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Liebeskummer und Therapie: BRKN verarbeitet in „Drama“ den Schmerz einer Trennung auf berührende Weise und mit heftigen Beats

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Wer sich ein bisschen öfter Reviews auf Untoldency durchliest, könnte vor allem bei mir öfter die Aussage gelesen haben, das sei jetzt schon das „Album des Jahres“. Und ey, ich steh da bei jedem einzelnen Album, über das ich das gesagt habe, immer noch völlig hinter. Dieses Jahr ist einfach heftig und es ist erst Mai. Jetzt reiht sich ein weiteres Album in meine „Album des Jahres“-Liste ein: Es geht um Drama von Kreuzberg-Legende BRKN. Drama ist nicht nur ein richtig gutes Album, sondern auch ein unfassbar wichtiges. Es geht um Herzschmerz, Selbstzweifel und Depressionen – Themen, die selten so offen im Deutschrap angesprochen werden wie jetzt von BRKN. Aber lest einfach selbst.

 
Jedem Anfang wohnt ein Zaubert inne.

Im Februar meldete sich BRKN mit seiner erste Singleauskopplung Jede Nacht das erste Mal seit Jahren zurück. Nach seinem renommierten Album Einzimmervilla von 2017 kam „nur“ noch der absolute Hit Bordeaux (hat auch eine wunderschöne Color Session) und dann war es lange Zeit still um den Kreuzberger Rapper und Multiinstrumenten. Doch jetzt ist er zurück. Auf seinem neuen Album „Drama“ lässt BRKN Deutschrap einfach wieder gut klingen. Er wirft ein souliges Saxophon in den Beat und rappt über seinen depressiven Trennungsschmerz. Ich wusste nicht, wie sehr ich das feiern würde, bis ich es wirklich in absoluter Länge gehört hab. Buckle up, hier kommt das Drama:

BRKN, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, deinbrkn, berkanito, jede nacht, drama, untold music, danke gut podcastWie es sich für ein ordentliches Hip Hop Album gehört, kommt erstmal das Intro. R’n’B – Vibes treffen auf BRKNs Klavier, ein Saxophon steigt ein und wenn auch erstmal nur rein instrumentell, ist es kein Intro, was ich skippen würde. Tatsächlich verfolgen Intros ja immer eine gewissen Intention. Sie setzen den Rahmen für’s Album und leiten ein.  Wenn man das Album auf Shuffle hört, kommt das natürlich überhaupt gar nicht zum Tragen, aber alleine deshalb lohnt es sich auch mal, wie früher, Alben in der Reihenfolge durchzuhören, wie sie vom Künstler vorgegeben sind. Im Falle von Anfang (J’s Intro) macht BRKN das mit einem Hermann Hesse Gedicht, direkt aus dem Deutsch-LK:

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

Steigt man mit diesem Zitat direkt in die Analyse ein, dann steht Drama, so traurig die bevorstehenden Songs wahrscheinlich klingen werden, für einen Neuanfang. Für die Verarbeitung all der ihn während des Prozesses quälenden Gefühle und für den Abschluss damit. Es ist der Beweis, dass so herausfordernd es für BRKN war, ein Album während seiner Depressionen zu machen, er es trotzdem geschafft hat. Und dem liegt tatsächlich ein bisschen Zauber inne.

 
„Ich hab genug Probleme“

„Ich versuche nur den Tag zu übersteh’n
Eigentlich will ich nur fragen, wie’s dir geht
Alles hängt am seid‘nen Faden seit du fehlst
Doch ich hatte keine Wahl, ich musste geh’n.“

Drama ist der große Vorhang-Auf für das gleichnamige Album und fängt genau mit diesen Worten an. Es gibt mit klaren Worten direkten Kontext für alles, was BRKN thematisch auf diesem Album verarbeitet. Wie und warum er sich getrennt hat, das bleibt persönlich, aber darum geht es ja auch gar nicht. Viel mehr geht es um das, was die Trennung mit ihm gemacht hat: „Ich trinke sieben Gläser hintereinander | Ich spiele alle Rollen in diesem Drama“. Ich will nicht lügen, aber vor allem zum letzten Satz kann ich sehr relaten und wahrscheinlich viele von euch auch.

Musikalisch ist Drama die perfekte Mischung aus Soul, R’n’B, Trap und vielleicht auch bisschen Jazz, die BRKN so ausmacht. Wenn auch relativ kurz, weiß ich jetzt schon: dieses Break-Up Album wird ballern. Und das beweist schon der nächste Song, der als letzte Singleauskopplung mit dem Album raus kam: 1991.

Selbst wenn ich nicht mehr dort wohne, würde ich behaupten, 1991 muss auf jeder privaten Playlist einer stolzen in Berlin Kreuzberg/Neukölln wohnenden Person zu finden sein. Es ist einer der wenigen Songs, auf denen BRKN seinem Drama eine positive Feier-Stimmung verpasst. Ich kann den Song nicht hören, ohne dass ich ihn vor meinen Augen durchs Studio tanzen sehe. Wer BRKN kennt, weiß, dass er vor allem live ein absolutes Energie-Bündel ist, das auf der Bühne absolut alles gibt. Und das ist was, was ich in den letzten drei Jahren sehr vermisst hab, und jetzt endlich wieder zu spüren bekomme.

 
„Ich hoffe, ich behalt mein Herz“

Doch das solls erstmal sein mit Party-BRKN. Die angesprochene Trennung hat ihn tatsächlich ziemlich aus der Bahn geworfen und das verarbeitet er unter Anderem auf Herz. Eigentlich kenne ich auch nur Heartbreaks Songs, die entstanden sind, weil mit einem Schluss gemacht wurde. Doch mit BRKN wurde nicht Schluss gemacht hat, er selbst hat die Beziehung beendet und fühlt den Schmerz deshalb nicht nur selbst, sondern auch noch stellvertretend für die Person, mit der er Schluss gemacht hat. Manchmal funktionieren Beziehungen nicht, wie man es sich vorstellt und dann muss man sie beenden, so sehr das einem auch selbst wehtut. Man verliert nicht nur selbst jemanden so wichtiges, sondern tut dieser wichtigen Person auch noch wissentlich weh. Und das ist nochmal eine ganz andere Art Herzschmerz, denn es gibt eigentlich nichts Schlimmeres, als jemanden weh zu tun, den man liebt. Jedenfalls für uns empathische Menschen:

„Wie lebt man damit? Wie schläft man damit?
Das geht doch gar nicht
Wie soll ich mich so selbst noch angucken, heh?
Wie soll mich noch irgendwas jucken
Bin mir seitdem selber egal
Fühlt sich an als ob der Teufel mich jagt“

Im Podcast Danke, Gut mit Miriam Davoudvandi (vielleicht besser bekannt als cash.miri), sprach BRKN über genau diese Thematik. Wie ihn diese ganze Trennung und alles drum rum in eine Depression gekickt hat und er sich Tag für Tag, Song für Song vielleicht, da raus gekämpft hat. BRKN hat diese Killer-Beats nicht gebaut, um zu charten, sondern um zu dem zurückzukehren, wer er ist. Zurückzukehren zur Musik, dem Ort, an dem Gefühle einen Soundtrack bekommen, verarbeitet und geteilt werden. Ich bin wirklich einfach nur begeistert, wie offen und ehrlich BRKN mit diesen Themen umgeht. Wie er mit über seine eigene Männlichkeit reflektiert, über Depressionen, Paranoia und Therapie rappt, während es fast überall sonst im Deutschrap um all diese toxischen Sachen geht, über die ich viel zu müde bin, sie niederzuschreiben. Damit ich das nicht muss, könnt ihr euch hier den Podcast anhören, weil er ist wirklich unglaublich gut.

Ich bin ein bisschen abgedriftet. Next up ist der Liebessong gegen Liebessongs. Liebessongs sind ja sowieso ein relativ durchgespültes Thema, aber scheinen nach wie vor eins der erfolgreichsten Songkonzepte zu sein. Anti-Liebessongs funktionieren aber genauso gut. Kraftklubs „Kein Liebeslied“ wird eigentlich für immer mein to-go Song sein, wenn’s in diese Richtung geht, aber BRKN macht dem mit Kein Liebessong ordentlich Konkurrenz. Eine Hook, die mit dem ersten Hören im Ohr bleibt, ein fetzendes Saxophon-Solo am Ende und Lyrics, die einfach keine Zeit haben, um sich mit Liebessongs zu beschäftigen – denn dafür hat BRKN ganz andere Probleme. Ebenfalls als Single vorab released, hat es ein sehr ästhetisches Musikvideo, welches ihr euch direkt hier angucken könnt:

 
„Ich brauch kein Koks, das Leben hält mich wach.“

BRKN in einem Meer aus Blumen sitzend – das ist eine Ästhetik für sich. Kann man das toppen? Visuell wahrscheinlich nicht, aber musikalisch geht es (Achtung, Radio-Anmoderation) Hit an Hit weiter. Von Kein Liebessong zu Stress fügt sich das vor allem inhaltlich super gut an. Es geht um – absolut naheliegend – den nie aufhörenden Stress. Auf der einen Seite fühlt sich BRKN so leer von diesen düsteren Gedanken und Gefühlen, die nicht aufhören, ihn herunterzuziehen und alles, was er macht, anzweifeln. Auf der anderen Seite fühlt er sich aber auch so getrieben, von dem eigenen Druck und den von außen, zu liefern und der ständigen Frage, wann es ihm endlich wieder besser geht.

„Zu viele Paranoia, Dicker, hält mich auf Trab

Zu viele Gesichter, nein, ich glaub, ich brauch‘ Schlaf

Bitte therapier mich, das ist nicht mehr normal“.

Allerletzter Einschub an dieser Stelle, um das einfach nochmal zu unterstreichen: Geht zur Therapie. Also jetzt nicht ihr alle, aber es ist 2021 und trotz dieser eineinhalb Lockdown-Jahre, die wir alle gemeinsam durchgemacht haben, scheint Therapie immer noch ein Tabu-Thema zu sein. Dabei sollte es das Normalste der Welt sein, dass wenn es einem nicht gut geht, man sich eben Hilfe sucht, damit es einem wieder besser geht. Wir gehen ja auch zum Arzt, wenn der kleine Zeh weh tut. Deshalb, lasst uns das machen wie BRKN, öfter über unsere Gefühle reden und zur Therapie gehen, wenn es uns nicht gut geht.

 
„Outfit clean, fresh und depressiv”

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Und damit hör ich auf mit all diesen ungefragten mental health Ratschlägen und komm zurück zur Musik. Hades zum Beispiel – musikalisch einfach pures Gold. BRKN sagt das genau richtig: „Kille den Beat und geh rein wegen Mord“. Hades ist vielleicht der bedrückendste Song auf dem Album, aber wenn dieser Beat droppt – pure Gänsehaut. Das ist auch eins der Dinge, die ich an diesem ganzen Album liebe, diese spürbare Liebe für Musik, in jeder Zeile, in jedem Song. BRKN gibt diesem Beat den Raum, den er braucht, um sich voll zu entfalten, und während ich das schreibe, bekomm ich zum zweiten Mal Gänsehaut. Wer jetzt wissen will, warum und was ich eigentlich meine, der höre hier rein.

Zum nächsten Song kann ich euch auch verlinken, es ist die erste und schon erwähnte Singleauskopplung Jede Nacht und hat BRKN wieder auf meinen und vieler anderer Leute Radar gebracht. Wieso der Song so geil ist und alles, was BRKN damit und seinem Album-Release an Lob eingeheimst hat, absolut berechtigt ist, lest ihr hier.

Und damit sind wir schon am Ende. Im wahrsten Sinne des Wortes. Das letzte Lied des Albums heißt Zu Ende und versucht all das, was BRKN in Drama verarbeitet hat, nochmal irgendwie abzuschließen.

„Und ich weiß schon lang nicht mehr, was los ist

Und auch ich kenne nicht die Zukunft

Doch ich kenn dich und weiß, dass du stark bist

Und dass am Ende alles gut wird.“

 
Fazit

Leute, Fazit. Ich bin einem Monat nach Release mit dieser Review ein bisschen später als sonst, hab sie immer wieder verschoben, weil ich diesem Album einfach gerecht werden wollte. Es ist diese Art, wie offen und ehrlich BRKN seinen Liebeskummer verarbeitet und kommuniziert, die mich auf so eine ganz eigene Art völlig trifft und berührt. Wie macht man mit jemanden Schluss, den man noch liebt? Wie bricht man jemanden das Herz in dem Wissen, dass es diese Person so sehr verletzten wird, aber es nicht anders geht? Und wie geht man selbst mit diesem Schuldgefühl und dem eigenen Liebeskummer um? Alles ein totales emotionales Chaos und so ein tiefer Schmerz, durch den man durchmuss, um auf die andere Seite zu kommen. Was super drastisch klingt, ist einfach wahr. Und darüber kann man auch mal sprechen.

Deshalb – hört euch Drama an, fühlt ein bisschen mit, aber vor allem, gönnt euch diese gute Musik und BRKNs nie sterbender Funken Hoffnung. Er hat’s geschafft, hat den schlimmsten Part hinter sich und hat zudem auch wirklich einfach abgeliefert.

 

Fotocredit: Ferhat Topal

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