Kategorie: untold music

  • RIN verwandelt auf seinem neuen Album die „Kleinstadt“ in eine Metropole

    RIN hat sein neues Album Kleinstadt am 29. Oktober veröffentlicht und ich muss zugeben, meine Beziehung zu RINs Musik ist kompliziert. Aber bevor ich hier meine Beziehungsprobleme darlege, fangen wir direkt bei unserem ersten Kennenlernen an. 


    Über Trap zu deutschem Cloud Rap

    Ich war lange Zeit meines Lebens kein enthusiastischer Hip Hop Fan. Wenn, dann hörte ich eher amerikanischen Rap. Und auch da konnte ich nicht mit echter Street Credibility glänzen. Es waren Hits wie Gravel Pit von Wu-Tang ClanCandy Shop von 50 Cent oder Stronger von Kanye West, die mir im Ohr hängen blieben. Doch Mitte des letzten Jahrzehnts etablierte sich ein neuer Rap Sound in den Vereinigten Staaten, der heutige Rap Größen wie Young Thug, Migos oder Travis Scott hervorbrachte. Dieser damals noch etwas nerdige und verquere Trap mit quietschenden Stimmen und konfusen Adlibs öffnete für mich eine neue Welt. Und als alles langsam nach Deutschland überschwappte, outete ich mich das erste Mal als Deutschrap Fan (reale HipHop Fans sagen natürlich, dies sei kein Rap). 

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    RINYungHurnLGoony oder Haiyti eigneten sich den amerikanischen Trap Sound an und prägten eine neue Hip Hop Bubble, die als Cloud Rap bekannt wurde. Non-Sense Texte, trashige Musikvideos und Selfmade Beats wurden zu einem Generationen Phänomen. Während Yung Hurn in seinen Songs in der Regel mit drei Wörtern auskam, stand RIN von Anfang an für Generationstexte mit einem hohen Identifikationsfaktor. „Don’t Like“ von der 2016 erschienenen Genesis EP ist für mich das perfekte Beispiel. „Ein Euro Bier, zwei Euro zwei Bier, drei Euro drei Bier“! So beginnt der Track und ich erinnere mich, wie ich mit meinem Späti Sterni in der rechten Hand im Gleisdreieckspark saß und mit Freunden nichts tat, außer rumzuhängen. Auch die viel zitierte Line, „Es ist Donnerstag, ich kauf‘ mir Supreme“, ist seit diesem Lied deutsche Popkultur. 

    Als ich dann das erste Mal „Error“ hörte, war ich komplett fertig mit den Nerven. Gesangsmelodien mit Hitpotential, düstere Stimmung inklusive eines emotionalen, düsteren Texts auf einem abwechslungsreichen Beat. Der Song, der mich zum RIN Fan machte, hat mich gleichzeitig zum Deutschrap Fan werden lassen. Und zwar genau weil alles anders klang, als ich mir Deutschrap bis dahin vorstellte. 


    Hits über Hits über Hits
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    Nun hat sich RIN allmählich zu einer deutschen Hip Hop Größe gemausert und uns Deutschrap Banger wie „Bros“, „Blackout“, „Dior 2001“, „Next“, „Up in Smoke“ oder „Vintage“ hinterlassen. Mit „Kleinstadt“ ist außerdem bereits sein drittes Album erschienen und man muss zwangsläufig an seine Heimatstadt Bietigheim-Bissingen denken, in der er mittlerweile fernab vom Stadtchaos residiert. Allerdings beginnen hier die bereits erwähnten Beziehungsprobleme. Zweifelsohne kann man RIN nicht mehr aus der deutschen Musikindustrie wegdenken. Sein Einfluss war und ist weitreichend und das mit einem Sound, der sich noch immer von dem mittlerweile weichgespülten Trap/Hip Hop der deutschen (und amerikanischen) Charts abhebt. Doch fragt man mich nach meinem Lieblingsalbum von RIN, nenne ich keins.


    Single vs Album

    In der Regel ist es so: Jede neue Single des Bietigheimer Rappers hyped mich mehr und mehr auf das Album. Auch dieses Mal! Die erste Single des Albums „Dirty South“ knallt einfach. Dieser dreckige 2000er Synth über drückenden Drums. Mit der nächsten Single ist mein Kopf dann komplett explodiert. „Meer“ ist für mich ein Song für die Ewigkeit. Die Nirvana-Referenzen sind nachvollziehbar. Unabhängig davon sind aber das Gitarren-Riff, die Rock-Drums und der Text einfach super stimmig. Das muss man Anerkennen. Keine Ahnung wer sich im Deutschrap so etwas traut (außer Cro) und keine Ahnung wer da mithalten soll. Dann darf man ebenfalls die unglaubliche Schmyt Single „Gift“ featuring RIN nicht vergessen! Anschließend kamen solide Grower wie „San Andreas“ oder „Sado“. Songs, die nicht direkt flashen, aber sich langsam zu Hits entwickeln. Plötzlich dann noch ein Mindfuck Moment. Auf „Insomnia“ (co-written by Schmyt) liefern Giant Rooks einen Monster Part auf deutsch ab, während RIN einmal mehr seine Hitmelodien auf einem Pop/ Rock-Beat entfaltet.

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    Nach insgesamt acht Singles und vielen neuen Lieblingsliedern kommt dann endlich das lang angekündigte Album „Kleinstadt“. Beim ersten Hören durchlaufe ich allerdings dieselben Gefühle wie bei jedem anderen RIN Album: Ich werde hin und her gerissen zwischen all time favourites und lediglich soliden Rapsongs (ich jammer‘ hier natürlich auf hohem Niveau). Wieso tut RIN mir das an, frage ich mich? Einerseits bin ich RIN Stan, andererseits kein bisschen. So viele seiner Singles haben meinen Musikgeschmack geprägt, auf Albumlänge wiederum konnte ich noch nie überzeugt werden. 

    Alles was ich mir wünsche ist ein homogenerer Sound. Nicht von allem ein bisschen, damit jeder etwas Passendes findet. Das fühlt sich für mich ein wenig wie das Drake-Phänomen an. Viel zu lange Alben mit ebenso viel Hits wie charakterlosen, AI-generierten Radiosongs. RIN streift auf seinem Album die Live-tauglichen Trap Hits, die ihn bekannt gemacht haben, springt auf „1976“ kurz auf den Trend-Sound der 01099 Crew aus Leipzig, bedient sich an düsteren Nirvana-Momenten und rappt zugleich auf radiotauglichen Pop/ Rockballaden. Versatilität ist natürlich eine Stärke RINs, doch in einem von mir erschaffenden Paradies würde RIN die Rock-Nummer durchziehen und sich damit in den Annalen der Musikgeschichte verewigen.

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    Bausparvertrag-Rap

    Der Freitag beschreibt das Album mit den Worten „Generation Bausparvertrag“ und leider ist da etwas dran. Die Bier, über die RIN rappte, während ich selbst welche im Park trank, wurden zu deutschen Markenwagen und einem Einfamilienhaus. Früher rannte er noch dem Bus hinterher, heute vor dem Finanzamt weg. Das ist alles logisch und nicht verwerflich. Mit dem Ruhm verändert sich der Lebensstil. Nur sinkt meines Erachtens nach der anfangs erwähnte Identifikationsfaktor seiner Texte. Statt mir aus der Seele zu sprechen, erlebe ich die Perspektive einer finanziell privilegierten Lebenssituation. Damit büßt RIN leider etwas sein Patent für Generationstexte ein und nähert sich dem im Rap verbreiteten zur Schau stellen materiellen Besitzes an.


    Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

    Okay, ich habe euch vorgewarnt: Mein Beziehungsstatus zu RINs Musik ist kompliziert. Einerseits liebe ich so viele seiner Lieder, andererseits werde ich skeptisch, wenn es um seine Alben geht. Dennoch bekenne ich mich als RIN-Fan und ermutige alle dazu, dieselben WTF!? Momente zu genießen, wie ich sie auf „Kleinstadt“ erleben durfte. I mean, Nirvana auf deutsch? Wie RIN sagen würde: „Auf Geht’s“!

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    fotocredits: @brownshootta

  • Joy Crookes neues Album „Skin“ macht uns verletzlich, während wir mit dem Baseballschläger die Welt verändern wollen

    Liebe auf den ersten Blick

    Ich dachte, ich würde mich dieses Jahr nicht mehr verlieben. Doch dann ging das neue Album von Joy Crookes direkt unter meine Haut. „Skin“ ist am 15. Oktober erschienen und könnte schöner nicht sein. Seit drei Wochen ist es also schon um mich geschehen und meine rosarote Brille hat noch kein bisschen an Glanz verloren. Wie auch, bei einem Album, das musikalisch, inhaltlich und visuell so ausgereift ist, dass jedes Künstler:innenherz schneller schlägt.

    2017 erscheint die erste EP „Influence“ der in London geborenen Sängerin. Mit einer an Amy Winehouse erinnernden Stimme und unglaublicher emotionaler Tiefe singt sich Joy Crookes langsam in die Herzen aller Soul und R&B Liebhaber. 4 Jahre und 2 weitere EPs später markiert ihr Debütalbum nun den vorläufigen Höhepunkt ihrer Karriere. Und wenn man sich ein perfektes erstes Album im Traum vorstellen würde, dann käme „Skin“ dabei heraus.


    Gefühlvoller Soul zum Verlieben
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    Während „I Don’t Mind“ das Album noch minimalistisch eröffnet, stürzt uns „19th Floor“ in orchestrale Tiefen voller Wehmut. Danach wird es musikalisch wieder etwas leichter ums Herz, doch die gefühlvolle Wärme bleibt auch in „Trouble“ erhalten. Diese angenehm vertraute Sentimentalität zieht sich durch das ganze Album und man muss dem Produzententeam, bestehend aus Blue May und Joy Crookes, danken für diese sinnliche, homogene Platte. Die emotional berührenden Lieder werden durch bestimmte, etwas freche Stücke ergänzt. Dazu gehören u.a. „Trouble“ und „Kingdom“, die die LP durch eine neue Facette bereichern. Abgerundet wird das Album durch drei klassische „Balladen“, die einem zum Abschluss in winterliche Kaminfeuer Stimmung versetzen.


    Intime Einblicke neben politischer Aufbruchsstimmung

    Inhaltlich könnte das Album ebenfalls kaum versatiler und politischer sein. In „I Don’t Mind“ inszeniert sich Crookes als unabhängige Frau, die ausschließlich körperliche Beziehungen mit Männern eingeht:  


    No, I don’t mind if you don’t mind
    But if you should see a future
    Where I’m with you
    You’ve got to go!”


    Wie erfrischend ist bitte diese Aussage aus dem Mund einer Frau? Wenn männliche Rapper dieses Narrativ regelmäßig für sich beanspruchen, ist es längst an der Zeit, dass dies auch Frauen tun. 

    Der zweite Song des Albums „19th Floor“ huldigt Crookes Anfänge und Herkunft. Hier besingt sie die klassische „started from the bottom, now we here” Story. Anschließend thematisiert die Sängerin toxische Beziehungen. Dabei liegt der Fokus auf der individuellen menschlichen Entwicklung. Egal welche Traumata bestimmte toxische Verhaltensweisen hervorgerufen haben, es löst nicht das Problem, die Schuld abzuschieben. Stattdessen muss die Verarbeitung von innen heraus wachsen. 

    „Kingdom“ kritisiert außerdem die politische Ausrichtung Englands und Großbritanniens, insbesondere die politische Vertretung des Landes durch überwiegend ältere Altersgruppen. Brexit, Klimaveränderung, Fremdenhass; die Zeit drängt ebenso wie die jungen Generationen auf Veränderung.


    Mental Health, Authentizität und Self-Care

    Obwohl es die ursprünglich angedachte Lead Single „Anyone But Me“, als das Album noch für 2020 angekündigt worden war, nicht auf die Tracklist geschafft hat, wurde sie inhaltlich doch noch einmal aufgegriffen. Interessanterweise geschah dies direkt in der neuen Single „Feet Don’t Fail Me Now“, die den für 2021 angekündigten Album-Release nach Corona bedingter Verschiebung einläutete. Beide Singles liefern intime Einblicke in Joy Crookes Gedankenleben und beschäftigen sich mit Mental Health. Während „Anyone But Me“ Beklemmung im eigenen Körper thematisiert, beschreibt „Feet Don’t Fail Me Now” Versagensängste und ungerechtfertigte Zurückhaltung.

    „Ooh, love me or leave me and let me be lonely
    Been down so long now that happy is holy
    I’d rather be somewhere else with anyone but me
    – Anyone But Me

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    „Man, I guess I was scared
    Feet, don’t fail me now
    I got to stand my ground
    And though I’m down for trying
    I am better in denial
    So I hush, don’t make a sound
    – Feet Don’t Fail Me Now

    Ob alte oder neue Lead Single, beide Lieder ziehen uns tief in den Kosmos von Joy Crookes. Auch wenn die Floskel „Dieses Album ist das Persönlichste, das ich je geschrieben habe“ mittlerweile von jeder generischen Popkünstler:in vorgebetet wird: würde sie aus dem Mund von Joy Crookes kommen, sie bliebe authentisch. Crookes selbst beschreibt dieses Album als Spiegel ihrer Identität und ich nehme ihre jedes einzelne Wort ab.

    Dieser rote Faden zieht sich bis hin zum Albumtitel. „Skin“ ist das Symbol für Intimität und Authentizität. Die Haut macht uns als Hülle unserer Körper und Gedanken angreifbar für die Außenwelt, während sie uns zur selben Zeit vor ihr schützt. Der Widerspruch zwischen äußerster Belastbarkeit und gleichzeitiger Basis für soziale Diskriminierungen findet sich auch in der Zerrissenheit von Joy Crookes sowie unserer aller Identitäten wieder.

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    Visuals auf Repeat

    Wer jetzt noch nicht von der Ganzheitlichkeit dieses Albums überzeugt wurde, darf sich auf die Musikvideos des Albums freuen. „Feet Don’t Fail Me Now“„When You Were Mine“„Trouble” und „Skin” haben Videoauskopplungen, die allesamt unglaublich ästhetisch inszeniert wurden. Schon allein die Anfangsszene von „Feet Don’t Fail Me Now“ ist so stark, dass ich mir eigentlich kein anderes Musikvideo mehr anschauen möchte. Crookes und weitere Protagonist:innen sitzen auf mit Blumen bestückten Motorollern, in für Bangladesch typischer traditioneller Kleidung, während die Zöpfe aller verbunden sind.

    Mit jedem Wort, das ich über dieses Album verliere, scheint meine Liebe für dieses Gesamtkunstwerk anzuwachsen. Seid also nicht komplett verrückt und macht jetzt endlich dieses Album an, falls ihr es vor kaum auszuhaltender Vorfreude nicht bereits getan habt.

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    Fotocredits: Carlotta Guerrero
  • Mit brennendem Herzschmerz in die COLORS Session: Schmyt und „Ich wünschte, du wärst verloren“

    Mit brennendem Herzschmerz in die COLORS Session: Schmyt und „Ich wünschte, du wärst verloren“

    Vor eineinhalb Jahren bin ich über Schmyt gestolpert, als er mit Niemand die Hellhörigen unter uns das erste Mal sehr, sehr aufmerksam werden lassen hat. Das war im April 2020. Ein Jahr später, im April 2021, veröffentlichte Schmyt seine Debüt-EP Gift, über die ich mich hier bereits sehr ausgelassen hab. Schmyt hat mit Gift dem Deutschrap seine emotionale Zugänglichkeit wiedergegeben und das auf so unfassbar gut produzierten Songs, dass er zu Recht schon ein halbes Jahr später einen Raktenstart direkt in die COLORS Sessions hingelegt hat. Ich wünschte, du wärst verloren ist die nächste Single im Repertoire des Berliner Newcomers. Hier lest ihr, warum ihr ihn unbedingt auf eurem Radar haben solltet.

     
    Herzschmerz eingebrannt in Songs

    Doch fangen wir kurz nochmal am Anfang an. Die Geschichte, die Schmyt mit Niemand zu erzöhlen begonnen hat, hat in der EP ihren Kontext bekommen. Wir finden Herzschmerz nach einer Trennung, eingebrannt in sechs Songs, vom besinnungslosen Saufen zu verloren Taxifahrten und den großen Existenzfragen. Das sind die Themen der Gift EP, die sich zu Teil auch im neuen Song Ich wünschte, du wärst verloren fortsetzen. Es ist wahrscheinlich immer noch dieselbe beendete Beziehung, die hier verarbeitet wird:  

    Ich leg‘ dir mein Herz schön verpackt vor die Tür, yeah
    Sind ein paar Knitter dran, doch du weißt, die sind eh von dir
    Ich glaub‘, ich liebe dich und ich hasse es
    Ich sitze Zuhaus‘ und frag‘ mich, wo du heute pennst
    Mische Benzin in meine Coke und hoff‘, dass es brennt, hm

    Ich wünschte, du wärst verloren ist theatralischer Liebeskummer in einer Ballade, die mich zweifeln lässt, dass es wirklich erst eineinhalb Jahre seit Schmyts ersten Single sind. Und die dann noch mit einer COLORS Session im Gepäck zu präsentieren, sollte eigentlich mehr als nur für sich zu sprechen. Guckt euch das an und sagt mir, ihr fühlt’s nicht:

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    Ngl, ich hab Gänsehaut. Was ist das für eine Stimme bitte? Während der Song sich ruhig aufbaut, malt Schmyt mit seinen Worten und seiner Stimme Bilder, die unter die Haut gehen. Die Stimme steht so zentriert im Raum, dass ich sicher nicht die einzige bin, die hier mit 2 Minuten Dauergänsehaut dieses Video schaut. Ist halt einfach auch COLORS, ist aber auch einfach ein absolut starker Song.

    In den ersten Sekunden des Songs erinnert mich Schmyt zugegebenermaßen ein bisschen an Trettmann. Und auf eine Weise liegt dieser Vergleich gar nicht so fern. Doch anders als Trettmann, holt Schmyt auch noch all jene ab, die ab von RIN auch gern mal Faber und Henning May laut zuhause durch die Boxen singen lassen. Hier werden Welten verbunden, die manchmal viel ferner scheinen als sie es vielleicht sind. Auf Ich wünschte, du wärst verloren rappt Schmyt nicht mal.

    Doch ob Deutschrap oder nicht: Was hier mit Sprache und Musik gemacht wird, hat ne fette Zukunft vor sich. Es dauert bestimmt nicht lange, bis ich das nächste Mal meine kleine Fan-Liebe ins Internet schreibe. Bis dahin lass ich das hier noch eine Weile auf Dauerloop laufen:

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    Fotocredit: Lea Bräuer

  • Über Selbstzweifel und Frustration: Sam Fender spricht sich in „Seventeen Going Under“ alles von der Seele

    Über Selbstzweifel und Frustration: Sam Fender spricht sich in „Seventeen Going Under“ alles von der Seele

    Zwei Jahre nach seinem Debüt-Album ist Sam Fender zurück mit seinem zweiten Album „Seventeen Going Under“, das sich definitiv als ein würdiger Nachfolger herausstellt. Es ist ein sehr persönliches und verletzliches Album mit vielen Emotionen und autobiografischen Texten. Wie bereits auf seinem Debüt „Hypersonic Missiles“, verarbeitet er auf dem neuen Album seine Kindheit („Getting Started“, „Spit Of You“), mentale Probleme („Paradigms“) und Selbstzweifel („Last To Make It Home“). Auch politische Themen wie Klassismus und die Kluft zwischen Links und Rechts („Aye“) beschäftigen den 27-Jährigen in seinen Songs. Es ist ein Album über Unsicherheiten und das Erwachsenwerden, aber vor allem auch über Selbstfindung. Evelin und Julia haben reingehört und teilen hier nun gemeinsam ihre Gedanken um diese starke LP! 

    TRIGGERWARNUNG!

    In diesem Text werden selbstzerstörerische und suizidale Gedanken sowie Mobbing und mentale Probleme thematisiert. Diese Themen können einige Leser:innen beunruhigen. Wenn es dir mit diesen Themen nicht gut geht, bitten wir dich, genau abzuwägen, ob du den Text wirklich lesen möchtest. Auch möchten wir auf die Nummer der Telefonseelsorge hinweisen: 0800 1110111, 0800 1110222.


    Seventeen Going Under

    Evelin: „Seventeen Going Under“ fühlt sich an wie der perfekte Start in dieses Album, deswegen sicher auch der Albumtitel 😀 Schon, wenn ich die ersten Klänge höre, setzt die Nostalgie sofort ein. Sam schafft es irgendwie, dass man sich, selbst wenn man im tiefsten Deutschland aufgewachsen ist nach der britischen Jugend sehnt. Der Song blickt aber keineswegs mit rosaroter Brille der Teenager-Zeit nach, sondern befasst sich auch mit der toxischen Seite von Kindheitserinnerungen.

    Julia: Genau das. Der Song gibt mir ein richtiges Nostaligiegefühl und sobald das Schlagzeug einsetzt, kann ich nicht mehr aufhören mitzuwippen. Textlich wie auch musikalisch ist dieser Song einfach perfekt als Einleitung und kündigt bereits die Zerbrechlichkeit und Emotionalität des Albums an. Und dieses Saxophon…


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    Getting Started

    Evelin: Einer meiner Favourites und auch ein sehr persönlicher Song, was eigentlich sehr untypisch für Sam Fender ist. Normalerweise dreht es sich um die Geschichten anderer, nicht um seine. Er selbst sagt:


    “I find it easier to write about other people because I can be completely honest about them. I can’t be honest about myself, because everyone would think I’m a miserable c*nt.”


    Aber diese Ehrlichkeit steht ihm gut. Familie ist selten einfach und in „Getting Started“ schafft Sam es, aus einer mehr als schlechten Ausgangslage auszubrechen. Er zeigt, dass man sich manchmal voranstellen muss, um nicht durch die eigene Verantwortung runtergezogen zu werden. Ich fühl den Song und den Inhalt echt mit jeder Pore.

    Julia: Dieses Album ist so persönlich und man hat das Gefühl, man lernt Sam Fender ein bisschen besser kennen, was toll ist. „Getting Started“ ist einer der ersten Songs, die er geschrieben hat und vermittelt anhand seiner Dynamik eben auch, dass man nicht aufgeben sollte. Dieses sich selbst auch mal voranstellen, darüber sollte echt gesprochen werden. I like it. 


    Aye

    Evelin: Schon mit den ersten Gitarrenklängen fühlt man Sams Rage. Der Song gibt mir richtige Punk Vibes. Weniger Melodie, dafür sehr viel politische Kritik. Man kann die Frustration geradezu greifen. Der Song pulsiert durch Gefluche und Geschrei vor Energie und Emotion. Ich finde, er spiegelt unsere Verzweiflung mit der Welt momentan 1:1 wider. Genau wie viele von uns, fühlt Fender sich auf missverstanden und nicht von der jetzigen Politik gesehen.

    Julia: Das habe ich mir auch direkt gedacht. Der Rage-Mode kommt musikalisch einfach sehr gut rüber. „Aye“ ist quasi der Nachfolger von “Hypersonic Missiles” und “Play God” und behandelt zudem Klassismus aus der Sicht der Arbeiterklasse. Der Refrain verdeutlicht Sams Emotionen mit seiner Eintönigkeit in Sachen Melodie sowie auch Text. Es könnten Protestschreie sein: «Poor, hate the poor, hate the poor, hate the poor […]». „Aye“ ist ein Protestsong, ganz klar.


    Get You Down

    Evelin: „Get You Down“ lässt mich irgendwie zwiegespalten zurück. Nicht weil ich den Song nicht mag, ganz im Gegenteil! Die Melodie hat im Vergleich zu der aus dem letzten Song einen viel positiveren Touch. Dabei ist das Thema Selbsthass ein ganz und gar nicht Positives. Finde das Thema einfach sehr schwierig und delikat. Zusammen mit den Streichern klingt diese Selbstverachtung schon fast majestätisch, wenn er singt:


    “I catch myself in the mirror

    See a pathetic little boy”


    Julia: Der Song klingt positiver als er ist, da gebe ich dir recht. Die Streicher geben mir Gänsehaut, vor allem in Hinblick auf das Thema. Es geht um Unsicherheiten und Selbstzweifel, die sehr nah und greifbar sind. Ich finde es wichtig, solche Themen und Gefühle musikalisch darzustellen. Viele können sich damit identifizieren. 


    Long Way Off

    Evelin: Ich glaube, ich habe diesen Song schon gefühlt 3485 Mal hintereinander gehört. Ich bleibe jedes Mal bei „Long Way Off“ hängen und dann wird nur das in Dauerschleife gespielt. Das ist ohne jegliche Zweifel, mein Lieblingssong auf der Platte, wenn nicht sogar in der ganzen Diskografie Fenders. Ich finde hier merkt man richtig extrem, wie gut Sam Fenders Songwriting nach „Hypersonic Missiles“ geworden ist. Der Song ist richtig rund und gibt mir jedes Mal aufs Neue pure Gänsehaut. Mehr will ich auch gar nicht dazu sagen, hört euch den Banger einfach selbst an!

    Julia: „Long Way Off“ ist definitiv auch einer meiner liebsten Songs auf diesem Album. Das Intro holt mich schon richtig ab und ich freu mich einfach jedes Mal auf den Song. Die Lyrics von Sam sind grundsätzlich einfach unfassbar gut und sicherlich ein wichtiger Grund für meine Liebe für seine Musik. 


    Spit Of You

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    Evelin: So entspannt dieser Song klingt, zeigt sich Sam Fender hier unfassbar verletzlich. Es geht um seinen Vater, der ihn damals aus seinem Haus geschmissen hat. Die Vergangenheit und auch die Gegenwart schmerzt ihn, aber gleichzeitig weiß er, dass er seinen Vater nie einfach so loslassen kann. Ein traurig schöner Song über das Verhältnis von Vater zu Sohn, der melodisch sehr viel entspannter klingt als die Beziehung selbst.

    Julia: Ich finde „Spit Of You“ einfach musikalisch unglaublich schön. Auch das Thema des Songs berührt mich jedes mal so krass, bekomme immer Gänsehaut bei dem Song. (Und das Saxophon wieder, uff). Es geht zudem darum, dass sich Sam selbst sehr in seinem Vater wiedererkennt und damit auch die fehlende Fähigkeit zu kommunizieren oder Emotionen zu zeigen, meint. Sam bezeichnet den Song übrigens als Liebeserklärung an seinen Vater. 


    Last To Make It Home

    Evelin: Ach was sind Balladen nicht schön. Ich seh’ schon Tausende von Menschen mit Feuerzeugen zu „Last To Make It Home“ das Stadion erleuchten lassen. Ich kann mich nicht so recht einigen, was die Message des Songs genau ist. Ist es Kritik am Glauben, Kritik an oder Zynismus gegenüber der eigenen Existenz oder alles zugleich? Ich weiß nicht so recht, aber umso schöner macht das den Song. Also Augen zu und genießen.

    Julia: Hier bekomme ich auch immer Gänsehaut, vielleicht kann ich das einfach bei jedem Song hinzufügen. In „Last To Make It Home“ geht es um Frustration und den Gedanken, nicht gut genug zu sein. Der Song klingt sehr sehnsüchtig, vor allem mit den Streichern im Hintergrund. 


    The Leveller

    Evelin: Okay, nach der Ballade ist jetzt wieder Zeit für ein bisschen Action. „The Leveller“ verzeiht musikalisch wie lyrisch nichts. Fender lässt kein Blatt vor dem Mund, macht er sowieso nie. Und der Song trifft die Emotionen der Jugend, besonders der in der UK auf den Punkt.


    As little England rips itself to pieces

    Buried my grandma along with her world

    And this twisted mutation is where I reside”


    Sag ich ja, kein Blatt vorm Mund. Auch musikalisch wird die Message durch den extrem starken Refrain unterstützt (erinnert mich leicht an Songs von The Pale White). In der ganzen Wut gibt Sam aber Hoffnung und ermutigt, das hier als Wendepunkt hin zu besseren Zeiten zu sehen.

    Julia: „The Leveller“ klingt wie eine Kampfansage. Die vorantreibenden Drums und die Gitarre bringen keine Ruhe in den Song. Es fühlt sich an, als würde man rennen und nicht zum stehen kommen. Als würde Sam nicht zum atmen kommen. Zum Ende hin hört sich die Gitarre sogar schmerzverzerrt an. Er klingt zwar wütend, gleichzeitig bringt der Song aber Ermutigung im Refrain mit sich. Mag ich.


    Mantra

    Evelin: Muss ehrlich sagen, dass der Song mich musikalisch nicht vom Hocker haut und eher ein Filler-Song für mich ist. Nichtsdestotrotz ist das Thema natürlich wieder mehr als relevant. Sam singt über den Struggle, den besonders junge Leute und auch er mit Selbstzweifel und dem Drang, anderen zu gefallen, haben. Aber das wir doch alle oft dasselbe durchmachen, es nicht einfach ist, aber wir es immer wieder von Neuem versuchen sollten. Und irgendwie passt die musikalische Aufmachung dann doch irgendwie. Wisst ihr, in dem Stil dieser manifestations auf TikTok…ja ich bin eindeutig in dem Astrology Loch auf TikTok gelandet.

    Julia: „Mantra“ ist tatsächlich einer meiner Lieblingssongs auf dem Album. Gerade die ersten Verse in der ersten Strophe finde ich ziemlich eindrücklich. 


    „Please stop tryin‘ to impress people who don’t care about you, I repeat as a mantra.


    Ich mag die Message des Songs sehr gerne. Das eigene Selbstwertgefühl sollte man nicht daran festmachen. Ich glaube, diesen Struggle kennen viele. Musikalisch lässt mich der Song immer ein bisschen runterkommen. Er klingt wie ein lauer Sommerabend. Und dann kommt zum Ende hin das lange musikalische Outro mit der Brass-Sektion, ich liebe es. 


    Paradigms

    Evelin: „Paradigms“ ist eine Art Erklärung zum Song davor. Der Song beantwortet die Frage, woher alle diese Selbstzweifel stammen. Als ich durch das Album gehört hab, mir die Lyrics durchgelesen hat, ist mir gerade an dieser Stelle aufgefallen, wie viel Trauer und Verzweiflung in diesem jungen Mann eigentlich steckt. Ich kam auch gar nicht drum rum, mir ernsthafte Sorgen zu machen. Es scheint, als würde Sam sich nicht nur mit seinen eigenen Problemen befassen, sondern er nimmt sich die Probleme eines jeden auf die eigene Kappe.

    Julia: Das ist er, mein liebster Song auf dem Album. Für Sam ist „Paradigms“ thematisch eine Zusammenfassung von “Seventeen Going Under”. Die Drums geben dem Song eine unfassbare Energie. Musikalisch wirkt er sehr positiv und stark. Achtet man auf die Lyrics, bekommt man zu Beginn eher das Gefühl von Verzweiflung. Der Chor am Ende gibt mir wirklich jedes Mal Gänsehaut, wenn in der Bridge gesungen wird: «No one should feel like this.» Der Song arbeitet quasi auf diesen einen Vers hin und findet in ihm seinen Höhepunkt. Mir ging es allerdings ähnlich wie Evelin. Es tat mir teilweise weh, dieses Album zu hören und den Schmerz und die Verzweiflung von Sam zu fühlen. 


    The Dying Light

    Evelin: Zum Ende des Albums hin fühl’ ich mich mittlerweile richtig down. Es wird viel Schweres in dem Album thematisiert, soziale wie persönliche Themen. Aber diese Themen müssen auch ihren Raum haben. Genauso wie der letzte reguläre Song auf dem Album. „The Dying Light“ wird dominiert durch Klavierklänge und führt durch die alten Straßen von North Shields. Alles wirkt genau wie immer, nichts hat sich verändert. Doch dann wird der Himmel etwas heller in der Heimatstadt von Sam Fender: musikalisch wie textlich. Sam erkennt, dass er das alles nicht alleine durchstehen muss, sondern nach Hilfe fragen kann und sollte. Eine wirklich wertvolle Message zum Ende eines genauso wertvollen und tollen Albums hin.

    Julia: Diese Klavier-Ballade am Ende des Albums ist ein schöner, aber auch schwerer Abschluss. „The Dying Light“ wirkt wie eine Weiterführung des Songs „Dead Boys“ von Sam, die sich allerdings viel mehr auf den Weg hin zur Hilfe und zur Therapie fokussiert. Ab der zweiten Strophe ist von der ruhigen Klavier-Ballade nicht mehr viel übrig. Gitarre und Drums kommen hinzu und bauen Spannung auf. Der Song schenkt Hoffnung und findet mit seinem Outro eine musikalische Krönung. Nach dem Hören musste ich erstmal tief durchatmen. „The Dying Light“ hat mich einfach berührt.


    Fazit

    Seventeen Going Under“ ist ein sehr persönliches, ehrliches, aber auch schmerzvolles Album. Sam Fender spricht über seine Kindheit, die politische Lage in England und die Auswirkungen von Selbstzweifeln, dem Erwachsenwerden und Depressionen. Man merkt, dass Sam sich auf diesem Album wortwörtlich alles von der Seele spricht. Musikalisch übertrifft er sich wieder aufs Neue. Neben dem Saxophon sind die Songs von Streichern und Sams typischen E-Gitarren Sound umgeben – beim Hören besteht konsequent Gänsehaut-Potenzial.


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    Fotocredits: Charlotte Patmore und Jack Whitefield

  • Abstrakte Melodien, aber sehr viel Gefühle: RⱯHM⚉ entführt uns mit „SO CLOSE BUT So o º ˚ ˚ ˚ f ƒ ªa r ®˚“ in seine ganz eigene Welt

    Abstrakte Melodien, aber sehr viel Gefühle: RⱯHM⚉ entführt uns mit „SO CLOSE BUT So o º ˚ ˚ ˚ f ƒ ªa r ®˚“ in seine ganz eigene Welt

    Wenn ihr das lest, ist das zweite Album von RⱯHM ⚉ bereits draußen. Wahrscheinlich habt ihr noch nie von RⱯHM ⚉ gehört und fragt euch, wie ein Album klingen kann, das so einen aufwendig geschriebenen Namen hat. Wenn ihr neugierig seid, dann versucht ihr ihn auf Instagram und Co. zu finden. Gebt ihr da „RAHM“ ein, findet ihr aber nichts. Auch bei „Rahmmusic“ oder ähnlichen Abweichungen kommt nichts raus. Entweder man hat euch hier schon verloren (wie schwer kann es sein, eine öffentliche Person auf Instagram zu finden) oder ihr nehmt den hartnäckigen Weg über die Spotify About Page des Künstlers. Aber alles, was ihr da findet, ist auch nur (neben des wirklich fantastischen Bildes) folgender Hinweis:

    “You won’t find me in the places you see people, but you can

    TEXT ME, WEB ME, STⱯY IN TOUCH.”

    Neben eines Wikipedia Links, den ihr selbst anklicken müsst, um rauszufinden, wo er hinführt, gibt’s nichts. Kein RⱯHM ⚉ auf Instagram, kein RⱯHM ⚉ auf Facebook oder Twitter. Dafür reicht die Liste von Städten, in denen er am meisten gehört wird, von Los Angeles über Sydney und Paris bis nach New Taipei, Taiwan. Random? Wahrscheinlich. Aber auch wenn alles rund um RⱯHM ⚉ zufällig zusammengewürfelt zu sein scheint, so ist eher das Gegenteil der Fall. Verpackt in so viel liebevolle und geniale Weirdness hat mich RⱯHM ⚉ in den letzten Monaten so um den Mikrofonpuschel seines Pokémon-Onesies gewickelt, dass ich gar nicht anders kann, als hier in vollster Wortform darüber auszuschweifen. Wir dürfen euch vorstellen: euren heutigen random Fund des Internets und Musik in ihrer pursten Form: RⱯHM ⚉ und sein zweites Album SO CLOSE BUT So o  º  ˚  ˚ ˚ f ƒ ª a r ®️ ˚ .

    Die eigene Comfortzone ist da, wo der Sessel steht

    Bevor ich aber ausschweife, möchte ich eure pochende Neugier stillen. Nicht nur darüber, was hier musikalisch überhaupt auf euch zu kommt, sondern, klar, der Pokémon-Onesie (für Nostalgie-Nerds: es ist ein Relaxo). Was gibt es cooleres als Onesies für Erwachsene? Maximaler Komfort mit minimalen Verantwortungserwartungen. Welche erwachsenen Entscheidungen soll ich schon treffen, wenn ich wie ein Pokémon aussehe? Richtig, keine. In Onesies macht man nur Dinge, die der eigenen comfort zone entsprechen und die reicht genau vom Sofa bis zur Küche und wieder zurück. RⱯHM erweitert diese comfort zone auf irgendeinen Schneestrand in „NOWHERE“ (wo das ist, bleibt sein Geheimnis), aber comfort zone ist comfort zone. Und ob Sessel oder Couch ist dann ja auch irrelevant.

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    Nach diesen 4:25 Minuten war ich verliebt, ich sag’s wie’s ist. Das fängt schon an bei diesem Mikrofonpuschel. Zusammen mit dem Onesie strahlt das so viel unschuldige und ehrliche Kindlichkeit aus, dass ich gar nicht anders kann als den ein kleines bisschen lieb zu gewinnen. Und vielleicht mag ich das Wort „Puschel“ auch ganz gerne. Mehrmals denk ich darüber nach, ob das, was ich mir da angucke, sehr viel Weirdness in einem Relaxo-Onesie ist oder sehr viel Genialität. Ich entscheide mich für letzteres, RⱯHM ⚉ wird’s egal sein, wie man es bezeichnet. Sowas schließt sich immerhin ja auch nicht gegenseitig aus. 

    semiautomatical ist der Opener des Albums, ihr seid also direkt mit dem first track in die Welt von SO CLOSE BUT So o  º  ˚  ˚ ˚ f ƒ ª a r ®️ ˚  gestartet. Auf eine Art wisst ihr also jetzt, was euch erwartet. Ab hier geht’s nur tiefer ins Wurmloch.

    It’s that kinda dead feeling inside.

    E ist schwierig, die Musik zu beschreiben, die RⱯHM ⚉ macht. Man kann sie wirklich nur selbst hören und fühlen. Und selbst das, was ich fühle, find ich sehr schwierig in Worte zu fassen. Alles an diesem Album fühlt sich so persönlich und kryptisch zugleich an. Getrieben von abstrakten Melodien und Beats ist SO CLOSE BUT So o  º  ˚  ˚ ˚ f ƒ ª a r ®️ ˚  wie eine emotionale Achterbahnfahrt, aber mit Augen zu.

    all the things zum Beispiel fühlt sich – für mich – an wie depressive Kopfschmerzen voll mit Selbstzweifeln und nie abgeschickten Briefen tiefsten Herzschmerz. open wii-iide dagegen wie ein experiementeller Rave von ganz simplen gestellten Existenzfragen, auf die man eine Antwort sucht, aber weiß, dass man sie nie findet.

    „I break my bones instead of just letting you go”. So abstrakt RⱯHM ⚉ seine Songs auch dichtet, so klar heben sich auch solche Zeilen hervor. Das ganze Album ist durchzogen von Trennungsschmerz und Selbstreflektion:  “I consider music making to be a kind of mining, or maybe spelunking. You grab some hot feelings way down there and try to bring it back up to the surface. The album came out of that mining of feelings.”

    Das ist der Grund, warum es mir so schwer fällt, konkrete Gedanken zu diesem Album niederzuschreiben. Auf eine Art ist dieses Album eine abstrakte Therapie für uns alle. Die Gefühle, die es bei uns auslöst, sind zwar in Teilen komplett verschieden, aber haben bestimmt auch viele Überschneidungen. Angst, nicht genug zu sein, Angst, zu viel zu sein, Angst, überhaupt zu sein. Hier ist alles an Gefühlen erlaubt. RⱯHM ⚉ gibt uns den Platz auf seinen elf Songs, alles zu so viel bewusster wahrzunehmen, was wir vielleicht sonst im Alltag einfach zur Seite schieben. Das zu fühlen, was er fühlt, oder das, von dem wir selbst nicht mal wussten, dass wir es fühlen. It’s open therapy for all.

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    Der letzte Song afterlife ist wahrscheinlich der Song, der am meisten aus dem ganzen Album hervorsticht. Ohne Sampeln oder Beatloops ist afterlife das komplett akustische Outro. Mehrstimmig und konsequent auf 4 Minuten aufbauend kann ich sagen: RⱯHM ⚉ kann singen. Aber es wäre auch kein RⱯHM ⚉ Song, würde auf diesen 4 Minuten kein dramatisches Klavierinstrumental die letzte Minute des Albums ausmachen. Also ist irgendwie doch wieder alles in sich schlüssig.

    Die Welt von RⱯHM ⚉ ist sehr schwer zu finden, doch einmal gefunden, will man nicht mehr raus. In diesem Meer aus Musik und Kunst sticht er hervor, ohne dass man ihn wahrnimmt. But that’s okay. Jemanden wie RⱯHM ⚉ würde man durch zu viel Kommerz nur kaputt machen. Alles an seiner Musik ist ehrlich und zerbrechlich. Und so einzigartig! Um trotz meines leicht sprunghaften Textes wieder die Einleitung aufzugreifen – dieser Künstler hat kein Social Media. Kein Output an Promo auf dem üblichen Wege, keine Tik Tok Reels oder persönliche Einblicke in sein Leben. Alles, was er hat, ist seine Musik (und seine wirre Website, auf der man mehr als interessante Gedankenanstöße finden kann).

     
    Fazit: Es gibt kein Fazit, nur Musik

    SO CLOSE BUT So o  º  ˚  ˚ ˚ f ƒ ª a r ®️ ˚  ist ein Gefühlstagebuch in Sounds, es ist eine emotionale und aufschürfende Reise in sowohl die Welt von RⱯHM ⚉ als auch zu einem selbst. Für all die Sachen die so close sind but yet so far. Doch auch aus dem schlimmsten Heartbreak lernt man die wichtigsten Dinge über sich selbst. Und für genau diese Zeit braucht man dieses Album. Ich kann es nicht beschreiben, aber es öffnet wirklich andere Türen – im ganz metaphorischen Sinne.

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  • SIALIA verpackt gefühlvolle Dramatik in dunklem Indie-Pop-Mantel auf ihrer Debut Single “Ecstasy”

    SIALIA verpackt gefühlvolle Dramatik in dunklem Indie-Pop-Mantel auf ihrer Debut Single “Ecstasy”

    Ich weiß ja nicht wie es euch geht, aber der Herbst macht so einiges mit meinem musikalischen Hörverhalten. Wenn es draußen kalt, windig und regnerisch wird, dann tausche ich doch gerne mal sommerliche Gute-Laune-Hits gegen etwas mehr Melancholie und dunklen Sound aus. Ganz oben mit dabei ist das London Grammar Album „Truth Is A Beautiful Thing“. Diese unterschwellige Dramatik in London Grammar Songs, mit der mich die Band immer wieder abholt, finde ich sonst irgendwie nur sehr selten.

    Zwischen Nostalgie und Zukunftsklang

    Umso gespannter war ich als ich die Mail von Marvin, Drummer der Band SIALIA, in meinem Postfach entdeckt habe. Er stellt die Band wie folgt vor:

    SIALIA ist eine vierköpfige Alternative-Pop-Band aus Münster. Das Quartett macht Pop Klänge im dunklen Stil mit Rock Wurzeln und Indie Kunstfertigkeit. Inspiriert von London Grammar, Nothing But Thieves, Aurora und Florence + The Machine erschafft die Band einen bewegenden Sound zwischen Melancholie und Euphorie.

    Mehr brauchte es auch eigentlich gar nicht, um mich zu überzeugen direkt einmal in ihren Song „Ecstasy“ reinzuhören. Irgendwie hatte ich von Beginn an das Gefühl, der Song kommt mir bekannt vor. Natürlich kann das nicht sein, denn er war zu dem Zeitpunkt noch gar nicht veröffentlicht.

    Ohrwurmpotential

    Die starke Stimme von Sängerin Nicole klingt wie eine Mischung aus Florence Welch, Leadsängerin von Florence + the Machine, und Hannah Reid, Stimme von London Grammar. Sie fesselt Hörer:innen von der ersten bis zur letzten Sekunde des Songs. Zusammen mit einem ohrwurmverdächtigen Gitarrenriff baut sie eine Spannung auf, die durch den Refrain etwas aufgelöst wird.

    „Ich möchte mit unserer Musik faszinieren, überraschen und verstören! Die Songs erzählen phantastische oder mysteriöse Geschichten von persönlichen Dramen, inneren Kämpfen oder Träumen mit ungewissem Ausgang, behandeln das Wechselspiel von Tod, Schmerz, Hoffnung, Liebe und allem anderen, dem man sonst so gerne aus dem Weg geht.“

    Und auch das sehe ich in dem Song. Ja, ich fühle mich sogar irgendwie ein bisschen bloßgestellt – auf eine gute Weise, versteht sich. Der Songtext erinnert mich an Emotionen und Gedanken, die ich gerne des Öfteren unterdrücke, die aber bei solch mitfühlenden Songs dann doch an die Oberfläche treten. Aber hey, dafür hört man doch auch melancholische Songs, oder? Wenn ihr übrigens noch auf der Suche nach einer Playlist voller Melancholie, Herzschmerz und entspannten Vibes seid, dann schaut doch mal bei unserer Untold melancholic tunes Playlist vorbei.

    Won’t you cry for me

    It’s the end

    Won’t you fight for me

    ‚Cause I can’t escape

    Diese Zeilen des Refrains bekommen im Musikvideo zu „Ecstasy“ einen ganz besonderen Nachklang und wirken deutlich eindringlicher. Grund dafür sind die Flashlights, Infrarot-Optik und verschwommene, schnell wechselnde Bilder. Wie die ganzen dunklen Gedanken, die auf einmal aus der hintersten Ecke deines Kopfes angekrochen kommen …

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    Die Debut Single „Ecstasy“ von SIALIA hat mich auf jeden Fall direkt abgeholt und ich bin super gespannt auf weitere Songs. Angekündigt sind die allerdings erst fürs nächste Jahr. Bis dahin wird dann wohl „Ecstasy“ auf Repeat gehört!

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    Fotocredits: Leon Huesmann

  • Moritz Krämer und „Die traurigen Hummer“: Vorsichtiger Optimismus und herbstliche Heizdeckenbeats

    Moritz Krämer und „Die traurigen Hummer“: Vorsichtiger Optimismus und herbstliche Heizdeckenbeats

    Ist das nicht herrlich, ein goldbrauner Herbst. Es riecht nach Kürbissuppe und Chai Latte. Morgens früh frieren dir endlich wieder die Haare ein, wenn du dich nicht geföhnt hast. Abends willst du einfach nur noch ab aufs Sofa, Decke drüber, fertig. Natürlich nicht ohne vorher noch den richtigen Soundtrack anzumachen. Wie zum Beispiel das neues Album „Die traurigen Hummer“ von Moritz Krämer. Denn das passt nicht nur musikalisch zur gediegenen Jahreszeit, auch die Texte sind kuschelig und weich. Also, Kopfhörer auf und Fußsohlen an die knallheiße Heizung pressen, los gehts!

    Vorab solltet ihr vielleicht wissen: Moritz Krämer ist ein Held für mich. Ein Held, der deutschsprachige Popmusik gerettet hat und anscheinend mit seiner Aufgabe noch nicht fertig ist. Seit ich damals seinen TV Noir-Auftritt mit dem Song „Der kleine Spatz“ gesehen habe (angucken!), bin ich hin und weg. Freakin’ 10 Jahre her. Dann kam seine Band Die Höchste Eisenbahn. Alle so: wow, deutsche Popmusik ist ja doch nicht scheiße!
    Wie er Geschichten erzählt, so beiläufig und unaufdringlich, ist einzigartig. Andere Songwriter wären wahrscheinlich froh, wenn ihnen allein die Wörter eingefallen wären, die Moritz Krämer manchmal so charmant verschluckt.

    Riesenbaby

    Bei seinen Texten ist es oft so, dass ich schon eine Weile zuhöre, bevor ich merke, dass ich schon komplett in der Geschichte versunken bin. Irgendwie ist da so etwas unwiderstehliches, das mich in jedem Muskel die Anspannung verlieren lässt und ich nur noch reglos lauschen möchte. Gleich beim ersten Track des Albums. Ein Klavier, eine packende erste Zeile, dann eine packende zweite. Einsatz Drums: Knochentrocken und groovy in Verbindung mit dem abgedämpften Bass.

    „Nackt und einsam“ fragt zwar nicht die Gretchenfrage, aber trotzdem stellt der Song textlich schon ziemlich tiefgründige philosophische Thesen auf. Es geht zum Beispiel um „den großen Plan“, um Zufälle, um den:die-da-oben. Wer sitzt dort und lenkt? Nur ein Riesenbaby (Stichwort: Generation Teletubbies!)? Wem das für den Einstieg vielleicht schon ein bisschen too much ist: Keine Sorge. Wenn Moritz Krämers Texte komplexe Brüche sind, ist er selbst der liebe Mathenerd, der sie alle im Kopf für dich kürzen kann.

    Zwischen den Zeilen könnte es auch einfach um das überwältigende und zugleich erleichternde Gefühl gehen, nach großer Anstrengung mal etwas zu entgleisen und in einen unerklärlichen Lachkrampf zu geraten. Wenn du einfach so ein bisschen drüber bist und die Selbstbeherrschung verlierst, weil es ein langer Tag war. Und du hast eh schon wenig getrunken und so. Ich glaube er will uns damit sagen, dass man manchmal auch ein paar Dinge unkontrolliert durchwinken muss. Lieber einmal zu viel ohne Grund lachen, als einmal zu wenig.

    Der zweite Song „Die traurigen Hummer“ lässt Krämers Vorliebe zu einfachen und einprägsamen Erkennungsmelodien deutlich werden, die uns noch bei vielen seiner Songs in den Intros begrüßen werden. Und außerdem gibt es im Refrain immer diese kleine Klarinettenmelodie, oh my goodness, ist das schön! So sanft und gefühlvoll angeblasen, da will ich mich reinlegen und nie wieder eine andere Melodie hören.
    Diesmal etwas schneller im Tempo erzählt er uns von den traurigen Hummern, die darauf warten gekocht zu werden. Von den traurigen Hummern als Bild für das Abstellgleis. Das aussortierte, ausrangierte, alte Eisen. „Jeder muss gucken wo er bleibt“. Es geht um Schuld und Unschuld. Und um Pech und Glück und alle Graustufen dazwischen. Mir fällt beim Hören auf, dass diese armen Hummer, dem Tode geweiht, auch für etwas exklusiv Auserwähltes stehen. Für das Erlesene, die Delikatesse. Das macht deutlich, dass der Grat zwischen „kann weg“ und „muss bleiben“ manchmal eben doch sehr schmal ist.

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    Fake it till you make it

    Eine magische Verbindung haben für mich die Songs „Auffliegen“ – „Verlieren“ – „Beweisen“.
    Auffliegen – Verlieren – Beweisen. Da erzählen schon allein die Titel eine ziemlich interessante Geschichte. „Auffliegen“ hat mich sofort an „First day of my life“ von den Bright Eyes erinnert. Die ganz zart angeschlagene Akustikgitarre und die folkigen Akkorde untermalen mal leiser, mal lauter den Spannungsaufbau der Lyrics. Diese enttarnen nämlich nach und nach den kleinen Hochstapler, der in uns allen steckt. Spenden allerdings auch das Schulterklopfen, das wir manchmal brauchen, um vor Nervosität nicht die Wände hochzulaufen. Er vermittelt für mich hier einen sehr wichtigen Ansatz, nämlich dass es überhaupt nicht schlimm ist, nicht immer alles zu können. Auch wenn alle Freunde um dich herum scheinbar Überflieger sind und von dir dasselbe erwarten. Aber hey, am Ende bleibt uns immer noch: Fake it till you make it!

    In „Verlieren“ zeichnet Moritz Krämer uns den Gegenentwurf zur heutigen Wegwerfgesellschaft. Es ist nicht alles Müll, was stinkt. So in etwa. Er singt es uns etwas schöner: „Was kaputt geht kann man auch wieder reparieren“. Dabei pumpt musikalisch der 2010er Indiepuls, den wohl auch Balthazar oder Mac DeMarco schon mit zwei Fingern abgetastet haben, wieder auf 180.
    Wie schön, dass dieses Herz auch noch zu schlagen scheint. Insgesamt wird für mich hier eins der Hauptmotive der ganzen Platte herausgestellt: Vorsichtiger Optimismus. Egal was so passiert, egal wie groß der Scherbenhaufen ist, Moritz Krämer ist der Ansicht, dass wir immer die Möglichkeit haben, von vorne zu starten. Ob falsche politische Entscheidung oder zerbrochene Freundschaften. Und das alles zwar immer ironisch mit Augenzwinkern, dabei aber so angenehm ehrlich.

    Das zeugt mal ausnahmsweise nicht vom „Erwachsenwerden“ sondern vom „Erwachsensein“. Ich finde „reif“ ist so ein blöder Begriff, aber auf eine Weise ist Krämers Sicht auf vermeintliche Niederlagen eine weise (ok steinigt mich dafür) (es ist schon spät). Aber mal ohne Flax, als waschechter Erwachsener muss man Niederlagen auch mal verkraften können. Das kommt an bei mir.

    „Beweisen“, letzter Song in meiner kleinen Dreierreihe, spielt mit einer ähnlichen, ganz losgelösten Auffassung von Erwartungshaltungen. Denn hier bringt er uns näher, dass es ab und zu auch einfach gut tut, Dinge NICHT tun zu müssen. „Keiner muss was beweisen“, weder sich selbst, noch irgendwem sonst. Ich mag auch die Vorstellung, dass es in diesen drei Songs vielleicht um Selbstliebe und -akzeptanz geht. Und um ein gutes Gefühl, gerade dann, wenn es in manchen Lebenssituationen überhaupt keinen Grund für ein gutes Gefühl gibt.

    Wormhole

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    Zum Erwachsensein gehört auch, reflektiert in die Vergangenheit zu schauen und daraus zu lernen. Solche nostalgischen Rückblicke erleben wir zum Beispiel in Songs wie „Austauschbar“, „Schwarzes Licht“ oder „Jetzt“. Jinglehaft und unverschämt fröhlich tönt da beispielsweise „Austauschbar“, mit dem Wechselspiel von Flöten- und Klaviermelodie, ins Ohr. „Nichts ist nur ein Wort“, eine Zeile mit doppelter Bedeutung, so unauffällig genial, dass man es fast nicht bemerkt: „Nichts“ ist nur ein Wort, aber auch „Nichts ist NUR ein Wort“. Gehirnknoten. Schwarzes Loch. Wormhole. Vakuum. Tja.

    „Schwarzes Licht“, das Feature mit Larissa Pesch, beginnt mit einem (etwas) schwülstigen Orchesterintro, das mich ein wenig an die Filme erinnert, die ich mit meiner Oma im Vorabendprogramm im Ersten geschaut habe, wenn meine Eltern mal ins Kino wollten. Hier beschreiben die beiden Sänger:innen, wie Menschen sich leicht in festsitzenden Schemata verfangen können. Dass Zufriedenheit auch mit Sicherheiten zusammen hängt, die man ab und zu auf der Stelle bereit sein muss, aufzugeben.

    Jetzt muss man natürlich ein wenig aufpassen, was in Krämers Texten noch persönliche Empfindungen sind, und was schon Rollenprosa ist. Allerdings kommt es mir so vor, als wolle er mit diesem Album einige Kapitel in seinem Leben abschließen. So klingt dieses Album nämlich stellenweise so, wie die alten Singer-Songwriter-Solosachen von ihm, an anderer Stelle aber doch sehr viel moderner und irgendwie auch nach seiner jetzigen Band, der Eisenbahn. Vielleicht ein Goodbye an den Singer/Songwriter Moritz Krämer?

    Nimmt man sich beispielsweise das Stück „Rhythmus“ vor, das sicherlich auch einigen Bilderbuch-Fans gut gefallen wird, wird klar, in welche musikalische Richtung es wohl weitergehen wird. Da flowt sein Gesang im absoluten Einklang mit Schlagzeug und Bass und der Song macht seinem Titel alle Ehre.

    „Ich hab meinen Rhythmus, ich lauf in meinem Takt“

    Eine ziemlich simple, aber wahrheitsgemäße Selbsteinschätzung, wenn man sich seine Karriere einmal anschaut. Er ist sich treu geblieben, hat sich nicht verbogen und es niemandem recht machen wollen mit seiner Musik. Das ist in der Popmusik ja nicht immer so einfach, denn es geht zum einen darum, viele Menschen anzusprechen. Und zum anderen darum, nicht allzu beliebig daherzukommen. Ziemlich ironisch, dass gerade dieser Song 1.) auf einem Standard Blues Schema aufbaut und 2.) wie gesagt, irgendwie sehr an eine moderne, österreichische Indiepop Band erinnert. Und trotzdem ist es ein verdammt guter Song.

    Fazit

    „Die traurigen Hummer“ ist ab der ersten Sekunde ein Album zum Chillen. Es zieht den Stress aus dem Körper und öffnet ganz selbstverständlich die Rezeptoren, die die Ohren spitzen lassen. Und genaues Hören ist wichtig, um die Tiefe und Schönheit dieser Musik ganz aufnehmen zu können.
    Die Songtexte von Moritz Krämer sind für mich wie Ratschläge von den allerbesten Freunden. Sie lassen mich einen Moment lang zur Ruhe kommen, nehmen mir meine Selbstzweifel und muntern mich auf. Musikalisch serviert er uns die Mixtur aus dem jazzigem Folk seiner frühen Schaffensphase und dem mordernen, tanzbaren Indiepop, der zum Glück noch nicht durch den Mainstream-Radio-Fleischwolf gedreht wurde. Wenn ihr mal ne Pause braucht — spielt dieses Album.

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    Fotocredit: Max Zerrahn

  • Pink Lint mit „Ü“: Imperfektion in Perfektion

    Wenn ich Musik von Pink Lint höre, stelle ich mir immer eine futuristische Maschine vor, die ein ganzes Orchester auf einmal abspielen kann. Oder noch viel besser: Ein steampunkmäßiger, mechanischer Roboter mit einer großen Trommel auf dem Rücken und zahlreichen weiteren Instrumenten in seinen zahlreichen weiteren Armen. Denn was auf dem neuen Album „Ü“ so zu hören ist, ist gewaltig an Soundviellfalt und detailliert bis in alle Poren. Wie Oliver Burghardt alias Pink Lint das macht? Ich habe keine Ahnung! Und das ist absolut faszinierend.


    Wimmelbild

    Abreißen, Neubauen. Nach diesem Motto scheint der Berliner Musiker seine Musik zu konzipieren. So zerpflückt er beispielsweise bestehende Orchestersamples, Field Recordings und weitere Instrumentals und setzt sie, wie in einer Collage, wieder zusammen.

    Es gab mal eine Zeit in meinem Leben, da habe ich gerne mal ne Collage aus Partybildern, lustigen Sprüchen und Eintrittskarten gebastelt (macht das heute noch jemand?). Jedenfalls kam es dabei immer drauf an, diese Fetzen genau an den richtigen Stellen über- und untereinander zu verwursten, sodass es am Ende ein stimmiges Ganzes ergab. Gar nicht so leicht. Und erst geil, wenn es ganz fertig war.

    Ich stelle mir das genau so bei den musikalischen Collagen auf „Ü“ vor. Ich kann deswegen vorab eines mit Gewissheit sagen: Pink Lint und sein Produzent David Hoffmann müssen STUNDEN (Tage, Wochen) damit verbracht haben, nach Sounds und Samples zu graben, sie zu dekonstruieren und wieder neu zusammenzupappen. Und wenn es dann ganz fertig ist, wie jetzt, hat es eine krasse Fernwirkung und alle so „whoa!!!“.

    Die Texte auf „Ü“ suchen da eher den direkteren Weg und sind, um beim Bild zu bleiben, der Kleber, der die Collage zusammenhält. Insgesamt geht es wohl darum, verlorene Freiheiten wiederzuerlangen. Und wenn sie niemals da waren, selbstreflektiert an neuen Herangehensweisen zu arbeiten. Kurz gesagt: Pink Lint seziert seine Persönlichkeit und analysiert sein Verhalten in Bezug auf die zentrale Frage: Wo steht mir mein Ego im Weg? Völlig transparent, auf der Suche nach einem positiven Mindset. Denn ein „Ü“ ist ja schließlich auch ein lächelnder Buchstabe.


    Einhornballon

    Im Song „Bad Idea“ geht es um eine Form von Co-Abhängkeit in Beziehungen. Nicht immer schön, sowas. Klar, man sorgt sich halt manchmal. Will wissen was der*die andere so macht, wie es so geht. Und dann sorgt man sich vielleicht einmal zu oft. Offenbar kann dieses „Klammern“ ganz schön in den Wahnsinn treiben und führt im Song allmählich zur kompletten Selbstaufgabe. Musikalisch untermalt er das mit einem zunächst ziemlich undurchsichtigen Songschema. Kreuz und quer im Raum verteilte Streicherensembles und die immer mal hervorblickende Ukulele (ist doch ne Ukulele, oder?) sorgen für entsprechendes Chaos, das erstmal geordnet werden will.

    Pink Lint, Ü, Album, Anti Folk, Avantgarde Pop, Art Pop, Indie Folk, Folk, Pop, Review, Untoldency, Untold Music, New music friday, (c) Neven Allgeier

    Fleißigen UNTOLDENCY-Leser*innen dürfte der Track „Windhound“ auch schon bekannt vorkommen. Vor einiger Zeit konnten wir gemeinsam bei UNTOLDENCY die exklusive Videopremiere des Songs feiern (click here). Auch im Kontext des Albums funktioniert der Song super. Ziemlich selbstreflektiert schildert Pink Lint hier seine Bewunderung einer extrovertierten Persönlichkeit. Eine, die immer nur das macht, was sie will und damit prima durchs Leben kommt. Spontanität und „Fuck-Off“-Attitüde sind bei anderen Menschen oft bewundernswert und man selbst scheint daneben manchmal etwas lost unterzugehen.

    Um dem Überbegriff „Freiheit“ jetzt auch noch eine schöne Metapher zu verpassen, bedient sich Pink Lint auch weiterhin gerne in der Tierwelt. Den Windhund hatten wir ja jetzt schon, der durch seine schnelle und agile Art eigentlich ja schon so etwas wie Freiheit verkörpert. Noch besser können das aber? Vögel! In „Bird“ sind unsere gefiederten Freunde für mich das Sinnbild für Genügsamkeit und Frieden. Etwas, das im rasenden Alltag einfach oft fehlt, aber eigentlich doch immer greifbar nah ist. Die unsichtbare Hand auf unserer Schulter, die uns sagt: „Hey, alles gut, Mensch!“ Wie in einem ziemlich klassischen Folk Song begleitet sich Pink Lint anfangs nur mit Gitarre und föhnt uns mit seinem angenehmen Bariton die Härchen auf den Armen zu Berge. Der Autotuneeffekt im Refrain flasht mich wahrscheinlich so, wie der inhalierte Einhornballon auf der Kirmes es getan hätte:


    „let’s go to the fair
    buy a balloon unicorn and inhale it
    let’s get some weed and get high first
    take this seriously, please
    my day is wide open“

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    Times are strange

    „Happy Meals“ – das ist für mich der absolute Kracher auf dem Album. Spannungen bauen sich im Song auf und wieder ab. Dann immer wieder diese epischen Trommel-Fill-Ins. Dort ein paar Orchestral Hits, dann wieder nur Gesang mit Gitarre und leisem Synthesizer. Aufruhr – Abklingen, Aufruhr – Abklingen. Thematisch in den Lyrics auch; ist dieser Song vielleicht sogar ein politischer Song? Ich habe auf jeden Fall beim ersten Hören gestaunt, wie gut die Lyrics zu den aktuellen Debatten und Protesten, national und international, passen. Kaum waren sie da, sind sie auch wieder verschwunden. Und dann diese unglaublich gute Zeile:


    „we’re throwing happy meals at the establishment“


    Ähm? Wie geil? Das ist so ein wundervolles Bild. Ich seh’ mich auch direkt auf ’nem Scooter die fettdurchtrieften ghetto grocery bags gegen die Fassaden der Mächtigen werfen. Drive by, pow pow pow.
    Für mich jedenfalls steckt da allerdings noch einiges mehr hinter. Auf den ersten Blick wirkt diese „Waffe“ natürlich etwas harmlos und unbeholfen, auf den zweiten Blick öffnen sich meine Augen aber immer weiter. Denn in diesen „Happy Meals“ steckt quasi der komplette Kapitalismus, die Globalisierung, der perverse Fleischkonsum und damit die Zerstörung unserer Erde. Wow. Und das werfen wir den Verantwortlichen einfach wieder zurück vor die Füße.


    „it’s just how it is, they say,
    until it is no more“


    Damit bringt er im gleichen Text auch direkt ein viel gehörtes Gegenargument. Es ist halt wie es ist, und dabei bleibt’s! Hm, echt? Naja, jedenfalls bis zum nächsten trendenden #riot-Hashtag. Ein schöner Denkanstoß.

    „Mama sagt“ fügt sich nahtlos an und bildet auch thematisch eine schöne Ergänzung. Während ich mich bei „Happy Meals“ vielleicht gefragt habe, ob hier der Generationenkonflikt eine Rolle spielt, wenn es um Verantwortliche und Leidtragende aktueller und zukünftiger Probleme geht, liefert dieser Song eine mögliche Antwort. Auch weil der Song für sich genommen eigentlich etwas sehr unbeschwertes aussstrahlt — nämlich Mamas Rat zu folgen, eine fünf auch mal gerade sein zu lassen— wirkt er im Kontext einer ganzen Palette drohender globaler Katastrophen natürlich umso pikanter. „Times are strange“, das ist wahr. Und vielleicht ist jetzt auch nicht mehr so viel Zeit, die Füße hochzulegen.


    Rubrik: Okkultes

    Zwischendurch schielt dann auch immer mal wieder der Folk zwischen den vielen Schichten der Collage hervor. Generell würde ich sogar behaupten, die (Akustik-)Gitarre und Oliver Burghardts angenehm sanfte Stimme bilden das Grundgerüst in nahezu jedem Song. Auch wenn er selbst seine Musik vorzugsweise als Anti-Folk bezeichnet, sind die folkigen Singer-Songwriter Einflüsse nicht zu überhören. Verheimlichen muss er sie ja auch gar nicht, denn ein Song wie „Zoo Animal“ bietet eine angenehm straighte Abwechslung auf dem Album. Back to the roots, nur eine Gitarre und eine schöne Geschichte.

    Mit großen, stampfenden Schritten kommt gegen Ende „Sunbright Motel“ auf uns zu. Eine tiefe gestrichene Kontrabasssaite (glaub ich?), schwankend im Takt. Dachte direkt, das könnte auch der Soundtrack eines Tarantino-Westerns sein. Irgendwo weit hinten vermutet man leises Hufklappern und ein Schellenkranz scheppert im Takt, wie die Sporen an den Stiefeln. Insgesamt schon eher eine düstere Stimmung, die hier anklingt. Auch beim Blick in den Text gruselt’s mich schon etwas:


    „are they killing a goat everyday –
    at the the Sunbright Motel?“


    …ehhhä? Da musste ich dann mal kurz schlucken. What? Also auch inhaltlich ein Tarantino-Film? Okay, also noch mal hören. Dann noch mal lesen. Was will mir Pink Lint da mitteilen? Verpasse ich da irgendwie ne Metapher oder so?
    Ich habe dann beschlossen, „killing a goat meaning“ einfach mal zu googlen. Ich kann euch dazu vorab zwei Dinge sagen:

    • Tut das a) eurem Suchverlauf nicht an (wer weiß, wer das alles mitliest oder später mal schnell an eurem PC was googlen will)
    • und b) GEHT AUF KEINEN FALL AUF BILDER!

    Ich weiß zwar jetzt, wie eine Ziege richtig geschlachtet wird, eine bestimmte tiefere Bedeutung habe ich allerdings nicht gefunden. Außer die, die ich ohnehin schon vermutet hatte: Opferkult. Muhahahaha. (*Licht geht aus, Orgelmusik ertönt*)

    Pink Lint sagt selbst zu diesem Song:


    Das „Sunbright Motel” im Song ist für mich ein Last-Resort-Ort, in dem alles möglich und alles ok ist, egal wie abgefuckt man ist. Man ist eingeladen, Urschrei-artig auszurasten und zu lernen – so sehr, dass man die eigenen Grenzen kennen lernt.“

    Cool, dann passt das ja mit dem Opferkult ganz gut. Denn wenn im Sunbright Motel jeden verflixten Tag den Göttern eine Ziege geopfert wird, hat man dort offensichtlich viele Sünden zu büßen. Zwinker 😉

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    Zum Schluss geht auf „Ü“ aber noch mal richtig die Sonne auf! „Oh what a Day“ — Oh happy Day! Ein wahrhaftiges Lobpreislied. Denn zum Abschied soll hier mal ordentlich „Cheers!“ gebrüllt werden: Auf’s Leben! Keine Zeit mehr verschwenden! Nicht verrückt werden auf der Suche nach der Essenz des Lebens! Und, am allerwichtigsten, auch hin und wieder mal den Booty shaken. Eine ziemlich einfache Anleitung, bei der ab und zu tatsächlich die olle rosarote Brille nochmal etwas nachhelfen kann. Das selbstbetitelte „Gummiorchester“ (großartig!) umhüllt hier den zerbrechlichen Kern des Inhalts mit einer stoßfesten Schutzschicht.


    Fazit

    „Happy Accidents“, also kleine, ungewollte klangliche Zufälle, und das „Zulassen von Imperfektion“ haben, laut eigener Aussage, maßgeblich zum Sound von „Ü“ beigetragen. Und abschließend bleibt nur zu sagen, dass trotz tolerierter Ecken und Kanten am Schluss alles ziemlich perfekt für uns Hörer kuratiert wurde. Imperfektion in Perfektion. Die Bandbreite seiner Musik ist riesig und reicht von zärtlichen Chansons bis zu aufbrausenden, orchestralen Höhepunkten, nach denen uns allen die Ohren klingeln. Pink Lint ist ein Klangkünstler mit einem eigenen Museum. Dieses Museum heißt „Ü“ und Besuch ist Pflicht!

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    Fotocredit: Neven Allgeier, Marie-Luise Knauer

  • „If I can’t have love, I want power“: Halsey über negative Emotionen in der Schwangerschaft

    Am 7. Juli postet Halsey das Cover zu ihrem vierten Studioalbum If I Can’t Have Love, I Want Power und es wird schnell deutlich, dieses Album will und wird herausstechen. Auf einem goldenen, an Game of Thrones erinnernden Thron hält Halsey mit freier Brust und glänzender Krone ein Kind auf ihrem Schoß. Bevor auch nur ein Ton erklingt, räumt diese Inszenierung bereits mit dem gesellschaftlichen Sexualitätsbild der Frau als Mutter oder Hure auf. Power ist das Stichwort des Albums und wenn dieses Artwork nicht vor Macht strotzt, dann fällt mir auch nichts mehr ein. 

    Schwangerschaft als Inspiration

    Eins vorweg: Auf diesem Album gibt es wahnsinnig viel zu entdecken, auch ohne der größte Halsey Stan zu sein. Ausdrucksvolle Texte, anspruchsvolle Produktionen und szenische Visualisierungen. Die Sängerin, die vor kurzem Mutter geworden ist, beschreibt das am 27. August erschienene Konzeptalbum als Auseinandersetzung mit den Erlebnissen ihrer Schwangerschaft. Doch statt blumiger Pop Hits, erwartet uns ein überwiegend düsterer Sound. 

    Schuld daran sind die Produzenten Trent Reznor und Atticus Ross, auch bekannt als die insbesondere aus den 90ern bekannte Industrial Rockband Nine Inch Nails. Die in den letzten Jahren öffentlich eher durch Filmkompositionen aufgefallenen Musiker, hüllen das Album in eine cinematische Atmosphäre.

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    Dissonante Töne

    Mit „Tradition“ gibt der Einstieg des Albums direkt die folgende Klangästhetik vor. Ein scheinbar dissonantes Klavier umgarnt Halseys ausdrucksstarke Stimme. Das allein reicht, um die intensiven Emotionen spürbar zu machen. Insbesondere in der Bridge lässt die zweite Stimme den Schmerz beinahe greifbar werden. Auch thematisch führt das Lied in den Kosmos der Platte ein: Unabhängigkeit, Female Empowerment, Kritik an überholten Traditionen und die Befreiung des weiblichen Körpers als Projektionsfläche gesellschaftlicher Normen. 

    Der zweite Track „Bells in Santa Fe“ zieht einen noch weiter in den Sog der leicht depressiven Stimmung des Anfangs. Langsam baut sich eine Klangwelt aus elektronischen Sounds auf und mündet in gaaaaanz viel Distortion am Ende des Liedes (ps: ich liebe Distortion!). Zwei Album Songs später und es ist noch kein einziger Schlagzeug-Sound vorgekommen.

    Dafür beginnt „Easier than Lying“ kompromisslos mit einem einsamen, aber treibenden Schlagzeug. Hinzu kommt eine verzerrte Gitarre und endlich etabliert sich der schwere, punkige Rock Sound, mit dem sich das Produktionsteam als Nine Inch Nails einen Namen gemacht hat.


    Drei Welten

    Es sind genau diese drei Songs, die die drei Gesichter des Albums vorstellen. Halsey bedient sich im Folgenden beliebig an dem musikalischen Pool aus akustischen Elementen, elektronischen Kompositionen und einem klassischen Rock Sound. „Easier than Lying“, „You asked for this“, „honey“ und „The Lighthouse” sind klare Rocknummern, die die elektronische Welt ab und zu zart berühren. Während die filmreifen Akustikklänge nahtlos in die elektronischen Beats einfließen, laufen die Rocksongs etwas gesondert nebenher. 

    Durch dieses Phänomen erweckt das durchaus homogene Konzeptalbum ein wenig den Eindruck der Schizophrenie. Die verrückten elektronischen Klänge und die leicht schrägen Töne verstärken dieses Gefühl. Passend dazu geht mein persönliches Highlight „I’m a not woman, I’m a god” auf dieses Empfinden ein. Schon allein der Titel ist Statement genug, um damit das komplette Halsey-Merch bedrucken zu können. Auf einem treibenden, elektronischen 4-on-the-floor-Beat springt die Sängerin zwischen gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen und Mütter und persönlichen Empfindungen hin und her. Genau diese Emotionssprünge sind es, die das Album auch genre-technisch aufgreift.


    Livestream zum Album Release

    Kurz nach der Veröffentlichung konnten Fans einen Livestream (Zusammenschnitt) zum Album genießen. Auf Moment House performte eine hochschwangere Halsey 40 Minuten eine Auswahl von „If I Can’t Have Love, I Want Power“ und alten Hits. Und wer denkt, eine werdende Mutter würde größtenteils sitzend singen, liegt falsch. Halsey gab zum Teil blutverschmiert, zum Teil mit Honig übergossen kraftvoll (und mit nicen Mikrofon Moves) ihre Lieder zum Besten. Jeder Track wurde szenisch neu und vielfältig inszeniert. Dabei komplementierten die Szenenbilder die finstere und rebellische Stimmung des Albums, ob in rotem Strobo Licht, gefangen in einem Sarg oder in einem Brautkleid vor Flammenwerfern.

    Die inhatlichen Schwerpunkte des Albums ziehen sich auch hier durch die Visualisierungen. Die Zurückgewinnung der Autonomie über den weiblichen Körper und Female Empowerment werden unter anderem in der Darstellung Halseys Schwangerschaftsbauch deutlich. Auch ihre unrasierten Achselhöhlen und das Spiel mit Brautkleidern, hautengen Kostümen und Nacktheit schlägt in eine ähnliche Kerbe.

    Etwas schade, besonders für die Fans, ist das durchinszenierte Konzept der Livestream-Plattform. Statt eines echten Livestreams, in dem die Künstler*innen erlebbar werden, zahlen Fans für ein vorproduziertes Musikvideo.

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    Negative Emotionen als Ausnahme

    „If I Can’t Have Love, I Want Power“ sticht als Major-Label Album definitiv hervor. Auch wenn Rock langsam wieder in den Pop-Mainstream vordringt, ist die rebellische und zum Teil düstere Klangästhetik nicht die Regel. Spannend ist zudem die Auslegung der Gefühle rund um die Schwangerschaft der Sängerin. Während eine Katy Perry zur Zeit ihrer Schwangerschaft als blumige Göttin inszeniert wurde, setzt sich Halsey ebenso mit den negativen Emotionen ihrer Körperveränderung auseinander. Damit erweitert sie den Facettenreichtum der musikalischen Popkultur und setzt ein weiteres Zeichen für feministische Themen. 

    Aus meiner persönlichen Perspektive könnte ich mir noch mehr Hits vorstellen. Andererseits ist dies vermutlich das Los bei Konzeptalben. Sie funktionieren am besten, wenn man in ihre Klangwelt als Ganzes eintaucht.

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    Fotocredits: Lucas Garrido

  • Mavi Phoenix gibt mit „Leaving“ einen Vorgeschmack auf seinen neuen Sound

    Mavi Phoenix gibt mit „Leaving“ einen Vorgeschmack auf seinen neuen Sound

    Mavi Phoenix dürfte den aufmerksamen untoldency-Leser:innen bereits ein bekannter Name sein. Der österreichische Sänger hat im Frühjahr letzten Jahres sein Debütalbum „Boys Toys“ veröffentlicht. Anna’s Review zum Album findet ihr hier. Mit „Boys Toys“ eröffnete Mavi einen exklusiven Einblick in seine Gefühlswelt rund um die Gender-Identitätsfindung. Während das Album sehr geprägt ist von Trap-Beats, Cloud-Rap und R&B, kommt Mavi dieses Jahr mit einem neuen Sound daher. Die neueste Single „Leaving“ habe ich einmal genauer unter die Lupe genommen und versucht zu verstehen, was hinter dem neuen Sound steckt.

    Als im April – gut einem Jahr nach „Boys Toys“ – die Single „Grass And The Sun“ rauskam war mir direkt klar: Das ist ein neuer Mavi Phoenix Sound. Dieser neue Sound klingt nach Indiepop, Lo-Fi, Spuren von Folk und Rock. Also ein ziemlicher Kontrast zu den alten Songs von Mavi. Das kommt allerdings nicht von ungefähr. Der 26-jährige Österreicher möchte mit „Leaving“ eine neue Richtung vorgeben und macht deutlich: So will er ab jetzt klingen.

    the new main indie pop boy

    Passenderweise kommentiert er dazu in einer Insta-Story: „On my way to become a main indie pop boy“. Als Marlon, wie Mavi mit bürgerlichem Namen heißt, Anfang September den Amadeus Austria Music Award in der Kategorie Urban/Hip-Hop gewinnt, freut er sich natürlich total, betont aber im gleichen Atemzug, dass er sich dem Alternative/Indie-Genre zugehörig fühlt. Wem das immer noch nicht deutlich genug war: Mavi Phoenix macht jetzt Indie Pop Musik.

    Kommen wir jetzt aber mal zu „Leaving“. Beim ersten Hören musste ich direkt erstmal stutzen: Kommt mir der Anfang nicht bekannt vor? Für mich klingen die ersten paar Akkorde wie eine Akustikgitarrenversion von „Nothing Good“, der zweiten Single von Mavi in 2021. Da ich den Song aber auch schon ziemlich gefeiert habe, stört mich das nicht weiter. Ansonsten klingt Mavi in „Leaving“ ungewohnt ruhig. Der Song baut sich langsam auf und die Gitarre wird immer mehr unterstützt.  

    „Ich wusste gleich, dass dieser Song etwas Besonderes ist. Das könnte der beste Song sein, den ich je geschrieben habe.“

    Leaving“ ist letztes Jahr entstanden – also mitten in einer Zeit, die geprägt von Ungewissheit, Abwarten und einer Menge Selbstreflexion war. Mavi sieht den Song daher als eine Art Neuerfindung seiner Musik. „Ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr ich mich über die Veröffentlichung des Songs freue, denn er hat mich nach einer schwierigen Phase wieder an mich, als Künstler glauben lassen“,erklärt Mavi.

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    Das Musikvideo zu „Leaving“ kommt in minimalistischer schwarz-weiß Ästhetik daher. Die Aufmerksamkeit soll auf der Musik liegen. Mavi selbst ist immer eher klein zu sehen und wirkt etwas verloren in der „großen“ Welt – meiner Meinung nach sehr passend zu den Lyrics.

    It’s the same old story for us all. When you love someone and they just don’t.“ 

    Diese Zeile aus dem Song fasst den Kern des Songs ganz gut zusammen und lässt wahrscheinlich auch ziemlich viele ganz gut mit ihm identifizieren. Den Rückschlag einer nichterwiderten Liebe zu verkraften ist nicht einfach, aber in „Leaving“ verarbeitet Mavi dieses Gefühl und findet den Weg zurück in ein ausgeglichenes Selbstwertgefühl. „Ich bin zu der befreienden Erkenntnis gekommen, dass man die Kontrolle über sein Leben und seine Gefühlswelt wiedererlangen kann, indem man Situationen, Menschen und/oder andere Dinge die schlecht für einen sind einfach verlässt,“ sagt Mavi.

    Ende Juli hat der österreichische Künstler ein Video auf YouTube gepostet, wo er die Entwicklung seiner Stimme festgehalten hat nachdem er ein Jahr lang Testosteron nimmt und man merkt einfach total, wie er im Laufe deutlich glücklicher wirkt und sich wohler fühlt mit seiner Stimme und auch in seinem Körper. Zusammen mit der Message hinter „Leaving“ macht es mich ebenfalls sehr glücklich zu sehen, wie Mavi zu sich selbst findet.

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    Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt, was von Mavi Phoenix als nächstes kommt und bin ziemlich gehyped auf den neuen Indie Pop Sound. Für mich bleibt Mavi trotz veränderten Klang weiterhin ein super interessanter Künstler, der einfach mehr Aufmerksamkeit verdient. Wenn ihr also den neuen Song „Leaving“ noch nicht gehört habt, dann könnt ihr das jetzt hier mal ganz schnell nachholen:

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    Fotocredit: Randy Kambodscha