Ich kann es nicht anders sagen: Lorde und ich – das war einfach Liebe auf den ersten Ton seit 2013. Deswegen kann ich wahrscheinlich nicht so richtig objektiv an diese Review rangehen, aber ich gebe mein Bestes. Hier also meine Gedanken zu „Solar Power„.
Vier Jahre lang war die Neuseeländische Sängerin von der musikalischen Bildfläche verschwunden. Am 11. Juni, dem einzigen Tag der Sonnenfinsternis in diesem Jahr, wurde die Single “Solar Power” released – eine weich-warme Hymne an den Sommer und die Kraft der Sonne. Es geht um die Flucht in die Natur, Leichtigkeit des Sommers und der Sonne, aber auch darum, die Winterdepression und den Alltag einfach einmal hinter sich zu lassen. Klimaaktivist:innen neben die Lyrics mit Humor und weisen darauf hin, auf mehr erneuerbare Ressourcen wie Solarenergie zu setzen.
„Solar Power“ = Sorgen und Problem ade!
Beim ersten Hören von „Solar Power“ wird klar: Lorde ist sich treu geblieben! Ihre Stimme zieht mich noch genauso in ihren Bann wie vor vier Jahren und setzt die Außenwelt kurz auf Pause. Aber trotzdem bildet der Song einen Kontrast zu dem gewohnt melancholischen Sound à la „Pure Heroine“ und „Melodrama“. Von Songs wie „Ribs“, „Royals“ oder „Green Light“ bin ich gewohnt, dass sich die Spannung immer weiter aufbaut und Lorde sie im Refrain der Songs meist wie eine Bombe platzen lässt. Das ist dieses Mal etwas anders. Man könnte fast sagen, die Sängerin wagt einen Neustart. Von der ersten Sekunde an bekommt man einfach gute Laune.
Chillige Akustik-Gitarren ziehen sich durch das Lied ohne dabei in eine Art Trott zu verfallen und werden gegen Ende unterstützt von sanften Drums. Insgesamt ist der Song zwar relativ monoton, aber trotzdem passiert irgendwie immer etwas Neues. Produzent Jack Antonoff zeigt wieder einmal was er drauf hat. Abgerundet wird das Meisterwerk durch Hintergrund-Harmonien von Clairo und Phoebe Bridges. A match made in heaven! Gemischt mit Lorde‘s atmosphärischer Stimme ist das die perfekte Kombination für mich.
„Forget all of the tears that you’ve cried, it’s over. It’s a new state of mind — are you coming, my baby?“
Ja, ich komme! Der Song löst bei mir direkt das Bedürfnis aus, mich am Strand sonnen und dabei einen eiskalten Cocktail schlürfen zu wollen. Nicht ganz so sicher bin ich mir, ob diese Zeile auch eine Anspielung auf einen neuen Lorde-Sound sein soll. Will sie ihre Fans darauf vorbereiten, dass es in Zukunft mehr sonnige, happy vibes und weniger „Melodrama“ gibt? Diese Spekulation lässt sich wohl erst so richtig beantworten, wenn das komplette Album erschienen ist.
Die gewohnt ironische Art der 24-jährigen Neuseeländerin gibt mir allerdings direkt wieder ein wohlig warmes Gefühl vom Zuhausesein. Ihre Art, sich selbst nicht zu ernst nehmen mit Lines wie „I’m kinda like a prettier Jesus“, die mich sehr an „You can call me Queen Bee“ aus „Royals“ erinnert, kommt einfach an – ohne dabei überheblich zu wirken.
„And I throw my cellular device in the water. Can you reach me? No, you can’t“
Ok, ich weiß nicht, ob ich mein Handy jetzt unbedingt ins Meer werfen würde, aber der Gedanke dahinter gefällt mir. Einfach mal abschalten und nicht erreichbar sein – auch, wenn das im Jahr 2021 gar nicht so leicht ist, sollte ich dem Gefühl alle 2 Minuten mein Handy nach neuen Benachrichtigungen checken zu wollen mal gepflegt entgegenwirken und es einfach einen ganzen Tag lang ausschalten. Wenn wir mal ganz ehrlich sind, wissen wir alle, dass wir ohne Handy meist deutlich entspannter sind. Danke also für die Erinnerung, Lorde.
Auch wenn der Song in vielen Artikeln mit George Michaels „Freedom“ verglichen wird, liegt die eigentliche Inspiration für „Solar Power“ laut Lorde in „Loaded“ von Primal Scream. Ich kannte den Song ehrlich gesagt nicht, aber nach dem ersten Hören fällt mir direkt die große Ähnlichkeit im Beat zum Refrain von „Solar Power“ auf. Ich mag’s!
Großes Diskussionspotential
Wie ich den Song finde, ist mittlerweile deutlich geworden. Doch was sagt die Fanbase? Von tiefster Enttäuschung bis höchste Euphorie ist so ziemlich alles zu finden. Es gibt viele Fans, die finden, dass Lorde doch eigentlich viel mehr draufhat als eine eintönige Pop-Hymne für den Strandtag. Andere sehen die Weiterentwicklung ihres Idols und sehen es als eine Art coming of age. Die Twitter-Gemeinde hat von „gelungenes Comeback“, über Memes, bis hin zu Mecker-Posts über den langweiligsten Song des Jahres so ziemlich alles zu bieten.
Es gibt allerdings einen Punkt, in dem die Musikwelt sich einig ist: Wir müssen über Lorde’s Po reden. Denn den größten Diskussionsbedarf gibt es wohl über das Cover von „Solar Power“. Zu sehen ist eine gut gelaunte Lorde aus der Froschperspektive, die am neuseeländischen Strand entlangläuft oder genauer gesagt springt. Sie trägt dabei eine Bikinihose und ein sonnengelbes Oberteil. Das Foto wurde von ihrer besten Freundin Ophelia geschossen, die im Sand lag als Lorde über sie hinweg sprang. Manchen ist das zu freizügig und nicht jugendfrei. Deshalb gibt es zwei Versionen des Covers – die eigentliche Version und eine zensierte, auf der Sonnenstrahlen den Po der Sängerin bedecken. Die zweite Version wird hauptsächlich in Ländern wie China, Japan oder Saudi-Arabien genutzt. Ich bin froh, dass wir die originale Version zu sehen bekommen. Ein unbedeckter Po am Strand sollte ja mittlerweile eins der normalsten und natürlichsten Dinge sein. Aber naja, bevor ich abschweife, widme ich mich doch auch nochmal kurz dem Musikvideo.
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Regisseur für das Video war Joel Kefali, mit dem Lorde auch schon für „Royals“ zusammengearbeitet hat. Für die Produktion hat sich die Crew einen privaten Strandabschnitt gemietet und Lorde hat all ihre Freunde zum Dreh ins Boot geholt. Für mich hat die Atmosphäre ein bisschen was von einer Sekte voller Sonnenanbeter:innen, die auf einer einsamen Insel gestrandet sind. Das wird wahrscheinlich auch durch die Zeile „I’m kinda like a prettier Jesus“ nochmal verstärkt wird. Und können wir mal kurz darüber reden, dass Lorde im Video aus einer Fenchelknolle raucht? Falls irgendjemand weiß, was sie uns damit sagen will, hit me up. Ich habe auf jeden Fall keine Ahnung.
Im Interview mit Triple J verrät Lorde, dass bereits eine Reihe von Musikvideos zum Album gedreht wurden. Das Video zu „Solar Power“ soll die Einleitung in das Universum des neuen Albums sein – mit ihr als Tourguide.
„Solar Power“ – Und was ist jetzt mit dem Album?
„The album is a celebration of the natural world, an attempt at immortalising the deep, transcendent feelings I have when I’m outdoors“
Eine Ode an die Natur und ihre heilende Wirkung in emotionalen Momenten – sei es bei Liebeskummer, Trauer oder in glücklichen Augenblicken. Klingt interessant, aber so richtig kann ich mir noch nicht vorstellen, in welche musikalische Richtung es geht. Bleibt also weiterhin gespannt! Lorde verrät zudem, dass das Album zur nächsten Jahreszeit erscheinen soll. Die Fanbase spekuliert: Heißt das im Herbst oder doch schon im Sommer? Denn theoretisch beginnt der Sommer laut Kalender am 21. Juni. Lorde selbst sagt dazu nur „I want this album to be your summer companion, the one you pump on the drive to the beach.“ In einem Interview hat Lorde außerdem gesagt, dass „Solar Power“ die eine Seite des Albums darstellt. Das lässt mich vermuten, dass wir uns auch auf eine melancholische, dunkle Seite des Albums freuen können.
Long story short: Ich feiere Lorde’s Comeback und bin umso mehr gespannt, was mich auf dem Album erwartet. „Solar Power“ ist ein bisschen wie eine Droge, die mich in permanente gute Laune versetzt und ein bisschen abhängig macht. Ich liebe die Leichtigkeit und Unbeschwertheit, die in dem Song mitschwingt. Alles wirkt sehr natürlich, pur und auf keinen Fall gespielt. Es ist quasi die Ankündigung einer neuen Ära. Lorde, ich wäre dann jetzt bereit für das Album!
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Wenn Trille neue Musik veröffentlicht, dann sind einige Dinge sofort klar: Es wird lyrisch ganz groß. Es wird emotional. Und: Ohrwurm! Und zwar für die nächsten zwei Wochen, mindestens. Nur wenige Künstler:innen schaffen es, musikalisch so viel auszuprobieren und dennoch überall ihre unverkennbar eigene Note zu hinterlassen. Wenn man seine Songs hört, kann man sie ihm sofort zuordnen. Aber eben ohne das Gefühl von „puh, das habe ich doch schon 20x gehört“. Mit seiner neuen Single „nix“ hält uns Trille diesmal mehrere Spiegel (die passenderweise auch das Singlecover zieren) vor und fragt: Wer bist du? Wie bist du? Wann bist du wirklich du? Jule hat sich mit dem Song und seiner Message beschäftigt und das Ergebnis lest ihr jetzt.
Es gibt so Menschen, da geht mir einfach regelmäßig das Herz auf. Trille gehört eindeutig dazu. In seiner Musik nimmt er mich regelmäßig mit auf eine Reise durch seine Gefühlswelt. Liebe, Glück, Schmerz, Freude, Zweifel. Alles dabei. Wenn ich als Zuhörerin das Gefühl bekomme, den Menschen hinter dem Sound kennenzulernen, dann macht Musik doch einfach so richtig Sinn, oder? Wenn man sich dann auch noch selbst hinterfragt, aus den Zeilen lernt oder sie für den weiteren Weg verinnerlicht und trotzdem nicht vergisst, zu den Beats durchs Zimmer – und bald wieder in den Clubs! – zu tanzen… Dann, ja dann haben wir alle ganz schön viel richtig gemacht.
Aber kommen wir doch endlich zum Song des Tages! Als ich mir „nix“ das erste Mal höre, erkenne ich ihn irgendwie wieder. Denn ich als Trille-Ultra bilde mir ein, den Song schon mal live gehört zu haben, kann das sein? Vielleicht habe ich die Anfangsmelodie auch einfach nur im Kopf, weil ich durch entsprechende Teaser erfolgreich geinfluenced wurde, wer weiß…
Erstmal bin ich auf die Beats gespannt. Die erzeugen nämlich oft schon ein Gefühl oder eine Stimmung, bevor auch nur eine einzige Zeile gesungen wurde. Allerdings beginnt „nix“ ziemlich schnell mit seiner Story und ich fühle mich bei „Stellst du das auf Instagram? / Ist das für dich cool genug?“irgendwie ertappt. Ich nehme einmal vorweg, dass es in dem Song darum geht, wer man ist, wie man sich darstellt und ob das „gut genug“ ist. Fragen, die sich aktive Instagram-Nutzer:innen sicherlich auch schon das ein oder andere Mal gestellt haben. Und natürlich zeigt sich ein Großteil von uns im Internet nur so, wie sie von anderen wahrgenommen werden möchten. Trille fragt sich in „nix“, ob diese Selbstinszenierung der immer geprädigten Authentizität im Weg steht. Und seine Antwort darauf lautet: n e i n. Und zwar genauso, wie sich Tränen und Glückseligkeit oder ein Eis als Nachtisch, obwohl man eeeecht satt ist, nicht widersprechen.
„Dein Leben ist ’ne Show / The Show must go Du bist schön / Wenn du gar nix machst“
Trille in „nix“
Getragen werden die Lyrics von einem Beat, den ich gerne als Trille-typisch bezeichnen würde. Aber das fühlt sich irgendwie auch nicht richtig an. Er hat es mit seinen bisherigen Songs geschafft, mir eine riesige Tür in Richtung Soundwelten zu öffnen. Und mit jeder neuen Single kommt ein neuer Aspekt dazu, öffnet sich die Tür einen kleinen Spalt weiter. Und Trille wiederum entdeckt mit jeder neuen Single immer wieder neue Arten, sich musikalisch auszuleben. In „nix“ präsentieren sich wummernde Bässe und pulsierende Hi-Hats, die sich direkt in meine müden Beinchen katapultieren. Nicht zu vergessen die unverkennbare Stimme mit der unfassbaren Range, die von fein eingesetztem AutoTune ins perfekte Licht gerückt wird. Aber bitte nicht vergessen, dass hinter den Sounds tatsächlich eine Band steckt, mit Drums und Gitarren und so. Menschen, nicht nur Computer.
Man hört bei „nix“ (wie aber eigentlich bei allen Songs von Trille) auf jeden Fall, dass hier jemand ganz genau weiß, was er tut. Als studierter Musikwissenschaftler und Tonmeister mit Master in Popular Music wohl auch kein allzu großes Wunder. Die gewohnte Produktions-Arbeit mit Dennis Borger (FIBEL) und erstmals auch Hitmachine Tim Tautorat zahlt sich komplett aus – meine Ohren sind happy, mein Herz erfüllt und mein Kopf überlegt erfolgreich, wie das denn nun eigentlich mit meiner ganz eigenen Authentizität aussieht…
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Im Musikvideo zu „nix“ hat Trille übrigens 7 Menschen gebeten, sich in kurzen Szenen selbst darzustellen. Um auch bildsprachlich zu zeigen, dass Selbstinszenierung und Authentizität eben wirklich gar keinen Widerspruch darstellen. Zu sehen bekommen wir hier Eva Maria Christiansen, Mano Thiravong, Leni Leßmann, Erna Pachulke, Tim Tautorat, Kim Hoss und Meik van Severen. Und jedes Portrait erzählt eine wunderbare kleine Geschichte von selbstbestimmter Identität. Ein absolut sehenswertes und (Achtung!) authentisches Video, das ein tolles und wichtiges Zeichen setzt.
Trille hat aber nicht nur einfach so eine neue Single rausgehauen. Vielmehr läutet „nix“ die noch für den Sommer angekündigte EP „luft & liebe“ ein, auf die ich super gespannt bin. Weil ich weiß, dass in ihm noch so viel schlummert, das gehört werden muss. Und vielleicht auch, weil ich meinen nächsten Ohrwurm kaum erwarten kann. Aber bis es soweit ist, höre ich einfach noch ganz oft „nix“. Wer mitmachen will, einfach hier auf Play klicken:
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Musikalisch gesehen wird Hannover meist nicht so als „the place to be“ angesehen. Doch spätestens seit JEREMIAS ist die Stadt wieder auf dem Musik-Radar für aufstrebenden Newcomer:innen gelandet und hat ihr Image aufpoliert. Zusammen mit anderen Künstler:innen wie Anaïs, den Ottolien oder FORWARD wird klar: Die Vielfältigkeit der Hannoverschen Musikszene sollte nicht unterschätzt werden. Meine neueste Entdeckung aus der niedersächsischen Landeshauptstadt: jesko.
Hinter jesko steckt die 22-jährige Studentin Neele. Sie produziert mit ihren Freunden zusammen Songs, die sie bisher meist für sich behalten hat. Ihren ersten und bisher einzigen Auftritt hatte sie im August 2020 beim Livestream-Festival vom Campusradio Hannover – dort bin ich auf sie aufmerksam geworden. Damals hatte sie noch nichts veröffentlicht, kein Spotify-Profil, keine CD’s oder Demos. Ich weiß aber noch ganz genau, wie ich ganz konzentriert hinter dem Monitor saß und darauf fokussiert war die Kommentare des Livestreams zu beantworten. Als jesko auf die Bühne kam habe ich direkt Gänsehaut bekommen und musste ihr einfach gebannt zuhören (und meine eigentliche Aufgabe ignorieren). Neele hat einfach eine unglaublich fesselnde Stimme.
Deswegen hat es mich umso mehr gefreut als ich gesehen habe, dass sich seitdem einiges getan hat und jesko Ende März ihre erste EP veröffentlicht hat. Unter dem Namen „High Tide“ befinden sich auf der EP fünf Songs. Anders als das Cover der EP mit einem Bild der kleinen Neele vermuten lässt, geht es nicht um ihre Kindheit, sondern um die aktuelle Gefühlswelt. Die Songs sind eine Mischung aus eigenen Erfahrungen und Geschichten, die sie von anderen erzählt bekommen hat. Das Ganze klingt sehr atmosphärisch, melancholisch und lässt mitfühlen.
Der Name ist Programm: Der erste Song „High Tide“ ist Namensgeber der EP. Zugleich ist es auch die erste Single, die jesko veröffentlicht hat und der perfekte Einstieg in die EP. Atmosphärische Sounds und synth waves lassen mich sanft in jesko’s Klangwelt gleiten. Ihre softe Stimme trifft auf Echos aus der Ferne und ich drifte ein bisschen ab.
“You’re so close to bottom of it all, when the high tide slowly brings you down“
Inhaltlich dreht sich der Song um Rückschläge. Rückschläge, die man nicht wahrhaben möchte und realisiert, dass man aber doch nicht wegrennen kann, auch wenn es das einzige ist, was man gerade machen könnte. Es geht auch um einen gewissen Zwang an etwas wachsen zu müssen, obwohl man gedanklich eigentlich noch in der Vergangenheit feststeckt. Diese Zerrissenheit ist auch im Musikvideo zu „High Tide“ zu sehen. Dort steht jesko vor einer Wand, auf die ein Video von Wellen im Meer proviziiert wird. Sie schaut verträumt und unsicher in die Kamera oder in die Ferne. Viel passiert nicht, aber ich habe direkt das Gefühl mitzuerleben, was in ihr vorgeht. Auch wenn das ein bisschen trügerisch ist, denn die Geschichte hinter dem Lied ist nicht ihre eigene, sondern die eines Bekannten.
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Ok, weiter geht’s: der nächste Song heißt „Leave me running“. Setzt er da an, wo der erste Song aufhört? So genau weiß ich das nicht, aber er passt auf jeden Fall perfekt in das sinnbildliche Konzept. Diesmal geht es weniger um den eigenen Kampf mit den Gefühlen. Hier ist eindeutig eine zweite Person mit im Spiel. Verlangen nach Nähe, Rückhalt und einer Gegenseitigkeit, bei der allerdings offenbleibt, ob sie gegeben ist. Es geht um die Unsicherheit: Fühlst du genauso wie ich? Und was ist wenn? Ich fühle mich schon fast selbst unsicher. Da hilft es auch nicht, dass der Song sehr offen endet mit „it could get cruel, it could get bad“ – na toll, und jetzt?
Mit „Raining Gold“ bricht diese ungemütliche, zerrissene Stimmung ohne eine direkte Antwort auf den vorherigen Song zu geben. Der „sunny song“ der EP klingt fast wie ein kleines Liebesgeständnis und lässt Hoffnung aufkommen. Ich werde also doch noch gerettet. Viel mehr gibt es zu der Disco-Nummer mit starkem Ohrwurm-Potential auch eigentlich nicht zu sagen. Der Sound ist sehr leicht und stimmig mit dem Konzept der EP. Ein typischer „everybody‘s darling“.
„Now it’s 2 in the morning and I still can’t find a way how I not wanna be stuck with you“
Ja, diese Situation kommt mir irgendwie bekannt vor. Man weiß nicht so genau, wo man gerade eigentlich steht mit dieser Person, aber man kann auch einfach nicht ohne. Jesko merkt, dass sie verliebt ist, sträubt sich dagegen, aber kann auch nicht so richtig etwas unternehmen. Das Ganze ist verpackt in einen eher glücklich klingenden Gitarren-Sound, der mich von der trübenden Unsicherheit ablenken lässt. Das ist „Stuck With You“.
Dieses fast schon wohlige Gefühl, dass gerade erzeugt wurde, wird mit dem letzten Song „Beautiful Disgrace“ dann auch wieder zerstört. Traurige Klavierakkorde lassen mich wieder in eine mitfühlende, melancholische Verfassung fallen. Geht es hier um eine Trennung? Zweifel werden deutlich, aber auch wieder viele Unsicherheiten. Für mich kommt der Song teilweise leider etwas konzeptlos daher und ist deshalb einer der schwächeren auf der EP.
Fazit: jesko nimmt uns mit in ein Wechselbad der Gefühle. Vieles ist total nachempfindbar, manches bleibt allerdings auch offen. Das ist aber auch gar nicht so schlimm. Mich haben die Songs auf jeden Fall sehr zum Nachdenken angeregt. Insgesamt kommt der Sound eher etwas getrübt daher und ist eindeutig eine der melancholischen EP’s, die man an einem regnerischen Tag rauf und runter spielt. Ich habe Lust auf mehr und bin gespannt, was jesko als Nächstes raushaut!
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Kaum eine Band ist in letzter Zeit so schnell so weit aufgestiegen wie JEREMIAS. Ständig ausverkaufte Shows, massenweise Fans, Fernsehauftritte, ihr Name ist überall zu hören – und nun auch ihr Debütalbum. Nach zwei EPs erschien am 28. Mai Golden Hour, das uns einen Einblick in die Lebensphilosophie und die Rastlosigkeit des Lifestyles der Band bietet. Durch die gesamte Platte zieht sich vor allem das Gefühl des „nie ankommen„, das sie sowohl textlich, als auch musikalisch so dynamisch macht. Mit ihrem ersten Album beweist die Band, dass sie sich jetzt schon weiter entwickelt hat, aber gerade erst am Anfang ihrer großen Reise ist.
Immer Unterwegssein gemischt mit Liebe und Herzschmerz, das macht golden hour aus. Die vier Jungs aus Hannover erspielen sich damit einen großen Haufen neuer aufmerksamer Hörer:innen und Fans, für die das Album garantiert den Soundtrack ihres Sommers bilden wird. Vor allem spürt man durch alle Tracks hindurch die Leidenschaft von Oliver, Ben, Jonas und Jeremias, die hinter diesem Werk steckt. Doch nicht nur die Tracks beweisen das, sondern auch das Auge bekommt ein detailverliebtes stimmiges Ganzes rund um Design, Musikvideos, Fotos.
Mit dem Instrumental-Intro xx beginnt das Album und steigert schon die Neugier und Erwartung seiner Zuhörer:innen. Übergehend in den zweiten Track sorry wird man direkt mitten rein geworfen. Kummer, die Einsicht der eigenen Fehler, eine Entschuldigung an eine geliebte Person. Man bekommt Ehrlichkeit und eine große Portion tiefster Emotionen direkt durch seine Kopfhörer geliefert. Alles im typischen warmen JEREMIAS-Sound, der selbst einen inhaltlich traurigen Song mit ganz easy zu tanzbarem Indie-Pop mit Disco-Feeling werden lässt.
Nach dem emotionalen Einstieg folgt mit nie ankommen einer der Songs, der die Platte meiner Meinung nach wirklich ausmacht. „Ich bin so aufgeregt, ich bin auf dem Weg“ – der Song verkörpert die Rastlosigkeit, die die Band seit ihrem Erfolg erlebt, die Sehnsucht nach immer mehr und ihre Passion für das, was sie tun. Gewohnt funky und mit krass gutem Instrumental zwischendrin ist der Song absolut kompakt abgerundet und lässt verstehen wieso die Musik von JEREMIAS so gefeiert wird. Denn es ist genau dieser einzigartige Sound und dieses vermittelte Lebensgefühl, das mitreißt und nicht mehr loslässt. Genau passend zu dem Vibe des Songs gibt es ein sommerliches Musikvideo, das die Jungs im Urlaub zeigt.
„Und wenn wir ankommen, dann seh ich das nicht ein, ich will nie aufhören, immer wach zu sein“
Als nächstes folgt mit hdl ein poppiger Song, der sich perfekt zum mitsingen und für Live-Shows eignet. Zwar ist sich wahrscheinlich jeder einig, dass dies nicht der inhaltsreichste Song ist, jedoch sieht man da vor dem inneren Auge schon die Crowd, wie sie „Hab dich lieb und Langweile“ ruft. Genau dieses Potential und die Leichtigkeit des Songs scheinen auch bei den Fans rüberzukommen, denn hdl raste auf Platz 2 der meistgehörtesten JEREMIAS-Songs auf Spotify. Mit momentan fast 4 Millionen Streams steht dieser hinter dem unschlagbarem JEREMIAS-Hit schon okay mit seinen über 5 Millionen Streams. Solche Zahlen sind einfach dahingesagt, sind aber alles andere als gewöhnlich für eine neue deutsche Band, bevor sie überhaupt ihr Debütalbum veröffentlichte. Mit hdl traten JEREMIAS kürzlich in der Late Night Berlin Show auf Pro7 auf, was den Erfolg des Songs sicherlich noch mehr förderte.
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Mit dem 5. Track, den ich mags bildet, wird es wieder nachdenklicher. Ja, ich mag es auch, wenn „alles laut und Disco ist„. Auch hier schleicht sich wieder das Thema der schlaflosen Nächte und des Unterwegs sein rein und lässt mich vermissen, wie mein Leben vor Coroni-Zeiten war. Aua. Naja, kein Grund zum Trauern, denn ich mags läuft frei nach dem Motto, dass im Moment leben wichtiger ist. Obwohl nach der ersten Strophe ein Drop angeteasert wird, wird man aber erwartungsvoll weiter hingehalten. Keine Sorge, der ersehnte funky Drop, für den man JEREMIAS-Songs so liebt, wartet bis zum Schluss und lädt zum tanzen ein.
Darauf folgt mio, ein langsamerer tiefgründiger Song, der nicht nur die positiven Seiten ihres jetzigen Lifestyles zeigt. Er sprüht vor Melancholie und erklärt, dass JEREMIAS trotzdem Angst haben, in Vergessenheit zu geraten. „Mama, ich will nur Legende sein„, eine Bekenntnis zu einem Lebensmotto, das sie vermutlich noch sehr weit bringen wird. Untermalt wird der Track von entspannten Synthies, 80er Vibes und einem geschmackvollen schwarz-weiß Video bei Nacht. Vor allem zeigt der Song, dass JEREMIAS nicht nur für eine kurze Zeit hier sind, sondern noch Großes vorhaben. Wir sind gespannt.
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Schon die ersten Sekunden des Songs hypen als Hörer:in so sehr, dass man nur Glück verspürt. Für mich ist es keine schwere Entscheidung zu sagen, dass paris der Star des Albums ist. Der Track vereint alles, was man an JEREMIAS liebt: funky Melodie, bei der es unmöglich ist, nicht zu tanzen und eingehender Text, bei dem es unmöglich ist, nicht mitzusingen. Schon bei Live-Shows war ich immer hin und weg von paris, der immer als unveröffentlichter Song gespielt wurde. Schon da war ich mir sicher, dass er mein Lieblingssong der Band werden wird. Und ich hatte recht! Trotz einmaligen Sommer-Vibes fließt auch hier wieder die gelungene Mischung aus Liebe und Leiden mit ein, das gelingt der Band einfach am Besten. Es ist schwer in Worte zu fassen, wie nice es sich angefühlt hat, paris das erste Mal als veröffentlichte Single gehört zu haben. Euphorie, positive Erinnerungen, Begeisterung, alles mit dabei.
Nach dem krassen Aufschwung in paris wird man mit 2 wieder etwas runtergeholt. Instrumental, kein Gesang, erinnert an Parcels, klingt live immer nice. Was will man mehr? Ich bin, ehrlich gesagt, oft zu ungeduldig, um mir rein instrumentelle Songs mitten in Alben öfters anzuhören. Bei 2 komm ich aber gar nicht auf die Idee, meinen Finger Richtung Skip-Button zu bewegen, sondern genieße es. Alles richtig gemacht.
Nach dem man 2 hoffentlich nicht geskipped hat, kommt man zu einfach. Der Song klingt gar nicht so einfach, wie der Titel und legt offen die musikalische Weiterentwicklung der Band dar. Beim ersten Hören war das der Song, den ich am meisten als unerwartet und untypisch empfand. Wo bei den anderen Songs trotz Melancholie noch tanzbare Leichtigkeit mit geht, ist dieser hier zutiefst emotional und bewegend. Vor allem durch die heranlaufende Steigerung im Song, fühlt er sich groß und bedeutend an. Textlich zeigt sich Jeremias sehr nah und reflektierend über sich und sein Leben. Gerade dadurch wirkt der Song am ehrlichsten und tiefsten und bietet für mich einen Kontrast zu den anderen, obwohl er das Gesamtwerk komplett macht.
Schon geht es weiter mit dem Titeltrack des Albums. Die Melodie in den ersten Sekunden ist schon unglaublich eingehend. Und golden hour ist so sonnig, wie man sich ihn vorstellt und bringt trotzdem eine Hand voll Melancholie in den Strophen mit. Jeremias zeigt wieder einmal, dass ihm nachdenkliche Texte zu schreiben mehr als nur gut steht. Auch hier ist das Ganze wieder geschmackvoll mit sommerlicher Leichtigkeit kombiniert. Letztendlich ist er der entspannende Sommer-Hit, den wir alles für 2021 gebraucht haben.
Geschlossen wird das Album mit weniger, das quasi die Spitze des „Ich will mehr“-Gefühls bildet. Getrieben von der Sehnsucht besingt Jeremias, dass er immer von mehr träumt, als das, was er gerade hat. Er beschreibt dieses Gefühl dabei als „Platzangst“, was sich schon durch das ganze Album zieht und zum Schluss konkretisiert wird. Dabei klingt der Song nicht nach Rastlosigkeit, sondern relaxed und eignet sich perfekt zum mitwippen. Zwar sehnt sich Jeremias danach fortzugehen und nie anzuhalten, so sind die aller letzten Worte des Albums „Baby, komm doch bitte mit„. Damit wird mir abschließend nochmal deutlich bewusst, wie sehr die Mischung aus Aufbruchsstimmung und der sensiblen Seite von Jeremias ihre Songs ausmacht.
Durch golden hour zieht sich von vorne bis hinten ein thematisches Konzept und ein Gedankenstrang. Dadurch erhält man einen persönlichen Einblick in die Gedanken von Sänger Jeremias und seine Sicht auf das Leben. Obwohl alles dadurch zur stimmigen Einheit wird, klingen alle Songs sehr unterschiedlich. Seien wir ehrlich, das ist bei Indie-Alben nicht immer so. Aber von allen Dingen macht golden hour am meisten einfach Spaß. Es ist ein Album voller Leichtigkeit, voller Gedanken, voller Sonne, aber auch voller Melancholie und passt sich demnach jeder Gefühlsstimmung an. Trotz dessen, dass das Album so fertig, leidenschaftlich und weiterentwickelt klingt, bin ich mir sicher, JEREMIAS sind noch am Anfang. Sie sind plötzlich in die Indie-Szene hinzugekommen und haben sie blitz schnell zu ihrer erobert. Und ich glaube, ich mags.
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“Eine echte Perle superfrischer Folk-Indietronica” – mit diesen Worten wurde Bartleby Delicate an mich herangetragen. Auch wenn ich ihn bis dato noch nicht kannte, war ich direkt beim Namen ein bisschen neugierig. Er klingt so gemalt einfach. Bartleby Delicate. Da kann sich doch nur superschöne Musik hinter verstecken. Also begab ich mich mit hohen Erwartungen auf die Reise in seine Debüt-EP „Deadly Sadly Whatever“ und wurde – Spoiler – absolut nicht enttäuscht. Ich würde tatsächlich auch vollkommen mit dem oben genannten Zitat mitgehen und euch die Perle, die Bartleby Delicate ist, ans Herz legen. Und die Platte sowieso.
Doch wer ist Bartleby Delicate eigentlich? Der Luxemburger Singer-Songwriter heißt eigentlich Georges Goerens. Er kombiniert in seiner Musik berührende Lyrics mit melancholischen Folk-Gitarren und loopbasierten elektronischen Einflüssen. In Deadly Sadly Whatever (was ist das aber auch für ein geiler Titel, sorry) hat er eine Handvoll Songs versammelt, die sowohl auf eine leichte Art beruhigen, als auch immer ein bisschen diese innere Melancholie anstoßen. Bartleby Delicate lässt mich über wirklich deepe Sachen nachdenken und in Erinnerungen schwelgen, ohne mich richtig traurig zu stimmen. Es ist genau diese wunderschöne Balance, die, unterlegt von diesem dreamy Folk Soundtrack, mich ein bisschen sehr in seinen Bann gezogen hat. Und warum, das lest ihr jetzt.
„There’s no need to be strong”
Der erste Song ist das Intro There’s No Need To Be Strong. Gekennzeichnet durch eine mit mehreren verzerrten Stimmen aufgenommen A-Capella-Version der sich immer wieder wiederholende Zeile: „You said there’s no need to be strong“. Wie sich herausstellt, ist das auch die erste Zeile des ersten „richtigen“ Songs Sleeping Song danach. Und solche kleinen Details lieb ich ja sowieso. Und auch das Konzept von Sleeping Songs allgemein kriegt mich sehr. Das ist schon auch ne sehr spezielle Stunde des Tages, zu der man sowas hört. Und wenn man da einen Song voller beruhigender Geborgenheit bekommt, dann braucht man eigentlich auch nicht viel mehr.
Sleeping Songfängt wie gesagt mit der ersten und auch Key-Zeile „You said there’s no need to be strong“ an. Verspielte elektronische Töne und ein leichter Beat reihen sich neben Bartleby Delicates Stimme ein und singen mir „I could bring you anywhere where you can lay your head down“ ins Ohr. Es ist das erste Mal, dass man ganz unverzerrt seine Stimme hört und ja, die klingt genauso beruhigend wie ihr es vermutet. Super melodisch hab ich jetzt schon einen kleinen Ohrwurm, aber so was macht ein immer wieder geloopter Chorus halt auch. Und obwohl der ganze Vibe von Bartleby Delicate ein grundsätzlich ruhiger ist, so macht er hier eher happy als dass er traurig macht. Ich fühl mich ein bisschen wie schon im Traum.
Sleeping Song ist ein Schlaflied, welches Bartleby Delicates für die Söhne seines besten Freundes geschrieben hat. Call me emotional, aber das find ich super schön und berührend. Dazu kommt, dass in dem Satz „there’s no need to be strong” auch die Botschaft gegen stereotypische Männlichkeiten mitschwingt, und da werd ich ja erst richtig emotional. Aufwachsenden Jungs zu vermitteln, dass „männlich“ sein nichts zu tun hat mit dem vermeintlichen „stark sein“ und die einhergehende „Emotionen und Schwächen zeigen ist schwach“-Antwort auf alles falsch ist, ist so unfassbar wichtig. Einfach mal diesen Kreis zu durchbrechen und diese Generation von jungen Jungs nicht reproduktiv in die gleiche Richtung wie die Generationen vor ihnen zu schubsen, kann so viel verändern.
„There’s a fake sun for a fake sun bath”
Soviel zu meinen #letboysfeel Gefühlen und weiter zu den schönen Metaphern, die Plastic Flowers aufmacht. Der Aufbau des Songs ist ein ganz anderer als der vorherige. Die akustischen dreamy Folk-Gitarren sind ausgetauscht gegen diffuse elektronische Geräusche. Sie pendeln sich langsam auf eine Melodie ein, auf der Bartleby Delicates Stimme auf einmal sehr unnahbar wirkt. Eine unangenehme Stimmung, bei der ich auch erst ein bisschen schlucken musste. Das alles baut sich bis zum ersten Chorus auf und fällt dann in diesen schönen Indietronica Stil, der alles wieder harmonisch zusammenfließen lässt.
“I bought you some plastic flowers, cause I’ve got nothing real to share.”
Das lass ich einfach mal so stehen. Es ist auf eine tragische Weise so schön ausgedrückt, dass ich das gar nicht anders beschreiben will. Es schafft diese Art von Zauber, dem man eigentlich nur verfallen kann.
Diese Kunst, sich so abstrakt und doch poetisch assoziativ auszudrücken, zieht sich durch die ganzen Lyrics von Deadly Sadly Whatever. Das zeigt auch der nächste Track Winter’s Dark:
„People going out here thinking I look vital I know for them it’s hard to see how things change once in a while now Don’t you pick up the phone it is as heavy as iron Let’s meet up on Christmas eve, it’s empty in the sauna”
Obwohl ich jetzt gerade mit Ventilator aufm Balkon sitze und diese erste Hitzewelle des Jahres genieße, weiß ich, dass ich das in den trüben November-Tagen rauf und runter hören werde. Für den Sommer ist es vielleicht der falsche Soundtrack (heißt ja literally Winter’s Dark), aber ich hab’s auf jeden Fall schon mal für später gesaved.
Musikalisch ist Winter’s Dark deutlich mehr Indie als davor. Schon in den ersten 10 Sekunden fällt man in diese depressiven Gitarrenchords und mein kleines Emo-Herz ist sehr glücklich. Den Chorus singt Bartleby Delicate zweistimmig. Auch das ist wieder so eine kleine Sache, mit der ich zwar nicht gerechnet hätte, die aber unfassbar gut funktioniert. Am Ende hat bekommt Winter’s Dark kurz einen leicht verzerrt elektronischen Twist, bevor er sich dann schon fast komplett rockig selbst ausklingen lässt. Auch hier wird sich ganze 4:23 Minuten Zeit genommen und ich empfind das als erstaunlich entschleunigend.
„Reminds me of you from top to toe“
Als nächstes kommt From Top to Toe EP Version, der zweite Versuch der bereits 2020 erscheinenden Single From Top to Toe. Ich hab mir aus Neugier einfach mal die 2020 Version angehört. Im Zuge dessen hab ich herausgefunden, dass Bartleby Delicate mal Support für Tom Odell gespielt hat. Obwohl das nichts mit dem Song an sich zu tun hat, kann man da schon mal ein Namendropping machen. Vor allem weil es musikalisch auch einfach Sinn ergibt: Bartleby Delicates Sound geht auf jeden Fall in eine ähnliche Richtung. Es hat auch diese paar Bon Iver – Vibes, in die mich ein bisschen verliebt hab. Es ist einfach alles so feel good-angenehm produziert, ich will aus dieser Traumwolke gar nicht mehr raus.
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Die EP Version von From Top To Toe ist ein bisschen langsamer und hypnotischer als die erste, aber hat die Grundstruktur behalten. Ich wüsste jetzt auch nicht, welche von beiden Versionen ich besser finde. Alles, was ich fühle, sind diese herzzerreißend Lyrics, die Bartleby Delicate so gefühlvoll vom Herzen singt, dass es fast was Verletzliches hat:
„I’ve had some disconcerting experiences the last few years. The strange thing is that I struggle somehow to remember the exact origin of them. But still those memories are haunting me. I think we are all constantly trying to repress things from our past and they come back from time to time fully present in front of us: from top to toe.”
Deadly, Sadly, Whatever’s Next
Die Indielektronischen Sounds der EP sind weg, auch der Touch Folk fehlt. Stattdessen ist der letzte Song der EP einfach nur tragisch klagend – und was anderes hab ich bei einem Song, der Deadly Over You heißt, auch nicht erwartet. Bartleby Delicate tiefe Stimme legt sich über hallige Gitarrentöne und klingt wirklich ziemlich traurig. Ich hab das Gefühl, dass mir hier ein zerbrochenes Herz vor die Füße gelegt wird. Passenderweise kommt ab der Mitte des Songs auch ein alles unterlegender, schnell pochender Herzschlag dazu, der auch meinen eigenenein bisschen nervös ansteigen lässt. Zum Ende hin wird es aber musikalisch einfach richtig schön, wenn sich nach sechseinhalb Minuten alles zusammenfindet. Ja, es ist der längste Song auf Deadly Sadly Whatever.
Abschließend empfehl ich diese EP jeder Person, die sich gerne in melancholische Folk-Songs verliebt und auch ein Faible für elektronisch angehauchte Bon Iver Songs hat. Kann man eigentlich absolut gar nichts mit falsch machen. Im Gegenteil: Es macht mich absolut gespannt auf das, was als Nächstes aus Bartleby Delicates Feder kommt. Bis dahin, habt Spaß mit Deadly Sadly Whatever, wann immer ihr eine Pause von eurer Sommer-Gute-Laune Playlist braucht. This might be your place to rest and recharge:
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Im Leben von Michelle Zauner aka Japanese Breakfast gab es in den letzten Jahren einiges zu verarbeiten. Persönliche Ängste, ihre Identität als Migrantin in den USA und zuletzt die Krebserkrankung und der Tod ihrer Mutter waren Treibstoff für die musikalische Entwicklung auf ihren letzten beiden Alben. Nun scheinen die Rückschläge überwunden. Auf dem neuen Album „Jubilee“ kann Zauner wieder optimistisch in die Zukunft schauen. Und für ihr anhaltendes Glück ist die ikonische Musikerin bereit zu kämpfen.
Irrungen und Wirrungen sind in meinem Musikgeschmack eigentlich nichts Neues. Wenn mich etwas sofort catcht, dann ist es entweder schräger Post-Punk oder richtig süße Popmusik. Letzteres war es auch hier – ich hatte vorher offen gestanden noch nie etwas von Japanese Breakfast gehört, aber die erste Single „Be Sweet“ hat mich umgehauen. Schade eigentlich, dass man keine CDs mehr kauft. Denn meine Vorfreude war in etwa so wie damals; vor’m Provinz CD-Laden die Cellophan-Folie mit den Zähnen aufknabbern, um schon auf der Busfahrt nach Hause das Album in den Discman zu schmeißen. Ich wurde nicht enttäuscht! Ich sag euch, warum.
It’s a rush!
Wie könnte man ein „Jubilee“ am besten feiern, wenn nicht mit einem großen Fest? Das gehört ja irgendwie auch zusammen. Der Opener „Paprika“ vermittelt dieses Gefühl mit rollenden Marching-Snares, die wie bei einer großen Parade zum Festplatz führen. Durch die nach und nach hinzukommenden Bläser, versetzt mich der Song in genau diese feierliche Stimmung an einem lauen Sommerabend. Hier werden quasi die Vorbereitungen für das anstehende Jubiläum getroffen. Lichterketten werden aufgehängt und Bowle ausgeschenkt. So, dass der ausgelassenen Feierei nachher nichts mehr im Wege steht. Hoch die Tassen!
Doch zunächst hätte Japanese Breakfast in den Lyrics gerne noch ein paar Fragen beantwortet: Wie fühlt es sich wohl an, immer im Mittelpunkt zu stehen? Wenn alle an deinen Lippen hängen und jedes Wort nur so aufsaugen? Gut vorstellbar, dass Michelle Zauner sich diese Fragen hier selbst stellt. Denn nur wenige KünstlerInnen können sich wahrscheinlich der Sucht nach Aufmerksamkeit und einer wachsenden Egozentrik entziehen. Vor allem, wenn der Erfolg parallel (und natürlich absolut verdient) dazu wächst. Michelle Zauner ist nämlich nicht nur Musikerin, sie ist seit kurzem auch Bestsellerautorin in den USA. Und auch wenn man sich gar nicht so sehr im Glanzlicht des Narzissmus gefällt, ist es schwer, sich der Sucht zu stellen. Ein Erklärungsversuch? Zumindest eine Einsicht.
„Oh it’s a rush! It’s a rush! But alone it feels like dying All alone I feel so much“
Tell the men I’m coming
Die Popkomponente, nur echt mit der Bassdrum auf der 1 und der Snare auf der 2, kommt auf dem Album natürlich auch nicht zu kurz. Das zu Anfang schon erwähnte „Be Sweet“ ist ein absoluter Hit. In den 80ern hätte Cyndi Lauper den Beat wahrscheinlich auch gepickt und damals einen Chartbreaker draus gemacht. Knackiger Bass, super viel Hall auf den Drums und Gitarren mit Choruseffekt. Geht da überhaupt noch mehr 80er? Heute ist das ein hübsches Zitat an ein mutiges und super interessantes Jahrzehnt. Was übrigens, je älter ich werde, auch für mich musikalisch immer interessanter wird. Keine Ahnung was da los ist.
Dass der Optimismus in das musikalische Schaffen von Michelle Zauner Einzug erhalten hat, ist bei „Be Sweet“ sofort spürbar. Kann eine kaputte Beziehung noch mal wieder funktionieren? Ja! Im Song bietet sie Versöhnung an, zählt ihre Vorzüge auf und bittet um Höflichkeit und Respekt. Das alles aber mit dem Selbstbewusstsein einer modernen Frau. Und nicht um jeden Preis. Sie selbst beschreibt die Motivation für den Song so:
„After spending the last five years writing about grief, I wanted our follow up to be about joy. For me, a third record should feel bombastic and so I wanted to pull out all the stops for this one.“
The fear of an oven left on
Aber jetzt noch mal kurz zurück zu den Momenten, die noch ein bisschen wehtun. „Kokomo, IN“ ist ein wirklich herzzereißender Song über eine Fernbeziehung. Ebenfalls etwas retro instrumentiert, versprüht der Song eine bittersüße Melancholie. Jede*r, die*der schon mal eine Fernbeziehung erlebt hat, kann bezeugen, wie zerrissen man sich da fühlt. Selbst wenn es nur 2 1/2 Stunden Bleifuß über die A3 sind und nicht wie im Song eine Fernbeziehung ins Ausland. Mein Herz wird jedenfalls schwer, wenn ich mir vorstelle, dass ein geliebter Mensch so unfassbar weit weg ist. Auf einmal ist alles ungewiss. Vermissen ist dann gleichzeitig Schmerz und Linderung. Japanese Breakfast fängt das alles perfekt in den Lyrics ein. Nichts schockt Körper und Geist so heftig, wie die kurze Ungewissheit, ob man den Ofen auch wieder ausgemacht hat, bevor man gegangen ist. Mit diesem Gefühl vergleicht Japanese Breakfast die Angst des Getrenntseins und erzählt die Geschichte aus der Perspektive des*der Zuhausegebliebenen:
„I know they deserve you too And maybe I’m not that worthy“
Um wie bei „Paprika“ ein bisschen auf das Thema Selbstoptimierung einzugehen, präsentiert uns Zauner dann „Slide Tackle“. Eine Drummachine, ein Synthesizer und ein wirklich sexy Saxophonsolo, mehr braucht der Song gar nicht. Er flowt und grooved entspannt vor sich hin. So kann Motivation also auch klingen? Eine schöne Abwechslung zu den sonst manchmal so aggressiven Powersongs. Und ich liebe einfach, wie sie sich selbst von unerwünschten Gedanken abbringen möchte, indem sie sie einfach „weggrätscht“ — „Don’t mind me while I’m tackling this void“.
A billion dollar bunker for two
Ein richtiges Highlight ist dann der Song „Savage Good Boy“ auf der zweite Hälfte des Albums. Aus der Sicht eines sehr reichen Mannes beschreibt Japanese Breakfast die Versuche, eine Frau für sich zu gewinnen. Da ist der Kloß im Hals ja eigentlich schon obligatorisch. Aber es kommt noch dicker, denn hier geht es nicht nur um Gepose und Angeberei. Dieser Mann hat zusätzlich auch noch Wahnvorstellungen und macht der Angebeteten eine Offerte, die er für unwiderstehlich hält: die drohende Apokalypse könne man ja zusammen in seinem „billion dollar bunker“ verbringen. Er habe alle Vorkehrungen getroffen. Ich finde den Text aus verschiedenen Gründen großartig: es ist zunächst mal ein ironisches „fuck you“ an alte, weiße, reiche Männer. Männer die glauben, sich alles erkaufen zu können und darauf auch noch stolz sind. Und weiter ist es eben auch ein sehr kluger Wink in Richtung Gesellschaft, wenn man sich die steigende Zahl von Anhängern verschiedenster Verschwörungsmythen anschaut.
Gegruselt habe ich mich dann noch mal richtig, als ich gelesen habe, dass der Titel „Savage Good Boy“ tatsächlich der Headline eines Artikels über bunkerkaufende Millionäre entstammt, der sie zu diesem Song inspiriert hat. OMG, es ist also alles real!? So abgedreht der Song auch durch die schrillen hochgepitchten Vocals und das zweistimmige Gitarrensolo wirken mag, holt uns die Message auf den traurigen Boden der Tatsachen zurück. Ja, die Welt ist wirklich so scheiße. Ein kleines Lichtlein ist allerdings das Musikvideo zum Song, wenigstens da können wir uns kurz an der bittersüßen Rache des bezirzten Geschöpfs erfreuen.
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There’s nothing left to fear, at least there’s that
Wisst ihr, um einen Neuanfang zu feiern und mit einem Jubiläum die Vergangenheit in Ehren zu halten, muss man mit eben dieser allerdings erst einmal abschließen. Ein gutes Beispiel dafür könnte der Song „In Hell“ sein. Auch wenn ich nicht weiß, wen Michelle Zauner hier besingt und vermisst, und überhaupt, ob es ihre eigene Geschichte ist. Der Song widmet sich einem der schwierigsten Themen unserer Gesellschaft: einen Menschen durch die Krankheit begleiten, wenn es sein muss die Maschinen abschalten und Abschied nehmen. Auch hier sind die Lyrics hochemotional und direkt. Ich bin eigentlich gar nicht so ein empfindsamer Mensch, aber der Song ist nach „Kokomo, IN“ schon der zweite auf dem Album, bei dem es mir ganz anders wird. Und mir wird bewusst, dass Optimismus nicht unbedingt bedeutet, strahlend und quietschfidel durchs Leben zu gehen. Sondern dass Akzeptanz und echte Verarbeitung dafür schon ausreichen.
Auffallend ist, dass eigentlich kein einziger Text auf „Jubilee“ fröhlich pfeifend rumnervt. In allen Texten finden wir eine Ernsthaftigkeit, die erst durch den Kontext und im Gesamten einen optimistischen Blick in die Zukunft ergibt. Auch beim letzten Song „Posing for Cars“ ist das der Fall. Kennt ihr diese amerikanischen Filmszenen: die*der ProtagonistIn sitzt alleine in der Bar, betrunken, am Boden zerstört? Und auf der Bühne sitzt eine Musikerin mit Gitarre und spielt einen traurigen Song? So klingt „Posing for Cars“ für mich. Auch in diesem Stück wird etwas verarbeitet, diesmal ist eine Trennung. Faszinierend ist für mich glaube ich die plakative Ehrlichkeit der Lyrics in Verbindung mit der simplen Gitarrenbegleitung. Cool, dass der Song bis zum Ende des Textes absolut ohne Schlagzeug und sonstige Krachmacher auskommt. Und sich dann langsam wiegelnd in einen Jam samt hingebungsvollem Gitarrensolo, übrigens auch von Zauner gespielt, entfaltet.
Fazit
Bei vielen KünstlerInnen aus diesem Genre wird oft und gerne von einem „interessanten Popentwurf“ gesprochen. Nur hier ist das kein Entwurf mehr. „Jubilee“ ist fertig. Damit meine ich natürlich nicht, dass es kein Potenzial zur Steigerung mehr gibt. Aber es ist stimmig, es trifft den Zeitgeist und es ist inhaltlich gehaltvoll. So stelle ich mir Pop vor! Klar, es gibt durchaus für meinen Geschmack auch 1,2 Skips auf dem Album. Aber das ist eher ein Zeichen für Vielfalt und Bandbreite, die im Pop ja eine wesentliche Rolle spielen.
Ich habe mich richtig in die Welt von Japanese Breakfast entführt gefühlt, obwohl ich mit vielen der Themen eigentlich wenig Berührungspunkte habe. Das lag auf jeden Fall an den berührenden Texten, aber auch an der Art wie Michelle Zauner die Worte performed. Ich kenne zwar weder sie, noch kann ich ihre Schicksalsschläge mangels eigener Erfahrungen nachvollziehen, aber sie hat sich mir gegenüber verständlich gemacht. Und ich glaube, ich habe sie auch verstanden. Unbedingt auch probieren!
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Über zwei Wochen war jetzt Zeit, um in die neue Single „Quarterlife Crisis“ von FORWARD reinzuhören. Falls das bisher noch nicht der Fall war, sollte man das noch nachholen. Und falls man FORWARD noch nicht auf dem Schirm hat – Auch das ist kein Problem. Zum Artikel zu ihrer funky Vorgänger-Single Overdrive und zum Interview mit der Band geht eshier lang. Lautstatsforspotify.com ist das übrigens Platz 2 meiner meistgehörtesten Songs der letzten sechs Monate, ups. Als ich in dem Artikel dazu schrieb, dass mich Overdrive nie nerven könnte, meinte ich das auch so. Auch hier setzen sich FORWARD wieder lässig mit einem Thema, das speziell in ihrer Generation eine Rolle spielt, auseinander. Quarterlife Crisis ist aber nicht nur „feel good“-Indie Pop, sondern kommt etwas ruhiger und melancholischer daher.
Der Song, produziert von dem JEREMIAS Gitarristen Oliver Sparkuhle, lädt schon durch das langsame, entspannende Intro zum Tagträumen ein. Dominiert vom angenehm weichen Sound der Blasinstrumente lässt er mich schon Nostalgie über eine Zeit, in der ich mich noch befinde, verspüren. Umso mehr passen hier die Jazz-Elemente, die bei FORWARD immer wieder durchkommen. Gefolgt von der ersten Zeile des Songs „You used to be somebody but now you’re someone else“ in Sänger Tims sanfter Stimme. Alles daran klingt so warm und vertraut, obwohl das Thema eher die innere Krise betrifft. Geprägt ist der Song davon, dass Sänger Tim und Gitarrist Arne ihn auf ihrem Trip direkt nach dem Abitur schrieben. Zwischen Rastlosigkeit, Spaß auf Reisen und dem Loslösen vom Alltag, an den man bisher gebunden war. Irgendwo da entstand Quarterlife Crisis und fängt die Bedenken während dieser Zeit ein.
Eine sehr besondere Zeit: Nach dem Schulabschluss scheinen so viele Optionen offen zu stehen. Auf der einen Seite die Befreiung und Erleichterung, auf der anderen die Angst vor der Zukunft und davor, gewisse Erwartungen nicht zu erfüllen. Ich erinnere mich gerne an den Sommer nach meinem Schulabschluss zurück, weil er sich damals durch diese Ungewissheit, Erwartungen aus allen Richtungen und den Drang, jeden Moment voll auszuschöpfen, von allen anderen Sommern abgehoben hat. Genau auf diesen Konflikt lassen uns FORWARD zurückblicken.
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Wenn man jedoch ehrlich ist, kann man den Song, auch losgelöst von dieser besonderen Situation, generell auf das Lebensgefühl vieler junger Menschen beziehen. Tatsächlich bin ich mir auch immer noch unsicher, was genau ich da gerade tue oder ob das, was ich tue, so schlau ist. Naja, Quarterlife Crisis ist dafür ein ziemlich treffender Begriff. Das war auch der Grund, wieso mich der Song gepackt hat. Da ich mit Anfang 20 die selbe Altersgruppe der Jungs der Band teile, geht mir das Thema nah. Folglich appelliert der Song daran, seine eigenen Ziele und Wünsche nicht aufgrund anderer Erwartungen zu hinterfragen oder sogar aufzugeben. Ein Szenario, das vielen jungen Menschen bekannt ist. Die Ziele, die man eigentlich fest im Blick hatte und die Erwartungen, die sich dann quer in den Weg stellen, sodass man das die Ziele kaum noch sieht. Riskieren bringt oft die Gefahr mit, sich und andere zu enttäuschen.
„And lately, all those things you now doubt to like
they show me your fear“
Zusätzlich ist außerdem ein Musikvideo erschienen. Detailverliebt und leicht melancholisch, untermalt und umrahmt es die Single. Gezeigt werden die Mitglieder der Band, alle allein und nachdenklich. Ja, sie wirken sogar etwas verloren. Aber verzweifelt? Nie. Das ganze Video und jeder einzelne von ihnen strahlen Ruhe und Gelassenheit aus. Wenn ich an meinen Freundeskreis und auch an mich selbst denke, merke ich, das genau dass die Quarterlife Crisis ausmacht. Etwas zwischen komplett verloren und planlos, zusammen mit dem Gefühl, dass man sich nicht stressen muss, weil alles mit dem Verlauf der Zeit von selbst kommen wird. Das noch gemischt mit einer langen Lockdown-Zeit und dem damit verbundenem hilflosen Warten: Fertig ist er, der leckere, saure Cocktail der Anfang und Mitte 20er.
Wie ernüchternd die Erkenntnis, dass neu gewonnene Freiheiten nicht immer einfach sind, auch sein mag, das lässt sich Quarterlife Crisis musikalisch nicht anmerken. Wo andere Panik bekommen, haben die Jungs von FORWARD ihren inneren Konflikt geschickt reflektiert und dann in Kunst verarbeitet. Trotz der nachdenklichen Message ist es kein Song zum mitheulen, sondern lässt sich auch wundervoll bei guter Laune in der strahlenden Sonne genießen. Das habe ich natürlich extra getestet. Kurz gesagt: Die acht Jungs aus Hannover haben hier ziemlich viel richtig gemacht. Hoffentlich dürfen wir uns möglichst bald alle an der ersten EP von FORWARD erfreuen. Ehrlich — Das wird schön.
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Endlich, seit dieser Woche ist das neue Album „Cavalcade“ von black midi draußen. Zugegebenermaßen habe ich darauf jetzt wirklich lange fingernägelkauend gewartet und möchte jetzt natürlich auch ausführlich darüber berichten. Vorweg sei allerdings gesagt: auch das zweite Album ist nichts für schwache Nerven.
Erstmal aber einen Schritt zurück. Im Jahre 2019 veröffentlichte black midi aus London, damals noch vierköpfig, ein absolut unfassbares Debütalbum: „Schlagenheim“. Die Musikwelt stand Kopf, sowas hatte man noch nicht gehört. Das war roh, das war brutal. Das war innovativ und technisch versiert. So einig war man sich in Kritikerkreisen. Wo man las, nur Lob und Preis für diese zeitweise ziemlich gehypte Band. Und ich glaube, eine Band hat es definitiv erst geschafft, wenn nicht nur Gleichaltrige himmelhochjauchzend in Freudentränen ausbrechen, sondern auch täglich dutzende Liebesbriefe von Ü-50 Rezensenten zur Tür reinflattern. Auch ich bin damals in Flammen aufgegangen für diese Band, vor allem nachdem ich diese eine KEXP-Livesession gesehen hatte. So routiniert und selbstbewusst habe ich Musiker, die damals im Schnitt nicht mal 20 Jahre alt waren, noch nie erlebt. Also, um mich war es auch geschehen.
Während ich das hier schreibe muss ich wirklich schon sehr lachen, denn trotz der guten Kritiken habe ich in meinem Freundeskreis genau nur 1,5 Personen, die diese oben erwähnte Begeisterung mit mir teilen. Und glaubt mir, ich habe black midi wirklich mehr als ein Mal meinem sehr verehrten Publikum (meinen restlichen Freunden) vorgespielt und die Tanzfläche damit leergefegt. Die Reaktion darauf war eigentlich immer: „Mach das bitte aus. Das ist Krach“. Und wenn sich „Krach“ so anhört, als würden zwei Elefantenherden mit extrem hoher Geschwindigkeit aufeinander prallen, und in der Mitte, bei einem Aufprall epischen Ausmaßes, einen erneuten Urknall auslösen — stimmt, dann ist es Krach. Aber ja, mal im Ernst. Das ist einfach extrem verstörende und laute Musik, damit können nicht alle etwas anfangen und das ist auch völlig ok. Es ist stellenweise so bedrückend komplex und überwältigend, dass ich Angst beim Hören habe. Haha. Und das finde ich geil.
When John L comes to town
Kommen wir nun also zu „Cavalcade“. Eine traurige Nachricht gab es für alle Fans schon recht früh, Gitarrist Matt Kwasniewski-Kelvin wirkt auf dem neuen Album wegen psychischer Probleme nicht mit. Und somit wird aus dem Quartett ein Trio. In der Theorie zumindest, denn für das Album konnte die Band den Saxophonisten Kaidi Akinnibi und den Keyborder Seth Evans gewinnen, die dem gesamten Bandsound einen ganz neuen Schliff verpassen konnten. Dass sich da nämlich schon einiges verändert hat, merkt man relativ schnell. Während das Debüt „Schlagenheim“ von stark verzerrten Gitarrenriffs, skurrilen Geräuschen und lauten Drums geprägt war, kommt „Cavalcade“ an einigen Stellen schon fast brav daher… An einigen Stellen. An anderen Stellen brettert black midi natürlich wie eh und je, dass mir Hören und Sehen vergeht. Interessanterweise ist das neue Album sowohl zugänglicher, als auch noch komplizierter als sein Vorgänger. Wie das zusammengeht? Ehrlich, keine Ahnung! Ich verstehe bei dieser Band eigentlich gar nichts mehr.
„John L“ ist der Opener von Cavalcade. Das „L“ steht hier übrigens für „fifty“ – fünfzig. Also die lateinische Zahl. Hier kommt einiges zusammen: Ein fast schon orchestrales Arrangement mit Bläsersatz und Streichern, schnell, kurzatmig und undurchsichtig. Der Song stoppt und startet zwischendurch immer wieder ganz abrupt, sodass ich zumindest Schwierigkeiten habe, dem Konstrukt zu folgen. Das sorgt für Verwirrung und Desorientierung (die Angst beim Hören habe ich ja schon mal erwähnt, hier ist sie). Sänger und Gitarrist Geordie Greep führt uns in seinem übertrieben artikulierten Sprechgesang eine Art Gedicht vor, das für mich irgendwie wie ein Drehbuchauszug oder eine Regieanweisung klingt. Zwischendurch fasst er nämlich immer wieder erläuternd zusammen: „This is the scene on Main Street when John L comes to town“.
Er scheint uns also eine Geschichte erzählen zu wollen und erinnert mich dabei an einen Moritatensänger mit Drehorgel auf den Straßen des 19. Jahrhunderts. Der Song handelt von einem bizarren Götterkult und dem Fall des Kultführers, ebenjener John L. Im Musikvideo wird dieser Kult durch eine beeindruckende Tanzperformance von gender- und skincolorneutralen Menschen dargestellt. Das ist für mich wieder so ein Moment gewesen, in dem Musik ihr wahres Potenzial erst zusammen mit der visuellen Umsetzung entfaltet. Diese schnelle Rhythmik, Stop/Start, Chaos – all das wird durch die Performance geordnet und erträglich.
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„Erträglich“ klingt wirklich so, als würde ich mich hier die ganze Zeit zwingen, mir black midi in die Hirse zu löffeln. Das stimmt aber nicht. Denn auch wenn viele Stücke viel Aufmerksamkeit und Zeit benötigen, kommen manche Stücke auch ganz ohne aus. Wie zum Beispiel der Track „Marlene Dietrich“. Wirklich eine Neuheit, denn dieser Song ist ein eigentlich ein Jazz-Chanson. Sehr zugänglich! Und ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie absurd das ist, wenn man das erste Album kennt. Da wurden gefühlt pausenlos nur die Instrumente verdroschen und den besinnlichen Momenten wenig Platz gelassen. „Marlene Dietrich“ schwingt sich richtig lauschig in die Ohrmuschel. Das tut einfach gut nach diesem Höllenritt mit „John L“.
Als ich „Cavalcade“ das erste Mal nebenbei laufen ließ, habe ich doch tatsächlich gedacht, ich höre auf Shuffle und Nina Simone hätte sich in die Playlist geschlichen. Ohne Mist – Geordie Greep kann richtig singen! Bisher klang seine Stimme immer seltsam verstellt und hatte glaube ich eher den Zweck zu irritieren, als zu begeistern. Aber mir zumindest gefällt diese neue Abwechslung. Es soll auch tatsächlich nicht bei dem einen Mal bleiben. Im Song geht es, wie könnte es anders sein, um die Schauspielerin Marlene Dietrich herself. Geordie sagt dazu selbst: “She was someone who couldn’t really dance, couldn’t really sing, wasn’t the greatest actor and spent all her years in Hollywood on the wrong side of 30, but she had that indefinable but undeniable quality: incredible presence. She embodies the joy of magic and the joy of performance.”
Witzigerweise finde ich dieses Zitat auch ziemlich passend für black midi. Klar – technisch sind hier absolute Könner am Werk, keine Frage. Vor allem Schlagzeuger Morgan Simpson kann eigentlich kein Mensch, sondern muss Maschine oder Gott sein. Aber was diese Band so besonders macht, ist ihre Performance und die unglaubliche Kraft, die sie so elegant entfaltet. Deswegen freut es mich auch so, dass sie im Song „Chondromalacia Patella“ neben ihrem Math-Rock-Gefrickel auch zwischendurch noch mal die Sau rauslassen und übertrieben laute Unisono-Hits raushauen. Jeder einzelne trifft mich ins Herz.
Schrammel Schrammel ist nicht mehr
Apropos: Herzstück ist für mich unter anderem übrigens „Slow“, das von Bassist Cameron Picton gesungen wird. Ich mag den Gegensatz des schnellen Instrumentals und der lethargischen Gesangsdarbietung. Und außerdem finde ich es super, dass das Stück „Slow“ heißt, aber eigentlich einfach super schnell gespielt ist, mit schnellen Hihats und Snare-Ghostnotes. Überzeugend sind für mich auch die ruhigen Passagen, die sich richtig verträumt aufbauen. Und das Saxophonsolo am Ende ist einfach die Kirsche auf dem Sahnehäubchen. Besonders packt mich eine bestimmte Stelle in den Lyrics, die sich so bedrohlich aufschaukelt und mir andauernd einen Ohrwurm verpasst:
„Slowly it falls and slowly it dies Slowly it crumbles right under my eyes And it takes so long“
Mit ruhigeren Passagen geht es auch weiter, in „Diamond Stuff“ findet man erst ganz zum Schluss mal ein Schlagzeug. Die meiste Zeit wird der Gesang, auch dieses mal wieder von Cameron, nur durch zwei Töne auf einer Mandoline (oder so) begleitet. Durch die plötzlichen Basstöne ab und zu, wird hier eine ganz intime Atmosphäre geschaffen, die mir Gänsehaut verpasst. Erst ziemlich spät ergießt sich das alles in einen rhythmisch geschichteten Groove, der mich teilweise an Radiohead erinnert. Ich bin übrigens immer mehr der Auffassung, dass „Cavalcade“ in erster Linie mal einfach ein AKUSTISCHES ERLEBNIS darstellt. Als solches sollte man es auch hören, denn hier noch in Genre-Schubladen einsortieren zu wollen, ist „verlorene Liebesmüh“.
So Leude! Und das war gerade eine Shakespear-Überleitung (wer es nicht bemerkt hat)! Kurz Applaus bitte. Denn das gesamte Konzept scheint dieses Mal sehr ans Theaterspiel angelehnt zu sein. Nicht nur bei den Regieanweisungen von „John L“, auch mit „Marlene Dietrich“ und diesem Song hier, „Diamond Stuff“, wird darauf Bezug genommen. Im Text geht es zwar nicht um Schauspielerei, sondern um eine Mumie (oder Leiche?), die in einer Diamantenmiene gefunden wird — aber das alles aus der Ich-Perspektive der Mumie, was die verschiedenen theatralischen Erzählperspektiven verdeutlicht.
Auf die Dosis kommt es an
„Dethroned“ beginnt mit einem smoothen Saxophonintro, so hätte man es vielleicht auch in den Straßen New Yorks der 70er Jahre gehört, ihr wisst schon, mit dampfenden Gullideckeln und so. Ich komme einfach nicht drum herum es auszusprechen: ist euch schon mal aufgefallen, dass das Saxophon eine extreme Renaissance erfährt gerade? Gerade im Post-Punk (wo man es wirklich überhaupt nicht erwartet hätte), schleppen die Bands wieder Saxophonisten mit zum Gig. Nur als Beispiel: Squid, Iceage, Black Country New Road, Protomartyr… sie alle machen das auf ihren neuen Alben. Und jetzt auch black midi.
„Dethroned“ ist vielleicht einer der Songs, mit dem ich es bei meinen Freunden noch mal versuchen würde. Er ist zwar vertrackt und geht einige Abbiegungen, die andere Bands abgekürzt hätten, aber er grooved einfach auch die ganze Zeit durch. Was vor allem an der tighten Bassline in Verbindung mit den Drums liegt. Hier erinnert mich der Sound auch stark an King Crimson, der legendären Prog-Rock Band aus den 70ern („21st Century Schizoid Man“, hat auch Kanye mal gesampled).
Das Album ist mit acht Songs einigermaßen kurz geraten. Ehrlich gesagt finde ich das aber gut. Das ist so, als hätte black midi gewusst, dass sie ihre Musik sparsam und in kleinen Dosen verabreichen müssen. Denn ein Overload ist bei den KonsumentInnen durch die Komplexität und das vermeintliche Chaos wohl schnell erreicht. Dafür ist allerdings das letzte Stück „Ascending Forth“ über neun Minuten lang. Die gepickte Akustikgitarre ist das wiederkehrende Element und führt durch den Song. Die dynamischen Peaks und Troughs machen den Song super spannend. Hier baut sich mal ein lauter Swell auf, dort baut er sich wieder ab und reduziert sich auf Geordies Stimme und die gezupfte Gitarre.
Am meisten erinnert mich der Song an Jeff Buckley, der in seinen Songs auch Jazzpatterns mit einer ähnlich intonierten Stimme kombiniert hat. Und so orchestral arrangiert wie „Cavalcade“ angefangen hat, so endet es auch: tiefe Bläser, perkussives Schlagzeug und die Musik folgt dem Text, in dem es um einen von Schreibblockaden geplagten Künstler und dessen Schicksal geht. Durchkomponiert nennt man das und hier merkt man am deutlichsten, wie viel Detailarbeit in dieser Musik steckt.
Fazit
„Cavalcade“ bedeutet auf deutsch etwa „feierliche Parade“. Und all diese auf diesem Album von black midi geschaffenen Charaktere, schreiten an uns in dieser Parade vorbei. Wir stehen am Rand, gaffen, glotzen, träumen. Wie ich weiter oben schon schrieb, ist dieses Album als Gesamtkunstwerk und akustische Attraktion zu betrachten. Ich könnte niemals nur einen Song auswählen, um diesen beispielsweise in eine unserer Playlists bei untoldency zu packen. Erstens, weil ich das wirklich niemandem antun möchte und zweitens, weil diese Musik sowohl Kontext als auch Zeit benötigt. Wenn ihr mich fragt, ist das ein Meisterwerk der verschachtelten Rockmusik geworden. Ich glaube man kann sich gar nicht weiter weg von Pop bewegen, denn hier will und muss nichts gefallen.
Nicht nur das musikalische Songwriting, auch die Texte sind literarisch hoch anspruchsvoll. Wahrscheinlich habe ich nicht mal 25% verstanden, von der Sprachhürde und den vielen ultra komplizierten Wörtern mal ganz abgesehen. Die verrohte Brutalität des ersten Albums ist kaum mehr zu spüren, stattdessen hat Jazz Einzug erhalten. Und das ergänzt sich erstaunlich gut mit den Post-Punk-, Metal- und Rockeinflüssen auf „Cavalcade“. Das glaubt ihr mir nicht? Kein Wunder. Würde ich es selbst nicht immer wieder anhören, um zu checken ob das auch wahr ist, ich würde es mir selbst nicht glauben.
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Okay people. Let’s settle in. Was euch erwartet, ist eine wahrscheinlich sehr lange und sehr ausführliche Review über das vermeintlich beste Album aus 2021. Es geht um Tyler Joseph und Josh Dun, das süßeste Duo, das eine Band ist – Twenty One Pilots. Auch wenn ihr an dem Ton jetzt wahrscheinlich schon merkt, das hier wird eine Fangirl-Review, ist es aber auch wirklich eine unvoreingenommene Empfehlung an euch alle, auch die, die nur „Stressed Out“ kennen und nicht so ganz wissen, was sonst so bei der Band abging und -geht. Ich nehm euch an die Hand und führ euch durch. Das sollte irgendwie ein bisschen romantisch klingen, aber hat auch einen weirden Touch – den einfach ignorieren. Wir präsentieren: Scaled And Icy, das neue Album von Twenty One Pilots und der absolute Sommer-Dauer-Loop von uns allen.
Was bisher geschah
Bevor wir starten können, müssen wir aber erst mal einige Sachen festhalten. Denn so klischeehaft sich das auch anhören mag – Twenty One Pilots sind keine durchschnittliche Band. Ich geb mir gerade sehr viel Mühe, hier nicht wie ein „omg das musst du dir anhören, das ist so toll“-Fangirl zu klingen, will aber eigentlich genau das sagen. Wenn man sich einmal in dieser Welt verloren hat, die Twenty One Pilots nicht nur musikalisch, sondern vor allem lyrisch erschaffen, dann ist es so schwer, das anderen Leuten mit einem ruhigen Puls zu erzählen. Weil es ist halt wirklich einfach so toll. Scaled And Icy ist für die meisten einfach nur ein neues Album, aber für Twenty One Pilots Fans ist es der Beginn der neuen Ära. Und als eben jener Fan gebe ich euch jetzt ganz ungefragt Kontext (wer nicht will, scrollt einfach zum nächsten Teil, ich bin auch nicht gekränkt):
Twenty One Pilots verpacken ihre Musik schon lange in einem größeren Kontext. Mit versteckten Metaphern und ganzen Handlungssträngen erwecken sie fiktive Charaktere zum Leben, interagieren auch selbst mit dieser Welt und gestalten sie wie einen interaktiven Fan-Quest: es wimmelt von versteckten Hinweisen und kryptischen Nachrichten. Aus Platz- und Aufmerksamkeitsspannungsgründen (geiles Wort) rase ich kurz durch, und wer Fragen hat, soll fragen (oder googlen): In dem Erfolgsalbum Blurryfaceist Tyler in DEMA, einem dunklen Gedankengefängnis, das von neun Bischöfe regiert wird. In Trenchbricht er mit Hilfe der Banditos aus und befindet sich auf der Suche nach Hoffnung. Dann kam mit Shy Away die erste Singleveröffentlichung des neuen Albums und alles deutet darauf hin, dass Tyler wieder gefangen und das neue Album Propaganda von DEMA ist.
Tyler Joseph wird von Bischöfe in irgendwas namens DEMA gefangen gehalten? Nicht ganz, das ist natürlich alles nur eine Metapher. DEMA ist der dunkle Gedankenort, in den Menschen fallen, die an Depressionen oder anderen mental illnesses erkrankt sind. Und der Kampf da raus, ist das, was Tyler in seinen Songs und geschaffenen Welten darstellt, nur mit fiktiven Charakteren und Storylines. Scaled And Icy führt genauso diese Story fort, wir sind back in DEMA und das Album ist fremdgesteuert von den neun Bischöfe. Crazy, aber geil. Aber ja, was soll ich sagen. Als pure Propaganda für DEMA ist Scaled And Icy ein absolutes Sommer-Bops-im-Dauerloop Album geworden, das euch garantiert auch gefällt, wenn euch diese kryptischen Theorien nicht gekriegt haben. Versprochen. Und jetzt geht’s auch endlich los.
Twenty One Pilots bringen 80s soft pop rock zurück
Mit Good Dayhauen Twenty One Pilots einen Opener raus, mit dem ich so nicht gerechnet hätte. Wer Heavydirtysoul und Jumpsuit kennt, weiß, wie beide mit krachenden Riffs die vorherigen Alben eröffnet haben. Good Day wiederum ist reiner 80 soft pop-rock á la Billy Joel. Tyler dreht die Synth-Anlage an, es ist als würde das Album langsam ins Leben gerufen werden. Die bouncigen feel-good-Klavierakkorde kommen rein und ich kann nicht anders, als vor meinen Augen ein Introfilm zu irgendeiner Familien-TV-Show zu sehen. Es ist so komplett anders von allem, was Twenty One Pilots bisher gemacht haben und ich muss auch kurz gestehen, ich hab eine Minute gebraucht. Doch dann hab ich’s gefühlt. Bin durch die Wohnung gewirbelt als würde der Sommer schon durch die Fenster scheinen und hab mitgesungen, als wäre es eine One-Woman Musical Show. True Story.
Das Kuriose an diesem vermeintlich so gutgelaunten Opening Track ist die darin liegende Dunkelheit. Tyler beschäftigt sich mit dem wohl traurigsten Thema, das er hätte wählen können: der Verlust von dem Wichtigsten in seinem Leben, seine Frau und eineinhalb Jahre alten Tochter, und wie er damit umgehen würde. Good Day ist die erste Phase der Verarbeitung von diesem Verlust: Verleugnung. „I can feel my saturation leaving me slowly“ ist die erste Zeile des Songs und nicht nur ein powerful Wording, sondern steht auch im totalen Gegensatz zu diesem vermeintlich farbenfrohen Album. Trotzdem – musikalisch ist Good Day pure good vibes only und wenn man sich dem hingibt, kann man eigentlich gar nicht anders, als diesen Musical-Soundtrack zu fühlen und auszuleben.
„I know it’s over, I was born a choker“
Nachdem Good Day also schon angedeutet hat, in welche Richtung das sechste Album der Band gehen wird, kommt Choker. Wenn ich jetzt sage, Choker sei mein Lieblingssong vom Album, würd ich mich schon im nächsten Song berichtigen. Aber ganz falsch wäre ich auch nicht. Choker öffnet mit leicht hallenden Drums im Hintergrund und einer simplen Bassline. Es ist deutlich ruhiger als Good Day, aber trotzdem super geeignet fürs laute Mitsingen. Tatsächlich ist es auch der Song, der am meisten an die alten Sachen erinnert, vor allem wenn man die Zeit von Taxi Cab und so zurückdenkt. Es trifft in die volle Nostalgie ohne aber den feel good Vibe von Scaled And Icy zu verlieren.
Inhaltlich – puh. Sehr beladen und voller Referenzen. Die Art, wie Tyler singt, klingt auch so verzweifelt, dass man auch nur dadurch zurück in die darkeren Abschnitte der Band zurückgeworfen wird. „I know it’s over, i was born a choker, nobody’s coming for me.” – traurig einfach, ich sag wie’s ist. Referenzmäßig befinden wir uns bei Heavydirtysoul, in der Tyler schon die Metapher von „choking on smoke“ aufgemacht hat: er erstickt fast an den depressiven und dunklen Gedanken. (Deshalb auch die schwarze Farbe auf seinem Nacken während der Blurryface Ära). Was er in Choker singt, lässt schließen, dass er sich dieser dunklen Welt ohne Hoffnung hingegeben hat und sich komplett allein fühlt. Die Theorien mit DEMA und allem drum rum bestätigen sich also hier auch. Trotzdem – musikalisch ist es ein so wunderschöner Song, dass ich ihn euch hier auch einfach nochmal extra ans Herz lege:
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Was folgt, ist der absolute HIT Shy Away. Die erste Single vom neuen Album, die alles angestoßen hat. Hier hab ich schon mal erzählt, wie ich sie finde, aber ich möchte aus persönlichem Anliegen heraus auch nochmal anmerken: Das ist einfach nur geil. Auch jetzt im Kontext des Albums, hör ich es immer öfter. Es ist genau diese Art von 2000 Indie-Rock, den wir alle damals auch rauf und runter gehört hätten – aber mit voller Lautstärke und dem genervten Missfallen unserer Eltern. Es hat einfach alles, was es braucht, um der neue Top-Hit von Twenty One Pilots zu werden. 45 Millionen Streams nach nur eineinhalb Monaten spricht für sich. Don’t sleep on this.
Don’t sleep on this entire album, in fact. Denn jetzt kommt The Outside, nach Good Day der erste „richtige“ neue Song. Ich merk gerade wie mein Fangirl-Puls steigt, aber… Vor Freitag hatte niemand eine Ahnung, wie der neue Sound von Twenty One Pilots klingen wird. Und da ist natürlich auch immer so ein kleiner Funke Sorge dabei – was, wenn es einem nicht gefällt, was wenn die Band sich irgendwie verrannt oder einen auf dieser neuen Albumreise musikalisch einfach verloren hat. Vergesst diesen Funken Sorgen, absolut unbegründet. The Outside ist von Sekunde eins an von einem funky Beat dominiert, es ist wirklich einfach nur geil.
Es ist der perfekte Song für eine Sommer-Pool Party oder alles andere, was man sich in einem ähnlichen Kontext vorstellen kann. The Outside ist catchy, zugänglich und auch wirklich einfach ein Hit. Sag ich das zu oft? Ich fühl’s wirklich sehr, sorry. Aber deshalb vielleicht kurz zum inhaltlichen Teil des Songs, der auf zwei Arten interpretiert werden kann. Einmal als Tylers Perspektive auf den Erfolg, den er mit Twenty One Pilots hat. Der weltweite Breakout der Band ist schon ein paar Jahre her und deshalb kommt hier vielleicht das Gefühl auf, er sei keiner der cool kids mehr, sondern stattdessen on the outside. Dann gibt es wiederum auch wieder einen leichten DEMA-Propaganda Touch im Refrain:
„Up and down, they’re nodding Heads are moving up and down, you got it Everybody stand in line One by one, take a hit, join the club“
Alle stehen in einer Reihe, nicken im Takt und folgen DEMAs Autorität, das ist schon bissi spooky. Aber lyrische Deutung hin oder her. Am Ende des Songs kommt ein weiterer Break, den ich vielleicht mehr liebe als den gesamten Song. Ghettoblaster auf die Straße und Breakdance Battle – das sind die Vibes zum Schluss, die mich einfach nur faszinierend über diese cleane Mischung aus Genres zurücklassen.
„Catch me floatin’ circles in my fishbowl”
Genau diese Kreuzung aus Genres, ohne sich von irgendwas einschränken zu lassen, zieht sich auch im nächsten Song durch: Saturday. Back to back mit The Outside bin ich an diesem Punkt einfach nur mal kurz baff, wie gut dieses Album in der ersten Hälfte alleine nur ist. Von diesen Jungs ist Stressed Out? Ja. Saturday ist wahrscheinlich die poppigste Single auf dem ganzen Album. Astrein spielbar auf ner Einweihungsfeier oder für den Kick guter Laune im Alltag. Es ist auch der Song, der am ehesten auf die ganze Pandemie Situation schließen lässt, in der sich beide, wie wir alle, auch befanden:
“When you strip away what day of the week it is, you lose your rhythm. You lose your sense of what is up and what is down. When the pandemic happened, everyone was starting to learn that lesson, where the days of the week lose their meaning, and it was messing with people’s reference of time. You feel like you’re swirling and your feet aren’t planted. In the song, I’m talking to my wife, hoping that she sticks with me, even though I’m working through this, even though I’m kind of tumbling into nothingness.”
Auch hier wieder – diese funkige Gitarre! Sie zieht sich durch das ganze Album und liefert einfach eine Indie-Pop Hymne nach der anderen. Ich weiß, ich darf mich hier auch nicht in zu viel Begeisterung verrennen. Aber Tylers Vocals sind wirklich so on point, dass mir meine Nachbarn ein bisschen leidtun, so laut versuch ich diese Töne zu treffen:
“Life moves slow on the ocean floor I can’t feel the waves anymore Did the tide forget to move? I just pray that I’m not losing you”
Wenn das das Gefühl des letzten Pandemie-Jahres beschreibt, dann unterschreib ich das so. Unten am Meeresgrund spürt man halt weder Wellen noch Gezeiten – da ist jeder Tag der gleiche und nichts passiert. Und wenn ihr das Lied jetzt hört und euch bei 2:26 denkt – ähm ist meine Box kaputt??? Dann nein, das soll so. Kommt aber heftig oder? (Ich erklär‘s nicht, ihr müsst es leider selbst hören – hehe).
2008 called and it wants its musicals back
Next up istNever Take Itund ist, ähnlich wie Shy Away, astreiner Pop-Rock, den vor allem Fans von Panic! At The Disco aufsaugen müssten. Scaled And Icy ist, all theories aside, ein pures Kreativ-Projekt. Es ist laut, es ist bunt, es ist voller Energie. Tyler selbst sagt in Interviews, dass der Albumprozess von Scaled And Icy so anders für ihn war, eben weil es das erste Mal war, dass er nicht alles zerdacht, sondern seine Kreativität einfach machen lassen hat. (Für den Aha-Effekt: scaled and icy – scaled down and isolated). Und was da bei rausgekommen ist, sollte auf jeder Sommer-Playlist rauf und runter laufen.
Doch zurück zu Never Take It. Es startet mit catchigen Claps und einer eingängigen Synth-Melodie und endet dann in einem so pop-rockigen Chorus, dass ich ganz kurz denke, ich bin in Disneys Camp Rock gelandet – und wer das jetzt als negativ bewertet, hat das früher einfach nicht leidenschaftlich genug geguckt. Aber ja, ich will nicht lügen, es hat einen leichten Musical-Vibe, was ja auch inhaltlich passt: Never Take It ist unter all den Songs von dem DEMA propagierten Album der wohl rebellischste. Tyler spricht sich aus gegen Medien, die jede Halb-Wahrheit nutzen, um zu polarisieren und Menschen zu spalten. Dieser ständige Overload an Debatten kann auch mental sehr anstrengend sein, vor allem wenn es meist wirklich nur um Clickbait oder Fake News trending geht. Als einzelne Person ist man schnell darin gefangen und Teil von etwas, von dem man gar nicht Teil sein will (@DEMA, also looking at you here).
Der beste Part kommt aber tatsächlich zum Schluss, wie so meist bei Twenty One Pilots Songs. Fun Fact davor – Tyler spielt immer nur Bass und ist kein Gitarren-Frontman wie ihn sonst viele andere Bands haben. Doch für Scaled And Icy hat er sich das Gitarre spielen selbst beigebracht und obwohl man das durch das ganze Album durchhören kann, ist man nicht auf diesen Part vorbereitet. Ich spann den Bogen nicht zu doll: es ist ein Solo. Auch überhaupt nicht spektakulär, aber as a fellow TOP Fan, ist das vorher noch nie passiert und deshalb verdient das auch einfach mal einen extra Shoutout.
„Keep your bliss, there’s nothing wrong with this”
Ich weiß, bei dieser Länge von der Review hier werd ich schon ein gutes Stück von euch verloren haben. Für die, die noch mitlesen, kommt jetzt aber, und da lehn ich mich weit aus meinem Balkon, der Song, der wahrscheinlich am meisten hängen bleibt: Mulberry Street. Klingt genauso cool wie der Titel. Es ist bouncy, es ist groovy, es ist poppig, es ist einfach Frühlingsgefühle pur. Ich kann das Lied nicht hören, ohne mit einer kleiner made-up Choreo durch die Wohnung zu tanzen. Ja, ich bin einfach eine kleine Musical-Hoe. Tylers Vocals dazu triggern dann auf so ne ganz spezielle Weise:
„Get out of our way, we’re moving sideways Welcome to Mulberry Street, yeah So move out of our way, we’re pushing sideways Keep sidewalk under your feet”
Ich werde jetzt auch die These droppen, dass Twenty One Pilots mitunter die besten Bridges haben, die es da draußen so gibt. Das muss jetzt auch gar nicht zwingend auf Mulberry Street zutreffen, aber ich wette 20€, die ich nicht habe, dass wenn ihr euch in der Musik der Band verliert, unter all den Songs mindestens fünf dabei sind, die auf eure persönliche Liste der besten Bridges landen. Behaupt ich jetzt einfach mal so. Für mich gehört Mulberry Street da definitiv auch dazu. Die groovigen Frühlingsgefühle machen Platz für Tylers ruhige, fast schon traurige Klaviereinlage. Das ist alles so smooth, wenn hier ne Ballade anknüpfen würde, ich würd es nicht hinterfragen. Doch stattdessen kommt der Grundbeat von Mulberry Street wieder, aber so kompakt heruntergebrochen, das ist wirklich mitunter das Cleanste (production-wise), was ich je gehört hab. Plus ne fucking Trompete! Ich leb für diese Band, kein Mist.
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Tatsächlich kommt jetzt, wider aller Erwartung, der Song vom Album, den das ganze Internet fast am meisten liebt, an den ich aber leider wirklich nicht rankomme: Formidable. Eigentlich ist es ein super cuter, kleiner happy Lovesong kurz vorm Ende, mit Gitarren aus den 80s, unbeschwerten düdelüs und süßen Lyrics. Wieso es aber der einzige Song ist, den ich nicht so ganz mag, kann ich euch gar nicht genau sagen. Der Anfang klingt ein bisschen wie Drangsal und wenn euch das triggert (wahrscheinlich und zu Recht), dann hört hier rein. Aber ein Skip auf einem Album ist okay oder? Vor allem wenn man bedenkt, dass ich irgendwie die einzige bin, die das als Skip wahrnimmt.
Welcher Song wiederum von der Mehrheit des Internets als Skip wahrgenommen wird, istBounce Man. Das kann ich widerum absolut gar nicht nachvollziehen, because it’s just a bop. Ich habs schon diverse Male beim Duschen gehört und gefühlt und Lieder, die sich beim Duschen bewähren, die sind einfach gut. Folgende Kriterien sind mir da wichtig, danke, dass ihr fragt:
1. gute Laune. Ich liebe meine sad songs mehr als alles andere, aber im Bad muss gute Laune herrschen, weil wo sonst holt man sich seinen Recharge für das Chaos in der Welt da draußen her
2. Melodien. Ich will mitsingen. Ich will gute Laune haben und mitsingen können und dafür braucht man halt einfach catchige Melodien, die man auch noch beim Krach des Föhns vor sich her summen kann
3. last and least i want some grooves. So für’s bisschen in der Dusche rumwackeln, dass man fast fällt, aber nicht ganz
All das hat Bounce Man. Und dazu hat es auch noch die witzigsten Lyrics überhaupt, weil ich nie gedacht hätte, Tyler mal „I let my old lady know“ singen zu hören – das ist wirklich mein persönliches Highlight des ganzen Albums. Es fasst diese ganze Abstrusität, was Scaled And Icy mit Kontext dann doch irgendwie ist, auf eine spezielle Art zusammen.
„In this house, we got feng shui„
Ihr habt es fast geschafft. Wie findet ihr das Album bis jetzt? (Wer es jetzt noch nicht hört, drückt hier auf Play). Any Favorites? Ich weiß, man könnte meinen, ich hätte meinen Lieblingssong schon mit Choker oder Mulberry Street abgedeckelt, aber nenenee. No Chances, Leute. Der ist es. Denn so sehr ich diese good vibes auf dem Album liebe (sehr!!), so sehr vermisst mein TOP Herz fetten Bass und Bars. Und No Chances – das fegt einfach alles weg. Alles. Ich kann mich immer noch an das erste Mal erinnern, dass ich es gehört hab, und hätte fast Pause gemacht, nur um mich von dem Anfangsbeat zu erholen. Ich kann Tyler praktisch sehen, wie er im Studio vor dem Mikro steht, Play und Aufnahme drückt, und diese Bars droppt. Der Mann weiß ganz genau, was er tut.
No Chances ist definitiv auch der dunkelste Song auf dem ganzen Album. Das ist ein Fight-Song. Im Refrain hört man einen so fetten Chor an Bischöfen, dass auch ich ein bisschen nervös werde, weil das schon überwältigend und ganz ganz bisschen angsteinflößend ist. Wer das nicht so mag, kann ich verstehen. Aber ich hab jetzt, nach schon 20+ Replays, immer noch Gänsehaut.
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No Chances behandelt komplett unkryptisch den Kampf und die Flucht vor den Bischöfen aus DEMA. Er knüpft direkt an die Storyline von Trench an und wahrscheinlich lieb ich es deshalb auch so. Auch der Chorus, lyrisch ist das alles ziemlich düster, aber steht im totalen Kontrast mit der wunderschönen Melodie:
“Mm, ba-da-dum-ba-da-dum-bum We got people on the way We want you home in one piece now (Run away, run away)”
Für all die, die sich bis hier vorgekämpft haben, mal etwas Persönliches. Ich kann nur so viel emotionalen Fangirl-Content über Songs schreiben, wenn sie mich absolut catchen und berühren. Das macht ein geil produzierter Beat genau so wie eine funkige Gitarre oder wunderschöne Melodien über traurige Klavier- oder Gitarrentöne. No Chances hat, die funkigen Gitarren jetzt mal ausgenommen, genau das, kombiniert. Zwei Sachen, die so gegensätzlich sind, dass man die unmöglich in einen einzelnen Song packen kann – dachte ich. Und dann kam No Chances. Dieser Chorus – er setzt, jedenfalls musikalisch, alles auf Reset und hat rein gar nichts mit der Strophe mehr zu tun. Als wär ich in einem anderen Song singt Tyler diese wunderschöne Melodie auf Akustikgitarre und Klavier, nur um dann in einer makellosen Produktion wieder in diesen Killer-Beat zurückkehren. Man merkt’s wahrscheinlich, da catcht mich schon ziemlich viel. (Und vom Outro brauchen wir erst gar nicht anfangen).
Der letzte Song ist immer für’s Herz
Wir sind am Ende des meiner Meinung besten Album dieses Jahrs. Ja, ich bin da minimal ein bisschen voreingenommen, aber auch neutral betrachtet, sind da wirklich nur Sommer-Bops auf diesem Album. Safe bet, dass da für jede:n von euch mindestens zwei Songs dabei sind, die ihr diesen Sommer öfter hören werdet. Außer No Chances, das muss man wirklich fühlen denk ich. Als wäre da der so glücklich feel-good weg, hat sich Tyler zum Ende des Albums dem Propaganda Zwang entzogen und in den letzten beiden Songs einen deutlich ernsteren Ton angeschlagen. Man kommt wieder zurück zur Realität. Redecorate ist der Abschlusssong von Scaled and Icy, und erzählt die Geschichte von drei sterbenden Menschen und die Sorgen, die sie sich um ihre Familie machen bevor sie nicht mehr da sind.
„I don’t want to go like this At least let me clean my room I don’t want to leave like this ‚Cause the last thing I want to do is Make my people make decisions, wondering what to do, oh Should they keep it on display Or redecorate?“
Ja, das ist schon ziemlich traurig. Aber auch das sind Twenty One Pilots. Auf jedem einzelnen Album gibt’s Songs, die am Ende nochmal völlig in alle Emotionen schlagen. Ob Goner, Neon Gravestones oder Truce– und jetzt auch Redecorate. Treffen alle auf diese eine besondere Weise. Mit 4:05 ist Redecorate der längste Song vom Album und auch der bedeutendste. Das hat rein gar nichts mehr mit den Hits von davor zu tun, das ist hier real talk. Was geblieben ist, sind wunderschöne Melodien im Chorus, denn obwohl Tyler die Strophen in einem leicht verzerrten Storytelling rappt, ist der Chorus wieder mal einfach nur schön. Man kann diesen verzweifelten Schmerz praktisch fühlen.
“I had a friend of mine whose son passed away and they would keep his room the same way that he had left it. I remember thinking how crazy powerful a story that is, and how it makes me wonder, like, ‘What will people do with my stuff?’ It can actually bring you back down to earth, make sure that you don’t make any horrible decisions. I’m realizing now how difficult it is to talk about, but this song is really important to me. I love the messaging of it, and I hope that our fans hear what it is I’m trying to say in it. Because it is a bit delicate, but it’s one of my favorite tracks and it’s pretty powerful if you let it.”
Fazit
“It’s pretty powerful if you let it.” – besser könnte ich diese sehr lange Review nicht abschließen. Mir ist bewusst, wie viel ihr lesen musstet, danke an jede Person, die sich die Zeit genommen hat – ich hab’s versucht mit Humor auszubalancieren. Tatsächlich hoffe ich aber wirklich, dass ich euch irgendwie abholen konnte und ihr, falls noch nicht getan, in dieses Album reinhört. Ey, in die ganze Band. Wer weitere Anspieltipps braucht oder einfach nur über Twenty One Pilots reden will – in jeglichem Kontext – mein Mailfach steht euch mehr als offen. Ansonsten, go and enjoy this album:
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Retro Klänge und Synthies aus den 80ern feiern nicht erst seit gestern ein großes Comeback! Dass die Popkultur gerne Sounds und Styles vergangener Jahrzehnte ausgräbt ist auch kein Geheimnis. Das konnte man im letzten Jahr beispielsweise schon am Album Future Nostalgia von Dua Lipa sehen, aber auch auf dem neuen Dayglow-Album Harmony House finden sich vieeele viele 80er Jahre Synths-Sounds mit einem modernen Anstich. Und was soll ich sagen: it’s a vibe!
Mit seinem Debüt Album Fuzzybrain hat Sloan Strube, der hinter dem Namen Dayglow steckt, es sich zum Ziel gemacht gute Laune und Glücksgefühle mit seiner Musik zu verbreiten. Und genau da knüpft er auch mit Harmony House an. Mit warmen Synths, super catchigen Melodien und groovigen Bässen kann man nur schwer stillhalten oder Trübsal blasen.
The 80s called, they want their synths back
Ja dieser Joke musste kommen, verzeiht. Vor allem die erste Hälfte des Albums ist gespickt mit 80s Vibes. Mit dem Eröffnungstrack Something lädt uns Dayglow in sein Harmony House ein und versprüht damit eine erste kurze Ladung gute Laune. Hört ihr die Melodie ab 00:45 min., die so ein bisschen gepfiffen aber auch ein bisschen flötenartig klingt? Prägt euch die mal lieber ein!
Thematisch besingt Dayglow Themen rund um die Anziehung zwischen zwei Menschen. Nicht in chronologischer Reihenfolge und auch nicht auf jedem Song des Albums, aber dennoch lassen sich von den ersten Blicken bis zum Ende einer Beziehung einige Stadien einer Beziehung in verschiedenen Songs wiederfinden. In Close To You geht es um die elektrische Spannung zwischen zwei Menschen, die sich auf einer Party sehen, aber niemals richtig Hallo sagen. Man malt sich Szenarien in seiner eigenen Fantasie aus, die so aber nie stattfinden.
In Crying on the Dancefloor habe ich sofort diese Abschlussball Szene eines Coming Of Age Films im Kopf. In diesem Song geht es um das Ende einer Beziehung.
„I thought that I could keep myself together, but I fall apart when you walk through the door. And now my eyes are looking like the weather, now I’m crying on the dancefloor.“
Ich glaube diesen Moment hat auch jeder schonmal durchgemacht. Wenn man denkt man hat das schlimmste überstanden, aber nur ein kurzer Augenblick, in dem man die andere Person sieht, lässt alles wieder hochsprudeln.
“‚Harmony House‚ is about dealing with change and realizing that change is ok, that everything changes and it doesn’t have to be overwhelming“, wie Sloan selbst zum Album sagt. Besonders in dem Track Woah Man geht es um das Loslassen, damit man selbst wachsen kann. Anfangs sollte der Song für einen Freund von Sloan sein, der eine schwere Phase durchmachte. Im Nachhinein merkte er, dass der Song sehr viel mehr um ihn selbst geht, als er das anfangs intendiert hatte.
Bedroom Pop at its finest
Auf seinem Instagram Kanal hat Dayglow ein Snipped von den ersten Instrumentals des Songs Close To You geteilt. Das hat er angefangen zu schreiben, als er im Sommer 2019 Zuhause war – in dem selben Zimmer wo auch Fuzzybrain entstanden ist. Damit wird einiges klar: Dayglow ist wohl König des Bedroom Pops. Nicht nur, dass er sich selbst beigebracht hat Gitarre, Bass, Drums und Keyboard zu spielen, sondern auch wie man Songs produziert und mixt. Kleiner Content-Tipp für Menschen, die sich für Musikproduktion interessieren: Auf seinem YouTube-Kanal hat er einige Videos, in denen er erklärt wie einige seiner Songs entstanden sind. Unter anderem auch eines zu seiner ersten Single Auskopplung Close To You.
Man merkt gleich wie viel Freude es Sloan macht über Musik zu sprechen, denn wie er selbst im Video sagt: „This is all i ever think about“. Er erklärt Stück für Stück wie er welchen Teil des Songs gebastelt hat. Damit der Song (und wahrscheinlich auch der Rest des Albums) so authentisch wie möglich nach 80er Jahren klingt, benutzt er zum Beispiel wirklich Synthesizer, die aus den 80er Jahren stammen. Denn ihm zufolge sind die Synths-Sounds der Ort, wo die Magie des Songs wirklich sitzt. Der Part der mich ein bisschen zum Schmunzeln gebracht hat ist, als er erzählt, dass der Song eigentlich als Duett gedacht war, aber er eine introvertierte Person ist und deshalb der Song ein Duett mit ihm selbst wurde – wobei ich jetzt wirklich gerne eine Version als „richtiges“ Duett hören würde.
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Ihr wisst noch, die Melodie vom ersten Song Something? Wenn ihr das Album komplett durchhört, werdet ihr dieser Melodie noch ein paar Mal begegnen. In Into Blue taucht sie gegen Ende des Tracks ab 02:40 min. wieder auf, diesmal etwas langsamer und mit der E-Gitarre. Gleich im nächsten Song Moving Out findet ihr sie wiederum mit einem pfeifenden Synthie-Sound (ab 02:16 min.), aber auf eine andere Art als beim ersten Song des Albums. Und zu guter Letzt kommen wir zum vierten Song, in dem diese Melodie wieder zu finden ist. Als wunderschön runder Abschluss muss sie natürlich auf dem letzten Track der Platte sein. Auf Like Ivy wird die Melodie nicht nur durch Instrumente, sondern diesmal auch durch die Stimme interpretiert (ab 01:10 min.).
Habt ihr die Melodie noch an anderen Stellen auf dem Album entdeckt? Ich persönlich liebe es ja, wenn so kleine Easter Eggs versteckt sind und wenn sich Muster, Melodien oder andere Dinge wiederholen, weil es die Songs auf einem Album auf eine Art mit einander verbindet. Und eins ist klar: Wenn euch das einmal aufgefallen ist, könnt ihr das gar nicht mehr überhören und habt nebenbei auch einen Ohrwurm für den Rest der Woche.
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