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Blackout Problems im Interview: »Die Vorzeichen standen noch nie schlechter.«

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Blackout Problems werden eurer 2021 aufrütteln. Mario, Marcus, Michi und Moritz (ich nenn sie manchmal die vier M’s) kommen aus München und sollten eigentlich schon auf eurem Radar sein. Wenn nicht, dann ist jetzt die perfekte Möglichkeit dazu. Mit ihrem dritten Album DARK haben sie eine Welt des Dark-Pops geschaffen, das nicht nur vom Klangbild überzeugt, sondern auch zu politischen Themen eine Meinung dalässt. Es geht um die Wut über eine Gesellschaft, die unfähig scheint, die Welt zu einem zukunftsfähigen Ort zu machen. Es geht aber auch um die Hoffnung, dass sie es vielleicht doch noch schafft. Eine Flut an Gefühlen von Wut, Verwirrung und Mitgefühl wird verpackt in rockige, laute, treibende aber auch poppige Songs. Die Gemeinsamkeit: alles klingt irgendwie dark.

2012 gegründet haben Blackout Problems 2018 mit KAOS für mich ein Album veröffentlicht, von dem ich nicht dachte, dass sie es drei Jahre später toppen können. Aber sie können’s. DARK lässt mich von vorne bis hinten Moshpits vermissen wie kaum ein anderes Release in diesen komischen Zeiten. Und oben drauf ist es auch einfach nur schön. Um meine Konzert-Vermissung also ein bisschen zu kompensieren, habe ich mich per Zoom mit Michi, dem Drummer der Band, getroffen. Wir haben lange und ausführlich um alles rund um’s Album geredet. Aber auch Fan-Fragen haben hier ihren Platz gefunden und am Ende gibt’s sogar ne Buchempfehlung. Ist also ein Lesen wert.  

 
Blackout Problems im Interview

Anna: Hey! Cool, dass das geklappt hat. Wie bist du ins neue Jahr gekommen?

Michi: Hey! Ich hab Silvester mit meiner Freundin verbracht und wir haben auch echt gar nichts gemacht, einfach den Abend mit was Schönes zu Essen auf der Couch verbracht. Sie ist tatsächlich um zehn vor 12 eingeschlafen (lacht), ich hab sie nochmal geweckt, ihr ein gutes Neues gewünscht und bin dann auch kurze Zeit später eingeschlafen. Es war also sehr unspektakulär, was ich überhaupt nicht schlimm finde. Ich fands aber am nächsten Tag schlimmer, dass man einfach diesen sozialen Entzug so merkt. Vor allen an Silvester war’s doch bei mir zumindest jedes Jahr so, dass wir so 6-7 Personen an einem Ort waren. Das dann zu realisieren, dass das einfach fehlt, war hart.

Anna: Ja, das stimmt… In guten News aber: Ihr veröffentlicht jetzt euer neues Album „DARK“. Wie fühlst du dich dabei? Fühlt sich der Release anders an als die davor?

Michi: Boah ja, definitiv. Aus ganz vielen Gründen. Ich glaub, der offensichtlichste ist der, dass wir nicht unterwegs sein können. Das ist so ein riesen Teil unserer Band, deswegen ist das total komisch, das Album rauszubringen und kein direktes Feedback zu bekommen. Bei KAOS waren wir ja fünf Tage in Folge unterwegs und haben in so ganz kleinen Clubs gespielt. Das war total schön und auch wichtig für uns als Band. Und dass wir das jetzt nicht machen können, ist total komisch und super scheiße. Es ist einfach ne ziemlich harte Zeit für alle und es hat noch nie so sehr an uns gezehrt, ne Platte rauszubringen. Die Vorzeichen standen einfach noch nie schlechter (lacht). Aber das macht nichts, weil wir so einen krassen Drang verspürt haben, diese Songs zu releasen.

 
„Es war gar keine Zeit, irgendwie zu rasten“

Anna: Ich verfolg euch seit euerm letzten Album, KAOS. Das war 2018, seitdem ist viel passiert. Wie habt ihr eure Entwicklung der letzten zwei Jahre wahrgenommen?

Michi (überlegt): Ich find‘s schwierig, weil keiner von uns hatte Zeit, mal kurz aus der Blase auszusteigen und das irgendwie zu checken, was wir da eigentlich alles gemacht haben. Wir sind noch so tief drin in diesen Kosmos, den wir uns selbst aufgebaut haben, dass noch niemand ernsthaft mal draufgucken und das als Ganzes begreifen konnte. Nach der letzten KAOS-Tour Show, das war im Dezember 2018, sind wir eine Woche später auf ‘ne Hütte gefahren und haben direkt neue Songs geschrieben. Das heißt, es war auch gar keine Zeit irgendwie zu rasten. Für mich ist es deshalb auch gar keine so krasse Entwicklung, sondern einfach nur eine Weiterführung von der Entwicklung, die wir eh schon seit Tag 1 durchmachen.

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Anna: Ich durfte schon reinhören und find’s einfach richtig gut. Es klingt treibender, definitiv wütender und fast schon explosiv. Trotzdem sind auch einfach nur schöne Songs mit dabei. Wie waren der kreative Prozess und das Erarbeiten des Konzepts von DARK?

Michi: In vielen Bands ist es ja so, dass jeder seinen Einfluss mitreinbringt. Da unsere Einflüsse aber teilweise so konträr und unterschiedlich sind, würde das Prinzip bei uns gar nicht funktionieren. Deswegen haben wir gesagt, „hey, lass für uns einen Begriff versuchen zu definieren, lyrisch und musikalisch, uns innerhalb von dieser Welt ausleben und da unsere Persönlichkeiten mit reinbringen“. Und da lag uns „dark“ irgendwie sehr nah. Anstatt also zu sagen, jeder bringt 25% von seinem Einfluss mit rein und wir gucken, was da bei rauskommt, haben wir eher geguckt, was wollen wir kollektiv machen? Was fühlen wir alle gemeinsam, wo können wir uns gemeinsam hinbewegen? Das war eher so die Herangehensweise bei DARK.

 
Murderer war super als erstes Lebenszeichen!“

Anna: Ihr behandelt auf dem Album mehrere politische Forderungen – mehr Kampf gegen den Druck von rechts und mehr Kampf gegen den Klimawandel. Es scheint, als würden sich die Probleme immer weiter zuspitzen und es MUSS gehandelt werden. War das die wichtigste Message, die ihr mit dem neuen Album rüberbringen wolltet?

Michi: Für mich ist das alles so der Spiegel, den man als Künstler oder Musiker der Gesellschaft vorhalten kann, wenn man das will. Und das ist ja das, was wir machen. Wir gucken, was passiert, und das beeinflusst uns, wie es jeden Menschen auf der Welt auch beeinflusst. Ich glaub, die wichtigste Message von DARK ist einfach die, dass sich niemand komplett immun machen sollte gegen das, was auf der Welt passiert. Und wenn es Sachen gibt, die gerade brennen, wie die Klimakrise oder der Druck von rechts, wie du sagst, dann wär‘s uns am allerliebsten wenn die Leute das als Ansporn nehmen, um sich ein bisschen zu informieren und fragen, hey warum sind denn deren Ansichten so krass oder warum wird’s bei Murderer so beim Namen genannt? Uns ist einfach nur wichtig, dass man nie aufhört, zu denken und nicht sagen kann, das geht mich eigentlich gar nichts an.

Anna: Habt ihr euch deshalb auch für Murderer als erste Single-Auskopplung entschieden?

Michi: Ja…, den haben wir zwei Mal verschoben tatsächlich. Wenn man guckt, wann das Attentat auf Walter Lübke war… (überlegt und setzt neu an). Wir wollten es natürlich so nah wie möglich an dem Ereignis rausbringen. Deswegen sollte das die erste Single sein. Und weil wir den auf der Royal Republic Support-Tour gespielt haben und darauf sehr, sehr gute Resonanzen bekommen haben, aus komplett Europa irgendwie. Egal, wo wir den gespielt haben, war es immer „ey, das ist ein geiler Song!“ Das kann auch daran liegen, dass wir den immer als letzten gespielt haben, aber trotzdem war es für uns so das Gefühl, dass der Song was Besonderes ist. Er hebt sich irgendwie ab und war deshalb super als erstes Lebenszeichen.

Anna: Das Musikvideo ist geprägt von Blut und verstörenden Bildern – ich find’s sehr eindrucksvoll.

Michi: (lacht) Und es funktioniert auch super bis auf Tik Tok! Tik Tok mag sowas nicht, ist richtig krass.

Anna: Ist es direkt gebannt worden?

Michi: Nee, das nicht, aber die Reichweite wurde extrem eingeschränkt. Richtig, richtig witzig. Deswegen haben wir’s auch bisschen aufgegeben, unsere Inhalte auf der Plattform zu streuen, weil die irgendwie zu krass reguliert werden. Kreative Freiheit, nichts wert. Naja. Egal, anderes Thema (lacht).

Anna: Bin im Tik Tok Game auch gar nicht drin… Aber ja (sortiere mich kurz). Genau, die visuelle Umsetzung scheint euch sehr wichtig zu sein. Ich finde, man sieht bei jedem Video, dass ihr euch sehr viele Gedanken drum macht. Woher kommen da eure Inspirationen bzw. wie weit seid ihr da kreativ mit eingebunden?

Michi: Das ist auch bandintern verschieden. Da gibt’s Menschen, die haben daran Interesse, es gibt andere, die haben gar kein Interesse daran. Ich muss sagen, mir ist es relativ wurst (lacht). Ich kann einfach schlecht bei jedem Bereich von Musik 100% reingeben, deshalb halt ich mich da bei manchen Sachen einfach raus. Und Thema Musikvideos, da haben wir einfach mit Bernie und Moritz Schinn zwei Freunde, die sich da gerne ausleben. Leider bin ich bei der Frage aber offensichtlich nicht der Richtige (lacht).

 
„Um der Platte ein bisschen Kontext zu geben, machen wir diese Doku“

Anna: Aber vielleicht kannst du zu einer anderen visuellen Umsetzung was sagen: Ihr habt auch eine DARK DAYS Dokumentation, in der ihr in mehreren Episoden euren Albumprozess begleitet habt. Warum habt ihr euch dazu entschieden, das so festzuhalten?

Michi: Wir hatten schon immer diesen Doku-Gedanken im Hinterkopf gehabt und haben den ja auch schon öfter in abgespeckter Variante umgesetzt. Aber jetzt bei den DARK DAYS wollten wir halt unbedingt was haben, was das alles begleitet. Weil wir, auch wenn‘s für uns persönlich musikalisch keine große Entwicklung war, schon gemerkt haben, dass das Album auf alle Fälle für die Leute so ein kleiner Brocken ist. Das ist jetzt nicht KAOS in 2021, das ist schon so ein bisschen viel Input auf einmal. Deshalb dachten wir, um der Platte ein bisschen Kontext zu geben, wo das herkommt, wo die Themen herkommen und wie das war für uns, machen wir diese Doku.

Anna: Hast du eine Lieblingsepisode?

Michi: Ja, ich hab tatsächlich eine Lieblingsepisode. Das ist die nächste, die kommt, die Black Lives Matter Episode. Aber jede Folge ist gut (lacht).

 
„Die Band ist mein Zuhause“

Anna: Weil wir dich gerade als Drummer hier haben und ich mich jetzt als ein Riesen-Fan deiner Art, Schlagzeug zu spielen, oute: Hast du das Gefühl, dass du dich mit der Band weiterentwickelst und auch neue Sachen ausprobieren kannst?

Michi: Aw, vielen Dank. Ja, definitiv. Ich hab ganz viele musikalische Interessen und auch an Projekten außerhalb von Blackout Problems. Aber diese Band ist auf jeden Fall mein zuhause und ich bin da schon extrem viel gewachsen. Ich hab da ganz, ganz viel gelernt und Gott sei Dank auch den Raum bekommen, meinen eigenen Stil entwickeln zu können. Viele Schlagzeuger spielen in Bands, die sehr von oben herab geführt werden und wo sehr geguckt wird, dass du nur der reine Taktgeber bist. Und das war schon von Anfang so bei Blackys, dass ich mehr sein konnte, durfte und auch sollte als nur das. Und das ist ein ganz wichtiger Freiraum, der mir da gegeben wurde und ohne den hätte ich mich auch niemals so weiterentwickeln können. Von daher, ja definitiv.

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Anna: Welches Lied lässt dich live am meisten auspowern? Gibt’s ein Song, nach dem du wirklich tot bist?

Michi (lacht): Ich weiß nicht, was es ist, aber ich leg mir manchmal so ein paar Eier. Ich versuch im Studio immer dran zu denken, dann auch Sachen zu spielen, von denen ich weiß, die kann ich auch nach zwei Wochen auf Tour mit irgendwie nur drei Stunden Schlaf noch spielen. Es klappt aber nie. Irgendwie bin ich dann doch so, dass ich dann einfach aus meinem Anspruch heraus was für mich total Forderndes spielen will. Wie das Outro von Darling, der komplette Song Ghost oder Sachen bei Lady Earth. Da merk ich jetzt schon bei den Proben für die Live-Sessions, puh, das ist hart. Difference ist tatsächlich jedes Mal wirklich nicht einfach, Charles ist ein kompletter Schmarrn, keine Ahnung, warum ich das im Studio so eingespielt hab (lacht)

Anna: Weil’s sich gut anhört!

Michi: Ja klar, aber man denkt halt im Studio nie an live und das soll ja live auch Spaß machen. Du sollst da ja nicht oben sitzen und denken fuck ich will den Song nicht spielen, weil ich schaffs körperlich nicht. Das ist ein blödes Gefühl. Aber es macht auch irgendwie süchtig, das zu pushen und zu schauen, wo ist das Limit, kann ich das noch ein bisschen verschieben nach hinten. Also ja, es gibt viele und man wird’s auf alle Fälle live merken, wenn wir wieder live spielen, was die Songs sind, die ein bisschen problematisch sind (lacht).

Anna: Als letzte Fragen haben wir ganz off topic eine Buchempfehlung. Weil wir alle sagen immer „wir müssen mehr lesen“, aber oft bleibt man einfach auf Netflix oder Insta hängen. Deshalb hier die Frage jetzt: Welches Buch hat dich zuletzt richtig vom Hocker gehauen?

Michi: The PMA-Effect von John Jospeh, Sänger von den Cro-Mags, das ist ganz toll. Was ich gerade lese ist Why You Should Quit Social Media, das kann ich auf jeden Fall empfehlen. Nicht, weil man unbedingt Social Media quiten muss, sondern weil es einfach interessant ist, zu sehen, wie das Ding aufgebaut ist, was es mit deiner mentalen Gesundheit macht, wie Werbung funktioniert, usw. Ich find nämlich jetzt, gerade in Corona-Zeiten, wo alle Richtung digital rennen, voll wichtig, einfach Bescheid zu wissen, was das mit einem macht.

 

Hört hier in das Album rein und wir moshen in Gedanken zusammen:

 

Fotocredit für die Bandpics geht raus an Moe Schinn.

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