Kategorie: untold music

  • Das Träumen verlernt: Der Frühling und die „Tamtam“-EP

    Meine sehr verehrten Damen und Herren, sehr verehrte Menschen,
    ich präsentiere euch: Der Frühling. Also jetzt nicht die Jahreszeit, denn die ist dieses Jahr irgendwie etwas seltsam und nicht besonders frühlingsmäßig wie im Bilderbuch. Ich meine das Musikprojekt von Lukas Kurz aka Der Frühling, Mitglied des Indiekollektivs die neue leichtigkeit. Und wenn wir am Rande schon so über die dieses Mal etwas faule Jahreszeit plaudern, könnte seine neue Debüt-EP „Tamtam“ eine echte Alternative für die Serotoninproduktion im Frühjahr sein.

    Der Frühling ist schon der zweite Streich, den mir das Kollektiv die neue leichtigkeit spielt. Nach der tollen (tollen!) EP von Tom Taschenmesser (Untoldency berichtete), folgt jetzt hier eine mindestens genau so tolle, aber komplett andersartige EP. Sechs Songs voller lässiger Grooves, schwurbelnden Synthesizern und vor allem: grandiosen Texten.

    Alone sein und dreamen

    Los geht’s direkt mit einem luftigen Indiepop-Beat und die Synthies flirren und schweben wie Pollen durch die Luft. Mac DeMarco hätte dieses Intro von „Allein Zu Sein“ wohl genau so, aber auf keinen Fall besser gemacht. Mit Überraschungseffekten muss man ja bekanntlich nicht sparsam sein, deswegen werden diese ersten luftigen Takte auch ziemlich direkt in einer ohrenbetäubenden Hallfahne erstickt. Und dann beginnt eigentlich erst der Song so richtig. Deutlich gechillter und in Halftime führt uns Der Frühling in seine EP ein.

    Ein lässig gespielter Basslauf begleitet dabei die lethargische Stimmung des Songs und bringt das Thema der Lyrics auf den Punkt: „Es ist schön allein zu sein„. Das ist sicherlich ein Statement, das mit der Pandemie im Rücken noch einmal ganz anders klingt, als vor März 2020. Aber stimmt es denn nicht immer noch? Ich für meinen Teil finde schon. Und es ist auch wieder Zeit, das offen zuzugeben! Pandemieende hin oder her, ich freue mich schon mit Songs wie diesem in meine Sommerdepression zu fallen und alleine zu prokrastinieren.

    Stimmungsmäßig bleiben wir in diesen Regionen auch noch ein bisschen, denn auch der zweite Song ist eher von melancholischer Natur. „Das Dreamen“ handelt von der abhandengekommenen Fähigkeit, sich in seinen Träumen zu verlieren. Und ganz verträumt klingt auch der Song. Ein geschmackvoll abgemischtes Vintage E-Piano und trockene, intime Drums rollen einen flauschig weichen Teppich aus, der zum verweilen einlädt. Und so gehen wir gemeinsam mit Der Frühling auch ein wenig auf Erkundungstour durch den eigenen Körper; da machen wir nicht nur im Traumzentrum unseres Gehirns, sondern auch beim angeknacksten Herzen und beim angstgeplagten Zwerchfell Halt. Und wenn wir das Träumen tatsächlich mittlerweile verlernt haben sollten, dann hilft uns die Bridge des Songs auf jeden Fall, wieder langsam damit anzufangen. In den Sound der Stimme und in diese wunderbaren Zeilen möchte ich mich einfach voll und ganz hineinwerfen:

    „Der Schnee auf den Dächern von Graz
    Liegt viel zu perfekt
    Der Schnee auf den Dächern von Graz
    Reflektiert nicht meinen Dreck“

    Wie lange wollen wir noch warten?

    Hach ja, der Frühling! Also die Jahreszeit meine ich jetzt. Endlich wieder ein bisschen Sonne, es sprießt und gedeiht überall, es keucht und fleucht und die Eisdielen machen wieder auf. Und auch unsereins, der Mensch, schält sich aus der Couchlandschaft und traut sich wieder vor die Tür. Die verbleibenen Zweidrittel der EP scheinen auch mit ähnlicher Motivation ausgestattet worden zu sein, denn „Bevor Du Aufstehst“ staubt die Gitarren ab und tauscht sie gegen die Synthesizer der ersten beiden Songs ein. Hier geben sich The Smiths und Tocotronic die Hand, der Rhythmus ist treibend und die Bassline keeps on running. Richtig gut! Wenn ich ein Cabrio hätte, würde ich diesen Song jetzt pumpen und das lichte Haar im Wind wehen lassen.

    Der Song ist ein Appell, der uns alle mal kräftig wachrütteln soll. „Sag mir, wie lange du noch warten willst, bevor du aufstehst und sprichst“ — das klingt nach Protest und Empowerment. Und in diesem Licht wirkt das Stück dann auch irgendwie politisch, denn was bringt es Missstände nur zu benennen und lange darüber zu sinnieren, wenn dann am Ende doch nichts passiert? Ein Anfang ist auf jeden Fall, einen Song darüber zu schreiben, auch wenn es der Kürzeste dieser EP ist.

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    Mit „Warten Und Starren“ gibt es auch noch was zum Abshaken kurz vor Schluss. Und während der Song so in meinen Kopfhörern abrockt, frage ich mich wirklich ernstlich, wo dieses Kollektiv ihren unfassbar guten Sound herholt. Wie auch schon Tom Taschenmessers „verstehst du nein gut“-EP ist die „Tamtam“-EP super produziert und stellt zu jeder Zeit die richtigen Dinge in den Fokus. Und auch der subtile DIY-Charakter macht diesen Sound mehr als sympathisch. Nach kurzer Recherche wird mir klar: der Hannoveraner Lukas Kurz ist nicht nur Multiinstrumentalist, nein, er ist auch Produzent und Mixing-Engineer zugleich. Das erklärt dann natürlich einiges.

    In den Lyrics von „Warten Und Starren“ findet man die abstraktesten Textzeilen der EP. Eine leicht dystopische Note zieht sich hier einmal quer durch und die Zukunft wird hier als bittersüße Königin ohne Reich gelobt und gepriesen. Königin ohne Reich? Klingt kryptisch. Hab auch lange gegrübelt, aber wenn mit „Reich“ zum Beispiel „Macht“ oder „Untertanen“ gemeint ist, schließt sich für mich der Kreis. Die Zukunft ist unantastbar und majestätisch, hat aber keine Gefolgschaft, weil sie ja keiner kennt. Oder so ähnlich. Da kann man sicher noch einige Repeats drüber nachdenken.

    Ich bin wirklich froh, dass ich auch diesen Frühling keine Pollenallergie bekommen habe (soll ja manchmal noch kommen, im Alter!), aber die Augen schwellen mir bei der „Tamtam“-EP auch ohne an. Einfach allein schon vor Rührung und diesem Gefühl, dass da jemand so tickt wie ich. Ich denke, da bin ich auch nicht alleine mit, denn die Kunst in den Lyrics von Der Frühling liegt definitiv im Herunterbrechen von komplexen Gefühlen und Empfindungen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. So, dass es viele Menschen verstehen können, wenn sie denn wollen. Das ist ein glasklarer Popindikator und ich finde auch, Pop ist am Schönsten, wenn er gar keiner sein will.

    Viel Tamtam um alles

    Wir haben ja schon Mitte/Ende Mai, Frühling ist eigentlich fast schon vorbei und so kratzt auch die „Tamtam“-EP vom Timing her gerade noch so die Kurve, sonst hätte sich Lukas Kurz vielleicht „Der Sommer“ nennen müssen. Höhö. Witzig, dass dann auch ein Song „Hauptsache Zu Spät“ heißt, als wäre das alles berechnetes Kalkül. Auch passend, dass uns Der Frühling uns hier im Riff mit seinen „Ha Ha Has“ ein bisschen auszulachen scheint und ziemlich schadenfroh folgende Zeilen singt:

    „Wenn der Teufel morgen kommt
    Und dich nach Hause holt
    Dann schau ich zu und freu mich drauf
    Wie du dann zittern wirst“

    Kann es sein, dass da jemand ziemlich pissed ist? Wir erfahren nicht so richtig, was genau vorgefallen ist. Für mich kommen da irgendwie so ein paar „Hab ich dir doch gesagt“-Vibes rüber (aber nicht die nervigen, sondern die, die recht haben). Der Sound des Songs ist eigentlich ein ziemlich guter Mix der gesamten EP, wir finden hier wieder oszillierende Synthesizerflächen, melodische Bassläufe und langsamere, groovige Drums. Ein Best Of Der Frühling quasi.

    Da „Tamtam“ ja leider nur eine EP ist, kommen wir mit „Ich sag dir alles“ auch schon zum letzten Song dieses Debüts. Hier werden wir noch mal Zeuge von Der Frühlings Fähigkeit, knackige Aussagen verbrauchergerecht und prägnant in seine Texte zu verpacken. Also so, dass sie auch unbeschadet beim Empfänger ankommen. Außerdem erinnert er uns daran, dass wir manchmal wahnsinnig schnell darin sind, uns einer Person anzuvertrauen. Und es offensichtlich nicht immer notwendig ist, das alles auch zu verstehen, was man da so von sich gibt. Was wissen wir denn eigentlich über uns selbst, bevor wir unser Inneres nach außen stülpen? Ich bleibe jedenfalls zu großen Teilen im Ungewissen, aber bin mir ziemlich sicher: Der Frühling hat hier abgeliefert. Die „Tamtam“-EP hat mir richtig Spaß gemacht und sollte gut für alle taugen, die in letzter Zeit auch das Träumen ein bisschen verlernt haben.

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    Fotocredit: Patrick Slesiona, Anna Niedermeier

  • Liebeskummer und Therapie: BRKN verarbeitet in „Drama“ den Schmerz einer Trennung auf berührende Weise und mit heftigen Beats

    Liebeskummer und Therapie: BRKN verarbeitet in „Drama“ den Schmerz einer Trennung auf berührende Weise und mit heftigen Beats

    Wer sich ein bisschen öfter Reviews auf Untoldency durchliest, könnte vor allem bei mir öfter die Aussage gelesen haben, das sei jetzt schon das „Album des Jahres“. Und ey, ich steh da bei jedem einzelnen Album, über das ich das gesagt habe, immer noch völlig hinter. Dieses Jahr ist einfach heftig und es ist erst Mai. Jetzt reiht sich ein weiteres Album in meine „Album des Jahres“-Liste ein: Es geht um Drama von Kreuzberg-Legende BRKN. Drama ist nicht nur ein richtig gutes Album, sondern auch ein unfassbar wichtiges. Es geht um Herzschmerz, Selbstzweifel und Depressionen – Themen, die selten so offen im Deutschrap angesprochen werden wie jetzt von BRKN. Aber lest einfach selbst.

     
    Jedem Anfang wohnt ein Zaubert inne.

    Im Februar meldete sich BRKN mit seiner erste Singleauskopplung Jede Nacht das erste Mal seit Jahren zurück. Nach seinem renommierten Album Einzimmervilla von 2017 kam „nur“ noch der absolute Hit Bordeaux (hat auch eine wunderschöne Color Session) und dann war es lange Zeit still um den Kreuzberger Rapper und Multiinstrumenten. Doch jetzt ist er zurück. Auf seinem neuen Album „Drama“ lässt BRKN Deutschrap einfach wieder gut klingen. Er wirft ein souliges Saxophon in den Beat und rappt über seinen depressiven Trennungsschmerz. Ich wusste nicht, wie sehr ich das feiern würde, bis ich es wirklich in absoluter Länge gehört hab. Buckle up, hier kommt das Drama:

    BRKN, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, deinbrkn, berkanito, jede nacht, drama, untold music, danke gut podcastWie es sich für ein ordentliches Hip Hop Album gehört, kommt erstmal das Intro. R’n’B – Vibes treffen auf BRKNs Klavier, ein Saxophon steigt ein und wenn auch erstmal nur rein instrumentell, ist es kein Intro, was ich skippen würde. Tatsächlich verfolgen Intros ja immer eine gewissen Intention. Sie setzen den Rahmen für’s Album und leiten ein.  Wenn man das Album auf Shuffle hört, kommt das natürlich überhaupt gar nicht zum Tragen, aber alleine deshalb lohnt es sich auch mal, wie früher, Alben in der Reihenfolge durchzuhören, wie sie vom Künstler vorgegeben sind. Im Falle von Anfang (J’s Intro) macht BRKN das mit einem Hermann Hesse Gedicht, direkt aus dem Deutsch-LK:

    „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

    Steigt man mit diesem Zitat direkt in die Analyse ein, dann steht Drama, so traurig die bevorstehenden Songs wahrscheinlich klingen werden, für einen Neuanfang. Für die Verarbeitung all der ihn während des Prozesses quälenden Gefühle und für den Abschluss damit. Es ist der Beweis, dass so herausfordernd es für BRKN war, ein Album während seiner Depressionen zu machen, er es trotzdem geschafft hat. Und dem liegt tatsächlich ein bisschen Zauber inne.

     
    „Ich hab genug Probleme“

    „Ich versuche nur den Tag zu übersteh’n
    Eigentlich will ich nur fragen, wie’s dir geht
    Alles hängt am seid‘nen Faden seit du fehlst
    Doch ich hatte keine Wahl, ich musste geh’n.“

    Drama ist der große Vorhang-Auf für das gleichnamige Album und fängt genau mit diesen Worten an. Es gibt mit klaren Worten direkten Kontext für alles, was BRKN thematisch auf diesem Album verarbeitet. Wie und warum er sich getrennt hat, das bleibt persönlich, aber darum geht es ja auch gar nicht. Viel mehr geht es um das, was die Trennung mit ihm gemacht hat: „Ich trinke sieben Gläser hintereinander | Ich spiele alle Rollen in diesem Drama“. Ich will nicht lügen, aber vor allem zum letzten Satz kann ich sehr relaten und wahrscheinlich viele von euch auch.

    Musikalisch ist Drama die perfekte Mischung aus Soul, R’n’B, Trap und vielleicht auch bisschen Jazz, die BRKN so ausmacht. Wenn auch relativ kurz, weiß ich jetzt schon: dieses Break-Up Album wird ballern. Und das beweist schon der nächste Song, der als letzte Singleauskopplung mit dem Album raus kam: 1991.

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    Selbst wenn ich nicht mehr dort wohne, würde ich behaupten, 1991 muss auf jeder privaten Playlist einer stolzen in Berlin Kreuzberg/Neukölln wohnenden Person zu finden sein. Es ist einer der wenigen Songs, auf denen BRKN seinem Drama eine positive Feier-Stimmung verpasst. Ich kann den Song nicht hören, ohne dass ich ihn vor meinen Augen durchs Studio tanzen sehe. Wer BRKN kennt, weiß, dass er vor allem live ein absolutes Energie-Bündel ist, das auf der Bühne absolut alles gibt. Und das ist was, was ich in den letzten drei Jahren sehr vermisst hab, und jetzt endlich wieder zu spüren bekomme.

     
    „Ich hoffe, ich behalt mein Herz“

    Doch das solls erstmal sein mit Party-BRKN. Die angesprochene Trennung hat ihn tatsächlich ziemlich aus der Bahn geworfen und das verarbeitet er unter Anderem auf Herz. Eigentlich kenne ich auch nur Heartbreaks Songs, die entstanden sind, weil mit einem Schluss gemacht wurde. Doch mit BRKN wurde nicht Schluss gemacht hat, er selbst hat die Beziehung beendet und fühlt den Schmerz deshalb nicht nur selbst, sondern auch noch stellvertretend für die Person, mit der er Schluss gemacht hat. Manchmal funktionieren Beziehungen nicht, wie man es sich vorstellt und dann muss man sie beenden, so sehr das einem auch selbst wehtut. Man verliert nicht nur selbst jemanden so wichtiges, sondern tut dieser wichtigen Person auch noch wissentlich weh. Und das ist nochmal eine ganz andere Art Herzschmerz, denn es gibt eigentlich nichts Schlimmeres, als jemanden weh zu tun, den man liebt. Jedenfalls für uns empathische Menschen:

    „Wie lebt man damit? Wie schläft man damit?
    Das geht doch gar nicht
    Wie soll ich mich so selbst noch angucken, heh?
    Wie soll mich noch irgendwas jucken
    Bin mir seitdem selber egal
    Fühlt sich an als ob der Teufel mich jagt“

    Im Podcast Danke, Gut mit Miriam Davoudvandi (vielleicht besser bekannt als cash.miri), sprach BRKN über genau diese Thematik. Wie ihn diese ganze Trennung und alles drum rum in eine Depression gekickt hat und er sich Tag für Tag, Song für Song vielleicht, da raus gekämpft hat. BRKN hat diese Killer-Beats nicht gebaut, um zu charten, sondern um zu dem zurückzukehren, wer er ist. Zurückzukehren zur Musik, dem Ort, an dem Gefühle einen Soundtrack bekommen, verarbeitet und geteilt werden. Ich bin wirklich einfach nur begeistert, wie offen und ehrlich BRKN mit diesen Themen umgeht. Wie er mit über seine eigene Männlichkeit reflektiert, über Depressionen, Paranoia und Therapie rappt, während es fast überall sonst im Deutschrap um all diese toxischen Sachen geht, über die ich viel zu müde bin, sie niederzuschreiben. Damit ich das nicht muss, könnt ihr euch hier den Podcast anhören, weil er ist wirklich unglaublich gut.

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    Ich bin ein bisschen abgedriftet. Next up ist der Liebessong gegen Liebessongs. Liebessongs sind ja sowieso ein relativ durchgespültes Thema, aber scheinen nach wie vor eins der erfolgreichsten Songkonzepte zu sein. Anti-Liebessongs funktionieren aber genauso gut. Kraftklubs „Kein Liebeslied“ wird eigentlich für immer mein to-go Song sein, wenn’s in diese Richtung geht, aber BRKN macht dem mit Kein Liebessong ordentlich Konkurrenz. Eine Hook, die mit dem ersten Hören im Ohr bleibt, ein fetzendes Saxophon-Solo am Ende und Lyrics, die einfach keine Zeit haben, um sich mit Liebessongs zu beschäftigen – denn dafür hat BRKN ganz andere Probleme. Ebenfalls als Single vorab released, hat es ein sehr ästhetisches Musikvideo, welches ihr euch direkt hier angucken könnt:

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    „Ich brauch kein Koks, das Leben hält mich wach.“

    BRKN in einem Meer aus Blumen sitzend – das ist eine Ästhetik für sich. Kann man das toppen? Visuell wahrscheinlich nicht, aber musikalisch geht es (Achtung, Radio-Anmoderation) Hit an Hit weiter. Von Kein Liebessong zu Stress fügt sich das vor allem inhaltlich super gut an. Es geht um – absolut naheliegend – den nie aufhörenden Stress. Auf der einen Seite fühlt sich BRKN so leer von diesen düsteren Gedanken und Gefühlen, die nicht aufhören, ihn herunterzuziehen und alles, was er macht, anzweifeln. Auf der anderen Seite fühlt er sich aber auch so getrieben, von dem eigenen Druck und den von außen, zu liefern und der ständigen Frage, wann es ihm endlich wieder besser geht.

    „Zu viele Paranoia, Dicker, hält mich auf Trab

    Zu viele Gesichter, nein, ich glaub, ich brauch‘ Schlaf

    Bitte therapier mich, das ist nicht mehr normal“.

    Allerletzter Einschub an dieser Stelle, um das einfach nochmal zu unterstreichen: Geht zur Therapie. Also jetzt nicht ihr alle, aber es ist 2021 und trotz dieser eineinhalb Lockdown-Jahre, die wir alle gemeinsam durchgemacht haben, scheint Therapie immer noch ein Tabu-Thema zu sein. Dabei sollte es das Normalste der Welt sein, dass wenn es einem nicht gut geht, man sich eben Hilfe sucht, damit es einem wieder besser geht. Wir gehen ja auch zum Arzt, wenn der kleine Zeh weh tut. Deshalb, lasst uns das machen wie BRKN, öfter über unsere Gefühle reden und zur Therapie gehen, wenn es uns nicht gut geht.

     
    „Outfit clean, fresh und depressiv“

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    Und damit hör ich auf mit all diesen ungefragten mental health Ratschlägen und komm zurück zur Musik. Hades zum Beispiel – musikalisch einfach pures Gold. BRKN sagt das genau richtig: „Kille den Beat und geh rein wegen Mord“. Hades ist vielleicht der bedrückendste Song auf dem Album, aber wenn dieser Beat droppt – pure Gänsehaut. Das ist auch eins der Dinge, die ich an diesem ganzen Album liebe, diese spürbare Liebe für Musik, in jeder Zeile, in jedem Song. BRKN gibt diesem Beat den Raum, den er braucht, um sich voll zu entfalten, und während ich das schreibe, bekomm ich zum zweiten Mal Gänsehaut. Wer jetzt wissen will, warum und was ich eigentlich meine, der höre hier rein.

    Zum nächsten Song kann ich euch auch verlinken, es ist die erste und schon erwähnte Singleauskopplung Jede Nacht und hat BRKN wieder auf meinen und vieler anderer Leute Radar gebracht. Wieso der Song so geil ist und alles, was BRKN damit und seinem Album-Release an Lob eingeheimst hat, absolut berechtigt ist, lest ihr hier.

    Und damit sind wir schon am Ende. Im wahrsten Sinne des Wortes. Das letzte Lied des Albums heißt Zu Ende und versucht all das, was BRKN in Drama verarbeitet hat, nochmal irgendwie abzuschließen.

    „Und ich weiß schon lang nicht mehr, was los ist

    Und auch ich kenne nicht die Zukunft

    Doch ich kenn dich und weiß, dass du stark bist

    Und dass am Ende alles gut wird.“

     
    Fazit

    Leute, Fazit. Ich bin einem Monat nach Release mit dieser Review ein bisschen später als sonst, hab sie immer wieder verschoben, weil ich diesem Album einfach gerecht werden wollte. Es ist diese Art, wie offen und ehrlich BRKN seinen Liebeskummer verarbeitet und kommuniziert, die mich auf so eine ganz eigene Art völlig trifft und berührt. Wie macht man mit jemanden Schluss, den man noch liebt? Wie bricht man jemanden das Herz in dem Wissen, dass es diese Person so sehr verletzten wird, aber es nicht anders geht? Und wie geht man selbst mit diesem Schuldgefühl und dem eigenen Liebeskummer um? Alles ein totales emotionales Chaos und so ein tiefer Schmerz, durch den man durchmuss, um auf die andere Seite zu kommen. Was super drastisch klingt, ist einfach wahr. Und darüber kann man auch mal sprechen.

    Deshalb – hört euch Drama an, fühlt ein bisschen mit, aber vor allem, gönnt euch diese gute Musik und BRKNs nie sterbender Funken Hoffnung. Er hat’s geschafft, hat den schlimmsten Part hinter sich und hat zudem auch wirklich einfach abgeliefert.

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    Fotocredit: Ferhat Topal

  • Sophia Kennedy stellt sich mit „Monsters“ ihren und unseren Dämonen

    In heutigen Zeiten ist es wirklich leicht, Dämonen zu erschaffen. Ich bin mir sicher, es gibt irgendwo ein Youtube-Tutorial dazu. Wirklich schwierig ist es, sich ihnen dann im Nachhinein auch zu stellen. Sophia Kennedy macht sich auf ihrem neuen Album „Monsters“ genau das zur Aufgabe. Die Angst vor den Monstern, Dämonen und Geistern, die sowohl in uns selbst als auch in den Ruinen unserer Gesellschaft spuken, zu überwinden.


    Science-Fiction Apocalypse

    Der erste Track „Animals Will Come“ ist das direkte Tor zur Welt von Sophia Kennedy. Eine Post-Irgendwas-Welt. Oder Pre-Irgendwas? Die bereits drohende dystopische Stimmung im ersten Song lässt auf jeden Fall nichts Blumiges und Quicklebendiges vermuten. Verspielte kleine Detune-Gitarrenlicks verschmelzen hier mit gehaltenen Akkorden auf der Orgel. Kennedys markante Stimme nimmt uns ab Sekunde 1 mit in ihre Gedanken. Wir finden uns in einer trockenen und heißen Wüste wieder. Ich spüre förmlich wie ich Durst bekomme und anfange zu halluzinieren. Ein Häufchen Elend, nur noch Haut und Knochen im heißen Sand. Die Tiere kommen langsam näher, um mich, die seltene Beute, für sich in Anspruch zu nehmen.

    „Animals Will Come“ — das dachte sich wahrscheinlich auch Noah damals, als er seine Arche baute, um die Sintflut unbeschadet zu überstehen. Ist dieses Album also ein Vorbote der drohenden Überflutung? Reizüberflutung? Sicher weiß ich nur: Etwas wird kommen mit diesem Album. Vielleicht 40 Jahre Regen. Vielleicht die Apokalypse, Tiere, Dämonen oder… „Monsters“. Sophia Kennedy hat hier definitiv etwas heraufbeschworen.

    „Orange Tic Tac“ zeigt gleich zu Beginn den unfassbaren Facettenreichtum ihrer Stimme. Neben ihrem großen Ton- und Dynamikumfang fasziniert auch die Fähigkeit, nur mit dem Klang Erzählperspektiven und Szenen zu wechseln. So erschafft sie innerhalb eines Songs scheinbar mehrere Charaktere, mal frech und vorlaut, mal reif und allwissend. Wie ein Strobo-Flashlight flackern die Bilder im Text auf und verschwinden wieder. Oder wie in einer ständig refreshten Instagram-Timeline. Bilder von Flammen im Himmel, Kindern mit Helmen und Süßwarenverkäufern. „Highlights“ und „Headlines“, Hand in Hand, genau wie bei unserem Medienkonsum. Tatsächlich singt Kennedy hier auch von einer „Science-Fiction Apocalypse“. Also doch eher eine Post-Irgendwas-Welt?


    Die Geister, die ich rief

    Im Galopp der apokalyptischen Reiter bewegen sich passenderweise Bassynthesizer und Drums bei „I Can See You“. Die von allen Popkonventionen befreite Songstruktur macht Spaß, gerade wenn dann auch mal ein Geräusch in der Form eines „blurps“ in den Gehörgang kriecht. Sophia Kennedy zieht und dehnt ihre Stimme eindrucksvoll in alle Richtungen. Im Dialog, face to face mit ihren eigenen inneren Monstern, so scheint es.


    „Like a dark cloud of insects
    Lifting from the trees
    My eyes open wide
    Through you I see me“


    „Durch dich sehe ich mich“ — ist das nicht eine wunderbare Liebeserklärung an die vielen Stimmen in uns? Und damit meine ich jetzt nicht etwa Schizophrenie als psychische Krankheit, sondern die verschiedenen Facetten unseres Charakters, die sich hin und wieder zeigen. Von denen wir vielleicht manchmal überrascht oder überwältigt sind, durch die wir aber letztendlich immer wieder zu uns finden und uns selbst besser kennenlernen. Ich denke, Sophia Kennedy will nicht unbedingt alle ihre inneren Stimmen verstehen. Doch ihr ist es gelungen, diese zuzulassen und zu verwalten. Eine Transzendenz der Persönlichkeiten. Die völlige Akzeptanz weiterer Mieter im Plattenbau der Seele.


    Just put on a smile :-)))
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    Mit „Francis“ wird’s dann das erste mal so richtig politisch. Und mit so richtig meine ich, dass mir fast schlecht wird vor Wahrheit und Ehrlichkeit in diesen Zeilen. Ein Synthie, in feine slices zerhackt, hämmert in meine primäre Hörrinde, irgendwie oddly satisfying. Ein tiefer Klavierton vermischt sich mit weiteren verzerrten Basstönen und bildet eine schwarze, bedrohliche Szenerie. Hier fällt mir zum ersten Mal auf, dass ich das gesamte Album über schon voll im Film bin und wirklich zu jedem Song ganze Welten in meiner Vorstellung enstehen.

    In „Francis“ besingt Sophia Kennedy die durch unsere Gesellschaft herangezüchtete toxische Männlichkeit. Ein bürgerliches Konstrukt, das noch lange nicht durchbrochen scheint. Die akkurate Beschreibung der Auswirkungen unserer Erziehungsmethoden ist so bedrückend wahr, dass die scharfe Zynik in den Lyrics schon fast verborgen bleibt. Faszinierend und klug finde ich, dass Kennedy hier den Problemkomplex „Gender Equality“ an der Wurzel packt bzw. in der Kinderstube vorführt. Wirklich, bei jedem Hören Gänsehaut. Vor allem, weil so ein bisschen Francis wahrscheinlich in jedem Mann, und somit auch in mir, steckt.

    „Too many chances, Francis
    Just put on a smile
    Everything is free
    All the papers have been signed

    Just loosen up the buttoned shirt
    You won’t ever make mistakes
    Cause you were never taught
    How mistakes are made“


    And then it hits again

    „Loop“ greift ein ganz artverwandtes Thema auf. Wir scheinen uns in einer Art undurchbrechbaren Zeitschleife, einem „Loop“, zu befinden, wenn wir die Schuld für unsere Missstände immer bei den Generationen vor uns suchen. Dabei aber oft vergessen, dass wir es nicht unbedingt besser machen, als unsere Eltern. Dieser Teufelskreis setzt immer wieder von vorne ein — „and then it hits again“. Passend dazu hittet dann auch die 808-Bassdrum mal so richtig in die Magengrube.

    Die gesanglich beste Leistung in meinen Ohren liefert Sophia Kennedy im Song „Chestnut Avenue“ ab. Die Geschichte des Songs folgt ihrer Stimme auf Schritt und Tritt, so als wären es nicht die Worte, die die Story formen, sondern allein die Performance. Düster und theatralisch, wie in einem Bühnenstück von Berthold Brecht. Die Chestnut Avenue ist gleich in doppelter Hinsicht für die gebürtige US-Amerikanerin bedeutend, denn sowohl ihre alte Adresse in der Heimat Baltimore, als auch eine ihrer späteren Adressen in Hamburg ist nach Kastanien benannt. Skuriler Zufall! Musikalisch fühlt sich der Song an wie eine Postkarte aus den 60er Jahren, deren Einflüsse auf dem gesamten Album stark wahrzunehmen sind. Denn auch die Chorarrangements bei „Do They Know“ erinnern an die Experimentierfreude der Vocalaufnahmen von Bands wie den Beatles, den Kinks oder den Beach Boys.


    Has the cat get your tongue?

    Musikalisch ebenfalls auffällig auf „Monsters“ sind die Beats, die Sophiay zusammen mit ihrem Produzenten und partner in crime Mense Reents geschraubt hat. Oft geht es chaotisch zu, es gibt viele Störgeräusche und Irritationen, wie zum Beispiel im Chorus von „I’m Looking Up“. Auch im Letzten Song des Albums „Dragged Myself Into The Sun“ taucht dieser abgehackte Synth-Beat wieder auf und versetzt mich so sehr in Schwindel, dass ich mich mal kurz hinsetzen muss. Mir fällt es dabei echt schwer, mich auf irgendetwas im Song oder in meiner Umgebung zu fokussieren und habe beinahe Angst, dass mir der Kopf platzt. Dieses maschinelle Einpauken neuer Gedanken gelingt ihr auf ganzer Länge sehr. Und passend zu den Lyrics will auch ich meinem Alltag entfliehen, am besten so weit weg, wie es nur geht. Mit einem Spaceship ins All? Ja, bitte, wo kann ich einsteigen?

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    Im wahrsten Sinne des Wortes hat mir das gesamte Album die Sprache verschlagen. „Has the cat get your tongue?“ fragen native speaker, meist leicht genervt, wenn du kein Wort mehr rausbekommst und wie der Ochs vor’m Berg stehst. In „Cat On My Tongue“ thematisiert Sophia Kennedy dieses Phänomen der heruntergeschluckten Zunge in ihrem Text, dazu ein cooler Vocalloop auf einem Odd Future inspiriertem Beat. Passieren kann das mit der Wortfindungsstörung ja ziemlich oft, und mir persönlich tatsächlich auch häufiger, als mir lieb wäre. Sei es vor Aufregung, vor Scham, vor Wut oder… wenn ich meinem Crush meine Liebe gestehen will. Übrigens ist dieser Song auch jener, den der God of Punk höchstselbst, nämlich Iggy Pop, kürzlich in seiner Radioshow im BBC gespielt hat. Das ist ein Ritterschlag. Glückwunsch, Frau Kennedy!


    Fazit

    Auch wenn eigentlich schon alles gesagt ist und die Musik spätestens ab jetzt für sich selbst sprechen sollte, hier noch ein kurzes Fazit. Ich habe heute ein kurzes Interview von Sophia Kennedy im DLF Kultur gehört. Darin sagte sie, „schlauer Pop“ gefiele ihr eigentlich so gar nicht als Genre-Schublade. Weil sie ja gar nicht wisse, ob das alles immer so schlau sei, was sie so produziert. Das finde ich sehr sympathisch. Aber auch schade, denn ihre Musik ist einfach nun mal sehr schlau und ich hätte sie intuitiv tatsächlich in diese Kategorie einsortiert. Ein klassisches Dilemma! Man muss aber ja nicht immer alles benennen, deswegen ganz einfach: mir hat „Monsters“ wirklich wirklich gut gefallen. Kaum zu glauben, dass das erst das zweite Album ist. Es verarbeitet persönliches und gesellschaftliches Chaos, ohne es unbedingt aufklären zu wollen. Und es ist mit der Mischung aus hypermodernen Synthesizerklängen und tighten Lo-Fi Beats einfach nur on point. Wenn das der Vorbote der Apokalypse ist, wie gut wird dann bitte die Apokalypse?

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    Fotocredit: Helena Ratka, Benjakon

  • Indie-Trio Varley befreien sich mit „Push Pull“ von all jenen, die meinen, sie besser zu kennen als sie sich selbst

    Indie-Trio Varley befreien sich mit „Push Pull“ von all jenen, die meinen, sie besser zu kennen als sie sich selbst

    Es ist Zeit für Indie. Guten Indie. Indie, der uns so langsam aber sicher in den langersehnten Frühling trägt. Und manchmal kommt genau der beste Indie noch von Newcomer:innen, die gerade erst dabei sind, sich zu etablieren. So wie Varley, die ich euch in diesem Rahmen jetzt schon mal super ans Herz legen darf, wenn man denn genau nach so etwas sucht. 2021 kommt ihr Debütalbum und mit Push Pull haben sie jetzt schon ihre zweite Single daraus veröffentlich und was soll ich sagen – ich bin hyped.

     
    Atmosphärischer Indie mit Ohrwurm-Garantie

    Varley sind die in Dublin geborene Claire-Ann und ihre deutschen Bandkollegen Joschka Bender und Matthias Heising. Zusammen wirbeln sie sich in die deutsche Indie-Pop Szene hinein und überzeugen immer mehr von ihrem Klang. So wie mich. Sie klingen ehrlich und gefühlvoll, aber gleichzeitig auch voller Leidenschaft, sich die großen Bühnen unserer Indie-Bubble zu erspielen. Das hier geht Hand in Hand für Fans von M.Bryd, Pat Burgener, Phoebe Bridgers oder Holly Humberstone – jedenfalls laut Spotify. Und Spotify liegt da meist ziemlich richtig.

    Doch so viel zur theoretischen Einordnung. Eigentlich hilft ja sowieso nur die Musik selbst zu hören, um zu entscheiden – mag ich das oder nicht? Die Entscheidung will ich euch hier nicht abnehmen, aber definitiv erleichtern, weil ich mag es definitiv. Ganz dem #influencer-Vibe des Musikjournalismus nach, also erst zu ein paar Worten von mir:

    Push Pull ist eine Anti-Hymne gegen all die, die einen im Leben hin und her schubsen wollen, immer der Meinung sind, alles besser zu wissen und dabei auch gerne mal leicht übergriffig werden im Eigene- Meinung-Aufdrängen. Es ist die melodische Gitarre und ein rhythmischer Bass, mit denen Varley Push Pull schon von der ersten Strophe an zu einem atmosphärischen und fast schon mühelos klingenden Indie-Song machen. Es ist tatsächlich auch genau diese entspannte Energie, die mich in den Bann zieht und mir am Ende noch einen Ohrwurm dalässt.

    „Push Pull was born out of the frustrations that come when people think they know you better than you know yourself or that they what’s best for and how this often left us feeling like we were being pushed and pulled in a thousand different directions. Especially being raised in a society where girls are expected to always be nice and polite, this is our way to break free from that and speak our mind.”

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    Wenn nicht man nicht mal Torten so richtig genießen kann

    Push Pull ist also nicht nur musikalisch ein sehr zugänglicher Song, sondern man kann sich auch inhaltlich unfassbar gut mit identifizieren. Und auf diese Weise ist es sogar auch empowerend, wenn man aus diesem dann ja schon leicht toxischen Umfeld ausbricht und sich anfängt, selbst zu definieren.

    Lasst uns aber ganz kurz auch über das Musikvideo sprechen, denn es versetzt uns zurück in die 1980er Jahre und ich zu meinem Teil liebe diese Ästhetik. Außerdem fängt es an mit einer Torte und wenn ich ehrlich bin, hat man mich damit schon. Sind die kleinen Dinge, wisst ihr. Ich guck diese Torte an, mit raufgeschriebenen Namen und Kirschen on top und denk mir – ich will auch. Und: wieso hat mir noch niemand so eine Torte gebacken?

    Guckt man aber weiter, dann will man die Torte irgendwie doch nicht so ganz haben. Es ist nämlich gar nicht unbedingt so eine liebevolle Geste, wie ich es mir erhofft hätte, sondern eher an viele Bedingungen geknüpft – und die zielen alle darauf ab, den Protagonisten so weit zu verhätscheln, dass dieser gar keinen eigenen Handlungsspielraum mehr hat. Geweckt um Punkt 8 Uhr beginnt sein Tag, dann wird er von seiner Mutter angezogen (gegen seinen Willen), bekommt von seinem Vater zum xten Mal erklärt, wie man sich richtig rasiert (ungefragt) und darf dann nicht mal sein Frühstücksbrot selbst schmieren. Absolut empört warte ich darauf, dass er sich mal wehrt – und als er es tut, kommt auch die Torte zurück ins Spiel. Bekanntermaßen ist die Kombination von Torten und Wutausbrüchen nie eine großartig Verheißungsvolle, aber das ist in diesem Kontext ja auch gut so.

    Wer jetzt ein bisschen hilflos vor diesem Text sitzt und nicht so ganz weiß, was ich meine – guckt euch einfach das Musikvideo oben an (oder hier, ich weiß, wir sind alle scroll-faul). Und wenn ihr trotz oder gerade deshalb mal in Varley reinhören möchte, es sei euch hier ans Herz gelegt:

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    Fotocredit: Jen Krause

  • Novaa findet ihren Weg zurück zur Selbstliebe, Heilung und Hoffnung in „This Ain’t Your Home“

    Novaa findet ihren Weg zurück zur Selbstliebe, Heilung und Hoffnung in „This Ain’t Your Home“

    Ihr wisst, ihr bekommt hier immer nur Songs ans Herz gelegt, wenn sie auch unser Herz berühren. (Das ist glaub ich gerade mein kitschigster Einleitungssatz je geworden. But well). Bei all dieser ganzen wirklich guten Musik, die dieses Jahr schon rausgekommen ist, ist es schon richtig schwierig geworden, immer mitzuhalten und alles vorzustellen, was hervorsticht. Der Song hier sticht aber auf jeden Fall hervor und hat es mehr als verdient, vorgestellt zu werden. Was an This Ain’t Your Home so besonders ist und wieso Novaa sich damit in eine Reihe von female empowerment Songs einreiht, lest ihr jetzt.

     
    Thank god for women

    Novaa ist eine der spannendsten Newcomerinnen da draußen und ich bin so froh, dass ich über Untoldency Künstlerinnen wie sie auf ihrer Reise mitbegleiten kann. Auch wenn sie schon länger Musik macht, fühlt sich das an, als hätte sie gerade erst angefangen, so richtig Vollgas zu geben. Mit This Ain’t Your Home hat Novaa die erste Single von ihrem neuen Album veröffentlicht. Es ist jetzt zwei Wochen seit dem Release und ich bin immer noch ein bisschen sprachlos, wenn ich es höre.

    Wir alle wissen, wie wichtig und groß die neue Welle an weiblichen Künstlerinnen ist, die immer mehr aufsteigen. Vor allem junge Künstlerinnen brechen mit „Tabus“, sprechen Themen an, die zu lange weggeschwiegen wurde, und lassen sich von niemandem mehr einschüchtern. Und das ist was, was ich mit meinen relativ alten und relativ jungen fast-25 Jahren (es schwankt) einfach nur liebe. Diese Generation an Künstlerinnen zu sehen, die die Zukunft verändern werden, macht einfach nur glücklich. Und auch ich bekomme dadurch nachträglich so viel mit, was ich selbst noch ändern kann. Ich lerne auch einfach so viel. Über Selbstliebe, Selbst-Empowerment, aber auch um den Schutz unserer Umwelt und anderen Themen, die sie alle anstoßen. Es ist einfach nur inspirierend. Und ermutigend. Patriarchat ist halt irgendwann auch einfach mal durch.  

     
    „My body’s my own, not yours”

    Das, über das Novaa in This Ain’t Your Home singt, ist eins dieser Themen. Tatsächlich, und da bin ich jetzt von Anfang an auch einfach mal offen, fällt es mir auch gar nicht so leicht, darüber zu schreiben. This Ain’t Your Home erzählt die Geschichte eines sexuellen Missbrauchs, den Novaa erfahren hat, und wie sie sich ihren Körper wieder zurückholt.

    Novaa, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, novaamusik, This Ain't Your Home, The Futurist„This Ain’t Your Home entstand als mir bewusst wurde, dass ich sexuell missbraucht worden war. Es ist bizarr, dass man den Missbrauch, der einem angetan wurde, oft erst dann realisiert, wenn man von einer Person eben nicht missbräuchlich behandelt wird. In unserer Gesellschaft gibt es eine Menge Ungleichheiten, eine Menge Ungerechtigkeiten. Eine davon ist Sexismus.”

    This Ain’t Your Home berührt auf diese ganz offene und intime Art, in der uns Novaa diese Geschichte erzählt. Sie zeichnet durch den Song selbst ihren eigenen Heilungsprozess auf und das in einem so schönen Lied zu verpacken und mit der Welt zu teilen, find ich unfassbar mutig. Aber wenn diese Generation von starken jungen Personen eins hat, dann Mut. Mut, dieses vermeintliche Tabu zu brechen, nicht über solche Sachen zu reden. Mut, denen sie dadurch auch anderen geben, die Ähnliches durchgemacht haben. Denn es geht ja nicht weg, wenn man nicht darüber redet.

     
    Ein emotionaler und befreiender feel-good Song

    Musikalisch fängt This Ain’t Your Home die Energie des Inhalts auf eine ganz spezielle Weise ein. Es ist weder eine bedrückende Ballade, noch ist es ein Indie-Pop Party-Song. Es ist direkt dazwischen, wirft einen emotional komplett hin und her und lässt einen am Ende dann aber doch noch tanzen.

    Während Novaa in der Strophe offen ihre Geschichte nacherzählt, baut sich der Track mit treibenden Beats und hallender Gitarre langsam auf. Seit zwei Wochen hör ich diesen Song auf Dauer-Repeat. Er hat einfach diesen Klang, der alles um sich rum einzieht. Sobald sich der Song entfaltet, wirkt die Kombination aus dem Beat und Novaas klarer Stimme einfach nur hypnotisierend. Ich höre den Song gerade zum dritten Mal nacheinander und hab mich dafür entschieden, dass ihr euch das selbst kurz anhören müsst, um zu verstehen:

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    Um noch ein bisschen offener zu sein, ich hab mir gerade das Musikvideo auch nochmal angeguckt und im Hinterkopf, wie schwer dieses Thema auch für Novaa selbst wirken muss, hat es mich ein bisschen zu Tränen gerührt. Novaa holt sich all das wieder, was ihr ohne Recht genommen wurde und ich kann gar nicht genug betonen, wie unfassbar stark und wichtig ich das finde. Sie reiht sich ein in Songs wie Your Power von Billie Eilish (Billie fucking Eilish ey) oder Pavement von Elena Steri (hier für euch in der Review). Alle zeichnen den Weg zurück zur Selbstliebe, aber geben auch eine klare Abgrenzung nach außen an: This ain’t your home.

    „No, I will never forget
    No, I could never remove it
    All of the stains on my mattress
    No, I don’t need to forget
    Now that I know I can see that
    There’s no space left for you„

    Ich bin wirklich unfassbar gespannt, was von Novaa in Zukunft noch kommen wird. Denn nicht nur geht sie auf solche sensiblen Themen ein, sondern bricht auch jetzt schon mit Gender-Normen und Leute, wie. ich. das. liebe. Aber davon vielleicht ein anderes Mal mehr.

    Vielleicht darf ich euch an dieser Stelle aber zu unserem women rising up Feature weiterleiten, in der ihr eine Playlist voller female empower songs findet, die den Start in die Woche garantiert positiver gestalten als das, was gerade im Radio läuft.

    Sonstige Schlussworte: Be kind and take care of each other. Ist ein langer Kampf gegen das Patriarchat, toxische Männlichkeiten und was da alles noch so vor sich hinschimmelt, aber wir sind auf einem guten Weg.

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    Fotocredit: Alexandra Lehti, Rebecca Kraemer

  • Mine nimmt uns in ihrem Album „Hinüber“ auf eine Reise voller Gefühle, politischer Statements und wunderschöner Pop-Songs

    Mine nimmt uns in ihrem Album „Hinüber“ auf eine Reise voller Gefühle, politischer Statements und wunderschöner Pop-Songs

    Wenn düstere Streicher auf bedrohliche Trommeln treffen, dann kann das nur eins bedeuten: Mine ist zurück. Mit viel Wucht und viel Perfektion – lyrisch als auch musikalisch. Mines viertes Album „Hinüber“ übertrifft alles, was Fans und Nicht-Fans erwartet haben. Zwischen ausgefeilten Produktionen, namenhaften Features und wichtigen politischen Themen ist das hier eigentlich nur ein Hit an Hit. Es ist wirklich ziemlich, ziemlich gut. Macht euch bereit auf eine ausführliche Dosis purer Begeisterung. 

     
    „Die ganze Welt hat sich auf meine Brust gesetzt“

    Jedes Mal wenn ich für Untoldency eine Album-Review schreibe, denk ich mir –  das wird nicht besser. Das ist hier die Platte des Jahres, das kann nichts übertrumpfen. Und dann kommt da keine zwei Wochen später eine neue Platte um die Ecke und ich muss alles wieder revidieren. Letzte Woche hab ich mich Hals über Kopf in die EP von Schmyt verliebt und jetzt kommt Mine und ich bin mir nicht mehr sicher, ob Schmyt was dagegen ausrichten kann. 2021 – alles ist scheiße, aber neue Musik ist so gut wie lange nicht mehr. Für die, die Mine nicht kennen, ist Hinüber ein sehr willkommener und dankbarer Einstieg. Für die, die Mine schon kennen, ist Hinüber (meiner bescheidenen Meinung nach) besser als alles, was sie vorher gemacht hat. So let’s begin, shall we.

    Ich hatte es in der Einleitung gespoilert: Hinüber beginnt mit düsteren Streichern und bedrohlichen Trommeln. Es beginnt mit Wucht. Der gleichnamige erste Song öffnet sich wie ein Akt über das Album. Wenn ihr diese Kombination aus Streichern und Trommeln hört, könnt ihr nicht anders, als euch das bildlich vorzustellen. Mine schreitet wahrhaftig in ihr eigenes Album hinein und alles andere, was parallel geschieht, hält an.  Hinüber ist in der ersten Minute schon so laut, so eindrucksvoll und setzt den Ton des Albums perfekt in Szene. Es ist 2021: weltumgreifende Pandemie, Aussterben von Tieren, Verschmutzung der Meere, menschenrechtswidrige EU-Politik an den Grenzen, rassistisch motivierte Gewalt der Polizei, … wo fängt man an, wo hört man auf. Dieser Zustand der Welt ist echt und kann lähmend wirken, wenn man zu lange über ihn nachdenkt. Aber nach lähmend kommt wütend. Und nach wütend kommt Hinüber.

    „Das Meer ist aus Plastik, der Hunger ist groß

    Solang du nicht matt bist, lass ich dich nicht los

    Das alles hält sich nur so lang

    Bis es hinüber ist irgendwann.“

    Manchmal stell ich mir vor, wie es ist als Künstlerin den eigenen Song das erste Mal selbst fertig zu hören. Wenn ich mir das bei einem Song wie Hinüber vorstelle, hab ich ehrlich gesagt ein bisschen Gänsehaut. Als wäre das noch nicht genug, holt sich Mine noch Sophie Hunger dazu, und das ist nicht nur eine absolut wunderschöne Kombination, sondern rundet das Ganze nochmal eindrucksvoll ab.

     
    Verführerische Pop-Melodien und funkige Beats

    Nach diesem Opener muss ich eigentlich erst mal durchatmen. Mine gibt mir diese Chance, auf eine Art, denn die wuchtige Untergangsstimmung wird ersetzt durch astreinen Pop. Bitte Bleib ist musikalisch sehr viel zugänglicher als Hinüber. Eigentlich kann man mich gar nicht so in der Pop-Spalte finden, vor allem wenn’s deutschsprachig ist. Aber Mine bestätigt die Ausnahme. Ich kann nicht genau sagen, was es ist, was siemit mir macht, dass ich ihre Songs instinktiv immer ganz laut hören will. Aber es ist auf jeden Fall da. Und so auch bei Bitte Bleib. Diese Melodie hat einfach was, dem ich sofort verfalle.

    Und wenn wir schon mal unter uns sind (ich tu einfach mal so): Ich hab einen riesen Crush auf Mines Stimme. Sie ist so klar und so on point, dass sie gleichzeitig gute Laune macht und unter die Haut geht. Sie singt Sachen wie „Bitte bleib, bitte bleib nicht wie du bist“ und inmitten eines eigentlich super zugänglichen Popsongs muss man da schon mal kurz ne Sekunde drüber nachdenken.

    Mine ist tatsächlich eine der wenigen Künstlerinnen, die ich kenne, die fast gleichermaßen im deutschen Pop- als auch Rapkosmos existieren. Und das nicht nur aufgrund der Features mit Deutschrappern wie Fatoni, Samy Deluxe oder Die Orsons. Mine arbeitet auch in ihrer eigenen Musik mit einfach geilen Beats, die in beiden Welten funktionieren. Wie genau sie das macht, das weiß wahrscheinlich nur sie, aber es ist einer der Hauptgründe, warum sie in der Musikszene als so begnadete Musikerin gilt. KDMH (Kannst Du Mich Hören) zeigt genau das. Im Interview letzte Woche erzählte Mine, dass sie für das Album das erste Mal richtig viel Geld in die eigene Produktion stecken konnte. Und das war bestimmt teuer, aber hat sich auf jeden Fall gelohnt. Drei Lieder ins Album und ich bin absolut begeistert. KDMH hat zum Ende hin ein bisschen was von einem Rave im Rausch und reißt einfach nur alle Emotionen mit.

     
    „Es zerreißt mein Herz“

    Mine hat diese Art, die einfach berührt. Schon Klebstoff, der Titelsong ihres letzten Albums, hat mich einfach auf diese eine unbeschreibliche Art mitgenommen und tut es immer noch. Mine spricht die Gefühle an, als würden sie direkt vor ihr stehen. Das ist einfach alles direkt auf den Punkt unverschont und ehrlich ausgedrückt. Mein Herz ist einer der schönsten und zugleich kitschigsten Pop-Balladen dieses Jahr. Es drückt so eine tiefe innere Traurigkeit aus, die, kitschig hin oder her, ich in diesen 3 Minuten voll fühle.  

    „Es ist schon Absicht, dass einige Leider textlich zugänglicher sind. Ich fand es schon immer total krass, wenn dich Popsongs unmittelbar erreichen, aber trotzdem nicht so ekelhaft anbiedernd um die Ecke kommen. Bei Liedern wie ‚Mein Herz‘ habe ich selber schon mal gedacht: ‚Krass, das hätte ich früher wahrscheinlich nicht so geschrieben, weil ich schlicht nicht den Mut gehabt hätte, das so direkt zu formulieren.‘“

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    Audiot ist der angekündigte Deutschrap Song, in dem Mine beweist, dass für sie nichts einfacher zu sein scheint, als einen Hip Hop Beat zu bauen. Mit Dexter und Crack Ignanz hat sie zwei Deutschrapper dazu geholt, die sich auf diesem sehr wohlfühlen. Audiot ist eine Anklage gegen den Formatradiomist, die immer gleichen Songs, die auf dem Radio rauf und runter laufen und dabei so relativ ohne Bestand zu sein scheinen.

    Nicht nur inhaltlich, sondern auch musikalisch passt Audiot nicht in diese Welt, in der alles so identisch klingt. Es fängt sehr ruhig an, mit vielen im Autotune gesungen übereinandergelegten Spuren. Dann kommt der Beat rein und, wie gesagt, Beats kann Mine. Die Strophe von Dexter läuft dagegen auf fast kompletter Stille und lässt seine Lyrics den ganzen Raum einnehmen. Ich muss sagen, das klingt fast schon bisschen sexy. Auch Crack Ignanz hat einen meiner Lieblingsparts auf dem ganzen Album, stilistisch trappiger, doch nicht weniger gut. Mine kommt mit dem leicht funkigen Beat wieder rein und alle leiden sie unter dieser langweiligen Gleichgültigkeit im Leben. So kann Musik klingen, wenn sie nicht für Radios geschrieben wird.  

     
    „Unser Kompass pocht und wir schweben los, hinein ins Kaleidoskop“

    Habt ihr euch mal gewundert, wie Eiskugeln in Form von Musik klingen? Ich mich auch nicht. Wollt ihr aber wissen, wie? Genau so.

    „Ich finde, ein Album darf nicht langweilig sein. Das ist mein wichtigster Anspruch. Ich hatte schon so viele deepe, schwermütige Songs und habe die ganze Zeit überlegt, was ich denn noch Positives besingen könnte.. Dann dachte ich plötzlich an Eis und hab ich diesen Beat gebaut, der mir so ein wenig cremig vorkam und wie Eis für mich klang. Das hatte dann wiederum Einfluss auf den Text, bei dem ich einfach Riesenspaß hatte. Ich liebe diesen Song, weil ich so was Leichtes noch nie auf einem Album hatte.“

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    Für mich ist Hinüber, wenn ich jetzt ein Zwischenfazit ziehen sollte, wirklich das stärkste Mine Album bisher. Ich bin, wie gesagt, auch bei Klebstoff 100% dabei und liebe das Album sehr, aber Hinüber hebt das nochmal alles eine Stufe höher. Es ist ein Mix aus allen möglichen Genres und nichts klingt gleich. Und das ist etwas, was wirklich ziemlich selten geworden ist.

    Die zweite Hälfte des Albums leitet Lambadaimlimbo ein. Lambadaimlimbo könnte so ein Song sein, der ein bisschen in den Weiten des Albums verschwindet, aber es lohnt sich wirklich, ihn festzuhalten. Es klingt wie ein Urlaubsausflug an warme Strände mit Sonnenuntergängen und spanische Gitarren. Ich weiß nicht, wie’s euch geht, aber ich will da hin. Elefant wiederum lebt von funkigen Gitarren, Synths, Trompeten und ganz viele andere übereinandergelegten Sounds. Es ist die besungene Metapher des Elefanten im Raum und reiht sich in die poppigen Songs des Albums ein.

     
    „Die Welt brennt“

    Das Album springt von Genre zu Genre und scheint nicht aufzuhören, zu überraschen. Tier ist das komplette Gegenteil vom Pop-Hit Elefant, aber dadurch textlich einer der meiner Meinung nach stärksten Songs auf dem ganzen Album. Gebt euch doch einfach nur mal den Refrain:

    „Und ich sehe, was mir durch die Hände fällt

    Und ich frag mich, was mich noch am Leben hält?

    Ist es nur die Sucht am Leben selbst?

    Mama hat gesagt, alle seh’n nur sich selbst

    Pass dich daran an oder zu zerfällst

    Fällst aus dieser Welt“

    Über einen tiefen Bass und orgelhaften Synths singt sich Mine wieder direkt in mein Herz. Diese ganz weit entfernte Trompete? It’s working. Mein vorhin erwähnter Crush auf ihre Stimme kommt hier nochmal völlig anders zu tragen. Das kann aber auch daran liegen, dass diese Thematik einfach alle meine Schwachpunkte trifft – this girl be overthinking things lot. Tier ist der perfekte Soundtrack dazu. Es ist die große Existenzkrise in dieser kaputten Welt. Es ist ein Ausdruck der verzweifelten Fragen, die man sich immer und immer wieder stellt und die irgendwie keine Antwort zu haben scheinen. „Wo soll ich mit den Fragen hin, wie machen diese Fragen Sinn, wenn eigentlich nur zählt ,auf dieser Welt, worein ich geboren bin“.

    Eigentlich kann man mit diesem Satz auch das ganze Album beenden, ich wäre fein damit. Aber der wichtigste Song fehlt noch: Unfall. Ich hab jetzt schon so viel zu diesem Album geschrieben, dass ich euch zum Schluss, und in dem Kontext zu Unfall, einfach mal ein bisschen „Fremd-Content“ ans Herz legen will. Rosalie Ernst hat im Kaput-Interview mit Mine über all das gesprochen, um das es in Unfall geht: Europäische Werte, Gleichheit, Umweltschutz und Aktivismus. Und das könnt ihr euch hier durchlesen, weil es ist wirklich nicht nur gut, sondern auch im gesellschaftlichen Diskurs sehr wichtig.

     
    Fazit

    Ich hätte wirklich noch viel mehr über dieses Album schreiben können. Man kann es von vorne bis hinten durchhören und wird nicht enttäuscht. Hinüber ist weit weg von einem durchschnittlichen, leicht langweiligen full-length Album. Hinüber ist eigentlich all das, was die deutsche Musikszene gerade braucht. Mehr Diskurs, mehr politische Stellung, mehr gut geschriebene Pop-Songs. Hört es euch an und packt es am besten auf Repeat, weil kann man durchaus öfter als ein Mal hören:

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    Fotocredit und Artwork: Simon Hegenberg, Jonas Gödde

  • Raus aus dem Lockdown und rein ins Abenteuer: Mar Malade und ihre „Postcards“-EP

    Raus aus dem Lockdown und rein ins Abenteuer: Mar Malade und ihre „Postcards“-EP

    Selten treffe ich auf eine Band, die mich vom ersten Lied an so verzaubert wie Mar Malade. Nach ihrer allerersten Veröffentlichung Cabriolet im letzten Oktober ist nun seit einer Woche ihre Debüt-EP Postcards draußen und jetzt schon einer der besten Sachen, die ich dieses Jahr gehört hab. Warum, wer hinter Mar Malade steckt und was eigentlich das ganze Konzept hinter diesem leicht mystischen Newcomer-Projekt ist, lest ihr jetzt.

     
    Mysteriöse Postkarten in Form von Musik

    „Willkommen in der Welt von Mar Malade! Wo jedes Lied wie eine Postkarte von einem Ort ist, an dem DU noch nie warst!“

    Wenn ihr euch genau so intensiv wie ich in der deutschen Indie-Bubble bewegt, werdet ihr die von zwei Jungs und ihren Postkarten in Form von Musik vielleicht auch schon gehört haben. Sehr wahrscheinlich wart ihr genauso begeistert wie ich und habt euch gefragt: Wer zur Hölle sind Mar Malade und wieso klingen sie so gut? Die erste Frage ist – noch – sehr schwer zu beantworten. Wer hinter Mar Malade steckt, weiß eigentlich niemand. Ihre Gesichter haben sie bisher immer hinter Artworks und animierten Avataren versteckt und sonderlich viele Informationen zu ihrer Person gibt es auch nicht. Außer man bewegt sich in der Bubble hinter den Kulissen oder stalkt ein bisschen rum (ein liebes @ an Jule hier), dann könnte man vielleicht schon mal Namen aufgeschnappt haben. Aber nach außen hin – ein komplettes Mysterium. Und gerade das macht es so spannend.

    Klar ist, Mar Malade sind zwar ein neues musikalisches Projekt, aber die beiden an den Instrumenten sind ganz und gar nicht neu in der Musikszene. So eine EP stemmt man nicht so schnell aus dem Boden, wenn man das noch nie vorher gemacht hat. Alle Songs sind für sich so unglaublich gut und auch zusammen ergänzen sie sich zu so einer schönen Konzept-EP. Jeder Song klingt wie eine andere Destination, eine andere Reise. Sie entführen aus diesem Lockdown-Wahnsinn, und steigen deep dive in jede Fernweh-Sehnsucht ein, die wir alle seit Monaten vor uns herschieben. Mar Malade ermöglichen es, den eigenen vier Wänden entkommen, indem man einfach nur auf Play drückt.

     
    Raus aus der seichten Lockdown-Depression, hinein in ferne Abenteuerreisen

    Dann lasst uns genau das tun. Mit No Bird (Mr. Hardy) ertönt der erste Song von Postcards. Es ist die einzige Single, die erst mit der EP veröffentlicht wurde. Auf der einen Seite super schade, denn es ist eindeutig mein Lieblingslied, aber andererseits auch wieder einfach nur genial, so was als Opener überraschen zu lassen. Man kann sich das nicht anhören, ohne absolut begeistert zu sein. No Bird (Mr. Hardy) setzt die Latte extrem hoch für alles, was folgt und gibt den Start der Postcards-Reise:


    „I got the engines running
    and the systems are checked
    this will be the day, will be the day,
    will be the day that I’ll never forget


    Mar Malade, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, Postcards EP, Cabriolet, Mexico, Fil Bo Riva, MarmaladeEngines running, system checked und die Reise beginnt. No Bird (Mr. Hardy) hat mich wirklich von Sekunde eins an so begeistert, dass ich es seitdem täglich mindestens ein Mal höre. Vor allem wenn dann die Frühlingssonne durchs Fenster scheint und man sich trotz des ganzen Wahnsinns da draußen ganz kurz, wenn nur gedanklich, an einen anderen Ort versetzen kann. Und das ist ja das ganze Konzept der beiden. Sie erzählen Geschichten von anderen Orten, malen Szenerien mit nur ihrer Musik. Ihre Songs sind wie Filme auf Musiktape, du legst sie ein und es erklingt eine alternative Welt, eine Reise, auf der du jetzt sein könntest. No Bird (Mr. Hardy) ist der beste Song, mit dem ihr jeden Roadtrip beginnen solltet. Stellt euch doch mal vor mit diesem Song laut im Autoradio an Küsten langzufahren, das Meer zu sehen, …

    Mar Malade schaffen es mit ihrem Sound aber nicht nur die perfekten Roadtrips-Vibes, sondern klingen dazu noch wie ein ganzes Band-Orchester. Gebt euch einfach mal diese Posaunen! Mar Malade bringen einfach Bläser mit an Start und sie fetzten, wirklich. Alles lebt, es ist wie ein grooviger Wanderschritt aus der Hüfte: raus aus der seichten Lockdown-Depression, hinein in ferne Abenteuerreisen.

     
    „You bring me that love, that marmalade“

    Mexico knüpft genau an der Roadtrip-Energie an, mit der No Bird (Mr. Hardy) die EP gestartet hat. Ich weiß, es ist komisch, wenn ich hypothetische Menschen anspreche. Aber Leute. Was ist das eigentlich für eine geniale Band. Mexico haut einfach alles weg. Ich hab‘s das erste Mal gehört und wusste nach ein paar Sekunden – das ist es. Das ist der Beweis, dass Mar Malade Welten weit weg sind, als „Newcomer“ zu gelten. Das sind atemberaubende Musiker, die sich im Lockdown einen Haufen Instrumente geschnappt und einfach diese fünf Songs aufgenommen haben. Als wäre es Nichts! Man merkt es vielleicht nicht, aber ich bin begeistert.

    Auch hier gibt es wieder Bläser und verschiedenen Trommeln, alles ist so vielschichtig, dass ich gar nicht weiß, wohin ich zuerst hören soll. Die beiden machen mit allem Musik, was so rumliegt und kreieren dadurch einen Sound, der jedenfalls für mich komplett unvergleichbar ist. Der Song ist ständig in Bewegung, hier ist alles vorprogrammiert, mich tanzen zu lassen. Das mal auf ‘nem Festival?? Was ist das für eine Traumvorstellung. Mar Malade, wo immer ihr auch das erste Festival haben werden, 2023 dann, ich werd hinreisen. Nur um Mexico zu hören und zu sehen, wie ihr immer mehr Menschen verzaubert.

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    Auch Marmalade, der namensgebende Song des Projekts, fängt an mit einer Kulisse, von der ich dachte, sie nie wieder zu hören. Die Soundkulisse einer Kneipe: das Gemurmel, das Geklimpere, das Schieben alter Stühle, die live eingespielten Akkorde einer Gitarre. Ich seh sogar die Kerzen. Die Welt vor 2020, was ein Konzept. Ich geb mit meinen Negativ-Saldo jeder Person einen aus, die mit mir trinken geht, sobald das wieder möglich ist.

    Davon ab ist Marmalade, rein musikalisch, eine der schönsten Indie-Pop-Balladen, die ich dieses Jahr gehört hab. Es ist ein Liebeslied, die rosa Brille, die man in den ersten Wochen trägt und alles einen super glücklich macht. Wer hier in love ist, das ist natürlich offen, aber wenn es nach Mar Malade geht, dann ist das beste Match du und ihre Postcards.

    „Heat up your speakers and open that can of marmalade. It’s been waiting for you too long – hidden in that dark corner of your pantry. Today that’s just you and it. Chocolate spreads can wait. Mhmmm, yesss… this is what love takes like!”

     
    “Grab me like your car keys, I’ll be your cabriolet”

    Wir gehen jetzt hier Track für Track durch die Postcards-EP, weil auch einfach jeder einzelne Song alleinstehend für sich überzeugt. Quickborn ist der langsamste Track von allen. Er ist wie eine trockene (aber schöne!) Wüste, in der man Wasser sucht. Und ja, ich bin mir ziemlich sicher, das ist eine Harfe oder irgendwas anderes vergleichbares schönes, das gezupft wird. Doch es wären nicht Mar Malade, gäbe es nicht auch in diesem Song einen angebenden Rhythmus, der einen groovig aus der Küche ins Wohnzimmer wandern lässt. Quickborn ist wie ein Track im Track und die Entfaltung der Stimmen einfach nur ein bisschen Magie. Komplett verschiedene Energien treffen aufeinander und vervollständigen sich. Einfach nur wahnsinnig schön.

    Als letztes Lied der EP ist Cabriolet die Single, die das Duo als erste veröffentlicht hat. Sie hat jetzt schon über eine halbe Millionen Streams gesammelt und das ist für die allererste Single einer Band ein ganzes Statement. Cabriolet fühlt sich an wie ein idyllischer Ausflug in malerische Landschaften oder ein absolut entspannter Mittagschlaf auf einer Hängematte und Destination der Wahl. Funktioniert beides sehr gut, auch wenn die Auto-Metapher natürlich für erstere Beschreibung besser passt. Aber ich will vielleicht auch einfach sehr gerne auf einer Hängematte liegen, also geh ich damit.

    Was mir noch so auffällt, als ich Cabriolet höre, ist nicht nur die wunderschöne Stimme des Leadsängers (denn das spricht für alle Lieder zu), sondern die sprachlichen Bilder, die den Song noch zusätzlich versüßen:


    „I can be your flour, bake me like an apple pie
    taste me sweet and sour, there’s no time for a salty life
    I can be your mushroom, activate your appetite
    oh yeah, meet me in the washroom, I will clean your laundry right„


    Man kriegt mich wirklich immer mit Wortspielen, aber wenn dann dahinter noch so ein kleines verschmitztes Lächeln hervorblinkt, kann man mir alles verkaufen. Und das ist auch so ein bisschen das, was Cabriolet macht. Es ist eine zuckersüße Versuchung, sich auf etwas einzulassen, von dem man vielleicht gar nicht so genau weiß, was es ist. Die Metaphern fliegen nur so durch den Raum und wenn man nicht aufpasst, wird man von einer verzaubert. Wer coole Pick Up Lines sucht, darf sich hier gern bedienen, bei mir würden sie reihum alle funktionieren.

     
    Fazit

    Was soll ich hier groß zusammenfassen? Mar Malades Debüt-EP hat mich wirklich völlig aus dem Nichts erwischt und vollends begeistert. Wenn die beiden bei euren Lieblings-Indie-Artists auf der nächsten Tour Support spielen, dann wisst ihr jetzt schon, auf was ihr euch freuen könnt. Und wann immer euch bis dahin zuhause die Decke auf den Kopf fällt – macht das hier an und reist ein bisschen in eurer eigenen Wohnung und Gedanken umher. Es hilft.

    (Und wer sich zusätzlich noch ihre Version von und mit Fil Bo Riva zu Franzis angucken will, kann das hier tun.)

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  • Kaltenkirchen und die „PHASE 2: EISZEIT“-EP: Das Auseinandersetzen mit sich selbst

    Und weiter geht’s: Kaltenkirchen aus Wien haben letzten Freitag die „PHASE 2: EISZEIT“-EP veröffentlicht. Sie ist die zweite von vier EPs, die in einem 7-wöchigen Rhythmus erscheinen und jeweils 3 bis 4 Songs beinhalten werden. Thematisch werden die Phasen, die Sänger Philip Maria Stoeckenius mit seiner Panik verbindet, und der Umgang damit behandelt. Die Review zum ersten Teil, der „PHASE 1: PANIK“-EP, könnt ihr hier nachlesen. Und wie es sich für einen guten Mehrteiler gehört, hat sich Jule natürlich auch den zweiten Streich ganz genau angehört. Um welche Phase es sich hier handelt und wie die EP klingt, lest ihr jetzt.


    Erstmal wieder ein kurzer Situationscheck. Ich bin ja nicht nur Redakteurin, ich bin an erster Stelle auch einfach Fan (bekanntlich auch besonders von Kaltenkirchen). Nur, dass ich den absolut geilen Vorteil habe, schon vor allen anderen die neuesten Songs hören zu dürfen. Das erlaubt es mir, die Mittagspause meines ungefähr 673. Tages im Homeoffice mit neues Musik von Kaltenkirchen zu verbringen. Also let’s go, ich habe Bock!


    Von 0 auf Dramatik in gerade einmal 1:29 min.

    Der erste Song der EP heißt „EISZEIT (INTRO)“ und ist genau das, was er verspricht: ein Intro. Allerdings ist es wohl das gehaltvollste Intro, das textlich nur aus einem Satz besteht, das ihr je gehört habt. Beginnen tut das Intro mit einem sanften Klavier, zu dem sich dann ein ebenfalls sanfter und fast schon flüsternder Gesang gesellt. „Und wir fahren auf der Autobahn direkt in die Eiszeit hinein“. Das Intro baut sich immer weiter auf, das Klavier erhält Unterstützung von Synthies und Drums und der Gesang wird energischer. Zum Ende taucht dann noch eine derbe E-Gitarre auf, die den Aufbau des Songs vollendet. Kaltenkirchen schaffen hier mit gut gesetzten Sounds genau die Dramatik, der sich wohl auch Sänger Philip beim Tauziehen mit seinen Panikattacken ausgesetzt gefühlt haben muss.

    Der oben zitierte, mit den verschiedensten Emotionen gesungene Satz lässt dabei so viel Platz zur Interpretation, dass mir fast schwindlig wird. Einige werden es vielleicht schon mal erlebt haben: Das metaphorische Wegrennen, ob aus Verzweiflung, Angst oder Überforderung. Man rennt immer weiter, ohne zu wissen, wo man am Ende ankommt. Oder ob man überhaupt irgendwo ankommt. Und ob dieser Ort dann nicht eine dunkle und kühle Eiszeit ist, auch das weiß man nicht. Sinnbildlich könnte das für die erste Auseinandersetzung mit der Panik und sich selbst stehen.


    Mut steht am Anfang des Handelns
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    Weiter geht’s mit „NEUE WEGE“ – und damit in genau die Richtung, die wir gerade eingeschlagen haben. Der Song beginnt mit Kaltenkirchen-typischen Synthies, die ziemlich fix erneut von einem Klavier verdrängt werden. Das Klavier scheint auf dieser EP eine größere Rolle zu spielen, was ich akustisch in Kombination mit Synthies, starken Drums und E-Gitarren sehr ansprechend finde. Als ich die Strophe des Songs das erste Mal höre, bin ich begeistert von der Art, wie Philip diese singt. Das habe ich so von ihm bisher noch nicht gehört. Er singt sehr weich und lieblich, die Töne faden sanft aus. Das finde ich wirklich schön. Der Song hat einen aber einen hörbar positiven Vibe. Philip scheint zu sich selbst zu sprechen und sich ermutigen zu wollen, aus seinem persönlichen Teufelskreis auszubrechen. Oder wenigstens den ersten Schritt in Richtung Ausbruch zu machen. Dass auch hier unsicher ist, wo er landen wird, ist nochmal ein schöner Aufgriff des Intros.


    „Komm wir gehen neue Wege
    Dreh dich mit mir um und lauf
    Wir wissen beide nicht, wo’s hingeht
    Hauptsache irgendwo raus“


    Ich bin noch am überlegen, ob „NEUE WEGE“ neben „PANIK“ vielleicht einer der allerbesten Kaltenkirchen-Songs ist. Die Melodie hat einen schlimmen (also gut-schlimmen, ihr wisst schon) Ohrwurm-Charakter, dazu gefühlvoller Gesang und kräftige Instrumente, die mich durchfahren. Das‘ schon ziemlich geil einfach. Während ich versuche, mir darüber klar zu werden, gibts hier erstmal das Musikvideo zu „NEUE WEGE“, das ihr euch auf jeden Fall mal anschauen solltet!

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    Kaum etwas ist realistischer als eine Utopie

    Der letzte Hit der EP heißt „ATARI“ – genau, wie die Unterhaltungselektronik. Und dieser Song wirft er uns direkt in eine sehr bildliche Situation: Philip sitzt auf dem Beifahrersitz. Bereit, um sich mit Hilfe von jemandem auf den Weg zu machen. Auf den Weg an einen Ort, wo hoffentlich alles wieder gut werden kann. Atari. Kaltenkirchen geben zu verstehen, wie wichtig der Halt und die Hilfe von Menschen ist. Die den Weg, den man vielleicht selbst noch gar nicht sieht und alleine vielleicht auch nicht schaffen würde, mit einem gehen. Die währenddessen unterstützen, zuhören, auffangen. Das lässt sich auch im Sound raushören, der geht nämlich sehr nach vorne und hat so eine richtige „Trau dich, tu es!“-Attitüde. Gewidmet ist der Song all denjenigen, die während seiner Panikattacken und Depression für Philip da waren und bei denen er sich zurücklehnen konnte. Das lässt „ATARI“ für mich noch einmal in einem anderen Licht leuchten, weil mich das schon sehr berührt.

    Ob er sein Atari erreichen wird und wie der Prozess seiner Panik weitergeht, werden wir in ein paar Wochen erfahren, wenn die dritte PHASE-EP erscheint. Kaltenkirchen schaffen es auf jeden Fall auch mit der „PHASE 2: EISZEIT“, mir das Thema Panikattacken und vor allen Dingen ihre persönlichen Erfahrungen damit näher zu bringen. Das Thema der EP, nämlich die Auseinandersetzung mit vor allen Dingen sich selbst, ist wunderbar in Musik umgewandelt worden. Selbst die, die nur so mittelgut interpretieren können, dürften klar verstehen, worum es geht. Und das alles ist mal wieder verbunden mit einem einzigartigen Sound von Kaltenkirchen, der sich zwar weiterentwickelt, aber trotzdem ein einziges Alleinstellungsmerkmal ist. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie die Geschichte weitergeht.


    Hier könnt ihr euch die „PHASE 2: EISZEIT“-EP von Kaltenkirchen anhören:

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    Fotocredits: Kim Hoss / Steffen Geldner

  • Unbeschwerte Leichtigkeit mit Tilman und der „Blume im Grau“

    Unbeschwerte Leichtigkeit mit Tilman und der „Blume im Grau“

    Der neueste Stern am deutschen Musikhimmel: Tilman

    Die, die Ahnung haben, haben die junge Band aus Bad Neustadt an der Saale schon eine Weile auf dem Schirm. Aber jetzt gibt es endlich frische Ware. Ihre Debüt EP „Blume im Grau“, produziert von Christian Stapff, ist kürzlich erschienen und ist alles andere als farblos.

    Anfang 2020 starten Sänger Tilman Kerber und Gitarrist Fabio Schmitt das Projekt. Im Oktober letzten Jahres stößt dann Peter Diestel als Schlagzeuger dazu und gibt der Truppe eine ganz neue Dimension. Und schon jetzt merkt man: Das hier wird gut. Das hier wird groß.

    Was die Musik für mich so besonders macht, ist die Tiefe, die sie erzeugt. Vor allem der charismatischen Stimme von Tilman geschuldet. Mit der könnte er mir meine Steuererklärung vorlesen und ich würde wahrscheinlich dahinschwinden. Von Indie-, Pop- und Jazzmusik beeinflusst, erzeugt die Band mit einfachen Instrumenten atmosphärische Klänge, die emotional und gleichzeitig ernst wirken. Erinnert mich ein klein wenig an Sizarr (*eine Träne fließt*).

    Tilman in einem abgeblühten Blumenfeld bei ihrer Live Session zu „Blume im Grau“

    Nachdem Tilman den Support für Jeremias im September 2020 in Würzburg gespielt haben, wurde auch hier – im Jugendkulturhaus Cairo – die neue EP aufgenommen. Hach, auch ich habe hier schon so viele Nächte und Künstler gefeiert. Mein unterfränkisches Herz schmilzt dahin (*die nächste Träne fließt*).


    Die Stimme, die mich lieben lässt, redet mich so heimlich klein

    Bei der energiereicheren Single der EP ist sogar der kleinste Tanzschwung mit drin. Obwohl das Thema ein ganz schweres ist. Tilman singt in „Zeit verrannt“ über seinen Selbstzerstörungsdrang und die Ambivalenz in seiner Seele. Einerseits predigt man, dass man sich selbst liebt und möchte sich feiern, aber kann sich in der nächsten Sekunde selbst zu Nichte machen.

    Ich glaube, die meisten von uns kennen es: Man vergleicht sich mit anderen, möchte ihnen gefallen und statt Stärken und Gemeinsamkeiten zu sehen, fallen einem nur die Schwächen und Unterschiede auf. Man verliert sich völlig und trägt seine Unsicherheiten in jede Situation mit rein. Das Ende des Songs geht nahtlos in den Nächsten um. Tilman hat Land gefunden, auf dem er stranden kann und widmet den nächsten Song seiner Blüte.


    „Dein Blumenduft bringt mich zum Blühen, ich mich leise fallen lass.“


    Unbeschwerte Leichtigkeit

    Und damit setzt „Zuckersüß“ ein. Auch was ganz Besonderes. Die erste veröffentlichte Single und gleich absolutes Gold. Eine hingebungsvolle, aber doch irgendwie schwermütige Liebeserklärung. Das macht es so wunderschön.

    Malte Huck, ehemaliges Annenmaykantereit Mitglied, hat die Jungs als Bassist auf der ganzen EP unterstützt. Der Bass kreiert diese sphärischen Klänge, die sicher das Kennzeichen von Tilman werden.


    Und die Blicke trafen sich

    Mein Standout Song ist „Blume im Grau“, pure Gänsehaut. Der Song beschreibt den Moment, wenn sich der Blick zweier Geliebten trifft und die leise Ahnung einsetzt, dass sie wohl beide mit der ganzen Sache noch nicht abgeschlossen haben. Das ist jedenfalls meine Interpretation dazu. Mit den sanften Drums und fernen Gitarrenklängen fühl ich mich in eine Art Traumwelt katapultiert.


    „Und bei jedem Blick geht das nicht lieben nicht.“


    Zwischen vorsichtig sein, nicht zu viel zulassen wollen und sich sofort wieder hingeben wollen. Ein mehr als gelungenes Zusammenspiel zwischen den ruhigen Strophen und dem dynamischeren Refrain, in dem man sich dann doch hilflos den Gefühlen überlassen fühlt.


    In Sicherheit wiegen

    In „Kurz vor der Frage“ wird der Zwiespalt noch größer und realer. Das ständige Hin und Her zwischen: ‚Wage ich den Schritt jetzt oder wage ich ihn nicht‘. So erwachsen manche von uns auch sein mögen, Gefühle wirbeln uns immer wieder auf. Tage und Nächte voller zerstreuter Gedanken.

    Und dann fasst man sich ein Herz, gibt der Verletzlichkeit Raum und denkt, man wäre bereit, dem Gegenüber seine Gefühle zu gestehen. Und zieht dann doch zurück, weil man die Reaktion des anderen abwartet. Sicherheit siegt über Risiko.


    Plot Twist

    Der letzte Song „Trau dich“ bildet den optimalen Abschluss für diese Liebeszwickmühle. Man hört nur Tilmans tiefe Stimme und ein Klavier in dumpfen Tönen. Ich finde, den Song kann man unterschiedlich deuten, aber für mich ist es quasi ein musikalischer Plot-Twist. Der Protagonist entscheidet sich seinen Gefühlen nachzugehen, was aber kein gutes Ende nehmen soll. Anders als man sich vielleicht erwartet oder erhofft hat. Ich wage den Gedanken, dass die ‚Blumenwiese‘ vom Anfang schon von Anfang an der eigentliche Grund für die Selbststörung war.


    „Trau dich oder trau dich nicht
    Ist ein Kuss schon zu viel
    Gibst du dich jetzt schon auf
    Siehst du wie ich ins lodernd Feuer lauf
    „


    Für mich ist das Debüt rundum gelungen. Man will einfach bloß die Augen schließen und sich verlieren. Die Platte lässt mich mehr als zufrieden zurück und macht unglaublich Lust auf alles, was da noch so kommt. Und da wird viel kommen, da bin ich mir sicher. Ich nehme dann auch gern eure Wetteinsätze entgegen, danke.

    In naher Zukunft könnt ihr euch jedenfalls auf das Release Konzert aus dem Cairo am 01.05.2021 freuen, das gibts dann als Stream. Und am 02.07.2021 dann hoffentlich auch live in Person im wunderschönen Würzburg (ja, als gebürtige Würzburgerin bin ich biased, sorry).

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    Fotocredits: Christian Stapff

  • Der „Ententraum“ von International Music

    International Music veröffentlicht endlich ihr neues Album „Ententraum“.
    Die dreiköpfige Band aus dem Ruhrgebiet dürfte dem eingefleischten Indie-Fan inzwischen natürlich ein Begriff sein. Ihr erstes Album „Die Besten Jahre“ bekam seiner Zeit große Aufmerksamkeit von Musikredaktionen und Feuilletons – und nicht nur das, unter anderem der Musikexpress krönte das Debüt zum besten Album des Jahres 2018. Auch ich war damals (bis heute) einfach nur fasziniert von dieser ganz eigenwilligen Klangwelt, die das Trio mit ihrem Debüt geschaffen hat.

    Ihr könnt euch also vielleicht vorstellen, wie extrem aufgeregt ich war, als sich langsam und allmählich das neue Album „Ententraum“ ankündigte. Den ersten hörbaren Vorboten entsandte International Music im Januar auf dem ESNS-Festival in einem exklusiven Livestream (untoldency berichtete). Dort spielten sie den Song „Museum“ als Weltpremiere. Ich: komplett begeistert. Die Spannung stieg ins Unermessliche, die Monate vergingen langsam und tja, was soll ich sagen? Das Warten hat sich verdammt noch mal gelohnt.

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    Der „Ententraum“ ist wieder ein Doppelalbum geworden. 17 (!) Songs auf einem Tonträger. Das ist heutzutage echt höchst ungewöhnlich, oder? Aber wer sonst außer International Music könnte sich das erlauben. Ein ungewöhnliches Format für eine ungewöhnliche Band eben. Wer sich darauf einlässt und einmal den Playbutton hittet, bekommt eine gute Stunde lang „traumhafte“ Gedankengänge und surreale Unterhaltung pur. Und am Ende müssen wir uns alle zum Glück nicht mehr länger fragen, wie wohl die Band von Helge Schneider, Lennon & McCartney und Ian Curtis von Joy Division klingen würde, die sie nach einer durchzechten Nacht in irgendeiner Eckkneipe in Mülheim an der Ruhr aufgemacht hätten.

    Sektempfang

    Begrüßt werden wir diesmal nicht vom „Metallmädchen“, sondern vom „Fürst von Metternich“, dem ersten Song des Albums. Ich bin mir auch nach mehrmaligem Hören immer noch nicht ganz sicher, ob es sich hier um eine Art Liebeserklärung an den Sektkonsum handelt oder tatsächlich die historische Figur im Mittelpunkt steht, die mir ganz vernebelt noch aus einer fast verdrängten Geschi-LK-Klausur zuwinkt. Ersteres könnte ich auf jeden Fall sehr gut nachvollziehen und möchte am liebsten mit Daumen hoch „Zielgruppe erreicht!“ aus dem Fenster Richtung Ruhrpott kreischen.

    Und im Grunde kommen wir ganz am Anfang damit schon zu einem interessanten Fakt: die Lyrics von International Music sind schwer zu dekodieren und bedeuten höchstwahrscheinlich nie 1:1 das, was wir da tatsächlich hören. Ich denke, das kann man dann insgesamt getrost als Konzept bezeichnen, denn genau wie in einem Traum macht während des Träumens immer alles mächtig Sinn. Erst nach dem Aufwachen oder wenn die Platte auf der Endlosrille ihren Feierabend genießt, steht bei mir ein dickes „WTF?“ im Gesicht. Der Ententraum, so so.

    Es erfordert sicherlich etwas Willen und Geduld, sich auf die Texte dieser Band einzulassen.
    Wir können uns bei IM niemals ganz sicher sein, ob sie sich inhaltlich wirklich auf einer anderen Metaebene far beyond befinden, oder ob sie sich über eben diese nur auf ironische Weise lustig machen. Das Schöne daran: wir können als Hörer beides. Den Nonsens als Nonsens betrachten und darüber schmunzeln, oder den Sinn hinter den Versen erforschen und uns extrem in diesen philosophischen schwarzen Löchern verlieren, die International Music hier für uns aufreißen.

    Vom Stadion ins Museum

    Ziemlich neu auf diesem Album ist Text als gesprochenes Wort in Form eines Erzählers, der von Bassist Pedro verkörpert wird und immer mal wieder kryptisch philosophierend in Erscheinung tritt. So auch bei den ersten beiden Stücken. Auch neu ist der Sound der Band. Obwohl, nein, das stimmt nicht so ganz. Denn schon der „Fürst von Metternich“ ist glasklar ein International Music Song, ab den ersten Takten unverkennbar. Dennoch kommt es mir so vor, als sei ihr Sound etwas extrovertierter im Vergleich zum Vorgänger geworden. Besonders merkt man das bei den rockigen Stücken wie dem zweiten Song „Die Höhle der Vernunft“, bei dem vor allem die Drums, für die ganz großen Rockmomente, einen leichten Stadion-Touch verpasst bekommen haben.

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    Ein weiterer Wandel in der Produktion fällt mir bei „Wassermann“ auf, den die Gruppe vorab schon als Single auskoppelte. Hier ist ein deutlich größerer Einfluss von New Wave aus den 80er Jahren zu spüren, der auch später auf „Ententraum“ immer mal wieder auftaucht. Der vermehrte Einsatz von Synthesizern, Vocodern und anderen Tasteninstrumenten gibt Songs wie diesem eine spannende Tiefe, auch wenn der Genremix dadurch noch wilder wird.

    Apropos wild – „Spiel Bass“ ist ein super Beispiel für die bunte Punksträhne im wehenden Haar des Trios. Hier wird dann auch gerne mal gebrüllt und den Emotionen freien Lauf gelassen. Wie damals nach der Achten auf’m Schulhof mit meinen Zeckenfreunden aus der 10b. Dazu ein treibender Groove auf verzerrten Toms und ein Gemisch aus krachenden Gitarren und – natürlich – Bässen. Beim Hören muss ich leider echt ein Tränchen verdrücken, wenn ich an das eine tolle IM-Konzert zurückdenke, das ich vor Corona live miterleben durfte. „Spiel Bass“ wäre beim nächsten Mal definitiv ein Banger im Moshpit.

    Es folgt „Museum“, der schon wie erwähnt vorab im Livestream Premiere feiern durfte. Der schleppende Charakter der Instrumentierung fängt hier eine ganz spezielle Stimmung ein. Im Text des Songs geht es womögllich um einen ganz intimen und besonderen Moment: vielleicht ein vorsichtiges Annähern, vielleicht das erste Date? Dann ein Kniff! Wie könnte man einen romantischen Moment wohl herrlicher zerstören, als mit den Worten „Fass bitte nichts an, das ist mein Museum“? Dieser plötzliche Bruch in der Erzählung ist ganz typisch für IM und zeigt ihren sehr witzigen, selbstironischen Humor.

    „Das Fell auf meiner Haut macht sich groß und das ist mir vertraut
    Die Haare stellen sich langsam auf und ab
    In Tüchern und Kuverts finde ich den letzten Vers
    Überheblich verwerf’ ich ihn mitsamt den Querverweisen

    Fass bitte nichts an, das ist mein Museum
    Hab ich dir gesagt, hab ich dir gesagt
    Hab ich dir schon mal gesagt“

    Ein bisschen Zucker

    Die Zeit, in der Rocksongs mehr oder weniger offensichtliche Liebesbotschaften an LSD oder Heroin enthielten, scheint auch endlich vorbei zu sein. Stattdessen widmet International Music den Song „Zucker“ der größten Droge des 21. Jahrhunderts: der köstlich-süßen Versuchung. Hier ist auch weiteres Markenzeichen von IM absolut hervorzuheben: der großartige Chorgesang der beiden Frontpersonen Pedro und Peter. Nichts prägt sich so sehr ein, wie diese wunderschönen harmonischen Arrangements der Zweit- und Drittstimmen. Manchmal irgendwie monoton und spirituell angehaucht, manchmal wie ein gruseliger gregorianischer Choral und an anderer Stelle wie ein feinsäuberlich aufgestellter Barock-Knabenchor. Das ist auf dem neuen Album einfach noch mal besser gelungen, als auf dem Debüt.

    „Misery“, ein Song, den ich mal vorsichtig als politisch bezeichnen würde, kommt im Refrain im musikalischen Kleid eines optimistischen Friedensliedchens daher, obwohl wir beim Text eher eine bittere Pille zu schlucken haben. Hier lässt sich eventuell eine Reaktion auf Fake News und Querdenken ablesen, die dem Stück eine dystopische Note verleiht:

    „Die Sprache ist eklektisch
    As you and me
    Truth is not objective
    Wie er und sie“

    Der „eklektische“ Wechsel zwischen Deutsch und Englisch wirkt hier ganz logisch und ungezwungen und ist ein Stilmittel, das die Band inzwischen wirklich gut beherrscht.

    Ein neues Glas Pop

    Jetzt immer wieder zu schreiben „ein weiteres Highlight ist der Song XY“ gähnt mich selbst schon an. Aber was soll ich machen? Alles ist irgendwie ein Highlight. Wirklich herausstreichen möchte ich noch den Song „Raus ausm Zoo“, der einfach mal wieder Lust auf Reisen macht und richtig Fernweh verbreitet. Aber nicht so „perfekte-Reise-nach-Thailand-im-warmen-Regen-duschen“-mäßig. Sondern eher so richtig mies, „Mundgeruch-nach-22-Stunden-Autofahrt-nach-Moldavien“-mäßig. Der Bass spielt hier ein paar ziemlich funkige Lines, die mit einem sogenannten Chorus-Effekt versehen sind. Dadurch bekommt der Song so einen geilen, dreidimensionalen 80er Pop-Flair, der mich gerade total abholt. Und dabei genau wie die Kassette klingt, die wir auf dieser Reise unter dem Sitz unseres Opel Kadetts fänden.

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    Es gibt drei Sachen, die International Music wirklich gut kann: Hooklines, Hooklines, Hooklines. Wie aus dem Nichts hauen sie in jedem Song einprägsame Verse raus, die sich sowohl lyrisch als auch musikalisch wie ein Branding ins Gehirn einbrennen. Bereits nach dem ersten Album haben sich mehrere Zeilen schon regelrecht in mein Vokabular etabliert. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich mich ohne IM-Zitate überhaupt noch verständigen soll. Und wenn ich mir so das neue Album anhöre, stelle ich mir schon vor wie ich am Kaffeetisch sitze und „ich will wie immer ein bisschen Zucker“ zu singen beginne. Oder wie „ich nehm’ die Achterbahn nach Düsseldorf“ durch meine Hirnschale schallt, wenn ich mal wieder auf dem Weg in die verbotene Stadt bin, wie man im Rheinland so schön zu sagen pflegt.

    Der Band gelingt es nämlich immer wieder, alltägliche Beobachtungen und scheinbar banale Handlungen und Dinge in ein interessantes, neues Licht zu rücken. Kontext Baby! Dadurch erhalten Zeilen wie „Heute kauf’ ich mir ein neues Glas Marmelade / Heute kauf‘ ich mir ein neues Glas Pop“ eine unerwartete Dimension, die reichlich Platz für Interpretationen lässt.

    Fazit

    Okay, ihr merkt, ich bin total hyped. Und nicht mehr objektiv. JA! Das stimmt! Aber Entschuldigung!? Für mich ist der „Ententraum“ definitiv ein Top-Anwärter für das Album des Jahres 2021. Warum? Weil es einfach so viele gute Dinge vereint. Es ist nämlich toll produziert und klingt hervorragend, dank Produzentenlegende Olaf O.P.A.L. Die Lyrics sind wunderbar einfach auf den ersten Blick, aber haben gleichzeitig so viel weiße Fläche, um die eigenen Gedanken kreativ darauf zu verewigen. Dann dieser Ausritt durch die Genrelandschaft von 60s Beat- und Surfmusik, über early 70s Punk bis zum New Wave und Gothic der 80er. Das Zusammenspiel der Band, die Basslines, die Gitarrenriffs und die minimalistischen Schlagzeuggrooves von Drummer Joel. Und nicht zuletzt die Konstruktion des Albums an sich. Surreal und psychedelisch, und immer schön nach dem Motto „I am cringe, but I am free“. Eine wahre Flucht aus meinem langweiligen Alltag.

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    Fotocredit: Harriet Mayer, Alfred Jansen