Wieder einmal sitze ich vor einer leeren Seite in WordPress und soll jetzt hier mein musikalisches Jahr 2023 zusammen. Ich sag’s wie’s ist: Das fällt mir nicht leicht – es ist doch so verdammt viel passiert. Deswegen öffne ich erst einmal Spotify und spiele meinen Nr. 1 Comfort-Song ab: „Motion Sickness“ von the one and only Phoebe Bridgers. Der Song war nicht umsonst mein meistgehörter Song des Jahres laut Spotify Wrapped. Warum ich stolz darauf bin und was das mit meinen beiden vergangenen Jahresrückblicken zu tun hat – dazu gleich mehr.
Wagen wir doch aber zu Beginn einen Blick in die Vergangenheit. Was habe ich die letzten beiden Jahre so gehört? 2021 – da war die Illusion meines perfekten Indie-Musikkonsums noch intakt. Auf der Eins war, wie ungefähr auch alle zehn Jahre davor schon, The Neighbourhood. In dem Jahr ist mir aber auch zum ersten Mal so richtig bewusst geworden, dass ich zu wenig Musik von Flinta Acts höre. Die danach selbst auferlegte Frauenquote für meine Playlists hat sich dann 2022 gleich durchgesetzt. Denn da entthronte BROCKHOFF meine heißgeliebten Indie-Boys (die ja mittlerweile auch ganz zurecht sehr umstritten sind, darauf werde ich hier aber nicht eingehen).
Aber weil es immer noch sehr nötig ist, möchte ich auch in diesem Jahr wieder mit den ganzen tollen Frauen reden, die mich in diesem Jahr begleitet haben. Und ja, es wäre mir natürlich noch lieber, wenn auch da noch mehr Diversität in der Repräsentation der Flinta-Artists wäre, aber das wird jetzt mein neuer Vorsatz für’s nächste Jahr.
Ein Song für alle Gefühlslagen
Ich habe eine Schwäche für zarte Frauenstimmen auf rockigen E-Gitarrensounds. 2023 hat mir da mal wieder guten Content geliefert, mich aber auch alte Lieblinge wiederentdecken lassen. So zum Beispiel der oben bereits erwähnte Song „Motion Sickness„. Ehrlich gesagt ist der Hype um Phoebe Bridgers lange Zeit spurlos an mir vorbei gezogen, weil ich mich einfach gar nicht mit ihr beschäftigt hatte. Zum Glück hat sich das in diesem Jahr geändert, denn selten hat ein Song so viele Emotionen gleichzeitig in mir ausgelöst wie „Motion Sickness„. Ich höre den Song, wenn ich traurig bin, wenn ich glücklich bin, wenn ich überfordert bin, wenn ich Sehnsucht nach etwas, jemandem oder einer Situation habe. Egal wann und wie, der Song hilft einfach.
credits gehen an @deutschband.memes auf Insta
Nachdem im letzten Jahr meinen Artikel mit einer Lobhymne auf BROCKHOFF begonnen, möchte ich euch jetzt THALA ans Herz legen. Auch sie ist quasi der Inbegriff meiner Schwäche für zarte Frauenstimmen auf rockigen E-Gitarren. Dass sie allerdings auf Platz eins meiner meistgehörten Artists in diesem Jahr landen würde, hätte ich selbst nicht gedacht. Das könnte aber auch daran liegen, dass sich THALA-Songs perfekt für genau die gleichen Gefühlslagen eignen, wie Phoebe Bridgers. Eine weitere Künstlerin, die ich an dieser Stelle natürlich auch nicht vergessen darf: Blush Always. Ebenfalls eine wunderschöne Frauenstimme, die im Vergleich zu THALA nochmal mehr das Bedürfnis nach Rocksongs stillt.
Das Spiderman-Meme beschreibt die drei Künstlerinnen schon ziemlich gut. Denn die Musik von allen drei geht perfekt ineinander über und trotzdem könnte ich auf keine der dreien in meinen Playlists verzichten. Es ist ein Kosmos, in dem ich mich einfach direkt wohlfühle.
Mal wieder ein gutes Jahr für Newcomer*innen
Aber was wäre eine gute Playlist schon bitte ohne ein,zwei nischige Newcomer*innen? Meine diesjährigen Empfehlung sind eindeutig: OSTARA, Ottolien und Moritz Ley.
OSTARA sind Amélie und Annika, zwei Schwestern und (mal wieder) hauchzarten, verzaubernden Stimmen, die mich immer wieder in ihren Bann ziehen. Vor allem schaffen die beiden es deutsche Textpassagen wie pure Poesie klingen zu lassen. Man bekommt das Gefühl einen direkten Einblick in ihre unausgesprochenen Gedanken zu bekommen.
Zu den Ottolien möchte ich an dieser Stelle gar nicht so viel schreiben, denn das Duo bekommt in ein paar Tagen noch ihre Würdigung in unserer Newcomer*innen-Playlist. Wer mich aber schon ein bisschen verfolgt, kennt die beiden Liebmäuse aber sowieso schon. Ihre Musik macht vor allem eins mit mir: Mich zurück in meine allerliebste Studien-Stadt Hannover versetzen.
Auch Moritz Ley dürfte der untoldency-Gemeinde schon ein Name sein. Der Lockenkopf aus Hamburg ist in diesem Jahr so richtig mit neuen eigenen Songs durchgestartet und erfüllt alle Sehnsüchte deutschen Indie-Pops. Mir hat es der Song „Rosarot“ besonders angetan. Zum ersten Mal habe ich den Song beim Musikvideodreh gehört, aber dann gleich die volle Dröhnung: Einen ganzen Abend lang haben wir in dem verschwitzten, kleinen Kellerraum eines Studentenwohnheims dazu getanzt. Wer das Musikvideo ganz genau anschaut, könnte mich dort eventuell entdecken.
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Neben dem ganzen deutschsprachigen Krams habe ich aber natürlich auch noch zwei fremdsprachige Songempfehlungen parat. Der erste Song hat mich auf meinen Roadtrip durch Island begleitet und deshalb einen ganz besonderen Platz in meinem diesjährigen Musikherz: „Sólblóm“ von BRÍET. Der zweite Song ist – wie könnte es auch anders sein – ein schwedischer: „Hela Tiden“ von Patino war eine Empfehlung meiner schwedischen Freundin, die mit der Band befreundet ist. Denn auch wenn ich großer Fan der deutschen Newcomer*innen-Szene bin, können unsere Nachbarländer da genauso gut mithalten.
NNDW for the win
Etwas verwundert hat mich mein laut Spotify meistgehörtes Genre: Neue Neue Deutsche Welle. Denn unter den Top 5 Songs war kein einziger dieses Genres vertreten. Trotzdem haben mich natürlich Artists wie Traumatin, easy easy, Serpentin, Paulinko und Nils Keppel auch in diesem Jahr begleitet. Dass die Szene immer weiter wächst und gedeiht, macht mich einfach nur glücklich.
Kommen wir zu der krönenden Kategorie „Album des Jahres“. Würde man mich fragen, welches Album ich momentan am meisten höre, dann würde ich ohne nachzudenken sagen können: „Goldie“ von Goldroger. Hätte man mich das gleiche vor ein paar Monaten gefragt, wäre es vermutlich „Volcano“ von Jungle gewesen. Noch ein paar Monate früher wäre es vermutlich „SOAMI“ von Amilli gewesen. Aber wenn ich wirklich ehrlich bin, dann ist es „GUTS“ von Olivia Rodrigo.
Ja, ich gebe zu, das ist nicht gerade das coolste Album und eigentlich bin ich auch ein bisschen zu alt um ein Teenie-Idol wie Olivia Rodrigo zu feiern, aber ihre Musik ist einfach zu gut, um sie nicht rauf und runter zu ballern – und deswegen stehe ich dazu. Aber schaut euch auch einfach mal diese krasse Frau an: Slay Queen einfach!
Alle Songs und Artists zu erwähnen, die mich durch das Jahr gebracht haben, würde den Rahmen sprengen, deswegen habe ich euch noch ein paar Songs, die ich trotzdem wärmstens empfehlen kann, in eine Playlist gepackt und wünsche euch ganz viel Spaß beim Hören:
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Musik, voller Leichtigkeit, Hoffnung und träumerischer Nostalgie, die dir hilft loszulassen und ein Gefühl von Wärme schenkt: So klingen die Songs von Willow Parlo. Die Band aus Hamburg veröffentlichte mit „Silver Screens“ im vergangenen Jahr ihren ersten Song und landete damit direkt auf dem Radar aller Indie-Newcomer*innen-Liebhaber*innen. Jetzt legen die vier Musiker nach und veröffentlichen am 8. Dezember ihre nächste EP „See U Whenever„. Warum diese so anders klingt als die erste EP, was die Band inspiriert hat und warum „My Fathers Eyes“ der persönlichste Song – der Lieblingssong der Band – ist, verraten sie im Interview.
Willow Parlo im Interview
Anna: Hi,schön, dass ihr die Zeit gefunden habt, euch mit mir zu treffen. Möchtet ihr euch zu Beginn einfach alle einmal vorstellen?
Noemi: Ich bin Noemi. Ich spiele Gitarre und singe.
Jan: ich bin Jan und ich spiele Schlagzeug.
Björn: Ich bin Björn und ich spiele Bass.
Marco: Ich bin Marco und ich spiele die Ukulele. Nein, Quatsch, die Gitarre.
Anna: Perfekt, danke! Wie geht es euch?
Noemi: Also mir geht es, uns geht es gut. Wir sind gerade in den Vorbereitungen für unsere Veröffentlichung. Deswegen gibt es viel zu tun und wir haben auch noch ein paar Konzerte vor uns. Deswegen geht alles gerade ein bisschen drunter und rüber, aber es ist auch irgendwie aufregend und wir freuen uns auch noch darauf, was kommt bis Ende des Jahres.
Wie aus ein paar Demos eine Band wurde
Anna: Jetzt würde ich gerne nochmal ganz vorne anfangen, weil es euch als Band in dieser Konstellation erst seit anderthalb Jahren gibt. Wie kam es – wie ist Willow Parlo entstanden?
Jan: Gute Frage. Eigentlich hat es ja mit euch beiden, also mit Noemi und Marco angefangen, die so zusammen irgendwie so Demos geschrieben haben. Erstmal eigentlich ohne so ganz konkretes Ziel oder auch so ein Band-Konstrukt im Hinterkopf. Und dann sind Björn und ich dazu gekommen und dann hat sich das irgendwie immer mehr so verfestigt. Gerade in der Zeit der Pandemie haben wir dann einfach viel Zeit gehabt, uns irgendwie so mit der Musik auseinanderzusetzen und da irgendwie konkretere Songs zu schreiben. Dann hat sich einfach ein konkreteres Bild entwickelt. Und da sind auch die Songs der ersten EP entstanden, die wir dann auch in der Corona Zeit aufgenommen haben.
Anna: Die nächste Frage stelle ich nur noch super selten und ihr könnt gerne sagen, wenn ihr sie nicht beantworten wollt.
Marco: Ich weiß, welche Frage kommt: Wie wir auf unseren Namen gekommen sind – richtig?
Anna: Genau! Ich stelle die Frage eigentlich nur noch selten, aber heute dachte ich mir zur Abwechslung mal: Warum eigentlich nicht!
Noemi: Ja, in letzter Zeit wurde ich das witzigerweise öfter mal gefragt und dann hat mir irgendjemand danach mal gesagt, dass die Story eigentlich total langweilig ist. Also sollte ich es vielleicht doch nicht erzählen.
Anna: Ach Quatsch, das ist ja alles Ansichtssache.
Noemi: Also wir haben ja eine ganz romantische Geschichte: unsere romantische Version ist, dass wir uns in der Corona-Zeit, weil man sich nicht drinnen privat treffen durfte, draußen im Park unter einer Weide getroffen haben und „geparled“ haben. (lacht) Also von dem italienischen Wort parlo – das heißt sprechen … und Willow Parlo dadurch entstanden ist. Auf der anderen Seite ist es aber auch irgendwie einfach ein Eigenname, was so ein bisschen das Ziel war in der Namensfindung. Ich persönlich fand es schön, wenn er aus zwei Teilen besteht und dass man mehr hineininterpretieren kann. Es könnte eine Person sein oder auch eine Band – man weiß es nicht.
Jan: Ganz genau. Ich kann mich auch noch erinnern, dass wir noch was gesucht haben, wo man noch nicht so direkte Assoziationen mit hat. Irgendwie ein Wort, wo man merkt, das könnte vielleicht in die und die Richtung gehen, sondern dass man halt irgendwas findet, wo man sich seine eigenen Assoziationen zu herstellen kann. Es ist auch ein gewolltes Spiel damit, ob nicht Noemi als Sängerin vielleicht auch Willow Parlo sein könnte – also Willow Parlo als Person.
Björn: Bei Autovermietungen sind wir auch schon bekannt als Herr Parlo, Herr Willow Parlo. (lacht)
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Anna: Ich finde das jetzt gar nicht so langweilig! Wenn wir jetzt mal zurückblicken auf euren ersten Release zu „Silver Screens“ – wie fühlt ihr euch jetzt damit? Wie blickt ihr jetzt auf die Zeit zurück?
Jan: Ich fand es wahnsinnig spannend, weil das ja das erste Mal war, dass wir mit der Musik, die wir gemacht haben, an die Öffentlichkeit gegangen sind. Das war eigentlich wie eine Geburt, weil vorher haben wir zwar für uns diese Musik gemacht, aber es kannte keiner, es wusste keiner davon. Und das war dann halt so dieses, dieses Heraustreten an die Welt da draußen. Und ich weiß, dass es irgendwie wahnsinnig spannend war und aufregend. Wir wussten halt irgendwie nicht, was zurückkommt, ob die Leute es gut finden, ob sie es schlecht finden.
Marco: Ich finde jetzt auch retrospektiv betrachtet, haben wir ganz schön lange an den Sachen rumgeschraubt, bis sie dann so geworden sind, wie sie jetzt sind. Und es hat uns schon recht lange auch begleitet. Wie du sagst, das war wie so eine Geburt. Deshalb war es für mich persönlich einfach total erleichternd. Wir können da jetzt nicht mehr noch neue Gitarren aufnehmen, können da nicht mehr neue Spuren aufnehmen, können am Mix nichts mehr ändern. Das steht jetzt einfach so.
Warum es zwei Versionen von „Silver Screens“ gibt
Anna: Aber ihr habt ja auch zwei Versionen von dem Song, also die Single Version und die EP Version. Was steckt dahinter? Wart ihr euch nicht einig?
Jan: Das war einfach nur so ein Zeit Ding, weil das Label dann meinte, dass gerade über Streaming Services besser läuft und sogar im Radio, wo der Song halt irgendwie auch erstaunlich gut gespielt wurde. Ich glaube die EP Version ist vier Minuten fünfzig oder so, also geht fast an die fünf Minuten – und das ist blöd gesagt einfach zu lang.
Noemi: Aber wir hängen halt so daran.
Björn: Also der Tipp von uns ist: Die lange Version ist der Song!
Noemi: Für mich fehlt auch textlich irgendwie bei der verkürzten Version ein wichtiger Teil der Aussage.
Björn: Würden wir das nochmal machen? Zwei Versionen von einem Song?
Noemi: Nee, ich glaube irgendwie nicht.
Marco: Nee. Entweder man sagt so „Scheiß drauf“, dann ist der halt so lange wie er lang wird oder man lässt es.
Noemi: Und wir hatten auch einfach wenig Ahnung, wie man es jetzt richtig macht. Da nimmt man natürlich auch Tipps an und versucht es überhaupt erstmal hinzubekommen. Und es bestimmt auch ganz gut in dem Fall als erstes so eine Version, die leichter verdaulich ist, rauszuhauen als erstes Hallo.
Anna: Wenn ihr eurer Musik ein Genre-Label aufsetzen müsstet, welches wäre das?
Noemi: Ich finde es hat sich ein bisschen verändert. Am Anfang wurden wir voll in den Dream Pop eingeordert. Bei dem was jetzt kommt ist es aber nicht mehr ganz so richtig. Ich finde Dream Pop ist schon wirklich sehr speziell. Den hört man raus und wenn der wegfällt, dann kann man sich eigentlich auch nicht mehr als Dream Pop Band bezeichnen. Und ich finde mittlerweile ist es eher: Dreamy melodic indie Pop mit so amerikanischer Rockmusik – also Einflüssen davon. Aber ich finde, dass es eigentlich keine so super spezielle Genre Bezeichnungen braucht dafür, sondern ein Mischmasch ist.
Anna: Eure erste EP kommt sehr verträumt und eher langsam daher. Im Gegensatz dazu steht für mich ein bisschen die zweite, kommende EP. Die Songs sind eher uplifting und irgendwie lauter. Welche Entwicklung steckt bei euch dahinter, dass das jetzt so ein Unterschied war?
Jan: Ich glaube, der große Unterschied war, dass die erste EP ein bisschen jammiger entstanden ist. Da haben wir einfach viel Zeit im Proberaum verbracht und haben diese Songs gemeinsam gespielt und entwickelt. Und jetzt bei dieser neuen EP ist es irgendwie ein bisschen konzeptioneller. Zumindest wollten wir etwas schaffen, dass den Kern des Ganzen trifft und halt nicht mehr so rumschweifen und das einfach so ein bisschen konkreter gestalten. Also sowohl die Texte als auch die Musik ist alles ein Hauch konkreter.
Noemi: Aber in erster Linie hängt es ja auch damit zusammen, dass man in der Anfangszeit einfach wirklich seinen Sound finden musste – es klingt klischeehaft, aber so ist es. Und ich glaube, dass mit der Zeit auch einfach mehr Selbstbewusstsein dazu kommt. Ich persönlich habe in diesem Prozess eine viel genauere Vorstellung bekommen von dem, was mir auch liegt und wo ich mich eigentlich auch schon immer zu Hause gefühlt habe.
Jede EP spiegelt eine Lebensphase der Bandmitglieder wieder
Anna: Spiegelt sich das auch thematisch in den Lyrics wieder?
Noemi: Irgendwo schon. Auf der ersten EP ging es deutlich um eine Art Hilflosigkeit. Und ich glaube, das hat sich auch im Gesamtpaket bemerkbar gemacht. Und bei den neuen Sachen glaube ich nicht, dass es jetzt alles nur happy und straight forward Texte sind. Aber es ist schon, wie du schon meintest, mehr uplifting und auch irgendwie ein bisschen mehr zuversichtlich. Aber ich würde wirklich sagen, auch da selbstbewusster. Wir haben uns weiterentwickelt und jede EP spiegelt da auf eine Weise eine Lebensphase wieder.
Anna: Habt ihr auf der neuen EP einen Lieblingssong? Wahrscheinlich werden es unterschiedliche sein, aber wenn ja – warum?
Jan: Bei mir wechselt das witzigerweise immer. Zu Beginn war es auf jeden Fall „Can’t Get Enough„, als der gerade frisch war, weil er von der Art her sehr frisch ist und wir auch so in den Aufnahmeprozess gegangen sind. Aber ja, das wechselt immer wieder.
Noemi: Das ist aber auch einfach unsere Pop-Single! Ich habe tatsächlich einen ganz klaren Lieblingssong und das ist auch der Wichtigste und der Persönlichste: „My Father’s Eyes“.
Björn: Da schließe ich mich an!
Marco: Ich auch!
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Noemi: Ich glaube einen so persönlichen Song habe ich textlich noch nie geschrieben und haben wir so auch bisher nicht veröffentlicht. Es hängt damit zusammen, dass Jan’s Vater vor knapp zwei Jahren plötzlich verstorben. Irgendwie ist dieser Song so ein Teil von dieser ganzen Zeit. Aber ich finde ihn einfach wirklich warm und schön gewandt. Ich merke auch, dass er mir auch persönlich gut tut.
Jan: Es ist auch eine Widmung an den Menschen, was es auch musikalisch zum Beispiel sehr inspiriert hat. ich habe damals das Instrumental, kurz nachdem das passiert ist, selber gebaut. Das war für mich auch neu, weil ich Schlagzeuger bin und normalerweise keine Gitarre in der Hand habe. Aber da hatte ich irgendwie dieses Bedürfnis, das in Musik zu verpacken. Inspiriert ist es durch die Band The War On Drugs, weil mein Papa und ich waren beide riesengroße Fans. Dann war mein Ziel, ihm einen Song zu widmen, den er, glaube ich, selber total gerne gemocht hätte. Und dann habe ich probiert, diesen Vibe von der Band aufzufassen, aber dann trotzdem gemeinsam mit den anderen etwas eigenes draus schaffen. Genau dadurch ist halt irgendwie auch so ein bisschen das Herzstück der EP geworden – tatsächlich auch Namensgeber der EP. Da ist ja die Textzeile „See You Whenever your face is changed but I see it in mine“ – danach ist die EP „See U Whenever“ benannt.
Anna: Wie hat deine Familie darauf reagiert, als du gesagt hast, du hast einen Song über deinen Vater geschrieben?
Jan: Die wissen das noch gar nicht so richtig. Das wird noch eine große Überraschung. Ich glaube, ich habe das schon mal irgendwann angesprochen.
Noemi: Die haben den schon mal live gehört.
Jan: Ja, man hört ja live meistens jetzt nicht so genau auf die Texte. Und ich glaube ich, ich hab meiner Mama das auch schon mal erzählt. Sie hat mich sowieso was das Musik machen angeht, immer total unterstützt und für sie ist es einfach schön, dass das auch so festgehalten wird. Meinem Papa war es immer total wichtig und er fand es toll Musik zu machen und dass ich Musik mache.
Noemi: Der war auch immer bei allen Konzerten. Deswegen ist das irgendwie auch echt ein Tribut.
„Wir hatten für jeden Song einen Tag Zeit“
Anna: Das ist eine schöne Geschichte. Ich glaube das ist jetzt auch mein Lieblingssong. Ich möchte noch ein bisschen auf den Entstehungsprozess der EP eingehen. Gab es irgendwelche Schwierigkeiten beim Aufnehmen oder Schreiben oder sich einig werden?
Noemi: (lacht und schaut Björn an) Anscheinend waren da verschiedene Wahrnehmungen. Ne, aber ich muss aber sagen, ich finde, beim Recording hatten wir gar keine Struggles. Aber es war eigentlich auch so eine Kamikaze Aktion, weil wir innerhalb von fünf Tagen fünf Songs aufgenommen haben und das auch noch in einem Studio, was eigentlich gar kein Studio war, sondern eine alte Schule in Niebüll. Also es ist schon das Watt’n Sound Studio, aber es ist jetzt nicht ein ausgestattetes professionelles Tonstudio. Wir haben eigentlich für jeden Song einen Tag Zeit gehabt.
Jan: Genau, dazu muss ich aber auch sagen, dass wir jetzt nicht mit fertigen Songs ins Studio gegangen sind und sie aufgenommen haben, sondern auch an den Tagen selbst immer noch viel passiert ist, was das Arrangement angeht. Teilweise wurden komplette Parts entweder rausgeschmissen oder neu arrangiert. Aber das ist auch eigentlich sehr organisch entstanden.
Marco: Generell finde ich das aber auch wichtig, dass man sich selbst auf die Probe stellt. Wenn man zum Beispiel etwas rauskürzt und dann am nächsten Tag merkt, dass man den Teil vermisst und er einfach reingehört – dann kann man das auch wieder ändern. Dann hat man es wenigstens einmal auf dem Prüfstand gehabt.
Nostalgie-Gefühle garantiert bei diesem 90er-Coversong
Anna: Ich habe euch dieses Jahr zwei Mal live auf Festivals gesehen und war ihr habt in beiden Shows eine Cover- Version von „I Love You Always Forever“ von Donna Lewis gespielt. Ich liebe die Version sehr. Aber wie kommt es dazu? Warum gerade der Song?
Noemi: Ich finde den Song geil. Ich fand den schon immer geil. Das ist einer der Songs, die irgendwie so einen wahnsinnigen Nostalgie Charakter der 90er haben, aber gleichzeitig noch nicht so überhört ist. Es ist keiner dieser typische Partyhits.
Jan: Aber trotzdem finde ich es immer krass, wie den jeder wieder erkennt. Immer wenn man den Song anderen Leuten gezeigt hat, waren alle so: „Ach ja, stimmt, geil, den gibt’s ja auch noch!“ Irgendwie so ein vergessenes Stück Musik gewesen, was halt so super präsent in einer ganz bestimmten Zeit war, dann aber auch irgendwie wieder nicht. Aber bei allen passiert irgendwas, wenn sie den hören.
Noemi: Wir hatten halt Bock, ein Cover zu machen. Es ist ja auch gerade reizvoll und auch der Sinn, dass es bei den Leuten, die dir zuhören, was aufbricht. Ich freue mich auch persönlich selber immer darüber, wenn jemand ein Cover geil spielt. Auch als eher noch unbekannte Band macht es was mit dem Publikum, wenn das spielt nachdem man vorher nur seine eigenen Songs gespielt hat. Da ist das irgendwie manchmal auch so ein Türöffner.
Anna: Hattet ihr dieses Jahr eine Lieblingsshow? Wenn ja, welche war das?
Marco: Meine Lieblingsshow war in der Kirche, beim Reeperbahn Festival. Das war richtig, richtig schön. Das war einer, fand ich, unserer coolsten Gigs. Das Ambiente war richtig schön und besonders irgendwie.
Björn: Voll. Und ich fand das Kiez Kultur Festival in Hannover auch richtig schön. Einfach weil es so ein tolles Festival ist. Und weil wir kurz dachten, es kommt niemand und dann auf einmal war es voll.Zur
Noemi: Zur Kirche nochmal – das ist mir gerade noch eingefallen: Da haben wir ja auch „Godless“ gespielt und ich habe halt hoch geguckt und genau an dieser Empore hing ja dieser gigantische Jesus an der Decke und ich musste fast lachen. Es war strange. Man spielt den Song „Godless“ und schaut dabei auf Jesus – schon weird.
Anna: Habt ihr einen Flinta-Artist, den ihr momentan besonders feiert?
Noemi: Ja, sehr viele.
Anna: Okay, dann deine Top Drei!
Noemi: Also einmal so low-key und friends-mäßig auf jeden Fall Brockhoff, Blush Always und gerade stehe ich auch auf Girl in Red und Japanese House.
Marco: Für mich auf jeden Fall Little Simz.
„The books we never read“
Anna: Ok, jetzt habe ich noch eine etwas philosophische Frage. Die habe ich bisher nur den Ottolien gestellt, aber ich dachte es ist mal wieder Zeit: Wenn eure Band-Story oder ihr als Gruppe ein Buch wäret, welchen Titel hätte es?
Noemi: Boah, krasse Frage. Da müssen wir kurz drüber nachdenken. Ich glaube, unser Buch hat einen sehr langen Satz, wahrscheinlich eher auf Englisch.
Jan: Oder wäre es ein Gedichtband? Das wäre dann wieder was anderes, aber sowas wie: Gesammelte Werke von Willow Parlo.
Noemi: Ich finde es schwer zu sagen. Ich könnte mir wirklich vorstellen, bei der Musik, die wir machen, dass es kein klassischer Buchtitel wäre, sondern irgendwie ein lyrischer Satz oder so was.
Jan: „The books we never read“ – das ist eine Textzeile aus „Silver Screens“. Das finde ich nice.
Anna: Ich würde es kaufen! Ok, ich komme zu meiner letzten Frage. Das ist bei uns immer die Kategorie der untold story. Was ist eure untold story
Jan: Hm, also die Geschichte zu „My Fasters Eyes“ ist tatsächlich noch nie irgendwo aufgetaucht. Das ist eine untold story.
Noemi: Ja, stimmt. Tatsächlich ist mir das auch als allererstes eingefallen.
Noemi: Also ich könnte natürlich über meine Fähigkeit, Metal-Mikrofone zu zerstören sprechen. Also Metal-Mikrofone sind eigentlich unzerstörbar. Ich weiß auch nicht, wie ich das immer schaffe. Ich singe nur hinein mit meiner zarten Stimme und dann macht das Puff und irgendwie geht’s kaputt.
Marco: Ja, generell hat Nono so eine Angewohnheit, dass sie immer kaputtes Equipment kauft oder dass es dann irgendwie kaputt geht, meistens glücklicherweise in der Garantie-Zeit.
Noemi: Ich habe halt zweimal ein Neues bekommen und beide hatten den gleichen Fehler und ich bin zurück in den Laden gegangen, habe es denen gegeben, die haben es da ausprobiert, es funktionierte einwandfrei. Und dann habe ich trotzdem Neues mitbekommen und das Gleiche ist wieder passiert. Ich habe schon sehr viel kaputt gemacht. Aber genau verstehe ich es auch nicht.
Anna: Ja, das ist tatsächlich mysteriös. Vielleicht einfach schlechtes Mikrofon-Karma? Danke für’s Teilen der Geschichte und danke euch für das Interview!
Jan: Danke dir!
Noemi: Danke für das schöne Interview. Wir sehen uns!
Die EP „See U Whenever“ kommt zwar erst am 8.12. raus, aber hier könnt ihr euch schonmal mit den ersten drei Songs der EP einstimmen. Außerdem spielt Willow Parlo am 15. Dezember eine Release-Show zur EP in der Molotow Sky Bar in Hamburg, also alle hin da!
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Zarte Stimmen, ehrliche Texte und leichte Gitarrensounds – wer da keine Gänsehaut bekommt, dem weiß ich auch nicht mehr zu helfen. Die Musik von Lena&Linus löst bei mir auf jeden Fall immer wieder aufs neue Gänsehaut-Momente aus. Das Duo aus Würzburg hat im Oktober letzten Jahres ihre erste Single „Emilie“ veröffentlicht und erobert seitdem mit jeder neuen Single die Herzen der deutschen Indie-Pop-Liebhaber*innen. Ich habe Lena&Linus vor ihrem Auftritt beim Pop Salon in Osnabrück getroffen und mit ihnen über ihre EP „Fühlst du dich allein?“ geredet.
Lena&Linus im Interview
Anna:Hi ihr beiden! Schön, dass ihr euch vor eurer Show beim Pop Salon hier in Osnabrück die Zeit genommen habt. Ihr kommt ja beide aus Würzburg. Kennt ihr Osnabrück? Wart ihr schon mal hier oder habt ihr eine Verbindung zu der Stadt?
Lena: Also, ich war einmal in Osnabrück, aber es ist bestimmt zehn Jahre her. Und unsere Connection ist unser lieber Schlagzeuger Jan, der hier in Osnabrück studiert.
Linus: Ich bin das erste Mal in Osnabrück und find’s bisher ganz entspannt hier.
Glücklicher Zufall oder Schicksal?
Anna: Mögt ihr vielleicht die Geschichte erzählen, wie aus euren beiden Soloprojekten jetzt das Duo Lena&Linus geworden ist.
Linus: Also ich habe so während des Lockdowns 2020 angefangen Musik zu machen. Ich habe dann im April meine erste Single rausgebracht und darauf hat mich Lena angeschrieben und gefragt: „hey, wollen wir nicht zusammen einen Song machen?“ Und da haben wir uns dann mal getroffen, haben Musik gemacht, hatten dann auch eine Band, aber dieser Gedanke vom Duo war irgendwie noch nicht so präsent. Der entscheidende Punkt war dann eigentlich erst, als wir Tim getroffen haben, unseren Produzenten. Da habe ich Lena ein bisschen begleitet, als sie vorgesungen hat. Das war total spontan. Und dann war Tim so: Das ist super sweet, das müssen wir als Duo machen! So ist es von meiner Seite zum Projekt gekommen. Also eigentlich war es ein Geistesblitz von Tim.
Anna:Ein glücklicher Zufall also.
Linus: Ja, ich war eigentlich ungeplant.
Lena: Ungeplant, aber trotzdem erwünscht.
Anna: Ich hab mich natürlich vorher durch eure EP „Fühlst du dich allein?“ durchgehört und das erste, was ich gedacht habe war, dass es super viel um Herzschmerz geht. Vermissen, Trauern und Fragen, die man sich dann so stellt, sind die Themen, die man dort sehr stark wiederfindet. Da hab ich mich gefragt, ob das bei euch so ein bisschen wie Tagebuchschreiben ist. Könnt ihr mit dem Gefühl abschließen, wenn ihr einen Song fertig geschrieben habt? Oder kommt das immer wieder hoch, wenn man den Song live singt?
Linus: Es ist irgendwie schön, Worte über so schwierige Situationen einfach mal niederzuschreiben, finde ich. Es hilft mir sehr viel, auch so schwere Konzepte und schwere Gefühle einfach mal zu binden – in dem Sinne, dass es ist für mich fast schon therapeutisch ist, das einfach mal so festzuhalten. Aber wenn man dann die Songs öfter spielt, geht es viel weniger irgendwie darum, das Gefühl jetzt nochmal aufzumachen oder so, sondern es ist für mich schon gebunden. Mir geht es viel mehr darum, dass es irgendwie cool wirkt oder dass man denkt eher an die Performance als an den Text.
Lena: Ja genau. Man hat so eine Verknüpfung an den Song. Also man fühlt ihn schon, aber es ist jetzt nicht wie eine Wunde, die nochmal aufgemacht wird.
Linus: Das Pflaster ist schon da und wir reißen es live quasi nicht ab, sondern versuchen es möglichst fehlerfrei rüberzubringen.
„Ich bin ein introvertierter, extrovertierter Mensch“
Anna: Zurück zum Titel der EP: Könnt ihr gut alleine sein?
Linus: Ja und nein, würde ich sagen. Kannst du gut alleine sein, Lena? Ich glaube, du kannst echt gut alleine sein.
Lena: Ja, komm drauf an… Also, manchmal habe ich keine guten Tage. Da bin ich nicht gerne allein, aber auch nicht gerne unter Menschen. Aber sonst bin ich schon gerne alleine, ja.
Linus: Da kann ich mich anschließen. Ich genieße meine me-time sehr. Aber ich liebe es auch mit Leuten zu sein. Und es gibt mir auch immer super viel. Also ich bin ein introvertierter, extrovertierter Mensch.
Lena: Das ist auch so, die Abwechslung ist gut. Wir sind super viel unterwegs gerade. Und wenn wir dann daheim sind, ist es mega geil. Ist man dann aber zwei Wochen am Stück alleine und hat nichts, ist es nicht mehr so geil.
Das ultimative Mittel gegen Einsamkeit
Anna: Habt ihr denn ein bestimmtes Mittel, was euch hilft gegen das Einsamkeitsgefühl?
Lena: Schlafen – also jetzt for real. Das hilft.
Linus: Ja, aber ich habe in dem Sinn auch zwei Mittel fast meinen Freundeskreis, weil diese Freunde wohnen direkt bei mir in der Nähe. In meiner Straße sogar. Liebe Grüße an Nico an dieser Stelle. Der klopft halt einfach mal an meinem Fenster und ist dann sogar ein paar Mal zufällig da gewesen, wenn es mir echt mies ging. Aus’m Fenster raus ruft er auch einfach mal: „Ey, lass nen Kaffee trinken, lets go.“ Und das hat mich dann oft einfach rausgebracht. Also meine Freunde sind da eine große Hilfe.
Anna: Das ist doch schön! Ich möchte jetzt auch weg von den traurigen Themen. Der letzte Song auf eurer EP „Irgendwie auch schön“ bringt ja totale Frühlingsgefühle hervor. Könnte das ein Vorbote auf die kommenden Songs sein?
Lena: Das ist eine interessante Frage. Von den Gefühlen, die es auslöst, würde ich sagen: Ja. Musikalisch machen wir gerade noch ein bisschen anderes Fass auf.
Linus: Also vom Sinn, dass es ein bisschen schneller wird und ein bisschen Uplifting ist und so eine Grundstimmung da ist. Da werden die nächsten Songs auf jeden Fall anknüpfen.
Lena: Ein paar davon bleiben auch traurig natürlich.
Linus: Aber musikalisch wird das Ganze ein bisschen größer alles und ein bisschen mehr und wir sind ganz gespannt, was die Leute so denken.
Lena: Ich bin schon etwas aufgeregt.
Anna: Im Herbst geht ihr ja dann auch auf Tour. Kommt bis dahin noch eine EP raus?
Linus: Das dürfen wir zum Glück schon sagen: Ja!
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Linus: Also ich find viele Udo Jürgens Songs einfach mega geil. Ich find es auch mega geil, dass er bei seiner Zugabe immer im Bademantel auf die Bühne gekommen ist. Also vielleicht Udo Jürgens. Aber das ist auch, weil meine Mama viel Udo Jürgens gehört hat.
Lena: Also ich hör halt einfach unglaublich gerne so richtige Pop-Musik, wo vielleicht viele Musiker*innen eher sehr skeptisch gebenüber sind. Aber ich find es ganz cool, einen Popsong zu schreiben.
Diese Newcomer*innen solltet ihr euch merken
Anna: Habt ihr passend dazu auch noch eine aktuelle „gute“ Musik Empfehlung parat?
Linus: Oh ja! Man kann es nicht oft genug sagen, weil er ein guter Freund von uns ist und ein ganz interessanter Newcomer. Zwei sogar, um genau zu sein: Otto Luft. Das ist der eben genannte Freund, der mich aus meinen schlechten Phasen herausbringt. Sein Track „Secco Mate“ ist gute Laune pur. Und der zweite ist Udo West. Er macht so NNDW-Musik und beide kommen aus Würzburg.
Lena: Er ist wirklich der größte Star auf der Welt und auch wie er sich auf der Bühne bewegt. Wir teilen uns auch den Schlagzeuger.
Linus: Er ist der beste Frontmann und das ist einfach Musik, die noch nicht so viele Leute kennen, aber die viele Leute kennen sollten.
Lena: Und noch ein Geheimtipp von mir: marita hat letztens ihren ersten Song rausgebracht, ist auch bei uns im Label und ich glaube, da kommt noch großes.
Anna: Die kenne ich alle noch nicht und werde sie mir auf meine Liste schreiben. Seid ihr bereit für eine Entweder-Oder-Fragerunde?
Linus: Auf jeden Fall!
Anna: Nike oder Adidas Sneaker?
Lena: Nike – auch wenn ich gerade Adidas trage.
Linus: Ich sage Adidas.
Anna: Mio Mate oder Club Mate?
Linus: Club Mate.
Lena: Mio!
Anna: Ja, das ist nicht einfach. Hamburg oder Paris?
Linus: Ich war noch nie in Paris.
Lena: Ich war auch noch nie in Paris, aber safe Paris!
Linus: Ja, fair (lacht).
Lena: No front, aber ja … (lacht)
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Linus: Call me by your name, einfach weil ich den öfter gesehen habe. Ich hab den schon zwölf Mal gesehen.
Lena: Hmm ja, stimmt … Gleichstand, wenn es geht.
Anna: Naa, das lasse ich gerade mal so durchgehen. Instagram oder TikTok?
Linus: Also zum Verblöden TikTok, weil es einfach unendlich weitergeht.
Lena: Aber ich hätte auch gesagt, deshalb Instagram. TikTok ist einfach so: Du machst es auf und es schreit dich an und dann schreit es dich auch drei Stunden lang an … also ja, Instagram.
Linus: Instagram ist halt auch cooler, um mit Freunden zu connecten und so. Aber wenn ich einfach nur dumm rumliegen will und Videos schauen, dann TikTok.
Anna: Akustik- oder E-Gitarre?
Linus: Puh, schwieriges Thema.
Lena: Für mich auch.
Linus: Akustikgitarre ist halt einfach. Klingt immer irgendwie ganz geil. Ist charmant, aber mit E-Gitarre kann man so viel mehr machen. Aber weil ich momentan mehr Akustikgitarre spiele, sage ich Akustikgitarre.
Lena: Ich nehm die E-Gitarre.
Auf einen Kaffee mit Jeremias
Anna: Die letzte Frage: Habt ihr noch eine untold story parat?
Linus: Ich glaube, eine Geschichte, die wir noch nie erzählt haben, ist unser erstes Treffen mit Jeremias. Das ist schon witzig eigentlich. Wir hatten das erste Treffen mit unserem Produzenten, wo eigentlich ja nur Lena eingeladen war und ich war so dabei. Dann habe ich einen Kaffee getrunken mit Tim und davor waren wir halt auch super aufgeregt. Und Tim produziert auch für Jeremias. Da dachten wir schon so: Vielleicht treffen wir irgendwann dann mal Jeremias.
Lena: Also wir waren so krasse Fans von Jeremias. Also sind wir natürlich irgendwie immer noch.
Linus: Aber an dem Tag haben wir noch drüber geredet, wie cool das wäre, mal Jeremias kennen zu lernen und so. Dann sitzen wir da so draußen. Es war September in Berlin und trinken Kaffee und dann fährt ein Auto vorbei und Tim winkt. Wir fragen so: Wer war denn das? Und Tim nur: Ach, das war Jeremias.
Lena: Und wir waren innerlich so richtig aufgeregt und äußerlich nur so: Ah cool (lacht).
Linus: Und dann stand der gute Jeremias Heimbach einfach bei uns am Tisch und meinte zu Tim: hey, ich wollte meinen Synthie abholen. Ich bin ein bisschen früh. Und dann haben wir zusammen Kaffee getrunken – am ersten Tag direkt. Ich sollte gar nicht dabei sein.
Lena: Und er hat sich eine Zigarette von meinem Tabak gedreht. Es war cool.
Linus: Das war so die erste Berührung mit der Musikindustrie. Und das war dann irgendwie schon ganz krass. Wir verstehen uns aber richtig gut. Ganz liebe Grüße.
Anna: Ja, also demnächst mal ein Feature?
Linus: Also das können wir jetzt natürlich nicht sagen, aber vielleicht. Jeremias hat uns gestern in sein Studio eingeladen.
Anna: Oha, ich bin gespannt! Das war es von meiner Seite aber auch schon. Wollt ihr noch was loswerden?
Linus: Leute, wir spielen im September unsere erste eigene Tour. Es wird ganz intim. Kleine Läden mit Band, nicht nur zu zweit. Und wir würden uns richtig freuen, falls ihr unsere Musik mögt, dass ihr vorbeikommt.
Anna: Ja, dann bedanke ich mich bei euch für das Interview und freu mich auf den Auftritt!
Linus: Danke dir, Anna. Wir sehen uns!
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Ehrliche Worte, ein leicht düsterer Sound und ein bisschen Geschrei – so klingt „Was soll jetzt noch kommen„. Wie aus dem Nichts kommt die erste Single von I Salute. Denn das letzte Mal, dass das Duo Musik veröffentlicht hat, war vor mehr als vier Jahren. Worum es in dem Song geht, erklärt Sänger Sören Geißenhöner.
Lange war es ruhig um das Duo I Salute. In der Zwischenzeit haben Sören Geißenhöner und Magnus Wichmann unter dem Pseudonym Es brennt Musik veröffentlicht. Vielleicht erinnert sich ja der ein oder andere noch an meine Review zur Single „Kaputt„. Was bei Es brennt als Anti-Pop daherkommt, ist bei ISalute deutlich experimenteller. Irgendwo zwischen Rap, Hip Hop und dem besagten Anti-Pop ist „Wassoll jetzt noch kommen“ einzuordnen.
„Egal welche Jahreszeit, bei dir hat es immer geregnet“
Wenn ein neuer Song aus der Feder von Sören rauskommt, dann können wir uns sich sicher sein: Hier wurde Wert auf jedes einzelne Wort gelegt. In einem Interview mit laut.de hat er mal gesagt: „Ich lege einfach unfassbar viel Wert auf Wörter. Jedes Füllwort ist mir genauso wichtig wie ein viersilbiger Reim.“ Und ich finde das hört man euch. In jeder gesungenen Zeile steckt eine geballte Ladung Emotionen. Der ISalute-Sänger weiß genau, was er da singt.
https://www.youtube.com/watch?v=IO0Z7tqEInk
Worum geht es in „Was soll jetzt noch kommen“?
Dazu schreibt Sören mir: „Die Lyrics sind nicht gerade versöhnlich. Ich erzähle die Geschichte eines Freundes und mache mir sein gebrochenes Herz zu eigen. Ich wüte eher als Rapper über einen manchmal erschreckend aufregenden Beat.“
Langsam und bedacht fängt der Song an, aber für mich ist es der Break, ab dem Sören mit voller Inbrunst seine Wut rausschreit. Es kommt unerwartet und passt perfekt in den Song. Es fühlt sich an als wären alle Gefühle in dieser Stelle gebündelt und haben nur darauf gewartet, herausgelassen zu werden.
Schmunzeln muss ich an der Stelle in Sören’s Mail, in der er sagt „Ich glaube ich habe diesmal recht einfühlsam geschrieben“. Da stimme ich zu. Zwar finde ich, dass die Einfühlsamkeit in den anderen Songs, die Sören so in die Welt rausgelassen hat, auch nicht fehlt, aber wenn „Was soll jetzt nochkommen“ eines schafft, dann ist es, mich über jedes Wort und seinen Zusammenhang nachdenken zu lassen. Hier ein kleiner Auszug aus meinem Gedanken Wirr-Warr rund um den Song:
„Wenn wir uns mit gleichen Waffen gegenüber stehen“
Das Idealbild des Eisbären, „der nie weinen muss“, bleibt mir besonders im Kopf. Es spiegelt den Schmerz wieder, der nicht gefühlt werden möchte und doch mit jedem Ton genauestens durchklingt. Wut und Traurigkeit vermischen sich und werden durch den „erschreckend aufregenden Beat“ befeuert. Sodass ich mir am Ende denke: Möchte ich überhaupt nie weinen? Und darauf „Nein“ antworte. Denn ist Weinen nicht auch irgendwie eine Art Freilassung des Schmerzes?
Mit den Worten „Ich denke du fühlst es“ und „die Tragik liegt mir halt“ hatte Sören seine Mail beendet und was soll ich sagen? Ich kann beidem mal wieder zustimmen. Und was denkt ihr?
Hier geht’s zu „Was soll jetzt noch kommen“ von I Salute:
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Es ist die Zeit der Neuen Neuen Deutschen Welle. Immer mehr Bands und Künstler*innen singen wieder auf Deutsch zu rohen, rauschenden Gitarren-Sounds. Ja, wir alle kennen die Songs von Edwin Rosen. Entweder man liebt sie oder man hasst sie. Aber da ist so viel mehr, so viel gute Musik.
Eine Band, die die Szene im vergangenen Jahr weiter in die Öffentlichkeit gedrängt hat, ist TEMMIS. Wir haben sie euch schon in den „artists to watch 2023“ vorgestellt. Die Newcomer-Band aus Tübingen, die mittlerweile Hamburg-based ist, ist der Beweis dafür, wie wahnsinnig cool deutsche Musik sein kann – vor allem, wenn sie fast mehr zufällig entstanden ist. Hier das Rezept: Post-Punk meets New-Wave meets tiefgehende-Ratlosigkeit-einer-Generation. Das und die richtige Prise “fuck it, wir versuchen das einfach mal” ergibt diese Wundertüte, die auf den Namen TEMMIS hört. Aber lest doch einfach selbst, was die Jungs zu ihrer Musik zu sagen haben!
TEMMIS im Interview
Anna: Hey Jungs! Schön, dass ihr euch alle vorm Bildschirm versammelt habt. Mögt ihr euch einmal kurz vorstellen?
Alex: Ich bin Alex und spiele Bass.
Emil: Ich bin Emil. Ich spiele Schlagzeug.
Tizi: Ich bin Tizi und spiele Gitarre.
Roman: Ich bin Roman und der Sänger. Und wir sind TEMMIS, yeah!
Anna:Mittlerweile seid ihr in der Szene der Neuen Neuen Deutschen Welle ja schon ein Name. Aber das erste Mal, dass ihr so „richtig öffentlich“ gegangen seid, war ja durch eure Teilnahme beim Hifi Klubben Bandcontest. Würdet ihr sagen, dass es TEMMIS als Band zu der Zeit nicht geben würde, wenn ihr dort nicht gewonnen hättet?
Tizi: Nicht unbedingt, glaube ich.
Emil: Ich denke, die Band an sich wird es genauso geben wie jetzt und die Songs wären auch rausgekommen, auf jeden Fall.
Tizi: Wir hätten nicht so schnell so fertige „Produkte“ veröffentlichen können, aber das hat jetzt nichts mit uns als Band zu tun. Wir waren eh von Anfang an eher eine Liveband und das ist mehr unsere Identität als Band. Die hat auch vor dem Contest schon stattgefunden. Der Contest hat uns das dann eher ermöglicht den Songs, die es live auch schon gab, diesen Studiorahmen zu geben und das veröffentlichen zu können.
Roman: Es war eher ein Shortcut. Also so ein halbes Jahr nach der Bandgründung haben wir direkt ein Studio Recording gehabt, was ziemlich gut war. Und es war einfach eher so Mittel zum Zweck. Wir sind denen auch mega dankbar. Wir hätten es aber auch ohne gemacht, glaube ich. Aber es war ein riesiges Sprungbrett.
Emil: Man konnte sehr schnell den Sound von den Songs so hinbekommen, wie wir uns den wirklich gewünscht haben. Hätten wir jetzt alleine alles versucht aufzunehmenhat, da hätte es länger gedauert, bis wir persönlich es geschafft hätten, diesen Sound hinzubekommen. Und das ist auch sehr viel, was wir dadurch gelernt haben.
stop making sense – das Loslassen von Kausalitäten
Anna: Ich habe seit neuestem eine Lieblingsfrage, die ich gerne zu Beginn eines Interviews stelle. Mal schauen, wie kreativ ihr seid. Wenn eure Musik ein Buch wäre, welchen Titel hätte dieses Buch?
Roman: Puh, das ist ja fast so, als ob wir jetzt einen Albumtitel machen müssten. Für ein Album, das nicht existiert.
Tizi: Für unser Lebenswerk.
Anna: Oder ein bestimmtes Kapitel.
Roman: Stop making sense – das ist der Titel.
Anna: So heißt auch deine Playlist, oder?
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Roman: Ja, das ist auch ein Livealbum von den Talking Heads. Die haben in den 80ern einen Konzertfilm gemacht, der war relativ wegweisend für alle kommenden Konzertfilme. Auch musikalisch ist der richtig interessant. Einfach super lustig, aber sperrig – muss ich zugeben – für Leute, die nicht so sehr in der Materie drin sind. Aber irgendwie hat uns dieser Satz schon sehr lange begleitet. Und ich mag die Musik. Ich finde den Satz an sich, also diese kurze, prägnante Aussage sehr geil. Und das ist jetzt kein Leitfaden für die Kunst, die wir machen, aber es ist irgendwie ein schöner Satz, der gut illustriert, wie man loslässt von so Kausalitäten. Viele Sachen ergeben, gefühlt, bei uns nicht so viel Sinn. Und ’stop making sense‘ ist irgendwie so ein süßer Satz. Den würde ich vielleicht als Buchtitel wählen.
Ein Auszug aus der TEMMIS-Bandhistorie
Anna: Finde ich gut. Das Buch würde ich in meinen Warenkorb legen. Erinnert ihr euch noch dran: Was war euer erster Song? Und wie und wo ist er entstanden?
Emil: Erster eigener Song oder der erste Song, den wir zusammen gespielt haben als Band?
Tizi: Oder der erste, den wir veröffentlicht haben?
Anna: Hmm, ne, der erste Song, den ihr als Band selbst geschrieben habt?
Emil: „Andere Stadt“ war der erste, den wir im Proberaum gespielt haben. Oder liege ich da falsch?
Tizi: Ja, das war der erste, den wir im Proberaum gespielt haben, aber ich denke gerade an sowas wie „Busfahrer“.
Roman: Also es gibt „Prä-TEMMIS“-Songs. Wir haben 2018 angefangen – da kannten wir Emil noch nicht. Da haben wir mit einem anderen Drummer gespielt und da haben wir halt ein paar Songs gespielt, die jetzt nicht mehr im Repertoire sind. So ein paar haben wir dann auch auf den ersten Konzerten noch gespielt. Die richtigen „die-hard-Fans“ kennen noch so Songs wie „Planet“ oder „Charlie“. Das sind so ältere Songs. Ich glaube von den Songs, die jetzt draußen sind, ist „Wenn du da bist“ der, der chronologisch als erstes entstanden ist. Wir haben uns gegründet und nach einer Woche wurden wir gefragt von unseren Freunden, von der Band Lummerland, ob wir Vorband sein wollen bei deren Konzert. Wir hatten zu dem Zeitpunkt noch keinen einzigen eigenen Song zusammengespielt. Und dann haben wir Ja gesagt und direkt gepanicked. In der Probe haben wir dann direkt „Andere Stadt“ gespielt. Es ist Auslegungssache, welcher Song jetzt wirklich der erste ist.
Anna: Wie hat sich das angefühlt, als ihr die dann das erste Mal live gespielt habt?
Tizi: Für mich ist der erste Gig krass an mir vorbei geflogen. Ich war super aufgeregt. Meine Hauptemotion war Erstaunen darüber, was für ein krasser Frontmann Roman ist und wo er das auf einmal hergeholt hat.
Alex: Ich habe auch nicht auf viele andere Sachen geguckt, als auf meine linke Hand und, dass ich mich nicht verspiele. Ich glaube, ich weiß nicht einmal mehr die Hälfte vom ersten Auftritt
Roman: Ich weiß noch so ein bisschen. Es war so das erste Mal, dass alle Leute einen so angucken und nichts sagen und dass wir dann halt da sind, einfach so beobachtet werden. Das war schon komisch erst. Ich war übel aufgeregt vor dem ersten Auftritt. Ich habe zwei Wochen vorher mich schon übergeben vor Aufregung. Aber ich glaube dann kam so der zweite und dritte Song beim ersten Konzert und die haben mir zum ersten Mal dieses Gefühl gegeben von „okay, geil, du kannst ja machen, was du willst und die Leute hören dir zu“. Denn die Leute sind ja da, um dir zuzugucken. Da hat sich für mich so eine ganz neue Welt eröffnet von Dingen, die noch möglich sind, die wir noch ausreizen können und so was. Man wird auch sehr schnell süchtig nach diesem Gefühl.
Anna: Man merkt auf jeden Fall auch, dass du dich auf der Bühne wohlfühlst. Das kann ich nur bestätigen.
Roman: Wo hast du uns schon gesehen?
Anna: Das erste Mal in Osnabrück beim Pop Salon Festival.
Roman: Ohje, krass. Das war der erste Gig, der so richtig draußen in Deutschland war. Vorher waren wir nur so in der Tübingen/Stuttgart-Region unterwegs. Dann haben wir den Gig gespielt und gleichzeitig hat Edwin gespielt. Das heißt, bei uns waren nur so die Leute, die nicht zu Edwin gegangen sind.
Tizi: (ganz entgeistert) Warte mal, du bist für uns nicht zu Edwin gegangen oder nicht mehr reingekommen?
Anna: Es war einen schwierige Entscheidung, aber ich habe mich für euch entschieden, weil ich Edwin Rosen in dem Jahr sowieso noch auf anderen Festivals und Konzerten gesehen habe und euch vorher noch nicht. Und außerdem ist der Club, wo ihr gespielt habt, viel cooler, weil es halt so ein alter Keller ist und das war so ein bisschen so Katakomben-Style und mehr so underground. Es war eine ganz wilde Crowd, auch irgendwie, oder? Also da waren so relativ viele ältere Leute, wo ich gar nicht wusste, wo die auf einmal herkommen.
Emil: Die sind auf jeden Fall gegangen, als wir „Untergang“ gespielt haben.
Roman: Wir haben einen Song, der heißt „Untergang“, da trommeln wir auf der Bühne rum und da geht so ein bisschen mehr in die Techno-Richtung. Da sind einfach ein paar Leute gegangen, das habe ich währenddessen gesehen.
Anna: Ich weiß noch, ich habe mich richtig erschrocken als du „Raucherpause“ angekündigt hast, weil der dann so direkt losgeht.
Roman: Achja, Raucherpause (lächelt). Den haben wir seitdem immer bei jedem Gig gespielt. Damals haben wir auch noch ich „Comedy“ gespielt. (alle lachen) Wir waren am Anfang noch viel mehr all over the place, was Genres angeht als jetzt. Und ich finde, jetzt sind wir schon sehr irgendwie in alle Richtungen gleichzeitig. Am Anfang war es noch viel extremer. Und ich glaube, bei dem Gig in Osnabrück, wo du warst, da hatten wir noch so ein paar Brecher dabei, die wir heute nicht mehr bringen würden.
„Ich würde nicht sagen, dass wir ein Retroact sind.“
Anna: Ich schaue mal zurück auf meine Fragen. Hatte die Pandemie einen Einfluss auf eure Musik? Ist sie dadurch vielleicht melancholischer geworden?
Roman: Ähm, ja (überlegt). Ja, schon. Wir waren ja schon vor der Pandemie quasi Proto-TEMMIS, also ohne Emil. Durch die Pandemie konnten wir erst mal nicht proben, eine Zeit lang. Und deswegen sind wir eher elektronisch gegangen, vom Sound her auch. Und es gab halt weniger Partys. Das heißt, man war einfach gezwungen, sich ein bisschen mehr so nach innen zu kehren. Ich glaube, das hat sich auch im Songwriting widergespiegelt. Und ich glaube, das ist auch der Grund dafür, dass viele der Songs, die im Moment rauskommen, sehr nostalgisch und melancholisch sind, weil man sich halt wieder im Internet verloren hat. In dieser schwierigen Zeit war so eine Rückbesinnung auf Zeiten, in denen man sich gut irgendwie verlieren kann, wenn man die aktuelle Zeit vergessen möchte. Deswegen sind viele Retroacts gekommen, während der Pandemie. Ich würde nicht sagen, dass wir ein Retroact sind. Aber ich würde sagen, dass diese Distanz, die uns oft attestiert wird, dass die auf jeden Fall so ein Pandemie-Ding ist. Das kommt aus einer Zeit, wo es früh dunkel wurde und man nicht mehr raus durfte und einfach drinnen seine Zeit verbringen musste. Es war halt alles ein bisschen scheiße. Und das spiegelt sich auch wieder, vor allem in den ersten Songs. Und ich weiß nicht, vielleicht kann man auch in unserer zukünftigen Diskografie so ein bisschen nachvollziehen, wie sich das Ganze aufhält. Das kann ich mir gut vorstellen, aber dazu noch keine verbindlichen Aussagen.
Tizi: Ich glaube, es kommt auch noch dazu, dass wir dann den Struggle hatten, irgendwie proben zu können. Wir hatten schon ein schlechtes Gewissen, uns zu dritt zur Probe zu treffen zu der Zeit. Auf jeden Fall waren wir dadurch gezwungen, ein bisschen herumzuexperimentieren.
Anna: Und wie ist so der Entstehungsprozess und die Aufgabenteilung von einem Song bei euch generell?
Roman: Also meistens ist es so, dass ich so ein Song-Skelett mache, irgendwie auf Gitarre oder die Lyrics. Manchmal mache ich dazu auch eine kleine Demo und dann gehen wir die im Proberaum zusammen durch. Da wird es halt zu dem Song, der er eigentlich ist. Es ist aber auch jedes Mal unterschiedlich, aber grob gesehen kann man das so als Schema verallgemeinern. Und dann gehen wir mit dieser Demo ins Studio und arbeiten meist mit einem Produzenten zusammen, um einfach nochmal ein bisschen unsere Skills zu optimieren, die Löcher zu stopfen, die wir haben, aber andererseits auch mal einfach so eine andere Charakteristik reinzubringen. Und da übernehmen wir viele Sachen von Demos, manche recorden wir neu. Nach diesen Schritten kommt dann der Song raus.
Anna: Das klingt wie so eine Anleitung: DIY – so könnt ihr den TEMMIS-Sound nachmachen.
Tizi: How to TEMMIS in 6 easy steps.
„Du machst eine Sache und die Leute denken, dass sie dich dann verstanden haben“
Anna: Kommen wir mal zu eurer letzten EP „Klinge“. Die ersten Male, als ich den Song gehört habe, habe ich gedacht, dass es so ein bisschen glattgebügelt klingt, aber je öfter ich das höre, desto weniger denke ich das auch. Aber ich glaube, ich hatte halt so sehr „Wenn du da bist“ in meinem Kopf und habe dann „Augenringe“ gehört – das ist ja schon ein großer Unterschied. Wie würdet ihr selbst sagen, unterscheidet sich die „neue“ EP zu eurer Debüt-EP?
Roman: Ich glaube, das Schwierige ist, du machst eine Sache und die Leute denken, dass sie dich dann verstanden haben. Aber wir haben halt eine EP gedropped. Wir haben drei Songs, also das ist eigentlich nichts. Bis vor 15 Jahren haben Leute erstmal ein Debütalbum rausgebracht und in drei Songs kannst du nicht komplett umreißen, was die Idee der Band ist. Und wir waren schon immer anders, also größer angelegt als einfach nur ein New Wave Revival Act. Ich glaube, dass die erste EP nicht nur dieses New Wave-Ding ist. Ich finde der Sound wurde einfach besser – beziehungsweise einfach ausgefeilter. Und „Augenringe“ ist halt eine Andeutung davon, dass wir nicht nur Postpunk und New Wave hören, sondern dass wir auch Alternative Pop gerne machen. Ich finde es aber eigentlich ganz gut, dass du das so ein bisschen den Unterschied festgestellt hast. Die Musik, die wir machen, soll sich eigentlich nicht vergleichen mit anderer Musik, die es gibt, auch wenn man natürlich immer Vergleiche ziehen kann. Ich glaube „Augenringe“ ist auf jeden Fall der Versuch, dass wir schauen, eine Seite von uns zeigen, die wir vorher noch nicht gezeigt haben, die in Zukunft auch öfter vorkommen könnte. Kann ich verstehen, dass es dir vielleicht erst etwas „glattgebügelt“ vorkommt, wenn man so ein Nischenfan ist. Aber ich glaube, unser Blick auf Musik ist halt nicht so nischenbezogen. Und „Verloren wie ich“ ist ja zum Beispiel auch einfach so Shoegaze/Indie. Der ist noch weiter weg von der ersten EP, als Augenringe beispielsweise. Aber an „Augenringe“ hängen sich manche Leute auf, weil er so nach Popmusik klingt, die noch nicht so alt ist. Klingt aber halt voll mit Absicht so und wir stehen dazu. Aber ich glaube die Leute müssen uns halt erst einmal kennenlernen. Wir haben uns jetzt noch nicht in unserer ganzen Bandbreite vorgestellt.
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Anna: Mit welchem Song auf der EP hattet ihr es am schwersten? Und mit welchem am einfachsten?
Emil: (lacht) Keine Frage jemals, die so einfach zu beantworten war. Der einfachste Song war „ICE 579“.
Alex: Ne, „Klinge“ war noch einfacher.
Tizi: „ICE 579“ war halt so einfach, weil es so viel Spaß gemacht hat. Alles, was wir angepasst haben, hat instant funktioniert.
Roman: „Klinge“ war aber auch schon zum großen Teil fertig, als wir ins Studio gegangen sind. Max Rieger hat schon echt noch was rausgeholt. Aber die Entscheidungen waren alle so naheliegend, dass man sich da so klar war. Am Ende haben wir schon am meisten gerungen mit „Verloren, wie ich“.
Alex: Es gab auch eine Zeit, in der wäre der Song nicht auf der EP gelandet. Dann haben wir ihn nochmal angerührt. Aber der ist sehr geil geworden im Nachhinein. Aber das war ein ganz starker Wackel-Kandidat.
Roman: Ja, der hatte einen ganz schlimmen Text und er hat komisch geklungen.
Anna: Also war bei dem quasi erst der Sound und der Text dann später?
Emil: Genau. Das war eine dumme Idee von uns. Das war nur so ein grober Text, so einfach nur damit man irgendwas hat und dann erstmal Musik machen. Dann waren wir im Studio und standen unter Druck: Jetzt müssen wir den Text aufnehmen. Da standen quasi immer noch so Platzhalter.
Roman: Der Sound war schon vorher da, aber dann habe ich halt nochmal ein paar Wochen gebraucht und einen Text geschrieben und der ist es jetzt im Nachhinein geworden. Damit sind wir auch sehr happy.
Alex: Aber dadurch haben wir natürlich an dem Song auch am meisten gelernt. Jetzt wissen wir, dass es bestimmte Sachen gibt, die müssen vorher klar sein. Und wir sind nicht die Menschen, die im Studio vielleicht noch den zündenden Geistesblitz bekommen.
Anna: Ihr seid also nicht Typ Mensch, der auf Druck besser arbeitet?
Alex: Eine bestimmte Art von Druck. Druck im Sinne von „Okay, du hast eine Woche Zeit“ und nicht „Du musst in drei Stunden Text haben“. Eine Woche ist ein guter Druck für uns. Nur ein drei Stunden ist gar nichts.
untold story
Anna: Kommen wir zur letzten Frage: Was ist eure untold story?
Emil: Jungs, habt euch dazu Gedanken gemacht? (schaut in die Runde)
Tizi: Ich habe mir Gedanken macht. Mir ist jetzt nichts Konkretes eingefallen, aber ich dachte, ich habe meinen Job damit getan, dass ich euch gesagt habe, ihr sollt euch was überlegen.
Roman: Ja… Was haltet ihr von Frontallappen?
Alex: Oder von dem Vorfall von zwei Wochen vor dem ersten Konzert? Das haben wir ja vorhin schonmal geteased. Also: Wir haben ja schon mal erzählt, dass wir unser erstes Konzert für unsere befreundete Band Lummerland gemacht haben. Zwei Wochen vorher hatten die schon mal ein Konzert, auch in Tübingen und wir waren da als Besucher. Nach dem Auftritt kam dann die letzte Ansprache von dem Sänger und er sagt so: „Wenn ihr uns nochmal sehen wollt, dann kommt zwei Wochen nochmal. Da spielen wir noch ein Konzert, dann mit TEMMIS als Vorband.“ Da haben wir alle erst so richtig realisiert, dass es ja noch zwei Wochen bis zu unserem ersten Auftritt haben. Tizi und ich haben uns da sehr gefreut, aber Roman wurde dabei relativ bleich und hat dann so drei Minuten nichts gesagt und dann hat er auf den Boden gekotzt. So direkt vor sich.
Anna: Inmitten der Konzert-Masse?
Alex: Am Rande auf der Treppe eher.
Emil: Also das war auch ein Punker-Schuppen – also alles in Ordnung.
Tizi: Viele waren zu dem Zeitpunkt aber auch schon raus. Die Band war noch da und die Leute, die da arbeiten und ein paar Gäste vielleicht noch.
Alex: Ja, aber es war nicht so schlimm. Direkt danach kam noch irgendein Punker dahin, der auf einmal Blut übergeben hat und dann war die ganze Aufmerksamkeit bei ihm … Ja, aber was man auch immer bei der Story erzählen muss: Beim ersten Auftritt hat Roman dann komplett abgeliefert. Da war gar nichts mehr mit Aufregung oder sowas.
Roman: Das war echt nur vor der Bühne so richtig krass. Sobald ich auf der Bühne stand, war alles ok. Das war so auf einen Schlag, als ich da oben stand. Ein kleiner Schritt für mich. Ein großer Schritt für TEMMIS.
Anna: Ich hoffe für dich trotzdem, dass du dich jetzt vor Auftritten nicht mehr übergeben musst.
Roman: Ich bin schon immer noch sehr aufgeregt, aber das ist eher in freudige Aufregung übergegangen. Aber die Boys sind so voll gechillt.
Tizi: Weil du so aufgeregt bist, aktiviert das in mir, dass ich jetzt ruhig sein muss.
Alex: Das ist auch ganz gut für mich, weil dann kann ich mich eigentlich nicht auf mich konzentrieren, sondern darauf, mich um dich zu kümmern.
Zu guter Letzt natürlich hier noch der Link zur EP „Klinge„. Ohren-kaputt-hören bis zum letzten bisschen ist Pflichtprogramm:
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Die Band Zimmer90 ist mittlerweile schon vom Geheimtipp zur Standardausstattung einer guten Indie-Playlist gewachsen. Vor allem in der deutschen Indie-Bubble sind Finn, Joscha und Michi aus Stuttgart für ihren Feelgood-Sound bekannt. Ob nachdenklich oder kitschig, eins haben die Songs von Zimmer90 gemeinsam: Zu ihnen lässt sich perfekt das Tanzbein schwingen!
Für Fans von den Parcels, Unknown Mortal Orchestra oder NEIL FRANCES
2021 brachte Zimmer90 ihre erste EP „Fall Back“ heraus, die sich musikalisch irgendwo zwischen Frühlingsgefühlen für die Ohren und verträumtem Nachdenken positioniert. Es folgten ein paar Singles und 2022 auch endlich Live-Shows und Festivalauftritte. Jetzt haben die drei Indie-Jungs für 2023 vorgelegt. Ihre neueste EP „Spaces“ zeigt, wie Zimmer90 sich weiterentwickelt hat – aber ihrer Linie treu geblieben sind. Wie das klingt? Das versuche ich jetzt in Worte zu fassen. Tretet ein in das Zimmer90!
„Alle sind ins Zimmer90 eingeladen – Das Zimmer90 ist ein imaginärer Raum. Es hat sich richtig angefühlt die Band nach dem Ort zu benennen, der entsteht, wenn wir Musik machen.”
Wie sieht es im Zimmer90 aus?
Durch die große Fensterfront scheint warmes Sonnenlicht in den Raum. Einzelne Strahlen brechen sich auf der Diskokugel. Unter ihr tanzen ein paar Menschen entspannt zum Takt der Musik. In einer etwas dunkleren Ecke stehen Finn, Joscha und Michi an Synthesizer, Bass und Schlagzeug. Es liegt leichter Nebel in der Luft. Alle haben eine gute Zeit. So stelle ich mir mein Zimmer90 vor. Wie sieht euers aus?
Zugegebenermaßen ist meine Vorstellung inspiriert durch das Atelier von Josch’s Großtante, das den Instagram-Account der Band schmückt. Das hat er im Interview mit Dascha verraten. In so einem Studio wundert es mich nicht, dass man vor Kreativität nur so sprudelt.
Da wir das Setting jetzt geklärt haben, kommen wir zum Wichtigsten: Wie klingt Zimmer90? Wie klingt „Spaces„?
Vom Flur ins Wohnzimmer90
„Therefore“ war die erste Single der EP, die 2022 released wurde – und das bestimmt nicht ohne Grund. Der Song stellt einen perfekten Übergang zum Sound auf der ersten EP von Zimmer90 da. Ich höre Parallelen zu „Fall Back„. „Therefore“ kommt zuerst etwas verschlafen daher, wie ein Tagtraum, der sich nach und nach in Luft auflöst. Sich stets wiederholende Zeilen wie „run away, run away„, gefolgt von „therefore I go“ lösen ein Gefühl der Rastlosigkeit aus. Ich wache aus meinem Tagtraum auf und mache mich auf den Weg. Wohin? Keine Ahnung, ich weiß nur, dass ich los will. Vielleicht ins Zimmer90?
Dort angekommen, empfängt mich „Millions„. Der Song gibt mir das Gefühl, zuhause zu sein. Unbeschwert, aber mit starkem Beat, baut sich langsam Spannung auf. „Millions ist ein optimistischer Song, der auf unbeschwerte Weise über das schwere Thema dysfunktionaler Beziehungen erzählt“, erklären die Jungs. Klingt negativer als der Song, aber beschreibt die Stimmung ganz gut. Während ich ganz gedankenfrei den Song höre, fühle ich mich irgendwie schwerelos, schwebe mit dem Sound. Achte ich aber auf den Text, höre ich die mitschwingende Melancholie. Sie gibt dem Song einen leicht traurigen Beigeschmack.
Vom Wohnzimmer90 auf den Dancefloor
„All night“ ist eine Hymne auf das Nachtleben. Tanzen, Viben, Loslassen. Ich liebe vor allem das funky Piano-Solo – wer vorher noch verschlafen mitgewippt hat, verfällt spätestens jetzt in Ekstase. Und das habe ich mir nicht ausgedacht, das ist wirklich passiert – auf dem KiezKultur Festival in Hannover. Da stand spätestens bei „All Night“ keiner mehr still. Wer sich vorstellen möchte, wie sich das auf der Tour im Frühjahr anhören könnte, dem kann ich diese Livesession wärmstens empfehlen:
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Kommen wir zum letzten Song auf „Spaces„: Die Fokussingle „If You Were Here„. Sie behandelt laut Zimmer90 tiefe Gefühle. Melancholie und Sehnsucht stehen stehen im Vordergrund. Bei diesem Song fällt mir das Konzept der EP quasi wie Schuppen von den Augen. „Spaces“ zeigt verschiedene Sphären, Räume, durch die Zimmer90 musikalisch führt. Alles ist frei zur Selbstinterpretation. Jeder gestaltet sich seinen oder ihren Raum wie er oder sie möchte. Für mich fühlt es sich an, wie in einem Sci-Fi Zukunftsthriller, wo alles immer sehr surreal wirkt, ich aber tief in mir weiß, dass es gar nicht so surreal ist.
„Diese EP hat uns einen Schritt näher an das gebracht, was wir als Band erreichen wollen. Wir wollen unvoreingenommene und wertfreie Räume mit unserer Musik schaffen. Alle sind ins Zimmer90 eingeladen, um sich frei zu fühlen und sich mit dem was im Moment da ist zu verbinden“, fassen Finn, Joscha und Michi zusammen.
Im Vergleich zur Debüt-EP „Fall Back“, die noch deutlich langsamer und ruhiger klang, hat sich der Zimmer90-Sound auf jeden Fall weiterentwickelt. „Spaces“ klingt nach mehr Electro. „Spaces“ schreit nach Tanzen. „Spaces“ teleportiert in andere Welten. Es erinnert mich total an die Parcels.
Falls ihr es nicht schon längst getan habt, dann könnt ihr jetzt hier fleißig „Spaces“ von Zimmer90 streamen:
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In einer Welt, in der wir abgestumpft durch den Alltag trotten, vieles grau ist und uns wenig Positives überrascht … Ok, zugegeben, es ist Januar. Es ist kalt draußen und es regnet. Aber aus meiner Musikbox dröhnt „Die Sonne scheint nur für mich“ und ich teleportiere mich in eine andere Welt.
Der Song kommt von der Band STRAHLEMANN. Es ist die erste Single, die die Newcomer-Band im April 2022 veröffentlicht hat. Damals waren die vier Jungs ein unbeschriebenes Blatt Papier, das keiner so richtig auf dem Schirm hatte. Seither hat sich vieles getan. Die Debüt-EP unter dem gleichen Namen wie die Single „Die Sonne scheint nur für mich“ hat am 13. Januar das Licht der Welt erblickt. Ein perfekter Anlass, die Band hinter dem catchy Indie-Rock-Sound mit einprägsamen Punch-Lines einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.
Wer ist STRAHLEMANN?
Laut DUDEN bezeichnet der Begriff Strah|le|mann jemanden, „der gewohnheitsmäßig ein [übertrieben] strahlendes Lächeln zeigt [um sympathisch auf sein Publikum zu wirken]“. Laut STRAHLEMANN bezeichnet der Begriff Strah|le|mann:
jemanden, der*die immer gut drauf ist und allen ein Lächeln ins Gesicht zaubert.
jemanden, der*die immer so tut, als sei er*sie gut drauf und allen außer sich selbst ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann.
jemanden kurz nach dem Kiffen.
So stellt Tino, Sänger der Band, STRAHLEMANN vor. Doch hinter diesem Namen steckt neben einer Menge Verkopftheit ganz viel Gefühl und Liebe zum Detail. Im Interview mit drei der vier Bandmitglieder von STRAHLEMANN erzählen die Jungs, wie es zur Bandgründung kam, warum sie stundenlang über jeden einzelnen Ton und jede Zeile diskutieren und welche Höhen und Tiefen das Leben als Newcomer-Band noch so mit sich bringt.
STRAHLEMANN im Interview
Anna: Hi Jungs, schön, dass ihr euch die Zeit genommen habt. Mögt ihr euch zu Beginn einmal vorstellen?
Tino: Also ich bin Tino. Ich bin Sänger von der Band Strahlemann und ich freue mich, heute an diesem wunderbaren Interview teilnehmen zu dürfen.
Julius: Ich bin Julius. Ich spiele Gitarre bei Strahlemann. Ich bin einer von zwei Julius – der andere ist heute leider nicht da.
Marvin: Ich bin Marvin und ich spiele Schlagzeug bei Strahlemann.
Zwischen Bahnromantik und Friedrich-Merz-Wahlkreis
Anna: Ihr kommt ja alle irgendwie aus unterschiedlichen Städten. Wie ist denn eure Band entstanden? Wie habt ihr zusammengefunden?
Tino: Also die Bandgeschichte verliert sich in grauer Vorzeit – im September 2019. Da habe ich Julius, also der, der heute nicht da ist, und Marvin kennengelernt, im Artist Pool Band Camp. Ich habe da eines Abends mal Demos vorgeführt und dann fanden die das irgendwie cool und wir haben gesagt, dass wir Kontakt halten. Ziemlich genau ein Jahr später habe ich mich mit Julius in Münster getroffen. Da hat er Musik studiert, gemeinsam mit Jules, und so kam dann auch die Verbindung zustande. Dann haben wir uns da eine Woche getroffen, so ein paar Songideen, die ich da jahrelang mit mir rumgeschleppt habe, mal gemeinsam aufgenommen und auch ein oder zwei Songs gemeinsam geschrieben und es hat sofort gefunkt. Und dann haben wir uns wieder ein Jahr später im August offiziell in Elkeringhausen gegründet.
Julius: Ich verbinde das immer nur mit dem Friedrich-Merz-Wahlkreis.
Tino
Anna: Wie macht ihr das denn mit den Proben? Das ist ja wahrscheinlich auch ein bisschen schwieriger.
Tino: Ja, genau. Also letztes Jahr haben wir uns für Auftritte mindestens jede zweite Woche getroffen. Also wir sehen uns regelmäßig und machen dann so kompakte Proben- Wochenenden. Das funktioniert immer ganz gut.
Marvin: Wir mieten uns dann immer irgendwo ein – brauchen eigentlich nur ein Schlagzeug und Mischpult. Und kann man da irgendwo proben zwischen Tübingen und Münster. Irgendwo dazwischen treffen wir uns dann meistens in dem Proberaum von anderen Bands und dann geht es ganz gut.
Julius: Im Idealfall spielen wir auch mehr oder weniger regelmäßig Konzerte, was halt im Sommer 2022 zum Glück so war. Da machen wir dann vorher irgendwie mal so ein, zwei Proben-Wochenenden, gucken uns alle die Songs an und so, schreiben vielleicht ein bisschen daran und dann steht das aber erstmal. Es ist auch toll, dass das so funktioniert, also dass jeder für sich dann noch arbeitet von zu Hause. Also jeder guckt sich seine Parts an und überlegt sich auch ein bisschen was für die Performance. Also jeder macht quasi seine Hausaufgaben. (lacht)
„Tino schreibt recht geile Songs, die immer so einen Ticken zu verkopft sind. Wir passen die dann so an, dass sie alle Menschen verstehen können“
Anna:Wie ist die Aufteilung bei euch? Eher so klassisch, dass der Sänger die Texte schreibt und dann die anderen die musikalischen Part beisteuern?
Tino: Ja, das ist schon sehr klassisch bei uns. Ich schreibe die Texte und meistens auch die Musik dazu. Bisher ist es zumindest so. Dann bringe ich das mit in die Probe und wir hören gemeinsam. Dann wird noch verfeinert. Hin und wieder kommt da noch was dazu oder es wird weggeworfen. Aber eigentlich hat man immer schon einen sehr guten Blick auf das Grundgerüst.
Julius: Wir sagen immer: Tino schreibt recht geile Songs, die immer so einen Ticken zu verkopft sind. Unsere Aufgabe ist es dann, die an die Popstruktur anzupassen, sodass das alle Menschen verstehen können.
Anna: Okay, dann gehe ich auch mal davon aus, dass Tino den Pressetext geschrieben hat.
Tino: (lacht) Ja, da habe ich mich ein bisschen verausgabt.
Anna: Aber ich find den echt gut!
Tino: Danke!
Anna: Wer von euch ist der Strahlemann der Band?
Julius: Das sind wir alle.
Tino: Jeder auf seine Weise.
Julius: Vor allem wenn wir uns sehen, dann sind wir alle nur am Strahlen.
Das Problem mit dem Gefühle zeigen im Indie
Anna: In eurer Spotify Bio stand sehr lange einfach nur: Indie Rock. Gefühle zeigen. Da frage ich mich: Fehlen euch im deutschen Indie Rock manchmal die Gefühle in den Songs?
Julius: Boah, da machst du jetzt aber ein Fass auf! Also wir sind alle sehr beeinflusst und sehr angetan von ganz vielen tollen deutschen Indie Bands. Mir persönlich ist bei der ein oder anderen Band ein bisschen zu kalkulierbar. Vielleicht ist es auch so ein Trend, der dann mit gemacht wird – das weiß ich nicht. Ich will gar nicht gegen jemanden schießen, aber manchmal ist es mir auch ein bisschen zu oberflächlich. Aber das wollten wir damit auch gar nicht sagen, sondern einfach, dass es uns natürlich irgendwie um die Gefühle in den Songs geht.
Tino: Über Gefühle singen und Gefühle zeigen ist wichtig und dafür wollen wir stehen und zeigen, dass es auch ein schöner Trend ist. Dass es wichtig ist, dass Männer Gefühle zeigen, weil es ja offensichtlich nicht normal zu sein scheint. Da sind wir natürlich auch von Bilderbuch beeinflusst.
Anna: Das ist aber auch einfach eine verdammt gute Band! Bei wem würdet ihr auf einer Tour gerne mal Support spielen – abseits von Bilderbuch?
Tino: Wir kommen ja auch aus dem aus dem Post Hardcore. Wenn es Heißkalt noch geben würde, wäre das natürlich auch der Hammer. Oder so Bands wie Kind Kaputt, Blackout Problems. Aber wir bewegen uns gerade genremäßig eher in Richtung Bilderbuch, also Indie Rock. Verträumt sozusagen. Weniger Geballer. Obwohl Van Holzen auch noch eine gute Adresse wäre.
„Wir kommen alle aus dem Post Hardcore und sind softer geworden“
Julius
Anna: Gab es eigentlich im Prozess von der EP mal die Diskussion, ob ihr ein bisschen mehr in die rockigere Richtung geht oder ein bisschen mehr verträumt?
Julius: Ich glaube, das ist so ein Zeitding. Also es gibt Aufnahmen von 2020, als ich bei Julius und Tino war und wo wir dann den Song geschrieben haben. Und wir haben so ein bisschen verkopften C-Teil mit so einem Schlagzeugpart. Da mussten wir Marv dann knechten, dass er den spielt. Und das ist, glaube ich, etwas, das würden wir heute nicht mehr machen. Aber jetzt hat es sich ganz natürlicher Weise bei uns in eine andere Richtung entwickelt. Alles so ein bisschen vibender einfach und nicht so das ganz große Tamtam. Irgendwie habe ich das Gefühl, das ist eine Entwicklung, die mehr oder weniger bei allen so parallel stattgefunden hat, weil wir natürlich auch älter geworden sind.
Marvin: Ja, ich glaube, wir sind einfach alle auch etwas offener gegenüber konventioneller Musik geworden über die Jahre. Wir kommen alle aus dem Post Hardcore Bereich und sind softer geworden. Als wir uns im Sauerland getroffen haben mit den Demos damals dachte ich, dass es sehr indiemäßig wird. Als wir dann zusammen dran geschrieben haben, ist es doch ein bisschen rockiger, eckiger geworden, als ich es mir am Anfang vorgestellt hatte. Einfach weil wir alle so ein bisschen aus dieser Hardcore Sozialisierung kamen.
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Anna: Okay, kommen wir zu eurer EP. Über dem Pressetext steht drüber: „eine relativ idealistische Anleitung zur Realitätsbewältigung in sechs Songs“. Was beinhaltet diese Anleitung?
Tino: Ja, wenn man so will, ist das Song für Songs eine Richtung von einem Zustand der starken Unzufriedenheit und des „sich allein Fühlens“ hin zum „sich aufgehoben fühlen in der Musik“ oder mit sich selber ins Reine zu kommen. Also „Gib mir einen Grund“ ist der Anfang. Das ist aus einer starken Frustration heraus entstanden. Text wie Musik. Bei „die Sonne scheint nur für mich“ ist es etwas schwieriger. Auch wenn der Song sehr positive Gefühle weckt bei verschiedenen Leuten ist es ja doch ein Song, der sehr schwer ist. Es geht darum: Hat es überhaupt einen Sinn, was wir hier tun? Und „magst du mich nicht mehr“ hat dann was mit damit zu tun, das man sich im sozialen Umfeld zurechtfinden muss – auch im digitalen sozialen Umfeld. „Wiedersehen“ hat diese Abschiedsstimmung, die man im Alter immer wieder um die Ohren gehauen bekommt. Und „Lichtgewand“ ist der Schlusspunkt, in dem dann das Strahlemännchen – das Ich – das am einfach so klein und unbedeutend war, einen Platz in der Welt gefunden hat. Das ist quasi die Idee der Anordnung der Songs.
Anna: Wenn eure EP ein Rezept wäre, welche Zutaten würden reinkommen?
Julius: Ein bisschen Romantik. Eine Prise Indie mit einer Grundlage aus Alternative und Post Hardcore und oben ein tanzbares Topping. Indie ist nicht die Prise. Indie ist der Teig, die Basis.
Marvin: Schokolade, viel Schokolade.
Anna: Die Schokolade steht dann für die Romantik da drin?
Marvin: Ja, genau. Oben ist so eine Kirsche drauf. Das sind die Fans, die Strahlemann Fans.
Anna: Gab es einen Song auf der EP, der es euch besonders schwer gemacht hat im Entstehungsprozess? Oder wo ihr euch vielleicht am wenigsten einig wart?
Marvin: Wir haben über einzelne Parts öfter mal länger gestritten, aber so einen spezifischen Song gab’s glaube ich nicht. Zumindest nicht von denen, die jetzt auf der EP gelandet sind. Und denen, die jetzt danach anstehen, haben wir schon ein paar komplett verworfen und dann wieder anders angefangen. Aber ich glaube, auf der EP waren es eher so einzelne Parts, wo wir dann irgendwie stundenlang drüber diskutiert haben.
Tino: Naja, also die Ideen sind ja schon ein, zwei Jahre alt und konnten dementsprechend auch gut reifen. Es war eher Feintuning, was wir da gemacht haben. Stundenlanges Feintuning … (lacht).
Julius: Wir sind auf jeden Fall eine basisdemokratische Band. Also Marvin spielt Schlagzeug, aber es bleibt kein Schlagzeug-Schlag aus, der nicht bis ins letzte Detail ausdiskutiert wird und bei den anderen Instrumenten genauso.
Anna: Kommt in diesem Jahr noch eine Tour von euch?
Julius:(atmet tief ein) Hoffentlich! Das ist die Antwort. Aber eigentlich ja. Es wird auf jeden Fall in der ein oder anderen Form eine Tour kommen. Wir hoffen für so Frühjahr, April oder so. Vielleicht wird es auch darauf hinauslaufen, dass wir es erst nach dem Festivalsommer machen. Aber wir spielen auf jeden Fall ein paar Festivals.
Anna: Welche Städte müssen auf der Tour dann dabei sein?
Julius: Also eigentlich immer so unsere Basis: Stuttgart, Tübingen, Wuppertal, Münster muss dabei sein. Köln würde ich auch voll gerne spielen. Hamburg ist immer geil. In Berlin und München habe ich jetzt bisher nicht so die besten Erfahrungen gemacht, muss ich sagen. Aber irgendwie wäre das auch cool.
Julius
Anna: Ihr habt ja vorhin schon andeuten lassen, dass es auf jeden Fall noch mehr als die EP-Songs gibt. Kommen die bald auch raus und was passiert bei Strahlemann 2023 noch so?
Julius: Wir wollen auf jeden Fall ein Album machen, aber das wird wahrscheinlich erst 2024 kommen. Aber ich glaube, dass der Plan ist, dass wir 2023 auch viel daran arbeiten werden, oder Marv?
Marvin: Ja, auf jeden Fall. Wir haben gesagt, dass wir uns viel Zeit nehmen wollen, um an einem Debütalbum zu feilen. Es gab viele Überlegungen, ob es noch Sinn ergibt, ein Album zu machen in diesem Jahr oder ob wir noch ne EP hinterher schieben. Aber da einfach so viel Songmaterial da ist und wir auch Bock haben auf ein Konzept, werden wir uns viel Zeit nehmen, um an neuen Songs zu arbeiten. Und das Ziel ist dann ein Album.
Everybody’s darling: „Die Sonne scheint nur für mich“
Anna: Habt ihr einen Lieblingssong auf der EP?
Tino: Ja, also unser aller Lieblingssong ist, glaube ich, die Nummer 2 „Die Sonne scheint nur für mich“, weil der am leichtesten von der Hand ging und auch am meisten Spaß macht live zu spielen. Und da sind auch immer die meisten Leute am Start. Wir haben den Song ja als erste Single der EP im April rausgebracht. Dann haben wir im Juni, Juli, August angefangen, Konzerte zu spielen. Und dann beim ersten Konzert haben die Leute den Song direkt mitgegrölt. Das war ein tolles Gefühl und deswegen bleibt mir der Song stark in Erinnerung.
Anna: Wo wir gerade schon bei Erinnerungen sind: Habt ihr eine untold story parat? Irgendetwas ungeahntes, das noch keiner über euch weiß?
Marvin:(alle überlegen sehr lange) Puh, das ist gar nicht so einfach. Es hat auf jeden Fall keiner von uns ein Arschgeweih! (alle lachen)
Bahnhofbegegnungen eurer liebsten neuen Öffi-Band
Anna: (lacht) Schade, das wären jetzt natürlich die Breaking News gewesen. Gibt es eine Geschichte von den Konzerten im Sommer?
Marvin: Ja, stimmt, wir waren super viel auf Reisen – vor allem in ICEs. Wir waren mal auf dem Weg nach Stuttgart und Julius, der Bassist, und ich haben verzweifelt unser Equipment gesucht, weil wir das in so einer Gepäckablage abgestellt hatten. Und als wir dann kurz vor Stuttgart waren, haben wir unsere Sachen nicht wiedergefunden und dachten, die sind einfach geklaut worden oder so. Weil wir uns auch ein paar Mal umsetzen mussten, weil keine Sitzplatzreservierung. Und dann haben wir irgendwann, als wir schon richtig panisch waren, bemerkt, dass wir einfach in die falsche Richtung gelaufen sind, weil der Zug zwischenzeitlich im Kopfbahnhof gewechselt hat, es muss dann doch nicht Stuttgart gewesen sein. Ich weiß nicht mehr, wo es war. Auf jeden Fall waren wir dann sehr erleichtert, als wir zurückgegangen sind in eine andere Richtung und da waren dann unsere Sachen. Wir haben schon alle Szenarien durchgespielt im Kopf bis hin zu „das Konzert muss abgesagt werden“.
Julius: Ihr Idioten! Ich dachte du erzählst jetzt, wie wir im Stuttgarter Hauptbahnhof Drangsal getroffen haben. wir sind ja sowieso auch eine Öffi-Band, also fahren immer mit Öffis überall hin, vollbepackt mit unseren Sachen. Und einmal haben wir Stuttgarter Hauptbahnhof Drangsal gesehen, der da auch einfach saß und der hat uns auch ganz interessiert angeguckt und sich wahrscheinlich so gedacht: „Oh, junge Leute, die Rockmusik machen“.
Tino: Das erzählt er bestimmt irgendwann in seiner Biografie später.
Julius: Genau, das erzählt er dann, wenn du ihm die Frage stellt: Ich hab mal Strahlemann im Stuttgarter Hauptbahnhof getroffen.
Marvin: Wir haben ihn doch dann in Berlin nochmal getroffen. Da hat er auch gesagt, er hat sich dran erinnert.
Anna: Da habt ihr euch wohl in sein Gedächtnis eingeprägt! Danke auf jeden Fall für’s Teilen dieser Geschichten der Öffi-Band Strahlemann und danke für’s Interview!
Tino: Thank you for the interview!
Anna: Wollt ihr noch was loswerden am Ende?
Julius: An dieser Stelle würde Tino bestimmt sagen: Ich grüße meine Tante aus Wuppertal. Was irgendwie witzig ist, weil ich gerade auch in Wuppertal bin. Aber nein, wir freuen uns auf jeden Fall totalenn, wenn Leute in unsere EP reinhören und wir glauben, die ist ganz gut geworden. Und wenn man sich den Minderwertigkeitskomplex anguckt, der sich durch die EP zieht, muss das auf jeden Fall was heißen, wenn wir das sagen. (alle lachen)
Genug geschnackt, jetzt hört euch endlich die EP „Die Sonne scheint nur für mich“ von STRAHLEMANN an, bis euch die Sonnenstrahlen aus den Ohren scheinen:
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Mit „So naiv sind wir nicht“ trat Es brennt im Mai 2022 auf die Bildfläche des deutschen Indie-Rocks. Der starke Text mit Lines wie „Wir sind eingesperrt, aber fangen lassen wir uns nicht“ oder „im Zweifel eine Mauer, aber Krieg führen wir nicht“ hat mich der Song direkt in seinen Bann gezogen. Von Es brennt gab es damals noch keine Infos. Es brennt war lediglich ein Spotify Profil für mich. Auf dem Bild ist Sänger Sören zu sehen. Das war alles.
Gut sieben Monate später haben Sören Geißenhöner und Magnus Wichmann – die Gesichter hinter Esbrennt – eine EP und vier neue Songs rausgebracht. Dazu Musikvideos und eine Menge meinungsstarker Texte. Beim Picky Magazine beschreibt das Duo ihre Musik als Anti-Pop. Finde ich passend, denn textlich geht es bei Es brennt irgendwie immer wieder um eine Art Anti-Haltung. So auch auf dem neuesten Song „Kaputt„, den ich euch jetzt vorstellen möchte.
„Meine Moral ist taub für jede Predigt“
Sich selbst anzweifeln, die Gesellschaft anzweifeln, Prinzipien anzweifeln. Warum leben wir so wie wir leben? Das sind keine Sätze und Fragen aus einer trotzigen Teenie-Zeit oder der Ausdruck einer Midlife Crisis, sondern ernstzunehmende Zweifel. Wenn wir mal ehrlich sind, dann haben wir uns das doch alle schon einmal gedacht. „Kaputt“ spricht ehrlich und unverschönt aus, was mein verkorkstes Gehirn in einer „ich überdenke jetzt mal wieder alles“-Phase hervorbringt.
Sören sagt selbst über den Song: „Er beschreibt die Überheblichkeit des Menschen. Seine Unangepasstheit, im negativsten Sinne. Die Ausmaße seines unreflektierten Handelns und so weiter.“
„Ich handle oft unüberlegen, doch fühle mich so überlegen“
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Das Musikvideo spitzt das Gefühl, das „Kaputt“ überbringt noch einmal zu. Während ich dabei zuschaue, wie Sören in zwei Charakteren über den Berliner Weihnachtsmarkt geht, schäme ich mich schon fast selbst. Konsumgier und verschwenderische Lebensweise stehen verwirrender, innerer Leere und Unverständnis gegenüber. Zustände, mit denen man konfrontiert wird, wenn man sich die obengenannten Fragen stellt.
„Ich habe also gedacht, das können wir gut auf einem Rummel darstellen in dem ich einen völlig Wahnsinnigen spiele. Voller Gier und Hast. Auf der Jagd nach dem nächsten Konsum. Immer zu viel, zu schnell, zu sehr… Im Kontrast dazu spiele ich noch einen zweiten Charakter, der abgestumpft vom Trubel und Konsum, gar nichts mehr fühlt. Er wandelt seelenlos über den Markt und ist zwar dort, aber nimmt nicht dran teil“, erklärt Sören die Idee hinter dem Musikvideo.
Die Menschen sind kaputt?
Ja, kaputt fühle ich mich oft – und damit meine ich nicht den körperlichen Zustand. So gut wie jede Line in „Kaputt“ regt zum Nachdenken an. Wie verhalte ich mich überhaupt? Wie möchte ich mich verhalten? Wie sehe ich die Welt um mich herum? Wie sieht die Welt um mich herum mich? … Die Liste an Fragen könnte noch unendlich weitergeführt werden. Doch bevor ich mich um Kopf und Kragen rede/schreibe, hört doch einfach selbst rein in die Texte von Es brennt.
Hier könnt ihr „Kaputt“ von Es brennt hören, in eure Playlists packen und mit Freund*innen teilen:
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65.481 – so viele Minuten habe ich in diesem Jahr auf Spotify Musik gehört. Das sind 45 Tage oder besser gesagt 1 1/2 Monate. Wenn der Streamingdienst nicht schon am 31. Oktober aufhören würde die Daten zu sammeln oder auf wundersame Weise noch die Minuten meines CD-Players on top rechnen könnte, wären es wahrscheinlich noch ein paar mehr. Aber eigentlich tut das auch nichts zur Sache und wundert mich wenig, denn das mit auch in 2022 wieder eine Menge Musik begleitet hat, wusste ich eigentlich auch ohne die Spotify-Statistik.
Gute Vorsätze für das Jahr wurden eingehalten
Was steckte also drin in dieser vollgepackten Wundertüte, die sich meinen Musik-Konsum tauft? Klären wir die wichtigsten Fakten gleich einmal zu Beginn.
Song des Jahres:Sharks – BROCKHOFF meistgehörte Künstlerin:BROCKHOFF EP des Jahres: Sharks –BROCKHOFF
Ok, zugegeben, ich liebe die Musik von BROCKHOFF sehr. Ermahnenderweise hat mir Spotify mir in meinem Jahresrückblick dargelegt, dass ich „Sharks“ ganze 171 Mal gehört habe. Das sind ca. 500 Minuten, beziehungsweise 8 1/2 Stunden – was im Vergleich zum Rest gar nicht so viel wirkt.
Ja, ich kann den Song im Schlaf mitsingen und ich bin schäme mich dafür nicht. Nein, ich bin sogar stolz drauf. Denn im vergangenen Jahr habe ich mir in meinem Jahresrückblick eine selbsternannte Frauenquote verschrieben. Siehe da: In diesem Jahr ist eine Frau an der Spitze meines Jahresrückblicks. Da kann man schonmal stolz drauf sein.
In „Sharks“ geht es um eine Hausparty, auf der die Sängerin Lina sich einfach nicht verstanden fühlte, wie sie mir im Sommer im Interview erzählt hat. Lines wie „the peer pressure is bringing me down“ oder „they’re playing shark games while they laughed at me for the sad song“ lassen mitfühlen und versetzen direkt in die Situation, die BROCKHOFF beschreibend besingt.
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Weitere tolle Frauen, deren Musik mich durch’s Jahr gebracht hat: Blush Always, Matilda Mann, Nina Chuba, Snail Mail, Soccer Mommy, Power Plush, Gwen Dolyn, THALA, NewDad, Mia Berg, SERPENTIN, Holly Humberstone, nothhingspecial und Yowlandi
Anscheinend sind die Songs von Brocki genau das, was mein verlorenes Indie-Rock-Herz in diesem Jahr brauchte, um zu kompensieren, dass es nichts Neues von The Neighbourhood gab. Denn meine eigentliche große Liebe hat in diesem Jahr zum ersten Mal keinen Platz im Jahresrückblick gefunden. Abgelöst wurde die amerikanische Band stattdessen auf der Position meiner „comfort music“ von Edwin Rosen. Seine Musik ist für mich: Ganz viel fühlen, lauthals mitschreien und dabei nervös auf und ab hüpfen – egal ob aufm Konzert oder mit Kopfhörern im Ohr beim Wäsche aufhängen.
Von der Neuen Neuen Deutschen Welle an Land gespült
Edwin Rosen hat für mich die Tür in die Welt der Neuen Neuen Deutschen Welle geöffnet. Ein Genre, in dass ich mich 2022 Hals über Kopf verliebt habe. Anscheinend ging das nicht nur mir so, denn unsere „new wave universe“ Playlist hat irgendwie einen Nerv getroffen und befindet sich nun in der Spotify-Bibliothek von 107 tollen Menschen. Auch das macht mich ein bisschen stolz.
Besonders geliebt habe ich vor allem „222“ von Nils Keppel und „Wenn du da bist“ von TEMMIS. Beide Acts durfte ich auch schon persönlich kennenlernen und live sehen. Vor allem TEMMIS-Sänger Roman hat eine Energie auf der Bühne, die einfach krass ist. Anders kann ich das gar nicht beschreiben. Ich bin sehr gespannt, was aus der new wave bubble 2023 noch so kommt!
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Neben ganz vielen Neuentdeckungen gab es aber natürlich auch eine Konstante und die kommt natürlich wieder (wie könnte es auch anders sein) aus dem Indie-Rock. Mit „Everything You Will Ever Need“ haben sich die Jungs Razz mal wieder direkt in mein Herz gesungen. Das Album hat seine Höhen und Tiefen, ist emotional und zugleich tanzbar. Meine Favoriten sind definitiv „Lost in the woods“ und „Talking for hours“ – beide haben etwas dramatisch, mystisches mit einem unerwartetem Hoffnungsschimmer in sich.
Alben, die ich ebenfall sehr gefeiert habe: „Universum regelt“ von Schmyt, „Gelb ist das Feld“ von Bilderbuch
Komme ich zu meiner letzten Kategorie für heute: Livemusik! Ich brauche wahrscheinlich nicht betonen wie absolut schön es war, dass dieses Jahr wieder so viele Konzerte und Festivals stattgefunden haben. Ich hab’s sehr geliebt. Hier also meine Highlights.
Ganz oben auf meiner Liste der Highlights: Das Sziget Festival in Budapest. Als eines der größten Festivals in Europa konnte sich das Line-Up auf jeden Fall sehen lassen. Ich versuche mal kurz Ordnung reinzubringen, auch wenn mein Gehirn immer noch nicht realisiert, dass ich diese krassen Künstler*innen live gesehen habe:
Arctic Monkeys Tame Impala Holly Humberstone
Und natürlich noch super viele mehr. Aber diese drei Shows haben sich ziemlich in meine Erinnerung gebrannt. Fangen wir mit Holly Humberstone an: Die 23-jährige Britin kommt auf die Bühne und stimmt direkt „Overkill“ an. Man stelle sich eine vor Fangirl-Gefühlen nicht klarkommende Anna vor, wie sie versucht im Graben noch ein paar gute Fotos zu schießen. Ich habe mein Bestes gegeben, aber die Tränen haben mich überkommen. Alles andere als journalistische Professionalität, aber einer der schönsten Momente.
Next one: Tame Impala. Ein Künstler, den ich eigentlich dachte, in meiner Lebenszeit nicht mehr live zu erleben. Kennt ihr diese Acts, von denen ihr immer denkt es wäre ja sowieso total utopisch, sie auf einem Konzert zu erleben? Das ist Tame Impala für mich. Ich stehe also wieder im Fotograben vor der Bühne und knipse so vor mich hin. Als ich nach den ersten drei Songs wieder in die Masse geschickt werde, fange ich an zu realisieren: Das ist wirklich Kevin Parker da vorne auf der Bühne. Die Show rauscht an mir vorbei. Es fühlt sich irgendwie trippy an. War das wirklich real? Das einzige, was mir versichert, dass ich nicht geträumt habe, sind die Fotos auf meiner Kamera und das eine Video, was ich geistesabwesend gedreht habe.
Die Nummer 1 gehört aber unangefochten den Arctic Monkeys. Alex Turner, zwei gigantische Leinwände und „505“ läuft. Mehr schreibe ich dazu nicht – ihr seht’s im Video.
Weitere verdammt tolle Festivals, auf denen ich 2022 war: Pop Salon, Apple Tree Garden, KiezKultur
Shows, für die ich keine Worte finde: nand auf dem Apple Tree & Flawless Issues auf dem KiezKultur
Was gibt’s sonst noch zu sagen?
Wer im letzten Jahr schon dabei war und meinen Rückblick gelesen hat, der tut mir leid, der fragt sich jetzt bestimmt: Wo bleibt der schwedische Indie Pop? Keine Sorge, das habe ich natürlich nicht vergessen. Mein schwedischer Lieblingssong des Jahres war „En midsommarnattsdröm“ von Håkan Hellström. Der „Mittsommernachtstraum“ erinnert mich an genau das: Mittsommer in Schweden. Nachts um 3 Uhr, wenn es vom Dämmern wieder hell wird, spazieren gehen und Blumen sammeln. Das Leben ist leicht und riecht wie frischgemähtes Gras. Ich habe gerade ganz starkes Fernweh als ich diese Zeilen schreibe. (Das Foto ist um 03.53 Uhr entstanden)
„Alte“ Songs, die ich wiederentdeckt habe: „Der Kommissar“ – Falco, „Von hier an blind“ – Wir sind Helden, „Mountain Sound“ – Of Monsters And Men
So, jetzt bin ich gefühlt alles und nichts losgeworden von meinem musikalischen 2022. Falls es noch nicht deutlich geworden ist: Es war ein tolles musikalisches Jahr! Hier noch die obligatorische Playlist für’s ultimative Verwirren eurer Trommelfelle:
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Die Brüder Leo und Jonas machen seit ihrer Kindheit gemeinsam Musik und seit Ende 2018 auch ganz offiziell als Duo Ottolien – das ist übrigens der Nachname. Ehrliche Texte mit fast poetischen Anmutungen sind das Fachgebiet der beiden. Besonders interessant wird es durch den Mix aus Leos weicher Singer/Songwriter-Stimme und Jonas’ Rap-Parts — eine Energie, die man sonst eher selten findet.
Ich habe Leonard und Jonas Ottolien zum Interview getroffen. Nach einem wunderschön anstrengendem Festivalwochenende auf dem KiezKultur in Hannover sitzen wir am Sonntagnachmittag noch etwas verkatert und körperlich mitgenommen bei einer Fritz Kola im Biergarten Gretchen. Wir reden über die musikalische Kindheit der beiden Brüder, die Entstehung ihrer Songs, Fetzenfische und was diese Tiere mit den Ottolien zu tun haben.
Ottolien im Interview
Anna: Hallo ihr beiden! Schön, dass ihr euch heute die Zeit für das Interview nehmt. Ich hoffe ihr seid nicht mehr zu mitgenommen vom Festivalwochenende. Ich bin auf jeden Fall noch recht überwältigt von den ganzen Eindrücken. Aber es soll ja jetzt um euch und eure Musik gehen. Wir kennen uns zwar schon, aber mögt ihr euch noch einmal vorstellen?
Leo: Ja, klar, voll gerne! Wir sind die Ottolien– das ist unser Nachname. Wir sind Brüder. Ich bin Leo.
Jonas: Ich bin Jonas.
Leo: Unsere Musik ist eine Mischung aus Indie, Pop und Rap, wo wir beide quasi als Lead, Jonas als Rapper und Sänger und ich als Sänger fungieren. Also, beide stehen vorne und singen in Parts. Wir kommen aus Hannover und haben gerade unsere zweite EP released.
Das Buch zur Band: „Wir tun uns so gut (weh)“ – demnächst in der untold Buchhandlung eures Vertrauens
Anna: Wenn eure Musik ein Buch wäre, welchen Titel hätte das Buch?
Leo: Oha, das ist ja direkt eine schwierige Frage am Anfang … (überlegt sehr lange) Vielleicht so in die Richtung „Wir tun uns so gut (weh)“.
Jonas: Ja, irgendwie so dieses Brüder-Ding auf jeden Fall.
Leo: Ok, gehen wir erstmal vom Cover des Buches aus. Da haben wir eine genauere Vorstellung, weil wir in einem Video letztens eine Einstellung gefunden, wo wir dachten, dass es voll das gute Cover ist. Da stehen wir uns gegenüber, aber eine Säule ist zwischen uns und wir nehmen uns in den Arm. Die Säule ist quasi zwischen unseren Gesichtern. Wir sehen uns nicht, haben uns aber trotzdem im Arm. Beim Titel würde ich jetzt erstmal bei „Wir tun uns so gut (weh)“ bleiben. Es ist jetzt natürlich nicht die Musik selber, sondern eher auf uns als Brüder bezogen.
Jonas: Ich finde das passt schon sehr gut dazu, wie wir uns als Band fühlen. Aber jetzt nicht so direkt auf die Musik bezogen.
Anna: Ihr könnt ja auch zwei Bücher rausbringen.
Leo: Auch eine Idee, aber ich habe als erstes gedacht, dass es ein Buch ist, dass von hinten und vorne gelesen werden kann. So ein Wendebuch quasi und dann auf den Aspekt eingehen, dass es zwei Seiten hat. Man neigt dazu es so plump auszudrücken. (damit wirkt er noch sichtlich unzufrieden und überlegt lange weiter) Jon, von dir kommt ja gar nichts!
Jonas: Ja, ich habe irgendwie auch nicht so die Idee. Das ist schonmal ein top Ansatz, aber der Titel fehlt mir auch.
Anna: Wenn euch im Laufe des Gesprächs noch ein anderer Titel einfällt, werft ihn einfach rein. Gehen wir jetzt erst einmal ein bisschen zurück in der Zeit, und zwar in eure Kindheit. Habt ihr auch schon als Kinder zusammen Musik gemacht? Liegt es bei euch in der Familie?
Jonas: Wir haben tatsächlich schon als Kinder zusammen Musik gemacht. Wir haben ganz früh angefangen. Ich glaube, Leo war sieben und ich war fünf. Da haben wir angefangen mit Gitarre spielen. Wir hatten einen sehr coolen Gitarrenlehrer. Das war damals ein 19-jähriger Metal-Typ mit langen Haaren und Metallica Shirt, der uns nicht irgendwie die Noten vor die Augen gelegt hat und gesagt hat, dass wir die auswendig lernen sollen. Wir haben irgendwie direkt angefangen Songs zu schreiben und mit dem Würfel Akkord-Reihenfolgen zu würfeln. Dann hatten wir super schnell unseren ersten Song geschrieben. Wir haben dann auch zusammen für Familie und Freunde was vorgespielt. Also irgendwie schon voll früh so kleine Mini Gigs gehabt.
Leo: Und dann aber auch vor richtigen Publikum sehr schnell. Wir waren schon so als Singer Songwriter Duo unterwegs und haben da auch so Songwriting- und Kompositions-Wettbewerbe mitgemacht. Das war das „Treffen junge Musikszene“. Und das war so die große weite Welt für uns mit zwölf und zehn Jahren. Genau und da waren wir. Aber in der Familie liegt es nicht. Also unsere Eltern machen keine Musik.
„Ein Fetzenfisch ist eigentlich nur ein hässliches Seepferdchen“ – und was das Tier mit den Ottolien zu tun hat
Anna: Hattet ihr damals auch schon einen Namen für euer Duo? Hießt ihr auch schon die Ottolien?
Jonas: Ne, wir hießen „Phyllopteryx“ – der lateinische Begriff für Fetzenfisch, weil wir gefetzt haben. Also fetzige Musik gemacht haben.
Leo: Ein Fetzenfisch ist aber eigentlich nur ein hässliches Seepferdchen. Es sind quasi Seepferdchen. Die tarnen sich indem sie sich nicht bewegen. Also die sind quasi urzeitliche Seepferdchen und sehen aus wie im Meer treibende Algen. Damit haben wir uns dann irgendwie ein bisschen identifiziert. Wir haben halt irgendwie so Singer Songwriter Punk gemacht – also sind schon gut abgegangen, waren aber halt irgendwie noch diese kleinen Pimfe. Wir waren quasi die letzten Fische, die jemand für kleine Mini Algen hält. (lacht)
Jonas: Es konnte einfach niemand aussprechen und es hat auch niemand verstanden, aber wir fanden es damals cool.
Anna: Und deswegen heißt ihr jetzt Ottolien.
Leo: Ja, genau. Immer noch sperrig, aber weit aus mehr catchy.
Kurzer redaktioneller Kommentar an dieser Stelle: Meine investigative Ader war getriggert nach der Band „Phyllopteryx“ zu googlen. Natürlich wurde ich direkt fündig und konnte alte Schätze ausgraben. Denn die beiden haben es sogar in den Spiegel geschafft unter dem Titel „Jonas und Leonard – die Punkrocker“. Den Artikel verlinke ich euch mal ganz unverbindlich hier. Schaut einfach mal selbst, wie Leo und Jonas so mit 11 und 13 aussahen. Mein Favorit ist allerdings der Name ihres damaligen Songs: „Kanzler von Deutschland“. Catchy, Jungs, catchy. Und Leo, wenn du immer noch Musikjournalist werden möchtest – unsere Türen stehen dir jederzeit offen. Ach und Fetzenfische finde ich eigentlich auch ganz süß. Ich übergebe wieder an Interview-Anna.
Anna: Kommen wir jetzt mal wieder in die Gegenwart zu eurer EP „Gezeitenland“. Wie muss ich mir den Prozess vom Songschreiben bei euch vorstellen: Wie läuft das ab? Einer schreibt die Texte und der andere sagt „ist gut, lass mal aufnehmen“?
Leo: Zum Glück nicht mehr. Also das war manchmal so, oder? Obwohl …
Jonas: Das ist eigentlich immer ein bisschen durchmischt. Also mal ist so der erste Grundstein gelegt, wenn Leonard mal ein paar Textschnipsel hat oder wenn ich einen Beat habe oder wenn ich mal ein paar Texte oder Leonard Akkorde auf der Gitarre. Es geht quasi immer von einer Seite irgendwie los.
Leo: Also früher haben wir gedacht, jetzt müssen wir immer genau alles auf uns beide aufteilen in den Songs, dass ich da einen Part haben muss und dann muss Jonas noch mal was rappen. Aber so ist das nicht mehr. Wir haben uns davon auch komplett gelöst. Für uns steht jetzt der Song im Vordergrund und nicht die Aufteilung der Parts. Es ist zwar schon meistens so, dass ich ein bisschen mehr Texte schreibe. Aber das kommt auch einfach, was Jonas produziert und ich sehr old school mit Stift und Block texte. Das heißt aber auch nicht, dass Jon gar nicht textet.
Zwischen verschachtelten Texten und klaren Botschaften
Anna: Sind euch eure Texte nicht manchmal zu persönlich?
Leo: Woah (überlegt) … bisher noch nicht. Also, ich weiß nicht, wie das so nach außen wirkt, aber ich habe zumindest für mich immer noch so eine Verschachtelung drin. Da versteht man, glaube ich, das Grundgefühl, ohne dass es zu persönlich wird. Aber ich glaube so persönlich, dass es andere Menschen betrifft und irgendwie eine Grenze überschreiten könnte, wird es nicht. Also die Songs sind schon nah dran. Aber wir kriegen es, glaube ich, immer noch hin, dass man es nicht checkt. Ja, oder? Ich weiß nicht, wie es bei dir ist, Jon.
Jonas: Also ich finde zum Beispiel „Autoscooter“ ist jetzt gar nicht so verschachtelt. Das ist relativ obvious der Song für meinen besten Kumpel. Ich bin eigentlich voll der Fan von richtig persönlichem Kram. Ich finde es irgendwie cool, das in einem Song dann noch weiter kommunizieren zu können, was ich meinem besten Freund jetzt vielleicht nicht so direkt ins Gesicht gesagt hätte.
Leo: Ich habe auch das Gefühl, dass wir in manchen Songs, die vielleicht gar nicht so persönlich wirken, immer so Easter Eggs für uns selbst einbauen im Text. Die wirken dann vielleicht nach draußen gar nicht so, sind aber für uns voll nah dran, aber im Gesamtkontext werden sie gar nicht so klar beim Zuhören. Also wir haben glaube ich, da ganz viele Sachen, die nur wir wissen können und die wir auch dann nicht groß revealen, die im Gesamtkontext dann vielleicht ganz anders wirken. Aber dadurch wird es halt nicht für mich, nicht irgendwie zu persönlich. Finde es trotzdem schön, dass die Songs so persönlich rüberkommen.
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Anna: Jonas, du hast ja gerade schon „Autoscooter“ angesprochen. Wie kam es dazu, dass ihr diese Aufnahmen von euch als Kind oder Jugendliche mit drin hat? Und war das einfach zuverlässig oder wie habt ihr die wiedergefunden?
Jonas: Ja, da geht erstmal ein ganz großes Shoutout an Nicole, die mit uns früher in einer Dorf Clique war und ist. Sie ist auf jeden Fall eine lebende Festplatte, was das angeht. Ich habe ihr nur mal den Song geschickt und gefragt, ob sie zu Fabo, meinem besten Freund, noch ein paar O-Töne hat, die ich reinmixen kann. Und keine zwei Stunden später hatte ich eine Dropbox mit tausenden Videos vom alten Sony Ericsson bis zum Samsung Galaxy S2. Und da war dann unter anderem ein Video dabei, wo wir eben im Riesenrad sitzen und genau da in die Ferne gucken und diese Industrie sehen. Wir philosophieren darüber, was das denn sein könnte. Genau. Da hat sich dann irgendwie so angeboten. Es passte einfach zu dieser Kirmes Thematik vom Song.
Eine Ode an den besten Freund und die Naivität der Kindheit
Leo: Als Jonas das dann ausgewählt hatte, hab ich da auch direkt was reininterpretiert. Ich glaube als neutrale Hörer*innen funktioniert das auch super gut. Das hat so was apokalyptisches am Ende. Ich stell mir immer so vor, dass so drei Kinder im Riesenrad sitzen und gucken, was übrig geblieben ist von der Welt. Das passt perfekt an das Ende. Und irgendwie finde ich, dass dann der Song ganz anders wirkt und gar nicht mehr so eine persönliche Mini Geschichte zwischen euch beiden ist. Das ist halt meine Sicht auf den Song, der ja fast komplett nur von Jonas kommt.
Anna: Auf einen Song wollte ich noch eingehen: „Franka und Laurin„. Basiert das auf echten Personen? Also wer sind Franka und Laurin? Wenn ihr das teilen möchtet.
Leo: Das lassen wir offen. Also es basiert auf wahren Personen. Dazu finden wir aber auch die Namen ziemlich nice.
Wo ist das Ottolien Song-ABC hin?
Anna: Ich hab’s mir schon fast gedacht. Aber der Song funktioniert durch die beiden auf jeden Fall sehr gut. Wovon ich aber längere Zeit schon nichts mehr gehört habe, ist euer Song-ABC. Gibt es das noch? Was ist daraus geworden?
Leo: Das fragen wir uns auch immer wieder. Ich schätze mal, dass es eher was Saisonales ist, dass wir immer mal wieder auspacken. Wir haben es immer so ein bisschen gestückelt. Also immer, wenn wir eigene Songs rausbringen, pausiert das ABC. Wir sind auch noch gar nicht so weit im Alphabet vorangeschritten. Wir müssten bei F sein. Die Resonanzen waren immer richtig cool. Auch die Leute, deren Songs wir gecovert haben, aber auch immer irgendwie reagiert. Das war total nett. Das war echt cool, auch so Reaktionen von den Madsen hatten und von L-Goony. Also so ganz Verschiedene. Ich finde das Format immer noch cool und ich schätze mal, dass wir es jetzt im Winter wieder aufleben lassen.
Anna: Da bin ich ja mal gespannt! Ich habe noch zwei Entweder-Oder-Fragen für euch. Die erste lautet: Eure Songs lieber komplett durchproduziert oder lieber Akustik spielen?
Jonas: Komplett durchproduziert!
Leo: (zögert erst) Bei mir auch mittlerweile.
Jonas: Es macht dann mehr Spaß auf der Bühne, wenn man richtig tanzen und abgehen kann. Das fehlt mir bei dem Akustik Ding. Das ist eher ruhig und beseelt und schunkelnd. Aber ich finde es springend cool.
Anna: Ok, das kann ich verstehen. Frage Nr. 2: Großstadt oder Dorf?
Leo: Großstadt mit Option auf Dorf bei schlechter Laune. Zählt das?
Anna: Naja, eigentlich nicht …
Leo: Ok, Großstadt!
Jonas: Dorf bei mir – ganz klar.
Anna: Ich habe es mir ein bisschen gedacht.
Leo: Das ist so unser Running Ding. Jonas kann sich nicht so richtig vorstellen zum Beispiel irgendwann mal nach Berlin zu gehen oder so. Mal gucken. Aber es ist ja genau die Mischung, die wir in uns tragen. Also ich finde es auch ganz cool, dass du so commited bist. Es hat ja auch Gründe. Du bist viel verwurzelter zu Hause noch.
Jonas: Meine Kumpels und ich haben quasi eine Art mündlichen Pakt geschlossen, dass wir alle spätestens zum Lebensherbst oder zum Lebensabend wieder im Heimatdorf einkehren. Und ob das jetzt wirklich passiert, mal gucken. Aber ich habe halt einfach noch einen sehr aktiven, großes Freundeskreis aus Schulzeiten und das finde ich ganz schön. Dann bin ich auch gerne da.
Leo: Das ist bei mir nicht mehr so krass verwurzelt. Das ist bei mir viel mehr auseinander gesplittet, also auch geografisch. Aber ich habe einfach hier in Hannover meinen festen Kreis. Sowohl freundschaftlich als auch musikalisch ist es hier mein Hauptort mittlerweile.
Die Ottolien und ihr klimapolitischer Song
Anna: Ich habe auf eurem Spotify Account noch das Album „no music on a dead planet“ gefunden, was ja so Kollaboration mit mehreren Artists war. Wie kam es dazu und warum? Warum war es euch wichtig, da was beizusteuern?
Leo: Dazu kam es einfach durch die Organisation Culture Declares. Daraus ist dann ein kompletter Hannover Sampler entstanden. Und dadurch, dass wir noch nie auf so einem Sampler dabei waren und wir das schon cool fanden, haben wir uns direkt gemeldet. Wir wollen auch für eine klimagerechte Zukunft stehen als Band und zeigen, dass wir uns auch für Klimapolitik interessieren. Da wollen wir einfach auch zu stehen. Und die zweite Sache war, dass wir eine Challenge hatten, da recht schnell dann einen Song dazu zu schreiben. Das war irgendwie cool, weil wir das erste Mal auch so ein bisschen den Inhalt vor die Produktionsraffinesse gestellt haben.
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Anna: Und das Ergebnis kann sich auf jeden Fall zeigen lassen! Ich habe jetzt nur noch eine letzte Frage und das ist die Frage nach eurer untold story?
Leo: Eine noch nicht erzählte Geschichte.
Anna: Genau!
Leo: Also wir könnten die erste Cover Geschichte erzählen von unserem Gespräch oder oder vom Videodreh in der Rutsche.
Jonas: Ohja, das ist ne coole Story, lass uns die nehmen!
Leo: Ok, warte, ich leite die Geschichte ein und du erzählst sie: Wir haben ja gerade unsere zweite EP „Gezeitenland“ rausgebracht und wir haben zum namensgebenden Song ein Video im namensgebenden Hallenbad Gezeitenland auf der Nordseeinsel Borkum gedreht. Und dabei ist folgende untold story passiert. Jonas, bitteschön.
Jonas: Wir haben uns in die ausgeschaltete Wasserrutsche begeben. Wir sind also rein geklettert mit dem schönen Filmteam von Stabil und Grazil aus Hannover. Also die mit ihrer riesigen Kamera da rein. Niklas mit so einer Leuchtröhre und dann Leonard und ich. Das ist glaub ich etwas schwierig, sich vorzustellen. Das ist eine Tube Rutsche und wir haben uns so entgegeneinander da reingesetzt.
Anna: Aber die Rutsche war ausgestellt oder ist da was passiert?
Jonas: (muss schmunzeln) Nee, ich bin nur einmal ausgerutscht auf das Steißbein, das tat weh. Aber das ist nicht die Geschichte. Also, wir sitzen gerade in dieser Rutsche und haben einen Performance Part gedreht. Das heißt Niklas hat auch noch die Soundbox laufen mit dem Song. Wir singen dann so schmissig in die Kamera und auf einmal hören wir nur so ein Zischen und so ein Rumoren. Dann hört man so ein konstantes, leichtes „Schhhhh“. Es waren nur noch so drei Sekunden Stille, in der wir uns nicht bewegt haben. Und ich habe dann einfach aus Reflex heraus gerufen „Wasser kommt“. Dann sind wir alle mit dem Equipment aus der Rutsche raus und in das Auffangbecken. Ich war der Letzte, weil ich auch als Erster drin war. Hab mich auf dem Weg natürlich auch noch abgepackt. Und keine Sekunde, nachdem ich draußen war, kam das Wasser da rausgeschossen. Wir waren insgesamt aber zwei Tage zum Drehen da. Am nächsten Tag haben wir den Besitzer dann gefragt, ob die Rutsche irgendwie immer durchgespült wird oder so. Und er nur so: „Achja, stimmt, aber ich weiß gar nicht, wann genau und in welchen Intervallen.“ Dann haben wir am nächsten Tag also nochmal unser Glück versucht. Wir wollten unbedingt das schöne Licht mit der Sonne auf der Röhre einfangen. Wir haben das dann so gemacht, dass Bardi, unser Fotograf, dann die Aufgabe hatte oben zu schauen, wann das Wasser angeht. Vorher hatten wir noch extra zwei so Kinder Walky Talkies besorgt, damit er uns Bescheid geben kann, wenn die Düsen anspringen.
Leo: Natürlich hat er sich auch einmal den Gag gemacht, einfach „Wasser kommt“ zu rufen, obwohl nichts kam. Und ja: Das ist unsere untold story!
Anna: Genial, vielen Dank euch für’s Teilen der Geschichte und für’s Interview. Macht’s gut und bis bald!
So, ich hab mir jetzt auch den Mund fusselig geredet. Mir bleibt nur noch zu sagen: Streamt „Gezeitenland“ von den Ottolien:
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