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Luis Ake im Interview: “Liebe ist mein Lieblingshobby”

An einem kühlen August-Nachmittag traf ich Luis Ake für ein Gespräch vor seinem Konzert mit Edwin Rosen, mit dem er eine blitzschnell ausverkaufte Tour spielte. Der aufsehenerregende Künstler hat schon jetzt eine auffallende musikalische Entwicklung hingelegt. Wo auf seinem ersten Album noch düstere Songs mit morbidem Beigeschmack lauerten, bieten die neuen Singles mehr Euphorie als Trauer. Songs wie der energische Trance-Hit Sommer zeigen eine ganz neue Facette von Luis und machen neugierig auf das im September erscheinende zweite Album. Ich bin absoluter Fan von beiden Seiten und wünsche mir, dass noch viel mehr Leute das von sich behaupten können.

Um mich kurz selbst aus einem älteren Artikel über Luis Ake zu zitieren: Hier geben sich Rave und Schlager die Hand. Und jetzt mehr denn je. Während er sich irgendwo zwischen NDW, Schlager, Pop und elektronischer Musik bewegt, gelingt es ihm die Hand freundlich auszustrecken und Hörer:innen mit auf ein Abenteuer zu nehmen. Skurrile Live-Performances, der Wechsel zwischen tiefem Sprechgesang zu hoher Kopfstimme und immer im Retro-Anzug vorzufinden, das alles macht Luis Ake als Erscheinung aus. Man ist sich nicht sicher, ob er nicht gerade aus einer Zeitmaschine gestiegen und eigentlich fremd in der heutigen Zeit ist. Genau das macht ihn wohl so spannend. Während des Konzerts am Abend im Bumann und Sohn beobachtete ich aufmerksam die Blicke des Publikums während seiner Show. Oft war es ein erstaunen und erschrecken, dann ein lachen, dann ein jubeln, dann ein fragendes Gesicht voller “Irgendwie versteh ich das nicht so ganz”. Und ich denke, diese Reaktionen treffen es genau auf den Punkt.

Luis Ake im Interview

Dascha: Hey Luis, wie geht’s dir?

Luis Ake: Gut, mir geht’s prima. Ich hab viel geschlafen, wenig Kater. Nur ein bisschen. Das ist gut, so kann das Wochenende beginnen.

Dascha: Sehr schön! Willst du dich mal selbst ein bisschen vorstellen, für die, die dich noch nicht kennen? Und wie würdest du deine Musik selbst beschreiben?

Luis Ake: Mein Name ist Luis Ake, ich bin 26 Jahre jung und ich mache hauptsächlich Liebeslieder. Popmusik, würde ich sagen. Ich beschäftige mich sehr viel mit dem Thema Liebe. Romantische Liebe, muss man dazu sagen. Oder eher Beziehungsliebe. Romantische Liebe kann ja auch viel anderes sein.

Dascha: Da du heute Abend hier ein Konzert spielst – Wie läuft die Tour gerade?

Luis Ake: Gut, es gab schon lange keine Tour mehr, das ist schön jetzt. Wenig schlafen, viel Action, gute Laune die ganze Zeit. Ich kann mich nicht beklagen! Morgen hab ich frei, das ist für mich sehr entspannend.

Dascha: Gibt’s auch etwas am touren was du nicht so gern magst?

Luis Ake: Hmmm, also am liebsten bin ich alleine auf Tour. Es ist zwar auch schön mit anderen zu touren, so wie jetzt gerade mit Leuten, die ich richtig gerne mag. Ich toure ja gerade mit Max (Flawless Issues), Edwin (Rosen) und Luca, das sind sehr gute Freunde von mir, deshalb ist es sehr sehr schön. Man kommt halt selten in den Genuss mal kurz einen Moment nur für sich zu haben. Aber das ist nicht schlimm, das gehört einfach dazu. Es gibt eigentlich nichts am touren, das ich gar nicht mag. Außer, dass ich nicht so viele Anzüge mitnehmen kann. Dann werden die schmutzig und das nervt mich ein bisschen. Ich hab jetzt nur zwei dabei für zehn Tage, das muss man sich mal überlegen. Ich reise nämlich gerne mit wenig Gepäck. Lieber hab ich zu wenig, als zu viel dabei. Ich finde beim Packen gibt es eine goldene Regel: Immer die Sache, die man am Ende noch mitnehmen will, nicht mitnehmen.

Dascha: Und warum?

Luis Ake: Na dann hat man zu viel dabei. Man muss immer das, was man in Frage stellt mit “nein” beantworten.

Dascha: Das werde ich mir für’s nächste Mal merken! Jetzt erscheint ja auch deine nächste Single “Blumen“. Magst du mal was zu dem Hintergrund erzählen? Was bedeuten die Blumen für dich? Deine Mama spricht auf dem Song auch einen Teil, wie kam es dazu?

Luis Ake: Weil meine Mama eine großartige Frau ist! Und weil sie eine tolle Stimme hat. Dieser Sprechteil in dem Lied hat sich einfach wunderbar dafür angeboten. Sie hat sofort Lust darauf gehabt, meine Mama ist auch großer Fan. So hat sich das perfekt angeboten und ich bin sehr glücklich darüber. Zu dem Lied gibt es eigentlich viel zu sagen. Bald wird ja auch mein Album erscheinen, das ist insgesamt eine größere Arbeit. Da spielen die Songs schon eine entscheidende Rolle, da sie Teile von einem größeren Puzzle sind. Nämlich hab ich eine Maschine erfunden, die Beziehungsfragen beantworten kann. Jedes Lied hat einen Teil in diesem Mechanismus. Die Maschine besteht aus zehn Teilen und ein Teil ist eben das sogenannte Reich der Blumen. Das muss man sich vorstellen wie einen Stadtpark einer sauberen, reichen, gepflegten Kleinstadt und wenn man da hineingeht wird man sich sofort verlieben. In dem Lied an sich geht es darum, dass die Liebe wie eine Blume ist, die man gut pflegen muss. Damit sie groß und stark wachsen kann und damit sie den kalten Winter übersteht.

Dascha: Das passt auch schon zu meiner nächsten Frage. Hast du dich schon beim Schreiben der Songs auf dem Album thematisch an dem Konzept festgehalten?

Luis Ake: Die Auswahl der Songs erfolgte so, um jede Facette dieser Beziehungsliebe abzudecken. Diese Liebe ist ein bisschen wie ein Zyklus, der einen immer wieder packt. Ich war frustriert davon, dass ich immer wieder in dem selben Gemütszustand lande, der immer wieder gleich schmerzhaft oder gleich freudig ist. Die Maschine versucht sozusagen diesen Kreislauf zu ergründen, um am Ende größere Gelassenheit für den, der sich damit auseinander setzt, zu garantieren. Es ist sozusagen eine Studie zum Thema Liebe. Die hab ich erst nur für mich gemacht, aber im Rahmen des Albums öffne ich sie. Aber ich habe die Maschine wirklich auch als physisches Objekt gebaut, die wird man dann bei der Platte zu sehen bekommen.

Dascha: Dann bin gespannt und jetzt echt neugierig. Schreibst du am liebsten nur über Liebe oder kommen auch andere Themen für dich in Frage? Woher nimmst du deine Inhalte?

Luis Ake: Aus dem Alltag, einfach jeden Tag. Liebe ist mein Lieblingshobby, könnte man sagen. Darüber kann ich mich nicht emanzipieren, über die Macht der Romantik. Und so liegt es auch nah, dass sich das in einer Art Selbsttherapie in meinen Liedern widerspiegelt.

Dascha: Und wie würdest du sagen hast sich deine Musik von früher zu jetzt verändert? Ich würde schon behauptet, dass sie von düster zu hell gewandelt ist. Was hatte darauf Einfluss?

Luis Ake: Düstere Musik zu machen bedeutet meistens ja auch düstere Gedanken zu haben und eher Schmerz statt freudige Gefühle zu verarbeiten. Zu der Zeit damals gab es eben eher solche Sachen zu verarbeiten. Es ist total wichtig, dass es das negative Gefühl, was auch unheimlich schön ist, gibt. Trauer, Schmerz, sind ja alles Formen der Verarbeitung. Das ist irgendwie viel leichter zu greifen. Es ist wie ein Kaugummi-artiges Gefühl, man kann es richtig breit treten, man kann sich richtig in der Trauer suhlen. Irgendwie ist es auch schön, es zieht einen richtig nach unten und dann erreicht man den Boden und darunter kommt erstmal nichts. Das heißt man ist erstmal auf einer sicheren Plattform. Man kann es auch auf Dauer ziehen, heute fange ich an einen traurigen Song zu schreiben und ich weiß, morgen bin ich wahrscheinlich immer noch traurig, dann kann ich da wunderbar weitermachen.

Wohingegen glückliche Lieder, von denen es welche auf dem Album gibt, viel schwieriger zu greifen sind. Das Glücksgefühl ist so flüchtig, es verpufft so schnell. Sobald man es anschaut, ist es schon wieder weg. Davon gibt es immer nur einen kurzen Moment, davon handelt das Lied Ein schöner Traum. So ist innerhalb des Albums auch die Maschine aufgebaut. Das Hohe, die Glücksmomente, die werden mit einer Wolke verglichen. Dann gibt es noch das Tiefe, den Boden. Zwischen diesen zwei Extremen wird Liebe irgendwie verhandelt. Ich wollte dieses Mal alles abdecken, ich denke das ist mir auch ganz gut gelungen. Glückliche Lieder zu schreiben ist viel schwieriger, deswegen habe ich versucht positive Musik mit positiven Gefühlen zu machen. Einfach, weil ich das auch können wollte.

Dascha: Na dann bin ich auch sehr gespannt auf’s Album. Wie bist du eigentlich dazu gekommen Musik zu machen?

Luis Ake: Ich bin in einer sehr musikalischen Familie aufgewachsen. Mein Vater ist Gitarrist und meine Mutter ist Sängerin. Da hab ich schon sehr sehr früh Musik gemacht, natürlich auch beeinflusst durch meine Eltern. Musik war immer da und man konnte immer alles fragen. Ich hab früher viel Gitarre gespielt, dann hat sich das so entwickelt und ich hab erst vor zwei Jahren angefangen zu singen. Davor hab ich eher in Bands Gitarre gespielt, viel Produktion, moderne Tanzmusik, Hip Hop alles mögliche. Und jetzt bin ich hier.

Dascha: Was sind deine Ziele und Pläne, die du in deiner Musiklaufbahn noch erreichen willst?

Luis Ake: Mich einfach nicht wiederholen. Eine Sache, die ich echt nicht will, ist immer dasselbe zu machen. Es ist einfach eine persönliche Reise, du hast ja auch schon festgestellt, dass sich die Songs verändert haben. Jetzt gerade ist es eine größere Arbeit für mich noch andere Dinge zu ergründen und so muss es einfach weitergehen. Ich will nichts zwei Mal machen. Allein dadurch kommt man ja immer weiter und immer weiter. Ich hab keine bestimmten Ziele, ich will einfach nur glücklich sein, das machen, worauf ich Lust hab und irgendwann sterben. Das wär perfekt so.

Dascha: Mal kurz zurück zu 2020: Du hast letztes Jahr zusammen mit dem russischen Künstler Dima Midborn den billingiualen Song Hey Du/Эй, Ты gemacht. Der war einer meiner Lieblingssongs des Jahres! Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Luis Ake: Der Kontakt kam von außen. Ich hab Fans in Russland, ich bin sehr Russland-affin und mag das Land unheimlich gerne. Ist vielleicht sogar mein Lieblingsland. Ich hör auch viel russische Musik und so war das schon immer ein Traum von mir, dass ich mal einen russischen Song machen kann. Da hat das mit dem Dima super gepasst. Ich denke, das ist eine ganz nette Nummer geworden.

Dascha: Geht mir auch so. Ich höre sehr viel russische Musik, deswegen war das eine Kombination, die mir viel Freude bereitet hat.

Luis Ake: Zweisprachige Songs gibt’s ja auch leider nicht so oft. Ich finde Deutsch und Russisch sind sich von der Härte oder vom Gefühl schon ähnlich. Ich hab so eine wilde Theorie, dass jemand, der die deutsche Sprache beherrscht, diese selbe Härte sucht, mit der man irgendwie connecten kann. Deutsch und Russisch haben so eine natürliche Verbindung, die sind auf einer ähnlichen Wellenlänge, anders als Deutsch und Französisch zum Beispiel. Würdest du mir da zustimmen?

Dascha: Ja, doch, schon. Wobei ich finde, dass Russisch noch weicher ist als Deutsch.

Luis Ake: Ja, das stimmt. Vielleicht kommt daher die Faszination vieler Russen und Russinnen für deutsche Musik.

Dascha: Das kann sein. Es gibt wirklich viele Leute in Russland die deutsche Musik lieben, auch wenn sie es nicht verstehen.

Luis Ake: Ich habe jetzt auch einen Remix für Nürnberg, eine Band aus Weissrussland, gemacht. Da hab ich zum ersten Mal auf Russisch gesungen, das war cool. Ich würde gerne Russisch lernen und am liebsten für eine längere Zeit dort leben.

Dascha: Oh, das ist sehr cool! Nürnberg hör ich sehr gerne. Naja, zurück zu Stuttgart. Da gibt es ja schon einige Musiker:innen momentan. Gibt es da deinem Gefühl nach eine feste Szene? Wirkt sich das aufeinander aus?

Luis Ake: Sicherlich. Ich muss aber gestehen, dass diese Künstler:innen, die gerade im Atemzug mit anderen Stuttgarter:innen genannt werden, erst recht spät kennengelernt hab. Klar, ich war zum Beispiel mit Max Rieger auf der Schule, ich war aber nie in dieser Szene drin. Erst jetzt im nachhinein, als ich gar nicht mehr dort gewohnt hab, hab ich alle kennengelernt. Ich würde mich eher als Einzelgänger beschreiben. Es ist aber trotzdem schön, eine Verbindung zueinander zu haben. Heute sind wir hier wieder eine richtige Stuttgarter Gruppe. Das ist schon ein schönes Gefühl, aber ich hab darüber nie wirklich nachgedacht.

Dascha: Und wo hast du dann gelebt?

Luis Ake: Ich hab viel Zeit in Karlsruhe verbracht. Dann in Berlin und mal hier und dort. Ich hatte eigentlich keinen festen Wohnort, immer noch nicht.

Dascha: Welche Musiker oder Musikerinnen aus Deutschland kannst du empfehlen? Wen magst du im Moment besonders gerne?

Luis Ake: Gerade mag ich Marion Maerz sehr gerne. Das ist eine Schlagersängerin aus den 60er, Anfang 70er Jahren. Wunderbar, ganz ganz toll, kann ich nur jedem empfehlen. Liebe auf den ersten Blick ist zum Beispiel sehr schön. Das hör ich Moment viel, aber ansonsten immer viel Ausdrucks-Pop und natürlich NDW, da kann man sich nie satthören. Der Schlager, nicht aus dieser Zeit, ist auch immer sehr gut und ergiebig, wenn man sich die Zeit nimmt und sich öffnet.

Dascha: Ich glaube bei Schlager haben viele diese Blockade im Kopf, dass sie das gar nicht erst an sich ranlassen wollen.

Luis Ake: Ja, das stimmt! Die hab ich zum Glück nie gehabt. Die will ich auch nie haben. (lacht)

Dascha: Dann kommen wir auch schon zur letzten Frage: Das ist bei uns immer eine untold story. Also ein Geheimnis, eine Geschichte oder einen Fakt über dich, den noch nicht viele wissen.

Luis Ake: Auch wenn ich vielleicht nicht so aussehe, versuche ich ein ziemlich primitives Leben zu leben. Ich liebe zum Beispiel Fußball, vor allem den Verein Vfb Stuttgart. Ich bin da ein sehr sehr dedicated Fan. Und ich liebe es KFZ als Hobby zu haben, ich liebe es an Autos rumzuschrauben. Das sind Dinge, die man vielleicht nicht von mir erwarten würde.

Bis das neue Album von Luis erscheint, könnt ihr euch hier noch an seinen bisherigen Songs erfreuen:

Foto Credit: Alexander Theis
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