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Eine Welle von Emotionen: Die Debut-EP „High Tide“ von jesko

Jesko, EP, review, untoldency

Musikalisch gesehen wird Hannover meist nicht so als „the place to be“ angesehen. Doch spätestens seit JEREMIAS ist die Stadt wieder auf dem Musik-Radar für aufstrebenden Newcomer:innen gelandet und hat ihr Image aufpoliert. Zusammen mit anderen Künstler:innen wie Anaïs, den Ottolien oder FORWARD wird klar: Die Vielfältigkeit der Hannoverschen Musikszene sollte nicht unterschätzt werden. Meine neueste Entdeckung aus der niedersächsischen Landeshauptstadt: jesko

Hinter jesko steckt die 22-jährige Studentin Neele. Sie produziert mit ihren Freunden zusammen Songs, die sie bisher meist für sich behalten hat. Ihren ersten und bisher einzigen Auftritt hatte sie im August 2020 beim Livestream-Festival vom Campusradio Hannover – dort bin ich auf sie aufmerksam geworden. Damals hatte sie noch nichts veröffentlicht, kein Spotify-Profil, keine CD’s oder Demos. Ich weiß aber noch ganz genau, wie ich ganz konzentriert hinter dem Monitor saß und darauf fokussiert war die Kommentare des Livestreams zu beantworten. Als jesko auf die Bühne kam habe ich direkt Gänsehaut bekommen und musste ihr einfach gebannt zuhören (und meine eigentliche Aufgabe ignorieren). Neele hat einfach eine unglaublich fesselnde Stimme. 

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Deswegen hat es mich umso mehr gefreut als ich gesehen habe, dass sich seitdem einiges getan hat und jesko Ende März ihre erste EP veröffentlicht hat. Unter dem Namen „High Tide“ befinden sich auf der EP fünf Songs. Anders als das Cover der EP mit einem Bild der kleinen Neele vermuten lässt, geht es nicht um ihre Kindheit, sondern um die aktuelle Gefühlswelt. Die Songs sind eine Mischung aus eigenen Erfahrungen und Geschichten, die sie von anderen erzählt bekommen hat. Das Ganze klingt sehr atmosphärisch, melancholisch und lässt mitfühlen. 

Der Name ist Programm: Der erste Song „High Tide“ ist Namensgeber der EP. Zugleich ist es auch die erste Single, die jesko veröffentlicht hat und der perfekte Einstieg in die EP. Atmosphärische Sounds und synth waves lassen mich sanft in jesko’s Klangwelt gleiten. Ihre softe Stimme trifft auf Echos aus der Ferne und ich drifte ein bisschen ab. 

“You’re so close to bottom of it all, when the high tide slowly brings you down“ 

Inhaltlich dreht sich der Song um Rückschläge. Rückschläge, die man nicht wahrhaben möchte und realisiert, dass man aber doch nicht wegrennen kann, auch wenn es das einzige ist, was man gerade machen könnte. Es geht auch um einen gewissen Zwang an etwas wachsen zu müssen, obwohl man gedanklich eigentlich noch in der Vergangenheit feststeckt. Diese Zerrissenheit ist auch im Musikvideo zu „High Tide“ zu sehen. Dort steht jesko vor einer Wand, auf die ein Video von Wellen im Meer proviziiert wird. Sie schaut verträumt und unsicher in die Kamera oder in die Ferne. Viel passiert nicht, aber ich habe direkt das Gefühl mitzuerleben, was in ihr vorgeht. Auch wenn das ein bisschen trügerisch ist, denn die Geschichte hinter dem Lied ist nicht ihre eigene, sondern die eines Bekannten. 

Ok, weiter geht’s: der nächste Song heißt „Leave me running“. Setzt er da an, wo der erste Song aufhört? So genau weiß ich das nicht, aber er passt auf jeden Fall perfekt in das sinnbildliche Konzept. Diesmal geht es weniger um den eigenen Kampf mit den Gefühlen. Hier ist eindeutig eine zweite Person mit im Spiel. Verlangen nach Nähe, Rückhalt und einer Gegenseitigkeit, bei der allerdings offenbleibt, ob sie gegeben ist. Es geht um die Unsicherheit: Fühlst du genauso wie ich? Und was ist wenn? Ich fühle mich schon fast selbst unsicher. Da hilft es auch nicht, dass der Song sehr offen endet mit „it could get cruel, it could get bad“ – na toll, und jetzt? 

Mit „Raining Gold“ bricht diese ungemütliche, zerrissene Stimmung ohne eine direkte Antwort auf den vorherigen Song zu geben. Der „sunny song“ der EP klingt fast wie ein kleines Liebesgeständnis und lässt Hoffnung aufkommen. Ich werde also doch noch gerettet. Viel mehr gibt es zu der Disco-Nummer mit starkem Ohrwurm-Potential auch eigentlich nicht zu sagen. Der Sound ist sehr leicht und stimmig mit dem Konzept der EP. Ein typischer „everybody‘s darling“. 

„Now it’s 2 in the morning and I still can’t find a way how I not wanna be stuck with you“ 

Ja, diese Situation kommt mir irgendwie bekannt vor. Man weiß nicht so genau, wo man gerade eigentlich steht mit dieser Person, aber man kann auch einfach nicht ohne. Jesko merkt, dass sie verliebt ist, sträubt sich dagegen, aber kann auch nicht so richtig etwas unternehmen. Das Ganze ist verpackt in einen eher glücklich klingenden Gitarren-Sound, der mich von der trübenden Unsicherheit ablenken lässt. Das ist „Stuck With You“. 

Dieses fast schon wohlige Gefühl, dass gerade erzeugt wurde, wird mit dem letzten Song „Beautiful Disgrace“ dann auch wieder zerstört. Traurige Klavierakkorde lassen mich wieder in eine mitfühlende, melancholische Verfassung fallen. Geht es hier um eine Trennung? Zweifel werden deutlich, aber auch wieder viele Unsicherheiten. Für mich kommt der Song teilweise leider etwas konzeptlos daher und ist deshalb einer der schwächeren auf der EP. 

Fazit: jesko nimmt uns mit in ein Wechselbad der Gefühle. Vieles ist total nachempfindbar, manches bleibt allerdings auch offen. Das ist aber auch gar nicht so schlimm. Mich haben die Songs auf jeden Fall sehr zum Nachdenken angeregt. Insgesamt kommt der Sound eher etwas getrübt daher und ist eindeutig eine der melancholischen EP’s, die man an einem regnerischen Tag rauf und runter spielt. Ich habe Lust auf mehr und bin gespannt, was jesko als Nächstes raushaut! 

Photo Credit: Luis Jantsch

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