Autor: Anna N.

  • Pabst im Interview: »Die amerikanische Kultur hat einen großen Einfluss auf unsere Musik«

    Pabst im Interview: »Die amerikanische Kultur hat einen großen Einfluss auf unsere Musik«

    Ehrliche Texte, laute Gitarrenriffe und eine große Portion Energie stecken in den Songs von Pabst. Das Berliner Trio ist bekannt für seinen Garage Rock Sound. Seit ihrer ersten EP 2016 haben die Jungs das ein oder andere Mal ordentlich an ihrer Musik gepfeilt. Anfang September erscheint das mittlerweile dritte Album unter dem Namen „Crushed by the Weight of the World„. Die bisher veröffentlichten Singles mit starken Titeln wie „No Future? No Thanks!“ oder „Locker Room“ geben bereits den Ton an – auf dem neuen Pabst-Album geht es um Überforderung, Zweifel und das Gefühl von „I’m too fucking old for teenage angst“ (aus „No Future? No Thanks!„).

    Bassist Tilman spricht im Interview über die Einflüsse auf die Musik von Pabst, die Gedanken und Gefühle hinter „Crushed by the Weight of the World“ und seinen Eindruck von der deutschen Rock-Musikszene.

    Tilman von Pabst im Interview

    Anna: Hallo Tilman, schön, dass du dir die Zeit nimmst für das Interview heute. Magst du zu Beginn erst einmal die Band Pabst vorstellen (für alle, die euch noch nicht kennen sollten)?

    Tilman: Ja klar! Also wir sind eine klassische Power Rock Band in Drei-Mann-Besetzung, wenn man das so sagen kann – also mit also Schlagzeug, Gitarre und Bass. Wir kommen aus Berlin. Das ist ein relativ simples Konzept, würde ich sagen. Und ich glaube, darum ging es auch als die Band damals gegründet wurde. Ich war lustigerweise nicht dabei, als die Band gegründet wurde, sondern das haben Tore und Erik zusammen gemacht. Aber so die Prämisse des Ganzen war einfach: Nachdem wir alle in verschiedenen anderen Bands gespielt haben, die so ein bisschen elektronischer orientiert waren und wo dann das Songwriting immer komplizierter wurde und immer technischer, dass wir gesagt haben, nein, wir wollen mal wieder zurück zu unseren Wurzeln und uns einfach nur an die Instrumente setzen und dann zusammen Musik machen. Und das hat genau dazu geführt, dass Pabst gegründet wurde.

    Anna: Also würdest du sagen, das macht den typischen Pabst Sound aus: dieser „back to the roots“-approach? So in dem Sinne „Wir haben jetzt wieder klassische Rockmusik“.

    Tilman: Genau. Ich glaube schon, dass es auf jeden Fall eine bewusste Entscheidung von uns war, auch wenn wir jetzt nicht unbedingt nur auf so eine Musik irgendwie versteift sind. Wir haben auch viele andere Genres, die uns beeinflussen. Es ist jetzt gar nicht so, dass wir nur so was wollen wie wir selbst machen. Aber das ist halt das, was wir wahrscheinlich am besten können irgendwie. Und das macht uns auch am meisten Spaß.

    Anna: Ich finde, das hört man auch, dass es euch Spaß macht. Oder zumindest kommt das für mich so rüber. Ich habe gelesen, dass euer Bandname nach der amerikanischen Brauerei „Pabst Brewing“ benannt ist. Welchen Einfluss hat die amerikanische Kultur sonst noch so auf euch und eure Musik oder wie sehr hat sie überhaupt einen Einfluss?

    Tilman: Ja, also ich denke definitiv, dass es ein großer Einfluss ist. Also auch gerade was die Musik angeht. Und das ist ja auch eine Entscheidung als deutsche Band, englische Musik zu machen. Und da ist es bei uns allen so der Fall gewesen, dass eigentlich so die größten musikalischen Vorbilder eigentlich immer aus dem englischsprachigen Raum kamen. Wir haben zwar auch alle irgendwie Punk gehört früher, aber das war wahrscheinlich so eine der grundlegenden musikalischen Erfahrungen und da gab es zwar auch eine deutsche Entsprechung oder sowas, aber bis die rüber geschwappt ist, es hat alles ein bisschen länger gedauert. Aber auch das Thema Grunge ist eigentlich ganz lustig. Das wird uns ja auch immer mal wieder vorgehalten, dass wir so klingen am Ende des Tages. Das ist sicherlich auch voll nachvollziehbar, aber ein Großteil davon haben wir gar nicht bewusst irgendwie konsumiert. Also klar, haben wir alle Nirvana gehört, aber wurden immer mal wieder mit Dinosaur Jr. oder so was verglichen und lustigerweise haben wir alle diese Musik vorher gar nicht gehört bis wir damit irgendwie verglichen wurden. Also vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass es so unbewussten Einfluss auf uns hatte. Manchmal ist man sich seinen Einflüssen wahrscheinlich gar nicht so sehr bewusst. So mag es schon sein, dass gerade die amerikanische Kultur wahrscheinlich einen großen unbewussten Einfluss auf uns hatte, was man gar nicht so sehr nennen kann.

    Anna: Ich finde es auch immer schwierig, das zu vergleichen. Also für mich steht ihr halt eher so in diesem deutschen Band Kosmos zwischen Leoniden, Drens und Bands, mit denen ihr auch zusammenarbeitet. Und ich finde, da hört man dann die Parallelen. Aber das kommt ja wahrscheinlich dann auch. Man hat eben zusammen Songs aufnimmt, dass man dann einen ähnlichen Sound hat.

    Tilman: Es ist spannend irgendwie, weil das ist ja auch eher was, was irgendwie gewachsen ist. Also gerade so mit den Leoniden. Das ist erst seit ein paar Jahren, dass wir uns besser kennengelernt haben. Und da gibt es sicherlich Ähnlichkeiten zwischen unseren Bands, aber sagen wir mal, als das erste Album rauskam, da hatten wir noch überhaupt gar keine Berührungspunkte mit denen. Also ich würde eher sagen, dass wir wie andere Bands klingen aus dem Ausland, aber nicht so sehr wie Leoniden oder Drens oder so was. Obwohl wir natürlich irgendwie eher mit den Jungs verbunden sind, auf eine gewisse Art und Weise.

    Anna: Wie kommt das denn eigentlich? Wie muss ich mir das vorstellen? Klopft dann irgendwann Jakob bei euch an der Tür an und sagt: Ey, lasst doch mal einen Song zusammen aufnehmen oder wie entsteht so was?

    Tilman: Das ist eine gute Frage. Also, wie wir uns das erste Mal getroffen haben, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr so zu 100 %. Auf jeden Fall wurden wir irgendwann eingeladen auf deren Tour damals. Ich glaube, das war 2018 oder 2019. Das war schon mal so einigermaßen überraschend und auch echt cool, dass das alles geklappt hat. Da hat man da irgendwie schon relativ schnell mitgekriegt, dass wir häufig auf ähnlicher Wellenlänge sind. Dann glaube ich, gibt es halt noch eine Verbindung zwischen unseren Produzenten. Also der Produzent von den Leoniden und auch von uns ist der Magnus Wichmann aus Leipzig. Mit dem haben wir immer unsere letzten Alben aufgenommen. Da gibt es, glaube ich, so einige Überschneidungspunkte mit den Leoniden. Und dann war das auch irgendwie in dem Zeitraum, in dem wir unser Album aufgenommen haben. Erik war irgendwie auch im Studio und da kam dann irgendwann die Idee, dass Erik einfach mal zu den Leoniden ins Studio fährt und schaut was geht irgendwie. Daraus hat sich dann das Feature ergeben.

    Anna: Hast du denn auch das Gefühl von der Musikszene, dass es eher so ein Support-Denken ist? Oder auch noch dieses Ellenbogen-Denken?

    Tilman: Schwierig ehrlich gesagt. Ich glaube, man kann sich da schon einen gewissen Zusammenhalt aufbauen. Ich glaube, wenn man Bands erst mal so kennengelernt hat, dann funktioniert es auch ganz gut. Und da ist es eher nicht so, dass man sich so mit den Ellenbogen gegenseitig wegdrückt, sondern schon versucht, irgendwie gemeinsam zu wuppen. Aber ich glaube, es ist relativ schwer, überhaupt Kontakte so richtig gut herzustellen. Wir sind zum Beispiel auch nicht irgendeiner bestimmten Szene oder sowas angehörig. Also es gibt ja genug Szene-Musik, die dann in bestimmten Szenen gut funktioniert und da haben wir zumindest nicht irgendwie das Gefühl, dass wir da irgendwo so rein gehören. Vielleicht gibt es ja eine Rock oder Garage-Szene oder so in Deutschland und wir wissen einfach nur nicht davon. Aber so richtig haben wir das Gefühl, gibt es das nicht. Ich glaube, das basiert nicht auf Ellenbogen-Denken in dem Fall. Also es ist jetzt nicht so, als würden sich die Bands es nicht gegenseitig gönnen, sondern da muss schon irgend so eine Art Hürde davor sein.

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    Anna: Ja gut, das Empfinden habe ich auch, aber es ist natürlich auch ein bisschen herum philosophiert. Ich bin gestern so ein bisschen durch euren Instagram Feed  gescrollt und habe mich da bei jedem zweiten Foto gefragt, wie viele Instrumente ihr auf so einer durchschnittlichen Tour zerstört?

    Tilman: (lacht) Also, ich weiß, dass Erik als wir jetzt in Madrid gespielt haben, am Wochenende zum Ersten Mal eine Gitarre kaputt gemacht hat live. Aber nicht willentlich. Also nicht, dass er die irgendwie geschrottet hatte, wie auf einen Verstärker oder sowas gekloppt hat, sondern es ging dagegen einfach nur was kaputt. Wir sind eigentlich relativ vorsichtig mit den Instrumenten, die wir haben, weil wir kein Bock haben, dass die Dinger kaputtgehen. Wir könnten es uns auf jeden Fall nicht leisten, alle dre Tourtermine neue Instrumente anschaffen zu müssen. Also klar, Drumsticks gehen schon so gefühlt zehn bei einem Konzert durch. Aber so was wie Gitarren und was das angeht, da sind wir dann doch relativ vorsichtig. Sieht dann vielleicht ein bisschen wilder aus, als es ist.

    Anna: Okay, das beruhigt mich etwas.

    Tilman: Also wir haben in dem einen Video zu „No Future? No Thanks!“, da haben wir tatsächlich mal Instrumente zerstört. Es war wirklich das erste Mal, dass wir das gemacht haben und so den Rockstar-Traum ausgelebt quasi. Aber normalerweise sind wir da eigentlich sehr verhalten, was das angeht und wollen, dass alles so bleibt.

    Anna: Aber fühlt sich das gut an, die zu zerstören auf der einen Seite oder denkt man sich „Scheiße, jetzt muss ich ein neues holen“?

    Tilman: Also es waren extra Sachen, die wir gekauft haben, damit die kaputt gehen können. Also wir haben wirklich für den Videodreh so für 100 € oder so was die Gitarren geholt oder weniger. Ich glaube so 60€.Auf jeden Fall war es irgendwie das Billigste, was es bei Ebay Kleinanzeigen gab und auch einigermaßen cool aussah. Wie sich das anfühlt, ist eigentlich mega lustig, weil sich das super schwer anfühlt. Es sieht immer so easy aus, dass einer mit einer Gitarre auf den Boden einkloppt, aber so einfach ist das gar nicht. Du musst da wirklich zehnmal rauf kloppen, bis irgendwas passiert. Die sind echt mega robust!

    Anna: Okay, dann lass uns mal ein bisschen über das neue Album reden, das ja Anfang September rauskommt. Und das wird „Crushed by the weight of the World“ heißen. Was können wir uns von dem Album erhoffen? Nach den ersten drei Singles, die jetzt schon raus sind.

    Tilman: Ich glaube, es wird das Album, wo wir ein bisschen spielerischer geworden sind. Es ist nicht mehr so geradlinig wie das vorherige. Und wir haben versucht, uns unseren Ideen noch mal ein bisschen mehr hinzugeben und denen mehr Raum zu lassen. Es gibt zum Beispiel ein paar mehr Synthesizer. Das wurde in den ersten Singles des neuen Albums ja auch schon so ein bisschen angedeutet, dass alles etwas gradliniger ist. Also das Album „Deuce ex Machina“ war halt wirklich so, dass wir da ins Studio gegangen sind, die Songs fertig gemacht haben und dann hat man nicht mehr viel Zeit damit verbracht. Oder wir hatten auch generell nur wenig Zeit, weil wir halt nicht so ein Budget hatten. Diesmal haben wir uns aber bewusst ein bisschen mehr Zeit genommen und irgendwie links und rechts noch ein paar Sachen ausprobiert. Ich glaube, das hört man dem Album auch an, dass es etwas durchdachter an der einen oder anderen Stelle ist.

    Anna: In den Songs merkt man auch, dass ihr thematisch sehr direkt da rangeht und sagt „hey, wir fühlen uns irgendwie komisch, aber es ist nicht mehr so dieses Teenage Angst Ding“. Ist das auch so das Thema, was sich durch das Album durchzieht oder kommen da noch andere Dinge auf?

    Tilman: Das ist durchaus das große Überthema, da es auch relativ pragmatisch mit dem Albumtitel zusammenhängt. Wir sagen es ganz deutlich mit dem „Crushed by The Weight Of The World“ Gefühl, also dass es so viele schreckliche Dinge gibt auf der ganzen Welt. Es können ja auch so kleine Tragödien sein, die nur für einen selber gelten. Da fragt man sich manchmal einfach selbst: Wie halte ich das alles noch aus? Wo ist der Ausweg bei dem Ganzen? Da gibt es wirklich viele Sachen, die da irgendwie mit reinspielen. Deshalb ist es auch ein bisschen dunkler geworden. Das Artwork ist auch komplett schwarz und weiß. Das war auch eine sehr bewusste Entscheidung. Die alten Alben waren da alle eher sehr bunt, kindisch und verspielt gestaltet.

    Anna: Bei welchem Song freust du dich am meisten, ihn jetzt auf Tour und auf Festivals live zu spielen?

    Tilman: Gute Frage. Ich glaube momentan ist das „Mercy Stroke“. Der macht richtig Spaß. Man merkt, die Leute haben ihn auch schon gehört und Bock, da mitzumachen. Aber ich mag auch „Daddy’s Boy“ sehr gerne. Der ist nämlich wirklich ein bisschen anders als unsere bisherigen Songs, würde ich sagen.

    Anna: Auf welche Weise anders?

    Tilman: Wir gehen nicht ganz so stark nach vorne, würde ich sagen. Also es ist auf jeden Fall nicht so eine schnelle Nummer, sondern ein bisschen langsamer, ein bisschen anders aufgeschrieben. Jetzt wird es spannend das live umzusetzen. Also wir haben ihn natürlich so geschrieben, dass wir den auch live spielen können. Und es gibt aber noch so ein paar Feinheiten, die wir gerne an dem live noch irgendwie verändern wollen würden. Ich würde da noch gerne ein weiteres Instrument mit hinzufügen. Also in meiner Vorstellung funktioniert es gut. Leider fehlt noch dieses eine Instrument, was ich mir leihen muss und dann kann es losgehen. Aber ich glaube auf der Tour spätestens wird das.

    Anna: Welches Instrument fehlt dir denn noch?

    Tilman: Ein Bass Synthesizer, der dafür gedacht ist, dass man ihn mit dem Fuß spielt. Also da hat man dann quasi so eine große weiße Klaviatur vor sich, die man halt wirklich mit den Füßen bedient. Und da kommen dann Bass Töne raus. In meinen Gedanken stelle ich mir das sehr cool vor!

    Anna: Ja, da bin ich gespannt, wie das dann live klingt. Dann lass uns doch noch kurz mal rüber zum Sziget Festival Kosmos wechseln – da spielt ihr ja als nächstes. Wart ihr oder warst du schon mal privat oder als Band in Budapest?

    Tilman: Also nicht auf dem Festival. Ich habe schon mal mit einer anderen Band auf so einem Boot gespielt. Ich bin aber sehr gespannt auf das Festival! Die ganze Band ist richtig heiß drauf.

    Anna: Worauf freust du dich da schon am meisten?

    Tilman: Wir hatten ja jetzt vor kurzem das erste andere große internationale Festival und ich finde, dass es so viel mehr Spaß macht, im Ausland auf Festivals zu gehen, als irgendwie zu Hause. Also da freuen wir uns auf jeden Fall schon mega drauf, dass wir in dem Umfeld von so vielen Künstler*innen unterwegs sein können und auch so ein paar echt gute Bands zu sehen bekommen. Leider bleibt nur meistens nicht so viel Zeit, sich selbst Bands anzuschauen, weil wir schon direkt zum nächsten Gig weiterfahren müssen – vor allem, wenn es etwas weiter weg ist. Also wir sind wahrscheinlich insgesamt drei Tage unterwegs mit allem.

    Anna: Das klingt auch echt nicht ohne! Aber trotzdem cool, dass ihr zumindest noch ein paar Konzerte mitnehmt. Kommen wir zur letzten Frage im Interview und das ist bei uns immer die Frage nach einer untold story!

    Tilman: Da fällt mir sogar direkt was ein! Das muss auch direkt in einer unserer ersten Festival Sommer gewesen sein. Es war glaube ich 2018 oder so. Wir haben auf dem „Jenseits von Millionen“ Festival in Fridland, irgendwo in Brandenburg gespielt. Es war schon relativ spät am Abend und wir hatten echt so einen ganz coolen Slot eigentlich. Wir hatten alle schon richtig Lust irgendwie, aber es war auch schon ein langer Tag, weil wir sehr lange gefahren sind. Dann hat sich jeder schon so sein erstes alkoholisches Kaltgetränk geholt und vielleicht auch noch ein zweites und drittes getrunken. Naja, auf jeden Fall waren dann alle recht hyped als wir gespielt haben. Irgendwann mitten im Set war ich ganz gut dabei und habe mich dann mehrfach um mich selbst gedreht, was ich so manchmal mache. Und irgendwann hatte ich aber keinen Boden mehr unter den Füßen. Ich hab es gar nicht mitgekriegt im ersten Moment. Und dann, eine Sekunde später, lag ich im Graben zwischen Bühne und Publikum und bin dann so ein bisschen benebelt wieder aufgewacht. Ich weiß gar nicht, ob ich da kurz benommen war oder nicht oder ob ich nur so runtergefallen bin und direkt wieder los. Ich lag dann da und hab mich gefragt: Wie bin ich denn hier gelandet? Irgendwie dachte ich in dem Moment nur, ich muss sofort weiterspielen. Ich muss sofort wieder auf die Bühne. Der Song ist noch nicht zu Ende. Das muss weitergehen. Und dann bin ich auf die Bühne und hab schnell versucht, den Song zu Ende zu spielen. So gegen Ende des Set ging es mir langsam durch meinen Kopf, was gerade passiert ist. Als wir dann danach zusammengebaut haben, habe ich mir das mal angeguckt und ich hatte echt ein mega Glück gehabt, dass ich da nicht irgendwo drauf gefallen bin. Das waren wirklich nur so ein paar Abstufungen. Direkt daneben war irgendwie noch der Ständer für so eine Lichtanlage oder sowas. Das war halt wirklich so eine riesige Schraube, die war einen Meter hoch und ich bin so ganz knapp daneben gelandet. Ja, das war auf jeden Fall Glück im Unglück, würde ich sagen. Aber schon immer wieder crazy, wenn ich drüber nachdenke.

    Anna: Klingt auf jeden Fall so! Da sind wir alle froh, dass du an die richtige Stelle gefallen bist und nicht diese Schraube mitgenommen hast. Danke trotzdem, dass du die Geschichte geteilt hast und danke für das Interview!

    Tilman: Gerne doch, hat mich auch gefreut. Mach’s gut!

    Das Album „Crushed by the Weight of the World“ kommt zwar erst am 02. September raus, hier könnt ihr euch aber schonmal ordentlich einstimmen und die bisher veröffentlichten Songs von Pabst pumpen:

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    Fotocredit: Roberto Brundo

  • Razz im Interview zu „Everything You Will Ever Need“: »Das ist Razz 2.0«

    Razz im Interview zu „Everything You Will Ever Need“: »Das ist Razz 2.0«

    Mittlerweile sind sie schon eine feste Größe im Indie-Kosmos Deutschland’s und dürfen in keiner guten Release-Playlist fehlen: Razz. Die vier Jungs aus Berlin haben ihr drittes Album unter dem Namen „Everything You Will Ever Need“ veröffentlicht. Mit einem deutlich poppigeren Sound und nachdenklichen Texten zeigt sich die Band in neuem Gewand. Für die alteingesessenen Razz-Fans dürfte das aber kein Schock sein, denn mit der zuletzt veröffentlichten EP „Might delete later“ kündigten Niklas, Steffen, Christian und Lukas bereits an: So wird Razz 2.0 nach gut drei Jahren Release-Pause klingen!

    Sänger Niklas gibt im Interview einen Einblick hinter die Fassade und erklärt, wie es zu dem neuen Sound kommt. Außerdem gibt’s zu lesen, warum er sich nicht mehr mit den Songs aus 2015 identifizieren kann, wie es zu dem Kurzfilm in den Musikvideos zum Album kam und welches Verhältnis er noch zu seiner Heimat hat. Wer dazu noch wissen will, was es mit dem Mann und der Kettensäge auf sich hat, dem empfehle ich bis zum Ende dran zu bleiben. Lohnt sich, versprochen. Jetzt geht’s aber los!

    Razz im Interview

    Anna: Hallo Niklas. Schön, dass du dir die Zeit genommen hast und mit mir ein bisschen  über euer neues Album „Everything You Will Ever Need“ redest. Zu Beginn aber erstmal eine ganz andere, banale Frage:  Gibt es ein Konzert, auf das du persönlich hingehst in nächster Zeit oder hast du da gar keine Zeit zu?

    Niklas: Also 24/7 nur beschäftigt sind wir zum Glück nicht. Nein, ich habe Gott sei Dank ein Privatleben. (lacht) ich muss mal schauen. Ich hatte gerade überlegt, das letzte Konzert, auf dem ich war, war bei KAYTRANADA. Der hat im Festsaal gespielt. Das war unfassbar gut. Und dann sehe ich gerade in meinem Kalender – da hätte ich mich drauf gefreut – Olivia Rodrigo. Das habe ich aber leider nicht geschafft. Dann habe ich noch überlegt, zu Betterov zu gehen.

    Anna: Oh ja, das Konzert hab ich vorhin auch in meine Mails eintrudeln sehen und würde super gerne hingehen. Da ärgere ich mich dann jedes Mal, dass ich nicht in Berlin wohne. Sing also ne Runde für mich mit!

    Niklas: Ah, wie ärgerlich. Er spielt auf jeden Fall im gleichen Club, wo wir jetzt auch auf der Tour waren. Dennis, der Gitarrist von Betterov, hat unser Album mitproduziert und ist da jetzt live als Gitarrist dabei. Hab ihn noch letzte Woche getroffen und da haben wir darüber gequatscht. Da hätte ich auf jeden Fall mega Bock drauf.

    Anna: Die Vorband ist auch ganz cool: Cinemagraph! Ich weiß nicht, ob du die schon kennst.

    Niklas: Warte mal, das sagt mir sogar was. Lass mich mal kurz schauen. Ich öffne mein Spotify. (vertieft in sein Handy) Nee, kenn ich doch nicht, aber sieht gut aus. Welchen Song kannst du empfehlen? In welchen Song muss ich reinhören?

    Anna: Ich glaube, der bekannteste ist „Smiling Face“. Aber ich mag auch den neuen ganz gerne „I Hate That We’ll Be Strangers In A While“ – das gibt mehr sehr große The 1975-Vibes.

    Niklas: Oho, dann bin ich ja gespannt. Ich hab beide Songs jetzt mal gespeichert. Danke. Ich freue mich immer über neue Musikempfehlungen.

    Von Tour-Alltag und Zukunftsgedanken

    Anna: Gerne doch! Aber kommen wir zurück zu Razz und dir. Wie fühlst du dich jetzt gerade vor Release des Albums? Ich glaube, Konzerte und Touren habt ihr jetzt gerade durch und es kommt so ein bisschen die Ruhe vor dem Sturm auf.

    Niklas: Ja, wir spielen jetzt noch einige Festivals. Haben nach der Tour auch schon wieder zwei, drei Festivals gespielt. Die Tour an sich hat mir ultra viel gegeben. Auf jeden Fall. Nach dieser langen Durststrecke war es mal wieder krass geil. Deswegen machen wir ja auch Musik. Das mit den Leuten interagieren oder halt auch die Songs live zu spielen war schon immer sehr essenziell und eine große Komponente. Und sonst? Ja, wir sind in den letzten Zügen von den Vorbereitungen. Das ist dann immer so mega unromantisch. Also ich freue mich schon, aber es ist gar nicht so die krasse Vorfreude, die man eigentlich immer erwartet, weil dieses Album ja schon ein bisschen länger fertig ist. Und man hat jetzt die alten Songs schon tausendmal gehört. Ich freue mich dann immer eher wieder die Songs live zu spielen. Ja und dann ist gerade mehr so die Planung in die Richtung: was geht danach schon wieder? Und so was.

    Die Entstehungsgeschichte von „Everything You Will Ever Need“

    Anna: Krass, ja das ist dann wohl mein Zeitpunkt, jetzt mal ein bisschen auf das Album direkt einzugehen. Wie, wann und in welcher Phase sind die Songs so entstanden? Das sind  ja ganz schön ne Menge Songs. Aber dann sind natürlich auch zwei Singles von der EP mit dabei. Wie ist es dazu gekommen?

    Niklas: Die EP und das Album sind so ein bisschen aus einem Guss. Also es ist ganz witzig, weil wir sehr viele Sessions hatten und ein paar Songs schon fertig waren. Und wir haben dann immer wieder weitergeschrieben und sind ins Studio. Aber das gehört für mich so ein bisschen zusammen. Ich weiß gar nicht, wie lange es war. Ich glaube, wir haben Ende 2019 angefangen zu schreiben und uns ein bisschen überlegt: Wie soll es klingen und in welche Richtung soll es gehen? Von daher hat sich das ziemlich gezogen und EP und Album sind zusammen entstanden. Deswegen ist das auch so ein bisschen der Grund, warum „Like You“ und „1969 – Conrad“ mit aufs Album gekommen sind. Sie schlagen glaube ich eine gute Brücke zu dem Album. Aber wir haben schon irgendwie so knapp zwei Jahre dran geschrieben. Das war erst ein kleiner Hustle, weil wir nicht genau wussten, ob das jetzt wirklich die Songs sind, die Razz 2.0 einläuten. Dann hatten wir aber so schnell noch mehr Songs geschrieben und „Ocean“ stand irgendwie auch so für sich, da musste einfach eine EP her. Wir hatten auch einfach Lust und haben uns dann entschieden, jetzt schon mal was rausbringen. Wir haben Songs, mit denen wir happy sind und dann machen wir einfach weiter und machen ein Album danach.

    Anna: Heißt das, dass „might delete later“ dann auch gelöscht wird, sobald das Album raus ist?

    Niklas: (lacht)Ne! Aber das wäre auf jeden Fall ein starker Move, wenn wir einfach so das Album oder die EP löschen würden. Es bleibt zumindest erstmal noch überall verfügbar und man kann es auch kaufen. Aber vielleicht in irgendeiner Zukunft. Das wäre auch eigentlich mal ein guter Kaufanreiz.

    Wenn man selbst der größte Fan vom eigenen Merch ist

    Anna: Du gehst ja auch mit gutem Beispiel voran und trägst euren eigenen Merch, wie ich sehe.

    Niklas: Haha ja, aber das war gar nicht mit Absicht. Ich find das T-Shirt einfach echt cool. Christian designt ja unseren Merch selbst. Von daher ist es ja gar nicht so sehr als unser Merch zu sehen. Aber ich bin da eher ein Fan von Christian’s Design, auch wenn das quasi meine Kritzeleien und meine Schrift ist. Aber zumindest Christian’s Idee. Ich supporte also auch Christian damit.

    Anna: Du musst dich gar nicht rechtfertigen, ich finde den Merch auch ziemlich schön. Da hat Christian einen guten Job gemacht. Ich finde es ist ja auch nicht so „in your face – das ist Razz Merch“, es stehen halt Lyrics von Songs drauf.

    Niklas: Ja, genau, das war uns auch sehr wichtig, dass es so ist. Ich mag das auch gar nicht, wenn auf dem Merch fett Albumtitel und vielleicht Bandname steht oder was weiß ich. Von daher war irgendwie das Augenmerk bei uns, ein bisschen mehr darauf, was irgendwie cool aussieht.

    Anna: Ich bin auch gespannt, wie die die Shirts alles aussehen, die ihr letztens selbst bemalt habt für die Sondereditionen von den Vinyls.

    Niklas: Da bin ich auch sehr gespannt. Aber ich glaube, einige trägt Christian gerade schon so ein bisschen warm. Also wir haben es ja selbst gemacht und hatten einen Kumpel dabei, Olli, der ultra gute Ideen hatte. Christian fand die Shirts so geil, dass er sich so zwei drei Stück gesneaked hat und die einfach andauernd selbst trägt. Wir müssen ihm noch irgendwie beibringen, dass die auch wieder mit in die Deluxe-Box müssen.

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    Anna: So ein, zwei Wochen hat er dann ja noch. Ok, zurück zum Album: Würdest du sagen, es gibt ein Hauptthema auf dem Album, das sich so thematisch durchzieht?

    Niklas: Im Gegensatz zu der EP ist das Album auf jeden Fall ein bisschen introvertierter, also auch sehr viel persönlicher. Also die EP ist ein bisschen mehr nach außen gerichtet und auf die Gesellschaft bezogen.Bei dem Album ist ein Thema, was auf jeden Fall dominiert oder häufig vorkommt dieser Heartbreak-Trennungs-Kosmos. Und ja, gleichzeitig auch so meine Gefühlslage,die ein bisschen in die deprimierende Musikrichtung geht und die ich hatte, als wir das Album geschrieben haben. Und das sind so die zwei Hauptthemen. Teilweise ist da aber auch so ein Funke an Euphorie oder Hoffnung immer dabei. Aber es ist schon sehr viel Nachdenkliches auf jeden Fall so grundsätzlich.

    Anna: Ich finde gerade auch die zwei Singles, die von der EP schon kommen, sind eher euphorisch als der Rest.

    Niklas: Textlich sind beide relativ euphorisch, das stimmt. Also ich finde es persönlich immer interessanter, wenn es ein bisschen offen gehalten ist. Aber die Hintergedanken bei den Songs sind auch schon sehr dystopisch. Vielleicht ein bisschen übertrieben, aber es sind Dinge, die mich genervt haben. Also beispielsweise dieses ständige Vermarkten müssen oder sich präsentieren müssen auf irgendwelchen Social Media Plattformen. Während und generell beim Album schreiben ist mir aufgefallen, dass wir in unserer Generation viel Wert auf Selbstverwirklichung legen. Also uns ist es wichtig, dass wir nicht nur sagen, dass wir welchen Job auch immer nehmen, sondern es soll schön sein und es muss Spaß machen. Du musst einfach happy damit sein. Und genau diese Generationsfrage ist da glaube ich noch mehr dabei in den Texten. Ich glaube, Corona war ein bisschen wie ein Brennglas, dass jeder sich so krass mit sich selbst konfrontiert fühlte und konfrontieren musste. Das hat das Album auf jeden Fall auch maßgeblich mit beeinflusst.

    „Manchmal frage ich mich auch: Was ist genau überhaupt das Problem? Da hilft das Songwriting“

    Anna: Hilft dir das dann, wenn du die Songtexte schreibst, selbst zu reflektieren und das aufzuschreiben und dadurch besser damit klar zu kommen?

    Niklas: Gute Frage. Ich glaube grundsätzlich, also ganz grundsätzlich glaube ich, dass Tagebuch führen oder Gedanken aufschreiben, super hilfreich sein kann. Dementsprechend glaube ich auch, dass es hilft, wenn man seine Gedanken ordnet und es in Songs aufschreibt. Manchmal frage ich mich auch: Was ist genau überhaupt das Problem und warum fühle ich gerade so? Ich glaube, da helfen Songs oder allgemein das Runterschreiben von Dingen auf jeden Fall, um das zu ordnen und klarer zu gestalten.

    Anna: Ja. Kann ich mir vorstellen. Ich wünschte auch manchmal, ich wäre so ein Mensch, der Tagebuch schreibt.

    Niklas: Aber das kannst du ja ganz einfach anfangen.

    Anna: Ja, das sagt man sich dann immer, aber macht es dann doch nicht.

    Niklas: Aber du musst es ja auch nicht regelmäßig machen. Ich schreibe auch kein Tagebuch, aber ich weiß von vielen Freunden auch oder Freundinnen, die das machen und das dann vielleicht auch eher unregelmäßig machen. Nur, wenn man vielleicht gerade den Drang dazu hat, etwas runter zu schreiben oder sich über irgendwas klar zu werden, kann es auf jeden Fall sehr hilfreich sein. Also dementsprechend einfach ein kleines Büchlein kaufen. Dann kann man immer wenn es einem gut geht oder vielleicht auch nicht gut geht, das dann runter zu schreiben.

    Anna: Ja doch, ich glaube auch, dass es wirklich hilft zur Reflexion.

    Niklas: Ja, voll! Also einfach den Vergleich zu haben, dann zu merken, wie habe ich die Situation vielleicht gehändelt und wie würde ich das eigentlich machen.

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    Anna: Ich wollte auch noch mal auf die Musikvideos eingehen zu den Singles, die bisher veröffentlicht sind. Es ist ja quasi ein durchgängiger Kurzfilm, wenn man die alle hintereinander schaut. Aber wie seid ihr auf die Geschichte gekommen? Sie hat sich jetzt irgendwie auch noch nicht so ganz fertig angefühlt.

    Niklas: Ja, das war so ein bisschen auch die Intention, das offen zu lassen. Die vierte Episode ist tatsächlich aber auch die letzte Episode. Wir haben uns ganz am Anfang gedacht: Okay, wir haben nicht so Bock auf einzelne Musikvideos. Wir hatten das Gefühl, dass wenn wir ein Musikvideo einfach so ins World Wide Web rein schießen, dann verpufft es einfach so. Das ist als Musiker*in glaube ich sehr schwierig. Es hat für mich irgendwie so was Belangloses. Und auch, weil so ein Album ein ganzes, zusammenhängendes Konstrukt ist, war unsere Idee eben einfach, vielleicht auch bei den Musikvideos was Zusammenhängendes zu machen. Also warum keinen Kurzfilm, der vielleicht mit einer Handlung zusammenhängt? Wir haben schnell gemerkt, dass eine Handlung vielleicht ein bisschen zu aufwendig oder zu verwirrend ist und haben dann diese drei Handlungsstränge genommen, die aber untereinander verwoben sind. Das Ganze haben wir im Oktober letzten Jahres geplant. Dann haben wir Jen Krause angeschrieben auf Instagram ganz spontan und die hatte da auch Bock drauf. Wir haben so zwei, drei Monate mit der Planung verbracht. Ich glaube die Stories können ein bisschen verwirrend sein, weil man sich manchmal den Sinn noch selbst suchen muss. Aber das finde ich manchmal ganz interessant und man muss es wahrscheinlich auch sehr aufmerksam schauen, dass man alle Storylines untereinander checkt. Aber wir mussten das schon ein bisschen vereinfachen. Also das heißt, das Grundgefühl haben wir dann von den Songs genommen und das in den Videos verpackt. Aber es war uns eben wichtig, dass es zusammenhängend ist und nicht nur so ein einzelnes Musikvideo.

    Anna: Ich finde, das hat echt gut geklappt!

    Niklas: Das freut mich, danke.

    Zwischen Hoffnung und Sicherheit

    Anna: Gibt es irgendwelche bestimmten Hoffnungen und Erwartungen, die du dem Album gegenüber hast? Oder hast du Angst vor bestimmten Reaktionen?

    Niklas: Angst tatsächlich nicht so. Ich habe generell immer so ein paar grundlegende Selbstzweifel, aber das ist jetzt nicht bei dem Album schlimmer. Ich kann auch sagen, dass ich mich relativ wohlfühle mit dem Album. Ich finde es ist ein sehr guter Querschnitt von Razz geworden. Eigentlich genauso, wie wir uns das vorgestellt haben. Naja und so eine klassische Hoffnung ist natürlich, dass wir gut in die Charts einsteigen.  Aber es kommt immer darauf an, welche Releases noch da sind. Ich weiß nur, dass wir mit den letzten Alben auch immer direkt eingestiegen sind. Also es war schon so eine kontinuierliche Steigerung. Von daher müsste jetzt das jetzige Album, wenn man dem nachgeht, höher starten als das letzte. Das wäre natürlich schön.

    Wie klingt denn jetzt Razz 2.0?

    Anna: Das bringt mich auch zum anderen Punkt, den du bereits angesprochen hast: Razz 2.0. Ihr seid als Band ja 2012, 2013 gestartet. Das ist offensichtlich schon sehr lange her und seitdem ist sehr viel passiert, ihr wart sehr jung und in einer ganz anderen Lebensphase. Das ist jetzt ein ziemlicher Break, der zwischen „Nocturnal“ und „Everything You Will Ever Need“ liegt. Was ist der grundlegende Unterschied zwischen Razz 1.0 und Razz 2.0 und warum?

    Niklas: Es gibt auf jeden Fall mehrere Sachen, die anders sind. Gerade bei den ersten beiden Alben, beim ersten aber noch viel mehr. Da habe ich sehr viele der Songs auf der Gitarre geschrieben, mit so einer gewissen Naivität. Und das gleiche haben wir jetzt bei dem Album gehabt, wo ich sehr viel auf dem Klavier geschrieben habe und. Ich bin jetzt nicht kein hammermäßig guter Pianist, aber vieles funktioniert und ich verstehe alles, wenn ich es analysieren würde. Aber ich finde es immer ganz spannend, wenn man sich an ein Instrument setzt und nicht zu sehr drüber nachdenkt und dann auch einfach Sachen passieren, die man nicht überlegt, sondern einfach macht, weil es gerade funktioniert. Und damit hatten wir diesen Effekt, den wir früher an der Gitarre hatten. Aber wie du ja auch meintest, es liegen knapp zehn Jahre dazwischen. Also die Texte behandeln auf jeden Fall andere Themen. Gleichzeitig hat sich natürlich auch unser Musikgeschmack verändert. Ich höre immer noch oft, dass wir mit Kings of Leon verglichen werden, aber die habe ich zum Beispiel schon ewig nicht mehr gehört oder würde sie auch nur voll selten hören –  auch eher aus nostalgischen Gründen. Es ist also auch schon so ein bisschen ein anderer Stil. Ich glaube auch poppig, ohne es irgendwie abwertend zu meinen. Ich mag Popmusik und ich glaube, das Album ist auf jeden Fall auch Popmusik im guten Sinne.

    „Es fällt mir schwer, mich mit den Songs von vor zehn Jahren zu identifizieren“

    Anna: Würde ich auch so unterschreiben. Vor allem auch im Vergleich zu den älteren Songs, die ja eher rockig sind. Magst du die alten Songs trotzdem noch? Spielt ihr die auch noch gerne auf Konzerten oder ist es eher so, dass ihr die einfach nicht mehr fühlt?

    Niklas: So eine Mischung, würd ich sagen. Für mich macht Musik mehr aus als nur schön zu sein. Unterhalten zu werden ist auch wichtig. Und das soll nicht heißen, dass unsere Musik mich nicht unterhält. Aber dadurch, dass ich die Songs schon tausendmal gehört habe und selbst geschrieben habe, weiß ich, was passiert ist und mir ist diese Spannung irgendwie genommen. Und wenn man halt andere Musik hört, dann ist man natürlich überrascht von Melodien oder Ideen, auf die man persönlich nicht selbst gekommen ist. Das fällt natürlich bei der eigenen Musik weg. Ich denke aber auch, ich finde es interessant, wenn Leute ihre eigene Musik hören. Finde ich immer faszinierend. Ich finde es nur teilweise schwer. Oder es fällt mir schwer, mich mit den Songs von vor zehn Jahren, die ich geschrieben habe, als ich 14 oder 15 war, zu identifizieren. Wir spielen einige der Songs teilweise trotzdem noch. Auch wenn immer man sich immer mit den aktuelleren Sachen mehr identifizieren kann, weil es einfach näher an dem persönlichen Geschmack ist. Also wir spielen schon mehr von den neuen Songs.

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    Anna: Hast du einen persönlichen Lieblingssong auf dem Album?

    Niklas: Das variiert immer so ein bisschen. Also bis vor ein paar Wochen war es „Lately„. Den finde ich gut, weil es ein Song ist, der ein bisschen heraussticht und einen etwas anderen Vibe hat. Finde ich zumindest. Wir haben auf der Tour auch „Rome“ gespielt, einer der Songs, die vorab noch nicht veröffentlicht waren. Der hat live ultra gut funktioniert und kam auch super gut an. Die Jungs wurden erst teilweise auf der Tour von dem Song überzeugt. Deswegen ist das jetzt gerade so ein bisschen mein Favorit. Obwohl es auch ein Song ist, den man nicht beim ersten Mal direkt bemerkt oder der direkt auffallen würde. Den muss man kurz bewusst hören.

    Ein bisschen Nostalgie für die Seele

    Anna: Genau, da muss ich leider gestehen, dass es mir bisher genauso ging, aber vielleicht bekomme ich jetzt einen besseren Zugang zu dem Song. Springen wir noch einmal etwas zurück in der Zeit: das letzte Mal, dass ich dich interviewt habe war 2018 auf dem Rocken am Brocken. Damals noch für das Campusradio Hannover. Ist also schon ein bisschen länger her. Das Interview habe ich mir gestern auch noch angehört und es ist echt einfach cringe.

    Niklas: Wahrscheinlich für beide Seiten.

    Anna: Ja, das stimmt wahrscheinlich. Naja, aber worauf ich hinaus wollte ist, dass du damals gesagt, dass du dich potenziell noch deiner Heimat immer sehr verbunden fühlst. Und ich wollte mal fragen, ob das jetzt immer noch so ist. Würdest du das jetzt vier Jahre später auch noch so unterschreiben?

    Niklas: Witzig, weil 2018 sind wir umgezogen. Rocken am Brocken war sogar genau das Wochenende, an dem wir umgezogen sind.

    Anna: Ach echt? Was ein Zufall!

    Niklas: Ja, an dem Wochenende vom Rocken am Brocken haben wir die ganze Zeit unseren ganzen Musik Kram dabei gehabt, aber dann hatte jeder noch so ein, zwei Koffer dabei und dann sind wir direkt weiter nach Berlin. Aber auf die Frage zurück: grundsätzlich ja. Heimat ist irgendwie immer Heimat. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Heimat und Zuhause. Und ich glaube, diese kleine, komische, abgefuckte, ländliche Gegend, aus der wir kommen, wird auch immer noch unsere Heimat bleiben. Oder zumindest meine.

    Anna: Du darfst sie ruhig benennen, wenn du möchtest. Das ist nämlich auch meine Heimat.

    Niklas: Ok, also es geht um das Emsland. Wo kommst du dort her?

    Anna: Ich bin in eine Vorort von Lingen aufgewachsen.

    Die Heimat auf dem Land als Reset-Knopf vom Großstadt-Chaos

    Niklas: Achja, lustig, aber da ist Schöhningsdorf dann wohl doch nochmal etwas kleiner. Ich spüre die Verbundenheit zu dem Ort auf jeden Fall noch. Aber ich fühle mich auf jeden Fall jetzt gerade wohler in Berlin. Einfach weil das Angebot größer ist. Alleine die Leute, die man hier trifft. Wenn ich Lust habe, mega krasse Musiker oder Musikerinnen zu sehen, dann ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass die in den nächsten ein, zwei Wochen hier irgendwo spielen und ich die Möglichkeit habe, die zu sehen. Das ist einfach mega geil. Aber auch das kulturelle Angebot ist einfach so viel besser. Ich bin echt ein enormer Großstadt Fan geworden. Aber ich mags auch immer wieder nach Hause zu kommen, weil es halt einfach wie so ein kleiner Reset Knopf ist und meine Familie ist ja noch da. Also so ganz weg werde ich davon eh nicht kommen. Aber das ist auch, solange die da sind, noch gut.

    Anna: Da ich muss sagen, ich habe das auch in den Corona-Zeiten ein bisschen mehr wertschätzen gelernt. Weil man halt einfach dadurch, dass in der Großstadt dann nichts ging, man dann da so einen Ort der Zuflucht hatte. Also einfach im Emsland in den Wald gehen und rauskam. Man hatte halt viel mehr Möglichkeiten sich irgendwo aufzuhalten.

    Niklas: Ja voll! Wenn man mal so bedenkt, dass alles was eine Großstadt wie Berlin ausmacht, weg ist, wenn Corona ist. Also all die Vorzüge sind irgendwie nicht mehr da. Aber all die Vorzüge, die man in ländlichen Regionen hat, bleiben aber bestehen, weil sie nicht so abhängig sind von irgendwelchen Restriktionen oder was auch immer. Deswegen war es da auf jeden Fall entspannter, da zu sein.

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    Anna: Da stimme ich dir voll und ganz zu! Okay, ich habe noch zwei Fragen. Undzwar gibt es, bis auf das Feature mit Giant Rooks vor ein paar Jahren, nur eigene Songs  von euch und keine Features – ich habe zumindest keine gefunden. Hat das einen bestimmten Grund?

    Niklas: Nö, nicht so richtig. Ich finde halt Features ergeben sich meistens einfach so und bei den Rookies war es so. Findest du nur ein Feature untypisch?

    Anna: Gefühlt schon, ja – vor allem dafür, dass ihr schon ein paar Alben draußen habt, ist ja sonst oft.

    Niklas: Ich glaube das ergibt sich einfach wirklich. Also es war gar keine bewusste Entscheidung bei uns.

    Der Mann mit der Kettensäge

    Anna: Die Abschlussfrage in allen unseren untoldency Interviews ist die nach einer untold Story: also eine Geschichte, die du am besten bisher in keinem Interview erzählt hast und die irgendwie catchy oder besonders oder weird ist.

    Niklas: Ich glaube, das war letztes Jahr auf dem Rocken am Brocken. Musste vorhin dran denken als du das Festival angesprochen hasr. Das auch so eine absurde Geschichte, wo ich schon ewig nicht mehr drüber nachgedacht hab, aber wir haben letztes Jahr so ein kleines Corona-Konzert in abgespeckter Form dort gespielt. Alle Leute hatten natürlich ultra Bock und wir waren auch super hyped und sind mega lange noch dort geblieben. Wir haben uns alle Acts angeguckt waren dann noch auf dem Dancefloor hinten. (denkt drüber nach) Und es war einfach so eine absurde Story. Irgendwann sind wir wieder zurück ins Backstage und es war schon so zu 80 % leergefegt. Wir haben uns ein Bierchen zum Hotel mitgenommen. Wie aus dem Nichts stand dann irgend so ein Typ im Weg – ich weiß bis heute nicht, ob das ein Festivalhelfer war oder ob er einfach ein Zuschauer war – aber er stand auf einmal mit einer Kettensäge im Backstage. Meine Erinnerung ist da auch etwas getrübt, aber irgendwann hat er random Bäume umgesetzt im Backstage. Die nächste Erinnerung, die ich habe, war, wie unser Lichttechniker auch mit der Kettensäge neben mir stand. Also da stand er auf einmal mit einer Kettensäge im Backstage. Das ist so ein Bild, was ich auf jeden Fall noch im Kopf behalten habe. Die Situation war einfach so absurd. Stell dir mal vor: Backstage letztes Bier, einfach kurz dem Heimweg und auf einmal ist da so eine Kettensäge, die kursiert und wir waren alle so mega perplex. Was passiert hier gerade? So eine Mischung aus „ganz funny“, wenn man so leicht beschwipst ist, bis hin zu „okay, so fangen Horrorfilme an“.

    Anna: Ich habe auch direkt an einen Halloween- oder Horrorfilm gedacht. Aber weißt du woran mich das auch erinnert hat? Es gibt auf dem Rocken am Brocken immer eine Person aus dem Team, die über das Wochenende verteilt eine Figur aus Holz erarbeitet. Ich meine das wird auch mit Kettensäge gemacht. Aber ich weiß nicht, ob das letztes Jahr auch so gemacht wurde, weil es ja nicht so das richtige Festival war.

    Niklas: Das würde einiges erklären. Aber komisch ist es trotzdem noch. Was macht man mit so einer Kettensäge nachts um vier im Backstage?

    Anna: Ja, eigentlich machen die das auch nur tagsüber, wenn es hell ist.

    Niklas: Na gut, vielleicht hat da jemand nicht ganz so aufgepasst.

    Anna: Das hätte mich auf jeden Fall auch verwirrt. Aber danke, dass du diese Geschichte geteilt hast.

    Niklas: Sehr gerne. Ich kann Fotos nachliefern. Obwohl, vielleicht besser nicht. (lacht)

    Anna: Da müsste man die Person auf dem Foto wahrscheinlich auch erst einmal fragen, aber ich würd’s schon gerne sehen. Naja, danke dir! Vielen Dank für deine Zeit.

    Niklas: Hey, danke dir und noch einen schönen entspannten Tag!

    Hier könnt ihr das neue Album „Everything You Will Ever Need“ von Razz ab jetzt rauf und runter hören bis euch die Ohren bluten:

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    Fotocredit: Nils Lucas

  • Masha The Rich Man im Interview: »Der Krieg in der Ukraine hat mein Verständnis für die Musik geändert«

    Zum Beginn unserer Interview-Reihe zu den Acoustics Concerts stelle ich euch Masha The Rich Man vor, beziehungsweise wird sie das im Interview gleich direkt selbst machen. Deswegen möchte ich auch gar nicht so viel vorweg nehmen. Freut euch auf einen super interessanten Mix aus filmreifer Indie Pop-Folk Musik der ukrainisch-stämmigen Singer-Songwriterin. Für die Acoustics Concerts steht Maria Raykhman am 11.07. in Dresden, 12.07. in Berlin, 13.07. in Hamburg, 15.07. in Essen, 16.07. in Magdeburg und am 17.07. in Offenbach auf der Bühne.

    Masha The Rich Man im Interview

    Anna: Hallo Mascha. Schön, dass du dir die Zeit genommen hast. Ich wollte heute mal mit dir über dein Projekt „Masha The Rich Man“ reden. Du hast auf Spotify ja erst einen Song veröffentlicht und auch erst in diesem Jahr gestartet.

    Mascha: Ja, das stimmt. Ich mache eigentlich schon länger Musik, auch mit verschiedenen Projekten. Aber dieses Projekt ist jetzt tatsächlich sehr neu und deswegen auch kein Wunder, dass es noch nicht so bekannt ist.

    Anna: Genau, magst du dich und „Masha The Rich Man“ einfach mal vorstellen?

    Mascha: Okay! „Masha The Rich Man“ – das bin ich, Mascha. Eigentlich ist das Ganze aus Versehen entstanden oder mit langem Prozess des Dahinfindens oder wie auch immer man das betiteln möchte. Also ich hatte tatsächlich nicht so richtig vor, das zu machen und dann hat sich irgendwie das alles so dazu entwickelt. Dann kam halt Corona und ich eigentlich das Nichtstun irgendwann dann so ein bisschen angefangen habe zu genießen. Da habe ich gemerkt habe, dass irgendwas ziemlich stark gefehlt hat. Weil ich wie gesagt, schon recht aktiv Musik gemacht hab in verschiedenen anderen Projekten oder auch Songwriting, Sessions für andere, mit anderen, aber halt nie persönlich so richtig. Also ich habe irgendwie vorher nie versucht mein Innerstes nach außen zu bringen. Aber ja, Corona hat mir dann irgendwie gezeigt, dass mir das fehlt. Da hatte sich sehr lange viel aufgestaut, was dann doch raus wollte und verarbeitet werden wollte. Ein Kollege von mir hat mich auch schon seit Ewigkeiten dazu motiviert, dass ich irgendwie mal mein eigenes Ding machen sollte. Dann dachte ich mir immer: Warum? Was habe ich denn Großes zu sagen, dass ich jetzt noch ein weiteres Projekt in diese Welt schießen soll? Ich hab einfach nicht gesehen, was ich noch so relevantes Persönliches mit in diese ganze Welt hinaus katapultieren sollte. Und in der Corona-Zeit habe ich dann viel über konkretere Konzepte nachgedacht und überlegt, was mir denn wirklich wichtig ist. Allein das habe ich mir vorher nie so wirklich überlegt. Ich habe nicht darüber geschrieben, was mir wichtig war, sondern was halt irgendwie grad so anstand und gut ankam. Dann hatte ich plötzlich so viele Themen auf dem Radar, die ich jetzt auch gar nicht alle unterbringen konnte auf dem Album und deswegen auch schon ein zweites Album geplant habe. Ja, und das ist halt einfach sehr, sehr persönlich und autobiografisch und trotzdem überwältigend. Ich habe da quasi mein ganzes Leben rekapituliert. Alles, was ich irgendwie vorher versucht habe zu vermeiden: wie sich verletzlich oder klein zu zeigen – alles das war dann irgendwie auf einmal im Mittelpunkt. Das Ziel war, die ganzen Sachen, für die ich mich immer geschämt habe mal auszusprechen. Vielleicht motiviert das ja irgendwie irgendwen, auch zu Dingen zu stehen.

    Therapie-Stunden im Sinne von Mascha

    Anna: Das klingt sehr therapeutisch. Haben dir die Songs dann auch geholfen mit den Gefühlen besser umzugehen?

    Mascha: Ja mega, vor allem auch rückblickend auf bestimmte Situationen. Also vieles war gar nicht so aktuell unbedingt, sondern ich habe mal vieles verarbeitet, was halt schon passiert war, aber was ich vielleicht nie so richtig verarbeitet hatte. Das habe ich dann in Angriff genommen. Auch musikalisch wollte ich da auch alles reinpacken, was mich selbst irgendwie wirklich mitnimmt und berührt. Das sind auch musikalische Einflüsse, die ich oft mich vorher nicht getraut habe, anzugehen, weil es nicht cool genug war oder nicht dies oder das genug. Das war tatsächlich sehr schwierig, da dran zu bleiben. Ich habe das Gefühl, ich habe oft Musik umgesetzt, die ich nicht zu 100 % wollte. Einfach nur, weil ich dann doch lieber mit dem Trend mitgeschwommen bin. Ich dachte, das würde besser ankommen. Naja, aber nach langen Überlegungen habe ich dem Genre den Titel Cinematic Folk Pop gegeben.

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    Anna: Ja, das schließt auch perfekt an meine nächste Frage an: Was steckt hinter dem Begriff Cinematic Folk Pop? Wie bist du darauf gekommen?

    Mascha: Also ich habe wirklich super viel Zeit mit Brainstormen verbracht, um überhaupt von vornherein auf eine Idee zu kommen, was ich da vermitteln möchte. Dann habe ich ganz viele Begriffe gesammelt, die mich ansprechen, mit denen ich irgendwie was verbinde. Da war eben auch dieses klangliche Cinematische mit dabei. Und jetzt musikalisch konkret sind es dann wahrscheinlich die Streicher, die ich da einfach sehr schön finde.  Das ist sowieso etwas, was mich sehr bewegt in Songs. Also ein bisschen dieses Dramatische, Epische. Einfach so filmisch, dass Bilder entstehen.

    Anna: Ja, das klingt auf jeden Fall sehr schön. Würdest du sagen, dass so traditionellere Musik da auch einen Einfluss drauf hat? Weil du ja eben ukrainischen Wurzeln hast und die Musik dort ja doch nochmal deutlich anders geprägt ist.

    Mascha: Ja, die Überlegung war auch ursprünglich das Ganze Cinematic Folklore Pop zu nennen. Also ja, das hat es auf jeden Fall und das war auch voll die Intention. Ich wollte halt irgendwie eine Balance finden, dass das nicht Überhand nimmt. In meiner Studienzeit an der Popakademie in Mannheim bin ich auch sehr in diese traditionelle Polka-Richtung gedrückt worden. Es ist mir aber auch wichtig, zu zeigen und zu wissen, dass ich nicht nur diese Seite habe.

    Zwischen Freddy Mercury und Mine – Inspiration findet Mascha an vielen Ecken

    Anna: Gibt es bestimmte Künstler oder Künstlerinnen, die dich inspirieren?

    Mascha: Also, ich hatte mir tausende von diesen Spotify Listen  erstellt mit Referenzen zu dem Sound, den ich machen möchte. Das war noch bevor die Songs so richtig standen. Das sollte ein bisschen vorgeben, in welchen Klangwelten ich mich denn so aufhalten will. Am Anfang als noch nichts stand, war das nämlich ganz chön schwierig, sich festzulegen. Es gab da sowieso auch ganz viele schreckliche Momente, in denen ich gar kein Bock mehr hatte. Aber das kennen wir ja alle und das gehört auch mit dazu. Sonst wird es nicht gut. Manche Einflüsse, von denen ich dachte, dass sie zum Beispiel wichtig werden, waren dann gar nicht so wichtig. Aber Marina Diamonds mit den älteren Sachen habe ich viel gehört. Dann waren irgendwie auch immer viele Musicals dabei. Das feier ich auch sehr. Wer mich als Person aber auch noch sehr inspiriert, ist Freddy Mercury von Queen. Aber auch Queen generell. (überlegt weiter) Mine ist auch noch eine tolle Künstlerin. Im Laufe der Zeit habe ich dann auch immer mehr Anklang mit Aurora gefunden. Naja, aber wie du schon merkst: Die Liste war sehr lang.

    „Der Krieg in der Ukraine hat auch mein Verständnis für die Musik geändert“

    Anna: Worauf ich noch gerne eingehen würde ist deine Verbindung zur Ukraine in der momentanen Situation. Ich weiß nicht, ob du es noch hören kannst, aber durch deine ukrainischen Wurzeln, finde ich, kann man das halt einfach nicht ausklammern. Wie fühlst du dich gerade in der Kriegssituation? Beeinflusst es dein Denken und die Musik und verändert es dich in gewisser Weise?

    Mascha: Ja, also die Songs haben sich nicht verändert. Die waren nämlich schon größtenteils fertig. Aber mein Verständnis für die Musik und generell hat sich alles komplett geändert. Alleine meine Sicht auf Social Media. Ich habe gesehen, dass erstens alles super krass relativ ist. Aber andererseits auch doch, was man alleine für eine Macht hat, Dinge zu verändern, beziehungsweise einen Unterschied zu machen. Also ich habe vorher auch nicht so richtig viel gepostet oder Sachen geteilt. Und dann habe ich das sehr exzessiv gemacht und habe irgendwie versucht, an jeder Ecke, wo ich irgendwas Kleines gesehen hab, etwas nützliches zu verbreiten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das echt viel bringt. Das hilft den Menschen hilft. Ich habe auch irgendwie gemerkt, dass alles politisch ist. Vorher habe ich das noch nie so am eigenen Leib gespürt. Alles wurde auf einmal so wichtig: Wie wer wozu steht und was man worüber denkt. Das war mir vorher nie so sehr bewusst.

    Auch auf der Straße zeigt Mascha ihre Anteilnahme und teilt dieses Foto später auf Instagram.

    Anna: Also ich musste sagen, ich habe sonst keine so starke Verbindung zur Ukraine gehabt, aber das hat mich natürlich trotzdem sehr mitgenommen. Und so die Nachrichtenlage dann auch immer zu checken und permanent ein komisches Gefühl dabei zu haben, das war neu. Man hat sich auch so eingeengt und unwohl gefühlt, obwohl mich das selbst ja eigentlich nicht wirklich betroffen hat.

    Mascha: Ja, total. Also ich hatte auch überhaupt kein Bedürfnis, irgendwas außerhalb dieser Thematik zu machen, weil wie gesagt alles dann komplett sinnlos erschien.

    KiKa und der Downfall danach

    Anna: Ok, es ist schwierig, jetzt mit so einem harten Cut das Thema zu wechseln, aber wollte nochmal über einen anderen Punkt in deiner Biografie sprechen. Undzwar habe ich gesehen, dass du bei „Dein Song“ auf KiKa mitgemacht hast. Wann genau warst du da? Wie kam es dazu und wie war es?

    Mascha: Ich war 2013 da. In dem Jahr, wo Lina gewonnen hat. Zu dem Zeitpunkt war das eine unfassbar tolle Sache für mich. Es war eigentlich das Beste, was mir je hätte geschehen können. Man fühlt sich da  wie so ein kleines Sternchen. Man wird plötzlich überall hingefahren und darf nach Ibiza, bekommt Hotel, Essen und Trinken, kann ins Tonstudio und dreht Musikvideos. Und ich weiß nicht, es war schon echt verrückt und ich habe auch ganz viele tolle Menschen kennengelernt, mit denen ich immer noch zu tun habe. Tatsächlich habe ich ja auch mit einem der Produzenten von der Show ein paar der Songs gemacht. Aber die Zeit danach war erstmal hart. Weil dann natürlich irgendwann alles vorbei war und wie man das so kennt, erhofft man sich natürlich trotzdem mehr davon. Es wurden von Seiten bestimmter Jurymitglieder auch irgendwie Hoffnungen geschürt, die sich dann aber verlaufen haben. Da hatte ich schon echt lange dran zu nagen, glaube ich.

    Anna: Das kann ich voll verstehen. Da werden ja auch irgendwie die Hoffnungen eines jungen Mädchens zerstört. Aber kommen wir mal wieder zu etwas Positiverem. Reden wir noch mal kurz über deine erste Single „His Rebel Heart“. Worum geht es in dem Song?

    Mascha: Also ich habe ja schon angekündigt, dass es viel um meine Vergangenheit und die Bewältigung von Dingen geht. Es geht zurück ins Jahr 1999. Da bin ich nämlich umgezogen, von Kyiv nach Deutschland. Und ich hatte in der Ukraine ein sehr enges Verhältnis mit meinem Bruder. Ich war vier und er war zwei Jahre älter. Wir haben die ganze Zeit abgehangen zusammen. Unsere Verbindung war sehr eng und er war für mich ein riesiges Vorbild – was ja bei kleinen Geschwistern oft so  ist. Aber dann sind wir halt umgezogen. Und das ist einfach sehr krass für ein Kind, wenn man in ein anderes Land emigriert. Wir haben uns da etwas auseinandergelebt. Ich kann und will mir gar nicht ausmalen, wie das jetzt für die die Menschen, die Kinder, ist, die hier gerade ankommen – speziell aus der Ukraine. Vor allem, weil es bei mir sehr lebensverändernd war. Es hat viel in unseren Abläufen verändert und irgendwie auch in den Persönlichkeiten. Und wir sind mit vielen Dingen nicht so richtig klargekommen und mussten es irgendwo anders kompensieren. Es ist sehr schwierig und schade für mich, weil ich mich immer sehr gesehnt habe nach dieser alten Beziehung, die ich zu meinem Bruder hatte. Dadurch, dass er ein kleines Problemkind war, war die Aufmerksamkeit meiner Eltern auch oft auf ihm und ich musste da als jüngere Schwester immer mit umgehen. Über diesen ganzen Konflikt ist irgendwie das Lied.

    Ziegen retten auf Abo und was die Tiefen des Internets noch so zu bieten hat

    Anna: Das ist eine sehr schöne Erklärung. Da merkt man den autobiographischen Zusammenhang, den du vorhin schon meintest. Ich habe noch eine letzte Frage, die wir in jedem Interview stellen und das ist die Frage nach deiner untold story!

    Mascha: Ich habe eine Idee! Also ich muss dazu sagen, dass ich ein großer Fan von Schafen und Ziegen bin. Vor ein paar Jahren bin ich da mal auf eine Seite gestoßen, die kümmern sich um behinderte Ziegen. Man kann da Mitglied werden und spenden und ja, was soll ich sagen? Das bin ich seitdem. Ich bezahle 1 € monatlich, dass sich die Leute um die behinderten Ziegen kümmern. Die posten dann auch Fotos von sich und den Ziegen auf ihrer Facebookseite. Das ist total total süß und toll, was die machen die. Die bauen dann nämlich, wenn die Ziegen keine Beine mehr haben, so diese Rollen, womit sie laufen können.

    Anna: Oh, die Geschichte ist sehr wholesome. Ich freue mich gerade sehr für die Ziegen. Danke dir für die Story und danke für’s Interview!

    Mascha: Danke dir für das Interview, das war schön!

    Bisher gibt es erst zwei Songs von Masha The Rich Man auf Spotify zu hören, das Album steht aber schon in den Startlöchern und wartet nur darauf, das Licht der Welt zu erblicken. Also merkt euch die Sängerin besser und hört in der Zwischenzeit „His Rebel Heart„:

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    Fotocredit: Edwas Edzend

  • BROCKHOFF im Interview: »Aus vermeintlich banalen, unwichtigen Situationen entstehen meine Songs«

    BROCKHOFF im Interview: »Aus vermeintlich banalen, unwichtigen Situationen entstehen meine Songs«

    Dass wir eine besonders große Vorliebe für Newcomer*innen aus der deutschen Indie-Bubble haben, ist wohl kein Geheimnis mehr. Deswegen freuen wir uns aber immer umso mehr, wenn wir euch mal wieder neue Künstler*innen vorstellen dürfen. Heute soll es um BROCKHOFF gehen.

    Im März kam mit „2nd Floor“ die erste Single der 22-Jährigen Sängerin aus Hamburg raus. Mit einer ordentlichen Portion E-Gitarre und rockigen Indie-Sounds reiht sich Lina Brockhoff in unseren Playlists easy neben Genre-Größen wie Phoebe Bridges oder Soccer Mommy ein. Ende Juni ist mit „Sharks“ die Debüt-EP von BROCKHOFF erschienen. Spätestens jetzt sollte die Indie-Rockerin auf dem Radar aller Liebhaber*innen des Genres angekommen sein. Im Interview mit Anna gibt Lina Einblicke in die Entstehungsgeschichte von BROCKHOFF und verrät, woher sie ihre Inspiration zieht.

    BROCKHOFF im Interview

    Anna: Hallo Lina! Schön, dass du hier bist. Ich würde sagen, für die meisten Leute ist BROCKHOFF noch ein sehr unbekannter Name. Magst du dich deshalb zu Beginn erst einmal vorstellen?

    Lina: Ja, ich bin Lina Brockhoff. Und ich arbeite jetzt seit zwei Jahren an dem Projekt BROCKHOFF. Im März diesen Jahres ging es endlich mit der ersten Single los. Ich wohne in Hamburg und hier fing es auch eigentlich alles an. Die ersten Songs hab ich im ersten Lockdown geschrieben. Also kurz nachdem ich hierher gezogen bin von meiner Heimat in der Nähe von Hildesheim.

    Anna: Wie bist du denn zur Musik gekommen? Kam das erst durch die Corona-Langeweile? Oder war das für dich immer schon präsent?

    Lina: Das war schon immer ein sehr, sehr präsenter Teil. Ich mach schon super lange Musik. Ich glaube, ich habe mal angefangen mit Flöte spielen und dann habe ich sogar lange Klavierunterricht gehabt, so seit ich acht Jahre alt bin. Irgendwann habe ich immer mehr angefangen zu singen, mich mit Klavier zu begleiten und dementsprechend dann auch mir irgendwann Gitarre beigebracht, weil es einfacher war zu transportieren. Vor diesem Projekt hatte ich noch ein Singer-Songwriter Projekt unter meinem richtigen Namen. Und so seit zwei Jahren arbeite ich jetzt an BROCKHOFF.

    BROCKHOFF als Startrampe in den Indie-Rock-Kosmos

    Anna: Gibt es davon noch Musik oder hast du’s einfach nur für dich selbst gespielt?

    Lina: Nee, da gibt es aktuell nichts zu hören von den alten Sachen. Das war für mich ein sehr großer Neustart.

    Anna: Wie kommt es, dass du dich dazu entschieden hast, deinen richtigen Nachnamen zu nehmen?

    Lina: Tatsächlich brauchte ich da auch erst mal lange, mich dafür zu entscheiden. Es wurde mir von unterschiedlichen Leuten unabhängig voneinander, als ich auf der Suche nach einem Künstlernamen war, so in den Raum geworfen. Und am Anfang dachte ich, ich will eher so nach einem nicen Fantasienamen oder so gesucht habe und es mir im ersten Moment eher fremd vorkam. Was ja auch total komisch ist eigentlich. Wenn man mit dem Namen geboren wird, dann ist einem der ja auch nicht fremd. Aber je mehr ich darüber nachgedacht habe, so cooler fand ich es auch irgendwie, weil es ein relativ ungewöhnlicher Nachname einfach ist, den es nicht so super oft gibt. Und er auch irgendwie erst mal ein bisschen hart klingt und auch eher männlich anmutend. Aber das fand ich dann irgendwie auch cool, weil es so im Kontrast steht zu mir als Person.

    Anna: Und dann muss man nicht immer erklären, wie man auf den ausgedachten Namen gekommen ist.

    Lina: So ist es eigentlich immer simpel. Es wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Also es gab auch keine wirklichen anderen Optionen. Irgendwie war das dann doch das, was es ja was relativ schnell mir auch am besten gefallen hat. Und ich weiß noch, dass ich meine Eltern und meine Cousine auch beide gefragt hab. Meine Eltern fanden es erst etwas komisch, aber meine Cousine war direkt sehr gehyped. Das war damals irgendwie lustig.

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    Anna: Ok, kommen wir mal zu deiner EP ‚Sharks‘, die ich mir natürlich fleißig angehört habe. Magst du einmal vorstellen, worum es thematisch auf der EP geht?

    Lina: Es gibt kein übergeordnetes Thema, sondern es sind irgendwie einzelne Songs, die in unterschiedlichen Gefühlslagen und Lebenslagen entstanden sind oder aus unterschiedlichen Gefühlen heraus. Es ist jetzt nicht so, dass es ein Konzept gibt oder so, aber die Songs sind schon alle ungefähr in selben Phase entstanden. Sie verarbeiten unterschiedliche Geschichten. Und es sind vor allem sehr persönliche Erfahrungen von Beziehungen oder auch zwischenmenschlichen Erlebnissen, die mich zu der Zeit sehr beschäftigt haben.

    Anna: Wie und wann sind die Songs entstanden?

    Lina: Vor allem der Umzug nach Hamburg war für mich einer der größten Momente in meinem Leben, weil ich das erste Mal von zu Hause weg war und alleine wohnen musste. Man lernt ja auch super viele neue Leute kennen. Irgendwie habe ich in der neuen Stadt neue Inspirationen bekommen, vor allem auch musikalisch. Ich habe sehr viel auch erst mal ausprobiert, bevor dann überhaupt auf diesen Sound gekommen bin. Aber es geht in den Songs gar nicht konkret um meinen Umzug nach Hamburg oder die Erfahrungen, die ich durchs Leben gebracht habe, sondern über einzelne Beziehungen oder auch gescheiterte Beziehungen. Oder zum Beispiel bei ‚Sharks‚ einfach um eine super blöde Party, auf der ich war, die noch nicht mal in Hamburg war. Also das sind eher kleinere Geschichten, die ich in den Songs behandele und gar nicht das große Ganze mit dieser Lebensphase.

    „Eine Situation, die so vermeintlich banal und unwichtig ist“

    Anna: Aber ich finde, es funktioniert gerade deswegen ganz gut, weil es eine bestimmte Geschichte ist, durch die man sich trotzdem identifizieren kann mit der Situation.

    Lina: Das ist halt irgendwie schön, wenn das so ein bisschen automatisch passiert, dass man anhand von einem Erlebnis oder einer kleinen Geschichte oder Erfahrung sich mit dem Gefühl identifizieren kann. Also so funktioniert bei mir meistens auch das Songwriting generell, dass mir so eine kleine Situation vorschwebt, die so vermeintlich banal oder unwichtig war, aber ich irgendwie darum herum und den Song baue, weil es irgendwas in mir getriggert hat oder weil ich mich durch dieses Detail an etwas Bestimmtes erinnere. Und dann so die Geschichte drum herum baue, die dann noch irgendwie viel mehr ausdrückt als nur so eine kleine Sache.

    Von Pop zu Rock: Phoebe Bridges als Inspiration für den BROCKHOFF-Sound

    Anna: Wo wir gerade bei den Texten sind: Wie ist das bei dir? Schreibst du zuerst die Texte und überlegst dann, welcher Sound dazu passen würde oder kommt das organisch zusammen?

    Lina: In meinen Teenie Jahren habe ich super viel hauptsächlich Popmusik gehört. Aber ich glaube vor allem durch Phoebe Bridges bin ich dann in diesen Indie Rock und Rock Kosmos gezogen worden und über sie ich auch weitere Künstlerinnen gefunden, die ja bis heute meine größten Inspirationen auch für BROCKHOFF waren. Also durch die ganzen Sachen habe ich dann auch gemerkt, dass es mir viel mehr Spaß macht mit E-Gitarre zu spielen. Dann war mir auch schnell klar, dass ich mehr Indie-Rock machen möchte anstatt irgendwie Synth Pop. Und dann habe ich angefangen auch eine Playlist zu erstellen, mit Songs und mit Künstler*innen, die ich cool fand und bin damit zu meinem Produzenten Christian Hartung gegangen. Er hat da auch noch Songs reingepackt, die ihn sehr geprägt haben. Also es passte dann irgendwie ganz gut, wie wir beide von unterschiedlichen Seiten an diese Referenzen herangingen. Die Playlist ist mittlerweile so lang geworden, dass ich sie glaub ich noch mal aussortieren muss, bevor ich sie irgendwann teile. Aber sie ist eigentlich zu gut dafür, dass ich sie nicht irgendwann mal teilen kann.

    Anna: Gibt es einen bestimmten Song, wo du sagst, der bedeutet dir vielleicht persönlich am meisten auf der EP oder den fühlst du gerade am meisten?

    Lina: Es gibt nicht den einen Song. Manchmal wechselt es tatsächlich sehr, weil die Songs auchvon der Dynamik her sehr unterschiedlich sind. Es gibt ruhigere Nummern und eher so Tracks wie ‚Sharks‚. Das variiert total, in welcher Phase ich irgendwie mal so einen kleinen Liebling habe, aber im Moment würde ich tatsächlich sagen, dass es ‚Missing Teeth‚ ist.

    Anna: Woher hast du diese super genialen Fisch-Slipper, die man auf dem Cover der EP sieht?

    Lina: Die sind von Lotti, einer Freundin von mir, mit der ich auch die Artworks gemacht habe. Als wir uns auch gerade kennengelernt hatten lagen die bei ihr im Flur. Ihre Mitbewohnerin und sie hatten beide die selben Schuhe. Und wir haben die dann auch nur aus Spaß mitgenommen. Es war eigentlich gar nicht der Plan, damit wirklich Fotos zu machen. Wir haben die aus Spaß einfach spontan mit eingesteckt und damit dann irgendwie so ein bisschen rum experimentiert. Dann ist es wirklich einfach aus Zufall entstanden. Und da gab’s auch glaube ich den Song ‚Sharks‚ noch nicht mal. Also das Ganze ist ehrlich gesagt gar nicht so mit dem Hintergedanken entstanden, sondern wir fanden es einfach super cool und gegen Ende war dann irgendwie relativ schnell klar, dass das auf jeden Fall das Cover wird.

    Anna: Ich finde die ja genial und meine die irgendwo schon mal gesehen zu haben, aber ich weiß nicht mehr wo.

    Lina: Ich glaube, die gibt es im großen, weiten Internet zu kaufen. Es gibt sie auch in unterschiedlichen Farben.

    Der längst nötige Wandel in der Musikszene und die Frauenquote

    Anna: Haha klar, es gibt alles im Internet. Aber kommen wir zurück zur Musik. Du hast ja vorhin schon Künstlerinnen, ausschließlich Künstlerinnen genannt, die dich inspirieren. Und da finde ich immer ganz interessant sich mal die Frauenquote in seinen eigenen Playlists anzuschauen. Ich hab das Gefühl, dass vor allem die deutsche Musikszene noch ziemlich männerdominiert ist. Hast du einen ähnlichen Eindruck? Und hast du manchmal sogar das Gefühl, dass gewisse Vorurteile gegen Frauen, vor allem auch jüngere Frauen, mitschwingen?

    Lina: Auf jeden Fall ist mir das schon aufgefallen. Eben weil diese ganzen Namen, die ich vorhin genannt habe – Snail Mail, Beabadoobee, Soccer Mommy – sind ja alles weibliche Künstlerinnen, die da gerade vor allem hauptsächlich aus den USA irgendwie in dem Genre auftauchen. Und dass das hier noch nicht so verbreitet ist, ist mir auf jeden Fall aufgefallen. Ich finde schon, dass sich da gerade einiges tut und das finde ich auch sehr, sehr schön zu sehen. Ich sehe auch, dass es gerade schon zunehmend mehr junge Künstlerinnen gibt, die sich auch trauen, über den eher glatten Pop hinaus Musik zu machen und damit rauszugehen. In der Vergangenheit habe ich schon öfters auch mal das Gefühl gehabt, dass man mich nicht hundertprozentig ernst nimmt. Und tatsächlich habe ich das ja auch in dem Song ‚Sharks‘ mit verarbeitet. Also auf der Party, um die es in dem Song geht, gab es eben auch einige Anspielungen darauf und ich habe mich auch nicht ernst genommen gefühlt. Also ja, ich hatte schon Situationen, aber ich finde, dass da ein Wandel stattfindet. Das ist das, was ich gerade irgendwie fühle und mitbekomme.

    Für mehr Frauenpower in eurem Playlist-Kosmos, checkt gerne mal unsere „female fronted bubblegrunge“ Playlist aus:

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    Anna: Das Gefühl habe ich auch. Ich finde, wenn man einmal anfängt sich damit zu beschäftigen, dann findet man noch viel mehr tolle Künstlerinnen. Aber sie sind eben (noch) nicht so groß.

    Lina: Ja, ich glaube das ist so, weil es einfach erst seit gar nicht so langer Zeit diese Awareness gibt, dass zum Beispiel auf Festivals eine Quote eingeführt wird oder man speziell darauf achtet mehr Frauen ins Line-Up zu bekommen. Also das ist ja auch erst seit ein paar Jahren, wenn überhaupt so der Fall. Und da gab es ja auch diesen Shitstorm beim Rock am Ring, glaube ich, dass das so männerdominiert ist. Da fragt man sich dann auch, wie das eigentlich noch geht in der heutigen Zeit. Durch Freunde und Freundinnen, die bei kleineren Festivals auch aktuell arbeiten, bekomme ich mit, dass es da sehr viel Wert draufgelegt wird und sehr viel da rein gehangen wird dafür, dass sich da was ändert. Und deswegen kann ich selber nicht verstehen, wieso das auf so einem großen Festival nicht geht.

    Anna: Ich hoffe auch, dass es sich bei den großen Festivals im nächsten Jahr mal ändern wird. Genug gute Künstlerinnen gibt es ja. Was können wir uns denn in Zukunft noch von BROCKOFF erhoffen?

    Lina: Also es liegen einige Songs noch in der Schublade, bei denen ich es auch kaum erwarten kann, damit rauszukommen. Mit den Erfahrungen, die ich jetzt durch die ersten Veröffentlichungen und die erste EP gesammelt habe, habe ich noch mehr Lust bekommen, damit ins Studio zu gehen und daran zu feilen und zu arbeiten und auch irgendwie natürlich noch weitere neue Songs zusätzlich zu schreiben. Also es ist auf jeden Fall noch einiges in petto und es wird auch nach der EP noch einiges geben.

    Brocki’s Big Thief-Fangirl Moment

    Anna: Das ist eine gute Nachricht. Da freue ich mich schon drauf! Noch eine letzte Frage zum Abschluss: Was ist deine untold story?

    Lina: Wir haben letztens in Berlin auf einem Festival gespielt. Da haben auch Big Thief gespielt und ich bin riesengroßer Fan der Band. Dann habe ich tatsächlich relativ kurz vor unserem Auftritt – ich war so super nervös, muss ich dazu sagen – meine In-Ear Kopfhörer auf der Toilette vergessen vor dem Soundcheck. Ich musste also zurück sprinten auf die Toilette. Ich bin eine super vergessliche Person. Also sowas passiert mir eigentlich ständig. Sie lagen aber zum Glück noch genau da. Als ich mir dann nochmal die Hände gewaschen habe, habe ich auf einmal gesehen, dass Adrianne Lenker ein paar Meter weiter nehmen mir stand am Waschbecken. Das war glaube ich bisher mein einziger krasser Starstruck-Moment. Vor allem habe ich überhaupt nicht damit gerechnet, weil ich halt selber so im Stress war, wegen unseres eigenen Auftritts. Ich habe mich nicht getraut, irgendwas zu sagen. Ich hab nur ganz still die Hände gewaschen und dann im Spiegel  versucht ein paar Blicke zu erhaschen. Dann bin ich aber rausgegangen, habe mich nicht getraut, was zu sagen. Seitdem denke ich so viel darüber nach, was ich für lustige, coole, was auch immer Sachen hätte sagen können, aber mich einfach nicht getraut.

    Anna: Ich weiß aber auch nicht, ob ich mich an deiner Stelle in dem Moment getraut hätte, sie anzusprechen. Vor allem, wenn man selbst auch eigentlich gerade im Stress ist. Aber danke dir für diese Story und vielleicht ermutigt das ja, demnächst sich einfach mal zu trauen!

    Falls ihr es noch nicht gemacht habt, checkt jetzt unbedingt die Debüt-EP von BROCKHOFF aus. Für alle Indie-Rock-Liebhaber, Powerfrauen-Supporter und Menschen mit gutem Musikgeschmack:

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    Fotocredit: Charlotte Krusche

  • Mia Berg mit „I’ll Never Leave You“: Eine hoffnungsvolle Hymne an die Verlorenheit einer Generation

    Mia Berg mit „I’ll Never Leave You“: Eine hoffnungsvolle Hymne an die Verlorenheit einer Generation

    Eine zarte Stimme, die auf einem verspielten Sound zum Tagträumen in eine andere Welt einlädt. Mia Berg klingt auf „I’ll Never Leave You“ unbeschwert und hoffnungsvoll. Dabei ist der Inhalt des Songs zuerst gar nicht so unbeschwert, wie er klingt. Mia singt über die Verlorenheit, die sie als junge Frau mit Mitte 20 fühlt. Aber dabei versprüht sie zugleich das hoffnungsvolle Versprechen, zusammen mit ihren Freund*innen durch diese chaotischen Zeiten zu navigieren.

    Es gibt ein starkes Element von Nostalgie in Mia’s Songs, das sich wie ein roter Faden durch ihre Musik zieht. Wie das Aufwachsen in ihrer Heimatstadt Bergen sie geformt hat und wie schwer es manchmal ist, loszulassen und sich von der Vergangenheit zu verabschieden, lenkt ihre Texte. Mittlerweile wohnt und arbeitet Mia in Oslo und schaut mit anderem anderen Blick auf die Stadt an der Westküste Norwegens. Diese Reflektion von Themen, die sie damals so wie heute beschäftigen, verarbeitet sie in ihren Songs.

    Die Vorfreude auf Mia’s Debütalbum im Herbst steigt

    Das Debütalbum von Mia Berg erscheint zwar erst im Oktober, doch um die lange Zeit bis dahin zu überbrücken, hat uns die Norwegerin jetzt mit der dritten Single des Albums versorgt. Auf „I’ll Never Leave You“ zeigt sie ihre Uptempo-Indie Seite. Wo Goodbye, for a while und „The Other Side“ noch eher langsam und melancholisch daherkamen, bringt die neue Single mit mehr Beat und Gitarre eine neue Facette der Skandinavierin zum Vorschein. Aber keine Sorge, die gewohnte Portion Nostalgie bringt Mia auch in „I’ll Never Leave You“ wieder mit – und das sieht man auch in Artwork und Musikvideo.

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    Mia Berg selbst sagt über „I’ll never leave you„: „It was initially a song I wrote about being in a chaotic place of bad choices. Being in your mid 20ies, trying to navigate your life – at the very same time as everyone around you is doing the same. There’s a lot of mistakes and stumbling, and it’s the same for everyone. But I also wanted to point out the importance of friendship, and how we find calmness and a safe space in those close to us. I guess that perspective turned the chorus into this proclamation – that no matter how dark and difficult things are, I would never abandon my friends in dark places.“

    „But no one tells you how to be okay“

    Mia beschreibt es perfekt: Dieses Gefühl, gar nicht so genau zu wissen, wie man durch’s Leben navigiert und was man manchmal überhaupt machen soll. Und damit ist sie nicht alleine. In dieser komischen Phase, wo man sich noch so gar nicht erwachsen fühlt, es aber eigentlich schon sein sollte, fragt man sich doch immer wieder: Wie verhalte ich mich als Erwachsene*r? Aber so wie Mia Berg es besingt, gibt es eben keine universelle Antwort, die mir jemand auf der Straße erzählen könnte. Irgendwie muss ich das für mich selbst herausfinden. Das ist leichter gesagt als getan. Genau da hilft es aber, zu wissen, dass man diese ungewissen Zeiten, die so manches Chaos in sich bergen, nicht alleine durchstehen muss.

    Die Vielschichtigkeit als lyrische Beschreibung der Realität

    War Mia Berg bei ihren vorangegangenen Singles am Aufarbeiten nostalgischer Gefühle. Das hört man zum Beispiel beim Verarbeiten der Kindheit und die Freunde aus dieser Zeit, die sie vermisste wie auf “The other side„. Auf „I’ll Never Leave You“ wird sie abstrakter und vielschichtiger im emotionalen Geflecht ihrer Erzählung:

    “It was a story I wanted to tell through a lot of lyrical images, where in the beginning you can picture two people standing stranded in someone’s garden and screaming at each other. They are looking at each other, not knowing what to say. I wanted the story to be based around images of chaos and some disturbing elements. At the same time the storyline is quite attached to the simplicity of being lost, at the same time as everyone else. I also think the magical balance of the song lies with the production and soundscape with its uplifting and liberating sound. The underline of the song is friendship and finding your way.”

    Es ist okay, nicht okay zu sein

    Die Botschaft: Es ist total ok und sogar gut, diese Mischung aus Verwirrung, Hoffnung und Ungewissheit zu fühlen – du bist damit nicht alleine. Danke, Mia! Dieses hoffnungsschenkende, wohlige Gefühl wird auf „I’ll Never Leave You“ durch einen aufmunternden Sound unterstrichen. Hier beweist Mia Berg, dass mitreißende Intimität, wie man sie von ihren eher langsamen Balladen gewohnt ist, genauso gut auf einem Beat funktioniert. Und so hört sich das dann an:

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    Fotocredit: Mikhela Greiner

  • untoldency proudly presents: LAUTFEUER Festival 2022

    untoldency proudly presents: LAUTFEUER Festival 2022

    Die Sonne scheint, das Wetter wird besser und die Tage immer länger: Der Sommer ist steht vor Tür und was darf da auf keinen Fall fehlen? Richtig, die Festivals. Deshalb freu ich mich sehr, euch heute eins präsentieren zu dürfen. Streicht euch den 22. und 23. Juli fett im Kalender an, denn an dem Wochenende findet das LAUTFEUER Festival statt!

    Zugegebenermaßen wird den meisten das LAUTFEUER wohl nicht bekannt vorkommen. Mit seinen rund 20.000 Besucher*innen über das Wochenende verteilt, kann das Festival zwar nicht mit den Größen wie das Hurricane, Rock am Ring oder Deichbrand mithalten, hat ihnen aber dafür eines voraus: Das Festival ist getreu dem Motto „Umsonst & Draußen“ kostenlos.

    Neuer Name für’s Traditionsfestival

    Die Besonderheit des LAUTFEUER Festivals liegt aber wohl in der Organisation. Alles läuft ehrenamtlich. Seit der Gründung 1981 hieß das Festival bis vor einigen Jahren noch Abifestival. Denn traditionell organisieren die jeweiligen Abiturjahrgänge der regionalen Schulen zusammen mit dem Förderverein das Festival. Für die Abiturient*innen ist das eine gute Möglichkeit, sich im Bereich der Festivalkultur auszuprobieren. In meinem Abi-Jahrgang habe ich zum Beispiel das Bandbooking übernommen und konnte dadurch direkt mitbestimmen, welche Künstler*innen am Festivalwochenende auf der Bühne stehen.  

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    Get Jealous ist eine der Newcomer-Bands diesen Jahres – und die solltet ihr euch unbedingt merken!
    Ein Herz für Newcomer*innen

    Irgendwie schafft es die Crew des LAUTFEUER Festivals immer wieder mit einem guten Gespür die Newcomer*innen des Jahres für das Kleinstadt-Festival zu gewinnen. In diesem Jahr sind mit Provinz als Headliner am Freitag gute Laune und Tanz-Potenzial vorprogrammiert. Falls ihr die Indie-Folk Band noch nicht kennt, könnt ihr das gleich einmal hier ändern und das Interview von Anna lesen. In den vergangenen Jahren waren unter anderem deutsche Größen wie Kraftklub, K.I.Z., Annenmaykantereit oder Cro am Start.


    Das ist das Line-Up beim LAUTFEUER Festival 2022:

    Provinz, Montreal, Audio88 & Yassin, Rogers, Neonschwarz, Waving The Guns, Pöbel MC, Get Jealous, Hi! Spencer, ATLVNTIS, Alex Mofa Gang, Red Ivy, 8kids, Mega, Shoreline, Jacob Fortyhands


    Das Line-Up des LAUTFEUER Festivals ist bunt. Von Hip Hop und Rap über Indie-Rock bis Punk ist alles vertreten. Eine Sache garantieren aber alle Acts: eine energiegeladene Show, die euch das Festivalwochenende noch lange im Gedächtnis bleiben lässt. Für die besonders Feierwütigen gibt es als After Show Party noch den Elektronischen Garten. Das ist eine kleine Area auf dem Festivalgelände, in der euch DJ’s mit Electro Sounds zum Abtanzen versorgen.

    Ein klimafreundliches Festival? Das LAUTFEUER geht mit gutem Beispiel voran

    Die Zeit der zweijährigen Zwangspause hat die LAUTFEUER-Crew genutzt und das Projekt „Grüne Bühne“ ins Leben gerufen. Im Zuge dessen wird das Festival überwiegend klimaneutral aufgebaut und durchgeführt. Es sollen verschiedene Technologien im Bereich des grünen Wasserstoffs eingesetzt werden, mit denen die Energieversorgung nicht nur während des Veranstaltungswochenendes, sondern ebenfalls in der Auf- und Abbauwoche CO2-neutral zu gestalten. 

    Ihr habt jetzt so richtig Bock auf’s LAUTFEUER Festival bekommen? Weitere Infos zu Anreise, Zelten und anderen Dingen, die euch auf dem Herzen liegen, findet ihr auf der Website!

  • Playlist: new wave universe

    Playlist: new wave universe

    Kommt, wir surfen gemeinsam auf der Neuen Neuen (Deutschen) Welle!

    Nena, Falco, Peter Schilling und Grauzone – diese Musiker*innen prägten unter anderem den Sound der 1980er-Jahre, besser bekannt als die Neue Deutsche Welle. Wofür ich meine Eltern früher noch belächelt habe und beschämt dachte „Oh Gott, nicht schon wieder 99 Luftballons oder Major Tom„, erwische ich mich heute selbst zu diesen Songs mitwippen. Dazu sind aber mittlerweile auch britische Bands wie The Smiths oder The Cure gekommen, die mir gezeigt haben, dass die New Wave Bewegung der 80er noch so viel zu bieten hat als auf Dorfparties „Der Kommisar“ laut mitzugröhlen.

    New Wave feiert sein Revival!

    Für alle, denen es genauso geht, habe ich eine gute Nachricht: Die Neue Deutsche Welle ist zurück! Und sie überschwemmt nicht nur Deutschland, sondern den halben Globus. Besonders beliebt ist sie dabei vor allem in Russland. Die (für mich) hart klingende russische Sprache vereint sich perfekt mit dem schnellen, forschen Sound der New Wave.

    Zur Vereinfachung: Wenn ich hier von New Wave rede, meine ich ab jetzt übrigens die aktuelle Bewegung und nicht die der 80er-Jahre. Doch was macht die New Wave Songs eigentlich aus? Wenn es ein Rezept für die Songs des Genres geben würde, dann sähe das wahrscheinlich ungefähr so aus:

    • eine Prise (Post-)Punk
    • eine Prise Psychedelic
    • ganz viel E-Gitarre
    • minimalistischer Synthesizer-Sound

    Und all diese Zutaten werden schnell und hektisch zusammengemischt auf einen schnellen Beat -wichtig ist der sich wiederholende, maschinelle Sound. Der Text ist mal mehr, mal weniger gut verständlich und wird von einer meist exzentrisch klingenden Stimme untermalt. Dass diese Beschreibung sehr vereinfacht ist und natürlich nicht jedem Song gerecht wird, erklärt sich von selbst. Aber als Grundgerüst für die New Wave Songs der Gegenwart funktioniert es ganz gut.

    Das Gesicht der Neuen Neuen Deutschen Welle: Edwin Rosen
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    Er ist wohl unter allen Indie und Dark Wave-Liebhaber*innen DER Künstler, um den man momentan einfach nicht herumkommt: Edwin Rosen. Für mich war seine Musik quasi die Tür in die Welt des New Wave. „1119“ war Ende 2020 der Song, der endgültig zu verstehen gegeben hat, dass deutsche Texte ja doch gar nicht so beschissen sind, wie ich lange Zeit gedacht habe, und nach und nach hat sich der Sound so sehr in mein Herz gespielt, dass meine Playlists voller Edwin Rosen-Songs waren (und immer noch sind).

    Neben dem Sound-Rezept, was ich vorhin schon versucht hab, zusammen zu basteln, vereint die deutschen Künstler*innen der New Wave-Bewegung auch die Inhalte der Texte. Sie sprechen die Ängste, Sorgen und verstohlenen Gedanken einer Generation aus. Ich nenne es gerne die Lasten der verlorenen Jugend – eine Jugend, die sich von exzessiven Parties zu Lockdown und unerfüllten Hoffnungen schleppt. Kein Wunder, dass vor allem seit Beginn der Pandemie die Songs so fleißig gestreamt werden. Wer kann sich nicht besser mit Songs über unausgesprochenes Verlangen, unerfüllte Wünsche und das Bedürfnis nach Nähe identifizieren, wenn man alleine zuhause vor seinem Bildschirm hockt. Klare Worte, die aus der Seele sprechen, sind genau das, was wir gerade brauchen! Hier mal ein kleiner Auszug:

    „Melancholie ist meine Boje, Distanz ist meine Flut“ – SALÒ

    „Ich verschwende meine Hoffnung und alles zerfällt“ – Edwin Rosen

    „Zeig mir was dich hält, hinter dieser Welt, die morgen schon zerfällt“ – Nils Keppel

    „Auf dem Zenit meiner Jugend hab ich vergessen, was Anstand heißt“ – Carlo Karacho

    „Wie ein Buch, das ich einst las, dessen Titel ich vergaß. Oder war es Murks?“ – Gwen Dolyn

    „Wie geht das scheiß Leben und was macht einen Sinn? Ich laufe vor mir davon“ – BRUCH

    Bleiben wir also nochmal kurz in der Bubble der deutschen New Wave Künstler*innen, denn da gibt es abseits von Edwin Rosen noch eine große Menge echt guter Artists. Mein neuester Liebling ist sind die Newcomer Temmis aus Tübingen. Ihr Song „Wenn du da bist“ hat sich in nur wenigen Wochen zu meinem Favoriten in der Playlist hochgemausert. Hinzu kommt, dass die Jungs live eine ungemeine Energie auf die Bühne bringen, die ich nur selten auf Konzerten erlebt habe. Ich durfte Temmis beim Club festival Pop Salon in Osnabrück sehen und bin jetzt sehr hyped für neue Songs auf ihrem Spotify Profil – denn davon haben sie auf jeden Fall noch ein paar parat.

    „Alles dreht sich, Uhrenblätter. Doch es dreht sich nicht zum Besseren“

    Ein paar weitere Künstler*innen, die ihr auf euren Radar packen solltet und die sich perfekt in das Edwin Rosen-Universum einreihen: Nils Keppel, Borninmay, Miese Mau, Gwen Dolyn, Yowlandi, Brenda Blitz, Steintor Herrenchor, diggidaniel.

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    „Ich finde Deutsch und Russisch sind sich von der Härte oder vom Gefühl schon ähnlich. Ich hab so eine wilde Theorie, dass jemand, der die deutsche Sprache beherrscht, diese selbe Härte sucht, mit der man irgendwie connecten kann“. Das hat Luis Ake letztes Jahr im Interview mit Dascha über den Song „Hey Du/Эй, Ты“ gesagt. Auch, wenn ich kein Wort Russisch verstehe, stimme ich ihm da zu. Vor allem in den Songs der New Wave funktioniert diese Kombination für mich perfekt.

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    Natürlich funktioniert das Revival der New Wave nicht nur auf Deutsch und Russisch oder einem Mix aus beidem. In der Playlist findet ihr deshalb auch Songs auf Französisch, Spanisch, Niederländisch und Englisch – letzteres ist wahrscheinlich wenig überraschend. Also gebt dem Ganzen doch einfach mal eine Chance und hört hier rein:

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    Fotocredit: Universal Music

  • Zwischen Krieg, Klimakrise und Pandemie: SIALIA haben ihren „Safe Place“ verloren

    Songs, die nicht nur gut klingen, sondern auch eine klare politische Message haben, berühren mein Herz gleich tausendmal mehr. Es ist quasi die erfolgsgarantierende Formel, um mein musikalisches Herz zu erobern. Eine Newcomer-Band, die diese Kunst perfekt beherrscht, obwohl sie bisher erst drei Songs veröffentlicht hat, ist SIALIA. Die neueste Single des Münsteraner Quartetts heißt “Safe Place”. In dem Song wird dem ganzen Frust und angesammelten Wut über die Probleme der Krisen unserer Zeit Luft gemacht. Dabei findet die Band deutliche Worte zu Krieg, Pandemie und den Ungerechtigkeiten auf der Welt.

    Mehr als die nächste Hymne für die FFF-Demo

    Ein starker Beat und ein sich dramatisch-zuspitzendes Gitarrenriff hauchen dem Song eine unheimliche Dringlichkeit ein. Mit der Kombi haben die vier Münsteraner mich schon auf ihrer Debut-Single „Ecstasy“ gecatched. Den Artikel dazu findet ihr hier. „Safe Place“ hat aber im Vergleich zum Debut eine deutliche politische Message. „Es geht vor allem um die Klimakrise, aber nicht nur. Themen sind auch humanitäre Dinge wie Hunger, Pandemie und Krieg“, erklärt SIALIA-Drummer Marvin. Die Lyrics rufen dazu deutlich auf, das eigene Verhalten zu reflektieren und mit offeneren Augen durch die Welt zu gehen: „You cannot tell me you don’t know about the islands of trash“.

    Den Song haben SIALIA bereits 2020 im Lockdown geschrieben: „Wir hatten damals schon das Gefühl als würde ein großes Schwert über der Welt hängen. Leider ist der Song nun mit dem Ukraine-Krieg aktueller denn je. Es ist das Zeitalter der Krisen – von einer ungelösten in die nächste. Es zeigt ein bisschen die Ängste und Wut dieser Zeit und unserer Generation.“

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    Das Musikvideo zu „Safe Place“ ist gefüttert mit ausdrucksstarken Szenen, die auf das Unheil und die Missstände in der Welt hinweisen sollen. Die Band performt vor einer weißen Wand, auf die mit einem Beamer die Videosequenzen projiziert werden. Neben Videos aus der Natur stehen riesige Industriekomplexe und hohe Müllberge im Kontrast – ländliche Idylle vs. Umweltverschmutzung sozusagen. Aber man sieht auch Bilder aus dem Krieg, von Explosionen und hysterischen Menschenmassen.

    „Ein bisschen wie Nachrichten gucken, in denen man nur schreckliche Schlagzeilen und Bilder sieht“, so das Konzept hinter dem Video laut SIALIA. Wenn das Video so ganz bewusst schaue, kommt ein beklemmendes Gefühl in mir hoch. Die Eindringlichkeit der Krisenzeit, in der wir leben, wird sehr deutlich.

    „Wo unsere letzte Single „White Men“ (bei der es um das Bild des alten weißen Mannes ging – basierend auf dem Buch von Sophie Passmann) mit Themen wie Rassismus und Sexismus noch einen positiven, motivierenden Aufruf am Ende beinhaltete: „Come on fighting and stop hiding“, ist „Safe Place“ leider ungeschönte Wahrheit ohne Happy End: „This was our safe place“. Das klingt jetzt sehr deprimierend und pessimistisch, wir schreiben auch wieder positivere Songs (die auch schon bald folgen). Aber aktuell ist grade leider einfach nicht die Zeit dazu.“

    Hier könnt ihr den Song jetzt auf Spotify rauf und runter streamen und eure Meinung zu „Safe Place“ bilden:

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    Fotocredit: Leon Huesmann

  • John Moods veröffentlicht mit „Autoplay“ Demos zur Realitätsflucht auf Retro-Sound

    John Moods veröffentlicht mit „Autoplay“ Demos zur Realitätsflucht auf Retro-Sound

    John Moods veröffentlicht mit seiner EP „Autoplay“ eine Reihe von Demos, die eine große Portion Retro-Gefühle mit sich bringen. Mit seinem gewohnt verträumten Sound, den ich auf „So Sweet So Nice“ lieben gelernt habe, geht es hier weiter. Es geht um eine Liebesgeschichte, die sich auf einem minimalistischen Keyboard-Sound mit verspielten Elementen entfaltet. Hier gibt’s die Review!

    Wie aus einer technischen Spielerei Songs wurden

    Es ist 1998 und mit dem Release von Windows 98 wird die „Autoplay“-Funktion eingeführt. Ein ziemlicher Fortschritt damals, der das Abspielen von Musik über CD oder MP3-Player deutlich vereinfacht hat. Fairerweise muss ich an dieser Stelle gestehen, dass ich mich daran nicht erinnere und die Funktion für mich immer als ziemlich selbstverständlich angesehen habe.

    Anders erging es John Moods als er im Winter 2018 auf seinem geliebten Yamaha Keyboard die „Autoplay“-Funktion entdeckte. Es traf ihn quasi wie ein Blitz und er nahm ein paar Demos auf, die bislang nur als Backup Tracks auf seinen Konzerten dienten.

    Fast vier Jahre später veröffentlicht er genau diese Demos auf der EP „Autoplay“. Zu den Songs, so sagt er, hat er eine sehr persönliche Beziehung, da sie ihn schon so lange begleiten – und diese persönlichen Songs möchte er jetzt mit der ganzen Welt teilen.

    „Autoplay“: eine verkappte Lovestory

    Die Tracklist von „Autoplay“ liest sich ein bisschen wie eine gescheiterte Liebesgeschichte:

    Love Me Like I Do

    So Sweet So Nice

    When You Call My Name

    I wanted You

    Alone Again

    Das Verlangen nach Liebe des Gegenüber. Die Phase der rosaroten Brille, wo alles schön und leicht ist. Dann kommen die ersten Zweifel und die Einsicht, dass die Liebe der Vergangenheit angehört. Am Nede steht man wieder alleine da. Eigentlich hat sich nichts verändert.

    Im Vergleich zu John Moods‚ „So Sweet So Nice“ Album aus 2021 gibt es auf der „Autoplay“ EP etwas weniger Poesie. Das ist aber auch nicht weiter wild und fehlt mir auch nicht, denn dafür gibt es diesmal eine Storyline, die mitfühlen lässt. Meine Review zu „So Sweet So Nice“ lest ihr hier.

    Setzen wir uns doch mal die rosarote Brille auf

    Fangen wir also mal ganz vorne an. Das ist doch sowieso immer der schönste Teil einer Lovestory, oder nicht? In „Love Me Like I Do“ nimmt John Moods uns auf eine musikalische Reise der Schmetterlinge im Bauch. Die Welt ist bunt, die Gedanken sind leicht und John Moods gesteht sich ein „I don’t want to love you but I do“. Ach, ist das schön. Doch wie geht es dem Gegenüber? Das bleibt offen. Es wirkt aber auch nicht so als würde ihn das weiter stören, denn der Song läuft so locker und leicht vor sich hin, dass ich mich sowieso schon längst in synthigen Gitarrensounds und leichten Beats verloren habe.

    Wie eine gescratchte CD-Version des selben Songs

    So Sweet So Nice“ klingt deutlich rauer als die Version, die es auf das Album geschafft hat. Beat-lastiger, mehr Keyboard, eine klarere Stimme und weniger bubbly (tut mir wirklich leid, aber ich finde kein passenderes Wort). Die Album-Version des Songs hat mich nie so besonders gecatched, aber so langsam werde ich warm mit dem Song – mein Favorit wird es wohl trotzdem nicht werden. Textlich reiht sich der Song bestens in die Storyline ein. Mit Lines wie „Is it just a dream?“ wird die veträumte Welt des Verliebtseins deutlich.

    Es folgt der Song, der vorab als Single released wurde: „When You Call My Name„. Der Song hatte mich direkt. Was soll ich groß sagen – ich hab ihn einfach von Anfang sehr gefühlt. Um mal kurz Anna zu zitieren, die eigentlich nicht der größte Fan der Songs von John Moods ist, diesen aber auch direkt gefühlt hat: „Erinnert mich sehr an die Musik, die mein Vater früher gehört hat – so leichte Dire Straits vibes“. Na, wenn das kein schmeichelnder Vergleich ist.

    Kann ein Song wie eine aufgehende Blume klingen oder werde ich jetzt zu kitschig?

    Für mich klingt der Song irgendwie nach einem musikalischen Frühlingserwachen: Die Blumen blühen, die Sonne scheint mir ins Gesicht und dieser leichtbeseelte Song läuft im Hintergrund. Ich könnte mich schon wieder in den Gedanken daran verlieren. Naja, ich glaube es ist deutlich geworden, dass ich den Song mag.

    Bei dem Video zu „When You Call My Name“ bin ich mir allerdings nicht so ganz sicher, ob ich es verstörend oder genau passend finde. Einerseits passt die minimierte old school-Grafik perfekt zu dem „Autoplay„-Gedanken und der generellen Liebe zum Retro-Detail im John Moods Kosmos. Andererseits verstehe ich es nicht. Aber hey, wie haben Frittenbude es so schön gesagt: „Das ist Kunst. Mindestens in 1000 Jahren?“ – und Kunst ist ja bekanntlich Interpretationssache. Was seht ihr in dem Video?

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    Die Zeit der rosaroten Brillen ist vorbei. Macht euch bereit auf die Ernüchterung danach – zumindest textlich. Ich muss an dieser Stelle nämlich gleich mal sagen: Man hört den letzten beiden Songs auf „Autoplay“ nur im direkten Vergleich zu den vorherigen an, dass es hier in den traurigen Teil der Geschichte übergeht. Der Sound ist immer noch sehr veträumt. Die Gitarren werden etwas ernster und klarer als zuvor – etwas weniger bubbly. Es kommen leichte Rockelemente dazu.

    Die ernüchternde Antwort auf „Is it just a dream?“

    I Wanted You“ ist eine klare Offenbarung an etwas, das war und nicht mehr ist. John Moods gesteht ich ein, dass die Liebe wohl eher einseitig war. Die zerstörten Hoffnungen an ein Happy End bekommen in dem Song durch eine eindriglichere Gitarre mehr Gewichtung verliehen. Man könnte fast denken, dass dieser Song zurück in die Realität verfrachten soll, aber keine Sorge, soweit ist es noch nicht. Ein Song kommt noch.

    In „Alone Again“ ist das Keyboard besonders präsent. Hier höre ich „Autoplay“ so richtig raus. Aber auch der synthige Gitarrensound wird nicht vergessen. Ok, hatte ich vorhin geschrieben, dass es weniger bubbly ist? Das war vielleicht doch eine Lüge – eine aus dem Affekt geschriebene Misinformation – vergessen wir das einfach wieder. Denn „Alone Again“ kommt durch die Keyboard-Sounds wieder leichter und unbeschwerlicher daher, als der Text vermuten lässt. Zwischendurch versucht die Gitarre zu rechtfertigen, dass es hier doch immer noch um einen eher traurigeren, ernsten Song geht. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob ihr das gelingt.

    Eine Achterbahn der Gefühle auf einem stringent veträumten Sound

    Ich habe bei John Moods und all seinen Songs das Gefühl, er ist nie so ganz in der Realität angekommen. Irgendwo zwischen dem Sound der 80er, 90er und einem anderen Universum verlieren sich auch die Songs auf „Autoplay“ wieder in dieser gedanklichen Welt. Ich mag’s und möchte bitte nie wieder daraus aufwachen. Mal abgesehen davon bekomme ich das ein oder andere Mal Flashbacks an Videospiele à la Super Mario Bros. bei den Songs und wünsche mir meinen Nintendo zurück. Ehrlich mal: Warum hab ich ihn damals verkauft? Eine Entscheidung, die ich heute noch bereue. „Autoplay“ kann dieses Trauma zwar nicht aufarbeiten, aber hilft mit dem Retro-Sound zumindest, um mich kurzzeitig davon abzulenken und in meiner Traumwelt gefangen zu halten.

    Hier könnt ihr fleißig die EP „Autoplay“ von John Moods rauf und runter streamen:

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    Fotocredit: Dan Trautwein

  • Spoon and the Forkestra mit „The Fondest Flinch“: Ein musikalisches Wimmelbuch der Emotionen über’s Erwachsenwerden

    Spoon and the Forkestra mit „The Fondest Flinch“: Ein musikalisches Wimmelbuch der Emotionen über’s Erwachsenwerden

    Dinge, die mein Musik-Herz besonders hochschlagen lassen: Indie-Sounds von Newcomer*innen und Bands, die ein starkes Nostalgie-Gefühl in mir auslösen. Ein Duo, das genau dieses Gefühl ab dem ersten Ton in mir ausgelöst hat, möchte ich euch jetzt vorstellen: Spoon and the Forkestra. Das sind Emily-Mae Lewis und Timo Zell und am 7. Januar ist ihre Debut-EP „The Fondest Flinch“, um die es in diesem Artikel gehen soll, erschienen.

    Irgendwas zwischen verspieltem, unbeschwertem Indie-Folk à la Of Monsters And Men und dunklem, mystischem Sound wie London Grammar

    Aber weil die beiden selbst einfach zu schön schreiben und das nicht nur in ihren Songs zu hören ist, sondern sich einfach zu schön in ihrer Bandgeschichte liest, möchte ich euch die Erzählung der beiden nicht vorenthalten. So wurde aus Emily und Timo Spoon and the Forkestra:

    Viele Zufälle sind es, die die junge Band zusammenwürfelten. Während Emily-Mae vorher im hohen Norden alleine mit ihrer Gitarre barfuß ihr Publikum verzaubert, studiert Timo im tiefen Süden Musik. Als sie mit ihrer warmen Stimme Gedichte aus überquellenden Notizbüchern in Musik verwandelt, kniet er nächtelang über sphärischen, einzigartigen Bass-Sounds, mit denen er als versierter Studio- und Livemusiker verschiedenste Projekte bereichert. Sie sehnt sich danach, die Bühne mit jemandem zu teilen, er will neue musikalische Wege beschreiten. Auf der Suche nach einer Kaffeemaschine in Hamburg, 2017, treffen die beiden in einem menschenleeren Korridor aufeinander und gründen zwei Jahre später auf einer Berliner Bordsteinkante des Sommers 2019 Spoon and the Forkestra.

    Eine EP wie ein musikalisches Bilderbuch

    Ähnlich wie die Entstehungeschichte von Spoon and the Forkestra liest sich auch „The Fondest Flinch“. Die EP mit fünf Songs erzählt eine Geschichte und malt Bilder. Sie ist quasi ein musikalisches Bilderbuch – oder noch besser: ein Wimmelbuch. Gedanklich und emotional passiert super viel auf einmal. Es hört sich an wie das Manifest eines Kindes, das sich gefangen und verloren fühlt in den stupiden Strukturen des Erwachsenseins. Und das fühle ich sehr! Geht es euch auch so, dass man sich mit Mitte 20 manchmal fragt, ob man jetzt eigentlich erwachsen ist und wie sich das genau anfühlen sollte? Da wünsche ich mir zumindest das ein oder andere Mal gerne die Naivität und Leichtigkeit zurück, mit der ich als Kind und Jugendliche noch durchs Leben gegangen bin.

    „If patience is a virtue, someday I’ll understand“

    Die EP beginnt mit „Mary Lou“. Ein Song, der mich zu Beginn direkt bei der Gefühlsverwirrung abholt, die ich gerade beschrieben habe. Mein erster Gedanke: „Wow, das klingt ja voll wie Of Monsters and Men“. Dann bekomme ich das starke Bedürfnis barfuß durch taufrisches Gras zu tanzen und einfach mal an nichts zu denken. Das passt ganz gut zu dem Wunsch nach der Leichtigkeit der Vergangenheit. Der Song kommt sehr verspielt und unbeschwerlich daher. Ich verliere mich in wohlig-warmen Gedanken.

    Weiter geht’s mit „Pirates“. Ich fühle mich tatsächlich ein bisschen als würden Piraten meine Gedanken überfallen, da der Sound deutlich ernster daher kommt als „Mary Lou“. Das unbeschwerliche Kindsein, das gerade noch besungen wurde, schwindet in „Pirates“ der etwas ernüchternden Realität des nachdenklichen Erwachsenseins. Die Stimme der Sängerin Emily-Mae ist zwar immer noch sehr zart und einfühlsam, aber wird schon endringlicher.

    „There is Karma in my dinner“

    … and a lot more rock elements in this song. „Karma 8“ startet mit der zarten Stimme von Emily-Mae, die sich in den vorherigen Songs schon in mein Herz gesungen hat. Jetzt wird es allerdings etwas dunkler, irgendwie auch ernster. In „Karma 8“ kommt eine gewisse Eindringlichkeit rüber, die mit auffällig mehr Schlagzeugals zuvor gepaart ist.

    Bei „Blue“ bekomme ich wieder direkt sehr starke Of Monsters And Men-Vibes – nur diesmal in der „sad girl autumn version“ (props an alle Taylor Swift-Ultras an dieser Stelle). Der Song ist für mich genau das, was ich mir unter typischem sad indie folk vorstelle. Mit verspielten Klavier-Parts im Hintergrund schaffen es Emily-Mae und Timo auf diesem Song, dass ich so sehr in meine Gedanken versinke, dass ich gar nicht bemerke wie der Song schon wieder zu Ende ist. Das ist aber auch nicht weiter schlimm, da ich im nächsten Song wieder zurück in die Realität gezogen werde.

    Zarte Stimme auf starker Gitarre mit Hang zur Dramatik

    In „Blink Twice“ wird die zarte Stimme, die sich wie ein roter Faden durch die EP zieht, durch eine starke Gitarre unterstützt. Das ist eine Kombination, die sich sehr schön ergänzt und auch eine gewisse Dramatik erzeugt. Der Sound ist auch wieder ein bisschen mystisch. Bei „Blink Twice“ sticht aber vor allem das Ende heraus. Emily-Mae’s Stimme wird auf einmal stark und intensiviert die Dramatik, die sich in den Songs zuvor aufgebaut hat.

    Die EP The Fondest Flinch” endet mit einem atmosphärischen Sound. “Kugs and Hisses – phone recording” ist mit seinen 54 Sekunden verträumten Gitarren-Sound ein sehr beruhigender Abschluss. Nach dem Hören habe ich das Gefühl, dass diese letzte Sequenz den Sound der EP sehr gut abrundet. Die angedeutete Aufregung durch den etwas intensivieren Part in „Blink Twice” wird hier wieder aufgehoben. Meine Gedanken können sich also jetzt erst einmal wieder etwas beruhigen und sich wieder in ihre Traumwelt verabschieden.

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    Fazit: Songs, die mit den Größen des Indie-Kosmos locker mithalten

    Was ich von „The Fondest Flinch“ und dem Sound von Spoon and the Forkestra halte, ist glaube ich schon sehr deutlich geworden. Die Songs auf der EP hat für mich auf jeden Fall das Potenzial in die Schublade der klassischen Indie Tracks aufgenommen zu werden. Der Sound, den Spoon and the Forkestra auf The Fondest Flinch” produziert haben, klingt für mein Empfinden schon sehr ausgefeilt und reif. Für mich ein klassischer Fall von: “Wieso ist dieses Duo noch so unbekannt?” Mein Newcomer*innen-Herz ist verletzt und glücklich gleichzeitig. Verletzt, dass die Songs noch so unbekannt sind. Glücklich, dass ich die Lieder in meine Playlists aufnehmen kann. Hoffnungsvoll, dass ihr das jetzt auch alle macht.

    Hier geht’s zur EP “The Fondest Flinch” von Spoon and the Forkestra:

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    Fotocredit: Philipp Seliger