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  • Razz im Interview zu „Everything You Will Ever Need“: »Das ist Razz 2.0«

    Razz im Interview zu „Everything You Will Ever Need“: »Das ist Razz 2.0«

    Mittlerweile sind sie schon eine feste Größe im Indie-Kosmos Deutschland’s und dürfen in keiner guten Release-Playlist fehlen: Razz. Die vier Jungs aus Berlin haben ihr drittes Album unter dem Namen „Everything You Will Ever Need“ veröffentlicht. Mit einem deutlich poppigeren Sound und nachdenklichen Texten zeigt sich die Band in neuem Gewand. Für die alteingesessenen Razz-Fans dürfte das aber kein Schock sein, denn mit der zuletzt veröffentlichten EP „Might delete later“ kündigten Niklas, Steffen, Christian und Lukas bereits an: So wird Razz 2.0 nach gut drei Jahren Release-Pause klingen!

    Sänger Niklas gibt im Interview einen Einblick hinter die Fassade und erklärt, wie es zu dem neuen Sound kommt. Außerdem gibt’s zu lesen, warum er sich nicht mehr mit den Songs aus 2015 identifizieren kann, wie es zu dem Kurzfilm in den Musikvideos zum Album kam und welches Verhältnis er noch zu seiner Heimat hat. Wer dazu noch wissen will, was es mit dem Mann und der Kettensäge auf sich hat, dem empfehle ich bis zum Ende dran zu bleiben. Lohnt sich, versprochen. Jetzt geht’s aber los!

    Razz im Interview

    Anna: Hallo Niklas. Schön, dass du dir die Zeit genommen hast und mit mir ein bisschen  über euer neues Album „Everything You Will Ever Need“ redest. Zu Beginn aber erstmal eine ganz andere, banale Frage:  Gibt es ein Konzert, auf das du persönlich hingehst in nächster Zeit oder hast du da gar keine Zeit zu?

    Niklas: Also 24/7 nur beschäftigt sind wir zum Glück nicht. Nein, ich habe Gott sei Dank ein Privatleben. (lacht) ich muss mal schauen. Ich hatte gerade überlegt, das letzte Konzert, auf dem ich war, war bei KAYTRANADA. Der hat im Festsaal gespielt. Das war unfassbar gut. Und dann sehe ich gerade in meinem Kalender – da hätte ich mich drauf gefreut – Olivia Rodrigo. Das habe ich aber leider nicht geschafft. Dann habe ich noch überlegt, zu Betterov zu gehen.

    Anna: Oh ja, das Konzert hab ich vorhin auch in meine Mails eintrudeln sehen und würde super gerne hingehen. Da ärgere ich mich dann jedes Mal, dass ich nicht in Berlin wohne. Sing also ne Runde für mich mit!

    Niklas: Ah, wie ärgerlich. Er spielt auf jeden Fall im gleichen Club, wo wir jetzt auch auf der Tour waren. Dennis, der Gitarrist von Betterov, hat unser Album mitproduziert und ist da jetzt live als Gitarrist dabei. Hab ihn noch letzte Woche getroffen und da haben wir darüber gequatscht. Da hätte ich auf jeden Fall mega Bock drauf.

    Anna: Die Vorband ist auch ganz cool: Cinemagraph! Ich weiß nicht, ob du die schon kennst.

    Niklas: Warte mal, das sagt mir sogar was. Lass mich mal kurz schauen. Ich öffne mein Spotify. (vertieft in sein Handy) Nee, kenn ich doch nicht, aber sieht gut aus. Welchen Song kannst du empfehlen? In welchen Song muss ich reinhören?

    Anna: Ich glaube, der bekannteste ist „Smiling Face“. Aber ich mag auch den neuen ganz gerne „I Hate That We’ll Be Strangers In A While“ – das gibt mehr sehr große The 1975-Vibes.

    Niklas: Oho, dann bin ich ja gespannt. Ich hab beide Songs jetzt mal gespeichert. Danke. Ich freue mich immer über neue Musikempfehlungen.

    Von Tour-Alltag und Zukunftsgedanken

    Anna: Gerne doch! Aber kommen wir zurück zu Razz und dir. Wie fühlst du dich jetzt gerade vor Release des Albums? Ich glaube, Konzerte und Touren habt ihr jetzt gerade durch und es kommt so ein bisschen die Ruhe vor dem Sturm auf.

    Niklas: Ja, wir spielen jetzt noch einige Festivals. Haben nach der Tour auch schon wieder zwei, drei Festivals gespielt. Die Tour an sich hat mir ultra viel gegeben. Auf jeden Fall. Nach dieser langen Durststrecke war es mal wieder krass geil. Deswegen machen wir ja auch Musik. Das mit den Leuten interagieren oder halt auch die Songs live zu spielen war schon immer sehr essenziell und eine große Komponente. Und sonst? Ja, wir sind in den letzten Zügen von den Vorbereitungen. Das ist dann immer so mega unromantisch. Also ich freue mich schon, aber es ist gar nicht so die krasse Vorfreude, die man eigentlich immer erwartet, weil dieses Album ja schon ein bisschen länger fertig ist. Und man hat jetzt die alten Songs schon tausendmal gehört. Ich freue mich dann immer eher wieder die Songs live zu spielen. Ja und dann ist gerade mehr so die Planung in die Richtung: was geht danach schon wieder? Und so was.

    Die Entstehungsgeschichte von „Everything You Will Ever Need“

    Anna: Krass, ja das ist dann wohl mein Zeitpunkt, jetzt mal ein bisschen auf das Album direkt einzugehen. Wie, wann und in welcher Phase sind die Songs so entstanden? Das sind  ja ganz schön ne Menge Songs. Aber dann sind natürlich auch zwei Singles von der EP mit dabei. Wie ist es dazu gekommen?

    Niklas: Die EP und das Album sind so ein bisschen aus einem Guss. Also es ist ganz witzig, weil wir sehr viele Sessions hatten und ein paar Songs schon fertig waren. Und wir haben dann immer wieder weitergeschrieben und sind ins Studio. Aber das gehört für mich so ein bisschen zusammen. Ich weiß gar nicht, wie lange es war. Ich glaube, wir haben Ende 2019 angefangen zu schreiben und uns ein bisschen überlegt: Wie soll es klingen und in welche Richtung soll es gehen? Von daher hat sich das ziemlich gezogen und EP und Album sind zusammen entstanden. Deswegen ist das auch so ein bisschen der Grund, warum „Like You“ und „1969 – Conrad“ mit aufs Album gekommen sind. Sie schlagen glaube ich eine gute Brücke zu dem Album. Aber wir haben schon irgendwie so knapp zwei Jahre dran geschrieben. Das war erst ein kleiner Hustle, weil wir nicht genau wussten, ob das jetzt wirklich die Songs sind, die Razz 2.0 einläuten. Dann hatten wir aber so schnell noch mehr Songs geschrieben und „Ocean“ stand irgendwie auch so für sich, da musste einfach eine EP her. Wir hatten auch einfach Lust und haben uns dann entschieden, jetzt schon mal was rausbringen. Wir haben Songs, mit denen wir happy sind und dann machen wir einfach weiter und machen ein Album danach.

    Anna: Heißt das, dass „might delete later“ dann auch gelöscht wird, sobald das Album raus ist?

    Niklas: (lacht)Ne! Aber das wäre auf jeden Fall ein starker Move, wenn wir einfach so das Album oder die EP löschen würden. Es bleibt zumindest erstmal noch überall verfügbar und man kann es auch kaufen. Aber vielleicht in irgendeiner Zukunft. Das wäre auch eigentlich mal ein guter Kaufanreiz.

    Wenn man selbst der größte Fan vom eigenen Merch ist

    Anna: Du gehst ja auch mit gutem Beispiel voran und trägst euren eigenen Merch, wie ich sehe.

    Niklas: Haha ja, aber das war gar nicht mit Absicht. Ich find das T-Shirt einfach echt cool. Christian designt ja unseren Merch selbst. Von daher ist es ja gar nicht so sehr als unser Merch zu sehen. Aber ich bin da eher ein Fan von Christian’s Design, auch wenn das quasi meine Kritzeleien und meine Schrift ist. Aber zumindest Christian’s Idee. Ich supporte also auch Christian damit.

    Anna: Du musst dich gar nicht rechtfertigen, ich finde den Merch auch ziemlich schön. Da hat Christian einen guten Job gemacht. Ich finde es ist ja auch nicht so „in your face – das ist Razz Merch“, es stehen halt Lyrics von Songs drauf.

    Niklas: Ja, genau, das war uns auch sehr wichtig, dass es so ist. Ich mag das auch gar nicht, wenn auf dem Merch fett Albumtitel und vielleicht Bandname steht oder was weiß ich. Von daher war irgendwie das Augenmerk bei uns, ein bisschen mehr darauf, was irgendwie cool aussieht.

    Anna: Ich bin auch gespannt, wie die die Shirts alles aussehen, die ihr letztens selbst bemalt habt für die Sondereditionen von den Vinyls.

    Niklas: Da bin ich auch sehr gespannt. Aber ich glaube, einige trägt Christian gerade schon so ein bisschen warm. Also wir haben es ja selbst gemacht und hatten einen Kumpel dabei, Olli, der ultra gute Ideen hatte. Christian fand die Shirts so geil, dass er sich so zwei drei Stück gesneaked hat und die einfach andauernd selbst trägt. Wir müssen ihm noch irgendwie beibringen, dass die auch wieder mit in die Deluxe-Box müssen.

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    Anna: So ein, zwei Wochen hat er dann ja noch. Ok, zurück zum Album: Würdest du sagen, es gibt ein Hauptthema auf dem Album, das sich so thematisch durchzieht?

    Niklas: Im Gegensatz zu der EP ist das Album auf jeden Fall ein bisschen introvertierter, also auch sehr viel persönlicher. Also die EP ist ein bisschen mehr nach außen gerichtet und auf die Gesellschaft bezogen.Bei dem Album ist ein Thema, was auf jeden Fall dominiert oder häufig vorkommt dieser Heartbreak-Trennungs-Kosmos. Und ja, gleichzeitig auch so meine Gefühlslage,die ein bisschen in die deprimierende Musikrichtung geht und die ich hatte, als wir das Album geschrieben haben. Und das sind so die zwei Hauptthemen. Teilweise ist da aber auch so ein Funke an Euphorie oder Hoffnung immer dabei. Aber es ist schon sehr viel Nachdenkliches auf jeden Fall so grundsätzlich.

    Anna: Ich finde gerade auch die zwei Singles, die von der EP schon kommen, sind eher euphorisch als der Rest.

    Niklas: Textlich sind beide relativ euphorisch, das stimmt. Also ich finde es persönlich immer interessanter, wenn es ein bisschen offen gehalten ist. Aber die Hintergedanken bei den Songs sind auch schon sehr dystopisch. Vielleicht ein bisschen übertrieben, aber es sind Dinge, die mich genervt haben. Also beispielsweise dieses ständige Vermarkten müssen oder sich präsentieren müssen auf irgendwelchen Social Media Plattformen. Während und generell beim Album schreiben ist mir aufgefallen, dass wir in unserer Generation viel Wert auf Selbstverwirklichung legen. Also uns ist es wichtig, dass wir nicht nur sagen, dass wir welchen Job auch immer nehmen, sondern es soll schön sein und es muss Spaß machen. Du musst einfach happy damit sein. Und genau diese Generationsfrage ist da glaube ich noch mehr dabei in den Texten. Ich glaube, Corona war ein bisschen wie ein Brennglas, dass jeder sich so krass mit sich selbst konfrontiert fühlte und konfrontieren musste. Das hat das Album auf jeden Fall auch maßgeblich mit beeinflusst.

    „Manchmal frage ich mich auch: Was ist genau überhaupt das Problem? Da hilft das Songwriting“

    Anna: Hilft dir das dann, wenn du die Songtexte schreibst, selbst zu reflektieren und das aufzuschreiben und dadurch besser damit klar zu kommen?

    Niklas: Gute Frage. Ich glaube grundsätzlich, also ganz grundsätzlich glaube ich, dass Tagebuch führen oder Gedanken aufschreiben, super hilfreich sein kann. Dementsprechend glaube ich auch, dass es hilft, wenn man seine Gedanken ordnet und es in Songs aufschreibt. Manchmal frage ich mich auch: Was ist genau überhaupt das Problem und warum fühle ich gerade so? Ich glaube, da helfen Songs oder allgemein das Runterschreiben von Dingen auf jeden Fall, um das zu ordnen und klarer zu gestalten.

    Anna: Ja. Kann ich mir vorstellen. Ich wünschte auch manchmal, ich wäre so ein Mensch, der Tagebuch schreibt.

    Niklas: Aber das kannst du ja ganz einfach anfangen.

    Anna: Ja, das sagt man sich dann immer, aber macht es dann doch nicht.

    Niklas: Aber du musst es ja auch nicht regelmäßig machen. Ich schreibe auch kein Tagebuch, aber ich weiß von vielen Freunden auch oder Freundinnen, die das machen und das dann vielleicht auch eher unregelmäßig machen. Nur, wenn man vielleicht gerade den Drang dazu hat, etwas runter zu schreiben oder sich über irgendwas klar zu werden, kann es auf jeden Fall sehr hilfreich sein. Also dementsprechend einfach ein kleines Büchlein kaufen. Dann kann man immer wenn es einem gut geht oder vielleicht auch nicht gut geht, das dann runter zu schreiben.

    Anna: Ja doch, ich glaube auch, dass es wirklich hilft zur Reflexion.

    Niklas: Ja, voll! Also einfach den Vergleich zu haben, dann zu merken, wie habe ich die Situation vielleicht gehändelt und wie würde ich das eigentlich machen.

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    Anna: Ich wollte auch noch mal auf die Musikvideos eingehen zu den Singles, die bisher veröffentlicht sind. Es ist ja quasi ein durchgängiger Kurzfilm, wenn man die alle hintereinander schaut. Aber wie seid ihr auf die Geschichte gekommen? Sie hat sich jetzt irgendwie auch noch nicht so ganz fertig angefühlt.

    Niklas: Ja, das war so ein bisschen auch die Intention, das offen zu lassen. Die vierte Episode ist tatsächlich aber auch die letzte Episode. Wir haben uns ganz am Anfang gedacht: Okay, wir haben nicht so Bock auf einzelne Musikvideos. Wir hatten das Gefühl, dass wenn wir ein Musikvideo einfach so ins World Wide Web rein schießen, dann verpufft es einfach so. Das ist als Musiker*in glaube ich sehr schwierig. Es hat für mich irgendwie so was Belangloses. Und auch, weil so ein Album ein ganzes, zusammenhängendes Konstrukt ist, war unsere Idee eben einfach, vielleicht auch bei den Musikvideos was Zusammenhängendes zu machen. Also warum keinen Kurzfilm, der vielleicht mit einer Handlung zusammenhängt? Wir haben schnell gemerkt, dass eine Handlung vielleicht ein bisschen zu aufwendig oder zu verwirrend ist und haben dann diese drei Handlungsstränge genommen, die aber untereinander verwoben sind. Das Ganze haben wir im Oktober letzten Jahres geplant. Dann haben wir Jen Krause angeschrieben auf Instagram ganz spontan und die hatte da auch Bock drauf. Wir haben so zwei, drei Monate mit der Planung verbracht. Ich glaube die Stories können ein bisschen verwirrend sein, weil man sich manchmal den Sinn noch selbst suchen muss. Aber das finde ich manchmal ganz interessant und man muss es wahrscheinlich auch sehr aufmerksam schauen, dass man alle Storylines untereinander checkt. Aber wir mussten das schon ein bisschen vereinfachen. Also das heißt, das Grundgefühl haben wir dann von den Songs genommen und das in den Videos verpackt. Aber es war uns eben wichtig, dass es zusammenhängend ist und nicht nur so ein einzelnes Musikvideo.

    Anna: Ich finde, das hat echt gut geklappt!

    Niklas: Das freut mich, danke.

    Zwischen Hoffnung und Sicherheit

    Anna: Gibt es irgendwelche bestimmten Hoffnungen und Erwartungen, die du dem Album gegenüber hast? Oder hast du Angst vor bestimmten Reaktionen?

    Niklas: Angst tatsächlich nicht so. Ich habe generell immer so ein paar grundlegende Selbstzweifel, aber das ist jetzt nicht bei dem Album schlimmer. Ich kann auch sagen, dass ich mich relativ wohlfühle mit dem Album. Ich finde es ist ein sehr guter Querschnitt von Razz geworden. Eigentlich genauso, wie wir uns das vorgestellt haben. Naja und so eine klassische Hoffnung ist natürlich, dass wir gut in die Charts einsteigen.  Aber es kommt immer darauf an, welche Releases noch da sind. Ich weiß nur, dass wir mit den letzten Alben auch immer direkt eingestiegen sind. Also es war schon so eine kontinuierliche Steigerung. Von daher müsste jetzt das jetzige Album, wenn man dem nachgeht, höher starten als das letzte. Das wäre natürlich schön.

    Wie klingt denn jetzt Razz 2.0?

    Anna: Das bringt mich auch zum anderen Punkt, den du bereits angesprochen hast: Razz 2.0. Ihr seid als Band ja 2012, 2013 gestartet. Das ist offensichtlich schon sehr lange her und seitdem ist sehr viel passiert, ihr wart sehr jung und in einer ganz anderen Lebensphase. Das ist jetzt ein ziemlicher Break, der zwischen „Nocturnal“ und „Everything You Will Ever Need“ liegt. Was ist der grundlegende Unterschied zwischen Razz 1.0 und Razz 2.0 und warum?

    Niklas: Es gibt auf jeden Fall mehrere Sachen, die anders sind. Gerade bei den ersten beiden Alben, beim ersten aber noch viel mehr. Da habe ich sehr viele der Songs auf der Gitarre geschrieben, mit so einer gewissen Naivität. Und das gleiche haben wir jetzt bei dem Album gehabt, wo ich sehr viel auf dem Klavier geschrieben habe und. Ich bin jetzt nicht kein hammermäßig guter Pianist, aber vieles funktioniert und ich verstehe alles, wenn ich es analysieren würde. Aber ich finde es immer ganz spannend, wenn man sich an ein Instrument setzt und nicht zu sehr drüber nachdenkt und dann auch einfach Sachen passieren, die man nicht überlegt, sondern einfach macht, weil es gerade funktioniert. Und damit hatten wir diesen Effekt, den wir früher an der Gitarre hatten. Aber wie du ja auch meintest, es liegen knapp zehn Jahre dazwischen. Also die Texte behandeln auf jeden Fall andere Themen. Gleichzeitig hat sich natürlich auch unser Musikgeschmack verändert. Ich höre immer noch oft, dass wir mit Kings of Leon verglichen werden, aber die habe ich zum Beispiel schon ewig nicht mehr gehört oder würde sie auch nur voll selten hören –  auch eher aus nostalgischen Gründen. Es ist also auch schon so ein bisschen ein anderer Stil. Ich glaube auch poppig, ohne es irgendwie abwertend zu meinen. Ich mag Popmusik und ich glaube, das Album ist auf jeden Fall auch Popmusik im guten Sinne.

    „Es fällt mir schwer, mich mit den Songs von vor zehn Jahren zu identifizieren“

    Anna: Würde ich auch so unterschreiben. Vor allem auch im Vergleich zu den älteren Songs, die ja eher rockig sind. Magst du die alten Songs trotzdem noch? Spielt ihr die auch noch gerne auf Konzerten oder ist es eher so, dass ihr die einfach nicht mehr fühlt?

    Niklas: So eine Mischung, würd ich sagen. Für mich macht Musik mehr aus als nur schön zu sein. Unterhalten zu werden ist auch wichtig. Und das soll nicht heißen, dass unsere Musik mich nicht unterhält. Aber dadurch, dass ich die Songs schon tausendmal gehört habe und selbst geschrieben habe, weiß ich, was passiert ist und mir ist diese Spannung irgendwie genommen. Und wenn man halt andere Musik hört, dann ist man natürlich überrascht von Melodien oder Ideen, auf die man persönlich nicht selbst gekommen ist. Das fällt natürlich bei der eigenen Musik weg. Ich denke aber auch, ich finde es interessant, wenn Leute ihre eigene Musik hören. Finde ich immer faszinierend. Ich finde es nur teilweise schwer. Oder es fällt mir schwer, mich mit den Songs von vor zehn Jahren, die ich geschrieben habe, als ich 14 oder 15 war, zu identifizieren. Wir spielen einige der Songs teilweise trotzdem noch. Auch wenn immer man sich immer mit den aktuelleren Sachen mehr identifizieren kann, weil es einfach näher an dem persönlichen Geschmack ist. Also wir spielen schon mehr von den neuen Songs.

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    Anna: Hast du einen persönlichen Lieblingssong auf dem Album?

    Niklas: Das variiert immer so ein bisschen. Also bis vor ein paar Wochen war es „Lately„. Den finde ich gut, weil es ein Song ist, der ein bisschen heraussticht und einen etwas anderen Vibe hat. Finde ich zumindest. Wir haben auf der Tour auch „Rome“ gespielt, einer der Songs, die vorab noch nicht veröffentlicht waren. Der hat live ultra gut funktioniert und kam auch super gut an. Die Jungs wurden erst teilweise auf der Tour von dem Song überzeugt. Deswegen ist das jetzt gerade so ein bisschen mein Favorit. Obwohl es auch ein Song ist, den man nicht beim ersten Mal direkt bemerkt oder der direkt auffallen würde. Den muss man kurz bewusst hören.

    Ein bisschen Nostalgie für die Seele

    Anna: Genau, da muss ich leider gestehen, dass es mir bisher genauso ging, aber vielleicht bekomme ich jetzt einen besseren Zugang zu dem Song. Springen wir noch einmal etwas zurück in der Zeit: das letzte Mal, dass ich dich interviewt habe war 2018 auf dem Rocken am Brocken. Damals noch für das Campusradio Hannover. Ist also schon ein bisschen länger her. Das Interview habe ich mir gestern auch noch angehört und es ist echt einfach cringe.

    Niklas: Wahrscheinlich für beide Seiten.

    Anna: Ja, das stimmt wahrscheinlich. Naja, aber worauf ich hinaus wollte ist, dass du damals gesagt, dass du dich potenziell noch deiner Heimat immer sehr verbunden fühlst. Und ich wollte mal fragen, ob das jetzt immer noch so ist. Würdest du das jetzt vier Jahre später auch noch so unterschreiben?

    Niklas: Witzig, weil 2018 sind wir umgezogen. Rocken am Brocken war sogar genau das Wochenende, an dem wir umgezogen sind.

    Anna: Ach echt? Was ein Zufall!

    Niklas: Ja, an dem Wochenende vom Rocken am Brocken haben wir die ganze Zeit unseren ganzen Musik Kram dabei gehabt, aber dann hatte jeder noch so ein, zwei Koffer dabei und dann sind wir direkt weiter nach Berlin. Aber auf die Frage zurück: grundsätzlich ja. Heimat ist irgendwie immer Heimat. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Heimat und Zuhause. Und ich glaube, diese kleine, komische, abgefuckte, ländliche Gegend, aus der wir kommen, wird auch immer noch unsere Heimat bleiben. Oder zumindest meine.

    Anna: Du darfst sie ruhig benennen, wenn du möchtest. Das ist nämlich auch meine Heimat.

    Niklas: Ok, also es geht um das Emsland. Wo kommst du dort her?

    Anna: Ich bin in eine Vorort von Lingen aufgewachsen.

    Die Heimat auf dem Land als Reset-Knopf vom Großstadt-Chaos

    Niklas: Achja, lustig, aber da ist Schöhningsdorf dann wohl doch nochmal etwas kleiner. Ich spüre die Verbundenheit zu dem Ort auf jeden Fall noch. Aber ich fühle mich auf jeden Fall jetzt gerade wohler in Berlin. Einfach weil das Angebot größer ist. Alleine die Leute, die man hier trifft. Wenn ich Lust habe, mega krasse Musiker oder Musikerinnen zu sehen, dann ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass die in den nächsten ein, zwei Wochen hier irgendwo spielen und ich die Möglichkeit habe, die zu sehen. Das ist einfach mega geil. Aber auch das kulturelle Angebot ist einfach so viel besser. Ich bin echt ein enormer Großstadt Fan geworden. Aber ich mags auch immer wieder nach Hause zu kommen, weil es halt einfach wie so ein kleiner Reset Knopf ist und meine Familie ist ja noch da. Also so ganz weg werde ich davon eh nicht kommen. Aber das ist auch, solange die da sind, noch gut.

    Anna: Da ich muss sagen, ich habe das auch in den Corona-Zeiten ein bisschen mehr wertschätzen gelernt. Weil man halt einfach dadurch, dass in der Großstadt dann nichts ging, man dann da so einen Ort der Zuflucht hatte. Also einfach im Emsland in den Wald gehen und rauskam. Man hatte halt viel mehr Möglichkeiten sich irgendwo aufzuhalten.

    Niklas: Ja voll! Wenn man mal so bedenkt, dass alles was eine Großstadt wie Berlin ausmacht, weg ist, wenn Corona ist. Also all die Vorzüge sind irgendwie nicht mehr da. Aber all die Vorzüge, die man in ländlichen Regionen hat, bleiben aber bestehen, weil sie nicht so abhängig sind von irgendwelchen Restriktionen oder was auch immer. Deswegen war es da auf jeden Fall entspannter, da zu sein.

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    Anna: Da stimme ich dir voll und ganz zu! Okay, ich habe noch zwei Fragen. Undzwar gibt es, bis auf das Feature mit Giant Rooks vor ein paar Jahren, nur eigene Songs  von euch und keine Features – ich habe zumindest keine gefunden. Hat das einen bestimmten Grund?

    Niklas: Nö, nicht so richtig. Ich finde halt Features ergeben sich meistens einfach so und bei den Rookies war es so. Findest du nur ein Feature untypisch?

    Anna: Gefühlt schon, ja – vor allem dafür, dass ihr schon ein paar Alben draußen habt, ist ja sonst oft.

    Niklas: Ich glaube das ergibt sich einfach wirklich. Also es war gar keine bewusste Entscheidung bei uns.

    Der Mann mit der Kettensäge

    Anna: Die Abschlussfrage in allen unseren untoldency Interviews ist die nach einer untold Story: also eine Geschichte, die du am besten bisher in keinem Interview erzählt hast und die irgendwie catchy oder besonders oder weird ist.

    Niklas: Ich glaube, das war letztes Jahr auf dem Rocken am Brocken. Musste vorhin dran denken als du das Festival angesprochen hasr. Das auch so eine absurde Geschichte, wo ich schon ewig nicht mehr drüber nachgedacht hab, aber wir haben letztes Jahr so ein kleines Corona-Konzert in abgespeckter Form dort gespielt. Alle Leute hatten natürlich ultra Bock und wir waren auch super hyped und sind mega lange noch dort geblieben. Wir haben uns alle Acts angeguckt waren dann noch auf dem Dancefloor hinten. (denkt drüber nach) Und es war einfach so eine absurde Story. Irgendwann sind wir wieder zurück ins Backstage und es war schon so zu 80 % leergefegt. Wir haben uns ein Bierchen zum Hotel mitgenommen. Wie aus dem Nichts stand dann irgend so ein Typ im Weg – ich weiß bis heute nicht, ob das ein Festivalhelfer war oder ob er einfach ein Zuschauer war – aber er stand auf einmal mit einer Kettensäge im Backstage. Meine Erinnerung ist da auch etwas getrübt, aber irgendwann hat er random Bäume umgesetzt im Backstage. Die nächste Erinnerung, die ich habe, war, wie unser Lichttechniker auch mit der Kettensäge neben mir stand. Also da stand er auf einmal mit einer Kettensäge im Backstage. Das ist so ein Bild, was ich auf jeden Fall noch im Kopf behalten habe. Die Situation war einfach so absurd. Stell dir mal vor: Backstage letztes Bier, einfach kurz dem Heimweg und auf einmal ist da so eine Kettensäge, die kursiert und wir waren alle so mega perplex. Was passiert hier gerade? So eine Mischung aus „ganz funny“, wenn man so leicht beschwipst ist, bis hin zu „okay, so fangen Horrorfilme an“.

    Anna: Ich habe auch direkt an einen Halloween- oder Horrorfilm gedacht. Aber weißt du woran mich das auch erinnert hat? Es gibt auf dem Rocken am Brocken immer eine Person aus dem Team, die über das Wochenende verteilt eine Figur aus Holz erarbeitet. Ich meine das wird auch mit Kettensäge gemacht. Aber ich weiß nicht, ob das letztes Jahr auch so gemacht wurde, weil es ja nicht so das richtige Festival war.

    Niklas: Das würde einiges erklären. Aber komisch ist es trotzdem noch. Was macht man mit so einer Kettensäge nachts um vier im Backstage?

    Anna: Ja, eigentlich machen die das auch nur tagsüber, wenn es hell ist.

    Niklas: Na gut, vielleicht hat da jemand nicht ganz so aufgepasst.

    Anna: Das hätte mich auf jeden Fall auch verwirrt. Aber danke, dass du diese Geschichte geteilt hast.

    Niklas: Sehr gerne. Ich kann Fotos nachliefern. Obwohl, vielleicht besser nicht. (lacht)

    Anna: Da müsste man die Person auf dem Foto wahrscheinlich auch erst einmal fragen, aber ich würd’s schon gerne sehen. Naja, danke dir! Vielen Dank für deine Zeit.

    Niklas: Hey, danke dir und noch einen schönen entspannten Tag!

    Hier könnt ihr das neue Album „Everything You Will Ever Need“ von Razz ab jetzt rauf und runter hören bis euch die Ohren bluten:

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    Fotocredit: Nils Lucas

  • Masha The Rich Man im Interview: »Der Krieg in der Ukraine hat mein Verständnis für die Musik geändert«

    Zum Beginn unserer Interview-Reihe zu den Acoustics Concerts stelle ich euch Masha The Rich Man vor, beziehungsweise wird sie das im Interview gleich direkt selbst machen. Deswegen möchte ich auch gar nicht so viel vorweg nehmen. Freut euch auf einen super interessanten Mix aus filmreifer Indie Pop-Folk Musik der ukrainisch-stämmigen Singer-Songwriterin. Für die Acoustics Concerts steht Maria Raykhman am 11.07. in Dresden, 12.07. in Berlin, 13.07. in Hamburg, 15.07. in Essen, 16.07. in Magdeburg und am 17.07. in Offenbach auf der Bühne.

    Masha The Rich Man im Interview

    Anna: Hallo Mascha. Schön, dass du dir die Zeit genommen hast. Ich wollte heute mal mit dir über dein Projekt „Masha The Rich Man“ reden. Du hast auf Spotify ja erst einen Song veröffentlicht und auch erst in diesem Jahr gestartet.

    Mascha: Ja, das stimmt. Ich mache eigentlich schon länger Musik, auch mit verschiedenen Projekten. Aber dieses Projekt ist jetzt tatsächlich sehr neu und deswegen auch kein Wunder, dass es noch nicht so bekannt ist.

    Anna: Genau, magst du dich und „Masha The Rich Man“ einfach mal vorstellen?

    Mascha: Okay! „Masha The Rich Man“ – das bin ich, Mascha. Eigentlich ist das Ganze aus Versehen entstanden oder mit langem Prozess des Dahinfindens oder wie auch immer man das betiteln möchte. Also ich hatte tatsächlich nicht so richtig vor, das zu machen und dann hat sich irgendwie das alles so dazu entwickelt. Dann kam halt Corona und ich eigentlich das Nichtstun irgendwann dann so ein bisschen angefangen habe zu genießen. Da habe ich gemerkt habe, dass irgendwas ziemlich stark gefehlt hat. Weil ich wie gesagt, schon recht aktiv Musik gemacht hab in verschiedenen anderen Projekten oder auch Songwriting, Sessions für andere, mit anderen, aber halt nie persönlich so richtig. Also ich habe irgendwie vorher nie versucht mein Innerstes nach außen zu bringen. Aber ja, Corona hat mir dann irgendwie gezeigt, dass mir das fehlt. Da hatte sich sehr lange viel aufgestaut, was dann doch raus wollte und verarbeitet werden wollte. Ein Kollege von mir hat mich auch schon seit Ewigkeiten dazu motiviert, dass ich irgendwie mal mein eigenes Ding machen sollte. Dann dachte ich mir immer: Warum? Was habe ich denn Großes zu sagen, dass ich jetzt noch ein weiteres Projekt in diese Welt schießen soll? Ich hab einfach nicht gesehen, was ich noch so relevantes Persönliches mit in diese ganze Welt hinaus katapultieren sollte. Und in der Corona-Zeit habe ich dann viel über konkretere Konzepte nachgedacht und überlegt, was mir denn wirklich wichtig ist. Allein das habe ich mir vorher nie so wirklich überlegt. Ich habe nicht darüber geschrieben, was mir wichtig war, sondern was halt irgendwie grad so anstand und gut ankam. Dann hatte ich plötzlich so viele Themen auf dem Radar, die ich jetzt auch gar nicht alle unterbringen konnte auf dem Album und deswegen auch schon ein zweites Album geplant habe. Ja, und das ist halt einfach sehr, sehr persönlich und autobiografisch und trotzdem überwältigend. Ich habe da quasi mein ganzes Leben rekapituliert. Alles, was ich irgendwie vorher versucht habe zu vermeiden: wie sich verletzlich oder klein zu zeigen – alles das war dann irgendwie auf einmal im Mittelpunkt. Das Ziel war, die ganzen Sachen, für die ich mich immer geschämt habe mal auszusprechen. Vielleicht motiviert das ja irgendwie irgendwen, auch zu Dingen zu stehen.

    Therapie-Stunden im Sinne von Mascha

    Anna: Das klingt sehr therapeutisch. Haben dir die Songs dann auch geholfen mit den Gefühlen besser umzugehen?

    Mascha: Ja mega, vor allem auch rückblickend auf bestimmte Situationen. Also vieles war gar nicht so aktuell unbedingt, sondern ich habe mal vieles verarbeitet, was halt schon passiert war, aber was ich vielleicht nie so richtig verarbeitet hatte. Das habe ich dann in Angriff genommen. Auch musikalisch wollte ich da auch alles reinpacken, was mich selbst irgendwie wirklich mitnimmt und berührt. Das sind auch musikalische Einflüsse, die ich oft mich vorher nicht getraut habe, anzugehen, weil es nicht cool genug war oder nicht dies oder das genug. Das war tatsächlich sehr schwierig, da dran zu bleiben. Ich habe das Gefühl, ich habe oft Musik umgesetzt, die ich nicht zu 100 % wollte. Einfach nur, weil ich dann doch lieber mit dem Trend mitgeschwommen bin. Ich dachte, das würde besser ankommen. Naja, aber nach langen Überlegungen habe ich dem Genre den Titel Cinematic Folk Pop gegeben.

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    Anna: Ja, das schließt auch perfekt an meine nächste Frage an: Was steckt hinter dem Begriff Cinematic Folk Pop? Wie bist du darauf gekommen?

    Mascha: Also ich habe wirklich super viel Zeit mit Brainstormen verbracht, um überhaupt von vornherein auf eine Idee zu kommen, was ich da vermitteln möchte. Dann habe ich ganz viele Begriffe gesammelt, die mich ansprechen, mit denen ich irgendwie was verbinde. Da war eben auch dieses klangliche Cinematische mit dabei. Und jetzt musikalisch konkret sind es dann wahrscheinlich die Streicher, die ich da einfach sehr schön finde.  Das ist sowieso etwas, was mich sehr bewegt in Songs. Also ein bisschen dieses Dramatische, Epische. Einfach so filmisch, dass Bilder entstehen.

    Anna: Ja, das klingt auf jeden Fall sehr schön. Würdest du sagen, dass so traditionellere Musik da auch einen Einfluss drauf hat? Weil du ja eben ukrainischen Wurzeln hast und die Musik dort ja doch nochmal deutlich anders geprägt ist.

    Mascha: Ja, die Überlegung war auch ursprünglich das Ganze Cinematic Folklore Pop zu nennen. Also ja, das hat es auf jeden Fall und das war auch voll die Intention. Ich wollte halt irgendwie eine Balance finden, dass das nicht Überhand nimmt. In meiner Studienzeit an der Popakademie in Mannheim bin ich auch sehr in diese traditionelle Polka-Richtung gedrückt worden. Es ist mir aber auch wichtig, zu zeigen und zu wissen, dass ich nicht nur diese Seite habe.

    Zwischen Freddy Mercury und Mine – Inspiration findet Mascha an vielen Ecken

    Anna: Gibt es bestimmte Künstler oder Künstlerinnen, die dich inspirieren?

    Mascha: Also, ich hatte mir tausende von diesen Spotify Listen  erstellt mit Referenzen zu dem Sound, den ich machen möchte. Das war noch bevor die Songs so richtig standen. Das sollte ein bisschen vorgeben, in welchen Klangwelten ich mich denn so aufhalten will. Am Anfang als noch nichts stand, war das nämlich ganz chön schwierig, sich festzulegen. Es gab da sowieso auch ganz viele schreckliche Momente, in denen ich gar kein Bock mehr hatte. Aber das kennen wir ja alle und das gehört auch mit dazu. Sonst wird es nicht gut. Manche Einflüsse, von denen ich dachte, dass sie zum Beispiel wichtig werden, waren dann gar nicht so wichtig. Aber Marina Diamonds mit den älteren Sachen habe ich viel gehört. Dann waren irgendwie auch immer viele Musicals dabei. Das feier ich auch sehr. Wer mich als Person aber auch noch sehr inspiriert, ist Freddy Mercury von Queen. Aber auch Queen generell. (überlegt weiter) Mine ist auch noch eine tolle Künstlerin. Im Laufe der Zeit habe ich dann auch immer mehr Anklang mit Aurora gefunden. Naja, aber wie du schon merkst: Die Liste war sehr lang.

    „Der Krieg in der Ukraine hat auch mein Verständnis für die Musik geändert“

    Anna: Worauf ich noch gerne eingehen würde ist deine Verbindung zur Ukraine in der momentanen Situation. Ich weiß nicht, ob du es noch hören kannst, aber durch deine ukrainischen Wurzeln, finde ich, kann man das halt einfach nicht ausklammern. Wie fühlst du dich gerade in der Kriegssituation? Beeinflusst es dein Denken und die Musik und verändert es dich in gewisser Weise?

    Mascha: Ja, also die Songs haben sich nicht verändert. Die waren nämlich schon größtenteils fertig. Aber mein Verständnis für die Musik und generell hat sich alles komplett geändert. Alleine meine Sicht auf Social Media. Ich habe gesehen, dass erstens alles super krass relativ ist. Aber andererseits auch doch, was man alleine für eine Macht hat, Dinge zu verändern, beziehungsweise einen Unterschied zu machen. Also ich habe vorher auch nicht so richtig viel gepostet oder Sachen geteilt. Und dann habe ich das sehr exzessiv gemacht und habe irgendwie versucht, an jeder Ecke, wo ich irgendwas Kleines gesehen hab, etwas nützliches zu verbreiten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das echt viel bringt. Das hilft den Menschen hilft. Ich habe auch irgendwie gemerkt, dass alles politisch ist. Vorher habe ich das noch nie so am eigenen Leib gespürt. Alles wurde auf einmal so wichtig: Wie wer wozu steht und was man worüber denkt. Das war mir vorher nie so sehr bewusst.

    Auch auf der Straße zeigt Mascha ihre Anteilnahme und teilt dieses Foto später auf Instagram.

    Anna: Also ich musste sagen, ich habe sonst keine so starke Verbindung zur Ukraine gehabt, aber das hat mich natürlich trotzdem sehr mitgenommen. Und so die Nachrichtenlage dann auch immer zu checken und permanent ein komisches Gefühl dabei zu haben, das war neu. Man hat sich auch so eingeengt und unwohl gefühlt, obwohl mich das selbst ja eigentlich nicht wirklich betroffen hat.

    Mascha: Ja, total. Also ich hatte auch überhaupt kein Bedürfnis, irgendwas außerhalb dieser Thematik zu machen, weil wie gesagt alles dann komplett sinnlos erschien.

    KiKa und der Downfall danach

    Anna: Ok, es ist schwierig, jetzt mit so einem harten Cut das Thema zu wechseln, aber wollte nochmal über einen anderen Punkt in deiner Biografie sprechen. Undzwar habe ich gesehen, dass du bei „Dein Song“ auf KiKa mitgemacht hast. Wann genau warst du da? Wie kam es dazu und wie war es?

    Mascha: Ich war 2013 da. In dem Jahr, wo Lina gewonnen hat. Zu dem Zeitpunkt war das eine unfassbar tolle Sache für mich. Es war eigentlich das Beste, was mir je hätte geschehen können. Man fühlt sich da  wie so ein kleines Sternchen. Man wird plötzlich überall hingefahren und darf nach Ibiza, bekommt Hotel, Essen und Trinken, kann ins Tonstudio und dreht Musikvideos. Und ich weiß nicht, es war schon echt verrückt und ich habe auch ganz viele tolle Menschen kennengelernt, mit denen ich immer noch zu tun habe. Tatsächlich habe ich ja auch mit einem der Produzenten von der Show ein paar der Songs gemacht. Aber die Zeit danach war erstmal hart. Weil dann natürlich irgendwann alles vorbei war und wie man das so kennt, erhofft man sich natürlich trotzdem mehr davon. Es wurden von Seiten bestimmter Jurymitglieder auch irgendwie Hoffnungen geschürt, die sich dann aber verlaufen haben. Da hatte ich schon echt lange dran zu nagen, glaube ich.

    Anna: Das kann ich voll verstehen. Da werden ja auch irgendwie die Hoffnungen eines jungen Mädchens zerstört. Aber kommen wir mal wieder zu etwas Positiverem. Reden wir noch mal kurz über deine erste Single „His Rebel Heart“. Worum geht es in dem Song?

    Mascha: Also ich habe ja schon angekündigt, dass es viel um meine Vergangenheit und die Bewältigung von Dingen geht. Es geht zurück ins Jahr 1999. Da bin ich nämlich umgezogen, von Kyiv nach Deutschland. Und ich hatte in der Ukraine ein sehr enges Verhältnis mit meinem Bruder. Ich war vier und er war zwei Jahre älter. Wir haben die ganze Zeit abgehangen zusammen. Unsere Verbindung war sehr eng und er war für mich ein riesiges Vorbild – was ja bei kleinen Geschwistern oft so  ist. Aber dann sind wir halt umgezogen. Und das ist einfach sehr krass für ein Kind, wenn man in ein anderes Land emigriert. Wir haben uns da etwas auseinandergelebt. Ich kann und will mir gar nicht ausmalen, wie das jetzt für die die Menschen, die Kinder, ist, die hier gerade ankommen – speziell aus der Ukraine. Vor allem, weil es bei mir sehr lebensverändernd war. Es hat viel in unseren Abläufen verändert und irgendwie auch in den Persönlichkeiten. Und wir sind mit vielen Dingen nicht so richtig klargekommen und mussten es irgendwo anders kompensieren. Es ist sehr schwierig und schade für mich, weil ich mich immer sehr gesehnt habe nach dieser alten Beziehung, die ich zu meinem Bruder hatte. Dadurch, dass er ein kleines Problemkind war, war die Aufmerksamkeit meiner Eltern auch oft auf ihm und ich musste da als jüngere Schwester immer mit umgehen. Über diesen ganzen Konflikt ist irgendwie das Lied.

    Ziegen retten auf Abo und was die Tiefen des Internets noch so zu bieten hat

    Anna: Das ist eine sehr schöne Erklärung. Da merkt man den autobiographischen Zusammenhang, den du vorhin schon meintest. Ich habe noch eine letzte Frage, die wir in jedem Interview stellen und das ist die Frage nach deiner untold story!

    Mascha: Ich habe eine Idee! Also ich muss dazu sagen, dass ich ein großer Fan von Schafen und Ziegen bin. Vor ein paar Jahren bin ich da mal auf eine Seite gestoßen, die kümmern sich um behinderte Ziegen. Man kann da Mitglied werden und spenden und ja, was soll ich sagen? Das bin ich seitdem. Ich bezahle 1 € monatlich, dass sich die Leute um die behinderten Ziegen kümmern. Die posten dann auch Fotos von sich und den Ziegen auf ihrer Facebookseite. Das ist total total süß und toll, was die machen die. Die bauen dann nämlich, wenn die Ziegen keine Beine mehr haben, so diese Rollen, womit sie laufen können.

    Anna: Oh, die Geschichte ist sehr wholesome. Ich freue mich gerade sehr für die Ziegen. Danke dir für die Story und danke für’s Interview!

    Mascha: Danke dir für das Interview, das war schön!

    Bisher gibt es erst zwei Songs von Masha The Rich Man auf Spotify zu hören, das Album steht aber schon in den Startlöchern und wartet nur darauf, das Licht der Welt zu erblicken. Also merkt euch die Sängerin besser und hört in der Zwischenzeit „His Rebel Heart„:

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    Fotocredit: Edwas Edzend

  • Marie Bothmer im Interview: »Ich habe kurz gedacht, ich hör’ auf mit Musik«

    Marie Bothmer im Interview: »Ich habe kurz gedacht, ich hör’ auf mit Musik«

    Trennungsschmerz ist sicherlich etwas, was wir alle gern in die hinterste Ecke der hintersten Schublade stecken würden und so schnell wie möglich vergessen würden. Marie Bothmer dagegen hat sich bewusst mit ihrer Trennung im letzten Jahr auseinandergesetzt und den stechenden Schmerz in eine pointierte, dynamische und extrem starke Debüt-EP namens „Swimmingpool“ verwandelt.

    Ich habe mit der zuckersüßen Marie über ihr toughes letztes Jahr und die Musik, diedaraus hervorgegangen ist, im Interview gesprochen.


    Marie Bothmer im Interview

    Evelin: Heute reden wir insbesondere über eine EP “Swimmingpool”, die letztens erschienen ist. Erstmal Glückwunsch dazu!

    Marie: Dankeschön!

    Evelin: Es geht um das Ende einer Beziehung, genau genommen deiner. Releases sind ja immer mit sehr viel Aufregung verbunden und auch Erleichterung, besonders wenn’s ums Debüt geht. Da die EP so wahnsinnig persönlich und schmerzerfüllt ist, wie hast du dich gefühlt vor und jetzt nach dem Release?

    Marie: Ich glaube, ich bin dieses Mal irgendwie wahnsinnig entspannt gewesen und normalerweise geht mir richtig doll die Düse. Ich kann tagelang davor nicht schlafen und bin dann so: “Ist alles schon da? Haben wir ein Video? Was kann ich tun und was kommt auf mich zu?” Und das ist jetzt so abgerundet fertig geworden, dass ich dachte, es ist schon irgendwie ziemlich cool und alles was passiert, passiert. Und wenn auch mal was nicht klappt, dann ist es auch okay und dann macht man einfach weiter. Und ich bin sehr stolz auf diese EP.

    Evelin: Ist das eigentlich komisch, seine Gefühle und die Trennung immer aufs Neue auseinanderzunehmen, wie jetzt hier mit mir im Interview?

    Marie: Ja (lacht). Die EP ist fast chronologisch über diese Trennung und über das letzte Jahr. Live versuche ich richtig lustig über diese Trennung zu reden, weil dann ist hoffentlich keiner suizidgefährdet, wenn ich so wahnsinnig traurig singe. Ich versuche das ein bisschen aufzulockern und dadurch fasse ich das immer relativ knapp zusammen. In den Songs ist auch oftmals so, dass nicht jedes Bild komplett zutreffend ist zum Beispiel. Mein Expartner zum Beispiel kann gar kein Deutsch, der ist nämlich Däne. Ich hoffe, dass er das nicht in Google Translate eingibt. Weil da natürlich ein paar Dinge sind, wo ich mir denke: “schon sehr persönlich”. Aber wie gesagt, es ist auch die künstlerische Freiheit. Und es hat mir sehr geholfen, darüber wegzukommen.

    Evelin: Ich meine, okay, er spricht kein Deutsch, aber hattest du je den Gedanken gehabt, ob das jetzt das Richtige ist, alles Persönliche so in die Öffentlichkeit zu tragen?

    Marie: Muss er durch (lacht). Also keine Ahnung. Er ist auch Musiker. Deswegen ist es etwas, was er auch verstehen kann, denke ich. Und unsere Beziehung war auch teils öffentlich. Aber jetzt glaube ich nicht, dass die Leute checken, um wen es geht. Und ich würde niemals sagen, das ist übrigens über den und den. Aber er hat nichts gesagt und er hat auch über mich geschrieben. So verarbeitet man irgendwie. Und dann halt immer dieses Fiktive.


    „Ich bin ein totaler Quatschkopf“

    Evelin: Das Album ist in einem sehr kollaborativen Weise entstanden. Unter anderem haben Künstler:innen wie Nina, Madeleine Juno oder Blinker mitgeschrieben. Wo lag da der Mehrwert für dich speziell? Hast du das auch gebraucht, nicht allein zu sein während du alle deine Gedanken und Gefühle durchgehst?

    Marie: Das Schöne ist bei allen, die mitgeschrieben haben ist, dass die richtig gute Freundinnen und Freunde sind. Blinki (Blinker) ist ein richtig guter Freund. Und auch Nina (Chuba) kenne ich ganz lange schon. Madeline (Juno) auch. Wir saßen eh im Studio und die wussten eh, wie es mir ging. Die haben das alles in Realtime mitbekommen und dadurch war das relativ einfach als wenn man sich mit jemand Neues im Studio setzt und dann sagt: “So, das war so. An einem kalten Wintertag musste ich leider aus der Wohnung ziehen… (lacht)

    So war alles klar und dann hat man richtig schön zusammen geschrieben. Ich schreibe auch lieber gemeinsam. Ich schreibe ab und zu noch zu Hause allein, aber manchmal fehlt mir die Motivation. Und wenn man dann zusammen im Studio ist, dann freut man sich so richtig, was zusammen zu schaffen.

    Evelin: Du bist jemand, die viel aus ihrem Leben teilt und viele wichtige, auch Tabuthemen anspricht und das oft mit viel Humor. Was möchtest du damit erreichen?

    Marie: Ich trage mein Herz schon sehr auf der Zunge. Und manchmal ist es auch ein bisschen zu unüberlegt, vielleicht. Ich als Künstlerin, meine Persönlichkeit und mein Charakter spielen so sehr in die Songs mit, dass ich niemals einen Song singen könnte, den ich nicht selbst geschrieben habe. Wenn die Leute mir auf Instagram folgen, dann ist das meine komplette Person und natürlich zieh‘ ich da auch oftmals Grenzen. Ich bin ein totaler Quatschkopf auf Instagram und manchmal geht es mir scheiße und dann bin ich so “Fuck, ich muss jetzt ‘ne Story machen”. Das ist auch für meine Mutter manchmal extrem schwierig, weil die sagt: “Ja, dir scheint es ja jetzt gerade total gutzugehen” und ich: “Eh ja auf jeden Fall…”


    Und dann auch gewisse Werte zu vertreten und einen gewissen Einfluss zu haben, seien es jetzt feministische oder politische Themen. Also ich versuche nicht so crazy aktivistisch zu sein. Das würde ich mir nicht rausnehmen. Ich bin keine öffentliche Aktivistin, sondern ich gehe gern auf Demos. Aber ich würde nie eine Demo unter meinem Namen veranstalten, weil ich mich darüber auch nicht profilieren will. Aber ich möchte auf jeden Fall eine gute Botschaft in die Welt senden und dann hoffen, dass Leute, die mich cool finden, sagen: “Marie fand das cool, dann mach‘ ich das vielleicht auch”.


    „Ich war gefangen in einem Loch“

    Evelin: Und was erhoffst du dir, dass deine Zuhörer:innen mitnehmen, wenn sie die EP hören?

    Marie: Ich hoffe, dass Leute, die auch durch Trennungen gegangen sind, ein bisschen Trost finden. “Temporär” zum Beispiel, da ging es mir schon wieder total gut und ich war so: “Ja, das tut manchmal noch weh. Es kommt immer mal wieder hoch, aber man weiß dann irgendwann, zum Glück okay, jetzt ist auch wieder gut. Morgen tuts dann nicht mehr so doll weh”. Und so sind halt Trennungen.

    Evelin: Das ist wahrscheinlich schwer zu entscheiden, weil jeder Song so persönlich ist, aber welcher Song liegt dir besonders am Herzen?

    Marie: Ich glaube, tatsächlich ist “Dopamin” der wichtigste. Während Corona habe ich kurz gedacht, ich hör‘ auf mit Musik. Ich hatte keine Muse und ich war gefangen in einem Loch, auch krass depressiv. Und dann war das der erste Song, den ich auch mit Nina geschrieben habe. In einem komplett neuen Setup und ich bin ins Studio gegangen, habe gesagt, ich will einfach einen Song machen, den ich fühl‘, ohne darüber nachzudenken, was ist. Der hatte auch gar keine richtige Struktur, sondern ist einfach nur ein Vibe. Ich glaube, deswegen musste das auch der erste Song auf der EP sein. Und es sind immer noch die Demo Vocals, komplett roh. Es geht um das Thema Depressionen, was Beziehungen auf jeden Fall erschweren kann und darüber, dass es nicht so leicht ist, damit umzugehen.


    „Ich wäre lieber kein analytischer Mensch“

    Evelin: In “Swimmingpool” hört man dich, wie du dir selbst vormachst, dass es dir gut geht nach der Trennung, es fast schon einfach unter Teppich kehrst, um es zu vertuschen. Konntest du deine Trauer akzeptieren? Wie kamst du zu dem Schritt?

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    Marie: Also „Swimmingpool“ habe ich geschrieben, da war ich auch noch mit dem zusammen. Es war eher so eine recycelte Geschichte, aber ich wusste schon die ganze Zeit okay, diese Beziehung ist jetzt bald zu Ende und das wird so schlimm. Wir haben den gleichen Freundeskreis und wie soll ich das machen? Es war wie ein Ausblick darauf. Tatsächlich habe ich mich dann nach der Trennung sehr darin gesuhlt und bin sehr viel aufgefangen worden. Dieses “Kugelsicher”-Thema passt auch ganz gut dazu, weil dann hab ich ganz schnell gesagt: “Jetzt bin ich nicht mehr traurig. Jetzt mache ich das und das.” Dann bin ich wahnsinnig viel rausgegangen und habe versucht mich abzulenken und habe mich komplett taub gemacht. Aber das Problem ist ja, dass du das dann nicht verarbeitest. Das musste dann irgendwann kommen, dass man dann einbricht und sich dem widmet, weil sonst bleibt man für immer in dieser Spirale.

    Evelin: Dieses Betäubtmachen in “Kugelsicher”. War das eine Art Schutzmechanismus und wie arbeitest du daran, diese aufgerichtete Wand wieder abzubauen?

    Marie: Ja, ich hab auch noch voll Probleme, neu zu daten. Weil ich denke, ich bin noch gar nicht so weit und ich will noch gar nicht wirklich. Und andererseits ist es aufregend, neue Leute kennenzulernen. Aber ich merke, dass ich total vorsichtig bin, mich neu zu öffnen und auch dieses Commitment Ding. Dass wenn ich jetzt loslegen würde mit jemand Neues, dann muss da alles perfekt stimmen, weil was, wenn das nicht passt? Und dann committe ich mich und es passiert das gleiche nochmal. Ich bin 26, eigentlich müsste ich das mittlerweile wissen (lacht). Aber es ist immer wieder schwer und das ist jetzt ein bisschen über ein Jahr her und ich glaube, es wird langsam. Ich muss mal ein bisschen loslegen (lacht).

    Evelin: Also bist du jemand, der jedes einzelne Gefühl und Gesagtes analysiert?

    Marie: Ja, ganz schlimm. Ich bin ganz, ganz, ganz doll reflektiert, was gut ist. Aber manchmal glaube ich zu reflektiert, und sag so: “Okay, das muss daran liegen. Das ist wahrscheinlich aus dem Grund. Und mein Vater und meine Mutter und meine Geschwister und was nicht alles.” Ich bin auch in Therapie, deswegen macht das total Sinn. Aber das ist manchmal gar nicht so gut. Manchmal wäre ich lieber kein analytischer Mensch, sondern eher Gefühlsmensch.


    “If you want to get over someone get under someone”

    Evelin: “Deadline”, das einzige Feature auf der EP. Auch wahnsinnig toller Track. Wie kam das Feature mit YRRE zusammen und in welchem Zeitpunkt des Verarbeitungsprozesses treffen wir dich in dem Song an?

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    Marie: Das gibt es auch als Originalversion mit zwei Strophen von mir. Und da war ich in dieser Phase, wo ich wusste, ich muss mich mit irgendwem ablenken. Im Live-Set sage ich immer: “If you want to get over someone get under someone”. Mir war das klar, dass ich da keine Beziehung anfangen möchte und keine neuen Gefühle aufbauen will. Aber dass ich wahnsinnig doll diese Nähe brauchte und dann dieses: “Ich muss es beenden, es geht ja gar nicht anders, aber es war ja auch nie etwas.” Also total komisch. Wir hatten das doch damals irgendwie abgesprochen, dass auf keinen Fall irgendwas daraus wird. Also sehr autobiografisch.

    Und YRRE fand ich super toll, habe ich ganz lange schon gehört und dem habe ich einfach auf Instagram geschrieben, ob er Bock hat und ihm ein paar Songs geschickt. Er hat sich “Deadline” rausgepickt, was total schön ist, weil das jetzt für mich auch total Sinn macht, dass er diesen Song singt. Weil das der einzige ist, der nicht über mein Expartner ist, sondern über jemand Neues. Das gibt dem Ganzen so ein gutes Gefühl. Dann hat er einfach seinen Part draufgeschrieben und ich hab’s sofort abgesegnet. Wir haben uns erst vor zwei Wochen beim Videodreh gesehen. Zum ersten Mal in echt, aber voll der tolle Mensch.


    „Ich hab‘ diesen Cut gebraucht“

    Evelin: Zu “Temporär”: Wie hast du gegen die Momente angekämpft, wo man einfach wieder versuchen will, alles zu reparieren und die Beziehung wieder zu flicken?

    Marie: Also, wir teilen uns ja einen Hund. Mein Exfreund und ich. Und das ist natürlich immer schwierig, weil eigentlich ging es mir dann schon total gut. Aber immer wieder, wenn wir diese Hund-Übergabe hatten – der liegt hier übrigens auch ganz brav – muss man sich sehen und ich habe mir am Anfang gedacht, jetzt schminke ich mich, jetzt mache ich mich total schön und ich kriege alles auf die Kette und bin ganz toll. Und er denkt sich, jetzt wird es bestimmt scheiße. Aber ich glaube, was mir da geholfen hat, war dieses: “Ey, wenn der nicht mit mir zusammen sein will, dann will ich auch nicht mehr mit ihm zusammen sein.” Warum sollte ich das versuchen, wenn es eh nicht geht? Und man kann ja auch niemanden überreden. Irgendwann habe ich gelernt, wenn ich ihn gesehen habe und danach traurig war, vor allem, wenn er den Hund abgeholt hat. Dass ich wusste, ich muss jetzt erstmal die Mama anrufen und dann geht es mir morgen aber auch schon viel besser. Es ist wie so ein kleiner Schnitt in den Fingern, der morgen aber wieder verheilt ist.

    Evelin: Für mich wär das extrem schwierig. Anderes Thema aber: Besonders in “Filmriss” merkt man den Stil-Change im Vergleich zu vorherigen Singles. Sehr gelungen, meiner Meinung nach. Alles klingt so wahnsinnig rund und einfach geil. Wie war das für dich so einen anderen Stil zu präsentieren?

    Marie: Das war der erste Song, den ich nach der Trennung geschrieben habe, nach einer Woche oder so. Ich war richtig doll traurig und wollte was richtig Düsteres machen, auch mit Nina zusammen und es war auch eher dieses “Komm, wir machen einfach mal irgendwas. Mal gucken, ob was daraus wird.” Da war genau dieses Thema, auch wieder mit “Kugelsicher” und ich brauch‘ einen Filmriss.

    Ich will jetzt fünf Monate pennen und dann wache ich auf und es ist Sommer und eh alles wieder gut. Und so funktioniert es ja leider nicht. Aber ich dachte dann, ich muss den rausbringen, weil es so ein krasser Cut ist. Auch zu dem, was ich davor gemacht habe. Ich wollte den eigentlich als Erstes rausbringen und nicht “Swimmingpool”. Ich habe das Gefühl gehabt, zum ersten Mal fühle ich die Songs zu 100.000 %. Nicht, um das Alte zu diskreditieren. Aber ich glaube, da war ich auch noch jünger und war noch nicht so gesettelt in dem, was ich will. Aber jetzt ist alles komplett meins und dann ich hab‘ diesen Cut auch gebraucht.


    „Hot Girl Summer und so“

    Evelin: Um beim Thema Neuanfänge zu bleiben: Du bist vor einiger Zeit nach Berlin gezogen. Wie hat der Umzug deine Musik beeinflusst? 

    Marie: Sehr. Ich war ja davor in München und da hat mein Produzent damals auch gewohnt, deswegen hat es total Sinn gemacht. Also in München ist sehr heile Welt und irgendwie passiert auch nicht so viel. Ich musste andauernd nach Berlin oder nach Hamburg reisen, für die Musik. Und ich dachte auch, ich brauche ein kleines Netzwerk an anderen Künstler:innen und Writer:innen und was nicht alles. Um mich so ein bisschen mehr zu etablieren, weil einfach niemand in München ist. Ich glaube, man kann wieder zurück nach München ziehen, wenn man dann Berlin lange genug erlebt hat. Und ich fühle mich hier auch sehr viel wohler. München war ein guter Start. Aber Berlin war auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Ich glaube, ich bleibe auch hier.

    Evelin: Glaube, jeder gefühlt haha. Dann zur letzten Frage schon: Hast du eine untold story für uns? Etwas, was du noch nirgends geteilt hast?

    Marie: Ich muss mal überlegen, es gibt so ein richtig unnecessary Talent, aber das habe ich schon so oft gezeigt. Das ist gar nicht mehr untold. Aber es war noch nie in der Presse, glaube ich. Ich kann Tiergeräusche imitieren, zum Beispiel.

    Evelin: Was ist dein Go-To Tier?

    Marie: Der Delfin. Willst du ihn hören?

    Evelin: Das ist gar keine Frage.

    Hier für alle also: Marie, die Delfinflüsterin


    Marie: Also kannst du gern mit reinnehmen, aber das gibts schon auf TikTok. Ansonsten fällt mir gerade gar nichts ein, was ich noch nicht erzählt hätte. Ich teile wahrscheinlich auch einfach wahnsinnig viel… Ich habe bei Nina gewohnt. Ein Monat nach der Trennung. Das habe ich, glaube ich, noch nicht erzählt. Nach der Trennung hat sie mich direkt eingesammelt mit der Tram und gesagt: “Marie, Hot Girl Summer und so.” Dann habe ich da einen Monat bei denen im freien WG–Zimmer gewohnt. Das war sehr schön. Die erste Nacht auch mit Nina in einem Bett, weil ich so viel geweint habe.

    Evelin: Na ja, jetzt sind bessere Zeiten.

    Marie: Ja, auf jeden Fall. Ich habe heute Abend noch ein Date. Jetzt geht’s rund.

    Evelin: Dann halte ich dich nicht länger hier. Viel Spaß beim Date! War schön, mit dir gesprochen zu haben. 

    Marie: Danke für das Interview. Ciao!

    Obwohl die Tiergeräusche nicht in der EP gefeatured sind, ist „Swimmingpool“ definitiv ein Reinhören wert. Jetzt aber mal ohne Spaß: Die Richtung, die Marie mit der EP eingeschlagen hat, ist wahnsinnig erfrischend und so gut ausgearbeitet, dass jeder Song richtig rund und einfach geil klingt. Unten könnt ihr in die 6 tollen Songs reinhören 😊

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    Fotocredits: Zena Bala
  • BROCKHOFF im Interview: »Aus vermeintlich banalen, unwichtigen Situationen entstehen meine Songs«

    BROCKHOFF im Interview: »Aus vermeintlich banalen, unwichtigen Situationen entstehen meine Songs«

    Dass wir eine besonders große Vorliebe für Newcomer*innen aus der deutschen Indie-Bubble haben, ist wohl kein Geheimnis mehr. Deswegen freuen wir uns aber immer umso mehr, wenn wir euch mal wieder neue Künstler*innen vorstellen dürfen. Heute soll es um BROCKHOFF gehen.

    Im März kam mit „2nd Floor“ die erste Single der 22-Jährigen Sängerin aus Hamburg raus. Mit einer ordentlichen Portion E-Gitarre und rockigen Indie-Sounds reiht sich Lina Brockhoff in unseren Playlists easy neben Genre-Größen wie Phoebe Bridges oder Soccer Mommy ein. Ende Juni ist mit „Sharks“ die Debüt-EP von BROCKHOFF erschienen. Spätestens jetzt sollte die Indie-Rockerin auf dem Radar aller Liebhaber*innen des Genres angekommen sein. Im Interview mit Anna gibt Lina Einblicke in die Entstehungsgeschichte von BROCKHOFF und verrät, woher sie ihre Inspiration zieht.

    BROCKHOFF im Interview

    Anna: Hallo Lina! Schön, dass du hier bist. Ich würde sagen, für die meisten Leute ist BROCKHOFF noch ein sehr unbekannter Name. Magst du dich deshalb zu Beginn erst einmal vorstellen?

    Lina: Ja, ich bin Lina Brockhoff. Und ich arbeite jetzt seit zwei Jahren an dem Projekt BROCKHOFF. Im März diesen Jahres ging es endlich mit der ersten Single los. Ich wohne in Hamburg und hier fing es auch eigentlich alles an. Die ersten Songs hab ich im ersten Lockdown geschrieben. Also kurz nachdem ich hierher gezogen bin von meiner Heimat in der Nähe von Hildesheim.

    Anna: Wie bist du denn zur Musik gekommen? Kam das erst durch die Corona-Langeweile? Oder war das für dich immer schon präsent?

    Lina: Das war schon immer ein sehr, sehr präsenter Teil. Ich mach schon super lange Musik. Ich glaube, ich habe mal angefangen mit Flöte spielen und dann habe ich sogar lange Klavierunterricht gehabt, so seit ich acht Jahre alt bin. Irgendwann habe ich immer mehr angefangen zu singen, mich mit Klavier zu begleiten und dementsprechend dann auch mir irgendwann Gitarre beigebracht, weil es einfacher war zu transportieren. Vor diesem Projekt hatte ich noch ein Singer-Songwriter Projekt unter meinem richtigen Namen. Und so seit zwei Jahren arbeite ich jetzt an BROCKHOFF.

    BROCKHOFF als Startrampe in den Indie-Rock-Kosmos

    Anna: Gibt es davon noch Musik oder hast du’s einfach nur für dich selbst gespielt?

    Lina: Nee, da gibt es aktuell nichts zu hören von den alten Sachen. Das war für mich ein sehr großer Neustart.

    Anna: Wie kommt es, dass du dich dazu entschieden hast, deinen richtigen Nachnamen zu nehmen?

    Lina: Tatsächlich brauchte ich da auch erst mal lange, mich dafür zu entscheiden. Es wurde mir von unterschiedlichen Leuten unabhängig voneinander, als ich auf der Suche nach einem Künstlernamen war, so in den Raum geworfen. Und am Anfang dachte ich, ich will eher so nach einem nicen Fantasienamen oder so gesucht habe und es mir im ersten Moment eher fremd vorkam. Was ja auch total komisch ist eigentlich. Wenn man mit dem Namen geboren wird, dann ist einem der ja auch nicht fremd. Aber je mehr ich darüber nachgedacht habe, so cooler fand ich es auch irgendwie, weil es ein relativ ungewöhnlicher Nachname einfach ist, den es nicht so super oft gibt. Und er auch irgendwie erst mal ein bisschen hart klingt und auch eher männlich anmutend. Aber das fand ich dann irgendwie auch cool, weil es so im Kontrast steht zu mir als Person.

    Anna: Und dann muss man nicht immer erklären, wie man auf den ausgedachten Namen gekommen ist.

    Lina: So ist es eigentlich immer simpel. Es wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Also es gab auch keine wirklichen anderen Optionen. Irgendwie war das dann doch das, was es ja was relativ schnell mir auch am besten gefallen hat. Und ich weiß noch, dass ich meine Eltern und meine Cousine auch beide gefragt hab. Meine Eltern fanden es erst etwas komisch, aber meine Cousine war direkt sehr gehyped. Das war damals irgendwie lustig.

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    Anna: Ok, kommen wir mal zu deiner EP ‚Sharks‘, die ich mir natürlich fleißig angehört habe. Magst du einmal vorstellen, worum es thematisch auf der EP geht?

    Lina: Es gibt kein übergeordnetes Thema, sondern es sind irgendwie einzelne Songs, die in unterschiedlichen Gefühlslagen und Lebenslagen entstanden sind oder aus unterschiedlichen Gefühlen heraus. Es ist jetzt nicht so, dass es ein Konzept gibt oder so, aber die Songs sind schon alle ungefähr in selben Phase entstanden. Sie verarbeiten unterschiedliche Geschichten. Und es sind vor allem sehr persönliche Erfahrungen von Beziehungen oder auch zwischenmenschlichen Erlebnissen, die mich zu der Zeit sehr beschäftigt haben.

    Anna: Wie und wann sind die Songs entstanden?

    Lina: Vor allem der Umzug nach Hamburg war für mich einer der größten Momente in meinem Leben, weil ich das erste Mal von zu Hause weg war und alleine wohnen musste. Man lernt ja auch super viele neue Leute kennen. Irgendwie habe ich in der neuen Stadt neue Inspirationen bekommen, vor allem auch musikalisch. Ich habe sehr viel auch erst mal ausprobiert, bevor dann überhaupt auf diesen Sound gekommen bin. Aber es geht in den Songs gar nicht konkret um meinen Umzug nach Hamburg oder die Erfahrungen, die ich durchs Leben gebracht habe, sondern über einzelne Beziehungen oder auch gescheiterte Beziehungen. Oder zum Beispiel bei ‚Sharks‚ einfach um eine super blöde Party, auf der ich war, die noch nicht mal in Hamburg war. Also das sind eher kleinere Geschichten, die ich in den Songs behandele und gar nicht das große Ganze mit dieser Lebensphase.

    „Eine Situation, die so vermeintlich banal und unwichtig ist“

    Anna: Aber ich finde, es funktioniert gerade deswegen ganz gut, weil es eine bestimmte Geschichte ist, durch die man sich trotzdem identifizieren kann mit der Situation.

    Lina: Das ist halt irgendwie schön, wenn das so ein bisschen automatisch passiert, dass man anhand von einem Erlebnis oder einer kleinen Geschichte oder Erfahrung sich mit dem Gefühl identifizieren kann. Also so funktioniert bei mir meistens auch das Songwriting generell, dass mir so eine kleine Situation vorschwebt, die so vermeintlich banal oder unwichtig war, aber ich irgendwie darum herum und den Song baue, weil es irgendwas in mir getriggert hat oder weil ich mich durch dieses Detail an etwas Bestimmtes erinnere. Und dann so die Geschichte drum herum baue, die dann noch irgendwie viel mehr ausdrückt als nur so eine kleine Sache.

    Von Pop zu Rock: Phoebe Bridges als Inspiration für den BROCKHOFF-Sound

    Anna: Wo wir gerade bei den Texten sind: Wie ist das bei dir? Schreibst du zuerst die Texte und überlegst dann, welcher Sound dazu passen würde oder kommt das organisch zusammen?

    Lina: In meinen Teenie Jahren habe ich super viel hauptsächlich Popmusik gehört. Aber ich glaube vor allem durch Phoebe Bridges bin ich dann in diesen Indie Rock und Rock Kosmos gezogen worden und über sie ich auch weitere Künstlerinnen gefunden, die ja bis heute meine größten Inspirationen auch für BROCKHOFF waren. Also durch die ganzen Sachen habe ich dann auch gemerkt, dass es mir viel mehr Spaß macht mit E-Gitarre zu spielen. Dann war mir auch schnell klar, dass ich mehr Indie-Rock machen möchte anstatt irgendwie Synth Pop. Und dann habe ich angefangen auch eine Playlist zu erstellen, mit Songs und mit Künstler*innen, die ich cool fand und bin damit zu meinem Produzenten Christian Hartung gegangen. Er hat da auch noch Songs reingepackt, die ihn sehr geprägt haben. Also es passte dann irgendwie ganz gut, wie wir beide von unterschiedlichen Seiten an diese Referenzen herangingen. Die Playlist ist mittlerweile so lang geworden, dass ich sie glaub ich noch mal aussortieren muss, bevor ich sie irgendwann teile. Aber sie ist eigentlich zu gut dafür, dass ich sie nicht irgendwann mal teilen kann.

    Anna: Gibt es einen bestimmten Song, wo du sagst, der bedeutet dir vielleicht persönlich am meisten auf der EP oder den fühlst du gerade am meisten?

    Lina: Es gibt nicht den einen Song. Manchmal wechselt es tatsächlich sehr, weil die Songs auchvon der Dynamik her sehr unterschiedlich sind. Es gibt ruhigere Nummern und eher so Tracks wie ‚Sharks‚. Das variiert total, in welcher Phase ich irgendwie mal so einen kleinen Liebling habe, aber im Moment würde ich tatsächlich sagen, dass es ‚Missing Teeth‚ ist.

    Anna: Woher hast du diese super genialen Fisch-Slipper, die man auf dem Cover der EP sieht?

    Lina: Die sind von Lotti, einer Freundin von mir, mit der ich auch die Artworks gemacht habe. Als wir uns auch gerade kennengelernt hatten lagen die bei ihr im Flur. Ihre Mitbewohnerin und sie hatten beide die selben Schuhe. Und wir haben die dann auch nur aus Spaß mitgenommen. Es war eigentlich gar nicht der Plan, damit wirklich Fotos zu machen. Wir haben die aus Spaß einfach spontan mit eingesteckt und damit dann irgendwie so ein bisschen rum experimentiert. Dann ist es wirklich einfach aus Zufall entstanden. Und da gab’s auch glaube ich den Song ‚Sharks‚ noch nicht mal. Also das Ganze ist ehrlich gesagt gar nicht so mit dem Hintergedanken entstanden, sondern wir fanden es einfach super cool und gegen Ende war dann irgendwie relativ schnell klar, dass das auf jeden Fall das Cover wird.

    Anna: Ich finde die ja genial und meine die irgendwo schon mal gesehen zu haben, aber ich weiß nicht mehr wo.

    Lina: Ich glaube, die gibt es im großen, weiten Internet zu kaufen. Es gibt sie auch in unterschiedlichen Farben.

    Der längst nötige Wandel in der Musikszene und die Frauenquote

    Anna: Haha klar, es gibt alles im Internet. Aber kommen wir zurück zur Musik. Du hast ja vorhin schon Künstlerinnen, ausschließlich Künstlerinnen genannt, die dich inspirieren. Und da finde ich immer ganz interessant sich mal die Frauenquote in seinen eigenen Playlists anzuschauen. Ich hab das Gefühl, dass vor allem die deutsche Musikszene noch ziemlich männerdominiert ist. Hast du einen ähnlichen Eindruck? Und hast du manchmal sogar das Gefühl, dass gewisse Vorurteile gegen Frauen, vor allem auch jüngere Frauen, mitschwingen?

    Lina: Auf jeden Fall ist mir das schon aufgefallen. Eben weil diese ganzen Namen, die ich vorhin genannt habe – Snail Mail, Beabadoobee, Soccer Mommy – sind ja alles weibliche Künstlerinnen, die da gerade vor allem hauptsächlich aus den USA irgendwie in dem Genre auftauchen. Und dass das hier noch nicht so verbreitet ist, ist mir auf jeden Fall aufgefallen. Ich finde schon, dass sich da gerade einiges tut und das finde ich auch sehr, sehr schön zu sehen. Ich sehe auch, dass es gerade schon zunehmend mehr junge Künstlerinnen gibt, die sich auch trauen, über den eher glatten Pop hinaus Musik zu machen und damit rauszugehen. In der Vergangenheit habe ich schon öfters auch mal das Gefühl gehabt, dass man mich nicht hundertprozentig ernst nimmt. Und tatsächlich habe ich das ja auch in dem Song ‚Sharks‘ mit verarbeitet. Also auf der Party, um die es in dem Song geht, gab es eben auch einige Anspielungen darauf und ich habe mich auch nicht ernst genommen gefühlt. Also ja, ich hatte schon Situationen, aber ich finde, dass da ein Wandel stattfindet. Das ist das, was ich gerade irgendwie fühle und mitbekomme.

    Für mehr Frauenpower in eurem Playlist-Kosmos, checkt gerne mal unsere „female fronted bubblegrunge“ Playlist aus:

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    Anna: Das Gefühl habe ich auch. Ich finde, wenn man einmal anfängt sich damit zu beschäftigen, dann findet man noch viel mehr tolle Künstlerinnen. Aber sie sind eben (noch) nicht so groß.

    Lina: Ja, ich glaube das ist so, weil es einfach erst seit gar nicht so langer Zeit diese Awareness gibt, dass zum Beispiel auf Festivals eine Quote eingeführt wird oder man speziell darauf achtet mehr Frauen ins Line-Up zu bekommen. Also das ist ja auch erst seit ein paar Jahren, wenn überhaupt so der Fall. Und da gab es ja auch diesen Shitstorm beim Rock am Ring, glaube ich, dass das so männerdominiert ist. Da fragt man sich dann auch, wie das eigentlich noch geht in der heutigen Zeit. Durch Freunde und Freundinnen, die bei kleineren Festivals auch aktuell arbeiten, bekomme ich mit, dass es da sehr viel Wert draufgelegt wird und sehr viel da rein gehangen wird dafür, dass sich da was ändert. Und deswegen kann ich selber nicht verstehen, wieso das auf so einem großen Festival nicht geht.

    Anna: Ich hoffe auch, dass es sich bei den großen Festivals im nächsten Jahr mal ändern wird. Genug gute Künstlerinnen gibt es ja. Was können wir uns denn in Zukunft noch von BROCKOFF erhoffen?

    Lina: Also es liegen einige Songs noch in der Schublade, bei denen ich es auch kaum erwarten kann, damit rauszukommen. Mit den Erfahrungen, die ich jetzt durch die ersten Veröffentlichungen und die erste EP gesammelt habe, habe ich noch mehr Lust bekommen, damit ins Studio zu gehen und daran zu feilen und zu arbeiten und auch irgendwie natürlich noch weitere neue Songs zusätzlich zu schreiben. Also es ist auf jeden Fall noch einiges in petto und es wird auch nach der EP noch einiges geben.

    Brocki’s Big Thief-Fangirl Moment

    Anna: Das ist eine gute Nachricht. Da freue ich mich schon drauf! Noch eine letzte Frage zum Abschluss: Was ist deine untold story?

    Lina: Wir haben letztens in Berlin auf einem Festival gespielt. Da haben auch Big Thief gespielt und ich bin riesengroßer Fan der Band. Dann habe ich tatsächlich relativ kurz vor unserem Auftritt – ich war so super nervös, muss ich dazu sagen – meine In-Ear Kopfhörer auf der Toilette vergessen vor dem Soundcheck. Ich musste also zurück sprinten auf die Toilette. Ich bin eine super vergessliche Person. Also sowas passiert mir eigentlich ständig. Sie lagen aber zum Glück noch genau da. Als ich mir dann nochmal die Hände gewaschen habe, habe ich auf einmal gesehen, dass Adrianne Lenker ein paar Meter weiter nehmen mir stand am Waschbecken. Das war glaube ich bisher mein einziger krasser Starstruck-Moment. Vor allem habe ich überhaupt nicht damit gerechnet, weil ich halt selber so im Stress war, wegen unseres eigenen Auftritts. Ich habe mich nicht getraut, irgendwas zu sagen. Ich hab nur ganz still die Hände gewaschen und dann im Spiegel  versucht ein paar Blicke zu erhaschen. Dann bin ich aber rausgegangen, habe mich nicht getraut, was zu sagen. Seitdem denke ich so viel darüber nach, was ich für lustige, coole, was auch immer Sachen hätte sagen können, aber mich einfach nicht getraut.

    Anna: Ich weiß aber auch nicht, ob ich mich an deiner Stelle in dem Moment getraut hätte, sie anzusprechen. Vor allem, wenn man selbst auch eigentlich gerade im Stress ist. Aber danke dir für diese Story und vielleicht ermutigt das ja, demnächst sich einfach mal zu trauen!

    Falls ihr es noch nicht gemacht habt, checkt jetzt unbedingt die Debüt-EP von BROCKHOFF aus. Für alle Indie-Rock-Liebhaber, Powerfrauen-Supporter und Menschen mit gutem Musikgeschmack:

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    Fotocredit: Charlotte Krusche

  • Aze im Interview: »Wir akzeptieren die Schattenseiten mit offenen Armen«

    Aze im Interview: »Wir akzeptieren die Schattenseiten mit offenen Armen«

    Aze? Den Namen hab ich doch schon mal irgendwo gehört, oder?“ Vielleicht habt ihr euch den Namen des österreichischen Pop-Duos seit unserer Review von ihrer Doppel-Single „Sweet Talk / Sidewalk“ bereits hinter die Ohren geschrieben. Wenn nicht, dann bekommt ihr hier eure nächste Chance. Selbst beschreiben die zwei ihre Musik als „sad, sexy Pop“ und dieser überzeugt auf voller Länge.

    Die zwei Aufsteiger haben im Interview mit Evelin über ihr frisch erschienenes Debütalbum „Hotline Aze“, mentale Gesundheit und die Bedeutung ihrer engen Freundschaft gesprochen. Und was Justin Bieber mit der ganzen Sache zu tun hat, erfahrt ihr am Ende.



    Aze im Interview

    Evelin: Erstmal ein herzliches Hallo, Beyza und Ezgi! Wie geht es euch? Wie ist die Stimmung so kurz vor dem Release eures Debüt-Albums “Hotline Aze”?

    Beyza: Hiiii! Ich muss sagen, ich bin seit ein paar Tagen schon sehr aufgeregt, weil das Datum immer näher kommt. Es fühlt sich teilweise noch so surreal an, dass das jetzt wirklich passiert. Es war mir zu langsam und zu schnell zugleich haha. Aber ich würde sagen, meine Stimmung ist, trotz Nervosität, dennoch sehr positiv gestimmt – I’m simply excited for everything that is still to come!

    Ezgi: Hellooo!! Same here! Ich weiß echt nicht, was ich gerade fühlen soll. Meine Moods gehen von super exited bis super anxious und schwanken die ganze Zeit hin und her. Ich hab zwar kein Kind, aber ich schätz‘ mal, dass es sich so anfühlen muss als Elternteil, wenn ein Kind vom Elternhaus wegzieht hahah.

    Evelin: Den Vergleich mit dem Kind find‘ ich super, haha. Wie würdet ihr eure Musik denn, jemandem, der/die zum ersten Mal davor ist, eure Musik zu hören, beschreiben?

    Aze: Am liebsten würden wir sie gar nicht beschreiben wollen und uns wünschen, dass sich die Person einfach mal drauf einlässt und selbst fühlt. Uns würde es interessieren welche Gesichtsausdrücke das erste Mal Aze hören bei den Leuten auslöst. Aber wir beschreiben unsere Musik selbst immer als sad & sexy und wir finden, das trifft’s schon sehr gut.


    Hotline Aze, how can I help you?
    Aze Hotline Aze untoldency indie pop music magazine Amelie Strobl

    Evelin: Das Album dreht sich ja um das Konzept einer Art Mental Health Hotline, deswegen auch der Name. Auch durch das Album hinweg werden Sprachmemos und Telefongespräche als Stilmittel verwendet. Wie fiel die Entscheidung auf genau dieses Konzept?

    Beyza: Wir sind ins Studio gegangen, um einfach mal draufloszuschreiben und ohne viel nachzudenken, damit wir mal ein Gefühl kriegen, was überhaupt alles möglich ist. Die Idee mit den Sprachmemos war anfangs nicht ausgedacht, sondern hat sich ergeben. Ich habe ein paar Tage vor dem Studio, eine Sprachmemo mit einem Guitar Riff und einer Chorus-Idee an Ezgi geschickt, was dann zu „Sweet Talk“ geworden ist. Das war der erste Song, den wir geschrieben haben. Irgendwann sind wir auch musikalisch in diese Richtung abgeschweift und im richtigen Moment kam noch eine Sprachmemo von Ezgi’s Schwester, die perfekt auf ein Instrumental gepasst hat. Die Konzeptidee an sich hat dann eigentlich als Joke begonnen. Aber da wir eben genug Instrumentals hatten, die nach einer Warteschlange geklungen haben, haben wir diesen Joke einfach weitergeführt and here we are.

    Evelin: Wo kommt diese Affinität für die 90’s her?

    Aze (B&E): Wir wollen uns jetzt nicht so vehement auf bestimmte Jahre eingrenzen, aber wir feiern einfach die künstlerische Leichtigkeit, die die meisten Artists in den 90ern und 2000er hatten. Wir sind immer schon Riesenfans von Hip-Hop und R’n’B gewesen, und für uns ist diese Zeit sehr von diesen Genres geprägt. Nicht nur was Musik angeht, sondern auch mehr Lifestyle, Fashion, usw. Für uns sind die 90er eine perfekte Mischung aus Kitsch und Gangster and we love it. 

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    Wir wollen nicht mehr in unserer Trauer versinken

    Evelin: Gab es spezielle Momente während des Entstehungsprozesses von “Hotline Aze”, die euch in Erinnerung geblieben sind?

    Aze (B&E): Wir haben das Album in einer Woche geschrieben und für uns war der ganze Entstehungsprozess sehr besonders, da wir anfangs schon nervös waren, ob jetzt überhaupt was Gutes dabei rauskommt, aber wir dann einen Song nach dem anderen geschrieben haben, weil es so gut geflowed hat. Wir tun uns schwer einzelne spezielle Momente zu wählen, weil für uns das Ganze mit all dem Drum und Dran einfach sehr schön war. Für uns steckt im Album nicht nur Musik, die wir selbst gerne hören, sondern auch random Gespräche, die wir geführt haben oder die Chipspackung, die wir dabei gesnacked haben. Wir sagen immer, dass es sich für uns ein bisschen so anfühlt wie ein Kind auf die Welt zu setzen und dann mit 18 loslassen zu müssen. Die Freude und Aufregung in unseren Gesichtern nach jeder nicen Hook oder jedem Riff werden wir auf jeden Fall immer in Erinnerung behalten. 

    Evelin: Im Album geht es ja viel um den eigenen Struggle, toxische Verhaltensweisen, Weltschmerz etc. In welchem Mindset ist das Album entstanden?

    Aze (B&E): Das Album ist eigentlich in einem sehr lockeren und lighthearted Mindset entstanden. Es repräsentiert auch sehr gut, wo wir persönlich grade stehen. Wir wollen nicht mehr in unserer Trauer versinken und dem ganzen so viel Macht geben, sondern haben über die Jahre hinweg gelernt, dass ein lockerer Umgang mit bedrückenden Themen und ein bisschen Distanz und Humor, um das Ganze auch mal von außen betrachten zu können, sehr guttun kann. Die EP war für uns sehr intense, da es uns persönlich auch so ging. Wir haben uns weiterentwickelt und sind gewachsen, und so auch unsere Musik. Inzwischen akzeptieren wir die Schattenseiten mit offenen Armen aber wissen auch, dass sie uns nicht ausmachen.


    Eine wichtige Lektion über mentale Gesundheit
    Aze Hotline Aze untoldency indie pop music magazine Amelie Strobl

    Evelin: Ihr thematisiert den Umgang mit den eigenen mentalen Problemen ja auch teilweise ironisch. Man nehme allein schon das Konzept des Hilfetelefons, was ja eigentlich gar keins ist, sondern fast das Gegenteil. Ich finde das manchmal auch problematisch, wenn man anfängt Traurigkeit und Depression zu romantisieren. Wie sieht euer Umgang mit mentaler Gesundheit aus?

    Aze (B&E): Es ist auch irgendwo problematisch, Traurigkeit und Depressionen zu romantisieren, aber wir denken, wenn man sich so in diesen Gedanken und Gefühlen gefangen fühlt, kann es schwer sein, das zu erkennen. Mentale Gesundheit ist zwar etwas, das viele Menschen betrifft, aber dennoch sehr individuell und subjektiv. Es ist ein sehr wichtiges Thema, auf das oftmals nicht so viel Wert gelegt wird und eines, das sehr entfremdet dargestellt wird. Uns persönlich hilft Humor und Ironie, das Thema an uns ranlassen zu können, ohne dass es erdrückt. An seiner mentalen Gesundheit zu arbeiten, braucht viel Kraft und Zeit, wobei wir denken, dass man nie auslernt.

    Wir denken, es ist wichtig, es nicht als eine Aufgabe zu sehen, die einen gerade belastet und hoffentlich bald wieder vorbei ist, sondern als Gefühle und Gedanken, die, aus verschiedenen und validen Gründen, einen zurzeit begleiten und dass das okay ist. Es gibt keinen Leitfaden, wann welche Gefühle verschwinden und wann neue kommen müssen. Manchmal tut es gut es einfach mal so stehenzulassen wie es ist und es versuchen nicht zu zerdenken. Es gelingt uns natürlich auch nicht immer, aber dann erinnern wir uns, dass sowieso alles so kommt wie es kommt. Jede/r muss für sich seine Wege finden und das auch in seiner eigenen Zeit, ohne Druck und Erwartungen von anderen oder von sich selbst.

    Evelin: Richtig schöne Worte! Würdet ihr sagen, dass das Album ein optimistisches oder eher verbittertes ist?

    Aze: Es ist ein sehr lighthearded Pop Abum geworden. Ein bisschen Melancholie ist immer dabei bei uns, aber der Umgang ist auf jeden Fall optimistischer und lockerer geworden.


    „Ohne großes literarisches Ramtam

    Evelin: Gibt es einen Song, der euch am meisten Spaß gemacht hat? Ob während des Schreibens, der Produktion oder einfach beim Hören.

    Beyza: Ich hab in jedem Song so meine favourite parts und meine Lieblingssongs vom Album ändern sich auch immer wieder mal, aber „Sad Sensations“ bleibt immer in der Liste. Ich finde, mit dem Song haben wir mal ein bisschen was anderes probiert und er gibt mir so ein richtiges old school – Band Feeling. „Showbiz, Baby!“ hat beim Schreiben sehr Spaß gemacht und macht mir beim Performen auch immer gute Laune. Und „Sweet Talk“ wird natürlich auch immer einen special place in meinem Herzen haben, weil damit alles angefangen hat. 

    Ezgi: Natürlich gibt’s in jedem Song favorite Parts und für mich als die, die den Text schreibt, verschiedene Sparten des “sich ausleben”. „My own Business“ hat mir gezeigt, dass nicht jeder Song gesungen sein muss, um “belebt” zu werden. „Waterfalls“ auf der anderen Seite, hat mich beim Aufnehmen im Studio so viel Kraft gekostet und am Ende bewiesen, dass der erste Take manchmal einfach der Beste ist. „Silk“ hat mir die Mut gegeben, meine Texte so zu formulieren, wie ich mir’s denk – ohne großes literarisches Ramtam. „Showbiz“ hat mir erlaubt meine RnB-Vocalist Fantasien auszuleben, mit Slow Fade am Ende und alles und „Talk Away“ berührt mich jedes Mal, wenn ich’s hör‘. Helins und Jakobs Stimme auf dem Track sind für mich die Manifestation der Liebe und Geborgenheit. Production-technisch hat mir das Pannen am meisten Spaß gemacht – I love a good stereo experience hahah.


    Vor dem Album mussten wir immer in getrennten Räumen Musik schreiben

    Evelin: Wie hat eure Freundschaft euren Musikschaffungsprozess beeinflusst?

    Beyza: Die Innigkeit und Verbundenheit spürt man denke ich in der Musik auch. Wir harmonieren und verstehen uns, ohne viel sagen zu müssen. Vor dem Album mussten wir immer in getrennten Räumen Musik schreiben. Inzwischen haben wir gelernt, dass es auch zusammen gut funktioniert, haha.

    Ezgi: Ich bin sehr froh, dass wir zwei miteinander in einer Band sind und nicht in getrennten – auch wenn man gerade viel arbeitet und nicht großartig viele Leute außerhalb der Band treffen kann, trifft man so halt automatisch die beste Freundin, hahah. Außerdem ist es auch sehr angenehm, gemeinsam wachsen zu dürfen. Ich bin sehr dankbar für die Situation in der wir uns befinden.


    Die Geschichte beginnt und endet hier mit Justin Bieber

    Evelin: Am Ende jedes Interviews fragen wir nach einer untold story. Das kann was sein, was während des Entstehungsprozesses des Albums passiert ist, ein random fact oder alles andere, was ihr noch nicht mit der Welt geteilt habt 😊

    Aze: Most random Aze Fact ever ist, dass der Grund, warum wir überhaupt so gut befreundet sind – glauben wir jetzt retrospektiv – Justin Bieber ist. Wir waren halt wie ca. alle round 2009 hardcore Beliebers. Die meisten Songs aus seinen ersten zwei Alben trauen wir uns zu wetten heute noch plus minus zu beherrschen. Unsere Eltern haben uns damals extra vom Land zum Konzert nach Wien gefahren, wo wir ca. 6 Stunden vor Beginn schon da waren, um realistisch einen okayen Platz zu bekommen. Und wir versprechen, wir waren davon überzeugt das nächste “One less lonely girl” würde eine von uns sein hahaha.

    Evelin: Wie geil ist bitte diese Story?! Lieb’s! Danke für eure Zeit, hat mich total gefreut 😊


    Das neue Album „Hotline Aze“ von Aze möchte ich euch hiermit nochmal ganz stark ans Herz legen. Das Konzept stimmt, der Sound stimmt und man merkt wie viel Arbeit hier reingesteckt wurde. Obendrein sind die zwei auch bezaubernd. Hört definitiv unten mal rein und wählt euch selbst in die Hotline ein (so gute Musik habt ihr noch in keiner Warteschleife gehört, da bin ich mir sicher)!

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    Fotocredits: Amelie Strobl

  • OK KID im Interview: „Wir sind über jeden einzelnen Song happy, das war bisher nie so“

    OK KID im Interview: „Wir sind über jeden einzelnen Song happy, das war bisher nie so“

    Es ist September 2021, eine warme Sommernacht in Gießen folgt einem bunten Tag, auf dem Gelände des Stadt ohne Meer Festivals wird es ruhiger – scheinbar. Eine große Überraschung haben OK KID auf ihrem eigenen Festival natürlich noch parat. Mit unangekündigtem Auftritt, eindrucksvoller Lichtinstallation und Feuerwerk kündigte die Band ihr neues Album DREI an. Inklusive Vorgeschmack auf die bis dahin unveröffentlichte Single Mr. Mary Poppins und Album Cover-Reveal. Nun sind Monate vergangen und DREI erblickte am 13.05. das Licht unserer Streaminganbieter und Plattenregale. Der spektakulären Ankündigung auf dem Festival sind OK KID auf jeden Fall gerecht geworden.

    Auf 11 Tracks, die aktueller und greifender kaum sein könnten, beweisen sie, wie viel Energie und Kreativität noch in ihnen steckt. Von mächtigen Rock-Sounds, politisch cleveren Bemerkungen bis hin zu gewohnt tiefgründigen Zeilen voller Melancholie decken OK KID alle Facetten gelungen ab. Facetten, die uns vielleicht bis hierhin noch gar nicht bewusst waren. Und eine Breite an Themen, die wir nur nach wiederholtem Hören vollständig begreifen. Zwar ist es nicht ihr drittes Album, doch mit dem Albumtitel knüpft die Band an ihr zweites Album Zwei (2016) an und zeigt seinen Hörer*innen, um wen es sich hier handelt. Nämlich um Jonas, Moritz und Raffi. Wie der Song Nur wir 3 schon in 2019 sehr ehrlich die Geschichte erzählte: Von Label, Management, Produzenten und Bookingagentur getrennt, arbeiteten die drei Wahlkölner nun völlig eigenständig. Und man hört, dass ihnen das gut tut! Auch die neu gesammelte Energie nach der ersten Auszeit von einander in 10 Jahren Bandgeschichte, scheint sich wohl gelohnt zu haben. 

    Man bekommt die Auf- und Umbruchstimmung als Hörer*in mit voller Wucht zu spüren. Sowohl die, die Bandintern geherrscht hat, als auch die, die musikalisch darin steckt. Mit höchstem Maß an Reflexion, sich selbst, seinem Umfeld und der Gesellschaft gegenüber, vermittelt das Album den Eindruck einer neu begonnenen Zeit. Oder ist alles doch schon immer so gewesen? OK KID wissen, wie sie mit ihrem kritisch betrachtendem Auge zum Nachdenken anregen und anstoßen. Und Sänger Jonas bewies schon immer, dass er weiß, wie er geschickt die passenden Worte findet. Selbst für die Dinge, die man weder aussprechen, noch wahrhaben möchte. Doch auf diesem Album ist es der Band vor allem gelungen, die Inhalte auch soundtechnisch genauso angemessen, überzeugend und ja, manchmal sogar angreifend, zu gestalten, wie ihre Aussagen. Die anhaltende Diskussion darüber, ob ihre Musik denn Rap oder Pop sei, ist nun noch irrelevanter als zuvor. Egal, wie sehr man drücken und pressen würde, DREI würde in keine Schublade hinein passen.

    Ursprünglich hatte ich keine bestimmten Erwartungen an das Album, ich war eigentlich bloß neugierig. Jetzt, wo ich das Album nun schon eine Weile hören und an mich ranlassen durfte, kann ich sagen, dass es objektiv und subjektiv die beste Veröffentlichung von OK KID ist. Als Cold Brew, der vierte Teil der Kaffee Warm-Reihe zum Release angesetzt war, hatte ich ein wenig Angst. Die bisherige Trilogie schien so perfekt, geliebt und gefeiert, wie ein langjähriger Begleiter. Und plötzlich eine Fortsetzung? Ja. Und im nachhinein kann ich nicht glauben, dass ich überhaupt eine Sekunde daran gezweifelt habe, dass sie dem nicht nochmal gerecht werden könnten. OK KID haben auch mir bewiesen, dass sie nicht einfach nur beständig sein können, sondern sich sogar steigern können. Wenn man durch die Tracklist stöbert, wird die Emotionalität der Songs wie Cold Brew und Leben light von totalen Überraschungen wie Bubblegum und Es regnet Hirn umklammert. DREI ist kein Album, das spurlos vorbeigeht und dann in der verstaubten Ecke der totgehörten Spotify-Playlist landet. Mal ist es eine verständnisvolle Umarmung und mal ein Tritt in den Magen, aber in beiden Richtungen verbleibt ein anhaltender Eindruck.

    Ehrlicherweise ist eine Sache, die mich an OK KID immer begeistert hat, das Gefühl, dass sie niemals aufhören zu sein. Auf erste Veröffentlichungen, die bis heute zeitlos wirken, folgten immer wieder neue Ideen, neue Anstöße, neue Projekte, Selbsterfindung und Wiederfindung. Und zwischen ihrem dauerhaften Streben nach Optimierung und angenehmer Konstante war das Gefühl beständig, dass “OK KID” das ein und alles für sie ist. DREI weist Gründe auf, um nachts nicht mehr schlafen zu können und bietet im selben Moment Hoffnung, um es doch endlich wieder zu tun. DREI fühlt sich wie ein aufbrechender Neuanfang und ein grandioses Finale in Einem an. Ich bin so froh, dass nun alle die Möglichkeit haben, dieses Album in das eigene Leben willkommen zu heißen. Und es hoffentlich nicht mehr gehen zu lassen.

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    Kurz vor dem Album Release trafen sich vier Gießener*innen per Zoom, drei davon sind Jonas, Moritz und Raffi.

    OK KID im Interview

    Dascha: Wie fühlt ihr euch so kurz bevor das Album endlich erscheint?

    Jonas (OK KID): Es ist schon so surreal, weil es auch schon mal verschoben wurde. Im September haben wir es angekündigt und dann gab’s die ganzen Verschiebungen, weil es keine Vinyl mehr gab und die Tourverschiebung, das ganze hin und her… Wir haben zwei und halb Jahre keine richtige Show mehr gespielt und sind sehr froh, dass jetzt was neues da ist, mit dem wir wieder auf Tour gehen können. Wir sind auch gespannt wie es ankommt, heute haben die ersten Menschen schon ihre Vinyl bekommen. Mega aufregend, was in den nächsten Tagen so abgehen wird.

    Dascha: Voll schön, dass da jetzt so viel passiert! Nennt mal ein paar Sachen, die für euch auf diesem Album ein erstes Mal waren?

    Raffi (OK KID): Wir haben zum ersten Mal auf Albumformat alles selber gemacht. Angefangen bei der Produktion, wir hatten ja keinen externen Produzenten, außer auf einem Song Tim Tautorat, ansonsten haben wir alles selbst produziert. Alles was drum herum passiert machen wir auch selber. Wir managen uns selber. Wir haben quasi noch ein Produktmanagement, also Leute die für uns in verschiedenen Promo-Bereichen arbeiten, aber alles mit unserer Abstimmung. Es ist alles ein riesen Haufen Arbeit. Aber das führt natürlich dazu, dass das Album einfach wir sind. In jedem Bereich. Es sieht alles ganz genau so aus, wie wir das wollten. Alles läuft genau so, wie wir das zusammen gebaut haben. Nicht nur die Mucke, sondern eben auch alles andere.

    Dascha: Ich finde, dass man das auch hört.

    Jonas (OK KID): Was ist deine Meinung zum Album? Du kennst uns ja schon so lange.

    Dascha: Ihr schon habt oft betont, dass Frühling Winter der dringlichste Song ist, den ihr je geschrieben habt. Aber ich finde das komplette Album klingt so super dringlich und reflektiert. Sowohl inhaltlich, als auch soundtechnisch klingt alles so episch und groß, viel mehr als früher. Da habt ihr euch krass weiterentwickelt.

    Jonas (OK KID): Geil, dankeschön! Wir haben Frühling Winter rausgebracht, als das Album noch gar nicht stand. Der Song war da und es war spannend das Album da anzusetzen, dass die Geschichte von DREI da beginnt. Auch, wenn es kein klassisches Konzeptalbum ist. Zum Beispiel welche Farben das Album braucht, was genau wir eigentlich erzählen wollen. Da hatten wir zum ersten Mal das Cover, bevor der Rest stand. Und das hat uns vergewissert und dabei geholfen zu wissen, wo es überhaupt hingeht. Gerade kriegt das Cover ja noch mehr Aktualität mit einem Twist, den wir damals gar nicht auf dem Schirm hatten.

    Dascha: Und wie kam es dazu, dass ihr so ein dringliches, wichtiges Album gemacht habt? Ich meine, ihr macht schon lange Musik, ihr könntet genauso gut sagen, hey wir machen jetzt nur noch was leichtes zum Spaß.

    Moritz (OK KID): Als wir uns im April 2020 nach einer Bandpause zusammengesetzt haben und gesagt haben, dass wir ein Album machen, waren wir uns einig, dass es keine Zeit für ironische und humorvolle Songs ist. Genau wie du das mit der Dringlichkeit gesagt hast, wir wollten etwas machen, was Relevanz hat und dringend raus muss. Das ist total schön zu hören, dass es bei dir auch so angekommen ist. Es war für uns klar, dass es ein Album werden muss, das mit der aktuellen Zeit und unserer aktuellen Stimmung geht.

    Dascha: Ich hab aber schon öfters mitbekommen, dass Menschen sagen, eure neuen Songs würden sie eher so ansprechen wie eure ersten Alben. Und ich meine mich zu erinnern, dass ihr auch schon gesagt hättet, dass die neue Musik eher an die vom Anfang anknüpft, die Fans der früheren Musik anspricht und wieder das „wahre OK KID“ sei. Wobei ich nicht finde, dass eure neue Musik wie die alte ist. Legt ihr denn viel Wert auf Feedback von außen? Sind euch andere Meinungen zu eurer Musik wichtig?

    Jonas (OK KID): Also uns ist relativ bewusst gewesen, dass als wir Sensation rausgebracht haben, es auf jeden Fall Leute abschrecken kann. Weil es was komplett anderes ist. Bei DREI wussten wir zum Beispiel bei Cold Brew, also Kaffee Warm 4, dass die Leute, die uns schon kennen, das feiern werden. Da sehen wir unsere Musik mit viel Objektivität. Wobei Es regnet Hirn auch was komplettes neues war. Vor allem vom Sound, wir hatten noch nie so einen tanzbaren Song wie den, aber trotzdem mit einem krassen Thema. Wir haben eine kleine Blase von Leuten, die wir gut kennen und denen wir vertrauen, denen spielen wir das dann vor. Wenn jemand von denen sagen würde „Ey, was ist das denn für Musik?!“, würden wir wahrscheinlich hinhören. Aber wenn wir den Song veröffentlichen, sind wir einfach happy damit. Wir sind über jeden einzelnen Song mega happy, das war bisher nie so. Es gab bisher auf jedem Album Songs, wo ich persönlich im nachhinein dachte: „Joa, in dem Moment fand ich’s geil, aber ich weiß nicht, ob ich mir den noch jeden Abend reinziehen würde“.

    Dascha: Voll schön zu hören, dass ihr euch jetzt so sicher fühlt!

    Raffi (OK KID): DREI ist schon nicht genau wie die alten Sachen. Es ist nicht wie das Album Zwei, aber es schließt eher daran an. Es ist eher die Fortführung und Weiterentwicklung von Zwei. Echt schön von dir zu hören, dass du die Weiterentwicklung bemerkst, weil ich sehe das genauso. Ich glaube wir haben uns in allen Bereichen sehr weiterentwickelt, sowohl inhaltlich, als auch soundlich. Bei diesem Album fallen auch jegliche Filler weg. Bei anderen Alben waren doch noch Tracks mit drauf, weil sie einfach gut reingepasst haben. Jetzt konnten wir glücklicherweise komplett auf sowas verzichten, jeder Song hat die Dringlichkeit vom ganzen Album. Da gibt es keinen Song, der irgendwie rausfällt.

    Dascha: Wo wir schon bei Feedback sind – Was sind die schönsten Komplimente zu eurer Musik? Was hört ihr gerne von anderen?

    Jonas (OK KID): Ich finde persönliche Worte eh viel schöner, als irgendwas im Internet zu lesen. Im Internet schmeißt man sehr gerne mit Superlativen rum. Ein mal in die positive und ein Mal in die negative Richtung. (lacht) Ich glaube es ist schön, wenn Menschen Musik nicht egal ist und sie sie in irgendeiner Weise berührt. Völlig egal wie. Es kann sein, dass jemand sagt “ Ey, ich hab durch die Musik mega Hass auf etwas bekommen“, dann ist das auch okay. Für mich ist Musik etwas gegen emotionale Stumpfheit. Etwas, das Sachen in dir aufrüttelt, was vielleicht ohne Musik gar nicht rausgekommen wäre. Wir wurden auch schon oft gefragt „Ihr seid doch so politisch, wünscht ihr euch, dass mehr Bands solche Statements in der Musik machen?“, dann sagen wir nein. Es muss auch nicht jede Band politisch sein, ich selbst hör gar keine politische Musik. Aber trotzdem krieg ich viel davon raus und es bringt mir sehr, sehr viel Musik hören, auch wenn sie keine Haltung hat. Wenn Leute sagen, unsere Musik hat sie zum Nachdenken angeregt oder berührt – das ist das Beste!

    Was wiederum unangenehm ist, ist wenn Leute ihr gesamtes ich auf uns projizieren. Wenn uns jemand sagt „Ohne euch hätte ich mich umgebracht“. Und sowas kam schon vor. Da wird man einfach in so eine große Verantwortung gebracht. Das ist too much. Mit so einem Feedback ist es sehr schwer umzugehen, auch wenn es natürlich schön ist, dass die Musik Leuten hilft. Aber wenn jemand zu krass von deiner Musik positiv berührt ist, kann es genau so 180 Grad in’s Negative gehen, wenn du eine Sache machst, die der Person missfällt. Wir hatten auch schon Leute, die Bücher über uns geschrieben haben. Und letztens haben wir ein Tattoo gesehen, da hat einer seine komplette Brust, seinen ganzen Oberkörper, mit einem Foto von uns tätowiert. Da sagen wir nicht unbedingt „Ey, geil!“, das wollen wir nicht positiv oder negativ bewerten. Das muss der oder diejenige für sich wissen, ob man das wirklich so sehr feiert.

    Dascha: Das ist krass! Als ich beim Prelistening das Album zum ersten Mal gehört habe, ist mir Hausboot am See am meisten hängengeblieben. Der lag mir sehr schwer im Magen. Deswegen würde ich gern inhaltlich darauf eingehen. Was würdet ihr raten, ab wann sollte man eine zwischenmenschliche Beziehung, oder eher Freundschaft, beenden? Ab wann sollte man sein Umfeld oder seine Bubble aussortieren?

    Jonas (OK KID): Der Song ist der persönlichste Song auf dem Album, das ist keine Überraschung. Es gab diesen Junggesellenabschied, es gab dieses Hausboot. Die Dinge haben sich dort so zugespitzt, dass es dazu geführt hat, dass wir keine Freunde mehr sind. Das ist also keine Geschichte, die ich nur für das Album genutzt habe. Nicht jede Zeile ist eins zu eins so in der Abfolge passiert, aber es ist eins zu eins die Situation, die es gab. Voll oft hängt man sich bei alten Freundschaften und Beziehungen an Bindungen fest, die in der Vergangenheit liegen, weil man früher mal eine tolle Zeit miteinander hatte. Dann sieht man sich ein paar Jahre nicht und der Gedanke sich wieder zu treffen ist mit einer wunderschönen Romantik erfüllt. Und wenn man sich dann endlich trifft merkt man, es ist gar nicht mehr so. Außer der Vergangenheit gibt es kaum noch etwas, was dich mit den anderen Personen verbindet.

    Das ist also ein bisschen eine Aufforderung an Freundschaften zu arbeiten. Die Freundschaften und Beziehungen müssen im jetzt existieren können. Eine Freundschaft muss hier und jetzt von Vertrauen, Inspiration, von Sachen teilen können, sich Geborgenheit geben, leben. Das kann die Vergangenheit oft eben nicht mehr. Mir ist es in den letzten Jahren oft passiert, dass ich mich von solchen Beziehungen aktiv entfernt habe, weil sie mir einfach nichts mehr bringen. Dann sagen andere „Du musst doch loyal sein, ihr habt so viel zusammen erlebt“. Und wahrscheinlich wäre ich wie bei Familie auch wieder da, wenn etwas ganz Ernstes passieren würde, aber man braucht keinen Kontakt und keine aktuellen Verbindungen mehr.

    Dascha: Ich glaube auch, dass es sehr wichtig ist, das zu können.

    Jonas (OK KID): Ja, ich glaube das braucht viel Mut und Kraft. Gerade auf dem Dorf stell ich mir das noch viel schwieriger vor. Da hast du meistens nur diese drei Leute, mit denen du halt abhängen musst.

    Dascha: Ja, das stimmt wirklich. Was würdet ihr den früheren Moritz, Raffi und Jonas sagen oder als Rat mitgeben, wenn ihr jetzt um 10 Jahre zurückreisen würdet?

    Raffi (OK KID): 2012, das war also sogar noch vor dem ersten Album. Dann würde ich sagen: „Jungs, freut euch, das wird jetzt richtig geil!“ Eine Fehleranalyse aus der Vergangenheit würde ich nicht machen, ich würde empfehlen, wenn du es machen willst, dann mach es einfach. Nicht über irgendwelche anderen Optionen nachdenken und was man im nachhinein anders machen könnte. Ich glaube, wir drei können über die letzten 10 Jahre ziemlich glücklich sein. Natürlich kann man im nachhinein irgendwelche Moves anders bewerten, als zu dem Zeitpunkt, aber im Großen und Ganzen sind wir ziemlich happy.

    Jonas (OK KID): Ja. Mir selbst würde ich „Lass doch mal los“ sagen. Das kann ich jetzt besser als früher.

    Moritz (OK KID): Der Band hätte ich gesagt „Lasst uns mal nach Berlin ziehen“.

    Raffi (OK KID): Geil, in dem Interview in dieser anderen Realität sagst du dann: „Ey Jungs, zieht auf keinen Fall nach Berlin!“ (alle lachen)

    Moritz (OK KID): Wir haben ja damals als Band entschieden nach Köln zu ziehen. Ich war eigentlich immer für Berlin, aber letztendlich bin ich der Band auch dankbar. Ich glaube meine damalige und jetzige Beziehung hätte das sonst nicht ausgehalten. Hier hat es also privat sehr viele Vorteile, beruflich wahrscheinlich auch. Man weiß ja nie, wo wir jetzt stehen würden, wenn wir nach Berlin gezogen wären. Aber das würde ich der Band damals trotzdem sagen.

    Dascha: Haha, trotzdem nochmal versuchen zu überzeugen. Dann kommen wir jetzt zu unserer letzten Frage, der untold story. Also einem kleinen Geheimnis oder einer Geschichte, die ihr noch nicht öffentlich erzählt habt. Habt ihr was auf Lager?

    Jonas (OK KID): Wir haben nie richtig von unserem schlimmsten Gig ever erzählt. Das war als wir mal vor Deichkind gespielt haben.

    Dascha: Ey, ich war da! Damals auf dem Hessentag, richtig?

    Jonas (OK KID): Ach stimmt, du warst da! Auf dem Hessentag in Herborn. Nichts gegen Deichkind, die können nichts dafür, aber die Leute, die wegen denen da waren, waren einfach extrem strange. Wir waren da nicht als klassische Vorband, aber schon so reingebucht. Die waren alle nur wegen Deichkind da, das war ja auch ganz früh, 2014 oder so. Dann stehen wir auf dieser Bühne „Hallo, wir sind OK KID aus Gießen“ und dann buhen alle, weil für die Herborn so cool ist und Gießen in dem Kontext so „Naja, die aus der Großstadt, oder was?!“ war. Dann kommt auch noch die Moderatorin auf die Bühne und bestimmt um die 200 Vollottos brüllen auf ein mal „Ausziehen! Ausziehen!“. Wir haben uns gefragt, auf welchem Jahrmarkt wir hier gelandet sind. Danach fingen wir an zu spielen, es waren schon um die 10 Tausend Leute da und wir guckten einfach in nichtssagende, starrende, leere Gesichter. Naja, die Positiven waren nichtssagend, der Rest war so „Fickt euch, wir wollen Deichkind“. Und wir mussten einfach eine ganze Stunde spielen.

    Dascha: Witzigerweise ist meine Erinnerung von eurer Deichkind Show gar nicht so schlecht.

    Jonas (OK KID): Dann warst du da wohl irgendwie verblendet, der Vibe war auf jeden Fall furchtbar. Das war die schlimmste Konzerterfahrung für uns. Obwohl, als wir noch mit der alten Band als Jona:S mal in Frankreich in einer Kneipe gespielt haben, war das noch schlimmer. Wir waren da bei so deutschen Surfcamps dabei und konnten da dann Musik machen. Dann dachten wir, wir mieten uns mal einen Laden für einen Gig und dann können die Deutschen dahin kommen. Was wir nicht wussten ist, dass an dem Tag auch holländischer Karneval war. Die einen dachten „Juhu, es kommt eine Band“ und haben halt Leute mitgebracht und die anderen 300 in dem Club waren verkleidet und eigentlich nur da, um Karneval zu feiern. Als wir gespielt haben wurden die dann so aggressiv, dass sie angefangen haben die Kabel rauszureißen.

    Raffi (OK KID): Die sind zum Gitarristen hin und haben die Saiten verdreht und irgendwelche Dudes wollten Bier über meinen Laptop kippen.

    Jonas (OK KID): Ja, diese besoffenen Holländer haben uns dafür gehasst, dass wir deutsch sind. Dann haben die auch noch „The Germans are gay“ gesungen. Das war das einzige Mal, dass wir eine Show abgebrochen haben.

    Raffi (OK KID): (Singt in der Melodie von Seven Nation Army) All the Germans are gayyy!

    Um zu verhindern, dass sich solche Gigs wiederholen, könnt ihr die Band hier auf ihrer großen DREI-Tour im Herbst besuchen.

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    Foto Credits: Niren Mahajan
  • Soft Drug im Interview: „Wir waren auf der Suche nach einer komplett neuen Vision für uns“

    Soft Drug im Interview: „Wir waren auf der Suche nach einer komplett neuen Vision für uns“

    Das Berliner Trio Soft Drug hat mir gleich mit ihrer ersten Single Same einen wochenlangen Ohrwurm verpasst. Seit dem hab ich mich auf ihre erste EP gefreut und nun ist sie endlich da! Zu diesem Anlass hab ich mit den drei Jungs über ihre Musik gequatsch. Über Gender-Rollen, Realitätsflucht, Herausforderungen beim Musik schreiben und Inspirationen. Aber lest und hört am besten selbst. Viel Spaß!

    Franzi: Hey ihr Drei, das Allerwichtigste vorweg: Happy Release!! Wie geht es euch? Wie fühlt es sich an, jetzt wo ihr eure erste EP Easy endlich mit der Welt teilen könnt?


    Soft Drug: Hey, danke dir!! Wir freuen uns natürlich riesig und sind unglaublich happy endlich aus dem Studio damit hinaus zu dürfen. Es war zwar für uns eine sehr lange Entwicklung und Reise, um an diesen Punkt zu kommen, wo wir jetzt sind und das Ergebnis mit dieser EP zu teilen ist richtig schön!

    Franzi: Für alle, die euch bisher noch nicht auf dem Radar hatten, wollt ihr euch noch einmal kurz vorstellen und uns erzählen, wie ihr zu Soft Drug zusammengekommen seid?


    Soft Drug: Wir sind Soft Drug, machen Alternative Pop mit RnB Einflüssen und uns gibt es jetzt seit diesem bzw. letzten Jahr. Wir haben zu dritt früher schon in einer bzw. mehreren Bands zusammen gespielt und sind auch zusammen aufgewachsen. Als Freunde und als Brüder. Da teilt man so viel miteinander, dass wir unserer Musik und der Band einen neuen Anstrich verpasst konnten, ohne unser beständiges Bonding zu verlieren.

    Franzi: Same war die erste Singleauskopplung eurer EP, deren Videopremiere wir hier schon mit euch feiern durften. Was war der Grund, dass Same eure erste Veröffentlichung wird?


    Soft Drug: Wir wollten einen starken Opener als erste Single haben und die Melodie von Same ist uns selbst oft nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Zudem bringt er viele Vibes aus der EP zusammen und hat sich aus einer spontan zusammengestellten EP-Reihenfolge heraus als super Starter entpuppt.

    Franzi: In euren Songs verarbeitet ihr auch wichtige gesellschaftliche Themen, wie z.B. in Female, in dem ihr die Weiblichkeit zelebriert und aller Homophobie und Abwertung von weiblichen Zügen ein großes „Fuck You“ entgegensetzt. In dieselbe Kerbe, aber aus einer anderen Perspektive, schlägt der Song Man Up. Wie leicht oder schwer fällt es euch, solche sensiblen Themen in euren Songs zu verhandeln?


    Soft Drug: Die Texte zu schreiben ist uns leicht gefallen, da alles aus einem klaren Gefühl heraus kam. Damit an die Öffentlichkeit zu gehen war dagegen schon etwas schwieriger. Wir wollen zwar anecken, aber natürlich vor allem bei Menschen auf die wir eh keinen Bock haben. Sexualität und Gender-Rollen ist für viele Menschen ein sehr persönliches und sensibles Thema, bei dem ein Pop Song zu kurz gedacht wirken kann. Wir finden aber auch, dass darin ein großes Potenzial liegt und wir gerne unsere Beitrag dazu leisten wollen. Es gibt noch zu wenige Cis-Männer, die sich zu diesen Themen positionieren. Deswegen fühlen wir uns inzwischen sehr wohl in der Rolle und freuen uns über jeden Dialog, den wir damit anstoßen.

    Franzi: Ihr streut auf eurem Instagram Kanal und in euren Artworks auch immer mal ein paar Hints zu Frank Ocean ein. Auch das Cover zu Man Up ist eine kleine Hommage an nostalgia, ULTRA oder? Also einmal Hand auf‘s Herz bitte: wie große Fanboys seid ihr? Und aus was schöpft ihr noch eure Inspiration?


    Soft Drug: Haha, das mit dem Cover ist wirklich ein großer Zufall. Wir hatten schon das Cover für Same von Thomas Pirot, einem Fotograf aus Mainz, ausgewählt und wollten für andere Cover auch Bilder von ihm verwenden. Und das war einfach das passende zu dem Song. Thomas selbst ist aber auch schon die Ähnlichkeit zu Frank Ocean aufgefallen.
    Wir stehen einfach auf Verletzlichkeit, sei es in Musik oder in Texten. Es ist insgesamt als Thema noch nicht so populär, wie wir uns das wünschen würden und Frank Ocean deckt da sehr viel ab. We love him. Wir ziehen aber aus sehr viel verschiedener Musik unsere Inspiration. Sei es Produktionen von Timbaland oder Hudson Mohawke, Bands wie Glass Animals und Portugal. The Man sowieso. Und dann lassen wir uns jeweils auf sehr unterschiedliche Eindrücke ein. Das ist auch wichtig, um sich gegenseitig zu überraschen oder zu fordern.

    Franzi: Ihr seid vor knapp zwei Wochen auf dem Great Escape Festival in England aufgetreten. Das war euer erster Festivalauftritt oder? Und wie hat es sich angefühlt, wieder zurück in der UK zu sein, nachdem ihr auch eine Weile in Manchester gelebt habt?


    Soft Drug: Das war unser erster Festivalauftritt und unsere zweite Show überhaupt. Es war wunderschön dort zu sein. Auch wenn jetzt leider ganz andere Zollauflagen sind als damals und die Hinfahrt fast aufregender war als unser Gig, haha.
    Wir waren zum ersten Mal in Brighton, was ungefähr 10x posher und doppelt so teuer ist wie Manchester. Aber dafür war es ein super schönes Festivalfeeling mit echt tollen Leuten und Acts. Es war wie ein kleiner Bandurlaub. Und das British English hat uns auch wieder sehr in die Manchester-Zeit befördert.

    Franzi: Apropos Festivals: in dem Track Dizzy redet ihr von Coachella und der Thematik rund um Eskapismus und Flucht aus dem Alltag. Wart ihr selbst schonmal dizzy auf dem Coachella unterwegs? Und was bedeutet für euch Realitätsflucht?


    Soft Drug: Für uns ist unsere Band die größte Realitätsflucht. Es gibt wohl keine Droge, die so allumfassend das bietet, was Musik machen, schreiben, singen, auf Tour gehen und Konzerte geben mit uns macht. Wir brauchen eher zwischendurch Anker, um wieder in der Realität anzukommen, aber grundsätzlich würde uns das reichen, um in keinem klassischen Alltagsleben zu versinken. Wir waren zwar noch nicht dizzy auf dem Coachella, aber immerhin betrunken auf dem Melt! Festival. Das kommt doch schon fast ran 😉

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    Franzi: Eure EP trägt den Namen Easy, ich kann mir trotzdem vorstellen, dass dabei trotzdem nicht immer alles so einfach abgelaufen ist. Wollt ihr uns ein bisschen mit hinter die Kulissen schauen lassen? Gab es irgendwelche besonderen Herausforderungen bei eurer Arbeit an der EP? Und was nehmt ihr vielleicht daraus für eure nächste Platte mit?


    Soft Drug: Die größte Herausforderung war, dass wir alles über den Haufen geworfen haben. Es gab nichts, wo wir einfach gesagt haben, dieser Part von unserer Band ist gut so. Das bleibt. Alles wurde mehrmals umgedreht, ausprobiert, wir waren auf der Suche nach einer komplett neuen Vision für uns. Und da sind wir zwischenzeitlich fast verrückt geworden, weil wir nicht mehr wussten, woran wir uns eigentlich halten sollen. Diese Fragen haben wir uns Schritt für Schritt beantwortet, haben uns aber auch oft im Kreis gedreht. Nach gefühlt zwei geschriebenen Alben (die Songanzahl könnte tatsächlich hinhauen), sind wir bei den letzten Versionen gelandet, die es jetzt auf die EP geschafft haben und mit denen wir richtig glücklich sind. Von hier an weiterzuarbeiten wird auf jeden Fall sehr viel Spaß machen und auch leichter bzw „easier“.

    Franzi: Auch wenn in jedem eurer Songs viel Liebe und Mühe steckt, habt ihr trotzdem einen heimlichen persönlichen Favoriten?


    Soft Drug: Wir mögen tatsächlich alle, wir haben eher gemerkt, dass ihre Funktion eine unterschiedliche ist. Man Up z.B. ist jetzt nicht der easy Summer Song, der mal so eben nebenbei läuft, dafür ist er eine richtige Wucht live und macht super Bock ihn zu performen. Bei Female waren wir vor allem glücklich wie er sich über die Jahre als Song entwickelt hat und sogar noch in den letzten Stufen des Mixing und Mastering gewachsen ist. Dadurch haben wir ihn nicht nur durch seine Message besonders ins Herz geschlossen.


    Franzi: Bei uns ist die letzte Frage keine Frage, sondern Platz für eure untold story. Habt ihr eine Anekdote, Geschichte, Fun Fact oder etwas anderes, was ihr gerne noch an dieser Stelle teilen möchtet?


    Soft Drug: Wir haben mit unserer früheren Band Glass Animals und Khruangbin supportet, von denen wir seither große Fans sind. Das war natürlich noch bevor sie so bekannt waren wie heute. Jetzt gibt es das niedrigschwellige Ziel, das mit Soft Drug einfach noch mal zu schaffen, haha. Mal schauen wie lange es dauert. 😉

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    Foto: Alessandra Fochesato

  • Leoniden im Interview: „Sich still zulächeln und die Getriebenheit nicht verteufeln“

    Wenn man mich fragt, wer meine Lieblingsband ist, gibt es schon seit mehreren Jahren nur eine Antwort. Wie aus der Pistole geschossen erkläre ich sofort: die Leoniden. Selbst ein passendes Tattoo hat es mittlerweile schon auf meine Haut geschafft. Deshalb freue ich mich umso mehr mit einem Teil der Band über ihre neue Single „Smile“ zu sprechen. Irgendwo zwischen 2000er Indie und dem klassischen DIY Leoniden Sound siedelt sich das neue Release an und hat mich damit von Sekunde eins gecatcht.

    Es ist nicht das erste Mal und wird auch sicher nicht das letzte Mal sein, dass wir die sympathische Truppe auf ein Pläuschchen zu uns einladen. Dieses Mal haben wir über die Liebe zur live-Musik, den neuen Song und das Künstler*innen Dasein in politisch stürmischen Zeiten gequatscht. Wer einen ganz besonderen Fact zu ihrem neuen Release hören möchte, sollte kein (Achtung schlechtes Wortspiel) Quacksalber (Auflösung gibt es später) sein und auf jeden Fall bis zum Ende dranbleiben! 🙂

    Auf unserem Instagram-Kanal gibt es für alle Interessierten außerdem noch bis zum 27.05.22 die Chance die Single als 7″ inch Vinyl zu gewinnen :))

    Leoniden im Interview

    Paula: Hey ihr Beiden.  Schön, dass es jetzt klappt! Wie geht es euch so kurz vor dem Release und nach den ersten Shows, die ihr endlich wieder spielen durftet ?

    Lennart: Sehr gut geht es uns!

    Jakob: Uns geht es echt gut! Die Kampagne zu „Complex Happenings“ hat ja schon 2020 mit „L.O.V.E.“ gestartet und eigentlich wollten wir dazu immer eine Tour spielen aber bis nach dem Release hat es leider nie wirklich geklappt. Jetzt waren wir auf Tour und das macht das Puzzle endlich vollständig. Irgendwie fühlt es sich jetzt endlich zusammenhängend an. Wir haben zwei Jahre darauf gewartet Songs, die wir released haben, in einem Club-Setting live zu spielen und das ist super erlösend und diese ganzen guten Gefühle aus 2019 sind endlich wieder da.

    Lennart: Für uns gehört schon zu jedem Album auch eine ausgiebige Tour und das planen wir eigentlich auch immer im Vorfeld so, dass Album und Tour sinnvoll miteinander verbunden werden können und darauf haben wir jetzt ganz schön lange warten müssen. Das hat ja auch viel Chaos angerichtet in dem ganzen Releaseprozess.

    Jakob: Ja auch in der ganzen Musikwelt eigentlich. Wir sind ja auch nicht exklusiv von der Pandemie betroffen. Umso schöner war es jedoch, dass wir relativ direkt nach dem „Complex Happenings“ Release wieder angefangen haben, neue Musik aufzunehmen. Dieses Mal haben wir das Studio zu uns in den Proberaum geholt und konnten während des Schreibens schon direkt etwas aufnehmen. Und jetzt fühlt es sich echt gut an, einfach einen Song rauszubringen, ohne Release-Kampagne. Ich mag den Song echt und freue mich da jetzt richtig drauf.

    Single-Cover zu „Smile“

    Der Song heißt „Smile“ – gibt es etwas, dass euch am heutigen Tag schon zum Lächeln gebracht habt?

    Lennart: Klar!

    Jakob: Ja einiges.

    Lennart: Als wir heute morgen in unseren Proberaum gekommen sind, stand zum Beispiel Magnus Wichmann hier.

    Jakob: Das ist unser Homie und Producer, der gerade nebenan saugt. Danke Magnus!

    Ja cool. Ihr habt den Song ja kreiert und wisst natürlich am Besten von was er handelt. Beschreibt doch mal in euren eigenen Worten, um was es bei „Smile“ geht.

    Jakob: Ich würde sagen bei „Smile“ geht es ein bisschen darum, dass man dem manischen Wahn, in dem man sein kann, auch immer mal wieder entkommen muss, indem man innehält und aussteigt. So fällt einem manchmal auch auf, wie man sich mit einem falschen Wohlgefühl in so etwas hinein legt. Dann realisiert man wie es zum Küntsler*innen Dasein auch dazugehören muss, mal zu Reflektieren und ehrlich zu sich zu sein. Natürlich soll es aber auch keine Ode an das alt und langsam werden sein!

    Lennart: Ne, null! Es geht eher darum, dass man dieses Getrieben sein auch mal ein bisschen hinterfragt oder zumindest mal richtig einordnet, indem man auch mal kurz nach rechts und links und vorne und hinten guckt und sich nicht immer in einen Aktionismus flüchtet.

    Jakob: Ja. Ein Teil des Songs ist aber auf jeden Fall auch, dass man nicht mit sich selbst so hart ins Gericht geht. Der Song heißt ja auch „Smile“ und nicht Cry. Es geht darum sich still zuzulächeln und die Getriebenheit nicht zu verteufeln.

    Total Spannend! Ich finde das eine Reflexion der eigenen Lebensumstände aber auch oft mit einer Versöhnung mit sich selbst zusammenhängt.

    Jakob: Genau das ist der Punkt. Das man den Frieden bewahrt und vor allem annehmen kann.

    „Smile“ geht nochmal in eine ganz neue Richtung

    Euer neues Album war genremäßig ja eher experimentell und neu im Vergleich zu den Alben davor – dieser Song ähnelt musikalisch aber nun wieder früheren Releases – war das eine bewusste Entscheidung?

    Jakob: Ich kann mir vorstellen, dass bei dem Song ganz viele Menschen unterschiedliche Dinge sagen würden. Ich wüsste nicht mal ob Lennart und ich die gleichen Sachen sagen würden. Für mich ist der Song schon nochmal ein Schritt ganz woanders hin, wo wir vorher so noch nicht waren.

    Lennart: Ich kann das manchmal gar nicht so auseinanderhalten. Ich würde die Alben vor allem immer an der Art und Weise wie sie aufgenommen sind und wie sie klingen unterscheiden.

    Jakob: Gut, dann ist es aber neues Terrain.

    Lennart: Ja genau. Aber auch die Art und Weise wie er geschrieben ist, erinnert mich nicht so stark an unsere früheren Alben.

    Jakob: Aber woran machst du das denn fest? Siehst du einen konkreten Nachbar zu „Smile“ auf unseren früheren Alben?

    Das ist super schwer zu sagen. Ich glaube es geht mir mehr um den generellen Vibe des Songs. Als ich „Complex Happenings“ zum ersten Mal gehört habe, war das zum Beispiel komplett neu für mich aber bei Smile habe ich einen wiedererkennbaren Leoniden-Sound rausgehört.

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    Jakob: Ist das jetzt gut oder schlecht?

    Das ist auf jeden Fall gut! Da kommen schöne Nostalgie-Gefühle hoch und der macht echt gute Laune.

    Jakob: Ja cool. Was ich auf jeden Fall unterschreiben würde, ist das „Smile“ sich auch sehr ehrlich an Musik orientiert, die wir früher auch viel selbst gehört haben. Ich höre da schon auf viel 2000er Indie raus. Aber ey ich bin mir sowieso sicher – es gibt mehr Meinungen zu dem Song als Menschen! Ich bin gespannt, was wir da noch so hören werden.

    Ja klar! Jeder hört Musik ja auch anders und hat andere Einflüsse.

    Emotionen beeinflussen die Musik, die man kreiert

    Unsere Gesellschaft befindet sich zur Zeit ja in sehr stürmischen und turbulenten Zeiten, wie fühlt es sich in dieser Zeit an Musik zu releasen, aber vielleicht auch Musik zu kreieren? Ist euer Dasein als Musiker für euch hier eine willkommene Ablenkung oder dient die Musik hier vielleicht eher auch als ein Mittel sich geladenen Themen von einer neuen Seite zu nähern und sie vielleicht auch zu verarbeiten?

    Jakob: Total Beides. Es gibt logischerweise zwei unterschiedliche Themen, die sich gerade in unterschiedlicher Weise auf die Frage „Wie wohl fühle ich mich in meiner Rolle als Musiker“ auswirken. Da ist auf der einen Seite die Pandemie, die echt richtig reingeschlagen hat. Das was man so gerne tut und das was man als ein so großes Privileg begriffen hat, wurde auf einmal sehr viel blasser und man wusste nicht so richtig wie es weiter geht. Seit der Tour wissen wir aber, es geht zum Glück genauso weiter wie es aufgehört hat. Und der Krieg in der Ukraine zeigt einem dann nochmal sehr deutlich, was für ein privilegiertes Luxusleben wir eigentlich haben.

    Ja, das auf jeden Fall. Was ich mich jetzt aber frage ist, ob ihr diese ganzen Themen und Krisen mit in die Musik nehmt? Oder trennt das eher ab?

    Lennart: Die Musik, die wir machen und die wir schreiben, ist zu 100 Prozent von dem was wir aufnehmen und was uns beeinflusst geprägt. Und zwar von hinten bis vorne. Wir schreiben ja keine Auftragsmusik – also machen nicht Musik für Leute, die etwas bestellen, was dann eben nach bestimmte Vorgaben erstellt wird.

    Jakob: Wir gucken halt auch nicht die Tagesschau um inhaltlich inspiriert zu sein und dann ein Album darüber zu schreiben, was die letzten Monate passiert ist. Bei uns ist es vermutlich eher so, dass die Krisen auf der Welt uns entweder dazu bringen explizit fröhliche Musik zu Schreiben und was Schönes zu hinterlassen oder dass man sagt – ey das hat mich jetzt total umgehauen. Der Weltschmerz ist richtig real heute – Wir müssen was trauriges schreiben. Wir glauben auch dass unsere politische Kraft eher darin besteht in unseren Songs auf Probleme aufmerksam zu machen, sie aber nicht in 3:30 min und 16 Zeilen zu lösen. Das wäre glaube ich ganz schön arrogant, wenn man glaubt man könnte das. 

    Lennart: Ein Lied mit zwei Strophen ist auch das falsche Medium um so komplexe Themen zu erklären. Aber es geht in unseren Songs natürlich um Gefühle und Einflüsse, die den ganzen Tag auf uns einprasseln. Und wir verarbeiten sie dann peux a peux in Musik.

    Ich finde es eine total spannende Frage, wie man äußere Umstände seinen Alltag beeinflussen lässt.. Und in eurem Fall ist ja nunmal das Kreieren von Musik euer Alltag.

    Lennart: Ich glaube alle Leute, die Kunst machen, bringen das irgendwie in ihre Kunst auch ein.

    Jakob: Ja ich glaube das macht auch die meiste Kunst, die uns umgibt. Wir sind ja alle eher umgeben von konkreter und weniger abstrakter Kunst. Dahin zieht es Einen ja auch. Zu authentischen Gefühlen und Verarbeitungen, wie auch immer diese dann bei unterschiedlichen Menschen aussehen. Es würde Einen ja glaube ich sonst gar nicht so abholen. Aber es ist wirklich zwischen – „ich bin todtraurig ich will einen Song drüber schreiben“ und ey ich habe einfach das erste At the Drive-In Album gehört – es ist so unfassbar geil – wollen wir mal probieren einfach einen Punksong zu schreiben. Auch das kann passieren und das sind auch die Freiheitsgrade, die wir uns auf jeden Fall bewahren wollen. Wir wollen nicht sagen, wir schreiben jetzt nur noch über Beziehungen oder nur noch über Politik. Das wäre ja wie zu sagen, ich rede mit Lennart nur noch über eine Sache. 

    Leoniden-Konzerte sind Club-Konzerte

    Das stimmt natürlich! Aber von hier nun mal zu den ersten paar Konzerten, die ihr nach Corona wieder im altbekannten Setting spielen konntet. Was war bisher der schönste Moment?

    Lennart: Es ist jeden Abend der schönste Moment, wenn die Leute anfangen mitzusingen. Das ist halt total heftig das wieder mitzuerleben. Wir habe letztes Jahr einige der corona-konformen Konzert gespielt, wo die Leute weit auseinander gesessen haben und da merkt man jetzt doch schon den Unterschied. Man kann natürlich auch im Sitzen mitsingen, aber jetzt ist es einfach eine ganz andere Energie und eine ganz andere Stimmung, wenn die Leute wirklich vor der Bühne stehen, tanzen und dann bestimmte Songs kommen, wo mitgesungen wird, sowie das vor zwei bis drei Jahren der Fall war. Da wieder reingeworfen zu werden, war für mich der schönste Moment. Und auch zu sehen, dass das nicht einmalig, sondern jeden Abend wenn wir auf die Bühne gehen passiert. Dass es halt einfach geile Konzerte sind.

    Jakob: Ja es ist auch erst jetzt wieder was wirklich richtig Besonderes.

    Lennart: Auch wenn man als Band wahrscheinlich nie sagen sollte irgendwas ist schlecht, sind Sitzkonzerte glaube ich auch einfach nichts für unsere Band. Das haben wir letztes Jahr mal ausprobiert und es waren unter diesen Umständen auch tolle Konzerte. Es war toll, dass wir überhaupt auf die Bühne konnten und da war ja auch ein Bedürfnis auf beiden Seiten. Aber ich würde es glaube ich nicht nochmal machen. Da sollten wir alle ehrlich zu uns sein. Es gibt Bands zu denen passt das und es gibt Bands, zu denen passt halt einfach ein Club-Konzert und bei uns ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht.

    Ja das kann ich nachvollziehen. Ich war 2019 ja auch bei ein paar Shows von euch und das ist schon immer sehr besonders.

    Jakob: Wo warst du dabei?

    In Kassel, Nimwegen, beim Reeperbahnfestival und beim Sound of the Forest.

    Lennart: Ja das waren coole Konzerte.

    Jakob: Sound of the Forest war geil und spät, das weiß ich noch.

    Ja stimmt, ihr habt als letzter Act glaube ich nach Bilderbuch gespielt. Bei euch merkt man auch echt, dass eure Band ja quasi von Live-Auftritten lebt – ich habe das Gefühl, dass ihr darin unglaublich aufgeht und auch Energie daraus schöpft

    Lennart: Ja das ist der Antrieb von dieser Band.

    Jakob: Was ich krass finde, ist dass diese ganzen „Nicht-Pandemie“ Konzerte, die jetzt gerade stattfinden, auf Instagram auch gefühlt alle gleich aussehen. Überall sieht man Wall of Deaths, alle stagediven. Wir sind jetzt natürlich ein bisschen in einer Rolle, wo man als Autoverkäufer seine eigenen Autos bewerben muss, aber bei uns passieren irgendwie Sachen, die auf anderen Konzerten nicht passieren. Und das liegt auch echt viel am Publikum und den Leuten, die manchmal auch einfach die Shows komplett übernehmen.

    Lennart: Manchmal spielen wir zwar das Konzert, aber die Regie hat eigentlich jemand ganz anderes. Das ist ein Hochgeschaukel und es sind auf jeden Fall, die Leute, die unsere Konzerte zu etwas besonderem machen.

    Wie nice, wenn das aber auch so organisch ineinander übergeht und Band und Publikum werden zu einer großen Masse.

    Jakob: Ja es ist genau das! Nur so drüber zu reden, fühlt sich manchmal ein bisschen komisch an. Das könnte vielleicht ein bisschen arrogant rüber kommen, soll es aber echt nicht! Kommt einfach vorbei! 🙂

    Lennart: Ja die Magic muss man auch einfach mal für sich selbst erleben; das kann man gar nicht so gut beschreiben.

    Ich bin mir sicher, dass vieler unsere Leser*innen euch auch schonmal live gesehen haben und die oben genannten Punkte gut nachvollziehen können! 

    Konzert-Empfehlungen sind immer gut!

    Aber abgesehen  von euch selbst – was sind eure TOP 3 Acts, die man live mal gesehen haben muss?

    Jakob: Pabst ohne Frage; wenn man sich Zouj live angeguckt hat, ist alles vorbei, bei Philine Sonny würde ich auf jeden Fall richtig weinen. Es sollten nur drei werden oder?

    Wenn du möchtest auch gerne mehr 🙂

    Jakob: Blush Always – endlich gibt es wieder richtig laute gute alternative Musik.

    Lennart: Ich habe jetzt überlegt, was für mich die größten Konzerte waren in den letzten 5 bis 10 Jahren. Ich werde zum Beispiel Bilderbuch und Mojo nie vergessen. Das war wirklich unglaublich. Ich habe mal mit Djamin Faber in der großen Freiheit gesehen und dachte mir erstmal nichts dabei. Und die Leute sind halt total ausgerastet. Da erinnere ich mich immer gerne dran. Ich bin aber auch großer Fan von Turnstile und freue mich, dass so eine Band mit dieser Musik gerade wieder so riesengroß geworden ist und dass das so eine Renaissance hat. Die haben wir auch 2019 zweimal live gesehen auf Festivals und das war irgendwie total witzig. Auf der einen Seite hat Dendemann gespielt und auf der anderen Seite Turnstile. Das ist zum Beispiel auch eine Band, für die ich schon seit nem Jahr ein Ticket aufhebe.

    Jakob: Alle die nah an Großstädten wohnen wissen das schon lange und wir hinken da ein bisschen hinterher, aber Idles ist auch eine heftige Liveband. Pom Poko ist noch mein Geheimtipp. So… reicht jetzt auch. 

    Das ist schnell ausgeartet. Aber ey, gute Konzerttipps gibt es doch nie genug!

    Jakob: Ja, das ist aber auch ein Thema über das ich Stunden reden könnte!

    Das holen wir ein anderes Mal nach! Für heute kommen wir aber schon zum Ende und meine letzte Frage ist, ob ihr mir noch eine untold story erzählen könnt, die ihr vorher noch nie in einem Interview erwähnt habt? Ich bin gespannt!

    Lennart: Hmmm.. wir könnten über das „besondere“ Geräusch am Ende von „Smile“ reden…

    Jakob: Welches Geräusch?

    Lennart: Die Ente.

    Jakob: JAAAAAA… Die Ente stimmt. Wir haben zwei Songs aufgenommen und bei Beiden gibt es im Song-Finale den „Dissapearing Duck“ Sound. Warte ich zeige ihn dir kurz, dann hast du den Sound auch und wirst ihn dein Leben lang nicht mehr los. (holt sein Handy raus) Das ist auch echt ein starkes Video muss man sagen. Aber ja hört mal genau hin und dann hört man am Ende so ein quack.

    https://youtu.be/rYAJB7Ddbi0
    Für alle, die nun auch von der quackenden Ente in den Schlaf verfolgt werden wollen <3

    Ich bin gespannt! Dann höre ich da nochmal rein. Vielen Dank für diesen Fact und das schöne Interview.

    Jakob: Danke dir und bis bald! See you!

    Lennart: Danke, Tschüss!

    Und wer sich von diesem ominösen Entengeräusch nun selbst überzeugen will, hört am besten direkt rein in die neue Single! 🙂

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  • Mavi Phoenix im Interview: „»Marlon« ist frech, erfinderisch aber trotzdem irgendwie klassisch“

    Mavi Phoenix im Interview: „»Marlon« ist frech, erfinderisch aber trotzdem irgendwie klassisch“

    Marlon ist nicht nur Mavi Phoenix‘ bürgerlicher Name, sondern nun auch der Titel seines zweiten Studioalbums. Passend zum Release, durfte ich (Lara) mit Marlon, über Marlon sprechen, was am 25.02.2022 erschienen ist.

    Musikalisch bewegt sich Mavi Phoenix zwischen Lo-Fi-Pop, Trap und modernem R&B. Ausserdem finden sich auf seinem neuesten Release Gitarrensounds wieder. Nach dem Coming Out als Transmann und der Veröffentlichung seines Debütalbums „Boys Toys“ verabschiedete sich Marlon Nader 2020 von Social Media, nahm eine Auszeit und widmete sich seiner persönlichen sowie musikalischen Transition.

    In wie fern Mavi Phoenix seinen neuen Gitarrensound seinem Vater zu verdanken hat, wie der Albumprozess bei Marlon ablief und was seine persönlichen Lieblinge der Platte sind, könnt ihr jetzt hier im Interview lesen.


    Interview mit Mavi Phoenix

    Lara: Hallo Marlon, schön dass das geklappt hat. Du steckst ja aktuell mitten in der Promophase. Zum Einstieg frage ich dich erstmal, was du heute schon so gemacht hast.

    Mavi Phoenix: Ich war heute tatsächlich schon bei einem Interview, mal wieder Face to Face, in einem Cafe, für ein österreichisches Magazin. 

    Lara: Face to Face ist ja auch mal wieder ganz nice. Wie geht es dir? In 2 Wochen ist es soweit, dann kommt dein zweites Album Marlon raus. Wie geht es dir, so kurz vor dem Release? 

    Mavi Phoenix: Ja eigentlich ganz gut! Ich freue mich echt mega auf’s Album und ich realisiere auch gerade eigentlich erst, dass es bald wirklich rauskommt. Ich freue mich einfach wirklich sehr und auch, dass es danach dann auch endlich weitergehen kann.

    Lara: Das kann ich gut nachvollziehen. Unterscheidet sich der Release von Marlon zu dem von Boystoys

    Mavi Phoenix: Ich glaube, ich bin tatsächlich ein bisschen entspannter. Wahrscheinlich auch, weil ich voll an das Album glaube. Ich habe das Gefühl, dass es ein gutes Album geworden ist und freue mich einfach. Natürlich ist mir auch voll wichtig, was die Leute dann damit machen und wie sie es finden, aber ich bin da ziemlich gefestigt und denke schon, dass es den Leuten gefallen wird. Hoffentlich.(lacht)

    Lara: Also ich hab natürlich schon mal etwas reingehört und ich bin mir ziemlich sicher, dass es den Leuten gefallen wird. Weisst du schon, wie du den Release feiern wirst? 

    Mavi Phoenix: Jaa, ich werde in Berlin tatsächlich meine erste Releaseparty überhaupt machen! Beim letzten Album war da ja der erste Lockdown und da kam dann leider nichts zu Stande. Jetzt ist es natürlich auch irgendwie blöd mit Corona, aber wir werden dann hoffentlich mit 2G+ vielleicht auch mal ein Bisschen den Release feiern können.

    Lara: Nice, muss ja auch mal wieder sein. Jetzt back zum Album; wie lief der Albumprozess ab und wann hast du angefangen, die ersten Songs für Marlon zu schreiben?

    Mavi Phoenix: Bei mir ist es eigentlich so, dass ich ständig schreibe. Es ist nicht so, dass ich mir denke „jetzt habe ich das eine Album fertig und jetzt mache ich eine Pause“ sondern ich mache das natürlich voll gerne und es hat für mich auch irgendwie etwas therapierendes dabei. Ich brauche das Musik machen auch einfach irgendwie und deshalb mache ich echt ständig Musik. Nach Boystoys gab es dann ein paar Monate in denen ich auch Musik gemacht habe, aber davon ist dann zum Beispiel auch nichts auf dem Album gelandet. Da war ich dann auch kind of in einer Findungsphase um zu schauen, was mir überhaupt gefällt, zu schauen was ich in Zukunft machen möchte und um mich auszuprobieren.

    Irgendwann hat es klick gemacht

    Dann ist es aber auch eigentlich ganz schnell gegangen! Ich habe meine Gitarre gepackt, neu herumexperimentiert und auch wieder selbst produziert. Dazu hat sich auch noch meine Stimme verändert und dann hat einfach alles voll schön zusammengepasst! Richtig entstanden ist das ganze Album dann also zwischen Sommer 2020 bis Sommer 2021.

    Irgendwann hat es dann wie klick gemacht. Ich muss dazu sagen, dass ich zu der Zeit auch von den Demos her einen echt krassen Output hatte. Wir haben auch sicher die Hälfte der Songs weggehauen, die dann nicht aufs Album gepasst haben. Es war dann auf jeden Fall genug Output dabei, dass es für ein Album gereicht hat (lacht).

    Lara: Ja, verstehe ich auf jeden Fall voll. Next Question: Du hast einige unterschiedliche Sounds auf Marlon, unter anderem die Gitarre. Gitarren waren ja vorher nicht so typical Mavi Phoenix. Wie kam es dazu?

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    Albumcover Boys Toys

    Mavi Phoenix: Ja true! Auf Boys Toys gibt es den Song Family, da habe ich das erste mal Gitarren etwas in meine Musik einfliessen lassen. Also da gab es schon so erste Anzeichen dafür, dass, es mich reizen würde, aber dann bei dem Album Marlon habe ich es dann tatsächlich so als mein neues Instrument entdeckt.

    Lara: Ich finde auch, dass es auf jeden Fall stimmig ist und total gut zu allem passt. Was hat dich denn letztendlich zur Gitarre gebracht?

    Mavi Phoenix: Es war so, dass mein Papa mir die Gitarre geschenkt hat, als ich 15 war. Die steht auch tatsächlich gerade neben mir! Die ist eigentlich wirklich Jahrelang in Linz in meinem Elternhaus verstaubt. Irgendwann habe ich die dann einfach mal hergeholt. Durch die Hormontherapie habe ich dann auch gemerkt, dass sich die Stimme verändert und ich die Töne die ich vorher erreicht habe, jetzt nicht mehr erreichen kann. Und irgendwie hat die Gitarre für mich dann so etwas neues aufgetan, auch beim Musik schreiben.
    Ich schreibe ja wirklich schon lange Musik, aber irgendwie hatte ich dann durch die Gitarre plötzlich auch einen ganz anderen Blickwinkel gesehen, weil du mit der Gitarre eben auf ganz andere Melodien kommst. Das hat mir was das Album betrifft echt einige Türen geöffnet und das Album zeigt glaube ich, auch einfach voll dieser Moment, als ich die Gitarre und dadurch auch mich neu entdeckt habe.
    Deswegen klingt es glaube ich auch glaube ich so fresh, im Sinne von innocent und neu an.

    Lara: Was für eine schöne Story dahinter! 

    Mavi Phoenix: Jaa, vor allem wollte ich früher auch die in den Gitarrenunterricht gehen! (lacht)

    Lara: Das fühle ich.  Jetzt zur nächsten Frage: Hast du einen Lieblingstrack auf dem Album?

    Mavi Phoenix: Boah, schwer zu sagen. Natürlich mag ich eh alle Tracks, aber meine aktuellen Favoriten sind aber glaube ich trotzdem gerade Nothing good und So Happy I’m Useless.

    Lara: Und wie kommt’s?

    Mavie Phoenix: Bei Nothing good ist es glaube ich so, dass ich das auch mega feiern würde, wenn den jemand anderes gemacht hätte. Ich hab mir bei dem Track halt auch nicht so viel bei gedacht und ich finde das merkt man auch. Ich finde ihn frech und es kommt einfach so natürlich heraus. Da hatte ich auch einen Moment, wo ich dann mit der Gitarre ein Riff entdeckt habe und rumexperimentiert habe. Und es war auch einer der ersten Tracks, den ich überhaupt ganz mit Gitarre geschrieben habe.

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    Lara: Jetzt zu einem leider unvermeidbaren Thema: Die Pandemie. Welche Einflüsse hatte diese auf den Albumprozess?

    Mavi Phoenix: Wäre die Pandemie nicht dazwischen gekommen, wäre ich eigentlich auf Boys Toys Tour gegangen, was sicher auch mega nice gewesen wäre. Durch die Pandemie war das Musikmachen meine Prio. Das war dann in sofern nice, dass ich dann wirklich die Zeit hatte, mich neu zu erfinden und halt neue Sachen auszuprobieren. Aber to be honest, jetzt wäre es auch mal nice, wenn die Pandemie ein Ende findet. (Lacht)

    Lara: Mit welchen Worten würdest du dein Album Marlon beschreiben?

    Mavi Phoenix: Hm, ich würde auf jeden Fall sagen, irgendwo frech, erfinderisch, aber trotzdem irgendwie auch klassisch. Einfach, weil ich einen Mix aus all dem drauf habe.

    Lara: Und passend zur vorherigen Frage; mit welchen Worten würdest du dich, Marlon beschreiben?

    Mavi Phoenix: Ich würde sage, ich bin kreativ, aber auch nervös (lacht) und ich glaub ich hab einfach Lust aufs Leben? Lebenslustig? Wenn man das so sagen kann.

    Lara: Bevor wir zum Ende kommen, interessiert es mich, wie es in naher Zukunft bei dir ausschaut. Bist du froh, dass jetzt erstmal alles done ist, oder magst du dich am liebsten gleich ins nächste Projekt stürzen?

    Mavi Phoenix: Ich bin froh, dass es jetzt done ist, aber vor allem auch, weil das jetzt abgeschlossen ist und jetzt wieder neu starten kann. Bei jedem Album fängt man halt bei Null an. Also zumindest ist es bei mir so, dass ich dann nicht nochmal Sachen aufgreife, die ich gemacht habe, sondern ich versuche immer etwas neues machen. Aber nicht mit dem Gedanken, „uh, das muss jetzt neu sein!“ Sondern eigentlich entsteht das voll natürlich. Wenn ich jetzt zum Beispiel einen Song machen würde, der klingt, als würde er auf das Marlon Album passen, fände ich das wahrscheinlich sehr fade.
    Aber ich bin wie gesagt schon froh, dass es done ist, ich werde mir bald auch mal etwas Urlaub gönnen und dann kann es weitergehen (lacht).

    Lara: Alright!  Damit sind wir auch schon am Ende. Unsere Schlussfrage richtet sich ein bisschen nach unserem Konzept bei Untoldency und fragt nach einer untold story. Kannst du uns da was erzählen, was du so vorher noch nie in einem Interview erzählt hast? Das kann eine kleine Anekdote sein, gerne irgendetwas witziges oder einfach irgendetwas, was dir auf dem Herzen brennt und du unbedingt in die Welt hinaustragen möchtest.

    Mavi Phoenix: Jaa, da gibt es einen random fact! Während meiner Transition habe ich auf dem Laptop mit dem ich jetzt hier mit dir rede, auf Fotobooth Videos über meine Transition aufgenommen, die ich aber höchstwahrscheinlich doch nicht posten werde (lacht). Jetzt in der Retrospektive waren die wohl doch eher nur so für mich. 

    Lara: Ah nice! Ich habe mir mal dein This is my Voice… Video angesehen.

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    Mavi Phoenix: Jaa, das habe ich mich dann auch getraut zu posten. Aber die anderen Videos finde ich jetzt irgendwie fast etwas cringe und werde sie wahrscheinlich nicht veröffentlichen.

    Mavi Phoenix‘ zweites Studioalbum Marlon ist am 25. Februar 2022 bei LLT Records erschienen. Hier könnt ihr nun herausfinden, wie dieses klingt

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    Fotos: Tereza Mundilova

  • Samuel Breuer im Interview: » Ich dachte, es muss immer alles kompliziert sein. Aber das braucht es nicht«

    Samuel Breuer im Interview: » Ich dachte, es muss immer alles kompliziert sein. Aber das braucht es nicht«

    Letzten Freitag veröffentlichte Samuel Breuer mit seiner neuen Band die erste Single seit sechs Jahren. „Wackelkontakte“ ist ein surfrockiger Song über flatterhafte Beziehungen und on-off Freundschaften, ohne einen Schuldigen finden zu wollen. Außerdem der Vorbote für das im Herbst angekündigte Debütalbum, denn obwohl Samuel schon sehr lange Musik macht, gab es bisher keinen Langspieler.

    Samuel Breuer kommt eigentlich aus Düsseldorf, aber ist einfach ein Bonner Original und kannte dort Gott und die Welt. Wenn man mit ihm durch die Straßen schlenderte, kam er meistens nicht unerkannt voran. Wir kennen uns von gemeinsamen Konzerten und schönen Abenden, tauschen uns auch heute noch über neue Musik aus und schätzen unser gegenseitiges Feedback. Auch wenn er und ich vielleicht auch so etwas wie „Wackelkontakte“ sind. Deswegen war es umso schöner, mit ihm hier ausführlich über seine Vorstellung von Freundschaft, sein neues Label und sein Umzug nach Berlin sprechen zu können.


    Lukas: Lieber Samuel, schön, dass du dir Zeit für uns nimmst! Wir beide haben uns vor gefühlt ewigen Jahrtausenden in Bonn kennengelernt, bevor wir beide dann von dort wegzogen. Du bist dann vor ein paar Jahren in Berlin gelandet. Erzähl doch mal, was dich dorthin verschlagen hat und was Berlin mit dir gemacht hat!

    Samuel: Ich habe in Bonn studiert und war dort sehr viele Jahre als Singer-Songwriter unterwegs. Bin durch die Lande gefahren mit meiner Akustikgitarre und habe das total genossen. Aber ich habe dann, vor allem zum Ende hin, immer mehr das Gefühl gehabt, dass es nicht ganz das ist, wonach mein Herz schreit. Ich war aus Bonn irgendwie rausgewachsen. Ursprünglich wollte ich die Stadt schon nach dem ersten Semester wieder verlassen, bin dann aber doch zehn Semester geblieben. (schmunzelt)

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    Ich bin dann für meine Masterarbeit nach Berlin gezogen und wusste auch irgendwie, das wird ein kompletter Neuanfang. Sowohl für meine Persönlichkeit, als auch für mein musikalisches Schaffen. Als ich hier ankam, habe ich erstmal super viele Pop- und Schlagersessions gemacht und Songs für viele Künstler mitgeschrieben. Das war eine schöne Erfahrung und gleichzeitig konnte das gut parallel neben meiner Masterarbeit laufen. Aber sobald ich diese abgegeben hatte, war nur noch Platz für meine eigenen Songs, für meine Musik.

    Ich habe mir dann hier eine neue Band zusammengesucht. Und ich wollte diesmal eine Band, die einfach fix am Start ist. Ich habe auch vorher auch schon in Duos, Trios, oder Quartetten gespielt, aber es war immer so, dass ich die Konzerte organisiert habe und diese Konstellationen immer sehr lose und unverbindlich waren. Ich wollte zwar immer noch meine Songs spielen und meine Geschichte erzählen, aber mit einem Team, auf das ich mich verlassen kann. Und das habe ich jetzt! Wir haben im Laufe der letzten zwei einhalb Jahre ganz viele tolle Dinge zusammen erlebt, trotz Corona, und dafür bin ich richtig dankbar.

    Lukas: Deine letzte Veröffentlichung ist mittlerweile sechs Jahre her. Da ist einiges an Wasser den Rhein runtergeflossen, wie man bei uns im Rheinland sagt. Wenn wir jetzt mal bei deiner Musik bleiben: Sind diese neuen Songs jetzt irgendwie Songs, die du von früher mitgenommen hast? Inwiefern knüpft da die neue Musik an deine Musik von früher an?

    Samuel: Da sind teilweise Songs dabei, die wie eine Übergangsphase für mich sind. Hier und da erkennt man noch meine Handschrift, zum Beispiel die abstrakten Bilder in meinen Texten. Gleichzeitig markiert das Album einen Neustart, weil kein einziges Mal eine Akustikgitarre in den Songs auftaucht. Das, was ich mitgenommen habe sind tendenziell die sprachlichen Bilder, die ich benutze. Da merke ich allerdings sehr, welche Songs auf dem Album älter sind.

    Meine Schreibe hat sich im Laufe dieses Neustarts sehr stark verändert. Ein großer Einfluss war sicherlich die Celler Schule. Eine Songwriting Masterclass, bei der ich sehr viel Input bekommen habe. Da konnte ich lernen, mit einer kritischeren Distanz auf meine Texte zu schauen. Manchmal klangen Texte in meinem Kopf halt irgendwie geil, aber es war überhaupt nicht verständlich, was ich damit sagen wollte. Die Sprache in den neueren Songs ist sehr viel klarer geworden.

    Lukas: Möchtest du denn, dass deine Zuhörer*innen immer direkt kapieren, was du meinst? Oder findest du es nicht auch interessant, diesen abstrakten Gedanken Raum zu lassen, ohne dass sie jemand versteht?

    Samuel: Ich finde das vom Prinzip total interessant, sonst hätte ich es auch lange Zeit nicht so gemacht. Allerdings hat sich das auch einfach bei mir selbst geändert. Ich denke weniger abstrakt als früher und das spiegelt sich in meinen Songs wider. Ich höre immer noch total gerne Musik, die versteckt schreibt. Aber das, was im Moment aus mir raussprudelt, ist von der Sprache immer klarer geworden. Noch vor vier oder fünf Jahren hätte ich das nicht nur für nicht möglich gehalten, ich habe sogar Musik, die so klar und eindeutig war, ein bisschen belächelt. Ich dachte, es muss auch immer alles kompliziert sein. Aber das braucht es nicht.

    Lukas: Deine Musik wirkt nicht nur sehr authentisch, sie ist sehr authentisch. Ich merke, dass du alles so singst, wie du es meinst. Und obwohl ihr jetzt ja eine feste vierköpfige Band seid, trägt das Ganze noch deinen richtigen, bürgerlichen Namen. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

    Samuel: Das war auch ein Prozess. Als ich mit unserem Gitarrist Simeon angefangen habe, die Songs zu arrangieren, habe ich ihm gesagt: „Simeon, ich will keine Akustikgitarre mehr. Ich möchte Indierock machen!“ Wir haben dann an den Songs gearbeitet und durch den Bandcharakter kam dann die Idee, das „Samuel“ zu streichen und das Projekt einfach nur „Breuer“ zu nennen. Ich habe das dann längere Zeit mit mir rumgetragen, aber letztendlich gemerkt, dass diese Songs einen Vornamen brauchen. Diese Songs sind eben so persönlich für mich und so sehr meins, dass ich da den Eindruck hatte, die Songs verlangen, dass ich mit meinem vollem Namen dahinterstehe.

    Lukas: Vielleicht hättet ihr euch sonst irgendwann auch über einen dämlichen Bandnamen geärgert, so etwas entsteht ja auch nicht selten aus einer Laune heraus…

    Samuel: Ja, und hinzu kam noch, dass ich diese Musik ja auf jeden Fall für immer mache. Ich wollte mich nie abhängig machen von einem Bandkonstrukt, das nur als solches besteht. Ich liebe meine Band und mein Traum ist, dass wir das einfach ewig so weitermachen können. Wir haben so tolle Dinge gemeinsam erschaffen und sind ein grandioses Team. Aber sollten sich ein oder zwei dazu entscheiden, irgendwann andere Wege zu gehen, möchte ich nicht in die Lage geraten, nach einem neuen Namen, einer neuen Identität suchen zu müssen.

    Lukas: Ihr wart dann für die Produktion des Debütalbums im Tonstudio in Hennef (meiner Heimatstadt btw) mit eurem neuen Produzenten. Wie kam es dazu?

    Samuel: Ich habe unseren Produzenten Thorsten 2017 kennengelernt. Ich hatte ihm ganz viele Demos von meinen anderen, alten Songs gezeigt. Und als wir die neuen Demos fertig hatten, haben wir ihm das geschickt und er wollte das mit uns ausarbeiten. Tja, dann haben wir einen Studiotermin festgelegt im Oktober 2019. Und ich habe noch ganz blauäugig gedacht, wir spielen da in zwei Wochen das gesamte Album ein, obwohl wir uns in dieser Formation vielleicht vier Monate kannten. Ich bin dann im Laufe des folgenden Jahres wirklich oft hin und her gefahren, um die Songs fertigzustellen. Und es war anstrengend, aber jedes Mal wenn ich da war, gab es die restliche Welt nicht mehr.

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    Lukas: Lass uns zu deinem Release kommen! „Wackelkontakte“ ist letzten Freitag erschienen, die erste Singleauskopplung aus dem kommenden Album. Was sind für dich denn eigentlich Wackelkontakte?

    Samuel: Es gibt verschiedene Arten von Wackelkontakten. Sie eint, dass man immer wieder in Kontakt ist und dann immer mal wieder Ewigkeiten nicht. Aber ohne, dass es jemand böse meint. Und man weiß, dass man sich total gerne hat. Man kommt einfach nicht dazu, sich beieinander zu melden, obwohl man es so lange unbedingt mal wieder hätte machen wollen. Und manchmal braucht so ein nächstes Mal eben ein paar Jahre.

    Lukas: Findest du denn, man braucht solche Wackelkontakte im Leben? Oder anders, brauchst du welche in deinem Leben?

    Samuel: Ich habe lange gebraucht um zu verstehen, dass das Teil des normalen Lebens ist. Ich musste lernen zu akzeptieren, dass man nicht mit allen Menschen so eng Kontakt halten kann, wie man es vielleicht möchte. Ich kann durch die Verarbeitung in diesem Lied jetzt viel besser damit umgehen. Manche Menschen sehe ich halt nur einmal in drei Jahren und höre auch sonst nichts von ihnen, aber wenn wir uns sehen ist alles total schön und ich freue mich total. Im Song habe ich schon fast einen sarkastischen Blickwinkel darauf gewählt, der zum größtem Teil aus meinem damaligen Frust entstanden ist. Mittlerweile hat sich dieser Frust gelegt, ich kann das inzwischen mit einem lachenden Auge sehen. Ob ich Wackelkontakte brauche – würde ich verneinen.

    Lukas: Es ist ja so eine unerklärliche Mischung aus Faulheit und Pflichtbewusstsein. Ich finde das Thema total interessant. Ich denke mir oft, irgendwie werden gerade ganz viele Freunde in meinem Leben zu Wackelkontakten. Der Song ist so herrlich unentschieden, denn es ist ja keine Anschuldigung, sondern einfach eine Feststellung. Da habe ich mich gefragt, ist der Song für dich ein Wunsch den Status Quo zu ändern, oder ist es die Akzeptanz dieser Beziehungen?

    Samuel: Das hat sich sehr gewandelt! Ich kann das mittlerweile viel entspannter betrachten. Es gab aber Zeiten, da hatte ich wirklich eine regelrechte Wut auf solche Situationen. Immer kommt das Leben dazwischen und das hat mich richtig wütend gemacht. Er ist so herrlich unentschieden… Ich finde es schön, dass du das sagst!

    Lukas: Ja ich weiß einfach nicht, ob ich jetzt abhaten oder mich freuen soll, denn wenigstens besteht ja überhaupt noch Kontakt. Ich dachte auch beim ersten Hören, es kommt vielleicht noch ein Twist in deinem Text. Also, dass dann die Rache folgt, von wegen „du kannst mich mal“. Aber das kommt eben nicht! Ich glaube, viele Hörer*innen können solche Beziehungen gut nachvollziehen. Vor allem weil ich auch glaube, dass es etwas mit unserem Alter zu tun hat. Wie siehst du das?

    Samuel: Ich glaube das auch. Das ganze kommende Album handelt ja auch vom Älter- und Erwachsenwerden. Und da ist genau das auch einer dieser Punkte. Unsere Freunde gehen ihres Weges und es bleibt nicht mehr für alle Platz. Und die Zeile, die für mich den Song auf den Punkt bringt, ist „keine böse Absicht“. Es ist ein „tut mir Leid“ und ein „ist schon okay“ zugleich. Eine Bitte um Entschuldigung und eine Vergebung!

    Lukas: Du hast ja jetzt auch ganz frisch noch ein Label gegründet! Wie kam es denn dazu?

    Samuel: Wir haben lange überlegt, wie wir die Veröffentlichung angehen wollen. Und ich habe von Anfang gedacht, es wäre ja schon geil, ein eigenes Label zu gründen. Die Musikindustrie hat sich sehr verändert im Laufe der letzten zehn Jahre. Und ein Label macht im Endeffekt wenig mehr, als du ohnehin als Künstler oder Band in unserer Größenordnung selbst machen musst. Ich fand den Gedanken charmant, alles selbst in der Hand zu haben und alles selbst bestimmen zu können. Wir hätten auch einfach eine Selbstveröffentlichung machen können, aber das hätte sich unvollständig angefühlt. Und unsere Bewerbungen bei den Labels stieß nie auf die gewünschte Resonanz. Dazu kam noch, dass viele kleine Indie-Labels wegen Corona gerade so ein bisschen untergehen. Und dann dachte ich, let’s do it, lass es uns einfach selber machen. Harry Potter hat am Anfang ja auch keiner gewollt.

    Lukas: Ich weiß nicht ob es wirklich etwas mit „nicht wollen“ zu tun hat. Viele gehen ja gerade diesen Schritt, eben weil man sowieso fast alles selber machen muss. Und wenn dann was übrig bleibt, kannst du es wenigstens alles behalten. Ich finde das mutig und ziemlich cool! Kritzel Records finde ich auch einen einprägsamen Namen. Wie seid ihr darauf gekommen, hat das eine tiefere Bedeutung?

    Samuel: Ich habe den Slogan „Ich kritzel Bilder für deine Ohren“ für mich gefunden, einfach weil meine Texte sehr visuell sind. Weniger Leonardi Da Vinci-Style, sondern halt eher gekritzelt. Und Thorsten kam dann am Ende auf die Idee, dem Ganzen diesen Namen zu geben.

    Lukas: Wie stellt ihr euch das denn jetzt weiterhin vor, wächst dieses Label jetzt parallel zur Musik eigenständig weiter oder ist das eher ein Mittel zum Zweck?

    Samuel: Ich träume schon davon, dass das ein richtiges Label wird! (grinst breit) Ich habe Bock auf diese Arbeit. Ich habe Bock, Künstler zusammenzubringen, die ähnliche und geile Mucke machen! Kitzel Records ist ein Zuhause für diejenigen, die sich in der popkulturellen Musiklandschaft obdachlos fühlen.

    Lukas: Sehr schön gesagt. Das könnte ja schon weitreichendes Interesse regen! Arbeit gibt es ja genug und sicherlich auch viele Künstler*innen, die sich bei dir melden würden.

    Samuel: Erstmal geht es aber um unseres eigenes Ding. Kritzel Records ist ein Hafen für unser eigenes Boot, welche Boote dann dazu kommen, werden wir sehen!

    Lukas: Wir bleiben gespannt. Vielen Dank für dieses schöne Gespräch! Viel Erfolg mit eurer Musik – bis bald!

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