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Masha The Rich Man im Interview: »Der Krieg in der Ukraine hat mein Verständnis für die Musik geändert«

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Zum Beginn unserer Interview-Reihe zu den Acoustics Concerts stelle ich euch Masha The Rich Man vor, beziehungsweise wird sie das im Interview gleich direkt selbst machen. Deswegen möchte ich auch gar nicht so viel vorweg nehmen. Freut euch auf einen super interessanten Mix aus filmreifer Indie Pop-Folk Musik der ukrainisch-stämmigen Singer-Songwriterin. Für die Acoustics Concerts steht Maria Raykhman am 11.07. in Dresden, 12.07. in Berlin, 13.07. in Hamburg, 15.07. in Essen, 16.07. in Magdeburg und am 17.07. in Offenbach auf der Bühne.

Masha The Rich Man im Interview

Anna: Hallo Mascha. Schön, dass du dir die Zeit genommen hast. Ich wollte heute mal mit dir über dein Projekt “Masha The Rich Man” reden. Du hast auf Spotify ja erst einen Song veröffentlicht und auch erst in diesem Jahr gestartet.

Mascha: Ja, das stimmt. Ich mache eigentlich schon länger Musik, auch mit verschiedenen Projekten. Aber dieses Projekt ist jetzt tatsächlich sehr neu und deswegen auch kein Wunder, dass es noch nicht so bekannt ist.

Anna: Genau, magst du dich und “Masha The Rich Man” einfach mal vorstellen?

Mascha: Okay! “Masha The Rich Man” – das bin ich, Mascha. Eigentlich ist das Ganze aus Versehen entstanden oder mit langem Prozess des Dahinfindens oder wie auch immer man das betiteln möchte. Also ich hatte tatsächlich nicht so richtig vor, das zu machen und dann hat sich irgendwie das alles so dazu entwickelt. Dann kam halt Corona und ich eigentlich das Nichtstun irgendwann dann so ein bisschen angefangen habe zu genießen. Da habe ich gemerkt habe, dass irgendwas ziemlich stark gefehlt hat. Weil ich wie gesagt, schon recht aktiv Musik gemacht hab in verschiedenen anderen Projekten oder auch Songwriting, Sessions für andere, mit anderen, aber halt nie persönlich so richtig. Also ich habe irgendwie vorher nie versucht mein Innerstes nach außen zu bringen. Aber ja, Corona hat mir dann irgendwie gezeigt, dass mir das fehlt. Da hatte sich sehr lange viel aufgestaut, was dann doch raus wollte und verarbeitet werden wollte. Ein Kollege von mir hat mich auch schon seit Ewigkeiten dazu motiviert, dass ich irgendwie mal mein eigenes Ding machen sollte. Dann dachte ich mir immer: Warum? Was habe ich denn Großes zu sagen, dass ich jetzt noch ein weiteres Projekt in diese Welt schießen soll? Ich hab einfach nicht gesehen, was ich noch so relevantes Persönliches mit in diese ganze Welt hinaus katapultieren sollte. Und in der Corona-Zeit habe ich dann viel über konkretere Konzepte nachgedacht und überlegt, was mir denn wirklich wichtig ist. Allein das habe ich mir vorher nie so wirklich überlegt. Ich habe nicht darüber geschrieben, was mir wichtig war, sondern was halt irgendwie grad so anstand und gut ankam. Dann hatte ich plötzlich so viele Themen auf dem Radar, die ich jetzt auch gar nicht alle unterbringen konnte auf dem Album und deswegen auch schon ein zweites Album geplant habe. Ja, und das ist halt einfach sehr, sehr persönlich und autobiografisch und trotzdem überwältigend. Ich habe da quasi mein ganzes Leben rekapituliert. Alles, was ich irgendwie vorher versucht habe zu vermeiden: wie sich verletzlich oder klein zu zeigen – alles das war dann irgendwie auf einmal im Mittelpunkt. Das Ziel war, die ganzen Sachen, für die ich mich immer geschämt habe mal auszusprechen. Vielleicht motiviert das ja irgendwie irgendwen, auch zu Dingen zu stehen.

Therapie-Stunden im Sinne von Mascha

Anna: Das klingt sehr therapeutisch. Haben dir die Songs dann auch geholfen mit den Gefühlen besser umzugehen?

Mascha: Ja mega, vor allem auch rückblickend auf bestimmte Situationen. Also vieles war gar nicht so aktuell unbedingt, sondern ich habe mal vieles verarbeitet, was halt schon passiert war, aber was ich vielleicht nie so richtig verarbeitet hatte. Das habe ich dann in Angriff genommen. Auch musikalisch wollte ich da auch alles reinpacken, was mich selbst irgendwie wirklich mitnimmt und berührt. Das sind auch musikalische Einflüsse, die ich oft mich vorher nicht getraut habe, anzugehen, weil es nicht cool genug war oder nicht dies oder das genug. Das war tatsächlich sehr schwierig, da dran zu bleiben. Ich habe das Gefühl, ich habe oft Musik umgesetzt, die ich nicht zu 100 % wollte. Einfach nur, weil ich dann doch lieber mit dem Trend mitgeschwommen bin. Ich dachte, das würde besser ankommen. Naja, aber nach langen Überlegungen habe ich dem Genre den Titel Cinematic Folk Pop gegeben.

Anna: Ja, das schließt auch perfekt an meine nächste Frage an: Was steckt hinter dem Begriff Cinematic Folk Pop? Wie bist du darauf gekommen?

Mascha: Also ich habe wirklich super viel Zeit mit Brainstormen verbracht, um überhaupt von vornherein auf eine Idee zu kommen, was ich da vermitteln möchte. Dann habe ich ganz viele Begriffe gesammelt, die mich ansprechen, mit denen ich irgendwie was verbinde. Da war eben auch dieses klangliche Cinematische mit dabei. Und jetzt musikalisch konkret sind es dann wahrscheinlich die Streicher, die ich da einfach sehr schön finde.  Das ist sowieso etwas, was mich sehr bewegt in Songs. Also ein bisschen dieses Dramatische, Epische. Einfach so filmisch, dass Bilder entstehen.

Anna: Ja, das klingt auf jeden Fall sehr schön. Würdest du sagen, dass so traditionellere Musik da auch einen Einfluss drauf hat? Weil du ja eben ukrainischen Wurzeln hast und die Musik dort ja doch nochmal deutlich anders geprägt ist.

Mascha: Ja, die Überlegung war auch ursprünglich das Ganze Cinematic Folklore Pop zu nennen. Also ja, das hat es auf jeden Fall und das war auch voll die Intention. Ich wollte halt irgendwie eine Balance finden, dass das nicht Überhand nimmt. In meiner Studienzeit an der Popakademie in Mannheim bin ich auch sehr in diese traditionelle Polka-Richtung gedrückt worden. Es ist mir aber auch wichtig, zu zeigen und zu wissen, dass ich nicht nur diese Seite habe.

Zwischen Freddy Mercury und Mine – Inspiration findet Mascha an vielen Ecken

Anna: Gibt es bestimmte Künstler oder Künstlerinnen, die dich inspirieren?

Mascha: Also, ich hatte mir tausende von diesen Spotify Listen  erstellt mit Referenzen zu dem Sound, den ich machen möchte. Das war noch bevor die Songs so richtig standen. Das sollte ein bisschen vorgeben, in welchen Klangwelten ich mich denn so aufhalten will. Am Anfang als noch nichts stand, war das nämlich ganz chön schwierig, sich festzulegen. Es gab da sowieso auch ganz viele schreckliche Momente, in denen ich gar kein Bock mehr hatte. Aber das kennen wir ja alle und das gehört auch mit dazu. Sonst wird es nicht gut. Manche Einflüsse, von denen ich dachte, dass sie zum Beispiel wichtig werden, waren dann gar nicht so wichtig. Aber Marina Diamonds mit den älteren Sachen habe ich viel gehört. Dann waren irgendwie auch immer viele Musicals dabei. Das feier ich auch sehr. Wer mich als Person aber auch noch sehr inspiriert, ist Freddy Mercury von Queen. Aber auch Queen generell. (überlegt weiter) Mine ist auch noch eine tolle Künstlerin. Im Laufe der Zeit habe ich dann auch immer mehr Anklang mit Aurora gefunden. Naja, aber wie du schon merkst: Die Liste war sehr lang.

“Der Krieg in der Ukraine hat auch mein Verständnis für die Musik geändert”

Anna: Worauf ich noch gerne eingehen würde ist deine Verbindung zur Ukraine in der momentanen Situation. Ich weiß nicht, ob du es noch hören kannst, aber durch deine ukrainischen Wurzeln, finde ich, kann man das halt einfach nicht ausklammern. Wie fühlst du dich gerade in der Kriegssituation? Beeinflusst es dein Denken und die Musik und verändert es dich in gewisser Weise?

Mascha: Ja, also die Songs haben sich nicht verändert. Die waren nämlich schon größtenteils fertig. Aber mein Verständnis für die Musik und generell hat sich alles komplett geändert. Alleine meine Sicht auf Social Media. Ich habe gesehen, dass erstens alles super krass relativ ist. Aber andererseits auch doch, was man alleine für eine Macht hat, Dinge zu verändern, beziehungsweise einen Unterschied zu machen. Also ich habe vorher auch nicht so richtig viel gepostet oder Sachen geteilt. Und dann habe ich das sehr exzessiv gemacht und habe irgendwie versucht, an jeder Ecke, wo ich irgendwas Kleines gesehen hab, etwas nützliches zu verbreiten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das echt viel bringt. Das hilft den Menschen hilft. Ich habe auch irgendwie gemerkt, dass alles politisch ist. Vorher habe ich das noch nie so am eigenen Leib gespürt. Alles wurde auf einmal so wichtig: Wie wer wozu steht und was man worüber denkt. Das war mir vorher nie so sehr bewusst.

Auch auf der Straße zeigt Mascha ihre Anteilnahme und teilt dieses Foto später auf Instagram.

Anna: Also ich musste sagen, ich habe sonst keine so starke Verbindung zur Ukraine gehabt, aber das hat mich natürlich trotzdem sehr mitgenommen. Und so die Nachrichtenlage dann auch immer zu checken und permanent ein komisches Gefühl dabei zu haben, das war neu. Man hat sich auch so eingeengt und unwohl gefühlt, obwohl mich das selbst ja eigentlich nicht wirklich betroffen hat.

Mascha: Ja, total. Also ich hatte auch überhaupt kein Bedürfnis, irgendwas außerhalb dieser Thematik zu machen, weil wie gesagt alles dann komplett sinnlos erschien.

KiKa und der Downfall danach

Anna: Ok, es ist schwierig, jetzt mit so einem harten Cut das Thema zu wechseln, aber wollte nochmal über einen anderen Punkt in deiner Biografie sprechen. Undzwar habe ich gesehen, dass du bei “Dein Song” auf KiKa mitgemacht hast. Wann genau warst du da? Wie kam es dazu und wie war es?

Mascha: Ich war 2013 da. In dem Jahr, wo Lina gewonnen hat. Zu dem Zeitpunkt war das eine unfassbar tolle Sache für mich. Es war eigentlich das Beste, was mir je hätte geschehen können. Man fühlt sich da  wie so ein kleines Sternchen. Man wird plötzlich überall hingefahren und darf nach Ibiza, bekommt Hotel, Essen und Trinken, kann ins Tonstudio und dreht Musikvideos. Und ich weiß nicht, es war schon echt verrückt und ich habe auch ganz viele tolle Menschen kennengelernt, mit denen ich immer noch zu tun habe. Tatsächlich habe ich ja auch mit einem der Produzenten von der Show ein paar der Songs gemacht. Aber die Zeit danach war erstmal hart. Weil dann natürlich irgendwann alles vorbei war und wie man das so kennt, erhofft man sich natürlich trotzdem mehr davon. Es wurden von Seiten bestimmter Jurymitglieder auch irgendwie Hoffnungen geschürt, die sich dann aber verlaufen haben. Da hatte ich schon echt lange dran zu nagen, glaube ich.

Anna: Das kann ich voll verstehen. Da werden ja auch irgendwie die Hoffnungen eines jungen Mädchens zerstört. Aber kommen wir mal wieder zu etwas Positiverem. Reden wir noch mal kurz über deine erste Single “His Rebel Heart”. Worum geht es in dem Song?

Mascha: Also ich habe ja schon angekündigt, dass es viel um meine Vergangenheit und die Bewältigung von Dingen geht. Es geht zurück ins Jahr 1999. Da bin ich nämlich umgezogen, von Kyiv nach Deutschland. Und ich hatte in der Ukraine ein sehr enges Verhältnis mit meinem Bruder. Ich war vier und er war zwei Jahre älter. Wir haben die ganze Zeit abgehangen zusammen. Unsere Verbindung war sehr eng und er war für mich ein riesiges Vorbild – was ja bei kleinen Geschwistern oft so  ist. Aber dann sind wir halt umgezogen. Und das ist einfach sehr krass für ein Kind, wenn man in ein anderes Land emigriert. Wir haben uns da etwas auseinandergelebt. Ich kann und will mir gar nicht ausmalen, wie das jetzt für die die Menschen, die Kinder, ist, die hier gerade ankommen – speziell aus der Ukraine. Vor allem, weil es bei mir sehr lebensverändernd war. Es hat viel in unseren Abläufen verändert und irgendwie auch in den Persönlichkeiten. Und wir sind mit vielen Dingen nicht so richtig klargekommen und mussten es irgendwo anders kompensieren. Es ist sehr schwierig und schade für mich, weil ich mich immer sehr gesehnt habe nach dieser alten Beziehung, die ich zu meinem Bruder hatte. Dadurch, dass er ein kleines Problemkind war, war die Aufmerksamkeit meiner Eltern auch oft auf ihm und ich musste da als jüngere Schwester immer mit umgehen. Über diesen ganzen Konflikt ist irgendwie das Lied.

Ziegen retten auf Abo und was die Tiefen des Internets noch so zu bieten hat

Anna: Das ist eine sehr schöne Erklärung. Da merkt man den autobiographischen Zusammenhang, den du vorhin schon meintest. Ich habe noch eine letzte Frage, die wir in jedem Interview stellen und das ist die Frage nach deiner untold story!

Mascha: Ich habe eine Idee! Also ich muss dazu sagen, dass ich ein großer Fan von Schafen und Ziegen bin. Vor ein paar Jahren bin ich da mal auf eine Seite gestoßen, die kümmern sich um behinderte Ziegen. Man kann da Mitglied werden und spenden und ja, was soll ich sagen? Das bin ich seitdem. Ich bezahle 1 € monatlich, dass sich die Leute um die behinderten Ziegen kümmern. Die posten dann auch Fotos von sich und den Ziegen auf ihrer Facebookseite. Das ist total total süß und toll, was die machen die. Die bauen dann nämlich, wenn die Ziegen keine Beine mehr haben, so diese Rollen, womit sie laufen können.

Anna: Oh, die Geschichte ist sehr wholesome. Ich freue mich gerade sehr für die Ziegen. Danke dir für die Story und danke für’s Interview!

Mascha: Danke dir für das Interview, das war schön!

Bisher gibt es erst zwei Songs von Masha The Rich Man auf Spotify zu hören, das Album steht aber schon in den Startlöchern und wartet nur darauf, das Licht der Welt zu erblicken. Also merkt euch die Sängerin besser und hört in der Zwischenzeit “His Rebel Heart“:

Fotocredit: Edwas Edzend

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