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Kaltenkirchen und die „PHASE 1: PANIK“-EP: Mit Musik ist alles nur noch halb so schlimm

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Kaltenkirchen aus Wien haben letzten Freitag eine neue EP veröffentlicht. Sie ist die erste von insgesamt vier EPs (!), die in einem 7-wöchigen Rhythmus (!) erscheinen und jeweils 3 bis 4 Songs beinhalten werden. Thematisch werden die Phasen, die Sänger Philip mit seiner Panik verbindet, und der Umgang damit behandelt. Den Grundstein für dieses Konzept legten Kaltenkirchen schon mit der im letzten Herbst erschienene Single Trocken. Den Anfang des EP-Quartetts macht nun aber erst einmal „PHASE 1: PANIK“, deren drei Songs sich Jule seeehr aufmerksam angehört hat (und dabei nicht wenig überrascht wurde).


Bevor wir aber mit der EP starten, gibt’s noch etwas, was ich unbedingt noch loswerden möchte: Kaltenkirchen ist keine Onemanshow – sondern ein musikalisches Duo. Neben Sänger und Songwriter Philip Maria Stoeckenius gibt es da nämlich auch noch Produzent Niklas Pichler. Ohne den einen funktioniert das andere nicht, versteht ihr? Das geht leider manchmal etwas unter, deshalb: Niklas, I see you!

Jetzt geht’s aber wirklich los: Es ist Freitagabend vor zwei Wochen, als ich mir „Phase 1: PANIK“ das erste Mal anhöre. Ich habe einen völlig (und damit meine ich: völlig) beschissenen Tag hinter mir. Mir geht’s schlecht und ich habe eine Stunde lang geheult, peace. Da ich aber weiß, dass mich eigentlich immer alles, was mit Kaltenkirchen zu tun hat, aufmuntert, beschließe ich, mich mit der EP auf andere Gedanken zu bringen.


Nur noch 5mm.. bis meine Kinnlade den Boden erreicht

Der erste Song heißt „5MM“ und klingt in den ersten Sekunden nach dem mir vertrauten Kaltenkirchen-Sound. Sanfter, elektronischer Beat, leichter Hall auf der Stimme, lieb ich. Aber dann der Refrain… Ich glaube, in diesem Moment in der Küche gestanden zu haben, als ich kurz ziemlich perplex bin. Das ist nicht unbedingt mein musikalisches Fachgebiet, aber ich lausche gerade astreinen Rap-Vibes? Ich kann mich im ersten Moment gar nicht auf die Lyrics konzentrieren, weil ich das erstmal verarbeiten muss. Es ist anders, wirklich komplett anders als alles, was Kaltenkirchen bisher war. Ich bin ehrlich, ich muss „5MM“ repeaten, um mich auch den Lyrics widmen zu können.


„Noch 5mm, bis der Faden reißt
Nur noch 5mm, bis zum Knochen im Fleisch“


Was man dem Text sofort anhört: Er kommt aus einer ganz anderen Stelle des Herzens als beispielsweise die Texte des Debütalbums „Im Namen der Liebe“. Es ist nicht das Verarbeiten von Situationen, die man passiv miterlebt. Es ist vielmehr das Verarbeiten höchstpersönlicher Gefühle. Man hört aus den Strophen die Verzweiflung und Machtlosigkeit sprechen. Warum schaut ihr nur zu? Warum helft ihr nicht? Warum kann ich mir gerade selbst nicht helfen? Ich würde hier am liebsten sämtliche Zeilen zitieren, weil sie mehr sagen als ich es je könnte. Das ist auf jeden Fall ein soundmäßig komplett überraschender und äußerst berührender Opener. Ich bin all in, weiter geht’s.


Panik und Ausgelassenheit – der Twist macht’s
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Auf den zweiten Song der EP bin ich persönlich sehr gespannt. Denn „PANIK“ ist ein Feature mit Anoki, den ich euch auch schon als heißen Tipp bei unseren artists to watch 2021 ans Herz gelegt habe. Der Song startet mit überraschend fröhlichen Upbeats, die Stimmung ist eine völlig andere als noch eben bei „5MM“. Ich, immer noch in meiner Küche stehend, kann mir ein kleines Tänzchen jetzt absolut nicht verkneifen. Und dann folgt diese Textzeile: „Du bist Panik, ich bin Philip / aber irgendwann ist Schluss“. Also wer hier nicht wenigstens mal kurz zusammenzuckt, ist wirklich frei von sämtlichen Gefühlen. Ich unterbreche mein Rumgezappel und werde mir kurz, aber intensiv, wieder der Realität bewusst. Ich bin hin- und hergerissen zwischen Philips lieblicher Stimme, Anokis erstem Mal, sich musikalisch mit seinen Panikattacken auseinanderzusetzen, und dieser geilen Melodie.


„Ich bin eins mit meiner Panik
Ich hab Angst sie zu verlieren
Bin allein auch wenn sie da ist

Was wär ich nur ohne sie?“


Mit „PANIK“ haben Kaltenkirchen und Anoki einfach abgeliefert. Dieser Twist aus Panik fühlen und sich darauf einlassen, sie ja eigentlich sogar zu feiern – ich brülle. Der Vibe könnte gegensätzlicher fast nicht sein und ergibt dennoch so eine harmonische Symbiose. Dieser Song macht einfach völlig Sinn. Ich erwische mich dabei, dass ich ihn noch drei bis siebzehn Mal höre, bevor ich mich dem letzten Track widmen kann. „PANIK“ hat mich völlig in seinen Bann gezogen. An dieser Stelle auch einfach ehrlich ein heftiges shout out an Niklas. Dieser Mann ist einfach ein Hits produzierendes Genie, ich kann’s nicht anders sagen.


Gib‘ uns einfach noch mehr Risiko

Der letzte Song der EP heißt „RISIKO“ und kratzt wieder etwas mehr an den früheren Sounds von Kaltenkirchen. Wobei das geschulte Ohr auch dezente Kummer-Vibes raushören kann. Textlich hebt sich dieser Song total von den beiden davor ab – er verfällt nämlich dem von mir immer noch sehr geliebten Muster, Interpretationsspielraum zu lassen. Der Song thematisiert das Spielen mit den Extremen, um von der Panik loszukommen. Die Leichtigkeit von eben weicht einem Adrenalinstoß, der dich einfach nur ausbrechen lassen will.


„Komm wir springen jetzt hier rein
Vergessen Raum, vergessen Zeit
Spürst du auch dass du so leicht bist?
Spürst du auch, dass du soweit bist?


Nicht, dass es bei „5MM“ und „PANIK“ nicht so wäre, aber ich kann mir „RISIKO“ einfach so richtig geil in live vorstellen. Die Melodien und der Refrain laden förmlich dazu ein, laut mitzugröhlen und zum Beat durch einen stickigen Club zu springen. Ich kann’s jedenfalls kaum abwarten, bis das endlich so weit sein wird. Und dann will ich euch alle sehen und hören. Das wird wunderschön.


Fazit

Also wer diesen Artikel aufmerksam gelesen hat, dem ist mehr als bewusst, wie begeistert ich mal wieder von Kaltenkirchen bin. Der Sound hat sich verändert, so wie auch die Menschen dahinter sich verändert haben. Eigentlich tu ich mich mit Veränderungen immer etwas schwer, aber hier hat sie mich einfach nur von den Socken gehauen. Mir ging es beschissen, bevor ich die Songs gehört habe. Aber danach war alles einfach nur noch halb so schlimm.

Mein absoluter Favorit der EP ist obviously „PANIK“, weil er durch seine Gegensätzlichkeit ganz spielerisch und wie von allein Freud und Leid miteinander verbindet. Er zeigt ganz wunderbar, dass man dem Leid auch immer etwas Positives abgewinnen kann, auch wenn’s schwer fällt. Und weil er einfach ein absoluter Hit ist, ich Anoki total feier und dieses Feature mich einfach nur glücklich macht. Nicht mehr und nicht weniger.

Die Intention hinter allem, nämlich den offenen Umgang mit dem Thema Panikattacken bzw. mental health im Allgemeinen zu fördern und den Diskurs voranbringen, kann für uns alle, ob betroffen oder nicht, nur förderlich sein. Und ich bin mir sicher, dass Kaltenkirchen mit „PHASE 1“ wieder ein paar mehr Menschen an die Hand genommen hat. Mich allemal.

Und übrigens, noch eine kleine Bitte: Ihr könnt aktuell beim österreichischen Radiosender FM4 die Neuvorstellungen für die FM4 Charts wählen. Und nu ratet mal, für welches tolle Feature ihr da abstimmen könnt? Exakt. Einfach hier klicken und etwas Gutes tun. Danke!


Wer jetzt die „PHASE 1: PANIK“-EP von Kaltenkirchen hören möchte, der kann das hier tun:

Fotocredits: Kim Hoss / Steffen Geldner

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