Autor: Lukas

  • Der „Ententraum“ von International Music

    International Music veröffentlicht endlich ihr neues Album „Ententraum“.
    Die dreiköpfige Band aus dem Ruhrgebiet dürfte dem eingefleischten Indie-Fan inzwischen natürlich ein Begriff sein. Ihr erstes Album „Die Besten Jahre“ bekam seiner Zeit große Aufmerksamkeit von Musikredaktionen und Feuilletons – und nicht nur das, unter anderem der Musikexpress krönte das Debüt zum besten Album des Jahres 2018. Auch ich war damals (bis heute) einfach nur fasziniert von dieser ganz eigenwilligen Klangwelt, die das Trio mit ihrem Debüt geschaffen hat.

    Ihr könnt euch also vielleicht vorstellen, wie extrem aufgeregt ich war, als sich langsam und allmählich das neue Album „Ententraum“ ankündigte. Den ersten hörbaren Vorboten entsandte International Music im Januar auf dem ESNS-Festival in einem exklusiven Livestream (untoldency berichtete). Dort spielten sie den Song „Museum“ als Weltpremiere. Ich: komplett begeistert. Die Spannung stieg ins Unermessliche, die Monate vergingen langsam und tja, was soll ich sagen? Das Warten hat sich verdammt noch mal gelohnt.

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    Der „Ententraum“ ist wieder ein Doppelalbum geworden. 17 (!) Songs auf einem Tonträger. Das ist heutzutage echt höchst ungewöhnlich, oder? Aber wer sonst außer International Music könnte sich das erlauben. Ein ungewöhnliches Format für eine ungewöhnliche Band eben. Wer sich darauf einlässt und einmal den Playbutton hittet, bekommt eine gute Stunde lang „traumhafte“ Gedankengänge und surreale Unterhaltung pur. Und am Ende müssen wir uns alle zum Glück nicht mehr länger fragen, wie wohl die Band von Helge Schneider, Lennon & McCartney und Ian Curtis von Joy Division klingen würde, die sie nach einer durchzechten Nacht in irgendeiner Eckkneipe in Mülheim an der Ruhr aufgemacht hätten.

    Sektempfang

    Begrüßt werden wir diesmal nicht vom „Metallmädchen“, sondern vom „Fürst von Metternich“, dem ersten Song des Albums. Ich bin mir auch nach mehrmaligem Hören immer noch nicht ganz sicher, ob es sich hier um eine Art Liebeserklärung an den Sektkonsum handelt oder tatsächlich die historische Figur im Mittelpunkt steht, die mir ganz vernebelt noch aus einer fast verdrängten Geschi-LK-Klausur zuwinkt. Ersteres könnte ich auf jeden Fall sehr gut nachvollziehen und möchte am liebsten mit Daumen hoch „Zielgruppe erreicht!“ aus dem Fenster Richtung Ruhrpott kreischen.

    Und im Grunde kommen wir ganz am Anfang damit schon zu einem interessanten Fakt: die Lyrics von International Music sind schwer zu dekodieren und bedeuten höchstwahrscheinlich nie 1:1 das, was wir da tatsächlich hören. Ich denke, das kann man dann insgesamt getrost als Konzept bezeichnen, denn genau wie in einem Traum macht während des Träumens immer alles mächtig Sinn. Erst nach dem Aufwachen oder wenn die Platte auf der Endlosrille ihren Feierabend genießt, steht bei mir ein dickes „WTF?“ im Gesicht. Der Ententraum, so so.

    Es erfordert sicherlich etwas Willen und Geduld, sich auf die Texte dieser Band einzulassen.
    Wir können uns bei IM niemals ganz sicher sein, ob sie sich inhaltlich wirklich auf einer anderen Metaebene far beyond befinden, oder ob sie sich über eben diese nur auf ironische Weise lustig machen. Das Schöne daran: wir können als Hörer beides. Den Nonsens als Nonsens betrachten und darüber schmunzeln, oder den Sinn hinter den Versen erforschen und uns extrem in diesen philosophischen schwarzen Löchern verlieren, die International Music hier für uns aufreißen.

    Vom Stadion ins Museum

    Ziemlich neu auf diesem Album ist Text als gesprochenes Wort in Form eines Erzählers, der von Bassist Pedro verkörpert wird und immer mal wieder kryptisch philosophierend in Erscheinung tritt. So auch bei den ersten beiden Stücken. Auch neu ist der Sound der Band. Obwohl, nein, das stimmt nicht so ganz. Denn schon der „Fürst von Metternich“ ist glasklar ein International Music Song, ab den ersten Takten unverkennbar. Dennoch kommt es mir so vor, als sei ihr Sound etwas extrovertierter im Vergleich zum Vorgänger geworden. Besonders merkt man das bei den rockigen Stücken wie dem zweiten Song „Die Höhle der Vernunft“, bei dem vor allem die Drums, für die ganz großen Rockmomente, einen leichten Stadion-Touch verpasst bekommen haben.

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    Ein weiterer Wandel in der Produktion fällt mir bei „Wassermann“ auf, den die Gruppe vorab schon als Single auskoppelte. Hier ist ein deutlich größerer Einfluss von New Wave aus den 80er Jahren zu spüren, der auch später auf „Ententraum“ immer mal wieder auftaucht. Der vermehrte Einsatz von Synthesizern, Vocodern und anderen Tasteninstrumenten gibt Songs wie diesem eine spannende Tiefe, auch wenn der Genremix dadurch noch wilder wird.

    Apropos wild – „Spiel Bass“ ist ein super Beispiel für die bunte Punksträhne im wehenden Haar des Trios. Hier wird dann auch gerne mal gebrüllt und den Emotionen freien Lauf gelassen. Wie damals nach der Achten auf’m Schulhof mit meinen Zeckenfreunden aus der 10b. Dazu ein treibender Groove auf verzerrten Toms und ein Gemisch aus krachenden Gitarren und – natürlich – Bässen. Beim Hören muss ich leider echt ein Tränchen verdrücken, wenn ich an das eine tolle IM-Konzert zurückdenke, das ich vor Corona live miterleben durfte. „Spiel Bass“ wäre beim nächsten Mal definitiv ein Banger im Moshpit.

    Es folgt „Museum“, der schon wie erwähnt vorab im Livestream Premiere feiern durfte. Der schleppende Charakter der Instrumentierung fängt hier eine ganz spezielle Stimmung ein. Im Text des Songs geht es womögllich um einen ganz intimen und besonderen Moment: vielleicht ein vorsichtiges Annähern, vielleicht das erste Date? Dann ein Kniff! Wie könnte man einen romantischen Moment wohl herrlicher zerstören, als mit den Worten „Fass bitte nichts an, das ist mein Museum“? Dieser plötzliche Bruch in der Erzählung ist ganz typisch für IM und zeigt ihren sehr witzigen, selbstironischen Humor.

    „Das Fell auf meiner Haut macht sich groß und das ist mir vertraut
    Die Haare stellen sich langsam auf und ab
    In Tüchern und Kuverts finde ich den letzten Vers
    Überheblich verwerf’ ich ihn mitsamt den Querverweisen

    Fass bitte nichts an, das ist mein Museum
    Hab ich dir gesagt, hab ich dir gesagt
    Hab ich dir schon mal gesagt“

    Ein bisschen Zucker

    Die Zeit, in der Rocksongs mehr oder weniger offensichtliche Liebesbotschaften an LSD oder Heroin enthielten, scheint auch endlich vorbei zu sein. Stattdessen widmet International Music den Song „Zucker“ der größten Droge des 21. Jahrhunderts: der köstlich-süßen Versuchung. Hier ist auch weiteres Markenzeichen von IM absolut hervorzuheben: der großartige Chorgesang der beiden Frontpersonen Pedro und Peter. Nichts prägt sich so sehr ein, wie diese wunderschönen harmonischen Arrangements der Zweit- und Drittstimmen. Manchmal irgendwie monoton und spirituell angehaucht, manchmal wie ein gruseliger gregorianischer Choral und an anderer Stelle wie ein feinsäuberlich aufgestellter Barock-Knabenchor. Das ist auf dem neuen Album einfach noch mal besser gelungen, als auf dem Debüt.

    „Misery“, ein Song, den ich mal vorsichtig als politisch bezeichnen würde, kommt im Refrain im musikalischen Kleid eines optimistischen Friedensliedchens daher, obwohl wir beim Text eher eine bittere Pille zu schlucken haben. Hier lässt sich eventuell eine Reaktion auf Fake News und Querdenken ablesen, die dem Stück eine dystopische Note verleiht:

    „Die Sprache ist eklektisch
    As you and me
    Truth is not objective
    Wie er und sie“

    Der „eklektische“ Wechsel zwischen Deutsch und Englisch wirkt hier ganz logisch und ungezwungen und ist ein Stilmittel, das die Band inzwischen wirklich gut beherrscht.

    Ein neues Glas Pop

    Jetzt immer wieder zu schreiben „ein weiteres Highlight ist der Song XY“ gähnt mich selbst schon an. Aber was soll ich machen? Alles ist irgendwie ein Highlight. Wirklich herausstreichen möchte ich noch den Song „Raus ausm Zoo“, der einfach mal wieder Lust auf Reisen macht und richtig Fernweh verbreitet. Aber nicht so „perfekte-Reise-nach-Thailand-im-warmen-Regen-duschen“-mäßig. Sondern eher so richtig mies, „Mundgeruch-nach-22-Stunden-Autofahrt-nach-Moldavien“-mäßig. Der Bass spielt hier ein paar ziemlich funkige Lines, die mit einem sogenannten Chorus-Effekt versehen sind. Dadurch bekommt der Song so einen geilen, dreidimensionalen 80er Pop-Flair, der mich gerade total abholt. Und dabei genau wie die Kassette klingt, die wir auf dieser Reise unter dem Sitz unseres Opel Kadetts fänden.

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    Es gibt drei Sachen, die International Music wirklich gut kann: Hooklines, Hooklines, Hooklines. Wie aus dem Nichts hauen sie in jedem Song einprägsame Verse raus, die sich sowohl lyrisch als auch musikalisch wie ein Branding ins Gehirn einbrennen. Bereits nach dem ersten Album haben sich mehrere Zeilen schon regelrecht in mein Vokabular etabliert. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich mich ohne IM-Zitate überhaupt noch verständigen soll. Und wenn ich mir so das neue Album anhöre, stelle ich mir schon vor wie ich am Kaffeetisch sitze und „ich will wie immer ein bisschen Zucker“ zu singen beginne. Oder wie „ich nehm’ die Achterbahn nach Düsseldorf“ durch meine Hirnschale schallt, wenn ich mal wieder auf dem Weg in die verbotene Stadt bin, wie man im Rheinland so schön zu sagen pflegt.

    Der Band gelingt es nämlich immer wieder, alltägliche Beobachtungen und scheinbar banale Handlungen und Dinge in ein interessantes, neues Licht zu rücken. Kontext Baby! Dadurch erhalten Zeilen wie „Heute kauf’ ich mir ein neues Glas Marmelade / Heute kauf‘ ich mir ein neues Glas Pop“ eine unerwartete Dimension, die reichlich Platz für Interpretationen lässt.

    Fazit

    Okay, ihr merkt, ich bin total hyped. Und nicht mehr objektiv. JA! Das stimmt! Aber Entschuldigung!? Für mich ist der „Ententraum“ definitiv ein Top-Anwärter für das Album des Jahres 2021. Warum? Weil es einfach so viele gute Dinge vereint. Es ist nämlich toll produziert und klingt hervorragend, dank Produzentenlegende Olaf O.P.A.L. Die Lyrics sind wunderbar einfach auf den ersten Blick, aber haben gleichzeitig so viel weiße Fläche, um die eigenen Gedanken kreativ darauf zu verewigen. Dann dieser Ausritt durch die Genrelandschaft von 60s Beat- und Surfmusik, über early 70s Punk bis zum New Wave und Gothic der 80er. Das Zusammenspiel der Band, die Basslines, die Gitarrenriffs und die minimalistischen Schlagzeuggrooves von Drummer Joel. Und nicht zuletzt die Konstruktion des Albums an sich. Surreal und psychedelisch, und immer schön nach dem Motto „I am cringe, but I am free“. Eine wahre Flucht aus meinem langweiligen Alltag.

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    Fotocredit: Harriet Mayer, Alfred Jansen

  • Erfrischend cooler Kaugummi-Pop: Amanda Deff mit „Ass Minze“

    Erst kürzlich hat der Berliner Musiker Amanda Deff seine Doppelsingle „Ass Minze“ veröffentlicht. Nachdem 2016 sein Album „ABCDEFF“ und 2018 seine EP „SPAM“ erschien, meldet sich Amanda Deff 2021 mit erfrischenden Lebenszeichen zurück.

    Als „Hybrid-Pop“ bezeichnet David alias Amanda Deff selbst seine Musik. Das ist äußerst passend, denn die verschiedenen Genreeinflüsse fliegen nur so kreuz und quer durch seine bisherigen Veröffentlichungen. Da steht Synthfunk neben Lofipop und von irgendwo ganz hinten ruft uns noch ein Mac DeMarco ein „Hallo“ herüber. Ein Hybrid auch bei der Sprache seiner Texte: zuerst noch hauptsächlich auf Englisch gedichtet, sind die beiden neuen Songs „Ass“ und „Minze“ vorwiegend in deutscher Sprache verfasst.


    Ein Ass im Ärmel
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    Ich habe ja ein großes Herz für alternative Popmusik und Amanda Deff passt da ganz hervorragend rein. Hier ist nichts vorhersehbar. Und so lassen mich die Lyrics von „Ass“ auch zunächst ziemlich ratlos im Regen stehen. Hier treffen sich viele kleine Metaphern aus der Welt des Gamblings und außerdem ein paar diskret eingeflochtene Zitate aus Klaus Lages „1000 und 1 Nacht“, dem Song, zu dem unsere Eltern in flippigen Kellerdiskos schon Zärtlichkeiten ausgetauscht haben (auf die ich aber wirklich nicht näher eingehen möchte). Kernthema des Textes also: die verpasste Chance zwischen zwei Menschen, immer und immer wieder. Tausend mal berührt, tausend mal ist nichts passiert. Die Sehnsucht nach mehr bringt uns Amanda Deff hier wirklich unaufdringlich näher und beschreibt damit eines der aufregendsten, aber auch oft schmerzvollsten Gefühle ever.

    Dieses Phänomen einer Freundschaft mit ungewissem Status scheint ja quer durch die Gesellschaft wirklich häufig zu existieren, vielleicht hat sogar jede*r von uns schon einmal Herzschmerz aus dieser Richtung erfahren. Eine ganz besondere Beziehung zu einem ganz besonderen Menschen: Man kennt sich lange, man vertraut sich, man liebt sich. Und entweder es wird dann tatsächlich mehr – oder eben nicht. Die Kartenspielmetaphern im Text untermalen dieses Bild zusätzlich: es gleicht einem Spiel, es geht hin und her, es wird „gecheckt“, dann wieder ausgeteilt. Alles auf eine Karte, das Ass im Ärmel – für den richtigen Moment. Das angenehme an Amanda Deffs Art des Textens ist der Flow seiner Gedanken. Er möchte uns in seinen Lyrics am Glück oder am Schmerz teilhaben lassen, zwingt es uns aber nicht auf, wenn wir dem roten Faden nicht folgen wollen.


    „Tausend mal ist nichts passiert
    verdammt ich hab es satt
    die Welt gehört doch uns
    ok wir wollten es nur wissen

    Ich hatte noch heute nachgedacht
    was du schon letztens sagen wolltest
    und es hat zoom gemacht“


    Die Vocals, eingehüllt in einen weichen Autotuneeffekt, werden in „Ass“ von verschiedenen Synthesizern begleitet. Musikalisch baut der Song auf seinen recht kurzen 2:23 immer wieder Spannungen durch angetäuschte Build-Ups und Hi-Passfilterfahrten in den Drums auf, die sich aber nie wirklich und gänzlich in einen Drop entladen können. Denn ganz passend zur Thematik besteht das besungene Beziehungskontrukt ja auch aus genau diesen Spannungen, die sich einfach nicht abbauen wollen.


    „Kauen together, Classic forever“
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    Deutlich definierter instrumentiert ist hingegen die andere Hälfte der Doppelsingle, nämlich „Minze“. Die Drums treiben uns ab der ersten Sekunde durch den Song. Beim ersten Hören klingt „Minze“ nach einer Liebeserklärung an den Kaugummi. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir bewusst, was der Kaugummi eigentlich für ein interessantes Produkt ist. Er ist oft ein Retter in der Not, man denke nur an all die Situationen des schlechten Atems, der inneren Zwiebel in uns. Am Morgen-Danach auf dem Zeltplatz unseres Lieblingsfestivals. Kurz vor dem Bewerbungsgespräch. Oder vor dem ersten Kuss. Andererseits ist der Dauerkauer natürlich auch ein Zeichen der Provokation. Gegenüber Älteren ja sowieso, aber auch am Tisch mit offenem Mund gekaut, als gelangweilt zerplatzende Kaugummiblase, oder banal vor unsere Füße gespuckt.

    Alles ganz wunderbare Metaphern, um Gefühle auszudrücken. Und ich glaube genau das will Amanda Deff in diesem Song. Denn wenn er singt „so please never never never leave me“, kommt mir unweigerlich der vergangene Geschmack eines einst wirklich leckeren Kaugummis in den Sinn. Bitte verlass mich nicht! Genau wie in der Liebe: was früher einmal erfrischend, fruchtig und aufregend war, wird mit der Zeit immer blasser und fader und dann fragen wir uns: warum kauen wir eigentlich noch? Ja, die Liebe ist wohl wie ein Kaugummi.


    „Lass dich kauen
    in dir steckt nämlich Wut
    und Kapitulation
    das steht dir gut
    aber das haste nicht gewollt“


    Musikalisch erinnert mich der Song, mit der Mischung von Synthezisern und Indiebeats, zum Beispiel an Bands wie MGMT oder The National. Das Ganze dann hübsch geschmückt mit Falco-Vibes in Amanda Deffs Vocalperformance, diesmal ganz ohne Autotune. Das flowt und macht direkt gute Laune.


    Fazit!

    Amanda Deff schafft etwas, was sich viele IndiemusikerInnen für die eigenen Songs wünschen: es klingt absolut authentisch. Seine Texte wirken zunächst unfassbar simpel und plakativ, doch je öfter man hört oder liest, desto mehr Kleinigkeiten, Referenzen und Genialitäten findet man zwischen den Zeilen. Für mich bringt Amanda Deff, der zudem auch noch alles selbst produziert, ein Stückchen Avantgarde in die manchmal etwas langweilig gewordene, deutschsprachige Popmusik zurück. Dabei muss man keineswegs all seine Texte bis aufs letzte Wort verstehen, dafür sind sie wahrscheinlich einfach zu abstrakt . Aber die dadurch gewonnene Freiheit einfach mal zuhören zu können, ist wirklich sehr angenehm. Ein Kaugummi, der mir zumindest noch lange schmecken wird!

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  • Eine düstere Offenbarung: Micro Circus und ihr neues Album „Black Swan“

    Am 26.03. hat Micro Circus aus Nürnberg bzw. München ihr neues, bereits zweites Album „Black Swan“ veröffentlicht – beachtliche acht Jahre nach dem Vorgänger „Bliss made of plastic“. Seitdem ist viel Wasser die Isar runtergeflossen und diese Zeit hat das Duo sinnvoll genutzt, um sich nicht nur musikalisch weiter zu entwickeln, sondern auch um eine beeindruckende neue Platte zu produzieren.


    Eine düstere Offenbarung

    Das Erste, was mir beim Hören auffällt, ist die unglaublich professionelle Produktion dieser elf neuen Tracks. Ich bin da wirklich kleben geblieben und der Sound hat mich verschlungen, obwohl ich die ersten beiden Songs nur auf Handylautsprechern gehört habe. Ein Grund mehr, sich das mal genauer anzuhören. Musikalisch präsentiert uns Micro Circus auf „Black Swan“ ein Album mit Konzept. Elektronische Drumloops treffen auf vintage Synthesizer, zerbrechliche Vocals auf verzerrte Gitarren. Klingt zwar nach einer bunten Mischung, fühlt sich aber so an, als dürfte es gar nicht anders sein.

    Den Start in die Welt von Micro Circus macht der Song „Revelation“. Im wahrsten Sinne des Wortes ist dieser Song eine Eröffnung von etwas Verborgenem. Nämlich einem Gefühl, das viele Menschen gerade in sich tragen: Resignation. Wir haben es verbockt, so sieht es aus. Unsere Gesellschaft ist auf Perfektion abgerichtet und abgestumpft von schlechten Nachrichten und Katastrophen, jeden Tag. Da bleibt nicht mehr viel übrig als zuzuschauen und abzuwarten, wie wir allmählich die Kontrolle über all das verlieren. So sieht es zumindest der wunderbar dystopische Text des Songs, der im Chorus einen ironischen Toast auf unsere grandiose Spezies ausbringt:


    „Hooray! A cheer for revelation
    We are greatest of all creations
    We’re dedicated to perfection
    Yes, we are“


    Der Song, der vorab schon als Single erschien, glänzt außerdem mit einem spannenden Aufbau. Zu einem Loop eines Drumcomputers gesellt sich anfangs lediglich die glasklare Stimme des Sängers Chris. Zugegeben, ich als absoluter Radiohead-Ultra war da schon hin und weg, denn die ganze Art und Weise wie hier Musik gemacht wird, erinnert mich sehr an die experimentellen Phasen von Thom Yorke & Co., aber zum Glück ohne wie eine Kopie zu klingen. Die Steigerung durch das akustische Schlagzeug und die breiten, verzerrten Gitarren, gibt dem Song zum Ende hin den nötigen Raum, um richtig wirken zu können.


    Beware of aggressive swans
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    Während ich mich so von Track zu Track höre, überlege ich, welche Bands aus Deutschland dieses etwas verschrobene Genre denn noch so repräsentieren. Eine Mischung aus Indierock und Alternative, das alles aber irgendwie introvertiert und experimentell, gespickt mit elektronischen Klängen. Spontan fallen mir da Bands wie The Notwist oder vielleicht noch Moderat ein, die beide für einen sehr internationalen Sound bekannt sind. Allerdings ist diese Art von Musik und deren Tiefe und Eindringlichkeit auf dem deutschen Musikmarkt relativ selten zu finden. Bemerkenswert also, dass Micro Circus sich hier selbstbewusst einreiht und einen Vergleich tatsächlich nicht scheuen muss.

    Der durch seinen Breakbeat ziemlich groovige Song „Water“ leitet uns weiter flußabwärts in ruhigere Gewässer, in denen wir auch den „Black Swan“ des Albums treffen sollen. Wer schon mal von einem attackiert wurde, weiß, dass Schwäne einfach nur verdorbene, charakterlose, aggressive Miesepeter sind. Auch wenn sie wunderschön aussehen. Ich weiß es seit Kindheitstagen und bin deswegen schwer traumatisiert. Das Titelstück des Albums erinnert mich sofort an das „The Resistance“-Album von Muse und ich bekomme immer mehr das Gefühl, dass Micro Circus und ich wohl mit der gleichen Musik sozialisiert worden sind. Im Song prophezeit die Band das Zuschnappen des schwarzen Schwans und dessen unumgängliche Jagd auf uns. Der schwarze Schwan steht in der Mythologie seit jeher für ein unerwartetes bzw. unwahrscheinliches Ereignis und gibt dem Song dadurch eine sehr tiefe philosophische Ebene. Nichts ist vorhersehbar, wir können uns nicht auf alles vorbereiten und das Schicksal bekommt uns, egal wo wir uns verstecken. Die Zeilen in der zweiten Strophe passen da ganz besonders gut:


    „All glass balls are defect(ive)
    So everyone is wrong
    Everyone is wrecked
    This is the Worst Case Scenario
    Time has come to jump out the window“


    Aus den Fugen geraten

    Die Abwechslung zwischen ruhigen, introvertierten Songs und einigen aufbrausenden Pophymnen, ist über das Album verteilt sehr angenehm. „Statues“ ist zum Beispiel einer dieser großspurigen, epischen Songs. Hier geben sich verhallte Drums und dicke Gitarrenwände die Hand und tragen eine äußerst radiotaugliche Melodie in unsere Ohren, die dort lange bleiben will. Auch „Sparks“ schlägt hier durch angenehm harmonische Akkorde, gezupfter Gitarre und positiven Vibes in den Lyrics eine etwas poppigere und gefälligere Richtung ein. Im Kontrast dazu stehen dann Stücke wie „Next“ über Chaos, Leid und Schmerz oder „Vs.“ über Abhängig- und Abwechslungslosigkeit, zum Beispiel in einer Beziehung. Beide Stücke sind dann auch deutlich minimalistischer und düsterer instrumentiert und lassen ein ganz besonderes, elektronisches Instrument erklingen: das „Melotron“. Dieses wurde schon von Bands wie den Beatles oder Led Zeppelin in den 60er und 70er Jahren verwendet und klingt auch heute noch einzigartig.

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    Dass Micro Circus auch mitreißende Balladen kann, hören wir dann ganz eindrucksvoll bei „Scientists“. Ein ganz lethargisches und leicht verstimmtes Klavier, bei dem wir sogar das Knarzen des Pedals hören können, schafft eine intime Atmosphäre. Der Klang der Vocals hat hier, ganz ohne das despektierlich zu meinen, einen ganz leichten Touch of Robbie Williams in seinen besten Jahren. Das Stück handelt von einem aus den Fugen geratenen Leben und auch dieser Text lässt sich wieder ganz wunderbar auf die aktuelle gesellschaftliche und politische Situation auslegen. Der Wunsch nach Führung und die Sehnsucht nach einem Wegweiser, z.B. durch die Wissenschaft, wird hier besonders ausgesprochen. Zeilen wie „The perfect circle’s out of tune“ oder „surrounded by the cage of doubts“ treffen den Ton der andauernden Krisen momentan ganz vorzüglich.


    „Write on, write on, dear Scientists
    I’m waiting for your promises
    I’m faced with things I’ve never missed before
    Write on, write on, dear Scientists
    You are the last ones on my list
    Come on! Lead me somewhere I belong“


    Fazit

    Die beiden Musiker Chris und Ole von Micro Circus haben sich auf ihrem zweiten Album wirklich die Ärmel hochgekrempelt und ein richtig gutes Album geschaffen. Die Qualität von „Black Swan“ ist hervorragend – vom Songwriting über die Aufnahmen bis hin zum Mix. Das macht beim Hören einfach Spaß und ich glaube es gibt so einige Major-Produktionen, die deutlich schlechter klingen. Wenn ich einen Kritikpunkt suchen müsste, dann wäre es die Länge bzw. das Format des Albums. Ich weiß, das ist Geschmackssache, aber ich hätte mir hier auch gut zwei EPs vorstellen können. Aber hey, kann man zu viele gute Songs auf einer Platte haben? Wahrscheinlich eher nicht!

    Ich würde sagen, wir sollten gemeinsam daran arbeiten, dieses Stück Musik weiter zu verbreiten. Hört es euch an! Der schwarze Schwan schnappt auch bei euch zu. Versprochen.

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    Fotocredit: Andreas Groh
    Artwork: Phlipp Holle

  • Zwischen Bedroompop und Großraumdisko: Lahos mit „Youth Pattern“

    Gestern hat der wahlberliner Produzent Lahos seine neue EP „Youth Pattern“ veröffentlicht. Fünf Tracks nehmen uns mit in die Jugend des Multiinstrumentalisten und öffnen für uns und für ihn Pforten in ganz neue Genres. Ich habe mir die neue EP angehört und mit Lahos über seine Entwicklung im letzten Jahr per Videocall gesprochen.

    Wer gerne und viel Radio hört, wird früher oder später auch über Lahos stolpern. Sagt euch nichts? Ich bin mir sicher, jede*r kennt mittlerweile die Trompetensoli in Felix Jaehns „Cheerleader“ oder in „Bad Ideas“ von Alle Farben. Das ist er: Lahos, der eigentlichen anders heißt, nämlich Leo. Er war als Kind schon ein Talent an der Trompete und kombiniert diese seit seiner Jugendzeit mit elektronischer Tanzmusik. Auch als Future-House Produzent ging es mit seiner Solokarriere dann gefühlt alles sehr schnell. Plattendeal beim Majorlabel, Soloshows auf den Mainstages der großen EDM-Festivals, tausende Streams bei Spotify und Co. Seit letztem Jahr macht Lahos jetzt aber wieder alles selbst – und das spürt man auch in seiner Musik auf „Youth Pattern“ sehr.


    „Am Ende hieß es immer, meine Sachen sind zu wenig kommerziell. Und da dachte ich mir, wenn ich’s jetzt alleine mache, kann es nicht schlechter laufen als mit dem Major. Das ist zwar traurig, aber für mich war’s das beste Zeichen.“


    Back to the roots

    Dass die Reise aus dem „Bubblegum-Pop“ hinaus führt, ist schon allein am Intro des ersten Songs „Golden Age“ zu erkennen. Hier spannt uns Lahos knapp anderthalb Minuten mit nach und nach übereinander geschichteten Gitarrenspuren auf die Folter. Gitarren? Und dann auch noch verzerrt? Das ist irgendwie so gar nicht das, was ich erwartet habe. Natürlich gibt es in diesem Song auch einen fetten Drop ins Vollinstrumentarium, aber einen herkömmlichen Songaufbau, wie heute in der kommerziellen Popmusik üblich, bleibt uns Lahos hier schuldig. Zum Glück. Denn die Klangwelt, die er hier erschafft, ist sehr interessant und erinnert auf der ganzen EP an Indietronic-Ikonen wie MGMT, Daft Punk, M83 oder auch Tame Impala – Bands, die ihn in seiner Jugend inspiriert haben.

    „Ich bin ja selber gar kein Gitarrist, aber ich hab mir im Lockdown eine Gitarre zugelegt und dann einfach alles auf einer Saite eingespielt und am Ende gelayert, bis es halt irgendwann geil klang.“


    Die Gitarrensounds sind auf „Youth Pattern“ tatsächlich das verbindene Element zwischen den Songs. Gitarrenmusik scheint gerade ja wieder arg modern zu werden, nachdem man diesem Instrument seit 10 Jahren die letzte Salbung verpassen wollte. Lahos möchte aber keine Gitarrensounds wie im Radiopop, er schafft sich seine eigenen. Auch die Gitarren in „End this Ride“ klingen durch den leichten „detune“ sehr unkonventionell. Wenn auch dieser Song uns Lahos‘ Genrevergangenheit sehr viel deutlicher entgegenbringt, als der Song zuvor. Mit poppigen und absolut makellosen Vocals von Sänger Mote shufflet uns der Song weiter durch die EP.


    Für die Cool Kids und die Atzen

    „Bright Eyes“ hat mir einen unfassbar langanhaltenden Ohrwurm verpasst und ich glaube, das ist einer dieser Songs, die man für so einen Ohrwurm auch nur einmal hören muss. Durch den raffinierten Chordchange im Zwischenteil hat mich das Stück, das ja offensichtlich ein astreiner Popsong ist, auch als Musiknerd neugierig werden lassen. Die Welt braucht mehr intelligente Popmusik wie diese, ich glaube das könnte ganze Völker vereinen! Naja, zumindest würden sie mich glücklicher machen.

    „Es soll halt für die Cool Kids sein, aber halt auch für die Atzen! Es soll für jede*n zugänglich sein, auch wenn es nicht everybody’s taste ist. ‚Don’t do it only for the purists, do it also for the tourists‘, sagte mal ein Künstler in den 20er Jahren.“


    Die Intention, die Lahos mit dieser EP hatte, wird wirklich unmissverständlich deutlich. Wir haben es hier mit tanzbaren Popsongs zu tun, allerdings mit twist. Und besonders daran ist die Mischung. Der Song „Dayslide“, der noch als Single auf dem Major erschien, ist gleichzeitig ein Relikt aus Lahos‘ langjähriger EDM-Erfahrung und ein Vorbote auf den Indiepop, den er jetzt macht. Die Vocals der Sängerin Thala sind hier wieder ins perfekte Licht gerückt und zeigen keine Ecken oder Kanten. Zwischenzeitlich fühle ich mich auch wieder stark zurück in die Großraumdisse zwei Dörfer weiter versetzt. Das mag der*dem ein oder anderen IndieliebhaberIn schon too much sein, holt aber mit Sicherheit die Fans von Lahos‚ früheren Projekten ab.


    Keine Zeit für Langeweile

    Völlig weird und absolut unexpected grätscht mich dann zum Schluss „Like That“ weg. Fast schon ein absoluter Anti-Song, der durch seine rockigen Gitarren und mit den bis in die Unkenntlichkeit verzerrten Vocals irgendwie echt catchy ist. Lahos hat hier übrigens das erste Mal auch selbst gesungen. Man kann sich an dieser Stelle wirklich fragen, ob die drei Tracks aus der Mitte von „Youth Pattern“ tatsächlich vom gleichen Künstler stammen, wie Intro und Outro. Aber ja, genau das ist das Rezept: Lahos bettet uns moderne und eingängige Popsongs in ein unkonventionelles Setting ein. Und das tut ihm und seiner Musik gut.

    „Ich möchte selber auf der Bühne nicht gelangweilt sein. Und dementsprechend eine mega hohe Diversität an Songs bieten können. Es ist einfach Entertainment.“


    Fazit

    Ich muss sagen, ich bin kein Fan von poppiger Tanzmusik, wie sie im Radio oft zu hören ist. Mir fehlt da einfach oft die künstlerische Substanz, das ist einfach nicht mein cypher. Und trotzdem hat es Lahos geschafft, dass mir seine „Youth Pattern“ EP wirklich gut gefällt. Sie ist kurzweilig und unterhaltend, sie überrascht mich und macht Spaß. Ob jetzt bewusst gehört oder auch nebenbei beim Joggen, Kochen, Abhängen. Man spürt in dieser EP den Anfang einer musikalischen Weiterentwicklung, und das finde ich spannend.

    „Was ich gemerkt habe war, dass es mir selber Spaß machen und authentisch sein muss. Als es nicht mehr hundert Prozent ehrlich mir selbst gegenüber war, hab ich gesagt: ne, ich mach das nicht mehr. Was viele Leute auch verärgert hat. Aber was bringt es mir, wenn ich da stehe und meine Musik nicht ernst nehmen kann?“

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    Fotocredit: Debora Brune

  • FOTOS mit ihrem neuen Album „Auf zur Illumination!“

    Vor nunmehr zwei Wochen hat die Band FOTOS ihr neues Album „Auf zur Illumination!“ veröffentlicht. So wie viele andere Bands und MusikerInnen, hat auch FOTOS die Quarantänezeit im letzten Frühjahr genutzt, um neue Musik zu produzieren. Zunächst in Eigenregie von Tom Hessler, dem Sänger und Gitarristen der Gruppe. Nach den Lockerungen folgte dann die Vervollständigung durch die gesamte Band und der Produzentenlegende Olaf Opal.

    Wer FOTOS kennt, weiß, dass die vier Musiker alte Hasen im deutschsprachigen Musikbiz sind. Bereits 2006 veröffentlichten sie ihr erstes Album und haben sich seitdem sowohl textlich, als auch musikalisch enorm entwickelt und gewandelt: vom gitarrenlastigen Indierock aus ihren Anfängen, über ihre Shoegazephase auf dem Album „Porzellan“ bis zu ihrem jüngsten Werk, bei dem Gitarren absolut in den Hintergrund gerückt sind.


    Reiseziel: Erleuchtung

    Dass sich Tom Hessler buchstäblich mit seinem Modular-Synthesizer in seinem Studio eingeschlossen hat, ist ab der ersten bis zur letzten Sekunde des Albums zu hören. Die generierten Sounds dieses analogen elektronischen Musikinstruments klingen einzigartig und bilden das Grundgerüst von „Auf zur Illumination!“. Im ersten Song „Rauschen“ sägt uns der Synthie passend zum Songtitel monoton in Stimmung und verkörpert das Grundrauschen unseres Lebens. Eine Kulisse, die wir nicht ändern können und uns immer begleitet. Und FOTOS stellt uns, einleitend zum Album, eine brisante Frage zum Songende:


    „Es gab einen Traum für uns
    Wir träumten gemeinsam
    Erinnerst du dich noch,
    ob wir jemals aufgewacht sind?“


    Spätestens jetzt wird klar, dass „Auf zur Illumination!“ keine hohle Phrase ist, sondern eine ziemlich ernstzunehmende Aufforderung darstellt. Denn nicht nur mit spacigen Sounds, auch textlich entführt uns Tom Hessler direkt auf eine andere spirituelle Ebene. Ab hier beginnt ein Wegweiser, ja quasi ein Reiseführer ins innere Selbst.


    Hello, this is your Captain speaking

    Wie das Reisetagebuch einer Expedition durch ein Paralleluniversum oder wahlweise durch das eigene Unterbewusstsein klingt der Song „Silberne Maschine“. FOTOS laden uns auf eine Fahrt in ihrem sonderbaren Vehikel ein. Die Band lässt den Hörer im Ungewissen, um was es sich bei dieser Maschine genau handelt. Ein UFO? Eine Rakete? Oder vielleicht doch um einen Delorean DMC-12 mit Fluxkompensator? Naja, jedenfalls: Fasten your seat belts! Denn wenn man hier nicht aufpasst, verfällt man durch die hypnotische Kraft der pulsierenden Bassdrum und des Auf-und-Abs des Synthesizers schnell mal in eine ganz heftige Trance.

    Ist auch kein Wunder, denn immerhin massiert dieser Track knapp 11 Minuten die verspannten Synapsen. In Zeiten von zweieinhalb-Minuten-Songs und bösen Spotifyalgorithmen eine absolute Seltenheit. Das zeigt mir vor allem eins: dass die Band FOTOS komplett unabhängig und frei in ihrem musikalischen Schaffen ist und sich nicht in die Suppe spucken lässt. Und das finde ich hammer. In diesem Sinne erfrischend unkonventionell funktioniert das ganze Album weiterhin.

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    Der bereits zuvor ausgekoppelte Song „Meise“ besticht vor allem mit seinem lyrischen und eingängigen Text. Jede Zeile klingt einfach von vorne bis hinten schlüssig und ist sprachlich toll ausgearbeitet. FOTOS macht hier mit uns Sightseeing in der Gedankenwelt einer mutmaßlich durch Verfolgungswahn geplagten Person. Die Fetzen dieser Denkvorgänge sind in einem tanzbaren Groove mit durchgehend rollendem Bass verpackt; das Klirren und Sirren der synthetischen Klangquellen wirkt wie plötzlich aufkommende wahnhafte Gedanken. „Meise“ ist außerdem einer der wenigen Songs mit einem „klassischen“ Band Set-Up. Hier spürt man auch ganz besonders den Einfluss des Produzenten Olaf Opal, der ein wahrer Experte für psychedelisch-poppige Songs ist und das zum Beispiel bei Bands wie International Music oder auch schon zuvor bei FOTOS unter Beweis stellen konnte.


    Wir haben unsere Reiseflughöhe erreicht

    Tatsächlich sind eher ruhige, minimalistische Arrangements auf „Auf zur Illumination!“ das Markenzeichen. In „Gegen die Wand“ zum Beispiel, werden wir von einer leicht artifiziell verfremdeten Stimme dazu aufgefordert, doch auch mal verschlossene Türen einzurennen und die Flucht nach vorn anzutreten. Hier kommt sowohl das zuvor schon gehörte Thema „Angst“, als auch das Thema „Reise zu sich selbst“ wieder ins Spiel. Das leitet nahtlos über in den nächsten Song „Das Verlangen“. Diesmal etwas voller instrumentiert, werden wir mit einer weiteren inneren Stimme konfrontiert. Das Verlangen nach Selbstentfaltung und Extraversion arbeitet sich seinen langen Weg aus den Tiefen unserer Selbst, entgegen aller Beschwerlichkeiten. Dieses Gefühl ist wirklich bezeichnend für die im Corona Lockdown weggeschlossenen Bedürfnisse. Und das kann vielleicht ein*e jede*r gerade gut nachvollziehen, besonders aber die MusikerInnen und KünstlerInnen.

    Let’s go zum nächsten Stopp in unserer silbernen Reisemaschine! „Auf zur Illumination!“, der Titelsong des Albums, klingt fast so, als ob Lennon und McCartney höchstselbst nach einer ihrer spirituellen Trips in Indien deutsch gelernt, und noch ein weiteres Stück für Srgt. Pepper geschrieben hätten. FOTOS schildern uns mit diesem Song einen ziemlich psychedelischen Erfahrungsbericht als erleuchtetes Wesen. Harmonisch einfach nur satisfying, kommt auch dieses Stück mit ganz abgespeckter Instrumentierung aus.


    „Millionen Wale werden singen,
    meine Seele salutiert
    Auf Purpurwolken werd ich wandeln,
    auf einer Scheibe die rotiert“


    Sehr geehrte Gäste, wir starten den Sinkflug
    Fotos, auf zur illumination, psychedelic, indierock, syntheziser, deutschrock, spiritual music, german indie, krautrock

    Wer bis hierher gekommen ist und nicht (as usual) in der letzten Reihe unseres Nachtbusses zur Erleuchtung eingepennt ist (no offense!!), kann jetzt noch die letzten drei Haltestellen dieses Albums genießen. Mit „Ausflug“ einfach mal den Kopf ausschalten und weg hier, raus aus den eigenen vier Wänden, alle Signalempfänger aus oder auf Flugmodus. Die Abkapselung aus der Einkapselung. Da Reisen leider in real life gerade echt schwierig sind, sei es kurzfristig durch Corona oder langfristig in Bezug auf den Klimawandel, vermitteln uns FOTOS hier zumindest virtuell den süßen, fast vergessenen Geschmack von Zigarrettenholengehen-&-Niewiederkommen.

    Ein ehrlich gesagt etwas gewöhnungsbedürftiges Stück ist für mich nach wie vor „Nachtschattenglühen“. Das zwar sehr poetisch, aber ebenso abgespaced vertonte Gedicht, klingt ein bisschen wie ein prison baby von Leonard Cohen und Novalis. Es öffnet auch ganz ohne Substanzen Pforten in meinem Kopf, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt. Alle, die sich gerne auf Metaebenen bewegen, werden an diesem Stück ihre wahre Freude haben.

    Wesentlich poppiger erreichen wir danach aber auch schon unsere Endstation. Ein wahrer „Grower“ ist das letzte Stück „Weiße Wellen“. FOTOS vermitteln uns hier das Gefühl, abhängig, aber abgehängt zu sein. Zum Schluss wird nochmal ganz deutlich, wie raffiniert und eigenständig die Texte von Tom Hessler sind. Wirklich jeder Song lässt Millionen von Interpretationen zu und wenn man darauf keine Lust hat, klingen sie einfach nur gut. Mit einem wunderbaren Refrain verabschiedet uns FOTOS von dieser sehr aufschlussreichen und entspannten Reise mit einer Landung, bei der sicherlich Standing Ovations in der Maschine angebracht sind:


    „Du rennst zu schnell
    Lässt mich fliegen und bringst mich zu Fall
    Du brennst zu hell
    Jeder Flug endet mit einem Knall“


    We hope you’ve had a pleasant flight

    Das neue Album „Auf zur Illumination!“ von FOTOS klingt wie aus einer anderen Zeit. Nur weiß man nicht so ganz, ob es sich um die Vergangenheit oder die Zukunft handelt. Zugegeben: dieses Album braucht etwas Zeit. Das ist Slow-Food für unseren konditionierten Popgeschmack. Ich hatte anfänglich so meine Schwierigkeiten, richtig reinzukommen. Aber irgendwann macht es klick. Dann ist es wunderschön und trägt massiv zur Entschleunigung des Alltags bei. Die Sounds sind fesselnd, genauso wie die unfassbar guten Lyrics. Es ist ein geschlossenes System, alles passt perfekt zueinander und macht Sinn, sofern man denn einen Sinn suchen will.

    Moment, eigentlich weiß ich gar nicht, ob es Sinn macht, weil ich viele der Texte nicht verstehe. Das ist aber gar nicht schlimm, denn zuhören will ich auf jeden Fall und dazu träumen lässt es sich auch prima. Ich bin jedenfalls froh, dass FOTOS mich neugierigen, sandaligen Touristen mit auf diese Reise genommen hat und gebe safe 5 Sterne bei TripAdvisor. Es ist bemerkenswert, wie unvoreingenommen und frei diese Band ihren Sound immer wieder neugestaltet und ihr Ding durchzieht. Davon kann man sich einfach nur mehr erhoffen und ich bin gespannt auf das nächste Album.

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  • Braucht Popmusik eine Frauenquote?

    Kurz vorab: ich bin ein weißer Cis-Mann und meine Mutter hat mir im Streit in meiner jugendlichen Sturm-und-Drang-Phase oft vorgeworfen, ich sei als Kind schon ein Macho gewesen. „Danke Mama“ dachte ich dann immer halbironisch. Dass da allerdings erschreckend viel dran ist, habe ich vor einiger Zeit erst in einem Selbstexperiment erfahren müssen.


    Musik nur als nettes Nebenprodukt?

    Als ich so durch meine Shazam- und Spotify-Playlists scrollte, fiel mir auf, dass ich in letzter Zeit erstaunlich viel Musik mit weiblichem Hauptgesang aufgeschnappt hatte. Mehr als Songs mit Männerstimmen. Das war gefühlt noch nie vorgekommen und das brachte mich ins Grübeln. Habe ich überhaupt weibliche Vorbilder in der Musik? Lieblingsbands mit Frontfrauen oder Künstlerinnen, die ich bewundere? Die Ausbeute meiner Suche war gering bis nicht existent. Doch woran liegt das?

    Zu behaupten, es gäbe keine Frauen in der Popmusik ist ja offensichtlich falsch. Von Janis Joplin über Tina Turner, Madonna, Britney Spears bis hin zu Billie Eilish gibt es offensichtlich in jedem Genre und jeder Generation entsprechende Vertretungen des weiblichen Geschlechts, nur um jetzt mal ein paar wirklich prominente Beispiele zu nennen. Was mich störte war aber zunächst folgender Punkt: sind diese Frauen wirklich hauptsächlich MusikerInnen, die ihre eigenen Songs schreiben und performen? Oder sind es in den meisten Fällen doch eher bis in die letzte Haarsträhne kommerzialisierte Sexobjekte, deren Musik ein nettes Nebenprodukt ist?

    But slow down: Sowohl Songs nicht selber zu schreiben und dafür großartige Songwriter zu engagieren, als auch die Vermarktung der Person oder des Aussehens darf eigentlich kein Kriterium sein, Musik der entsprechenden KünstlerInnen „schlecht“ zu finden. Auffällig für mich war nur, dass der „handwerkliche“ Aspekt der Musik bei Künstlerinnen weit weniger in den Vordergrund gestellt wird, als bei ihren männlichen Kollegen. Und auch Bands mit ausschließlich weiblichen Mitgliedern gibt es sehr selten, Bands mit ausschließlich männlichen Musikern allerdings an jeder Straßenecke.

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    Der perfekte Teufelskreis

    Es scheint irgendwie schon in der frühen musikalischen Entwicklung einen springenden Punkt zu geben. Die Art und Weise, junge Menschen für das Musikmachen zu begeistern, funktioniert nicht besonders heterogen. Ein Beispiel: Jungs gründen eine Band, spielen Rockmusik und besaufen sich jeden Freitag im muffigen Keller des Drummers. Mädchen… Ja, was denn?
    Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass heranwachsende Frauen weniger Interesse an einer Bandgründung oder an Pop- und Rockmusik haben respektive haben könnten. Auch hier sind es höchstwahrscheinlich wieder die gesellschaftlichen Gepflogenheiten, die die Wünsche und Chancen der Frauen systematisch unterdrücken, ja gar nicht erst aufkommen lassen. Unser popkulturelles System ist gar nicht darauf ausgelegt, weibliche Personen vollständig zu integrieren.

    Dieses Konzept zieht sich wie ein roter Faden durch die Poplandschaft. Wie viele Festival Line-Ups habe ich in den letzten Jahren sehen müssen, die keinen einzigen weiblichen Act zu bieten hatten? Und dann ist der Teufelskreis ja perfekt: junge Frauen haben keine Vorbilder und verlieren das Interesse, in den entscheidenen Jahren Musik zu machen. Hinzu kommt eine völlig nachvollziehbare Abneigung, sich in einer männerdominierten Kultur buchstäblich Gehör verschaffen und durchbeißen zu müssen. Bei dem Gedanken, wie viele angehende KünstlerInnen wahrscheinlich schon Front of Stage und hinter den Kulissen tituliert oder belächelt worden sein müssen, kann ich mir wirklich nur die Finger in die Schläfen rammen. Vielen Männern wäre es wahrscheinlich ganz recht, Frauen blieben „einfach nur Groupies“.


    Kein Platz für Ausreden

    Also, braucht Popmusik eine Frauenquote, ja oder nein? Für mich ist die Antwort „Ja“. Allerdings muss die Methode stimmen. Eine platte Quote, beispielsweise im Radio, packt das Problem nicht an der Wurzel. Stattdessen müssen weibliche Jugendliche schon ganz früh gezielt und langfristig gefördert werden und das machen dürfen, worauf sie Bock haben. Vorstellen kann ich mir da vieles: Workshops, Coachings, Toursupport, Projektfinanzierung, etc. pp., die Liste ist lang. Etablierte Institutionen wie die Initiative Musik oder PopNRW müssen hier zum Vorreiter werden. Hier wäre es doch ein Leichtes, die Musikszene etwas diverser zu protegieren. Eine Quote, die solche Unterstützungen gerecht und angemessen an junge MusikerInnen verteilt, ist wahrscheinlich das hilfreichste Mittel.

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    Sie lässt einfach keinen Platz für Ausreden. Außerdem hätten MusikerInnen weniger Hemmungen, sich für diese Fördermittel zu bewerben. Und daraus könnten so unendlich viele neue und kreative Möglichkeiten entstehen: ein ganz neues Songwriting, neue Produktionsweisen, neue Genres. Klar, das würde dauern, aber es geht bei diesem Thema auch um Nachhaltigkeit und nicht um Einzelphänomene. Parallel dazu müssten natürlich genauso trans- und intersexuelle MusikerInnen gestützt und geschützt werden, denn auch hier liegt das Niveau im Jahre 2021 weit unter dem Potenzial.

    Als kleines Selbstexperiment zum Schluss empfehle ich, 10 Bands mit ausschließlich männlichen Akteuren aufzuzählen. War leicht, oder? Dann jetzt 10 Bands mit ausschließlich weiblichen. Hm? Hmm… Erschreckend, wo wir uns doch die Weltbevölkerung eigentlich fast 50/50 teilen.

    Es wäre doch wirklich spannend, wenn wir erst eine Hälfte der Popmusik kennengelernt hätten, oder?



    Ihr habt Lust, starke Künsterinnen zu entdecken? Hier eine ein paar Links unserer letzten Reviews auf untoldency:

  • Exklusive Videopremiere: Komplizen der Spielregeln und „Mehr Fucked“

    Wir präsentieren euch heute das neue Musikvideo zu „Mehr Fucked“ der Kölner Indie-Band Komplizen der Spielregeln. Ohne Video bereits letztes Jahr auf ihrem vierten Album erschienen, legt das Trio jetzt das Bildmaterial nach. Mit dem Song „Mehr Fucked“ brechen die Komplizen der Spielregeln das Schweigen und rechnen mit Realitätsverdrehern und Ewig-Gestrigen ab.

    Mehr Fucked als Fakt

    Passend wie die Faust aufs Auge erscheint das Video zu „Mehr Fucked“ an gerade diesem heutigen Datum, dem 19. Februar. Vor genau einem Jahr tötete ein Attentäter in Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven, anschließend seine Mutter und sich selbst. Nicht nur diese Tat ist ein Grund dafür, einen Protestsong zu schreiben, denn sie ist kein Einzelfall. Die Lage in unserem beschaulichen Land, sowie in vielen anderen Ländern gleichfalls, ist alarmierend. Die Komplizen der Spielregeln nehmen sich diese bedrückende Stimmung zum Anlass und schreiben einen Song über den sich unverstanden fühlenden, kleinen Mann. Über die politische Selbstradikalisierung am heimischen Küchentisch. Und über die Verdrehung von Fakt und Fiktion.

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    Besonders auffällig ist die verlangsamte Geschwindigkeit des Videos. Alles läuft in Zeitlupe, langsam und zähfließend. Drei Gestalten mit wirr behangenen Kostümen aus Fetzen, Schnüren und Fäden bewegen sich langsam in einem abwechselnd farbig beleuchteten Raum. Die Stimme von Sänger Tobias Ortmanns führt uns treffsicher in die Thematik ihres Songs ein:

    „Dieses Land wurde markiert
    Vor Deiner und meiner Zeit eine Flagge gehisst“

    Seit diesem furchtbaren Ereignis vor fast 90 Jahren, leben wir in einer zutiefst gespaltenen Gesellschaft, die uns die Komplizen der Spielregeln hier näher bringen wollen. Im Text geht es um Menschen aus unserer Mitte, um unsere Nachbarn oder vielleicht sogar Bekannte. „Mehr Fucked“ zeichnet eine Karikatur derjenigen, die von Wahnvorstellungen und falschen Ängsten besessen sind.

    Getarnte Gedanken

    Während die Gestalten im Video weiter durch urbane Räume ziehen und schwerfällig voranschreiten, merke ich, dass es sich bei den Kostümen um Tarnanzüge aus dem militärischen Bereich handeln könnte. Einer in grün, einer in weiß und einer in braun. Das schafft eine bildliche Verbindung zu jenem gewaltbereiten Milieu, das für Stimmungsmache und Gewalttaten bekannt ist.

    Zum einen sind diese seltsam gekleideten Figuren vielleicht ein Symbolbild für verworrene und falsche Theorien, wie sie heute an jeder Litfasssäule zu lesen sind. Sie schlendern durch unseren Alltag, wie die giftigen Gedanken einiger Mitmenschen, unbeachtet und unerkannt. Getarnt. Wie ein „Virus“ oder ein „Infekt“ schleichen sich diese z.B. fremdenfeindlichen Gedanken in unsere Mitte und ersetzen Fakt durch Fiktion. Die Komplizen der Spielregeln stellen diesen Missstand unserer Zeit in ihrem Song ganz richtig fest und singen weiter:

    „Gift in deinen Adern
    Peinlich, langweilig, ernst
    Leider mehr fucked, als Fiktion“

    Das Wort „Fakt“ wird hier in das gleichklingende Wort „fucked“ umgewandelt und zeigt uns: Ja, leider ist es Fakt, dass diese Gedanken und Menschen, die sie verbreiten, existieren. Sie wurden zu lange verschwiegen und kleingeredet. Der ironische Twist des gesamten Textes kommt hier durch die Doppelbedeutung schön zur Geltung.

    Diese drei Gestalten, mutmaßlich in Tarnanzügen, könnten aber auch für ein viel direkteres Bild stehen. Nämlich für genau die, die sich unverstanden fühlen, radikale Gedanken entwickeln und sich in einer „normalen“ Welt wie Aliens, Alleingelassene und Vernachlässigte fühlen. Und man findet sie, wie im Video, überall. Wenn man denn hinschauen würde. Im Park, im Industriegebiet. Auf den Straßen deiner Stadt, im Freibad oder im Auto neben dir.

    Aleppo, Auschwitz, Disneyland

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    Musikalisch bewegen sich die Komplizen der Spielregeln bei „Mehr Fucked“ in Indietronic-Gefilden. Eine akustische Gitarre leitet den Song zunächst gezupft unschuldig ein und steigert sich im Laufe des Songs in eine rockige Variante. Ein tiefer Synthesizer liegt als Fläche unter dem Song und betont dessen finstere Thematik. Die verwaschenen Drumgrooves, die prägnanten Basslicks und die Stimme von Tobias Ortmanns erinnern mich immer wieder an die Pixies.
    Zum Ende des Songs hört man auch den Noisefloor aus Kllicken, Klacken und sonstigen steampunkigen Geräuschen gut heraus und die Band gerät in einen beeindruckenden Spoken Word-Teil, der die Wut über absurde und alternative Realitäten verdeutlicht:

    „Kleiner Mann – Heimat – Wut – Allein
    Die da und Du dort
    Die kriegen mehr als Du
    Aleppo, Auschwitz, Disneyland
    Macht Dir so viel Stress
    Amüsier Dich, kleiner Mann, Heimat, kleiner Mann,
    Trauriges Remake“

    Mit ihrem Video zu „Mehr Fucked“ spenden uns die Komplizen der Spielregeln Hoffnung. „Wir sind mehr“ ist zwar inzwischen auch schon ein plattgeredeter Slogan, aber er ist wahr. Fakt. Denn auch die drei getarnten Gestalten stehen in der letzten Sequenz allein auf weiter Flur. Fucked.
    Der Song und das Video werden vielleicht nicht dazu beitragen, ein verlorenes Schaf zurück zu holen. Allerdings führt er sicherlich dazu, der verbleibenden Herde bewusst zu machen, welche die einzig richtige Seite ist.

    Mehr zu den Komplizen der Spielregeln findet ihr hier!

  • Tom Taschenmesser mit Debüt-EP „Verstehst du nein gut“

    „RATATATA – Hört sich gut an. Es ist sehr laut, aber ist geil – Lass so“. Das sind die ersten eindrucksvollen Worte der jetzt erschienenen „Verstehst du nein gut“-EP des Wuppertaler Musikers Tom Taschenmesser. Eine alles in Grund und Boden rauschende EP voller Lofi-Sound und Wut im Bauch. Mit den drei Singles „Meine Schwestern“, „Maury“ und „Niemand kann alle sein“ hat sich im Vorfeld schon ein recht detailgetreues Stimmungsbild dieser EP ergeben, die zwei weiteren Songs ergänzen den verschrobenen Style in Perfektion. Immer auf der Suche nach der Schönheit in ihrer hässlichsten Verkleidung, fließen Toms Texte und Songs wie in einem Bewusstseinsstrom flussabwärts.


    Kampfansage

    „Meine Schwestern“ beeindruckt mich schon, bevor der Song überhaupt angefangen hat. Die absolut wache und irgendwie dauergereizte Stimme von Tom Taschenmesser führt in seinen Opener ein, der mir ab der ersten Sekunde eine Gänsehaut verpasst. Hier wird nicht um den heißen Brei geredet, denn es geht thematisch direkt zur Sache. Feministisches Empowerment ist zwar im Moment in aller Munde, aber bei „Meine Schwestern“ kriegen wir es alle noch mal gehörig auf die Fresse. Pardon, da ist es glatt mit mir durchgegangen. Mir steht dieser Stil vielleicht nicht so, aber Tom schafft es, zu singen wie er spricht. So scheint es zumindest.


    „Junge was weiß ich, Bruder was weißt du
    Von unerzogenen, räudigen Hunden
    Von ungezähmten, hungrigen Hyänen
    , von giftigen Insekten
    Die allesamt vergessen, dass sie sterben wenn sie stechen“


    Das Mitglied des Indiekollektivs die neue leichtigkeit ruft zum Kampf auf, gegen das Patriarchat, gegen toxische männliche Strukturen in unserer Gesellschaft und gegen die enorme Gewalt gegen Frauen. Solidarität, ohne Geheuchel und ohne Geltungssucht, so wie ich sie mir viel häufiger von Männern wünschen würde. Seine derbe und ungehobelte Sprache hinterlässt dabei Splitter im Gehörgang. Die Band tut es ihm gleich und fetzt ein dissonantes und schweres Brett raus. Und trotzdem, sein Stil ist nicht vulgär oder daneben. Man kann seinen Ekel in jedem Wort hören und er kotzt einfach nur aus, was ihn ankotzt.


    Von den Verlorenen und Vergessenen

    Die „Verstehst du nein gut“-EP besticht weiterhin mit gekonntem Storytelling. Als wäre man live dabei, erzählt uns Tom Taschenmesser im Song „Verzeih Dir deine Schönheit“ zum Beispiel von Besuchen in einer psychatrischen Klinik. Das bedrückende Gefühl der Ohnmacht, das man als Besucher verspürt, wenn man Freunde oder Bekannte in solchen Einrichtungen besucht, wird hier sehr eindringlich transportiert. Und es trifft – wieder einmal – den Nerv der Zeit, denn psychische Erkrankungen und vor allem deren Gewichtung sind so präsent wie nie zuvor. Trotz der doch irgendwie sehr traurigen Story des Songs, gelingt es Tom, mir am Ende doch noch ein Lächeln zu entlocken und mir wenigstens den Apfelkuchen in der Cafeteria des Krankenhauses schmackhaft zu machen. Hier ist wirklich jeden Wort an der richtigen Stelle.

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    Ein Grund, warum ich dieser EP so gerne zuhöre, ist der Gesangsstil von Tom Taschenmesser. Von „Gesang“ im klassischen Sinne kann hier schon eigentlich keine Rede mehr sein, denn sein Stil ist sehr viel brutaler und dadurch ehrlicher im Vergleich zu anderen Singer/Songwritern. Er spuckt mir seine Worte vor die Füße und ich lese wirklich jedes gerne auf. Wie auch im Song „Maury“. Hier werden Lebenssequenzen eines „Wuppertaler Originals“ mit schnellen und präzisen Bildern erzählt. Durch den Sound der Band, der hierbei noch kräftiger und dreckiger ausfällt als zuvor, gestaltet er eine authentische Slow-Retro-Rock Kulisse für den „Tunichtgut und Taugenichts“ namens Maury.


    „Und wenn man ihn so sieht
    Wünschte man sich irgendetwas müsste doch mit ihm passieren
    Irgendetwas anderes als das hier“


    Jeder ist viele, aber niemand kann alle sein

    Wo man herkommt und in welchem sozialen Milieu man aufgewachsen ist bzw. lebt, beschäftigt den Song „Niemand kann alle sein“. Auf feinfühlige, lyrische Art verknüpft er hier Situationsminiaturen glaubwürdig und authentisch miteinander und stellt uns auf subtile Weise die Frage, welche Bedeutung das ganze überhaupt hat. Und ob wir uns selbst vorgaukeln können, etwas oder jemand anderes zu sein als die Summe unserer Lebensumstände. Das alles fast schon fotorealistisch, aber auf jeden Fall so, dass ich zu jeder Zeile instant ein konkretes Bild vor Augen habe. Musikalisch geht es hier gefühlt das erste Mal auf der EP ruhiger und gelassener zur Sache, als hätte die Wut in den vorherigen Tracks ihre Hörner abgestoßen.

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    Die EP beendet Tom Taschenmesser mit einem schnulzigen Liebeslied. Nein, das ist natürlich Quatsch. Denn was er auch singen mag, es ist niemals kitschig oder pathetisch. Selbst wenn er aus „Rosen sind rot, Veilchen sind Blau“ einen Song machen würde. Oder einen über das Ende des Lebens, wie das letzte Stück „Brügge“. Hier schlägt er einen Bogen zum Film-Klassiker „Brügge sehen und sterben“. Dort wird die wunderschöne belgische Stadt Brügge als ein „must see before death“ glorifiziert. Falls ihr diesen Film noch nicht gesehen habt, hier nebenbei meine unbedingte Empfehlung. Ich dachte bei diesem Song ganz ehrlich kurz „Rio, bist du es?“, weil die Artikulation und die Attitüde in der Stimme von Tom mich so sehr an Ton Steine Scherben und Rio Reiser erinnert hat. Der Song fragt uns zum Ende der EP hin eine wirklich heikle Frage, nämlich die nach der Zufriedenheit im eigenen Leben. Aber wenn ich die jetzt für mich beantworten soll, lest ihr morgen noch. Deswegen lasse ich euch mit dieser schönen Frage und der schönen EP jetzt allein.


    Fazit

    Ja, was soll ich sagen!? Wir haben hier eine im besten Sinne laute, dissonante, instrumental chaotische Debüt-EP mit einem wirklich wirklich charismatischen Sänger und Songschreiber. Interessante Gitarrenriffs- und Voicings, brachiale Drums, schmetternde Basslines. Allerdings findet man auf „Verstehst du nein gut“ ebenso melancholische Balladen, bei denen man ein Tränchen verdrücken kann. Die Mischung macht’s! Und ja, das ist auf der Kürze der Strecke wirklich sehr gut gelungen. Tom Taschenmesser erzählt uns aus seiner Debüt-EP von all den Dingen, die alle anderen rausretuschiert hätten. Thematisch absolut aktuell und dennoch zeitlos, kickt uns diese EP von hinten in die Kniekehlen. „Verstehst du nein gut“ hinterlässt einen bleibenden Geschmack mit Suchtfaktor.


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    Fotocredits: Lea Dinger, Philipp Czampiel, Jonathan Ungemach (Layout)

  • Mit Schwung durch den Winter: Botticelli Baby mit „SAFT“

    Die neuen Zwanziger sind eingeläutet, Freunde. Botticelli Baby liefern uns auf ihrem neuen Album „SAFT“ einen derben Big-Band-Swing, der mit triumphalen Bläsersätzen und einem fulminanten Percussiongeschütz ins Schwarze trifft.

    Die Wurzeln ihres Sounds kann die siebenköpfige Band aus Essen sicherlich nicht leugnen. Da ist viel Jazz drin, viel Offbeat, viel 20er Jahre Big-Band-Vibe. Dieses wilde Jahrzehnt ist nun 100 Jahre vergangen und gerade wieder sehr en vogue, was Serien wie z.B. Babylon Berlin oder der Charleston-Tanzstil unter Beweis stellen. Trotzdem ist die Musik auf dem neuen Album von Botticelli Baby keineswegs rückwärtsgewandt oder in irgendeiner Form idealisierend. Die Band scheint sich einfach großartige Elemente dieser zeitlosen Musik herauszupicken und zu ihrer ganz eigenen, düsteren Soundscape zu formen.

    Melancholisch, aber mit Wumms

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    Besonders am Haken hatte mich gleich das erste Stück des Albums „The Inner Hulk“. Schwer und lethargisch bewegt sich dieses Ungetüm von Song fort, mitreißend wie Treibsand. Ein leichter Hauch Fat Freddy’s Drop weht durch mein notgedrungen selbstgeschnittenes Haar. Der „constantly growing anger“ aka „The Inner Hulk“, den die Band im Song heraufbeschwört, unterstreicht das hervorragende Musikvideo. Das von dem britischen Comickünstler Stathis Tsemberlidis (Decadence Comics) animierte Video passt durch seine makabere und düstere Stimmung super zum Song und erinnert in seiner Videoästhetik leicht an die berüchtigten Videos von Tool. Die perfekte Einführung in ein überwiegend melancholisches Album.

    Dass Botticelli Baby aber auch so richtig abswingen kann, beweist die Band nicht nur in zahlreichen Live-Videos auf Youtube, sondern auch bei Songs wie „Joy passed by“, dessen aufgewühlter Schlagzeuggroove die verfrorenen Zehen schon langsam auftauen lässt. Schnelle und wachrüttelnde Bläserarrangements sorgen schon für ein konstantes Mitwippen. In mehreren Soloparts der einzelnen Instrumente hat man das Gefühl, die Band nach und nach vorgestellt zu bekommen. Dabei schöpfen sie sicherlich auch aus der über die Jahre gesammelten Erfahrung als Live-Band, die bei der Enstehung und der Produktion des Albums eine große Rolle gespielt haben dürfte.

    Tempo, Tempo!

    In eine ähnlich schwungvolle und irgendwie traditionelle Richtung geht „Crash Test Dummy“, der durch sein Polka-Feeling besticht und über Vorbilder von damals und heute skandiert. Die thematisierte Angepasstheit der Menschen, die auf kurz oder lang literally den Karren an die Wand fahren werden, scheint im Kontrast zu der musikalischen Bandbreite auf „SAFT“ zu stehen.

    „And the crash test dummy
    Of a Porsche Cayenne
    Is terrible blonde
    And terrible thin“

    Wie auf Speed in einem überfüllten und viel zu heißen Nachtclub, überrollt mich der Song „01-30“, der gleichwohl mit klassischen Swing-Vibes, staubaufwirbelnd und schnell durch meine Arterien weiterbraust. Auch „Vagabond in a Dandy Suit“ gehört auf „SAFT“ zu den schnelleren und härteren Stücken. Hier ist das angezogene Tempo als Offbeat-Attacke von der ersten Sekunde an zu spüren. Und wenn es die Möglichkeit gäbe das mal live zu hören, Junge Junge! Ihr müsstet mich schon festhalten. Stimmlich zeigt hier Sänger Marlon Bösherz im imposanten Endpart seine Muskeln. Auf dem gesamten Album bekommt man den Facettenreichtum seiner Stimme zu spüren. Mal zerbrechlich und gediegen. Mal brachial und wütend, als hätte sich die Band ihren Sänger bei einer britischen Post-Punk-Band ausgeliehen.

    Mit den Bläsern auf Tuchfühlung

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    Ich kann es richtig fühlen, dass dieses Album in verlassenen und einsamen Unterkünften in Holland und Belgien geschrieben wurde. Denn auch die schwärzeren und ruhigeren Stücke kommen auf „SAFT“ keinesfalls zu kurz. „Follow Me“, ein jazziger Groove mit starkem „walking Bass“, spiegelt beispielsweise die Coolness dieser Formation wider, die ihr in diesem Genre sehr gut steht. Oder der Song „Yes“, bei dem man schon fast ASMR-like die entweichende Luft aus den Blasinstrumenten hört und durch das reduzierte Schlagzeug eine ganz eigene Atmosphäre kreiert wird. Auch der letzte Song des Albums „Baller Spring“ glänzt durch eine minimalistische Aufmachung, die mich in einen tranceartigen Ravemodus transportiert. Hier seien auch die Gitarren erwähnt, die in diesem Song und auf dem gesamten Album durch ihre Klarheit und die düsteren Voicings bestechen.
    Und mit diesen tiefgreifenden Zeilen das Album zu beenden, ist schon ein genialer Schachzug:

    „And if I was your time machine
    I wouldn’t change a single thing“

    Fazit

    Botticelli Baby schafft es vorbildlich, das Album mit den richtigen Songs zu bestücken. Die Dynamik zwischen den Songs macht „SAFT“ einfach sehr kurzweilig und unterhaltend. Ein Album, das die Reife und Reise der Band nach immerhin drei vorangehenden Alben authentisch verkörpert. Die Lyrics, mal ulkig und grotesk, mal sehr tiefsinnig und lyrisch, passen gut zu dieser Mischung. Instrumentiert ist das Album à la bonne heure (a la bonnör), die technische Leistung jedes Einzelnen beeindruckend.
    Kurz um: Lasst uns all diese starken Eigenschaften in ein großes Fass werfen. Dann ziehen wir uns die Schuhe und Strümpfe aus, steigen in das Fass und beginnen damit, diese Früchtchen barfüßig zu zerstampfen und auszupressen, wie die Weinbauern aus Piemont. Und dieses trübe und süße Konzentrat, das am Ende dabei unten rauskommt, genau das ist es: „SAFT“.

    Botticelli Baby mit „SAFT“ bei Spotify (klick here).

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    Fotocredit: Nicole Kempa

  • Goat Girl und ihr zweites Album „On All Fours“

    Endlich veröffentlicht die Londoner Band Goat Girl ihr heißersehntes Album „On All Fours“. Seit der Veröffentlichung der neuen Singles und der Ankündigung des Albums letztes Jahr war der Hype für mich jedenfalls perfekt.

    Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, als ich das erste Mal mit der Musik von Goat Girl in Berührung kam. Es war einer dieser schmerzlich vermissten Nachmittage im Plattenladen im Jahre 2018. Je knapper das Geld wurde, desto genauer und länger hörte ich mir im Plattenladen auch die Alben an. Muss sich ja auch lohnen. Da kam es schon häufiger vor, dass drei oder vier Stunden ins Land zogen und meine Freunde einfach nur noch genervt und/oder schon mal vorgegangen waren. So muss es damals auch gewesen sein. Und das Debüt Album von Goat Girl zog ich ganz zum Schluss aus der Plattenkiste. Ich habe die Scheibe aufgelegt, die ersten anderthalb Minuten gehört und wahrscheinlich meine letzten 20€ des Monats meinem Plattendealer anvertraut.

    Heavy Bedroom Pop

    Nach shame mit ihrem grandiosen Album „Drunk Tank Pink“ ist Goat Girl jetzt die zweite aufstrebende Band aus South London, die dieses Jahr ein neues Album veröffentlicht. South London ist seit einigen Jahren schon die hippe Brutstätte von zukunftsorientierten und angenehm diversen Newcomer Bands, die alle irgendwie und irgendwann mal in der Kultlocation The Windmill, Brixton ihr Konzertdebüt gefeiert haben. Auch wenn der für South London typische Post-Punk-Sound auf dem neuen Album nicht mehr ganz so stark zu vernehmen ist, ist Goat Girl ein lebendiges und wichtiges Mitglied dieser Szene.

    Die verzerrten Gitarren und Pogoparts des ersten Albums hat die vierköpfige Band bei „On All Fours“ gegen analoge Syntheziser und raffinierte Chorarrangements eingetauscht. Spotify würde die Songs wahrscheinlich als „Chamber Psych“ kategorisieren, was tatsächlich irgendwie auch wirklich gut passt. „Heavy Bedroom Pop“ gefällt mir aber noch besser.

    Trotzdem ist Goat Girl keine Band, die es nötig hat in Genre Schubladen sortiert zu werden. Die vier selbstbewussten MusikerInnen zeigen auf „On All Fours“, dass sie sich längst ihr eigenes Genre geschaffen haben. Gleich das erste Stück „Pest from the West“ bezeugt den Wandel ihres Bandsounds, als nach einem ruhigen Gitarren Arrangement mit tollen, eingängigen Akkorden ein sogenannter „Arpeggiator“ das Klangbild aufmischt. Dieser rhythmische Syntheziser war zumindest im Debüt so noch nicht zu hören. Der Text des Openers handelt von gescheiterter bzw. fehlender Genderpolitik und die angestaute Wut darüber, die für die junge englische Generation steht, aber sicherlich in der ganzen Welt im Moment wie die Faust auf’s Auge passt.

    „Words remain in the suits of today,
    And I have no shame when i say step the fuck away
    I’ll be glad that when it’s the end,
    You’ll be caught and torn when there’s no law to fall in“

    Auch was für Nerds

    Nie zu konkret und mit einem gewissen ironischen Abstand scheint Goat Girl in ihrem neuen Album sowohl politische Themen, als auch persönliche Probleme wie z.B. Angststörungen zu verarbeiten. Generell zeichnet das Album eine gewisse melancholische Grundstimmung aus, die nicht zuletzt durch die warme und tiefe Stimme der Sängerin Lottie Cream zum Leben erweckt wird und irgendwie den Weltuntergang einläutet.

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    In einem anderen politischen Kontext steht der folgende Song „Badibab“, der die eigene Schuld an der zerstörerischen Kraft der Menschheit in Bezug auf den Klimawandel reflektiert. Die poppige Songstruktur passt auf absurde Art wirklich gut zu diesen düsteren Gedanken. Zum Ende hin gerät diese Struktur dann doch noch ins Wanken und formiert sich zu einem chaotischen Getöse. Eine gelungene Überleitung zum einzigen Instrumentalstück auf dem Album, „Jazz in the Supermarket“. Mit Jazz im eigentlichen Sinne hat dieser Song zwar vermeintlich nichts zu tun, er beweist aber eindrucksvoll, dass die vier MusikerInnen ein ausgeprägtes Gespür für ungewöhnliche Harmoniekonstruktionen haben. Das lässt sich auch in jedem weiteren Song auf „On All Fours“ erkennen und macht mich als Nerd sehr glücklich.

    Dass es ebenfalls rhythmisch gut zur Sache geht, zeigt uns „Never Stays The Same“. Das Album lief bei mir die letzte Woche wirklich auf Heavy Rotation und bei diesem Song hab ich meine verstaubten Tanzbeine jedes Mal zum zappeln bringen können, sogar im Auto (bitte nicht nachmachen). Die Angst vor Veränderung und die Angst vor der Stille stehen hier textlich im Vordergrund und schlagen damit ein weiteres thematisches Kapitel des Albums auf. Hier zeigt sich eine weitere Parallele zum neuen shame Album, das dort einen ähnlichen thematischen Strang verfolgt und damit auf den für junge Bands schwierigen plötzlichen Stillstand der Pandemie hinweist.

    Plot Twist

    In dieses Raster passt auch „P.T.S. Tea“, der die psychische Krankheit „PTBS“ diffus und etwas undurchsichtig zu behandeln scheint und konträr dazu mit lockerer Synth-Pop Atmo und einer Ohrwurmmelodie um die Ecke kommt.

    „PTSD from a hot cup of tea,
    Chug chug chug along on the ferry,
    Dumb man wouldn’t even look back at me“

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    Musikalisch etwas völlig neues wagen die vier MusikerInnen dann mit dem Song „Sad Cowboy“, der schon sehr früh vorab als Single erschien und mir persönlich richtig gut gefällt. Im Morricone-Western-Style galoppieren Gitarrenriff und Drumbeat durch meine Gehörgänge und reißen mich mit, obwohl ich überhaupt nicht auf Western stehe. Der Song wandelt sich durch zunehmende Präsenz von Synthezisern und Filterfahrten zu einem repetitiven Housetrack. Ein gelungener Plot Twist!
    Zugegeben, nach Erscheinen der Single hätte ich mir auch mehr solcher Experimente auf dem Album gewünscht und vorstellen können. In dieser Form bleibt der Song auf „On All Fours“ aber unter sich.

    Das rockigere „The Crack“ mit seinen psychedelischen Lyrics und dem surrealistischen Video spielt mutmaßlich auch wieder auf die egoistischen Verhaltensweisen unserer Gesellschaft an und zwingt zur Selbstreflektion – wenn auch für mich irgendwie nicht ganz so eindrucksvoll wie zuvor schon auf dem Album gehört. Deutlich interessanter wird es für meinen Geschmack mit dem Song „Closing In“. In diesem Song versprüht Goat Girl ihren vollen Charme. Das Songwriting und das Arrangement wirkt so luftig und leicht, regt zum Träumen an gehört für mich mit zu den besten Songs des Albums.

    Tranquilize it

    Ebenso der darauf folgende Song „Anxiety Feels“, der eine besonders gut ausgearbeitete Melodie und einen derbe lässigen Laid-Back Feel verbreitet, ist einer meiner Favs. Hier kommt das gekonnte Arrangement der Backingvocals gut zur Geltung, das sich ebenfalls auf dem ganzen Album als Alleinstellungsmerkmal von Goat Girl etabliert.

    „Please don’t leave me alone,
    Staring out the window
    I know I should get out the house,
    Make myself useful
    (Na na na na na na)“

    Das verträumte „Na Na Na“ ist der eigentliche Clue des Textes, der dadurch die unangenehmen Gedanken und Ängste zu übertönen versucht. Eingelullt in dieses weiche und irgendwie dumpfe Instrumental, bekomme ich wirklich das Gefühl, vollgedröhnt mit Tranquilizern in der hintersten Ecke meines Zimmers zu hocken. Da reiht sich auch passender Weise „They Bite On You“ mit ein. Träge und schwer schleppt sich der Song durch und Lottie Cream besingt Schlafprobleme und das angenagte Nervenkostüm.

    Vorbildfunktion

    Die Stücke „Egos“ und das darauffolgende „Where Do We Go From Here?“ lassen sich textlich als offensive Abwehr des Patriarchats und Anklage gegen die politischen Machthaber interpretieren, die schon auf dem Debüt Album eine prägende thematische Rolle gespielt haben. Hier knüpft das Album wieder an seinen Anfang an und beeindruckt mit sprachlicher Raffinesse.

    „So put them in the middle to start with,
    Push out all their egos they hide in,
    It’s funny where the mind goes without it,
    Now it’s a simple silence.“

    Mit „A Men“ zieht Goat Girl ihren Schlussstrich und beendet mit den Worten „Bless God, he tries“. Sie lassen uns ein wachrüttelndes Album zurück, das sehr genau beobachtet und viele Missstände aufdeckt. Auch wenn viele der Themen absolut keine Neuigkeiten mehr sind und sicherlich einigen Menschen zum Halse raushängen, ist es umso wichtiger, sie immer und immer wieder anzusprechen. Gerade Songs mit feministischer und diverser Haltung machen Goat Girl zu einem absoluten Vorbild für eine hoffentlich wachsende neue Generation von weiblichen und transsexuellen MusikerInnen.

    Fazit

    „On All Fours“ lässt uns auf allen Vieren die Scherben unserer Taten und die der Generationen vor uns aufsammeln. Ein insgesamt wirklich eingängiges Album, das jeder Zeit zu überraschen weiß und mit jedem Hören besser wird.

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    Fotocredit: Holly Whitaker