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Kaltenkirchen und die „PHASE 2: EISZEIT“-EP: Das Auseinandersetzen mit sich selbst

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Und weiter geht’s: Kaltenkirchen aus Wien haben letzten Freitag die „PHASE 2: EISZEIT“-EP veröffentlicht. Sie ist die zweite von vier EPs, die in einem 7-wöchigen Rhythmus erscheinen und jeweils 3 bis 4 Songs beinhalten werden. Thematisch werden die Phasen, die Sänger Philip Maria Stoeckenius mit seiner Panik verbindet, und der Umgang damit behandelt. Die Review zum ersten Teil, der „PHASE 1: PANIK“-EP, könnt ihr hier nachlesen. Und wie es sich für einen guten Mehrteiler gehört, hat sich Jule natürlich auch den zweiten Streich ganz genau angehört. Um welche Phase es sich hier handelt und wie die EP klingt, lest ihr jetzt.


Erstmal wieder ein kurzer Situationscheck. Ich bin ja nicht nur Redakteurin, ich bin an erster Stelle auch einfach Fan (bekanntlich auch besonders von Kaltenkirchen). Nur, dass ich den absolut geilen Vorteil habe, schon vor allen anderen die neuesten Songs hören zu dürfen. Das erlaubt es mir, die Mittagspause meines ungefähr 673. Tages im Homeoffice mit neues Musik von Kaltenkirchen zu verbringen. Also let’s go, ich habe Bock!


Von 0 auf Dramatik in gerade einmal 1:29 min.

Der erste Song der EP heißt „EISZEIT (INTRO)“ und ist genau das, was er verspricht: ein Intro. Allerdings ist es wohl das gehaltvollste Intro, das textlich nur aus einem Satz besteht, das ihr je gehört habt. Beginnen tut das Intro mit einem sanften Klavier, zu dem sich dann ein ebenfalls sanfter und fast schon flüsternder Gesang gesellt. „Und wir fahren auf der Autobahn direkt in die Eiszeit hinein“. Das Intro baut sich immer weiter auf, das Klavier erhält Unterstützung von Synthies und Drums und der Gesang wird energischer. Zum Ende taucht dann noch eine derbe E-Gitarre auf, die den Aufbau des Songs vollendet. Kaltenkirchen schaffen hier mit gut gesetzten Sounds genau die Dramatik, der sich wohl auch Sänger Philip beim Tauziehen mit seinen Panikattacken ausgesetzt gefühlt haben muss.

Der oben zitierte, mit den verschiedensten Emotionen gesungene Satz lässt dabei so viel Platz zur Interpretation, dass mir fast schwindlig wird. Einige werden es vielleicht schon mal erlebt haben: Das metaphorische Wegrennen, ob aus Verzweiflung, Angst oder Überforderung. Man rennt immer weiter, ohne zu wissen, wo man am Ende ankommt. Oder ob man überhaupt irgendwo ankommt. Und ob dieser Ort dann nicht eine dunkle und kühle Eiszeit ist, auch das weiß man nicht. Sinnbildlich könnte das für die erste Auseinandersetzung mit der Panik und sich selbst stehen.


Mut steht am Anfang des Handelns
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Weiter geht’s mit „NEUE WEGE“ – und damit in genau die Richtung, die wir gerade eingeschlagen haben. Der Song beginnt mit Kaltenkirchen-typischen Synthies, die ziemlich fix erneut von einem Klavier verdrängt werden. Das Klavier scheint auf dieser EP eine größere Rolle zu spielen, was ich akustisch in Kombination mit Synthies, starken Drums und E-Gitarren sehr ansprechend finde. Als ich die Strophe des Songs das erste Mal höre, bin ich begeistert von der Art, wie Philip diese singt. Das habe ich so von ihm bisher noch nicht gehört. Er singt sehr weich und lieblich, die Töne faden sanft aus. Das finde ich wirklich schön. Der Song hat einen aber einen hörbar positiven Vibe. Philip scheint zu sich selbst zu sprechen und sich ermutigen zu wollen, aus seinem persönlichen Teufelskreis auszubrechen. Oder wenigstens den ersten Schritt in Richtung Ausbruch zu machen. Dass auch hier unsicher ist, wo er landen wird, ist nochmal ein schöner Aufgriff des Intros.


„Komm wir gehen neue Wege
Dreh dich mit mir um und lauf
Wir wissen beide nicht, wo’s hingeht
Hauptsache irgendwo raus“


Ich bin noch am überlegen, ob „NEUE WEGE“ neben PANIK vielleicht einer der allerbesten Kaltenkirchen-Songs ist. Die Melodie hat einen schlimmen (also gut-schlimmen, ihr wisst schon) Ohrwurm-Charakter, dazu gefühlvoller Gesang und kräftige Instrumente, die mich durchfahren. Das’ schon ziemlich geil einfach. Während ich versuche, mir darüber klar zu werden, gibts hier erstmal das Musikvideo zu „NEUE WEGE“, das ihr euch auf jeden Fall mal anschauen solltet!


Kaum etwas ist realistischer als eine Utopie

Der letzte Hit der EP heißt „ATARI“ – genau, wie die Unterhaltungselektronik. Und dieser Song wirft er uns direkt in eine sehr bildliche Situation: Philip sitzt auf dem Beifahrersitz. Bereit, um sich mit Hilfe von jemandem auf den Weg zu machen. Auf den Weg an einen Ort, wo hoffentlich alles wieder gut werden kann. Atari. Kaltenkirchen geben zu verstehen, wie wichtig der Halt und die Hilfe von Menschen ist. Die den Weg, den man vielleicht selbst noch gar nicht sieht und alleine vielleicht auch nicht schaffen würde, mit einem gehen. Die währenddessen unterstützen, zuhören, auffangen. Das lässt sich auch im Sound raushören, der geht nämlich sehr nach vorne und hat so eine richtige „Trau dich, tu es!“-Attitüde. Gewidmet ist der Song all denjenigen, die während seiner Panikattacken und Depression für Philip da waren und bei denen er sich zurücklehnen konnte. Das lässt „ATARI“ für mich noch einmal in einem anderen Licht leuchten, weil mich das schon sehr berührt.

Ob er sein Atari erreichen wird und wie der Prozess seiner Panik weitergeht, werden wir in ein paar Wochen erfahren, wenn die dritte PHASE-EP erscheint. Kaltenkirchen schaffen es auf jeden Fall auch mit der „PHASE 2: EISZEIT“, mir das Thema Panikattacken und vor allen Dingen ihre persönlichen Erfahrungen damit näher zu bringen. Das Thema der EP, nämlich die Auseinandersetzung mit vor allen Dingen sich selbst, ist wunderbar in Musik umgewandelt worden. Selbst die, die nur so mittelgut interpretieren können, dürften klar verstehen, worum es geht. Und das alles ist mal wieder verbunden mit einem einzigartigen Sound von Kaltenkirchen, der sich zwar weiterentwickelt, aber trotzdem ein einziges Alleinstellungsmerkmal ist. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie die Geschichte weitergeht.


Hier könnt ihr euch die „PHASE 2: EISZEIT“-EP von Kaltenkirchen anhören:

Fotocredits: Kim Hoss / Steffen Geldner

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