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Lukas’ Jahresrückblick: Das Jahr, in dem ich das Schreiben zum Beruf machte

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Hallo. Auch dieses Jahr darf ich mich an einem Jahresrückblick versuchen.
An die erste Hälfte des Jahres kann ich mich kaum erinnern. Wie hinter Milchglas sehe ich verschwommen noch die ein oder andere Erinnerung. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Tage sich vor Juni alle mehr oder weniger glichen, bevor dann in der zweiten Hälfte des Jahres noch einmal richtig Schwung in die Kiste kam. Dafür ist, um es kurz zu machen, untoldency verantwortlich.

Ja. Richtig. Die schicksalhafte Fügung meiner zweiten Jahreshälfte habe ich ganz allein untoldency zu “verdanken”. Jetzt kommt hier mal alles auf den Tisch. Denn ich habe wegen untoldency jetzt weder Geld noch Freizeit. Außerdem lebe ich seit drei Monaten in Bayern. IN BAYERN!!!!!!!

Sorry. Musste mir gerade die Tränen abtupfen.

Wie konnte es dazu kommen? Wie einige vielleicht wissen, feiert untoldency dieses Jahr das zweijährige Bestehen. Konfetti, Sekt, Buttercremetorte. Als kleiner Bub, also vor zwei Jahren, bewarb ich mich, grün hinter den Ohren, mit einer E-Mail bei den Chefinnen Anna und Jule. „Ich will auch mal was schreiben“, schrieb ich und zurück kam: „wenns unbedingt sein muss, okay“. Geil! Ich tippte mir die Finger wund: erste Review, erstes Interview, erster Feuilletonartikel — und es machte mir verrückt viel Spaß. So viel Spaß, dass mein eigentlicher Job, also der, durch den ich mir etwas zu Essen kaufen kann, immer uninteressanter wurde.

Es gibt verpasste Chancen im Leben. Davon habe ich schon einige gesammelt und fein säuberlich in meiner Vitrine der Schande ausgestellt. Diese hier sollte nicht dazu gehören. Ihr müsst wissen: ich bin mittlerweile 27 Jahre alt. Mir fallen an zwei Stellen gleichzeitig am Kopf die Haare aus. Ich habe Knieschmerzen, wenn mein Fahrradsattel nicht perfekt eingestellt ist. Manchmal rieche ich nach Rentner. Ich weiß nicht genau, an welcher Körperstelle. Der Duft verflüchtigt sich binnen Sekunden, ich kann ihn nicht aufspüren. Kurz: Ich stehe mit einem Bein im Grab. Mein Leben ist gelebt. Das ist okay.

A rush of blood to my head

Doch dann: im Frühjahr las ich eine Stellenanzeige eines großen Musikmagazins: „Praktikant gesucht“. Ich war nervös. Noch zwei Tage bis zur Deadline. Bei Zusage hieße das: Job kündigen, Stadt verlassen, Neuanfang. Der Gedanke daran ließ mich kaum noch los. Ich war wie im Rausch. Ich muss es versuchen!

Ich bewarb mich nicht.
Loser.

Allerdings wollte der Funke in meinem Motor der Selbstverwirklichung wieder zündeln. Und dann ging alles ganz schnell. An der Uni beworben, angenommen worden, umgezogen.

Ich studiere jetzt Journalismus in Bayern. Konfetti, Sekt, und so weiter.

Ich werde damit fertig sein, wenn alle meine Freunde Kinder haben und überlegen, wie sie ihre Doppelgarage am besten finanzieren. Und es ist mir egal! Aber Leute, ich sage euch: gäbe es untoldency nicht, wäre ich unzufrieden und mit schmerzenden Knien immer noch am selben Fleck stehengeblieben, auf ewig. Dafür, dass dem nicht so ist, ganz unironisch: Danke.

Ihr habt bestimmt noch gar nicht bemerkt, dass es bisher in keinem einzigen Satz um Musik ging. Gut! Dann hat das Ablenkungsmanöver geklappt. Ich werde nämlich wieder total irre bei dem Gedanken, die besten Platten und Songs des Jahres so halbwegs zu sortieren. Ich habe langsam das Gefühl: das will doch auch niemand mehr lesen. Ich klatsche euch hier meine Top 10 hin, ihr werdet es brav lesen, klar. Nur: die eine Hälfte kennt ihr nicht. Die andere Hälfte fandet ihr scheiße. Mehrwert = Null.

Deswegen kommen jetzt hier erstmal drei kleine Kapitel aus meinem musikalischen Jahr 2022. Viel Spaß <3

Kapitel 1: Chang Hyun und die Frau im Regen

Ich hatte im Frühling zum ersten Mal Covid. Eingefangen habe ich mir diese widerliche Seuche auf einem Konzert meiner eigenen Band. Der Preis für 45 Minuten Ruhm und Ehre. Toll. Nachdem ich mich wieder einmal wütend in den verschwitzten Laken hin und her gewälzt und die schlimmsten Flüche heiser in mein Kopfkissen gebrüllt hatte, fasste ich einen Entschluss: ich bestelle mir ein MUBI-Abo, weil bei Netflix einfach nix mehr läuft. MUBI: die Spielwiese der Cineasten und Cinephilen. Arthouse- und Autorenfilme, soweit das Auge reicht. Streaming für Feinschmecker.
Wie mich. Zwinker.

Es ist zwar leider so, dass ich die Hälfte der dort gezeigten Filme nicht verstehe. Aber das macht nichts. Jeder einzelne Film, den ich mir ansah, war der beste Film aller Zeiten. Unter anderem der koreanische Thriller „살인의 추억” („Memories of Murder“) des Regisseurs Bong Joon-ho, den ihr vielleicht von „Parasite“ schon kennt. „Memories of Murder“ ist ein toller Film über zwei mehr oder weniger sympathische Polizisten, die im Südkorea der 1980er Jahre einem Serienmörder auf den Fersen sind.

Um mich geschehen war es, als Chang Hyun mit seinem souligen Rocksong „빗속의 여인“ („bis-sog-ui yeoin“ — „Frau im Regen“) einige Szenen des Films untermalte. Durch seine unvorhersehbaren, aber subtilen Stopps und Rhythmuswechsel, macht er den Thriller auch ohne Bilder spannend. Ich glaube, das ist einer der besten Songs, die ich je gehört habe. Vor allem in dem Moment, wenn es im Film anfängt zu regnen, die Frau die Wäsche abnimmt, die Aufstände von der Polizei brutal niedergeschlagen werden und das nächste Opfer des Mörders ahnungslos durch den Regen nach Hause läuft: Gänsehaut. Dieser Song ist ein Highlight meines Jahres, trotz des hohen Alters.

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Kapitel 2: Anxious und ein Call aus den 2000ern

Die 2000er haben angerufen? Ja. Weil sie neidisch sind.
Ich gebe es öffentlich zu: ich lasse mich gerne in bessere Zeiten zurückversetzen. Und mit voller Wucht schafft das der Song „Call From You“ der US-amerikanischen Band Anxious. Dieser 2022 erschienene Song klingt wie eine erwachsene Version meiner musikalischen Idole aus den 2000ern: My Chemical Romance, Yellowcard, Fall Out Boy und so weiter. Klar, Pop-Punk ist wieder in und so, aber mussten sie es gleich so viel besser machen?!

Wirklich umgehauen hat mich die Stimme des Sängers Grady Allen. Soft und roh, die Übergänge sind fließend. Der Text, der so unpoetisch und gleichermaßen total lyrisch daherkommt, schockiert mich jedes Mal durch die filterlose Ehrlichkeit. Beide Seiten dieses Beziehungs-Dilemmas sind für mich nachzuvollziehen, ich fühle es mit. Fühlen. Das ist es, was diese Musik unglaublich gut vermittelt.

Ich habe versucht meine äußerst authentischen Emo-Utensilien bei meinen Eltern wiederzufinden, bisher fand ich nur meinen „Pali“. Die schwarze Militär-Umhängetasche mit den Patches ist nach wie vor verschollen. Vielleicht besser so. Diese ganzen Dinge brauche ich nämlich gar nicht mehr. Das Debutalbum „Little Green House“ von Anxious bringt alles mit, um die Zeitreise gebührend anzutreten.

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Kapitel 3: Jan Müller und die furchtbare Prophezeiung

Muss kurz lachen, denn „und die furchtbare Prophezeiung“ könnte genau so gut eine neue Folge der Drei ??? sein. Leider ist die ganze Sache überhaupt nicht lustig und das Lachen bleibt mir im Halse stecken. Denn als ich im Januar mit Jan Müller, dem Bassisten von Tocotronic, über deren neues Album „Nie wieder Krieg“ im Interview sprach, war von dem menschenrechtsverletzenden Angriffskrieg Putins gegen die Ukraine noch keine Rede. Und genau dieser seltsame Umstand, die Vorhersage und die anschließende Trostspende dieses Albums, macht es für mich zu einem Highlight des Jahres. Auch wenn es kein positives ist.

Dieses Gespräch wirkt im Nachhinein so unwirklich auf mich. Wenn ich bedenke, dass nicht mal einen Monat nach Veröffentlichung des Interviews über den Einmarsch Russlands berichtet wurde. Das tut weh und versetzt mich in den ganz unsicheren Februar 2022 zurück, den ich niemals vergessen werde. „Nie wieder Krieg“ von Tocotronic ist die einzige Linderung.

Ich hoffe, dass diese ganze Scheiße bald ein Ende hat.

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Die weiteren Aussichten

Jetzt kommt dann der Punkt, an dem ich mir für das nächste Jahr noch etwas wünschen darf. Ich möchte wieder mehr auf Konzerte gehen. Ich möchte, dass Frank Ocean ein neues Album macht. Ich möchte auch wieder viel mehr über Musik schreiben. Leider kam das im Stress der letzten Monate viel zu kurz. Bei zwei von diesen drei Dingen bin ich mir sicher, dass es klappt. Außerdem möchte ich von Herzen Danke sagen: an die Redaktion, an Jule und Anna und natürlich an euch, fürs Lesen. Ich habe wegen euch das Schreiben zum Beruf gemacht.
Schöne Feiertage! Legt was schönes auf und lasst es euch gut gehen.

Showdown

So, und weil man manchmal eben auch schreiben muss, was niemand lesen will, gibt es hier natürlich noch die Top 10 meiner Lieblingsalben dieses Jahr. Da lass ich mich doch nicht lumpen.

Wir starten bei Platz 10:

  • Bilderbuch – Gelb ist das Feld
    … ist das erste Album dieser Band, mit dem ich so richtig etwas anfangen kann. Cooles Rockalbum. „Schwarzes Karma“ war der meistgespielte Song dieses Jahr — richtige Wumme.
  • Anxious – Little Green House
    … habe ich oben schon erwähnt. Emo-Pop-Punk wie früher, nur besser.
  • Mitski – Laurel Hell
    … ist musikalisch anspruchsvoll und genau die Sorte Pop, die ich sehr sehr liebe. „Working for the Knife“ oder „Stay Soft“ stellen das unter Beweis.
  • Oliver Sim – Hideous Bastard
    … versetzte mich wieder in meiner Teenagerzeit, als wir das Debüt von The XX in Dauerschleife gehört haben. XX-Sänger Oliver Sim begeistert mich mit seiner Stimme und den düsteren Arrangements seiner Tracks.
  • Regina Spektor – Home, before and after
    … viel zu spät entdeckt, aber in der letzten Minute noch auf der 6 eingestiegen. Diese Frau weiß, wie man hervorragende Popsongs schreibt. Und das nicht erst seit dem Titelsong von „Orange is the new Black“.
  • alt-J – The Dream
    … hatte ich zwischenzeitlich fast wieder vergessen. Dabei ist es vielleicht das beste Album des Trios. Die Transition in „Chicago“ lässt mich jedes Mal vor Ehrfurcht erblassen.
  • Sorry – Anywhere but here
    … ist einfach von vorne bis hinten gelungen. „Key to the City“ ist einer der besten Songs des Jahres. Harmonisch interessant und sehr abwechslungsreich, hier und da grüßen auch mal die Beatles.
  • PVA – Blush
    … dunkle Materie gemixt mit Post-Punk, Electro und Hyper-Pop. East Londons neue Geheimwaffe und frischer Wind im mittlerweile mainstreamigen Post-Punk-Geschäft. Übrigens auch live gesehen: geil!
  • Black Country, New Road – Ants from up here
    … ist das traurige letzte Album dieser Formation. Leider hat Sänger Isaac Woods die Band verlassen. Das Album ist sagenhaft gut. „Concorde“ oder „Basketball Shoes“ zeigen ihr Können.
  • Jockstrap – I love you Jennifer B
    … kann ich nur ganz schwer einordnen. Und das ist ein gutes Zeichen. Ich begreife ganz viele Sachen hier noch nicht. Alles was ich weiß: was sind das bitte für wunderschöne Melodien. Und diese Sounds. Keine Ahnung. Verdiente Gewinner*in.

Das alles noch mehr gibt es in dieser Spotify-Playlist, danke für eure Aufmerksamkeit!

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