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“Sunny Bay” – Befreiung und Neuanfang für Odd Beholder

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Für internationalen Sound muss man manchmal einfach nur einen Blick in eines unserer alpinen Nachbarländer werfen. Daniela Weinmann alias Odd Beholder ist Schweizerin und liefert genau das: Kosmopolitische Klangwelten mit angenehm selbstreflektierten Texten. Ihr neues Album „Sunny Bay“ erschien erst letzte Woche beim Label Sinnbus und weiß zumindest mich schon voll und ganz von sich zu überzeugen.

Es·ka·pis·mus, der

Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich eine belebte Innenstadt. Eine Eisdiele und ein großes, mittlerweile insolventes Warenhaus. Eine Shopping Mall. Und überall Menschen. Wenn mir die Geranien vom Balkon gegenüber nicht mehr reichen, muss ich schon ein paar Schritte gehen, um die Natur zu sehen.
Anders ist das bei Odd Beholder. Die Musikerin hat sich in eine alte Fabrik mitten in der Natur verschanzt, um ihr zweites Album „Sunny Bay“ zu produzieren. Ihre Verbundenheit mit der Natur und die Zurückgezogenheit sind darauf die beiden Hauptmotive — gekonnt vermischt mit modernen Beats und analog anmutenden Synthesizern.

Die Flucht nach vorn in die Natur haben während der Lockdowns sicherlich einige Menschen gewagt, bot diese doch erholsame quality time nach erdrückenden Tagen in den eigenen grauen vier Wänden. Odd Beholder liegt daher also voll im Trend mit der Rückbesinnung auf die Natürlichkeit. Auf „Sunny Bay“ ist die Natur allerdings einiges mehr als nur Freizeitpark im Grünen, sie ist der Motor der Kreativität von Odd Beholder. Eine Muse.

Als ich das Album das erste Mal hörte, war es kalt, dort wo ich lebe. Aber es war Sommer, laut Kalender zumindest. Jetzt ist es September und mir ist in meiner Jacke viel zu heiß. Und zu diesem kuriosen Wetter (man könnte auch sagen „besorgniserregend“), gesellt sich passend der erste Song des Albums „Disaster Movies“. Ganz lethargisch und schwermütig überrollen uns ein rhythmischer Synthbass und schnalzende Drums. Ich habe mich wirklich sehr in meine Kindheit zurück versetzt gefühlt, als wir uns „The Day After Tomorrow“ heimlich in der Schulbibliothek unter die Jacke geschoben hatten und uns nachmittags den Weltuntergang reinzogen. Mehr Gänsehaut ging nicht. Solche Filme sind selten geworden, oder? Kein Wunder, denn Nachrichten schauen ist im Moment schlimmer als alles, was sich Roland Emmerich so ausdenken kann.

Ni·hi·lis·mus, der

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Diese dystopische Stimmung greift Odd Beholder also schon ganz zu Anfang auf und lässt sie auch nicht mehr los. Auch wenn sie sich in ihren Texten offensichtlich an den schönen kleinen Dingen erfreuen kann, schwebt die Melancholie über allem. Wenn sie mit lines wie „throw me the lifeline, pull me out of the water“ startet, dann ist das ganz offensichtlich ein Hilferuf. Und nicht nur hier finden wir den Wunsch nach Befreiung bzw. Rettung, auch im zweiten Song „Accept Nature“ sehnt sich die Protagonistin nach einem Neuanfang: „I don’t want to be human no more”. Na, wer hat es nicht satt?

Entscheidungen treffen, arbeiten, funktionieren. Im Text gesteht sie nicht nur ihre Resignation, sie fragt auch gleichzeitig, was aus uns Menschen eigentlich geworden ist. Affen, die sich aus ihren Plänen und Diagrammen einen eigenen Käfig gebaut haben? Und funktionieren wir nicht längst wie Maschinen, die sich allmählich das Schlafen abgewöhnen? Und wenn solche Fragen im Kopf noch nachhallen, kommt Odd Beholder zu einem fast schon zu simplen Ergebnis: Wir sind zu dumm und zu klug, zur gleichen Zeit.

Al·ko·ho·lis·mus, der

„Sunny Bay“ ist das Titelstück des Albums. „Sunny Bay“ steht auf der Rumflasche in der Küche. Daniela Weinmann erzählt uns, gediegen und atmosphärisch wie in einem Stilleben, von der goldenen kleinen Göttin, die sie in ihrer Küche auf dem Regal findet. Dieses göttliche Wesen stellt alles auf den Kopf, lässt die Welt gleichgültig erscheinen und — schmeckt hervorragend im Kaffee. Man müsste nur den Mumm haben, diese Göttin anzubeten. *hicks* Auch wenn ich nicht genau weiß, ob hier zwischen Rum und Göttin eine konkrete Verwandtschaft existiert, ist es faszinierend, wie Odd Beholder Metaphern erschafft und so zart ins Mikrofon haucht, dass mich die Fahne auch durch die Boxen noch fast betrunken macht.

Ähnlich sphärisch macht sie das in „Birds“, das durch den Synthesizer mit „Sidechaineffekt“ die Frequenz meines Herzschlags zu kontrollieren scheint. Im Hintergrund immer wieder kleine bleeps und bloops und rhythmisch gegeneinander laufende Percussions. Im Vordergrund die gelassenen Filterfahrten der Synthies. Ein soft rave, den man am besten wahrscheinlich mit geschlossenen Augen auf dem Boden liegend mitfühlen kann. (Habs ausprobiert – confirmed).

„And the people on the station
Bend their heads as if in prayer
Looking for angels in their phones“

Hy·b·ris, die

Hoch hinaus geht es nicht nur mit den Vögeln, sondern auch im Track „Transantlantic Flight“. Kennen wir alle, oder? Wir sind die Generation, die die Welt gesehen hat. Nach dem Abi nach Australien, Kolumbien oder Tibet. Im Rausch der Höhe und der Geschwindigkeit den Tomatensaft aus Plastikbechern schlürfen. Das Leben könnte ja kaum schöner sein. Odd Beholder übt hier nach meinem Verständnis Kritik an unserer hedonistischen Gesellschaft. Sie zeigt uns, dass die egoistischen Träume von früher nicht mehr die Träume von heute sein können, egal wie blau und wolkenlos der Himmel ist. Wer hoch steigt, kann auch tief fallen.

Welche Rolle wir Menschen im Konstrukt der Natur spielen, beschäftigt Daniela Weinmann in nahezu jedem Song. Dabei immer sehr reflektiert und verantwortungsvoll, wirkt ihre Liebe zur Natur oft wie ein sanfter, willensstarker Aktivismus. Eine Aufforderung, Respekt zu zeigen. Diese sensible, aber bestimmte Herangehensweise steht ihr gut und ist absolut glaubwürdig. Den Dialog mit der Natur suchen, darum geht es zum Beispiel in „Silent Spring“. Und keine Sorge, euch fliegt kein Insekt ins Ohr, auch wenn ich das jedes Mal beim Hören denke. Das ist nur Odd Beholder beim Versuch mit der Natur in Kontakt zu treten.

Und auch wenn das vielleicht nicht gelingen mag — „Nature doesn’t speak, nature doesn’t see me“ — der Dialog mit ihren Hörern funktioniert. Denn sowohl der Text ist Bildsprache pur, als auch die repetitive Melodie des Stücks, die sich bei mir einschleicht und bleibt. Der Gitarrenloop hat eine orientalische Note und erinnert mich an eine Oud, die Drums sind chillig wie in einem 90’s TripHop-Track und die Synthies streuen noch etwas Glitzer drüber. Vorhänge zu, zwei Tage im Bett bleiben. Mit diesem Song machbar.

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Wenn du Detailarbeit schätzt, kommst du mit diesem Album auf jeden Fall auf deine Kosten. Die Vinyl-Liebhaber unter euch kennen es vielleicht: Die Platte ist zu Ende und die Nadel läuft in der Endlosrille. Und du sitzt halt gerade echt comfy womfy auf dem Sofa und kannst dich nicht bewegen. Du lauschst der Nadel. Und dann erkennst du allmählich einen Rhythmus. Ich liebe dieses Geräusch und der Anfang vom letzten Song „Cupid’s Foul Play“ klingt wie ein Sample dessen. Endlich hat es mal jemand gemacht! Mit diesem Song schenkt sie uns zum Schluss noch mal eine herzzerreißend schöne Sehnsuchtsbekundung. Sie teilt ihre Ängste mit, jemanden zu verlieren, bevor er oder sie überhaupt gefunden wurde. Begleitet wird sie in dem Stück nur von Klavier und flächigen Synthesizern; trotzdem sind diese Songs auf dem Album nicht weniger fulminant.

Fa·zit, das

Für Daniela Weinmann ist „Sunny Bay“ sehr wohl mehr als „nur“ das zweite Album. Sie emanzipiert sich und geht neue Wege. Und macht viele Dinge einfach selbst, die sie vorher vielleicht abgegeben hätte.

„Immer wenn du als Frau etwas in die Hand nimmst, ist ein Typ zur Stelle, der dir ungefragt erklärt, wie es eigentlich funktioniert. Und über all die Jahre in der großen Summe macht das etwas mit der Selbstwahrnehmung. Offensichtlich kannst du es nicht, obwohl du es kannst.“


Als Außenstehender kann ich dazu nur sagen: Das Ergebnis ist überzeugend. Es ist super produziert und bietet Sound auf internationalem Topniveau, für den man sonst vielleicht eher nach UK oder USA schielen muss. Analog und digital zu gleich, best of both worlds. „Sunny Bay“ ist nicht nur sturer Appell, sondern auch ein sehr sensitiver Blick in Odd Beholders Gefühlswelt. Innere Zerrissenheit und Versöhnung geben sich die Hand. Ihre Beobachtungen sind einfach sweet, aber erschrecken manchmal auch sehr, weil sie so wahr sind. Und so pflanzen sich die Gedanken beim Hören von selbst in den feuchten Nährboden unseres Hirns und gedeihen dort hoffentlich zu einer besseren Zukunft.

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