Ehrliche Worte, ein leicht düsterer Sound und ein bisschen Geschrei – so klingt „Was soll jetzt noch kommen„. Wie aus dem Nichts kommt die erste Single von I Salute. Denn das letzte Mal, dass das Duo Musik veröffentlicht hat, war vor mehr als vier Jahren. Worum es in dem Song geht, erklärt Sänger Sören Geißenhöner.
Lange war es ruhig um das Duo I Salute. In der Zwischenzeit haben Sören Geißenhöner und Magnus Wichmann unter dem Pseudonym Es brennt Musik veröffentlicht. Vielleicht erinnert sich ja der ein oder andere noch an meine Review zur Single „Kaputt„. Was bei Es brennt als Anti-Pop daherkommt, ist bei ISalute deutlich experimenteller. Irgendwo zwischen Rap, Hip Hop und dem besagten Anti-Pop ist „Wassoll jetzt noch kommen“ einzuordnen.
„Egal welche Jahreszeit, bei dir hat es immer geregnet“
Wenn ein neuer Song aus der Feder von Sören rauskommt, dann können wir uns sich sicher sein: Hier wurde Wert auf jedes einzelne Wort gelegt. In einem Interview mit laut.de hat er mal gesagt: „Ich lege einfach unfassbar viel Wert auf Wörter. Jedes Füllwort ist mir genauso wichtig wie ein viersilbiger Reim.“ Und ich finde das hört man euch. In jeder gesungenen Zeile steckt eine geballte Ladung Emotionen. Der ISalute-Sänger weiß genau, was er da singt.
https://www.youtube.com/watch?v=IO0Z7tqEInk
Worum geht es in „Was soll jetzt noch kommen“?
Dazu schreibt Sören mir: „Die Lyrics sind nicht gerade versöhnlich. Ich erzähle die Geschichte eines Freundes und mache mir sein gebrochenes Herz zu eigen. Ich wüte eher als Rapper über einen manchmal erschreckend aufregenden Beat.“
Langsam und bedacht fängt der Song an, aber für mich ist es der Break, ab dem Sören mit voller Inbrunst seine Wut rausschreit. Es kommt unerwartet und passt perfekt in den Song. Es fühlt sich an als wären alle Gefühle in dieser Stelle gebündelt und haben nur darauf gewartet, herausgelassen zu werden.
Schmunzeln muss ich an der Stelle in Sören’s Mail, in der er sagt „Ich glaube ich habe diesmal recht einfühlsam geschrieben“. Da stimme ich zu. Zwar finde ich, dass die Einfühlsamkeit in den anderen Songs, die Sören so in die Welt rausgelassen hat, auch nicht fehlt, aber wenn „Was soll jetzt nochkommen“ eines schafft, dann ist es, mich über jedes Wort und seinen Zusammenhang nachdenken zu lassen. Hier ein kleiner Auszug aus meinem Gedanken Wirr-Warr rund um den Song:
„Wenn wir uns mit gleichen Waffen gegenüber stehen“
Das Idealbild des Eisbären, „der nie weinen muss“, bleibt mir besonders im Kopf. Es spiegelt den Schmerz wieder, der nicht gefühlt werden möchte und doch mit jedem Ton genauestens durchklingt. Wut und Traurigkeit vermischen sich und werden durch den „erschreckend aufregenden Beat“ befeuert. Sodass ich mir am Ende denke: Möchte ich überhaupt nie weinen? Und darauf „Nein“ antworte. Denn ist Weinen nicht auch irgendwie eine Art Freilassung des Schmerzes?
Mit den Worten „Ich denke du fühlst es“ und „die Tragik liegt mir halt“ hatte Sören seine Mail beendet und was soll ich sagen? Ich kann beidem mal wieder zustimmen. Und was denkt ihr?
Hier geht’s zu „Was soll jetzt noch kommen“ von I Salute:
Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.
Es ist die Zeit der Neuen Neuen Deutschen Welle. Immer mehr Bands und Künstler*innen singen wieder auf Deutsch zu rohen, rauschenden Gitarren-Sounds. Ja, wir alle kennen die Songs von Edwin Rosen. Entweder man liebt sie oder man hasst sie. Aber da ist so viel mehr, so viel gute Musik.
Eine Band, die die Szene im vergangenen Jahr weiter in die Öffentlichkeit gedrängt hat, ist TEMMIS. Wir haben sie euch schon in den „artists to watch 2023“ vorgestellt. Die Newcomer-Band aus Tübingen, die mittlerweile Hamburg-based ist, ist der Beweis dafür, wie wahnsinnig cool deutsche Musik sein kann – vor allem, wenn sie fast mehr zufällig entstanden ist. Hier das Rezept: Post-Punk meets New-Wave meets tiefgehende-Ratlosigkeit-einer-Generation. Das und die richtige Prise “fuck it, wir versuchen das einfach mal” ergibt diese Wundertüte, die auf den Namen TEMMIS hört. Aber lest doch einfach selbst, was die Jungs zu ihrer Musik zu sagen haben!
TEMMIS im Interview
Anna: Hey Jungs! Schön, dass ihr euch alle vorm Bildschirm versammelt habt. Mögt ihr euch einmal kurz vorstellen?
Alex: Ich bin Alex und spiele Bass.
Emil: Ich bin Emil. Ich spiele Schlagzeug.
Tizi: Ich bin Tizi und spiele Gitarre.
Roman: Ich bin Roman und der Sänger. Und wir sind TEMMIS, yeah!
Anna:Mittlerweile seid ihr in der Szene der Neuen Neuen Deutschen Welle ja schon ein Name. Aber das erste Mal, dass ihr so „richtig öffentlich“ gegangen seid, war ja durch eure Teilnahme beim Hifi Klubben Bandcontest. Würdet ihr sagen, dass es TEMMIS als Band zu der Zeit nicht geben würde, wenn ihr dort nicht gewonnen hättet?
Tizi: Nicht unbedingt, glaube ich.
Emil: Ich denke, die Band an sich wird es genauso geben wie jetzt und die Songs wären auch rausgekommen, auf jeden Fall.
Tizi: Wir hätten nicht so schnell so fertige „Produkte“ veröffentlichen können, aber das hat jetzt nichts mit uns als Band zu tun. Wir waren eh von Anfang an eher eine Liveband und das ist mehr unsere Identität als Band. Die hat auch vor dem Contest schon stattgefunden. Der Contest hat uns das dann eher ermöglicht den Songs, die es live auch schon gab, diesen Studiorahmen zu geben und das veröffentlichen zu können.
Roman: Es war eher ein Shortcut. Also so ein halbes Jahr nach der Bandgründung haben wir direkt ein Studio Recording gehabt, was ziemlich gut war. Und es war einfach eher so Mittel zum Zweck. Wir sind denen auch mega dankbar. Wir hätten es aber auch ohne gemacht, glaube ich. Aber es war ein riesiges Sprungbrett.
Emil: Man konnte sehr schnell den Sound von den Songs so hinbekommen, wie wir uns den wirklich gewünscht haben. Hätten wir jetzt alleine alles versucht aufzunehmenhat, da hätte es länger gedauert, bis wir persönlich es geschafft hätten, diesen Sound hinzubekommen. Und das ist auch sehr viel, was wir dadurch gelernt haben.
stop making sense – das Loslassen von Kausalitäten
Anna: Ich habe seit neuestem eine Lieblingsfrage, die ich gerne zu Beginn eines Interviews stelle. Mal schauen, wie kreativ ihr seid. Wenn eure Musik ein Buch wäre, welchen Titel hätte dieses Buch?
Roman: Puh, das ist ja fast so, als ob wir jetzt einen Albumtitel machen müssten. Für ein Album, das nicht existiert.
Tizi: Für unser Lebenswerk.
Anna: Oder ein bestimmtes Kapitel.
Roman: Stop making sense – das ist der Titel.
Anna: So heißt auch deine Playlist, oder?
Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.
Roman: Ja, das ist auch ein Livealbum von den Talking Heads. Die haben in den 80ern einen Konzertfilm gemacht, der war relativ wegweisend für alle kommenden Konzertfilme. Auch musikalisch ist der richtig interessant. Einfach super lustig, aber sperrig – muss ich zugeben – für Leute, die nicht so sehr in der Materie drin sind. Aber irgendwie hat uns dieser Satz schon sehr lange begleitet. Und ich mag die Musik. Ich finde den Satz an sich, also diese kurze, prägnante Aussage sehr geil. Und das ist jetzt kein Leitfaden für die Kunst, die wir machen, aber es ist irgendwie ein schöner Satz, der gut illustriert, wie man loslässt von so Kausalitäten. Viele Sachen ergeben, gefühlt, bei uns nicht so viel Sinn. Und ’stop making sense‘ ist irgendwie so ein süßer Satz. Den würde ich vielleicht als Buchtitel wählen.
Ein Auszug aus der TEMMIS-Bandhistorie
Anna: Finde ich gut. Das Buch würde ich in meinen Warenkorb legen. Erinnert ihr euch noch dran: Was war euer erster Song? Und wie und wo ist er entstanden?
Emil: Erster eigener Song oder der erste Song, den wir zusammen gespielt haben als Band?
Tizi: Oder der erste, den wir veröffentlicht haben?
Anna: Hmm, ne, der erste Song, den ihr als Band selbst geschrieben habt?
Emil: „Andere Stadt“ war der erste, den wir im Proberaum gespielt haben. Oder liege ich da falsch?
Tizi: Ja, das war der erste, den wir im Proberaum gespielt haben, aber ich denke gerade an sowas wie „Busfahrer“.
Roman: Also es gibt „Prä-TEMMIS“-Songs. Wir haben 2018 angefangen – da kannten wir Emil noch nicht. Da haben wir mit einem anderen Drummer gespielt und da haben wir halt ein paar Songs gespielt, die jetzt nicht mehr im Repertoire sind. So ein paar haben wir dann auch auf den ersten Konzerten noch gespielt. Die richtigen „die-hard-Fans“ kennen noch so Songs wie „Planet“ oder „Charlie“. Das sind so ältere Songs. Ich glaube von den Songs, die jetzt draußen sind, ist „Wenn du da bist“ der, der chronologisch als erstes entstanden ist. Wir haben uns gegründet und nach einer Woche wurden wir gefragt von unseren Freunden, von der Band Lummerland, ob wir Vorband sein wollen bei deren Konzert. Wir hatten zu dem Zeitpunkt noch keinen einzigen eigenen Song zusammengespielt. Und dann haben wir Ja gesagt und direkt gepanicked. In der Probe haben wir dann direkt „Andere Stadt“ gespielt. Es ist Auslegungssache, welcher Song jetzt wirklich der erste ist.
Anna: Wie hat sich das angefühlt, als ihr die dann das erste Mal live gespielt habt?
Tizi: Für mich ist der erste Gig krass an mir vorbei geflogen. Ich war super aufgeregt. Meine Hauptemotion war Erstaunen darüber, was für ein krasser Frontmann Roman ist und wo er das auf einmal hergeholt hat.
Alex: Ich habe auch nicht auf viele andere Sachen geguckt, als auf meine linke Hand und, dass ich mich nicht verspiele. Ich glaube, ich weiß nicht einmal mehr die Hälfte vom ersten Auftritt
Roman: Ich weiß noch so ein bisschen. Es war so das erste Mal, dass alle Leute einen so angucken und nichts sagen und dass wir dann halt da sind, einfach so beobachtet werden. Das war schon komisch erst. Ich war übel aufgeregt vor dem ersten Auftritt. Ich habe zwei Wochen vorher mich schon übergeben vor Aufregung. Aber ich glaube dann kam so der zweite und dritte Song beim ersten Konzert und die haben mir zum ersten Mal dieses Gefühl gegeben von „okay, geil, du kannst ja machen, was du willst und die Leute hören dir zu“. Denn die Leute sind ja da, um dir zuzugucken. Da hat sich für mich so eine ganz neue Welt eröffnet von Dingen, die noch möglich sind, die wir noch ausreizen können und so was. Man wird auch sehr schnell süchtig nach diesem Gefühl.
Anna: Man merkt auf jeden Fall auch, dass du dich auf der Bühne wohlfühlst. Das kann ich nur bestätigen.
Roman: Wo hast du uns schon gesehen?
Anna: Das erste Mal in Osnabrück beim Pop Salon Festival.
Roman: Ohje, krass. Das war der erste Gig, der so richtig draußen in Deutschland war. Vorher waren wir nur so in der Tübingen/Stuttgart-Region unterwegs. Dann haben wir den Gig gespielt und gleichzeitig hat Edwin gespielt. Das heißt, bei uns waren nur so die Leute, die nicht zu Edwin gegangen sind.
Tizi: (ganz entgeistert) Warte mal, du bist für uns nicht zu Edwin gegangen oder nicht mehr reingekommen?
Anna: Es war einen schwierige Entscheidung, aber ich habe mich für euch entschieden, weil ich Edwin Rosen in dem Jahr sowieso noch auf anderen Festivals und Konzerten gesehen habe und euch vorher noch nicht. Und außerdem ist der Club, wo ihr gespielt habt, viel cooler, weil es halt so ein alter Keller ist und das war so ein bisschen so Katakomben-Style und mehr so underground. Es war eine ganz wilde Crowd, auch irgendwie, oder? Also da waren so relativ viele ältere Leute, wo ich gar nicht wusste, wo die auf einmal herkommen.
Emil: Die sind auf jeden Fall gegangen, als wir „Untergang“ gespielt haben.
Roman: Wir haben einen Song, der heißt „Untergang“, da trommeln wir auf der Bühne rum und da geht so ein bisschen mehr in die Techno-Richtung. Da sind einfach ein paar Leute gegangen, das habe ich währenddessen gesehen.
Anna: Ich weiß noch, ich habe mich richtig erschrocken als du „Raucherpause“ angekündigt hast, weil der dann so direkt losgeht.
Roman: Achja, Raucherpause (lächelt). Den haben wir seitdem immer bei jedem Gig gespielt. Damals haben wir auch noch ich „Comedy“ gespielt. (alle lachen) Wir waren am Anfang noch viel mehr all over the place, was Genres angeht als jetzt. Und ich finde, jetzt sind wir schon sehr irgendwie in alle Richtungen gleichzeitig. Am Anfang war es noch viel extremer. Und ich glaube, bei dem Gig in Osnabrück, wo du warst, da hatten wir noch so ein paar Brecher dabei, die wir heute nicht mehr bringen würden.
„Ich würde nicht sagen, dass wir ein Retroact sind.“
Anna: Ich schaue mal zurück auf meine Fragen. Hatte die Pandemie einen Einfluss auf eure Musik? Ist sie dadurch vielleicht melancholischer geworden?
Roman: Ähm, ja (überlegt). Ja, schon. Wir waren ja schon vor der Pandemie quasi Proto-TEMMIS, also ohne Emil. Durch die Pandemie konnten wir erst mal nicht proben, eine Zeit lang. Und deswegen sind wir eher elektronisch gegangen, vom Sound her auch. Und es gab halt weniger Partys. Das heißt, man war einfach gezwungen, sich ein bisschen mehr so nach innen zu kehren. Ich glaube, das hat sich auch im Songwriting widergespiegelt. Und ich glaube, das ist auch der Grund dafür, dass viele der Songs, die im Moment rauskommen, sehr nostalgisch und melancholisch sind, weil man sich halt wieder im Internet verloren hat. In dieser schwierigen Zeit war so eine Rückbesinnung auf Zeiten, in denen man sich gut irgendwie verlieren kann, wenn man die aktuelle Zeit vergessen möchte. Deswegen sind viele Retroacts gekommen, während der Pandemie. Ich würde nicht sagen, dass wir ein Retroact sind. Aber ich würde sagen, dass diese Distanz, die uns oft attestiert wird, dass die auf jeden Fall so ein Pandemie-Ding ist. Das kommt aus einer Zeit, wo es früh dunkel wurde und man nicht mehr raus durfte und einfach drinnen seine Zeit verbringen musste. Es war halt alles ein bisschen scheiße. Und das spiegelt sich auch wieder, vor allem in den ersten Songs. Und ich weiß nicht, vielleicht kann man auch in unserer zukünftigen Diskografie so ein bisschen nachvollziehen, wie sich das Ganze aufhält. Das kann ich mir gut vorstellen, aber dazu noch keine verbindlichen Aussagen.
Tizi: Ich glaube, es kommt auch noch dazu, dass wir dann den Struggle hatten, irgendwie proben zu können. Wir hatten schon ein schlechtes Gewissen, uns zu dritt zur Probe zu treffen zu der Zeit. Auf jeden Fall waren wir dadurch gezwungen, ein bisschen herumzuexperimentieren.
Anna: Und wie ist so der Entstehungsprozess und die Aufgabenteilung von einem Song bei euch generell?
Roman: Also meistens ist es so, dass ich so ein Song-Skelett mache, irgendwie auf Gitarre oder die Lyrics. Manchmal mache ich dazu auch eine kleine Demo und dann gehen wir die im Proberaum zusammen durch. Da wird es halt zu dem Song, der er eigentlich ist. Es ist aber auch jedes Mal unterschiedlich, aber grob gesehen kann man das so als Schema verallgemeinern. Und dann gehen wir mit dieser Demo ins Studio und arbeiten meist mit einem Produzenten zusammen, um einfach nochmal ein bisschen unsere Skills zu optimieren, die Löcher zu stopfen, die wir haben, aber andererseits auch mal einfach so eine andere Charakteristik reinzubringen. Und da übernehmen wir viele Sachen von Demos, manche recorden wir neu. Nach diesen Schritten kommt dann der Song raus.
Anna: Das klingt wie so eine Anleitung: DIY – so könnt ihr den TEMMIS-Sound nachmachen.
Tizi: How to TEMMIS in 6 easy steps.
„Du machst eine Sache und die Leute denken, dass sie dich dann verstanden haben“
Anna: Kommen wir mal zu eurer letzten EP „Klinge“. Die ersten Male, als ich den Song gehört habe, habe ich gedacht, dass es so ein bisschen glattgebügelt klingt, aber je öfter ich das höre, desto weniger denke ich das auch. Aber ich glaube, ich hatte halt so sehr „Wenn du da bist“ in meinem Kopf und habe dann „Augenringe“ gehört – das ist ja schon ein großer Unterschied. Wie würdet ihr selbst sagen, unterscheidet sich die „neue“ EP zu eurer Debüt-EP?
Roman: Ich glaube, das Schwierige ist, du machst eine Sache und die Leute denken, dass sie dich dann verstanden haben. Aber wir haben halt eine EP gedropped. Wir haben drei Songs, also das ist eigentlich nichts. Bis vor 15 Jahren haben Leute erstmal ein Debütalbum rausgebracht und in drei Songs kannst du nicht komplett umreißen, was die Idee der Band ist. Und wir waren schon immer anders, also größer angelegt als einfach nur ein New Wave Revival Act. Ich glaube, dass die erste EP nicht nur dieses New Wave-Ding ist. Ich finde der Sound wurde einfach besser – beziehungsweise einfach ausgefeilter. Und „Augenringe“ ist halt eine Andeutung davon, dass wir nicht nur Postpunk und New Wave hören, sondern dass wir auch Alternative Pop gerne machen. Ich finde es aber eigentlich ganz gut, dass du das so ein bisschen den Unterschied festgestellt hast. Die Musik, die wir machen, soll sich eigentlich nicht vergleichen mit anderer Musik, die es gibt, auch wenn man natürlich immer Vergleiche ziehen kann. Ich glaube „Augenringe“ ist auf jeden Fall der Versuch, dass wir schauen, eine Seite von uns zeigen, die wir vorher noch nicht gezeigt haben, die in Zukunft auch öfter vorkommen könnte. Kann ich verstehen, dass es dir vielleicht erst etwas „glattgebügelt“ vorkommt, wenn man so ein Nischenfan ist. Aber ich glaube, unser Blick auf Musik ist halt nicht so nischenbezogen. Und „Verloren wie ich“ ist ja zum Beispiel auch einfach so Shoegaze/Indie. Der ist noch weiter weg von der ersten EP, als Augenringe beispielsweise. Aber an „Augenringe“ hängen sich manche Leute auf, weil er so nach Popmusik klingt, die noch nicht so alt ist. Klingt aber halt voll mit Absicht so und wir stehen dazu. Aber ich glaube die Leute müssen uns halt erst einmal kennenlernen. Wir haben uns jetzt noch nicht in unserer ganzen Bandbreite vorgestellt.
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube. Mehr erfahren
Anna: Mit welchem Song auf der EP hattet ihr es am schwersten? Und mit welchem am einfachsten?
Emil: (lacht) Keine Frage jemals, die so einfach zu beantworten war. Der einfachste Song war „ICE 579“.
Alex: Ne, „Klinge“ war noch einfacher.
Tizi: „ICE 579“ war halt so einfach, weil es so viel Spaß gemacht hat. Alles, was wir angepasst haben, hat instant funktioniert.
Roman: „Klinge“ war aber auch schon zum großen Teil fertig, als wir ins Studio gegangen sind. Max Rieger hat schon echt noch was rausgeholt. Aber die Entscheidungen waren alle so naheliegend, dass man sich da so klar war. Am Ende haben wir schon am meisten gerungen mit „Verloren, wie ich“.
Alex: Es gab auch eine Zeit, in der wäre der Song nicht auf der EP gelandet. Dann haben wir ihn nochmal angerührt. Aber der ist sehr geil geworden im Nachhinein. Aber das war ein ganz starker Wackel-Kandidat.
Roman: Ja, der hatte einen ganz schlimmen Text und er hat komisch geklungen.
Anna: Also war bei dem quasi erst der Sound und der Text dann später?
Emil: Genau. Das war eine dumme Idee von uns. Das war nur so ein grober Text, so einfach nur damit man irgendwas hat und dann erstmal Musik machen. Dann waren wir im Studio und standen unter Druck: Jetzt müssen wir den Text aufnehmen. Da standen quasi immer noch so Platzhalter.
Roman: Der Sound war schon vorher da, aber dann habe ich halt nochmal ein paar Wochen gebraucht und einen Text geschrieben und der ist es jetzt im Nachhinein geworden. Damit sind wir auch sehr happy.
Alex: Aber dadurch haben wir natürlich an dem Song auch am meisten gelernt. Jetzt wissen wir, dass es bestimmte Sachen gibt, die müssen vorher klar sein. Und wir sind nicht die Menschen, die im Studio vielleicht noch den zündenden Geistesblitz bekommen.
Anna: Ihr seid also nicht Typ Mensch, der auf Druck besser arbeitet?
Alex: Eine bestimmte Art von Druck. Druck im Sinne von „Okay, du hast eine Woche Zeit“ und nicht „Du musst in drei Stunden Text haben“. Eine Woche ist ein guter Druck für uns. Nur ein drei Stunden ist gar nichts.
untold story
Anna: Kommen wir zur letzten Frage: Was ist eure untold story?
Emil: Jungs, habt euch dazu Gedanken gemacht? (schaut in die Runde)
Tizi: Ich habe mir Gedanken macht. Mir ist jetzt nichts Konkretes eingefallen, aber ich dachte, ich habe meinen Job damit getan, dass ich euch gesagt habe, ihr sollt euch was überlegen.
Roman: Ja… Was haltet ihr von Frontallappen?
Alex: Oder von dem Vorfall von zwei Wochen vor dem ersten Konzert? Das haben wir ja vorhin schonmal geteased. Also: Wir haben ja schon mal erzählt, dass wir unser erstes Konzert für unsere befreundete Band Lummerland gemacht haben. Zwei Wochen vorher hatten die schon mal ein Konzert, auch in Tübingen und wir waren da als Besucher. Nach dem Auftritt kam dann die letzte Ansprache von dem Sänger und er sagt so: „Wenn ihr uns nochmal sehen wollt, dann kommt zwei Wochen nochmal. Da spielen wir noch ein Konzert, dann mit TEMMIS als Vorband.“ Da haben wir alle erst so richtig realisiert, dass es ja noch zwei Wochen bis zu unserem ersten Auftritt haben. Tizi und ich haben uns da sehr gefreut, aber Roman wurde dabei relativ bleich und hat dann so drei Minuten nichts gesagt und dann hat er auf den Boden gekotzt. So direkt vor sich.
Anna: Inmitten der Konzert-Masse?
Alex: Am Rande auf der Treppe eher.
Emil: Also das war auch ein Punker-Schuppen – also alles in Ordnung.
Tizi: Viele waren zu dem Zeitpunkt aber auch schon raus. Die Band war noch da und die Leute, die da arbeiten und ein paar Gäste vielleicht noch.
Alex: Ja, aber es war nicht so schlimm. Direkt danach kam noch irgendein Punker dahin, der auf einmal Blut übergeben hat und dann war die ganze Aufmerksamkeit bei ihm … Ja, aber was man auch immer bei der Story erzählen muss: Beim ersten Auftritt hat Roman dann komplett abgeliefert. Da war gar nichts mehr mit Aufregung oder sowas.
Roman: Das war echt nur vor der Bühne so richtig krass. Sobald ich auf der Bühne stand, war alles ok. Das war so auf einen Schlag, als ich da oben stand. Ein kleiner Schritt für mich. Ein großer Schritt für TEMMIS.
Anna: Ich hoffe für dich trotzdem, dass du dich jetzt vor Auftritten nicht mehr übergeben musst.
Roman: Ich bin schon immer noch sehr aufgeregt, aber das ist eher in freudige Aufregung übergegangen. Aber die Boys sind so voll gechillt.
Tizi: Weil du so aufgeregt bist, aktiviert das in mir, dass ich jetzt ruhig sein muss.
Alex: Das ist auch ganz gut für mich, weil dann kann ich mich eigentlich nicht auf mich konzentrieren, sondern darauf, mich um dich zu kümmern.
Zu guter Letzt natürlich hier noch der Link zur EP „Klinge„. Ohren-kaputt-hören bis zum letzten bisschen ist Pflichtprogramm:
Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.
Die Band Zimmer90 ist mittlerweile schon vom Geheimtipp zur Standardausstattung einer guten Indie-Playlist gewachsen. Vor allem in der deutschen Indie-Bubble sind Finn, Joscha und Michi aus Stuttgart für ihren Feelgood-Sound bekannt. Ob nachdenklich oder kitschig, eins haben die Songs von Zimmer90 gemeinsam: Zu ihnen lässt sich perfekt das Tanzbein schwingen!
Für Fans von den Parcels, Unknown Mortal Orchestra oder NEIL FRANCES
2021 brachte Zimmer90 ihre erste EP „Fall Back“ heraus, die sich musikalisch irgendwo zwischen Frühlingsgefühlen für die Ohren und verträumtem Nachdenken positioniert. Es folgten ein paar Singles und 2022 auch endlich Live-Shows und Festivalauftritte. Jetzt haben die drei Indie-Jungs für 2023 vorgelegt. Ihre neueste EP „Spaces“ zeigt, wie Zimmer90 sich weiterentwickelt hat – aber ihrer Linie treu geblieben sind. Wie das klingt? Das versuche ich jetzt in Worte zu fassen. Tretet ein in das Zimmer90!
„Alle sind ins Zimmer90 eingeladen – Das Zimmer90 ist ein imaginärer Raum. Es hat sich richtig angefühlt die Band nach dem Ort zu benennen, der entsteht, wenn wir Musik machen.”
Wie sieht es im Zimmer90 aus?
Durch die große Fensterfront scheint warmes Sonnenlicht in den Raum. Einzelne Strahlen brechen sich auf der Diskokugel. Unter ihr tanzen ein paar Menschen entspannt zum Takt der Musik. In einer etwas dunkleren Ecke stehen Finn, Joscha und Michi an Synthesizer, Bass und Schlagzeug. Es liegt leichter Nebel in der Luft. Alle haben eine gute Zeit. So stelle ich mir mein Zimmer90 vor. Wie sieht euers aus?
Zugegebenermaßen ist meine Vorstellung inspiriert durch das Atelier von Josch’s Großtante, das den Instagram-Account der Band schmückt. Das hat er im Interview mit Dascha verraten. In so einem Studio wundert es mich nicht, dass man vor Kreativität nur so sprudelt.
Da wir das Setting jetzt geklärt haben, kommen wir zum Wichtigsten: Wie klingt Zimmer90? Wie klingt „Spaces„?
Vom Flur ins Wohnzimmer90
„Therefore“ war die erste Single der EP, die 2022 released wurde – und das bestimmt nicht ohne Grund. Der Song stellt einen perfekten Übergang zum Sound auf der ersten EP von Zimmer90 da. Ich höre Parallelen zu „Fall Back„. „Therefore“ kommt zuerst etwas verschlafen daher, wie ein Tagtraum, der sich nach und nach in Luft auflöst. Sich stets wiederholende Zeilen wie „run away, run away„, gefolgt von „therefore I go“ lösen ein Gefühl der Rastlosigkeit aus. Ich wache aus meinem Tagtraum auf und mache mich auf den Weg. Wohin? Keine Ahnung, ich weiß nur, dass ich los will. Vielleicht ins Zimmer90?
Dort angekommen, empfängt mich „Millions„. Der Song gibt mir das Gefühl, zuhause zu sein. Unbeschwert, aber mit starkem Beat, baut sich langsam Spannung auf. „Millions ist ein optimistischer Song, der auf unbeschwerte Weise über das schwere Thema dysfunktionaler Beziehungen erzählt“, erklären die Jungs. Klingt negativer als der Song, aber beschreibt die Stimmung ganz gut. Während ich ganz gedankenfrei den Song höre, fühle ich mich irgendwie schwerelos, schwebe mit dem Sound. Achte ich aber auf den Text, höre ich die mitschwingende Melancholie. Sie gibt dem Song einen leicht traurigen Beigeschmack.
Vom Wohnzimmer90 auf den Dancefloor
„All night“ ist eine Hymne auf das Nachtleben. Tanzen, Viben, Loslassen. Ich liebe vor allem das funky Piano-Solo – wer vorher noch verschlafen mitgewippt hat, verfällt spätestens jetzt in Ekstase. Und das habe ich mir nicht ausgedacht, das ist wirklich passiert – auf dem KiezKultur Festival in Hannover. Da stand spätestens bei „All Night“ keiner mehr still. Wer sich vorstellen möchte, wie sich das auf der Tour im Frühjahr anhören könnte, dem kann ich diese Livesession wärmstens empfehlen:
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube. Mehr erfahren
Kommen wir zum letzten Song auf „Spaces„: Die Fokussingle „If You Were Here„. Sie behandelt laut Zimmer90 tiefe Gefühle. Melancholie und Sehnsucht stehen stehen im Vordergrund. Bei diesem Song fällt mir das Konzept der EP quasi wie Schuppen von den Augen. „Spaces“ zeigt verschiedene Sphären, Räume, durch die Zimmer90 musikalisch führt. Alles ist frei zur Selbstinterpretation. Jeder gestaltet sich seinen oder ihren Raum wie er oder sie möchte. Für mich fühlt es sich an, wie in einem Sci-Fi Zukunftsthriller, wo alles immer sehr surreal wirkt, ich aber tief in mir weiß, dass es gar nicht so surreal ist.
„Diese EP hat uns einen Schritt näher an das gebracht, was wir als Band erreichen wollen. Wir wollen unvoreingenommene und wertfreie Räume mit unserer Musik schaffen. Alle sind ins Zimmer90 eingeladen, um sich frei zu fühlen und sich mit dem was im Moment da ist zu verbinden“, fassen Finn, Joscha und Michi zusammen.
Im Vergleich zur Debüt-EP „Fall Back“, die noch deutlich langsamer und ruhiger klang, hat sich der Zimmer90-Sound auf jeden Fall weiterentwickelt. „Spaces“ klingt nach mehr Electro. „Spaces“ schreit nach Tanzen. „Spaces“ teleportiert in andere Welten. Es erinnert mich total an die Parcels.
Falls ihr es nicht schon längst getan habt, dann könnt ihr jetzt hier fleißig „Spaces“ von Zimmer90 streamen:
Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.
In einer Welt, in der wir abgestumpft durch den Alltag trotten, vieles grau ist und uns wenig Positives überrascht … Ok, zugegeben, es ist Januar. Es ist kalt draußen und es regnet. Aber aus meiner Musikbox dröhnt „Die Sonne scheint nur für mich“ und ich teleportiere mich in eine andere Welt.
Der Song kommt von der Band STRAHLEMANN. Es ist die erste Single, die die Newcomer-Band im April 2022 veröffentlicht hat. Damals waren die vier Jungs ein unbeschriebenes Blatt Papier, das keiner so richtig auf dem Schirm hatte. Seither hat sich vieles getan. Die Debüt-EP unter dem gleichen Namen wie die Single „Die Sonne scheint nur für mich“ hat am 13. Januar das Licht der Welt erblickt. Ein perfekter Anlass, die Band hinter dem catchy Indie-Rock-Sound mit einprägsamen Punch-Lines einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.
Wer ist STRAHLEMANN?
Laut DUDEN bezeichnet der Begriff Strah|le|mann jemanden, „der gewohnheitsmäßig ein [übertrieben] strahlendes Lächeln zeigt [um sympathisch auf sein Publikum zu wirken]“. Laut STRAHLEMANN bezeichnet der Begriff Strah|le|mann:
jemanden, der*die immer gut drauf ist und allen ein Lächeln ins Gesicht zaubert.
jemanden, der*die immer so tut, als sei er*sie gut drauf und allen außer sich selbst ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann.
jemanden kurz nach dem Kiffen.
So stellt Tino, Sänger der Band, STRAHLEMANN vor. Doch hinter diesem Namen steckt neben einer Menge Verkopftheit ganz viel Gefühl und Liebe zum Detail. Im Interview mit drei der vier Bandmitglieder von STRAHLEMANN erzählen die Jungs, wie es zur Bandgründung kam, warum sie stundenlang über jeden einzelnen Ton und jede Zeile diskutieren und welche Höhen und Tiefen das Leben als Newcomer-Band noch so mit sich bringt.
STRAHLEMANN im Interview
Anna: Hi Jungs, schön, dass ihr euch die Zeit genommen habt. Mögt ihr euch zu Beginn einmal vorstellen?
Tino: Also ich bin Tino. Ich bin Sänger von der Band Strahlemann und ich freue mich, heute an diesem wunderbaren Interview teilnehmen zu dürfen.
Julius: Ich bin Julius. Ich spiele Gitarre bei Strahlemann. Ich bin einer von zwei Julius – der andere ist heute leider nicht da.
Marvin: Ich bin Marvin und ich spiele Schlagzeug bei Strahlemann.
Zwischen Bahnromantik und Friedrich-Merz-Wahlkreis
Anna: Ihr kommt ja alle irgendwie aus unterschiedlichen Städten. Wie ist denn eure Band entstanden? Wie habt ihr zusammengefunden?
Tino: Also die Bandgeschichte verliert sich in grauer Vorzeit – im September 2019. Da habe ich Julius, also der, der heute nicht da ist, und Marvin kennengelernt, im Artist Pool Band Camp. Ich habe da eines Abends mal Demos vorgeführt und dann fanden die das irgendwie cool und wir haben gesagt, dass wir Kontakt halten. Ziemlich genau ein Jahr später habe ich mich mit Julius in Münster getroffen. Da hat er Musik studiert, gemeinsam mit Jules, und so kam dann auch die Verbindung zustande. Dann haben wir uns da eine Woche getroffen, so ein paar Songideen, die ich da jahrelang mit mir rumgeschleppt habe, mal gemeinsam aufgenommen und auch ein oder zwei Songs gemeinsam geschrieben und es hat sofort gefunkt. Und dann haben wir uns wieder ein Jahr später im August offiziell in Elkeringhausen gegründet.
Julius: Ich verbinde das immer nur mit dem Friedrich-Merz-Wahlkreis.
Tino
Anna: Wie macht ihr das denn mit den Proben? Das ist ja wahrscheinlich auch ein bisschen schwieriger.
Tino: Ja, genau. Also letztes Jahr haben wir uns für Auftritte mindestens jede zweite Woche getroffen. Also wir sehen uns regelmäßig und machen dann so kompakte Proben- Wochenenden. Das funktioniert immer ganz gut.
Marvin: Wir mieten uns dann immer irgendwo ein – brauchen eigentlich nur ein Schlagzeug und Mischpult. Und kann man da irgendwo proben zwischen Tübingen und Münster. Irgendwo dazwischen treffen wir uns dann meistens in dem Proberaum von anderen Bands und dann geht es ganz gut.
Julius: Im Idealfall spielen wir auch mehr oder weniger regelmäßig Konzerte, was halt im Sommer 2022 zum Glück so war. Da machen wir dann vorher irgendwie mal so ein, zwei Proben-Wochenenden, gucken uns alle die Songs an und so, schreiben vielleicht ein bisschen daran und dann steht das aber erstmal. Es ist auch toll, dass das so funktioniert, also dass jeder für sich dann noch arbeitet von zu Hause. Also jeder guckt sich seine Parts an und überlegt sich auch ein bisschen was für die Performance. Also jeder macht quasi seine Hausaufgaben. (lacht)
„Tino schreibt recht geile Songs, die immer so einen Ticken zu verkopft sind. Wir passen die dann so an, dass sie alle Menschen verstehen können“
Anna:Wie ist die Aufteilung bei euch? Eher so klassisch, dass der Sänger die Texte schreibt und dann die anderen die musikalischen Part beisteuern?
Tino: Ja, das ist schon sehr klassisch bei uns. Ich schreibe die Texte und meistens auch die Musik dazu. Bisher ist es zumindest so. Dann bringe ich das mit in die Probe und wir hören gemeinsam. Dann wird noch verfeinert. Hin und wieder kommt da noch was dazu oder es wird weggeworfen. Aber eigentlich hat man immer schon einen sehr guten Blick auf das Grundgerüst.
Julius: Wir sagen immer: Tino schreibt recht geile Songs, die immer so einen Ticken zu verkopft sind. Unsere Aufgabe ist es dann, die an die Popstruktur anzupassen, sodass das alle Menschen verstehen können.
Anna: Okay, dann gehe ich auch mal davon aus, dass Tino den Pressetext geschrieben hat.
Tino: (lacht) Ja, da habe ich mich ein bisschen verausgabt.
Anna: Aber ich find den echt gut!
Tino: Danke!
Anna: Wer von euch ist der Strahlemann der Band?
Julius: Das sind wir alle.
Tino: Jeder auf seine Weise.
Julius: Vor allem wenn wir uns sehen, dann sind wir alle nur am Strahlen.
Das Problem mit dem Gefühle zeigen im Indie
Anna: In eurer Spotify Bio stand sehr lange einfach nur: Indie Rock. Gefühle zeigen. Da frage ich mich: Fehlen euch im deutschen Indie Rock manchmal die Gefühle in den Songs?
Julius: Boah, da machst du jetzt aber ein Fass auf! Also wir sind alle sehr beeinflusst und sehr angetan von ganz vielen tollen deutschen Indie Bands. Mir persönlich ist bei der ein oder anderen Band ein bisschen zu kalkulierbar. Vielleicht ist es auch so ein Trend, der dann mit gemacht wird – das weiß ich nicht. Ich will gar nicht gegen jemanden schießen, aber manchmal ist es mir auch ein bisschen zu oberflächlich. Aber das wollten wir damit auch gar nicht sagen, sondern einfach, dass es uns natürlich irgendwie um die Gefühle in den Songs geht.
Tino: Über Gefühle singen und Gefühle zeigen ist wichtig und dafür wollen wir stehen und zeigen, dass es auch ein schöner Trend ist. Dass es wichtig ist, dass Männer Gefühle zeigen, weil es ja offensichtlich nicht normal zu sein scheint. Da sind wir natürlich auch von Bilderbuch beeinflusst.
Anna: Das ist aber auch einfach eine verdammt gute Band! Bei wem würdet ihr auf einer Tour gerne mal Support spielen – abseits von Bilderbuch?
Tino: Wir kommen ja auch aus dem aus dem Post Hardcore. Wenn es Heißkalt noch geben würde, wäre das natürlich auch der Hammer. Oder so Bands wie Kind Kaputt, Blackout Problems. Aber wir bewegen uns gerade genremäßig eher in Richtung Bilderbuch, also Indie Rock. Verträumt sozusagen. Weniger Geballer. Obwohl Van Holzen auch noch eine gute Adresse wäre.
„Wir kommen alle aus dem Post Hardcore und sind softer geworden“
Julius
Anna: Gab es eigentlich im Prozess von der EP mal die Diskussion, ob ihr ein bisschen mehr in die rockigere Richtung geht oder ein bisschen mehr verträumt?
Julius: Ich glaube, das ist so ein Zeitding. Also es gibt Aufnahmen von 2020, als ich bei Julius und Tino war und wo wir dann den Song geschrieben haben. Und wir haben so ein bisschen verkopften C-Teil mit so einem Schlagzeugpart. Da mussten wir Marv dann knechten, dass er den spielt. Und das ist, glaube ich, etwas, das würden wir heute nicht mehr machen. Aber jetzt hat es sich ganz natürlicher Weise bei uns in eine andere Richtung entwickelt. Alles so ein bisschen vibender einfach und nicht so das ganz große Tamtam. Irgendwie habe ich das Gefühl, das ist eine Entwicklung, die mehr oder weniger bei allen so parallel stattgefunden hat, weil wir natürlich auch älter geworden sind.
Marvin: Ja, ich glaube, wir sind einfach alle auch etwas offener gegenüber konventioneller Musik geworden über die Jahre. Wir kommen alle aus dem Post Hardcore Bereich und sind softer geworden. Als wir uns im Sauerland getroffen haben mit den Demos damals dachte ich, dass es sehr indiemäßig wird. Als wir dann zusammen dran geschrieben haben, ist es doch ein bisschen rockiger, eckiger geworden, als ich es mir am Anfang vorgestellt hatte. Einfach weil wir alle so ein bisschen aus dieser Hardcore Sozialisierung kamen.
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube. Mehr erfahren
Anna: Okay, kommen wir zu eurer EP. Über dem Pressetext steht drüber: „eine relativ idealistische Anleitung zur Realitätsbewältigung in sechs Songs“. Was beinhaltet diese Anleitung?
Tino: Ja, wenn man so will, ist das Song für Songs eine Richtung von einem Zustand der starken Unzufriedenheit und des „sich allein Fühlens“ hin zum „sich aufgehoben fühlen in der Musik“ oder mit sich selber ins Reine zu kommen. Also „Gib mir einen Grund“ ist der Anfang. Das ist aus einer starken Frustration heraus entstanden. Text wie Musik. Bei „die Sonne scheint nur für mich“ ist es etwas schwieriger. Auch wenn der Song sehr positive Gefühle weckt bei verschiedenen Leuten ist es ja doch ein Song, der sehr schwer ist. Es geht darum: Hat es überhaupt einen Sinn, was wir hier tun? Und „magst du mich nicht mehr“ hat dann was mit damit zu tun, das man sich im sozialen Umfeld zurechtfinden muss – auch im digitalen sozialen Umfeld. „Wiedersehen“ hat diese Abschiedsstimmung, die man im Alter immer wieder um die Ohren gehauen bekommt. Und „Lichtgewand“ ist der Schlusspunkt, in dem dann das Strahlemännchen – das Ich – das am einfach so klein und unbedeutend war, einen Platz in der Welt gefunden hat. Das ist quasi die Idee der Anordnung der Songs.
Anna: Wenn eure EP ein Rezept wäre, welche Zutaten würden reinkommen?
Julius: Ein bisschen Romantik. Eine Prise Indie mit einer Grundlage aus Alternative und Post Hardcore und oben ein tanzbares Topping. Indie ist nicht die Prise. Indie ist der Teig, die Basis.
Marvin: Schokolade, viel Schokolade.
Anna: Die Schokolade steht dann für die Romantik da drin?
Marvin: Ja, genau. Oben ist so eine Kirsche drauf. Das sind die Fans, die Strahlemann Fans.
Anna: Gab es einen Song auf der EP, der es euch besonders schwer gemacht hat im Entstehungsprozess? Oder wo ihr euch vielleicht am wenigsten einig wart?
Marvin: Wir haben über einzelne Parts öfter mal länger gestritten, aber so einen spezifischen Song gab’s glaube ich nicht. Zumindest nicht von denen, die jetzt auf der EP gelandet sind. Und denen, die jetzt danach anstehen, haben wir schon ein paar komplett verworfen und dann wieder anders angefangen. Aber ich glaube, auf der EP waren es eher so einzelne Parts, wo wir dann irgendwie stundenlang drüber diskutiert haben.
Tino: Naja, also die Ideen sind ja schon ein, zwei Jahre alt und konnten dementsprechend auch gut reifen. Es war eher Feintuning, was wir da gemacht haben. Stundenlanges Feintuning … (lacht).
Julius: Wir sind auf jeden Fall eine basisdemokratische Band. Also Marvin spielt Schlagzeug, aber es bleibt kein Schlagzeug-Schlag aus, der nicht bis ins letzte Detail ausdiskutiert wird und bei den anderen Instrumenten genauso.
Anna: Kommt in diesem Jahr noch eine Tour von euch?
Julius:(atmet tief ein) Hoffentlich! Das ist die Antwort. Aber eigentlich ja. Es wird auf jeden Fall in der ein oder anderen Form eine Tour kommen. Wir hoffen für so Frühjahr, April oder so. Vielleicht wird es auch darauf hinauslaufen, dass wir es erst nach dem Festivalsommer machen. Aber wir spielen auf jeden Fall ein paar Festivals.
Anna: Welche Städte müssen auf der Tour dann dabei sein?
Julius: Also eigentlich immer so unsere Basis: Stuttgart, Tübingen, Wuppertal, Münster muss dabei sein. Köln würde ich auch voll gerne spielen. Hamburg ist immer geil. In Berlin und München habe ich jetzt bisher nicht so die besten Erfahrungen gemacht, muss ich sagen. Aber irgendwie wäre das auch cool.
Julius
Anna: Ihr habt ja vorhin schon andeuten lassen, dass es auf jeden Fall noch mehr als die EP-Songs gibt. Kommen die bald auch raus und was passiert bei Strahlemann 2023 noch so?
Julius: Wir wollen auf jeden Fall ein Album machen, aber das wird wahrscheinlich erst 2024 kommen. Aber ich glaube, dass der Plan ist, dass wir 2023 auch viel daran arbeiten werden, oder Marv?
Marvin: Ja, auf jeden Fall. Wir haben gesagt, dass wir uns viel Zeit nehmen wollen, um an einem Debütalbum zu feilen. Es gab viele Überlegungen, ob es noch Sinn ergibt, ein Album zu machen in diesem Jahr oder ob wir noch ne EP hinterher schieben. Aber da einfach so viel Songmaterial da ist und wir auch Bock haben auf ein Konzept, werden wir uns viel Zeit nehmen, um an neuen Songs zu arbeiten. Und das Ziel ist dann ein Album.
Everybody’s darling: „Die Sonne scheint nur für mich“
Anna: Habt ihr einen Lieblingssong auf der EP?
Tino: Ja, also unser aller Lieblingssong ist, glaube ich, die Nummer 2 „Die Sonne scheint nur für mich“, weil der am leichtesten von der Hand ging und auch am meisten Spaß macht live zu spielen. Und da sind auch immer die meisten Leute am Start. Wir haben den Song ja als erste Single der EP im April rausgebracht. Dann haben wir im Juni, Juli, August angefangen, Konzerte zu spielen. Und dann beim ersten Konzert haben die Leute den Song direkt mitgegrölt. Das war ein tolles Gefühl und deswegen bleibt mir der Song stark in Erinnerung.
Anna: Wo wir gerade schon bei Erinnerungen sind: Habt ihr eine untold story parat? Irgendetwas ungeahntes, das noch keiner über euch weiß?
Marvin:(alle überlegen sehr lange) Puh, das ist gar nicht so einfach. Es hat auf jeden Fall keiner von uns ein Arschgeweih! (alle lachen)
Bahnhofbegegnungen eurer liebsten neuen Öffi-Band
Anna: (lacht) Schade, das wären jetzt natürlich die Breaking News gewesen. Gibt es eine Geschichte von den Konzerten im Sommer?
Marvin: Ja, stimmt, wir waren super viel auf Reisen – vor allem in ICEs. Wir waren mal auf dem Weg nach Stuttgart und Julius, der Bassist, und ich haben verzweifelt unser Equipment gesucht, weil wir das in so einer Gepäckablage abgestellt hatten. Und als wir dann kurz vor Stuttgart waren, haben wir unsere Sachen nicht wiedergefunden und dachten, die sind einfach geklaut worden oder so. Weil wir uns auch ein paar Mal umsetzen mussten, weil keine Sitzplatzreservierung. Und dann haben wir irgendwann, als wir schon richtig panisch waren, bemerkt, dass wir einfach in die falsche Richtung gelaufen sind, weil der Zug zwischenzeitlich im Kopfbahnhof gewechselt hat, es muss dann doch nicht Stuttgart gewesen sein. Ich weiß nicht mehr, wo es war. Auf jeden Fall waren wir dann sehr erleichtert, als wir zurückgegangen sind in eine andere Richtung und da waren dann unsere Sachen. Wir haben schon alle Szenarien durchgespielt im Kopf bis hin zu „das Konzert muss abgesagt werden“.
Julius: Ihr Idioten! Ich dachte du erzählst jetzt, wie wir im Stuttgarter Hauptbahnhof Drangsal getroffen haben. wir sind ja sowieso auch eine Öffi-Band, also fahren immer mit Öffis überall hin, vollbepackt mit unseren Sachen. Und einmal haben wir Stuttgarter Hauptbahnhof Drangsal gesehen, der da auch einfach saß und der hat uns auch ganz interessiert angeguckt und sich wahrscheinlich so gedacht: „Oh, junge Leute, die Rockmusik machen“.
Tino: Das erzählt er bestimmt irgendwann in seiner Biografie später.
Julius: Genau, das erzählt er dann, wenn du ihm die Frage stellt: Ich hab mal Strahlemann im Stuttgarter Hauptbahnhof getroffen.
Marvin: Wir haben ihn doch dann in Berlin nochmal getroffen. Da hat er auch gesagt, er hat sich dran erinnert.
Anna: Da habt ihr euch wohl in sein Gedächtnis eingeprägt! Danke auf jeden Fall für’s Teilen dieser Geschichten der Öffi-Band Strahlemann und danke für’s Interview!
Tino: Thank you for the interview!
Anna: Wollt ihr noch was loswerden am Ende?
Julius: An dieser Stelle würde Tino bestimmt sagen: Ich grüße meine Tante aus Wuppertal. Was irgendwie witzig ist, weil ich gerade auch in Wuppertal bin. Aber nein, wir freuen uns auf jeden Fall totalenn, wenn Leute in unsere EP reinhören und wir glauben, die ist ganz gut geworden. Und wenn man sich den Minderwertigkeitskomplex anguckt, der sich durch die EP zieht, muss das auf jeden Fall was heißen, wenn wir das sagen. (alle lachen)
Genug geschnackt, jetzt hört euch endlich die EP „Die Sonne scheint nur für mich“ von STRAHLEMANN an, bis euch die Sonnenstrahlen aus den Ohren scheinen:
Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.
Mit „So naiv sind wir nicht“ trat Es brennt im Mai 2022 auf die Bildfläche des deutschen Indie-Rocks. Der starke Text mit Lines wie „Wir sind eingesperrt, aber fangen lassen wir uns nicht“ oder „im Zweifel eine Mauer, aber Krieg führen wir nicht“ hat mich der Song direkt in seinen Bann gezogen. Von Es brennt gab es damals noch keine Infos. Es brennt war lediglich ein Spotify Profil für mich. Auf dem Bild ist Sänger Sören zu sehen. Das war alles.
Gut sieben Monate später haben Sören Geißenhöner und Magnus Wichmann – die Gesichter hinter Esbrennt – eine EP und vier neue Songs rausgebracht. Dazu Musikvideos und eine Menge meinungsstarker Texte. Beim Picky Magazine beschreibt das Duo ihre Musik als Anti-Pop. Finde ich passend, denn textlich geht es bei Es brennt irgendwie immer wieder um eine Art Anti-Haltung. So auch auf dem neuesten Song „Kaputt„, den ich euch jetzt vorstellen möchte.
„Meine Moral ist taub für jede Predigt“
Sich selbst anzweifeln, die Gesellschaft anzweifeln, Prinzipien anzweifeln. Warum leben wir so wie wir leben? Das sind keine Sätze und Fragen aus einer trotzigen Teenie-Zeit oder der Ausdruck einer Midlife Crisis, sondern ernstzunehmende Zweifel. Wenn wir mal ehrlich sind, dann haben wir uns das doch alle schon einmal gedacht. „Kaputt“ spricht ehrlich und unverschönt aus, was mein verkorkstes Gehirn in einer „ich überdenke jetzt mal wieder alles“-Phase hervorbringt.
Sören sagt selbst über den Song: „Er beschreibt die Überheblichkeit des Menschen. Seine Unangepasstheit, im negativsten Sinne. Die Ausmaße seines unreflektierten Handelns und so weiter.“
„Ich handle oft unüberlegen, doch fühle mich so überlegen“
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube. Mehr erfahren
Das Musikvideo spitzt das Gefühl, das „Kaputt“ überbringt noch einmal zu. Während ich dabei zuschaue, wie Sören in zwei Charakteren über den Berliner Weihnachtsmarkt geht, schäme ich mich schon fast selbst. Konsumgier und verschwenderische Lebensweise stehen verwirrender, innerer Leere und Unverständnis gegenüber. Zustände, mit denen man konfrontiert wird, wenn man sich die obengenannten Fragen stellt.
„Ich habe also gedacht, das können wir gut auf einem Rummel darstellen in dem ich einen völlig Wahnsinnigen spiele. Voller Gier und Hast. Auf der Jagd nach dem nächsten Konsum. Immer zu viel, zu schnell, zu sehr… Im Kontrast dazu spiele ich noch einen zweiten Charakter, der abgestumpft vom Trubel und Konsum, gar nichts mehr fühlt. Er wandelt seelenlos über den Markt und ist zwar dort, aber nimmt nicht dran teil“, erklärt Sören die Idee hinter dem Musikvideo.
Die Menschen sind kaputt?
Ja, kaputt fühle ich mich oft – und damit meine ich nicht den körperlichen Zustand. So gut wie jede Line in „Kaputt“ regt zum Nachdenken an. Wie verhalte ich mich überhaupt? Wie möchte ich mich verhalten? Wie sehe ich die Welt um mich herum? Wie sieht die Welt um mich herum mich? … Die Liste an Fragen könnte noch unendlich weitergeführt werden. Doch bevor ich mich um Kopf und Kragen rede/schreibe, hört doch einfach selbst rein in die Texte von Es brennt.
Hier könnt ihr „Kaputt“ von Es brennt hören, in eure Playlists packen und mit Freund*innen teilen:
Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.
65.481 – so viele Minuten habe ich in diesem Jahr auf Spotify Musik gehört. Das sind 45 Tage oder besser gesagt 1 1/2 Monate. Wenn der Streamingdienst nicht schon am 31. Oktober aufhören würde die Daten zu sammeln oder auf wundersame Weise noch die Minuten meines CD-Players on top rechnen könnte, wären es wahrscheinlich noch ein paar mehr. Aber eigentlich tut das auch nichts zur Sache und wundert mich wenig, denn das mit auch in 2022 wieder eine Menge Musik begleitet hat, wusste ich eigentlich auch ohne die Spotify-Statistik.
Gute Vorsätze für das Jahr wurden eingehalten
Was steckte also drin in dieser vollgepackten Wundertüte, die sich meinen Musik-Konsum tauft? Klären wir die wichtigsten Fakten gleich einmal zu Beginn.
Song des Jahres:Sharks – BROCKHOFF meistgehörte Künstlerin:BROCKHOFF EP des Jahres: Sharks –BROCKHOFF
Ok, zugegeben, ich liebe die Musik von BROCKHOFF sehr. Ermahnenderweise hat mir Spotify mir in meinem Jahresrückblick dargelegt, dass ich „Sharks“ ganze 171 Mal gehört habe. Das sind ca. 500 Minuten, beziehungsweise 8 1/2 Stunden – was im Vergleich zum Rest gar nicht so viel wirkt.
Ja, ich kann den Song im Schlaf mitsingen und ich bin schäme mich dafür nicht. Nein, ich bin sogar stolz drauf. Denn im vergangenen Jahr habe ich mir in meinem Jahresrückblick eine selbsternannte Frauenquote verschrieben. Siehe da: In diesem Jahr ist eine Frau an der Spitze meines Jahresrückblicks. Da kann man schonmal stolz drauf sein.
In „Sharks“ geht es um eine Hausparty, auf der die Sängerin Lina sich einfach nicht verstanden fühlte, wie sie mir im Sommer im Interview erzählt hat. Lines wie „the peer pressure is bringing me down“ oder „they’re playing shark games while they laughed at me for the sad song“ lassen mitfühlen und versetzen direkt in die Situation, die BROCKHOFF beschreibend besingt.
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube. Mehr erfahren
Weitere tolle Frauen, deren Musik mich durch’s Jahr gebracht hat: Blush Always, Matilda Mann, Nina Chuba, Snail Mail, Soccer Mommy, Power Plush, Gwen Dolyn, THALA, NewDad, Mia Berg, SERPENTIN, Holly Humberstone, nothhingspecial und Yowlandi
Anscheinend sind die Songs von Brocki genau das, was mein verlorenes Indie-Rock-Herz in diesem Jahr brauchte, um zu kompensieren, dass es nichts Neues von The Neighbourhood gab. Denn meine eigentliche große Liebe hat in diesem Jahr zum ersten Mal keinen Platz im Jahresrückblick gefunden. Abgelöst wurde die amerikanische Band stattdessen auf der Position meiner „comfort music“ von Edwin Rosen. Seine Musik ist für mich: Ganz viel fühlen, lauthals mitschreien und dabei nervös auf und ab hüpfen – egal ob aufm Konzert oder mit Kopfhörern im Ohr beim Wäsche aufhängen.
Von der Neuen Neuen Deutschen Welle an Land gespült
Edwin Rosen hat für mich die Tür in die Welt der Neuen Neuen Deutschen Welle geöffnet. Ein Genre, in dass ich mich 2022 Hals über Kopf verliebt habe. Anscheinend ging das nicht nur mir so, denn unsere „new wave universe“ Playlist hat irgendwie einen Nerv getroffen und befindet sich nun in der Spotify-Bibliothek von 107 tollen Menschen. Auch das macht mich ein bisschen stolz.
Besonders geliebt habe ich vor allem „222“ von Nils Keppel und „Wenn du da bist“ von TEMMIS. Beide Acts durfte ich auch schon persönlich kennenlernen und live sehen. Vor allem TEMMIS-Sänger Roman hat eine Energie auf der Bühne, die einfach krass ist. Anders kann ich das gar nicht beschreiben. Ich bin sehr gespannt, was aus der new wave bubble 2023 noch so kommt!
Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.
Neben ganz vielen Neuentdeckungen gab es aber natürlich auch eine Konstante und die kommt natürlich wieder (wie könnte es auch anders sein) aus dem Indie-Rock. Mit „Everything You Will Ever Need“ haben sich die Jungs Razz mal wieder direkt in mein Herz gesungen. Das Album hat seine Höhen und Tiefen, ist emotional und zugleich tanzbar. Meine Favoriten sind definitiv „Lost in the woods“ und „Talking for hours“ – beide haben etwas dramatisch, mystisches mit einem unerwartetem Hoffnungsschimmer in sich.
Alben, die ich ebenfall sehr gefeiert habe: „Universum regelt“ von Schmyt, „Gelb ist das Feld“ von Bilderbuch
Komme ich zu meiner letzten Kategorie für heute: Livemusik! Ich brauche wahrscheinlich nicht betonen wie absolut schön es war, dass dieses Jahr wieder so viele Konzerte und Festivals stattgefunden haben. Ich hab’s sehr geliebt. Hier also meine Highlights.
Ganz oben auf meiner Liste der Highlights: Das Sziget Festival in Budapest. Als eines der größten Festivals in Europa konnte sich das Line-Up auf jeden Fall sehen lassen. Ich versuche mal kurz Ordnung reinzubringen, auch wenn mein Gehirn immer noch nicht realisiert, dass ich diese krassen Künstler*innen live gesehen habe:
Arctic Monkeys Tame Impala Holly Humberstone
Und natürlich noch super viele mehr. Aber diese drei Shows haben sich ziemlich in meine Erinnerung gebrannt. Fangen wir mit Holly Humberstone an: Die 23-jährige Britin kommt auf die Bühne und stimmt direkt „Overkill“ an. Man stelle sich eine vor Fangirl-Gefühlen nicht klarkommende Anna vor, wie sie versucht im Graben noch ein paar gute Fotos zu schießen. Ich habe mein Bestes gegeben, aber die Tränen haben mich überkommen. Alles andere als journalistische Professionalität, aber einer der schönsten Momente.
Next one: Tame Impala. Ein Künstler, den ich eigentlich dachte, in meiner Lebenszeit nicht mehr live zu erleben. Kennt ihr diese Acts, von denen ihr immer denkt es wäre ja sowieso total utopisch, sie auf einem Konzert zu erleben? Das ist Tame Impala für mich. Ich stehe also wieder im Fotograben vor der Bühne und knipse so vor mich hin. Als ich nach den ersten drei Songs wieder in die Masse geschickt werde, fange ich an zu realisieren: Das ist wirklich Kevin Parker da vorne auf der Bühne. Die Show rauscht an mir vorbei. Es fühlt sich irgendwie trippy an. War das wirklich real? Das einzige, was mir versichert, dass ich nicht geträumt habe, sind die Fotos auf meiner Kamera und das eine Video, was ich geistesabwesend gedreht habe.
Die Nummer 1 gehört aber unangefochten den Arctic Monkeys. Alex Turner, zwei gigantische Leinwände und „505“ läuft. Mehr schreibe ich dazu nicht – ihr seht’s im Video.
Weitere verdammt tolle Festivals, auf denen ich 2022 war: Pop Salon, Apple Tree Garden, KiezKultur
Shows, für die ich keine Worte finde: nand auf dem Apple Tree & Flawless Issues auf dem KiezKultur
Was gibt’s sonst noch zu sagen?
Wer im letzten Jahr schon dabei war und meinen Rückblick gelesen hat, der tut mir leid, der fragt sich jetzt bestimmt: Wo bleibt der schwedische Indie Pop? Keine Sorge, das habe ich natürlich nicht vergessen. Mein schwedischer Lieblingssong des Jahres war „En midsommarnattsdröm“ von Håkan Hellström. Der „Mittsommernachtstraum“ erinnert mich an genau das: Mittsommer in Schweden. Nachts um 3 Uhr, wenn es vom Dämmern wieder hell wird, spazieren gehen und Blumen sammeln. Das Leben ist leicht und riecht wie frischgemähtes Gras. Ich habe gerade ganz starkes Fernweh als ich diese Zeilen schreibe. (Das Foto ist um 03.53 Uhr entstanden)
„Alte“ Songs, die ich wiederentdeckt habe: „Der Kommissar“ – Falco, „Von hier an blind“ – Wir sind Helden, „Mountain Sound“ – Of Monsters And Men
So, jetzt bin ich gefühlt alles und nichts losgeworden von meinem musikalischen 2022. Falls es noch nicht deutlich geworden ist: Es war ein tolles musikalisches Jahr! Hier noch die obligatorische Playlist für’s ultimative Verwirren eurer Trommelfelle:
Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.
Die Brüder Leo und Jonas machen seit ihrer Kindheit gemeinsam Musik und seit Ende 2018 auch ganz offiziell als Duo Ottolien – das ist übrigens der Nachname. Ehrliche Texte mit fast poetischen Anmutungen sind das Fachgebiet der beiden. Besonders interessant wird es durch den Mix aus Leos weicher Singer/Songwriter-Stimme und Jonas’ Rap-Parts — eine Energie, die man sonst eher selten findet.
Ich habe Leonard und Jonas Ottolien zum Interview getroffen. Nach einem wunderschön anstrengendem Festivalwochenende auf dem KiezKultur in Hannover sitzen wir am Sonntagnachmittag noch etwas verkatert und körperlich mitgenommen bei einer Fritz Kola im Biergarten Gretchen. Wir reden über die musikalische Kindheit der beiden Brüder, die Entstehung ihrer Songs, Fetzenfische und was diese Tiere mit den Ottolien zu tun haben.
Ottolien im Interview
Anna: Hallo ihr beiden! Schön, dass ihr euch heute die Zeit für das Interview nehmt. Ich hoffe ihr seid nicht mehr zu mitgenommen vom Festivalwochenende. Ich bin auf jeden Fall noch recht überwältigt von den ganzen Eindrücken. Aber es soll ja jetzt um euch und eure Musik gehen. Wir kennen uns zwar schon, aber mögt ihr euch noch einmal vorstellen?
Leo: Ja, klar, voll gerne! Wir sind die Ottolien– das ist unser Nachname. Wir sind Brüder. Ich bin Leo.
Jonas: Ich bin Jonas.
Leo: Unsere Musik ist eine Mischung aus Indie, Pop und Rap, wo wir beide quasi als Lead, Jonas als Rapper und Sänger und ich als Sänger fungieren. Also, beide stehen vorne und singen in Parts. Wir kommen aus Hannover und haben gerade unsere zweite EP released.
Das Buch zur Band: „Wir tun uns so gut (weh)“ – demnächst in der untold Buchhandlung eures Vertrauens
Anna: Wenn eure Musik ein Buch wäre, welchen Titel hätte das Buch?
Leo: Oha, das ist ja direkt eine schwierige Frage am Anfang … (überlegt sehr lange) Vielleicht so in die Richtung „Wir tun uns so gut (weh)“.
Jonas: Ja, irgendwie so dieses Brüder-Ding auf jeden Fall.
Leo: Ok, gehen wir erstmal vom Cover des Buches aus. Da haben wir eine genauere Vorstellung, weil wir in einem Video letztens eine Einstellung gefunden, wo wir dachten, dass es voll das gute Cover ist. Da stehen wir uns gegenüber, aber eine Säule ist zwischen uns und wir nehmen uns in den Arm. Die Säule ist quasi zwischen unseren Gesichtern. Wir sehen uns nicht, haben uns aber trotzdem im Arm. Beim Titel würde ich jetzt erstmal bei „Wir tun uns so gut (weh)“ bleiben. Es ist jetzt natürlich nicht die Musik selber, sondern eher auf uns als Brüder bezogen.
Jonas: Ich finde das passt schon sehr gut dazu, wie wir uns als Band fühlen. Aber jetzt nicht so direkt auf die Musik bezogen.
Anna: Ihr könnt ja auch zwei Bücher rausbringen.
Leo: Auch eine Idee, aber ich habe als erstes gedacht, dass es ein Buch ist, dass von hinten und vorne gelesen werden kann. So ein Wendebuch quasi und dann auf den Aspekt eingehen, dass es zwei Seiten hat. Man neigt dazu es so plump auszudrücken. (damit wirkt er noch sichtlich unzufrieden und überlegt lange weiter) Jon, von dir kommt ja gar nichts!
Jonas: Ja, ich habe irgendwie auch nicht so die Idee. Das ist schonmal ein top Ansatz, aber der Titel fehlt mir auch.
Anna: Wenn euch im Laufe des Gesprächs noch ein anderer Titel einfällt, werft ihn einfach rein. Gehen wir jetzt erst einmal ein bisschen zurück in der Zeit, und zwar in eure Kindheit. Habt ihr auch schon als Kinder zusammen Musik gemacht? Liegt es bei euch in der Familie?
Jonas: Wir haben tatsächlich schon als Kinder zusammen Musik gemacht. Wir haben ganz früh angefangen. Ich glaube, Leo war sieben und ich war fünf. Da haben wir angefangen mit Gitarre spielen. Wir hatten einen sehr coolen Gitarrenlehrer. Das war damals ein 19-jähriger Metal-Typ mit langen Haaren und Metallica Shirt, der uns nicht irgendwie die Noten vor die Augen gelegt hat und gesagt hat, dass wir die auswendig lernen sollen. Wir haben irgendwie direkt angefangen Songs zu schreiben und mit dem Würfel Akkord-Reihenfolgen zu würfeln. Dann hatten wir super schnell unseren ersten Song geschrieben. Wir haben dann auch zusammen für Familie und Freunde was vorgespielt. Also irgendwie schon voll früh so kleine Mini Gigs gehabt.
Leo: Und dann aber auch vor richtigen Publikum sehr schnell. Wir waren schon so als Singer Songwriter Duo unterwegs und haben da auch so Songwriting- und Kompositions-Wettbewerbe mitgemacht. Das war das „Treffen junge Musikszene“. Und das war so die große weite Welt für uns mit zwölf und zehn Jahren. Genau und da waren wir. Aber in der Familie liegt es nicht. Also unsere Eltern machen keine Musik.
„Ein Fetzenfisch ist eigentlich nur ein hässliches Seepferdchen“ – und was das Tier mit den Ottolien zu tun hat
Anna: Hattet ihr damals auch schon einen Namen für euer Duo? Hießt ihr auch schon die Ottolien?
Jonas: Ne, wir hießen „Phyllopteryx“ – der lateinische Begriff für Fetzenfisch, weil wir gefetzt haben. Also fetzige Musik gemacht haben.
Leo: Ein Fetzenfisch ist aber eigentlich nur ein hässliches Seepferdchen. Es sind quasi Seepferdchen. Die tarnen sich indem sie sich nicht bewegen. Also die sind quasi urzeitliche Seepferdchen und sehen aus wie im Meer treibende Algen. Damit haben wir uns dann irgendwie ein bisschen identifiziert. Wir haben halt irgendwie so Singer Songwriter Punk gemacht – also sind schon gut abgegangen, waren aber halt irgendwie noch diese kleinen Pimfe. Wir waren quasi die letzten Fische, die jemand für kleine Mini Algen hält. (lacht)
Jonas: Es konnte einfach niemand aussprechen und es hat auch niemand verstanden, aber wir fanden es damals cool.
Anna: Und deswegen heißt ihr jetzt Ottolien.
Leo: Ja, genau. Immer noch sperrig, aber weit aus mehr catchy.
Kurzer redaktioneller Kommentar an dieser Stelle: Meine investigative Ader war getriggert nach der Band „Phyllopteryx“ zu googlen. Natürlich wurde ich direkt fündig und konnte alte Schätze ausgraben. Denn die beiden haben es sogar in den Spiegel geschafft unter dem Titel „Jonas und Leonard – die Punkrocker“. Den Artikel verlinke ich euch mal ganz unverbindlich hier. Schaut einfach mal selbst, wie Leo und Jonas so mit 11 und 13 aussahen. Mein Favorit ist allerdings der Name ihres damaligen Songs: „Kanzler von Deutschland“. Catchy, Jungs, catchy. Und Leo, wenn du immer noch Musikjournalist werden möchtest – unsere Türen stehen dir jederzeit offen. Ach und Fetzenfische finde ich eigentlich auch ganz süß. Ich übergebe wieder an Interview-Anna.
Anna: Kommen wir jetzt mal wieder in die Gegenwart zu eurer EP „Gezeitenland“. Wie muss ich mir den Prozess vom Songschreiben bei euch vorstellen: Wie läuft das ab? Einer schreibt die Texte und der andere sagt „ist gut, lass mal aufnehmen“?
Leo: Zum Glück nicht mehr. Also das war manchmal so, oder? Obwohl …
Jonas: Das ist eigentlich immer ein bisschen durchmischt. Also mal ist so der erste Grundstein gelegt, wenn Leonard mal ein paar Textschnipsel hat oder wenn ich einen Beat habe oder wenn ich mal ein paar Texte oder Leonard Akkorde auf der Gitarre. Es geht quasi immer von einer Seite irgendwie los.
Leo: Also früher haben wir gedacht, jetzt müssen wir immer genau alles auf uns beide aufteilen in den Songs, dass ich da einen Part haben muss und dann muss Jonas noch mal was rappen. Aber so ist das nicht mehr. Wir haben uns davon auch komplett gelöst. Für uns steht jetzt der Song im Vordergrund und nicht die Aufteilung der Parts. Es ist zwar schon meistens so, dass ich ein bisschen mehr Texte schreibe. Aber das kommt auch einfach, was Jonas produziert und ich sehr old school mit Stift und Block texte. Das heißt aber auch nicht, dass Jon gar nicht textet.
Zwischen verschachtelten Texten und klaren Botschaften
Anna: Sind euch eure Texte nicht manchmal zu persönlich?
Leo: Woah (überlegt) … bisher noch nicht. Also, ich weiß nicht, wie das so nach außen wirkt, aber ich habe zumindest für mich immer noch so eine Verschachtelung drin. Da versteht man, glaube ich, das Grundgefühl, ohne dass es zu persönlich wird. Aber ich glaube so persönlich, dass es andere Menschen betrifft und irgendwie eine Grenze überschreiten könnte, wird es nicht. Also die Songs sind schon nah dran. Aber wir kriegen es, glaube ich, immer noch hin, dass man es nicht checkt. Ja, oder? Ich weiß nicht, wie es bei dir ist, Jon.
Jonas: Also ich finde zum Beispiel „Autoscooter“ ist jetzt gar nicht so verschachtelt. Das ist relativ obvious der Song für meinen besten Kumpel. Ich bin eigentlich voll der Fan von richtig persönlichem Kram. Ich finde es irgendwie cool, das in einem Song dann noch weiter kommunizieren zu können, was ich meinem besten Freund jetzt vielleicht nicht so direkt ins Gesicht gesagt hätte.
Leo: Ich habe auch das Gefühl, dass wir in manchen Songs, die vielleicht gar nicht so persönlich wirken, immer so Easter Eggs für uns selbst einbauen im Text. Die wirken dann vielleicht nach draußen gar nicht so, sind aber für uns voll nah dran, aber im Gesamtkontext werden sie gar nicht so klar beim Zuhören. Also wir haben glaube ich, da ganz viele Sachen, die nur wir wissen können und die wir auch dann nicht groß revealen, die im Gesamtkontext dann vielleicht ganz anders wirken. Aber dadurch wird es halt nicht für mich, nicht irgendwie zu persönlich. Finde es trotzdem schön, dass die Songs so persönlich rüberkommen.
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube. Mehr erfahren
Anna: Jonas, du hast ja gerade schon „Autoscooter“ angesprochen. Wie kam es dazu, dass ihr diese Aufnahmen von euch als Kind oder Jugendliche mit drin hat? Und war das einfach zuverlässig oder wie habt ihr die wiedergefunden?
Jonas: Ja, da geht erstmal ein ganz großes Shoutout an Nicole, die mit uns früher in einer Dorf Clique war und ist. Sie ist auf jeden Fall eine lebende Festplatte, was das angeht. Ich habe ihr nur mal den Song geschickt und gefragt, ob sie zu Fabo, meinem besten Freund, noch ein paar O-Töne hat, die ich reinmixen kann. Und keine zwei Stunden später hatte ich eine Dropbox mit tausenden Videos vom alten Sony Ericsson bis zum Samsung Galaxy S2. Und da war dann unter anderem ein Video dabei, wo wir eben im Riesenrad sitzen und genau da in die Ferne gucken und diese Industrie sehen. Wir philosophieren darüber, was das denn sein könnte. Genau. Da hat sich dann irgendwie so angeboten. Es passte einfach zu dieser Kirmes Thematik vom Song.
Eine Ode an den besten Freund und die Naivität der Kindheit
Leo: Als Jonas das dann ausgewählt hatte, hab ich da auch direkt was reininterpretiert. Ich glaube als neutrale Hörer*innen funktioniert das auch super gut. Das hat so was apokalyptisches am Ende. Ich stell mir immer so vor, dass so drei Kinder im Riesenrad sitzen und gucken, was übrig geblieben ist von der Welt. Das passt perfekt an das Ende. Und irgendwie finde ich, dass dann der Song ganz anders wirkt und gar nicht mehr so eine persönliche Mini Geschichte zwischen euch beiden ist. Das ist halt meine Sicht auf den Song, der ja fast komplett nur von Jonas kommt.
Anna: Auf einen Song wollte ich noch eingehen: „Franka und Laurin„. Basiert das auf echten Personen? Also wer sind Franka und Laurin? Wenn ihr das teilen möchtet.
Leo: Das lassen wir offen. Also es basiert auf wahren Personen. Dazu finden wir aber auch die Namen ziemlich nice.
Wo ist das Ottolien Song-ABC hin?
Anna: Ich hab’s mir schon fast gedacht. Aber der Song funktioniert durch die beiden auf jeden Fall sehr gut. Wovon ich aber längere Zeit schon nichts mehr gehört habe, ist euer Song-ABC. Gibt es das noch? Was ist daraus geworden?
Leo: Das fragen wir uns auch immer wieder. Ich schätze mal, dass es eher was Saisonales ist, dass wir immer mal wieder auspacken. Wir haben es immer so ein bisschen gestückelt. Also immer, wenn wir eigene Songs rausbringen, pausiert das ABC. Wir sind auch noch gar nicht so weit im Alphabet vorangeschritten. Wir müssten bei F sein. Die Resonanzen waren immer richtig cool. Auch die Leute, deren Songs wir gecovert haben, aber auch immer irgendwie reagiert. Das war total nett. Das war echt cool, auch so Reaktionen von den Madsen hatten und von L-Goony. Also so ganz Verschiedene. Ich finde das Format immer noch cool und ich schätze mal, dass wir es jetzt im Winter wieder aufleben lassen.
Anna: Da bin ich ja mal gespannt! Ich habe noch zwei Entweder-Oder-Fragen für euch. Die erste lautet: Eure Songs lieber komplett durchproduziert oder lieber Akustik spielen?
Jonas: Komplett durchproduziert!
Leo: (zögert erst) Bei mir auch mittlerweile.
Jonas: Es macht dann mehr Spaß auf der Bühne, wenn man richtig tanzen und abgehen kann. Das fehlt mir bei dem Akustik Ding. Das ist eher ruhig und beseelt und schunkelnd. Aber ich finde es springend cool.
Anna: Ok, das kann ich verstehen. Frage Nr. 2: Großstadt oder Dorf?
Leo: Großstadt mit Option auf Dorf bei schlechter Laune. Zählt das?
Anna: Naja, eigentlich nicht …
Leo: Ok, Großstadt!
Jonas: Dorf bei mir – ganz klar.
Anna: Ich habe es mir ein bisschen gedacht.
Leo: Das ist so unser Running Ding. Jonas kann sich nicht so richtig vorstellen zum Beispiel irgendwann mal nach Berlin zu gehen oder so. Mal gucken. Aber es ist ja genau die Mischung, die wir in uns tragen. Also ich finde es auch ganz cool, dass du so commited bist. Es hat ja auch Gründe. Du bist viel verwurzelter zu Hause noch.
Jonas: Meine Kumpels und ich haben quasi eine Art mündlichen Pakt geschlossen, dass wir alle spätestens zum Lebensherbst oder zum Lebensabend wieder im Heimatdorf einkehren. Und ob das jetzt wirklich passiert, mal gucken. Aber ich habe halt einfach noch einen sehr aktiven, großes Freundeskreis aus Schulzeiten und das finde ich ganz schön. Dann bin ich auch gerne da.
Leo: Das ist bei mir nicht mehr so krass verwurzelt. Das ist bei mir viel mehr auseinander gesplittet, also auch geografisch. Aber ich habe einfach hier in Hannover meinen festen Kreis. Sowohl freundschaftlich als auch musikalisch ist es hier mein Hauptort mittlerweile.
Die Ottolien und ihr klimapolitischer Song
Anna: Ich habe auf eurem Spotify Account noch das Album „no music on a dead planet“ gefunden, was ja so Kollaboration mit mehreren Artists war. Wie kam es dazu und warum? Warum war es euch wichtig, da was beizusteuern?
Leo: Dazu kam es einfach durch die Organisation Culture Declares. Daraus ist dann ein kompletter Hannover Sampler entstanden. Und dadurch, dass wir noch nie auf so einem Sampler dabei waren und wir das schon cool fanden, haben wir uns direkt gemeldet. Wir wollen auch für eine klimagerechte Zukunft stehen als Band und zeigen, dass wir uns auch für Klimapolitik interessieren. Da wollen wir einfach auch zu stehen. Und die zweite Sache war, dass wir eine Challenge hatten, da recht schnell dann einen Song dazu zu schreiben. Das war irgendwie cool, weil wir das erste Mal auch so ein bisschen den Inhalt vor die Produktionsraffinesse gestellt haben.
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube. Mehr erfahren
Anna: Und das Ergebnis kann sich auf jeden Fall zeigen lassen! Ich habe jetzt nur noch eine letzte Frage und das ist die Frage nach eurer untold story?
Leo: Eine noch nicht erzählte Geschichte.
Anna: Genau!
Leo: Also wir könnten die erste Cover Geschichte erzählen von unserem Gespräch oder oder vom Videodreh in der Rutsche.
Jonas: Ohja, das ist ne coole Story, lass uns die nehmen!
Leo: Ok, warte, ich leite die Geschichte ein und du erzählst sie: Wir haben ja gerade unsere zweite EP „Gezeitenland“ rausgebracht und wir haben zum namensgebenden Song ein Video im namensgebenden Hallenbad Gezeitenland auf der Nordseeinsel Borkum gedreht. Und dabei ist folgende untold story passiert. Jonas, bitteschön.
Jonas: Wir haben uns in die ausgeschaltete Wasserrutsche begeben. Wir sind also rein geklettert mit dem schönen Filmteam von Stabil und Grazil aus Hannover. Also die mit ihrer riesigen Kamera da rein. Niklas mit so einer Leuchtröhre und dann Leonard und ich. Das ist glaub ich etwas schwierig, sich vorzustellen. Das ist eine Tube Rutsche und wir haben uns so entgegeneinander da reingesetzt.
Anna: Aber die Rutsche war ausgestellt oder ist da was passiert?
Jonas: (muss schmunzeln) Nee, ich bin nur einmal ausgerutscht auf das Steißbein, das tat weh. Aber das ist nicht die Geschichte. Also, wir sitzen gerade in dieser Rutsche und haben einen Performance Part gedreht. Das heißt Niklas hat auch noch die Soundbox laufen mit dem Song. Wir singen dann so schmissig in die Kamera und auf einmal hören wir nur so ein Zischen und so ein Rumoren. Dann hört man so ein konstantes, leichtes „Schhhhh“. Es waren nur noch so drei Sekunden Stille, in der wir uns nicht bewegt haben. Und ich habe dann einfach aus Reflex heraus gerufen „Wasser kommt“. Dann sind wir alle mit dem Equipment aus der Rutsche raus und in das Auffangbecken. Ich war der Letzte, weil ich auch als Erster drin war. Hab mich auf dem Weg natürlich auch noch abgepackt. Und keine Sekunde, nachdem ich draußen war, kam das Wasser da rausgeschossen. Wir waren insgesamt aber zwei Tage zum Drehen da. Am nächsten Tag haben wir den Besitzer dann gefragt, ob die Rutsche irgendwie immer durchgespült wird oder so. Und er nur so: „Achja, stimmt, aber ich weiß gar nicht, wann genau und in welchen Intervallen.“ Dann haben wir am nächsten Tag also nochmal unser Glück versucht. Wir wollten unbedingt das schöne Licht mit der Sonne auf der Röhre einfangen. Wir haben das dann so gemacht, dass Bardi, unser Fotograf, dann die Aufgabe hatte oben zu schauen, wann das Wasser angeht. Vorher hatten wir noch extra zwei so Kinder Walky Talkies besorgt, damit er uns Bescheid geben kann, wenn die Düsen anspringen.
Leo: Natürlich hat er sich auch einmal den Gag gemacht, einfach „Wasser kommt“ zu rufen, obwohl nichts kam. Und ja: Das ist unsere untold story!
Anna: Genial, vielen Dank euch für’s Teilen der Geschichte und für’s Interview. Macht’s gut und bis bald!
So, ich hab mir jetzt auch den Mund fusselig geredet. Mir bleibt nur noch zu sagen: Streamt „Gezeitenland“ von den Ottolien:
Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.
Eine zarte Stimme, die auf einem verspielten Sound zum Tagträumen in eine andere Welt einlädt und dabei die ungeschminkte Wahrheit in ehrlichen Texten verpackt – so klingt für mich „Sleepwalkers at noon“ von Mia Berg. Die Norwegerin macht poppige Singer-Songwriter-Musik à la Phoebe Bridgers und „Sleepwalkers at noon“ ist ihr Debütalbum.
Mia Berg ist in Bergen an der norwegischen Westküste aufgewachsen. Mittlerweile wohnt und arbeitet Mia in Oslo und schaut mit anderem anderen Blick auf ihre Heimatstaft. Diese Reflektion von Themen, die sie damals so wie heute beschäftigen, verarbeitet sie unter anderem in ihren Songs. Es geht um ganz viel Nostalgie, Schönes, aber auch Zweifel. Im Interview erzählt Mia von der Entstehung des Albums, wie sie sich dabei gefühlt hat und welche Einflüsse sich in ihrer Musik wiederfinden.
Mia Berg im Interview
Anna: Alright, so the first thing I have to admit, is that I didn’t know your music before I listened to the album „Sleepwalkers at noon“. And then I saw that you also released an EP in 2019. And I was like: Okay, how did that not come across my Spotify algorithm before? But I completely fell in love, because the songs are just super warm, atmospheric and feel really personal. And then I listened to the other EP, and it also felt like that, but not as intense as the songs now. So how would you say that your sound has changed since the first songs that you’ve released back then?
Mia: I think, when I started making music back in 2017, or 2019 it was different. I was definitely developing over time. So I would say the main difference is that I basically now have the time to focus more on songwriting. But also more on the storytelling in the music instead of aiming for the melody to hit. I guess you kind of said it: it’s more personal. And it’s also about me growing as a person and as a musician, and a songwriter. And I think it was kind of like a natural process where I found my own way to how I wanted to express myself through my music.
Anna: Do you think there are certain factors that influence the way that your music developed?
Mia: Changing the course of my musical expression, I think, has a lot to do with me listening to new music. I remember very well, when I went to Berlin in the fall of 2019 to write music, that it was kind of a starting point. And I began listening more to American singer-songwriter music. So going into 2020 and when the pandemic hit, also, I think certain elements of songwriting became clear to me. I wouldn’t say that the pandemic affected the album, but I would say that it affected the way I was writing. When the world was kind of standing still, you don’t necessarily have a lot of things around you to be inspired by because everything is moving very slowly. That kind of made my attention go backwards to my life in the past and thoughts that I’ve been carrying around. And that kind of shaped the album, I think.
Anna: I totally get that! I feel like like with the pandemic, you were kind of forced to deal with your own thoughts or memories. Because before you could just distract yourself with being around other people and always do something. But then it was like you couldn’t do anything else.
Mia: And I think that kind of forced my thoughts into a certain place, which I guess, it felt very genuine and very honest.
Female power: These women inspired Mia for the songs on her album
Anna: What would you say are the major artists that inspire you? I can hear some Phoebe Bridges and Holly Humberstone vibes.
Mia: I actually think I started with the album around the time I first listened to Holly Humberstone. I found her through Instagram right before she kind of got huge. But um, yeah, when it comes to inspiration, I definitely think listening to Phoebe Bridgers was definitely a huge inspiration for my writing. And just my approach to songwriting in general. Clairo’s last album was also very inspiring for me. And I think, back in 2019, I listened to Sufjan Stevens album „Carrie & Lowell“. It’s actually an album from 2014 – so rather old. But it’s very much just him talking about growing up and the loss of his mother. I just cried a lot when I listened to the album the first time. And I think that connected to something in me as well: just listening to someone not actually doing a lot – like it’s beautiful music, but it’s also very simple.This simplicity is also the element that makes it as beautiful as it is.
Anna: Would you say you feel connected to the Scandinavian music scene. I’m just curious, because you haven’t mentioned names of any Scandinavian music artists.
Mia: Well, of course I listen to a lot of Norwegian music and Scandinavia has a lot of great pop music especially. I wouldn’t say I found my main inspiration in the Scandinavian music. But I have some great friends who produce Norwegian music and I get inspired by that aswell.
How to create a safe space for personal feelings on an album
Anna: Do you feel kind of insecure before releasing such personal music or have you gone through such a long process of producing it that you’re more excited to release it now?
Mia: It’s obviously scary to release music that is personal and I guess I’ve never been as nervous as I was when I released the first song of the album. Just because it’s been quiet from my corner for like two years. And I went into a collaboration with a new label and everything just felt very good. We had a good plan and I had people backing me up and wanting me to do great. I think that kind of helped the process a lot. It created kind of a safe space for me.
Anna: Do you have a favourite song on the album? I know it’s hard because you probably love them all.
Mia: Yeah, that’s difficult. I think my favourite song kind of changes – so now it’s one and in a month it’s gonna be a different song. But I think at the moment it’s „Meadow“, one of the singles I released before the album. I really like the lyrics and it’s a bit more „back to the roots“-style with the piano. I would say that’s my favourite today.
Anna: I guess it also changes based on the situation you are in right now. Like if you feel a bit more happy or you’re more at a sad point in your life.
Mia: Yeah, but I definitely also think there are songs I feel especially connected to at all times. „I’ll never leave you“ for example.
Anna: That was the song that got me falling in love with the other ones.
Mia: Oh, wow. That’s great to hear. I remember very well when we made it in the studio. And it was the easiest one to write but the hardest one to finish with the production just to get like the writing together with how it should sound because it could have gone in different directions. So we just had to work really hard with the mixer and the production to kind of get it how we want it to be, because that was kind of how I heard it in my head – a bit more like the drums on „Motion Sickness“ by Phoebe Bridgers.
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube. Mehr erfahren
Anna: All your songs have this vintage nostalgic vibe to it. That connects them all, even if you say that some songs have more of a Clairo vibe or some have a Holly Humberstone vibe. So I feel like they still are in that same kind of atmosphere.
Mia: Yeah, it’s kind of the same universe. And I think that’s kind of important to me. I could make 10 songs that sound really similar. I think I can do that, when I really fall in love with a certain type of sound or a certain type of song. That was maybe the challenging part: knowing that I had to widen my perspective again. Like, either people are more worried about things sounding the same, or they are worried that it will sound too different. It needs to be balanced. But I think the perspective on the album kind of stays on a same level.
Never underestimate the support act
Anna: That’s what I also really like about the album. It feels like listening to one story that is consistent. All right, I have one last question. This is a question that we always ask in our interviews and it is the question about an untold story of yours.
Mia: I remember, in April I got asked by a Danish agency if I wanted to play support for an Irish artist, which is Orla Gartland. She had a song on this „new“ series – Heartstopper, if you heard of it. Yeah. So I hadn’t heard of her before but I agreed because it sounds fun. And so I went to Denmark and I actually went back to the exact same place where actually played my last gig before the pandemic. I was inviting some friends and like booking people to come but it was Easter Sunday – so not the best timing. And I was like, ok, well, it will be fine. It will be a good evening, I guess. And playing a support gig, you just never really know how it’s going to be like, either people don’t like you and are like: What are you doing on stage? Or people are interested, or something in between and just being polite. But I was standing there with like five guest list places. The fans were lining up like three, four hours before the show. I walked outside to where we just loaded our stuff out the van. And there was actually this guy looking for tickets but it was sold out. He was standing on the corner of the street with a big sign saying „I need a ticket for tonight“. Then the idea of giving him the guest list spots just popped up in my mind. When I went over to him, he was super shocked. I bet he thought I just wanted to prank him or so. So he was just like „no, no, I don’t need any tickets“. He didn’t believe me when I said that I am playing the support for Orla’s show. I told him to tell me his name, and I’ll write it down. And then he was saying his name. But he still didn’t seem to believe me like: „Who are you? Is she joking with me or not?“ So but yeah, he went to the show and he sent me a message afterwards: „thank you so much, didn’t know you’re playing support. Thank you so much.“ It was kind of a funny thing at that moment. And it was a really, really great show. It was a crazy supportive audience. Super friendly, like probably the best show, I remember.
Hier könnt ihr euch mit dem Album die Ohren wund streamen oder euch Hals über Kopf in Mia’s warme Stimme verlieben:
Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.
Dortmund ist zugegebenermaßen nicht besonders bekannt dafür, das Zuhause von Indie-Bands zu sein. Walking On Rivers brechen dieses Vorurteil. Die Indie-Folk Band aus dem Ruhrpott besteht aus David, Borsti und Martin. Seit 2015 machen sie in teils wechselnder Besetzung Musik. Ihre Songs haben sich über die Jahre leicht verändert. Wenn das Ganze zu Beginn noch stark nach Folk klingt, gehen die neueren Songs eher in Richtung Pop oder Rock. Aber eins bleibt: die Stimme von Sänger David.
Ich habe Walking On Rivers zum (digitalen) Interview getroffen und mit ihnen über ihre „Time to Lose Control“ EP geredet und aufgeklärt, was die Musiker immer noch im Ruhrpott hält.
Das Setting
Zwei der drei Bandmitglieder von Walking On Rivers sitzen in ihrem Home Studio in Dortmund. Über den Zoom-Bildschirm sehe ich 2 Männer auf Bürostühlen, die mehr oder weniger gut in den beschränkten und minimalistisch eingerichteten Raum, den sie Studio liebevoll nennen, passen. „Hier gibt es alles, was wir brauchen“, versichern sie mir. Die Nachbarn seien ebenfalls cool drauf und würden sogar ab und zu ein paar Songs mitsingen.
Nach dem ersten Smalltalk und Lobliedern auf die Dortmunder Nachbarschaft, steigen wir in die Musik ein. Ich stelle manchmal gerne unangenehme Fragen, das scheint die Jungs von Walking On Rivers aber nicht zu stören und aus dem Konzept bringen lassen sie sich schon gar nicht.
Walking On Rivers im Interview
Anna: Dass ihr aus Dortmund kommt und da immer noch Musik macht, haben wir ja schon geklärt. Jetzt frage ich mich: Woher kommt der Indiepop/ Folk Sound aus Dortmund? Das ist jetzt nicht gerade das Erste, was ich mit der Stadt oder mit dem Ruhrpott generell verbinde. Aber ihr könnt mich natürlich auch eines Besseren belehren.
David: Ich würde nicht sagen, dass die Stadt uns zu dieser Musik inspiriert hat. Ich glaube, es ist einfach so ein bisschen herkunftsunabhängig. Wir sind aufm Dorf in NRW aufgewachsen und von dort aus irgendwie in den Pott gekommen irgendwann. Aber ich glaube, es ist eine Mischung aus allem, was wir so über die Jahre uns angehört haben an Musik. Und ich persönlich bin mit Punk eher sozialisiert worden, als ich anfing, Musik zu hören. Ich habe zwei Brüder, der eine Bruder hat sehr viel Punk gehört und der andere Bruder ist auch in die Richtung gegangen, aber noch mit ein bisschen Techno. Und von beiden hab ich mir dann so ein bisschen meine Sachen rausgefiltert. Dann ist es irgendwie bei dem jetzt gelandet.
Borsti: Also die härtere Schiene kann ich auch vermelden in meinem Lebenslauf. Ich habe selber mal längere Zeit in einer Metal-Band … geschrien sogar. Also ich war Frontmann. Aufgewachsen bin ich irgendwie mit anderen musikalischen Einflüssen. Von meinen Eltern her habe ich viel klassische Musik mitgenommen. Mein zwei Jahre älterer Bruder, mit dem habe ich zusammen viel Jazzmusik gemacht. Und selber als Teenie habe ich dann halt in die härteren Musikgenres mal reingeschnuppert, da war ich so 12 oder 13: Rock, Hard, Rock, Metal, solche Geschichten. Das heißt, da ist jetzt nicht zwingender Weise der Indie Einfluss in der Musik, die wir machen, vorgeschrieben. Das entspringt eher aus ganz vielen anderen Einflüssen.
Anna: Ich möchte das einmal kurz klarstellen: Du hast schon „geschrien“ und nicht „geschrieben“ gesagt, oder?
Borsti: Ganz genau!
Was Walking On Rivers an Dortmund lieben und warum sie nicht nach Berlin ziehen
Anna: Okay, wild. Zurück zum Ruhrpott. Ich komme nicht von dort, wie ihr vielleicht schon bemerkt habt. Wie ist der Ruhrpott sonst so? Was hält euch noch da? Und warum zieht ihr nicht nach Berlin, wie jeder andere Indie Band?
David: Das ist eine gute Frage. Berlin macht es einem natürlich einfacher, was das connecten und so angeht. Ich finde aber persönlich: auf dem Papier sieht es supergeil aus, wenn man nicht aus Berlin oder Hamburg oder Köln kommt, sondern vielleicht mal aus dem unkonventionellen Dortmund, was nicht so bekannt ist für die Bands, die aus dieser Stadt kommen. Was uns hier hält, ist glaube ich vor allem das Umfeld, das man sich in den letzten Jahren angelacht hat. Wir wohnen jetzt alle schon paar Jährchen hier. Ich mein, Borsti war zwischendurch auch mal in Darmstadt und in Luxemburg und natürlich auch in Berlin. Aber wir sind sehr verwurzelt hier. Das macht die Stadt einfach schön. Und ja, Berlin ist immer ganz nett am Wochenende, aber dann reicht’s mir auch meistens wieder.
Borsti: Also Berlin hat einfach nicht so den Flair, der mich auf natürlicheweise anzieht. Zumindest nicht so, dass ich sage: Ich muss da unbedingt wegen der Musik hinziehen. Denn die kriegen wir hier in Dortmund auch ganz gut so hin und hier kann man halt günstiger wohnen. Musiker*innen haben sowieso nie Kohle. Ich finde das ist ein ziemlich guter, wenn auch sehr pragmatischer Grund hier zu leben.
Anna: Da stimme ich dir voll und ganz zu! Ich bin noch mal ein bisschen zurückgegangen in eurer Band Historie und ihr habt zu dritt angefangen, wart dann zwischenzeitlich zu viert, zu fünft, jetzt aber wieder zu dritt. Wie kommt das, dass ihr so verschiedene Konstellationen hat? Habt ihr einfach gemerkt, es hat nicht geklappt und gesagt, wir gehen jetzt „back to the roots“?
David: Ich bin eigentlich noch das einzige originale Überbleibsel aus dieser Dreierkonstellation. Da gab es am Anfang ja noch Markus und Flo. Dann kam Martin, der ja immer noch Trommler bei uns ist – derzeit leider nicht aktiv dabei, aber immer noch auch Teil der Band. Dann haben wir uns irgendwann noch jemand fünften dazugeholt an der E-Gitarre. Das war der Niklas. Und dann haben wir im Laufe der Entwicklung so ein paar Mitglieder verloren. Wie das halt immer so ist bei Bands: Wir waren dann alle irgendwie fertig mit dem Studium und manche wollten lieber auf die sichere Karte setzen. Da kam Borsti aber zum Glück genau zur richtigen Zeit zurück nach Dortmund. Und dann haben wir uns aber, als dann die diversen Mitglieder abgezogen sind, ganz bewusst dazu entschieden, das dann zu dritt weiter zu machen, weil es einfach sowohl kreativ als auch organisatorisch einfach nur Vorteile mit sich gebracht hat. Ich glaube, das war alles.
Borsti: Und ich muss sagen, wir genießen es halt auch ziemlich, nur uns drei zu haben. Dadurch können wir schon ziemlich intensiv Songwriting betreiben. Von dem ganzen anderen Quatsch, den man als Band machen muss, braucht man jetzt gar nicht reden. Aber zumindest die kreativen Prozesse funktionieren halt super gut. Wenn wir zusammen Songs schreiben, dann wissen wir eigentlich schon immer, wenn wir bestimmte Songtitel haben oder bestimmte Melodien, wie die anderen darüber denken und haben uns mittlerweile ziemlich gut aufeinander eingeschossen. Wir ziehen eigentlich musikalisch immer an einem Strang und wenn nicht, dann sind halt auch schnell Entscheidungen getroffen. Da ist zwei gegen eins ist immer ein einfaches Demokratie-Verhältnis.
Über Vergleiche und Inspiration
Anna: Aber was beeinflusst denn jetzt wirklich den Sound von Walking On Rivers? Oder gibt es bestimmte musikalische Vorbilder, an denen ihr euch vielleicht manchmal orientiert?
Borsti: Extrem viele, ja!
David: Ich glaube, das war früher – also ganz am Anfang der Band – noch anders. Da war die Auswahl an Inspirationen kleiner. Damals hätten wir vielleicht so zwei, drei Bands genannt, die uns inspirieren. Heute ist das viel breiter gestreut. Früher hat man uns oft mit den Mighty Oaks oder Mumford Sons verglichen. Das war so ganz am Anfang, als das Projekt noch in den Kinderschuhen war. Und jetzt finde ich das schwieriger, Bands zu nennen.
Borsti: In der letzten Zeit hören wir auch alle privat noch noch mehr Mucke als sonst schon. Das ist gar nicht so maßgebend ein bestimmtes Genre, sondern eigentlich ein bestimmter Sound. In welchem Genre oder bei welchen Artists sich das dann widerspiegelt, ist halt wirklich immer ein anderer Schuh.
David: Ja, also wenn ich jetzt mal ein Beispiel nennen sollte: ich liebe die Fleet Foxes einfach abgöttisch. Was die Vocals angeht, ist das voll die krasse Inspiration.
Anna: Euer Sound selbst hat sich ja auch ein bisschen verändert. Ich würde zumindest sagen, dass so die ersten Songs, die von euch draußen waren, so ein bisschen mehr in die folkige Richtung gehen und es jetzt eher so poppiger, rockiger wird. Kommt natürlich auch darauf an, welche Songs man sich jetzt rauspickt. Würdet ihr sagen, dass das einfach so eine natürliche Entwicklung war und die Musik mit euch zusammen erwachsen wird?
Borsti: Also die Entwicklung ist schon ziemlich aus uns selbst herausgekommen. Aber das hat so einen kleinen Anstoß gebraucht. Als ich vor drei Jahren in die Band gekommen bin, habe ich genau das Bild gehabt, was du gerade beschrieben hast von dem Indie Folk. Die erste Zeit hab ich versucht, mich erst einmal so in das Bild einzufügen. Aber das Bandkonstrukt an sich hat sich ein bisschen verändert, weil zwei Leute rausgegangen sind aus der Band. Wir wollten uns einfach etwas professionelleren Sound verleihen als Band.
David: Es wa eine gute Symbiose aus unseren Ideen und ein paar kleinen Arschtritten von unserem Produzenten Sven in eine andere Richtung. Wenn ich mir die Platte jetzt anhöre, denke ich sogar ist das gar nicht so krass, wie ich das damals empfunden habe.
Die Sorgenkinder der „Time to Lose Control“ EP
Anna: Welcher Song war der längste Prozess auf der EP „Time to lose control“ oder welchen mochtet ihr erst nicht?
David: „Selfmade Delusion“ hat ziemlich lange gedauert. Der Song an sich stand schon – eigentlich so wie er ist mit den Chords und den Vocal Lines und so, aber das Arrangement hat so lange gedauert.
Borsti: Der hat wirklich lange gedauert und hat irgendwie so viele verschiedene Arrangements gehabt. Da wurden dann immer wieder dazugeschriebene Parts rausgeschmissen und alles umgekrempelt, was bisher gewesen ist.
David: „In Vain“ war der erste Song von der Platte und hat die meisten Entwicklungsschritte durchlaufen. Was mir am meisten Spaß gemacht hat, war „Time to lose Control„. Das ist ja auch der Titeltrack und am Anfang hatten wir eigentlich nur so eine Grundidee vom Song. Also es gab eine Akkordfolge und eine Melodie, aber auch nur für einen halben Song und den Rest haben wir im Studio dann geschrieben.
Anna:Ich muss ja gestehen, dass es bei mir klassischerweise „Overachiever“ ist. Der Song hat mich zumindest von Beginn an am meisten gecatched. Merkt ihr sowas auch, bevor ihr die EP rausbringt, das ein bestimmter Song, der wird, den die Leute am meisten feiern?
Borsti: Ja, wir haben uns das schon gedacht. Also das war von Anfang an einer meiner Lieblinge von der Platte. Mittlerweile würde ich sagen, ich habe gar keinen Liebling von der Platte mehr. Die Songs mag ich halt alle super gern. Aber wir waren uns ziemlich sicher, dass „Overachiever“ funktioniert und haben uns auch dazu entschlossen, den als allererste Single von der Platte rauszugeben. Das war auch ein guter Spagat zu dem, was wir vorher gemacht haben.
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube. Mehr erfahren
Anna: Ja, das kann ich gut nachvollziehen. Kommen wir jetzt mal zu eurem neuesten Song „Lights Go Out„. Der ist im Vergleich zur „Time to lose control“ EP doch schon eine deutliche Spur persönlicher und auch ruhiger. Wie kam es dazu, jetzt so einen kleinen Soundswitch einzubauen und auch textlich auf diese Ebene zu gehen?
David: Wir hatten Bock auf einen Piano-Song, der einfach vom Klavier getragen wird. Und dann haben wir zu der Zeit irgendwie darüber gesprochen, was uns gerade beschäftigt. Und sonst ist ja in unseren Songs immer eher so was Gesellschaftliches drin oder auch mal Kritik. Aber zu der Zeit war es dieses interne, persönliche Beziehungskonstrukt, was uns beschäftigt hat. Es geht darum, dass man merkt, dass es nicht mehr so funktioniert, wie es vielleicht mal hat und das beide spüren, aber keiner traut sich so richtig, die Lichter auszumachen. Ich meine, bei so einem persönlichen und vielleicht ein bisschen melancholischen Text würde es ja auch komisch klingen, einen nach vorne gehenden Indie-Pop Sommerhit zu schreiben.
Anna: War dann auch eine gewisse Skepsis dabei, den Song zu veröffentlichen? Oder wart ihr euch von Anfang an sicher, dass das funktionieren wird und dass es auch gar keine so eine Wagnis ist, sowas rauszubringen?
David: Also skeptisch war ich jetzt nicht. Ich mochte den Song. Also klar, man zieht sich ja vor den Leuten immer sprichwörtlich aus, wenn man Musik rausbringt – egal worum es geht. Und das Gefühl kennen wir schon. Es ist da so, dass man etwas, was man in einem nicht so guten Moment sich ausgedacht hat, überlegt, das dann in Musik zu pressen. Ich habe mich eigentlich nur gefreut, den rauszubringen und zu gucken, was die Leute sagen. Ich glaube, am wichtigsten ist, dass man es selber mag und wenn man es dann rausbringt und es den Leuten gefällt und wenn nicht, dann hat man ja immer noch ein Stück, was einem selber gut gefällt.
Und mit welchem Getränk bereitet ihr euch auf eine Show vor?
Anna: Das ist, glaube ich, genau die richtige Einstellung! So jetzt als letztes ist noch die untold story an der Reihe. Habt ihr lustige, unerzählte Story parat?
David: Vor jeder Show kommen wir noch mal in einen Kreis zusammen. Das machen ja viele Bands. Wir legen dann aber immer ganz spontan ein Motto fest für die Show. Das kann alles sein. Das muss dann immer spontan aus irgendwem heraus schießen und da waren schon sehr witzige Sachen bei. Meistens sind das irgendwelche komischen Wortspiele, die auch am besten niemand anderes hören sollte.
Borsti: Aber meistens hat das was mit dem Tag oder mit der Tour zu tun. Mir fällt gerade kein gutes Beispiel ein.
David: Spontan fällt mir auch nichts ein. Aber Martin trinkt auch immer eine Königs-Mische vor der Show. Das ist vielleicht auch noch eine witzige Geschichte.
Anna: Was ist denn eine Königs-Mische?
David: Er hat es selber so genannt. Das ist schon ziemlich ekelhaft eigentlich: eine Flasche Bier, ein Red Bull und ich glaube, noch ein Pfeffi. Das trinkt er dann nacheinander. Mit der Kombination ist er anscheinend bestens vorbereitet, aber wirklich Konzert.
Anna: Naja, wenn’s ihm hilft. Aber wie muss ich mir das mit dem Motto vorstellen?
Borsti: Wir sammeln uns im Kreis und rufen direkt vor der Show noch das Motto rein, um uns auf die Show einzustimmen. Und keiner denkt sich vorher was aus, sondern das muss halt wirklich erst eine Minute vor der Show gehen. Spontan!
David: Da kommen manchmal schon sehr lustige Dinge bei raus.
Anna: Ja, cool. Danke euch, dass ihr das geteilt habt und danke für das Interview. Macht’s gut!
Borsti: Danke dir, Anna!
Falls ihr es nicht längst schon getan habt: Dann könnt ihr hier jetzt in die „Time to Lose Control“ EP von Walking on Rivers reinhören:
Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.
„Es tut mir leid, dass du wegen mir geweint hast“ – das sind die ersten Worte, die mir auf dem neuen Oehl-Album von Ariel in die Ohren geflüstert werden, nachdem ich ohne zu zögern auf Play gedrückt habe. Dass mich emotional vollgeladene Texte erwarten, war mir bewusst. Doch so eine persönliche Ansprache trifft dann doch nochmal anders.
„Keine Blumen“ ist das zweite Album von Oehl. Bereits die erste Single des Albums „Weitergehen“ kündigte ein textstarkes Album an. Mir geben die Texte von Ariel oft das Gefühl ich würde einen Einblick in seine Gedanken bekommen – fast so als wäre ich exklusiv dabei, wenn er diesen einen Gedanken zum ersten Mal formuliert und fühlt. Es gibt wenige deutschsprachige Pop-Künstler*innen, die es (für meinen Geschmack) so gut schaffen, sich zwischen gefühlvollen Texten und verspielten Sounds nicht im Kitsch verlieren.
„Gib mir mein Herz, gib es zurück. Denn ich hab lieber einen Stein als so ein Loch in meiner Brust„
Auf „Keine Blumen“ geht es um das Leben. Es stellt das Leben in Frage. Es geht um Abschied, Geschlechterrollen, Zukunft, Sucht und Mental Health. „Du hast gesagt: Bitte keine Blumen mehr“ singt Oehl auf dem titelgebendem Song. Genau diese Ehrlichkeit zieht sich durch das gesamte Album.
Ich habe Ariel von Oehl auf dem Appletree Garden Festival in Diepholz Anfang August getroffen und mit ihm nach seiner Show gequatscht. Im Folgenden reden wir über „Keine Blumen„. Ariel erzählt, wie es für ihn ist, jetzt als Solo-Künstler zu erscheinen und wie ihm sein Autismus schon das ein oder andere Mal im Weg stand.
Oehl im Interview
Anna: Magst du dich zu Beginn einmal vorstellen?
Ariel: Ich bin ein bisschen zwiegespalten: Bin ich jetzt eine Band oder ein Solo Act? Also live bin ich auf jeden Fall eine Band. Und ansonsten bin ich vor allem der Ariel, der Musik macht und in Wien wohnt, und jetzt ein Album rausbringt – und das zum ersten Mal alleine.
Anna: Das passt perfekt zu meiner Anschlussfrage: Wie ist es für dich, jetzt alleine Musik zu machen? Vorher hast du ja immer zusammen mit Hjörtur veröffentlicht.
Ariel: Ach, das hat sich gar nicht so sehr verändert. Also ich sehe Hjörtur ja eh, wenn er in Wien ist – eigentlich jede Woche. Und im Studio-Prozess hat sich in den letzten Jahren eh dahin entwickelt, dass ich halt sehr viel zu Hause mache. Durch Corona hab ich auch sehr viel selber produziert. Dann kam es an den Punkt, wo auch er gemerkt hat, dass es am Anfang wichtiger war, dem Projekt Flügel zu geben, indem wir es gemeinsam machen, aber dann funktioniert es auch so. Da bin ich ein bisschen mehr zum Solo-Produzenten geworden. Für ihn war das auch, dass er noch seine anderen Projekte machen kann.
Mir ist es aber wichtig, wenn wir live sind, dass wir als Band auftreten. Ich wollte nie so ein Artist sein, der mit der Gitarre da sitzt und allein spielt. Also ich glaube, Musikmachen lebt davon, dass Menschen gemeinsam etwas kreieren und schaffen. Deswegen fühlt es sich auch nicht so an als ich würde alleine Musik machen, weil ich immer Leute mit dabei habe. Hjörtur fehlt mir natürlich trotzdem in der Band, aber ich sehe ihn ja zum Glück auch so noch. Er hat einfach so eine Energie. Ich habe ihn ja auch kennengelernt, als er sich auf einer Bühne bewegt hat und ich war so begeistert davon. Also das werden wir vielleicht nicht wieder einholen und ersetzen können. Aber ich kann mein Bestes tun, seine Energie irgendwie aufzufangen.
Oehl wäre nicht Oehl ohne die Sounds des Isländers Hjörtur
Anna: Meinst du, dass es Oehl ohne Hjörtur auch nicht so geben würde, wie es jetzt ist?
Ariel: Auf jeden Fall! Das ganze erste Album haben wir ja ganz viel zu zweit geschrieben und da haben wir auch diesen Sound entwickelt. Es hat angefangen mit einer Drum Machine und Hjörtur hat dazu Bass gespielt und gesungen. Dann hat er noch Keyboard gespielt und das war’s. Unsere ersten Demos zu „Keramik“ klingen auch so. Ich muss sagen, es hat seinen eigenen Charme.
Anna: Stand es für dich/euch jemals zur Debatte, auf Englisch zu Singen?
Ariel: Also Hjörtur spricht ja eher Englisch als Deutsch, einfach weil die Sprache ihm viel näher ist. Deswegen war das schon ein Ding. Er ist so ein kreativer Kopf und für ihn war das Singen für Oehl nie ein Thema. Deswegen singe ich auf Deutsch. Aber auf Englisch singen würde ich jetzt eher nicht. Was mich am Musikmachen interessiert, ist, irgendwas zu machen, was noch keiner gemacht hat oder ich will es zumindest probieren. Auf Englisch ist das viel schwieriger, nach mir zu klingen. Wenn ich Deutsch singe, dann weiß ich, es klingt nach mir.
Musikmachen ist, etwas zu machen, was noch keiner so in der Form gemacht hat – das ist so meine Grundannahme der Musik. Es ist auch eine gewisse Challenge, den Song so zu schreiben, dass es nicht peinlich klingt. Es ist einfach nur super ehrlich. Du spürst, auch wenn es nicht ehrlich ist. So viel Deutsch-Pop klingt zwar mega emotional, aber ich spüre es nicht so als ehrlich. Es kann trotzdem gut sein, aber im Endeffekt kannst du jedes Wort umdrehen und auf die Waagschale legen.
Anna: Würdest du sagen, dass man jetzt bei dem zweiten Album hört, dass du das alleine produziert hast?
Ariel: Auf jeden Fall! Also es ist sowieso noch sehr viel im Austausch mit zwei Produzenten entstanden, aber ganz viel stand jetzt aber auch schon bei mir zu Hause. Es entwickelt sich ja oder so immer weiter, aber da ist es mir wichtiger, was Spezielles zu erhalten. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht so genau, ob man es so stark hört. Das einzige, was auffällt, ist Hjörtur’s spezielles Bassspiel. Aber er hat auf diesem Album auch ein paar Sachen eingespielt. Also er ist auf dem Album auch nicht komplett weg und das ist auch gut so. Er wird auch in Zukunft vielleicht mal was einspielen. Aber für uns ist eher wichtiger, das nach außen zu trennen. Man wird es auf den Songs wahrscheinlich daran merken, dass der Bass meist etwas mehr im Hintergrund ist. Das war einfach so Hjörtur’s Rolle, die halt etwas weniger präsent ist jetzt.
Anna: Ich hatte auch das Gefühl, dass dieses Mal wirklich der Text noch mehr im Vordergrund steht.
Ariel: Vielleicht auch, weil ich bewusst mehr drauf geachtet habe. Das könnte es sein. Also ich schreibe jetzt einfach auch die Songs sehr persönlich. Also das erste Album war da etwas politischer, aber auch ein Mix aus allen möglichen Dingen, die mich beschäftigen. Ich hatte dieses Mal das Gefühl, ich kann da jetzt auch mehr meine Stimmung.
„Wir sollten auch einfach mal mit weniger zufrieden sein können“
Anna: Gibt es ein Überthema, eine Klammer auf „keine Blumen“?
Ariel: Abschied ist ein großes Thema auf dem Album – gar nicht primär im Sinne vom Tod. Also es gibt auch ein paar Songs, wo der Tod eine Rolle spielt, aber für mich ist es mehr ein Symbol auch für Abschiede im Allgemeinen. Ich glaube, wir leben in einer Zeit, in der wir das Verabschieden noch lernen müssen. Also einerseits merken wir, dass es nie wieder so ökonomisch und ökologisch wird, wie es mal war. Das wissen wir halt einfach. Wir sind die erste Generation seit langem, die einfach weiß, dass es nicht mehr besser wird. Deswegen ist diese Übung im Verabschieden so ein Thema, was sich durchzieht auf dem Album.
Abschied mit Chance zur Erneuerung
Ariel: Ich will es aber auch nicht unbedingt als ein Weltuntergangs-Szenario sehen, sondern eher die Werte dahingehend verschieben, dass man genügsamer wird. Wir sollten einfach auch mit weniger zufrieden sein können. Deshalb geht es auch um den Abschied von gewissen Privilegien, die wir in unserer Zeit haben. Sehen wir es mal ganz pragmatisch: Es ist ein Privileg, dass wir einfach in einen Laden gehen können und vier Avocados, 20 Orangen und sonst was kaufen können. Ach und wenn die Küche nach acht Jahren kaputt ist, dann kauft man einfach eine neue bei Ikea. Da müssen wir einfach mal uns, die Gesellschaft und wie wir leben wollen, hinterfragen. In dem Sinne hat Abschied auch eine Chance zur Erneuerung für mich.
In „Schönland“ geht es zum Beispiel auch darum, dass ich mich in gewisser Weise bei meinem Sohn entschuldige. Kinder zu kriegen ist zwar das schönste, was ich mir vorstellen. Aber es ist auch einfach sehr naiv. Ich muss ihm ja jetzt schon erklären, dass wir nicht wissen, was in 50 oder 60 Jahren ist. Das ist irgendwie eine große Verantwortung, die man da auch übernimmt. Ich merke auch, dass ich eine gewisse Schuld dem Kind gegenüber empfinde. Ich möchte einfach nicht noch mehr Scheiße bauen jetzt. Zumindest ein bisschen will ich dafür kämpfen, dass er auch noch eine Zukunft hat.
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube. Mehr erfahren
Anna: Ich habe gesehen, dass du im Podcast „Danke, gut“ von Miriam Davoudvandi über deinen Autismus gesprochen hast. Wie war das für dich? War das das erste Mal, dass du öffentlich darüber geredet hast?
Ariel: Ja, es ist das erste Mal. Ich bin eigentlich eher so jemand, der seine Persönlichkeit nicht so in den Vordergrund drängen möchte. Ich dachte mir immer, das ist gar nicht so wichtig, denn es geht ja um die Musik. Aber ich habe erkannt, dass es jetzt, wo solo unterwegs bin, auch eine Chance sein kann. So habe ich vielleicht die Möglichkeit, über Themen zu reden, denen ich vorher keinen Platz gegeben habe.
Der Podcast ist schon eine tolle Ehre, weil da noch ganz viele andere tolle Künstler*innen zu Besuch waren, die sich auch sehr ehrlich und verletzlich gezeigt haben. Gerade bei so einem persönlichem Thema möchte man ja auch eine Bühne haben, wo es wertgeschätzt wird, dass man das teilt und die man auch selbst wertschätzt. Dafür war der Podcast extrem gut. Ich hätte mich jetzt glaube ich nicht in eine Talkshow gesetzt mit sieben weiteren Leuten, um dann über meinen Autismus zu reden.
„Es ist ein Missverständnis, dass Autisten nicht empathiefähig sind“
Anna: Gab es schon einmal eine Situation, wo dich der Autismus in eine sehr unangenehme Lage gebracht hat oder dir im Weg stand?
Ariel: Ja, auf jeden Fall. Ein großes Missverständnis ist ja zum Beispiel, dass Autisten nicht empathiefähig sind. Also die Asperger, die ich kenne, sind alle sehr viel weniger durch emotionale Reaktionen geleitet, sondern mehr durch Impulse – also in ihrer Sprache. Das heißt für Menschen, die das nicht wissen, sind wir oft schwer zu durchschauen. Mein Learning daraus ist auch, die Grenzen und Bedürfnisse anderer besser erkennen zu können. Es gibt Situationen, da ist es einfacher und dann gibt es noch so klassische Situationen, wie beispielsweise im Supermarkt, da kann es auch ein Struggle sein. Aber es ist natürlich permanent die Gefahr im Alltag, dass eine gewisse Überforderung da ist. So ein Festival kann ich auch privat kaum besuchen. Im Arbeitsmodus geht es viel besser. Da weiß ich, ich funktioniere jetzt. Privat sind mir da zu viele Menschen und Sounds.
Anna: Das kann ich sehr gut verstehen, das geht mir auch manchmal so. Ich habe noch eine Frage zum Schluss: und zwar ist das die Frage nach deiner „untold story“?
Ariel: Ah, da fällt mir was ein: Der Song „Keramik“ wäre fast nicht veröffentlicht worden. Irgendwie fand ich die Version ein paar Monate, nachdem ich den Song geschrieben hab, gar nicht mehr so gut und ich war kurz davor, den Song bei dieser Albumproduktion zu kicken und gar nicht rauszubringen. Ich weiß noch, es gab diesen einen Moment, als ich ihn gehört habe und mir gedacht habe: Oh Gott, ist es das? Gefällt mir dieses Intime? Gebe ich mich zu verletzlich? Ich weiß nicht, was es war, aber irgendwie konnte ich es nicht locker flockig rausgeben.
Und dann saßen wir irgendwann mit unserem Booking im Büro in Wien und irgendwer meinte so: „Das ist mein Lieblingssong, wenn du den nicht rausbringst …“. Dann habe ich mich echt überreden lassen von Hjörtur. Naja, ich finde es jetzt auf jeden Fall auch gut, dass wir ihn mit drauf genommen haben. Es ist auch immer schön, wenn wir den Song live spielen. Mittlerweile würde ich sogar sagen, dass „Keramik“ für mich mit ein Grund war, weiterzumachen. Es ist ja der bekannteste Song von Oehl und ich merke einfach, wie gut er bei den Leuten ankommt und wie viele Türen er geöffnet hat.
„Keramik“ handelt von der Zerbrechlichkeit seines Sohn bei der Geburt
Ein weiterer Fact über den Song ist mir gerade auch noch eingefallen: Ich habe den Song gerade geschrieben, als mein Sohn im Bauch seiner Mutter war. Er war zwei Monate zu früh auf der Welt und die Zeit war nicht so einfach für uns. Diese Zerbrechlichkeit des Kindes, die ich in der Zeit gefühlt habe – die habe ich in dem Song beschrieben. Ich glaube, dass diese Intimität in dem Song und das Persönliche, Verletzliche eine besondere Stärke ist. Es ist halt einfach sehr ehrlich und ich kann nichts verstecken.
Anna: Aber ich glaube, dass der Song gerade dadurch so gut funktioniert.
Ariel: Der Song ist auch in einer Writing-Session entstanden. Also das ging so von Herz und Kopf in Schrift über.
Anna: Danke, dass du die Geschichte geteilt hast. Jetzt wünsche ich dir noch viel Spaß hier auf dem Festival!
Ariel: Gerne doch, dir auch!
Wenn ihr es nicht schon längst getan habt, könnt ihr euch hier „Keine Blumen“ von Oehl anhören. Habt ihr schon einen Liebling auf dem Album? Meiner ist momentan „Schönland„, knapp gefolgt von „Weitergehen„.
Und ihr eure Emotionen zu den Oehl Songs jetzt auch genauso wenig im Zaum halten könnt, dann lest doch auch gerne Anna’s (nein, nicht ich) Review zu „100% Hoffnung“ und sichert euch als Sahne-Häubchen obendrauf auch einfach schon Tickets für die Tour im Herbst.
Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.