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Tom Taschenmesser und Krakus finden es “normal dass du angst hast”


Liebe Freund/innen der unbequem ehrlichen und schwer verdaulichen Musik, aufgepasst! Denn heute stellen wir euch die EP normal dass du angst hast von Tom Taschenmesser und Krakus vor. Den aufmerksamsten Leser/innen unter euch wird der Name Tom Taschenmesser etwas sagen können. Schon mit seiner EP verstehst du, nein gut konnte Tom das untoldency Team für sich gewinnen. Hier könnt ihr die ausführliche Review von Lukas zu dieser unendlich guten EP lesen und auch ich habe schon in meinem Jahresrückblick von Tom Taschenmesser geschwärmt. 

Umso größer war die Freude, als ich gelesen habe, dass es endlich wieder neuen Stuff von ihm gibt. Diesmal hat er sich mit dem ebenfalls aus Wuppertal stammenden Multiinstrumentalisten Krakus zusammengetan. Was dabei schönes herausgekommen ist, könnt ihr jetzt hier lesen.  

Man wird ja wohl noch träumen dürfen

Die EP beginnt mit dem kurzen, aber harten Song Träume und mit den Worten:

Das Taxometer läuft völlig ohne Gnade
Du bist ja selber Schuld wenn du glaubst was ich so sage
Rettung aus beengten Räumen
Was wir nicht alles machen könnten
Man darf ja wohl noch träumen
Man wird ja wohl noch träumen dürfen

Dieser 39 Sekunden kurze Track erinnert etwas an verzerrte Sirenen und löst direkt eine gewisse Beklommenheit beim Hörenden aus. Träume gibt einen ersten, herben Vorgeschmack auf das, was uns auf dem Album noch erwartet. 

Wer ist als Nächstes dran? 

Im Falle des EP-Verlaufes ist es zumindest Kommissar. Im Text des zweiten Liedes wird allerdings nicht die Trackliste ausgewählt, sondern wer als Nächstes dem Kommissar zum Opfer fällt.

Albumcover

Auf dem Song, welcher schon als Single zu hören war, dürfen wir zum ersten Mal Krakus’s sanfter und beunruhigend ruhiger Stimme lauschen. Dieser Sprechgesang ist so eindringlich, dass er easy den Soundtrack eines Horrorfilmes geben könnte. Der Sound geht ins Ohr, krallt sich fest in den Kopf und der kritische Text kratzt schmerzhaft an der Seele. 

Durch die Nacht ein Hilfeschrei
nur ein weiterer Einzelfall

Kommissar

Das meines Erachtens wichtigste Stück der Platte trägt den Namen Leere Stühle.  Irgendwo zwischen Müdigkeit und Wut unterscheidet Tom Taschenmesser zwischen Furcht und Panik. Eine unfassbare Ratlosigkeit und Frustration machen sich breit, Übelkeit setzt ihm zu. Musikalisch passt hier -wie auf der gesamten EP- wohl die Beschreibung Horror-Indie am besten. Schräge Synthies und verzogene Gitarrensounds werden von einem 808-Beat begleitet. 

Die Mörder eurer Freunde sehen so aus wie ich
Da stehen Namen an der Wand
Die Mörder meiner Freunde 
Um wen gehts hier eigentlich 
Ach Gott was ist mir übel

Leere Stühle
normal dass du angst hast

Weiter geht es mit dem ruhigsten Song von normal dass du angst hast. Menschen beginnt mit einem sanften Beat welcher mich an Wassertropfen denken lässt. Gefolgt von wackligen Synths besingt Krakus die gefühlte Aussichtslosigkeit der Menschheit und löst dabei Gefühle von Hilflosigkeit und Ohnmacht aus. 

2,3 Brutto ist der nächste Track und hebt sich durch die Kürze, die Kraft und einem wütenden Tom Taschenmesser vom vorherigen Song ab. Beim Hören des Liedes kommt bei mir die Frage hoch, wie viel man arbeiten muss, um sich Müdigkeit und Schmerzen (welche von dieser Arbeit ausgelöst werden) leisten zu dürfen?  Eine ganz schön beschissene Vorstellung. Ob die Frage, die ich mir stelle, irgendwie Sinn ergibt, weiß ich auch noch nicht so ganz, aber was ich auf jeden Fall weiß ist, dass auch dieser Track ein absolut gelungenes Statement ist. 

Schluchten ist ein weiterer, sehr düster klingender Track, welcher an schlimmste Szenarien erinnert. Tom fordert die Menschen auf, die Schluchten und deren Verstecke zu verlassen und sich der nicht unbegründeten Angst entgegenzustellen und diese zu akzeptieren und normalisieren. 

Cool und normal dass du Angst hast
Hier ist alles gepanzert
Die Zuversicht wirkt zwanghaft
Jeder Konsens ein Kampfakt

Schluchten

Auf dem kürzesten und vorletzten Track Reichste Viertel, betrinkt sich Tom Taschenmesser für 32 Sekunden auf den Spielplätzen der reichsten Viertel seiner Stadt, weil er dort niemanden stört. Dabei wird er von Sirenen artigen Synthies begleitet, welche vermuten lassen könnten, dass er gleich auf einem dieser Spielplätze von UFOs Besuch abgestattet bekommt.

Hiermit sind wir am Ende der Horror-Indie EP angekommen. Mit der Heuchler findet normal dass du angst hast ein gebührenvolles Ende. Auch hier baut der Klang wieder auf verzerrte Synthies, Gitarren und einen elektronischen Beat. 

Vielleicht ein schwacher Trost
Doch ein ganz neuer Versuch
Niemand wird der Held 
Und sei ehrlich zu dir selbst

Der Heuchler
Fazit

Mit normal dass du angst hast haben Tom Taschenmesser und Krakus eine intensive, schwer verdauliche EP veröffentlicht. Die Texte sind schmerzhaft und unbequem, aber genau das müssen sie bei den gewählten Themen eben auch sein. Die sanfte, tiefe Stimme von Krakus und Toms kratziger Sprechgesang ergänzen sich perfekt. Soundtechnisch hätte es gut auf unsere Halloweenplaylist gepasst, wobei die Texte alles andere als (Halloween-)Partytauglich sind.

Übrigens: Das Geld, das die EP über Bandcamp einspielt geht die ersten vier Wochen komplett an @kop_berlin, welche Betroffene von rassistischer Polizeigewalt unterstützen. (!klick hier!)

Ich empfehle ALLEN von Herzen in diese EP reinzuhören, da es wiedermal sehr zum Nachdenken anregt. Und wie wir alle (hoffentlich) wissen, schadet etwas Denken bekannter Weise nicht. Also hier, have fun:

Fotos: Lilli Thöne

Tom Taschenmesser & Krakus – “normal dass du angst hast” EP (VÖ: 06.05.22 via die neue leichtigkeit)

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