Wenn dieses Album ein Motto hätte, dann wäre das bestimmt irgendwas in die Richtung „Herzschmerz vom Feinsten“. Alice Phoebe Lou scheut keine großen Gefühle und packt ihr drittes Album Glow voll damit!
Gleich die ersten vier Zeilen des Songs Only When I, den wir als erstes zu hören bekommen, sprechen Bände:
„You didn’t teach me, I taught myself through you, You didn’t heal me, but I healed from the things that you do“
Eine Trennung zu verarbeiten ist nie einfach und für jeden anders. Es ist ein Prozess, geprägt von Ups und Downs, Phasen, an denen es einem wieder ganz gut geht, in denen man denkt man hätte das Gröbste überstanden, worauf Phasen folgen, an denen doch wieder alles hochkommt. Und ich glaube jeder war schon mal in seinem Leben an diesem Punkt, um solche Herzensangelegenheiten nachvollziehen zu können. Genau diese Ups and Downs sind auch auf dem Album wiederzufinden. In dem Song Glow singt Alice „I’m glowing from inside“, nur um zwei Songs weiter in Mother’s Eyes doch zu einer anderen Einsicht zu kommen: „Loving you’s the cure and the crime“; Wobei sich beides natürlich nicht gegenseitig ausschließen muss.
Die Mischung machts
Die sanfte Stimme und der verträumte Sound klingen ein bisschen melancholisch, aber nicht traurig. Eher schwermütig und das mit jedem weiteren Song ein bisschen mehr. Im Englischen gibt es dieses schöne Adjektiv: bittersweet. Eine Mischung aus Traurigkeit und Glück. Und das beschreibt dieses Album meiner Meinung nach am besten. Vielleicht ist es auch das Glück wenn man eine schwere Phasen überstanden hat. Wenn man seine Wunden geleckt hat und wieder zu neuer Kraft kommt.
Dass dieses ganze letzte Jahr auch nicht spurlos an Alice vorbei gegangen ist, merkt man durch die Themen der Songs deutlich. Sie sagt selbst, dass sie nach einem Jahr um die Welt touren auf einmal auf sich gestellt war und noch nie so viel Zeit alleine verbracht hat. Sie war quasi gezwungen sich mit sich selbst und ihren Gefühlen auseinander zu setzten und diese Songs kamen direkt aus ihrem Herzen herausgesprudelt.
Einsamkeit ist ein großes Thema auf dem Album. Was nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass wir alle wegen der aktuellen Situation einfach viel in unseren vier Wänden verbringen. Auch Alice Phoebe Lou hat viel Zeit damit verbracht zu grübeln, sich ihrer Gefühle bewusst zu werden und sie zu verarbeiten.
„I’m sitting in the corner of my mind, I don’t mean to sit here so much of the time.„
Ein Song sticht unter den Liebesliedern heraus: In Dirty Mouth singt sie über sexuelle Belästigung, KO-Tropfen und wie ihr Kerle ungewollt zu nah kommen und übergriffig werden. Bei Zeilen wie „my body fell asleep when they took it away from me“ läuft es mir ein bisschen kalt den Rücken runter. Aber umso wichtiger, dass Alice es thematisiert in ihrem Song! In dem dazugehörigen Musikvideo tanz sie sich quasi von den Erfahrungen frei und singt „don’t touch me, don’t even look at me“.
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Vor allem der neunte Song Lover // Over the Moon des Albums ist mein persönlicher Favorit. Irgendwie gibt er mir ein bisschen „la vie en rose“-Vibes. Aber eigentlich gibt mir das ganze Album dieses Gefühl von Wärme, gepaart mit einer gewissen Schwere. Wie ein schwarz-weißes Melodrama. Vielleicht haben das so croonige Stücke auch einfach an sich. Vielleicht liegt es auch an der analogen Aufnahme Technik, die Alice Phoebe Lou und ihr Produzent Dave Parry genutzt haben. Eigentlich sollte das Album in Kanada aufgenommen werden, bevor die Pandemie den beiden einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Nichtsdestotrotz ist Dave nach Deutschland geflogen und sie haben für die Aufnahme von Glow die ältesten Mikrofone, Verstärker und Gitarren ausfindig gemacht. Das macht den Sound des ganzen Albums so authentisch.
Auch wenn sich die Songs musikalisch nicht allzu sehr voneinander unterscheiden, ist das Album als gesamtes Werk wirklich schön und voller Gefühle. Die Gitarren und Synthesizer Sounds und vor allem die analoge Aufnahmetechnik betonen das nochmal zusätzlich. Ich kann euch Glow nur ans Herz legen, im wahrsten Sinne des Wortes. Je öfter man sich das Album anhört, desto schöner wird es. Egal ob man akuten Herzschmerz hat oder an einem moody Tag einfach Alices sanfter Stimme lauschen möchte.
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Täglich entdecke ich (und ihr idealerweise auch) über Untoldency neue, geile Musik von Newcomer:innen, die sich meist auch in meine privaten Playlisten schleichen und meine Tage besser machen. Und so geil ich das auch finde (sehr geil!), so häng ich immer noch zwei, drei Künstlern (in dem Fall tatsächlich männlich) ewig hinterher. Um sie direkt bei Namen zu nennen: Casper, Kraftklub, Marteria. Und da wir uns ja grob alle in der gleichen Bubble bewegen, denk ich, könnt ihr das nachfühlen. 8 Jahre später kann ich immer noch alle Texte und auch live kommt kaum was an die Moshpits bei den Live-Konzerten ran (RIP). Lange war’s um alle still, doch dieses Jahr munkelt man, soll sich das ändern. Den Anfang macht niemand anderes als Marteria mit seiner neuen Single Niemand bringt Marten um. Und ja fuck, er hat Recht.
Lockdown 2020, Barbados-Version
Letztes Jahr hat niemand was von Marten gehört, nachdem er mit seinem dann leicht viral gegangen „2020 wird unser Jahr!“–Video auf Instagram ins Jahr gestartet ist. Dass er damit nicht falscher hätte liegen können, hat er aber auch selbst gemerkt. Eigentlich machte er sich auf, ein bisschen um die Welt zu reisen. Das Timing war eher so semi und so findet er sich durch Corona auf einmal auf Barbados gestrandet. Während diesen vier Monaten musste er aufs Angeln als Lebensmittelgrundlage umsteigen (fiel ihm aber bestimmt leichter als anderen) und hat sich den „letzten schäbigsten Rechner“ gekauft, um wenigstens Musik dort machen zu können. Über Zeitzonen hinaus tauschte er Beats und Ideen mit DJ Koze und dem Produzenten-Duo The Krauts aus. Was dabei unter anderem rauskam ist der Song, um den es heute geht und der vielleicht die ganze Zeit am passendsten zusammenfasst: Niemand bringt Marten um.
Musikalisch fängt es an mit schönen Synths, die ganz ruhig in das Lied einleiten. Dazu kommt ein Beat und Marterias – sorry, aber einfach nur geile – Stimme und nach stabilen 20 Sekunden weiß ich schon: ich lieb den Song.
„Baby, überall Gefahr um uns Baby, überall Gefahr, na und? Wenn uns hier alles um die Ohren fliegt, Steh ich vor dir wie Granit, niemand hier bringt Marten um„
Ganz ehrlich, würde ich mir jemanden aussuchen, mit dem ich vier Monate lang im Barbados-Lockdown das Chaos der Welt versuche zu überleben, würde ich mir auch Marten schnappen. Klingt eigentlich nach einer ziemlich sicheren Wette. Und nach einer sehr angenehmen Company.
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Niemand bringt Marten um klingt wie Martens persönlicher 2020 Jahresrückblick, geprägt von all den absurden Sachen, die wir davor wahrscheinlich nicht für realistisch gehalten hätten. (Meinen kläglichen Versuch, 2020 zusammenzufassen, könnt ihr hier lesen, Martens ist aber besser). Parallel ist es aber ein absolut entspannter Elektro-Bounce, der trotz der Weltuntergangsähnlichen Zuständen positiv in die Zukunft blickt. Auch wenn es erstmal allein in seinem leeren Ostseestadion ist: Marteria hat frische Energie getankt und startet voller Fokus in ein neues 2021. Niemand bringt Marten um ist dabei nur der Startschuss. Er reiht sich jetzt schon nahtlos in meine Marteria Favs (Pro-Tipp: Auf Dauerloop hört man nicht mal den Übergang, weil The Krauts produzieren nur smoothe Banger). Tatsächlich fallen mir auch ein paar musikalische Ähnlichkeiten zu Welt der Wunder auf und das find ich auch einfach nur wunderschön.
Viel mehr kann ich auch gar nicht sagen, außer dass ich so gespannt bin, auf alles, was Marten da noch in petto hat. Es kann nur gut werden. Mein Fan-Herz ist jedenfalls super happy und ich bin bereit, diese Hymne auch in seinem Stadion mit tausend anderen zu fühlen.
Anmerkung zum Schluss: einmal mit Monchi und Marten nachts durch die Straßen ziehen und auf Hackis Angelfahrten zu landen, ist jetzt auch ein weiterer Punkt auf meiner Bucketlist. Wenn auch ohne die U-Boot-Explosion. (Wer wissen will, was ich meine, guckt sich am besten dieses ultra coole Musikvideo an).
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4 Jahre musste ich warten, bis mich Ben Howard wieder mit neuen träumerischen Songs verzaubert. Als ich mal wieder durch seine Diskografie gestöbert habe, war ich erstaunt, dass es schon so lang her ist. Ich erinnere mich als wäre es gestern gewesen: Ich sitze mit offenem Mund in Brüssel und starre live auf das, was Ben Howard auf die Bühne gebracht hat. Es war so wunderschön, ich war sprachlos. Und das ist jetzt auch schon über 2 Jahre her! 😭
Mit seinem doch kontroversen letzten Release kehrt er jetzt irgendwie zu seinen Singer-Songwriter Wurzeln zurück, aber dann auch wieder nicht. „Collections From The Whiteout“ ist eine Mischung aus allem Vorherigen, das macht es auch so interessant.
Probieren geht über Studieren
Ich persönlich fand Noonday Dream genial, weil es so anders war. Weil er so einen krassen Schritt gegangen ist und keine Angst vor Experimenten hatte. Und das, wenn man auf jedem Konzert ‚Spiel Keep Your Head Up‘ gegen den Kopf geschrien bekommt. Wenn man sich gerade so sehr aus der 08/15 Singer-Songwriter Zwangsjacke befreien will. Und diesem Druck muss man erst mal den Mittelfinger entgegenhalten.
Der overall Vibe vom neuen Album lehnt wieder sehr am letzten an, aber überrascht mit fast schon richtigen Folk-Songs wie „What a Day“ und „Far Out“. Okay, das ist vielleicht doch etwas übertrieben. Die mittlerweile unverkennbare Handschrift von Ben Howard hat auch noch was zu melden. Mit seinen verzerrten Klängen, dem Mut, traditionelle Songschemata zu brechen, und Howards einzigartigen Stimme, versetzt „Collections From The Whiteout“ mich in eine Art kathartischen Mittsommernachtstraum.
Storytelling at its best
Howard experimentiert weniger mit dem eigentlichen Sound (den Schritt hat er bereits mit „Noonday Dream“ gemacht), sondern mehr mit seinem Storytelling und der Aufgeschlossenheit für Kollaboration. Zusammen mit Aaron Desser von The National – momentan in aller Munde – und vielen anderen Artists wie Phoebe Bridgers oder Rob Moose, der viel mit Bon Iver zusammengearbeitet hat, erzählt er von bizarren Geschichten aus der Öffentlichkeit. Die teilweise aber auch eine persönliche Reflektion seinerseits veranlassen.
„I wanted to write a concept record, but I got distracted.“
Ben Howard (2021)
In „Crowhurst’s Meme“ singt er über den ungeklärten Tod vom Segler Donald Crowhurst, der seinem Betrug während eines Segelwettbewerbs entfliehen wollte und am Ende vermutlich Suizid begangen hat. Seine Leiche wurde nie gefunden. Howard verbindet schräge Klänge und Zickzack Tempo, um den Zwiespalt des Seglers widerzuspiegeln. Aber bricht im Chorus damit, der fast schon wirkt, als würde man auf See schweben.
Er bewegt sich weg von tief persönlichen Anekdoten und sympathisiert mit Geschichten aus den Nachrichten, die so sonderbar sind, aber ihn gleichzeitig extrem faszinieren. „Finders Keepers“ handelt davon, wie ein Freund seines Vaters eine Leiche in einem Koffer in der Themse gefunden hat. Wie der Name schon sagt, geht es in „The Strange Last Flight of Richard Russell“ über Richard Russell, der 2018 ein Flugzeug gestohlen hat und dieses zum Absturz gebracht hat. Er beging alleine Pilotensuizid. Die Protagonistin von „Sorry Kid“ ist Anna Sorokin, die 2019 wegen Hochstapelei verhaftet wurde. Sie hatte sich als Tochter eines deutschen Millionärs ausgegeben, um am New Yorker High Society Leben teilzunehmen.
Half a life is half in dream
In anderen Songs mag der Fokus nicht auf realen Geschichten aus den Nachrichten liegen, aber jeder Song trägt Elemente von Storytelling mit sich. Jedenfalls spielt sich bei mir zu jedem Song eine Art Kurzfilm in meinem Kopf ab. Man fühlt sich direkt in die mediterranen Wälder Ibizas versetzt, wo das Album zu einem großen Teil entstanden ist. Howard beschreibt einen seiner Tagträume in „Sage That She Was Burning“ so:
“Hyacinth evening Rattling the breeze in We go swimming”
Ein weiteres Beispiel dafür ist mein absoluter Liebling auf der Platte: „Rookery“. Ich kann nicht anders als mir vorzustellen, ich würde mit meinem Großvater auf zwei Klappstühlen hinausblickend auf eine wenig bewachsene, wüstenartige Landschaft in Ibiza starren, und er erzählt mir, wie sein Herz zum allerersten Mal gebrochen wurde. Vielleicht etwas melodramatisch, aber das macht diese simple Kombo aus Ben Howard und seiner Akustikgitarre mit mir.
“I bet you think everything’s in its rightful place That sentiment is man’s disgrace”
„Collections From The Whiteout“ schafft eine perfekte Balance aus den typischen verzerrten Synths und den leichteren folkigen Sounds aus früheren Werken – wie auch in „Metaphysical Cantations“ und „Make Arrangements“.
Das Sehnen nach fernen Sonnenstrahlen
Zuletzt zu den Standout-Songs der Platte, die den Mainstream wahrscheinlich am ehesten ansprechen werden. Weil sie nun mal mit ihren unbeschwerten sommerlichen Sounds mehr an die Debutplatte „Every Kingdom“ erinnern. Wieder versetzen mich „What A Day“ und „Far Out“ nach Ibiza. Ich sehe mich, wie ich durch die Landschaft laufe und mir die Hand vors Gesicht halten muss, weil mich die Sonne so blendet. Würde ich in den Ruhestand gehen und mich in ein warmes Land verziehen, wo ich die Tage damit verbringe, auf meiner Veranda die Welt beim Vorbeiziehen zu beobachten, wäre das genau mein Soundtrack. Vielleicht nicht gerade das, was Ben Howard über sein neuestes Werk hören will, aber dann warte ich halt nicht bis zur Rente. 😄
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Akustikversion von „Far Out“ aus dem Album „Collections From The Whiteout“ von Ben Howard
Endlich angekommen
Ich finde Ben Howard ist einer der interessantesten und talentiertesten Songwritern momentan, der genau weiß, was er macht. Sein zwangloses Spiel mit Melancholie und Leichtigkeit versetzt einen in eine andere Zeit, die sogleich unbeschwert wie schwermütig ist. Und genau das ist es, was Ben Howard so besonders macht. „Collections From The Whiteout“ wirkt, als wäre er endlich da angekommen, wo er hinwollte.
„I feel comfortable at the moment in terms of finally understanding what I do. Before I was just exploring things and not understanding what I did as a songwriter and not having any composure with it. […] Now I feel more confident of being able to run with ideas. I feel quite happy to explore weird ideas.“
Ben Howard (2021)
Ein weiteres Mal bricht Ben Howard aus der Singer-Songwriter Schublade aus und entwickelt sich kreativ weiter. Das macht ihn meiner Meinung nach zu einem wahnsinnig interessanten Künstler. Einen Vorgeschmack hat er uns schon auf seinem Meisterwerk „I Forgot Where We Were“ gegeben und er sprengt kontinuierlich die Grenzen seiner Musik. Lasst euch auf diese sonderliche und gleichzeitig faszinierende Welt ein und hört in das neue Album „Collections From The Whiteout“ von Ben Howard rein.
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Dass wir jedes Mal glitzernde Augen bekommen, wenn neue Musik von noch unbekannten Künstler:innen auf unserem Radar auftaucht, dürfte inzwischen bekannt sein. Und aktuell gibt es eine ganz besonders starke Welle an spannenden Newcomer:innen. Einer, der da ganz oben mitschwimmt, ist Lyian. Letzte Woche veröffentlichte der nämlich seine Debütsingle „Methadon“ und liefert damit einen Song, der Jule sehr ans Herz gegangen und vor allen Dingen im Ohr geblieben ist. Dazu gibt’s auch noch ein super berührendes Musikvideo.
Lyian ist ein junger Künstler, den es, wie viele, vor einigen Jahren nach Berlin verschlagen hat. „Zu leise für die Punkband, zu queer fürs Vereinsheim“. Doch auch die Großstadt ist nicht immer der perfekte Ort, um sich selbst, seinen Stand im Leben und der Gesellschaft zu finden. So ging es auch Julian, wie Lyian eigentlich heißt. Von abgebrochenen Studiengängen zu Suchtproblemen und Depressionen. Aber (glücklicherweise!) immer mit dem Wissen, dass für ihn noch so viel möglich ist. Ein Leben abseits von Ausgrenzung und Rastlosigkeit. Eins, bei dem man sich nicht von überzogenen Selbstansprüchen und überholten männlichen Rollenerwartungen ausbremsen lässt. Und vor allen Dingen: Ein Leben, das von Musik und dem Musikmachen bestimmt wird. So here we are.
Ein Song, der in den Arm nimmt
In „Methadon“ beschäftigt sich Lyian mit eben jener Phase seines Lebens. Das Kaputtsein und die Einsamkeit spiegeln sich besonders in den Strophen wieder. Als ich die das erste Mal höre, habe ich einen ordentlichen Kloß im Hals. Es berührt mich jedes Mal extrem, wenn ich Texte hören darf, die die intimsten und schwächsten Momente der Künstler:innen erzählen. Wenn ich das Gefühl habe, das tiefste Innere offenbart zu bekommen. Gerade dann, wenn es wie hier um ein Thema geht, mit dem ich persönlich nur wenig Berührungspunkte habe. Und bei dem mir nur meine Vorstellungskraft und die Lyrics bleiben, um mich wenigstens ansatzweise in die Gefühlswelt hineindenken zu können. Ich weiß natürlich, dass diese Offenbarung nicht ausschließlich mir gewidmet ist. Aber vielleicht versteht ihr, was ich meine? Musik kann so viel mehr sein als nur die stimmungsvolle Untermalung, damit der Abwasch mehr Spaß macht. Es ist so wichtig, dass wir schätzen, was Künstler wie Lyian uns, ohne dafür nur den Hauch einer Gegenleistung zu verlangen, geben. Nun gut, ich schweife ab. Zurück zum Song.
„Und wird im Methadon-Programm dein Name ausradiert, steh ich schon lange am Empfang und hol dich raus, denn hier scheint jeder Sonnenuntergang schon so verbraucht wie wir“
Was für mich rein textlich ziemlich schwere emotionale Kost ist, weiß Lyian gekonnt mit einem spritzigen Sound aus E-Gitarren und Synthies aufzulockern. Der Refrain kommt dann wie das Licht am Ende des Tunnels daher. In dem wird nämlich klar, wie viel Trost und Heilung in einer Person stecken kann, die einfach nur da ist. Die dich auffängt, wenn du ins Wanken gerätst und dir wieder hoch hilft, wenn du doch gefallen bist. Oder dich einfach nur in den Arm nimmt, wenn es gerade nötig ist. Dieser Twist kommt in den Strophen und dem Refrain von „Methadon“ so gut zur Geltung, dass ich meinen nicht vorhandenen Hut ziehe.
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Das Musikvideo zu „Methadon“ unterstreicht diese tolle main message dann auch noch einmal. Darin zieht Lyian aufmunternd und lebendig tanzend an einsamen Seelen vorbei, die eine durchzechte Nacht ausgespuckt und liegengelassen hat. Er lässt sie nicht allein, ist einfach bei ihnen und erweckt sie mit der gerade so dringend benötigten Geborgenheit wieder zum Leben. Was Warmherzigkeit und Nähe so alles bewirken kann, mh?
Für mich hat Lyian mit „Methadon“ ein besonders starkes Ausrufezeichen gesetzt. Auch wenn man bedenkt, dass das seine Debütsingle ist. Ich bin super gespannt, wie es mit seiner Musik weitergeht – und das solltet ihr auch sein. Denn ich glaube, dass wir in Zukunft einem ganz besonderen Künstler beim Wachsen zuschauen dürfen. 💚
Und hier könnt ihr euch „Methadon“ von Lyian anhören:
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Gestern hat der wahlberliner Produzent Lahos seine neue EP „Youth Pattern“ veröffentlicht. Fünf Tracks nehmen uns mit in die Jugend des Multiinstrumentalisten und öffnen für uns und für ihn Pforten in ganz neue Genres. Ich habe mir die neue EP angehört und mit Lahos über seine Entwicklung im letzten Jahr per Videocall gesprochen.
Wer gerne und viel Radio hört, wird früher oder später auch über Lahos stolpern. Sagt euch nichts? Ich bin mir sicher, jede*r kennt mittlerweile die Trompetensoli in Felix Jaehns„Cheerleader“ oder in „Bad Ideas“ von Alle Farben. Das ist er: Lahos, der eigentlichen anders heißt, nämlich Leo. Er war als Kind schon ein Talent an der Trompete und kombiniert diese seit seiner Jugendzeit mit elektronischer Tanzmusik. Auch als Future-House Produzent ging es mit seiner Solokarriere dann gefühlt alles sehr schnell. Plattendeal beim Majorlabel, Soloshows auf den Mainstages der großen EDM-Festivals, tausende Streams bei Spotify und Co. Seit letztem Jahr macht Lahos jetzt aber wieder alles selbst – und das spürt man auch in seiner Musik auf „Youth Pattern“ sehr.
„Am Ende hieß es immer, meine Sachen sind zu wenig kommerziell. Und da dachte ich mir, wenn ich’s jetzt alleine mache, kann es nicht schlechter laufen als mit dem Major. Das ist zwar traurig, aber für mich war’s das beste Zeichen.“
Back to the roots
Dass die Reise aus dem „Bubblegum-Pop“ hinaus führt, ist schon allein am Intro des ersten Songs „Golden Age“ zu erkennen. Hier spannt uns Lahos knapp anderthalb Minuten mit nach und nach übereinander geschichteten Gitarrenspuren auf die Folter. Gitarren? Und dann auch noch verzerrt? Das ist irgendwie so gar nicht das, was ich erwartet habe. Natürlich gibt es in diesem Song auch einen fetten Drop ins Vollinstrumentarium, aber einen herkömmlichen Songaufbau, wie heute in der kommerziellen Popmusik üblich, bleibt uns Lahos hier schuldig. Zum Glück. Denn die Klangwelt, die er hier erschafft, ist sehr interessant und erinnert auf der ganzen EP an Indietronic-Ikonen wie MGMT, Daft Punk, M83 oder auch Tame Impala – Bands, die ihn in seiner Jugend inspiriert haben.
„Ich bin ja selber gar kein Gitarrist, aber ich hab mir im Lockdown eine Gitarre zugelegt und dann einfach alles auf einer Saite eingespielt und am Ende gelayert, bis es halt irgendwann geil klang.“
Die Gitarrensounds sind auf „Youth Pattern“ tatsächlich das verbindene Element zwischen den Songs. Gitarrenmusik scheint gerade ja wieder arg modern zu werden, nachdem man diesem Instrument seit 10 Jahren die letzte Salbung verpassen wollte. Lahos möchte aber keine Gitarrensounds wie im Radiopop, er schafft sich seine eigenen. Auch die Gitarren in „End this Ride“ klingen durch den leichten „detune“ sehr unkonventionell. Wenn auch dieser Song uns Lahos‘ Genrevergangenheit sehr viel deutlicher entgegenbringt, als der Song zuvor. Mit poppigen und absolut makellosen Vocals von Sänger Mote shufflet uns der Song weiter durch die EP.
Für die Cool Kids und die Atzen
„Bright Eyes“ hat mir einen unfassbar langanhaltenden Ohrwurm verpasst und ich glaube, das ist einer dieser Songs, die man für so einen Ohrwurm auch nur einmal hören muss. Durch den raffinierten Chordchange im Zwischenteil hat mich das Stück, das ja offensichtlich ein astreiner Popsong ist, auch als Musiknerd neugierig werden lassen. Die Welt braucht mehr intelligente Popmusik wie diese, ich glaube das könnte ganze Völker vereinen! Naja, zumindest würden sie mich glücklicher machen.
„Es soll halt für die Cool Kids sein, aber halt auch für die Atzen! Es soll für jede*n zugänglich sein, auch wenn es nicht everybody’s taste ist. ‚Don’t do it only for the purists, do it also for the tourists‘, sagte mal ein Künstler in den 20er Jahren.“
Die Intention, die Lahos mit dieser EP hatte, wird wirklich unmissverständlich deutlich. Wir haben es hier mit tanzbaren Popsongs zu tun, allerdings mit twist. Und besonders daran ist die Mischung. Der Song „Dayslide“, der noch als Single auf dem Major erschien, ist gleichzeitig ein Relikt aus Lahos‘ langjähriger EDM-Erfahrung und ein Vorbote auf den Indiepop, den er jetzt macht. Die Vocals der Sängerin Thala sind hier wieder ins perfekte Licht gerückt und zeigen keine Ecken oder Kanten. Zwischenzeitlich fühle ich mich auch wieder stark zurück in die Großraumdisse zwei Dörfer weiter versetzt. Das mag der*dem ein oder anderen IndieliebhaberIn schon too much sein, holt aber mit Sicherheit die Fans von Lahos‚ früheren Projekten ab.
Keine Zeit für Langeweile
Völlig weird und absolut unexpected grätscht mich dann zum Schluss „Like That“ weg. Fast schon ein absoluter Anti-Song, der durch seine rockigen Gitarren und mit den bis in die Unkenntlichkeit verzerrten Vocals irgendwie echt catchy ist. Lahos hat hier übrigens das erste Mal auch selbst gesungen. Man kann sich an dieser Stelle wirklich fragen, ob die drei Tracks aus der Mitte von „Youth Pattern“ tatsächlich vom gleichen Künstler stammen, wie Intro und Outro. Aber ja, genau das ist das Rezept: Lahos bettet uns moderne und eingängige Popsongs in ein unkonventionelles Setting ein. Und das tut ihm und seiner Musik gut.
„Ich möchte selber auf der Bühne nicht gelangweilt sein. Und dementsprechend eine mega hohe Diversität an Songs bieten können. Es ist einfach Entertainment.“
Fazit
Ich muss sagen, ich bin kein Fan von poppiger Tanzmusik, wie sie im Radio oft zu hören ist. Mir fehlt da einfach oft die künstlerische Substanz, das ist einfach nicht mein cypher. Und trotzdem hat es Lahos geschafft, dass mir seine „Youth Pattern“ EP wirklich gut gefällt. Sie ist kurzweilig und unterhaltend, sie überrascht mich und macht Spaß. Ob jetzt bewusst gehört oder auch nebenbei beim Joggen, Kochen, Abhängen. Man spürt in dieser EP den Anfang einer musikalischen Weiterentwicklung, und das finde ich spannend.
„Was ich gemerkt habe war, dass es mir selber Spaß machen und authentisch sein muss. Als es nicht mehr hundert Prozent ehrlich mir selbst gegenüber war, hab ich gesagt: ne, ich mach das nicht mehr. Was viele Leute auch verärgert hat. Aber was bringt es mir, wenn ich da stehe und meine Musik nicht ernst nehmen kann?“
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Die heutige Single-Empfehlung kommt von insgesamt sechs Schweizer:innen und hat meine Tage seit Release letzter Woche fast stündlich begleitet. Es geht um 2000 etc., die neue Single der Schweizer Indie-Pop Band Jeans for Jesus mit dem Folk-Pop Duo Steiner & Madlaina. Wieso ich sie seit Tagen nonstop auf Repeat höre, lest ihr jetzt.
Einmal komplette Pop-Power aus der Schweiz bitte
Doch erstmal ein kleiner Fakten-Check: Wer sind Jeans for Jesus und was macht das Feature mit Steiner & Madlaina so besonders?
Jeans for Jesus, auch bekannt als die „Neuerfindung des Schweizer Pops“, sind die vier Jungs Michael, Philippe, Demian und Marcel. Auch wenn sie sich bis jetzt zugebenermaßen noch nicht auf meinen privaten Playlisten ausgetobt haben, so hab ich den Namen auf dem Schirm seit ich ihn vor ein paar Jahren das erste Mal gehört hab. Im See von durchschnittlichen Bandnamen ist „Jeans for Jesus“ einer, den man sich merkt. Sie haben das erste Mal 2014 mit ihrem gleichnamigen Debütalbum auf sich aufmerksam gemacht und wirbeln seitdem vor allem die Indie-Pop Szene in der Schweiz ein ganz schönes bisschen auf. Catch: Alle Songs waren bisher auf Schweizerdeutsch und somit im Genre der „Mundart“. Die andere Seite des Catchs: Diesen Dialekt verstehen nur ca. vier Millionen Menschen weltweit. In Zeiten von Streaming als fast einzige Geldeinnahme von Musiker:innen ist das eher so suboptimal. Das soll nun geändert werden:
Das nächste Album Germany’s Next Jeans for Jesus (auch hier wieder: was ein extrem cooler Name) soll vor allem ein Album auf Hochdeutsch werden. Zweiter Vorbote dafür ist nun die Elektro-Pop-Ballade 2000 etc. Es ist kein komplett neuer Song, sondern war schon in der schweizerdeutschen Variante 2000&irgendwo auf ihrem letzten Album vertreten. Für die Version auf Hochdeutsch haben sich Jeans for Jesus nun niemand anderen dazu geholt als das ebenfalls aus der Schweiz kommende Duo Steiner & Madlaina. Und ich muss sagen, damit haben sie sich schon fast die beste Feature-Kombi dieses Jahrs gesichert. Auch Steiner & Madlaina machen gerade ordentlich Wind, zuletzt mit ihrem letzten Monat erschienenen Album Wünsch mir Glück. Zusammen bilden sie vielleicht das Dream-Band-Couple der Schweiz, das jetzt auch ganz Deutschland erobern wird, und ich für meinen Teil bin verliebt.
Musikalischer Vent incoming
Zur ausführlichen Recherche hab ich mir natürlich das Original 2000&irgendwo angehört und muss hier tatsächlich noch mehr Bewunderung aussprechen. Auch wenn man ganz deutlich erkennt, dass 2000 etc. eine Übersetzung des alten Songs ist, so haben Jeans for Jesus damit wirklich nochmal eine ganz andere Version des Songs hervorgezaubert. Man erkennt zwar Parallelen, vor allem in der Lead-Melodie, das Gerüst darum jedoch – komplett anders. Ich glaube, der Hauptgrund, warum ich das seit Tagen rauf und runter höre, befindet sich irgendwo in diesem neuen musikalischen Gerüst. Es ist ein bisschen elektronischer und hört sich rundum einfach so voll an. Guckt euch das an, vermeintliche „Musikjournalistin“, aber alles, was am Ende bleibt ist „das hört sich rundum einfach so voll an“. Aber es gibt manche Songs, die gehen mit ihrer Melodie und ihrem Gesamtklang straight in mein Herz und dann fehlen mir einfach die richtigen Worte, zu sagen, warum. Am besten hört ihr einfach selbst kurz rein:
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Also erstmal: was ein cooles Musikvideo. Obwohl es so simpel ist, kann ich nicht weggucken. Das Color Grading ist einfach on point. Ich hab auch noch nie jemanden so ästhetisch einen Handybildschirm filmen sehen. Was für eine Parallelwelt, die 2020 da losgetreten hat.
Eine Ballade direkt in mein von Melancholie getrübtes Lockdown-Herz
Doch zurück zu meinem Versuch, zu erklären, warum ich so viel Liebe für diesen Song empfinde. Eine große Rolle spielt offensichtlich das Feature mit Steiner & Madlaina. Vielleicht ist es dieser Touch Weiblichkeit, den die beiden mit ihren warmen Stimmen den Song geben, der den gewissen Stoß gibt. Es fängt direkt an mit Madlaina aus ihrem kleinen Handydisplay. Sie singt die erste Strophe mit tiefer Stimme und wenn man einen Crush auf Stimmen entwickeln kann, hab ich das offiziell getan. Nora singt den Refrain und obwohl sich das stimmlich auf einer höheren Oktave bewegt, ist es die Kombi aus Stimme und dieser Ohrwurm-Melodie, die Jeans for Jesus da gezaubert haben, die mich auch hier schwach werden lässt.
Die Jungs haben den Fokus des Songs einfach komplett auf diese beiden Frauen gelegt. Vielleicht ist es dieses nicht-vorhandene Männer-Ego, das mich dieses Lied auch so lieben lässt. Es ist ihr eigener Song und bis auf das musikalische Setting sind eigentlich nur Steiner & Madlaina zu hören. Ein super angenehmes i-Tüpfelchen auf einem sowieso schon schönen Song-Erlebnis.
Inhaltlich hauen die Lyrics von 2000 etc. dann auch noch völlig in meine ewige Lockdown-Melancholie und machen alles auf absurde Weise perfekt:
„In diesen Monaten, in denen die Wochen und Tage ineinander zu fließen scheinen, sich die Feiertage, Weekends und Jahreszeiten kaum noch auseinanderhalten lassen, müssen auch wir, die das sonst nur von den Großeltern kennen, plötzlich an früher denken und versuchen, uns auf morgen zu freuen. Wir sind gezwungen, unsere verschwommenen Erinnerungen an die letzten Jahre in die Zukunft zu werden. Neunzehnhundert und so, zweitausend und irgendwo.“
Besser werd ich es nie in Worte packen können. Und damit entlass ich euch in diese Welt voller Gefühle, die 2000 etc. aufmacht. Für den Schweizer Flair voll Synthies und schönen Stimmen, der die Tage ein kleines bisschen schöner wirken lässt.
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Na, mal wieder Bock auf richtig gute Musik aus Österreich? Kein Problem. Wir haben da einen kleinen Geheimtipp für euch: Kobrakasino haben Mitte Februar 2021 ihre neue Single „Nur einen Tanz“ veröffentlicht. Nach der 2019 erschienenen EP „Bruder Alaska“ ist dies der erste Teaser für ihr Album, das noch in diesem Jahr erscheinen soll. Warum dieser experimentelle Popsong Jule’s Vorfreude darauf massiv gesteigert hat, lest ihr jetzt.
Wie bei jeder guten Probestunde gibt es zu Beginn eine kurze Kennlernrunde – nur ist diese vielleicht nicht ganz so unangenehm wie in der Tanzschule. Kobrakasino ist eine junge Band aus Graz, die aus den Brüdern Benno und Sebastian Hiti sowie Ferdinand Marsoner und Christian Schoettel besteht. Schon seit ihrer zwei Jahre alten EP habe ich die Jungs auf dem Schirm. Mein Lieblingssong bisher war „Milhouse“. Allerdings gebe ich zu, dass „Nur einen Tanz“ diesen jetzt abgelöst hat. Kobrakasino machen Popmusik, die sich nicht vor Experimenten scheut. Und genau das macht ihren Sound so spannend für mich.
Verlangen nach der letzten sorgenfreien Nacht
„Nur einen Tanz“ beginnt ziemlich smooth mit einem Acappella-Gesang des Refrains, der in den unterschiedlichen Stimmfarben ertönt. Das hat mich ab der ersten gesungenen Note gekriegt. Etwas, was ich bei dem Sound von Kobrakasino immer richtig gut finde: Man weiß nie so richtig, was einen im Laufe eines Songs erwartet. Und so ist es auch bei „Nur einen Tanz“. Eine quiekende E-Gitarre ebnet den Weg zu einem fetten Midtempo-Bassbeat. Es ist diese Art von Bass, den man bei einem Konzert im Bauch spüren kann, weil er einen so durchfährt. Im Verlauf gesellen sich dann funkige Synthies dazu und verhelfen dem Sound, sich zu einer mächtigen Wand aufzubauen. Der Song ist kein klassischer Ohrwurm, aber trotzdem kann ich nicht aufhören, ihn mir immer wieder anzuhören. Die Entwicklung, die „Nur einen Tanz“ durchmacht, ist einfach fett.
„Ich bin kein Sünder heute, weil ich auf die Tische steig Leise war ich viel zu lange, alles zieht an mir vorbei„
Thematisch weckt „Nur einen Tanz“ in mir Erinnerungen an die letzte laue Sommernacht, die man mit guter Musik, einem leckeren Kaltgetränk und tollen Menschen verbracht hat. Das muss allerdings mindestens 20 Jahre her sein, meine Erinnerungen sind schwammig. Aufgrund der durchgehend hypnotischen und deepen Sounds kommt bei mir aber keine Partystimmung auf. Viel eher kickt die Sehnsucht danach, wie in einem kitschigen Hollywood-Film mit Friends um ein Lagerfeuer zu sitzen, während jemand an einer Akustikgitarre zuppelt. Ich war noch nie in so einer Situation, aber ich vermisse sie und möchte sie gerne jetzt erleben.
Kobrakasino scheuen sich nicht davor, mit Sounds zu experimentieren. Das hört man nicht nur auf ihren älteren Songs, sondern auch auf „Nur einen Tanz“. Da treffen die verschiedensten Aspekte der Popmusik aufeinander und bilden gemeinsam einen unfassbar catchy Sound. Der Song ist hochwertig produziert und sauber abgemischt. Wenn das kommende Album also nur halb so gut wird, dann sollten wir uns warm anziehen.
Übrigens gibt es auch ein zauberhaftes Musikvideo zu „Nur einen Tanz“, das ihr euch hier anschauen könnt, viel Spaß!
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Das erste, was ich gedacht habe, als ich den Wahl-Berliner Tóke zum ersten Mal gehört habe, war: „das klingt wie Jason Mraz, nur viel cooler“. Es ist diese bestimmte Mischung aus R’n’B und Soul, die nicht nur unglaublich lässig ist, sondern auch ein klein bisschen zum Tanzen einlädt. Tókes neue Single Brown Facenimmt genau diesen Sound auf und verarbeitet darüber hinaus auch noch ein sehr ernstes und persönliches Thema, mit welchem wir uns alle sowieso auch weiterhin beschäftigen müssen. Es geht um die westliche Wahrnehmung anderer Kulturen und Tókes eigenes Aufwachsen als BIPOC (Black, Indigenous and People Of Color) im ländlichen Deutschland. Cooles Lied, wichtige Botschaft, schönes Musikvideo und ein einfach nur super sympathischer Künstler selbst – das sind vier Gründe, weiterzulesen und reinzuhören.
Geschichte wird immer noch weiß erzählt
Geboren in Jakarta, Indonesien und aufgewachsen in der Nähe von Hamburg macht Tóke schon länger Musik. Mit seinen ersten Veröffentlichungen hat er frischen Wind in die deutsche Reggea Szene gebracht. In dem Kontext hat er auch schon mit Größen wie Gentleman die Bühne geteilt. Im Lockdown Jahr hat er sich dem musikalischen Druck von außen (und innen) entzogen und einfach das gemacht, was ihn gerade kreativ angetrieben hat. Dazu hat er mit den Produzenten FLKS aus Berlin und Meekesa aus Italien zusammengearbeitet. Ergebnis ist die im Mai erscheinende EP The Art Of Letting Go, die mehr Einflüsse aus dem Neo-Soul und R’n’B in sich trägt. Also genau das, was ich auch an Brown Face so liebe. So let’s talk about Brown Face:
https://www.youtube.com/watch?v=pK22D7uMELY
Es eröffnet mit ganz seichten Synth-Klängen, fast schon Klangschüssel-sphärisch. (Ich baue darauf, dass ihr schon auf Play gedrückt habt, dann macht diese Beschreibung auch Sinn). Die Klänge sind ruhig und befördern mich direkt in meine comfy zone. Tókes Stimme legt sich drauf und jap, musikalisch immer noch absolut meins. Es folgt der Break zur Strophe und ich bin jedes Mal wieder, obwohl ich weiß, was kommt, schlichtweg begeistert. Ein ultra lässiger R’n’B Beat gesellt sich dazu, die Klangschüssel-Klänge sind immer noch da, wenn auch mehr im Hintergrund. Und so bleib auch ich in meiner jetzt leicht up-bouncigen comfy zone. Tóke selbst verfällt in einen Flow und, ich sag wies ist, liefert Line für Line einfach nur ab.
Call me exotic, that’s white gaze
My culture surpasses your mindframe
My batik outshines your nike’s
First people after the ice age
Auch wenn Tóke seine Inhalte ziemlich treffend formuliert, lohnt es sich, auch zwei Mal über das gerade gelesene nachzudenken. Denn auch wenn wir vor allem auf Social Media immer mehr über solche Themen sensibilisiert werden (wenn man sich in der richtigen Bubble bewegt), so ist die Realität da draußen trotzdem immer noch weit weg von dem, was wir akzeptieren können. Die Generationen nach uns wachsen immer noch in einem strukturell rassistischen System auf, das nicht mal die Kolonialzeit in der Schule kritisch behandelt. Geschichte wird immer noch weiß erzählt.
“They want us gone, but we’re still here!”
Brown Face ist aber nicht in erster Linie ein Song über die vorhandenen Missstände. Es geht viel mehr um Empowerment, um Sichtbarkeit und der stetige Kampf, sich nicht unterkriegen zu lassen. Auch für die Generationen, die nach uns in diesem verkappten System aufwachsen.
Litte boy with the brown face | keep in mind this is our place | we gon’ get comfy up in here
They gaslighting and downplaying | we uproar ‘cause we outraged | they wany us gone, but we’re still here!
Musikalisch befinden wir uns im Refrain des Songs und obwohl es inhaltlich sehr ernst zugeht, so ist das einfach nur ein tanzbarer Ohrwurm, den Tóke da hervorgezaubert hat. Passend wird auch im Video dargestellt, dass die Ernsthaftigkeit nicht alles sein kann. Die BIPOC Darsteller:innen (@alle, ich bin geflasht von eurer Schönheit) fangen an zu tanzen, zu lachen und sich gegenseitig zu feiern. Und das macht nur vom Zuschauen happy.
Auch für Tóke persönlich ist das hier ein ganz besonderes Video, ein ganz besonderer Release. Es ist das erste Mal, dass er in seiner Musik offen über sein Aufwachsen im ländlichen Deutschland reflektiert:
„Growing up as a brown boy in a white world was weird sometimes. A lot of hidden scars came up during the last year. Lot of awkward moments where I only realized after a certain time that I wasn’t seen with my full capacity as a human being but rather reduced by the notion of my apparent ‘otherness’. It’s time to fully free up and embrace who we are no matter the context.”
Und mit diesen Worten entlassen Tóke und ich euch auf eure eigene Reise zu Brown Face. Auf dass wir alle mal im 21. Jahrhundert ankommen und nicht nur aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, sondern sie auch wiedergutmachen.
Die wunderschönen Menschen, die ihr im Video so happy tanzen seht sind (links nach rechts auf dem Bild oben): Asya Mzee, Peggy Haze, Timo Daher, Tóke selbst, N. Ndoumbé Koite, Bimi Lkhagva, Lovely Uwumarongie. Und natürlich nicht zu vergessen die süßen Geschwister Jakob & Josef Kümmel.
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Vor nunmehr zwei Wochen hat die Band FOTOS ihr neues Album „Auf zur Illumination!“ veröffentlicht. So wie viele andere Bands und MusikerInnen, hat auch FOTOS die Quarantänezeit im letzten Frühjahr genutzt, um neue Musik zu produzieren. Zunächst in Eigenregie von Tom Hessler, dem Sänger und Gitarristen der Gruppe. Nach den Lockerungen folgte dann die Vervollständigung durch die gesamte Band und der Produzentenlegende Olaf Opal.
Wer FOTOS kennt, weiß, dass die vier Musiker alte Hasen im deutschsprachigen Musikbiz sind. Bereits 2006 veröffentlichten sie ihr erstes Album und haben sich seitdem sowohl textlich, als auch musikalisch enorm entwickelt und gewandelt: vom gitarrenlastigen Indierock aus ihren Anfängen, über ihre Shoegazephase auf dem Album „Porzellan“ bis zu ihrem jüngsten Werk, bei dem Gitarren absolut in den Hintergrund gerückt sind.
Reiseziel: Erleuchtung
Dass sich Tom Hessler buchstäblich mit seinem Modular-Synthesizer in seinem Studio eingeschlossen hat, ist ab der ersten bis zur letzten Sekunde des Albums zu hören. Die generierten Sounds dieses analogen elektronischen Musikinstruments klingen einzigartig und bilden das Grundgerüst von „Auf zur Illumination!“. Im ersten Song „Rauschen“ sägt uns der Synthie passend zum Songtitel monoton in Stimmung und verkörpert das Grundrauschen unseres Lebens. Eine Kulisse, die wir nicht ändern können und uns immer begleitet. Und FOTOS stellt uns, einleitend zum Album, eine brisante Frage zum Songende:
„Es gab einen Traum für uns Wir träumten gemeinsam Erinnerst du dich noch, ob wir jemals aufgewacht sind?“
Spätestens jetzt wird klar, dass „Auf zur Illumination!“ keine hohle Phrase ist, sondern eine ziemlich ernstzunehmende Aufforderung darstellt. Denn nicht nur mit spacigen Sounds, auch textlich entführt uns Tom Hessler direkt auf eine andere spirituelle Ebene. Ab hier beginnt ein Wegweiser, ja quasi ein Reiseführer ins innere Selbst.
Hello, this is your Captain speaking
Wie das Reisetagebuch einer Expedition durch ein Paralleluniversum oder wahlweise durch das eigene Unterbewusstsein klingt der Song „Silberne Maschine“. FOTOS laden uns auf eine Fahrt in ihrem sonderbaren Vehikel ein. Die Band lässt den Hörer im Ungewissen, um was es sich bei dieser Maschine genau handelt. Ein UFO? Eine Rakete? Oder vielleicht doch um einen Delorean DMC-12 mit Fluxkompensator? Naja, jedenfalls: Fasten your seat belts! Denn wenn man hier nicht aufpasst, verfällt man durch die hypnotische Kraft der pulsierenden Bassdrum und des Auf-und-Abs des Synthesizers schnell mal in eine ganz heftige Trance.
Ist auch kein Wunder, denn immerhin massiert dieser Track knapp 11 Minuten die verspannten Synapsen. In Zeiten von zweieinhalb-Minuten-Songs und bösen Spotifyalgorithmen eine absolute Seltenheit. Das zeigt mir vor allem eins: dass die Band FOTOS komplett unabhängig und frei in ihrem musikalischen Schaffen ist und sich nicht in die Suppe spucken lässt. Und das finde ich hammer. In diesem Sinne erfrischend unkonventionell funktioniert das ganze Album weiterhin.
Der bereits zuvor ausgekoppelte Song „Meise“ besticht vor allem mit seinem lyrischen und eingängigen Text. Jede Zeile klingt einfach von vorne bis hinten schlüssig und ist sprachlich toll ausgearbeitet. FOTOS macht hier mit uns Sightseeing in der Gedankenwelt einer mutmaßlich durch Verfolgungswahn geplagten Person. Die Fetzen dieser Denkvorgänge sind in einem tanzbaren Groove mit durchgehend rollendem Bass verpackt; das Klirren und Sirren der synthetischen Klangquellen wirkt wie plötzlich aufkommende wahnhafte Gedanken. „Meise“ ist außerdem einer der wenigen Songs mit einem „klassischen“ Band Set-Up. Hier spürt man auch ganz besonders den Einfluss des Produzenten Olaf Opal, der ein wahrer Experte für psychedelisch-poppige Songs ist und das zum Beispiel bei Bands wie International Music oder auch schon zuvor bei FOTOS unter Beweis stellen konnte.
Wir haben unsere Reiseflughöhe erreicht
Tatsächlich sind eher ruhige, minimalistische Arrangements auf „Auf zur Illumination!“ das Markenzeichen. In „Gegen die Wand“ zum Beispiel, werden wir von einer leicht artifiziell verfremdeten Stimme dazu aufgefordert, doch auch mal verschlossene Türen einzurennen und die Flucht nach vorn anzutreten. Hier kommt sowohl das zuvor schon gehörte Thema „Angst“, als auch das Thema „Reise zu sich selbst“ wieder ins Spiel. Das leitet nahtlos über in den nächsten Song „Das Verlangen“. Diesmal etwas voller instrumentiert, werden wir mit einer weiteren inneren Stimme konfrontiert. Das Verlangen nach Selbstentfaltung und Extraversion arbeitet sich seinen langen Weg aus den Tiefen unserer Selbst, entgegen aller Beschwerlichkeiten. Dieses Gefühl ist wirklich bezeichnend für die im Corona Lockdown weggeschlossenen Bedürfnisse. Und das kann vielleicht ein*e jede*r gerade gut nachvollziehen, besonders aber die MusikerInnen und KünstlerInnen.
Let’s go zum nächsten Stopp in unserer silbernen Reisemaschine! „Auf zur Illumination!“, der Titelsong des Albums, klingt fast so, als ob Lennon und McCartney höchstselbst nach einer ihrer spirituellen Trips in Indien deutsch gelernt, und noch ein weiteres Stück für Srgt. Pepper geschrieben hätten. FOTOS schildern uns mit diesem Song einen ziemlich psychedelischen Erfahrungsbericht als erleuchtetes Wesen. Harmonisch einfach nur satisfying, kommt auch dieses Stück mit ganz abgespeckter Instrumentierung aus.
„Millionen Wale werden singen, meine Seele salutiert Auf Purpurwolken werd ich wandeln, auf einer Scheibe die rotiert“
Sehr geehrte Gäste, wir starten den Sinkflug
Wer bis hierher gekommen ist und nicht (as usual) in der letzten Reihe unseres Nachtbusses zur Erleuchtung eingepennt ist (no offense!!), kann jetzt noch die letzten drei Haltestellen dieses Albums genießen. Mit „Ausflug“ einfach mal den Kopf ausschalten und weg hier, raus aus den eigenen vier Wänden, alle Signalempfänger aus oder auf Flugmodus. Die Abkapselung aus der Einkapselung. Da Reisen leider in real life gerade echt schwierig sind, sei es kurzfristig durch Corona oder langfristig in Bezug auf den Klimawandel, vermitteln uns FOTOS hier zumindest virtuell den süßen, fast vergessenen Geschmack von Zigarrettenholengehen-&-Niewiederkommen.
Ein ehrlich gesagt etwas gewöhnungsbedürftiges Stück ist für mich nach wie vor „Nachtschattenglühen“. Das zwar sehr poetisch, aber ebenso abgespaced vertonte Gedicht, klingt ein bisschen wie einprison baby von Leonard Cohen und Novalis. Es öffnet auch ganz ohne Substanzen Pforten in meinem Kopf, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt. Alle, die sich gerne auf Metaebenen bewegen, werden an diesem Stück ihre wahre Freude haben.
Wesentlich poppiger erreichen wir danach aber auch schon unsere Endstation. Ein wahrer „Grower“ ist das letzte Stück „Weiße Wellen“. FOTOS vermitteln uns hier das Gefühl, abhängig, aber abgehängt zu sein. Zum Schluss wird nochmal ganz deutlich, wie raffiniert und eigenständig die Texte von Tom Hessler sind. Wirklich jeder Song lässt Millionen von Interpretationen zu und wenn man darauf keine Lust hat, klingen sie einfach nur gut. Mit einem wunderbaren Refrain verabschiedet uns FOTOS von dieser sehr aufschlussreichen und entspannten Reise mit einer Landung, bei der sicherlich Standing Ovations in der Maschine angebracht sind:
„Du rennst zu schnell Lässt mich fliegen und bringst mich zu Fall Du brennst zu hell Jeder Flug endet mit einem Knall“
We hope you’ve had a pleasant flight
Das neue Album „Auf zur Illumination!“ von FOTOS klingt wie aus einer anderen Zeit. Nur weiß man nicht so ganz, ob es sich um die Vergangenheit oder die Zukunft handelt. Zugegeben: dieses Album braucht etwas Zeit. Das ist Slow-Food für unseren konditionierten Popgeschmack. Ich hatte anfänglich so meine Schwierigkeiten, richtig reinzukommen. Aber irgendwann macht es klick. Dann ist es wunderschön und trägt massiv zur Entschleunigung des Alltags bei. Die Sounds sind fesselnd, genauso wie die unfassbar guten Lyrics. Es ist ein geschlossenes System, alles passt perfekt zueinander und macht Sinn, sofern man denn einen Sinn suchen will.
Moment, eigentlich weiß ich gar nicht, ob es Sinn macht, weil ich viele der Texte nicht verstehe. Das ist aber gar nicht schlimm, denn zuhören will ich auf jeden Fall und dazu träumen lässt es sich auch prima. Ich bin jedenfalls froh, dass FOTOS mich neugierigen, sandaligen Touristen mit auf diese Reise genommen hat und gebe safe 5 Sterne bei TripAdvisor. Es ist bemerkenswert, wie unvoreingenommen und frei diese Band ihren Sound immer wieder neugestaltet und ihr Ding durchzieht. Davon kann man sich einfach nur mehr erhoffen und ich bin gespannt auf das nächste Album.
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Die souligste Stimme des Deutschraps ist zurück! BRKN ist back in the game, seine lange Nächte im Studio haben sich endlich ausgezahlt. Was sich als außenstehende Person, die sich nur mit Insta Stories up to date gehalten hat, wie Jahre angefühlt hat, hat auch Jahre gedauert. Nach seinem renommierten Album Einzimmervilla aus 2017 und erfolgreichen Touren war es lange still um den Kreuzberger Rapper und Multiinstrumenten. Seitdem ist viel Zeit vergangen bis Ende Februar endlich eine neue Single mit Albumankündigung für April erschien: Jede Nachtist wirklich alles, was ich sowohl erwartet als auch erhofft habe und vielleicht auch ein kleines bisschen mehr.
BRKN fegt durch den Deutschrap, bitte macht Platz
Wenn man BRKN nicht kennt, sollte man sich seine Musik spätestens jetzt einmal geben, weil auch wenn der Begriff „Deutschrap“ super abschreckend für unsere kleine Indie-Bubble wirkt (nicht unsere Schuld), so ist es hier alle mal wert, reinzuhören. BRKN verbindet, talentiert wie er ist, Rap, R’n’B, eine Spur von Neo-Soul und das Gefühl für poppige Melodien in einer Person. Mit sechs fing er an, Klavier zu lernen, mit neun dann Saxophon und weitere Instrumente folgten. Als Rapper kombiniert er alle Genres in einem einzigartigen Klang, der einem, wenn man die Ehre hatte, ihn einmal live zu sehen, immer ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Garantiert. BRKN ist nämlich nicht nur ein super talentierter Typ, sondern auch ein unfassbar sympathischer.
So viel zur kleinen Short-Bio. Let’s talk about the music. Das wirklich ziemlich gute Musikvideo von Jede Nacht fängt an mit BRKN am Klavier, einem wirklich edlen Klavier, und ich finds nach nur vier Takten schon völlig geil, dabei ist noch gar nichts passiert. Das ist einfach nur der Song in seiner Rohfassung, die sechs (ich hoffe, ich hab richtig gezählt) Grundakkorde, auf denen dann BRKNs soulige Stimme direkt mit dem Refrain einsteigt:
Ich hab nicht ma‘ überlegt, nur gemacht Nie danach gelebt, was jemand sagt Ersticke in Problemen, die Seele platz Doch erwache zum Leben, jede Nacht
Dann ein Twist, der klassische Piano-Vibe ist weg, stattdessen gibt’s n Beat. Und was für einen. Langsam schleicht er sich ein und wird getragen von BRKNs Flow. Als der Bass droppt und auch BRKNs Rap Part vor Energie platzt, hab ich wirklich das Gefühl, mir werden hier knapp drei Jahre harte Studio-Arbeit ins Gesicht geschleudert. So geil kann Deutschrap halt einfach klingen. Shoutout an seine Mit-Produzenten Jumpa und Miksu ist hier absolut angebracht. BRKN und der Beat sind eins, diese Musik lebt. Sie lebt, sie atmet, sie gibt sich völlig aus.
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Diese komische Metapher, die ich gerade spontan aufgemacht hab, ergibt aber tatsächlich super viel Sinn. Jede Nacht ist kein Song produziert für die Charts oder Modus Mio Streams. Jede Nacht ist ein Einblick in BRKNs letzte Jahre. Es ist ein Einblick in seine persönlichen Struggles, in seine Selbstzweifel und seinen stetigen Kampf mit sich selbst. Doch so traurig das ist, was der Inhalt anklingen lässt, so ist Jede Nacht auch einfach ein Power-Song. Es ist immer noch der BRKN, der Musik aus Liebe macht, um Menschen zu erreichen und zum Tanzen zu bringen. Der, der das Leben spürt, ob in seinem blitzblank geputzten Golf 6 oder im Royce:
Denk‘ nicht drüber nach, was ihr redet, was ihr wollt Ich wollte nur Liebe, nein, ich wollte nie Erfolg Berkanito hängt die Einser aus dem Fenster von ’nem Royce Scheiß‘ auf euer Geld, ich hab‘ ’n Herz aus purem Gold
Tret‘ den Wagen nachts um drei und ich le-eb‘ Du willst raus, komm, ich zeig‘ dir, wie’s geht Steig ein, mon ami, jetzt oder nie Es zählt nur die Action, alles andre ist Fantasie
Ich fühle hier auf meiner Forever-Lockdown Couch einfach die gleiche Energie, die er wahrscheinlich hatte als er den Song produziert hat. Wenn Live mal irgendwann wieder richtig möglich ist, wird BRKN mit diesem Song jeden Club Deutschlands auseinandernehmen. Beweisstück A ist sein Live-Auftritt vor ein paar Tagen beim ZDF Royale. Absoluter Herzens-Hinweis von mir an dieser Stelle: Wartet auf den Schluss! 🎷 🎷 🎷
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