Autor: Anna

  • BRKN beweist mit „Jede Nacht“ wie gut Deutschrap eigentlich klingen kann

    BRKN beweist mit „Jede Nacht“ wie gut Deutschrap eigentlich klingen kann

    Die souligste Stimme des Deutschraps ist zurück! BRKN ist back in the game, seine lange Nächte im Studio haben sich endlich ausgezahlt. Was sich als außenstehende Person, die sich nur mit Insta Stories up to date gehalten hat, wie Jahre angefühlt hat, hat auch Jahre gedauert. Nach seinem renommierten Album Einzimmervilla aus 2017 und erfolgreichen Touren war es lange still um den Kreuzberger Rapper und Multiinstrumenten. Seitdem ist viel Zeit vergangen bis Ende Februar endlich eine neue Single mit Albumankündigung für April erschien: Jede Nacht ist wirklich alles, was ich sowohl erwartet als auch erhofft habe und vielleicht auch ein kleines bisschen mehr.


    BRKN fegt durch den Deutschrap, bitte macht Platz

    Wenn man BRKN nicht kennt, sollte man sich seine Musik spätestens jetzt einmal geben, weil auch wenn der Begriff „Deutschrap“ super abschreckend für unsere kleine Indie-Bubble wirkt (nicht unsere Schuld), so ist es hier alle mal wert, reinzuhören. BRKN verbindet, talentiert wie er ist, Rap, R’n’B, eine Spur von Neo-Soul und das Gefühl für poppige Melodien in einer Person. Mit sechs fing er an, Klavier zu lernen, mit neun dann Saxophon und weitere Instrumente folgten. Als Rapper kombiniert er alle Genres in einem einzigartigen Klang, der einem, wenn man die Ehre hatte, ihn einmal live zu sehen, immer ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Garantiert. BRKN ist nämlich nicht nur ein super talentierter Typ, sondern auch ein unfassbar sympathischer.

    So viel zur kleinen Short-Bio. Let’s talk about the music. Das wirklich ziemlich gute Musikvideo von Jede Nacht fängt an mit BRKN am Klavier, einem wirklich edlen Klavier, und ich finds nach nur vier Takten schon völlig geil, dabei ist noch gar nichts passiert. Das ist einfach nur der Song in seiner Rohfassung, die sechs (ich hoffe, ich hab richtig gezählt) Grundakkorde, auf denen dann BRKNs soulige Stimme direkt mit dem Refrain einsteigt:


    Ich hab nicht ma‘ überlegt, nur gemacht
    Nie danach gelebt, was jemand sagt
    Ersticke in Problemen, die Seele platz
    Doch erwache zum Leben, jede Nacht


    Dann ein Twist, der klassische Piano-Vibe ist weg, stattdessen gibt’s n Beat. Und was für einen. Langsam schleicht er sich ein und wird getragen von BRKNs Flow. Als der Bass droppt und auch BRKNs Rap Part vor Energie platzt, hab ich wirklich das Gefühl, mir werden hier knapp drei Jahre harte Studio-Arbeit ins Gesicht geschleudert. So geil kann Deutschrap halt einfach klingen. Shoutout an seine Mit-Produzenten Jumpa und Miksu ist hier absolut angebracht. BRKN und der Beat sind eins, diese Musik lebt. Sie lebt, sie atmet, sie gibt sich völlig aus.

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    „Mein größter Feind bin immer noch ich selbst“

    Diese komische Metapher, die ich gerade spontan aufgemacht hab, ergibt aber tatsächlich super viel Sinn. Jede Nacht ist kein Song produziert für die Charts oder Modus Mio Streams. Jede Nacht ist ein Einblick in BRKNs letzte Jahre. Es ist ein Einblick in seine persönlichen Struggles, in seine Selbstzweifel und seinen stetigen Kampf mit sich selbst. Doch so traurig das ist, was der Inhalt anklingen lässt, so ist Jede Nacht auch einfach ein Power-Song. Es ist immer noch der BRKN, der Musik aus Liebe macht, um Menschen zu erreichen und zum Tanzen zu bringen. Der, der das Leben spürt, ob in seinem blitzblank geputzten Golf 6 oder im Royce:


    Denk‘ nicht drüber nach, was ihr redet, was ihr wollt
    Ich wollte nur Liebe, nein, ich wollte nie Erfolg
    Berkanito hängt die Einser aus dem Fenster von ’nem Royce
    Scheiß‘ auf euer Geld, ich hab‘ ’n Herz aus purem Gold

    Tret‘ den Wagen nachts um drei und ich le-eb‘
    Du willst raus, komm, ich zeig‘ dir, wie’s geht
    Steig ein, mon ami, jetzt oder nie
    Es zählt nur die Action, alles andre ist Fantasie


    Ich fühle hier auf meiner Forever-Lockdown Couch einfach die gleiche Energie, die er wahrscheinlich hatte als er den Song produziert hat. Wenn Live mal irgendwann wieder richtig möglich ist, wird BRKN mit diesem Song jeden Club Deutschlands auseinandernehmen. Beweisstück A ist sein Live-Auftritt vor ein paar Tagen beim ZDF Royale. Absoluter Herzens-Hinweis von mir an dieser Stelle: Wartet auf den Schluss! 🎷 🎷 🎷

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    Das neue Album „Drama“ kommt am 23.06.21

    Fotocredit: Ferhat Topal

  • Exklusive Videopremiere: au’lyla und „Little Dragon“

    Exklusive Videopremiere: au’lyla und „Little Dragon“

    Heute gibt es elektronisch pulsierende Beats auf die Ohren mit einem Video, das einen kleinen Drachen featured. Das ist vielleicht der beste Einleitungssatz, den ich dieses Jahr geschrieben habe. Wir dürfen präsentieren: Die offizielle Videopremiere von der neuen Single Little Dragon des Geheimtipps aus Hamburg au’lyla.

     
    Indie Elektro Art Pop – ja, das ist ein Genre

    au’lyla sind die vier Freunde Isa, Annika, Hannah und Lars aus Hamburg. Sie machen Indie Elektro Art Pop und beweisen, dass Kreativität in der Musik wirklich grenzenlos ist. Immer mit der Liebe zum Indie in der Hinterhand, spielen sie mit so viel weiteren Sounds und Gegensätzen, dass sie, so schnell kann man gar nicht gucken, mal eben was komplett Eigenes erschaffen. Ich darf ganz kurz aus dem Pressekit der Band zitieren: „Der Sound von au’lyla erinnert mal an Sylvan Esso, mal an Ätna oder Fever Rayund erzeugt dann doch ein ganz eigenes Universum“. Und in dieses Universum darf ich euch jetzt mitnehmen.

    Die neue Single Little Dragon ist wie die zwei vorherigen Single-Releases Doorway und Insights ein weiterer Vorbote für das Debütalbum der Band, das dieses Jahr erscheint. Obwohl es sich musikalisch sehr unterscheidet (dazu kommen wir gleich), knüpft es visuell an das Musikvideo von Insights an. Und nein, es war kein Clickbait, es geht wirklich um einen kleinen, süßen Drachen. Twist aber: Das Video ist in kompletter Eigenregie als Scherenschnitt-Video entstanden. Als würde das den kleinen Drachen weniger süß machen – im Gegenteil. Alle Elemente des Videos sind mit Hand gefertigt, ausgeschnitten und werden für das Video mit unsichtbarer Hand bewegt. Es ist wie ein kleines Schattenspiel mit echten Materialen. Art halt.

    In dem Musikvideo von Insights werden wir in die Geschichte des Monsters eingeführt. Ja, ihr habt richtig gelesen. Hier geht es nicht nur um einen kleinen Drachen, sondern erst um ein Monster. Ein Monster, das irgendwie immer ganz traurig aussieht, Freunde sucht, aber keine findet, und allgemein ein paar Struggles mit sich selbst durchläuft. Auch wenn das sehr nach einer Kinderstory klingt, so erwärmt sich mein Herz mit knapp 25 auch noch ganz schön doll. Am Ende des Insights Videos kommen wir zum ersten Mal in Kontakt mit dem kleinen Drachen, um den es heute geht.

     
    Posaunen zum Weltuntergang

    Das Musikvideo von Little Dragon ist ebenfalls im Scherenschnitt-Eigenregie entstanden und begleitet den kleinen Drachen auf seiner Reise. Ich muss wirklich sagen, wenn man sich drauf einlässt, ist es einfach geil. Man kann einfach sehen, wie viel Mühe und Zeit hier rein investiert wurde. Alle vier haben in ihrer WG an Zeichnungen gearbeitet und das Schattenkino zum Leben erweckt. Und das könnt ihr euch hier angucken:

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    Zum Musikalischen: Little Dragon beginnt mit einem versetzten Techno-Beat, der so pulsierend ist, dass ich, obwohl es nicht meine Szene ist, einen verschwitzten, kleinen Berliner Techno-Club herbeisehne. Hypnotisierend fügen sich immer mehr Sounds dem Gesamtklang an, dass ich nicht merke wie eineinhalb Minuten vergehen, ohne dass jemand gesungen hat. Hört man au’lyla zum ersten Mal, könnte man sich ganz verstutzt fragen, wieso da „Indie“ im Genre mit drinsteht. Aber genau das ist das Interessante an der Band. Das ist kein Song für die Charts, das ist Musik als experimentelle Kunstform. Einfach mal mit Genres spielen, Leute für eineinhalb Minuten auf einen Techno-Beat auflaufen lassen, um dann doch mit einer melodischen Leadstimme zu kontern.

    Little Dragon follow me to the sky
    The end is coming so you better learn to fly!
    More of a scream then a whisper
    You hear it coming from the centre of a wastelands heart
    fall apart, fall apart

    Was sehr düster klingt, ist es auch. Der kleine Drache muss fliegen lernen, um der Zerstörung und dem Chaos auf dem Land zu entkommen. Visuell anschaulich umgesetzt, macht der Song auch musikalisch einen Break. Die Ekstase endet und es erklingen Posaunen. P o s a u n e n! Wie geil klingen Posaunen. Mittlerweile fühl ich es voll – den Weltuntergang.

    Remember, the only thing you were given
    Are those wings to fly along
    Fly along, fly along…

    Schafft es der kleine Drache, den Flammen und der Zerstörung zu entfliehen…? Am besten Musikvideo gucken, denn dafür sind wir ja auch hier.  

     

    Fotocredit: Rebekka Müller

  • Santans im Interview: »Ich wollte das Kreative an den Nagel hängen.«

    Santans im Interview: »Ich wollte das Kreative an den Nagel hängen.«

    Santans ist Chris Scott Pham aus München. Im Januar haben wir noch seine zweite Singleauskloppung Mesa Verde premiert, heute haben wir ihn im Interview. Chris macht alles selbst, was seine Musik angeht. Ob Produzieren oder den Videoschnitt seiner Musikvideos, er hat sich alles selbst beigebracht und ist darüber hinaus auch noch in unzähligen anderen kreativen Projekten aktiv. Ein wahres kreatives Mastermind, immer an der Grenze zur absoluten Überarbeitung. Jedenfalls war das so, bis er letztes Jahr diese Grenze überschritten hat und nach einem Blackout auf einmal auf der Intensiv-Station lag. Hirn-OP und ein Krankenhausaufenthalt waren die Folge. Wie er aus diesem Tief wieder rauskam, was das für seine Musik bedeutete und wie er es in seiner neuen EP ttt verarbeitet hat, könnt ihr hier lesen.

     
    Santans im Interview

    Anna: Hey Chris, cool dass es geklappt hat. Ich darf dir auch hier nochmal zum Release deiner EP gratulieren! Wie fühlst du dich?

    Santans: Danke! Mir geht’s gut. Gefeiert oder so hab ich nicht, ich bin jetzt erstmal erleichtert wenn das alles rum ist mit der Promo und alles. Dass ich mal wieder ein bisschen runterkommen kann. Da freu ich mich drauf, auf die Ruhe (lacht).

    Anna: Bevor wir über deine EP reden, willst du dich kurz ganz klassisch vorstellen?

    Santans: Mein Name ist Chris, mein Solo-Projekt ist Santans. Viele fragen sich auch, was Santans eigentlich heißt. Das ist eine kleine französische Stadt, aber auch ne Blume. Die Blume fand ich immer sehr schön, deshalb dacht ich mir, warum nicht. Und in meinem Solo-Projekt versuch ich ohne Kompromisse Musik zu machen. Ich spiel da auch jedes Instrument. Das ist, wahrscheinlich wie bei vielen, für mich eine Art Selbsttherapie. Das probier ich irgendwie alles in einem Gesamtwerk von Musik, Texten und auch Musikvideos darzustellen.

    Anna: Du bist so super kreativ und machst tausend Dinge, aber wie hat das alles eigentlich angefangen? Was hat dich zur Musik gebracht?

    Santans: Zur Musik gebracht hat mich Arctic Monkeys, Alex Turner und der Influence von den ersten zwei Alben. Ich war so fasziniert, dass ich einfach auch selber in einer Band spielen wollte. Und so hat’s angefangen mit der Musik.

    Santans, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, mesa verde, yseasons, chris scott, chris scott pham, ttt, come undoneAnna: Wusstest du schon immer, dass du alles alleine im DIY Stil machen willst oder hat sich das auf dem Weg so ergeben?

    Santans: Das hat sich auf dem Weg so ergeben. Wir waren mit der ersten Band während Schulzeiten in Tonstudios, aber haben dort nicht so gute Erfahrungen gemacht. Deshalb dacht ich mir dann irgendwann, ja, dann probier ich’s mal selber mir alles anzulernen. Mein Dad hat auch schon immer gesagt „wenn du was lernen willst, dann schau dir YouTube an, google es, das kriegst du schon auf die Reihe“ (lacht). So hat’s angefangen mit dem DIY. Und auch mit den Videos. Kein Budget für die Musikvideos? Na gut, dann drehen wir es halt selber und ich bring mir das Schneiden bei. Und jetzt bin ich halt hauptberuflich Videographer aus der Not heraus.

     
    „Dieses mehr moody, das spür ich viel, viel mehr“

    Anna: Als Santans hast du 2016 das erste Mal Musik veröffentlicht und relativ parallel hat es auch von deiner Band Color Comic die ersten Lebenszeichen gegeben. Du bist damals schon all-in gestartet. Wieso die zwei Projekte? Und was macht Santans für dich auch so besonders?

    Santans: Also Color Comic ist ja ein sehr fröhlicher Sound und zum Ausgleich brauch ich halt diese melancholische Musik. Und die erste Santans EP, die 2016 erschienen ist, die ist ja auch spontan entstanden. Das war kurz vor meinem Auslandssemester in Miami, und ich hatte das Gefühl, ich muss noch für mich selber Musik machen.  Ich habs dann aufgenommen und in Miami fertig gemischt. Dieses mehr moody, mehr melo, das spür ich viel, viel mehr. Das bin auch mehr ich. Aber auch in der Band spielen macht auch super Spaß und deswegen war das so der gute Ausgleich.

    Anna: Aber war das nicht ganz schön viel, so alles auf einmal zu machen?

    Santans: Das war viel auf einmal, da hast du schon Recht (lacht). Ich hab ja auch zu dem Zeitpunkt in dem Betrieb, wo ich war, meine Bachelorarbeit geschrieben. Nach der Arbeit bin ich dann noch zu ner Bar gefahren, war dort auch als Barkeeper, weil ich auch zusätzlich Geld verdienen wollte für Musik- und Videoequipment. Und dann noch Album-Recordings… Das war schon viel, wahrscheinlich zu viel. Mir ging’s auch nachdem alles draußen und abgeschlossen war nicht so gut dann, da hab ich auch diese Überarbeitung gemerkt.

     
    „Wenn du die Jahre davor nur am Arbeiten warst und dann auf einmal nichts mehr hast“

    Anna: Dann Anfang letztes Jahr hast du dann einen Neustart gemacht, hast dein Filmprojekt Y-Seasons gestartet und versucht einen neuen Zugang zu Sachen zu finden.

    Santans: Vor 2020, da hatte ich so ein kreatives Tief, wegen der Überarbeitung. Und wie du grad gesagt hast, ich wollt einen Neustart probieren, und probieren wieder gleichmäßig Content zu kreieren. Da kam ich auf die Idee mit Y-Seasons, dem YouTube Channel, dass ich da regelmäßig Videos produzieren zum Bereich Musik, Branche, Videoproduktion. Aber das hab ich auch vööllig unterschätzt, wie viel Arbeit das ist, dass du alles Woche für Woche skriptest, nebenbei war ja auch noch Band und alles. Hab ich krass unterschätzt.

    Anna: Vier Monate später ist auch das dann jäh auf der Intensivstation geendet. Was ist passiert?

    Santans, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, mesa verde, yseasons, chris scott, chris scott pham, ttt, come undoneSantans: Das war an einem Freitagabend, da hab ich noch gearbeitet, da wurde mir halt schlagartig schwindelig, ich wollte ein Glas Wasser holen, bin auf dem Weg zur Küche umgekippt, Platzwunde. Im Krankenhaus haben sie dann meinen Kopf gecheckt, ob ich ne Gehirnerschütterung hab und da haben sie durch diesen Check etwas entdeckt, was halt raus musste aus meinem Kopf. Und wenn du dir das so vorstellst, wenn du die Jahre davor nur am Arbeiten warst und dann auf einmal nichts mehr hast, einfach nur noch flach liegst, das war schon krass. So die Zeit, die ich dann hatte, ich konnte ja auch nicht mehr irgendwie mich ablenken, sondern war ja nur noch mit mir selber konfrontiert. Das war auch, ja…, krasser Break.

    Anna: Wie lange warst du auf der Intensivstation?

    Santans: Also Intensivstation, das waren nur 1-2 Nächte nach der OP. Aber der ganze Krankenhausaufenthalt waren eineinhalb Monate, wo ich nicht rausgehen konnte, weil das war ja nach dem ersten Lockdown. Keiner konnte rein, ich war halt wirklich nur auf mich selber gestellt. Und im Nachhinein war’s ne Erfahrung, die ich gebraucht habe. Diese Zeit mir selber.

     
    „Ich hab den Sinn und die Freude am kreativen Schaffen verloren“

    Anna: Die EP ist ja dann genau in dem Zeitraum entstanden. Wofür steht ttt? Was ist die main message, die du mit der EP vermitteln willst bzw. verarbeitet hast?

    Santans: ttt heißt time to think. Ich hab’s nicht ausgeschrieben, weil die ts könnten ja auch wie Krankenhauskreuze ausschauen, deswegen hab ich’s kurz gelassen. In den Songs verarbeite ich die Zeit im Krankenhaus mit den Gedanken, die ich da hatte, dass ich das Kreative an den Nagel hängen wollte. Allgemein mit Musikvideos, ich dachte mir, warum hast du so viel gearbeitet, für was machst du das eigentlich? Machst du‘s, weil‘s dir Spaß macht? Ich hab den Sinn und die Freude am kreativen Schaffen verloren. Und die EP handelt halt genau davon, von der Konfrontation mit einem selber und von Hoffnung, dass wenn man es überwindet, es auch weitergeht und man mehr Möglichkeiten sieht als davor. Also so geht’s mir. Und ich will nichts predigen, sondern ich will nur sagen, dass man auf sich aufpassen sollte. Sich nicht, wie ich’s in meinem Fall gemacht habe, körperlich und mental irgendwie vernachlässigen.

    Anna: Hast du dich dann durch die Lieder zu dieser Hoffnung hingearbeitet und wieder deinen Weg zurück zum Künstler-Dasein gefunden?

    Santans: Ja, kann man so sagen. Ich war davor ja auch sehr, sehr versteift. Ich dachte mir, ich hab dieses Ziel, dass ich irgendwann von der Musik leben kann, und dafür muss ich halt erst das und das machen. Dann erreich ich Meilenstein Nr. 1 und immer so weiter. Bin meinem roten Faden gefolgt und das hat so krass versteift. Nach der OP, wo ich mich dann auch wieder erholt habe, hab ich mehr auf mich geachtet, mehr Stunden geschlafen als nur 3-4 Stunden am Tag, regelmäßig gegessen und angefangen, Sport zu machen, zu laufen, zu meditieren. Ich bin dann an die Sache gelassener rangegangen, und dann ging auch alles viel leichter, das hab ich auch gelernt.

    Anna: Hast du dadurch auch gelernt, dass du ein paar Aufgaben abgibst, oder machst du immer noch alles alleine?

    Santans: Das Witzige ist, an Sachen, die erledigt werden müssen, die sind ja nicht weniger geworden. Aber vom Kopf her geh ich jetzt ganz anders an die Sachen ran, dass ich halt das Gleiche leiste, aber dafür effektiver und fokussierter. Und Aufgaben abgeben bei einem Solo-Projekt ist halt eher schwierig, aber ich kann sagen, dass ich grad das Gefühl hab, dass ich ganz gut alles unter einen Hut krieg.

     
    „Ich glaub, je limitierter man ist an Möglichkeiten, desto krassere kreative Ideen kommen dann raus“

    Anna: Was hat dir besonders Spaß an dieser EP gemacht?

    Santans: Besonders Spaß machen mir immer die Musikvideos. Ich hab so gewisse Freunde, wo ich weiß, wenn ich sie anschreibe, die sind einfach dabei. Auch bei Blanc Cassé, wo ich gesagt hab, ich will barfuß durch Schnee laufen und nur in Hemd und Hose in den See springen, haben sie mir den Vogel gezeigt, aber waren dabei. Die Drehs machen mir immer am meisten Spaß, weil ich seh dann wie ich durch meine Ambition die Leute, die dabei sind, selber motiviere, dass sie halt auch an ihrem kreativen Traum weiterarbeiten.

    Anna: Wenn wir gerade über Musikvideos reden, hast du da immer ein klares Bild von dem, was du machen willst, oder wo findest du deine Inspirationen dafür?

    Santans: Das ist ganz unterschiedlich. Man lässt sich ja von allem, was man sieht, beeinflussen und inspirieren. Bei Call It A Night zum Beispiel, da hab ich mir einen romantischen Nacht-Spaziergang durch Paris vorgestellt beim Schreiben, und das wollte ich dann auch visuell umsetzen. Hab mir in München dann Spots gesucht, die das darstellen können, und hab extra gewartet, auf einen Tag, wo Vollmond ist, damit man auch noch kurz den Vollmond filmen kann. Ich hab ja immer noch kein Budget und mach alles aus meiner eigenen Kasse. Da spielt dann schon auch Kreativität ne Rolle, wie man mit nur Verpflegung für die Crew halt das Musikvideo produzieren kann. Bei Mesa Verde, was hab ich da ausgegeben? Nur die weiße Schminke (lacht). Ich glaub, je limitierter man ist an Möglichkeiten, desto krassere kreative Ideen kommen dann raus.

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    „Vom mentalen Wrack zu einer Person, die halt wieder Hoffnung sieht.“

    Anna: Du hast jetzt zur EP auch kreativen Merch rausgebracht: Von deiner Schwester designte und von euch beiden selbst gedruckte Kunst-Prints und ein kleines Fotobuch mit Texten, Lyrics und Fotos aus dieser Zeit. Beide sind super limitiert. Wie bist du auf diese besondere Idee gekommen?

    Santans: Das kam halt auch so aus der Not heraus. Ich wollte irgendwas zum Anfassen haben für die Leute, die mich unterstützen und hören. Schallplatte hat einen gewissen Charakter, aber da hatte ich das Budget nicht für. Dass ich mit meiner Schwester was machen wollte, weil die Grafikdesignerin ist, das war eh klar, deswegen die Lino-Prints. Und das Fotobuch stammt ja aus dem Fototagebuch, was ich in der Krankenhauszeit geführt hab. Diese Fotos, die sollten eigentlich nur mich erinnern, wie ich mich in der Zeit gefühlt habe, aber jetzt im Laufe des Jahres, wo die ganzen Songs und Musikvideos entstanden sind, war das irgendwie für mich so eine schöne Geschichte, vom mentalen Wrack sich zu einer Person zu wandeln, die halt wieder Hoffnung sieht. Und diese Geschichte, dass man aus dem tiefsten Loch halt trotzdem wieder glücklich werden kann, fand ich dann doch schön.

    Anna: Jeder Song hat einen eigenen Print, wie du schon sagtest. Wenn du die einzelnen Songs in ihrer Grundessenz beschreiben würdest und wie sie zu dem jeweiligen Print passen – was würdest du sagen?

    Santans, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, mesa verde, yseasons, chris scott, chris scott pham, ttt, come undoneSantans: Der erste Print ist zu Come Undone. Da geht’s genau um den Sturz und seinen roten Faden verlieren. Ich hab’s mir halt wirklich so bildlich vorgestellt, dass mein roter Faden gerissen ist. Und auf dem Bild sieht man ja eine Person kopfüber, die auf den Kopf fällt und die Person selber besteht aus dem roten Faden. Das ist von den dreien mein favorite Print, vielleicht auch weil es die persönlichste Message ist vom Song her für mich.

    Bei Mesa Verde, da hab ich gemerkt, dass ich von meinen eigenen Problemen weggelaufen bin und durch noch ein Projekt anfangen und hier noch was anfangen, mich abgelenkt habe. Bei Mesa Verde geht’s um die Konfrontation mit seiner Schattenseite, seinen Dämon. Und bei dem Print sieht man ja auch zwei identische Personen, die sich raufen und schlagen.

    Call It A Night ist so der Abschluss. Dass man einfach diese Nacht noch genießt, man weiß, der Morgen kommt, aber es ist schön, nicht zu wissen, was dann morgen einen erwartet. Wenn man einfach noch in die Nacht hineinlebt. Ich glaub, meine Schwester wollte mein Gesicht malen, das dann den Mondzyklus durchgeht, die Sterne und den Nachthimmel.

    Anna: Ich find sie alle schön und die Idee dahinter auch. Man kann sich auch einfach mal Kunst an die Wand hängen. Damit sind wir schon bei der letzten Frage, die sich um eine untold story dreht. Auch wenn deine EP sehr persönlich ist und du auch im Vornerein viel dazu geteilt hast – gibt es etwas, was du so noch nie in einem Interview erzählt hast?

    Santans, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, mesa verde, yseasons, chris scott, chris scott pham, ttt, come undoneSantans: Lass mich überlegen (lacht). Ja vielleicht das Bowling Shirt? Es hat ja damit angefangen, dass ich einfach nur „call it a night“ schön fand und ich versucht habe, drum herum einen Song zu schreiben. Als der Song dann fertig geschrieben war, hab ich auf Insta eine Werbung gesehen zu nem Bowling Shirt und hinten drauf ist dringesteckt „call it a night“. Einerseits gruselig, weil okay ich hab’s vielleicht oft gesungen und Handy hört mit und so (lacht). Ein Kumpel hat mich gefragt, wie sich der Schmerz anfühlt, nach ner frischen Hirn-OP, hab ich gesagt, das ist wie wenn du ne Bowling Kugel balanciert. Und dann seh ich halt ein Bowling Shirt, wo call it a night draufsteht. Das fand ich schon crazy. Das vielleicht als so fun fact zur EP.

     

    Hört hier in die ganze EP ttt von Santans rein:

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    Fotocredit: JYE, Lukas Gruber

  • Elena Steri verdeutlicht in „Pavement“: Auch ein stilles „Nein“ heißt „Nein“

    Elena Steri verdeutlicht in „Pavement“: Auch ein stilles „Nein“ heißt „Nein“

    Ein Song, ein Herzschlag. Das ist das erste, was mir einfällt, wenn Pavement, die neue Single von Singer Songwriterin Elena Steri, anspielt. But let’s rewind first. Wer ist Elena Steri und was macht Pavement zu so einem berührenden Song, dass mein erster Gedanke so kitschig zu sein scheint?

     
    Manchmal kommen die schönsten Klänge aus einer kleinen Ukulele

    Elena Steri ist eine von vielen talentierten Singer-Songwriter:innen da draußen und doch sticht sie heraus. Durch ihre Art, ihr Gefühl für Melodien, ihre persönlichen Geschichten hinter den Songs. Und ja, dazu kann man sich durchaus mal ne Ukulele schnappen. Das erste Mal von ihr gehört hab ich von den Jungs der Indie-Band A Tale Of Golden Keys als ich sie in Nürnberg besuchen war. Sie haben Elena als erstes und einziges Feature auf ihrer Single Whirling. Mit Pavement hat sie jetzt ihre erste Single dieses Jahr veröffentlicht und dazu eine sehr wichtige Message dagelassen. Ich lass euch erstmal erste Eindrücke im Video sammeln:

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    Ihr werdet merken, dass ich mit dem Herzschlag gar nicht so daneben lag. Kitschig ist es auf alle Fälle aber nicht. Eher das Gegenteil – es fühlt sich an wie kurz vor einer Panikattacke. Und wenn man das in dem lyrischen Kontext von Pavement setzt, dann macht das auch Sinn.

     
    Auch ein stilles „Nein“ heißt „Nein“.

    Pavement macht auf das Thema Missbrauch in Beziehungen aufmerksam, sowohl physisch als auch emotional. Es geht um die Situationen, in denen man nicht mehr unterscheiden kann, was ist okay und was ist es nicht. Um Momente, in denen man Dinge aus Angst oder aus Liebe tut, ohne „Nein“ zu sagen, aber definitiv „Nein“ zu meinen. Wer nicht „Ja“ sagt, sagt halt einfach nicht „Ja“. Eigentlich recht simpel. Pavement fängt diese Momente getrieben von Angst und Unwohlsein ein. Elena Steri schafft es mit ihrer klaren Stimme durch Strophen und Refrains zu leiten. Sie nimmt einen an die Hand während man die Reise, die Pavement ist, antritt. Der panische Herzschlag wird abgelöst von schönen Gitarrenmelodien, wechselt von erdrückend zu melodisch, baut sich ständig wieder auf, um dann wieder in seiner Quintessenz zurückzukehren. Diese Quintessenz ist Elena und eine Bridge, nur unterlegt von Klavier, die mir sehr viel Gänsehaut gibt:

    You always thought that I radiated peace

    But truthfully it was the silent fear you set in me

    You’d make me shiver ten feet apart

    Elena sagt selbst über den Song:

    “Ich habe mit einigen Leuten (vor allem Frauen) über diesen Aspekt von Beziehungen geredet. Fast allen ist im Nachhinein aufgefallen, dass da auf irgendeine Art und Weise Grenzen überschritten wurden, die im Nachgang eine Belastung hervorgerufen haben. Leider ist das auch immer noch ein Thema, über das gerade in der Musik eher wenig geredet wird, obwohl das was ist, was jedem passieren kann und vielen passiert.“

    Ihr merkt, Pavement ist nicht nur ein sehr schöner Song, sondern auch ein unglaublich wichtiger. Auch wenn es seit der #MeToo-Bewegung, die 2017 gestartet hat, immer mehr Impulse in diese Richtung gibt, so sind wir immer noch ganz weit weg, diese Probleme auch nur annähernd gelöst zu haben. Es ist einfach so tief verwurzelt, dass wie Elena in ihren Gesprächen gemerkt hat, man es manchmal gar nicht selbst merkt oder eingestehen will. Offen darüber zu sprechen und dieses Thema nicht ruhen zu lassen, sind wichtige Schritte in die richtige Richtung.

     
    “this just makes me sad in a good way and happy in a sad way”

    Elena Steri, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, elena steri, nürnberg, pavement, a tale of golden keys, whirlingDas ist ein YouTube Kommentar unter dem Video und ich fand es so passend, ich hab’s für Überschrift-Zwecke geklaut. Ihr habt das Video gerade ja schon geguckt (wenn nicht, scrollt hoch oder klickt hier), deshalb wisst wir, was ich meine, wenn ich sage: Wow. Es startet mit Elena selbst in einer Club-Toilette (mega unpassender Gedanke, aber ich vermisse Clubs) und stellt immer mehr Menschen vor, die sich in einem anderen Raum befinden. Bekleidet nur mit Unterwäsche und einer Maske erscheinen die Lyrics auf ihren Körpern – und ziehen mich völlig in den Bann. Im ersten Teil des Songs, der von diesem panischen Herzschlag getrieben wird, weiß auch die Kameraführung, wie sie mich mulmig fühlen lässt. Es wird rein- und rausgezoomt, die Szenenbilder drehen sich um 180° bis alles auf dem Kopf steht. Alles wirkt intim, aber auch ernst. Denn trotz viel nackter Haut geht es nicht darum, sondern um die Message, die auf ihr zu lesen ist:

    „In dem Video wollte ich zeigen, dass es jedem passieren kann. Deswegen haben die Statist*innen meistens Masken auf – um anfangs zu zeigen „Hey, da könnte jetzt absolut jeder stehen“ und am Ende „Das ist kein Thema, das unter den Tisch gekehrt werden sollte“. Außerdem wollten wir mit dieser leider oft immer noch überhöhten Körper-Ästhetik in Musikvideos brechen und Menschen einfach mal so zeigen wie sie sind. “

    Das hat Elena Steri auf jeden Fall gemacht. Das Musikvideo zu Pavement ist berührend auf eine intime Art, fühlt sich gleichzeitig aber auch sehr ernst und empowernd an. Das kombiniert mit den dann doch sehr schönen Klängen der Single zeigt, dass wir hier etwas ganz Besonderes haben. 

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    Fotocredit: Zoe Jungmann

  • Playlist: underrated black excellence

    Playlist: underrated black excellence

    Die Playlist, um die es heute geht, liegt uns wirklich sehr am Herzen. Vor allem seit letztem Jahr sind Themen rund um strukturellen Rassismus immer mehr in den Vordergrund gerückt (absolut zu Recht) und wir möchten diese Aufmerksamkeit auch musikalisch unterstreichen. Deshalb haben wir uns auf die Suche begeben. Nach Black People of Colour (BPoC), die wir so nie gefunden hätten, weil uns der Algorithmus Spotifys immer nur das vorschlägt, was wir sowieso schon hören. Doch da draußen ist noch so viel mehr. Deshalb geben wir euch hier eine Sammelplaylist in die Hand, in der ihr ein bisschen rumstöbern könnt. Von R’n’B zu Indie, von Pop zu ruhigen Singer-Songwriter Klängen – wir hoffen, ihr findet Songs, die euch gefallen und stoßt auf spannende Künstler:innen, die ihr weiterverfolgt. Um den eigenen Musikhorizont zu erweitern und black artists eine Plattform geben, die nicht nur gerechtfertigt ist, sondern leider auch notwendig: underrated black excellence.

     
    Es ist Zeit, auch den eigenen Musikkonsum zu hinterfragen

    Bevor ich diese Playlist erstellt hab, hab ich natürlich erstmal meine eigenen durchstöbert. Und was ich vorher schon vermutet habe, hat sich leider bestätigt: ich höre, wie viele in unserer Bubble, sehr viel Musik von weißen Musiker:innen. Und die BPoC, die sich in meine Musikbibliotheken widerfinden, befinden sich vermehrt in den Hip Hop geprägten. Doch wieso, wenn es noch so viel mehr als Hip Hop von BPoC da draußen gibt? Tyler The Creator hat mit seiner Dankesrede bei den Grammys zu Recht hinterfragt, warum seine Musik in der „urban“-Kategorie gelandet ist, obwohl sie vor allem popgeprägt ist. Ich glaube, durch die privilegierte Situation, in der ich mich wiederfinde, hab ich mir einfach noch nie Gedanken darum gemacht. Und das will ich ändern. Falls euch also ähnlich geht und ihr einfach zu wenig black artists kennt, die sich in eure Indie-Playlist einfinden könnten, dann geht raus und sucht. Ich hab’s gemacht.

    Den Start gibt For A Minute von WizTheMc, der auch einer unserer artists to watch 2021 ist. Frischer Indie-Pop mit Gute Laune Garantie und immer einem Lächeln im Gesicht. Ebenfalls in dieser Liste ist, absolut selbstredend, auch Arlo Parks. Mit ihrem Debütalbum Ende Januar hat sie jetzt schon dieses Jahr zu ihrem Jahr gemacht und ist wirklich eine der spannendsten Künstlerinnen da draußen. In meiner Review zu Collapsed In Sunbeams hab ich schon von ihr geschwärmt. Ich bin ganz vielleicht ein ganz großes bisschen verliebt.  

     
    Ein kleiner Namen-Hagel für eure Playlists

    Natürlich hatte ich auch vor der Playlist ein paar Herzens-Künstler:innen, die sich hier mit monatelanger Heavy Rotation einfügen können. Einer davon ist Masego – einer für mich besten Künstler da draußen. Er kombiniert R’n’B mit Jazz und kaum ein Song kommt ohne einen Saxophon-Part aus. Mystery Lady und Kings Rant sind nur zwei Lieder seiner Diskographie, die ich ungelogen mindestens einmal am Tag höre.

    Vielleicht euch schon einmal entgegengestolpert sind Emotional Oranges, das R’n‘B Duo aus LA. Challenge: All That hören und nicht in der Küche anfangen, zu tanzen. Verlieren ist keine Schande, sondern erwünscht.

    Wer eher ein bisschen mehr Rock braucht, ist bei female fronted The New Respects richtig. Wer eher etwas Bedroom-Indie sucht, kann Yves Jarvis auschecken. Deutschrap ist klar (selektiv, einfach aus eigenem Musikgeschmack her) auch vertreten. Ahzumjot sollte ein Begriff sein, zumindest denen von uns, die vernarrte Casper Fans sind: Geh nicht ein Vibe seit 2017. Ebenfalls aus 2017 und immer noch auf Repeat: Africa und Truth Be Told von THEY oder DGAF von Noah Slee. Aber auch aktuelle Stimmenpower wie Blame von Grace Carter und Jacob Banks ist dabei. Jacob Banks sowieso Leute, diese Stimme solltet ihr öfter hören. Und hier werdet ihr euch auch verlieben:

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    Es tauchen auch Künstler:innen auf, von denen ihr bestimmt schon mal gelesen oder gehört habt. BROCKHAMPTON-Mitglied Kevin Abstract ist so einer, Daniel Caesar oder WILLOW mit ihrer unterschätzten Single UR Town. Falls ihr eine jazzige Playlist habt, darf da Mother Can I Sleep With Danger? von Joy Crookes nicht fehlen. Für eine solide Abend-Lounge Playlist ist SiR die richtige Anlaufstelle, Dominic Fike wird sich süß grüßend wie er ist in eure Picknick-Sommer-Playlisten einordnen. UMI schleicht sich mit klarer Stimme und melodischen R’n’B Klängen vielleicht in eure Calm Vibes Playlist. Take Me Where Your Heart Is von Q und Stella Brown von Jelani Aryeh sollten safe bets für eure Indie-Playlisten sein.

     
    Gute Musik, ab vom Mainstream

    Es finden sich hier viele Songs von Künstler:innen wieder, die ich während meines Deep Dives auf Spotify entdeckt habe. Tipp für sowas, ist unter der Kategorie „Fans also like“ von BPoC, die ihr mögt, reinzuhören. Man wird schnell in eine kleine Bubble gezogen, die man so nicht gefunden hätte, aber für mich sehr vielversprechend war. Auf diesem Weg in underrated black excellence gerutscht sind TRAP PHONE von BERWYN, eine Liebeskummerballade direkt in mein Herz, und One Job von TeaMarrr, ein upbeat Popsong, zu dem man z.B. sehr gut abwaschen kann. Auch Smile von Leven Kali für die, die gern mit ein paar jazzigen Elektro-Vibes chillen, oder When I Praise Him von dem female Duo Ain’t Afraid.

    Auch wenn ich die Prämisse hatte, den Scheinwerfer hauptsächlich auf versteckte gute black artists fern ab von Lizzo und Kendrick Lamar zu werfen, hat sich doch letzterer hier reingestohlen. Aber! in einem Feature auf dem Album von SiR, den ich gerade schon mal erwähnt habe. Hair Down ist einer der besten Songs, die jemals produziert wurden. Falls da jemand mit mir diskutieren möchte, sollte er es nicht. Kendricks Part killt einfach alles. Würde ich eine Musikkapsel für die Generationen nach mir erstellen, wär der Song ganz vorne drin mit bei.

    Ich bin abgedriftet, sorry. Eigentlich müsst ihr euch das auch alles gar nicht so genau hier durchlesen, das sind nur meine random Gedanken zu den Songs während ich die Playlist höre.

    Aber zurück zu dem underrated Part der underrated black excellence: Ob Abraham Alexander, Halima oder FHAT, Jay Prince, SOPHIETHEHOMIE oder Kyle Lux. Alle hab ich auf meiner kleinen Spotify Durchreise getroffen und hier treffen sie auch euch. Das war der eigentliche Sinn dieser Playlist. Meine eigenen Musikkonsum zu öffnen und aktiv nach freshen, guten Songs von black artists zu suchen. Und da gibt’s so viel, ich hab gerade mal an der Oberfläche gekratzt. Ich hoffe, ihr findet ein paar Impulse in der Playlist, der ihr nachgehen wollt, und entdeckt viele Künster:innen, die ihr auf ihrem Weg begleiten wollt.  Bis dahin, immer sich selbst hinterfragen, selbstständig auf Bildungssuche gehen und Leute aufmerksam drauf machen, wenn sie sich menschenfeindlich äußern (sollte sowieso selbstverständlich sein). Lösen können wir dieses festverwurzelte Problem nur zusammen. Mit diesen Worten viel Spaß beim Stöbern in der underrated black excellence.

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  • JONAH schaffen mit „Fallin“ eine gefühlvolle Ode an die Liebe

    JONAH schaffen mit „Fallin“ eine gefühlvolle Ode an die Liebe

    „Zwei Freunde, eine Story. Musik wie eine Umarmung, wie Ertrinken und gleichzeitig gerettet werden.“ – Mit diesen Worten stellen sich das Songwriter-Duo JONAH vor. Angelo Mammone und Christian Steenken aus Berlin packen gefühlvolle Singer-Songwriter Stimmungen in ein melodisches Popgewand. Laut Spotify sind sie was für Fans von Jules Ahoi, Mighty Oaks, Pano und Bruckner. 2017 haben sie mit ihrer Single All We Are zum ersten Mal auf sich aufmerksam gemacht und tatsächlich – auch in meinen alten Playlisten konnte ich sie finden. Mit ihrer neuen Single Fallin habe ich sie diesen Monat wiederentdeckt und das solltet ihr auch.

     
    Eine Wolke aus Liebe

    Lasst uns direkt über den neuen Song reden, weil ich hab mich wirklich ziemlich doll verliebt und muss meine Gefühle jetzt loswerden. Fallin fühlt sich an wie eine Wolke aus Liebe, in die man sich fallen lässt und für immer lauschen will.  Es wird getragen von einer einfach nur wunderschönen Gitarrenmelodie. Komplett stripped down reicht nur diese Gitarre, um in mir super viele kontroverse Gefühle auszulösen.

    „I adore you, yeah, it’s true

    Oh, you smell so good, you don’t need perfume.

    From now we break out, we kiss the sky

    We won’t leave a note, we won’t say goodbye.”

    Allein diese erste Strophe, Leute. Absolut kitschig, ich weiß, aber auch so romantisch? Die Welt braucht mehr Romantik diese Tage. Durch die eben angesprochenen Akustikgitarre ist Fallin aber kein Indie-Pop-„I love you“-Song, sondern haut viel eher voll in die Folk-Melancholie. Es ist langsam und, ich trau mich fast gar nicht zu sagen, zärtlich. Die träumerischen Stimmen des Duos tragen in den Refrain, bekommen ein bisschen Reverb und kreieren eine nahezu unvergleichbare Atmosphäre, der ich absolut verfalle.

    „We’re breathing underwater, head up in the clouds.

    We’re not falling down, we’re not falling down.”

    Fallin fängt Liebe ein, in ihren seltenen Augenblicken. Dieses us against the world-Feeling, die Sicherheit, die man bekommt, wenn man jemand anderen liebt. Taschen packen und abhauen, ans Meer, ins Ungewisse und an all die schönen unentdeckten Orte auf der Welt. Ich fühl mich wie ein absolutes Klischee, aber ich will das auch. Das nicht zu können, macht traurig, daher meine kontroversen Gefühle. Aber das Bild, was JONAH in ihrem Song auf unvergleichbare Weise zeichnen, einfach nur die Vorstellung davon, die reicht schon.

     
    Mesmerisierende Bilder zum Aufbruch ins Ungewisse

    Aprops Vorstellung und zeichnen: Das Video. Bitte guckt es euch an. Gedreht an den Stränden Kaliforniens unter der Choreographie von Mike Tyus haben JONAH Bilder einfangen können, die perfekter nicht passen können. Das gesamte Video ist auf sowohl die Stimmung als auch die Lyrics von Fallin angepasst und ich lieb’s einfach nur. Es funktioniert wie der visuelle Spiegel zum Song, bildet in gefühlvollen Momentaufnahmen die Essenz des Songs perfekt ab. Voll mit Sonnenuntergängen, brechenden Wellen und einfach nur bildhübschen Menschen. Außerdem gibt’s sehr viel nah aufgenommene Haut, sehr viel Slow-Motion, und sehr viel atemberaubende Tänze. Ich habe auch noch nie Menschen so ästhetisch einen Sandhügel runterfallen sehen. Alleine dafür lohnt es sich wirklich, Bild und Musik zu kombinieren und sich direkt hier und jetzt das Musikvideo von Fallin anzugucken.

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    You’re welcome.

     

    Fotocredit: Bastian Kempf

  • Old Sea Brigade liefert mit “Day By Day” einen Indie-Ohrwurm mit Tiefe

    Old Sea Brigade liefert mit “Day By Day” einen Indie-Ohrwurm mit Tiefe

    Falls ihr euch gerade auf der Suche nach einem neuen Song befindet, der euren Tag ein bisschen auffrischt – wir haben ihn. Old Sea Brigade könnte euch sogar schon begegnet sein, wenn ihr Serien wie Grey’s Anatomy oder This Is Us guckt. Dort nämlich schon ein paar Mal vertreten, hat Old Sea Brigade aus Nashville schon als Singer-Songwriter auf sich aufmerksam gemacht. Mit seiner neuen Single Day By Day, um die es heute geht, kündigt er sein neues Album für Mai an und lässt uns bis dahin eine flotte Indie-Melodie im Ohr.

     
    Ein Ohrwurm, der meine Angst vorm Älterwerden triggert

    Day By Day fängt an mit einer Gitarrenmelodie, die innerhalb von rasanten drei Sekunden mein Indie-Herz überflutet. Es ist super simpel und absolut keine ausgeklügelte Wissenschaft, aber es funktioniert. Nach dem ersten Gitarrenloop bin ich schon in den Song verliebt und dabei hat Old Sea Brigade noch gar kein Wort gesungen. Dann steigt er mit der ersten Strophe so smooth wie selten gehört in den Song ein. Wäre ich nicht schon vorher hin und weg gewesen, dann spätestens jetzt.

    Time and time again I think I’m falling through space
    And I wake up in my bed just sweating in sheets
    Remembering my name but it doesn’t sound the same
    Daylight come and save me from my 2am creeps.

    Ich muss zugeben, das ist schon ein bisschen mein Weak-Spot. Traurige und ernste Lyrics in einer Upbeat-Melodie gesungen, die einfach nur gute Laune auswirkt. Die zynische Würze für die Panikattacke nachts um zwei.

    Old Sea Brigade, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, old sea brigade, day by day, grey's anatomy, untold musicKey-Lyric im Song ist der Refrain ist „I think of you growing old and it breaks my heart” und ich muss ehrlich sagen, spätestens hier bin ich völlig abgeholt. Ich leide zwar nicht unter Panikattacken, aber dieser Satz könnte ganz schön was triggern. Old Sea Brigade beschreibt in ein paar Worten abgerundet perfekt, wovor ich im Leben irgendwie am meisten (irrationale) Angst hab. Dass die Menschen, die wir lieben, vor unseren Augen alt werden, wir selbst alt werden, und doch kein Moment davon festzuhalten ist. Deep, ich weiß, und vielleicht auch ein Schnuff zu persönlich, aber trotzdem einer der Gründe, warum ich mich Zeile um Zeile mehr in diesen Song verliebe.

    Der gleichmäßige Beat und die Gitarrenmelodie ziehen sich bis in die zweite Strophe, bevor sich der Song endlich richtig aufbaut. Synthies, Rockgitarren, alles dabei. Am Schluss wird es sogar so intensiv, dass ich fast ein bisschen Gänsehaut bekomme. Okay, streicht das „fast“, ich hab Gänsehaut. Mit ein bisschen über drei Minuten hat Day By Day meiner Meinung nach noch absolut Luft nach oben gehabt, ich bin mental ready für ein Gitarrensolo. Aber hier muss man sich auch ganz kurz dran erinnern, dass sich Old Sea Brigade eigentlich in ruhigen Singer-Songwritern-Gewässern bewegt. Dafür ist das wirklich ein unfassbar guter Break davon. Ich will zu dem Song in der kalten, aber doch irgendwie warmen Februarsonne spazieren gehen und dieses Gitarrenloop immer und immer wieder hören.

    Day By Day ist auf jeden Fall eine Song-Empfehlung, die sich relativ schnell in euer Herz stehlen sollte. Album kommt am 14.05., ich bleib mindestens genauso gespannt wie ihr.

     

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    Fotocredit: Laura E. Partain

  • Arlo Parks verzaubert mit Worten und Klängen auf ihrem Debütalbum „Collapsed In Sunbeams“

    Arlo Parks verzaubert mit Worten und Klängen auf ihrem Debütalbum „Collapsed In Sunbeams“

    Wir haben Ende letzten Jahre Arlo Parks als einer unserer artists to watch in 2021 aufgeführt und wurden schon jetzt darin bestätigt. Mit dem Release ihres Debütalbums Collapsed In Sunbeams Ende Januar hat die junge Londonerin ganz heftig große Wellen geschlagen – wie erwartet. Ich glaube, ich habe selten so viele Reviews und Meldungen gesehen über ein Release wie über Arlos Album. Und jetzt, nach zwei Wochen, in denen ich mich komplett in diesem Album verlieren konnte, kommt auch meine. Lasst euch verzaubern von Arlo Parks und Collapsed In Sunbeams.

     
    Das Gedicht, das Collapsed In Sunbeams inspiriert hat

    Ich glaube, das, was viele und mich auch am meisten an Arlos Musik berührt, sind ihre Texte. Die Worte, mit denen sie spielt, die Dinge, die sie damit beschreibt. Sprache ist für mich grundsätzlich faszinierend. Wir benutzen sie tagtäglich, werden mit ihr 24/7 konfrontiert, ob gesprochen, gelesen oder gehört, und wissen sie aber viel zu selten zu schätzen. Dabei kann Sprache eins der schönsten Dinge dieser Welt sein, wenn man sie richtig benutzt. Fragt Arlo Parks selbst und sie wird euch zustimmen. So eröffnet sie ihr Album mit einem Gedicht, das Collapsed In Sunbeams inspiriert hat. Und weil es so schön ist, könnt ihr es hier mitlesen, während Arlos Stimme im wunderschönen britischen Englisch direkt ins Herz geht:

    Collapsed in sunbeams, stretched out open to beauty however brief or violent.

    I see myself ablaze with joy, sleepy eyes, feeding your cat or slicing artichoke hearts.

    I see myself sitting beside you, elbows touching, hurt and terribly quiet.

    The turquoise in my ring matches the deep blue cramp of everything.

    We’re all learning to trust our bodies, making peace with our own distortions.

    You shouldn’t be afraid to cry in front of me.

    I promise.

    Ich für meinen Teil bin jetzt schon unfassbar berührt und dabei war noch gar keine Musik involviert. Das hier ist nur Arlo Parks und die Quintessenz ihres Debütalbums. Sie macht deutlich, wie wunderschön das Leben sein kann, wenn man sich dessen nur bewusst wird. Wenn man endlich lernt, sich selbst zu lieben, wie unperfekt man auch zu sein scheint, und auch einfach mal die friedliche Schönheit einatmet, die Sonnenstrahlen haben können, wenn sie das triste Grau des Himmels aufreißen.

     
    “Why’d we make the simplest things so hard?”

    Bevor ich mich ganz in schwelgenden Gedankengängen verliere, let’s talk about the music. Arlo Parks kombiniert die schönsten Elemente eurer Lieblingsmusik und kreiert damit ihre eigene Klangwelt. Indie-Folk, Bedroom-Pop, Neo Soul und R’n’B werden zusammengeführt und was da rauskommen kann, ist einer der Songs, die ich letzten Jahr bestimmt schon 100 Mal tanzend in meinem Zimmer auf Repeat gehört hab: Hurt.

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    Denn auch wenn Arlo unglaublich begabt ist, poetische Welten zu erschaffen, so ist sie auch unfassbar begabt darin, Songs zu schreiben. Hurt kann absolut und zu Recht mit all den Künstler:innen ganz oben in den Charts mitspielen. Es ist ein absoluter Ohrwurm von Sekunde eins an. Die Bassline macht mich hier auch wieder einfach schwach. Es ist super simpel und deshalb aber auch so gut!! (Zwei Ausrufezeichen zum Unterstreichen dieser Aussage). Es ist fast schon therapierend, Arlos „Just know it won’t hurt so much forever“ im Loop zu hören, in Momenten, wenn sonst alles scheint, in sich zusammenzufallen.

    Als erster richtiger Track, der noch nicht vor dem Album-Release rauskam, schließt Too Good direkt an den Feel-Good-Vibe von Hurt an und ist sogar eine Spur poppiger. Eine dreamy-jazzige Gitarre leitet den Song ein, upbeat Drums, Synths, die sich leicht anhören wie ne Orgel und eine catchige Melodie bestimmen den Refrain. Inhaltlich ist Too Good aber leider auch nicht so aufheiternd wie es sich anhört. Arlo, als offen queer, besingt die Frustration, die sie empfindet, wenn ihre Freundin nicht offen zugeben will, dass sie sie mag. As a fellow gay, I can relate. Es ist super traurig, wenn man da zu lange drüber nachdenkt, dass das einfach immer noch ein Ding ist. Wie Arlo sagt: Why’d we make the simplest things so hard?

     
    Traurige Worte in leichtfüßigem Soul-Pop

    Next song up ist Hope und hier kommt die jazzige Seite Arlo Parks raus. Das erste, was ich denke, ist „Ich will das unbedingt live sehen“. Diese Jazz-Vibes sind einfach so entspannend. Hope ist die Leadsingle zum Albumrelease und ähnlich wie in Hurt wiederholen sich die Worte „You’re not alone like you think you are“ im Refrain so oft, dass man Arlo fast Credit für eine Therapiestunde anrechnen muss. Gleichzeitig ist sie selbst so zerbrechlich ehrlich und das wieder in so schönen Worten, die mich einfach traurig stimmen.

    „I’ve often felt like I was born under a bad sign,

    Wearing suffering like a silk garment or a spot of blue ink

    Looking for light and finding a hole where there shouldn’t be one.

    I cannot communicate the depth of the feeling

    Truth is I’m still learning to be open about this

    But know that I know and you’re not alone.”

    Arlo Parks, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, arlo parks, eugene, collapsed in sunbeamsTrotz diesem traurigen Kontext den Song Hope zu nennen und ihn musikalisch in ein jazziges Wasserbett aus feel-good-vibes zu packen, ist genau das, was Arlo Parks ausmacht. Und es ist auch das, was mich am meisten an diesem Album berührt.

     

    Als nächster Track kommt Caroline und ich bin jetzt schon in die erste Hälfte des Albums verliebt. Caroline ist so ein Lied, das man einfach aus voller Inbrunst mitsingen muss und danach stundenlang im Kopf summen hat. Immer wenn ich es höre, muss sich meine Schwester den ganzen Tag lang random durch die Wohnung geschriene Caaarolines anhören. Meiner Meinung nach treff ich den Ton jedes einzelne Mal, aber da scheinen Meinungen auseinander zu gehen.

     
    „It’s so cruel what your mind can do for no reason”

    Kleiner Disclaimer, der nächste Song geht mir ein bisschen näher als alle anderen und vielleicht könnte das daher hier gleich ein bisschen trauriger werden. Black Dog ist musikalisch das genau Gegenteil von Caroline. Es fängt an mit einem tiefen Bass, der wie ein Break in dem Album alles ein bisschen runterzieht. Und das macht Sinn, weil es um ein ziemlich runterziehendes Thema geht: Depressionen. Black Dog ist aber nicht aus der Perspektive der depressiven Person geschrieben, sondern von der außenstehenden Person, die helfen will. Helfen will, aber nicht kann. Und das ist, wo der Disclaimer zu wirken kommt, weil ich jahrelang genau diese Person war. Ich hab meine gesamte Teenager-Zeit versucht, meiner besten Freundin den Willen zum Leben wiederzugeben. Und es hat nicht geklappt. Wie es ihr jetzt gerade geht, weiß ich nicht, weil die Depressionen unsere Freundschaft kaputt gemacht haben. Aber dieses Gefühl, jemanden, den man liebt, in so einer schrecklichen Situation nicht helfen zu können, ist sehr zermürbend. Arlo packt all das in den Song Black Dog so gut und präzise, wie ich es vorher noch nicht gehört hab.

    Just take your medicine and eat some food

    I would do anything to get you out your room

    It’s so cruel what your mind can do for no reason

    Über den letzten Satz muss ich ziemlich lange nachdenken, während Black Dog langsam ausspielt.

     
    Ich hätte gerne jemanden wie Arlo Parks gehabt als ich 20 war

    Arlo Parks, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, arlo parks, eugene, collapsed in sunbeamsBis jetzt ist Collapsed In Sunbeams einfach nur ein wunderschönes Album. Vor allem im Lockdown-Jahrhundert (bald haben wir einjähriges, Peeps) rennt es offene Türen ein. Und dabei steht die andere Hälfte ja noch bevor. Ohne Features und ohne großspurige Produktionen zaubert Arlo melodische und harmonische Arrangements hervor, die einfach nur berühren. Green Eyes und Just Go reihen sich in die vorherigen Songs ein, der eine basslastiger, der andere soul-poppiger. For Violet ist wieder ein bisschen düsterer und löst beim genauen Hinhören eine traurige Frustration aus. Arlo singt von ihrer Freundin, die mit ihrem Coming Out zu kämpfen hat. Sie ist eine von vielen, die in einem heteronormativen Haushalt aufwachsen, die aus in 2021 mir wirklich nicht mehr greifbaren Gründen ihre Kinder davon abhalten, zu lieben, wen sie halt lieben.

    Der nächste gaye Song ist direkt in Queue, nämlich Eugene. Eugene ist der Name des festen Freundes ihrer besten Freundin, in die sich Arlo (leider) verliebt. Die don’t-fall-for-straight-girls-it-will-kill-you-Lesson darf auf so einem Album natürlich nicht fehlen. Ich bekomm leichte Hayley Kiyoko Vibes und fühl mich ehrlich gesagt auch ein paar Jahre zurückversetzt als klein gay me noch stundenlang vor Tumblr hockte und sich in straight girls verliebte. Musikalisch ist Eugene auch mein absolutes Lieblingslied vom Album, alles stimmt von vorne bis hinten. Arlos sexy Stimme (anders kann man sie nicht bezeichnen), die durchgehende Bassline, diese ganzen leichten Gitarrentönen, die sich kaum bemerkbar übereinanderlegen – das alles ist ganz nah an musikalischer Perfektion für mich dran.

     
    “Making rainbows out of something painful”

    In Bluish kommen die R’n’B Vibes raus, die Arlo auszeichnen. Tatsächlich ist das einer der Songs, die besser werden, je öfter man sie hört. Deshalb – hört es öfter. Portra 400 schließt das Album ab. Es fasst musikalisch alles zusamen, was uns Arlo in ihrem Debütalbumvorgestellt hat. Ich wüsste keine perfektere Zeile als „making rainbows out of something painful”, um dieses Album sowohl zu beschreiben als auch abzuschließen. Sprache, Leute, wie faszinierend kann sie sein. Ich könnte tausend Wörter schreiben und nicht so viel aussagen wie Arlo mit ein paar Songzeilen. Und damit hör ich auf und überlass euch einfach in die Welten, die Arlo Parks mit Collapsed In Sunbeams geschaffen hat. Hört es, verliebt euch und seid wie ich ein Zeitzeuge von einer unglaublichen Künstlerin, die gerade erst am Anfang steht.

     

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    Fotocredit: Alfredo Guzman, Lilli Eiger

  • Mulay im Interview: »Ich möchte Menschen auf eine Reise mitnehmen, in der sie sich selbst verlieren und entdecken können.«

    Mulay im Interview: »Ich möchte Menschen auf eine Reise mitnehmen, in der sie sich selbst verlieren und entdecken können.«

    Es gibt so viele Künstler:innen, die Musik machen, die berührt. Es gibt aber auch ein paar, bei denen berührt nicht nur die Musik, sondern alles drum herum auch. Mulay ist so eine Künstlerin. Vom Songwriting bis hin zur visuellen Umsetzung ihrer Musik ist alles um Mulay ästhetische Kunst. Jahrelang hat sie Erfahrungen gesammelt, um sich nun selbstbewusst und selbstreflektierend mit ihrem Soloprojekt zu verwirklichen. Ihre Debüt-EP ANTRACYTE kam Ende Januar raus und ist geprägt von sowohl ehrlichen, teils verletzlichen Songs als auch von empowernden. Wir haben sie für euch im Interview.

     
    Mulay im Interview

    Anna: Hey! Freut mich sehr, dass das geklappt hat! Seit ein paar Tagen ist deine Debüt-EP ANTRACYTE draußen. Wie fühlst du dich?

    Mulay: Es ist ein komisches Gefühl, nach einer so langen Reise, einem so langen kreativen Prozess nun quasi am Ziel angekommen zu sein. So sehr ich mich natürlich darüber freue, mein Debut nun endlich mit der Welt zu teilen, wurde mir, so kitschig es klingt, nochmal bewusst, dass der Weg das eigentliche Ziel ist. Ich bin stolz auf das, was mein Team und ich gemeinsam geschaffen haben. Ich bin unglaublich dankbar für all die Unterstützung, die diese EP überhaupt möglich gemacht hat und für all die Erfahrungen die ich auf dem Weg sammeln konnte. Jetzt heißt es Loslassen und auf zu Neuem. ANTRACYTE is all yours now.

    Anna: Als Newcomerin bist du ganz frisch in der Szene, vielleicht kannst du dich ganz kurz vorstellen? Welche Musik inspiriert dich und wen könnte deine Musik inspirieren?

    Mulay, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, mulaymusic, antracyte, untold musicMulay: Ich bin Mulay, Sängerin, Songwriterin, Produzentin, Performerin und lebe seit drei Jahren in Berlin. Mich inspiriert Musik, die mich berührt, mich bewegt, die Genregrenzen überschreitet, Neues schafft, sich authentisch anfühlt. KünstlerInnen wie FKA Twigs, Sevdaliza, SZA, James Blake, Frank Ocean und viele andere, die ihre ganz eigene Ästhetik kreieren und diese in mehreren Dimensionen kommunizieren, durch Klang, Bild, Performance… Ich selbst liebe es, interdisziplinär zu arbeiten und mit Künstlern aus unterschiedlichen Bereichen zu kollaborieren und sich gegenseitig zu inspirieren. Ich möchte Menschen auf eine Reise mitnehmen, in der ein Jeder sich verlieren und selbst entdecken kann. Ungefilterten Gefühlen Ausdruck verleihen, Stärke in Verletzlichkeit zeigen, mich selbst und mein Umfeld reflektieren und damit einen Jeden inspirieren, der sich darin wiederfindet.

     
    „Für meine künstlerische Entwicklung war diese Zeit unglaublich wertvoll.“

    Anna: Bevor du 2020 deine Solokarriere gestartet hast, warst du auch schon musikalisch aktiv. Du warst viel mit Producer Moglii unterwegs, und unter Anderem live in Tokio und den Niederlanden gespielt. Wie haben diese Erfahrungen dich geprägt? Ich stell mir das alles sehr aufregend vor.

    Mulay: Das waren definitiv alles wichtige Erfahrungen, die mich als Mensch und Künstlerin geprägt und den Weg für meine Solokarriere geebnet haben. Nach der Schule habe ich in Holland Jazz & Pop Musik studiert und dort meine erste Band „YXC“ gegründet. Ich fing gerade an, meine eigenen Songs zu schreiben und hatte die Möglichkeit, diese in der Band gemeinsam zu arrangieren und vom kreativen Input der anderen zu profitieren. Ich hab erste Live Erfahrungen gesammelt genau wie Erfahrungen im Bereich Booking, Management und Creative Direction. Wir haben damals alles selbst gemacht und ich als Kopf der Band hab viele Jobs übernommen. Für meine künstlerische Entwicklung war diese Zeit unglaublich wertvoll, da ich ohne Druck Dinge ausprobieren und meine eigene Stimme als Künstlerin finden konnte. Die Mitglieder meiner damaligen Band sind noch heute ein wichtiger Bestandteil meines musikalischen Teams.

    Moglii habe ich auch zu der Zeit in Holland kennengelernt. Er war in der Stadt, um einen Freund zu besuchen, der an meiner Uni studiert hat. Der hat ihn dann zufällig auf ein Konzert meiner Band mitgenommen. Wir kamen ins Gespräch und fast zwei Jahre später hat die lang geplante Kollaboration begonnen. Ich bin unglaublich dankbar für die Erfahrungen, die ich mit Moglii auf der Bühne machen konnte. Wir waren sehr viel zusammen unterwegs und hatten immer eine gute Zeit. Erinnerungen an die ich besonders jetzt, wo Festivals und Live Konzerte so weit weg erscheinen, gerne zurückdenke. Ich hoffe sehr darauf, bald wieder auf der Bühne stehen und Musik live mit Menschen teilen zu können. 

     
    „Sie haben mir die Zeit gegeben, meine Vision zu schärfen bis ich sie klar kommunizieren konnte.“

    Anna: Wie hat diese Zeit das beeinflusst, was du jetzt solo machst? Hast du Sachen gelernt, die du jetzt anwenden kannst oder fühlst du generell, dass du dich dadurch auch weiterentwickelt hast?

    Mulay: Ich hab damals wichtige Erfahrungen gesammelt, die mir in erster Linie das Selbstbewusstsein gegeben haben, meine Vision als Solo Künstlerin umzusetzen. Ich hatte schon immer eine starke Vorstellung was Klang- und Bild- Ästhetik angeht und habe auch schon immer Persönliches durch Songwriting verarbeitet. Daher lag der Schritt in Richtung Solokarriere nahe. Die Zeit mit meiner Band und die Erfahrungen mit Interdisziplinären Projekten, wie der Klang- und Videoinstallation „Poem of a Cell“, mit der ich beispielsweise in Tokyo aufgetreten bin, haben mir erlaubt zu wachsen. Sie haben mir die Zeit gegeben, meine Vision zu schärfen bis ich sie klar kommunizieren konnte. Außerdem hatte ich durch mein Studium das Glück vielen, talentierten, kreativen Menschen zu begegnen, die mich dazu inspiriert haben, andere Perspektiven einzunehmen und Genregrenzen der Kunst zu durchbrechen.

     
    „ANTRACYTE beschäftigt sich mit dem Thema Betrug, Schuld, Verurteilung und dem Verlieren und Neufinden seiner Selbst.“

    Anna: Auf ANTRACYTE sind eine handvoll wirklich guter Lieder versammelt. Was verarbeitest du inhaltlich auf den einzelnen Songs?

    Mulay: ANTRACYTE beschäftigt sich mit dem Thema Betrug, Schuld, Verurteilung und dem Verlieren und Neufinden seiner Selbst. Die EP steht somit für den Abschied eines alten- und die Wiedergeburt eines neuen-Ichs. Es geht um das Scheitern, unter dem Druck von außen, einem bestimmten Bild zu entsprechen. Es geht aber auch um die ehrliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbstbild und den Weg zur Selbstliebe, weiblicher Selbstbestimmung und sexueller Freiheit.

    Mulay, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, mulaymusic, antracyte, untold musicANTRACYTE gibt den Auftakt zur EP und fängt einen Moment der Selbstoffenbarung ein nachdem man Geliebte betrogen und verletzt hat. Man ist sich seiner Schuld bewusst und gibt sich seinem Schicksal hin. Der Song repräsentiert das erste Kapitel der Geschichte „the death of innocence and the birth of a villain“.

    PHOENIX ist aus einer weiseren Stimme im Rückblick auf das Geschehene geschrieben. Es steht für die Wiedergeburt und Erinnerung daran, dass es oftmals unsere Fehler sind, die uns formen. Die dunklen Zeiten, die wir überstehen, ermöglichen uns, über uns hinaus zu wachsen.

    MEDUSA repräsentiert die Dunkelheit. Es geht um die Konfrontation mit den Konsequenzen des eigenen Handelns, um die Erfahrung von Abweisung, Schuld, Selbstzerstörung und einem verzweifelten Ruf nach Aufmerksamkeit.

    SHAME steht für das Licht am Ende des Tunnels. Es ist die innere Stimme, die einen aus der Dunkelheit führt, die Erkenntnis, den Weg zu Selbstakzeptanz und bedingungsloser Selbstliebe. 


    PSYCHOPATH ist das Outro der EP und handelt von der Sehnsucht danach geliebt zu werden, entgegen jeder Vernunft. Es ist der einzige Song, der nicht auf meiner persönlichen Erfahrung, sondern der einer Freundin beruht. Er repräsentiert abschließend die Schönheit der Verletzlichkeit und die Dualität der Gefühle, die alle Songs vereint.

    Anna: Hast du einen Lieblingstrack oder einen, der dir besonders viel bedeutet?

    Mulay: Es wäre wahrscheinlich MEDUSA, da er mich am längsten begleitet hat. Obwohl er von einer sehr dunklen Zeit in meinem Leben erzählt, steht er heute für mein persnliches Wachstum als Mensch und als Künstlerin. Ich könnte ein Album rausbringen mit all den Versionen, in denen MEDUSA existiert hat, bevor ich endlich das Gefühl hatte, den richtigen Kontext gefunden zu haben. Als ich MEDUSA geschrieben habe, war ich ziemlich depressiv. Ich erinnere mich, wie absurd es sich angefühlt hat, den Song das erste Mal auf der Bühne zu singen. Ich hab über meinen tiefsten Schmerz gesungen, während ich genau das durchlebt und dafür Applaus bekommen hab. Wenn ich den Song heute höre oder performe, wird mir bewusst, dass ich mich jetzt nicht mehr so fühle. Ich werde daran erinnert, wie viel ich durch diese Zeit über mich selbst gelernt habe und wie viel stärker und weiser sie mich gemacht hat.

     
    „Es ist mir wichtig, mich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen.“

    Anna: Du setzt bei deiner Musik auch ganz viel Fokus auf das Künstlerische drum rum. Von eindrucksvollen Musikvideos zu art installements und ästhetischen Fotoshoots: Musik scheint für dich immer auch mit etwas Visuellen verbunden zu sein. Was möchtest du damit ausdrücken, warum ist dir das so wichtig?

    Mulay: Musik ist für mich schon immer stark mit visuellen Ideen verbunden. Oft entstehen diese zeitgleich und ich habe bereits beim Schreiben eines Songs Bilder im Kopf. Daher ist die Visuelle für mich ein natürlicher, organischer Teil meines kreativen Prozesses und einfach eine weitere Möglichkeit mich auszudrücken. Ich liebe es, konzeptuell mit mehreren Ebenen und Dimensionen zu arbeiten mit dem Ziel, ein Gesamtkunstwerk zu schaffen. Es ist mir wichtig, mich selbst und meinen kreativen Ausdruck nicht zu limitieren und mich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen. Interdisziplinäre Kollaboration und gegenseitige Unterstützung als Creative Community ist für mich einer der wichtigsten Aspekte der Arbeit, die ich machen möchte und die größte Quelle an Inspiration.

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    Anna: Das Musikvideo von „SHAME“ zum Beispiel strotzt vor Frauenpower und ist sehr schön anzusehen – fühlt sich nur vom Zuschauen sehr empowernd an. War das auch die Message, die du mit dem Song verbreiten wolltest?

    Mulay: Auf jeden Fall. Die gesamte EP und die Geschichte, die sie erzählt, basiert auf meiner persönlichen Erfahrung, kann jedoch auch allgemeiner als Erfahrung einer Frau interpretiert werden. Es ist eine Ebene, die immer Teil meines künstlerischen Ausdrucks sein wird. Ich erlebe die Welt als Frau. In der Welt, in der wir leben, bedeutet das, oftmals mit anderen Maßstäben gemessen zu werden. SHAME habe ich aus der Perspektive einer inneren Stimme geschrieben, die einen daran erinnert, sich selbst eine bessere Freundin zu sein. Es geht um das Streben nach Selbstakzeptanz, danach seinen eigenen Weg zu gehen, anstatt sich Erwartungen anderer anzupassen. Daher wollte ich für das Video eine diverse Gruppe starker, inspirierender Frauen zusammenbringen, die diese Journey repräsentieren. Die Frauenpower an dem Tag war allgegenwärtig. Natürlich bedeutet das nicht, dass die Message allein für Frauen gilt, sondern für jeden, ganz gleich welches Geschlecht oder welcher Identität.  

     
    „Die Geschichte hat mit wenig Schlaf, Games und zwei Liter Eiscreme zu tun.“

    Anna:  Auch wenn deine EP jetzt gerade erst raus kam – kannst du uns schon verraten, auf was man sich von dir dieses Jahr noch freuen kann?

    Mulay: Ich habe im letzten Jahr während des Lockdowns einige neue Songs geschrieben und hatte das Glück für ein paar spannende Kollaborationen mit Künstlern ins Studio zu gehen. Es werden also auf jeden Fall erstmal ein paar Features kommen, auf die ich mich schon sehr freue. Ich werde den gefühlt endlosen Lockdown 2021 nutzen, um an meiner nächsten EP zu arbeiten und wer weiß…. the journey has just begun.

    Anna: Die letzte Frage ist eine „untold story“: eine Geschichte hinter einem Song oder Ähnliches, die du so noch nie in einem Interview erzählt hast. Kannst du da was mit uns teilen?

    Mulay: Als ich mit meinem Gitarristen Jascha den Song SHAME geschrieben habe, stand nach zwei Tagen Session das gesamte Instrumental. Nur was die Vocals anging, fühlte sich noch keine meiner Ideen zu Melodie und Text richtig an. Ich blieb die ganze Nacht wach bis es gegen 5:00 morgens Klick machte, die Inspiration mich überkam und der Song nach ein paar Minuten fertig war. Der Ursprung der Idee, die mich über mehrere Ecken und Gedankenstränge zum finalen Titel und Inhalt von SHAME geführt hat, liegt in der Geschichte des Vorabends meines Gitarristen, seinem Zustand am Tag darauf und einem Telefonat das wir hatten. Die Geschichte hat mit wenig Schlaf, Games und 2 Liter Eiscreme zutun…. Da es aber nicht meine Geschichte ist, werde ich nicht mehr dazu sagen, aber ihr könnt euch ja eure eigenen Theorien zusammenreimen. Ohne sie wäre SHAME vielleicht nicht entstanden. Our brain works in mysterious ways…

     

    Falls euer Interesse geweckt ist – hier könnt ihr euch ANTRACYTE anhören:

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    Fotocredit: Kanaan Brothers, Ali Kanaan, Gianna Shamone

  • DISSY im Interview: »Hip Hop war immer in mir.«

    DISSY im Interview: »Hip Hop war immer in mir.«

    Wir bringen ein bisschen Hip Hop in die Runde. DISSY könnte jenen, die sich ein bisschen in der Deutschrap Szene bewegen, bekannt sein. Features mit Mine und Ahzumjot machten auf ihn aufmerksam und auch Maeckes, OK KID und Chefket gehören zu seinen Supportern, mit denen er in der Vergangenheit zusammengearbeitet hat. DISSY balanciert auf der Grenze zwischen Harmonie und Chaos, spielt mit viel mehr als nur den gebräuchlichen Elementen des Deutschraps. Und gerade das macht seine Musik so interessant. Letzte Woche hat erseine bugtape side b EP veröffentlicht, das Gegenstück zu der im letzten Jahr erschienenen EP bugtape side a. Anna hat ihn für euch auf ein kleines Interview eingeladen, um über seine musikalischen Einflüsse und das Konzept der beiden EPs zu reden. Eine untold story gibt’s am Ende auch noch.    

     
    DISSY im Interview

    Anna: Hey! Wie geht’s dir?

    DISSY: Ganz gut soweit. Die Promophase für meine neue EP ist nur ein bisschen anstrengend. Ich bin gerade zwischen Euphorie und Panikattacke.

    Anna: Für Leute, die noch nichts mit DISSY anfangen können, magst du dich ganz kurz vorstellen?

    DISSY: Wenn ich mich irgendwo vorstelle, sag ich immer, dass ich Videocutter bin, aber eigentlich mach ich dopen Rap, verspulte Beats und crazy Videos. Kreativen Kram halt.

    Anna: Musikalisch bedienst du dich unter dem Mantel „Deutschrap“ viel mehr Genres als nur Rap. Was sind deine musikalischen Einflüsse?

    DISSY: Ich hab alles aufgesaugt, was ich damals bei Soundcloud gefunden hab. Am meisten inspirieren mich aber Produzenten wie Clams Casino, Flume, Shlohmo, Flying Lotus und Kaytranada. Hip Hop war immer in mir und ist ein super Grundgerüst, um Sounds aus anderen Genres draufzupacken. Natürlich bin ich auch krass inspiriert von der klassischen Musik, die meine Mutter gehört hat und der Electro Rave Welle, die ich während meiner Berliner Kindheit viel mitbekommen habe.

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    „Es geht um den Zwiespalt in sich selbst.“

    Anna: Erst letztes Jahr hast du die die bugtape a EP veröffentlicht. Offensichtlich haben beide was miteinander zu tun. Wie bist darauf gekommen, die zu splitten?

    DISSY: Ich wollte einfach mehr Gewichtung auf beide Hälften legen, weil die in sich geschlossen schon sehr stimmig waren. Außerdem konnte ich dadurch auch mehr Videos machen und habe mehr Output.

    Anna: Was auch hervorsticht, sind die Tracklisten. Auf der bugtape a EP ergeben einzelne Wörter einen Satz: „wenn ich hier drauf | click | kommt ein | error sound | aber ich bin | psychoblick dissy. | du hast mein herz im darknet verkauft | und chillst jetzt an der | cotazur | mit | pickachupillen.“ Auch die bugtape side b fügt sich diesem Muster. Was willst du damit aussagen?

    DISSY: Eigentlich ist das Bugtabe ein Mixtape, auf dem wir uns musikalisch extrem ausgetobt haben. Das Konzept ist hinterher entstanden. Ich wollte die Menschen dazu bewegen, das Tape am Stück zu hören. Deshalb gibt es einen zusammenhängenden Satz und nicht dem aktuellen Zeitgeist entsprechend kurz Singles mit knackigen Namen für die Playlisten auf Spotify.

    Anna: In deiner letzten Single freak. sprichst du über Bipolarität. Welchen Bezug hast du dazu?

    DISSY: Es geht weniger um Bipolarität, sondern mehr um einen Zwiespalt in sich. Dieses dazugehören wollen aber gleichzeitig will man ausbrechen aus diesem Trott und diesen gesellschaftlichen Normen. Ich denke, jeder Mensch hat da mehrere Seiten in sich. Die Harmoniebedürftige und den „Freak“. Die Frage ist nur, wo fängt das Freak-Sein an. In meiner Familie bin ich wahrscheinlich ein bunter Hund. In Berlin bin ich als kreativer Selbstständiger auch wieder nur ein Normalo.

    Anna: Wenn wir über mental health reden, kommt man leider auch nicht über diese ganze Corona Sache vorbei. Wie hast du das letzte Jahr erlebt und wie geht’s dir jetzt? Ich finde jetzt gerade zieht das einen irgendwie noch mehr runter als davor.

    DISSY: Langsam wird’s hart, ja. Für mich war die Zeit auch wichtig, um mich mal mehr auf mich selbst zu konzentrieren, aber langsam wird es surreal und ich hab das Gefühl, dass ich mich fast an die Isolation gewöhnt hab. Ich werde etwas brauchen, um mich danach wieder an den Trubel zu gewöhnen, aber ich vermisse es schon stark.

    Anna: Was ist das Erste, was du machen wirst, sobald das alles vorbei ist?

    DISSY: Verreisen, meine Oma besuchen und bestimmt auf viele Partys gehen.

    Anna: Damit sind wir auch schon bei der Schlussfrage, die nach einer „untold story“ fragt. Was ist eine Geschichte hinter einem Song, die du so noch nie in einem Interview erzählt hast?

    DISSY: Das Lagerfeuer-Lied von Playlist 01 hab ich völlig übermüdet nach einer durchzechten Partynacht geschrieben und dann nichts mehr dran geändert.

     

    Hört hier in die beiden bugtape EPs rein:

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    Fotocredit: Corn Dawg Records