Kategorie: untold music

  • Mit Oehl und „100% Hoffnung“ gegen den Kapitalismus

    Mit Oehl und „100% Hoffnung“ gegen den Kapitalismus

    „Wenn man sich mal mit der globalen Finanzwirtschaft und der Arbeitswelt auseinandersetzt, muss man eigentlich zum Marxisten werden.“ – Worte gesprochen von Ariel Oehl, ein Teil des Wiener Duos Oehl. Kennt ihr? Falls ja, mega. Falls nicht: Oehl sind der Wiener Liedermacher Ariel Oehl mit eben berühmten Worten und der isländische Multiinstrumentalist Hjörtur Hjörleifsson. Zusammen schaffen sie genau das, was man sich vorstellt, wenn ein poetischer Wiener und ein musikalisch kreativer Isländer aufeinandertreffen: geile Musik. Sie sind das Österreicher Musik-Phänomen, von dem ich schon öfter was gehört, aber mich bisher noch nicht genug mit auseinandergesetzt habe. Das soll sich jetzt ändern. Mit ihrer neuen EP „100% Hoffnunghaben sie mich und die Marxistin in mir vollkommen abgeholt. Warum, lest ihr jetzt.

     
    „Es ist nur die Arbeit“

    Es ist nur die Arbeit, sie wächst über Köpfe“ – mit diesen Worten eröffnen Oehl ihre EP „100% Hoffnung“. Bevor wir uns in die inhaltliche Tiefe stürzen (ist wirklich tief), kurz zum musikalischen Setting, für das ich genau eine Strophe brauchte, um mich überzeugen zu lassen. Here’s why:

    1. Eine funkige, catchige Bassline, check ✅
    2. Ja, Oehl haben eine von diesen geilen Stimmen, ebenfalls check ✅
    3. Bassline + tiefe, geile Stimme erzeugen musikalische Hypnose, kriegt man mich eh immer ✅
    4. Kleine funkige Gitarrenriffs, we love those ✅
    5. Jedes Lied wird besser durch fette Trompeten ✅
    6. Wahnsinns Lyrics, check mate ✅

    Da wir nun ganz schnell und strukturiert geklärt hätten, warum ich jedes Mal durch die Wohnung tanze, wenn der Song auf Shuffle kommt, nun zum Inhaltlichen. Was man zu Oehl nämlich wissen muss, ist, dass sie schon immer eine der Bands waren, die sprachlich vor allem durch poetische und lyrische Tiefe überzeugen – und das auf Deutsch! Ganz weit weg von Mark Forster und Co. wird hier noch ehrlicher, deutschsprachiger Pop gemacht. Ja, da könnt ihr mich gerne zitieren.

    Wie man vom Anfangszitat und dem Titel des Songs ausgehen kann, ist Arbeit eine knallhart reflektierte Kritik an, nun ja, der Arbeit halt.


    „Wir bauen uns ein Schloss aus Granit
    Wir machen keine Tür’n odеr Fenster rein
    Wir hauеn und wir beißen auf Granit
    Dann decken wir uns mit ihm zu“


    Arbeit als Granit, der uns beschützt und an dem wir uns die Zähne ausbeißen – gibt es eine treffendere Metapher? Wir arbeiten alle viel mehr als wir sollten für viel zu wenig Geld. Ist es nicht krass, dass man das wirklich so fast verallgemeinernd sagen kann und es stimmt? Der stetige Druck, zu liefern, Deadlines zu treffen, Resultate zu erzeugen, alles für den Job zu geben – dieser Druck kommt sogar mit nach Hause. Oder ist schon da, je nach Homeoffice. Vor allem in kreativen Jobs ist diese Grenze zwischen Arbeit und Privatleben eigentlich kaum vorhanden. Und von diesem kreativen Job, den ich gerade in meiner Freizeit mache, brauchen wir gar nicht erst anzufangen, der ist nämlich obendrauf auch noch unbezahlt. Ach, die Ironie. Dabei gibt es so viele Stellschrauben, an denen man drehen müsste und viel schlimmer – auch könnte, um da wenigstens einen Hauch mehr Balance reinzukriegen. Mehr Geld für kulturelle Arbeit wäre definitiv eine davon.

    Mehr Geld für so vieles! Für Care-Arbeit, überhaupt die Anerkennung, dass es etwas wie Care-Arbeit gibt. Sex-Arbeit, können wir auch gerne mal vernünftig anerkennen und soziale Sicherheiten für geben. Mehr Geld für alles, was man macht, nachdem man Soziale Arbeit studiert hat. Mehr Geld für Physios, mehr Geld für Arbeitslose (ha) und wirklich einfach weniger Geld für Männeregos im CEO-Vorstand. Ja, ich verlier mich gerade in einem kleinen Wut-Rant und ich weiß auch nicht, ob der Song hier schon die richtige Stelle ist, um all diese Wut abzuladen. Es ist ja immerhin „nur die Arbeit“. Aber wir funktionieren nur über sie, wir definieren uns über sie, wir brauchen sie, um zu überleben. Und wir beißen uns an ihr die Zähne aus. Und jetzt schüttelt die Granit-Decke aus, ich hab mich wieder beruhigt.

     
    Seid nicht Schneewittchen

    Beruhigt, weil der hier. Der nächste Song Amazon.de/signout ist ein ganz entspannter mellow Vibe á la FKJ. Es ist wie ein Schlafsack aus knapp 3-minütiger Entspannung und ich wiege mich vollkommen glücklich hinein. Während ich so vor mich hin wiege, fällt mir auf, dass Oehl eine dieser seltenen Stimmen haben, die mir wirklich alles erzählen könnten, ich wäre glücklich und tiefenentspannt. So einer Stimme vertraut man einfach! Auch wenn mir die Lyrics ehrlicherweise gar nicht immer so verständlich erscheinen (nuschelnde Wiener <3) – ich würde alles davon unterschreiben. Mit einem guten Gefühl.

    Nachdem ich das so blind ins Internet geschrieben habe, hab ich festgestellt, dass die Lyrics doch viel trauriger sind als vielleicht vermutet. Aber vielleicht auch nur auf den ersten Blick:


    „Denn als wir uns liebten
    Ich liebte mich selbst nicht einmal
    Und seit wir uns bekriegen
    Hab ich schon lange verloren“


    Ich muss zugeben, ich war schnell auf dem Heartbreak-Zug, aber dann kam irgendwie doch der mittlerweile schon 8 Jahre zurückliegende Deutsch-LK wieder in mir auf und ich musste einfach bisschen rumanalysieren. Heartbreak wäre auch viel zu einfach für das gesellschaftskritische Duo. Und ein einfacher Verweis auf den Titel des Songs (Amazon.de/signout) lässt auch folgende Strophe in einem anderen Licht erscheinen:


    „Deine leuchtenden Reize
    manchmal greif ich nach ihnen
    wie Schneewittchen nach dem vergifteten Apfel“


    Oehl, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, oehl, ariel oehl, check your head, 100% Hoffnung, Oehl DuoIch weiß, es klingt super weird, aber manchmal vermiss ich Gedichtsanalysen. Sprache ey, sie macht so viel mit mir. Wenn wir uns für dieses Jahrhundert auf einen ultimativen „Bösewicht“ festlegen müssten, würden wir zwar viel diskutieren, aber der Name Jeff Bezos würde definitiv fallen. Als Beweis steigt auch mein Blutdruck gleich ein bisschen an, wer sagt’s denn. Wir alle wissen, dass Amazon scheiße ist und doch scheinen wir nicht ganz drum herum zu kommen. Aber im Unterschied zu Schneewittchen wissen wir eigentlich, wonach wir da greifen, dass nicht alles, was leuchtet unbedingt gut ist und dass der Apfel folglich nicht so gut schmeckt wie er aussieht. Und doch kriegt man uns mit Rabatten auf Prime und allem anderen möglichen Scheiß, den man sonst wahrscheinlich nicht so günstig und einfach finden würde, wie auf Amazon. „Seit wir uns bekriegen, hab ich schon lange verloren“.

     
    „Das geht runter wie 100% Hoffnung.“

    Wahrscheinlich hab ich an dem Punkt hier schon über die Hälfte von euch verloren als ich gesagt hab, ich vermiss Gedichtsanalysen. Ist legitim, aber die meiner Meinung nach besten Songs auf der EP kommen erst noch. Keine Angst zum Beispiel, der auch streammäßig am weitesten vorne liegt. Auch ich hab ihn seit Release schon so oft gehört, dass er bestimmt irgendwo in meiner Spotify-Statistik Ende des Jahres auftauchen wird. Der mellow-Faden, den Amazon.de/sign.out vorgegeben hat, zieht sich weiter durch, aber jetzt durchaus poppiger mit kleines bisschen mehr Beat: „Das geht runter wie 100% Hoffnung, am besten Über Nacht und untertags. Oder auch im Spiegel, tanzend.“ – Worte wieder geklaut von Oehl , aber das ist ja auch ihre eigene Review, deshalb geht das bestimmt klar. Und auch hier: ich unterschreib’s. Ist ein kleiner Hit.

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    Ich erspar euch hier den Analysen Part, aber hört euch mal den Text an. Vollgespickt mit Metaphern, dass man das durchaus in so ne Abi-Klausur packen könnte anstatt die armen Schüler:innen immer wieder Faust lesen zu lassen, ohne darüber zu sprechen, warum das vielleicht auch problematisch sein könnte. Aber das ist ein anderes Thema. Stattdessen hier der Refrain, der am meisten mit mir gemacht hat:


    „Hab keine Angst, Mamá
    unser neues Haus hat viele Räume
    Es ist nur ein bisschen kleiner
    dafür schöner
    Wir bauen es aus Hoffnung und Träumen“


    Wenn das nicht der weak spot von uns allen ist, weiß ich auch nicht. Den eigenen Eltern die Angst nehmen und versuchen, ihnen wenigstens ein bisschen von dem zurückzugeben, was sie jahrelang für uns geopfert haben. „Wir bauen es aus Hoffnung und Träumen“ .. Oehl wollen mich hier echt noch zum Heulen bringen. Aber wenigstens kann ich dabei tanzen. Weil musikalisch ist Keine Angst astreiner Indie-Synth-Pop, den die beiden an den Start bringen und diese Kombi aus beiden – herzzerbrechenden Lyrics und tanzbaren Indie-Bässen – lässt mich in der Mitte der EP ein bisschen sehr schwach werden.

     
    Sowahr dir Geld helfe..

    Mindestens jetzt solltet ihr die Oehl EP schon parallel am Laufen haben. Der nächste Song Arbeit II greift das Thema des ersten Songs auf, das legt ja schon der Titel nahe. Auch musikalisch ist es ähnlich, setzt sich aber doch nochmal ein bisschen ab und geht inhaltlich auch sehr viel tiefer. Und toppt auch die Granitdecken-Metapher:


    „Mit zahmen Händen
    Umarmt sie dich erst zärtlich
    Dann legt sie dir die Fesseln an
    Ganz ohne Widerstände
    Mit Handschuhen aus Leder
    So fängt das Würgen an
    So fängt das Würgen immer an“


    Oehl ey, können wir davon bitte mehr davon im deutschsprachigen Indie-Pop haben? Dann hör ich nämlich auch gerne Deutsch-Musik, laut, ohne mich zu schämen. Ist ein bisschen hart ausgedrückt, aber das ist tatsächlich der Grund, warum ich sehr ungerne deutschsprachige Popmusik höre – sie ist mir einfach viel zu cringy, bei allem. Dabei kann man aus deutscher Sprache so viel rausholen. Das hab ich zumindest von Faust gelernt…

    Da wir wieder bei Sprache sind, hier ein  interessanter Einschub an der Stelle vielleicht, mit  Erlaubnis geklaut von unseren Freund:innen des Musiknewsletters Zwischen Zwei Und Vier (wer ihn nicht kennt -> click here):

    Wörter, die Oehl auf ihrem ersten Album benutzt haben:
    – Erlkönig
    – Schlummern
    – Beckenknochen
    – rostig
    – Ehrenmann
    – Handymastgestell
    Wörter, die Oehl auf ihrem zweiten Album benutzen sollten:
    – Karausche
    – helllicht
    – stanzen
    – Büchse
    – Gänsemarsch
    – murren

    Natürlich hab ich das quick gegengecheckt und leider ist keins der vorgeschlagenen Worte auf Oehls zweitem Album zu finden. Hab deshalb eine neue Liste angelegt:

    Wörter, die Oehl auf ihrem zweiten Album benutzt haben:
    – Festung
    – Schneewittchen
    – dehydriert
    – Nagelstudio
    – untertauchen
    – korrupt
    Wörter, die Oehl auf ihrem dritten Album benutzen sollten:
    – Gandalf
    – Spesen
    –  verheddern
    – auf Lunge
    – entlieben
    – Feenstaub
     
    Über Geld spricht man nicht

    Wir schließen ab mit dem ehrlichsten, traurigsten und schönsten Song auf der ganzen EP: 300.000. Ich bekomm immer noch Gänsehaut wenn ich es höre, es wird hier verhältnismäßig so wenig genuschelt, dass man den Text auch versteht, ohne ihn vorliegen zu haben. Und das ist auch wichtig, denn 300.000 erzählt wahre Geschichten von einem Bankskandal in Österreich, bei dem die regionale Commerzbank ca. 705 Millionen Euro veruntreut hat – und als Folge des Skandals rund 14.000 Privat- und Geschäftskunden eingefroren hat. Das sind reale Zahlen und reale Menschen und eine reale Geschichte, die Oehl im letzten Song der 100% Hoffnung EP aufgreifen. Und die Art, wie sie das machen.. ich würde Oehl wirklich gerne irgendeinen Preis in die Hand drücken, nur um auszudrücken, wie sehr mich das musikalisch auch berührt.

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    „Es ist nur Geld“ singt Oehl immer und immer wieder und wenn man dazu die individuellen Geschichten der Strophen lauscht, wirkt das nicht nur unglaublich tragisch sondern auch so absurd. Wie kann man denn 705 Millionen Euro veruntreuen? Ich komm erneut an diesen Punkt, der mich mehr taub zurücklässt als wütend. Ich weiß nicht mal, auf wen ich wütend sein soll, weil das so ein krankes System in itself ist, dass egal, wo man anfängt, die Schuld hinzuschieben, sie immer weiter geschoben wird. Aber die Leute, die an dessen Ende alles verloren haben, die kann man anhand von Namen ausmachen. „Es ist nur Geld“

    Ich glaube, die erste richtige Assoziation, die ich als Kind mit Geld hatte, war Dagobert Duck und sein Goldmünzen-Keller. Der hatte sogar einen Sprungturm. Wie absurd. Vor ein paar Tagen hat Casper zu seinem neuen Album bei KrasserStoff vier verschiedene Vinyl-Platten in Shop gestellt, in vier verschiedenen Farben und mit vier verschiedenen Release-Daten. Warum? Warum müssen wir alles nur produzieren, um es zu verkaufen, warum ist alles immer nur auf Profit ausgelegt, auf einen ständig hochangelegten Gewinn. Ich beantworte meine eigene Frage und präsentiere euch: Capitalism, die ewig steigende Blase, vor deren Platzen ich schon in der Schule Angst hatte. 10 Jahre später, geplatzt ist noch nichts. *looks nervously to the left and to the right*

    Was ich jetzt abschließend mit Dagobert Duck und Casper sagen wollte, weiß ich auch nicht so ganz. Ich glaub, ich bin einfach nur sehr müde. Von allem. So wie Oehl auch: „1/3 Traum für ein ganzes Leben – tut mir leid.“ Das ist die letzte Zeile der EP und was passenderes als „tut mir leid“ fällt mir auch nicht ein. Ich will jetzt aber auch gar nicht so negativ abschließen, deshalb, hört euch die EP an, checkt dieses Duo aus, wenn sie irgendwo live bei euch spielen, geht hin. Und jetzt hab ich doch noch was Positives zum Abschluss, denn drei Mal Worte von Oehl selbst klauen macht die Sache rund:

    „Wir brauchen echte Zeichen der Hoffnung, echten Optimismus. Sonst wird das nichts mehr mit uns.“

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    Fotocredit: Tim Cavadini
    Memecredit: El Hotzo

  • „Sunny Bay“ – Befreiung und Neuanfang für Odd Beholder

    Für internationalen Sound muss man manchmal einfach nur einen Blick in eines unserer alpinen Nachbarländer werfen. Daniela Weinmann alias Odd Beholder ist Schweizerin und liefert genau das: Kosmopolitische Klangwelten mit angenehm selbstreflektierten Texten. Ihr neues Album „Sunny Bay“ erschien erst letzte Woche beim Label Sinnbus und weiß zumindest mich schon voll und ganz von sich zu überzeugen.

    Es·ka·pis·mus, der

    Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich eine belebte Innenstadt. Eine Eisdiele und ein großes, mittlerweile insolventes Warenhaus. Eine Shopping Mall. Und überall Menschen. Wenn mir die Geranien vom Balkon gegenüber nicht mehr reichen, muss ich schon ein paar Schritte gehen, um die Natur zu sehen.
    Anders ist das bei Odd Beholder. Die Musikerin hat sich in eine alte Fabrik mitten in der Natur verschanzt, um ihr zweites Album „Sunny Bay“ zu produzieren. Ihre Verbundenheit mit der Natur und die Zurückgezogenheit sind darauf die beiden Hauptmotive — gekonnt vermischt mit modernen Beats und analog anmutenden Synthesizern.

    Die Flucht nach vorn in die Natur haben während der Lockdowns sicherlich einige Menschen gewagt, bot diese doch erholsame quality time nach erdrückenden Tagen in den eigenen grauen vier Wänden. Odd Beholder liegt daher also voll im Trend mit der Rückbesinnung auf die Natürlichkeit. Auf „Sunny Bay“ ist die Natur allerdings einiges mehr als nur Freizeitpark im Grünen, sie ist der Motor der Kreativität von Odd Beholder. Eine Muse.

    Als ich das Album das erste Mal hörte, war es kalt, dort wo ich lebe. Aber es war Sommer, laut Kalender zumindest. Jetzt ist es September und mir ist in meiner Jacke viel zu heiß. Und zu diesem kuriosen Wetter (man könnte auch sagen „besorgniserregend“), gesellt sich passend der erste Song des Albums „Disaster Movies“. Ganz lethargisch und schwermütig überrollen uns ein rhythmischer Synthbass und schnalzende Drums. Ich habe mich wirklich sehr in meine Kindheit zurück versetzt gefühlt, als wir uns „The Day After Tomorrow“ heimlich in der Schulbibliothek unter die Jacke geschoben hatten und uns nachmittags den Weltuntergang reinzogen. Mehr Gänsehaut ging nicht. Solche Filme sind selten geworden, oder? Kein Wunder, denn Nachrichten schauen ist im Moment schlimmer als alles, was sich Roland Emmerich so ausdenken kann.

    Ni·hi·lis·mus, der

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    Diese dystopische Stimmung greift Odd Beholder also schon ganz zu Anfang auf und lässt sie auch nicht mehr los. Auch wenn sie sich in ihren Texten offensichtlich an den schönen kleinen Dingen erfreuen kann, schwebt die Melancholie über allem. Wenn sie mit lines wie „throw me the lifeline, pull me out of the water“ startet, dann ist das ganz offensichtlich ein Hilferuf. Und nicht nur hier finden wir den Wunsch nach Befreiung bzw. Rettung, auch im zweiten Song „Accept Nature“ sehnt sich die Protagonistin nach einem Neuanfang: „I don’t want to be human no more“. Na, wer hat es nicht satt?

    Entscheidungen treffen, arbeiten, funktionieren. Im Text gesteht sie nicht nur ihre Resignation, sie fragt auch gleichzeitig, was aus uns Menschen eigentlich geworden ist. Affen, die sich aus ihren Plänen und Diagrammen einen eigenen Käfig gebaut haben? Und funktionieren wir nicht längst wie Maschinen, die sich allmählich das Schlafen abgewöhnen? Und wenn solche Fragen im Kopf noch nachhallen, kommt Odd Beholder zu einem fast schon zu simplen Ergebnis: Wir sind zu dumm und zu klug, zur gleichen Zeit.

    Al·ko·ho·lis·mus, der

    „Sunny Bay“ ist das Titelstück des Albums. „Sunny Bay“ steht auf der Rumflasche in der Küche. Daniela Weinmann erzählt uns, gediegen und atmosphärisch wie in einem Stilleben, von der goldenen kleinen Göttin, die sie in ihrer Küche auf dem Regal findet. Dieses göttliche Wesen stellt alles auf den Kopf, lässt die Welt gleichgültig erscheinen und — schmeckt hervorragend im Kaffee. Man müsste nur den Mumm haben, diese Göttin anzubeten. *hicks* Auch wenn ich nicht genau weiß, ob hier zwischen Rum und Göttin eine konkrete Verwandtschaft existiert, ist es faszinierend, wie Odd Beholder Metaphern erschafft und so zart ins Mikrofon haucht, dass mich die Fahne auch durch die Boxen noch fast betrunken macht.

    Ähnlich sphärisch macht sie das in „Birds“, das durch den Synthesizer mit „Sidechaineffekt“ die Frequenz meines Herzschlags zu kontrollieren scheint. Im Hintergrund immer wieder kleine bleeps und bloops und rhythmisch gegeneinander laufende Percussions. Im Vordergrund die gelassenen Filterfahrten der Synthies. Ein soft rave, den man am besten wahrscheinlich mit geschlossenen Augen auf dem Boden liegend mitfühlen kann. (Habs ausprobiert – confirmed).

    „And the people on the station
    Bend their heads as if in prayer
    Looking for angels in their phones“

    Hy·b·ris, die

    Hoch hinaus geht es nicht nur mit den Vögeln, sondern auch im Track „Transantlantic Flight“. Kennen wir alle, oder? Wir sind die Generation, die die Welt gesehen hat. Nach dem Abi nach Australien, Kolumbien oder Tibet. Im Rausch der Höhe und der Geschwindigkeit den Tomatensaft aus Plastikbechern schlürfen. Das Leben könnte ja kaum schöner sein. Odd Beholder übt hier nach meinem Verständnis Kritik an unserer hedonistischen Gesellschaft. Sie zeigt uns, dass die egoistischen Träume von früher nicht mehr die Träume von heute sein können, egal wie blau und wolkenlos der Himmel ist. Wer hoch steigt, kann auch tief fallen.

    Welche Rolle wir Menschen im Konstrukt der Natur spielen, beschäftigt Daniela Weinmann in nahezu jedem Song. Dabei immer sehr reflektiert und verantwortungsvoll, wirkt ihre Liebe zur Natur oft wie ein sanfter, willensstarker Aktivismus. Eine Aufforderung, Respekt zu zeigen. Diese sensible, aber bestimmte Herangehensweise steht ihr gut und ist absolut glaubwürdig. Den Dialog mit der Natur suchen, darum geht es zum Beispiel in „Silent Spring“. Und keine Sorge, euch fliegt kein Insekt ins Ohr, auch wenn ich das jedes Mal beim Hören denke. Das ist nur Odd Beholder beim Versuch mit der Natur in Kontakt zu treten.

    Und auch wenn das vielleicht nicht gelingen mag — „Nature doesn’t speak, nature doesn’t see me“ — der Dialog mit ihren Hörern funktioniert. Denn sowohl der Text ist Bildsprache pur, als auch die repetitive Melodie des Stücks, die sich bei mir einschleicht und bleibt. Der Gitarrenloop hat eine orientalische Note und erinnert mich an eine Oud, die Drums sind chillig wie in einem 90’s TripHop-Track und die Synthies streuen noch etwas Glitzer drüber. Vorhänge zu, zwei Tage im Bett bleiben. Mit diesem Song machbar.

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    Wenn du Detailarbeit schätzt, kommst du mit diesem Album auf jeden Fall auf deine Kosten. Die Vinyl-Liebhaber unter euch kennen es vielleicht: Die Platte ist zu Ende und die Nadel läuft in der Endlosrille. Und du sitzt halt gerade echt comfy womfy auf dem Sofa und kannst dich nicht bewegen. Du lauschst der Nadel. Und dann erkennst du allmählich einen Rhythmus. Ich liebe dieses Geräusch und der Anfang vom letzten Song „Cupid’s Foul Play“ klingt wie ein Sample dessen. Endlich hat es mal jemand gemacht! Mit diesem Song schenkt sie uns zum Schluss noch mal eine herzzerreißend schöne Sehnsuchtsbekundung. Sie teilt ihre Ängste mit, jemanden zu verlieren, bevor er oder sie überhaupt gefunden wurde. Begleitet wird sie in dem Stück nur von Klavier und flächigen Synthesizern; trotzdem sind diese Songs auf dem Album nicht weniger fulminant.

    Fa·zit, das

    Für Daniela Weinmann ist „Sunny Bay“ sehr wohl mehr als „nur“ das zweite Album. Sie emanzipiert sich und geht neue Wege. Und macht viele Dinge einfach selbst, die sie vorher vielleicht abgegeben hätte.

    „Immer wenn du als Frau etwas in die Hand nimmst, ist ein Typ zur Stelle, der dir ungefragt erklärt, wie es eigentlich funktioniert. Und über all die Jahre in der großen Summe macht das etwas mit der Selbstwahrnehmung. Offensichtlich kannst du es nicht, obwohl du es kannst.“


    Als Außenstehender kann ich dazu nur sagen: Das Ergebnis ist überzeugend. Es ist super produziert und bietet Sound auf internationalem Topniveau, für den man sonst vielleicht eher nach UK oder USA schielen muss. Analog und digital zu gleich, best of both worlds. „Sunny Bay“ ist nicht nur sturer Appell, sondern auch ein sehr sensitiver Blick in Odd Beholders Gefühlswelt. Innere Zerrissenheit und Versöhnung geben sich die Hand. Ihre Beobachtungen sind einfach sweet, aber erschrecken manchmal auch sehr, weil sie so wahr sind. Und so pflanzen sich die Gedanken beim Hören von selbst in den feuchten Nährboden unseres Hirns und gedeihen dort hoffentlich zu einer besseren Zukunft.

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  • Jorja Smith mit „Be Right Back“: Wenn Schmerz sich gut anfühlt

    Jorja Smith mit „Be Right Back“: Wenn Schmerz sich gut anfühlt

    4 Jahre Pause zwischen dem Debütalbum „Lost & Found“ (2018) und dem für 2022 angekündigten zweiten Album sind für alle Jorja Smith Fans keine Option. Aus diesem Grund hat die Neo-Soul Sängerin im Mai allen einen Gefallen getan, indem sie ihre EP „Be Right Back“ veröffentlichte. Auch wenn der Release bereits einige Monate zurückliegt, gibt es keinen Grund, nicht weiterhin von dieser authentischen und minimalistischen Soulplatte zu schwärmen.


    Melancholische Soulstimme zum Verlieben

    Über Jorja Smith zu schreiben, ist für mich eine pure Herzensangelegenheit. Kaum eine Stimme klingt für mich so verletzlich und schmerzvoll, und schenkt mir gleichzeitig so viel Kraft, wenn ich mich von dieser wohligen Melancholie einhüllen lasse. 

    Alles fängt mit der Debut Single „Blue Lights“ an, die zugleich ihren musikalischen Durchbruch bedeutet. Auf ihr teilt die in Walsall, England geborene Sängerin Ängste vor Polizeigewalt, insbesondere gegenüber Schwarzen und People of Colour, und lässt diese spürbar in ihrer Stimme aufleben. Was danach folgt, sind gute Marketingstrategien, wie beispielsweise Platzierungen auf dem Drake-Album „More Life“, und unglaublich schöne und berührende Musik. Ihr Debütalbum „Lost & Found“ ist meine persönliche Entdeckung des Jahres 2018 und bereits jetzt eines meiner all-time favourites. 

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    Mit dieser beinahe bedingungslosen Liebe bin ich in Jorja Smiths im Mai erschienenen EP „Be Right Back“ gegangen und wurde erst einmal enttäuscht. Denn die großen Popnummern bleiben auf der 25-minütigen EP aus. Die klangliche Fülle der Produktionen des ersten Albums bleibt unübertroffen. Dafür gewinnt der Gesang an Tiefe und Intimität. Die Produktionen beschränken sich überwiegend auf eine einfache Bandbesetzung und geben der Stimme Platz für ihre nachdenklichen Geschichten. Die Melodien bleiben weiterhin eingängig, doch werden sie unaufgeregter inszeniert. Ein bisschen weniger Hall, ein bisschen kleinere Chöre und ein bisschen weniger komplexe Harmonien schaffen Raum für mehr musikalische Seele. Was ich beim ersten Hören der EP als Schwäche empfand, zeichnet sich für mich jetzt als Stärke ab. Die vielleicht etwas zu ausgeklügelten und durch-inszenierten Popsongs des ersten Albums werden durch minimalistische und authentische Soullieder zum Verlieben abgelöst. 


    Female Empowerment und Gesellschaftskritik

    Die Lead-Single „Addicted“ führt in die nachdenkliche und leicht aufgewühlte Atmosphäre der EP ein. Die Single thematisiert ungleiche Machtverhältnisse in einer Liebesbeziehung, während ein markantes Gitarren-Riff den Gesang komplementiert. Weitere Highlights der Platte sind die Songs „Home“ und „Burn“. Während Smith auf ersterer klassische Rollenbilder und Familienstrukturen in Frage stellt und damit gesellschaftliche Denkmuster dekonstruiert, besingt sie auf „Burn“ die Schwierigkeiten, die eigenen Träume und die damit verbundene Arbeit mit einem gesunden Privatleben in Einklang zu bringen. Damit widmet sie sich dem in der Öffentlichkeit zunehmend an Bedeutung und Aufmerksamkeit gewinnenden Thema Mental Health, hier konkret in Form eines Burnouts. Jorja Smith beschreibt die Geschichte eines jungen Mädchens und warnt im Refrain davor, den eigenen Träumen alles bedingungslos unterzuordnen:


    You burn like you never burn out
    You try so hard, you can still fall down
    You keep it all in, but you don’t let it out
    You try so hard, don’t you know you’ve burnt out?


    Die behandelten Themen sind aufgrund ihres hohen Lebensweltbezugs unglaublich wirkungsvoll. Auch der letzte Song der EP namens „Weekend“ schlägt in dieselbe Kerbe. Auf ihm kritisiert Smith Konsum und die Anhäufung materieller Güter. Stattdessen fordert sie mehr Achtsamkeit innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen, sprich ein Rückbesinnen auf die vermeintlich wichtigen Dinge im Leben.

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    Musikalischer Minimalismus für das Herz

    Musikalisch lebt die EP vom Minimalismus. Zurückhaltende und organische Produktionen schenken der Platte Wärme und Intimität. Zugegeben, ich benötigte mehr als einen Durchlauf, um mich von der Musik überzeugen zu lassen. Doch jedes Mal, wenn ich „Be Right Back“ anhöre, wächst meine Liebe für jeden einzelnen Song. 

    Da die ergreifende Soulstimme von Jorja Smith eh niemand hinterfragt, können wir diese Diskussion direkt überspringen. Bezüglich der Instrumentals fiel allerdings die Kritik, sie könnten der Kraft der ausdrucksvollen Stimme nicht standhalten. Dabei konzentriert sich die Musik lediglich auf ihre Kernaufgabe, nämlich die Gesangsmelodien zu komplementieren und zu tragen. Diese musikalische Unaufgeregtheit trifft den Ton der EP und betont zugleich die Ernsthaftigkeit und Authentizität ihres Inhalts.

    Zum Teil benötigt es kein Harmonieinstrument, um von Jorja Smiths Stimme umgarnt zu werden. In „Burn“ sind vor dem letzten Refrain Bass, Schlagzeug und Gesang alles, was die Seele in diesem Moment zum Loslassen braucht. In „Home“ hingegen verleihen Stimme und Gitarre allein dem Lied eine besondere emotionale Tiefe. Interessanterweise fällt der vorletzte Song „Digging“ für mich am ehesten aus dieser sonst so homogenen EP heraus. Denn er täuscht ein wenig die Größe der Pop-Produktionen des Debüt-Albums „Lost & Found“ an, die „Be Right Back“ eigentlich gar nicht anstrebt. 

    Es wird dennoch offensichtlich, dass dieser Text ein Liebesbrief an „Be Right Back“ von Jorja Smith ist. Die britische Sängerin leistet einen weiteren wichtigen gesellschaftlich-politischen Beitrag, ohne auch nur einen Hauch an musikalischer Ästhetik einzubüßen.

    Die Hörempfehlung geht hiermit raus! Go listen and be right back für das kommende zweite Album …

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  • The Violent Youth sind mit „Вино“ (Vino) auf dem Weg zum nächsten Album

    The Violent Youth sind mit „Вино“ (Vino) auf dem Weg zum nächsten Album

    Bild: The Violent Youth, Arthur (links) und Egor (rechts)

    Was finden wir noch cooler als 80s Synth Pop / Wave? Ganz klar: Russischen New Wave mit Einfluss aus den 80ern (siehe: Depeche Mode). Und an alle, die auf diesen Zug noch nicht aufgesprungen sind… das wird aber mal sowas von höchste Zeit! Wer, wie Mia Morgan es so schön in Waveboy beschreibt, eine Leidenschaft für Synthie-Pop und Melancholie hat, kommt hier auf jeden Fall auf seine Kosten.

    Den ersten Tipp an dieser Stelle bring ich euch auch gleich mit, und zwar The Violent Youth. Vielleicht habt ihr Vino („Wine“) auch gestern schon in unserer new untold releases-Playlist gefunden und natürlich sofort für gut befunden; sollte das noch Neuland für euch sein: unbedingt dranbleiben.


    Die Wurzeln der Band liegen in Minsk, Belarus. Aber inzwischen trennen die beiden Bandmitglieder einige Tausend Kilometer. Sänger und kreativer Kopf der Band Arthur wohnt nämlich seit ein paar Jahren in Augsburg im schönen Schwabenländle, und Keyboarder Egor hat es nach Moskau verschlagen.

    Vor zwei Monaten die letzte Single Release mit Позже (Pozzhe/“Later“), so folgt nun die nächste auf dem Weg zum neuen Album, das am 29. Oktober erscheint. Wo Pozzhe stilistisch einen kleinen Sprung Richtung Pop zeigt – im Vergleich zum letzten Album там, Где Нас нет (Tam, gde nas net) – startet bereits das Intro zu Vino wieder mit fetten Synthies. Geil! Und das beste? Obwohl Vino im unverkennbaren The Violent Youth Sound Platz findet, spürt man doch die Weiterentwicklung, textlich und musikalisch.

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    Für alle, die sich gerade noch wundern, was denn bitte там, Где Нас нет heißen soll. I gotchu! Wörtlich könnte man es mit „Dort, wo wir nicht sind“ übersetzen, aber als russisches Sprichwort heißt es so viel wie „the grass is always greener on the other side“.


    Aber um was geht’s denn überhaupt in Vino?

    (Erwischt! Das Musikvideo hat deutsche Untertitel, dann habt ihr da wohl grade drüber gescrollt. Also… nochmal zurück, wir versuchen das gleich nochmal. Ich warte solange hier.)

    Der Höflichkeit halber, damit auch weiterhin alle nicht-russisch-sprechenden unter uns sich etwas weniger verloren fühlen, hier einmal der Refrain von Vino auf Deutsch: In der Nacht verlier ich mich in deinen Armen / Ich hab‘ kein Gefühl in meinen Beinen mehr, mein Blick ist trüb vom Wein / Ich stolpere auf dich zu und uns gehört die ganze Nacht / Ich will nicht hören, dass du gehen musst. … Autsch!

    Wie jedes Musikvideo von The Violent Youth ist auch das zu Vino ein DIY Projekt, das zusammen mit Freunden, Producer und Mitbewohnern auf die Beine gestellt wurde. In diesem Video geht es um einen Typ, der in einem Café arbeitet. Eines Tages ist ein Paar zu Gast, und er verliebt sich Hals über Kopf in das Mädchen. Mit aller Kraft und Anstrengung versucht er, sie zu erobern und ihre Liebe für sich zu gewinnen, bleibt am Ende jedoch erfolglos.

    Das Lied erzählt so anschaulich und schmerzhaft vom Lieben und nicht-zurück-geliebt-werden, dass man (auch wenn man wie ich nur eine handvoll Worte auf russisch versteht, und eins davon ein Schimpfwort ist) einfach mitfühlen muss. Ist schließlich ein Gefühl, das den wenigsten von uns verwehrt geblieben ist. Und obwohl die Grundstimmung in diesem Lied nicht gerade on top of the world ist, können die Füße fast nicht still bleiben. Tanzbare Sad-Bops… So könnte man das glaub ich ganz gut einordnen.

    Aber das beste hab ich ja noch gar nicht erwähnt. Es gibt ein Saxophonsolo! Schon als ich vor etlichen Jahren Heart Out von The 1975 live gehört hab kam ich zu dem Ergebnis, dass ein Saxophon-Part eigentlich für jedes Lied nochmal ein NEXT LEVEL Upgrade ist. So auch hier! Ein Banger, einfach. Und dass die Musikvideo-Szene mit dem Saxophon mitten in Augsburg auf einer Straße um 10 Uhr morgens an einem Sonntag gefilmt wurde, macht es eigentlich nur noch besser.

    Meine unprofessionelle professionelle Meinung an dieser Stelle? Man könnte zwar fast sagen, dass Vino mein Lieblingslied vom neuen Album ist, aber trotzdem kommt noch vieeeel gutes Zeug auf euch zu. Vertraut mir da einfach mal, ja?

    Gut, dann presaved doch gleich mal das neue Album Оставайтесь на линии („Hold the line“)… ihr müsst einfach hier klicken. (Ich schenke jedem Pre-Saver einen virtuellen Keks und meine Dankbarkeit. Ist das Motivation genug?)


    Gig Time? Gig Time!

    Solltet ihr kommenden Samstag (11.9.) noch nichts vorhaben, und zufällig aus der Ecke Nürnberg kommen, dann schaut doch mal bei der Kulturoase auf AEG vorbei! Da gibt’s nämlich all das und noch viel mehr von The Violent Youth live auf die Ohren! Packt die Tanzschuhe ein und los geht’s!


    Hier noch ein paar Tipps für euch zum Abschied:
    • Ein Herzschmerz-Lied: тебя (Tebya/You)
    • Ein Happy Song: Я Влюблён (Ya Vlublyon/I’m in love)
    • Ein Song zum nachts Autofahren: Солнце (Solntse/Sun)
    • Und Sarah’s absoluter Favorit: Хорошо Одному (Horosho Odnomu/I like being alone)

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    The Violent Youth Booking EU: philipp@lobster-management.de

  • John Moods lädt auf “So Sweet So Nice” mit verträumten Synths auf eine Reise in die 80er Jahre ein

    John Moods lädt auf “So Sweet So Nice” mit verträumten Synths auf eine Reise in die 80er Jahre ein

    Eine große Portion Nostalgie, veträumter Sound und Texte, die zum Nachdenken anregen. Das klingt für mich eigentlich nach der perfekten Kombination für ein erfolgsversprechendes Album und da bin ich anscheinend nicht alleine. Denn genau diese Kombination ist auf dem zweiten Album von John Moods, „So Sweet So Nice“, wiederzufinden.

    Hinter dem Soloprojekt John Moods steckt Jonathan Jarzyna, der zuvor viele Jahre in der Band Fenster aktiv war. 2018 veröffentlichte er sein erstes Album unter dem Namen „The Essential John Moods“, auf dem er eine klare Richtung vorgibt: verträumte Pop-Hymnen, die den perfekten Soundtrack für einen Backpacking Urlaub vorgeben. Diese Richtung wird auf dem zweiten Album „So Sweet So Nice“ weiterverfolgt und noch etwas mehr verschärft. Während die ersten Songs von John Moods leicht und unbeschwert sind, dreht es sich auf dem neuen Album sehr viel um das Grübeln über die Sterblichkeit – verpackt in einen groovigen Sound. Hinter dieser Konzeption stecken zwei Jahre voller Ups und Downs, geprägt durch Phasen kreativer Inspiration als auch Frustration.

    Vertonte Poesie

    Für mich klingt das Album nämlich insgesamt wie ein Gedicht, das sich im Ganzen schön liest, aber jede einzelne Zeile ihre Aufmerksamkeit verdient und Überraschendes offenbaren kann, wenn man sich einmal genauer mit ihr beschäftigt. Deshalb gibt so mancher Widerspruch, der auf den ersten Blick (oder wohl eher dem ersten Hören) verwirrt, im Endeffekt doch Sinn, wie zum Beispiel die titelgebende Zeile:

    So sweet, so nice; everything is waiting to die. So sweet so high; nothing ever felt so alive

    Das Album besteht aus zwei EPs. Die erste EP „So Sweet“, welches die ersten sechs Songs des Albums bildet, erschien bereits am 16. April und wurde dann am 6. August durch „So Nice“ ergänzt.

    Diese Zweiteilung spiegelt laut Jonathan die Ideen wider, die ihn bei der Erarbeitung dieser Songs beschäftigten: „Die notwendigen Wechselbeziehungen von Gegensätzen und das Fortbestehen ursprünglicher Dualitäten – Licht und Dunkelheit, Gut und Böse, Hoffnung und Verlust, Leben und Tod. Und es geht darum zu lernen, sich in den undurchsichtigen Räumen dazwischen wohlzufühlen. Jede Hälfte kontrastiert die andere.“

    Ich muss ganz ehrlich sagen, dass es mir auch nach mehrmaligem Hören noch etwas schwerfällt, diese deutliche Zweiteilung zu hören. Dazu muss ich aber auch zugeben, dass ich das Album nur als Ganzes gehört habe und nicht die einzelnen EPs. Dementsprechend hört es sich für mich nach einem sehr runden Gesamtwerk an, indem die Songs aufeinander aufbauen. Lasst euch also nicht von den typischen Voreinstellungen Spotifys vernatzen und das Album auf Shuffle hören (eventuell ist mir dieser Anfängerfehler beim zweiten Hören passiert, aber behaltet das bitte für euch). 

    „Why do we strive to be fooled?“

    Ok, genug drum herum beschrieben, schauen wir uns doch die Songs einmal genauer an. Mit „New Skin“ gibt John Moods einen sehr smoothen Start in die Gefühlswelt des Albums. Ab dem ersten Ton fühle ich mich direkt in eine Art Traumwelt versetzt. Außerdem frage ich mich: Ist die Musik von dieser Erde? Klingt blöd, aber irgendwie muss ich direkt an den „Zurück in die Zukunft“-Soundtrack denken und fange schon wieder an mit den Gedanken abzudriften.

    Back to the 80s

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    Der namensgebende Song „So Sweet So Nice“ geht nach einem härteren Übergang vom ersten Song schnell in eine glitzernde Synthwave über, die auch die nächsten Songs bestimmt. Im zugehörigen Musikvideo wird Jonathan’s Auseinandersetzung mit Leben und Tod sinnbildlich dargestellt. Man sieht ihn den verschiedenen Phasen des Lebens und ist dabei, wie er schlussendlich seine eigenen Beerdigung besucht.


    Without You“ klingt für mich irgendwie nach einem warmen Sommertag, der durch ein ordentliche Portion Regen abgekühlt wird – wahlweise tanzen wir dazu ganz sorgenfrei im Regen herum. Wahrscheinlich ist das jetzt wieder eine dieser Wunschvorstellungen, die Disney-Filme à la High School Musical in meinen Kopf gepflanzt haben, aber dieses Bild bekomme ich immer wieder bei dem Song.

    Dirty Dancing Feelings

    Etwas experimenteller wird es dann mit „Ordinary Magic“. Hier verlassen mich leider kurz meine fachlichen Kenntnisse über Instrumente, aber ich meine in diesem Song einen Mix aus Saxofon und Marimba, gemischt mit spacigen Sounds und Synths zu hören. Bitte berichtigt mich, falls ich mich irre. Aber ich feiere es auf jeden Fall sehr. Der Song hat dadurch seinen ganz eigenen Charakter, der wieder sehr unbeschwert und leicht daherkommt. Ich bekomme wieder ein sehr gutes Gefühl und habe generell seit Beginn des Albums so ziemlich alle Probleme der Außenwelt um mich herum vergessen.

    Genau da setzen auch die nächsten Songs wieder an. „All you gotta do is wait“ bildet den Cut, also den Abschluss der ersten EP, was ich mir nur durch den kurzen Übergang im Song selbst erklären kann, in dem John Moods in der Hälfte ein paar eindringliche Lines raushaut, die sich von der Musik abheben und von einer etwas rockiger daherkommenden Gitarre ummauert werden.

    Der Traum geht weiter

    Part zwei des Albums greift nochmal stärker die Auseinandersetzung mit den Dualitäten des Lebens auf. Vor allem „Meet Me In My Dreams“ bleibt im Kopf. Haben wir nicht alle schonmal das Konzept von Träumen in Frage gestellt? Also ich auf jeden Fall und nach diesem Song beginne ich damit auch immer wieder aufs Neue.

    „Trying to be stable but I’m changing day to day“

    So simple Gedanken, die oft nicht ausgesprochen werden, aber doch so wahr sind – danke, Jonathan, dass du sie für uns alle einmal in musikalischer Form festgehalten hast. Auch auf den letzten Songs des Albums komme ich aus dem nachdenklichen Träumen nicht mehr heraus und wundere mich eigentlich nur, warum die Musik auf einmal aufhört. „Sensitive One“ bildet da für mich den perfekten Abschluss – genauso sanft und mitfühlend wie ich es schon am Anfang bei „New Skin“ gelobt habe.

    Mein Fazit zu „So Sweet So Nice“ von John Moods: Ein Album, das eindeutig aus der Masse heraussticht. Die Sounds klingen wie frisch aus den 80er-Jahren und laden zum Träumen über die eigene Existenz und die Banalitäten des Lebens ein. Texte und Musik fließen so gekonnt ineinander über, dass es mir wirklich schwer fällt hier irgendetwas negatives zu schreiben – also lasse ich es. Tut euch selbst den Gefallen und hört das Album an!

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    Fotocredit: JJ Weihl & Andie Riekstina

  • INHALER mit ihrem langersehnten Debut „It Won’t Always Be Like This“

    INHALER mit ihrem langersehnten Debut „It Won’t Always Be Like This“

    Passender könnte der Titel für das Debütalbum von INHALER nicht sein, das in Zeiten wie diesen veröffentlicht wurde. Kurz vorweg: Thematisch geht es hier nicht offensichtlich um Corona, sondern eher um die Nebenwirkungen und den faden Beigeschmack, den der Lockdown mit sich brachte. Die Entstehung des Albums ist erheblich von der Pandemie geprägt. Bereits im März 2020 wollte die vierköpfige Band mit den Aufnahmen für ihr Debüt beginnen, allerdings wurden ihre Pläne durchkreuzt. Für INHALER war es ein Zeichen, sich noch weiter mit ihrem Sound auseinanderzusetzen und an neuen Ideen zu arbeiten. Nun ist ihr Debütalbum letzten Monat endlich erschienen.

    INHALER startete in Dublin als Schülerband mit Sänger und Gitarrist Elijah Hewson, dem Bassist Robert Keating, Gitarrist Josh Jenkinson und Schlagzeuger Ryan McMahon. Zu ihren Vorbildern zählen Bands wie Joy Division, The Strokes oder Kings Of Leon. Seit 2017 veröffentlichte die Band immer wieder neue Songs. Es folgte ein Hit nach dem nächsten, wodurch sich die Fangemeinde der Band stetig vergrößerte. Darunter fallen Songs wie „My Honest Face“ oder Ice Cream Sundae, die definitiv Lust auf mehr machen. INHALER kannte man also längst nicht mehr nur in Irland, sodass ihr Debüt sogar auf Platz 1 der UK Album Charts landete. 


    INHALER kreieren einen hoffnungsvollen Soundtrack

    Aber zurück zum Album – Ein Mix aus alten und neuen Songs. Thematisch geht es viel darum, sich selbst zu finden, und herauszufinden wer sie eigentlich als Band sein wollen. Das Album handelt vom Tagträumen, dem Wunsch woanders zu sein sowie von mentaler Gesundheit und zwischenmenschlichen Beziehungen. Das Songwriting ist geprägt vom Lockdown und hat die Band reifen lassen. Es geht um den Sprung vom Teenager-Leben hin zum Erwachsen werden und fokussiert sich grundsätzlich auf ernstere Themen. Dabei sollen sich die Songs positiv anfühlen und Spaß machen, weil es eben nicht für immer so sein wird wie jetzt. In meinen Augen haben INHALER das ganz klar geschafft. 


    “There’s a sense of optimism on this album and the song
    „It Won’t Always Be Like This“ is the main catalyst for that”

    – Elijah Hewson –


    Der Titelsong ist eine neu aufgenommene Version der Single, die ursprünglich 2019 veröffentlicht wurde. Zudem ist es der Erste, den die Band gemeinsam aufnahm. Von den Fans wird er immer wieder auf unterschiedliche Art und Weise interpretiert. Und genau das ist Sinn und Zweck von Songs, dass sie eben nicht von jeder Person gleich interpretiert werden, so Ryan McMahon. Nun empfindet nicht jeder Mensch das Gleiche, wenn er einen Song hört. Meist ist das gefühls- und situationsabhängig. Ich glaube, wir kennen das alle! Nun hat der Song mit Beginn der Pandemie eine ganz andere Bedeutung für mich eingenommen. Positive Stimmung und Hoffnung spielen da eine große Rolle.

    „It Won’t Always Be Like This“ ist der erste catchige Song der Band, der bereits mit dem Intro verdammt viel Spaß macht. Schlagzeug und E-Gitarren definieren den Sound der Band und stehen auch hier maßgeblich im Vordergrund. Wie ich finde ein passender Song und somit auch Titel für das Debüt von INHALER.


    MY HONEST FACE

    Ähnlich wie „It Won’t Always Be Like This“ hat auch der zweite Song “My Honest Face” Hitpotenzial – ein richtiger Banger halt. Da ist es quasi unmöglich still zu sitzen, wenn die Drums mit Beginn des Songs einsetzen. Der Text behandelt dabei viele Problematiken in unser heutigen Gesellschaft und schafft damit einen gewissen Gegensatz zum eher fröhlichen und unbeschwerten Sound. Die Lyrics spiegeln toxisches Verhalten und eine „Fakeness“ wieder, die in unser Gesellschaft fast schon zur Norm geworden ist. Der Weg zur Selbstfindung könnte hier ebenso thematisch mitschwingen, da der Protagonist vergeblich versucht sein „honest face“ zu finden. Ein Song, der den Sound der Band ziemlich gut widerspiegelt. 

    “Cheer Up Baby” war die letzte Single, die vor dem Album-Release erschienen ist und dient als „love letter“ an die Fans. Im Song geht es aber eigentlich um eine Konversation zwischen zwei Menschen, die auf Mental Health-Issues hinweisen soll, was vor allem auf den Vers  »When I think of all the things I didn’t do, I can’t help but blame it on you« zurückzuführen ist. Musikalisch hingegen ist “Cheer Up Baby” ein weiterer Song, bei dem man zumindest mitsingen, wenn nicht sogar tanzen möchte. Ein Song, der Bock macht und am liebsten live erlebt werden möchte. 

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    „A NIGHT ON THE FLOOR“ und „MY KING WILL BE KIND“ 

    Nach einem im Vergleich eher ruhigeren Intro mit vielen psychedelischen Elementen, ist “A Night On The Floor” zwar kein direkter Tanzsong, catched einen nichtsdestotrotz durch seine Energie und Atmosphäre. Nach dem ersten Hören war ich sofort hin und weg von der Melodie des Songs. My King Will Be Kind ist ein sanfter Song, der mich trotz seiner Energie irgendwie runterbringt. Eine Akustikgitarre kommt hier zur Abwechslung ins Spiel. Toxisches Verhalten und die Gefahr der negativen Beeinflussung durch das Internet sind Thema im Song. Ganz klar einer meiner Favoriten auf dem Album.

    “We started writing this when we were teenagers and now we’re adults.”

    „When It Breaks” – ein weiterer (bekannter) Banger, der im Lockdown entstanden ist. Was bringt die Zukunft – eine von vielen Fragen, die sich die Band im Song stellt. Möchte man in die Welt zurück, in der wir vor der Pandemie gelebt haben oder nutzt man diese Gelegenheit, um wirklich etwas zu verändern? Der Song drückt die Sehnsucht nach einem Leben aus, wie wir es kannten, mit Festivals, Parties und Freunden. Wie alle anderen Songs auf dem Album klingt er hoffnungsvoll und energieladen, kommuniziert aber das Angstgefühl, das uns alle in der Pandemie begleitet hat. 


    » Life, what a strange time to be alive «


    Totally” ist ebenso einer meiner Favoriten. Für die vier Jungs fühlt es sich nach dem perfekten Schlusssong für ein Konzert an. Er vermittelt eine melancholische Stimmung, nimmt dabei trotzdem die Stellung eines catchigen Popsongs ein, der das Publikum am Ende des Gigs nochmal abholt. 

    Mit dem vorletzten Song “Strange Time To Be Alive” präsentiert INHALER ein wunderschönes Interlude, das als kleine Nachricht am Ende des Albums dienen soll. Während der Gesang nur gedämpft im Hintergrund zu hören ist, entsteht durch das Klavier und die Gitarre eine sehr sanfte Atmosphäre – pures Gänsehautfeeling. Damit ist der Song der einzig Ruhige auf dem Album und fällt damit aus dem Schema der sonst so rockigen Songs. Wie ich finde ein sehr schönes Zwischenspiel, das auf dem Album nicht fehlen dürfte.


    Fazit

    INHALER haben mich mit ihrem Debütalbum absolut überzeugt. Die neuen Songs knüpfen am bekannten Sound an und sorgen für gute Laune. Der Wunsch, über ernstere Themen zu singen und trotzdem das Gefühl von Hoffnung und Optimismus zu vermitteln, hat in meinen Augen ziemlich gut funktioniert. Ein Album ohne wirkliche Überraschungen, die am Ende auch nicht fehlen. „It Won’t Always Be Like This“ macht dem Indie-Rock sowie seinem Titel alle Ehre.  

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    Fotocredit: Lewis Evans

  • Schamlose Scham: IDER winken in „shame“ der Perfektion zum Abschied

    Schamlose Scham: IDER winken in „shame“ der Perfektion zum Abschied

    IDER sind Lily Somerville und Megan Markwick aus London. Vielen sind sie durch ihr Debut-Album Emotional Education bekannt, mit welchem sie sich sofort einen Platz in der Liga der aufregendsten und vielversprechendsten Newcomer:innen gesichert haben. Seit letztem Freitag ist nun das zweite Baby der Musikerinnen draußen. Mit shame starten die zwei ein neues Kapitel, geprägt von Unabhängigkeit und Selbstakzeptanz. Released auf eigene Faust, geht es in shame dem Namen nach nicht über Scham und Unsicherheit. Im Gegenteil, Somerville und Markwick werden sich in den prägnanten 8 Songs ihren Fehlern, Ängsten und ungesunden Verhaltensmustern bewusst und lernen sie zu akzeptieren, um zu stärkeren Frauen heranzuwachsen. Sie geben uns ein bisschen Realität zurück und ein Verständnis dafür, dass wir alle gar nicht so unterschiedlich sind und die meisten von uns wahrscheinlich genau dieselben Sachen vorm Schlafengehen bis zum geht nicht mehr zerdenken.

    Eine spirituelle Reise

    Mit Cross Yourself wird uns die Tür zu IDER 2.0 geöffnet. Was wir hier finden hat einen orientalischen, geheimnisvollen Vibe, aber auch einen Funken Sexyness. Ja, obwohl es mehr oder weniger um Religion geht. Viele der Songs wurden in Berlin geschrieben, wo IDER eigentlich geplant haben, sich ein paar Monate niederzulassen. Bis das große Unglück passiert ist, ihr wisst schon Pandemi Lovato und so. Und das spürt man auch in dem Song, diese düstere Berliner-Clubluft. Cross Yourself ist keine Kritik am religiösen Glauben per se. Es geht mehr um die Suche nach einem Sinn im eigenen Leben, sei es über Kunst, Menschen oder ja, auch Religion. Aber definitiv nicht über Social Media:

    Can’t find it on Instagram, I’m still f***ing miserable


    Ich liebe es, wie die beiden mit religiösen Elementen im Song selbst spielen. Der Chorus wirkt stellenweise schon fast wie ein Chor, wird dann aber durchbrochen durch ein schrilles „All rise“. Wogegen sich „Cross yourself“ wie ein hypnotisierendes Mantra, ja gar ein Glaubensbekenntnis versteht.

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    Can’t be bothered

    Ach, bei diesem Song kriege ich einfach Urlaubsfeelings *books flight instantly*. Trotzdessen, dass das Thema nicht gerade von Leichtigkeit geprägt ist. IDER leiten uns durch warmes, metallisches Klimpern in Cbb to be sad ein. Man denkt „ja, das klingt nach einem leichten sommerlichen Song“ und dann kommt der erste Lyric: „Well, I hate myself“. Die beiden singen über Selbsthass und das Entwachsen aus einer Beziehung, die einem nicht mehr das gibt, was man anfangs meinte von ihr zu bekommen. Und somit entfremdet man sich mittlerweile sogar von sich selbst. Hands down einer meiner Lieblings-Songs. Der Vibe ist einfach on point und irgendwie auch voll nachempfindbar.


    Die Flucht aus toxischen Erwartungen

    Knocked Up ist meiner Meinung nach musikalisch nicht allzu spannend, lyrisch aber umso mehr. Als ich den Song das erste Mal gehört hab, war mein Gedanke einfach nur: „DAAAAAAAMN“. Ohne jeglichen Filter sprechen Lily und Megan mir und mit Sicherheit auch vielen anderen Frauen direkt aus der Seele. Erwartungen, die Frauen über ihre Weiblichkeit, ihre Körper und ihre Entscheidungen von Leuten aufgequatscht bekommen, die sowas von kein Mitspracherecht haben sollten.

    Well you didn’t mean it but you were brought up

    In a world that reminds me that I’m a girl

    And I can’t come first so I gotta play catch up


    Aber der Song bleibt keinesfalls pessimistisch. Zum Ende hin, kommt ein Anflug von Freiheit auf, wenn man sich von diesen Erwartungen frei macht, sich von seinem alten unterdrückten Selbst verabschiedet und aus einem einsamen Schamgefühl ein gemeinschaftliches Gefühl von Zusammenhalt und Selbstliebe schafft.


    Zynische Langeweile

    BORED gehört neben cbb to be sad und Embarrassed ebenfalls zu meinen Favourites, er wirkt einfach so mühelos cool. Kurzgefasst zählen die zwei alles auf, was sie so langweilt. Darunter reihen sich ein paar mondäne Sachen, aber auch Kritik an sich selbst, anderen und unserer Generation generell. Und weil sich bei IDER so viel Zynismus und Groll aufgestaut hat, gibt es da eine ganze Liste abzuarbeiten. Die Strophen wirken schon fast wie Rap-Verses. Der Song hat für mich eine ganz besondere Energie: eine empowernde „Scheiß auf alles“-Attitude. Ich tanze dazu in Gedanken alleine mit einem Glas Wein in der Hand in einer Altbauwohnung in Berlin. Genau das habe ich auch gemacht, nur nicht in Berlin und auch ohne Wein. Es wird definitiv Zeit, mal wieder die Bar aufzustocken…

    I’m bored of the impatient perfectionism

    I’m bored of the only wanting the things that I’m missing

    I’m bored of the scrolling, I’m bored of the choosing

    Bored of the soul we’re losing

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    Zwischen stürmischer Hingabe und Verlegenheit

    Anstatt jeden einzelnen Song zu sezieren, lass ich hier mal obsessed, waiting 17 03 und das Schlusslicht Midland’s Guilt, was mir richtige The Japanese House Vibes gibt übrigens, außen vor. Soll ja auch noch spannend für euch bleiben durchzuhören und auch weil sie mich nicht so sehr begeistern wie der Rest der Platte. Deswegen hier meine Gedanken zu einem weiteren persönlichen Liebling: embarrassed.

    Ich verliere mich schon von Anfang an in diesem Feeling, dass das Intro auslöst. Ich befinde mich wieder in der Berliner-Clubszene. Etwas angeheitert verfalle ich in leicht selbstzerstörerische Gedanken, die sich aber in dem Moment gleichzeitig irgendwie befreiend anfühlen. Wisst ihr, wenn ihr mal wieder so richtig das Bedürfnis verspürt zu heulen und das dann auch so krass guttut? Das gibt mir dieser Song.


    Der Titel sagt es schon: In embarrassed geht es genau um diese Angst: Sich zu blamieren, sich zu schämen, wenn man sich gerade neu auf eine andere Person einlässt. All diese neuen Regeln und Fragen: Wie verhält man sich? Habe ich jetzt was Dummes gesagt? Rede ich zu viel? Bin ich noch interessant für meinen Gegenüber? So viele Hirnzellen und Nerven, die man darauf verschwendet. Dating, am I right? Indem IDER genau das ansprechen, wird diese Scham schambefreit. Weil man sie mit anderen teilen kann und merkt, es gibt gar keinen Grund, sich zu schämen. Das sind alles ganz normale Gedanken einer/s Jeden.

    Dieser unverfrorene Umgang mit eigenen Sorgen, Ängsten und Problemen macht shame zu einem sehr starken zweiten IDER Album. Die beiden Londonerinnen haben gelernt, ihre Unsicherheiten zu akzeptieren, sie haben zu sich selbst gefunden und sind stärker geworden. Diese Stärke wird deutlich in dem Nachfolger zu Emotional Education, musikalisch wie lyrisch. Hört definitiv in die neue LP von IDER rein, ihr werdet eure Zeit auf jeden Fall nicht verschwenden.

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    Fotocredits: Georgia Strawson & Dani Monteiro

  • Twenty One Pilots führen die Story rund um DEMA im neuen Musikvideo zu „Saturday“ fort

    Twenty One Pilots führen die Story rund um DEMA im neuen Musikvideo zu „Saturday“ fort

    Mit zugebenermaßen ein bisschen Verzug gehen wir jetzt endlich in den nächsten Twenty One Pilots Deep Dive. Wer sich fragt, was ein Twenty One Pilots Deep Dive ist, und warum man den fortführen muss, den*die darf ich hierhin weiterleiten. In der Review zum ihrem neusten Album Scaled And Icy hab ich nicht nur geschrieben, warum ich mich musikalisch in dieser Band verliere, sondern inwiefern sie selbst ein Universum rund um ihre Musik aufbauen. Wenn euch Clancy, DEMA, Trench und die neun Bischöfe nichts sagen, dann lest da einfach nochmal rein. Und wenn euch das alles was sagt, und ich euch eventuell sogar durch diese Review bis hier hingezogen hab, dann geht die Story jetzt endlich weiter! Und wenn euch das alles egal ist, ist Saturday trotzdem einfach 1 super Lied, 1 super Video von 1ner super Band.

     
    Der obligatorische Schnelleinstieg in die Welt hinter Twenty One Pilots

    Das mit der „1“ in der Einleitung tut mir leid, manchmal beweg ich mich zu lange im Internet. Aber ist alles wahr! Twenty One Pilots sind sowohl inhaltlich so vielschichtig und interessant wie sie musikalisch zugänglich und genial sind. Da kann sich immer jede*r das rauspicken, was sie*er mag. Saturday ist als letzte Singleauskopplung tatsächlich der Song auf dem Album gewesen, zu dem ich vielleicht unter Umständen immer am lautesten mitgesungen hab. Es hat einfach einen so unglaublichen feel-good Vibe, dass das gar nicht anders geht. In diesem Fall ist es aber nicht nur die Musik, die mich so umgehauen hat, dass ich drüber schreiben muss, sondern viel mehr das Musikvideo selbst.

    Ganz kurzer Schnelldurchlauf der Ereignisse bis jetzt, damit wir uns alle auf einer Seite befinden: In der fiktiven Welt, die Twenty One Pilots mit dem Album Blurryface ins Leben gerufen haben, ist Clancy in DEMA gefangen, einer (mentalen) Gefängnisstadt, die von neun Bischöfen kontrolliert wird. Im Nachfolgeralbum Trench bricht er aus und befindet sich auf der Flucht. Das war der letzte Stand bevor mit dem Albumrelease von Scaled And Icy in diesem Mai klar wurde, dass die Flucht nicht geklappt hat und wir uns wieder zurück in DEMA befinden. Die Bischöfe kontrollieren Tyler und Josh (aka Twenty One Pilots) und haben sie jetzt sogar entführt – auf einem Schiff, mitten auf dem Meer. Here is Saturday:

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    Frontsänger mit pinken Haaren >>>

    Ich merke selbst, wie diese Kurzfassung sowohl verwirren als auch abschrecken kann, aber das ist hier ehrlicherweise auch absoluter Fangirl-Content. Und auch obwohl das Video schon einen Monat alt ist (rast die Zeit auch bei euch so vorbei or is it just me?), hat es sich mit knapp 10 Millionen Klicks schon völlig etabliert. Denn wenn Twenty One Pilots was können, dann Musikvideos.

    Die Reise zurück nach DEMA geht also weiter auf einem Schiff. Mit diesem unverkennbaren Dröhnen, was Schiffe so von sich geben bevor sie in See stechen, geht das Video los. Man sieht die Bischöfe Taue einrollen und was man sonst so im Schiffs-Jargon macht, und dann Tyler –. Kurzer Einschub hier: Ich liebe ja vieles an der neuen Ära, aber nichts so sehr wie Tylers pinkes Haar. Und Joshs kleine Locken machen mich irgendwie auch ein bisschen schwach:

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    Okay, gut, die guten Looks aside, geht das Saturday Musikvideo also auf dem Schiff los. Mit den Bischöfen und Twenty One Pilots on board, fährt es ins Meer. Die erste Minute spielt sich eigentlich nur dort ab. Tyler und Josh performen den Song auf Deck (Josh spielt bekannterweise überall und immer Drums), und man darf die schöne Szenerie genießen. Mein Highlight hier: wie subtle Tyler die Lyrics in seinen Bewegungen einfließen lässt. („have you lost your footing, too?“ + Schuhsohle Richtung Kamera). Solche Mini-Sachen kriegen mich immer.

    Während ich mich fast komplett von der Live-Performance der beiden ablenken lasse, kommen andere Passagiere aufs Schiff. Wie Marionetten laufen sie über‘s Deck und steigen die Treppe hinab. Ein bisschen gebrochen sehen sie aus, wie Gefangene, die sich ihrem Schicksal ergeben. Doch kaum gehen sie die Treppe hinab, werden die dunklen Jacken abgeworfen und die „Party“ beginnt.

     
    Ne Party und ein bisschen Panik

    DEMA funktioniert über Propaganda. Es ist ein Gefängnis, was sich für die Gefangenen nicht wie ein Gefängnis anfühlen soll. Viel eher sollen sie so in diese Welt aus Manipulation gelenkt werden, dass ihnen nicht mehr auffällt, was für ein dunkler Ort das eigentlich ist. Auch hier lässt sich wieder die Parallele zwischen DEMA und mentalen Krankheiten ziehen: wenn man so tief in seinem eigenen dunkelsten mentalen Gedanken verschwindet, merkt man selbst gar nicht mehr, wie tief man eigentich drin ist und es ist äußerst schwer, da wieder rauszukommen. Viel eher verstrickt man sich in eigenen Ausreden, dass doch alles gut sei und man funktioniere, was aber natürlich nicht stimmt. DEMA ist so ähnlich aufgebaut. Natürlich viel fiktiver und komplexer, aber genauso tückisch und gefährlich. Es lässt mich immer wieder fasziniert zurück, wie diese Welt eine eigene Dynamik entwickelt.

    Passend zum Refrain geht auch die Geschichte in dem Saturday Musikvideo weiter – und zwar unter Deck. Musikalisch ist Saturday ja wirklich ein reiner Party-Song, mit Trompete, funkiger Gitarre und allem, was dazu gehört. DEMA nutzen genau das aus und bespaßen damit die Neuankömmlinge auf dem Schiff. Zu Live-Musik tanzen, vor allem wenn sie von Twenty One Pilots kommt, macht glücklich. Deshalb merkt auch niemand, wie panisch die Bischöfe im Technikraum versuchen, das Problem eines schnell näherkommenden Fremdkörpers im Wasser zu lösen. Die Party im Unterdeck ist also wirklich pure Ablenkung: Die Leute sollen sich so in dem tanzbaren Pop-Sound der Band verlieren, dass sie gar nicht mitbekommen, in welcher Gefahr sie eigentlich schweben.

     
    Enter Scene: Trash, the Dragon

    Twenty One Pilots, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, twentyonepilots, 21 pilots, tyler joseph, josh dun, shy away, scaled and icy, saturday music videoUnd die Gefahr hat einen Namen. Trash. Genauer: Trash, the Dragon. Er ziert das Cover des neuen Albums und schleicht sich seit der ersten Single-Auskopplung Shy Away in die Musikvideos der Band. Die richtige Geschichte hinter Trash ist relativ unbekannt, er scheint aber für die Kreativität und auch Hoffnung zu stehen – also zu Recht etwas, von dem die Bischöfe sich bedroht fühlen. Mit gelben Augen und einem wirklich riesen Kopf stößt er, mitten in der Saturday-Party, gegen das Bullauge, lässt das Schiff ordentlich erzittern und Wasser durch das zerbrochene Fenster schießen. Jetzt bricht Panik aus. Zu Recht, ich will auch nicht auf einem Schiff sein, wenn das von einem anschwimmenden Drachen zum Kentern gebracht wird. Während sich alle außer Tyler und Josh versuchen zu retten, klingelt das Telefon und die Bridge im Song findet seinen Einsatz: Tylers Frau, Jenna, spricht mit ihm durch den Hörer, während Josh versucht, mit gelbem Tape die Schiffswand zu fixen. Beides ist so absurd, aber on point der Humor von Twenty One Pilots – auch das, was danach passiert. (Hier muss ich einfach bisschen clickbaiten, damit ihr euch das auch wirklich anguckt).

    Die Band-Performance ist jetzt komplett unter Wasser. Ich muss sagen, das sieht rein ästhetisch schon ziemlich nice aus. Ein Teil von mir will jetzt googeln, welche Bands schon mal unter Wasser gespielt und gedreht haben. Aber bevor ich da Zeit hab, hin abzuschweifen, ist das Video auch zu Ende. Tyler, Josh und alle anderen schaffen es aus dem untergehenden Schiff heraus und schwimmen nun bisschen verloren im Meer. Während ich meine Panik vor tiefem Wasser versuche zu ignorieren, zeigt das letzte Bild Trash, wie er unten ihnen vorbeischwimmt. Meiner Panik hilft das absolut gar nicht, aber ein guter Cliffhänger ist es allemal.

     

    Ja, das war’s. Abschließend kann ich nur sagen: Hört Twenty One Pilots. Und dann wartet mit mir darauf, wie die Story von hier an weitergeht.

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    Fotocredit: Ashley Osborne

  • KYTES erwecken mit „the beat is on hold“ müde Tanzbeine wieder zum Leben

    Laaang ist’s her: Nachdem sie im Februar 2020 zu einem für sie (wie sich dann im Nachhinein herausstellte) denkbar bescheidenen Zeitpunkt ihr Album Good Luck veröffentlichten, war es musikalisch ruhig geworden um die KYTES. Doch die Zeit der Trübsal ist vorbei, juhu! Vor knapp zwei Wochen erschien nämlich ihre neue Single „the beat is on hold“. Und die gehört wegen ihrem erfrischenden Sound und dem lyrischen Augenzwinkern ab sofort in jede Gute-Laune-weil-Sommerlass-mal-tanzen-Playlist. Wieso das so ist, erfahrt ihr jetzt von Jule. Kostenloser Profitipp: Entstaubt eure Tanzschuhe, sie wollen wieder benutzt werden.


    Wir wissen alle, dass die KYTES inzwischen eine feste Größe in unserer geliebten Indie-Bubble sind. Und auch ich zähle mich absolut zu den langjährigen Fans der Jungs. Ich schäme mich fast es zuzugeben, aber bevor ich sie Anfang Juli 2021 bei den Acoustics Concerts endlich mal wieder auf einer Bühne erleben durfte, habe ich die KYTES das letzte Mal im Sommer 2017 (!) live gesehen. Das sind 4 Jahre, wow… Eindeutig ein viel zu langer Zeitraum, kommt nie wieder vor, versprochen! Wer noch nie bei einer Show von ihnen war, dem sei das hier mit Nachdruck ans Herz gelegt (Tickets für die Tour im Winter gibt’s übrigens hier, gern geschehen).

    Bei ihrem Acoustics-Konzert haben die KYTES aber nicht nur ältere Songs von EP’s und die des aktuellen Albums „Good Luck“ (was übrigens zu meinen Top-Alben des letzten Jahres zählt und deshalb auch in meinem Jahresrückblick 2020 vertreten ist) gespielt. Sie haben auch ihre neue Single „the beat is on hold“ angekündigt und direkt präsentiert. Tja, ich sag’s euch wie es ist: Ich habe den Refrain seitdem pausenlos vor mich her gesummt. Ohrwurm at it’s best. Als ich dann endlich auch die produzierte Version hören durfte, gab es absolut kein Halten mehr. Jenes Wochenende bestand für mich einzig und allein aus diesem Song. Ich weiß nicht mal mehr, ob ich in dieser Zeit etwas gegessen habe? Samstagnacht um 3 Uhr habe ich jedenfalls mit „the beat is on hold“ auf den Ohren für ca. eine Stunde vor dem offenen Küchenfenster wild meine legs geshaked und mit lautlosen Lipsyncs so richtig einen weggefeiert. Manchmal brauche ich das einfach.


    „But can we really work it out
    would mean so much more“


    Schon die ersten Takte von „the beat is on hold“ zwingen mich förmlich, aus meinem ca. 100-jährigen Pandemie-Schlaf aufzuwachen. Schon lange hat mich ein Beat nicht mehr so krass abgeholt. Diese Kombination aus Synthies, Drums, Gitarren und den Melodien… Also wenn die KYTES etwas können, dann das – i’m all in. Textlich verarbeiten Michael, Kerim, Timothy und Thomas während des Lockdowns entstandene Hypes wie Bananenbrot backen und exzessives Home-Workouts. An dieser Stelle sei mir dann auch noch eine kurze Zwischenfrage gestattet: Hat eigentlich schon irgendwann einmal irgendjemand das Wort „hold“ geiler und/oder melodischer gesungen als Michi es im Refrain tut? (NEIN!!) Ich glaube, dass 90% meines wochenendlichen Ohrwurms aus seiner Stimme bestanden, die immer und immer wieder dieses Wort gesungen hat. Das klingt vielleicht seltsam, aber hört es euch an und ihr werdet verstehen. Ich lieb’s jedenfalls total. 💚

    Aber zurück zum Song: Die KYTES erinnern neben allem Augenzwinkern aber hauptsächlich auch daran, dass während der Pandemie verdammt nochmal die komplette Kunstszene stillstand bzw. teilweise immer noch stillsteht. Das zeigen sie auch sehr eindrucksvoll im dazugehörigen Musikvideo, das sie im Strom, Knust und in der Muffathalle gedreht haben. In diesem Video zeigen die KYTES aber auch unfassbar viele Fotos von den leeren Bühnen unseres Landes. Und das schmerzt bei einer leidenschaftlichen Konzertgängerin wie mir echt nochmal ganz anders.


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    Doch trotz seiner Thematik und der für mich echt traurigen videografischen Verarbeitung ist „the beat is on hold“ absolut kein „klassischer Corona-Downer-Song“, ganz im Gegenteil. Und das, obwohl es für die KYTES am Anfang der Pandemie schwierig war, Inspiration für neue Musik zu finden. Ihre Tour wurde zweimal verschoben, sodass sie das gerade erschienene Album nicht live präsentieren konnten. Geht’s noch deprimierender? Am Ende des Tages ist „the beat is on hold“ deshalb ihr Ruf nach Normalität, so positiv und aufbauend wie möglich. Und wie man es eventuell schon erahnt, mich hat der Song extrem aufgebaut. Er ist unfassbar spritzig und wird durch die humorvollen Lyrics auch nach dem 400. Mal auf Repeat hören nicht langweilig oder gar nervig – glaubt mir, ich spreche da aus Erfahrung.

    Leider hat der Song für mich aber ein kleines Manko, er ist nämlich nach nur 2:26 min. schon wieder vorbei 🙁 Ich weiß, Spotify-Algorithmus und so, sehr viele neue Songs sind momentan eher kürzer als länger. Aber: Gerade wenn ich so richtig in Fahrt bin, ist es halt auch schon wieder vorbei. Ich glaube, für mich liegt die perfekte Songlänge eher so bei mindestens 3:00 min. (falls es jemanden interessiert). Ich bin wirklich sehr dankbar für jeden veröffentlichten Song auf dieser Welt und ich verstehe den Struggle der Künstler:innen total, aber mich als Hörerin stören „zu kurze“ Songs irgendwie. Deshalb: Hey Spotify (i know you’re reading), änder deinen Algorithmus bitte, danke. Und vielleicht haben die KYTES den Song ja auch ganz bewusst und ohne Gedanken an den Algorithmus kurz gehalten und ich bin völlig umsonst abgedriftet, who knows?

    Wie dem auch sei. Nach diesem energetischen „Hallo, da sind wir wieder“ der KYTES bin ich jedenfalls schon jetzt ziemlich gespannt, was für grandiose Werke sie während der Auszeit noch so gezaubert haben. An dieser Stelle möchte ich auch noch einmal hervorheben, dass die Jungs über ihr eigenes Label Frisbee Rec. alles DIY produzieren und releasen. Das ist schon ein ganz besonders schöner Spirit, wie ich finde.


    So, aber nun muss ich mich leider ausklinken, mich meiner Obsession hingeben und „the beat is on hold“ streamen. Könnt (und solltet) ihr auch tun und zwar direkt hier:

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    Fotocredit: Florian Moshammer

  • Eine Portion Wellness für die Seele: Amilli mit „Hazy Days“

    Neo-Soul, R’n’B und ein bisschen Pop – genau diesen Mix liebe ich an Amilli’s Musik. Deswegen war ich auch ziemlich hyped als ein neuer Song angekündigt wurde. Mit „Hazy Days“ knüpft die Sängerin ihren einmaligen Amilli-Sound von „Pulling Punches“ an. Was ich von dem Song halte, lest ihr hier.

    Mit „Rarri“ gelang Amilli im Jahr 2018 der virale Durchbruch, sie gewann den 1Live Förderpreis und veröffentlichte ein Jahr später ihre EP „Wings“. Im Oktober 2020 folgt EP Nr. 2 mit „Pulling Punches“ und eine stetig wachsende Fangemeinde. Man kann Amilli also wohl getrost zugestehen, dass sie sich seit Anfang ihrer Musikkarriere auf keinen Fall auf die faule Haut gelegt hat.

    „Ich bin so zufrieden und glücklich mit diesem Song und ich weiß, dass ich das fast immer sage, aber das ist wirklich mein liebster Song, den ich bis jetzt veröffentlicht habe. Es ist schwer zu beschreiben, aber er spiegelt irgendwie genau wider, wie ich mich momentan fühle.“

    Während es thematisch in „Pulling Punches“ eher um Beziehungen und die Rolle einer Frau in der Gesellschaft geht, wie Amilli im untoldency-Interview Anfang dieses Jahres erklärt, ist „Hazy Days“ ihr selbst gewidmet. Im Song geht es um den Prozess zu sich selbst zu finden. Sie appelliert dazu, mehr Energie in die Beziehung zu sich selbst zu stecken und auf sich Acht zu geben. Ich habe beim Hören das Gefühl, dass sie mich schon fast persönlich anspricht. Vermutlich liegt das am entspannten Hintergrund-Bass, der Amilli’s Stimme in den Vordergrund rückt und auf eine positive Art aufdringlich wirken lässt.

    Im Musikvideo kommt diese Message perfekt rüber! Das Video ist eher reduziert. Es ist nur Amilli zu sehen. Sie ist halt eben alleine mit sich selbst und schaut des Öfteren mal etwas verloren und lieblich in die Kamera. Ästhetisch holt mich das Video genau da ab, wo der Song bereits angefangen hat.

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    „I ‚m always trying to love every inch of me but sometimes life is one step ahead of me“

    Der Song startet zwar recht gedämpft, schafft es aber auf irgendeine Weise super atmosphärisch und locker ein gutes Gefühl zu hinterlassen. Dazu kommen Appelle an die Selbstliebe, formuliert durch Dinge, die Amilli sich wohlfühlen lassen. Ich fühle mich teilweise etwas ertappt und sehe mich in den Mustern wieder, die sie beschreibt. Kein Wunder bei einem so persönlichen Song!

    “Mittlerweile stecke ich immer mehr von mir in meine Songs und dadurch wird es immer aufregender und auch ein bisschen beängstigend diese dann zu veröffentlichen. Es macht verletzlicher, was gleichzeitig eine sehr schöne Sache ist. Vor allem in diesen komischen Zeiten, leben wir glaube ich alle mehr in unseren Köpfen, als es vielleicht gesund ist und Hazy Days fühlt sich für mich an, wie eine große Umarmung und ich hoffe, dass der Song das gleiche auch bei dem ein oder anderen auslösen kann“

    Also ich fühle mich wirklich sehr herzlich und aufrichtig umarmt von dem Song. Er hinterlässt bei mir ein wohliges Gefühl und schafft eine Komfortzone ohne zu überfordern. Für mich einfach ein richtiger Wohlfühl-Song mit einer tollen Message!

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