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  • STRAHLEMANN im Interview: »Über Gefühle singen und Gefühle zeigen ist wichtig«

    STRAHLEMANN im Interview: »Über Gefühle singen und Gefühle zeigen ist wichtig«

    In einer Welt, in der wir abgestumpft durch den Alltag trotten, vieles grau ist und uns wenig Positives überrascht … Ok, zugegeben, es ist Januar. Es ist kalt draußen und es regnet. Aber aus meiner Musikbox dröhnt „Die Sonne scheint nur für mich“ und ich teleportiere mich in eine andere Welt.

    Der Song kommt von der Band STRAHLEMANN. Es ist die erste Single, die die Newcomer-Band im April 2022 veröffentlicht hat. Damals waren die vier Jungs ein unbeschriebenes Blatt Papier, das keiner so richtig auf dem Schirm hatte. Seither hat sich vieles getan. Die Debüt-EP unter dem gleichen Namen wie die Single „Die Sonne scheint nur für mich“ hat am 13. Januar das Licht der Welt erblickt. Ein perfekter Anlass, die Band hinter dem catchy Indie-Rock-Sound mit einprägsamen Punch-Lines einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

    Wer ist STRAHLEMANN?

    Laut DUDEN bezeichnet der Begriff Strah|le|mann jemanden, „der gewohnheitsmäßig ein [übertrieben] strahlendes Lächeln zeigt [um sympathisch auf sein Publikum zu wirken]“. Laut STRAHLEMANN bezeichnet der Begriff Strah|le|mann:

    • jemanden, der*die immer gut drauf ist und allen ein Lächeln ins Gesicht zaubert.
    • jemanden, der*die immer so tut, als sei er*sie gut drauf und allen außer sich selbst ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann.
    • jemanden kurz nach dem Kiffen.

    So stellt Tino, Sänger der Band, STRAHLEMANN vor. Doch hinter diesem Namen steckt neben einer Menge Verkopftheit ganz viel Gefühl und Liebe zum Detail. Im Interview mit drei der vier Bandmitglieder von STRAHLEMANN erzählen die Jungs, wie es zur Bandgründung kam, warum sie stundenlang über jeden einzelnen Ton und jede Zeile diskutieren und welche Höhen und Tiefen das Leben als Newcomer-Band noch so mit sich bringt.

    STRAHLEMANN im Interview

    Anna: Hi Jungs, schön, dass ihr euch die Zeit genommen habt. Mögt ihr euch zu Beginn einmal vorstellen?

    Tino: Also ich bin Tino. Ich bin Sänger von der Band Strahlemann und ich freue mich, heute an diesem wunderbaren Interview teilnehmen zu dürfen.

    Julius: Ich bin Julius. Ich spiele Gitarre bei Strahlemann. Ich bin einer von zwei Julius – der andere ist heute leider nicht da.

    Marvin: Ich bin Marvin und ich spiele Schlagzeug bei Strahlemann.

    Zwischen Bahnromantik und Friedrich-Merz-Wahlkreis

    Anna: Ihr kommt ja alle irgendwie aus unterschiedlichen Städten. Wie ist denn eure Band entstanden? Wie habt ihr zusammengefunden?

    Tino: Also die Bandgeschichte verliert sich in grauer Vorzeit – im September 2019. Da habe ich Julius, also der, der heute nicht da ist, und Marvin kennengelernt, im Artist Pool Band Camp. Ich habe da eines Abends mal Demos vorgeführt und dann fanden die das irgendwie cool und wir haben gesagt, dass wir Kontakt halten. Ziemlich genau ein Jahr später habe ich mich mit Julius in Münster getroffen. Da hat er Musik studiert, gemeinsam mit Jules, und so kam dann auch die Verbindung zustande. Dann haben wir uns da eine Woche getroffen, so ein paar Songideen, die ich da jahrelang mit mir rumgeschleppt habe, mal gemeinsam aufgenommen und auch ein oder zwei Songs gemeinsam geschrieben und es hat sofort gefunkt. Und dann haben wir uns wieder ein Jahr später im August offiziell in Elkeringhausen gegründet.

    Julius: In Elkeringhausen, echt? (überlegt)

    Tino: Also Winterberg ist der nächste Bahnhof.

    Julius: Ich verbinde das immer nur mit dem Friedrich-Merz-Wahlkreis.

    Tino

    Anna: Wie macht ihr das denn mit den Proben? Das ist ja wahrscheinlich auch ein bisschen schwieriger.

    Tino: Ja, genau. Also letztes Jahr haben wir uns für Auftritte mindestens jede zweite Woche getroffen. Also wir sehen uns regelmäßig und machen dann so kompakte Proben- Wochenenden. Das funktioniert immer ganz gut.

    Marvin: Wir mieten uns dann immer irgendwo ein – brauchen eigentlich nur ein Schlagzeug und Mischpult. Und kann man da irgendwo proben zwischen Tübingen und Münster. Irgendwo dazwischen treffen wir uns dann meistens in dem Proberaum von anderen Bands und dann geht es ganz gut.

    Julius: Im Idealfall spielen wir auch mehr oder weniger regelmäßig Konzerte, was halt im Sommer 2022 zum Glück so war. Da machen wir dann vorher irgendwie mal so ein, zwei Proben-Wochenenden, gucken uns alle die Songs an und so, schreiben vielleicht ein bisschen daran und dann steht das aber erstmal. Es ist auch toll, dass das so funktioniert, also dass jeder für sich dann noch arbeitet von zu Hause. Also jeder guckt sich seine Parts an und überlegt sich auch ein bisschen was für die Performance. Also jeder macht quasi seine Hausaufgaben. (lacht)

    „Tino schreibt recht geile Songs, die immer so einen Ticken zu verkopft sind. Wir passen die dann so an, dass sie alle Menschen verstehen können“

    Anna: Wie ist die Aufteilung bei euch? Eher so klassisch, dass der Sänger die Texte schreibt und dann die anderen die musikalischen Part beisteuern?

    Tino: Ja, das ist schon sehr klassisch bei uns. Ich schreibe die Texte und meistens auch die Musik dazu. Bisher ist es zumindest so. Dann bringe ich das mit in die Probe und wir hören gemeinsam. Dann wird noch verfeinert. Hin und wieder kommt da noch was dazu oder es wird weggeworfen. Aber eigentlich hat man immer schon einen sehr guten Blick auf das Grundgerüst.

    Julius: Wir sagen immer: Tino schreibt recht geile Songs, die immer so einen Ticken zu verkopft sind. Unsere Aufgabe ist es dann, die an die Popstruktur anzupassen, sodass das alle Menschen verstehen können.

    Anna: Okay, dann gehe ich auch mal davon aus, dass Tino den Pressetext geschrieben hat.

    Tino: (lacht) Ja, da habe ich mich ein bisschen verausgabt.

    Anna: Aber ich find den echt gut!

    Tino: Danke!

    Anna: Wer von euch ist der Strahlemann der Band?

    Julius: Das sind wir alle.

    Tino: Jeder auf seine Weise.

    Julius: Vor allem wenn wir uns sehen, dann sind wir alle nur am Strahlen.

    Das Problem mit dem Gefühle zeigen im Indie

    Anna: In eurer Spotify Bio stand sehr lange einfach nur: Indie Rock. Gefühle zeigen. Da frage ich mich: Fehlen euch im deutschen Indie Rock manchmal die Gefühle in den Songs?

    Julius: Boah, da machst du jetzt aber ein Fass auf! Also wir sind alle sehr beeinflusst und sehr angetan von ganz vielen tollen deutschen Indie Bands. Mir persönlich ist bei der ein oder anderen Band ein bisschen zu kalkulierbar. Vielleicht ist es auch so ein Trend, der dann mit gemacht wird – das weiß ich nicht. Ich will gar nicht gegen jemanden schießen, aber manchmal ist es mir auch ein bisschen zu oberflächlich. Aber das wollten wir damit auch gar nicht sagen, sondern einfach, dass es uns natürlich irgendwie um die Gefühle in den Songs geht.

    Tino: Über Gefühle singen und Gefühle zeigen ist wichtig und dafür wollen wir stehen und zeigen, dass es auch ein schöner Trend ist. Dass es wichtig ist, dass Männer Gefühle zeigen, weil es ja offensichtlich nicht normal zu sein scheint. Da sind wir natürlich auch von Bilderbuch beeinflusst.

    Anna: Das ist aber auch einfach eine verdammt gute Band! Bei wem würdet ihr auf einer Tour gerne mal Support spielen – abseits von Bilderbuch?

    Tino: Wir kommen ja auch aus dem aus dem Post Hardcore. Wenn es Heißkalt noch geben würde, wäre das natürlich auch der Hammer. Oder so Bands wie Kind Kaputt, Blackout Problems. Aber wir bewegen uns gerade genremäßig eher in Richtung Bilderbuch, also Indie Rock. Verträumt sozusagen. Weniger Geballer. Obwohl Van Holzen auch noch eine gute Adresse wäre.

    „Wir kommen alle aus dem Post Hardcore und sind softer geworden“

    Julius

    Anna: Gab es eigentlich im Prozess von der EP mal die Diskussion, ob ihr ein bisschen mehr in die rockigere Richtung geht oder ein bisschen mehr verträumt?

    Julius: Ich glaube, das ist so ein Zeitding. Also es gibt Aufnahmen von 2020, als ich bei Julius und Tino war und wo wir dann den Song geschrieben haben. Und wir haben so ein bisschen verkopften C-Teil mit so einem Schlagzeugpart. Da mussten wir Marv dann knechten, dass er den spielt. Und das ist, glaube ich, etwas, das würden wir heute nicht mehr machen. Aber jetzt hat es sich ganz natürlicher Weise bei uns in eine andere Richtung entwickelt. Alles so ein bisschen vibender einfach und nicht so das ganz große Tamtam. Irgendwie habe ich das Gefühl, das ist eine Entwicklung, die mehr oder weniger bei allen so parallel stattgefunden hat, weil wir natürlich auch älter geworden sind.

    Marvin: Ja, ich glaube, wir sind einfach alle auch etwas offener gegenüber konventioneller Musik geworden über die Jahre. Wir kommen alle aus dem Post Hardcore Bereich und sind softer geworden. Als wir uns im Sauerland getroffen haben mit den Demos damals dachte ich, dass es sehr indiemäßig wird. Als wir dann zusammen dran geschrieben haben, ist es doch ein bisschen rockiger, eckiger geworden, als ich es mir am Anfang vorgestellt hatte. Einfach weil wir alle so ein bisschen aus dieser Hardcore Sozialisierung kamen.

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    Anna: Okay, kommen wir zu eurer EP. Über dem Pressetext steht drüber: „eine relativ idealistische Anleitung zur Realitätsbewältigung in sechs Songs“. Was beinhaltet diese Anleitung?

    Tino: Ja, wenn man so will, ist das Song für Songs eine Richtung von einem Zustand der starken Unzufriedenheit und des „sich allein Fühlens“ hin zum „sich aufgehoben fühlen in der Musik“ oder mit sich selber ins Reine zu kommen. Also „Gib mir einen Grund“ ist der Anfang. Das ist aus einer starken Frustration heraus entstanden. Text wie Musik. Bei „die Sonne scheint nur für mich“ ist es etwas schwieriger. Auch wenn der Song sehr positive Gefühle weckt bei verschiedenen Leuten ist es ja doch ein Song, der sehr schwer ist. Es geht darum: Hat es überhaupt einen Sinn, was wir hier tun? Und „magst du mich nicht mehr“ hat dann was mit damit zu tun, das man sich im sozialen Umfeld zurechtfinden muss – auch im digitalen sozialen Umfeld. „Wiedersehen“ hat diese Abschiedsstimmung, die man im Alter immer wieder um die Ohren gehauen bekommt. Und „Lichtgewand“ ist der Schlusspunkt, in dem dann das Strahlemännchen – das Ich – das am einfach so klein und unbedeutend war, einen Platz in der Welt gefunden hat. Das ist quasi die Idee der Anordnung der Songs.

    Anna: Wenn eure EP ein Rezept wäre, welche Zutaten würden reinkommen?

    Julius: Ein bisschen Romantik. Eine Prise Indie mit einer Grundlage aus Alternative und Post Hardcore und oben ein tanzbares Topping. Indie ist nicht die Prise. Indie ist der Teig, die Basis.

    Marvin: Schokolade, viel Schokolade.

    Anna: Die Schokolade steht dann für die Romantik da drin?

    Marvin: Ja, genau. Oben ist so eine Kirsche drauf. Das sind die Fans, die Strahlemann Fans.

    Marvin

    Jeder STRAHLEMANN-Song durchläuft stundenlanges Feintuning

    Anna: Gab es einen Song auf der EP, der es euch besonders schwer gemacht hat im Entstehungsprozess? Oder wo ihr euch vielleicht am wenigsten einig wart?

    Marvin: Wir haben über einzelne Parts öfter mal länger gestritten, aber so einen spezifischen Song gab’s glaube ich nicht. Zumindest nicht von denen, die jetzt auf der EP gelandet sind. Und denen, die jetzt danach anstehen, haben wir schon ein paar komplett verworfen und dann wieder anders angefangen. Aber ich glaube, auf der EP waren es eher so einzelne Parts, wo wir dann irgendwie stundenlang drüber diskutiert haben.

    Tino: Naja, also die Ideen sind ja schon ein, zwei Jahre alt und konnten dementsprechend auch gut reifen. Es war eher Feintuning, was wir da gemacht haben. Stundenlanges Feintuning … (lacht).

    Julius: Wir sind auf jeden Fall eine basisdemokratische Band. Also Marvin spielt Schlagzeug, aber es bleibt kein Schlagzeug-Schlag aus, der nicht bis ins letzte Detail ausdiskutiert wird und bei den anderen Instrumenten genauso.

    Anna: Kommt in diesem Jahr noch eine Tour von euch?

    Julius: (atmet tief ein) Hoffentlich! Das ist die Antwort. Aber eigentlich ja. Es wird auf jeden Fall in der ein oder anderen Form eine Tour kommen. Wir hoffen für so Frühjahr, April oder so. Vielleicht wird es auch darauf hinauslaufen, dass wir es erst nach dem Festivalsommer machen. Aber wir spielen auf jeden Fall ein paar Festivals.

    Anna: Welche Städte müssen auf der Tour dann dabei sein?

    Julius: Also eigentlich immer so unsere Basis: Stuttgart, Tübingen, Wuppertal, Münster muss dabei sein. Köln würde ich auch voll gerne spielen. Hamburg ist immer geil. In Berlin und München habe ich jetzt bisher nicht so die besten Erfahrungen gemacht, muss ich sagen. Aber irgendwie wäre das auch cool.

    Julius

    Anna: Ihr habt ja vorhin schon andeuten lassen, dass es auf jeden Fall noch mehr als die EP-Songs gibt. Kommen die bald auch raus und was passiert bei Strahlemann 2023 noch so?

    Julius: Wir wollen auf jeden Fall ein Album machen, aber das wird wahrscheinlich erst 2024 kommen. Aber ich glaube, dass der Plan ist, dass wir 2023 auch viel daran arbeiten werden, oder Marv?

    Marvin: Ja, auf jeden Fall. Wir haben gesagt, dass wir uns viel Zeit nehmen wollen, um an einem Debütalbum zu feilen. Es gab viele Überlegungen, ob es noch Sinn ergibt, ein Album zu machen in diesem Jahr oder ob wir noch ne EP hinterher schieben. Aber da einfach so viel Songmaterial da ist und wir auch Bock haben auf ein Konzept, werden wir uns viel Zeit nehmen, um an neuen Songs zu arbeiten. Und das Ziel ist dann ein Album.

    Everybody’s darling: „Die Sonne scheint nur für mich“

    Anna: Habt ihr einen Lieblingssong auf der EP?

    Tino: Ja, also unser aller Lieblingssong ist, glaube ich, die Nummer 2 „Die Sonne scheint nur für mich“, weil der am leichtesten von der Hand ging und auch am meisten Spaß macht live zu spielen. Und da sind auch immer die meisten Leute am Start. Wir haben den Song ja als erste Single der EP im April rausgebracht. Dann haben wir im Juni, Juli, August angefangen, Konzerte zu spielen. Und dann beim ersten Konzert haben die Leute den Song direkt mitgegrölt. Das war ein tolles Gefühl und deswegen bleibt mir der Song stark in Erinnerung.

    Anna: Wo wir gerade schon bei Erinnerungen sind: Habt ihr eine untold story parat? Irgendetwas ungeahntes, das noch keiner über euch weiß?

    Marvin: (alle überlegen sehr lange) Puh, das ist gar nicht so einfach. Es hat auf jeden Fall keiner von uns ein Arschgeweih! (alle lachen)

    Bahnhofbegegnungen eurer liebsten neuen Öffi-Band

    Anna: (lacht) Schade, das wären jetzt natürlich die Breaking News gewesen. Gibt es eine Geschichte von den Konzerten im Sommer?

    Marvin: Ja, stimmt, wir waren super viel auf Reisen – vor allem in ICEs. Wir waren mal auf dem Weg nach Stuttgart und Julius, der Bassist, und ich haben verzweifelt unser Equipment gesucht, weil wir das in so einer Gepäckablage abgestellt hatten. Und als wir dann kurz vor Stuttgart waren, haben wir unsere Sachen nicht wiedergefunden und dachten, die sind einfach geklaut worden oder so. Weil wir uns auch ein paar Mal umsetzen mussten, weil keine Sitzplatzreservierung. Und dann haben wir irgendwann, als wir schon richtig panisch waren, bemerkt, dass wir einfach in die falsche Richtung gelaufen sind, weil der Zug zwischenzeitlich im Kopfbahnhof gewechselt hat, es muss dann doch nicht Stuttgart gewesen sein. Ich weiß nicht mehr, wo es war. Auf jeden Fall waren wir dann sehr erleichtert, als wir zurückgegangen sind in eine andere Richtung und da waren dann unsere Sachen. Wir haben schon alle Szenarien durchgespielt im Kopf bis hin zu „das Konzert muss abgesagt werden“.

    Julius: Ihr Idioten! Ich dachte du erzählst jetzt, wie wir im Stuttgarter Hauptbahnhof  Drangsal getroffen haben. wir sind ja sowieso auch eine Öffi-Band, also fahren immer mit Öffis überall hin, vollbepackt mit unseren Sachen. Und einmal haben wir Stuttgarter Hauptbahnhof Drangsal gesehen, der da auch einfach saß und der hat uns auch ganz interessiert angeguckt und sich wahrscheinlich so gedacht: „Oh, junge Leute, die Rockmusik machen“.

    Tino: Das erzählt er bestimmt irgendwann in seiner Biografie später.

    Julius: Genau, das erzählt er dann, wenn du ihm die Frage stellt: Ich hab mal Strahlemann im Stuttgarter Hauptbahnhof getroffen.

    Marvin: Wir haben ihn doch dann in Berlin nochmal getroffen. Da hat er auch gesagt, er hat sich dran erinnert.

    Anna: Da habt ihr euch wohl in sein Gedächtnis eingeprägt! Danke auf jeden Fall für’s Teilen dieser Geschichten der Öffi-Band Strahlemann und danke für’s Interview!

    Tino: Thank you for the interview!

    Anna: Wollt ihr noch was loswerden am Ende?

    Julius: An dieser Stelle würde Tino bestimmt sagen: Ich grüße meine Tante aus Wuppertal. Was irgendwie witzig ist, weil ich gerade auch in Wuppertal bin. Aber nein, wir freuen uns auf jeden Fall totalenn, wenn Leute in unsere EP reinhören und wir glauben, die ist ganz gut geworden. Und wenn man sich den Minderwertigkeitskomplex anguckt, der sich durch die EP zieht, muss das auf jeden Fall was heißen, wenn wir das sagen. (alle lachen)


    Genug geschnackt, jetzt hört euch endlich die EP „Die Sonne scheint nur für mich“ von STRAHLEMANN an, bis euch die Sonnenstrahlen aus den Ohren scheinen:

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    Fotocredit: Arne Schramm & Arno Geister

  • AB Syndrom im Interview: »Das Album ist die Kollektion aller unterbewussten Prozesse der letzten zwei Jahre«

    AB Syndrom im Interview: »Das Album ist die Kollektion aller unterbewussten Prozesse der letzten zwei Jahre«

    Wer meinen Jahresrückblick gelesen hat, weiß wie sehr ich AB Syndrom in mein Herz geschlossen hab.

    Polarisierend und gleichzeitig so nahbar machen sich die beiden auf ihrem neusten Album „Tut mir gut Tut mir leid“ buchstäblich nackig. So brutal selbstreflektierend katapultieren die beiden mich mit ihrer auf den Punkt gebrachten musikalischen Umsetzung direkt in ihre Gedankenwelt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die beiden auch nächstes Jahr mein Spotify Wrapped anführen werden, denn der Bass dröhnt sowohl in meinen Kopfhörern als auch aus meinem Plattenspieler immer noch non-stop.

    Es war mir eine riesen Freude mit den lieben Jungs über ihre anstehenden Konzerte diese Woche (hier gibts noch Tickets!), ihren Musikschaffensprozess, Süchte und zwischenmenschliche Beziehungen zu sprechen.


    AB Syndrom im Interview

    Anton: So jetzt müssen wir nur unser Video anmachen hier. Wo ist der Knopf? Höre ich schon was?

    Anton und Bennet: Hallo, Evelin!

    Evelin: Hallo!

    Bennet: Wir haben übrigens Antons gute Tageslichtlampe hier hingestellt.


    *Überspringen wir hier kleinen Schwenker über meine aktuell nicht vorhandenen Lichtquellen in meiner Wohnung*


    Evelin: Jetzt erstmal herzlich willkommen. Wie war eure Woche so bisher? Wie geht es euch?

    Bennet: Voll gut! Die Woche war eigentlich ziemlich cool, weil wir noch spontan einen Radioauftritt bei Radio 1 reingekriegt haben, den wir heute noch machen. Und wir sind am Vorbereiten auf die Nachholtermine. Das ist jetzt quasi unser Probekonzert bei Radio 1 (beide lachen).

    Anton: Das Livekonzert im Radio ist unser Probekonzert für die eigene Show am nächsten Tag. Aber war ganz schön, weil als die Tour eigentlich im November stattfinden sollte, war alles relativ gedrängt. Weil wir noch unsere eigene Licht-Show aufgebaut haben, alles gemappt und so. Man kriegt alles gerade so fertig und jetzt war es ganz schön, weil wir jetzt noch mehr Zeit gehabt haben um an ein paar Sachen zu feilen.

    Bennet: Eigentlich noch ein bisschen zu proben (lacht).


    „Das war schon ein ziemliches Desaster“

    Evelin: Ich war ja auch bei dem Tour-Start in Köln dabei und ich fand die Show total toll und war richtig begeistert. Und umso mehr leid tat es mir dann, dass Bennets Gesundheit für die Shows danach einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Wie war das Ganze so für euch, als ihr die Termine absagen und Nachholtermine finden musste?

    Anton: Das war schon ein ziemliches Desaster. Im Nachhinein sind das so lustige psychologische Dinge, die da ablaufen. Ich weiß noch genau wie wir am Morgen nach Köln, wo wir dann eigentlich in Bochum am gleichen Tag spielen sollten, aufgestanden sind. Bennet hatte so offensichtlich überhaupt gar keine Stimme zum Sprechen. Aber wir waren trotzdem noch so: „Lass mal gucken, wie es so läuft“.

    Bennet: Bis dahin ist sie bestimmt wieder da (beide lachen).

    Anton: Irgendwann musste man sich der Realität beugen und sagen: „Okay, wir können das Konzert nicht spielen.“ Wenn du dann auf den Morgen zurückschaust und denkst: „In welchem Mindset warst du, wenn du glaubst, dass du morgens aufsteht und es ist keine Stimme zum Sprechen da?“. Die Sachen sind sehr schwierig zu singen, laut und hoch und pipapo. Wie man geglaubt hat, dass es eventuell noch funktionieren könnte. Wie man so Stück für Stück erst realisiert, dass es wirklich nicht gehen wird. Das fand ich irgendwie interessant.

    Bennet: Voll und so hat es sich ja auch weitergezogen von Tag zu Tag. Wir haben immer gesagt: „Das passt und übermorgen ist sie wieder da, das geht, das können wir machen.“ Und dann haben wir immer am Tag des Gigs erst richtig abgesagt. War krass, dass alle das so mitgemacht haben, unsere Booking Agentur und die Clubs. Die sind irgendwie gerade sehr darauf ausgerichtet, flexibel Sachen rumzushiften.

    Anton: Ja, und auch den Gig, den wir dann für die anderthalb Wochen später in München verschoben haben. Ich glaube, der war  auch irgendwie vorher frei geworden von Leuten, die da was weggeschoben haben.

    Bennet: Ja, ich glaube auch, die konnten Sachen einfach machen, weil andere Bands auch verschieben mussten. Bei dem Club in München, da sollten wir in der Woche spielen, Mele und Trille. Beides Leute, die wir persönlich kennen, die alle in dem gleichen Club spielen sollten innerhalb von diesem ganz kurzen Zeitraum und keiner hat da gespielt.

    Anton: Alle mussten krankheitsbedingt absagen, alle wegen der gleichen Sachen.

    Evelin: Aber mega gut, dass ihr das so schnell organisiert bekommen habt!


    Anton: Ja, das war gut, dass wir so schnell neue Termine gefunden haben. Aber ich glaube, die Venues sind diese Konzertverschiebungen jetzt alle gewöhnt sind, und dass wir halt auch nur drei Leute sind. Bei uns ist es noch relativ leicht. Wenn du mit einer zehnköpfigen Crew unterwegs bist und alle müssen dabei sein. Na, dann funktioniert das nicht, irgendwelche Sachen auf vier Wochen später zu verschieben.

    Bennet: Aber bei solchen Crews hast du dann eher die Möglichkeit, jemanden zu ersetzen. Und bei jedem, der bei uns ausfällt, ist das so ein Riesending.

    Anton: Von den drei Leuten kann man jetzt nicht nur einen ersetzen. Das stimmt, das funktioniert nicht.

    Bennet: Aber zum Beispiel Basti, unser Support, ist dann noch ein bisschen länger krank geblieben und konnte bei den zwei Shows, die wir dann noch gemacht haben auch nicht dabei sein. Das war auch natürlich schade.

    Anton: Aber der ist ab jetzt ab wieder dabei!


    „Wir müssen wirklich alles immer sehr verinnerlichen“

    Evelin: Mega, in voller Besatzung also! Ich finde, man merkt richtig krass, – besonders weil ihr so eine kleine Besetzung habt – wie viel Arbeit ihr in die Shows steckt. Was sind Herausforderungen, auf die ihr live tretet?

    Anton: Die größte Herausforderung ist, dass es ja elektronische Musik ist, die wir machen: sehr viele Synthesizer, elektronische Sounds und Samples usw. Und dass wir uns aber trotzdem den Anspruch gesetzt haben, das alles live zu spielen. Das heißt, alle Sounds, die man hört, die werden auch von uns abgefeuert und es gibt keinen Backing Track. Wenn man das zu zweit versucht umzusetzen, heißt das, damit wir neue Songs auf der Bühne spielen können, wir jedes Mal gucken müssen, wie wir das auf die verschiedenen Pads, die ich dort habe, legen können. Was können wir mit was zusammenspielen und wie können wir das runter kondensieren, dass wir das noch genauso live spielen können? Das ist, glaube ich, für mich die große Herausforderung.

    Bennet: Ja stimmt, das ist auch vor allem bei dir natürlich. Ich schieb immer mehr Sachen zu Anton rüber, was eigentlich ganz gut ist für mich, damit ich mich mehr aufs Singen konzentrieren kann. Aber er hat wirklich viel zu tun. Also manchmal macht ein Pad ein Sample, es verstimmt aber auch noch gleichzeitig die Bassdrum, macht einen Hall an und jetzt auch noch das Licht dann hinten auf Rot. Das muss dann halt auch im richtigen Moment gehauen werden. Ja, es ist schon sehr ausgefummelt.

    Anton: Ja, und das funktioniert bei mir eigentlich auch nur, weil die Sachen so richtig in mein Unterbewusstsein absinken müssen, damit ich dann zusätzlich noch Backing Vocals machen kann. Sonst funktioniert das nicht. Das heißt, neue Songs bei uns zu arrangieren ist meistens eine ziemlich langwierige Geschichte.

    Bennet: Ja, und wir müssen es wirklich auch alles immer sehr verinnerlichen, wie du sagst. Es gibt, glaube ich, Leute, die Sachen ein bisschen mehr aus dem Ärmel schütteln können, weil es ähnliche Sachen sind. Aber bei uns sind die Beats immer was ganz anderes, da musst du ganz andere Abläufe reintun. Aber vor allem vielen Dank für die Frage. Das ist schön, dass du das so wahrgenommen hast.


    „Dass Leute für uns da sind, das kennen wir eigentlich noch gar nicht so richtig“

    Evelin: Ich fand es auch total schockierend, als ihr meinte, dass es eure erste richtige Tour ist.

    Anton: Naja, erste Tour ist auch relativ zu sehen.

    Bennet: Bisschen misleading haha.

    Anton: Unsere erste eigene Headliner-Tour in Deutschland, dann stimmt es 100 %.

    Bennet: Support Touren haben wir quasi schon gemacht. Das ist wirklich was anderes finde ich. Und dann haben wir diese Tour in Südostasien gemacht. Die war auch wirklich was ganz anderes. Aber bei allen Sachen kriegt man stellenweise eine Routine rein.

    Anton: Aber den Aspekt, den man nicht hat, den wir jetzt bei einer Solo-Tour natürlich haben, ist diese ganze Verantwortung, dass das unsere Konzerte sind. Dass wir dafür verantwortlich sind, dass genügend Leute kommen, dass es an dem Abend läuft, dass wir am Ende auch den Merch verkaufen (lacht). Das Einzige, was fehlt, ist eigentlich, dass wir den Leuten Getränke zu bereiten. Das ist die einzige Verantwortung, die wir an dem Abend (in Köln) nicht übernommen haben.

    Bennet: Ey, ganz ehrlich, ich habe mich so gefreut, als wir in Köln waren und dann habe ich gesagt: „Oh geil, da ist ja jetzt jemand, der die Tickets abreißt. Voll gut, dass die daran gedacht haben.“

    Evelin: Sonst hättet ihr das auch gemacht (alle lachen).

    Bennet: Das war jetzt schon auch das erste Mal für uns, dass wir den Teil daran so komplett auskosten konnten, der so rewarding ist auch beim Konzert. Dass Leute für uns da sind, das kennen wir eigentlich noch gar nicht so richtig. Und das war teilweise wirklich echt überwältigend, dass die Leute die Sachen mitsingen konnten.

    Anton: Ja, erstaunlich textsicher. Das war von mir auch nicht so erwartet. Aber krass.


    „Ich mache das nie wieder“


    Evelin: Voll schön! Ihr habt das vorhin schon angesprochen. Aber ihr macht ja irgendwie alles mehr oder weniger selbst. Von Videoschnitt, Grafik, Merch verkaufen, etc. Woher kommt das und was gibt euch das?

    Anton: Es stimmt so, wir machen alles selber. Aber es ist nicht das gleiche, wie wir machen alles alleine. Es gibt natürlich Leute, mit denen wir viel zusammenarbeiten, zum Beispiel Anne, mit der wir ganz viel zusammenarbeiten für die ganzen Fotos. Oder auch bei den Videos, die wir gemacht haben, wirklich teilweise große Crews aus unserem Zirkel sind, die bei den Videos mithelfen. Wir drehen natürlich keines dieser Videos zu zweit, sondern es sind immer viele Leute aus dem Netzwerk, das wir aufgebaut haben, am Start.

    Bennet: Also ich glaube, für uns ist es, wie das Songschreiben auch ein Teil der Kunst und so ein therapeutischer Prozess. Ich merke das auch bei den Videos, so: „Ah ja, eigentlich habe ich das auch noch ein bisschen gebraucht, um zu raffen, worum es im Song geht“. Trotzdem denke ich manchmal, das ist dann so viel, was man sich auferlegt und gerade in dieser ganzen Releasephase. Dann haben wir am Freitag den Release, es muss alles aber noch gegradet werden, der der Schnitt muss noch fertig gemacht werden, dann in After Effects die ganzen Seile rausretuschiert und dann spitzt sich das alles so zu, dass man irgendwann denkt: „Okay, ich mache das nie wieder. Das kann jemand anders machen.“ Aber ja, ist auch trotzdem irgendwie wichtig für uns oder dieses Videoding nochmal ein bisschen mehr wichtig für mich eigentlich.

    Anton: Ich bin immer der, der versucht zu sagen: „Können wir nicht ein bisschen weniger aufwendiges Video machen?“ Und er sagt „Ach ja, das geht ganz schnell…“

    Bennet: Es nervt ihn richtig (lacht).

    Anton: „… wir müssen nur kurz die Seile hier rausretuschieren und am Ende sitzen da 10 Leute die ganzen Nächte, nicht 10, aber fünf Leute daran, diese Seile rauszuretuschieren.

    Bennet: Zu acht waren wir glaub ich.

    Anton: Na dann wars ja gar nicht übertrieben. Also ich reg mich auch deswegen auf, weil ich natürlich nicht geholfen habe, irgendwelche Seile rauszuretuschieren, weil ich kann mit After Effects nicht umgehen. Was soll ich machen? (lacht)

    Bennet: Aber das ist natürlich auch so ein bisschen das Ding. Es geht, weil wir in diesem Raum hier irgendwie unterwegs sind, dass wir ein paar Leute kennengelernt haben, die Filme machen. Und es sind auch Freunde von uns. Sonst wird es auch nicht gehen.

    Evelin: Sonst müsste Anton After Effects lernen.

    Anton: Wo ichs gesagt habe, habe ich gerade drüber nachgedacht, dass ich natürlich schon mal für so ein Video von uns Sachen gemacht habe. Da hab ich was animiert.


    „Es ist ein sehr unterbewusster Prozess“

    Evelin: Um so ein bisschen mehr aufs Album zu sprechen zu kommen: Es ist ja jetzt seit gut drei Monaten draußen und bei mir auf jeden Fall noch immer in Dauerschleife. Was macht die Veröffentlichung von diesem Album so besonders?

    Bennet: Das habe ich jetzt gemerkt bei dem Album. Ich finde, dass sich wirklich jedes Album immer anfühlt wie so ein ganz neues Ding. Ich habe nie das Gefühl: „Ah okay, jetzt passiert das, jetzt passiert das, …“ Und wir haben diese Abläufe und spulen die ab, sondern es ist immer anders. Und es ist mir jetzt erst klar geworden, dass das eigentlich auch ganz schön crazy ist und irgendwie auch Teil des Hustles ausmacht. Aber ja, was jetzt eigentlich gar nicht so interessant für euch ist, wahrscheinlich nur für mich (lacht).

    Evelin: Passiert das unbewusst oder setzt ihr euch dahin: „Okay, mit diesem Album, machen wir was anderes“?

    Anton: Das wollt ich auch gerade schon sagen. Ich glaube, dazu ist wichtig zu verstehen, wie bei uns überhaupt der Songschreib-Prozess funktioniert und wie sich die Themen zu den Songs überhaupt entwickeln. Es ist schon ein sehr unterbewusster Prozess. Wirklich interessant finde ich, dass wie die Songs entstehen und wenn Bennet dazu die Texte schreibt und sich Stück für Stück so ein Song herauskristallisiert, dass wir uns oftmals zusammen den Song anhören und man gemeinsam im Prinzip entdeckt, worum es in dem Song eigentlich geht.

    „Man erkennt gemeinsam, worum es in dem Song eigentlich geht.“


    Es gibt nie oder fast nie, einen Plan dazu, einen Song zu schreiben. Sondern ein Song entsteht irgendwie und man muss auch selber dechiffrieren, worum es in dem Song eigentlich geht und was das eigentliche Thema des Songs ist, welche unterbewussten Prozesse sich da an die Oberfläche geboxt haben. Und das Album ist quasi die Kollektion der unterbewussten Prozesse der letzten zwei Jahre. Dementsprechend ist das, was uns oder was die Texte angeht natürlich vor allem Bennet jetzt in dem Moment am nächsten ist, weil da sind die aktuellen Themen drauf. Über unseren Prozess, ist ein neues Album immer das, was am krassesten ist, weil es das ist, was an der jetzigen Version von dir selbst oder von uns am nächsten dran ist.


    „Mit dem großen Plan der Außenwirkung sind die Songs nicht geschrieben“

    Evelin: Weil das Album ja so persönlich ist, was erhofft ihr euch, was eure Hörer*innen daraus mitnehmen?

    Bennet: Diese Gedanken gibt es immer beim Songschreiben nicht so richtig. Ich lass da Sachen raus und ich finds dann immer total verrückt zu sehen, dass Leute auch mit diesen Sachen, die quasi ganz persönliche, ganz private Geschichten von mir sind, bei denen ich manchmal das Gefühl habe, damit kann eigentlich kein Mensch außer mir was anfangen, connecten und daraus Sachen für sich ziehen. Dass das funktioniert, finde ich einfach schon total den Mind Fuck.

    Anton: Ich finde es echt krass, was uns da für persönliche Geschichten von Leuten erreichen. Was diese Songs mit denen gemacht haben. Was war nochmal dieses Beispiel mit „Tut mir gut, tut mir leid“ und den Geschwistern? Ich versuche, mich zu erinnern. 

    Bennet: Achso ja, stimmt! Da hat sich die eine Person immer so ein bisschen im Zugzwang gefühlt, zu antworten. Dieses ganze Kommunikationsthema, das dann über den Song ziemlich auf den Punkt gebracht worden ist, anscheinend.

    Anton: Und dann hat es da auch geholfen, das zu artikulieren und diesen Konflikt ein bisschen aufzulösen. Wenn ichs richtig in Erinnerung habe, ist schon ein bisschen her. Aber das zeigt, dass obwohl die Songs so ultra persönlich sind und eigentlich die ganz persönlichen Geschichten von Bennet, dass es offensichtlich genug Leute gibt, die damit connecten können. Entweder dadurch, dass sie vielleicht doch nicht so explizit sind und ein bisschen Interpretationsspielraum lassen. Oder einfach auch, weil natürlich viele Leute trotzdem selbst was Ähnliches erleben.

    Bennet: Ja, voll! Ich denk dann da auch ja immer nicht so richtig dran. Aber es gibt natürlich immer viele Leute, die ähnliche Sachen erleben wie man selbst. Nur checkt man es halt nicht. Es gibt diesen einen Song, „33 Prozent“ über meine Kopfverletzung. Das war wirklich sehr, sehr knapp war und sehr so mit Leben und Tod, alles ziemlich haarscharf. Eigentlich haben so gut wie alle Menschen so eine Situation erlebt in ihrem nahen Umkreis. Und das habe ich echt einfach nicht auf dem Schirm. Da haben sich ganz viele Leute dazu gemeldet, dass es was mit denen gemacht hat und so was ist krass. Das haben wir uns aber nie erhofft vorher.

    Anton: Genau mit dem großen Plan der Außenwirkung sind die Dinger nicht geschrieben, sondern halt immer irgendwie Sachen rauslassen.

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    „Das ist alles mein Shit, den ich rauslasse und das tut mir gut“

    Evelin: Aber ist ja schön, wenn man selbst in seiner Blase lebt. Aber dann doch sieht, dass wir alle ziemlich gleich sind. Ihr – oder Bennet eher spricht sehr selbst-reflektierende Themen an, die vielleicht etwas unkonventionell sind oder worüber viele sich nicht trauen, zu sprechen. Kostet sowas Überwindung? Oder ist das wirklich so eine Art Stream of Consciousness und denkst du gar nicht darüber nach, dass so viele Leute das zu hören?

    Bennet: Ja, es ist so, wie du es sagst (lacht). Ich mache mir keine Gedanken darüber beim Schreiben. Und das ist auch dann das, was ein bisschen einholt beim Release-Prozess oder wenn ich die Sachen dann jemandem zeige. Dann merke ich irgendwann: „Ah ja, krass“. Vielleicht auch dann manchmal ein bisschen unangenehm. Aber es ist für mich auch die einzige Art, das zu machen. Deswegen werde ich es auch nicht ändern, also kann ich es nicht ändern. Das ist eigentlich auch, was der Album-Titel sagt. Das ist alles mein Shit, den ich rauslasse und das tut mir gut, das zu machen. Aber es tut mir auch leid, wenn manchmal Leute dann da drin vorkommen oder damit dealen müssen. Und die können vielleicht keinen Song da drüber schreiben oder die werden nicht so richtig gefragt.

    Anton: Genau die müssten jetzt alles schlucken. Deine Eltern können zu „33 Prozent“ keinen Response-Song schreiben, um das alles wieder loszuwerden.

    Bennet: Weiß auch gar nicht, ob die da so ein Bedürfnisse haben.

    Anton: Ja, aber zum Beispiel bei dem Song ist es wahrscheinlich wirklich krass für die Leute, den zu hören und um die es persönlich geht. Also zumindest war das mein Eindruck.


    „Aus Angst, süchtig zu werden“

    Evelin: Und gibt es einen Song, neben „33 Prozent“ der euch beiden besonders am Herzen liegt?

    Bennet: Ich find eigentlich „Overdose“ einen, der mir besonders am Herzen liegt, weil es um Sucht geht. Und das war wirklich ein Thema, bei dem ich gedacht habe, darüber würde ich wirklich gerne mal schreiben. Weil ich selber ein bisschen aus Angst, süchtig zu werden, ziemlich abstinent lebe und gar keine Drogen konsumiere usw. Deswegen wars auch sehr wichtig für mich, das mal zu beschreiben. Und dann auch in Korrelation zu „Adrenalin“, der so ein bisschen meine Online Sexsucht behandelt hat. Also weil ich glaube, dass ich aus Angst, schnell süchtig, abhängig zu sein, diese Sachen gar nicht erst anfange. Und ich habe das Gefühl, dass ich durch diese Online Sexsucht, die ich hatte, einen Beweis habe, dass ich dafür anfällig bin. Und das sind immer Themen, die bei mir auftauchen, weil alle Leute fragen einen immer: „Warum trinkst du nix? Oder warum rauchst du nicht und nimmst keine Drogen usw.“

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    Evelin: Aber woher kommt die Angst davor, süchtig zu werden? Gab es da einen bestimmten Auslöser?

    Bennet: Ja, das war sozusagen so ein bisschen mit der Online-Sex-Sucht und worum es in „Adrenalin“ geht. Das ist auch, glaube ich, ziemlich kryptisch in „Adrenalin“. Das sind Sachen, die unangenehm sind, darüber zu sprechen. Aber ich hatte da so eine Phase, wo ich auf Chat Roulette rumgecreept bin und probiert hab, mit irgendwelchen Leuten Online-Sex zu haben und davon echt nicht so richtig weggekommen bin. Es hat mich so richtig eingesaugt. Ich glaube, das hat auch so ein bisschen zu tun mit diesen Glücksspiel-Mechanismen, dass du immer weiterklickst, und weißt, das gibt es so eine Art Zufallsprinzip. Und ja, da seh ich tatsächlich so einen Zusammenhang, der sich über das Album da rausgeschält hat.

    Evelin: Hilft dir das dann bei solchen Themen das durch das Schreiben zu verarbeiten und die Musik als Therapie zu nutzen? Merkst du davon Effekte, wenn du dir das so quasi von der Last schreibst?

    Bennet: Ja, voll. Ich habe darüber auch noch nie mit irgendjemandem geredet. Und das war einfach irgendwann angenehm, Sachen immer so nicht alleine mit sich rumtragen zu müssen. Und wenn Leute davon wissen, dann ist das zwar unangenehm, aber auch ein bisschen ein reinigender Prozess. Es ist ja auch letztendlich nicht so schlimm, diese Sucht ist ja jetzt nicht so furchtbar. Du gehst ja daran nicht zugrunde. Aber ich will auch meine Zeit damit nicht verlieren und wenn du das dann so preisgegeben hast, ist das schon hilfreich.


    „Aber das ist ja totaler Quatsch“

    Evelin: Um noch mal zu einem anderen Song zu kommen. Worum geht es in „Guck ich dich immer an“ und was war die Idee hinter dem Musikvideo? Das sah nach sehr viel Spaß aus.

    Bennet: Witzig, gute Frage! Wir werden eigentlich voll selten zu den Musikvideos gefragt, obwohl wir ganz viele machen (lacht).

    Anton: Stimmt!

    Bennet: Die Idee war, eine Beziehung darzustellen und dass es einen Song gibt, der die verschiedenen Stadien oder Erinnerungen an die Beziehung wieder hervorruft. Und das war die Idee, dass wir eine Beziehung darstellen und verschiedene Szenen daraus, an die sich dann jeweils erinnert wird.

    Anton: So gibt es eben verschiedenen Parts für die verschiedenen Phasen der Beziehung.

    Bennet: Und dann bei „Bei der einen Stelle im Song“ wird es dann immer emotional und das ist das, was der Song erzählt. Auch lustig, weil so verstehen wir es halt, aber manchmal ist es glaube ich, gar nicht so offensichtlich. Für mich ist es einfach so: „Okay, wir haben halt das gemacht, was der Song sagt.“ Aber das ist ja totaler Quatsch. Du kannst es natürlich nicht so sehen, wenn man nicht so den Einblick in unsere Köpfe hat. Und das war aber wirklich ein sehr, sehr lustiger Dreh, aber auch echt anstrengend. Wir mussten alles relativ kurzfristig machen, mal wieder.

    Anton: Und die kompletten Pläne geändert ein paar Tage vorher.

    Bennet: Ja, wir wollten eigentlich auch Darstellende dafür bekommen.

    Anton: Und dann keine gefunden und mussten es selber machen (beide lachen).

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    „Das ist in tausend Teile zersplittert“

    Evelin: Dann komme jetzt schon zu meiner letzten Frage, weil ich sehe, dass mein Gratis Zoom Abo die Zeit schon runterzählt. Unsere altbewährte Abschlussfrage: Habt ihr eine untold story für mich?

    Bennet: Oh, Moment.

    Evelin: Ja, so on the spot manchmal ein bisschen schwierig.

    Bennet: Ja, eigentlich gut, man hätte so was einfach parat. Wir hatten das einmal, dass uns dieser Stein durchs Dachfenster geflogen ist. Das haben wir aber bestimmt einmal irgendwo erzählt.

    Anton: Nee, das glaub ich nicht. Das ist schon sehr, sehr lange her. Wir sind von einem Gig nach Hause gefahren, aus Mannheim oder so zurück nach Berlin. Da waren wir noch zu viert und auf der Autobahn und auf einmal *insert Sound-Effects* zerplatzt das  Dachfenster.

    Bennet: Ja, so ein kleines Schiebeding. Das war auch nur so ein kleiner PKW, in dem wir gefahren sind und da gab es so ein Dach. Und ich habe das wirklich bis jetzt noch vor Augen, wie das aussieht. Mein Bruder war noch in der Band. Ich glaube, ihr saßt vorne und ich war hinten. Und ich habe auf einmal gesehen von hinten, wie die beiden (Anton und Aljoscha) vorne sitzen und von oben kommt es so runter (gestikuliert wild).

    Manchmal macht es die Wahrnehmung ja so, dass sich alles in Slow-Mo abspielt und sich die Bilder auch so reinfressen. Das sah aus wie Wasser und das ist in tausend Teile zersplittert. Ein Glück ist Aljoscha einfach weiter gefahren, aber hat total den Schock bekommen. Dann sind wir raus und wir haben es auch überhaupt nicht verstanden. Du hattest da drin keinen Stein oder so, das war kein crazy Gewitter oder Hagel, es gab nichts. Keiner ist vor uns gefahren und es gab keine Brücke.

    Anton: Was hat die Polizei gesagt? Es war wahrscheinlich irgendein Ast.

    Bennet: Es war mit Sicherheit einfach…ne Art Bestimmung.

    Anton: Wir mussten rausfahren, dass irgendwas anderes nicht passiert wäre.

    Bennet: Wahrscheinlich.

    Anton: Auf der Autobahn zu fahren ist natürlich schon ein großer Anteil des Alltages, wenn man auf Tour ist, ne? Wir haben einige krasse Sachen erlebt. Zum Beispiel auch, wo wir 6 Stunden lang auf dieser Vollsperrung mit Eis und Schnee festsaßen und dann eingeschlafen und wieder aufgemacht sind und wir standen immer noch in der Vollsperrung (beide lachen). Na ja, also so ist es. Das sind so unsere Geschichten.

    Evelin: Gute Geschichten auf jeden Fall. Ich bin froh, dass niemandem was passiert ist.

    Bennet: Aber ja, wir brainstormen da nochmal. Wenn uns noch was einfällt, schreiben wir dir nochmal.

    Evelin: Ja genau, kleiner Nachtrag von der Redaktion. Habt ihr noch irgendwas, was ihr loswerden möchtet zum Schluss?

    Anton: Wir laden alle Leute herzlich zu den verbleibenden Shows der Tour zu kommen. Weil es das für uns das Album komplettiert. Das bringt diesen Zyklus erst zu Ende und wir freuen uns über alle, die nach Bochum, Oldenburg und Hamburg kommen. Natürlich auch Berlin, aber da gibt es keine Karten mehr (lacht).

    Bennet: Und überall sonst gibts noch Tickets!

    Evelin: Dann danke für das tolle Gespräch und viel Spaß bei den Shows und ich freu mich ungemein, was noch alles von euch kommt.

    Anton: Danke dir für das nette Interview!

    Bennet: Vielen Dank! War voll schön, dich wiederzusehen.


    Gehen Sie auf die Tour, sie ist sehr gut

    Dann bleibt mir auch nur noch zu sagen, besucht auf jeden Fall eine der anstehenden Show, denn es ist es wirklich mehr als wert! Die beiden machen das mit so viel Fleiß und Liebe und das Ergebnis überzeugt von hinten bis vorne! Unten könnt ihr schon mal eure Textsicherheit für die neuen Songs trainieren 😉


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    Fotocredits: Anne Ludwig

  • Dayglow im Interview: »I feel like I made something that really matters and I feel really proud of this record«

    Dayglow im Interview: »I feel like I made something that really matters and I feel really proud of this record«

    Vor etwas mehr als einem Monat hat Dayglow sein neues Album People In Motion veröffentlicht und verbreitet damit wieder mit einer Leichtigkeit gute Laune und Ohrwürmer. Musikalisch und klanglich knüpft er an seinem letzten Album Harmony House an, über das ich letztes Jahr bereits einen Artikel geschrieben habe, den ihr hier lesen könnt. Mit vielen Synthies und catchy Melodien hat Sloan, der hinter Dayglow steckt, seinen Sound gefunden. Wir haben mit ihm gesprochen und er verrät uns in dem Gespräch, wieso er gerne alleine an seinen musiklaischen Projekten arbeitet und was ihn selbst inspiriert.

    Dayglow im Interview

    Franzi: First things first, congrats to your new album! How does it feel putting new music out in the world and what reactions did you get so far?

    Sloan: It’s been so exciting and refreshing. This is actually kind of my first “proper” release where I get to tour the music as people get familiar with the songs. It’s been super cool to see people react to it in real-time. I feel like I made something that really matters and I feel really proud of this record.

    Franzi: Your music is often about everyday situations and feelings, also on your new album People in Motion. Do you use your music to express the topics that also occupy you, or can you simply empathize well with situations?

    Sloan: It’s a fair share of both! I’m hyper-sensitive and very self aware, so I tend to over-exaggerate feelings inwardly. I think that helps fuel my songwriting and inspires me to expand on the mundane. Mostly I feel like my songs are personal feelings that I have, but sometimes it’s inspired by a conversation I overheard or just a general feeling towards the world/society at large.

    Franzi: Is it important to you that your albums are understood as a concept and heard as a whole, or how is your own claim about that?

    Sloan: I love when records are cohesive. I want to always pay as much attention as I can to every song that I release, and make every album feel like a new chapter is written in the book of Dayglow. It’s an unarguable fact that very few people listen to records entirely anymore, so I have to just accept that haha. But as far as me making the art, I want my records to feel full and have at least one song that anyone could enjoy.

    Franzi: On your last album Harmony House I think I heard a recurring melody in the songs Something, Into Blue, Moving Out and Like Ivy. Did you hide such little Easter Eggs again on People in Motion or was that just a coincidence on the last album?

    Sloan: For Harmony House, that was very intentional. The idea behind that record was to create the soundtrack to a sitcom that doesn’t exist– it was very much an artistic statement. For People in Motion, there isn’t as directly of an emotional tie between the songs, yet there are instruments and production tricks that I used throughout the record to make the album still feel cohesive. I wanted People in Motion to feel like a broader, bigger world, so I tried to have each song contain its own voice.

    Franzi: You conceive, write, play and produce your music completely by yourself – Are you generally just more of a loner in your work or have you not yet found the right opportunity or people?

    Sloan: I’m just a very specific artist and my vision is usually pretty clear of what I want to do. I find it easiest and most fulfilling if my vision can be executed as closely as I dreamed of it. I love people and I love to work with people on tour and performing live, but as far as creating the art, I think it just generally makes most sense if something comes directly from one source. That’s the purest form of expression in my opinion!

    Franzi: Unfortunately, I don’t play music myself, but I find your “How I Made”-Videos super exciting and I really enjoy watching them. Will there also be a “How I Made”-Video for your new album?

    Sloan: Yes I definitely plan on it! I absolutely love sharing all my secrets and just showing people how I make everything. That’s another special aspect of working alone – I can talk in specific detail as of why everything exists in the music!

    Franzi: Speaking of How I Made, would you like to take us into the process of creating new songs a little? What inspires you? What do you start with: Melody or lyrics? Or is it different every time? 

    Sloan: It tends to be musical and melodic first. Melody seems to be the best way for me to translate emotion. I usually follow the music with lyrics that suit the feeling the music is expressing.

    Franzi: Are there also certain musical role models for you?

    Sloan: I love the band Phoenix, Tame Impala is a huge inspiration to me. One of my favorite musicians and writers is Paul Simon, so I love that era of music as well. So many great musicians… too many to count!

    Franzi: What else gets you in motion – besides music and making music, of course – yourself?

    Sloan: I personally just love spending time outside! Being in the sun and relaxing outdoors is one of my favorite things to do – it always feels like I can’t get enough!

    Franzi: I always find it incredibly interesting what musicians themselves listen to. What are your three favorite songs or albums right now?

    Sloan: Wow this is a tough one. If I have to condense it, I’d say

                Expert in a Dying FieldThe Beths

                McCartney IIPaul McCartney

                GracelandPaul Simon

    Franzi: The last question is our, or rather your, untold story. What story/anecdote/fun fact have you never shared in an interview, but would like to do so here?

    Sloan: I’d have to think about this one, I can’t seem to think of anything too interesting about me right now!

    I’m currently writing this interview in the greenroom at a venue in Indianapolis, Indiana doing some laundry. I love housekeeping work and keeping things organized, baby!

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  • Ottolien im Interview: »Wir bauen gerne Easter Eggs ein, die die Songs für uns noch persönlicher machen«

    Ottolien im Interview: »Wir bauen gerne Easter Eggs ein, die die Songs für uns noch persönlicher machen«

    Die Brüder Leo und Jonas machen seit ihrer Kindheit gemeinsam Musik und seit Ende 2018 auch ganz offiziell als Duo Ottolien – das ist übrigens der Nachname. Ehrliche Texte mit fast poetischen Anmutungen sind das Fachgebiet der beiden. Besonders interessant wird es durch den Mix aus Leos weicher Singer/Songwriter-Stimme und Jonas’ Rap-Parts — eine Energie, die man sonst eher selten findet.

    Ich habe Leonard und Jonas Ottolien zum Interview getroffen. Nach einem wunderschön anstrengendem Festivalwochenende auf dem KiezKultur in Hannover sitzen wir am Sonntagnachmittag noch etwas verkatert und körperlich mitgenommen bei einer Fritz Kola im Biergarten Gretchen. Wir reden über die musikalische Kindheit der beiden Brüder, die Entstehung ihrer Songs, Fetzenfische und was diese Tiere mit den Ottolien zu tun haben.

    Ottolien im Interview

    Anna: Hallo ihr beiden! Schön, dass ihr euch heute die Zeit für das Interview nehmt. Ich hoffe ihr seid nicht mehr zu mitgenommen vom Festivalwochenende. Ich bin auf jeden Fall noch recht überwältigt von den ganzen Eindrücken. Aber es soll ja jetzt um euch und eure Musik gehen. Wir kennen uns zwar schon, aber mögt ihr euch noch einmal vorstellen?

    Leo: Ja, klar, voll gerne! Wir sind die Ottolien – das ist unser Nachname. Wir sind Brüder. Ich bin Leo.

    Jonas: Ich bin Jonas.

    Leo: Unsere Musik ist eine Mischung aus Indie, Pop und Rap, wo wir beide quasi als Lead, Jonas als Rapper und Sänger und ich als Sänger fungieren. Also, beide stehen vorne und singen in Parts. Wir kommen aus Hannover und haben gerade unsere zweite EP released.

    Das Buch zur Band: „Wir tun uns so gut (weh)“ – demnächst in der untold Buchhandlung eures Vertrauens

    Anna: Wenn eure Musik ein Buch wäre, welchen Titel hätte das Buch?

    Leo: Oha, das ist ja direkt eine schwierige Frage am Anfang … (überlegt sehr lange) Vielleicht so in die Richtung „Wir tun uns so gut (weh)“.

    Jonas: Ja, irgendwie so dieses Brüder-Ding auf jeden Fall.

    Leo: Ok, gehen wir erstmal vom Cover des Buches aus. Da haben wir eine genauere Vorstellung, weil wir in einem Video letztens eine Einstellung gefunden, wo wir dachten, dass es voll das gute Cover ist. Da stehen wir uns gegenüber, aber eine Säule ist zwischen uns und wir nehmen uns in den Arm. Die Säule ist quasi zwischen unseren Gesichtern. Wir sehen uns nicht, haben uns aber trotzdem im Arm. Beim Titel würde ich jetzt erstmal bei „Wir tun uns so gut (weh)“ bleiben. Es ist jetzt natürlich nicht die Musik selber, sondern eher auf uns als Brüder bezogen.

    Jonas: Ich finde das passt schon sehr gut dazu, wie wir uns als Band fühlen. Aber jetzt nicht so direkt auf die Musik bezogen.

    Anna: Ihr könnt ja auch zwei Bücher rausbringen.

    Leo: Auch eine Idee, aber ich habe als erstes gedacht, dass es ein Buch ist, dass von hinten und vorne gelesen werden kann. So ein Wendebuch quasi und dann auf den Aspekt eingehen, dass es zwei Seiten hat. Man neigt dazu es so plump auszudrücken. (damit wirkt er noch sichtlich unzufrieden und überlegt lange weiter) Jon, von dir kommt ja gar nichts!

    Jonas: Ja, ich habe irgendwie auch nicht so die Idee. Das ist schonmal ein top Ansatz, aber der Titel fehlt mir auch.

    Anna: Wenn euch im Laufe des Gesprächs noch ein anderer Titel einfällt, werft ihn einfach rein. Gehen wir jetzt erst einmal ein bisschen zurück in der Zeit, und zwar in eure Kindheit. Habt ihr auch schon als Kinder zusammen Musik gemacht? Liegt es bei euch in der Familie?

    Jonas: Wir haben tatsächlich schon als Kinder zusammen Musik gemacht. Wir haben ganz früh angefangen. Ich glaube, Leo war sieben und ich war fünf. Da haben wir angefangen mit Gitarre spielen. Wir hatten einen sehr coolen Gitarrenlehrer. Das war damals ein 19-jähriger Metal-Typ mit langen Haaren und Metallica Shirt, der uns nicht irgendwie die Noten vor die Augen gelegt hat und gesagt hat, dass wir die auswendig lernen sollen. Wir haben irgendwie direkt angefangen Songs zu schreiben und mit dem Würfel Akkord-Reihenfolgen zu würfeln. Dann hatten wir super schnell unseren ersten Song geschrieben. Wir haben dann auch zusammen für Familie und Freunde was vorgespielt. Also irgendwie schon voll früh so kleine Mini Gigs gehabt.

    Leo: Und dann aber auch vor richtigen Publikum sehr schnell. Wir waren schon so als Singer Songwriter Duo unterwegs und haben da auch so Songwriting- und Kompositions-Wettbewerbe mitgemacht. Das war das „Treffen junge Musikszene“. Und das war so die große weite Welt für uns mit zwölf und zehn Jahren. Genau und da waren wir. Aber in der Familie liegt es nicht. Also unsere Eltern machen keine Musik.

    „Ein Fetzenfisch ist eigentlich nur ein hässliches Seepferdchen“ – und was das Tier mit den Ottolien zu tun hat

    Anna: Hattet ihr damals auch schon einen Namen für euer Duo? Hießt ihr auch schon die Ottolien?

    Jonas: Ne, wir hießen „Phyllopteryx“ – der lateinische Begriff für Fetzenfisch, weil wir gefetzt haben. Also fetzige Musik gemacht haben.

    Leo: Ein Fetzenfisch ist aber eigentlich nur ein hässliches Seepferdchen. Es sind quasi Seepferdchen. Die tarnen sich indem sie sich nicht bewegen. Also die sind quasi urzeitliche Seepferdchen und sehen aus wie im Meer treibende Algen. Damit haben wir uns dann irgendwie ein bisschen identifiziert. Wir haben halt irgendwie so Singer Songwriter Punk gemacht – also sind schon gut abgegangen, waren aber halt irgendwie noch diese kleinen Pimfe. Wir waren quasi die letzten Fische, die jemand für kleine Mini Algen hält. (lacht)

    Jonas: Es konnte einfach niemand aussprechen und es hat auch niemand verstanden, aber wir fanden es damals cool.

    Anna: Und deswegen heißt ihr jetzt Ottolien.

    Leo: Ja, genau. Immer noch sperrig, aber weit aus mehr catchy.


    Kurzer redaktioneller Kommentar an dieser Stelle: Meine investigative Ader war getriggert nach der Band „Phyllopteryx“ zu googlen. Natürlich wurde ich direkt fündig und konnte alte Schätze ausgraben. Denn die beiden haben es sogar in den Spiegel geschafft unter dem Titel „Jonas und Leonard – die Punkrocker“. Den Artikel verlinke ich euch mal ganz unverbindlich hier. Schaut einfach mal selbst, wie Leo und Jonas so mit 11 und 13 aussahen. Mein Favorit ist allerdings der Name ihres damaligen Songs: „Kanzler von Deutschland“. Catchy, Jungs, catchy. Und Leo, wenn du immer noch Musikjournalist werden möchtest – unsere Türen stehen dir jederzeit offen. Ach und Fetzenfische finde ich eigentlich auch ganz süß. Ich übergebe wieder an Interview-Anna.


    Anna: Kommen wir jetzt mal wieder in die Gegenwart zu eurer EP „Gezeitenland“. Wie muss ich mir den Prozess vom Songschreiben bei euch vorstellen: Wie läuft das ab? Einer schreibt die Texte und der andere sagt „ist gut, lass mal aufnehmen“?

    Leo: Zum Glück nicht mehr. Also das war manchmal so, oder? Obwohl …

    Jonas: Das ist eigentlich immer ein bisschen durchmischt. Also mal ist so der erste Grundstein gelegt, wenn Leonard mal ein paar Textschnipsel hat oder wenn ich einen Beat habe oder wenn ich mal ein paar Texte oder Leonard Akkorde auf der Gitarre. Es geht quasi immer von einer Seite irgendwie los.

    Leo: Also früher haben wir gedacht, jetzt müssen wir immer genau alles auf uns beide aufteilen in den Songs, dass ich da einen Part haben muss und dann muss Jonas noch mal was rappen. Aber so ist das nicht mehr. Wir haben uns davon auch komplett gelöst. Für uns steht jetzt der Song im Vordergrund und nicht die Aufteilung der Parts. Es ist zwar schon meistens so, dass ich ein bisschen mehr Texte schreibe. Aber das kommt auch einfach, was Jonas produziert und ich sehr old school mit Stift und Block texte. Das heißt aber auch nicht, dass Jon gar nicht textet.

    Zwischen verschachtelten Texten und klaren Botschaften

    Anna: Sind euch eure Texte nicht manchmal zu persönlich?

    Leo: Woah (überlegt) … bisher noch nicht. Also, ich weiß nicht, wie das so nach außen wirkt, aber ich habe zumindest für mich immer noch so eine Verschachtelung drin. Da versteht man, glaube ich, das Grundgefühl, ohne dass es zu persönlich wird. Aber ich glaube so persönlich, dass es andere Menschen betrifft und irgendwie eine Grenze überschreiten könnte, wird es nicht. Also die Songs sind schon nah dran. Aber wir kriegen es, glaube ich, immer noch hin, dass man es nicht checkt. Ja, oder? Ich weiß nicht, wie es bei dir ist, Jon.

    Jonas: Also ich finde zum Beispiel „Autoscooter“ ist jetzt gar nicht so verschachtelt. Das ist relativ obvious der Song für meinen besten Kumpel. Ich bin eigentlich voll der Fan von richtig persönlichem Kram. Ich finde es irgendwie cool, das in einem Song dann noch weiter kommunizieren zu können, was ich meinem besten Freund jetzt vielleicht nicht so direkt ins Gesicht gesagt hätte.

    Leo: Ich habe auch das Gefühl, dass wir in manchen Songs, die vielleicht gar nicht so persönlich wirken, immer so Easter Eggs für uns selbst einbauen im Text. Die wirken dann vielleicht nach draußen gar nicht so, sind aber für uns voll nah dran, aber im Gesamtkontext werden sie gar nicht so klar beim Zuhören. Also wir haben glaube ich, da ganz viele Sachen, die nur wir wissen können und die wir auch dann nicht groß revealen, die im Gesamtkontext dann vielleicht ganz anders wirken. Aber dadurch wird es halt nicht für mich, nicht irgendwie zu persönlich. Finde es trotzdem schön, dass die Songs so persönlich rüberkommen.

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    Mehr Informationen

    Anna: Jonas, du hast ja gerade schon „Autoscooter“ angesprochen. Wie kam es dazu, dass ihr diese Aufnahmen von euch als Kind oder Jugendliche mit drin hat? Und war das einfach zuverlässig oder wie habt ihr die wiedergefunden?

    Jonas: Ja, da geht erstmal ein ganz großes Shoutout an Nicole, die mit uns früher in einer Dorf Clique war und ist. Sie ist auf jeden Fall eine lebende Festplatte, was das angeht. Ich habe ihr nur mal den Song geschickt und gefragt, ob sie zu Fabo, meinem besten Freund, noch ein paar O-Töne hat, die ich reinmixen kann. Und keine zwei Stunden später hatte ich eine Dropbox mit tausenden Videos vom alten Sony Ericsson bis zum Samsung Galaxy S2. Und da war dann unter anderem ein Video dabei, wo wir eben im Riesenrad sitzen und genau da in die Ferne gucken und diese Industrie sehen. Wir philosophieren darüber, was das denn sein könnte. Genau. Da hat sich dann irgendwie so angeboten. Es passte einfach zu dieser Kirmes Thematik vom Song.

    Eine Ode an den besten Freund und die Naivität der Kindheit

    Leo: Als Jonas das dann ausgewählt hatte, hab ich da auch direkt was reininterpretiert. Ich glaube als neutrale Hörer*innen funktioniert das auch super gut. Das hat so was apokalyptisches am Ende. Ich stell mir immer so vor, dass so drei Kinder im Riesenrad sitzen und gucken, was übrig geblieben ist von der Welt. Das passt perfekt an das Ende. Und irgendwie finde ich, dass dann der Song ganz anders wirkt und gar nicht mehr so eine persönliche Mini Geschichte zwischen euch beiden ist. Das ist halt meine Sicht auf den Song, der ja fast komplett nur von Jonas kommt.

    Anna: Auf einen Song wollte ich noch eingehen: „Franka und Laurin„. Basiert das auf echten Personen? Also wer sind Franka und Laurin? Wenn ihr das teilen möchtet.

    Leo: Das lassen wir offen. Also es basiert auf wahren Personen. Dazu finden wir aber auch die Namen ziemlich nice.

    Wo ist das Ottolien Song-ABC hin?

    Anna: Ich hab’s mir schon fast gedacht. Aber der Song funktioniert durch die beiden auf jeden Fall sehr gut. Wovon ich aber längere Zeit schon nichts mehr gehört habe, ist euer Song-ABC. Gibt es das noch? Was ist daraus geworden?

    Leo: Das fragen wir uns auch immer wieder. Ich schätze mal, dass es eher was Saisonales ist, dass wir immer mal wieder auspacken. Wir haben es immer so ein bisschen gestückelt. Also immer, wenn wir eigene Songs rausbringen, pausiert das ABC. Wir sind auch noch gar nicht so weit im Alphabet vorangeschritten. Wir müssten bei F sein. Die Resonanzen waren immer richtig cool. Auch die Leute, deren Songs wir gecovert haben, aber auch immer irgendwie reagiert. Das war total nett. Das war echt cool, auch so Reaktionen von den Madsen hatten und von L-Goony. Also so ganz Verschiedene. Ich finde das Format immer noch cool und ich schätze mal, dass wir es jetzt im Winter wieder aufleben lassen.

    Anna: Da bin ich ja mal gespannt! Ich habe noch zwei Entweder-Oder-Fragen für euch. Die erste lautet: Eure Songs lieber komplett durchproduziert oder lieber Akustik spielen?

    Jonas: Komplett durchproduziert!

    Leo: (zögert erst) Bei mir auch mittlerweile.

    Jonas: Es macht dann mehr Spaß auf der Bühne, wenn man richtig tanzen und abgehen kann. Das fehlt mir bei dem Akustik Ding. Das ist eher ruhig und beseelt und schunkelnd. Aber ich finde es springend cool.

    Anna: Ok, das kann ich verstehen. Frage Nr. 2: Großstadt oder Dorf?

    Leo: Großstadt mit Option auf Dorf bei schlechter Laune. Zählt das?

    Anna: Naja, eigentlich nicht …

    Leo: Ok, Großstadt!

    Jonas: Dorf bei mir – ganz klar.

    Anna: Ich habe es mir ein bisschen gedacht.

    Leo: Das ist so unser Running Ding. Jonas kann sich nicht so richtig vorstellen zum Beispiel irgendwann mal nach Berlin zu gehen oder so. Mal gucken. Aber es ist ja genau die Mischung, die wir in uns tragen. Also ich finde es auch ganz cool, dass du so commited bist. Es hat ja auch Gründe. Du bist viel verwurzelter zu Hause noch.

    Jonas: Meine Kumpels und ich haben quasi eine Art mündlichen Pakt geschlossen, dass wir alle spätestens zum Lebensherbst oder zum Lebensabend wieder im Heimatdorf einkehren. Und ob das jetzt wirklich passiert, mal gucken. Aber ich habe halt einfach noch einen sehr aktiven, großes Freundeskreis aus Schulzeiten und das finde ich ganz schön. Dann bin ich auch gerne da.

    Leo: Das ist bei mir nicht mehr so krass verwurzelt. Das ist bei mir viel mehr auseinander gesplittet, also auch geografisch. Aber ich habe einfach hier in Hannover meinen festen Kreis. Sowohl freundschaftlich als auch musikalisch ist es hier mein Hauptort mittlerweile.

    Die Ottolien und ihr klimapolitischer Song

    Anna: Ich habe auf eurem Spotify Account noch das Album „no music on a dead planet“ gefunden, was ja so Kollaboration mit mehreren Artists war. Wie kam es dazu und warum? Warum war es euch wichtig, da was beizusteuern?

    Leo: Dazu kam es einfach durch die Organisation Culture Declares. Daraus ist dann ein kompletter Hannover Sampler entstanden. Und dadurch, dass wir noch nie auf so einem Sampler dabei waren und wir das schon cool fanden, haben wir uns direkt gemeldet. Wir wollen auch für eine klimagerechte Zukunft stehen als Band und zeigen, dass wir uns auch für Klimapolitik interessieren. Da wollen wir einfach auch zu stehen. Und die zweite Sache war, dass wir eine Challenge hatten, da recht schnell dann einen Song dazu zu schreiben. Das war irgendwie cool, weil wir das erste Mal auch so ein bisschen den Inhalt vor die Produktionsraffinesse gestellt haben.

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    Anna: Und das Ergebnis kann sich auf jeden Fall zeigen lassen! Ich habe jetzt nur noch eine letzte Frage und das ist die Frage nach eurer untold story?

    Leo: Eine noch nicht erzählte Geschichte.

    Anna: Genau!

    Leo: Also wir könnten die erste Cover Geschichte erzählen von unserem Gespräch oder oder vom Videodreh in der Rutsche.

    Jonas: Ohja, das ist ne coole Story, lass uns die nehmen!

    Leo: Ok, warte, ich leite die Geschichte ein und du erzählst sie: Wir haben ja gerade unsere zweite EP „Gezeitenland“ rausgebracht und wir haben zum namensgebenden Song ein Video im namensgebenden Hallenbad Gezeitenland auf der Nordseeinsel Borkum gedreht. Und dabei ist folgende untold story passiert. Jonas, bitteschön.

    Jonas: Wir haben uns in die ausgeschaltete Wasserrutsche begeben. Wir sind also rein geklettert mit dem schönen Filmteam von Stabil und Grazil aus Hannover. Also die mit ihrer riesigen Kamera da rein. Niklas mit so einer Leuchtröhre und dann Leonard und ich. Das ist glaub ich etwas schwierig, sich vorzustellen. Das ist eine Tube Rutsche und wir haben uns so entgegeneinander da reingesetzt.

    Anna: Aber die Rutsche war ausgestellt oder ist da was passiert?

    Jonas: (muss schmunzeln) Nee, ich bin nur einmal ausgerutscht auf das Steißbein, das tat weh. Aber das ist nicht die Geschichte. Also, wir sitzen gerade in dieser Rutsche und haben einen Performance Part gedreht. Das heißt Niklas hat auch noch die Soundbox laufen mit dem Song. Wir singen dann so schmissig in die Kamera und auf einmal hören wir nur so ein Zischen und so ein Rumoren. Dann hört man so ein konstantes, leichtes „Schhhhh“. Es waren nur noch so drei Sekunden Stille, in der wir uns nicht bewegt haben. Und ich habe dann einfach aus Reflex heraus gerufen „Wasser kommt“. Dann sind wir alle mit dem Equipment aus der Rutsche raus und in das Auffangbecken. Ich war der Letzte, weil ich auch als Erster drin war. Hab mich auf dem Weg natürlich auch noch abgepackt. Und keine Sekunde, nachdem ich draußen war, kam das Wasser da rausgeschossen. Wir waren insgesamt aber zwei Tage zum Drehen da. Am nächsten Tag haben wir den Besitzer dann gefragt, ob die Rutsche irgendwie immer durchgespült wird oder so. Und er nur so: „Achja, stimmt, aber ich weiß gar nicht, wann genau und in welchen Intervallen.“ Dann haben wir am nächsten Tag also nochmal unser Glück versucht. Wir wollten unbedingt das schöne Licht mit der Sonne auf der Röhre einfangen. Wir haben das dann so gemacht, dass Bardi, unser Fotograf, dann die Aufgabe hatte oben zu schauen, wann das Wasser angeht. Vorher hatten wir noch extra zwei so Kinder Walky Talkies besorgt, damit er uns Bescheid geben kann, wenn die Düsen anspringen.

    Leo: Natürlich hat er sich auch einmal den Gag gemacht, einfach „Wasser kommt“ zu rufen, obwohl nichts kam. Und ja: Das ist unsere untold story!

    Anna: Genial, vielen Dank euch für’s Teilen der Geschichte und für’s Interview. Macht’s gut und bis bald!

    So, ich hab mir jetzt auch den Mund fusselig geredet. Mir bleibt nur noch zu sagen: Streamt „Gezeitenland“ von den Ottolien:

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    Fotocredit: Christian Bardenhorst

  • Mia Berg im Interview: »It’s scary to release music that is so personal«

    Mia Berg im Interview: »It’s scary to release music that is so personal«

    Eine zarte Stimme, die auf einem verspielten Sound zum Tagträumen in eine andere Welt einlädt und dabei die ungeschminkte Wahrheit in ehrlichen Texten verpackt – so klingt für mich „Sleepwalkers at noon“ von Mia Berg. Die Norwegerin macht poppige Singer-Songwriter-Musik à la Phoebe Bridgers und „Sleepwalkers at noon“ ist ihr Debütalbum.

    Mia Berg ist in Bergen an der norwegischen Westküste aufgewachsen. Mittlerweile wohnt und arbeitet Mia in Oslo und schaut mit anderem anderen Blick auf ihre Heimatstaft. Diese Reflektion von Themen, die sie damals so wie heute beschäftigen, verarbeitet sie unter anderem in ihren Songs. Es geht um ganz viel Nostalgie, Schönes, aber auch Zweifel. Im Interview erzählt Mia von der Entstehung des Albums, wie sie sich dabei gefühlt hat und welche Einflüsse sich in ihrer Musik wiederfinden.

    Mia Berg im Interview

    Anna: Alright, so the first thing I have to admit, is that I didn’t know your music before I listened to the album „Sleepwalkers at noon“. And then I saw that you also released an EP in 2019. And I was like: Okay, how did that not come across my Spotify algorithm before? But I completely fell in love, because the songs are just super warm, atmospheric and feel really personal. And then I listened to the other EP, and it also felt like that, but not as intense as the songs now. So how would you say that your sound has changed since the first songs that you’ve released back then?


    Mia: I think, when I started making music back in 2017, or 2019 it was different. I was definitely developing over time. So I would say the main difference is that I basically now have the time to focus more on songwriting. But also more on the storytelling in the music instead of aiming for the melody to hit. I guess you kind of said it: it’s more personal. And it’s also about me growing as a person and as a musician, and a songwriter. And I think it was kind of like a natural process where I found my own way to how I wanted to express myself through my music.


    Anna: Do you think there are certain factors that influence the way that your music developed?


    Mia: Changing the course of my musical expression, I think, has a lot to do with me listening to new music. I remember very well, when I went to Berlin in the fall of 2019 to write music, that it was kind of a starting point. And I began listening more to American singer-songwriter music. So going into 2020 and when the pandemic hit, also, I think certain elements of songwriting became clear to me. I wouldn’t say that the pandemic affected the album, but I would say that it affected the way I was writing. When the world was kind of standing still, you don’t necessarily have a lot of things around you to be inspired by because everything is moving very slowly. That kind of made my attention go backwards to my life in the past and thoughts that I’ve been carrying around. And that kind of shaped the album, I think.


    Anna: I totally get that! I feel like like with the pandemic, you were kind of forced to deal with your own thoughts or memories. Because before you could just distract yourself with being around other people and always do something. But then it was like you couldn’t do anything else.


    Mia: And I think that kind of forced my thoughts into a certain place, which I guess, it felt very genuine and very honest.

    Female power: These women inspired Mia for the songs on her album

    Anna: What would you say are the major artists that inspire you? I can hear some Phoebe Bridges and Holly Humberstone vibes.


    Mia: I actually think I started with the album around the time I first listened to Holly Humberstone. I found her through Instagram right before she kind of got huge. But um, yeah, when it comes to inspiration, I definitely think listening to Phoebe Bridgers was definitely a huge inspiration for my writing. And just my approach to songwriting in general. Clairo’s last album was also very inspiring for me. And I think, back in 2019, I listened to Sufjan Stevens album „Carrie & Lowell“. It’s actually an album from 2014 – so rather old. But it’s very much just him talking about growing up and the loss of his mother. I just cried a lot when I listened to the album the first time. And I think that connected to something in me as well: just listening to someone not actually doing a lot – like it’s beautiful music, but it’s also very simple.This simplicity is also the element that makes it as beautiful as it is.

    Anna: Would you say you feel connected to the Scandinavian music scene. I’m just curious, because you haven’t mentioned names of any Scandinavian music artists.


    Mia: Well, of course I listen to a lot of Norwegian music and Scandinavia has a lot of great pop music especially. I wouldn’t say I found my main inspiration in the Scandinavian music. But I have some great friends who produce Norwegian music and I get inspired by that aswell.

    How to create a safe space for personal feelings on an album

    Anna: Do you feel kind of insecure before releasing such personal music or have you gone through such a long process of producing it that you’re more excited to release it now?


    Mia: It’s obviously scary to release music that is personal and I guess I’ve never been as nervous as I was when I released the first song of the album. Just because it’s been quiet from my corner for like two years. And I went into a collaboration with a new label and everything just felt very good. We had a good plan and I had people backing me up and wanting me to do great. I think that kind of helped the process a lot. It created kind of a safe space for me.


    Anna: Do you have a favourite song on the album? I know it’s hard because you probably love them all.


    Mia: Yeah, that’s difficult. I think my favourite song kind of changes – so now it’s one and in a month it’s gonna be a different song. But I think at the moment it’s „Meadow“, one of the singles I released before the album. I really like the lyrics and it’s a bit more „back to the roots“-style with the piano. I would say that’s my favourite today.


    Anna: I guess it also changes based on the situation you are in right now. Like if you feel a bit more happy or you’re more at a sad point in your life.


    Mia: Yeah, but I definitely also think there are songs I feel especially connected to at all times. „I’ll never leave you“ for example.


    Anna: That was the song that got me falling in love with the other ones.


    Mia: Oh, wow. That’s great to hear. I remember very well when we made it in the studio. And it was the easiest one to write but the hardest one to finish with the production just to get like the writing together with how it should sound because it could have gone in different directions. So we just had to work really hard with the mixer and the production to kind of get it how we want it to be, because that was kind of how I heard it in my head – a bit more like the drums on „Motion Sickness“ by Phoebe Bridgers.

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    Anna: All your songs have this vintage nostalgic vibe to it. That connects them all, even if you say that some songs have more of a Clairo vibe or some have a Holly Humberstone vibe. So I feel like they still are in that same kind of atmosphere.


    Mia: Yeah, it’s kind of the same universe. And I think that’s kind of important to me. I could make 10 songs that sound really similar. I think I can do that, when I really fall in love with a certain type of sound or a certain type of song. That was maybe the challenging part: knowing that I had to widen my perspective again. Like, either people are more worried about things sounding the same, or they are worried that it will sound too different. It needs to be balanced. But I think the perspective on the album kind of stays on a same level.

    Never underestimate the support act

    Anna: That’s what I also really like about the album. It feels like listening to one story that is consistent. All right, I have one last question. This is a question that we always ask in our interviews and it is the question about an untold story of yours.


    Mia: I remember, in April I got asked by a Danish agency if I wanted to play support for an Irish artist, which is Orla Gartland. She had a song on this „new“ series – Heartstopper, if you heard of it. Yeah. So I hadn’t heard of her before but I agreed because it sounds fun. And so I went to Denmark and I actually went back to the exact same place where actually played my last gig before the pandemic. I was inviting some friends and like booking people to come but it was Easter Sunday – so not the best timing. And I was like, ok, well, it will be fine. It will be a good evening, I guess. And playing a support gig, you just never really know how it’s going to be like, either people don’t like you and are like: What are you doing on stage? Or people are interested, or something in between and just being polite. But I was standing there with like five guest list places. The fans were lining up like three, four hours before the show. I walked outside to where we just loaded our stuff out the van. And there was actually this guy looking for tickets but it was sold out. He was standing on the corner of the street with a big sign saying „I need a ticket for tonight“. Then the idea of giving him the guest list spots just popped up in my mind. When I went over to him, he was super shocked. I bet he thought I just wanted to prank him or so. So he was just like „no, no, I don’t need any tickets“. He didn’t believe me when I said that I am playing the support for Orla’s show. I told him to tell me his name, and I’ll write it down. And then he was saying his name. But he still didn’t seem to believe me like: „Who are you? Is she joking with me or not?“ So but yeah, he went to the show and he sent me a message afterwards: „thank you so much, didn’t know you’re playing support. Thank you so much.“ It was kind of a funny thing at that moment. And it was a really, really great show. It was a crazy supportive audience. Super friendly, like probably the best show, I remember.

    Hier könnt ihr euch mit dem Album die Ohren wund streamen oder euch Hals über Kopf in Mia’s warme Stimme verlieben:

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    Fotocredit: Synne S.B. Bønes, Mikhela Greiner

  • Hastings im Interview: »I knew one guy in Nashville, and I slept on his couch at 16«

    Hastings im Interview: »I knew one guy in Nashville, and I slept on his couch at 16«

    Aufgepasst an alle Pop-Mäuse, heute möchte ich (Sarah) euch einen garantierten Top-5 Artist von meinem Spotify Wrapped 2022 vorstellen. „I wish you would call me, call me an asshole“ – Hastings hat die perfekte Kombination aus süchtig machenden Melodien und genialen Lyrics einfach verstanden.

    Ich habe mich mit Sänger Matt letzte Woche auf Zoom getroffen, und mit ihm über die Musikszene in Nashville, die allererste Tour, und die neueste Single gesprochen: „Blame the Brakes“ – die am 30.9. released wurde. Wer also für zukünftige Hit-Singles am Start sein möchte, sollte sich hier auf jeden Fall mal einlesen, und dann sofort weiter zu Spotify wandern.

    Sarah: First off, thank you so much for taking the time! How are you today?

    Hastings: I’m great! I’m sorry, I’m in my car right now. The connection might be a little bit rough at moments, but we’re rolling with the punches.

    Sarah: I can hear you alright, so it should work! Fingers crossed!Would you like to introduce yourself to our readers who don’t know you yet?

    Hastings: Sure! I go by Hastings. My first name is Matt, my last name is Hastings. I’m a pop artist from Nashville, Tennessee.

    Sarah: Nashville has a pretty big music scene, I’ve heard. What is it like?

    Hastings: A very big music scene. And it’s grown, especially over the last five years. I think it’s most known for its country music, to be honest. Whenever I tell somebody I’m from Nashville and I say I do music, everybody automatically assumes I do country music. But there’s always been a little pop scene. There’s always been a little rock scene. Especially over the last five years, I feel like the pop scene has just grown bigger and bigger. And I think it’s getting to the point where it’s just as competitive – I say competitive, or compelling, either one – as LA or anywhere else like that.

    https://www.youtube.com/watch?v=VaWQ2iwqPLw

    Musikalische Einflüsse in jungen Jahren

    Sarah: Did you grow up in Nashville? I feel like that growing up in a city like that, I would probably want to start making music myself.

    Hastings: I didn’t grow up in Nashville, actually. I was raised in the church, so my dad was – is a pastor still, he was a pastor my whole life. So I grew up moving around and moving to different churches and everything. I was born in Florida, and I was always kind of surrounded by music, my dad was a huge influence on me. And still is, but he kind of surrounded me with music from as early as I can remember. And yeah, I was born in Florida. When I was three, I moved to Michigan, which was a huge jump…

    Sarah: I can imagine!

    Hastings: Especially weather wise. And then I’ve been around the Tennessee area since I was like six. So I lived in Chattanooga, and I lived in this really small town. I don’t know if you’ve heard of the festival, Bonnaroo? It’s a huge festival.

    Sarah: Yeah, and I’ve been to Chattanooga, actually!

    Hastings: Oh you’ve been? The aquarium is cool. That’s all I’ll say. I think there’s not a lot of things in Chattanooga. And there’s especially not much in where I spent most of my growing up days in Manchester, Tennessee, which is where Bonnaroo is. It’s a super small town. Nothing happens there except Bonnaroo once a year.

    I grew up homeschooled which gave me a lot of time to do music. I would wake up and do my school in like an hour. And then I would just like sit and play music all day. And of course growing up in the church, I played music in the church every week. But yeah, I moved, my parents were gracious enough to let me leave the small town and go to Nashville.

    I knew one guy in Nashville, one producer and I slept on his couch at 16. My dad gave me his car. He was like „Go to Nashville, do your thing.“ – he could tell I was getting kind of antsy. So he let me go, he gave me his car and I drove to Nashville, and I never turned around once, except for when I had to go back and get my GED because I told my parents I’d do school on my laptop. They were like, please, if you do something, just finish high school. And I did. But yeah, I’ve been in Nashville since I was 16. I’m 22 now. And Nashville is definitely home.

    Sarah: Earlier this year you were on tour with The Band CAMINO and flor. That was your first tour ever, right?

    Hastings: Yes, it was!

    Sarah: Funnily enough, you were part of one of my favourite memories from that tour, I was with flor. And I remember selling merch alongside Preston in Santa Ana, and we were just like, jamming out to Blank Me.

    Hastings: That’s so cool! Preston is the sweetest guy. And I feel like we met then?

    Sarah: Yeah we did! I remember you saying hi to me. And I didn’t fully register that until I was around the corner. And I was like, that probably seemed so rude…

    Hastings: No, no, not at all. Yeah, that was my first tour. I think about it every day, every time I talk to somebody about it. I always just say it was such a learning experience. In the first 10 shows, I was really trying to figure out how I wanted to be, you know, perceived on stage. And I’ve never really done that before.

    A lot of people go and brush off the cobwebs, but I didn’t have any cobwebs. Like I was just trying to figure out how to perform. And I was a nervous wreck the whole time to be honest with you, but it got a little bit easier. The second half, it all just comes with reps at the end of the day. You know, I was just trying to figure it out.

    But I love The Band CAMINO, those are some of my really good friends here in Nashville. And I was very grateful and just incredibly excited when they asked me to go on tour. And from that tour, I’ve made great relationships with the flor guys and honestly, like I couldn’t have asked for a better first tour.

    (notices I’m wearing a flor shirt) Nice! I have that same shirt.

    Sarah: You probably also have the same tattoo? (on that tour in Seattle bands & crew all got tour tattoos backstage)

    Hastings: No way! Wait. Hold on, I gotta show you mine! (shows me his tattoo)

    Sarah: Yay!! We’re matching!

    Hastings: That’s so cool. Yeah, I couldn’t have asked for a better first tour, everybody was incredibly kind and gracious and everybody who we were touring with were just … veterans. We had no idea what we were doing. We were like very, very fresh to all of it. So it was a great experience. It really was.

    Sarah: Honestly, I think you were one of the best openers I’ve seen in a while. Sometimes it feels like artists that are opening have a little bit of a problem to capture the audience’s attention. Or sometimes it feels like the room is just too big for them. But it didn’t feel like that with you at all!

    Hastings: That means a lot. I feel like there were moments where I was just trying to figure out what to do. But I’m very glad it came across like that. So thank you for saying that.

    Sarah: Do you have a favourite memory from a show that you’ve played?

    Hastings: Probably the last show of that tour. It was Philly, and it was way more of a celebration than a show, with maybe a little too many tequila shots. We were just having a great time on stage, we played six songs every night, a 30 minute set. And in between every song, one of the members of flor or The Band CAMINO would bring out shots for me and my band. So by the end of the set, we took like six shots in the span of 25 minutes. And it was fun. So that was probably my favourite memory for sure… what I can remember of it.

    Sarah: (laughs) … Also what I think is great about a music, is that there’s a song for every mood. Like Take Mine for whenever I run back to the person who treated me like shit, but I still can’t stay away. Asking for a Friend when I’m done with feelings and just over it. I’m guessing your songs are biographical? Do you naturally gravitate towards writing songs about love?

    Hastings: That’s always my initial instinct. The few songs that are out definitely are all about love. I have songs that aren’t, that aren’t out, but that’s what I find I write the most about at the end of the day. And those are my best songs just because of what I’ve been through, and even some of my songs are what my friends have been through. I kind of just pull from pull from every aspect of a relationship.

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    Sarah: You also released a new song last week, Blame the Brakes. First of all love the cover! The vibes, like the colours?? Do you want to tell me a little bit more about the song?

    Hastings: Yeah, Blame the Brakes was one of the first songs I wrote with my producer Mike Robertson, and I wrote it with these two fantastic writers who also wrote majority of my first EP with me. And we wrote it I guess two years ago, we hadn’t written a lot before. And by the end of the day, it was one of those where we walked out, and we were like, okay, we we’re really excited about this! We should keep writing more, and kind of ride that wave. But yeah, I’ve been waiting to put the song out for for two years and it feels very good.

    I think the song kind of screams commitment issues and you know, running away from something before you ruin it in the first place. And then you realise that you ruined it because you ran away, and I think everybody can kind of feel that. I’m just very excited to have the song out. I’m obviously very excited to put any song out but this one just feels really special.

    Sarah: Also earlier this month you were featured on „Killing Me“ by NOTD. And I saw that you even went to Sweden this summer. How did that collab come about? And did you work on more music while you were there?

    Hastings: Yeah, so, I’ve been a fan of NOTD since I was like, 16, since I started loving pop music. It’s all on my TikTok, but I sent them an email when I was 16, and it was the most innocent email ever. I was just like, I love your music, I would love to take my sound to the next level, I love what you guys do. And everybody who is trying to get into the industry has to send those emails, and like, get your foot in the door. So it was very cute, the way I worded a lot of things, but I’ve been such a fan of them.

    And we crossed paths, we wrote a song in Nashville. That was the first song that we wrote together. And we wrote it in the room completely. I love those guys so much. They’re just so so sweet, and incredibly talented. I didn’t know this until after the song was out – but they told me that this was one of the only songs that they have ever put out, that they have written in the room. And it just felt special for everybody, you know. So I love those guys. And I appreciate them like, you know, taking a taking a chance for me.

    Sweden as a whole – I was only there for two or three days, which my body was not ready for at all because of the time change. And I was trying to adjust, but the adrenaline was high. But the two days were incredible. Stockholm was the most beautiful place I’ve ever been to. The people are beautiful. Everybody is just kind.

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    Sarah: Do you have any plans for coming back to Europe, … maybe even play a couple shows?

    Hastings: Well, yeah, I mean, I would love to come back to Europe, like as soon as possible. I don’t think I have any plans at the moment. But I’m hoping something will come up in the near future!

    Sarah: So, what’s the rest of your year going to look like? Any exciting things ahead?

    Hastings: Right now, I have a lot of music just sitting that is almost done. But there’s songs that I know I want to release. I’m in a place right now where I would love to just pump out music as quick as possible. I’ve just been sitting on some of these songs for so long, and I want them out in the world. So Blame the Brakes is out now. And hopefully in the next month I’ll put out another one! And just keep the ball rolling. So yeah, can’t wait!

    Sarah: Great! Then we have reached the last question. And with our music magazine being called Untoldency, our last question is always asking for an untold story. Something that you’ve never shared in an interview before, but want to share now. It can be anything, like a random fun fact, an anecdote. Your life motto if you have one, or just something that you want to share with our readers.

    Hastings: I love that. I think I like the life motto my dad always told me growing up, and my siblings. I think it’s a pretty universal saying, but it has helped me through a lot. And he always said that you’re doing better than you think you are. And like any aspect of life, you know, don’t overthink it. I’m a classic over thinker. It’s not that deep. Sometimes it is that deep. But yeah, you’re doing better than you think you are. So I hope that can be some encouragement to to somebody.

    Sarah: Thank you! I feel like that’s a good ending to our interview!

    Hastings: Well, thank you for having me on.

    Sarah: Of course! Thank you for taking the time.

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    Fotos: Chase Denton

  • Walking On Rivers im Interview: »Man zieht sich sprichwörtlich vor den Leuten aus«

    Walking On Rivers im Interview: »Man zieht sich sprichwörtlich vor den Leuten aus«

    Dortmund ist zugegebenermaßen nicht besonders bekannt dafür, das Zuhause von Indie-Bands zu sein. Walking On Rivers brechen dieses Vorurteil. Die Indie-Folk Band aus dem Ruhrpott besteht aus David, Borsti und Martin. Seit 2015 machen sie in teils wechselnder Besetzung Musik. Ihre Songs haben sich über die Jahre leicht verändert. Wenn das Ganze zu Beginn noch stark nach Folk klingt, gehen die neueren Songs eher in Richtung Pop oder Rock. Aber eins bleibt: die Stimme von Sänger David.

    Ich habe Walking On Rivers zum (digitalen) Interview getroffen und mit ihnen über ihre „Time to Lose Control“ EP geredet und aufgeklärt, was die Musiker immer noch im Ruhrpott hält.

    Das Setting

    Zwei der drei Bandmitglieder von Walking On Rivers sitzen in ihrem Home Studio in Dortmund. Über den Zoom-Bildschirm sehe ich 2 Männer auf Bürostühlen, die mehr oder weniger gut in den beschränkten und minimalistisch eingerichteten Raum, den sie Studio liebevoll nennen, passen. „Hier gibt es alles, was wir brauchen“, versichern sie mir. Die Nachbarn seien ebenfalls cool drauf und würden sogar ab und zu ein paar Songs mitsingen.

    Nach dem ersten Smalltalk und Lobliedern auf die Dortmunder Nachbarschaft, steigen wir in die Musik ein. Ich stelle manchmal gerne unangenehme Fragen, das scheint die Jungs von Walking On Rivers aber nicht zu stören und aus dem Konzept bringen lassen sie sich schon gar nicht.

    Walking On Rivers im Interview

    Anna: Dass ihr aus Dortmund kommt und da immer noch Musik macht, haben wir ja  schon geklärt. Jetzt frage ich mich: Woher kommt der Indiepop/ Folk Sound aus Dortmund? Das ist jetzt nicht gerade das Erste, was ich mit der Stadt oder mit dem Ruhrpott generell verbinde. Aber ihr könnt mich natürlich auch eines Besseren belehren.

    David: Ich würde nicht sagen, dass die Stadt uns zu dieser Musik inspiriert hat. Ich glaube, es ist einfach so ein bisschen herkunftsunabhängig. Wir sind aufm Dorf in NRW aufgewachsen und von dort aus irgendwie in den Pott gekommen irgendwann. Aber ich glaube, es ist eine Mischung aus allem, was wir so über die Jahre uns angehört haben an Musik. Und ich persönlich bin mit Punk eher sozialisiert worden, als ich anfing, Musik zu hören. Ich habe zwei Brüder, der eine Bruder hat sehr viel Punk gehört und der andere Bruder ist auch in die Richtung gegangen, aber noch mit ein bisschen Techno. Und von beiden hab ich mir dann so ein bisschen meine Sachen rausgefiltert. Dann ist es irgendwie bei dem jetzt gelandet.

    Borsti: Also die härtere Schiene kann ich auch vermelden in meinem Lebenslauf. Ich habe selber mal längere Zeit in einer Metal-Band … geschrien sogar. Also ich war Frontmann. Aufgewachsen bin ich irgendwie mit anderen musikalischen Einflüssen. Von meinen Eltern her habe ich viel klassische Musik mitgenommen. Mein zwei Jahre älterer Bruder, mit dem habe ich zusammen viel Jazzmusik gemacht. Und selber als Teenie habe ich dann halt in die härteren Musikgenres mal reingeschnuppert, da war ich so 12 oder 13: Rock, Hard, Rock, Metal, solche Geschichten. Das heißt, da ist jetzt nicht zwingender Weise der Indie Einfluss in der Musik, die wir machen, vorgeschrieben. Das entspringt eher aus ganz vielen anderen Einflüssen.

    Anna: Ich möchte das einmal kurz klarstellen: Du hast schon „geschrien“ und nicht „geschrieben“ gesagt, oder?

    Borsti: Ganz genau!

    Was Walking On Rivers an Dortmund lieben und warum sie nicht nach Berlin ziehen

    Anna: Okay, wild. Zurück zum Ruhrpott. Ich komme nicht von dort, wie ihr vielleicht schon bemerkt habt. Wie ist der Ruhrpott sonst so? Was hält euch noch da? Und warum zieht ihr nicht nach Berlin, wie jeder andere Indie Band?

    David: Das ist eine gute Frage. Berlin macht es einem natürlich einfacher, was das connecten und so angeht. Ich finde aber persönlich: auf dem Papier sieht es supergeil aus, wenn man nicht aus Berlin oder Hamburg oder Köln kommt, sondern vielleicht mal aus dem unkonventionellen Dortmund, was nicht so bekannt ist für die Bands, die aus dieser Stadt kommen. Was uns hier hält, ist glaube ich vor allem das Umfeld, das man sich in den letzten Jahren angelacht hat. Wir wohnen jetzt alle schon paar Jährchen hier. Ich mein, Borsti war zwischendurch auch mal in Darmstadt und in Luxemburg und natürlich auch in Berlin. Aber wir sind sehr verwurzelt hier. Das macht die Stadt einfach schön. Und ja, Berlin ist immer ganz nett am Wochenende, aber dann reicht’s mir auch meistens wieder.

    Borsti: Also Berlin hat einfach nicht so den Flair, der mich auf natürlicheweise anzieht. Zumindest nicht so, dass ich sage: Ich muss da unbedingt wegen der Musik hinziehen. Denn die kriegen wir hier in Dortmund auch ganz gut so hin und hier kann man halt günstiger wohnen. Musiker*innen haben sowieso nie Kohle. Ich finde das ist ein ziemlich guter, wenn auch sehr pragmatischer Grund hier zu leben.

    Anna: Da stimme ich dir voll und ganz zu! Ich bin noch mal ein bisschen zurückgegangen in eurer Band Historie und ihr habt zu dritt angefangen, wart dann zwischenzeitlich zu viert, zu fünft, jetzt aber wieder zu dritt. Wie kommt das, dass ihr so verschiedene Konstellationen hat? Habt ihr einfach gemerkt, es hat nicht geklappt und gesagt, wir gehen jetzt „back to the roots“?

    David: Ich bin eigentlich noch das einzige originale Überbleibsel aus dieser Dreierkonstellation. Da gab es am Anfang ja noch Markus und Flo. Dann kam Martin, der ja immer noch Trommler bei uns ist – derzeit leider nicht aktiv dabei, aber immer noch auch Teil der Band. Dann haben wir uns irgendwann noch jemand fünften dazugeholt an der E-Gitarre. Das war der Niklas. Und dann haben wir im Laufe der Entwicklung so ein paar Mitglieder verloren. Wie das halt immer so ist bei Bands: Wir waren dann alle irgendwie fertig mit dem Studium und manche wollten lieber auf die sichere Karte setzen. Da kam Borsti aber zum Glück genau zur richtigen Zeit zurück nach Dortmund. Und dann haben wir uns aber, als dann die diversen Mitglieder abgezogen sind, ganz bewusst dazu entschieden, das dann zu dritt weiter zu machen, weil es einfach sowohl kreativ als auch organisatorisch einfach nur Vorteile mit sich gebracht hat. Ich glaube, das war alles.

    Borsti: Und ich muss sagen, wir genießen es halt auch ziemlich, nur uns drei zu haben. Dadurch können wir schon ziemlich intensiv Songwriting betreiben. Von dem ganzen anderen Quatsch, den man als Band machen muss, braucht man jetzt gar nicht reden. Aber zumindest die kreativen Prozesse funktionieren halt super gut. Wenn wir zusammen Songs schreiben, dann wissen wir eigentlich schon immer, wenn wir bestimmte Songtitel haben oder bestimmte Melodien, wie die anderen darüber denken und haben uns mittlerweile ziemlich gut aufeinander eingeschossen. Wir ziehen eigentlich musikalisch immer an einem Strang und wenn nicht, dann sind halt auch schnell Entscheidungen getroffen. Da ist zwei gegen eins ist immer ein einfaches Demokratie-Verhältnis.

    Über Vergleiche und Inspiration

    Anna: Aber was beeinflusst denn jetzt wirklich den Sound von Walking On Rivers? Oder gibt es bestimmte musikalische Vorbilder, an denen ihr euch vielleicht manchmal orientiert?

    Borsti: Extrem viele, ja!

    David: Ich glaube, das war früher – also ganz am Anfang der Band – noch anders. Da war die Auswahl an Inspirationen kleiner. Damals hätten wir vielleicht so zwei, drei Bands genannt, die uns inspirieren. Heute ist das viel breiter gestreut. Früher hat man uns oft mit den Mighty Oaks oder Mumford Sons verglichen. Das war so ganz am Anfang, als das Projekt noch in den Kinderschuhen war. Und jetzt finde ich das schwieriger, Bands zu nennen.

    Borsti: In der letzten Zeit hören wir auch alle privat noch noch mehr Mucke als sonst schon. Das ist gar nicht so maßgebend ein bestimmtes Genre, sondern eigentlich ein bestimmter Sound. In welchem Genre oder bei welchen Artists sich das dann widerspiegelt, ist halt wirklich immer ein anderer Schuh.

    David: Ja, also wenn ich jetzt mal ein Beispiel nennen sollte: ich liebe die Fleet Foxes einfach abgöttisch. Was die Vocals angeht, ist das voll die krasse Inspiration.

    Anna: Euer Sound selbst hat sich ja auch ein bisschen verändert. Ich würde zumindest sagen, dass so die ersten Songs, die von euch draußen waren, so ein bisschen mehr in die folkige Richtung gehen und es jetzt eher so poppiger, rockiger wird. Kommt natürlich auch darauf an, welche Songs man sich jetzt rauspickt. Würdet ihr sagen, dass das einfach so eine natürliche Entwicklung war und die Musik mit euch zusammen erwachsen wird?

    Borsti: Also die Entwicklung ist schon ziemlich aus uns selbst herausgekommen. Aber das hat so einen kleinen Anstoß gebraucht. Als ich vor drei Jahren in die Band gekommen bin, habe ich genau das Bild gehabt, was du gerade beschrieben hast von dem Indie Folk. Die erste Zeit hab ich versucht, mich erst einmal so in das Bild einzufügen. Aber das Bandkonstrukt an sich hat sich ein bisschen verändert, weil zwei Leute rausgegangen sind aus der Band. Wir wollten uns einfach etwas professionelleren Sound verleihen als Band.

    David: Es wa eine gute Symbiose aus unseren Ideen und ein paar kleinen Arschtritten von unserem Produzenten Sven in eine andere Richtung. Wenn ich mir die Platte jetzt anhöre, denke ich sogar ist das gar nicht so krass, wie ich das damals empfunden habe.

    Die Sorgenkinder der „Time to Lose Control“ EP

    Anna: Welcher Song war der längste Prozess auf der EP „Time to lose control“ oder welchen mochtet ihr erst nicht?

    David:Selfmade Delusion“ hat ziemlich lange gedauert. Der Song an sich stand schon – eigentlich so wie er ist mit den Chords und den Vocal Lines und so, aber das Arrangement hat so lange gedauert.

    Borsti: Der hat wirklich lange gedauert und hat irgendwie so viele verschiedene Arrangements gehabt. Da wurden dann immer wieder dazugeschriebene Parts rausgeschmissen und alles umgekrempelt, was bisher gewesen ist.

    David:In Vain“ war der erste Song von der Platte und hat die meisten Entwicklungsschritte durchlaufen. Was mir am meisten Spaß gemacht hat, war „Time to lose Control„. Das ist ja auch der Titeltrack und am Anfang hatten wir eigentlich nur so eine Grundidee vom Song. Also es gab eine Akkordfolge und eine Melodie, aber auch nur für einen halben Song und den Rest haben wir im Studio dann geschrieben.

    Anna: Ich muss ja gestehen, dass es bei mir klassischerweise „Overachiever“ ist. Der Song hat mich zumindest von Beginn an am meisten gecatched. Merkt ihr sowas auch, bevor ihr die EP rausbringt, das ein bestimmter Song, der wird, den die Leute am meisten feiern?

    Borsti: Ja, wir haben uns das schon gedacht. Also das war von Anfang an einer meiner Lieblinge von der Platte. Mittlerweile würde ich sagen, ich habe gar keinen Liebling von der Platte mehr. Die Songs mag ich halt alle super gern. Aber wir waren uns ziemlich sicher, dass „Overachiever“ funktioniert und haben uns auch dazu entschlossen, den als allererste Single von der Platte rauszugeben. Das war auch ein guter Spagat zu dem, was wir vorher gemacht haben.

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    Anna: Ja, das kann ich gut nachvollziehen. Kommen wir jetzt mal zu eurem neuesten Song „Lights Go Out„. Der ist im Vergleich zur „Time to lose control“ EP doch schon eine deutliche Spur persönlicher und auch ruhiger. Wie kam es dazu, jetzt so einen kleinen Soundswitch einzubauen und auch textlich auf diese Ebene zu gehen?

    David: Wir hatten Bock auf einen Piano-Song, der einfach vom Klavier getragen wird. Und dann haben wir zu der Zeit irgendwie darüber gesprochen, was uns gerade beschäftigt. Und sonst ist ja in unseren Songs immer eher so was Gesellschaftliches drin oder auch mal Kritik. Aber zu der Zeit war es dieses interne, persönliche Beziehungskonstrukt, was uns beschäftigt hat. Es geht darum, dass man merkt, dass es nicht mehr so funktioniert, wie es vielleicht mal hat und das beide spüren, aber keiner traut sich so richtig, die Lichter auszumachen. Ich meine, bei so einem persönlichen und vielleicht ein bisschen melancholischen Text würde es ja auch komisch klingen, einen nach vorne gehenden Indie-Pop Sommerhit zu schreiben.

    Anna: War dann auch eine gewisse Skepsis dabei, den Song zu veröffentlichen? Oder wart ihr euch von Anfang an sicher, dass das funktionieren wird und dass es auch gar keine so eine Wagnis ist, sowas rauszubringen?

    David: Also skeptisch war ich jetzt nicht. Ich mochte den Song. Also klar, man zieht sich ja vor den Leuten immer sprichwörtlich aus, wenn man Musik rausbringt – egal worum es geht. Und das Gefühl kennen wir schon. Es ist da so, dass man etwas, was man in einem nicht so guten Moment sich ausgedacht hat, überlegt, das dann in Musik zu pressen. Ich habe mich eigentlich nur gefreut, den rauszubringen und zu gucken, was die Leute sagen. Ich glaube, am wichtigsten ist, dass man es selber mag und wenn man es dann rausbringt und es den Leuten gefällt und wenn nicht, dann hat man ja immer noch ein Stück, was einem selber gut gefällt.

    Und mit welchem Getränk bereitet ihr euch auf eine Show vor?

    Anna: Das ist, glaube ich, genau die richtige Einstellung! So jetzt als letztes ist noch die untold story an der Reihe. Habt ihr lustige, unerzählte Story parat?

    David: Vor jeder Show kommen wir noch mal in einen Kreis zusammen. Das machen ja viele Bands. Wir legen dann aber immer ganz spontan ein Motto fest für die Show. Das kann alles sein. Das muss dann immer spontan aus irgendwem heraus schießen und da waren schon sehr witzige Sachen bei. Meistens sind das irgendwelche komischen Wortspiele, die auch am besten niemand anderes hören sollte.

    Borsti: Aber meistens hat das was mit dem Tag oder mit der Tour zu tun. Mir fällt gerade kein gutes Beispiel ein.

    David: Spontan fällt mir auch nichts ein. Aber Martin trinkt auch immer eine Königs-Mische vor der Show. Das ist vielleicht auch noch eine witzige Geschichte.

    Anna: Was ist denn eine Königs-Mische?

    David: Er hat es selber so genannt. Das ist schon ziemlich ekelhaft eigentlich: eine Flasche Bier, ein Red Bull und ich glaube, noch ein Pfeffi. Das trinkt er dann nacheinander. Mit der Kombination ist er anscheinend bestens vorbereitet, aber wirklich Konzert.

    Anna: Naja, wenn’s ihm hilft. Aber wie muss ich mir das mit dem Motto vorstellen?

    Borsti: Wir sammeln uns im Kreis und rufen direkt vor der Show noch das Motto rein, um uns auf die Show einzustimmen. Und keiner denkt sich vorher was aus, sondern das muss halt wirklich erst eine Minute vor der Show gehen. Spontan!

    David: Da kommen manchmal schon sehr lustige Dinge bei raus.

    Anna: Ja, cool. Danke euch, dass ihr das geteilt habt und danke für das Interview. Macht’s gut!

    Borsti: Danke dir, Anna!

    Falls ihr es nicht längst schon getan habt: Dann könnt ihr hier jetzt in die „Time to Lose Control“ EP von Walking on Rivers reinhören:

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    Fotocredit: Thilo Rohländer

  • Oehl im Interview: »Wir müssen uns von den Privilegien unserer Zeit verabschieden«

    Oehl im Interview: »Wir müssen uns von den Privilegien unserer Zeit verabschieden«

    „Es tut mir leid, dass du wegen mir geweint hast“ – das sind die ersten Worte, die mir auf dem neuen Oehl-Album von Ariel in die Ohren geflüstert werden, nachdem ich ohne zu zögern auf Play gedrückt habe. Dass mich emotional vollgeladene Texte erwarten, war mir bewusst. Doch so eine persönliche Ansprache trifft dann doch nochmal anders.

    Keine Blumen“ ist das zweite Album von Oehl. Bereits die erste Single des Albums „Weitergehen“ kündigte ein textstarkes Album an. Mir geben die Texte von Ariel oft das Gefühl ich würde einen Einblick in seine Gedanken bekommen – fast so als wäre ich exklusiv dabei, wenn er diesen einen Gedanken zum ersten Mal formuliert und fühlt. Es gibt wenige deutschsprachige Pop-Künstler*innen, die es (für meinen Geschmack) so gut schaffen, sich zwischen gefühlvollen Texten und verspielten Sounds nicht im Kitsch verlieren.

    Gib mir mein Herz, gib es zurück. Denn ich hab lieber einen Stein als so ein Loch in meiner Brust

    Auf „Keine Blumen“ geht es um das Leben. Es stellt das Leben in Frage. Es geht um Abschied, Geschlechterrollen, Zukunft, Sucht und Mental Health. „Du hast gesagt: Bitte keine Blumen mehr“ singt Oehl auf dem titelgebendem Song. Genau diese Ehrlichkeit zieht sich durch das gesamte Album.

    Ich habe Ariel von Oehl auf dem Appletree Garden Festival in Diepholz Anfang August getroffen und mit ihm nach seiner Show gequatscht. Im Folgenden reden wir über „Keine Blumen„. Ariel erzählt, wie es für ihn ist, jetzt als Solo-Künstler zu erscheinen und wie ihm sein Autismus schon das ein oder andere Mal im Weg stand.

    Oehl im Interview

    Anna: Magst du dich zu Beginn einmal vorstellen?

    Ariel: Ich bin ein bisschen zwiegespalten: Bin ich jetzt eine Band oder ein Solo Act? Also live bin ich auf jeden Fall eine Band. Und ansonsten bin ich vor allem der Ariel, der Musik macht und in Wien wohnt, und jetzt ein Album rausbringt – und das zum ersten Mal alleine.

    Anna: Das passt perfekt zu meiner Anschlussfrage: Wie ist es für dich, jetzt alleine Musik zu machen? Vorher hast du ja immer zusammen mit Hjörtur veröffentlicht.

    Ariel: Ach, das hat sich gar nicht so sehr verändert. Also ich sehe Hjörtur ja eh, wenn er in Wien ist – eigentlich jede Woche. Und im Studio-Prozess hat sich in den letzten Jahren eh dahin entwickelt, dass ich halt sehr viel zu Hause mache. Durch Corona hab ich auch sehr viel selber produziert. Dann kam es an den Punkt, wo auch er gemerkt hat, dass es am Anfang wichtiger war, dem Projekt Flügel zu geben, indem wir es gemeinsam machen, aber dann funktioniert es auch so. Da bin ich ein bisschen mehr zum Solo-Produzenten geworden. Für ihn war das auch, dass er noch seine anderen Projekte machen kann.

    Mir ist es aber wichtig, wenn wir live sind, dass wir als Band auftreten. Ich wollte nie so ein Artist sein, der mit der Gitarre da sitzt und allein spielt. Also ich glaube, Musikmachen lebt davon, dass Menschen gemeinsam etwas kreieren und schaffen. Deswegen fühlt es sich auch nicht so an als ich würde alleine Musik machen, weil ich immer Leute mit dabei habe. Hjörtur fehlt mir natürlich trotzdem in der Band, aber ich sehe ihn ja zum Glück auch so noch. Er hat einfach so eine Energie. Ich habe ihn ja auch kennengelernt, als er sich auf einer Bühne bewegt hat und ich war so begeistert davon. Also das werden wir vielleicht nicht wieder einholen und ersetzen können. Aber ich kann mein Bestes tun, seine Energie irgendwie aufzufangen.

    Oehl wäre nicht Oehl ohne die Sounds des Isländers Hjörtur

    Anna: Meinst du, dass es Oehl ohne Hjörtur auch nicht so geben würde, wie es jetzt ist?

    Ariel: Auf jeden Fall! Das ganze erste Album haben wir ja ganz viel zu zweit geschrieben und da haben wir auch diesen Sound entwickelt. Es hat angefangen mit einer Drum Machine und Hjörtur hat dazu Bass gespielt und gesungen. Dann hat er noch Keyboard gespielt und das war’s. Unsere ersten Demos zu „Keramik“ klingen auch so. Ich muss sagen, es hat seinen eigenen Charme.

    Anna: Stand es für dich/euch jemals zur Debatte, auf Englisch zu Singen?

    Ariel: Also Hjörtur spricht ja eher Englisch als Deutsch, einfach weil die Sprache ihm viel näher ist. Deswegen war das schon ein Ding. Er ist so ein kreativer Kopf und für ihn war das Singen für Oehl nie ein Thema. Deswegen singe ich auf Deutsch. Aber auf Englisch singen würde ich jetzt eher nicht. Was mich am Musikmachen interessiert, ist, irgendwas zu machen, was noch keiner gemacht hat oder ich will es zumindest probieren. Auf Englisch ist das viel schwieriger, nach mir zu klingen. Wenn ich Deutsch singe, dann weiß ich, es klingt nach mir.

    Musikmachen ist, etwas zu machen, was noch keiner so in der Form gemacht hat – das ist so meine Grundannahme der Musik. Es ist auch eine gewisse Challenge, den Song so zu schreiben, dass es nicht peinlich klingt. Es ist einfach nur super ehrlich. Du spürst, auch wenn es nicht ehrlich ist. So viel Deutsch-Pop klingt zwar mega emotional, aber ich spüre es nicht so als ehrlich. Es kann trotzdem gut sein, aber im Endeffekt kannst du jedes Wort umdrehen und auf die Waagschale legen.

    Anna: Würdest du sagen, dass man jetzt bei dem zweiten Album hört, dass du das alleine produziert hast?

    Ariel: Auf jeden Fall! Also es ist sowieso noch sehr viel im Austausch mit zwei Produzenten entstanden, aber ganz viel stand jetzt aber auch schon bei mir zu Hause. Es  entwickelt sich ja oder so immer weiter, aber da ist es mir wichtiger, was Spezielles zu erhalten. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht so genau, ob man es so stark hört. Das einzige, was auffällt, ist Hjörtur’s spezielles Bassspiel. Aber er hat auf diesem Album auch ein paar Sachen eingespielt. Also er ist auf dem Album auch nicht komplett weg und das ist auch gut so. Er wird auch in Zukunft vielleicht mal was einspielen. Aber für uns ist eher wichtiger, das nach außen zu trennen. Man wird es auf den Songs wahrscheinlich daran merken, dass der Bass meist etwas mehr im Hintergrund ist. Das war einfach so Hjörtur’s Rolle, die halt etwas weniger präsent ist jetzt.

    Anna: Ich hatte auch das Gefühl, dass dieses Mal wirklich der Text noch mehr im Vordergrund steht.

    Ariel: Vielleicht auch, weil ich bewusst mehr drauf geachtet habe. Das könnte es sein. Also ich schreibe jetzt einfach auch die Songs sehr persönlich. Also das erste Album war da etwas politischer, aber auch ein Mix aus allen möglichen Dingen, die mich beschäftigen. Ich hatte dieses Mal das Gefühl, ich kann da jetzt auch mehr meine Stimmung.

    „Wir sollten auch einfach mal mit weniger zufrieden sein können“

    Anna: Gibt es ein Überthema, eine Klammer auf „keine Blumen“?

    Ariel: Abschied ist ein großes Thema auf dem Album – gar nicht primär im Sinne vom Tod. Also es gibt auch ein paar Songs, wo der Tod eine Rolle spielt, aber für mich ist es mehr ein Symbol auch für Abschiede im Allgemeinen. Ich glaube, wir leben in einer Zeit, in der wir das Verabschieden noch lernen müssen. Also einerseits merken wir, dass es nie wieder so ökonomisch und ökologisch wird, wie es mal war. Das wissen wir halt einfach. Wir sind die erste Generation seit langem, die einfach weiß, dass es nicht mehr besser wird. Deswegen ist diese Übung im Verabschieden so ein Thema, was sich durchzieht auf dem Album.

    Abschied mit Chance zur Erneuerung

    Ariel: Ich will es aber auch nicht unbedingt als ein Weltuntergangs-Szenario sehen, sondern eher die Werte dahingehend verschieben, dass man genügsamer wird. Wir sollten einfach auch mit weniger zufrieden sein können. Deshalb geht es auch um den Abschied von gewissen Privilegien, die wir in unserer Zeit haben. Sehen wir es mal ganz pragmatisch: Es ist ein Privileg, dass wir einfach in einen Laden gehen können und vier Avocados, 20 Orangen und sonst was kaufen können. Ach und wenn die Küche nach acht Jahren kaputt ist, dann kauft man einfach eine neue bei Ikea. Da müssen wir einfach mal uns, die Gesellschaft und wie wir leben wollen, hinterfragen. In dem Sinne hat Abschied auch eine Chance zur Erneuerung für mich.

    In „Schönland“ geht es zum Beispiel auch darum, dass ich mich in gewisser Weise bei meinem Sohn entschuldige. Kinder zu kriegen ist zwar das schönste, was ich mir vorstellen. Aber es ist auch einfach sehr naiv. Ich muss ihm ja jetzt schon erklären, dass wir nicht wissen, was in 50 oder 60 Jahren ist. Das ist irgendwie eine große Verantwortung, die man da auch übernimmt. Ich merke auch, dass ich eine gewisse Schuld dem Kind gegenüber empfinde. Ich möchte einfach nicht noch mehr Scheiße bauen jetzt. Zumindest ein bisschen will ich dafür kämpfen, dass er auch noch eine Zukunft hat.

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    Anna: Ich habe gesehen, dass du im Podcast „Danke, gut“ von Miriam Davoudvandi über deinen Autismus gesprochen hast. Wie war das für dich? War das das erste Mal, dass du öffentlich darüber geredet hast?

    Ariel: Ja, es ist das erste Mal. Ich bin eigentlich eher so jemand, der seine Persönlichkeit nicht so in den Vordergrund drängen möchte. Ich dachte mir immer, das ist gar nicht so wichtig, denn es geht ja um die Musik. Aber ich habe erkannt, dass es jetzt, wo solo unterwegs bin, auch eine Chance sein kann. So habe ich vielleicht die Möglichkeit, über Themen zu reden, denen ich vorher keinen Platz gegeben habe.

    Der Podcast ist schon eine tolle Ehre, weil da noch ganz viele andere tolle Künstler*innen zu Besuch waren, die sich auch sehr ehrlich und verletzlich gezeigt haben. Gerade bei so einem persönlichem Thema möchte man ja auch eine Bühne haben, wo es wertgeschätzt wird, dass man das teilt und die man auch selbst wertschätzt. Dafür war der Podcast extrem gut. Ich hätte mich jetzt glaube ich nicht in eine Talkshow gesetzt mit sieben weiteren Leuten, um dann über meinen Autismus zu reden.

    „Es ist ein Missverständnis, dass Autisten nicht empathiefähig sind“

    Anna: Gab es schon einmal eine Situation, wo dich der Autismus in eine sehr unangenehme Lage gebracht hat oder dir im Weg stand?

    Ariel: Ja, auf jeden Fall. Ein großes Missverständnis ist ja zum Beispiel, dass Autisten nicht empathiefähig sind. Also die Asperger, die ich kenne, sind alle sehr viel weniger durch emotionale Reaktionen geleitet, sondern mehr durch Impulse – also in ihrer Sprache. Das heißt für Menschen, die das nicht wissen, sind wir oft schwer zu durchschauen. Mein Learning daraus ist auch, die Grenzen und Bedürfnisse anderer besser erkennen zu können. Es gibt Situationen, da ist es einfacher und dann gibt es noch so klassische Situationen, wie beispielsweise im Supermarkt, da kann es auch ein Struggle sein. Aber es ist natürlich permanent die Gefahr im Alltag, dass eine gewisse Überforderung da ist. So ein Festival kann ich auch privat kaum besuchen. Im Arbeitsmodus geht es viel besser. Da weiß ich, ich funktioniere jetzt. Privat sind mir da zu viele Menschen und Sounds.

    Anna: Das kann ich sehr gut verstehen, das geht mir auch manchmal so. Ich habe noch eine Frage zum Schluss: und zwar ist das die Frage nach deiner „untold story“?

    Ariel: Ah, da fällt mir was ein: Der Song „Keramik“ wäre fast nicht veröffentlicht worden. Irgendwie fand ich die Version ein paar Monate, nachdem ich den Song geschrieben hab, gar nicht mehr so gut und ich war kurz davor, den Song bei dieser Albumproduktion zu kicken und gar nicht rauszubringen. Ich weiß noch, es gab diesen einen Moment, als ich ihn gehört habe und mir gedacht habe: Oh Gott, ist es das? Gefällt mir dieses Intime? Gebe ich mich zu verletzlich? Ich weiß nicht, was es war, aber irgendwie konnte ich es nicht locker flockig rausgeben.

    Und dann saßen wir irgendwann mit unserem Booking im Büro in Wien und irgendwer meinte so: „Das ist mein Lieblingssong, wenn du den nicht rausbringst …“. Dann habe ich mich echt überreden lassen von Hjörtur. Naja, ich finde es jetzt auf jeden Fall auch gut, dass wir ihn mit drauf genommen haben. Es ist auch immer schön, wenn wir den Song live spielen. Mittlerweile würde ich sogar sagen, dass „Keramik“ für mich mit ein Grund war, weiterzumachen. Es ist ja der bekannteste Song von Oehl und ich merke einfach, wie gut er bei den Leuten ankommt und wie viele Türen er geöffnet hat.

    „Keramik“ handelt von der Zerbrechlichkeit seines Sohn bei der Geburt

    Ein weiterer Fact über den Song ist mir gerade auch noch eingefallen: Ich habe den Song gerade geschrieben, als mein Sohn im Bauch seiner Mutter war. Er war zwei Monate zu früh auf der Welt und die Zeit war nicht so einfach für uns. Diese Zerbrechlichkeit des Kindes, die ich in der Zeit gefühlt habe – die habe ich in dem Song beschrieben. Ich glaube, dass diese Intimität in dem Song und das Persönliche, Verletzliche eine besondere Stärke ist. Es ist halt einfach sehr ehrlich und ich kann nichts verstecken.

    Anna: Aber ich glaube, dass der Song gerade dadurch so gut funktioniert.

    Ariel: Der Song ist auch in einer Writing-Session entstanden. Also das ging so von Herz und Kopf in Schrift über.

    Anna: Danke, dass du die Geschichte geteilt hast. Jetzt wünsche ich dir noch viel Spaß hier auf dem Festival!

    Ariel: Gerne doch, dir auch!

    Wenn ihr es nicht schon längst getan habt, könnt ihr euch hier „Keine Blumen“ von Oehl anhören. Habt ihr schon einen Liebling auf dem Album? Meiner ist momentan „Schönland„, knapp gefolgt von „Weitergehen„.

    Und ihr eure Emotionen zu den Oehl Songs jetzt auch genauso wenig im Zaum halten könnt, dann lest doch auch gerne Anna’s (nein, nicht ich) Review zu „100% Hoffnung“ und sichert euch als Sahne-Häubchen obendrauf auch einfach schon Tickets für die Tour im Herbst.

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    Fotocredit: Tim Cavadin

  • Rhodes im Interview: »You have to be honest with yourself«

    Rhodes im Interview: »You have to be honest with yourself«


    Die Acoustics Concerts 2022 sind mittlerweile im letzten Drittel angelangt und neigen sich langsam, aber sicher dem Ende zu. Leider mussten zwischendurch ein paar Konzerte aus diversen Gründen abgesagt werden und somit bleiben noch neun Gelegenheiten im August, um Mittsommernächte den perfekten Soundtrack zu verleihen. Bis jetzt gab es eine Menge schöner Konzerte mit wunderschönen Settings und traumhafter Musik. Das versprechen auch die Konzerte, die noch darauf warten, besucht zu werden. Aus Erfahrung kann ich sagen: Es lohnt sich! Kauft Euch diese Karte und seid bei einem der zauberhaften Konzerte mit dabei! Neulich, am 12. August, war ich selbst in Essen und habe mich von einem der Acoustics Concerts überzeugen lassen. An diesem Abend wurde es unter anderem mit Rhodes sogar ein wenig international. Ich hatte das Glück, den britischen Musiker ungefähr einen Monat zuvor per Videocall interviewen zu können. Rückblickend war es ein unfassbar schönes, emotionales und privates Interview mit viel Sentimentalität und Selbstreflexion. Aber lest selbst:

    About escape and sanctuary

    Leif: Hello I’m Leif from music magazine untoldency, nice to meet you! How are you doing and how was your day so far?

    Rhodes: Thanks man, I’m doing good! Right now, I’m in London spending two weeks of time between touring. I have a little studio room here, where I can work on any ideas maybe for the next album.

    Leif: Sounds very creative then!

    Rhodes: Of course! Right now I’m spending most of my time doing songwriting and working on new ideas.

    Leif: First of all: How do you want to be called? Rhodes or David?

    Rhodes: Rhodes will do fine.

    Leif: Alright then, Rhodes. This is going to be a little introducing interview about yourself, and I would like to put focus on your music and how you came to make music but also on some of your new songs, if it’s okay for you. But since this is an introducing interview, would you please introduce yourself and tell me how you would describe your music to poeple who never listened to your music before?

    Rhodes: I’m a kind of ballad songwriter. So, most of my music is quite cinematic, introspective, heartfelt, real-life stories about struggling with those feelings of doubt, anxiety, and depression. But also, I really strive to bring an element of hope with my music, because music was my saviour when I grew up, and it still is my escape and my sanctuary. I hope that my music provides a bit of an escape for the people who hear it.

    Leif: I think especially in the new releases you can listen to this dealing with anxiety and as you said there’s always a little hope in your songs. But let’s go back to where it all started. How did you get in touch with making music for the very first time and how did it go on?

    Rhodes: I grew up with a very musical and creative household. My dad played guitar and I grew up watching him play and wanting to pick up a guitar as soon as I could. I actually still write and record most of my songs with his old guitar. It still is my main tool in the studio. That was really fortunate, and I think because I was surrounded by that I had this expansive and beautiful musical collection from a really young age. Even in primary school I used to try it and get a group of friends together and play whenever I could even if I could imagine that it sounded absolutely terrible. I’ve been in bands throughout my teenage years and when I moved to London for uni I started to play in more serious bands. We took ourselves more seriously and tried to get out there and do it for real. It was during my early twenties when I started to write my own music and although the guitar is my first instrument, somehow, I found myself playing bass in some bands. I started to really get lost into my own creativity, so I left that band and started to write my own songs. They were very small and very strict it was just like vocal and guitar, but it put together some bedroom demos.


    „You have to be honest with yourself, you have to be honest with the song“


    Leif: You are from England. Did your origin affect your way of understanding music and writing songs in general?

    Rhodes: I grew up in a small town just outside of London and it was very much one of those towns where wasn’t really much to do. Also, when I was young, I had a kind of fractured home life because my parents lived apart. That all formed my need for music. And looking back now and seeing a lot of my friends and what they’re doing, music is a huge part of everyone’s lives. I think living so close to a major city like London always felt like it was on my doorstep all the time. So, the big dream was always to go to London and do a show. That was what everyone was working for. The way I grew up and where I grew up gave me the feeling that it was possible and that it is down to you that you chase your dreams. 

    Leif: Speaking of songwriting: In your opinion, what are the most important ingredients when it comes to writing a good song?

    Rhodes: This is a good one. Because I think it is easy to get caught up in writing something that you think people want to hear. I’ve been signed to major labels, and I’ve been there, I’ve done that, and I’ve tried to do the thing that I think will please anybody. But actually, I think the most important thing – especially with the kind of music that I do – is honesty. You have to have honesty, you have to be honest with yourself, you have to be honest with the song. And you have to almost allow those initial, great ideas to hit you and then you have to nurture them.

    Leif: With that being said: Are your songs rather biographic or is it mostly storytelling?

    Rhodes: They’re biographic. They have evolved through the years. I have experimented with different things. Since opening my eyes up to collaboration and working with different people I’ve tried to explore this idea of storytelling and using my experiences to try and highlight things that other people might be feeling. But almost every song I’ve ever written comes from my own experience, so they’re mostly biographical.

    Leif: So, with the biographical songs mixed with the honesty you mentioned before you aim to create a specific intimate feeling, right?

    Rhodes: You can write ten songs about the same thing. It’s those moments when you land upon a really powerful statement. And then you can write a song around that. Some of them are more playful than others. Some of them are deep and introspective and hard to write. And on my next record I experimented more with the fun songs to write. But ultimately, I believe my favourite songs are the ones that I write in the middle of the night feeling nostalgic and melancholy. I try to capture these emotions I feel like everybody relates to. Because we might not tell the same stories, but the feelings stem from the same experiences. We’ve all experienced heartbreak and we’ve all experienced anxiety. And whilst we might not have all experienced things like, you know, depression, and medically kind of diagnosed mental health conditions, we’ve all experienced low days, we’ve all experienced these feelings of doubt and hopelessness. And I think, that’s a very important place to draw inspiration from because you can take that sadness and turn it into something positive, which is a song. And the song can help other people as much as it helps you. Just getting it out and just laying it down, creating something from nothing. That’s the best feeling, man. Like, that’s an amazing feeling. And if that day, you’ve spent labouring over this idea, and this feeling that you have inside can connect with someone else. That’s it’s just an incredible feeling.


    100 conversations at once


    Leif: It is, it really is. You can tell that there is a lot of deep and personal emotions going on in all of your songs and especially the new releases float between being truly in love and self-doubt. Would you consider yourself emotional or overthinking?

    Rhodes: Yeah, 100%. Like I, I’m deeply, deeply emotional, and connected spiritually to every nuance around me. I’m very affected by things and very affected by people and my relationships. And, you know, I’ve been affected by life just up to this point. We all carry trauma with us. And it’s difficult to let go of things. And they resurface, and they kind of come back and you find yourself in these, kind of, downward spirals. But I think ultimately, I do have amazing people in my life, and I do have amazing relationships, and I’m very grateful for them. And I acknowledge them a lot in my songs. I don’t know why I don’t know if there’s a reason for that. But I do. I do write a lot of songs about my love for people and how they affect me and the way I know I should be living my life. I also have ADHD as well, which is like a neuro diverse kind of condition that I’ve had since I was a kid. So, my head is just absolutely thinking all different outcomes or different possibilities, every single emotion, 100 conversations happening at once in my in my mind. It’s really easy for me to just absolutely downward spiral into these, kind of strange, murky depths of my brain and just like trying to figure stuff out. But luckily, I have people around me who can pull me out of that. Yeah, very important. And I guess that inspires quite a lot of my music.

    Leif: Alright. Yeah, your new song suffering? Yeah, I love the song. By the way. It’s a really good one.

    Rhodes: Thank you so much.

    Leif: “Suffering” is about the fear of hurting another person and the fear of not being enough because of the own doubts and mental state, I would guess. What advice would you give a person in that very situation?

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    Rhodes: Well, I think it’s tricky. I mean, you’re right. That is what it’s about. Ultimately, it’s about just not wanting to hurt somebody. But kind of knowing that you are, or you have. If someone’s in that position, I think it goes back to the honesty thing. You have to be honest with yourself. You have to be open, you have to be able to talk to somebody that you love, you know, I find that’s really important. I also find it really strange that it’s just not how a lot of people are. Some people are very, very closed and that makes it difficult to communicate. And I think people can end up running away from things whether that be with drinking, going out partying or just like having a relationship share it with someone and then just letting it break down and leaving. Because you’re unable to actually articulate the way you really feel, or you’re scared of what they might think. And yeah, I’ve been guilty of this in the past before just like running away from stuff, running away from my problems, and just not facing up to stuff. And I ended up making it worse. And that’s what the song is about. The message is, well, the message is clear in itself, but I think beneath the surface, it’s a song about what I would want to say to somebody, if I was in that position. I was, I knew I was making mistakes, I knew I was hurting somebody. And then the ultimate bottom line is, I don’t want to hurt this person. „I can’t, I don’t want to hurt you. So, I’m being honest with you. I’m being open with you about the way I feel.“.

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    Auch, wenn Rhodes das Trinken als einen Weg bezeichnet, vor den eigenen Gefühlen zu flüchten: In seinem neusten Song „Drink to this“ besingt er die guten Tage des Lebens.


    Leif: That’s really an important message. It sounds very reflecting and grown up. You beautifully managed to wrapped that into a song. In „The Love I Give“, another great song, you sing about the ups and downs in a relationship. Regarding love and life in general, do you think there is a no-good-without-bad-ying-and-yang-balance? And if so, why is that?

    Rhodes: Yeah, I really do think there is this kind of quest for happiness going on the whole time. And we’re all constantly told about this certainly is this inner peace kind of feeling. And to me, that’s hard because there are going to be struggles, there always will be. And it’s not going to be easy. A lot of the time, it’s going to be hard. A lot of the time it’s going to be good days and bad days. And I think you have to try and find a way to find balance in life, that’s for sure. But when you are happy, it’s important to just take hold of those moments and keep them and make them sacred and understand that happiness isn’t a moment. It’s not a constant state of being either. I don’t think anyone can be that. It’s just not how we’re programmed. Especially if you’re an empathetic person. And you’re constantly faced with what’s going on in the world. You are going to agree and disagree with people the whole time, you’re going to have to deal with things in life. It’s just impossible to imagine life without those hardships. But I think what it goes down to again, is just this feeling that, as long as you have people around you, who you love and who you trust, it goes the other way as well. You have to be that to somebody else too. You have to be somebody else’s rock. You know, even if that’s a friend or a partner, it’s important to make sure that you give out what you what you want to have back. We’re all going to have moments where we are feeling like a terrible person, and you’re going to make mistakes and you’re going to have things. But then, that’s what life is. It’s about experiences and it’s about learning and about working through those things. And that’s what the song really is about. It’s about “listen, I’ve got to tell you that this is how it is. But just know one thing, I love you. And this is what’s going to admit, and this will always remain there for you. Like, I’ll always be there for you. Just don’t beat yourself up on the bad days.”. That’s the sentiment. I do. I do think there is this kind of yin yang thing. It’s just always been there written into folklore and into religion and into everything. So, it is always going to be that. It’s just one of those.


    Just me on my guitar


    Leif: I totally agree on that. Coming on to the acoustic concerts. You are going to perform 7 shows during the acoustic concert series for example in Dresden, Berlin, and Hamburg. What do you like most about performing acoustically or unplugged?

    Rhodes: It’s amazing. It’s like music at its rawest form. One of the things I’ve really experienced first-hand is taking things all the way to the highest possible level of production, and then stripping it right back down to nothing. And the experience you get when it’s stripped right back down to nothing is incredible. When you’re playing a stadium, when I’ve played big arenas and big festival stages, you need a bit more of that production behind you when you’re onstage because it’s just so vast and big. Also, to hold people’s attention. I did a tour with Hozier back in 2016. And I played a bunch of massive arenas with him all around the world. And it was just me on my guitar. I was really lucky during that, because it showed his fans wanted to see someone with a guitar playing their songs. And they were there for a beautiful, peaceful spiritual experience. They weren’t there to party and get wasted. Because it’s Hozier, you know. But when I was up on that stage, I was like “Shit, you can do this just with a guitar.”. You don’t need a whole thing where I am in my career – I’m rebuilding from COVID, having these two years. I can’t wait to get on to these intimate little stages and just with a guitar and I’d bring a piano as well. I think the set is only half an hour every night. It’s just about me getting out there and showing people my voice and my songs in their rawest form. And they can really hear them. I love to perform like that. It’s great.

    Leif: But I think those are the hardest, like the most intimate concerts in bars or something with like 20 people in it. Those seem the hardest to me.

    Rhodes: Yeah, they are. They are the hardest. But it’s one of those things where it’s like, you’re pushing yourself to really be in the moment. And to really experience the whole thing with everyone else who’s there. Sort of, when I’ve done a big show or a big thing before in the past, people are like “Are you scared up there?” and I’m like I literally can’t see anyone when the lights are off and the spotlights on. I can’t see anybody out past the front row. So, it’s not scary at all. But when you’re in those smaller places, you can see everybody. You can see the guy in the back talking, like “Oh shit, you’re just talking did you enjoy it?”. But these are just the things that we do. I think back to one of my favourite artists of all time, Jeff Buckley. He started his career playing in coffee shops. So, it’s like, he’s playing in coffee shops, to people who are talking, chatting, doing other things, making coffee, ordering coffee, and he’s just playing. I love that. I think it’s really cool. And plus, at the end of the day, everyone’s going to be there to watch. That’s why they’re going to go buy a ticket. It’s going to be one of those things, I hope, where people want to enjoy it and not like talk the whole time.

    Leif: That’s true. Also, it would be quite disrespectful. As we do in all of our interviews, the last question is about an untold story. Is there any story, sidenote or fun fact of you, that you never told anybody and want to share with us right now?

    Rhodes: Oh my god, you’re putting me on a spot!

    Leif: I do!

    Rhodes: I have told this story before in the UK but not to Germany. When I was growing up, I had a really, really, really deep intense fear of singing. I don’t know what it stemmed from, but I resigned myself to just being a guitar player. And then it was my stepmother who pretty much begged me to sing a song with my dad on his 50th birthday party. I got up on stage and I was really drunk, and I sang “Crossroads” by Cream. And everybody loved that, and everybody wanted me to sing that again. From that day onwards, I was like “Okay, I think I can do this.”. That was my first experience of singing, like, the first time being on stage and opened my mouth and sung anything. Then I wrote two songs and one of them was the one that got me signed as a singer. I don’t know if that’s interesting enough, but I hope that it’s inspiring to somebody. Because I feel like so many people are afraid of expressing themselves. I know that it makes you feel naked and it’s very exposing. But if people are afraid of it, they just shouldn’t be, do you know what I mean?

    Leif: I do. But I can totally relate to the feeling of being exposed while singing or even performing. Otherwise, I think the story you told us is really helpful and inspiring to those who feel like this.

    Rhodes: I’d say you just gotta do it!

    Leif: With that being said, we came to the end of this interview. I am looking forward to these beautifully emotional concerts in august! Thank you for your time, I hope you enjoyed it a bit! Also thank you for this amazing interview, it was fun to me!

    See you on august 12th in Essen!

    Rhodes: I did! I really enjoyed it. Thank you so much and I see you in Essen on the 12th!

  • Pabst im Interview: »Die amerikanische Kultur hat einen großen Einfluss auf unsere Musik«

    Pabst im Interview: »Die amerikanische Kultur hat einen großen Einfluss auf unsere Musik«

    Ehrliche Texte, laute Gitarrenriffe und eine große Portion Energie stecken in den Songs von Pabst. Das Berliner Trio ist bekannt für seinen Garage Rock Sound. Seit ihrer ersten EP 2016 haben die Jungs das ein oder andere Mal ordentlich an ihrer Musik gepfeilt. Anfang September erscheint das mittlerweile dritte Album unter dem Namen „Crushed by the Weight of the World„. Die bisher veröffentlichten Singles mit starken Titeln wie „No Future? No Thanks!“ oder „Locker Room“ geben bereits den Ton an – auf dem neuen Pabst-Album geht es um Überforderung, Zweifel und das Gefühl von „I’m too fucking old for teenage angst“ (aus „No Future? No Thanks!„).

    Bassist Tilman spricht im Interview über die Einflüsse auf die Musik von Pabst, die Gedanken und Gefühle hinter „Crushed by the Weight of the World“ und seinen Eindruck von der deutschen Rock-Musikszene.

    Tilman von Pabst im Interview

    Anna: Hallo Tilman, schön, dass du dir die Zeit nimmst für das Interview heute. Magst du zu Beginn erst einmal die Band Pabst vorstellen (für alle, die euch noch nicht kennen sollten)?

    Tilman: Ja klar! Also wir sind eine klassische Power Rock Band in Drei-Mann-Besetzung, wenn man das so sagen kann – also mit also Schlagzeug, Gitarre und Bass. Wir kommen aus Berlin. Das ist ein relativ simples Konzept, würde ich sagen. Und ich glaube, darum ging es auch als die Band damals gegründet wurde. Ich war lustigerweise nicht dabei, als die Band gegründet wurde, sondern das haben Tore und Erik zusammen gemacht. Aber so die Prämisse des Ganzen war einfach: Nachdem wir alle in verschiedenen anderen Bands gespielt haben, die so ein bisschen elektronischer orientiert waren und wo dann das Songwriting immer komplizierter wurde und immer technischer, dass wir gesagt haben, nein, wir wollen mal wieder zurück zu unseren Wurzeln und uns einfach nur an die Instrumente setzen und dann zusammen Musik machen. Und das hat genau dazu geführt, dass Pabst gegründet wurde.

    Anna: Also würdest du sagen, das macht den typischen Pabst Sound aus: dieser „back to the roots“-approach? So in dem Sinne „Wir haben jetzt wieder klassische Rockmusik“.

    Tilman: Genau. Ich glaube schon, dass es auf jeden Fall eine bewusste Entscheidung von uns war, auch wenn wir jetzt nicht unbedingt nur auf so eine Musik irgendwie versteift sind. Wir haben auch viele andere Genres, die uns beeinflussen. Es ist jetzt gar nicht so, dass wir nur so was wollen wie wir selbst machen. Aber das ist halt das, was wir wahrscheinlich am besten können irgendwie. Und das macht uns auch am meisten Spaß.

    Anna: Ich finde, das hört man auch, dass es euch Spaß macht. Oder zumindest kommt das für mich so rüber. Ich habe gelesen, dass euer Bandname nach der amerikanischen Brauerei „Pabst Brewing“ benannt ist. Welchen Einfluss hat die amerikanische Kultur sonst noch so auf euch und eure Musik oder wie sehr hat sie überhaupt einen Einfluss?

    Tilman: Ja, also ich denke definitiv, dass es ein großer Einfluss ist. Also auch gerade was die Musik angeht. Und das ist ja auch eine Entscheidung als deutsche Band, englische Musik zu machen. Und da ist es bei uns allen so der Fall gewesen, dass eigentlich so die größten musikalischen Vorbilder eigentlich immer aus dem englischsprachigen Raum kamen. Wir haben zwar auch alle irgendwie Punk gehört früher, aber das war wahrscheinlich so eine der grundlegenden musikalischen Erfahrungen und da gab es zwar auch eine deutsche Entsprechung oder sowas, aber bis die rüber geschwappt ist, es hat alles ein bisschen länger gedauert. Aber auch das Thema Grunge ist eigentlich ganz lustig. Das wird uns ja auch immer mal wieder vorgehalten, dass wir so klingen am Ende des Tages. Das ist sicherlich auch voll nachvollziehbar, aber ein Großteil davon haben wir gar nicht bewusst irgendwie konsumiert. Also klar, haben wir alle Nirvana gehört, aber wurden immer mal wieder mit Dinosaur Jr. oder so was verglichen und lustigerweise haben wir alle diese Musik vorher gar nicht gehört bis wir damit irgendwie verglichen wurden. Also vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass es so unbewussten Einfluss auf uns hatte. Manchmal ist man sich seinen Einflüssen wahrscheinlich gar nicht so sehr bewusst. So mag es schon sein, dass gerade die amerikanische Kultur wahrscheinlich einen großen unbewussten Einfluss auf uns hatte, was man gar nicht so sehr nennen kann.

    Anna: Ich finde es auch immer schwierig, das zu vergleichen. Also für mich steht ihr halt eher so in diesem deutschen Band Kosmos zwischen Leoniden, Drens und Bands, mit denen ihr auch zusammenarbeitet. Und ich finde, da hört man dann die Parallelen. Aber das kommt ja wahrscheinlich dann auch. Man hat eben zusammen Songs aufnimmt, dass man dann einen ähnlichen Sound hat.

    Tilman: Es ist spannend irgendwie, weil das ist ja auch eher was, was irgendwie gewachsen ist. Also gerade so mit den Leoniden. Das ist erst seit ein paar Jahren, dass wir uns besser kennengelernt haben. Und da gibt es sicherlich Ähnlichkeiten zwischen unseren Bands, aber sagen wir mal, als das erste Album rauskam, da hatten wir noch überhaupt gar keine Berührungspunkte mit denen. Also ich würde eher sagen, dass wir wie andere Bands klingen aus dem Ausland, aber nicht so sehr wie Leoniden oder Drens oder so was. Obwohl wir natürlich irgendwie eher mit den Jungs verbunden sind, auf eine gewisse Art und Weise.

    Anna: Wie kommt das denn eigentlich? Wie muss ich mir das vorstellen? Klopft dann irgendwann Jakob bei euch an der Tür an und sagt: Ey, lasst doch mal einen Song zusammen aufnehmen oder wie entsteht so was?

    Tilman: Das ist eine gute Frage. Also, wie wir uns das erste Mal getroffen haben, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr so zu 100 %. Auf jeden Fall wurden wir irgendwann eingeladen auf deren Tour damals. Ich glaube, das war 2018 oder 2019. Das war schon mal so einigermaßen überraschend und auch echt cool, dass das alles geklappt hat. Da hat man da irgendwie schon relativ schnell mitgekriegt, dass wir häufig auf ähnlicher Wellenlänge sind. Dann glaube ich, gibt es halt noch eine Verbindung zwischen unseren Produzenten. Also der Produzent von den Leoniden und auch von uns ist der Magnus Wichmann aus Leipzig. Mit dem haben wir immer unsere letzten Alben aufgenommen. Da gibt es, glaube ich, so einige Überschneidungspunkte mit den Leoniden. Und dann war das auch irgendwie in dem Zeitraum, in dem wir unser Album aufgenommen haben. Erik war irgendwie auch im Studio und da kam dann irgendwann die Idee, dass Erik einfach mal zu den Leoniden ins Studio fährt und schaut was geht irgendwie. Daraus hat sich dann das Feature ergeben.

    Anna: Hast du denn auch das Gefühl von der Musikszene, dass es eher so ein Support-Denken ist? Oder auch noch dieses Ellenbogen-Denken?

    Tilman: Schwierig ehrlich gesagt. Ich glaube, man kann sich da schon einen gewissen Zusammenhalt aufbauen. Ich glaube, wenn man Bands erst mal so kennengelernt hat, dann funktioniert es auch ganz gut. Und da ist es eher nicht so, dass man sich so mit den Ellenbogen gegenseitig wegdrückt, sondern schon versucht, irgendwie gemeinsam zu wuppen. Aber ich glaube, es ist relativ schwer, überhaupt Kontakte so richtig gut herzustellen. Wir sind zum Beispiel auch nicht irgendeiner bestimmten Szene oder sowas angehörig. Also es gibt ja genug Szene-Musik, die dann in bestimmten Szenen gut funktioniert und da haben wir zumindest nicht irgendwie das Gefühl, dass wir da irgendwo so rein gehören. Vielleicht gibt es ja eine Rock oder Garage-Szene oder so in Deutschland und wir wissen einfach nur nicht davon. Aber so richtig haben wir das Gefühl, gibt es das nicht. Ich glaube, das basiert nicht auf Ellenbogen-Denken in dem Fall. Also es ist jetzt nicht so, als würden sich die Bands es nicht gegenseitig gönnen, sondern da muss schon irgend so eine Art Hürde davor sein.

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    Anna: Ja gut, das Empfinden habe ich auch, aber es ist natürlich auch ein bisschen herum philosophiert. Ich bin gestern so ein bisschen durch euren Instagram Feed  gescrollt und habe mich da bei jedem zweiten Foto gefragt, wie viele Instrumente ihr auf so einer durchschnittlichen Tour zerstört?

    Tilman: (lacht) Also, ich weiß, dass Erik als wir jetzt in Madrid gespielt haben, am Wochenende zum Ersten Mal eine Gitarre kaputt gemacht hat live. Aber nicht willentlich. Also nicht, dass er die irgendwie geschrottet hatte, wie auf einen Verstärker oder sowas gekloppt hat, sondern es ging dagegen einfach nur was kaputt. Wir sind eigentlich relativ vorsichtig mit den Instrumenten, die wir haben, weil wir kein Bock haben, dass die Dinger kaputtgehen. Wir könnten es uns auf jeden Fall nicht leisten, alle dre Tourtermine neue Instrumente anschaffen zu müssen. Also klar, Drumsticks gehen schon so gefühlt zehn bei einem Konzert durch. Aber so was wie Gitarren und was das angeht, da sind wir dann doch relativ vorsichtig. Sieht dann vielleicht ein bisschen wilder aus, als es ist.

    Anna: Okay, das beruhigt mich etwas.

    Tilman: Also wir haben in dem einen Video zu „No Future? No Thanks!“, da haben wir tatsächlich mal Instrumente zerstört. Es war wirklich das erste Mal, dass wir das gemacht haben und so den Rockstar-Traum ausgelebt quasi. Aber normalerweise sind wir da eigentlich sehr verhalten, was das angeht und wollen, dass alles so bleibt.

    Anna: Aber fühlt sich das gut an, die zu zerstören auf der einen Seite oder denkt man sich „Scheiße, jetzt muss ich ein neues holen“?

    Tilman: Also es waren extra Sachen, die wir gekauft haben, damit die kaputt gehen können. Also wir haben wirklich für den Videodreh so für 100 € oder so was die Gitarren geholt oder weniger. Ich glaube so 60€.Auf jeden Fall war es irgendwie das Billigste, was es bei Ebay Kleinanzeigen gab und auch einigermaßen cool aussah. Wie sich das anfühlt, ist eigentlich mega lustig, weil sich das super schwer anfühlt. Es sieht immer so easy aus, dass einer mit einer Gitarre auf den Boden einkloppt, aber so einfach ist das gar nicht. Du musst da wirklich zehnmal rauf kloppen, bis irgendwas passiert. Die sind echt mega robust!

    Anna: Okay, dann lass uns mal ein bisschen über das neue Album reden, das ja Anfang September rauskommt. Und das wird „Crushed by the weight of the World“ heißen. Was können wir uns von dem Album erhoffen? Nach den ersten drei Singles, die jetzt schon raus sind.

    Tilman: Ich glaube, es wird das Album, wo wir ein bisschen spielerischer geworden sind. Es ist nicht mehr so geradlinig wie das vorherige. Und wir haben versucht, uns unseren Ideen noch mal ein bisschen mehr hinzugeben und denen mehr Raum zu lassen. Es gibt zum Beispiel ein paar mehr Synthesizer. Das wurde in den ersten Singles des neuen Albums ja auch schon so ein bisschen angedeutet, dass alles etwas gradliniger ist. Also das Album „Deuce ex Machina“ war halt wirklich so, dass wir da ins Studio gegangen sind, die Songs fertig gemacht haben und dann hat man nicht mehr viel Zeit damit verbracht. Oder wir hatten auch generell nur wenig Zeit, weil wir halt nicht so ein Budget hatten. Diesmal haben wir uns aber bewusst ein bisschen mehr Zeit genommen und irgendwie links und rechts noch ein paar Sachen ausprobiert. Ich glaube, das hört man dem Album auch an, dass es etwas durchdachter an der einen oder anderen Stelle ist.

    Anna: In den Songs merkt man auch, dass ihr thematisch sehr direkt da rangeht und sagt „hey, wir fühlen uns irgendwie komisch, aber es ist nicht mehr so dieses Teenage Angst Ding“. Ist das auch so das Thema, was sich durch das Album durchzieht oder kommen da noch andere Dinge auf?

    Tilman: Das ist durchaus das große Überthema, da es auch relativ pragmatisch mit dem Albumtitel zusammenhängt. Wir sagen es ganz deutlich mit dem „Crushed by The Weight Of The World“ Gefühl, also dass es so viele schreckliche Dinge gibt auf der ganzen Welt. Es können ja auch so kleine Tragödien sein, die nur für einen selber gelten. Da fragt man sich manchmal einfach selbst: Wie halte ich das alles noch aus? Wo ist der Ausweg bei dem Ganzen? Da gibt es wirklich viele Sachen, die da irgendwie mit reinspielen. Deshalb ist es auch ein bisschen dunkler geworden. Das Artwork ist auch komplett schwarz und weiß. Das war auch eine sehr bewusste Entscheidung. Die alten Alben waren da alle eher sehr bunt, kindisch und verspielt gestaltet.

    Anna: Bei welchem Song freust du dich am meisten, ihn jetzt auf Tour und auf Festivals live zu spielen?

    Tilman: Gute Frage. Ich glaube momentan ist das „Mercy Stroke“. Der macht richtig Spaß. Man merkt, die Leute haben ihn auch schon gehört und Bock, da mitzumachen. Aber ich mag auch „Daddy’s Boy“ sehr gerne. Der ist nämlich wirklich ein bisschen anders als unsere bisherigen Songs, würde ich sagen.

    Anna: Auf welche Weise anders?

    Tilman: Wir gehen nicht ganz so stark nach vorne, würde ich sagen. Also es ist auf jeden Fall nicht so eine schnelle Nummer, sondern ein bisschen langsamer, ein bisschen anders aufgeschrieben. Jetzt wird es spannend das live umzusetzen. Also wir haben ihn natürlich so geschrieben, dass wir den auch live spielen können. Und es gibt aber noch so ein paar Feinheiten, die wir gerne an dem live noch irgendwie verändern wollen würden. Ich würde da noch gerne ein weiteres Instrument mit hinzufügen. Also in meiner Vorstellung funktioniert es gut. Leider fehlt noch dieses eine Instrument, was ich mir leihen muss und dann kann es losgehen. Aber ich glaube auf der Tour spätestens wird das.

    Anna: Welches Instrument fehlt dir denn noch?

    Tilman: Ein Bass Synthesizer, der dafür gedacht ist, dass man ihn mit dem Fuß spielt. Also da hat man dann quasi so eine große weiße Klaviatur vor sich, die man halt wirklich mit den Füßen bedient. Und da kommen dann Bass Töne raus. In meinen Gedanken stelle ich mir das sehr cool vor!

    Anna: Ja, da bin ich gespannt, wie das dann live klingt. Dann lass uns doch noch kurz mal rüber zum Sziget Festival Kosmos wechseln – da spielt ihr ja als nächstes. Wart ihr oder warst du schon mal privat oder als Band in Budapest?

    Tilman: Also nicht auf dem Festival. Ich habe schon mal mit einer anderen Band auf so einem Boot gespielt. Ich bin aber sehr gespannt auf das Festival! Die ganze Band ist richtig heiß drauf.

    Anna: Worauf freust du dich da schon am meisten?

    Tilman: Wir hatten ja jetzt vor kurzem das erste andere große internationale Festival und ich finde, dass es so viel mehr Spaß macht, im Ausland auf Festivals zu gehen, als irgendwie zu Hause. Also da freuen wir uns auf jeden Fall schon mega drauf, dass wir in dem Umfeld von so vielen Künstler*innen unterwegs sein können und auch so ein paar echt gute Bands zu sehen bekommen. Leider bleibt nur meistens nicht so viel Zeit, sich selbst Bands anzuschauen, weil wir schon direkt zum nächsten Gig weiterfahren müssen – vor allem, wenn es etwas weiter weg ist. Also wir sind wahrscheinlich insgesamt drei Tage unterwegs mit allem.

    Anna: Das klingt auch echt nicht ohne! Aber trotzdem cool, dass ihr zumindest noch ein paar Konzerte mitnehmt. Kommen wir zur letzten Frage im Interview und das ist bei uns immer die Frage nach einer untold story!

    Tilman: Da fällt mir sogar direkt was ein! Das muss auch direkt in einer unserer ersten Festival Sommer gewesen sein. Es war glaube ich 2018 oder so. Wir haben auf dem „Jenseits von Millionen“ Festival in Fridland, irgendwo in Brandenburg gespielt. Es war schon relativ spät am Abend und wir hatten echt so einen ganz coolen Slot eigentlich. Wir hatten alle schon richtig Lust irgendwie, aber es war auch schon ein langer Tag, weil wir sehr lange gefahren sind. Dann hat sich jeder schon so sein erstes alkoholisches Kaltgetränk geholt und vielleicht auch noch ein zweites und drittes getrunken. Naja, auf jeden Fall waren dann alle recht hyped als wir gespielt haben. Irgendwann mitten im Set war ich ganz gut dabei und habe mich dann mehrfach um mich selbst gedreht, was ich so manchmal mache. Und irgendwann hatte ich aber keinen Boden mehr unter den Füßen. Ich hab es gar nicht mitgekriegt im ersten Moment. Und dann, eine Sekunde später, lag ich im Graben zwischen Bühne und Publikum und bin dann so ein bisschen benebelt wieder aufgewacht. Ich weiß gar nicht, ob ich da kurz benommen war oder nicht oder ob ich nur so runtergefallen bin und direkt wieder los. Ich lag dann da und hab mich gefragt: Wie bin ich denn hier gelandet? Irgendwie dachte ich in dem Moment nur, ich muss sofort weiterspielen. Ich muss sofort wieder auf die Bühne. Der Song ist noch nicht zu Ende. Das muss weitergehen. Und dann bin ich auf die Bühne und hab schnell versucht, den Song zu Ende zu spielen. So gegen Ende des Set ging es mir langsam durch meinen Kopf, was gerade passiert ist. Als wir dann danach zusammengebaut haben, habe ich mir das mal angeguckt und ich hatte echt ein mega Glück gehabt, dass ich da nicht irgendwo drauf gefallen bin. Das waren wirklich nur so ein paar Abstufungen. Direkt daneben war irgendwie noch der Ständer für so eine Lichtanlage oder sowas. Das war halt wirklich so eine riesige Schraube, die war einen Meter hoch und ich bin so ganz knapp daneben gelandet. Ja, das war auf jeden Fall Glück im Unglück, würde ich sagen. Aber schon immer wieder crazy, wenn ich drüber nachdenke.

    Anna: Klingt auf jeden Fall so! Da sind wir alle froh, dass du an die richtige Stelle gefallen bist und nicht diese Schraube mitgenommen hast. Danke trotzdem, dass du die Geschichte geteilt hast und danke für das Interview!

    Tilman: Gerne doch, hat mich auch gefreut. Mach’s gut!

    Das Album „Crushed by the Weight of the World“ kommt zwar erst am 02. September raus, hier könnt ihr euch aber schonmal ordentlich einstimmen und die bisher veröffentlichten Songs von Pabst pumpen:

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    Fotocredit: Roberto Brundo