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Das Träumen verlernt: Der Frühling und die “Tamtam”-EP

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Meine sehr verehrten Damen und Herren, sehr verehrte Menschen,
ich präsentiere euch: Der Frühling. Also jetzt nicht die Jahreszeit, denn die ist dieses Jahr irgendwie etwas seltsam und nicht besonders frühlingsmäßig wie im Bilderbuch. Ich meine das Musikprojekt von Lukas Kurz aka Der Frühling, Mitglied des Indiekollektivs die neue leichtigkeit. Und wenn wir am Rande schon so über die dieses Mal etwas faule Jahreszeit plaudern, könnte seine neue Debüt-EP „Tamtam“ eine echte Alternative für die Serotoninproduktion im Frühjahr sein.

Der Frühling ist schon der zweite Streich, den mir das Kollektiv die neue leichtigkeit spielt. Nach der tollen (tollen!) EP von Tom Taschenmesser (Untoldency berichtete), folgt jetzt hier eine mindestens genau so tolle, aber komplett andersartige EP. Sechs Songs voller lässiger Grooves, schwurbelnden Synthesizern und vor allem: grandiosen Texten.

Alone sein und dreamen

Los geht’s direkt mit einem luftigen Indiepop-Beat und die Synthies flirren und schweben wie Pollen durch die Luft. Mac DeMarco hätte dieses Intro von „Allein Zu Sein“ wohl genau so, aber auf keinen Fall besser gemacht. Mit Überraschungseffekten muss man ja bekanntlich nicht sparsam sein, deswegen werden diese ersten luftigen Takte auch ziemlich direkt in einer ohrenbetäubenden Hallfahne erstickt. Und dann beginnt eigentlich erst der Song so richtig. Deutlich gechillter und in Halftime führt uns Der Frühling in seine EP ein.

Ein lässig gespielter Basslauf begleitet dabei die lethargische Stimmung des Songs und bringt das Thema der Lyrics auf den Punkt: “Es ist schön allein zu sein“. Das ist sicherlich ein Statement, das mit der Pandemie im Rücken noch einmal ganz anders klingt, als vor März 2020. Aber stimmt es denn nicht immer noch? Ich für meinen Teil finde schon. Und es ist auch wieder Zeit, das offen zuzugeben! Pandemieende hin oder her, ich freue mich schon mit Songs wie diesem in meine Sommerdepression zu fallen und alleine zu prokrastinieren.

Stimmungsmäßig bleiben wir in diesen Regionen auch noch ein bisschen, denn auch der zweite Song ist eher von melancholischer Natur. „Das Dreamen“ handelt von der abhandengekommenen Fähigkeit, sich in seinen Träumen zu verlieren. Und ganz verträumt klingt auch der Song. Ein geschmackvoll abgemischtes Vintage E-Piano und trockene, intime Drums rollen einen flauschig weichen Teppich aus, der zum verweilen einlädt. Und so gehen wir gemeinsam mit Der Frühling auch ein wenig auf Erkundungstour durch den eigenen Körper; da machen wir nicht nur im Traumzentrum unseres Gehirns, sondern auch beim angeknacksten Herzen und beim angstgeplagten Zwerchfell Halt. Und wenn wir das Träumen tatsächlich mittlerweile verlernt haben sollten, dann hilft uns die Bridge des Songs auf jeden Fall, wieder langsam damit anzufangen. In den Sound der Stimme und in diese wunderbaren Zeilen möchte ich mich einfach voll und ganz hineinwerfen:

“Der Schnee auf den Dächern von Graz
Liegt viel zu perfekt
Der Schnee auf den Dächern von Graz
Reflektiert nicht meinen Dreck”

Wie lange wollen wir noch warten?

Hach ja, der Frühling! Also die Jahreszeit meine ich jetzt. Endlich wieder ein bisschen Sonne, es sprießt und gedeiht überall, es keucht und fleucht und die Eisdielen machen wieder auf. Und auch unsereins, der Mensch, schält sich aus der Couchlandschaft und traut sich wieder vor die Tür. Die verbleibenen Zweidrittel der EP scheinen auch mit ähnlicher Motivation ausgestattet worden zu sein, denn „Bevor Du Aufstehst“ staubt die Gitarren ab und tauscht sie gegen die Synthesizer der ersten beiden Songs ein. Hier geben sich The Smiths und Tocotronic die Hand, der Rhythmus ist treibend und die Bassline keeps on running. Richtig gut! Wenn ich ein Cabrio hätte, würde ich diesen Song jetzt pumpen und das lichte Haar im Wind wehen lassen.

Der Song ist ein Appell, der uns alle mal kräftig wachrütteln soll. „Sag mir, wie lange du noch warten willst, bevor du aufstehst und sprichst“ — das klingt nach Protest und Empowerment. Und in diesem Licht wirkt das Stück dann auch irgendwie politisch, denn was bringt es Missstände nur zu benennen und lange darüber zu sinnieren, wenn dann am Ende doch nichts passiert? Ein Anfang ist auf jeden Fall, einen Song darüber zu schreiben, auch wenn es der Kürzeste dieser EP ist.

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Mit „Warten Und Starren“ gibt es auch noch was zum Abshaken kurz vor Schluss. Und während der Song so in meinen Kopfhörern abrockt, frage ich mich wirklich ernstlich, wo dieses Kollektiv ihren unfassbar guten Sound herholt. Wie auch schon Tom Taschenmessers „verstehst du nein gut“-EP ist die „Tamtam“-EP super produziert und stellt zu jeder Zeit die richtigen Dinge in den Fokus. Und auch der subtile DIY-Charakter macht diesen Sound mehr als sympathisch. Nach kurzer Recherche wird mir klar: der Hannoveraner Lukas Kurz ist nicht nur Multiinstrumentalist, nein, er ist auch Produzent und Mixing-Engineer zugleich. Das erklärt dann natürlich einiges.

In den Lyrics von „Warten Und Starren“ findet man die abstraktesten Textzeilen der EP. Eine leicht dystopische Note zieht sich hier einmal quer durch und die Zukunft wird hier als bittersüße Königin ohne Reich gelobt und gepriesen. Königin ohne Reich? Klingt kryptisch. Hab auch lange gegrübelt, aber wenn mit „Reich“ zum Beispiel „Macht“ oder „Untertanen“ gemeint ist, schließt sich für mich der Kreis. Die Zukunft ist unantastbar und majestätisch, hat aber keine Gefolgschaft, weil sie ja keiner kennt. Oder so ähnlich. Da kann man sicher noch einige Repeats drüber nachdenken.

Ich bin wirklich froh, dass ich auch diesen Frühling keine Pollenallergie bekommen habe (soll ja manchmal noch kommen, im Alter!), aber die Augen schwellen mir bei der „Tamtam“-EP auch ohne an. Einfach allein schon vor Rührung und diesem Gefühl, dass da jemand so tickt wie ich. Ich denke, da bin ich auch nicht alleine mit, denn die Kunst in den Lyrics von Der Frühling liegt definitiv im Herunterbrechen von komplexen Gefühlen und Empfindungen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. So, dass es viele Menschen verstehen können, wenn sie denn wollen. Das ist ein glasklarer Popindikator und ich finde auch, Pop ist am Schönsten, wenn er gar keiner sein will.

Viel Tamtam um alles

Wir haben ja schon Mitte/Ende Mai, Frühling ist eigentlich fast schon vorbei und so kratzt auch die „Tamtam“-EP vom Timing her gerade noch so die Kurve, sonst hätte sich Lukas Kurz vielleicht „Der Sommer“ nennen müssen. Höhö. Witzig, dass dann auch ein Song „Hauptsache Zu Spät“ heißt, als wäre das alles berechnetes Kalkül. Auch passend, dass uns Der Frühling uns hier im Riff mit seinen „Ha Ha Has“ ein bisschen auszulachen scheint und ziemlich schadenfroh folgende Zeilen singt:

“Wenn der Teufel morgen kommt
Und dich nach Hause holt
Dann schau ich zu und freu mich drauf
Wie du dann zittern wirst”

Kann es sein, dass da jemand ziemlich pissed ist? Wir erfahren nicht so richtig, was genau vorgefallen ist. Für mich kommen da irgendwie so ein paar „Hab ich dir doch gesagt“-Vibes rüber (aber nicht die nervigen, sondern die, die recht haben). Der Sound des Songs ist eigentlich ein ziemlich guter Mix der gesamten EP, wir finden hier wieder oszillierende Synthesizerflächen, melodische Bassläufe und langsamere, groovige Drums. Ein Best Of Der Frühling quasi.

Da „Tamtam“ ja leider nur eine EP ist, kommen wir mit „Ich sag dir alles“ auch schon zum letzten Song dieses Debüts. Hier werden wir noch mal Zeuge von Der Frühlings Fähigkeit, knackige Aussagen verbrauchergerecht und prägnant in seine Texte zu verpacken. Also so, dass sie auch unbeschadet beim Empfänger ankommen. Außerdem erinnert er uns daran, dass wir manchmal wahnsinnig schnell darin sind, uns einer Person anzuvertrauen. Und es offensichtlich nicht immer notwendig ist, das alles auch zu verstehen, was man da so von sich gibt. Was wissen wir denn eigentlich über uns selbst, bevor wir unser Inneres nach außen stülpen? Ich bleibe jedenfalls zu großen Teilen im Ungewissen, aber bin mir ziemlich sicher: Der Frühling hat hier abgeliefert. Die „Tamtam“-EP hat mir richtig Spaß gemacht und sollte gut für alle taugen, die in letzter Zeit auch das Träumen ein bisschen verlernt haben.

Fotocredit: Patrick Slesiona, Anna Niedermeier

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