Es ist wieder Zeit für eine Videopremiere. Dieses Mal kommt sie aus Berlin, genauer aus dem Homestudio von Kafka Kaya. Der Künstler hat nach der Auflösung seiner früheren Band auf „Restart“ gedrückt und ist nun mit seinem Solo-Projekt und vielversprechenden Releases zurück. Die zweite Single Kyrie Eleisonprämiert exklusiv auf Untoldency.
Manchmal braucht es einen Rebound
Eigentlich aus einem idyllischen Dorf in der Schweiz macht Julien, der hinter Kafka Kaya steckt, melodischen Folk mit elektronischen Einflüssen. Die erste Single Morocco erschien Anfang Januar. Um einen Einblick in die Klangwelten von Kafka Kaya zu werfen, kann ich auch absolut empfehlen, hier mal reinzuhören:
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Kafka Kaya ist aber kein unbeschriebenes Blatt. Nach der Auflösung seiner Band hat Julien 2015 nahezu nahtlos genau jenes Soloprojekt gestartet. Die sehr elektronisch geprägte EP, die folgte, war wie es sich herausstellte, ein „Rebound“: der leicht überstürzte Versuch, mit etwas Alten abzuschließen, indem man etwas Neues beginnt. So verlagerte sich Kafka Kaya aus Basel in den Großtstadtjungel Berlin. „Leicht größenwahnsinnig und chronisch unterfinanziert“ macht Kafka Kaya jetzt alles allein und mit Unterstützung von Freunden: vom Artwork bis hin zur Promotion. Die Zeit für diese Selbstfindungsphase zahlt sich nun aus. Die neuen, organischen Folk-Sounds bringen ihn wieder zurück ins Musikgame und lassen gespannt sein auf Neues.
Doch nun zum Eigentlichen: Kyrie Eleison. Was genau der Titel bedeutet, kann ich euch leider so genau nicht sagen. Was ich aber sagen kann, ist, dass es eine absolute Empfehlung an alle Folk-Fans ist, die sich manchmal nach elektronischen Einflüssen sehnen. Einfach die gewisse Prise, die alles nochmal ein Level höher hebt. Diese Prise hat Kafka Kaya.
Chorstimmen eröffnen das fast schon mystische Intro. Brummender Bass, viele Synths und elektronische Samples setzen Akzente und verwandeln die anfänglichen Singer-Songwriter Vibes in einen elektronisch-poppigen Folksong. Kyrie Eleison vereint wie es scheint tausend verschiedene Instrumente und Layers und doch ist es nicht zu viel. Stattdessen verbindet es sich und wird zu Einem. Es geht auf und ab, wird ruhig bevor es sich wieder aufbaut. Es ist definitiv ein Song ab von den großen Charts, aber gerade deshalb auch so gut. Die gewisse Abwechslung für’s Ohr.
Menschliche Tiefpunkte umrandet von wunderschönen Berglandschaften
Der musikalische Rahmen ist gesetzt, nun das Video. Denn dafür sind wir ja hier. Kafka Kaya hat nicht an visuell ästhetischen Eindrücken gespart und verwöhnt uns mit einer Reise in die wunderschöne Natur. Auch wenn der Inhalt des Songs ein bisschen düsterer zu sein scheint und es der Protagonistin offensichtlich nicht ganz so gut geht, ist die Landschaft *chef’s kiss*. Schneebedeckte Berge, majestätische Tannen, was will man mehr. Kafka Kaya spielt mit abstrakter Bildsprache und lässt so Raum für Interpretationen – sowohl inhaltlich als auch visuell. Es scheint um einen Menschen am Tiefpunkt zu gehen und die verzweifelte Suche nach etwas Größeren als sich selbst.
Und damit, lasst den Analysen freien Lauf oder begnügt euch der ästhetischen Bilder:
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Wir freuen uns, euch Newcomer Iuna Lux vorstellen zu dürfen, der genau den richtigen Soundtrack für euren nächsten Roadtrip liefert. Man darf ja planen. Iuna Lux kommt aus Regensburg und macht gute Lauen Indie-Synthie-Pop. Mit seiner neuen Single Stop Turning hat er die letzte Single vor dem Release seiner Debüt-EP All of my answers veröffentlicht. Wir haben ihn spontan zu einem kleinen Vorstellungsinterview eingeladen.
Iuna Lux im Interview
Anna: Hey! Lieb, dass du dir die Zeit nimmst. Wie geht’s dir so die Tage?
Iuna Lux: Hey Anna, freut mich, dass ich das Interview machen darf! Mir gehts zurzeit super, auch wenn‘s mir während des Lockdowns, wie wahrscheinlich jedem, schon sehr abgeht einfach mal raus zu gehen, Freunde zu treffen und vor allem live Musik zu hören und zu machen. Ich hab nur das Riesenglück, dass ich mich wirklich gut alleine beschäftigen kann. Schon beim ersten Lockdown im März 2020 hab ich mein Homestudio in meinem WG-Zimmer in Regensburg auf Vordermann gebracht. Seitdem verbringe ich wirklich den größten Teil meiner Zeit damit, an meiner Musik zu basteln.
Anna: Du bist ja noch sehr frisch in der Szene dabei. Kannst du dich vielleicht für die, die dich noch nicht kennen, vorstellen? Was für Musik machst du und für Fans von welchen Bands bist du die richtige Anlaufstation?
Iuna Lux: Sehr gerne 🙂 Ich bin der Christoph, 25, Student in Regensburg, und ich habe vor ca. einem Jahr beschlossen, meine Musik, die ich zuhause an meinem Laptop bastle, unter dem Künstlernamen „Iuna Lux“ zu veröffentlichen. Musikalisch geht das Ganze in die Indiepop-Synthpop Richtung, wobei ich auch immer gerne Elemente aus anderen Musikrichtungen in meine Songs mit einbaue. Am 22. Januar ist meine dritte Single „Stop Turning“ erschienen. Sie ist quasi der letzte Vorbote zur „All of my Answers“ EP am 12.02.
An meiner Musik arbeite ich in meinem WG-Zimmer in Regensburg. Ich habe mich die letzten Jahre viel mit verschiedenen Instrumenten und Sounds auseinandergesetzt, und schreibe eigentlich schon seit über zehn Jahren eigene Songs. Vor ca. zwei Jahren habe ich dann den Beschluss gefasst: ich nehm jetzt einfach ein paar Songs daheim auf. Damit bin ich in ein Studio, wo sich noch ein paar Sounds verändert haben und sich vor allem die Qualität enorm verbessert hat, und bring die Sachen jetzt einfach raus. Dass die Songs dann doch recht gut ankommen und teilweise schon in Radios laufen, freut mich natürlich besonders.
Ich kann mal sagen, von welchen Bands ich Fan bin. Ich hoffe mal, dass es da eine Schnittmenge gibt: Um mal in der Regensburger Ecke zu bleiben, wären da Some Sprouts und Telquist (wo ich auch mega happy bin, in der Live Band zu spielen). Aber auch wenn man Tame Impala, M83, MGMT, The Beach House, STRFKR, usw. cool findet, kann man mal in meine Musik reinhören.
„Was mich viel mehr freut ist das direkte Feedback von den Leuten“
Anna: Welche musikalischen Einflüsse haben dich geprägt? Und: Wenn du nur ein Album mit auf eine einsame Insel nehmen würdest, welches wär es?
Iuna Lux: Seit ich Musik mache, hatte ich wirklich sehr viele verschiedene Phasen. Ich versuche mir immer mal wieder klar zu machen, was ich an einer Band oder Musikrichtung eigentlich cool finde, und diese Dinge dann auch in meine Songs einzubauen. Musiker, die mich wirklich geprägt haben und immer noch tun, sind z.B. Bon Iver, MGMT. Aber auch Sachen wie M83, Tame Impala, Nik Kershaw, usw. Ich gebe auch zu, großer PUR-Fan zu sein. Momentan ist mein Lieblingsalbum „The Dark Side of the Moon“ von Pink Floyd, weil es einem einfach eine Geschichte erzählt, und nicht nur eine Ansammlung von Songs ist. Jeder Song ist einfach genau da, wo er „Sinn“ macht, wenn man das im musikalischen Zusammenhang so sagen kann.
Anna: Deine erste Single „Cigarettes“ kam letztes Jahr im Oktober raus und hat jetzt schon 12.000 Streams. Hättest du mit diesem Feedback gerechnet?
Iuna Lux: Ganz ehrlich – ich kann diese Spotify-Streams überhaupt nicht einschätzen. Ich kenne so viele super Künstler, bei denen ich mich wundere, dass sie kaum Streams auf Spotify haben. Genauso wie ich mich bei manchen Bands frage, wie sie auf so viele kommen. Nicht falsch verstehen, ich freue mich über jeden einzelnen dieser Streams, aber ich finde andere Sachen viel wichtiger und viel schöner. Was mich z.B. viel mehr freut, ist das Feedback, das die Leute mir geben, weil sie irgendeinen Song cool finden oder ihn im Radio gehört haben. Das finde ich auch immer noch unvorstellbar, vor zwei Jahren hätte ich noch nicht daran gedacht, dass Songs von mir mal im Radio laufen werden.
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„Ich hab mir natürlich überlegt, ob ich nicht doch noch ein Jahr warte“
Anna: Mit „Stop Turning“ hast du den letzten Vorboten für deine erste EP im Februar gedroppt. Was thematisiert du inhaltlich auf der EP?
Iuna Lux: Was ich textlich thematisiere, ist eigentlich von Song zu Song ganz unterschiedlich, die Texte sind meistens eher unkonkret. Oft geht es mir auch nur darum, mit dem Text den richtigen Vibe und die richtigen Bilder aufzubauen. Wenn ich Texte schreibe, habe ich meistens irgendwelche Bilder oder Erinnerungen dazu im Kopf. Und diese Bilder, die ich davon habe, sind für mich der Inhalt des Songs. Aber es darf sich natürlich jeder gerne selbst ein Bild dazu malen.
Anna: Du hast, wie viele andere auch, einen sehr suboptimalen Zeitpunk abbekommen, um mit Musik zu starten. Wie hast du es wahrgenommen in einem Corona-2020 ohne Live-Auftritte deine Musik zu veröffentlichen?
Iuna Lux: Ich habe mir natürlich überlegt, ob ich nicht doch noch ein Jahr warte, um meine ersten Songs herauszubringen. Mir ist dann aber relativ schnell klar geworden, dass ich nicht mehr warten wollte und die Songs einfach raus mussten. Musik ist für mich immer eine Momentaufnahme. Die Songs, die jetzt in der EP sein werden, sind jetzt auch schon fast zwei Jahre alt. Wenn ich noch ein Jahr mit dem Release gewartet hätte, hätte ich die Songs vielleicht gar nicht mehr in der Form rausgebracht, wer weiß. Außerdem wollte ich auch das Projekt „erste eigene EP“ einfach mal abschließen. So kann ich mich wieder auf neue Songs, neue Instrumente und neue Herangehensweisen konzentrieren. Das Releasen ohne Live-Auftritte war natürlich schade. Andererseits war das für mich auch nicht sonderlich ungewöhnlich, ich habe ja auch noch nichts mit Live-Auftritten rausgebracht. Zum Glück können wir zum EP-Release einen Live-Stream aus Regensburg spielen.
„Ich werde auch bald wieder damit anfangen, neue Songs zu releasen“
Anna: Kannst du uns vielleicht schon Pläne für nach der EP verraten?
Iuna Lux: Dadurch, dass ich seit Corona quasi ununterbrochen am Musik machen bin, hab ich auch schon wieder einige Songs geschrieben. Einige davon sind auch schon (fast) fertig, also werde ich wohl nach der All of my Answers EP auch relativ bald wieder damit anfangen, neue Songs zu releasen. Außerdem investiere ich zurzeit auch relativ viel Zeit damit, mir selbst das Musik-Mixen beizubringen, damit ich möglichst bald auch nicht mehr ins Studio muss, sondern wirklich alles – von der ersten Idee bis zum fertigen Song – bei mir zuhause aufnehmen kann.
Anna: Und zum Schluss sind wir an deinem Bücherregal interessiert: Welches Buch hat dich zuletzt so überzeugt, dass du es uns hier empfehlen kannst?
Iuna Lux: Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, ich bin auf jeden Fall keine große Leseratte 😀 Wenn ich mir Bücher kaufe, haben die meistens auch was mit Musik zu tun. Das sind dann z.B. Biografien, von Musikern oder Bands, die ich halt so mag. Oder aber Fachbücher über Musik-Mixing und Musik-Produktion. Gerade bin ich z.B. dabei das Buch „Songproduktionen mit Ableton LIVE“ von Nils Hoffman zu lesen. Das ist eine Art Tutorial, wie man – einfach gesagt – mit Ableton Live, das ist die Musiksoftware, mit der ich arbeite, kreativ umgehen kann.
Wir haben heute mal wieder ein komplett unbeschriebenes Blatt für euch: Issey Cross aus Südengland hat im Januar mit „Who“ ihre erste Single rausgebracht. Für jeden, sich in der Alt-Pop Szene zwischen BENEE und 070 Shakewohlfühlt, könnte „Who“ die nächste Single auf Repeat sein.
Junge Frauenpower aus der UK – definitiv vormerken
Auch wenn Issey gerade erst ihre erste Single veröffentlicht hat, so ist sie damit ganz schön eingeschlagen. Britische Musikmagazine wie Notion oder Wonderland haben sie schon auf dem Schirm und auch BBC Music platzierte „Who“ als „Record of the Week“. Das sind ganz schön große Wellen als absolute Newcomerin. Wenn man sich aber Issey Cross‘ erste Single anhört, weiß man auch, warum:
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„Who“wurde inspiriert von einer Affäre des Exfreundes einer Freundin. Für die Menschen, die das schon mal durchgemacht haben (zum Glück nicht ich persönlich), bedeutet das sehr viel Schmerz, sehr viel Drama und vor allem sehr viel Wut. Issey nimmt sich genau diese Wut und packt sie in einen Song:
„Who the fuck is this bitch? And how the fuck she know your name?”
Mit dunklen Synthies und leicht scheppernden Percussions eröffnet Issey Cross eine Klangwelt, die von vornherein klar macht: das hier ist eine Abrechnung. Das ist düster, das ist ernst, das ist unverzeihlich. Issey steigt mit dem anklagenden Chorus ein und ich hab jetzt schon Gänsehaut. Ihre klare Stimme legt sich auf die noch sehr ruhigen, aber trotzdem in Anspannung vibrierenden Synths. Dann setzt der Beat ein und man erkennt die verschiedenen Genres, aus denen Issey ihre musikalischen Einflüsse zieht. Viel Hall und ein darker R’n’B Vibe legen sich auf den catchigen Bedroom-Pop Beat, zu dem ich nur den Kopf mitnicken kann. It’s kind of a bop.
Spätestens beim „Blood is boiling in my veins“ kann auch ich die no-fucks-given Wut spüren, die Issey stellvertretend für jeden, der schon mal betrogen wurde, in die Welt rauslässt. Mit nur zwei Minuten ist der Song zwar ziemlich kurz, aber ich baue einfach mal auf alles, was da dieses Jahr noch kommt. Laut einem Interview mit Wonderland sollen das zwei EPs bis zum Ende des Jahres werden, meine Erwartungen sind also groß.
OSKA ist eine Newcomerin, die jeder in der österreichischen Musik-Szene auf dem Zettel haben sollte. Aber auch hier wirbelt sie reichlich auf. Im Herbst hat sie den XA – Music Export Award beim Waves Vienna Festival gewonnen und das obwohl sie ihren ersten Song erst Anfang 2020 veröffentlicht hat. Dieser Senkrechtstart zeigt sich auch in ihrer im Januar erschienen Debüt-EP „Honeymoon Phase“: Singer-Songwriter Klänge gepaart mit einer einfach nur schönen Stimme und leichten Indie-Pop Einflüssen. Wir haben sie im Interview und wer bis zum Ende liest, erfährt nicht nur eine Geschichte, die sie so noch nie erzählt hat, sondern auch was man musikalisch dieses Jahr noch so erwarten kann.
OSKA im Interview
Anna: Dein Jahr ging ja schon richtig gut los: Erst letzte Woche hast du deine Debüt-EP „Honeymoon Phase“ veröffentlicht. Wie fühlst du dich bis jetzt auf deiner Honeymoon Phase?
OSKA: Ich fühl mich gut! Das war ein Ziel seit ich glaub ich 16 bin, einfach was aufzunehmen und zu veröffentlichen. Ich dachte halt, das ist eher für mich, etwas, worauf ich zurückschauen kann, wenn ich alt bin (lacht). Und jetzt läufts doch irgendwie ganz gut und das freut mich voll, dass es so gut ankommt.
Anna: Für die Leute, die dich vielleicht noch nicht kennen: Wer steckt hinter OSKA?
OSKA: Ich komm aus dem Waldviertel, das ist in Österreich, eineinhalb Stunden von Wien entfernt, aus einer musikalischen Familie und daher hab ich eigentlich das Singen und das Musizieren. Ich bin nach Wien, um Straßenmusik zu machen und hab dann dort meinen Produzenten kennengelernt und nehm jetzt meine Lieder auf, was extrem schön ist, dass ich das auch machen darf. Aufgewachsen bin ich mit der Musik meiner älteren Geschwister und meiner Mama, ich fand irgendwie alles cool, was meine ältere Schwester cool fand. Mittlerweile find ich ganz toll die Phoebe Brigders, Julien Baker, Lucy Dacus und so. Bisschen mehr Indie auch mittlerweile.
Anna: Damit hast du schon die Frage beantwortet, die ich gerade stellen wollte (lacht). Ich wolllt fragen, was dich musikalisch beeinflusst hat auf der Platte. Also alles, was du gerade gesagt hast, kann man da einordnen?
OSKA: Voll, ich versuche viel zu hören. Eine gute Mischung aus alter Musik und da ein bissl aufzuholen, weil es gibt so viel, und gleichzeitig zu schauen, wer ist neu und macht coole Musik. Da gibt’s ein paar Leute, die mich extrem inspirieren. Ich bin aber auch so, dass ich viel zurückkehre zu den Alben, die einfach mir total viel Kraft geben. Und immer wieder dasselbe hören, das hab ich schon noch oft, aber ja, voll.
„Ich war im Studio und hatte 38 Fieber“
Anna: Welche Themen hast du auf Honeymoon Phase verarbeitet?
OSKA: Es geht viel ums Älter werden und Verluste, um diesen Austausch mit sich selber, ehrlich sein zu sich selber. Also gerade bei dem Lied Honeymoon Phase geht es ja darum, dass man zu diesem Schluss kommt, okay, ich hab das Gefühl, man spielt sich nur noch was vor und ich muss jetzt mal kurz für mich sein und mich erst mal kennen lernen. Und das ist eh so ne Sache, die glaub ich viele Leute in meinem Alter, auch viele Freundinnen, gerade durchgemacht haben. Ich verarbeite eigentlich Dinge, die eben vor allem mir passieren, meiner Familie oder in meinem Umfeld. Es fällt mir schon leichter, persönliche Dinge zu besprechen, weil dann hab ich das Gefühl, ich kann besser drüber reden, wenn‘s auch mich wirklich betrifft.
Anna: Für mich sticht vor allem Distant Universe als Opener der EP heraus. Es war auch der erste Track, den du von der EP veröffentlicht hast und der viel in deiner Karriere angestoßen hat. Was verbindest du mit dem Song?
OSKA: Ja, der Song ist für mich schon sehr speziell, eben weil’s der erste war. (überlegt) Ich verbind halt natürlich irgendwie auch eine Person damit, ich verbinde damit aber auch die schöne Zeit im Studio, die wir gehabt haben. Ich denk halt immer an diese Woche zurück, wo wir den Song geschrieben haben. Ich war im Studio, hab einfach 38 Fieber gehabt und war urfertig eigentlich. Bin dann irgendwie heim, und der Johannes, mein Mitbewohner, hat diese Melodie am Klavier gespielt. Ich hab einfach meine Sprachnachrichten aufgemacht und hab diesen Vers gefunden, den ich ein paar Monate vorher am Handy geschrieben hatte. Das hat sich alles sehr rund angefühlt. Aber ja, das ist schon ein besonderer Song für mich, weil mein Label auf mich aufmerksam geworden ist durch den Song und ich bin sowieso ein Mensch, der viel zu viel nachdenkt und gerade so Sachen wie was wäre gewesen, wenn…
Anna: Ich hab ein bisschen dein Insta gestalkt und da hast du „Misunderstood“ als deinen Lieblingssong gekürt – du hast dich also für eins deiner Babys entschieden: Was macht den Song für dich so besonders?
OSKA: (schmunzelt) Den hab ich auch genau in der Phase geschrieben und das war auch wieder mit dem Johannes, der hat diesen Gitarrenpart gespielt. Innerhalb von 20 Minuten war der erste und zweite Vers da. Das ist einfach so aus mir rausgefallen. Und dann war in einer Stunde der Song geschrieben, wir sind heimgegangen und haben Game Of Thrones geschaut (lacht). Ich mag auch die Streicher so, das ist halt wirklich ein extrem verletzliches Lied und so ungekünstelt. Was ich da sag auch, pain mit rain zu reimen ist ja eigentlich so bissl… weiß nicht, ob das so cool ist (lacht). Aber ich hab’s in dem Moment einfach nicht hinterfragt, weil es so was Ehrliches gehabt hat irgendwie. Das war in einem Moment, wo’s mir nicht so gutgegangen ist, und da ist mir dann tatsächlich besser gegangen, nachdem ich diesen Song geschrieben hab. Und dieses Verarbeiten und diese therapeutische Wirkung, was Songschreiben hat, das hab ich da total gespürt.
„Rückblickend hatte ich echt ne Krise eigentlich“
Anna: Wie du ja schon gesagt hast, bist du in einer sehr musikalischen Familie aufgewachsen, hast also früh deinen Weg in die Musik gefunden. Dann hast du mit Distant Universe deinen ersten Song im Februar veröffentlicht und im Herbst den Music Export Award gewonnen. Hättest du je damit gerechnet, dass in so kurzer Zeit (und dann noch im Corona Jahr) schon so viel passiert?
OSKA mit dem XA Award
OSKA: Ich hab gar nicht mit gerechnet… Jetzt auch rückblickend, ich hatte echt ne Krise eigentlich. Da war ich grad mit dem Label im Gespräch und hab drüber nachgedacht, was es eigentlich bedeutet, ein Label zu haben. Und dann kam halt diese Nominierung. Ich hab gedacht „boah cool, das gewinn ich!“ (lacht) und dann ein paar Wochen später ist rausgekommen, wer da alles nominiert ist, und ich hab mir gedacht „ja ok nein, ich gewinn das nicht!“ (lacht). Aber war gleichzeitig auch so, boah extrem cool, dass ich mit diesen Leuten nominiert bin. Dann war sogar die Überlegung, nachdem ich erfahren hab, wer da alles nominiert ist, dass ich gar nicht teilnehm, weil ich war wirklich einfach fest davon überzeugt, dass da jemand anderer gewinnt. Und dann hab ich gewonnen und ich habs einfach gar nicht glauben können. Also das war richtig, richtig arg für mich. Hat mir aber Motivation auch gegeben, weiterzumachen.
Anna: Glückwunsch dann nochmal nachträglich! Vielleicht auch ein anderes Highlights aus 2020: die Zusammenarbeit mit Stu Larsen. Wie ist das zustande gekommen und wie war das für dich?
OSKA: Stu ist auch bei dem Label Nettwerk, kommt aus Australien und ist halt einfach ein extrem cooler Musiker und Mensch. An dem Wochenende mit dem Award ist er von Berlin gekommen und hat meine ganzen Freunde kennengelernt. Wir sind zusammengesessen, haben Bier getrunken und dann am nächsten Tag haben wir das Lied aufgenommen. Wir haben genau einen Tag Zeit gehabt, aber es hat sich irgendwie angefühlt, als wäre er eine Woche dagewesen, weil einfach so viel passiert ist an diesem Wochenende. Es ist einfach was Schönes, in einen Raum reinzugehen, irgendwas zu machen und dann rauszugehen am Abend und es ist was da, was davor nicht da war. Das ist eigentlich das ärgste für mich am Musik machen. Und voll, also wir sind echt befreundet jetzt mittlerweile, was voll schön ist, dass wir danach im Kontakt geblieben sind. Also es ist ein absolutes Highlight aus 2020. Auch diesen Abend, wo ich das gewonnen habe, ich glaub, das war der schönste Abend in 2020 und dass alles irgendwie ein einem Wochenende passiert… Es ist so lustig, wie schlecht es einem gehen kann für ein paar Monate und dann dreht sich alles innerhalb von zwei Tagen, das ist irgendwie schon cool.
„Das wird wahrscheinlich Anfang 2022 ein Album ergeben“
Anna: Jetzt hast du 2021 perfekt mit dem Release deiner EP gestartet. Gibt’s vielleicht schon was, was für dieses Jahr noch geplant ist und auf das du dich freust?
OSKA: Es kommt jetzt eigentlich laufend neue Musik von mir, ich glaub, alle 6-8 Wochen. Die nächste Single kommt am 26. Februar, die heißt Lousy T-Shirt, ein Song, den ich letztes Jahr geschrieben hab nach einem Beziehungsende. Das einzig Positive an diesem Beziehungsende, dieser Song (lacht). Freu ich mich voll drauf, was die Leute zu sagen, weil den mag ich wirklich gern. Ich werd an Musikvideos arbeiten, ich hab grad viel Zeit, und voll, soll einfach laufend was kommen. Das wird sich dann auch so wie bei Honeymoon Phase, wo die Lieder einzeln released worden sind und dann irgendwann eine EP ergeben haben, wird das dann halt wahrscheinlich Anfang 2022 ein Album ergeben. Also es kommen jetzt das Jahr wahrscheinlich sieben neue Songs.
Anna: Zum Schluss haben wir eine etwas andere Frage. Gibt es vielleicht eine Geschichte hinter einem Song, zu der Entstehung oder Ähnliches, die du so noch nie erzählt hast? Ganz untold sozusagen noch.
OSKA: Lass mich nachdenken, ich muss ehrlich sagen, in letzter Zeit erzähl ich urviel (lacht und überlegt). Ich find eine ganz coole Geschichte, die sehr persönlich ist und die hab ich auch erst in einem anderen Interview erzählt. Es gibt dieses Distant Universe Musikvideo mit diesem Alien, das hab ich gedreht 2019 im Dezember. Ich hatte damals einen Freund, wir waren in einer sehr langen Beziehung, und er hat dieses Alien gespielt. Wir haben zwei Drehtage gehabt und da war eine Woche dazwischen und innerhalb dieser Woche haben wir uns getrennt.
Anna: Oh no.
OSKA: Ja… Das, was eben in diesem Video passiert, ist in meinem echten Leben passiert, also dieses ganze Leiden für die Kunst, das war ein ganz neues Level. Am am Schluss, das war einer der letzten Szenen, die wir gedreht haben, wo dieses Alien wegfährt mit dem Rad, da hab ich nicht weinen können. Das hab ich noch nie erzählt! Ich habs nicht geschafft, zu weinen, die haben darauf gewartet, dass ich wein, und dann hat der David, das ist mein Exfreund, gesagt gebt uns kurz einen Moment, und dann haben wir kurz geredet und er hat sich halt wirklich verabschiedet von mir. Das war halt irgendwie urlieb von ihm, weil es mir dann voll geholfen hat und für uns beide auch irgendwie ein Abschied war. Also diese Tränen am Schluss, das war halt auch wirklich echt. Sehr persönliches Musikvideo auf jeden Fall.
Anna: Oh man, danke für’s Sharen!
Hier gibt’s die Debüt-EP „Honeymoon Phase“:
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Mittlerweile ist es Ende Januar und wir haben den Jahreswechsel überstanden. Und obwohl sich nichts verändert hat, haben wir doch alle gehofft, dass sich ein bisschen Magie entfaltet, wenn die 20 zur 21 wird. Jetzt sind wir mit dem Januar durch und bis auf den Schnee (!!!) passierte leider wenig Wunder über die Jahre. War ja aber auch eine naive Vorstellung. Stattdessen die Realität: Meiner Winterdepression geht’s nach wie vor richtig prallend und das schlimmste steht uns noch bevor: der Februar. Wer braucht ihn. Niemand. Irgendwie zieht alles rund um diesen Monat einen runter. Und weil das auch mal in Ordnung ist und man nicht immer happy durch die ereignislosen Tage alleine zu Hause tanzen muss, gibt’s hier wieder mal eine Playlist. Genau für diese Tage, die sich anfühlen, als würde man am liebsten auf der Couch liegen bleiben. Keiner einzigen Aufgabe nachgehen, außer Netflix zu schauen. Und wenn Netflix dann auch zu viel wird, macht ihr einfach diese Playlist an. For all the days that feel like a lazy Sunday.
“When i see my friends again, I’ll be okay”
Es spricht natürlich von einem großen Ego zu behaupten, das wäre die perfekte Playlist für einen lazy sunday. Abe wir haben uns sehr viel Mühe gegeben und wagen zu behaupten, sie ist schon ziemlich nah dran. Von nostalgischen dreamy-indie Vibes zu gefühlvoll melancholischen R’n’B erwartet euch hier eine Auswahl von Songs, die aus jeder privaten Playlist unseres Untoldency-Teams das Beste in sich vereint.
Indie-Bubble-Geheimtipp Matija starten mit absolutelynothing(today) und setten damit die Mood für den gefühlten Sonntag heute. Dann gehts weiter zu Henning May, der mit seiner Kopfstimme für immer In Meinem Bett liegen will. Komische Formulierung aber auch absoluter (hypothetischer) Konsens meinerseits. Auch Slipping Away von LEISURE (neulich erst im Interview) und Anti Social Anxiety von Circa Waves sorgen für die, wie ich sie liebevoll nenne, richtige Würze Anxiety an Tagen wie diesen (der Song kommt nicht drin vor, keine Sorge).
lavender boi rei brown
Viele der Lieder aus der Playlist sind passenderweise letztes Jahr im Corona-Lockdown entstanden und fügen sich deshalb auch perfekt hier rein. So wie bubble von rei brown. Die melodische Ballade mit Lo-Fi Beat lässt mich sogar ganz kurz überlegen, aus meiner Couch eine Höhle zu bauen.
Bin ich in der Höhle drin, ist die Kombination aus Frank Ocean und Arlo Parks genau das, was ich hören will. Von Arlo werdet ihr noch öfter Lobeshymnen lesen, denn in ein paar Tagen droppt ihr Debütalbum und sie ist immerhin nicht umsonst auf unserer artist to watch in 2021-Liste. Genau wie Luke Noa, von dem, ganz ohne Druck, auch nur Großes zu erwarten ist. Mit Clouds reiht er sich zwischen musikalischen Namen wie Gus Dapperton und Sufjan Stevens ein und beweist, dass wir ihn absolut zu Recht auf dem Schirm haben.
“Bear with me, man, I lost my train of thought”
Um auch ein bisschen Schwung in die ganze Sunday Sache zu bringen, gibt’s auch Songs auf der Playlist wie Days Go Slow by Mindchatter. Weil ein bisschen Elektronik zwar die Bubble aufrechterhält, aber trotzdem die Gedanken in eine leicht fröhlichere Richtung lenkt. Genau wie JEREMIAS, die zwar keine elektronischen Beats zusteuern, aber mit Du musst an den Frühling glauben verträumt-hoffnungsvollen Indie in seiner Quintessenz hervorzaubern. Wir sagens immer, immer wieder: die Jungs muss man ganz oben auf den Zettel stehen haben.
Ebenfalls eine ganze Mood ist One Point Perspective von niemand anderen als die Kings Themselves: Arctic Monkeys. Denn so sehr wie wir neu aufkommende Künstler*innen auch lieben (sehr), gibt es auch eine Handvoll etablierter Genialität, die wir nicht zu kurz kommen lassen wollen. Dabei natürlich die Monkeys, aber auch die von Matty Healys wunderschöner Stimme angeführten The 1975, und unsere Lokal-Helden Von Wegen Lisbeth reihen sich dort ein.
clairo by Charlotte Patmore
Zu was kann man noch ein paar Worte dalassen? Clairo machts softly, und Newcomer Oscar Anton aus Frankreich verzaubert mit seiner ohrwurmverdächtigen Single play and rewind, die sich nostalgisch an alte Zeiten erinnert. gnash sorgt für die Würze Anxiety, Faber lässt gewohnt poetische und erschreckende Worte in In Paris Brennen Autos da und Casper wirft mich mit dem doch sehr unterschätzen 20qm mal eben acht Jahre zurück. Auch alte Indie-Balladen wie Mykonos von Fleet Foxes laufen gut, genau wie Wanna Be Yours von eben genannten Arctic Monkeys und Video Games von Lana Del Rey.
“The sunlight stabs my eyes”
Damit kommen wir zum unteren Mittelteil der lazy sunday Playlist – meinem Lieblingsabschnitt. Rund um Twenty One Pilots Berlin-Rekreation ihres Songs The Hype (so unfassbar gut einfach) tummeln sich einfach nur wunderschöne Hits. Ganz ehrlich, wer Hair Down von SiR feat. Kendrick nicht liebt, der kann nicht mit mir befreundet sein. Because that’s musical porn. Talking about porn – Allan Raymandarf hier nicht fehlen. Er ist mit Kill Me Lonely und Pretty Bug gleich zweimal vertreten, genau wie das Wort „porn“ in diesem Artikel (technically sind es jetzt drei). Bitte verliert euch in seinem Kosmos.
Mit der Einleitung des letzten Abschnittes bin ich mir leicht vorgekommen wie Willy Wonka, der in seiner Fabrik herumführt. Wenn Playlisten Gebäude wären… consider my bags packed.
Aber wie dem auch sei, Willy Wonka hin oder her, kommen wir nun zum Abschluss der lazy sunday Playlist. Den bilden Yellow Days, Cinemagraph, Amilli, Tora, Chetfaker und – nur für Jule persönlich – Françoise Hardy. Einen schöneren Abschluss kann man sich wohl kaum wünschen. Und damit habe ich alle meine Gedanken zu der liebevoll zusammengestellten Playlist dagelassen. Ich hoffe, überzeugt zu haben und nächsten Sonntag (oder Dienstag oder wann auch immer, weil was ist Zeit) erklingen diese melancholischen Töne in eurer Wohnung. Wird alles bald besser.
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„Die meisten Vögel ziehen über den Winter in wärmere Gefilde. Der Sperling jedoch bleibt und harrt aus, bis es wieder wärmer wird.“
Die Band SPERLING bezieht ihren Bandnamen aus genau dieser Charaktereigenschaft. Sie verarbeiten mentale Rückschläge, innere Dämonen und alle Zweifel, die namensgebend waren für ihr Debütalbum. Musikalisch sind sie ein Muss für alle Heisskalt-Fans, die sich wieder nach ehrlicher Rockmusik sehnen, die auch trostspendend ist. Anna hat mit ihnen über ihr heute erschienenes Debütalbum „Zweifel„ gesprochen, die Produktion und welchen Song sie als erstes live spielen wollen, wenn es wieder möglich ist.
SPERLING im Interview
Anna: Hey ihr, cool, dass ihr euch die Zeit nehmt! Wie geht’s euch, seid ihr gut ins neue Jahr gerutscht?
SPERLING: Hey Anna, uns geht’s gut soweit! Wir sind natürlich sehr aufgeregt bei dem Blick auf das jetzt vor uns liegende Jahr. Bei uns steht viel an und wir hoffen darauf, dass der Release unseres Debütalbums so läuft, wie wir uns das gedacht haben.
Wir sind alle gut in das neue Jahr gekommen, nur natürlich viel stiller als normalerweise. Bei uns ist es inzwischen eine Tradition, dass wir Silvester als Band zusammen feiern. Malte und Luca haben um Weihnachten herum Geburtstag und wir sehen uns da einfach immer. Das ist halt leider alles ausgefallen, was natürlich mega schade war. Aber das ist natürlich nicht das Ende der Welt. Wir müssen halt gerade alle gegenseitig auf uns und unsere Mitmenschen aufpassen – und vielleicht klappt das Feiern am Ende dieses Jahres ja wieder. Und „nicht feiern können“ ist ja sowieso eher ein Luxusproblem.
Anna: Als kleine Vorstellung für diejenigen, die euch noch nicht kennen: Wer steckt hinter „Sperling“ und was für Musik macht ihr?
SPERLING: Wir sind fünf Jungs aus dem Rhein-Hunsrück-Kreis und machen Rapmusik kombiniert mit Indie- und Post-Hardcore-Elementen sowie einem Cello. Uns gibt’s seit 2013, allerdings damals noch unter anderem Bandnamen. Als 2015 dann Max am Bass zu uns kam, waren wir komplett und sind es bis heute. Wenn wir über unseren Sound reden, dann würden wir uns als eine Art Mischung aus Casper-ähnlichem Sprechgesang gepaart mit Fjørt-mäßigen Post-Hardcore-Wänden beschreiben. Wir stehen auf viel Wärme und Breite in unserem Sound, außerdem lieben wir den Reverb und den hölzernen Klang des Cellos.
„Was uns wirklich am schwersten fiel, war auf die Auftritte verzichten zu müssen.“
Anna: „SPERLING“ ist ja noch ganz frisch – im Mai letzten Jahres erst habt ihr euch für den neuen Bandnamen entschieden und damit ein ganz neues Kapitel aufgemacht. Wie war das letzte Jahr für euch, wie habt ihr all das wahrgenommen?
SPERLING: Es war natürlich keine leichte Aufgabe einen Bandnamen abzulegen, den wir schon so lange mit uns tragen. Aber wir sind sehr froh, dass wir es gemacht haben! Wir können jetzt vollkommen hinter diesem Namen stehen und sind glücklich, dass unser erstes Album nun endlich unter unserem neuen Namen veröffentlicht wird.
Das letzte Jahr war für uns kein leichtes Jahr. Ein neues Kapitel aufzumachen dauert seine Zeit und braucht viel Platz für Diskussionen. Man verbindet viele Erinnerungen mit dem alten Namen, aber es ist letztendlich auch nur ein Begriff. Wir selbst formen daraus, was er bedeuten soll. Wir sind ja immer noch dieselben. Außerdem hat sich unser Release um fast ein ganzes Jahr verschoben, und somit natürlich unser gesamter Zeitplan. Was uns wirklich am schwersten fiel, war auf die Auftritte verzichten zu müssen. Wir als Musiker lieben nichts mehr als draußen vor Leuten unsere Musik zu spielen und mit unserem Publikum und unserer Crew eine gute Zeit zu haben. So etwas lässt sich auch durch Livestreams leider nicht ganz ersetzen – auch wenn es natürlich eine gute Alternative war, um wenigstens irgendetwas spielen zu können.
Diese gewonnene Zeit haben wir aber auch genutzt, um uns neu aufzustellen. Wir haben die genialen Leute vom Label Uncle M und der Booking-Agentur Kingstar kennen gelernt und sind super glücklich mit ihnen zusammenzuarbeiten. Auch unser Musikverlag Kick The Flame ist mit ins Boot gerutscht. Mit ihnen allen konnten wir unseren Release komplett neu aufrollen.
„Die Produktion des Albums war für uns eine sehr intensive Zeit.“
Anna: Davor hattet ihr schon Singles und EPs draußen, aber jetzt kommt das Debütalbum „Zweifel“. So ein Release fühlt sich ja nochmal ganz anders an. Auf einer Skala von 1 bis 10, wie aufgeregt seid ihr, es in die Welt zu lassen?
SPERLING: Wir würden sagen, es ist schon eine 9! Wir sind schon sehr aufgeregt und freuen uns total darauf! Wir arbeiten seit fast zwei Jahren an diesem Album und es ist ein seltsames und auch großartiges Gefühl, es den Menschen endlich zeigen zu können.
Die Produktion des Albums war für uns eine sehr intensive Zeit. Wir haben uns viele Wochenenden alleine im Proberaum eingeschlossen. Aber auch mit unserem Produzenten Beray Habip haben wir viel Zeit, Mühe und auch Liebe in dieses Album gesteckt. Wir sind jetzt einfach nur froh, es endlich veröffentlichen zu können. Wir haben eine Woche vor der Produktion mit Beray ein Wohnmobil und ein großes Zelt aufgestellt und an den Songs geschraubt. Danach ging es dann mit ihm ins Studio und wir wussten so genau, was zu tun ist. Es war eine unfassbar produktive und gute Zeit.
Bei unseren beiden EPs war das damals eine ganz andere Sache. Auf deren Veröffentlichungen hatten wir uns nicht großartig vorbereitet, obwohl die Freude und der Spaß beim Produzieren natürlich auch da waren. Jetzt haben wir uns aber, wie gesagt, lange und intensiv vorbereitet und in Zukunft auch noch einige coole Sachen in der Rückhand. Eine Tour und Shows für 2021 sind ebenfalls geplant. Da können wir zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nichts Festes zu sagen, da wir natürlich alle nicht wissen, wie sich das Jahr so entwickeln wird.
„Es gibt Sachen, die man nicht hinter Metaphern und Bildern verstecken kann“
Anna: Welche Themen verarbeitet ihr auf „Zweifel“? Und was steckt hinter dem Albumtitel?
SPERLING: Unsere Texte beschäftigen sich hauptsächlich mit dem, was in unseren Köpfen vor sich geht. Unsere Geschichten handeln oft vom Zweifeln und daher kommt auch der Albumtitel. Der „Zweifel“ steckt einfach in jedem Song mit drin. Es geht um die Zweifel an uns selbst, unseren Entscheidungen, unserer Zukunft, und an der Gesellschaft an sich. Das allerdings auch immer mit dem Zeigefinger auf uns selbst, da wir ja selbst Teil dieser Gesellschaft sind.
Es gibt Sachen, die man nicht hinter Metaphern und Bildern verstecken kann, aber auch nicht für sich behalten will. Der Entstehungsprozess des Albums war deshalb keine leichte Aufgabe für unseren Leadsänger Jojo. Er musste sich intensiv mit seinen Dämonen beschäftigen, die in den Texten verarbeitet werden. Für uns persönlich war es immer ein großer Trost in einem Song zu hören, wie jemand genau das beschreibt, was in einem selbst vorgeht. Man fühlt sich verstanden und weniger alleine. Es hat uns geholfen, das Chaos in unseren Köpfen zu sortieren. Genau das wollen wir auch mit unseren Texten erreichen. Wir möchten gerne ein Sicherheitsnetz sein für diejenigen, die sich genauso fühlen, um ihnen zu zeigen, dass alles oft nur halb so schlimm ist. Man kann mit jeder Schwierigkeit und jedem Problem fertig werden.
Anna: Habt ihr einen Moment während des Albumprozesses, der besonders prägend war oder an den ihr euch gerne zurückerinnert?
SPERLING: Was einen Song betrifft, da fällt uns spontan Mond ein. Normalerweise ist es so, dass unser Gitarrist Malte ein grobes Instrumental für unsere Songs schreibt oder schon ein paar ausgearbeitete Ideen hat, die dann im Proberaum zum fertigen Song werden. Die Texte schreibt Jojo dann in der Regel auf das fertige (oder halbfertige) Instrumental. Bei Mond war es jedoch so, dass Jojo den fertigen Text schon geschrieben hatte und ihn erst mal nur für sich behielt. Es war der bis dahin persönlichste und auch emotionalste Text, den er bisher geschrieben hatte. In einer unserer Proben hat Max dann zufällig eine Bass-Melodie gespielt, eigentlich nur um den Sound zu testen. Jojo fiel aber direkt der Text ein, der perfekt darauf gepasst hat. In dieser Nacht ist dann Mond entstanden und heute ist er einer unserer Lieblingssongs auf dem Album.
Anna: Ihr als Band lebt ja, kann ich mir vorstellen, auch gerade für das Live-Auftreten. Wenn das wieder möglich ist, gibt es ein Lied, worauf ihr euch besonders freut, das dann live zu spielen?
SPERLING: Wir freuen uns eigentlich auf alle Songs. Wir haben im Moment sogar Bock, die Songs zu spielen, die wir schon seit fünf Jahren spielen, einfach um nochmal live auftreten zu können. Aber wenn wir uns entscheiden müssten, freuen wir uns auf die Songs am meisten, die wir noch nie live gespielt haben. Es ist fast schon ein wenig seltsam, all diese Songs, die wir schon seit so langer Zeit kennen und fertig haben, immer noch nicht live gespielt zu haben. Wir hoffen einfach, dass es bald wieder möglich ist und wir endlich wieder auf eine Bühne dürfen.
Anna: Unsere Schlussfrage geht ein bisschen abseits der Musik: Welches Buch habt ihr zuletzt gelesen, dass euch so gut gefallen hat, dass ihr es hier weiterempfehlen könnt?
SPERLING: Wir empfehlen „Metro 2033“ und auch die beiden Fortsetzungen. Es ist ein russisches Buch und spielt im postapokalyptischen Moskau, bzw. in den U-Bahntunneln von Moskau, da die normale Welt so starker Strahlung ausgesetzt ist, dass sie unbegehbar geworden ist. Die Geschichte erzählt von einem jungen Mann namens Artjom, der seine persönliche Reise quer durch die Metro in Moskau bestreiten muss. Die Geschichte und ihre Welt ist wahnsinnig düster und zeigt gut die Abgründe der postapokalyptischen Menschheit. Es gibt auch einige Parallelen zu unserer Zeit. Alternativ ist auch die Hörbuchversion fantastisch. Ist vielleicht nicht für jeden was, aber wer auf dieses Genre steht, ist mit dieser Geschichte bestens bedient.
Hört hier ins neue Album „Zweifel“ rein:
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Die erste Videopremiere in 2021 geht an niemand anderes als Alles-Könner und DIY-King (ganz knapp hinter Fynn Kliemann) Santans. Musiker, Producer, Videographer, Grafiker, Promoter – Chris Scott Pham ist alles. Neben seiner BandColor Comichat Chris mit Santans nun auch sein Soloprojekt wieder zum Leben erweckt und macht da, wie sollte es anders sein, auch alles selbst. Mesa Verdeist die zweite Singleauskopplung seiner im Februar erscheinenden EP ttt – time to think.
„Isolation puts me in a cage with my oldest enemy.”
Doch alles selbst machen trägt auch seine Konsequenzen mit sich. Überarbeitet, erschöpft und konfrontiert mit kreativen Blockaden und Selbstzweifeln startet er Anfang 2020 mit seinem Film-Projekt YSEASONSeinen Neubeginn. Doch kaum vier Monate später hatte auch dieser Neubeginn ein jähes Ende – ein Sturz, Hirn-OP und Intensivstation waren die Folge. Aus dieser Zeit und vor allem aus dieser aufgezwungenen Ruhe seiner Genesung brachte Chris sein Solo-Projekt Santans wieder auf den Weg. Ganz persönlich und intim nimmt er uns damit auf die Reise zurück zu sich selbst.
Und diese Reise führt in dem Musikvideo zum neuen Song in den Nationalpark Colorado mit dem Namen Mesa Verde. Santans nimmt die Ästhetik des Nationalparks mit in den Süden von Bayern und inszeniert dort inmitten der Natur den Kampf mit dem eigenen Teufel. Anfangs noch sehr entspannt auf dem steinigen Boden liegend, erblickt Santans im kleinen Handspiegel die teuflische Version seiner Selbst – dämonisch grinsend und mit weißer sandiger Farbe bedeckt. Doch im Spiegel soll sich sein innerer Dämon nicht lange verstecken. Wie in Horrorfilmen, einmal im Spiegel gesehen, ist der Schritt zur realen Begegnung nicht weit. Zur zweiten Strophe dann betritt die mit weiß bedeckter Farbe teuflische Personifikation Santans die ästhetische Berglandschaft. Und wenn ich ästhetisch sage, mein ich auch ästhetisch. Berge und Tannen harmonieren mit den Farben der Protagonisten und alles scheint eins.
Ein Tanz mit den Dämonen
Doch kurz zum Inhaltlichen, auch wenn man viel aus dem Video herauslesen kann. Mesa Verde handelt von dem Verlust zu seinem Selbst und dem Suchen nach dem eigentlichen Zuhause. Wenn man sich selbst verliert, wo fühlt man sich dann noch wohl? Wo gehört man hin?
Santans thematisiert die Konfrontation mit den eigenen Dämonen und dass beide schwer voneinander zu trennen sind. Man ist ständig im Kampf mit ihnen, versucht vor ihnen wegzurennen, sie zu ignorieren. Und doch sind sie da und in Zeiten, in denen es einem sowieso nicht so gut, gewinnen sie vielleicht die Oberhand. Mesa Verde zeigt dieses tanzende Zusammenspiel im roten Rauch, zwei Seiten, die man nicht voreinander trennen kann.
Doch genug mit bedeutungsvollen Metaphern und ästhetischen Bildern. Zum musikalischen: Mit ruhigen Gitarrentönen eröffnet Mesa Verde zu einem dreamigen Indiesong. Dann setzen Bass und Gitarre ein und geben dem ganzen eine bouncige, jazzige Struktur. Als Santans mit der ersten Strophe einsteigt, ist eine ganze Minute vergangen und ich bin jetzt schon Riesen-Fan des Riffs und Mesa Verde. Das Lied bricht immer wieder mit der Struktur, die Indie-Gitarren kommen wieder, erklingen vor leerem Raum und legen sich dann mit allem zusammen. Musikalisch passiert hier echt so einiges. Der Song befindet sich stetig im Wandel, zwischen ruhigen Gitarrenparts und aufbrechenden taktgebenden Bassriffs liegen nur ein paar Sekunden. Chris, i can see what you did here. Mesa Verde ist sowohl auf lyrischer und visueller als auch auf musikalischer Ebene ein Tanz mit den eigenen Dämonen.
Und damit schließe ich den dann doch sehr ausführlichen Aufsatz und lege euch das Video von Mesa Verde ans Herz. Und Santans, den natürlich sowieso.
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Wir sind Mei River schon lange eine ausführliche Empfehlung schuldig. Der Singer-Songwriter aus Schweden, der eigentlich Fredrik Eriksson heißt, macht einfach nur wunderschöne Musik. Letztes Jahr mit seiner Debüt-EP „Tall Trees Never Fall“ hat er sich schon auf unseren Radar geschlichen und seine neuste Single „On My Own“ hat dann den entscheidenden Stupser gegeben. Hier für euch nun endlich in einer ausführlichen Review.
On My Own schleicht sich in nur zehn Sekunden in mein Herz
Ganz inspiriert von der weltumgreifenden Pandemie, hat sich Mei River eine Gitarre geschnappt und einen Song über die Angst vor dem Alleinsein geschrieben. Passt also genau in die winterliche Lockdown-Mood, in der wir alle notgedrungen schwelgen. Draußen schneits, drinnen ballert die Heizung und die Lichterketten hängen auch noch. Vielleicht habt ihr euch einen Kakao zur Feier des Tages gemacht oder knabbert noch an übrig gebliebenen Lebkuchen von Weihnachten. Gedankenverloren macht ihr Spotify an (wir haben vielleicht bald genau die richtige Playlist dafür) und dann kommt On My Own. Die akustische Gitarrenmelodie wird sich ihren Weg in eure Herzen in genau 10 Sekunden schleichen. Zupfend öffnet sie ein paar Türen und späht erst hinein. Und dann ist Mei River auch schon drin.
Bevor ich mich ganz in gemalten Bildern von Herzen verlieren, komm ich vielleicht wieder zum Musikalischen zurück. On My Own beginnt sehr stripped down und mit nur einem taktgebenden Bass im Hintergrund. Mei Rivers Stimme legt sich sanft drüber und wickelt mich in einen Schlafsack aus Chor, hoher gezupfter Gitarrentöne und melodischen Strophen.
I don’t know who I wanna be
I don’t know where to go
felt like I’ve lost myself
Es geht um die innere Leere der Ungewissheit, wer man selbst ist und wo man eigentlich hinwill. Mei singt aber auch von der Angst mit dieser Ungewissheit alleine zu bleiben. Mitten in einer Pandemie ist es nicht einfach, sich in einer Existenzkrise zu verlieren und sich dann eben nicht einsam zu fühlen.
Nach eineinhalb Minuten gibt es einen kleinen Twist, Mei steigt aus seiner gesungenen Liedmelodie aus und schwere Klavierakkorde erheben sich. Alles wird ein bisschen lauter und bleibt trotzdem in dem musikalisch vorgesteckten Feld von On My Own. Das macht den Song zum Ende hin nicht nur noch mal richtig interessant, sondern gibt mir auch alles, was ich von einer melancholischen Januarballade erwarte. Kombiniert ist es einfach nur wunderschön.
I’m feeling ways
don’t know what to say
Baby I’m so alone
Hört hier in On My Own rein. Und wenn’s euch gefällt, dann hört auch in seine EP Tall Trees Never Fallrein, denn Mei kann auch ziemlich guten Indie-Pop. Aber alles natürlich mit der sanften Mei River Note. Und davon soll es dieses Jahr auch noch mehr geben, so munkelt man.
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Blackout Problems werden eurer 2021 aufrütteln. Mario, Marcus, Michi und Moritz (ich nenn sie manchmal die vier M’s) kommen aus München und sollten eigentlich schon auf eurem Radar sein. Wenn nicht, dann ist jetzt die perfekte Möglichkeit dazu. Mit ihrem dritten Album DARK haben sie eine Welt des Dark-Pops geschaffen, das nicht nur vom Klangbild überzeugt, sondern auch zu politischen Themen eine Meinung dalässt. Es geht um die Wut über eine Gesellschaft, die unfähig scheint, die Welt zu einem zukunftsfähigen Ort zu machen. Es geht aber auch um die Hoffnung, dass sie es vielleicht doch noch schafft. Eine Flut an Gefühlen von Wut, Verwirrung und Mitgefühl wird verpackt in rockige, laute, treibende aber auch poppige Songs. Die Gemeinsamkeit: alles klingt irgendwie dark.
2012 gegründet haben Blackout Problems 2018 mit KAOS für mich ein Album veröffentlicht, von dem ich nicht dachte, dass sie es drei Jahre später toppen können. Aber sie können’s. DARK lässt mich von vorne bis hinten Moshpits vermissen wie kaum ein anderes Release in diesen komischen Zeiten. Und oben drauf ist es auch einfach nur schön. Um meine Konzert-Vermissung also ein bisschen zu kompensieren, habe ich mich per Zoom mit Michi, dem Drummer der Band, getroffen. Wir haben lange und ausführlich um alles rund um’s Album geredet. Aber auch Fan-Fragen haben hier ihren Platz gefunden und am Ende gibt’s sogar ne Buchempfehlung. Ist also ein Lesen wert.
Blackout Problems im Interview
Anna: Hey! Cool, dass das geklappt hat. Wie bist du ins neue Jahr gekommen?
Michi: Hey! Ich hab Silvester mit meiner Freundin verbracht und wir haben auch echt gar nichts gemacht, einfach den Abend mit was Schönes zu Essen auf der Couch verbracht. Sie ist tatsächlich um zehn vor 12 eingeschlafen (lacht), ich hab sie nochmal geweckt, ihr ein gutes Neues gewünscht und bin dann auch kurze Zeit später eingeschlafen. Es war also sehr unspektakulär, was ich überhaupt nicht schlimm finde. Ich fands aber am nächsten Tag schlimmer, dass man einfach diesen sozialen Entzug so merkt. Vor allen an Silvester war’s doch bei mir zumindest jedes Jahr so, dass wir so 6-7 Personen an einem Ort waren. Das dann zu realisieren, dass das einfach fehlt, war hart.
Anna: Ja, das stimmt… In guten News aber: Ihr veröffentlicht jetzt euer neues Album „DARK“. Wie fühlst du dich dabei? Fühlt sich der Release anders an als die davor?
Michi: Boah ja, definitiv. Aus ganz vielen Gründen. Ich glaub, der offensichtlichste ist der, dass wir nicht unterwegs sein können. Das ist so ein riesen Teil unserer Band, deswegen ist das total komisch, das Album rauszubringen und kein direktes Feedback zu bekommen. Bei KAOS waren wir ja fünf Tage in Folge unterwegs und haben in so ganz kleinen Clubs gespielt. Das war total schön und auch wichtig für uns als Band. Und dass wir das jetzt nicht machen können, ist total komisch und super scheiße. Es ist einfach ne ziemlich harte Zeit für alle und es hat noch nie so sehr an uns gezehrt, ne Platte rauszubringen. Die Vorzeichen standen einfach noch nie schlechter (lacht). Aber das macht nichts, weil wir so einen krassen Drang verspürt haben, diese Songs zu releasen.
„Es war gar keine Zeit, irgendwie zu rasten“
Anna: Ich verfolg euch seit euerm letzten Album, KAOS. Das war 2018, seitdem ist viel passiert. Wie habt ihr eure Entwicklung der letzten zwei Jahre wahrgenommen?
Michi (überlegt): Ich find‘s schwierig, weil keiner von uns hatte Zeit, mal kurz aus der Blase auszusteigen und das irgendwie zu checken, was wir da eigentlich alles gemacht haben. Wir sind noch so tief drin in diesen Kosmos, den wir uns selbst aufgebaut haben, dass noch niemand ernsthaft mal draufgucken und das als Ganzes begreifen konnte. Nach der letzten KAOS-Tour Show, das war im Dezember 2018, sind wir eine Woche später auf ‘ne Hütte gefahren und haben direkt neue Songs geschrieben. Das heißt, es war auch gar keine Zeit irgendwie zu rasten. Für mich ist es deshalb auch gar keine so krasse Entwicklung, sondern einfach nur eine Weiterführung von der Entwicklung, die wir eh schon seit Tag 1 durchmachen.
Anna: Ich durfte schon reinhören und find’s einfach richtig gut. Es klingt treibender, definitiv wütender und fast schon explosiv. Trotzdem sind auch einfach nur schöne Songs mit dabei. Wie waren der kreative Prozess und das Erarbeiten des Konzepts von DARK?
Michi: In vielen Bands ist es ja so, dass jeder seinen Einfluss mitreinbringt. Da unsere Einflüsse aber teilweise so konträr und unterschiedlich sind, würde das Prinzip bei uns gar nicht funktionieren. Deswegen haben wir gesagt, „hey, lass für uns einen Begriff versuchen zu definieren, lyrisch und musikalisch, uns innerhalb von dieser Welt ausleben und da unsere Persönlichkeiten mit reinbringen“. Und da lag uns „dark“ irgendwie sehr nah. Anstatt also zu sagen, jeder bringt 25% von seinem Einfluss mit rein und wir gucken, was da bei rauskommt, haben wir eher geguckt, was wollen wir kollektiv machen? Was fühlen wir alle gemeinsam, wo können wir uns gemeinsam hinbewegen? Das war eher so die Herangehensweise bei DARK.
„Murderer war super als erstes Lebenszeichen!“
Anna: Ihr behandelt auf dem Album mehrere politische Forderungen – mehr Kampf gegen den Druck von rechts und mehr Kampf gegen den Klimawandel. Es scheint, als würden sich die Probleme immer weiter zuspitzen und es MUSS gehandelt werden. War das die wichtigste Message, die ihr mit dem neuen Album rüberbringen wolltet?
Michi: Für mich ist das alles so der Spiegel, den man als Künstler oder Musiker der Gesellschaft vorhalten kann, wenn man das will. Und das ist ja das, was wir machen. Wir gucken, was passiert, und das beeinflusst uns, wie es jeden Menschen auf der Welt auch beeinflusst. Ich glaub, die wichtigste Message von DARK ist einfach die, dass sich niemand komplett immun machen sollte gegen das, was auf der Welt passiert. Und wenn es Sachen gibt, die gerade brennen, wie die Klimakrise oder der Druck von rechts, wie du sagst, dann wär‘s uns am allerliebsten wenn die Leute das als Ansporn nehmen, um sich ein bisschen zu informieren und fragen, hey warum sind denn deren Ansichten so krass oder warum wird’s bei Murderer so beim Namen genannt? Uns ist einfach nur wichtig, dass man nie aufhört, zu denken und nicht sagen kann, das geht mich eigentlich gar nichts an.
Anna: Habt ihr euch deshalb auch für Murderer als erste Single-Auskopplung entschieden?
Michi: Ja…, den haben wir zwei Mal verschoben tatsächlich. Wenn man guckt, wann das Attentat auf Walter Lübke war… (überlegt und setzt neu an). Wir wollten es natürlich so nah wie möglich an dem Ereignis rausbringen. Deswegen sollte das die erste Single sein. Und weil wir den auf der Royal Republic Support-Tour gespielt haben und darauf sehr, sehr gute Resonanzen bekommen haben, aus komplett Europa irgendwie. Egal, wo wir den gespielt haben, war es immer „ey, das ist ein geiler Song!“ Das kann auch daran liegen, dass wir den immer als letzten gespielt haben, aber trotzdem war es für uns so das Gefühl, dass der Song was Besonderes ist. Er hebt sich irgendwie ab und war deshalb super als erstes Lebenszeichen.
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Anna: Das Musikvideo ist geprägt von Blut und verstörenden Bildern – ich find’s sehr eindrucksvoll.
Michi: (lacht) Und es funktioniert auch super bis auf Tik Tok! Tik Tok mag sowas nicht, ist richtig krass.
Anna: Ist es direkt gebannt worden?
Michi: Nee, das nicht, aber die Reichweite wurde extrem eingeschränkt. Richtig, richtig witzig. Deswegen haben wir’s auch bisschen aufgegeben, unsere Inhalte auf der Plattform zu streuen, weil die irgendwie zu krass reguliert werden. Kreative Freiheit, nichts wert. Naja. Egal, anderes Thema (lacht).
Anna: Bin im Tik Tok Game auch gar nicht drin… Aber ja (sortiere mich kurz). Genau, die visuelle Umsetzung scheint euch sehr wichtig zu sein. Ich finde, man sieht bei jedem Video, dass ihr euch sehr viele Gedanken drum macht. Woher kommen da eure Inspirationen bzw. wie weit seid ihr da kreativ mit eingebunden?
Michi: Das ist auch bandintern verschieden. Da gibt’s Menschen, die haben daran Interesse, es gibt andere, die haben gar kein Interesse daran. Ich muss sagen, mir ist es relativ wurst (lacht). Ich kann einfach schlecht bei jedem Bereich von Musik 100% reingeben, deshalb halt ich mich da bei manchen Sachen einfach raus. Und Thema Musikvideos, da haben wir einfach mit Bernie und Moritz Schinn zwei Freunde, die sich da gerne ausleben. Leider bin ich bei der Frage aber offensichtlich nicht der Richtige (lacht).
„Um der Platte ein bisschen Kontext zu geben, machen wir diese Doku“
Anna: Aber vielleicht kannst du zu einer anderen visuellen Umsetzung was sagen: Ihr habt auch eine DARK DAYS Dokumentation, in der ihr in mehreren Episoden euren Albumprozess begleitet habt. Warum habt ihr euch dazu entschieden, das so festzuhalten?
Michi: Wir hatten schon immer diesen Doku-Gedanken im Hinterkopf gehabt und haben den ja auch schon öfter in abgespeckter Variante umgesetzt. Aber jetzt bei den DARK DAYS wollten wir halt unbedingt was haben, was das alles begleitet. Weil wir, auch wenn‘s für uns persönlich musikalisch keine große Entwicklung war, schon gemerkt haben, dass das Album auf alle Fälle für die Leute so ein kleiner Brocken ist. Das ist jetzt nicht KAOS in 2021, das ist schon so ein bisschen viel Input auf einmal. Deshalb dachten wir, um der Platte ein bisschen Kontext zu geben, wo das herkommt, wo die Themen herkommen und wie das war für uns, machen wir diese Doku.
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Michi: Ja, ich hab tatsächlich eine Lieblingsepisode. Das ist die nächste, die kommt, die Black Lives Matter Episode. Aber jede Folge ist gut (lacht).
„Die Band ist mein Zuhause“
Anna: Weil wir dich gerade als Drummer hier haben und ich mich jetzt als ein Riesen-Fan deiner Art, Schlagzeug zu spielen, oute: Hast du das Gefühl, dass du dich mit der Band weiterentwickelst und auch neue Sachen ausprobieren kannst?
Michi: Aw, vielen Dank. Ja, definitiv. Ich hab ganz viele musikalische Interessen und auch an Projekten außerhalb von Blackout Problems. Aber diese Band ist auf jeden Fall mein zuhause und ich bin da schon extrem viel gewachsen. Ich hab da ganz, ganz viel gelernt und Gott sei Dank auch den Raum bekommen, meinen eigenen Stil entwickeln zu können. Viele Schlagzeuger spielen in Bands, die sehr von oben herab geführt werden und wo sehr geguckt wird, dass du nur der reine Taktgeber bist. Und das war schon von Anfang so bei Blackys, dass ich mehr sein konnte, durfte und auch sollte als nur das. Und das ist ein ganz wichtiger Freiraum, der mir da gegeben wurde und ohne den hätte ich mich auch niemals so weiterentwickeln können. Von daher, ja definitiv.
Anna: Welches Lied lässt dich live am meisten auspowern? Gibt’s ein Song, nach dem du wirklich tot bist?
Michi (lacht): Ich weiß nicht, was es ist, aber ich leg mir manchmal so ein paar Eier. Ich versuch im Studio immer dran zu denken, dann auch Sachen zu spielen, von denen ich weiß, die kann ich auch nach zwei Wochen auf Tour mit irgendwie nur drei Stunden Schlaf noch spielen. Es klappt aber nie. Irgendwie bin ich dann doch so, dass ich dann einfach aus meinem Anspruch heraus was für mich total Forderndes spielen will. Wie das Outro von Darling, der komplette Song Ghost oder Sachen bei Lady Earth. Da merk ich jetzt schon bei den Proben für die Live-Sessions, puh, das ist hart. Difference ist tatsächlich jedes Mal wirklich nicht einfach, Charles ist ein kompletter Schmarrn, keine Ahnung, warum ich das im Studio so eingespielt hab (lacht)
Anna: Weil’s sich gut anhört!
Michi: Ja klar, aber man denkt halt im Studio nie an live und das soll ja live auch Spaß machen. Du sollst da ja nicht oben sitzen und denken fuck ich will den Song nicht spielen, weil ich schaffs körperlich nicht. Das ist ein blödes Gefühl. Aber es macht auch irgendwie süchtig, das zu pushen und zu schauen, wo ist das Limit, kann ich das noch ein bisschen verschieben nach hinten. Also ja, es gibt viele und man wird’s auf alle Fälle live merken, wenn wir wieder live spielen, was die Songs sind, die ein bisschen problematisch sind (lacht).
Anna: Als letzte Fragen haben wir ganz off topic eine Buchempfehlung. Weil wir alle sagen immer „wir müssen mehr lesen“, aber oft bleibt man einfach auf Netflix oder Insta hängen. Deshalb hier die Frage jetzt: Welches Buch hat dich zuletzt richtig vom Hocker gehauen?
Michi: The PMA-Effect von John Jospeh, Sänger von den Cro-Mags, das ist ganz toll. Was ich gerade lese ist Why You Should Quit Social Media, das kann ich auf jeden Fall empfehlen. Nicht, weil man unbedingt Social Media quiten muss, sondern weil es einfach interessant ist, zu sehen, wie das Ding aufgebaut ist, was es mit deiner mentalen Gesundheit macht, wie Werbung funktioniert, usw. Ich find nämlich jetzt, gerade in Corona-Zeiten, wo alle Richtung digital rennen, voll wichtig, einfach Bescheid zu wissen, was das mit einem macht.
Hört hier in das Album rein und wir moshen in Gedanken zusammen:
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LEISURE heißt übersetzt „Freizeit“ – und das passt ziemlich gut zu der fünfköpfigen Band aus Neuseeland. Nach zwei erfolgreichen Alben kam Ende Oktober nun die erste von zwei EPs: LEISURE SIDE A.Entstanden in Paris und somit ziemlich weit weg von zuhause bildet SIDE A den Start eines neuen Kapitels.
Wer leicht verträumten Bedroom-Indie mag, ist hier genau richtig. Ich wage zu behaupten, dass sich Fans von den Rikasoder Parcelssich hier wohlfühlen. Denn darum geht’s den fünf aus dem fernen Down Under auch. Einfach Musik machen, die entspannt und zum Hängen mit Freunden einlädt. Damit wir sie alle ein bisschen besser kennenlernen, hab ich LEISURE zu einem Interview eingeladen. Es gibt eine sehr interessante und Bandgeschichte, sympathische Anekdoten aus der EP-Entstehung und ein Einblick in die Covid-Situation auf der anderen Seite der Welt.
LEISURE im Interview
Anna: Hey guys! First off, thank you for taking the time to talk to me. How are you?
LEISURE: We’re really good, thanks! Here in NZ we are currently covid-free (knock on wood) and have just played a show to a real live audience for the first time since the start of the year so we are stoked. Feels good to be back!
Anna: You’re five artists from New Zealand, coming together in you band called LEISURE. What can you tell us about yourself? What kind of music do you make and how did you find your way to making music together?
LEISURE: We didn’t start off wanting to create a band – it all happened very naturally. Jaden had invited us all away to a house he’d rented by the beach for a week to write some music. We weren’t writing for anyone in particular and we weren’t writing as LEISURE but by the end of that week we realised we had something special. Even though we didn’t even know each other that well at the time, we’d all played in other bands that crossed paths at some point, we just ended up getting along really well. We put a song on Soundcloud and then joked about doing a gig and it just snowballed from there!
We’re just 5 friends who enjoy getting together and making music. LEISURE is a project we do for fun. We all have our own careers so it means that we don’t have the same pressures as other bands/groups trying to ‘make it’ – we have the freedom to just release the music we want without worrying about the numbers.
„Definitely a surreal experience“
Anna: What is it that you aim for with your songs? What are the messages and vibes you want to convey/create?
LEISURE: Our best songs manage to capture the vibe of the 5 of us hanging out and having fun. I think we want to convey the feeling that we get when we go away to a secluded coastal town somewhere in NZ and can just be free to create. Hopefully when people listen to our music that’s the vibe they get.
Anna: You already released two albums, what was your process for this EP? What impact did Covid have on this project?
LEISURE: This EP had the same process as the other albums except this time we wrote a bunch of the songs in France. When we put out our very first single we joked about making the second album in the South of France so when we got the chance to do our European tour we booked some time at the end of it to write some songs. It may not have been for our second album but we did get there eventually – definitely a surreal experience. By the time we entered our first lockdown in March we had plenty of material to finish off. It was a lot of emailing songs back and forth and trying to do sessions over zoom. Not our usual way of working but we managed to get the songs to a place where we can meet up and finish them together.
„We have to stay optimistic“
Anna: I know that all the Corona talk is tiring sometimes, but as you’re on the complete opposite side of the world, I’m curious: How was the lockdown for you? Are you still concerned or optimistic towards the future, especially in the music industry that depends of being able to play live?
LEISURE: We’ve been through a couple of lockdowns now and this second one was a little tougher mentally. I think it’s because we got used to having things back to normal! For me personally, I quite liked lockdown because I was able to be at home with my 9 months old baby which was actually really nice. I’m used to spending all my days in a small studio anyway, so lockdown isn’t that much different!
I think we have to stay optimistic in regards to the future of the music industry. It’s going to take a while to get back to where we were (if we ever do get back to normal) but we’ll figure out a way. We’d love to do a European tour again sometimes in the next year or two.
Anna: Do you have a funny anecdote from recording/writing EP you could share with us?
LEISURE: We wrote Slipping Away the night the All Blacks (NZ Rugby team) got kicked out of the rugby world cup. I’m not usually a huge rugby fan but even I was gutted. It completely sucked the energy out of the night and we were going to wrap up our session when, out of the blue, Jaden started playing what was about to become the Slipping Away guitar riff, almost as a joke because we were all so depressed. Everyone got so excited and we ended up finishing the whole song that night!
Anna: Last question is always a blank space with us, so feel free to say anything you want here!
LEISURE: Wear a mask and wash your hands! We want to come and play some shows for you as soon as we can! 😊
Hier die EP zum Reinhören: mein Anspieltipp direkt Slipping Away
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