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“If I can’t have love, I want power”: Halsey über negative Emotionen in der Schwangerschaft

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Am 7. Juli postet Halsey das Cover zu ihrem vierten Studioalbum If I Can’t Have Love, I Want Power und es wird schnell deutlich, dieses Album will und wird herausstechen. Auf einem goldenen, an Game of Thrones erinnernden Thron hält Halsey mit freier Brust und glänzender Krone ein Kind auf ihrem Schoß. Bevor auch nur ein Ton erklingt, räumt diese Inszenierung bereits mit dem gesellschaftlichen Sexualitätsbild der Frau als Mutter oder Hure auf. Power ist das Stichwort des Albums und wenn dieses Artwork nicht vor Macht strotzt, dann fällt mir auch nichts mehr ein. 

Schwangerschaft als Inspiration

Eins vorweg: Auf diesem Album gibt es wahnsinnig viel zu entdecken, auch ohne der größte Halsey Stan zu sein. Ausdrucksvolle Texte, anspruchsvolle Produktionen und szenische Visualisierungen. Die Sängerin, die vor kurzem Mutter geworden ist, beschreibt das am 27. August erschienene Konzeptalbum als Auseinandersetzung mit den Erlebnissen ihrer Schwangerschaft. Doch statt blumiger Pop Hits, erwartet uns ein überwiegend düsterer Sound. 

Schuld daran sind die Produzenten Trent Reznor und Atticus Ross, auch bekannt als die insbesondere aus den 90ern bekannte Industrial Rockband Nine Inch Nails. Die in den letzten Jahren öffentlich eher durch Filmkompositionen aufgefallenen Musiker, hüllen das Album in eine cinematische Atmosphäre.

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Dissonante Töne

Mit „Tradition“ gibt der Einstieg des Albums direkt die folgende Klangästhetik vor. Ein scheinbar dissonantes Klavier umgarnt Halseys ausdrucksstarke Stimme. Das allein reicht, um die intensiven Emotionen spürbar zu machen. Insbesondere in der Bridge lässt die zweite Stimme den Schmerz beinahe greifbar werden. Auch thematisch führt das Lied in den Kosmos der Platte ein: Unabhängigkeit, Female Empowerment, Kritik an überholten Traditionen und die Befreiung des weiblichen Körpers als Projektionsfläche gesellschaftlicher Normen. 

Der zweite Track „Bells in Santa Fe“ zieht einen noch weiter in den Sog der leicht depressiven Stimmung des Anfangs. Langsam baut sich eine Klangwelt aus elektronischen Sounds auf und mündet in gaaaaanz viel Distortion am Ende des Liedes (ps: ich liebe Distortion!). Zwei Album Songs später und es ist noch kein einziger Schlagzeug-Sound vorgekommen.

Dafür beginnt „Easier than Lying“ kompromisslos mit einem einsamen, aber treibenden Schlagzeug. Hinzu kommt eine verzerrte Gitarre und endlich etabliert sich der schwere, punkige Rock Sound, mit dem sich das Produktionsteam als Nine Inch Nails einen Namen gemacht hat.


Drei Welten

Es sind genau diese drei Songs, die die drei Gesichter des Albums vorstellen. Halsey bedient sich im Folgenden beliebig an dem musikalischen Pool aus akustischen Elementen, elektronischen Kompositionen und einem klassischen Rock Sound. „Easier than Lying“, „You asked for this“, „honey“ und „The Lighthouse” sind klare Rocknummern, die die elektronische Welt ab und zu zart berühren. Während die filmreifen Akustikklänge nahtlos in die elektronischen Beats einfließen, laufen die Rocksongs etwas gesondert nebenher. 

Durch dieses Phänomen erweckt das durchaus homogene Konzeptalbum ein wenig den Eindruck der Schizophrenie. Die verrückten elektronischen Klänge und die leicht schrägen Töne verstärken dieses Gefühl. Passend dazu geht mein persönliches Highlight „I’m a not woman, I’m a god” auf dieses Empfinden ein. Schon allein der Titel ist Statement genug, um damit das komplette Halsey-Merch bedrucken zu können. Auf einem treibenden, elektronischen 4-on-the-floor-Beat springt die Sängerin zwischen gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen und Mütter und persönlichen Empfindungen hin und her. Genau diese Emotionssprünge sind es, die das Album auch genre-technisch aufgreift.


Livestream zum Album Release

Kurz nach der Veröffentlichung konnten Fans einen Livestream (Zusammenschnitt) zum Album genießen. Auf Moment House performte eine hochschwangere Halsey 40 Minuten eine Auswahl von „If I Can’t Have Love, I Want Power“ und alten Hits. Und wer denkt, eine werdende Mutter würde größtenteils sitzend singen, liegt falsch. Halsey gab zum Teil blutverschmiert, zum Teil mit Honig übergossen kraftvoll (und mit nicen Mikrofon Moves) ihre Lieder zum Besten. Jeder Track wurde szenisch neu und vielfältig inszeniert. Dabei komplementierten die Szenenbilder die finstere und rebellische Stimmung des Albums, ob in rotem Strobo Licht, gefangen in einem Sarg oder in einem Brautkleid vor Flammenwerfern.

Die inhatlichen Schwerpunkte des Albums ziehen sich auch hier durch die Visualisierungen. Die Zurückgewinnung der Autonomie über den weiblichen Körper und Female Empowerment werden unter anderem in der Darstellung Halseys Schwangerschaftsbauch deutlich. Auch ihre unrasierten Achselhöhlen und das Spiel mit Brautkleidern, hautengen Kostümen und Nacktheit schlägt in eine ähnliche Kerbe.

Etwas schade, besonders für die Fans, ist das durchinszenierte Konzept der Livestream-Plattform. Statt eines echten Livestreams, in dem die Künstler*innen erlebbar werden, zahlen Fans für ein vorproduziertes Musikvideo.


Negative Emotionen als Ausnahme

„If I Can’t Have Love, I Want Power“ sticht als Major-Label Album definitiv hervor. Auch wenn Rock langsam wieder in den Pop-Mainstream vordringt, ist die rebellische und zum Teil düstere Klangästhetik nicht die Regel. Spannend ist zudem die Auslegung der Gefühle rund um die Schwangerschaft der Sängerin. Während eine Katy Perry zur Zeit ihrer Schwangerschaft als blumige Göttin inszeniert wurde, setzt sich Halsey ebenso mit den negativen Emotionen ihrer Körperveränderung auseinander. Damit erweitert sie den Facettenreichtum der musikalischen Popkultur und setzt ein weiteres Zeichen für feministische Themen. 

Aus meiner persönlichen Perspektive könnte ich mir noch mehr Hits vorstellen. Andererseits ist dies vermutlich das Los bei Konzeptalben. Sie funktionieren am besten, wenn man in ihre Klangwelt als Ganzes eintaucht.

Fotocredits: Lucas Garrido

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