit weg, wie es nur geht. Mit einem Spaceship ins All? Ja, bitte, wo kann ich einsteigen?

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Im wahrsten Sinne des Wortes hat mir das gesamte Album die Sprache verschlagen. „Has the cat get your tongue?“ fragen native speaker, meist leicht genervt, wenn du kein Wort mehr rausbekommst und wie der Ochs vor’m Berg stehst. In „Cat On My Tongue“ thematisiert Sophia Kennedy dieses Phänomen der heruntergeschluckten Zunge in ihrem Text, dazu ein cooler Vocalloop auf einem Odd Future inspiriertem Beat. Passieren kann das mit der Wortfindungsstörung ja ziemlich oft, und mir persönlich tatsächlich auch häufiger, als mir lieb wäre. Sei es vor Aufregung, vor Scham, vor Wut oder… wenn ich meinem Crush meine Liebe gestehen will. Übrigens ist dieser Song auch jener, den der God of Punk höchstselbst, nämlich Iggy Pop, kürzlich in seiner Radioshow im BBC gespielt hat. Das ist ein Ritterschlag. Glückwunsch, Frau Kennedy!


Fazit

Auch wenn eigentlich schon alles gesagt ist und die Musik spätestens ab jetzt für sich selbst sprechen sollte, hier noch ein kurzes Fazit. Ich habe heute ein kurzes Interview von Sophia Kennedy im DLF Kultur gehört. Darin sagte sie, „schlauer Pop“ gefiele ihr eigentlich so gar nicht als Genre-Schublade. Weil sie ja gar nicht wisse, ob das alles immer so schlau sei, was sie so produziert. Das finde ich sehr sympathisch. Aber auch schade, denn ihre Musik ist einfach nun mal sehr schlau und ich hätte sie intuitiv tatsächlich in diese Kategorie einsortiert. Ein klassisches Dilemma! Man muss aber ja nicht immer alles benennen, deswegen ganz einfach: mir hat “Monsters” wirklich wirklich gut gefallen. Kaum zu glauben, dass das erst das zweite Album ist. Es verarbeitet persönliches und gesellschaftliches Chaos, ohne es unbedingt aufklären zu wollen. Und es ist mit der Mischung aus hypermodernen Synthesizerklängen und tighten Lo-Fi Beats einfach nur on point. Wenn das der Vorbote der Apokalypse ist, wie gut wird dann bitte die Apokalypse?





Fotocredit: Helena Ratka, Benjakon

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