Kategorie: untold music

  • Mia Berg mit „I’ll Never Leave You“: Eine hoffnungsvolle Hymne an die Verlorenheit einer Generation

    Mia Berg mit „I’ll Never Leave You“: Eine hoffnungsvolle Hymne an die Verlorenheit einer Generation

    Eine zarte Stimme, die auf einem verspielten Sound zum Tagträumen in eine andere Welt einlädt. Mia Berg klingt auf „I’ll Never Leave You“ unbeschwert und hoffnungsvoll. Dabei ist der Inhalt des Songs zuerst gar nicht so unbeschwert, wie er klingt. Mia singt über die Verlorenheit, die sie als junge Frau mit Mitte 20 fühlt. Aber dabei versprüht sie zugleich das hoffnungsvolle Versprechen, zusammen mit ihren Freund*innen durch diese chaotischen Zeiten zu navigieren.

    Es gibt ein starkes Element von Nostalgie in Mia’s Songs, das sich wie ein roter Faden durch ihre Musik zieht. Wie das Aufwachsen in ihrer Heimatstadt Bergen sie geformt hat und wie schwer es manchmal ist, loszulassen und sich von der Vergangenheit zu verabschieden, lenkt ihre Texte. Mittlerweile wohnt und arbeitet Mia in Oslo und schaut mit anderem anderen Blick auf die Stadt an der Westküste Norwegens. Diese Reflektion von Themen, die sie damals so wie heute beschäftigen, verarbeitet sie in ihren Songs.

    Die Vorfreude auf Mia’s Debütalbum im Herbst steigt

    Das Debütalbum von Mia Berg erscheint zwar erst im Oktober, doch um die lange Zeit bis dahin zu überbrücken, hat uns die Norwegerin jetzt mit der dritten Single des Albums versorgt. Auf „I’ll Never Leave You“ zeigt sie ihre Uptempo-Indie Seite. Wo Goodbye, for a while und „The Other Side“ noch eher langsam und melancholisch daherkamen, bringt die neue Single mit mehr Beat und Gitarre eine neue Facette der Skandinavierin zum Vorschein. Aber keine Sorge, die gewohnte Portion Nostalgie bringt Mia auch in „I’ll Never Leave You“ wieder mit – und das sieht man auch in Artwork und Musikvideo.

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    Mia Berg selbst sagt über „I’ll never leave you„: „It was initially a song I wrote about being in a chaotic place of bad choices. Being in your mid 20ies, trying to navigate your life – at the very same time as everyone around you is doing the same. There’s a lot of mistakes and stumbling, and it’s the same for everyone. But I also wanted to point out the importance of friendship, and how we find calmness and a safe space in those close to us. I guess that perspective turned the chorus into this proclamation – that no matter how dark and difficult things are, I would never abandon my friends in dark places.“

    „But no one tells you how to be okay“

    Mia beschreibt es perfekt: Dieses Gefühl, gar nicht so genau zu wissen, wie man durch’s Leben navigiert und was man manchmal überhaupt machen soll. Und damit ist sie nicht alleine. In dieser komischen Phase, wo man sich noch so gar nicht erwachsen fühlt, es aber eigentlich schon sein sollte, fragt man sich doch immer wieder: Wie verhalte ich mich als Erwachsene*r? Aber so wie Mia Berg es besingt, gibt es eben keine universelle Antwort, die mir jemand auf der Straße erzählen könnte. Irgendwie muss ich das für mich selbst herausfinden. Das ist leichter gesagt als getan. Genau da hilft es aber, zu wissen, dass man diese ungewissen Zeiten, die so manches Chaos in sich bergen, nicht alleine durchstehen muss.

    Die Vielschichtigkeit als lyrische Beschreibung der Realität

    War Mia Berg bei ihren vorangegangenen Singles am Aufarbeiten nostalgischer Gefühle. Das hört man zum Beispiel beim Verarbeiten der Kindheit und die Freunde aus dieser Zeit, die sie vermisste wie auf “The other side„. Auf „I’ll Never Leave You“ wird sie abstrakter und vielschichtiger im emotionalen Geflecht ihrer Erzählung:

    “It was a story I wanted to tell through a lot of lyrical images, where in the beginning you can picture two people standing stranded in someone’s garden and screaming at each other. They are looking at each other, not knowing what to say. I wanted the story to be based around images of chaos and some disturbing elements. At the same time the storyline is quite attached to the simplicity of being lost, at the same time as everyone else. I also think the magical balance of the song lies with the production and soundscape with its uplifting and liberating sound. The underline of the song is friendship and finding your way.”

    Es ist okay, nicht okay zu sein

    Die Botschaft: Es ist total ok und sogar gut, diese Mischung aus Verwirrung, Hoffnung und Ungewissheit zu fühlen – du bist damit nicht alleine. Danke, Mia! Dieses hoffnungsschenkende, wohlige Gefühl wird auf „I’ll Never Leave You“ durch einen aufmunternden Sound unterstrichen. Hier beweist Mia Berg, dass mitreißende Intimität, wie man sie von ihren eher langsamen Balladen gewohnt ist, genauso gut auf einem Beat funktioniert. Und so hört sich das dann an:

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    Fotocredit: Mikhela Greiner

  • Aze und die Ironie des eigenen Verhaltens in “Sweet Talk / Sidewalk”

    Aze und die Ironie des eigenen Verhaltens in “Sweet Talk / Sidewalk”

    Und schon wieder ein Stern am österreichischen Musikhimmel: Aze. Ich weiß ja nicht, was unsere Nachbarn gerade am Laufen haben, aber ein Juwel nach dem anderen wird hier poliert. Und immer mit dabei, ist dieser internationale Touch, auf den man in Deutschland meiner Meinung nach deutlich seltener stößt.

    Das beweist auch das Indie-Pop-Duo Aze. Bestehend aus den Freundinnen Ezgi und Beyza machen die zwei zusammen mit ihrem Produzenten Jakob Herber selbst bezeichneten “sad sexy Pop”, mit einer Schippe Selbsthumor, besonders wenn es um Mental Health geht.

    Vor zwei Wochen hat die Band die Doppelsingle “Sweet Talk / Sidewalk” veröffentlicht, die mich richtig verzaubert hat. On top gibt es noch ein skurriles Musikvideo mit ordentlich Retro-Feeling. Aber erstmal zum Musikalischen: 


    Toxischer Sweet Talk
    Aze Sweet Talk Sidewalk untoldency indie pop music magazine Amelie Strobl

    Dem Titel des Songs nach, würde man vielleicht erwarten, dass es um die Verträumtheit des Verliebtseins geht. Und das tut es auch, aber von einem etwas anderen Blickwinkel aus, und zwar aus dem toxischen. Beyza beschreibt die Unzufriedenheit ihrer aktuellen Beziehung. Es findet nur “Sweet Talk” statt, nichts Substanzielles oder Echtes, nur leeres Gelaber und Manipulation. Trotz dieses Bewusstseins für die Situation, “Sweet Talked” sie sich aber selbst in die Toxizität und akzeptiert zynisch, dass das Ganze zwar nicht okay ist und es nicht schlau wäre zu bleiben, aber etwas dagegen unternommen wird nicht. Da winkt die Selbstmanipulation fröhlich zur Begrüßung.

    Diese Selbst-Intrige wird musikalisch in einen sommerlichen, warmen Sound verpackt. Dieser funktioniert einerseits als Kontrast zu dem Thema, aber gleichzeitig passt er wie Faust aufs Auge dazu, wie Beyza sich selbst bewusst täuscht. Ich liebe es ja, wenn eigentlich sehr schwere, existenzielle Themen in leichte, sorgenfreie Sounds verpackt werden. Und das schaffen Aze mit der sanften Stimme und dem schwerelosen Sound, der automatisch zum leichten Mitgrooven einlädt. Azes Sound lässt mich dahinschmelzen, und zwar buchstäblich. Ich fühle mich als würde ich irgendwo am Strand in der Sonne brutzeln, mit dem Song in meinen Ohren und der Ignoranz meiner eigenen Probleme im Kopf.


    Auf dem Sidewalk der Realität
    Aze Sweet Talk Sidewalk Hotline Aze untoldency indie pop music magazine Amelie Strobl

    “Sweet Talk” endet auf den ersten Hörer sehr abrupt, geht dann aber mühelos sofort in das deutlich darkere “Sidewalk” über. Und so erzeugen Aze eine Symbiose mit den beiden Songs. Das Ende von “Sweet Talk” ist die Batterie, die leer geht, nachdem man sich selbst was vorgespielt hat. Mit “Sidewalk” setzt die schwermütige Realität ein, dass die eigene Täuschung nirgends hinführt. Wo der vorangegangene Sound unbekümmert und naiv klang, ist der Ton jetzt deutlich trauriger, was sich durch die gedämpfte Melodie und die verzerrten Stimmen deutlich macht. Zum Ende hin setzt dann nochmal “Sweet Talk” ein, zusammen mit einer Sprachnachricht feat. sympathischen Wiener-Akzent.


    Wie mentale Gesundheit und Sitcoms zusammengehen

    Der Kontrast zwischen den beiden Songs wird so auch im Video zur Doppelsingle visualisiert. Während “Sweet Talk” full-on Sommervibes gibt, ist das Video zu “Sidewalk” – genauso wie der Song selbst – völlig gegensätzlich.

    Queue: cringey Intro à la 90’s Sitcom, bei der jeden Moment ein austauschbarer weißer Dude einen völlig unpassenden Witz über Frauen im Haushalt macht. Das brauchen wir zum Glück nicht im Musikvideo zu erwarten. Dennoch schaffen Aze aus dieser cringigen Ästhetik ein sympathisches, retroesques Video, bei dem man sich nicht zu ernst nimmt. Das wird schon allein mit dem absichtlich gewählten Greenscreen-Hintergrund klar.

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    Man sieht die zwei und ihren Produzenten auf einem Roadtrip durch eine wüstenähnliche Landschaft fahren und schon da läuft alles schief, was schieflaufen kann: Das Auto gibt auf. Natürlich, wie sollte es auch anders sein. Denn das Auto steht als Metapher für die zum Scheitern verurteilte Beziehung bzw. den verklärten Umgang von Beyza mit ihrer Situation. Die drei steuern notgedrungen eine Tankstelle an, in der Hoffnung das Auto reparieren zu können und hier kommt mein Lieblingspart. Man bekommt einen Austausch zwischen Tankstelleninhaberin und Beyza mit, den ich hier einfach mal für sich stehen lassen möchte.


    “My life is falling apart…”

    “So is mine.”

    “Our car is broken. Can you help us fix it?”

    “No fixing what is already broken. No one can help you“


    Beyza verlässt den Laden und fragt, was sie jetzt tun sollen. Jakob sagt: “Move on?” Und alle zucken mit ihren Schultern und Beyza geht von dannen.

    Plötzlich klingelt Beyzas Handy und wer ruft an: Bae. Nach einer wenig hilfreichen Diskussion mit Ezgi und Jakob als Engel und Teufel, gibt sie nach und hebt ab. So beginnt “Sidewalk”. Der zweite Part des Videos teleportiert uns ins Stadtleben inklusive wackeligen, Stress verursachenden Einstellungen. Ein Gefühl von Chaos und Trunkenheit äußert sich, was wiederum die vorher aufgesetzte rosarote Brille zur Realität werden lässt.

    Die Idee zu den zwei Singles entstand über eine Sprachmemo zwischen den beiden, die durch die Tracks hindurch gesampelt wird. Auch das am 24.06. erscheinende Debütalbum “Hotline Aze” spielt mit Telefonaten und der Idee einer Mental-Health Hotline, duh. Zum Release könnt ihr euch übrigens über ein Interview mit dem Duo freuen, also Ohren offen halten. Bis dahin, hört auf jeden Fall in die aktuelle Single rein und überzeugt euch von dem cuten Musikvideo.

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    Fotocredits: Amelie Strobl

  • Tom Taschenmesser und Krakus finden es „normal dass du angst hast“

    Tom Taschenmesser und Krakus finden es „normal dass du angst hast“


    Liebe Freund/innen der unbequem ehrlichen und schwer verdaulichen Musik, aufgepasst! Denn heute stellen wir euch die EP normal dass du angst hast von Tom Taschenmesser und Krakus vor. Den aufmerksamsten Leser/innen unter euch wird der Name Tom Taschenmesser etwas sagen können. Schon mit seiner EP verstehst du, nein gut konnte Tom das untoldency Team für sich gewinnen. Hier könnt ihr die ausführliche Review von Lukas zu dieser unendlich guten EP lesen und auch ich habe schon in meinem Jahresrückblick von Tom Taschenmesser geschwärmt. 

    Umso größer war die Freude, als ich gelesen habe, dass es endlich wieder neuen Stuff von ihm gibt. Diesmal hat er sich mit dem ebenfalls aus Wuppertal stammenden Multiinstrumentalisten Krakus zusammengetan. Was dabei schönes herausgekommen ist, könnt ihr jetzt hier lesen.  

    Man wird ja wohl noch träumen dürfen

    Die EP beginnt mit dem kurzen, aber harten Song Träume und mit den Worten:

    Das Taxometer läuft völlig ohne Gnade
    Du bist ja selber Schuld wenn du glaubst was ich so sage
    Rettung aus beengten Räumen
    Was wir nicht alles machen könnten
    Man darf ja wohl noch träumen
    Man wird ja wohl noch träumen dürfen

    Dieser 39 Sekunden kurze Track erinnert etwas an verzerrte Sirenen und löst direkt eine gewisse Beklommenheit beim Hörenden aus. Träume gibt einen ersten, herben Vorgeschmack auf das, was uns auf dem Album noch erwartet. 

    Wer ist als Nächstes dran? 

    Im Falle des EP-Verlaufes ist es zumindest Kommissar. Im Text des zweiten Liedes wird allerdings nicht die Trackliste ausgewählt, sondern wer als Nächstes dem Kommissar zum Opfer fällt.

    Albumcover

    Auf dem Song, welcher schon als Single zu hören war, dürfen wir zum ersten Mal Krakus’s sanfter und beunruhigend ruhiger Stimme lauschen. Dieser Sprechgesang ist so eindringlich, dass er easy den Soundtrack eines Horrorfilmes geben könnte. Der Sound geht ins Ohr, krallt sich fest in den Kopf und der kritische Text kratzt schmerzhaft an der Seele. 

    Durch die Nacht ein Hilfeschrei
    nur ein weiterer Einzelfall

    Kommissar

    Das meines Erachtens wichtigste Stück der Platte trägt den Namen Leere Stühle.  Irgendwo zwischen Müdigkeit und Wut unterscheidet Tom Taschenmesser zwischen Furcht und Panik. Eine unfassbare Ratlosigkeit und Frustration machen sich breit, Übelkeit setzt ihm zu. Musikalisch passt hier -wie auf der gesamten EP- wohl die Beschreibung Horror-Indie am besten. Schräge Synthies und verzogene Gitarrensounds werden von einem 808-Beat begleitet. 

    Die Mörder eurer Freunde sehen so aus wie ich
    Da stehen Namen an der Wand
    Die Mörder meiner Freunde 
    Um wen gehts hier eigentlich 
    Ach Gott was ist mir übel

    Leere Stühle
    normal dass du angst hast

    Weiter geht es mit dem ruhigsten Song von normal dass du angst hast. Menschen beginnt mit einem sanften Beat welcher mich an Wassertropfen denken lässt. Gefolgt von wackligen Synths besingt Krakus die gefühlte Aussichtslosigkeit der Menschheit und löst dabei Gefühle von Hilflosigkeit und Ohnmacht aus. 

    2,3 Brutto ist der nächste Track und hebt sich durch die Kürze, die Kraft und einem wütenden Tom Taschenmesser vom vorherigen Song ab. Beim Hören des Liedes kommt bei mir die Frage hoch, wie viel man arbeiten muss, um sich Müdigkeit und Schmerzen (welche von dieser Arbeit ausgelöst werden) leisten zu dürfen?  Eine ganz schön beschissene Vorstellung. Ob die Frage, die ich mir stelle, irgendwie Sinn ergibt, weiß ich auch noch nicht so ganz, aber was ich auf jeden Fall weiß ist, dass auch dieser Track ein absolut gelungenes Statement ist. 

    Schluchten ist ein weiterer, sehr düster klingender Track, welcher an schlimmste Szenarien erinnert. Tom fordert die Menschen auf, die Schluchten und deren Verstecke zu verlassen und sich der nicht unbegründeten Angst entgegenzustellen und diese zu akzeptieren und normalisieren. 

    Cool und normal dass du Angst hast
    Hier ist alles gepanzert
    Die Zuversicht wirkt zwanghaft
    Jeder Konsens ein Kampfakt

    Schluchten

    Auf dem kürzesten und vorletzten Track Reichste Viertel, betrinkt sich Tom Taschenmesser für 32 Sekunden auf den Spielplätzen der reichsten Viertel seiner Stadt, weil er dort niemanden stört. Dabei wird er von Sirenen artigen Synthies begleitet, welche vermuten lassen könnten, dass er gleich auf einem dieser Spielplätze von UFOs Besuch abgestattet bekommt.

    Hiermit sind wir am Ende der Horror-Indie EP angekommen. Mit der Heuchler findet normal dass du angst hast ein gebührenvolles Ende. Auch hier baut der Klang wieder auf verzerrte Synthies, Gitarren und einen elektronischen Beat. 

    Vielleicht ein schwacher Trost
    Doch ein ganz neuer Versuch
    Niemand wird der Held 
    Und sei ehrlich zu dir selbst

    Der Heuchler
    Fazit

    Mit normal dass du angst hast haben Tom Taschenmesser und Krakus eine intensive, schwer verdauliche EP veröffentlicht. Die Texte sind schmerzhaft und unbequem, aber genau das müssen sie bei den gewählten Themen eben auch sein. Die sanfte, tiefe Stimme von Krakus und Toms kratziger Sprechgesang ergänzen sich perfekt. Soundtechnisch hätte es gut auf unsere Halloweenplaylist gepasst, wobei die Texte alles andere als (Halloween-)Partytauglich sind.

    Übrigens: Das Geld, das die EP über Bandcamp einspielt geht die ersten vier Wochen komplett an @kop_berlin, welche Betroffene von rassistischer Polizeigewalt unterstützen. (!klick hier!)

    Ich empfehle ALLEN von Herzen in diese EP reinzuhören, da es wiedermal sehr zum Nachdenken anregt. Und wie wir alle (hoffentlich) wissen, schadet etwas Denken bekannter Weise nicht. Also hier, have fun:

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    Fotos: Lilli Thöne

    Tom Taschenmesser & Krakus – “normal dass du angst hast” EP (VÖ: 06.05.22 via die neue leichtigkeit)

  • Mia Berg schwelgt in “Goodbye, for a while” in herzzerreißender Nostalgie

    Mia Berg schwelgt in “Goodbye, for a while” in herzzerreißender Nostalgie

    Mia Berg macht berührende Singer-Songwriter Musik mit einem folkigen Einschlag ganz nach Phoebe Brigders und kommt aus, wie sollte es anders sein, Norwegen. Das kalte (aber schöne!) Land im Norden, das bei den Ski-Wettbewerben, die mein Papa immer guckt, stets vorne mitfährt, sollte auch im Rahmen von Musikempfehlungen aufmerksam machen. In dem Fall von Mia Bergen lohnt sich das nämlich sehr.


    Pures Nostalgiegefühl in Didl-Büchern gefunden und abzugeben

    Und wie das bei wahnsinnig guten Liedern ist, drücken sie entweder alle Knöpfe zum durchs-Zimmer-tanzen oder, wie bei Goodbye, for a while“, die Knöpfe zum kathartischen Weinen. Wir alle haben zwei Jahre Pandemie hinter uns und ich find’s erstaunlich, dass wir immer noch so gut es geht an dem Alltag festhalten, dessen Struktur eigentlich keinen Platz hat für die psychische Verarbeitung von Dingen, die während dieser zwei Jahre passiert sind. Das ganze Gesundheitssystem mit seiner mehr als mangelhaften Verteilung von Kassensitzen für Therapie lässt uns völlig im Stich. Da hilft nur noch Weinen. Und anstatt das in dem absurden Tabu zu halten, weinen wir jetzt einfach zusammen. Zu „Goodbye, for a while“ von der Norwegerin mit den berührenden Worten und intimen Gitarrenklängen.

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    „Goodbye, for a while“ handelt von dem puren Nostalgiegefühl, was geweckt wird, wenn man aus dem Nichts alte Briefe findet, Lieder hört oder an Plätzen vorbeischlendert, die Erinnerungen an früher wecken. Wenn ich den Versuch starte, mein Zimmer aufzuräumen (seltener als ich zugeben möchte), stolper ich auch über genau solche Sachen und verschwinde erstmal eine Weile in die Zeit von damals zurück. Ob alte Polaroids, nie abgeschickte Briefe oder eine Playlist, die ich finde, wenn ich eigentlich nur Musik anmachen will – da braucht’s wirklich nur die simpelsten Dinge, um mich in die traurige Nostalgie zu stürzen. Jedes Mal, wenn ich umziehe (zu oft, danke Berlin für nichts), find ich die alten Didl-Freundebücher aus der Grundschule und versuch mich daran zu erinnern, wer wir damals waren.  

    „When I’m home in Bergen I can walk past my old school or places I was at a party – I also think back to people who were important in my life then. I find it strange, and a little sad, how fleeting moments are, and how people constantly go in and out of our lives. There was a song attached to it.“


    Die niemals endende Fehde mit der Zeit

    Die Person, die man damals war, ist so weit entfernt von der, die man jetzt ist. Zumindest bei mir ist das Grund genug für eine kleine Mini-Identitätskrise. Und so lieg ich auf dem Bett, starre an die Decke, höre „Goodbye, for now“ und führ eine Fehde mit der Zeit. Wieso geht sie so schnell um? Es ist ein durch und durch absurdes Konstrukt, auf das wir keinerlei Einfluss haben. Seit zwei Jahren leben wir in dieser Pandemie. Zwei Jahre! Kann mir doch niemand sagen, dass sie nach diesen zwei Jahren noch eine gute Beziehung mit ihrem Zeitgefühl führen. 

    All diese Gedanken laufen mir durch meinen Kopf, während Mia Berg ihren ähnlichen Schmerz in mein Herz hinein singt. Ich denk an alte Freundschaften, an Menschen, die mir früher so wichtig waren, und von denen ich heute nicht mehr weiß, was sie machen und wie es ihnen eigentlich geht. Ich denk an meine gescheiterte Fernbeziehung und die Art, wie Verlust uns verändert. Ich denk an diesen so simplen, aber so schönen Refrain:

    „Is this the last dance

    Or goodbye for a while?”

    Die Welt da draußen ist harsch, und der Verlust von Menschen tut weh. Es ist aber auch irgendwie „der Lauf der Zeit“ würde mein Papa jetzt sagen, und das stimmt. Die Zeit vergeht, Menschen verändern sich, aus Momentaufnahmen werden immer Erinnerungen – dagegen kann man gar nichts machen. Nur an die Decke starren. Und Mia Berg hören.

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    Fotocredit: Mikhela Greiner

  • Bilderbuch schließen mit „Gelb ist das Feld“ den Kreislauf der Liebe

    Bilderbuch schließen mit „Gelb ist das Feld“ den Kreislauf der Liebe

    „Gelb ist das Feld“ heißt das neue Album der ikonischen Band Bilderbuch. Der beliebteste Exportschlager Österreichs, neben Falco und der Sachertorte, reitet seit Jahren auf einer meterhohen Erfolgswelle. Kürzlich haben sie erst in den USA getourt, im Moment befinden sie sich auf ausverkaufter Albumrelease-Tournee in den Philharmonien der Bundesrepublik. Krasse Bühnenoutfits und eine Show voller Glamour machen diese Band, seit den Rolling Stones und Annett Louisan, definitiv zu den most-sexy Artists Mitteleuropas.

    Ich bin ehrlich mit euch: Ich war nie ein großer Bilderbuch-Fan. Und obwohl ich genau so wie ihr mit geklappter Kinnlade und geplatzter Hose damals „Spliff“ oder „Maschin“ zum ersten Mal gehört habe, hatte ich nie so eine connection zu dieser doch sehr extravaganten Band. Bis jetzt. „Gelb ist das Feld“ ist ausgerechnet das Album, das mich zum vehementen Verfechter macht. Obwohl viele meiner Freund*innen bei den letzten Singles nur noch mit den Augen rollten und auch in unserer untoldency-Redaktion Uneinigkeit herrschte, wie man diese neuen Songs denn jetzt finden soll. Diese Band polarisiert. Und anscheinend sind sie in der Lage, ihre Polung jederzeit beliebig umzukehren.


    Zärtliche Rockstars
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    Bilderbuch – „Gelb ist das Feld“

    Fakt ist: Nichts klingt wie Bilderbuch. Das haben sie uns bisher auf allen sechs Alben bewiesen. Die Ideen für den permanenten Fortschritt in der Popmusik scheinen den vier Österreichern einfach nicht ausgehen zu wollen. Wie machen die das nur? Dem Trend immer eine Nasenlänge voraus zu sein, fordert allerdings auch seinen Tribut. Denn an Mut und Selbstbewusstsein darf es zu keiner Zeit fehlen. „Gelb ist das Feld“ ist mit nichts aus ihrem Repertoire vergleichbar. Und ja, auch diesmal haben sie sich wieder neu erfunden. Obwohl sie vielleicht im Sound hier und da eher einen Schritt zurück gehen.



    Das Overdesign der bisherigen Alben haben sie sich nämlich gespart. Dabei klingen die Songs nicht einmal reduziert oder besonders minimalistisch, sondern einfach weniger aufgekratzt und hyper. In einem Mix aus Country-Rock und Brit-Pop erzählt Bilderbuch ein neues Kapitel, das im ersten Moment vielleicht etwas unter unseren hohen Erwartungen liegen mag, sich im zweiten aber als minutiöse Detailarbeit entpuppt. Aus den unberechenbaren Edgelords sind auf einmal ziemlich stringente, aber zärtliche Rockstars geworden. Dominierend in der Musik auf „Gelb ist das Feld“ sind ganz klar die Gitarren, besonders akustische Instrumente wie 12-saitige Gitarren, kommen in nahezu jedem Song zum Einsatz. Bass und Schlagzeug bilden, wie wir es von ihnen gewohnt sind, das unerschütterliche Fundament, sind aber im Vergleich zu den letzten vier Vorgängeralben ziemlich konservativ abgemischt.

    Keine Ahnung, nennt mich langweilig, aber das steht ihnen beim siebten Album gut! Alles, was ich an ihrer Musik vorher nicht richtig begriffen habe, bekommt hier einen Kontext. Auf einmal hören wir Einflüsse und Vorlieben aus der Pop- und Rockmusik von 1970-2000 und erhalten die Chance, diese bisher so unbegreifliche Band etwas besser zu verstehen.


    Die Frucht der Wahrheit

    Das Intro von „Bergauf“ macht schon mal direkt Lust auf Gitarrenmusik. In reinster „chicken picking“-Manier gniedeln uns die Klampfen in die richtige Stimmung. Das hat Südstaatenflair, das Österreich ja definitiv auch durch seine geographische Lage verkörpern kann. Gitarren nicht zu knapp auf diesem Album, ich finde das toll. Besonders bei einem so außergewöhnlichen Gitarristen wie Mike Krammer, der in jedem Song glänzen kann.

    So optimistisch gestimmt wie der Titel des Stücks bin ich somit auch. Gleich in den ersten Zeilen offenbart sich auch schon ein wichtiges Kernthema dieses Albums: Distanz. Und was gehört zu Distanz wie die Butter aufs Brot? Nähe (Mund-Nasen-Schutz hätte ich aber auch gelten lassen). Distanz und/oder Nähe verweben sich fortan in fast jeden Song und bilden die Motive der kleinen Geschichte, als die man dieses Album durchaus hören kann. Im Gegensatz zum trippy Refrain, in den das ungewohnt lange Intro mäandert, wirkt die erste Strophe wie ein kalter Waschlappen im Gesicht:

    „kaltes wasser
    himmel blau
    wir gehen bergauf“

    Immer wieder sollen wir das Bewusstsein verlieren oder in einen Trancezustand verfallen. Weiße Pferde und Space Shuttles ziehen am inneren Auge vorbei, ein Tagtraum, ein Rauschzustand. Immer wieder sollen wir dann auch geweckt werden. Liebe ist nur Fiktion, alles andere ist erbarmungslose Realität. „I eat that fruit“ — die Frucht der Wahrheit? Vielleicht, aber seriously guys, war die noch gut?

    Dass mir beim Titel „Bergauf“ sofort der arme Sisyphus in den Kopf kam, soll sich im Laufe des Albums auch noch als gar nicht so weit entfernte Assoziation herausstellen. Denn dieses von den Göttern verdammte Schlitzohr schiebt seinen Stein, seine schwere Last des Lebens, jedes Mal aufs Neue Richtung Gipfel, um kurz vorm Ziel abzurutschen und von vorne beginnen zu müssen.
    Ganz ähnlich beschreibt Bilderbuch auf dem neuen Album auch den Kreislauf der Liebe. Vom anfänglichen Verliebtsein, über die investierte Mühe und Kraft in eine Beziehung bis zum traurigen Ende einer solchen. Und dann wieder von vorne.


    Die Liebe in 1 paper bag

    „For rent“ ist hierbei vorab die Hymne für alle Unabhängigen. Für alle, die ihre Flexibilität nicht gegen eine feste Bindung tauschen wollen. Hier schwappt uns die erste Welle 80s-Indie ins Gesicht. Denn würde Morissey diesen Text singen, hätte ich „For rent“ für einen unveröffentlichten Smiths-Song gehalten. Im Text geht es zurück zu den Wurzeln, zurück in die Heimatstadt. Und damit auch zurück zu alten Bekanntschaften, Freunden, Geliebten. Hier wird alles gepriesen, was von kurzer Dauer ist: vergängliche Affären und kurzfristige leidenschaftliche Romanzen, denn morgen fahren wir wieder und sagen Tschüss. „Ich tu die Liebe in ein paper bag“, da wo du sonst nur ne Flasche Bier vor den Cops versteckst (oder peinlich berührt ne Flasche Erdbeerlimes vor deinen Freunden), findet das große Wort „Liebe“ jetzt seinen temporären Unterschlupf. Raus kommt es da halt erst, wenn es irgendwann mal so weit ist.

    Und wenns dann doch funkt? „Dates“ verrät es uns. Wenn es einmal ZOOM gemacht hat, wird plötzlich das „keiner will ein open end“ gegen ein „es ist kalt alleine draußen“ eingetauscht. „And all she wanted was the man of her dreams“ kreischt da das Springsteen-Tribute aus dem Off, und was wir vorhin noch schallend lachend abgewunken haben, wollen wir jetzt mit einem inbrünstigen Verlangen. Innerhalb von ein paar Sekunden, wie im echten Leben. Apropos „Dreams“, musikalisch lässt sich hier die Ähnlichkeit zum 80er Fleetwood Mac-Klassiker auch kaum mehr verheimlichen, vor allem wenn der Bass so kuschelrockig abgrooved.


    Alle Weichen auf sexy

    Ich habe mich noch nicht ganz entschieden, aber der interessanteste Song könnte für mich langfristig „Nahuel Huapi“ werden, den wir ja schon ziemlich früh als Singleauskopplung zu Gehör bekamen. Here is why: Im „Everybreath you take“-Stampf werden wir Zeuge einer unbedingten und grenzenlosen Bewunderung für einen geliebten Menschen. Und was thematisch im Song von The Police noch irgendwie seltsam cringe nach Stalking klingt, bringt hier einen ganz zärtlichen Liebesbeweis mit sich.

    Egal ob krasse Restaurants oder high-end E-Autos, du bekommst es. Ich besorge es dir. Besorgen!!! Unter freiem Himmel, da oben leuchten die Sterne, da unten leuchten wir!
    „We can talk about everything“ mag in der ersten Strophe noch arrogant und gönnerhaft nach einer Mitgift-Verhandlung klingen. In der zweiten Strophe allerdings wie ein Beweis für Intimität und Verbundenheit, wenn es auf einmal nicht mehr um materielle Konsumgüter geht, sondern um vergangene toxische Beziehungen.

    Das anschließende „Daydrinking“ wirkt da wie die logische Konsequenz. Oder eine Belohnung? Musikalisch bleiben die Harmonien fast gleich, als wäre es eine Art „was danach geschah“-Version von „Nahuel Huapi“. Vom Vibe klingt es, als hätte die Band den „sexy“-Schalter gekippt und das Licht ausgeknipst. Denn Achtung, in diesem kurzen Text steckt explicit content in jedem Wort.

    „zeig mir deine perle
    ich tauche tief
    kein rush keine hurry nur intimacy“


    Katertag
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    Nach so einem Tag exzessiven Trinkens ist der nächste Morgen natürlich für Katz, that’s for sure. „Schwarzes Karma“ gibt gleich in der ersten Zeile bekannt, dass das nichts wird mit dem Aufstehen. Oder besser: dass das nichts geworden sein wird. Hä? Was für eine komplexe sprachliche Schönheit allein schon in dieser ersten Zeile „heute bin ich nicht aufgewacht“ steckt! Man muss schon sagen, das mit dem Texten hat Sänger Maurice Ernst einfach im Griff. Seine Lyrics sind oft so simpel und verkürzt, aber alles was wir wissen müssen, schwebt über diesen Wörtern mit. Übrigens, würden wir die Wörter dieses Albums zählen, kämen wir locker auf einen 50% Anteil englischer Sprache. Aber das mischt schon schön, beim zweiten Mal Durchhören habe ich es schon nicht mehr gemerkt. Eine Kunstsprache, die nicht gestelzt klingt? Bilderbuch schafft das irgendwie.

    Die Oasis und Suede Anklänge in „Schwarzes Karma“ sind auf einmal nicht nur verzeihbar, sondern auch irgendwie wieder cool. Nachdem wir so tolle Songs wie „Wonderwall“ wohl endgültig an den gemeinen Pöbel verloren haben, kann so ein bisschen 90er Rockhymnennostalgie wohl niemandem schaden, vor allem bei einem Song mit so starkem Ohrwurm-Potenzial. Die packendste Stelle ist der kurze Teil ohne Bass nach dem Refrain. Wenn dieser dann zusammen mit der fuzzigen Gitarren wieder in die Strophe droppt, oh good lord, da hält mich gar nichts mehr. Einfach ein geiler Rocksong. „Liebe oder codependency“? Bei mir definitiv beides.


    Von Bienchen und Blümchen

    In so einem Liebeskreislauf kommt es zwangsläufig eben auch zu festen Beziehungen. Und in einer Beziehung gibt es eigentlich nur zwei Gründe, sich wegen fröstelnder Gefühle in die Decke auf dem Sofa einzuwickeln. Der erste, most obvious: die Beziehung neigt sich dem Ende zu und alles nervt gerade nur noch. Der zweite: krasse Vermissung und Einsamkeit. Dann kann so ein Wechselbad von heiß zu kalt schon mal ganz schön auf den Kreislauf gehen. In „Klima“, dessen Titel zwar so ein bisschen clickbaity in eine politische Richtung zu gehen scheint, geht es tatsächlich aber um die heiße Leidenschaft und die kalte Zeit danach bis zum Wiedersehen. Die Akustikgitarren geben dem ganzen Song einen charmanten Kneipen-Folk Charakter. Könnte aber auch durchaus bei gedimmtem Licht im Schlafzimmer für Stimmung sorgen. Da bekomme ich schon vom Zuhören ganz rote Backen.

    Denn das mit den Bienchen und den Blümchen scheint Bilderbuch anscheinend immer wieder sehr am Herzen zu liegen, so auch in „Blütenstaub“. Ein Song der nur so vor Verliebtheit strotzt und die Welt rosarot färbt. Zwei Dinge sind auf diesem Album sicher: sie haben keine Angst vor Kitsch und keine Angst vor Sex. Oder darüber offen zu sprechen. In Kombination wirkt das erfrischend unprüde und in deutscher Sprache bahnbrechend. Könnte das dann vielleicht tatsächlich dazu führen, dass wir uns etwas weniger verklemmen und das nächste Mal einfach drauf losplaudern? Vielleicht im Restaurant oder in der U-Bahn, mit „g-string zwischen haut“ und „blütenstaub in der luft“? Obwohl ich gerade noch nicht genau weiß, ob ich das alles immer so wissen will.


    „Baba“ my love

    Mit „I’m Not Gonna Lie“ erfährt die süße Liebesgeschichte dann das erste Mal einen Bruch. Im rockigen Brit-Pop Gewand mit lauten, verzerrten Gitarren wird hier ein glorreiches Ende eingeläutet. Tja, so ist vielleicht einfach das Leben, konstatiert auch Maurice in seinen Lyrics:

    „ich erzähl dir was
    i’m not gonna lie
    wir sind zerbrochen nur an uns zwei
    du gehst deinen weg
    und ich geh heim
    maybe baby that’s life“

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    Irgendwann ist die Luft einfach raus, da hilft kein Betteln und kein Flehen. Verschont geblieben sind davon wohl die wenigsten. Das beste Rezept für einen freien Kopf ist dann oft ein paar Tage vor die Türe zu gehen. Zum Beispiel Argentinien, genauer: „La Pampa“. Gut, vielleicht hätte ne Kippe auf dem Weg zum Netto auch gereicht, aber wir reden hier schließlich von Bilderbuch und da zählen die ganz großes Gesten.

    Tatsächlich war ich da auch schon mal, also in der Pampa, kleiner fun fact am Rande. Ist nicht so öde, wie ihr euch das vorstellt! Die lonesome rider feelings bringt Bilderbuch aber dennoch im Song rüber. Das Gitarrenriff erinnert an alte Westernfilme und staubige Pferdehufen im Sand. In meinem Kopf ein wirklich schöner Ort für ein Komplett-Reset nach einem schmerzhaften break up.

    Ja, ihr ahnt es vielleicht schon, aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende.
    Kurzes Orientieren:

    • wir haben die hedonistische „Alles kann, nix muss“-Phase
    • wir haben uns dann trotzdem verliebt
    • wir sind total mega in love und können uns ein Leben ohne unsere große Liebe nicht mehr vorstellen
    • wir zelebrieren unsere Beziehung und gehen auf sexuelle und seelische Tuchfühlung
    • wir haben uns auseinander gelebt
    • wir haben die Nase voll, lass mal abhauen


    Sisyphus‘ burden

    Klingt nach einem gutem Ende? Stimmt. Dann wäre es aber kein Kreislauf. Deswegen muss es konsequenterweise irgendwie wieder von vorne losgehen und Sisyphus plumpst den Abhang hinab. Seufz. In „Auf und Ab“ suggeriert der Titel ja eigentlich schon die ganze Story in drei knappen Wörtern. Die soulige Ballade, die fast ausschließlich im Falsett gesungen wird, beschreibt die Unstetigkeit unserer Gefühle akkurat, obwohl es kaum Text gibt. Es ist wohl niemals eine schnurgerade Storyline in unserem Leben und die überraschende Wendung nur eine Achterbahnfahrt entfernt.

    „Zwischen deiner und meiner Welt“ kann nämlich anschließend der Beweis dafür sein, dass der kalte Entzug die Sehnsucht nicht so einfach überwindet. Und auch wenn wir es manchmal nicht wollen, unsere Gedanken hängen dem*der Verflossenen ganz furchtbar lang hinterher. Oooooder es gibt bereits eine neue Flamme. Entscheidet selbst. Witzigerweise muss ich gerade bei dem Song dann wirklich an Stalking denken. Aber nee quatsch, der Text ist für sich genommen einfach irgendwie süß.

    „keine distanz
    zwischen uns
    ist weit genug
    flüster nur
    meinen namen
    durch dein display
    und ich bin da
    wo immer du
    bist bin ich da“

    Außerdem ist dieser Song auch einer Gründe, warum ich den neuen Bilderbuch-Sound so mag. Nach den letzten beiden wirklich experimentellen Alben jetzt wieder so straight und vergleichsweise bodenständig nach Rockband zu klingen, ist zumindest mal bemerkenswert. Schon klar, dass sie hier das Rad nicht neu erfinden und sich hier und da mal an Ideen bedienen (und ich meine nicht kopieren). Aber, und das finde ich sehr wichtig, die Auswahl ist durchweg geschmackvoll.


    Perspektivenwechsel?

    Mit dem Titelstück schließt „Gelb ist das Feld“ dann. Die gezupfte Gitarre mit Chorus-Effekt und das 4-on-the-Floor Drumset erinnern ein bisschen an U2 gepaart mit Rollschuhdisko. Gehört für mich aber leider zu den schwächsten Stücken. Unter anderem, weil mein Eindruck der auf dem gesamten Album zur Schau gestellten Geschlechterrollenverteilung, erneut bestätigt wird. „Gelb ist das Feld where I’m gonna lay you down“ klingt für mich im Jahre 2022 ganz schön arg nach männlicher Ermächtigung.

    Mag sein, dass ich da etwas empfindlich bin. Aber ein dieser männlich-egozentrischen Erzählweise entfliehender Perspektivenwechsel hätte an manchen Stellen für erfrischende Überraschungsmomente sorgen können. Die etwas uninspirierten vier Standardakkorde begleitet dann zusätzlich noch eine nahezu identische Melodie in Strophe und Refrain, da hätte ich mir an dieser prominenten Stelle doch noch einen Knaller zum Abschluss gewünscht. Aber hey. Die Katze wollte auch die Bratwurst.


    Fazit

    Zum Schluss bleibt hier eigentlich nur zu sagen, dass dieses Album insgesamt durchaus gelungen ist. Es ist spannend zu erfahren, wie gut diese Band zusammen funktioniert und was sie abseits von einer guten Show noch zu bieten hat. In diesem Fall mit wenig Schnick Schnack, back to the roots. Und auch wenn ich verstehen kann, dass manche Fans die vielgepriesene Innovation hier vergeblich suchen und „Gelb ist das Feld“ möglicherweise sogar etwas langweilig finden könnten, bin ich jemand, der hier endlich einen barrierefreien Zugang in Bilderbuchs Welt erhält.

    Alles, was mir vorher irgendwie affektiert und überzogen vorkam, bekommt mit diesem Album einen doppelten Boden samt Auffangnetz. Und damit meine ich nicht nur den Sound, sondern auch die Attitüde. Es ist einfach weniger Playboy. Die überbordende Coolness wurde schlicht gegen eine zärtliche Verletzlichkeit eingetauscht. Dabei hat Bilderbuch an Lässigkeit kein Stück einbüßen müssen.

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    Fotocredit: Hendrik Schneider

  • Zwischen Krieg, Klimakrise und Pandemie: SIALIA haben ihren „Safe Place“ verloren

    Songs, die nicht nur gut klingen, sondern auch eine klare politische Message haben, berühren mein Herz gleich tausendmal mehr. Es ist quasi die erfolgsgarantierende Formel, um mein musikalisches Herz zu erobern. Eine Newcomer-Band, die diese Kunst perfekt beherrscht, obwohl sie bisher erst drei Songs veröffentlicht hat, ist SIALIA. Die neueste Single des Münsteraner Quartetts heißt “Safe Place”. In dem Song wird dem ganzen Frust und angesammelten Wut über die Probleme der Krisen unserer Zeit Luft gemacht. Dabei findet die Band deutliche Worte zu Krieg, Pandemie und den Ungerechtigkeiten auf der Welt.

    Mehr als die nächste Hymne für die FFF-Demo

    Ein starker Beat und ein sich dramatisch-zuspitzendes Gitarrenriff hauchen dem Song eine unheimliche Dringlichkeit ein. Mit der Kombi haben die vier Münsteraner mich schon auf ihrer Debut-Single „Ecstasy“ gecatched. Den Artikel dazu findet ihr hier. „Safe Place“ hat aber im Vergleich zum Debut eine deutliche politische Message. „Es geht vor allem um die Klimakrise, aber nicht nur. Themen sind auch humanitäre Dinge wie Hunger, Pandemie und Krieg“, erklärt SIALIA-Drummer Marvin. Die Lyrics rufen dazu deutlich auf, das eigene Verhalten zu reflektieren und mit offeneren Augen durch die Welt zu gehen: „You cannot tell me you don’t know about the islands of trash“.

    Den Song haben SIALIA bereits 2020 im Lockdown geschrieben: „Wir hatten damals schon das Gefühl als würde ein großes Schwert über der Welt hängen. Leider ist der Song nun mit dem Ukraine-Krieg aktueller denn je. Es ist das Zeitalter der Krisen – von einer ungelösten in die nächste. Es zeigt ein bisschen die Ängste und Wut dieser Zeit und unserer Generation.“

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    Das Musikvideo zu „Safe Place“ ist gefüttert mit ausdrucksstarken Szenen, die auf das Unheil und die Missstände in der Welt hinweisen sollen. Die Band performt vor einer weißen Wand, auf die mit einem Beamer die Videosequenzen projiziert werden. Neben Videos aus der Natur stehen riesige Industriekomplexe und hohe Müllberge im Kontrast – ländliche Idylle vs. Umweltverschmutzung sozusagen. Aber man sieht auch Bilder aus dem Krieg, von Explosionen und hysterischen Menschenmassen.

    „Ein bisschen wie Nachrichten gucken, in denen man nur schreckliche Schlagzeilen und Bilder sieht“, so das Konzept hinter dem Video laut SIALIA. Wenn das Video so ganz bewusst schaue, kommt ein beklemmendes Gefühl in mir hoch. Die Eindringlichkeit der Krisenzeit, in der wir leben, wird sehr deutlich.

    „Wo unsere letzte Single „White Men“ (bei der es um das Bild des alten weißen Mannes ging – basierend auf dem Buch von Sophie Passmann) mit Themen wie Rassismus und Sexismus noch einen positiven, motivierenden Aufruf am Ende beinhaltete: „Come on fighting and stop hiding“, ist „Safe Place“ leider ungeschönte Wahrheit ohne Happy End: „This was our safe place“. Das klingt jetzt sehr deprimierend und pessimistisch, wir schreiben auch wieder positivere Songs (die auch schon bald folgen). Aber aktuell ist grade leider einfach nicht die Zeit dazu.“

    Hier könnt ihr den Song jetzt auf Spotify rauf und runter streamen und eure Meinung zu „Safe Place“ bilden:

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    Fotocredit: Leon Huesmann

  • Twenty One Pilots‘ Musikvideo zu „The Outside” und ein Deep Dive in die Geschichte dahinter

    Twenty One Pilots‘ Musikvideo zu „The Outside” und ein Deep Dive in die Geschichte dahinter

    “It seemed like pure chance to wash up where we did. As I followed him across the small, frigid island a few things happened: Feeling came back to my hands and feet, we were given dry clothes, and I began to realize – chance had nothing to do with this place.”

    So hat Tyler Joseph, Leadsänger der Band Twenty One Pilots vor einer Woche das Musikvideo zu „The Outside“ angeteasert. Zitate aus den neuen, kryptischen Briefen von Clancy. Die Figur, um die die Band seit Jahren ein ganzes Universum an komplexen Handlungssträngen, welche den Kampf mit der eigenen mentalen Gesundheit symbolisieren, aufbauen. Ein Universum voller Gefängnisstädte, Bischöfe und Doppeldeutigkeiten.  Erschaffen von der Band, die 2017 ihren Grammy für „Stressed Out“ in Unterhosen entgegengenommen hat. Eigentlich braucht’s nur diese zwei Gründe, um mich mit (fast) 26 wieder voll in das Fangirl-Leben rein zu stürzen.

    Ersterer wurde mit dem neuen Musikvideo zu „The Outside“ wieder völlig belebt:

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    Disclaimer: Ich weiß nicht, wie es ist, das Video ohne inhaltlichen Kontext zu gucken. Ich tippe aber auf eher verwirrend. Nun könnt ich euch ganz kompliziert erklären, warum dieses Musikvideo und die ganze Storyline besser ist als alles, was ich auf dieses Jahr auf Netflix gesehen hab. Aber da würde ich eher aussehen wie der Dude von „It’s Always Sunny In Philadelphia“.  Deswegen hab ich versucht, journalistische Struktur in das Ganze zu bringen und es, wie damals im Deutschunterricht, in Akte zu unterteilen. Denn ja, das wird ein ganzer Film.

    (Um euch bis dahin nicht zu verlieren, hier ein paar Fragen, die im Folgenden beantwortet werden: Woher kommt der Unterwasserdrache und ist er gleichzeitig ein Bischof? Wer sind diese süße Wesen, wo hat Tyler die heißen Dancemoves her und wieso sieht das am Ende doch alles irgendwie aus wie ein Kult?)


    1. Akt: „Heavydirtysoul“ und die Einlieferung nach DEMA

    Doch fangen wir am Anfang an. 2017 kam das letzte Musikvideo der Blurryface-Ära, „Heavydirtysoul“, raus. Fast 1 Jahr nach Albumrelease fängt hier die visuelle Reise von Tyler nach DEMA an. DEMA, das ist die Gefängnisstadt in der fiktiven Welt rund um Clancy, wird von Bischöfen kontrolliert und steht als Symbol für all die mentalen Dämonen, die Menschen in ihrem Leben bekämpfen. Steht Clancy unter dem Einfluss von DEMA, sieht man die schwarze Farbe auf seinem Nacken und Händen – das, was bei dem Musikvideo zu Stressed Out schon für Verwirrung gesorgt hat, steht für seine Ängste und Depressionen, die Kontrolle übernehmen.  

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    Und damit endete die Aktivität der Band abrupt für über ein Jahr. Kein Wort, kein Tweet, kein nichts. Dann kamen eine ganze Reihe voller kryptischer Hinweise, Karten von DEMA und Briefe von Clancy, der versucht, aus DEMA auszubrechen. Hinweise auf die neue Ära und das neue Album: Trench.


    2. Akt: „Jumpsuit“ und der erste (gescheiterte) Fluchtversuch

    Nach diesen kryptischen Brotkrumen, die die Fanbase gierig und verwirrt aufgesogen hat, kam im Juli 2018 (endlich) neue Musik. Drei Songs mit drei Musikvideos, die in die Story von Trench einleiten und die Geschichte da aufpicken, wo sie Tyler und Josh mit „Heavydirtysoul“ verlassen haben.

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    Das Auto aus Heavydirtysoul steht nun – leer – mitten auf der Straße und brennt. Josh ist weg. Und Clancy rennt. Er stolpert über Steine und wird von Nico, dem Bischof, verfolgt (yes, there are memes). Oben auf den Bergen sind die Banditos, halten beschützend nach Clancy Ausschau und werfen Blumenpedale auf ihn hinab. Alles im klaren Farbcode gelb, die Farbe die die rot gekleideten Bischöfe, nicht sehen können (weil gelb = Hoffnung). Sobald die gelben Blumen auf ihn fallen, verschwindet übrigens auch die schwarze Farbe auf seinen Nacken, und der lähmende Einfluss von DEMA fällt. It’s shit like that I love. Doch die Flucht soll nicht erfolgreich bleiben: Clancy wird von Nico zurück nach DEMA geschleift. Die gelbe Blume auf seiner Brust aber bleibt.


    3. Akt: „Nico And The Niners“ und der zweite (erfolgreiche) Fluchtversuch

    In „Nico And The Niners“ gewinnt man zum ersten Mal visuelle Eindrücke der Stadt und ihrer (leicht bedrohlichen) Rituale. Clancy ist in DEMA, packt seine Sachen und bereitet sich auf eine neue Flucht vor. Gelbe Farbschimmer hier und da deuten an, was sich dann nicht als Flucht, sondern viel mehr als Rettung herausstellt: Die Banditos, angeführt von Josh, stehlen sich durch unterirdische Tunnel in die Stadt und übergeben Clancy neue Kleidung. Die Jacke mit gelbem Tape (und damit für die Bischöfe nicht aufspürbar) ermöglicht ihnen den Weg zurück.

    (Service-Tipp: 2:32 für den berühmt-berüchtigten und einfach nur cuten Twenty One Pilots Handshake.)

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    Auch wenn sie sie nicht verhindern konnten, bekommen die Bischöfe und anderen Gefangenen der Stadt von der Flucht mit. Doch alles, was sie finden, sind zwei überbliebende Jacken und Josh‘s Drumkit.


    4. Akt: „Levitate“ und der Twist

    Die dreiteilige Videoreihe endet mit „Levitate“. Die Banditos kommen aus dem unterirdischen Tunnel betreten Trench, das Tal zwischen DEMA und was immer auf der anderen Seite liegt. Ein Tal der Hoffnung, wenn man will. Die Energie hat sich komplett gewandelt (passend zum Song) und es passieren viele Dinge auf einmal: Tyler bekommt die Haare rasiert, Josh drummt oder trägt Fackeln, und eine ganze Truppe Banditos macht sich für den Kampf ready, das brennende Auto hinter ihnen. Und dann: Tyler als Clancy, der erneut von einem Bischof am Kragen weggezerrt wird.

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    So schnell das Video angefangen hat, so schnell es endet auch schon wieder. Alles, was bleibt, sind offene Fragen.


    5. Akt: „Saturday“ – SAI ist Propaganda

    Dann: das neue Album. Scaled And Icy“ erschien im Mai 2021 und kam natürlich auch nicht ohne kryptische Eastereggs und wilde Fantheorien aus. Erzählt hab ich das aber alles schon mal hier in der Review zur ersten Auskopplung „Shy Away“ und hier im kompletten Kontext des Albums.

    Das Wichtigste: „Scaled And Icy“ ist ein Anagramm von „Clancy is dead“ und ein Album, was DEMA anpreist und verklärt, doch unter versteckten Hinweisen als Propaganda bezeichnet wird. Im Livestream, welches sie als Release-Konzert virtuell aus einer riesengroßen Fabrikhalle mit über 6 Sets übertragen haben, wurde klar: das ist alles inszeniert. (Es wäre jetzt sehr cool, hätte ich es damals geschafft, darüber zu schreiben, dann hätte ich jetzt was zu verlinken. Aber guckt euch das hier als Verströstung an).

    Das Musikvideo, welches aber den hier fünften Akt der fortgeführten Geschichte kennzeichnet, ist das Musikvideo zu Saturday. Hier hab ich zum Glück schon was zu geschrieben, also go read away.

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    Aus den neu aufgetauchten Briefen von Clancy wissen wir, dass er von den Bischöfen gezwungen wurde, Werke zu erschaffen, die DEMA als guten Ort darstellen – volle Analogie also mit der „Scaled And Icy is propaganda“ Theorie. Höhepunkt sollte eine Show-Performance auf dem Schiff sein. Diese Performance wird im Video jedoch gewaltig unterbrochen: Trash, der Drache, der auch unter Wasser schwimmen kann (oder können das alle Drachen?), rammt wie besessen das Schiff. Mit seinen gelb schimmernden Augen bringt er es zu Kentern und lässt Tyler, Josh, und die anderen treibend im Meer zurück.


    6. Akt: „The Outside“ und die Insel, auf dem ein Kult entstand

    “It seemed like pure chance to wash up where we did. As I followed him across the small, frigid island a few things happened: Feeling came back to my hands and feet, we were given dry clothes, and I began to realize – chance had nothing to do with this place.”

    Schon bisschen full-circle Moment gerade oder? Hier auch für die visuelle Fortsetzung und Vollständigkeit in Reihenfolge halber – das Musikvideo zu „The Outside“:

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    Macht es jetzt mehr Sinn? Oder wirft es noch mehr Fragen auf? Auf einer Skala von 1-10, wie sehr geschockt seid ihr allein nur von den ersten 20 Sekunden? Egal, wie oft ich es mir angucke, es kriegt mich jedes Mal. Doch zu den Fragen im ersten Teil:

    Warum bringen die Bischöfe einen aus ihrer eigenen Reihe um?

    Der Bischof, der in der ersten Szene stirbt, ist Keons. Er ist einer der neun Bischofs, und trägt die Verantwortung über Clancy. Clancy hat, wie wir wissen, versucht aus DEMA zu fliehen. Eine Vermutung wäre, dass Keons für seinen Fehler und seine Nachlässigkeit bestraft wird.   

    Ist Keons Trash?

    Absolut keine Ahnung, was da passiert. Dass sie aber eine Verbindung zueinander haben scheint deutlich, wenn sie zur scheinbar gleichen Zeit mit einem gelben Schimmer in den Augen sterben.

    Wer ist dieses süße Wesen?

    Das ist Ned. Ned ist mittlerweile ein kleines Band Maskottchen geworden. In einem Interview hat Tyler erklärt, dass er für seine Kreativität steht. Er taucht sowohl lyrisch als auch in den ein oder anderen Musikvideo immer wieder auf – in dem Musikvideo zu „The Outside“ jedoch zum ersten Mal nicht alleine. Doch er scheint derjenige zu sein, der Clancy und Josh auf den richtigen Weg über die Insel leitet. Er ist auch derjenige, der Clancy die Hörner zur Durchführung des Rituals gibt, das versuchen soll, Keons zu retten.


    Was für ein Kult-Ritual führt Tyler in der Bucht, umrandet von Neds, durch?

    Auch hier: keine Ahnung. Tyler scheint durch die Choreographie von wirklich sehr, sehr, sehr smoothen Moves am Ende des Songs Besitz von Keons Körper zu nehmen und sich so gegen die ihn umzingelnden und bewaffneten Bischöfe zu wehren. Er reißt die schimmernden Gitterstäbe um, durchbricht so das Ritual und vertreibt die anderen Bischöfe. Dann erlischt das Licht in seinen Augen, Keons fällt zu Boden und ich bin genauso schlau wie vorher. Dann hab ich das noch im Internet gefunden und war noch ein wenig besorgter.

    Wer sind die beiden anderen am Ende?

    Am Ende des Musikvideos sieht man Clancy und Josh mit ihrer brennenden Fackel auf der Insel ins Weite zu blicken. Am Horizont ist DEMA zu sehen, in blauen Flammen. Dann zoomt die Kamera raus und man sieht mehrere gelbe Fackel-Paare auf entfernten Inseln in der Weite. Es scheint, als hätten noch mehr die Flucht geschafft – darunter auch die beiden, die am Ende von „Nico And The Niners“ die gelben Jacken aufgehoben haben. Die Story geht hier also noch weiter.


    All die offenen Fragen zur Seite, ist “The Outside” ein beeindruckendes Musikvideo voller visueller Parallelen zu den vorherigen Musikvideos. Es erzählt die Geschichte auf eine so fesselnde Art und Weise weiter, dass ich dieses Fangirl-Kribbeln wirklich völlig fühle. Es sollte auch videografisch irgendwo ausgestellt werden, finde ich. Allein wie die Shots und Abschnitte sich an die musikalischen Brüche des Songs halten – hier ist an jedes Detail gedacht worden. Die Weltband, die das Lollapalooza headlined und die Alt-Press auf unzähligen Covern ziert, hat so viel Kreativität in sich ruhen, wie man es für wenige Major-Themen, die sich da in den Charts rumtummeln, behaupten kann.

     

    Fotocredit: Ashley Osborne

  • John Moods veröffentlicht mit „Autoplay“ Demos zur Realitätsflucht auf Retro-Sound

    John Moods veröffentlicht mit „Autoplay“ Demos zur Realitätsflucht auf Retro-Sound

    John Moods veröffentlicht mit seiner EP „Autoplay“ eine Reihe von Demos, die eine große Portion Retro-Gefühle mit sich bringen. Mit seinem gewohnt verträumten Sound, den ich auf „So Sweet So Nice“ lieben gelernt habe, geht es hier weiter. Es geht um eine Liebesgeschichte, die sich auf einem minimalistischen Keyboard-Sound mit verspielten Elementen entfaltet. Hier gibt’s die Review!

    Wie aus einer technischen Spielerei Songs wurden

    Es ist 1998 und mit dem Release von Windows 98 wird die „Autoplay“-Funktion eingeführt. Ein ziemlicher Fortschritt damals, der das Abspielen von Musik über CD oder MP3-Player deutlich vereinfacht hat. Fairerweise muss ich an dieser Stelle gestehen, dass ich mich daran nicht erinnere und die Funktion für mich immer als ziemlich selbstverständlich angesehen habe.

    Anders erging es John Moods als er im Winter 2018 auf seinem geliebten Yamaha Keyboard die „Autoplay“-Funktion entdeckte. Es traf ihn quasi wie ein Blitz und er nahm ein paar Demos auf, die bislang nur als Backup Tracks auf seinen Konzerten dienten.

    Fast vier Jahre später veröffentlicht er genau diese Demos auf der EP „Autoplay“. Zu den Songs, so sagt er, hat er eine sehr persönliche Beziehung, da sie ihn schon so lange begleiten – und diese persönlichen Songs möchte er jetzt mit der ganzen Welt teilen.

    „Autoplay“: eine verkappte Lovestory

    Die Tracklist von „Autoplay“ liest sich ein bisschen wie eine gescheiterte Liebesgeschichte:

    Love Me Like I Do

    So Sweet So Nice

    When You Call My Name

    I wanted You

    Alone Again

    Das Verlangen nach Liebe des Gegenüber. Die Phase der rosaroten Brille, wo alles schön und leicht ist. Dann kommen die ersten Zweifel und die Einsicht, dass die Liebe der Vergangenheit angehört. Am Nede steht man wieder alleine da. Eigentlich hat sich nichts verändert.

    Im Vergleich zu John Moods‚ „So Sweet So Nice“ Album aus 2021 gibt es auf der „Autoplay“ EP etwas weniger Poesie. Das ist aber auch nicht weiter wild und fehlt mir auch nicht, denn dafür gibt es diesmal eine Storyline, die mitfühlen lässt. Meine Review zu „So Sweet So Nice“ lest ihr hier.

    Setzen wir uns doch mal die rosarote Brille auf

    Fangen wir also mal ganz vorne an. Das ist doch sowieso immer der schönste Teil einer Lovestory, oder nicht? In „Love Me Like I Do“ nimmt John Moods uns auf eine musikalische Reise der Schmetterlinge im Bauch. Die Welt ist bunt, die Gedanken sind leicht und John Moods gesteht sich ein „I don’t want to love you but I do“. Ach, ist das schön. Doch wie geht es dem Gegenüber? Das bleibt offen. Es wirkt aber auch nicht so als würde ihn das weiter stören, denn der Song läuft so locker und leicht vor sich hin, dass ich mich sowieso schon längst in synthigen Gitarrensounds und leichten Beats verloren habe.

    Wie eine gescratchte CD-Version des selben Songs

    So Sweet So Nice“ klingt deutlich rauer als die Version, die es auf das Album geschafft hat. Beat-lastiger, mehr Keyboard, eine klarere Stimme und weniger bubbly (tut mir wirklich leid, aber ich finde kein passenderes Wort). Die Album-Version des Songs hat mich nie so besonders gecatched, aber so langsam werde ich warm mit dem Song – mein Favorit wird es wohl trotzdem nicht werden. Textlich reiht sich der Song bestens in die Storyline ein. Mit Lines wie „Is it just a dream?“ wird die veträumte Welt des Verliebtseins deutlich.

    Es folgt der Song, der vorab als Single released wurde: „When You Call My Name„. Der Song hatte mich direkt. Was soll ich groß sagen – ich hab ihn einfach von Anfang sehr gefühlt. Um mal kurz Anna zu zitieren, die eigentlich nicht der größte Fan der Songs von John Moods ist, diesen aber auch direkt gefühlt hat: „Erinnert mich sehr an die Musik, die mein Vater früher gehört hat – so leichte Dire Straits vibes“. Na, wenn das kein schmeichelnder Vergleich ist.

    Kann ein Song wie eine aufgehende Blume klingen oder werde ich jetzt zu kitschig?

    Für mich klingt der Song irgendwie nach einem musikalischen Frühlingserwachen: Die Blumen blühen, die Sonne scheint mir ins Gesicht und dieser leichtbeseelte Song läuft im Hintergrund. Ich könnte mich schon wieder in den Gedanken daran verlieren. Naja, ich glaube es ist deutlich geworden, dass ich den Song mag.

    Bei dem Video zu „When You Call My Name“ bin ich mir allerdings nicht so ganz sicher, ob ich es verstörend oder genau passend finde. Einerseits passt die minimierte old school-Grafik perfekt zu dem „Autoplay„-Gedanken und der generellen Liebe zum Retro-Detail im John Moods Kosmos. Andererseits verstehe ich es nicht. Aber hey, wie haben Frittenbude es so schön gesagt: „Das ist Kunst. Mindestens in 1000 Jahren?“ – und Kunst ist ja bekanntlich Interpretationssache. Was seht ihr in dem Video?

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    Die Zeit der rosaroten Brillen ist vorbei. Macht euch bereit auf die Ernüchterung danach – zumindest textlich. Ich muss an dieser Stelle nämlich gleich mal sagen: Man hört den letzten beiden Songs auf „Autoplay“ nur im direkten Vergleich zu den vorherigen an, dass es hier in den traurigen Teil der Geschichte übergeht. Der Sound ist immer noch sehr veträumt. Die Gitarren werden etwas ernster und klarer als zuvor – etwas weniger bubbly. Es kommen leichte Rockelemente dazu.

    Die ernüchternde Antwort auf „Is it just a dream?“

    I Wanted You“ ist eine klare Offenbarung an etwas, das war und nicht mehr ist. John Moods gesteht ich ein, dass die Liebe wohl eher einseitig war. Die zerstörten Hoffnungen an ein Happy End bekommen in dem Song durch eine eindriglichere Gitarre mehr Gewichtung verliehen. Man könnte fast denken, dass dieser Song zurück in die Realität verfrachten soll, aber keine Sorge, soweit ist es noch nicht. Ein Song kommt noch.

    In „Alone Again“ ist das Keyboard besonders präsent. Hier höre ich „Autoplay“ so richtig raus. Aber auch der synthige Gitarrensound wird nicht vergessen. Ok, hatte ich vorhin geschrieben, dass es weniger bubbly ist? Das war vielleicht doch eine Lüge – eine aus dem Affekt geschriebene Misinformation – vergessen wir das einfach wieder. Denn „Alone Again“ kommt durch die Keyboard-Sounds wieder leichter und unbeschwerlicher daher, als der Text vermuten lässt. Zwischendurch versucht die Gitarre zu rechtfertigen, dass es hier doch immer noch um einen eher traurigeren, ernsten Song geht. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob ihr das gelingt.

    Eine Achterbahn der Gefühle auf einem stringent veträumten Sound

    Ich habe bei John Moods und all seinen Songs das Gefühl, er ist nie so ganz in der Realität angekommen. Irgendwo zwischen dem Sound der 80er, 90er und einem anderen Universum verlieren sich auch die Songs auf „Autoplay“ wieder in dieser gedanklichen Welt. Ich mag’s und möchte bitte nie wieder daraus aufwachen. Mal abgesehen davon bekomme ich das ein oder andere Mal Flashbacks an Videospiele à la Super Mario Bros. bei den Songs und wünsche mir meinen Nintendo zurück. Ehrlich mal: Warum hab ich ihn damals verkauft? Eine Entscheidung, die ich heute noch bereue. „Autoplay“ kann dieses Trauma zwar nicht aufarbeiten, aber hilft mit dem Retro-Sound zumindest, um mich kurzzeitig davon abzulenken und in meiner Traumwelt gefangen zu halten.

    Hier könnt ihr fleißig die EP „Autoplay“ von John Moods rauf und runter streamen:

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    Fotocredit: Dan Trautwein

  • Tilman und die eigene Toxizität in “Fassade”

    Tilman und die eigene Toxizität in “Fassade”

    Viele Worte braucht es bei Tilman nicht. Denn mit wenigen überaus prägnanten Zeilen und der richtigen musikalischen Untermalung reißen die Jungs aus Bad Neustadt an der Saale eine ganze Welt voller Selbstreflexion, aber auch Selbstzerstörung auf. Und das auch wieder in ihrem neuen Song “Fassade”. Die neue Single folgt der 2021 erschienen EP “Blume in Grau” und ist der Vorreiter für zwei weitere Singles, die noch diesen Sommer erscheinen sollen.

    Tilman sind Tilman, Fabio und Peter aus dem unterfränkischen Bad Neustadt. Außerdem werden die drei regelmäßig von Malte Huck (ehemals Annenmaykantereit, jetzt BEACHPEOPLE) am Bass unterstützt. Meinen Mit-Würzburger*innen werden die Jungs vielleicht was sagen, da sie öfters in der Gegend spielen und hier auch schon Jeremias supportet haben. Wem die Band noch nicht über den Weg geschlichen ist: Tilman machen Musik für nachdenkliche Tage. Eine Mischung aus Indie, Pop und Jazz inklusive Lyrics deren Tiefe bis zum Meeresgrund reicht.

    Nach meiner ausführlichen Review zu “Blume in Grau”, hier jetzt meine Gedanken zu “Fassade”:


    Die Fassade bricht

    “Fassade” setzt mit genauso schwermütigen Klängen wie Worten ein, typisch Tilman einfach. Tilmans charismatische, tiefe Stimme setzt ein:


    “Hasse mich

    Verletze nur”

    Und damit ist sofort klar, worum es hier geht: das eigene toxische Verhalten. Die meisten gehen durchs Leben, ohne sich selbst ihr eigenes schädliches Verhalten vor Augen zu führen. Oft braucht es jemanden von außen, um erstmal zu realisieren, dass man mit einer Augenbinde durch die Welt und Beziehungen getapst ist oder sich alles einfach schöngeredet hat. Tilman werden in “Fassade” genau damit konfrontiert. Und was dann passiert?


    “Die Fassade bricht”




    Der eigene Stolz bröckelt Stück für Stück und der eigene Spiegel wird einem so nah wie nie zuvor entgegengehalten. Die einst verklärte Sicht auf sich selbst wird erschüttert. Dieser emotionale Schock wird musikalisch untermalt durch Tilmans Stimme, die an dieser Stelle bedeutend lauter wird.

    Allerdings ist Erschütterung nicht alles, was Tilman fühlen. Nein, diese Konfrontation gipfelt in Selbsthass. Anfangs noch wenig Bedeutung geschenkt, werden die Zweifel nach dem zweiten Vers größer. Musikalisch äußert sich das besonders stark. Dachte nie, dass ich diese Worte in den Mund nehme, um Indie-Musik zu beschreiben: Aber der Beat dropped (hier verfalle ich dann in Selbsthass, weil cringe 🤢).


    Virtuose Jazz-Einflüsse

    Ab hier wird der Song fast schon virtuos. Man merkt die Jazz-Einflüsse von Tilman besonders, erinnert aber auch fast schon ein bisschen an Bilderbuch. Fabios Fuzz-Gitarre und Peters frei Improvisation schaffen ein dramatisches, verzerrtes Klangbild, das wiederum das eigene verzerrte Selbstbild widerspiegelt. Übrigens begleitet das Musikvideo zu “Fassade” dieses Bild perfekt. Hier sieht man Tilman in wackeliger Kameraeinstellung wie er im Auto durch die Stadt fährt und eingekesselt wird von verschwommenen Straßenlichter. Ein musikalischer wie visueller Fiebertraum.

    P.S. Bin ich die einzige die findet, dass der Verzerrer wie ein Kazoo klingt? Queue: Kazoo Kid. Okay, weiter gehts mit ernsthafter Musik 😁


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    Enden tut der Song mit dem letzten “Die Fassade bricht”, das mich besonders berührt. Die einzelnen Silben werden nacheinander gesungen, um zu symbolisieren, wie die Fassade Stück für Stück herunterbricht. Und dann hört man diesen kleinen – fast schon unbemerkten – Bruch in Tilmans Stimme, der der perfekte Schluss ist, um die Verletztheit und Kränkung zu verdeutlichen.

    Das waren sie, meine Eindrücke von Tilmans neuer Single “Fassade”. Kurzum: Gelungener Song mit außergewöhnlicher Tiefe und einer ordentlichen Portion Selbstzerstörung, wie man es von den Jungs kennt. Dennoch ist der Song viel experimenteller als frühere und baut Spannung für die nächsten Releases im Sommer auf.


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    Fotocredits: Pascal Schattenburg, Nils Ritter

  • Kurz vorm Ende der Welt hören wir Ami Warning

    Kurz vorm Ende der Welt heißt das zuletzt erschienene Mixtape von Ami Warning und es hält was es verspricht: Eine Untergangsstimmung, die sich so warm anfühlt, dass jede Angst vorm Ende verfliegt und jeder Atemzug, jeder Gedanke sich ganz klar anfühlt. Ami Warning liefert uns Musik, die alles gut sein lässt, so wie es ist und jeglichen emotionalen Ballast abfallen lässt. Sprich, genau das was wir derzeit alle so dringend brauchen!

    Lost & Found

    Ich gebe zu, mein Zugang zu deutscher Musik ist beschränkt. Ich höre mir immer wieder unterschiedliche deutsche Interpret*innen an, aber bleibe zu selten hängen. Deutsche Musik, die sich nachhaltig in meine Synapsen einbrennt, muss mich mit außergewöhnlichen musikalischen Stimmungen, kreativen Textzeilen, eingängigen Melodien, spannenden Musikproduktionen oder am besten mit einer Kombination aus allem catchen. Mit dem Song „kurz vorm Ende der Welt“ bin ich aus dem Nichts auf eine Künstlerin gestoßen, die für mich all diese Faktoren auf dem gleichnamigen Mixtape auf ihre Art vereint.

    Angenehme Melancholie
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    Dabei war mir noch nicht bewusst, dass mir diese Musik so sehr gefallen könnte. Ami Warning kreiert Stimmungen, die sich für mich besonders anfühlen. Diese zu beschreiben, fällt etwas schwer, weil sie sich so sehr durch meine subjektiven Höreindrücke auszeichnet, but I’ll give it a try! Das Tape zeichnet sich für mich durch eine gedämpfte, melancholische, manchmal angenehm bedrückende Atmosphäre aus, die sich zugleich doch hoffnungsvoll und sogar befreiend anfühlt. Ohne inhaltliche Aspekte einzubeziehen, fühlt sich die Musik auf einer gewissen Weise verständnisvoll an und lässt mich dem Gefühl sorglos hingeben.

    Melodien für den nächsten Weltuntergang

    Puh, das war chessy. Springen wir straight zu den Details, die die vorherigen Gefühlseindrücke stärker umreißen. Das 8 Songs lange Mixtape startet mit der Single „kurz vorm Ende der Welt“. Eine träumerische Gitarre gibt mit langsamem Anschlag eine unglaublich schöne Stimmung vor, bis das Schlagzeug den Einsatz der Stimme vorbereitet. Über einen minimalistisch groovenden Beat schwebt die simple, wie geniale Zeile „kurz vorm Ende der Welt, kann ich dir verzeihen“, denn „kurz vor Schluss, soll es wohl so sein“. Ein paar melodiöse Keys im Hintergrund und fertig ist der Titelsong des nächsten Weltuntergangs. 

    Die Strophe setzt die Linie des Refrains fort und beschreibt in klaren Worten emotionale Zustände, über die ich mir sonst tagelang den Kopf zermürbe. Die Aussagekraft dieses Textes wirkt in seiner Einfachheit unglaublich stark. Das einzige Problem ist, dass es von dem Song keine 10h Dauerschleife gibt, die mich nicht nach zweieinhalb Minuten dazu zwingt, wieder auf Repeat zu drücken.

    »Ich hab‘ schon so lange gewartet
    Auf den guten Moment
    In dem jeder von uns beiden seine Fehler erkennt
    Ich bin immer noch sauer und du bestimmt auch
    Am meisten tut’s weh, dass ich dich trotzdem brauch’« 

    „kurz vorm Ende der Welt“

    Musikalische Wärme mit langsamen Puls

    Der nächste Song übernimmt die ruhige Art des Anfangstracks, hebt sich allerdings durch ein lockereres und luftigeres Gefühl gegenüber der vorangegangenen Abenddämmerungs-Stimmung ab. „Schöne Stunden“ besingt die Tage, Stunden oder sogar Sekunden, in denen wir nicht dem Alltagsstress hinterherrennen und uns ganz dem Moment hingeben. Weniger Zwänge, mehr Freiheit und Stand jetzt: 2 von 2 Songs sprechen mir aus der Seele.

    „Es ist wie es ist“ bleibt dem slow groove treu und wirft eine neue atmosphärische Nuance in den Raum, weniger träumerisch, dafür ein bisschen bestimmter und zugleich reflektierender. Die bisherigen akustischen Drums werden durch einen Lo-Fi type Beat ergänzt und geben den spielerischen Gitarrenmelodien im Hintergrund eine zielstrebige Form. Im Refrain zieht Ami Warning auf dem ersten Wort „Gut“ die Melodie angenehm wohlig nach oben. Charakteristisches Element in der Hook mit Wiedererkennungswert: Check! Hinzu kommt das einzige Feature auf der EP durch Témé Tan, und zwar auf französisch.

    Watte für die Ohren
    AMI, KVEDW, cover, ami, clear, rooom, blaue augen, cover,ami warning, untoldency, online magazin, review, kurz vorm ende der welt, mixtape, ep, indie, deutsche musik

    Auf dem vierten Track des Projekts „jetzt“ zieht eine treibende Gitarre das Tempo plötzlich an und wir werden zum ersten Mal für einen Augenblick aus der musikalischen Trance herausgerissen. Zwei knackige Strophen münden in einem stimmungsvoll gesummten Refrain. Kein Text, nur unglaublich schöne Melodien mit viel Gefühl. Der ausschließlich in der Hook einsetzende Bass gibt den rastlosen Gesangsmelodien eine zusätzliche Tiefe.

    Nach nur zwei aufreibenden Minuten fängt uns die weiche Klangwelt des folgenden Tracks „simsalabim“ wieder auf und 10 Sekunden reichen aus, um unsere Ohren wieder in Watte zu packen. Ein langsames Schlagzeug sowie gefühlvolle Gitarrenakkorde, komplementiert durch eine schöne Melodie und der Signature Sound des Mixtapes ist wieder komplett. Als wäre das nicht genug, dreht der Refrain nach dem ersten Mal hören bereits Dauerschleifen im Kopf. Interessanterweise bricht das Stück zum ersten mal aus der Loop Struktur der vorangegangenen Songs aus. Strophe und Bridge weichen von den Akkorden des Refrains ab und bauen etwas Spannung auf, die im Refrain wunderbar weich aufgelöst wird. 

    Blaue Augen

    Ein weiteres Highlight des Albums heißt „blaue Augen“ und appelliert an das Kind in unserem Geist und Körper. Eine Sekunde vom Intro und ich weiß, mir wird der Song gefallen. Mir stellt sich nur die Frage, was ich da am Anfang höre: einen Kinderchor, ein Sample oder einen verrückten Synth? Ich bin mir nicht sicher, aber weiß, dass es unglaublich schön klingt. Den Rest könnt ihr euch vermutlich denken: ein langsam groovendes Schlagzeug und Gesangsmelodien mit balladigem Hitpotential und fertig ist ein weiterer Song zum Verlieben. Ganz besonders empfehlenswert ist es, sich das Musikvideo zum Song anzuschauen. Die Bilder fangen die Stimmung des Liedes unglaublich gut ein und bestärken die besondere Atmosphäre.

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    Hoffnungsvolle Träume

    Das Tape schließt mit einem hoffnungsvollen, fast frühlingshaften Gefühl. „Dort“ lässt uns noch etwas weiter träumen und zeichnet einen Ort, an dem alle Seelen dieser Welt sorglos vereint sind. Begleitet von einer unaufdringlichen Melodie fließt die Stimme erzählend über ein lockeres Gitarrenriff. Kein Schlagezug mehr, dass uns ein Tempo vorgibt, nur noch begleitende Schnipser, die ein wenig Halt bieten, während unsere Gedanken langsam abschweifen.

    Synonym für „schön“

    Beim Schreiben dieses Artikels hatte ich dauerhaft die Google Suche „Synonyme für schön“ in der Tableiste offen. Ich habe mich ganz einfach in die musikalischen Stimmungen dieses Mixtapes verliebt und mir fehlen die passenden Worte. Aber am Ende ist halt alles irgendwie schön. Allerdings so unglaublich schön, dass ich gar nicht zu träumen vermag, dass es Menschen auf dieser Welt gibt, die diese Musik nicht kennen. Und das erschreckende ist, dass Ami Warning auch auf der lyrischen Ebene kein müh weniger gefühlvoll agiert. Ich bin wahnsinnig froh diese Musik entdeckt zu haben und noch froher, sie hier teilen zu können. Springt schnell rüber zur Musik und zu allen sozialen Medien von Ami Warning und lasst euch für einen Augenblick verzaubern.

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    fotocredits: Stef Zinsbacher