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L I N im Interview: »Du bist nicht alleine und wir stellen uns deinen Dämonen gemeinsam – wenn du magst.«

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L I N hat am Freitag ihre Debüt-EP Colours veröffentlicht. Die Newcomerin aus Mainz wirbelt darauf einmal alle Themen auf, die, obwohl eigentlich immer, vielleicht gerade jetzt besonders wichtig sind. Es geht um die eigene Existenz auf der Welt, die eigenen Entwicklungen und Zweifel und mental health. Aber auch darüber, was das geile am Schlagzeugspielen ist. Außerdem haben wir über creepige Musikvideos gesprochen. Genug Clickbait?

 
L I N im Interview

Anna: Hey LIN, als erste vielleicht random erscheinende, aber dann doch naheliegende Frage: Was ist deine Lieblingsfarbe und warum?

L I N: Meine Lieblingsfarbe ist blau. Es war schon als Kind so, dass es mir wahnsinnig wichtig war bei Gesellschaftsspielen die blaue Figur zu haben. Warum weiß ich nicht, aber vielleicht mochte ich das Tiefe, Dunkle und Weite an der Farbe.

Anna: Naheliegend weil: deine Debüt-EP heißt Colours, im Titelsong singst du „we need to draw ourselves with as many colours as there are”. Wofür steht die Farben-Metapher? Und mit welchen Farben würdest du dich selbst malen?

L I N: Eine Farbpalette ist, wenn man die Schattierungen jeder Farbe mit einbezieht, quasi unendlich. Und das sind auch die Möglichkeiten, die wir als Menschen haben, uns zu entwerfen und neu zu zeichnen. Das gilt natürlich nur im persönlichen Entwicklungsbereich. Leider sind wir auf der Erde extrem unterschiedlich privilegiert und haben nicht die gleichen Gestaltungs- und Bewegungsfreiheiten. Aber gerade nach existentiellen Erfahrungen ergibt sich die Möglichkeit, Licht einfallen zu lassen und eine neue Perspektive auf die Ereignisse zu gewinnen – sie sprichwörtlich in einem neuen Licht zu sehen. Und ein neuer Lichteinfall lässt auch Farben ganz anders aussehen und bringt sie neu zum Leuchten. Außerdem rekuriert die Farben-Metapher auf die Regenbogenfarben und ist explizit eine Einladung an alle queeren Menschen sich in meiner Musik eingeladen und aufgehoben zu fühlen. Ich selbst würde mich ebenfalls in bunten Regenbogenfarben malen. Nur nicht grün im Gesicht, das steht mir nicht. 😉

Anna: Du bist eine Newcomerin aus Mainz, vom Sound deiner ersten Singles her würd ich aber sagen, du machst schon länger Musik. Was war dein musikalischer Weg bis du bei deinem aktuellen Solo-Projekt gelandet bist?

L I N: Ich habe schon früh als Kind Klavier und Schlagzeug gelernt und habe mir später mehr schlecht als recht Gitarre beigebracht. Dann habe ich viele Jahre Schlagzeug in Bands und im klassischen Kontext gespielt und dabei gemerkt, dass ich eigentlich am liebsten (auch) singen würde. Das konnte ich dann in meinem nächsten Projekt „Bender & Schillinger“ umsetzen. Wir haben dann nach Ende meines Studiums sieben Jahre lang im professionellen Kontext Musik gemacht. Vor zwei Jahren habe ich dann angefangen am Soloprojekt zu schrauben und es mit Hilfe meines guten Freundes David Hoffmann von der Theorie in die Live-Praxis umgesetzt.

 
„Ich hab manchmal das Gefühl, nur mithilfe vom Beat in den Rhythmus der Welt zu passen.“

Anna: Zu Carolin hast du letztes Jahr schon eine Home-Session aufgenommen, kürzlich eine Piano-Version mit Nik Heimfahrt. Welche von beiden Versionen hat mehr Spaß beim Aufnehmen gemacht bzw. inwiefern unterscheiden sie sich bei der Auffassung/Umsetzung des Songs?

L I N: Muss ich mich entscheiden? Ich hatte großen Spaß bei beiden Versionen! Am Aufwendigsten war auf jeden Fall die Home-Session, weil ich mir vorher keine Gedanken darüber gemacht habe, wie ich das filmen will. Ich hab einfach losgelegt und dann das Handy in die Tasse, auf die Kiste, auf den Mülleimer, auf den Stuhl gestellt, um den richtigen Winkel zu kriegen – alles mehrfach abgestürzt. Die Pianoversion mit Nik aufzunehmen war dagegen fast wie eine sehr lange, sehr angenehme Massage, weil mich Klavierspiel immer extrem runterbringt. Er hat ja auch wirklich sehr schön gespielt.

Anna: Viele der Instrumente auf deiner EP spielst du selbst, aber wenn du dich entscheiden müsstest: Welches ist dein Lieblingsinstrument und warum?

L I N: Schlagzeug. Immer wieder Schlagzeug, weil es bei mir eine unfassbare Leidenschaft entfesselt. Ich habe manchmal das Gefühl, nur mithilfe vom Beat in den Rhythmus der Welt zu passen. Groove hat eine unglaubliche Energie. Gerade im gemeinschaftlichen Musizieren ist es ein unmittelbares Verbindungselement, das ohne Sprache auskommt und deshalb verschiedenste Menschen zusammenbringen kann.

Anna: Eine Frage, die mir auch ein bisschen brennt: Welche Geschichte erzählst du mit dem Musikvideo zu Doubts? Und warum ist es so creepy?

L I N: Die Geschichte zum Musikvideo von Doubts habe ich mit zwei tollen Künstlern aus Luxemburg, EDSUN und Isaiah Wilson entwickelt. Sie beschreibt das Treffen zwischen mir und meinen Zweifeln – verkörpert in der Figur der IRENE, die in dem Video auftritt. Wir wollten dabei die unterschiedlichen Stadien abbilden, die man bei einem Zweifelsprozess durchläuft. Angefangen von der Einladung, also dem Sich mental öffnen gegenüber selbstkritischen Fragen, über das Größerwerden und die Dominanz des Zweifels und die versuchte Aussöhnung mit den eigenen Zweifeln (die Nährungsszene, in der IRENE in meinem Schoß liegt) bis hin zu der Rückkehr zum Anfang und zur gleichen Szenerie wie zu Beginn des Videos. Wir wollen verdeutlichen, dass die Zweifelsprozesse nie mit einem Mal abgetan sind, sondern in kreisförmigen Bewegungen wiederkehren und man einen Umgang mit dieser Tatsache finden muss. Man wohnt mit ihnen unter demselben Dach sozusagen.

Creepy ist es, das stimmt. Vor allem die Stelle, wo ich weiße Kontaktlinsen trage und von meinen eigenen Dämonen besessen das Zweifelsmantra spreche. Aber die Momente im wirklichen Leben, in denen man sich so mit sich selbst auseinandersetzt, sind oft wesentlich beängstigender als das bisschen weiße Linse im Auge 😉

 
„Ich hoffe, dass trotzdem manchmal etwas durch diesen Nebel durchringen kann.“

Anna: Million Reasons ist der Song, mit dem ich das erste Mal auf dich aufmerksam geworden bin. Ganz anders zu Doubts ist er voller positiver upbeat-Vibes, und das, obwohl es inhaltlich ein eigentlich sehr sensibles Thema ist. Wie hast du für dich den Umgang mit engen Personen in deinem Umkreis, die an Depressionen leiden, gefunden?  

L I N: Das stimmt, der Song ist viel freundlicher. Er sollte bewusst positiv klingen, weil er ein Aufmunterungssong sein sollte für einen Freund von mir, der an starken Depressionen litt. Dabei war immer klar, dass der Grat zwischen Aufmunterung und gefühltem Kleinreden des Problems sehr schmal verläuft. So im Sinne von „ach komm ist doch alles nicht so schlimm, komm wir tanzen eine Runde“. Das sollte auf gar keinen Fall das Gefühl sein, das ich mit dem Song vermitteln wollte.

Ich glaube, dass eine Person, die nicht an Depressionen leidet, selbst nicht nachempfinden kann, wie allumfassend und vernichtend sich alles anfühlt. Aber ich hoffe, dass trotzdem manchmal etwas durch diesen Nebel durchdringen kann. Und wenn das ein Gefühl ist von „Jemandem ist es wichtig, dass es mich gibt“, kann das vielleicht ein kleines Gegengewicht zu den sonstigen Abgründen darstellen. Und genau das ist die Botschaft von dem Song: Du bist nicht alleine und wir stellen uns deinen Dämonen gemeinsam – wenn du magst. Ich glaube, das ist der größte Grund zu bleiben. Das Gefühl, dass es nicht egal ist, ob man da ist oder nicht.

 
„Die Tatsache, dass man wieder Musik gemeinsam erleben kann, hat etwas Magisches.“

Anna: Du wirst deine EP auch an ein paar Orten live spielen. Wie empfindest du Live-Konzerte, selbst als Gast aber auch als Künstlerin, nach so langer Pause?

L I N: Also erst mal bin ich sehr glücklich nicht mehr in Kameras oder vor Autos zu spielen. Das erste Live-Konzert nach Corona hat mich einfach nur umgehauen, obwohl es noch ein Sitzkonzert mit Abstand etc. war. Aber die Tatsache, dass man wieder Musik gemeinsam erleben kann (ob auf oder vor der Bühne) hat etwas Magisches. Ich bin sehr glücklich und dankbar, dass das wieder möglich ist.

Anna: Die letzte Frage ist bei uns immer eine untold story. Was ist etwas, was du noch nie in einem Interview erzählt hast, aber immer erzählen wolltest?

L I N: Ich habe zwei Laster, die so überhaupt gar nicht Rock ‚n’ Roll sind: Socken und Bügeln. So, jetzt isses raus.

 

Hier könnt ihr in die ganze Colours EP reinhören:

 

Fotocredit: Sandra Ludewig

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