Autor: Lucas

  • Ein Abend voller Energie und Ehrlichkeit: So war Little Simz am 23.09.2025 in Berlin

    Florin und Mei, Schüler*innen der Evangelische Schule Berlin Zentrum, berichten von ihrem Konzertabend mit Little Simz.

    Am 23. September 2025 bringt Little Simz beim Tourauftakt im Berliner Velodrom die Wände zum Beben. Die Rapperin aus Nordlondon ist bekannt für ihren intelligenten, ehrlichen und oft politischen Rap – und genau das spürt man von der ersten Sekunde an. Rund 9.000 Fans haben sich versammelt, voller Vorfreude auf eine Künstlerin, die live so echt wirkt wie auf ihren Alben.

    Der Auftakt – Energie ab der ersten Sekunde

    Noch bevor sie die Bühne betritt, erscheinen auf den großen Leinwänden Bilder aus ihrer Kindheit – kleine Little Simz mit ihrer Familie. Als der Vorhang fällt, beginnt sie sofort mit voller Energie und dem Song „Thief“. Sie trägt ein Tuch um den Kopf, eine Sonnenbrille und tanzt zu jedem Schlag, den ihre vierköpfige Band spielt. Das Publikum ist sofort gefesselt.

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    Tourauftakt

    Passend zu ihrem neuen Album „Lotus“ steht Little Simz mit ihrer Vierköpfigen Band in einer riesigen, leuchtenden Lotusblüte. Ihre Band besteht aus einer Bassistin, einem Schlagzeuger, einem Gitarristen und einem Pianisten. Die Blüte erblüht im Laufe der Show in den verschiedensten Farben. Es ist ein starkes Bild – die Blume als Symbol für Wachstum, Kraft und Erneuerung.

    Eine von uns

    Zwischendurch verlässt sie die Bühne, geht mitten durch die Menge, umgeben von Security, und performt danach weiter, als wäre nichts gewesen. Diese Nähe zum Publikum wirkt nicht geplant, sondern echt – als wolle sie sagen: Ich bin eine von euch. Sie zeigt verschiedenste Emotionen. Ob Freude, Wut oder Unsicherheit ist egal, sie wirkt natürlich wie ich und du.

    Eine Reise durch die Musik

    Die Setlist ist abwechslungsreich gestaltet: Zu Beginn stehen vor allem Rap-Songs auf dem Programm, bevor sie mit Hits wie „I Love You, I Hate You“ und „Point and Kill“ das Publikum begeistert. Plötzlich übernimmt Little Simz selbst das DJ-Pult und ruft: „Berlin, gehen wir in den Club!“  Little Simz rappt und legt gleichzeitig auf – ein Moment, der zeigt, wie vielseitig sie als Musikerin ist. Ihre Performance bewegt sich zwischen lyrischem Rap, Afrobeats, energiegeladenen Tracks, Soul, orchestralen Sounds und Funk. Jeder Song hat seine eigene Stimmung, und doch fügt sich alles zu einem großen Ganzen zusammen.

    Die Kraft der Ehrlichkeit

    Auf einmal folgt ein starker Wechsel zu ihren emotionaleren Songs. Sie erklärt, dass es ihr manchmal unangenehm ist, so persönliche Stücke zu teilen und singt über Schreibblockaden, Liebe, Freundschaft und Krieg und betont, wie wichtig es ist, sich selbst zu lieben. Sie spricht offen über Zweifel und Dankbarkeit und bedankt sich ehrlich bei jedem Menschen, der sie unterstützt. Im Publikum tanzen viele, andere wischen sich zwischendurch Tränen aus den Augen – es ist ein ständiges Auf und Ab der Emotionen.

    Zum Abschluss performt sie mit „Gorilla“ ihren größten und bekanntesten Hit auf die Bühne, der das Konzert eindrucksvoll abrundet.

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    Musik die ins Herz geht

    Das Konzert hat uns sehr beeindruckt, aber nicht überrascht. Es ist klar zu erkennen, dass sich Little Simz viel von Künstlerinnen wie Missy Elliott und Lauryn Hill inspirieren lassen hat.

    Sie hat das Publikum vom ersten Moment an in ihren Bann gezogen. Ihre Texte bestehen aus einer kraftvollen Mischung aus Emotionen und politischen Aussagen. In jedem Song gibt es mindestens eine Stelle, an der Little Simz das Publikum zum Mitsingen animiert und alle Zuschauer*innen machen mit. Sehr berührend, eine so erfolgreiche Rapperin auf der Bühne zu sehen, die so offen und eindringlich über Politik, familiäre Hintergründe, Freundschaft und Liebe rappt. Diese Ehrlichkeit und Tiefe hinterlässt ein seltenes Gefühl von Intimität.

    Am Ende bleibt ein starkes Gefühl: Little Simz hat nicht nur eine Show gespielt, sondern eine Verbindung geschaffen.

    Wir hatten einen intensiven Abend – voller Power, Ehrlichkeit und Musik, die direkt ins Herz ging. Besonders beeindruckt hat uns die Band, die Texte und das Bühnenbild, das perfekt zu ihrer Botschaft passte. Zwei Stunden sind lang, unsere Körper tut weh und textsicher waren wir auch nicht – aber jede Minute hat sich gelohnt. Es war ein Konzert, das noch lange nachklingt.

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  • Levin Liam macht auf „gesicht verlieren“ die Kunst zur Priorität

    gesicht verlieren – Levin Liam sticht auf seinem neuen Album noch tiefer in seine Wunden, um die Splitter herauszuholen, die die Oberfläche schon lange nicht mehr gesehen haben. Auf 11 Tracks offenbart der Hamburger Artist alles, was sich an Emotionen angestaut zu haben scheint und reißt uns musikalisch in eine Hypnose, der wir erst entkommen, wenn der letzte Song die Wut im Bauch weckt.

    Träumen am akustischen Kaminfeuer

    Im langsamen 3er-Takt tanzt der erste Song „verseucht“ das Album ein, ehe das wohl am meisten nach Kaminfeuerstimmung-klingende Instrument der Erde „nicht mehr“ einleitet – ein Rhodes Piano lässt hauchzart die ersten Melodien einschweben, bis Levin Liam in Kopfstimme das erste Mal unser Herz packt und es einen Moment zu lang stillstehen lässt. Während der warme Piano Sound sich im Kreise dreht, wärmt erst ein Kontrabass die Tiefen, bevor Streicher und weitere Synthklänge die Höhen ausmalen. Den Höhepunkt erreicht dieser Song zum stundenlangen Träumen in einem Gitarrensolo, das sich zu keinem Zeitpunkt aufdrängt. Dieser Song braucht so wenig, um so groß zu sein.

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    Signature Sound: Gitarrensolo

    „rauch“ treibt etwas mehr nach vorne durch die rhythmischen Claps und knüpft gleichzeitig nahtlos an. Erneut sind es warme, sich wiederholende Keys, die die Stimmung etablieren und die durch verschiedene musikalische Elemente komplementiert werden. Leichte Chöre wehen ab und zu im Hintergrund, ein sanfter Shaker unterstützt den Groove und Streicher füllen die Breite. Wodurch kann dieser Song am besten abgerundet werden? Korrekt, mit einem Gitarrensolo!

    Das perfekte Maß an Kitsch

    Es sind weiterhin Keys, über die Levin Liam seine Zeilen legt, wenn der nächste Song erklingt. „leben lang“bleibt dem Minimalismus treu und unterstreicht, was wichtig ist: lyrische Bilder in Form von Melodien, die mit uns zum Mond fliegen und viel weiter.

    „ich guck‘ wieder an die decke vom hotel
    ich mach‘ die augen zu,
    trotzdem seh‘ ich die welt“
    („leben lang“)

    Irgendwie geht dann am Ende alles auf. Harmonien begleiten die Vocals, Streicher stützen die Gesangsmelodien und eine zurückhaltende Conga hält uns in der Spur. Ich dachte, ich würde Kitsch nicht lange aushalten können, aber ich liebe jede Sekunde. Gib mir mehr davon.

    Unser Lieblingsproducer-Duo

    „trauen“ holt für uns eine Lieblingskombo zurück. Die Gitarren sagen uns gefühlvoll: unser aller Lieblingsproduzent Cato ist da! Das Duo, das uns auf der EP „vergiss mich nicht zu schnell“ bereits musikalisch die Augen geöffnet hat, verzaubert erneut. Intim besingt Levin Liam Unsicherheiten des Commitments, während unaufdringliche Vocal Samples und gedämpfte Drums die Stimme behutsam begleiten. Aus dem nichts wird der Song dann ganz groß, sobald das Gitarrensolo einsetzt, das kurz aufblüht, sich dann aber schnell wieder zurücknimmt. Und jedes Mal, wenn man denkt, schöner kann es nicht werden, kommt der nächste Track. „auf den“ nimmt überraschend Tempo auf, ohne an Sentimentalität zu verlieren. Und weil langsam die Worte fehlen, um die klangliche Emotionalität immer und immer wieder zu beschreiben, kommt hier der Tipp: selbst anhören!

    „ausschlafen und rausgehen
    paar gedanken aufnehmen
    ich glaub, das muss ein truam sein
    wie soll das doch alles augehen?
    frust, liebe, träume, wünsche, freunde, feine
    auf den
    wenn das ein truam ist
    dann willl ich nie wieder aufstehen“
    („auf den“)

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    Von der Ballade zum Disstrack

    Fifty Shades of Pain. Levin Liam zeichnet so viele verschieden Nuancen der Melancholie, dass wir überfordert sind von all den neuen Gefühlen, die wir zuvor noch nie ernsthaft spürten. „nicht alles“ reiht sich dabei in die Trauer der zuvor beschriebenen Songs ein, während uns „such mit mir“ und „als wär alles normal“hoffnungsvoller stimmen. Das liegt an der Dankbarkeit, die der Artist der Liebe und seinem Leben als stetig erfolgreicher werdender Künstler entgegenbringt. Diese Dankbarkeit mündet zuletzt in Hochmut, die Levin Liam in der Disziplin des klassischen Rappers genauso gut bedienen kann, wie die sonst so tief emotionale Seite des Artists. Auf „aufwachen“ liefert Levin Liam zusammen mit reezy einen klassischen Hip Hop Banger, ohne klassisch nach Hip Hop Banger zu klingen und schafft es auch hier, den Olymp scheinbar mühelos zu ersteigen. Keine Ahnung wie er es macht, aber er macht es richtig! 

    Hoffnung auf mehr

    Vergangene Alben und EPs von Levin Liam waren vor allem dann besonders gut, wenn sein musikalisches Team das beständig war. Seine EPs mit Cato oder Miksu/Macloud sind dafür gute Beispiele. Dass es Levin Liam auf seinem neuen Album schafft, als Executive Producer und Artist verschiedene Kreative zu einem Ganzen zu vereinen, ist ein Fortschritt, der sein künstlerisches Wachsen beweist. Dieses Album ist leise und laut zugleich, weil es Maßstäbe setzt und die Kunst zur Priorität macht, während gleichzeitig die großen Hallen auf ihn warten. Die Hoffnung guter deutscher Musik ist kein anderer als Levin Liam!

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  • Oehl im Interview: »Zu lieben in jeder Facette ist ein Risiko«

    Ein Ausdruck von Zuneigung und spätestens seit Shirin David fester Bestandteil der Jugendsprache – „lieben wir“ heißt das zuletzt veröffentlichte Album des österreichischen Musikers Oehl, das die Liebe zum Leitmotiv macht und uns musikalisch umarmt, bis wir uns nicht mehr ganz sicher sind – Ist das aufsteigendes Fieber oder haben wir uns gerade frisch verliebt?

    Im Interview sprechen wir über den vergangenen Konzertabend in Berlin, Lieblingsfarben, lange Songtitel und warum „Grower“ die besseren Songs sind. Lieben wir!

    Oehl im Interview

    Lucas: Ich habe es leider verpasst, als ihr letztens in Berlin wart, wollte aber eigentlich unbedingt kommen, weil ich im letzten Jahr bei deinem Konzert in Berlin war und das als eines meiner schönsten Konzerte des letzten Jahres abgespeichert habe, weil ich die Stimmung so schön fand. Das war im Franz Club. Wie hast du das Konzert in Erinnerung?

    Oehl: Das war echt schön. Frannz Club war gut, wir waren jetzt im Säälchen und ich fand das eigentlich die perfekte Location.

    Lucas: Weshalb?

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    Oehl: Es ist ein Neubau, aber sie haben sich redlich bemüht, dass der ganze Vibe von diesem Areal nicht so wie ein Neubau wirkt, sondern gewachsen, auch das Gebäude selber. Es ist akustisch sehr toll, es hat eine Größe, es ist sehr hoch, es hat eine Galerie, also man kann oben stehen, unten stehen. Es hat eine Größe von der Wirkung her, aber auch mit weniger Leuten würde es funktionieren. Bei uns war es voll, aber ich glaube, es ist eine gute, dynamische Location, die auch frei steht. Und ich liebe das ja, wenn Häuser freistehen, wenn man von allen Seiten quasi reingehen kann. Du kannst ebenerdig rein, es ist sehr luftig und es vibed irgendwie Ballsaal, obwohl es ein Neubau ist. Und das finde ich, ist eine Kunst architektonisch. 

    Lucas: Jetzt beschreibst du vor allem das Gebäude. Hast du einen Unterschied wahrgenommen zwischen der Stimmung im Frannz Klub war und jetzt im Säälchen?

    Oehl: Ich glaube, als wir im Frannz Club gespielt haben, war es Weihnachtszeit. Kann das sein? Und dementsprechend war davor so ein Weihnachtsmarkt auf diesem Areal und jetzt haben wir halt Frühling. Das heißt jetzt hatten wir noch Leute draußen sitzen vor dem Konzert auf der Straße mit ihrem Bier oder haben gerade was gegessen. Und es ist so diese wir-können-draußen-sein-und-hängen-ab-Stimmung im Vergleich zum Weihnachtsmarkt, was auch anders ist. In der Weihnachtszeit erwarten die Leute immer ein bisschen mehr Besinnlichkeit. 

    Ehrlicherweise funktionieren unsere Konzerte auf Tour immer sehr gut und es sind nicht alle Leute sehr auf eine andere Art beseelt, würde ich sagen. Es gehen immer alle recht mit. Und die Dynamik? Ich glaube, es ist halbwegs gelungen, dass wir so ein Programm machen, was von der Dramaturgie ganz gut funktioniert. Ich finde ja immer, dass Konzerte nicht nur die Songs sind und die Performance, sondern auch wie man den Bogen schafft und was man rundherum erzählt. Und das ist dieses Mal ganz gut gelungen, finde ich. Ich meine, im Frannz Club hatten wir auch eine Art von Dramaturgie, falls dir das in Erinnerung ist, einfach wie wir die Show strukturieren, wo wir Lachmomente setzen oder wann es auch ein bisschen traurig wird. Und das haben wir diesmal, glaube ich, nochmal ein bisschen verstärkt. Diese Gedanken mache ich mir eigentlich ganz gerne. 

    „Ich glaube, es gibt keine Jahreszeit, in der das Thema des lieben üben nicht relevant ist“

    Lucas: Du sprichst gerade auch die Jahreszeit an, als die Konzerte stattfanden. Inwiefern würdest du sagen, dass dein beziehungsweise euer neues Album vielleicht auch zu der aktuellen Jahreszeit passt, Anfang Frühling?

    Oehl: Ich glaube, es gibt keine Jahreszeit, in der das Thema des lieben üben nicht relevant ist. Und gerade im Frühling fällt es vielleicht leichter, weil dann öffnet man sich wieder und kommt aus der Winterdepression raus. Aber ich halte es eigentlich für die falsche Frage, weil es ja gerade Ende November oder vielleicht Anfang Januar, wo man irgendwie triste ist und die Welt noch sehr grau ausschaut, Musik braucht, die einem nicht diese triste Welt spiegelt. Also ich glaube, das ist auch ein bisschen für mich ein Thema auf dem Album. „Keine Blumen“ ist ja doch irgendwie ein Abschiedsalbum auf eine Art und es ist doch irgendwie sehr traurig von den Texten her und nimmt sich so politischen Dingen an und ist dann auch noch ein bisschen persönlicher. Und auf „lieben wir“ dachte ich so – Boah, ich glaube, ich brauche nicht noch ein Album, wo mir jemand von Selbstzweifeln und Depressionen oder von der gespaltenen Gesellschaft erzählt.

    Ich sehne mich halt einfach nach einem Album, das so sagt – Hey, nehmen wir uns an der Hand, stellen wir uns im Kreis und haben uns lieb, so dumm es klingt. Und natürlich ist das nicht trivial und natürlich auch nicht einfach, weil ein Album, das genauso klingt, wird nach zwei Songs langweilig. Dann klingt es halt so wie triviale Hippiemusik oder so. Deswegen hat dieses Thema Lieben schon ein bisschen so einen gesellschaftlichen Anspruch auch.

    Lucas: Darf ich dich fragen, ob du eine Lieblingsfarbe hast und wenn ja, welche? 

    Oehl: Momentan ist es natürlich rot, weil auf dem Album sehr viel rot passiert und ich habe mir vorgenommen, jeden Tag irgendetwas Rotes zu tragen und ich glaube, ich ziehe es auch durch. Es ist dann manchmal nur so ein Halstuch oder Socken oder ein Cap. Das gibt mir eine gute Laune und Ich kriege gutes Feedback. Ich würde sagen rot als Lieblignsfarbe: Ja! Also ich habe ganz viel blaue Sachen in der Wohnung. Die habe ich aber eingerichtet, als das letzte Album dran war und das war blau. Muss ich jetzt umsatteln auf rote Sachen? Also, ich habe tatsächlich viele blaue Dinge im Zimmer hier. 

    Lucas: Würdest du sagen, es war erst die Farbe rot da oder erst das Album? Hat die Farbe das Album geprägt oder ist die Farbe aus dem Album heraus entstanden?

    Oehl: Ich glaube, die Sachen sind gleichzeitig entstanden, weil ich habe ja kein Album geschrieben, das „Liebe“ heißt, sondern ich habe halt Songs geschrieben. Ich schreibe irgendiwe immer Songs und irgendwann hab ich gedacht – was ist denn so eine verbindende Klammer von vielen Songs, die schon da sind? Gerade mit einem Song wie „I Love You“ oder „In diesem Jahr reden wir nur gut voneinander“ – das sind schon Themen, die zwangsläufig mit zwischenmenschlicher Liebe zu tun haben.

    Und dann war ich gerade in Berlin Mitte spazieren, weil ich irgendwas abholen musste vom Shop, was es nur dort gibt. Das mache ich dann einmal im Jahr und ich kann mich erinnern, dass ich mir immer sehr viel auch über visuelle Themen Gedanken mache. Und ich dachte, wenn das jetzt ein Liebesalbum ist, wie kann man das visuell erzählen? Dann war ich so – perfekt, es muss einfach in jedem Video irgendetwas Rotes vorkommen und dann ist es erzählt. Also wie ein roter Faden, der sich durchzieht. Das war für mich, glaube ich, das Rot, mehr als das Konzept. Und es ist auch praktischer. Wenn du sagst, dein Thema ist schwarz und du hast in jedem Video oder Foto, das du machst, etwas Schwarzes – es wird dir nicht auffallen. Es wird auch etwas Blaues nicht auffallen. Aber neongrün oder starkes Rot in jedem Foto erkennst du, du spürst das.

    Ich glaube, mein erster Ansatz war auch, ein Cover zu machen, das so ein bisschen „brat“ (Charli XCX) ist. Also im Sinne von einer starken Farbe und dann Text drauf. Aber ich fand das dann ein bisschen zu wannabe auch so konzeptionell zu sein. Dachte ich so, irgendwie hätte ich dann trotzdem gerne ein bisschen ein fühligeres Cover. Also tatsächlich habe ich auch viele Covers gemacht mit meinem besten Freund, Fotograf und mit meiner Stylistin. Und es wurde dann das Cover. Weil alle Leute, die ich in meinem Umfeld gefragt habe, gesagt haben, es gefallen ihnen die anderen teilweise besser, aber das ist irgendwie emotionaler und sie können es gar nicht einordnen. Also rein nach logischen Gesichtspunkten ist das nicht Ihr Lieblingscover. Sie finden es ganz schön, aber emotional macht es was mit ihnen. Das fand ich dann irgendwie einen guten Punkt.

    Das mag ich auch an diesem Konzept nicht, dass das Konzept halt ein Konzept ist und es bleibt ein Konzept. Die neue Platte von Bon Iver versucht ja auch so stark „brat“ zu sein mit diesem Quadrat auf diesem Millennial Pink von 2019. Das will halt irgendwie ganz viel. Dann dachte ich, nehmen wir ein Foto, das emotional was macht, aber nicht in die Fresse sagt: das ist es und du musst jetzt mein Konzept hier – sei geil dabei.

    Es ist eher so ein Gefühl und entweder du fühlst oder du fühlst es nicht, ist auch okay. Und natürlich ist es auch eine Umarmung auf dem Cover, wie es auch schon 2020 mal gab bei einer EP und das fand ich irgendwie auch ganz schön, diese Motive wiederkehren zu lassen. Ja, also. Also die Farbe Rot hat sich dann doch ziemlich entwickelt, zum Cover zum Beispiel.

    „Diese Grower auch als Beweis, dass Musik nicht immer über Playlists funktionieren muss“
    Oehl, Tim Cavadini, Interview, Album, Lieben wir, Konzert, Untoldency, online Blog, Music

    Lucas: Das klingt alles sehr plausibel. Ich habe dich ursprünglich mit „Keine Blumen“ entdeckt. Und seitdem ist es so, dass immer wenn ich neue Songs höre, ich kurz denke. Es überzeugt mich beim ersten Hören nicht so sehr wie ältere Tracks. Und dann weiß ich mittlerweile, dass ich noch ein, zwei Mal reinhören muss bis alles so langsam aufgeht. Ein bisschen auch wie eine Blume, die langsam aufblüht, spüre ich allmählich den Gehalt der Songs und verliebe mich dann immer doller. Mittlerweile höre ich deine aktuelle Platte und habe das Gefühl, jeder Song ist ein Ohrwurm, der nicht aus meinem Kopf rausgehen will. Ist es dir lieber, dass deine Songs Grower sind, die Zeit brauchen, um anzukommen? Oder Hits, die sofort bei den Zuhörenden ankommen.

    Oehl: Ich glaube, es ist auch wieder die falsche Frage, weil im Endeffekt wünsche ich mir, dass ich Musik machen kann, wie sie gerade rauskommt und wenn ich sie nicht konstruieren muss, sondern wenn ich sie einfach intuitiv mache und sie auch mir authentisch entspricht. Dann sind es einfach eher Grower. Ich glaube, weil ich selber auch Musik höre, die sich einfach beim ersten oder zweiten Mal nicht erschließt, die man paar Mal hören muss – also aus meiner eigenen Hörgewohnheit. Insofern wünsche ich mir von mir, dass ich zulassen kann, nicht an einem Beat so lange zu schrauben, bis ich das Gefühl habe und jetzt, jetzt ist er Radio. Das ist aber eher ein Wunsch an mich selber, als was beim Publikum ankommt.

    Es ist ein ziemliches Glück, dass ich von der Musik leben kann. Das kann ich gerade, aber es ist mir auch ein bisschen wurscht, welcher Song jetzt mehr gehört wird oder welcher weniger. Unterm Strich muss ich die Rechnung ausgehen. Ich bin jetzt auch nicht beleidigt, wenn das Album dann ganz wenige Leute hören. Es tangiert mich echt wenig. Zahlen generell sind mir einfach egal. Also ich denke mir, ich finde es toll, wenn andere Künstlerinnen, die in der Szene sind, dann größer sind oder ich. Solange ich irgendwie davon leben kann und solange ich das machen kann, ist es mir ein bisschen wurscht.

    Was mich freut, ist immer, wenn ich das Gefühl habe, dass Leute auf diese Grower draufkommen. Ich merke das ja auf Spotify. Da gibt es immer die Singles. Am Anfang haben die am meisten Plays und dann gibt es diese Grower. Beim Album „Keine Blumen“ war das zum Beispiel „Was Bleibt“. Der war nicht Mal auf dem Album, der ist auf der Vinyl gar nicht drauf. Der ist auf der Extended Edition vom Album auf Spotify ein paar Wochen später gekommen, ohne große Ankündigung, der war einfach da und der hat dann sukzessive die anderen Songs überholt. Ich glaube „Schönland“ hat noch mehr Plays und noch einer, aber dann kommen nicht die anderen Singles, dann kommt diese Extended irgendwas „Was Bleibt“, einfach weil Leute den gehört haben und zu ihren Playlists hinzugefügt haben.

    Und sozusagen diese Grower auch als Beweis, dass Musik nicht immer über Playlists funktionieren muss und über Editorial und über Marketing. Weil es für den Song eben kein Marketing gab – den Grower als Bestandteil dieses algorithmischen Denkens mag ich gern. Weil es haben dann genug Leute den so oft gehört, dass Spotify Radio gesagt hat: Na gut, dann spielen wir den halt noch mehr Leuten ab, probieren wir das mal aus. Füttern wir diesen nichtexistenten Single-Song Leuten und plötzlich hören das Leute. Also ja, du hast mir eine eindeutige Antwort entlockt – The Grower!

    Lucas: Beim Hören deines Albums ist mir noch aufgefallen, dass ich ausschließlich weiblich gelesene Features sehe, mit Ami Warning und Eva Riegel (Juli) und dich auch einige weibliche Stimmen auf dem Album supporten, die dann nicht immer als Feature angegeben sind. Würdest du sagen, es ist eine bewusste Entscheidung gewesen, weiblich gelesene Personen auf das Album zu holen oder war es eher ein natürlich gewachsener Prozess?

    Oehl: Tatsächlich, es ist eher Zufall. Also, ich arbeite schon die letzten Jahre einfach gerne mit Leuten zusammen. Zuletzt gab es ein Feature mit Maeckes auf seinem Album oder auch mit der Band Juno. Es gab aber eben auch vorher schon ein Feature mit Mola, jetzt halt mit Ami Warning und Eva Briegel slash Juli. Und den Song haben wir dann eben auch aufgenommen mit Jonas von Juli. Ne, es ist eigentlich keine bewusste Entscheidung. Es gibt einfach Menschen, mit denen ich sehr gut arbeiten kann und das sind tatsächlich für mich oft weibliche Personen, aber eher aus dem heraus, das wir gut viben und das ist dann tatsächlich auch Zufall.

    Nach unserem ersten Album haben wir eine EP rausgebracht, wo es Coverversionen von den Songs vom ersten Album gab. Da haben wir bewusst weibliche Personen gesucht oder FLINTA*-Personen, die diese Alben covern, weil wir dachten, jetzt sind wir ein Boys-Duo. Wäre es nicht spannend eine andere Seite der Songs zu hören? Da war es eine bewusste Entscheidung, also 2020. Mira Lu Kovaczum Beispiel ist dabei. Und andere, die die Songs covern. Das ist ein bisschen untergegangen, auch in Corona, aber das war ein schönes Projekt. In meiner Live-Band zum Beispiel haben wir auch eigentlich eine Quote. Mir ist wichtig, dass die Hälfte, die auf der Bühne stehen, keine Dudes sind, weil es auch Repräsentation bedeutet.

    Am Album selber fand ich es dann eher, wie es im Prozess sich gut ausgeht. Weil das Kuratieren von den Songs, die übrig bleiben, soll keine Agenda haben. Jetzt ist halt zufällig so, ich habe auch mit Bruckner an einem Song gearbeitet, der es noch nicht drauf geschafft hat. Mal schauen, wann der kommt. Also kann sein, dass die nächsten fünf Features dann nur mit Männern sind, aber ich bezweifle es. Also, es stecken bewusste Entscheidungen auch hinter Zufällen.

    Lucas: Gibt es wiederkehrende Motive auf dem neuen Album, die du womöglich auch erst im Nachhinein entdeckt hast oder die dir im Prozess aufgefallen sind.

    Oehl: Lange Titel sind wiederkehrend: „ich weiß nicht wie man jemand bittet zu bleiben“, „in diesem Jahr reden wir nur gut voneinander“, „Nett hier, aber waren sie schon mal in Therapie?“, „Kleinigkeiten, die keine sind“. Also schon so ein bisschen sperrig, schon so ein bisschen Hirnwichserei diese Titelgebung – hätte man auch abkürzen können. Tatsächlich hatten wir noch viel länger Songtitel: „Eine Umarmung, die genau die richtige Temperatur hat“ hieß der Song (lacht). Aber das war dann auch so, dass das Label gesagt hatte, magst ihn nicht einfach „Eine Umarmung“ nennen. Wobei „Eine Umarmung, die genau die richtige Temperatur hat“ eigentlich mehr on Point ist.

    Wie gesagt, mir ist mittlerweile auch diese Idee wurscht von wie lässt es sich vermarkten. Wenn ich gerade Lust drauf habe, mache ich es und das ist vielleicht auch entspannend, dass ich weiß, ich werde nie in der Größe von „Provinz“ ankommen, weil es mich auch nicht interessiert und weil ich es auch nicht könnte. Also, gar nicht negativ. Aber das heißt, ich kann ein bisschen mehr machen, was ich will. Und wenn ich gerade Lust auf lange Titel habe – das beruhigt mich gerade sehr.

    Aber apropos wiederkehrende Motive, ich arbeite gerade an einem Weihnachtsalbum, das noch dieses Jahr kommen soll. Und da wird es ein großes, wiederkehrendes Motiv geben, nämlich ein Weihnachtsgefühl in jedem Song, was auch immer Weihnachten heißt. Meine Familie feiert gar nicht zu Weihnachten. Meine Mutter feiert nicht Weihnachten, mein Papa manchmal. Also, ich bin jetzt kein Traditionalist in der Hinsicht, aber ich gehe dem nach. Gibt es sowas wie ein Gefühl von Weihnachten, was verbindend ist und was Leute auch nostalgisch empfinden im Positiven. Und da mache ich ein ganzes Album dazu mit 24 Songs. Da setze ich sehr viel stärker auf wiederkehrende Motive.

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    „Für mich ist es ein echtes Lachen, wenn man das Foto nicht löschen will, weil es irgendwie doch so nett ist. Egal, wie man sich drauf gefällt.“

    Lucas: Ich singe sehr gerne auch Lieder nach, die mir gefallen. Und der Song, den ich zuletzt gesungen habe, der von deinem Album stammt, ist „Ein echtes Lachen“ und passend zum Titel möchte ich dich fragen, was für dich ein echtes Lachen auszeichnet.

    Oehl: Ein echtes Lachen ist sowas, wenn man ein Foto davon macht, das ist den Leuten nicht mehr unangenehm. Wenn Leute sich so verlachen oder beim Essen sind, wenn es nur halbe Bewegungen sind, dann ist es Leuten meistens unangenehm oder sie finden, sie sehen nicht gut aus, löscht das. Aber wenn es ein echtes Lachen ist, so ein strahlendes, wo wie so ein Blick in so ein inneres Kind geweckt wird, was einfach herzlich ist, dann erkennen die Leute, wie schön sie sind, weil sie irgendwie strahlen. Für mich ist es ein echtes Lachen, wenn man das Foto nicht löschen will, weil es irgendwie doch so nett ist. Egal, wie man sich drauf gefällt. Das war jetzt eine spontane Antwort.

    Lucas: Eine spontane, aber sehr schöne Antwort. Dadurch, dass ich den Song gesungen habe, bin ich ein bisschen tiefer eingetaucht, als ich es sonst manchmal schaffe. Mir ist aufgefallen, dass die Melodien sehr schön zum Nachsingen sind, ich sie mir gleichzeitig aber auch aktiv anschauen musste. Sonst habe ich den Song nach ein paar Mal hören eigentlich im Kopf. Bei „Ein echtes Lachen“ musste ich wirklich schauen, wo wandert die Melodie als nächstes hin? Meine Frage ist ein, wie diese Melodien entstehen?

    Oehl: „Ein echtes Lachen“ ist tatsächlich eigentlich eine Neuinterpretation von dem Song „In drei Leben“ von OehlSingt: „Hätte ich drei Leben, würde ich den zwei leben … du wirst heute eine halbe Stunde lang genau mein Lachen.“ Ich dachte einfach, da ist noch mehr drin (lacht). Und diese Melodie wiederum – da hat irgendjemand auf Instagram mal, „da da da da da …“ (singt), irgendwas gespielt. Es war ein bisschen anders, aber ich dachte, wie kann ich das klauen, ohne es zu klauen? Also, im Endeffekt haben mir die Melodie und die Akkorde zusammen gefallen und ich habe das dann genommen und zwei eigene Songs daraus gemacht. Aber es ist nicht nahe genug dran, dass es irgendwie ein Copyright-Ding wäre, aber einfach Inspiration.

    Lucas: Ich denke, dass das auch ein Grund sein kann, warum deine Songs oft Grower sind. Weil es einen Moment braucht, um die Melodien zu verstehen und wahrscheinlich gilt dasselbe auch an anderen Stellen. Was es aber für mich dann auch als singende Person super spaßig macht, weil es gibt beim Nachsingen dann Dinge zu entdecken.

    Oehl: Ja, das ist schön! Also ich hatte zum Beispiel als Jugendlicher eine Radiohead-Phase. Die kommen ja jetzt wieder mit diesem ganzen Britpop-Rock Ding. Radiohead kommt gerade wieder voll oder ist schon wieder da. Ich glaube bei H&M gab es jetzt wieder ein Radiohead-Tshirt, wo du merkst, die sind wieder voll da. Ich habe viel Radiohead gehört damals, glaube ich, weil ich keinen Bock auf Radiomusik hatte. Und Radiohead ist unmöglich, beim ersten Mal gut zu finden. Ich glaube, es ist auch eine Distinktion in der Schule zu sagen, ich höre jetzt Musik, die wird keiner von euch verstehen. Man muss sich so eine Art „Taste“ erarbeiten. Das ist, wie wenn man 16 ist und zum Ersten Mal Wein trinkt. Da sagt ja auch niemand: „Hm, gut!“ Sondern das gehört zum Erwachsenwerden dazu, dass ich mir jetzt einen „Taste acquire“, dass ich mir das antrainiere.

    Das ist ähnlich bei Radiohead. Du musst halt drei, viermal hören und irgendwann ist es halt sehr gut vom Gefühl her. Ich glaube, deswegen neige ich vielleicht eher auch dazu, Produkte zu machen, die vielleicht beim ersten Mal bisschen „interessant“ sind. „Interessant“ kommt ja von „Interesse“. Das beschreibt es auch ganz gut. „Inter“ kommt von dazwischen sein und wenn ich es schaffe, bei dir als Rezipient, als Zuhörer ein Gefühl auszulösen von, „ich muss mich da erst mal reinbegeben oder es zwingt mich dazu Teil davon zu sein“, in deinem Fall weil du es nachsingst oder wer anderes nicht versteht, was ich singe und dann die Texte nachlesen muss. Also es zwingt die Person in eine Position, wo sie, wenn sie sich dafür interessiert, Teil davon werden muss auf eine Art und das verbindet aber emotional noch viel stärker.

    In dem Moment, wo du den Song schon gesungen hast, ist er irgendwie auch deiner. In dem Moment, wo du die Platte auseinandernimmst, Texte nachliest, verknüpfst du noch viel mehr Erlebnis damit. Ich glaube, dass diese Einladung auch Teil davon zu sein, das ausmacht, selbst wenn es nicht so viele Leute hören wie eine richtig große Band, die Leute, die es hören, aber vielleicht teilweise emotionalisierter sind dadurch. Das finde ich eine Qualität.

    Lucas: Das Schöne ist, dass du mir schon die Überleitung gegeben hast zu meinem Finale. Ich bin nämlich hauptberuflich Musiklehrer und kann dich darin bestätigen, dass Radiohead wiederkommt, weil gefühlt der meistgewünschte Song, den alle im Musikunterricht singen wollen „Creep“ ist. Daran knüpft auch meine letzte Frage, ein bisschen klischeemäßig, aber in dem Kontext womöglich ganz schön. Ich als Musiklehrer frage mich immer, was möchte ich den Schülerinnen aus meiner pädagogische Perspektive als Musiklehrer heraus mitgeben?

    Was würdest du gerne den Hörenden mitgeben mit deinem aktuellen Album?

    Oehl: Zu lieben in jeder Facette ist ein Risiko, Kinder haben macht die Welt schwerer, Liebe macht einen verletzlicher, immer, aber wenn man es nicht nicht ausprobiert hat, dann hat man vielleicht einfach das Leben nicht gekannt. Also das Risiko zu leben. Let’s go!

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    Fotocredits: Tim Cavadini

  • Lucas‘ Jahresrückblick: Wenn eines bleibt, dann die Melancholie

    Lucas‘ Jahresrückblick: Wenn eines bleibt, dann die Melancholie

    Ab und zu, wirklich nur ab und zu, kommt mir der Gedanke, dass wir ja mal in einer Pandemie gelebt haben, in der alles, was wir (mittlerweile wieder) als normal empfinden, nicht ging. Wir haben kaum oder keine Freund*innen getroffen, wir sind nicht ins Museum gegangen und haben auch keine Konzerte besucht. Dann ergreift mich für eine Sekunde ein ganz merkwürdig irritierendes Gefühl, ich denke kurz daran, wie es sein kann, dass sich das alles schon wieder so weit weg anfühlt und dann geht das Leben normal weiter, als wäre nichts gewesen, als wäre Corona nie da gewesen.

    Die Corona-Melancholie

    Bei allem Nervigen, das diese Zeit mit sich brachte, bei aller Einsamkeit, Hilflosigkeit oder Überforderung, bin ich der Isolation für eines dankbar: die emotionale Tiefe, die aus ihr hervorgegangen ist. Die Kunst und Musik, die nach dieser für fast alle so anstrengenden Zeit langsam zu uns durchsickerte, fühlte sich für mich auf unterschiedlichsten Ebenen viel bedeutender und tiefgreifender an, als was ich gewohnt war. Nun bin ich, wenn es um Musik geht, ein Kind der Melancholie und genau diese Melancholie nahm ein so ehrliches Antlitz an, dass sich viele dieser „Corona-Alben“ dauerhaft in mein musikalisches Herz spielten. Ich würde sogar sagen, zum Teil haben Künstler*innen mit diesen Werken ihren jeweiligen musikalischen Höhepunkt erreicht und werden dieses Ausmaß an emotionaler Bedeutung nie wieder erreichen.

    Wenn ich jetzt also auf der Suche nach neuer Musik bin, ist der Maßstab immer das, was ich gespürt habe, als ich die Musik dieser Zeit hörte. Und ich kann euch sagen, das macht die Sache für mich nicht leichter. Die meisten Songs, die ich neu entdecke, bleiben nicht hängen und wenn mich dann doch Mal ein Song, eine EP oder ein Album überzeugt, dann fällt mir folgendes auf: wenn eines bleibt, dann die Melancholie! Deshalb kommt hier meine Top 8 der Melancholie 2024 in zufälliger Reihenfolge!

    ich hoff du brichst mir das Herz

    Nach ihrer traumhaft schön-traurigen EP „tatendrang und todmüde“ (auch ein Corona-Tape!?) ist „ich hoff du brichst mir das Herz“ von maïa eine Kombination von unglaublich schönen Gesangsmelodien mit gleichzeitig treibender Countrygitarren-Produktion, die zu keinem Zeitpunkt aufdringlich oder klischeehaft wirkt. Ich bin ehrlich, ich mache dieses Musikjournalismus-Ding nur, um Interviews mit maïa zu führen.

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    aus meiner Haut

    „aus meiner Haut“ von Trilles gleichnamigen Album ist aus irgendeinem Grund ganz besonders für mich. Ich habe versucht, diesen Song am Klavier und an der Gitarre zu singen und zu keinem Zeitpunkt konnte ich die weiche und zugleich dringliche Atmosphäre reproduzieren. Insbesondere in das Ende habe ich mich verliebt, wenn der Song aus der Stille heraus nochmal Anlauf nimmt und explodiert.

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    Birds of a Feather

    „Bird of a Feather“ von Billie Eilish fängt eine andere Form der Melancholie ein. Sie ist nicht wirklich traurig und dennoch lässt die Stimmung einen nostalgisch und mit Wehmut in eigenen Emotionen schwelgen. Diese nicht klassisch melancholische Facette fühlt sich meiner Meinung dennoch danach an. Mein Bruder hat letztens zu diesem Song geheiratet und ich kann euch sagen, es gibt keinen schöneren und emotionaleren Hochzeitssong als diesen!

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    so far away

    Ein Artist, der wie wenige andere die Melancholie auf die Tanzfläche bringt, ist orbit. „so far away“ könnte ich ohne Pause Tag und Nacht hören. Ich weiß nicht, wie orbit es schafft in diesen sphärischen und Triebenden Klängen noch so viel Intimität zu verstecken. Wenn ich diesen Song höre, stelle ich mir immer all diese klischeehaften Filmszenen von Jugendlichen vor, die ins Schwimmbad einbrechen, im Cabrio durch die Nacht fahren oder betrunken auf einer Party rummachen, sich dann zerstreiten und dabei dennoch verbunden fühlen. Dann, wünschte ich, ich wäre Teil des Klischees!

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    Romance

    Fontaines D.C. haben eines meiner Lieblingsalben des Jahres veröffentlicht. In der Stimme des Sängers steckt so viel Schmerz, dass die Melancholie nicht weit entfernt sein kann. Die Produktionen untermalen die Energie. In der Regel möchte ich etwas kaputt machen, wenn ich dieses Album hören. Wenn ich „Bug“ höre, möchte ich allerdings ähnlich wie bei „so far away“ mit meinen Freunden unüberlegt Dinge tun, ohne über die Konsequenzen nachzudenken, bis alles schief läuft.

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    gesicht verlieren

    Unter den aktuellen deutschen Artists gibt es niemanden, der oder die so traurig und verletzt klingen kann wie Levin Liam. Ehrenwort! Ich dachte, kein neues Tape würde an „vergiss mich nicht zu schnell“ herankommen, doch „gesicht verlieren“ beweist das Gegenteil. Wirklich alle Songs stechen ins Herz, wenn man ihnen die Chance dazu gibt. Ich frage mich jedes Mal, wie es sein kann, dass ein Mensch in der Lage ist, so konstant eingängige und zugleich wunderschöne Melodien zu schreiben, die nie vorhersehbar oder langweilig wirken.

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    falling or flying (Reimagined)

    Königin der Melancholie ist natürlich Jorja Smith! Nicht dass ihr Album „falling or flying“ Geschenk genug wäre, veröffentlichte sie eine neu arrangierte Version, die mehr ihrer jazzigen Seite schmeichelt. Der unendliche Schmerz, den Jorja Smith in ihre Stimme legen kann, egal wie wild die Instrumentals sind, ist unvergleichbar. Hiermit ist es offiziell: Ich liebe Jorja Smith und niemand kann mich davon abhalten!

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    Leon

    Ich gebe es zu, ich hatte Anlaufschwierigkeiten. Mit seinem neuen Album hat sich Leon Bridges nicht sofort in mein Gedächtnis eingebrannt. Nachdem ich den neuen Songs allerdings etwas Geduld entgegenbrachte, entfaltete sich mir ein Reichtum an melancholischen Momenten, die mir jedes Mal die Seele erwärmen, wenn ich „Leon“ anmache. Das Album besteht aus so schön unaufgeregten Instrumentierungen, die mein unschuldiges Musikerherz aufleben lassen. Gleichzeitig spürt man die Ehrlichkeit in der erzählenden Stimme von Leon Bridges. Musikjournalist*innen würden sagen: „Das ist sein ehrlichstes Album jemals!“

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  • maïa im Interview: »Ich habe das Gefühl, ich sauge jede Emotion auf, die jeder Fremde um mich fühlt«

    maïa im Interview: »Ich habe das Gefühl, ich sauge jede Emotion auf, die jeder Fremde um mich fühlt«

    „ich hoff du brichst mir das herz“ heißt die neueste und zugleich zweite EP der Sängerin maïa. Zusammen mit ihrem Team hat sie eine gefühlvolle und zugleich energetische Platte produziert, die stärker die Größe der Popmusik sucht. Im Interview sprechen wir über ihre Live-Erfahrungen als Support Act, wie ihr Umfeld und ihre Heimatstadt Duisburg ihr emotionales Innenleben beeinflussen, welchen Stellenwert Literatur und Poesie in ihrem Leben haben und inwiefern sich ihre Musik im Vergleich zur letzten EP weiterentwickelt hat (hier geht’s zur Rezension von „tatendrang und todmüde“). Außerdem verrät maïa ihren aktuellen favourite Artist!

    maïa im Interview

    Lucas: Du warst letztens bei Ahzumjot Voract in Berlin (6. Mai 2024). Wie war der Auftritt für dich?

    maïa: Ich hatte keinen guten Tag, weil ich so eine Panikattacke hatte und die ganze Zeit nicht wusste, ob ich es packe. Ich weiß nicht, ich war nicht zufrieden mit der Performance, aber egal.

    Lucas: Ich glaube, das gehört auch dazu, ab und zu. Ich stelle es mir in jedem Fall fies vor, dann auf die Bühne zu gehen. Aber ich denke, dir verzeihen alle. Du warst bei anaïs ebenfalls als Support Act dabei in Berlin, richtig? Wie war es da im Vergleich? Gleiche Stadt, anderer Tag.

    maïa: Die Leute bei Ahzumjot waren dadurch, dass so lange von ihm selber nichts kam, super offen für die Musik, die da gespielt worden ist, sowohl bei ihm als auch bei mir und dadurch hatte ich wirklich eine sehr, sehr aufmerksame Crowd. Das ist nicht allzu oft der Fall und deswegen bin ich immer sehr, sehr dankbar, wenn das der Fall ist. Es ist einfach pure Wertschätzung, wenn da 500 Leute vor dir stehen und niemand gibt einen Mucks von sich und hört dir zu, wie du deine Songs singt. Aber der Unterschied war auch nicht so groß, weil bei anaïs war die Show ein bisschen kleiner. Da waren die Leute genauso aufmerksam und genauso lieb. Deswegen hatten die Auftritte das gemeinsam.

    Lucas: Wie ist deine Erfahrung bei anderen Acts gewesen, wenn du sagst, bei Ahzumjot und anaïs war das Publikum sehr aufmerksam? Das heißt, du hast vielleicht auch schon andere Auftrittserfahrungen gemacht, bei denen du mehr ankämpfen musstest?

    maïa: Ja, ich glaube, sobald sich meine Musik ein bisschen von der Musik des Hauptacts entfernt, ist die Zuhörerschaft da weniger offen für das, was dann auf der Bühne vom Support gespielt wird. So war es bisher bei mir. Je näher ich am Genre des Hauptacts war, desto aufmerksamer waren die Leute einfach. Aber ich hatte bisher das ganz große Privileg, dass ich sehr, sehr tolle Crowds erfahren durfte und sehr, sehr viel Liebe bei den meisten Liveshows gehabt habe, und es waren immer tolle Schows.

    Lucas: Okay, schön zu hören! Eigentlich weiß man ja auch schon vorher so ein bisschen, ob man in die Musik des Main Acts reinspielt. Wie gehst du dann damit um, wenn du eigentlich schon vielleicht weiß, es könnte anspruchsvoll werden?

    maïa: Also es gibt den Versuch, die Songs zu picken, wo ich denke, dass die vielleicht mit der Crowd am besten passen würden. Aber im Endeffekt ist es mir dann irgendwie auch ein Stück weit egal, weil Fakt ist, ich bin dann der Support Act des Abends. Und wenn dann nur die fünf bis zehn Leute, die vorne stehen, mir zuhören, dann spiele ich halt eben nur für diese fünf bis zehn Leute, und dann sind wir irgendwie in unserer eigenen Welt, und was hinten passiert, ist egal. Ich glaube, man hat das eh nicht so sehr in der Hand, und dann versuchen, das zu kontrollieren, macht keinen Sinn. Hauptsache, ich spiele die Musik, die ich mach‘, und wenn ich dann ein, zwei Leute dazu gewinne, dann ist das auch okay. 

    Lucas: Fair! Und ich glaube, das steckt auch in dem drin, was du sagst. Wenn man selber die Songs fühlt, dann ist man auch in der Lage, das zu transportieren.

    maïa: Ja, voll!

    „Ich habe das Gefühl, ich sauge die Leute um mich rum fast schon auf“

    Lucas: Du hast bei Ahzumjot gesagt, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, dass du Duisburg nicht so feierst. Magst du nochmal sagen, was an Duisburg der Grund ist, warum du nicht so Fan von der Stadt bist?

    maïa: Ich glaube, das ist ein sehr weites Thema. Im Endeffekt stammt diese Wut daher, dass es eine Stadt ist, die im Stich gelassen worden ist und eine Stadt, die alleine nicht gut klarkommt, ohne Hilfe von oben. Ich meine, wer kümmert sich um Städte wie Duisburg oder Marxloh und Hamborn und um solche Orte. Weißt du? Es ist im Endeffekt irgendwie dasselbe. Da sind Menschen, die Hilfe gebraucht haben, die aber keine Hilfe bekommen haben. Es sind Menschen, die nicht wissen wohin, wenn sie Hilfe brauchen. Das resultiert irgendwie darin, dass die Lebenslust von den Leuten verschwindet, was total legitim ist, und das übersetzt sich dann halt in Unfreundlichkeit oder in Dreck auf den Straßen und sowas. Das ist irgendwie immer, was ich mir vor Augen führen muss, wenn ich mich über diese Stadt beschwere, dass sie einfach im Stich gelassen worden ist und dass sie das alleine irgendwie nicht packt, wieder auf die Beine zu kommen.

    Lucas: Und würdest du sagen, dass dieses Gefühl in dieser Stadt zu leben, mit all den Gedanken, die du gerade geäußert hast, auch ein Auslöser war beziehungsweise ein Thema ist, das in deiner Musik vorkommt?

    maïa: Ja, vollkommen! Ich glaube, jeder Song, den ich schreibe, ob es dann textlich durchkommt oder nicht, fängt oft mit einer Inspirationsquelle aus dieser Stadt an. Also es fließt sehr, sehr viel in die Musik rein. Ich glaube dadurch, dass ich oft das Gefühl habe, dass ich auch Dinge um mich rum stärker oder anders wahrnehme als andere Menschen, hat‘s mir irgendwie auch einen anderen Blick auf diese Stadt gegeben, einen viel aufmerksameren auf die Menschen um mich rum. Ich habe das Gefühl, ich sauge die Leute um mich rum fast schon auf. Ich kann es gar nicht verhindern, dass das in die Musik einfließt, und ich würde es auch gar nicht verhindern wollen.

    „Ich hab‘ schon immer das Gefühl gehabt, seitdem ich ein Kind bin, dass ich diese Melancholie in mir habe, die gleichzeitig unergründlich, aber auch ergründlich ist.“

    Lucas: Du sagst, du hast so eine stärkere Auffassungsgabe oder Beobachtungsgabe, was deine Umwelt betrifft. Wie genau spürst du das?

    maïa: Ich weiß nicht, ob ich es Gabe nennen würde. Ich glaube, es ist Fluch und Segen zugleich. Ich hab‘ schon immer das Gefühl gehabt, seitdem ich ein Kind bin, dass ich diese Melancholie in mir habe, die gleichzeitig unergründlich, aber auch ergründlich ist, und dass das mir einen anderen Blick auf die Welt gibt. Dinge, die für andere ein bisschen banal erscheinen, treffen mich voll hart. Es gibt so Momente, wo ich einfach in der Bahn sitze und ich fühl‘ mich voll konsumiert von meinem Umfeld und ich habe das Gefühl, ich sauge jede Emotion auf, die jeder Fremde um mich fühlt. Ich weiß gar nicht, woher das kommt und wie man das so richtig beschreiben kann. Aber ich glaube, es ist einfach. Ich glaube, ich bin eine sehr passive Beobachterin, wenn’s um die Welt und mich rumkommt.

    Lucas: Würdest du sagen, es gibt Situationen, in denen du dich in einer aktiveren Rolle siehst?

    maïa: Ich denke immer, wenn ich maïa bin, die Musik macht, bin ich in einer sehr aktiven Rolle, immer wenn ich auf der Bühne stehe. Und das ist dann auch die Zeit, wo ich sehr genieße, im Mittelpunkt zu stehen. Als Privatperson habe ich das gar nicht so gerne. Ich bin gerne jemand, der einfach nur dasitzt und zuhört. Aber wenn ich dann maïa die Musikerin bin, dann stehe ich gerne im Mittelpunkt und nehme gerne eine aktive Rolle ein.

    Lucas: Du hast auch das Stichwort Melancholie gedroppt. Ich finde ganz spannend, dass dieses Gefühl, das erste Wort ist, was in jedem Artikel aufploppt, den es da draußen bereits über dich gibt. Wie fühlt sich das von außen an? Ich weiß gar nicht, was zuerst da war, ob du es erst ins Universum geschickt hast oder ob die Leute es aus deiner Musik rauslesen.

    maïa: Sobald das irgendwie so beschrieben wird, dass es etwas Schlechtes wäre, melancholisch zu sein – was ich auch verstehe, weil es klar, irgendwie eine negative Konnotation hat – was bisher, um ehrlich zu sein, gar nicht der Fall war, dann würde es mich sehr stören. Aber bisher haben die Leute, glaube ich, verstanden, dass mir diese Melancholie nichts ausmacht und im Gegenteil, dass ich sie voll willkommen heiße und dass ich mich als sehr privilegiert ansehe, diese Melancholie mit mir zu tragen, weil sie mir eben diesen Blick auf mein Umfeld gibt. Sie gibt mir diesen Segen, Dinge anders wahrzunehmen und das Schöne im Schmerz oder in der Melancholie zu sehen. Deswegen ist es bisher ganz okay, aber sobald es negativ konnotiert wird, dann vielleicht nicht mehr.

    Lucas: Ich frage mich, wenn du sagst, dass du häufig die Umgebung aufsaugst, ob du manchmal vielleicht auch gar keine Melancholie spürst, sondern ob diese Umgebung manchmal auch Freude in dir auslöst. Es gibt ja schon auch Alltagssituationen, in denen man denkt, irgendwie schön, was ich gerade sehe.

    maïa: Ja, voll! Ich hab das Gefühl, ich fühle extrem. Wenn ich mich sehr freue, dann freue ich mich sehr, und dann bin ich sehr glücklich, und alle um mich herum werden es dann sehen. Und wenn ich traurig bin, dann bin ich sehr traurig und alle um mich rum werden es sehen. Es sind meistens eben diese banalen Momente um mich rum, die mich dann fröhlich machen. Sei es ein alter Mann, der mit seiner alten Frau spazieren geht und das füllt mich dann total auf. Und wenn ich dann irgendwas anderes sehe, dann macht es mich total leer. Das passiert immer in Extremen mit allen Gefühlsarten, auf jeden Fall.

    „Ich weiß, wenn ich in einer kreativen Blockade bin, dass ich zur Literatur zurückkehren kann und die diesen kreativen Ort in meinem Gehirn wieder ankurbelt.“

    Lucas: Ich fühle mich ein bisschen wie ein Stalker, aber ich hab auf Instagram immer mal gesehen, dass du Ausschnitte aus Büchern oder kleine Gedichte in die Story postest. Was für eine Rolle spielen Lyrik, Poesie und Literatur in deinem Leben?

    maïa: Das alles hat schon als Kind eine ganz große Rolle gespielt. Dadurch dass man irgendwie in so einem Ort aufwächst, wo es scheint, dass es kein Ausweg gäbe, war Kunst und Literatur für mich dieses Licht am Ende des Tunnels. Ich hatte das Gefühl, vor allem in meiner weiterführenden Schule, dass es sehr wichtig für unsere Lehrer war, dass das auch gefördert wird. Ich finde, das ist so wichtig, weil für die Kinder, die in so einem Ort dann zehn Jahre zur Schule gehen und denken, dass das irgendwie alles ist, was das Leben bietet, ist Kunst und Literatur vielleicht die einzige Hoffnung. Das war es für mich auf jeden Fall. Ich habe sehr gerne gelesen. Ich lese immer noch sehr gerne, und ich verkrieche mich auch immer noch sehr gerne in andere Welten und diese Wörter. Dadurch dass ich so früh in Kontakt mit Literatur kam, hat es wahrscheinlich auch das gefördert, was ich heute mache, und die Art, wie ich heute schreibe. Ich habe mich sehr verstanden gefühlt jedes das mal, wenn ich gelesen habe, und das ist auch heute oft so. Wenn man irgendwie denkt, es gibt keine Worte für das, was man fühlt, liest man ein Buch, und dann wird es genau so beschrieben, und man denkt sich, ich bin nicht die einzige Person, die das fühlt. Vor allem, wenn man ältere Literatur liest, und das Buch ist 100 Jahre alt, und er schreibt immer noch vom selben Gefühl, was du 100 Jahre später fühlst. Das ist total validierend und es gibt ein sehr tröstendes Gefühl. 

    Lucas: Glaubst du, das ist auch eine Motivation für dich, selber Musik zu machen und Texte zu schreiben: so ein Gefühl einzufangen, das überlebt?

    maïa: Ja! Ich glaube aber, ich bräuchte gar keine Motivation. Ich könnte gar nicht anders, als alles um mich rum zu beschreiben. Ich muss das einfach machen.

    Lucas: Kannst du erkennen, dass Themen oder Bilder, die in der Literatur auftauchen, von denen du liest, dass die direkt in deine Texte und in deine Musik einfließen?

    maïa: Nee, ich glaub nicht. Ich bin auch gar nicht so, dass ich, wenn ich lese und mir irgendwas gefällt, dass ich dann darüber schreibe. Es ist eher so: Ich weiß, wenn ich in einer kreativen Blockade bin, dass ich zur Literatur zurückkehren kann und die diesen kreativen Ort in meinem Gehirn wieder ankurbelt. Ich habe das Gefühl, lesen ist so eine Zwischenwelt, in der ich wieder alleine mit mir bin, anstatt, wenn ich zum Beispiel ganz blöd gesagt, auf Tiktok rumscrolle. Dann tut sich gar nichts in meinem kreativen Bereich.

    Ich finde, die neuen Songs sind ehrlicher geworden und ich fühle mich sehr, sehr wohl und sicher an dem Ort, an dem ich mich bewege

    Lucas: Wie würdest du deine kommenden Releases beschreiben, im Vergleich zu den Songs, die du bisher releast hast, insbesondere im Vergleich zu deiner vorherigen EP „tatendrang und todmüde“?

    maïa: Ich finde, die neuen Songs sind ehrlicher geworden und ich fühle mich sehr, sehr wohl und sicher an dem Ort, an dem ich mich bewege, mit meiner Musik gerade. Vorher war ich noch ein bisschen in der Findungsphase und jetzt hab‘ ich das Gefühl, dass ich angekommen bin in der Art, wie ich meine Sprache benutze, in der Art, wie die Musik das dann ummantelt. Es ist sehr viel voller als vorher und vielleicht gewagt, vielleicht aber auch nicht. Es ist auf jeden Fall anders, als was davor kam, aber irgendwie auch immer noch gleich, weil es am Ende immer noch ich bin und immer noch meine Worte sind.

    Lucas: Mir ist auch der klangliche Wandel aufgefallen, auch wenn ich natürlich noch nicht so viele Songs kenne, wie du, weil noch nicht alles draußen ist. Ich habe mich gefragt, ist es ein Impuls, der von dir kommt, oder von den Leuten, mit denen du zusammenarbeitest, oder ist es ein gemeinsames Entwickeln des Klangs? Ich finde, es klingt ein bisschen ein bisschen poppiger und geht zum Teil mehr nach vorne, auch was du sagst, es ist größer und voller. Kommt der Wunsch von dir, oder ist es ein Teamergebnis?

    maïa: Also würde sagen, es war weder Wunsch noch Ziel. Ich habe das Gefühl, nach der ganzen Musik, die ich releast hab‘, war ich irgendwie an einem Punkt, wo es mich gelangweilt hat, in Sessions zu gehen und dann denselben Ablauf zu machen, wie man es irgendwie bei jedem Song macht. Ich schreibe jetzt eine Strophe, und dann machen wir einen Pre-Chorus und dann den Refrain. Es hat mich voll gelangweilt und ich war irgendwie an einem Punkt, wo ich realisiert hab‘: sobald ich in einem Raum gehe und mir und den Leuten mit mir in diesem Raum Regeln und Grenzen setze, dann hört Kunst auf mutig und ehrlich zu sein. Und das will ich nicht! Dann hat sich das einfach total organisch ergeben, sobald wir in dem Raum sind, wir jede Idee ausprobieren und wir jedes Instrument nehmen, auch wenn ich das vorher nicht gerne gemacht habe. Ich habe vorher nicht gerne Drums benutzt und guck dir meine Musik jetzt an. Sie ist voll mit Drums. Das war auf jeden Fall eine große Veränderung in der Art, wie ich und die Leute um mich herum, die mit mir daran arbeiten, Musik machen, dass wir da ohne Regeln rangehen und alle alles einfach ausprobieren.

    Lucas: Magst du noch einmal sagen, mit wem du an deiner Musik arbeitest?

    maïa: Ja! Mit RGB, das ist mittlerweile eigentlich der Hauptproduzent geworden. Er hat fünf Songs auf dem ersten Tape produziert und Ismail, mein Manager, mit dem ich aber gleichzeitig eigentlich jeden Song zusammen mache. Die zwei! Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, mit jemanden anderen Musik zu machen, um ehrlich zu sein. Und Wanja hat „Ambulanz“ gemacht und das ist auch ein ganz, ganz toller Song geworden. Es war auch ein total regelfreier Raum und ein ganz magischer Prozess, dieses ganze erste Tape zu machen, und ich freue mich jetzt schon an den nächsten Songs mit den Leuten zu arbeiten. Ich glaube, das wird ganz schön.

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    „Ich höre gerade sehr gerne das Album „Messy“ von Olivia Dean“

    Lucas: Ich würde dir eine letzte Frage stellen, bevor wir das Interview beenden, damit ich deine Zeit nicht zu sehr beanspruche: Und zwar hast du eine Musik Empfehlung für mich und für die anderen Menschen dieser Welt?

    maïa: Ich muss meine Playlist öffnen, weil immer wenn ich so eine Frage bekomme, vergesse ich jeden Song, den ich jemals gehört habe. Eine Empfehlung oder mehrere?

    Lucas: Nenn‘ mir gerne deine Top 3.

    maïa: Also, ich höre gerade sehr gerne das Album „Messy“ von Olivia Dean. Dann … Oh Gott! Jetzt bin ich nervös. Nee, wir lassen es bei dem Album, sonst wird es zu viel. Ich höre grad sehr gerne dieses Album!

    Lucas: Dann frage ich vielleicht doch noch nach, weil ich liebe Olivia Dean: Hast du einen favourite Song auf dem Album?

    maïa: „Carmen“ und „Dive“!

    Lucas: Die Single „Dive“ ist nur logisch und „Carmen“ ist, finde ich, der Secret Hit. Der ist ein Grower!

    maïa: Hast du diese Akustik Sessions gesehen, die sie gemacht hat? Die waren grandios. Dadurch habe ich sie entdeckt, tatsächlich.

    Lucas: Ja, die sind super schön! Es ist ein bisschen fies, weil jetzt könnten wir ein ganzes Interview nur über Olivia Dean führen. Hast du sie schon live gesehen?

    maïa: Leider nicht, aber würde ich sehr, sehr gerne. Alles was ich auf Tiktok von ihr sehe, ist grandios.

    Lucas: Du musst tatsächlich wirklich alles dafür geben, sie einmal live zu sehen, weil es ist krass schön! 

    maïa: Ja, das glaube ich dir. Bucketlist!

    Lucas: Genau, pack es darauf und liebsten Dank für das schöne Interview!

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    Fotocredits: Aysan Lamby

  • BLVTH sucht auf auf neuem Album „YIN YANG“ seine Balance

    Zerrissen versus ausgeglichen, untröstlich versus zuversichtlich, erschöpft versus enthusiastisch, yin versus yang – BLVTH findet auf seinem neuen Album „YIN YANG“ nicht trotz, sondern aufgrund der Gegensätze näher zu seiner Mitte. Auf seiner musikalischen Reise durch das eigene Innenleben weisen ihm die verschiedensten Emotionen den Weg zu sich selbst. In der Verzweiflung manch eines Songs findet sich zugleich das tröstende Gefühl verstanden zu werden. Wer wirklich in „YIN YANG“ eintauchen will, erklärt sich vorher bereit, mit sich selbst in Therapie zu gehen.

    „Ich bin Niemand!“
    Blvth, Roberto Brundo, Yin Yang, Album, Release, Music, Blog, Untoldency, Cover Art

    Meditative Klangflächen formen sich im Intro allmählich zu einer Klangmasse während umgekehrte Sounds die Zeit zurückspulen und auf Start setzen. Start ist in diesem Fall die erste Single und zugleich der erste Song des Albums „NOBODYNOONE“. Erwachsen aus dem Intro veranschaulicht der Track die Zerrissenheit des Sängers und entwickelt sich über zwei Strophen und Interludes hinweg zum Refrain – der Ausgangslage der LP:

    „I don’t wanna be someone you want me to be
    Please someone set me free, erase my memory”

    So let me go!

    Mit “I WOZ HOME” beginnen die tanzbaren Tracks des Albums. Auf einem zu schnell geratenen House-Beat wiederholt BLVTH das folgende Mantra und dreht sich inhaltlich wieder um das Loslassen und Freimachen umgebener Störgeräusche:

    “So let me go
    Cause I was home
    But you’re not done
    With me, oh no”

    Kampf der Klänge

    „RIOT“ entfesselt anschließend die Emotionen und gewinnt eine neue Intensität. Der an alte BLVTHeske Hip Hop-Zeiten erinnernde Beat mischt sich mit verzerrten Sounds und treibt zielstrebig nach vorn. Der Name hält sein Versprechen, denn der Song motiviert zum Aufstand ehe er sich in einer gewissen Klarheit auflöst. „ALL THAT KILLING“ holt den nie alt werdenden Signature-Sound BLVTHS zurück, nämlich den warmen Klang melancholisch-dramatischer Gitarrenakkorde. Dazu Drums? Überflüssig! Die Gitarre ist Atmosphäre und Rhythmus in einem. Ergänzt durch die perfekte Delivery der Features bildet dieser Song zusammen mit „REAPER“ das Herz des Albums.

    Der beste Song!

    Von BLVTH selbst angeteasert als der beste Song seiner Karriere, eilen „REAPER“ einige Vorschusslorbeeren voraus. Doch diesem Druck wird der Song gerecht. Die auf diesem Album fast schon altertümlich wirkende Songstruktur und Instrumentierung überlassen zum ersten Mal den Lyrics das Spotlight. Ein klarer Schlagzeug-Beat, ein simpler Basslauf und begleitende Gitarrenakkorde lassen dem Gesang den Raum, den er verdient. BLVTH wandelt auf „REAPER“ an der Grenze des Lebens und ist sich paradoxerweise bei niedrigem Puls seiner selbst so bewusst wie noch nie. Der Track erkundet Gefühle des Verlust, der Angst, der Trauer – aber auch der Erlösung und der Gewissheit. Die letzten 30 Sekunden des Songs überlagern sich allmählich die verschiedensten klanglichen Emotionen, ehe sie sich über den Drums wieder auflösen.

    Was kann BLVTH nicht?

    Zum Ende des Albums erstarken erneut die 4-on-the-floor-beats. „BREAK AND FIX“ marschiert nicht sonderlich schnell, aber bestimmt nach vorn‘. Die Message steckt im Titel und dreht sich erneut, um Gegensätze und neue Anfänge. „IN THE MIDDLE“ belichtet anschließend die poppige Seite des Sängers. BLOODMOON schwebt auf hohen Tönen über den von BLVTH produzierten Beat. Die beiden Artists liefern den perfekten Song, um im Cabrio dem Sonnenuntergang entgegenzufahren, während der Wind seicht durch die Haare zieht.

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    TikTok type music

    Track 11 und 12 des Albums verarbeiten vorangegangene Songs des Albums. Während „I WOZ DONE“ eine slowed Version von „I WOZ HOME” ist und an die Klänge der NNDW erinnert, beschleunigt „NOBODYNOONE – BLVTH ON SP33D REMIX“ seinen Namensvetter und transformiert den Originalsong zu einem stampfenden Disco-Hit. Das erneute Aufgreifen dieses Songs schließt den Kreis zum Anfang der LP und setzt den Lauf der Zeit wieder auf null: „Please someone set me free, erase my memory”). Zuletzt verfliegen die letzten Gedanken auf „PLASTIC DREAMS“.

    Meditationsreise

    „YIN YANG“ ist ein Album weniger Worte. Stattdessen fühlen sich die Texte eher nach kreisenden Gedanken an. Nur sporadisch bricht der Zyklus und es bilden sich klare Sätze. Doch dies ermöglicht es, vollkommen in die Leere einzutauchen. Dieses Album gibt es Platz die Musik zu entdecken und darin uns selbst.
    Unsere einzige Kritik: es ist viel zu schnell vorbei!

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    Fotocredits: Roberto Brundo & Bennet Henkel

  • Shooting Star Naomi Sharon besingt auf „Obsidian“ mit viel Symbolik die Liebe

    Es ist kein Revival, sondern eine Reinkarnation. Naomi Sharon belebt die schönste Frauenstimme der jüngsten Vergangenheit wieder, und zwar die von Sade. Mit geschlossenen Augen und gespitzten Ohren hört man den Unterschied kaum. Doch der Sound ist ein neuer. Naomi Sharon holt die Musik Sade‘s in die Gegenwart und mischt die bezaubernde Klangfarbe ihrer Stimme mit modernen und sinnlichen Produktionen. 

    Definition of Love

    Obsidian steht für Klarheit und Positivität. Dem aus abkühlender Lava entstehenden Glas werden schützende Kräfte vor negativen Schwingungen nachgesagt, sowie die Fähigkeit toxische Energien zu reinigen und Chaos zu klären. Das Resultat: die Bedeutung der Liebe. Bei maximalem Verstand besingt Naomi Sharon auf ihrer Lead-Single ihre persönliche „Definition of Love“. Über einer meditativen Soundfläche mit plätscherndem Wassergeräuschen gleitet die raumeinnehmende Stimme der Sängerin begleitet von Hallfahnen durch die erste Strophe und den ersten Refrain, ehe der einsetzende Beat rhythmischen Halt gibt. Die Drums sind minimalistisch und dennoch prägnant, dank des geschickt eingesetzten Delays. Der sich ohne Gesang etablierende Beat sowie die anschließend gekonnt gesetzte Kunstpause geben Raum zum Durchatmen und Gedanken schweifen lassen.

    Mit der Klarheit, die die musikalische Komposition auszeichnet, beschreibt Naomi Sharon auch ihre Gefühle: „All I see, all I know, is that you are the definition of love“, und bringt ihre Ekstase mit den Worten „Heaven’s in your eyes, let me follow“ zum Höhepunkt. Die mantraartige Wiederholung dieser Zeile sowie der Zeile „Won’t rest ‚til I know for sure, won’t rest ‚til I know“ manifestieren den Wunsch nach Liebe und unterstreichen die Bestimmtheit ihrer Gefühle. Nach eigenen Aussagen deutet die Sängerin die Liebe von innen heraus und setzt die Liebe zu sich selbst als Maßstab.

    If this is Love

    Aus dem klaren Verlangen nach romantischer Intimität entwickelt sich deren Verneinung: „If this is love, then I don’t want it“. Im Sinne des Albumtitels klären sich auf dem zweiten Song des Albums die persönlichen Wünsche auf und stoßen daraus resultierend toxische Energien ab. Dies alles geschieht erneut über durch plätscherndes Wasser angereicherte Klangflächen und zurückhaltender Percussion. Die Bedeutungsschwere der sich wiederholenden Refrain-Zeile wird durch die zweite Stimme verstärkt. Aus der Verneinung der Liebe ergibt sich wiederum eine Bejahung. Die Ablehnung einer unzureichenden Liebe umreißt stärker die gewünschte Hingabe.

    Nahtlos fließt das Album weiter zum darauffolgenden Song „Another Life“, der sich mit der Kompliziertheit der Liebe auseinandersetzt. Der bereits etablierte Sound der niederländischen Sängerin mit karibischen Wurzeln breitet weiter seinen Radius aus. Die Stimme schwebt durch einen endlosen Klangraum, bis der signifikante Bass Orientierung bietet. Am Ende stehen erneut im Kreise laufende Zeilen im Fokus: „Love is a wicked game, still we play it“ bzw. „Don’t let your love run out“.

    Versiegte Romantik

    „Myrrh“ beginnt mit einer neuen Klangfarbe. Naomi Sharon besingt eine weitere Facette der Liebe über eine gezupfte Gitarre, die dieses Mal von Anfang rhythmische Struktur bietet. Der Klangraum bleibt allerdings riesig. Eine zurückhaltende Klangatmosphäre und weich gesetzte Delays erschaffen einen Raum zum Träumen. Die besungene nicht erfüllte Liebe wird dabei gekonnt durch die Refrain-Zeile „Kiss like myrrh, sweet perfume, ancient love fills the room“ auf den Punkt gebracht. Das vor langer Zeit für Parfüm verwendete Harz des Myrrhe-Strauchs versprüht einen Geruch, der ebenso an altertümliche Zeiten wie an die versiegte Liaison erinnert.

    Drake Summer Mixtape Vibes

    Mitte des Albums werden die Tracks tanzbarer. „Time and Trust“ gibt einen ersten Vorgeschmack, ehe der gemeinsame Song „Push“ mit dem nigerianischen Sänger Omah Lay die weichen und emotionalen Töne Sharons mit modernen Afrobeats und Amapiano Einflüssen verbindet. „Holding in Place“ treibt das Tempo weiter an und würde sich neben Songs wie „Get it Together“ oder „Passionsfruit“ nahtlos in das 2017 veröffentlichte Mixtape „More Life“ von Drake einordnen, ein Song, der im Winter Wärme spendet und im Sommer die Karibik nach Hause holt. Es ist kein Zufall, dass die Künstlerin bei Drake’s Label OVO unterschrieben hat. Eine Kollaboration würde nicht nur klanglich Sinn machen und den in Belanglosigkeit ertrinkenden kanadischen Rapper wieder etwas Spannung verleihen. „Extacy“ ist ein weiteres Puzzlestück, das Überschneidung mit Drakes Musikkatalog aufweist: Vocal-Samples, gedämpfte Drums und viel Platz für die Stimme. Und im Mittelpunkt steht erneut eine prägende, sich stets wiederholende Zeile: „It’s so easy to go, it’s so hard to come home“.

    Aus den verhallten Träumen in die klare Realität

    Auf „Lucid Dreamer“ gewinnt Sades Einfluss auch innerhalb der Produktionen. Funkelnde Keys und in Hall getränkte Percussion begleiten die träumende Stimme Naomi Sharons. Der dazu gehörende Kalenderspruch lautet dieses Mal: „If you’re not there, there’s no luxury worth living“. Dabei verrät der Titel bereits alles. Der Song ist ein Traum von sinnlicher Nähe, der sich so real anfühlt, dass er echt sein könnte. Es bleibt die Frage, was hören wir, wenn wir luzid träumen? Diesen Song!

    Das Ende des Albums hält noch eine Überraschung bereit. Der Hall verschwindet aus den Songs und es bleiben bescheidene Gitarren und die im Vergleich zurückhaltend effektierte Stimme. „Regardless“ und „Hills“ geben aufgrund der klanglichen Zurückhaltung noch mehr preis und fassen die verschiedenen Facetten des Albums zusammen. Die aktuelle Single „Nothing Sweeter“ führt den eingeschlagenen Weg weiter und kommt ebenfalls nur mit einer Gitarre aus, deren Akkorde und Melodien kaum schöner sein könnten.

    Ein Netz aus roten Fäden

    Naomi Sharon zeichnet ihren persönlichen Klang mit besonderer Klarheit. Warme Bässe ergänzen sphärische Flächen und erschaffen neue Dimensionen für eine ewig wachsende Stimme. Zentrales Element der Songs sind dabei immer sich im Refrain und Outro wiederholende Zeilen, die inhaltlich die Essenz des Liedes in sich tragen und als eine Art Mantra die eigenen Gedanken und Gefühle manifestieren. Dass dieses Album, dass sich in aller Ausführlichkeit mit der Liebe und dessen Reflektion beschäftigt, „Obsidian“ heißt, deutet darauf hin, dass der Heilungsprozess während der emotionalen Aufarbeitung im Vordergrund steht.

    Naomi Sharon zieht ihren roten Faden nicht nur durch ihre Songs, sondern auch durch ihren in blau & und schwarz gehaltenem Instagram-Feed bis hin zum Albumnamen. Diese besondere Homogenität ist ein Beweis ihrer künstlerischen Fähigkeiten und lässt fast vergessen was die Tracks auf dem Album auch sind: einfach verdammt schöne Songs.

    Was noch viel schöner ist, ist Naomi Sharons Konzert in Berlin Anfang April, das allerdings schon ausverkauft ist. Aber wer weiß, vielleicht wird die ein oder andere Karte noch frei.

  • Exklusive Videopremiere: Black Chai Stevia und „Callen“

    Exklusive Videopremiere: Black Chai Stevia und „Callen“

    Today’s Spotlight scheint auf Black Chai Stevia! Die Berliner Band veröffentlicht heute ihr erstes Musikvideo seit ihrem Comeback. Neues Wiedererkennungsmerkmal seit der Reunion: die stampfende four-on-the-floor-Kick, die jeden noch so umrhythmischen Körper zum Bewegen bringt.

    Die drei Jungs sind vor einigen Jahren mit ihrem Hit „Hoodie“ viral gegangen und haben die Hip Hop Welt mit ihrem besonderen Sound aufgewühlt. Nach einer Schaffenspause und neuen Projekten als BLVTH und Pabst bekommen wir endlich wieder neue Musik. Nach „Nachts um 4“ und „Seifenblasen aus Beton“ ist „Callen“ bereits die dritte Single der letzten Wochen. Vom Popsong mit Radiopotenzial über einen verzerrten Brutalismus 3000 type Beat hin zu einem mit Hyperpop angehauchten Hitsong, Black Chai Stevia beweisen eindrücklich ihre Vielseitigkeit.

    Dieses Mal wird der Song noch durch Visuals begleitet und wir sind mehr als hyped!

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    Black Chai Stevia, Pressefoto, Gaderobe, Musikvideo, Single, Premiere

    Was macht ihr, wenn ihr alleine im Büro seid, weil alle anderen im Home Office sind? Richtig! Die Fußnägel lackieren, mit der Tischhydraulik spielen, tanzen und … der Ex schreiben! Black Chai Stevia thematisieren in ihrer neuen Single die Zeit nach der Trennung, wenn man sich langsam eingesteht, dass das Single-Leben die neue Realität ist, aber man ab und zu noch an die Ex oder den Ex denken muss. Wenn dann noch das Büro leer ist und die Arbeit schon seit Stunden nicht mehr bockt, fliegt die Nachricht an den Ex-Partner, die man später bereut, schneller raus, als man denkt. Dass die kurz aufflammende Euphorie dann nicht erwidert wird, ist selbsterklärend. Die drei Musiker füllen die Leere im Herzen und im Büro dennoch mit kreativen Ablenkungen, gekonnten Tanzmoves und einem Hitsong! Das Schönste daran: Den Refrain können wir alle nach zwei Mal blinzeln mitsingen.

    Ah, Ah Ah Ah Ah!

    Streamt die neue Single und checkt das aufstrebende Trio auf allen sozialen Channels wie Instagram oder TikTok! Wer genau hinschaut, könnte vermuten, da kommt vielleicht bald eine EP!

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  • Lucas‘ Jahresrückblick: Auf der Suche …

    Lucas‘ Jahresrückblick: Auf der Suche …

    Dieses Jahr war ich auf der Suche, ohne so richtig anzukommen. Viele verschiedene Genres, Artists, Singles und Alben sind durch meine Ohren geflogen, ohne dass so richtig viel hängengeblieben ist. Das müsste eigentlich gar nicht schlimm oder erwähnenswert sein, fühlt sich aber ein wenig wie eine erste musikalische Midlife Crisis an. Komme ich langsam in ein Alter, in dem mich nichts mehr überrascht, in dem mich nichts mehr von neuem begeistert? Die gute Seite daran ist allerdings, mir fällt meine musikalische Jahresauswahl ungewöhnlich leicht. Hier kommt eine Entdeckung für jeden Monat des Jahres 2023, die sich auf der Suche nach neuen Favourites doch in meinem Ohr festgesetzt haben.

    Januar: maïa – tristesse

    Das Jahr hat vielversprechend mit einer neuen Entdeckung angefangen. maïa trifft mit ihrem Song „tristesse“ sowie ihrer Debüt-EP „tatendrang und todmüde“ genau die musikalische Sitmmung, die ich liebe: leicht depressiv. Die zarte Stimme verschmilzt mit den organischen und zugleich modernen Produktionen. Mein Tipp: maïa wird sich durchsetzen. Die junge Künstlerin ist in ihrer künstlichen Erscheinung zu besonders, um ignoriert zu werden.

    Februar: BENEE – Green Honda

    Ganz abrupt wurde ich aus der Melancholie des Winters herausgerissen, als BENEE „Green Honda“ veröffentlichte. Meine Lieblings-Neuseeländerin hat ihre ADHS-Type Personality in Form eines Songs veröffentlicht. „Green Honda“ klingt wie ein tiefergelegtes neongrünes Auto mit Heck-Spoiler (ausgesprochen „Schpoiler“) und Bodenbeleuchtung, das ohne Rücksicht auf Verluste über den Nachbarsgarten driftet. Falls du ein Gartenzwerg bist: watch out!

    März: Oliva Dean – Dive

    Der Frühling hatte noch gar nicht so recht begonnen, da sind dank Olivia Dean bereits die ersten Schmetterlinge im Bauch umhergeflogen. Mein Celebrity Crush der letzten zwei Jahre hat die erste Single ihres Debütalbums „Messy“ im März veröffentlicht. Noch nie bin ich so geduldig und mit so viel Vorfreude den langen Single-Marathon mitgelaufen wie bei diesem Album. „Dive“ ist für alle Girls da draußen mit rosaroten Brillen und für alle, die es ab und zu im Herzen sein wollen (ich).

    April: Dominic Fike – Dancing In The Courthouse

    Der Sommer begann in diesem Jahr sehr früh. Dominic Fike hat mit „Dancing In The Courthouse” die perfekte Caprio-Hymne sowie das schönste Musikvideo des Jahres releast. Auf Dominic Fike ist am Ende immer Verlass. Auf jeden unbedeutenden Song folgt ein Hit zum Mitsingen. Wo auch immer Dominic Fike in den USA lebt, dort scheint es immer warm zu sein. Anders kann ich mir den perfekten Sommersong im April nicht erklären. 

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    Mai: Jorja Smith – Little Things

    Bevor Olivia Dean mein kleines Teenie-Herz eroberte, war Jorja Smith die unangefochtene Nummer eins. Dabei kann man noch immer auf ihre musikalische Schönheit vertrauen. Die engelsgleiche Stimme der Britin bezaubert immer wieder mit besonderen Momenten. Man muss ihr nur ein wenig Zeit geben. Jorja Smith ist wie Opa’s Bollo. Mit jeder Stunde, die sie länger auf dem Herd steht, schmeckt sie besser, nur mit Musik halt. Umso mehr man Jorja Smith hört, … ihr wisst schon!

    Juni: Olivia Dean – Messy

    Weil ein Song nicht ausreicht, um den vollen Umfang meiner grenzenlosen Liebe für Olivia Dean auszudrücken, betone ich hier erneut wie toll diese Frau und ihre Musik sind. Alles ist ein bisschen kitschig, aber ich falle voll darauf rein und bereue nichts. Wenn Olivia Dean mir vom Paradis vorsänge während ein Bär an meinem Körper knabbert, mich würde es nicht stören. Kurz: „Messy“ ist ein ganz tolles Album. Einziger Schwachpunkt: Nach dem langen Single-Marathon gab es auf dem Album gar nicht mehr soo viel zu entdecken. Aber das ist mir jetzt auch egal, solange mir mein YouTube-Algorithmus weiterhin regelmäßig neue fantastische Live-Auftritte von Olivia Dean vorschlägt.

    Juli: MAVICA – sometimes a person never comes back (but that’s okay)

    Im Juli dachte ich kurz, ich wäre ein A&R, der das nächste große Ding entdeckt hat. Auf TikTok wurde mir ein ca. 5 Sekunden langes Video angezeigt, das mit einem Song unterlegt war. Sofort war ich hooked. Wenn normalerweise auf TikTok der einzige gute Teil eines Songs zum Trend wird, während der Rest Trash ist, wurde ich dieses Mal eines besseren belehrt. „sometimes a person never comes back (but that’s okay)“ ist so unglaublich schön, dass ich leider vermute, dass diese kleine Indie-Künstlerin nie wieder einen so schönen Song releasen wird. Aber das ist okay! Ein Meisterwerk für die Ewigkeit ist mehr als ich zu träumen wage.

    August: Victoria Monét – How Does It Make You Feel?

    Die amerikanische Soul und RnB Sängerin aus dem Dunstkreis von Ariana Grande hat sich schon lange von ihrer Star-Freundin emanzipiert und verkörpert einen Sound der modern ist und zugleich die Wurzeln des Souls und Disco honoriert. Das im August erschienene Album „JAGUAR II“ entdeckt noch mehr musikalische Genres als der Vorgänger und kehrt dennoch immer wieder zu Victoria Monét’s Markensound zurück: anspruchsvolle Pop-Vocals auf tanzbaren Instrumentals mit einem Funken Disco & Glamour. 

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    September: Levin Liam, Miksu/ Macloud – Mann vom Fach

    Für den September gilt die gleiche Regel wie bei meinem Fahrschein. Die ersten paar Tage des neu angefangenen Monats darf ich noch mit der alten Karte fahren. Die erste Single der Kollaboration zwischen Miksu/ Macloud kam zwar erst Anfang Oktober raus, aber mit Sicherheit habe ich mich im September schon darauf gefreut, als auf TikTok der Song bereits intensiv beworben wurde. Wer hätte gedacht, dass das noch vor kurzem Most-Mainstream-HipHop-Producer-Duo Miksu/ Macloud mit dem aktuell Most-Indie-Up-And-Coming-Artist Levin Liam zusammenarbeiten würde. Das Ergebnis ist allerdings unbestechlich. „Mann vom Fach“ überzeugt schnell, ebenso wie die gemeinsame EP „neue Ufer“. Der darauf veröffentlichte Song „so k.o.“ ist die vermutlich schönste Deutsch-Pop-Ballade des Jahres. No cap!

    Oktober: Mustafa – Name of God

    Kommen wir von dem schönsten Deutschen Song des Jahres zum schönsten englischsprachigen Song des Jahres. Die erste Single zum kommenden Album „Name of God“ übertrifft all meine Erwartungen. Ich hatte nämlich erwartet, dass es nicht möglich ist noch mehr so schöne Songs zu schreiben, wie es Mustafa auf seinem ersten Album getan hatte. Doch er hat mich eines besseren belehrt. „Name of God“ steht ganz oben auf der Liste meiner Lieblingssongs 2023. Nothing more to say!

    November: The Kid Laroi – BLEED

    Justin Bieber 2.0 hat mich ebenfalls sehr positiv überrascht. Statt glatter Radio-Hits wie „Stay“ featuring Justin Bieber 1.0 sind die aktuellen Singles eher Indie-Pop Songs. Die durchschnittliche Songlänge von 1,51 Minuten und die stadionesken Ohrwurm-Melodien deuten zwar immer noch auf ein hohes Hitpotenzial mit Erfolgsgedanken hin, berühren aber dennoch auch die ab und zu stark geschundene Seele.

    Dezember: Bee Gees – OG Keemo, Levin Liam

    Den Abschluss macht mein Artist of the Year: Levin Liam. Weil ich Olivia Dean bereits im letzten Jahr neu entdeckt habe, steht Levin Liam auf der Pole Position. Wer so leichtfertig zwischen Rap und gefühlvollen Melodien, zwischen Bangern und Balladen und zwischen Punchlines und poetischen Zeilen hin und her hüpft, hat ganz viel Liebe verdient. Das dies bereits der Fall ist, haben seine letzten Konzerte bewiesen. In Berlin war die Stimmung mega! In Hamburg ebenfalls (wenn wir TikTok trauen können). Levin Liam wird mit seiner Vielseitigkeit und charakteristischen Stimme die Deutsche Pop-Landschaft ganz schnell erobern. Trust me!

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  • Von „vergiss mich nicht zu schnell“ bis „neue Ufer“ mit Levin Liam

    Levin Liam ist noch! der „most underrated“ Artist der aktuellen Stunde. Doch die Anzeichen verdichten sich, dass dieser Stern ganz bald ganz groß über unseren Köpfen glitzern wird. Ein Feature mit Trettmann, ein angefragtes Feature von Mark Forster und die aktuelle Zusammenarbeit mit dem größten deutschen Produzenten Duo Miksu & Macloud beweisen das. Doch bevor wir über das aktuelle Projekt „neue Ufer“ sprechen, fangen wir weiter vorne bei der EP an, die Levin Liam rasant in mein nicht ganz leicht zu erreichendes Musikherz schoss.

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    „Vergiss mich nicht zu schnell“ heißt die 2022 erschienene EP des in Hamburg wohnenden Rappers, Sängers und Produzenten. Nach einigen englischsprachigen Singles unter dem Künstlernamen Liam Levin erscheinen 2022 die ersten Tracks auf Deutsch. Dieses Mal als Levin Liam. „Keine Geduld“, „Heim“ oder „Ich Hab Dich“ zeigen bereits sein Potenzial für besondere Momente. So richtig tief in den emotionalen Nerv stechen allerdings erst die Singles der zuvor genannten EP. „gleich“ ist so unfassbar gefühlvoll, dass die Lobeshymne in Form eines eigenen Absatzes kommt.

    In Wellen rauscht das Intro von „gleich“ langsam in die Ohren, ehe die leicht schüchterne, leicht zerbrechliche Stimme Levin Liams die ersten Zeilen nuschelt:

    „Ich guck’ dir von weitem zu und seh‘ du machst Fortschritt
    Und ich frag mich wie es wohl ist, wenn du fort bist“

    Diese Wortes sind ebenso schön wie clever, denn sie sind die inhaltliche Essenz, um die der gesamte Song kreist. Mit dem Pre-Chorus wird die Stimme bestimmter und die Position des lyrischen Ichs klarer: 

    „Ich will dir mehr von den Lichtern zeigen
    Ich will, dass wir für immer so nüchtern bleiben
    Sag mir, dass du niemals an den Lichtern zweifelst
    Und wir beide zusammen Geschichte schreiben“

    Eine vielsagende Kunstpause bis der Refrain langsam warmes Wasser über unsere verspannten Rücken laufen lässt. Die hauchzarte Stimme singt in einen großen Raum voll Intimität ohne nach mehr als einem zurückhaltenden Klavier zu verlangen. Und doch ebnen sich die Background Vocals ebenso wie der im zweiten Teil des Refrains einsetzende Beat unaufdringlich ein. Es ist wirklich ganz große Kunst wie der Song sich im weiteren Verlauf um den Gesang und das Klavier herum entwickelt. Jedes Element wirkt authentisch und organisch, obwohl der Song auch ganz minimalistisch die volle Gefühlswelt entfalten würde. 

    Während „gleich“ zusammen mit „outro (wenn du hier bist)“ die EP einfühlsam schließen,  leitet „intro (vergiss mich nicht zu schnell)“ das Projekt bittersüß ein. Ein gefiltertes Sample, eine Gitarre und seichte Keys leiten unsere sensiblen Öhrchen sanft in den 1:34 Minuten langen Einstieg der Platte, der lyrisch direkt seinen vollen Zauber entfaltet. Authentisch einfache Worte beschreiben bekannte Bilder und Gefühle, während dumpfe Klänge beruhigend die Stimme umarmen und jeden Teil unserer jemals verletzten Seele trösten.

    „Ich glaub, du kennst mich mittlerweile
    Ich kann lieben, dass es einen überrollt
    Und ich glaub, ich mach da manchmal fehler bei
    Weil ich denk, das kommt alles schon wies soll
    Ich war nie der typ, der sich viel prügelt und das weisst du auch
    Doch für dich nehm ich nen mittelgrossen streit in kauf“

    Auf „finde mich“ säuselt Levin Liam hauchdünn über einen Beat nach Spezialrezept. Warme analoge Keys, ein gefiltertes Sample, dumpfe sphärische Sounds, organische Drums, summende Backing Vocals und das Essen ist angerichtet. Produzent Cato macht erneut alles richtig dabei Levin Liams charakteristische Stimme nuanciert herauszuarbeiten und Bildern wie „Ich rede viel, doch denke zehn mal so viel mindestens“ oder  „Wer nicht im Stau stehen will, der darf auch nicht ins Auto steigen“ Farbe zu verleihen.

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    Mein Highlight ist Lied sieben: „graues papier“. Das gedämpfte Klavier pulsiert erwartungsvoll, ehe unsere neue Lieblingsstimme die Gedanken auf dem grauen Papier mit uns teilt. Der Track ebnet sich stilvoll ein in die Klangästhetik der EP und überrascht mit einer Jersey Kick, die seit Lil Uzi Verts „I Just Wanna Rock“ auf jedem deutschen und amerikanischen Hip Hop Album mindestens 3 Mal auftaucht. Die größere und spannendere Überraschung ist dann aber der Beat Switch, der den Song in gesteigertem Tempo in einen Sad Club Banger verwandelt. Cato beweist, dass er gefühlvolle Atmosphäre genauso gut kann wie tanzbare Club Hits.

    Levin Liam und Cato treten auf „Vergiss mich nicht zu schnell“ in eine besondere Synergie, die die Stärken beider glänzen lässt. Der größte Schwachpunkt dieses Projekt ist, dass es nur knapp 25 Minuten lang ist. Die Stimmungen jedoch sind unbeschreiblich und bedingungslos schön. Während Levin Liam stimmlich wie textlich sein volles Potenzial ausschöpft, gilt gleiches für die durchdachten und treffsicheren Produktionen Catos.

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    Resultat dieser fruchtvollen Zusammenarbeit ist die kürzlich erschienene EP „neue Ufer“ mit Produzenten-Team Miksu & Macloud. Insbesondere die Singles „Mann vom Fach“ und „so. k.o.“ featuring Jeremias beweisen Levin Liams Gespür für eingängige Melodien und lyrische Bilder, während Miksu & Macloud sich selbst und der Welt beweisen auch mit Indie-Produktionen den Zeitgeist des deutschen Hop Hops zu treffen. Das Duo hat sich einen Status erarbeitet, der ihnen musikalische Flexibilität erlaubt. Profiteure sind spannende upcoming Artists wie Levin Liam, dessen Stimme bald die Playlisten, das Radio und alle Festivals prägen wird.

    Gradmesser Levin Liams Entwicklung wird für mich dennoch immer „vergiss mich nicht zu schnell“ bleiben. Durch den musikalischen Feinschliff Catos erschafft der vielseitige Künstler schöne Geschichten mit viel Raum für eigene Gedanken. 

    Vergesst diese EP nicht zu schnell!

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