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  • Soft Drug im Interview: „Wir waren auf der Suche nach einer komplett neuen Vision für uns“

    Soft Drug im Interview: „Wir waren auf der Suche nach einer komplett neuen Vision für uns“

    Das Berliner Trio Soft Drug hat mir gleich mit ihrer ersten Single Same einen wochenlangen Ohrwurm verpasst. Seit dem hab ich mich auf ihre erste EP gefreut und nun ist sie endlich da! Zu diesem Anlass hab ich mit den drei Jungs über ihre Musik gequatsch. Über Gender-Rollen, Realitätsflucht, Herausforderungen beim Musik schreiben und Inspirationen. Aber lest und hört am besten selbst. Viel Spaß!

    Franzi: Hey ihr Drei, das Allerwichtigste vorweg: Happy Release!! Wie geht es euch? Wie fühlt es sich an, jetzt wo ihr eure erste EP Easy endlich mit der Welt teilen könnt?


    Soft Drug: Hey, danke dir!! Wir freuen uns natürlich riesig und sind unglaublich happy endlich aus dem Studio damit hinaus zu dürfen. Es war zwar für uns eine sehr lange Entwicklung und Reise, um an diesen Punkt zu kommen, wo wir jetzt sind und das Ergebnis mit dieser EP zu teilen ist richtig schön!

    Franzi: Für alle, die euch bisher noch nicht auf dem Radar hatten, wollt ihr euch noch einmal kurz vorstellen und uns erzählen, wie ihr zu Soft Drug zusammengekommen seid?


    Soft Drug: Wir sind Soft Drug, machen Alternative Pop mit RnB Einflüssen und uns gibt es jetzt seit diesem bzw. letzten Jahr. Wir haben zu dritt früher schon in einer bzw. mehreren Bands zusammen gespielt und sind auch zusammen aufgewachsen. Als Freunde und als Brüder. Da teilt man so viel miteinander, dass wir unserer Musik und der Band einen neuen Anstrich verpasst konnten, ohne unser beständiges Bonding zu verlieren.

    Franzi: Same war die erste Singleauskopplung eurer EP, deren Videopremiere wir hier schon mit euch feiern durften. Was war der Grund, dass Same eure erste Veröffentlichung wird?


    Soft Drug: Wir wollten einen starken Opener als erste Single haben und die Melodie von Same ist uns selbst oft nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Zudem bringt er viele Vibes aus der EP zusammen und hat sich aus einer spontan zusammengestellten EP-Reihenfolge heraus als super Starter entpuppt.

    Franzi: In euren Songs verarbeitet ihr auch wichtige gesellschaftliche Themen, wie z.B. in Female, in dem ihr die Weiblichkeit zelebriert und aller Homophobie und Abwertung von weiblichen Zügen ein großes „Fuck You“ entgegensetzt. In dieselbe Kerbe, aber aus einer anderen Perspektive, schlägt der Song Man Up. Wie leicht oder schwer fällt es euch, solche sensiblen Themen in euren Songs zu verhandeln?


    Soft Drug: Die Texte zu schreiben ist uns leicht gefallen, da alles aus einem klaren Gefühl heraus kam. Damit an die Öffentlichkeit zu gehen war dagegen schon etwas schwieriger. Wir wollen zwar anecken, aber natürlich vor allem bei Menschen auf die wir eh keinen Bock haben. Sexualität und Gender-Rollen ist für viele Menschen ein sehr persönliches und sensibles Thema, bei dem ein Pop Song zu kurz gedacht wirken kann. Wir finden aber auch, dass darin ein großes Potenzial liegt und wir gerne unsere Beitrag dazu leisten wollen. Es gibt noch zu wenige Cis-Männer, die sich zu diesen Themen positionieren. Deswegen fühlen wir uns inzwischen sehr wohl in der Rolle und freuen uns über jeden Dialog, den wir damit anstoßen.

    Franzi: Ihr streut auf eurem Instagram Kanal und in euren Artworks auch immer mal ein paar Hints zu Frank Ocean ein. Auch das Cover zu Man Up ist eine kleine Hommage an nostalgia, ULTRA oder? Also einmal Hand auf‘s Herz bitte: wie große Fanboys seid ihr? Und aus was schöpft ihr noch eure Inspiration?


    Soft Drug: Haha, das mit dem Cover ist wirklich ein großer Zufall. Wir hatten schon das Cover für Same von Thomas Pirot, einem Fotograf aus Mainz, ausgewählt und wollten für andere Cover auch Bilder von ihm verwenden. Und das war einfach das passende zu dem Song. Thomas selbst ist aber auch schon die Ähnlichkeit zu Frank Ocean aufgefallen.
    Wir stehen einfach auf Verletzlichkeit, sei es in Musik oder in Texten. Es ist insgesamt als Thema noch nicht so populär, wie wir uns das wünschen würden und Frank Ocean deckt da sehr viel ab. We love him. Wir ziehen aber aus sehr viel verschiedener Musik unsere Inspiration. Sei es Produktionen von Timbaland oder Hudson Mohawke, Bands wie Glass Animals und Portugal. The Man sowieso. Und dann lassen wir uns jeweils auf sehr unterschiedliche Eindrücke ein. Das ist auch wichtig, um sich gegenseitig zu überraschen oder zu fordern.

    Franzi: Ihr seid vor knapp zwei Wochen auf dem Great Escape Festival in England aufgetreten. Das war euer erster Festivalauftritt oder? Und wie hat es sich angefühlt, wieder zurück in der UK zu sein, nachdem ihr auch eine Weile in Manchester gelebt habt?


    Soft Drug: Das war unser erster Festivalauftritt und unsere zweite Show überhaupt. Es war wunderschön dort zu sein. Auch wenn jetzt leider ganz andere Zollauflagen sind als damals und die Hinfahrt fast aufregender war als unser Gig, haha.
    Wir waren zum ersten Mal in Brighton, was ungefähr 10x posher und doppelt so teuer ist wie Manchester. Aber dafür war es ein super schönes Festivalfeeling mit echt tollen Leuten und Acts. Es war wie ein kleiner Bandurlaub. Und das British English hat uns auch wieder sehr in die Manchester-Zeit befördert.

    Franzi: Apropos Festivals: in dem Track Dizzy redet ihr von Coachella und der Thematik rund um Eskapismus und Flucht aus dem Alltag. Wart ihr selbst schonmal dizzy auf dem Coachella unterwegs? Und was bedeutet für euch Realitätsflucht?


    Soft Drug: Für uns ist unsere Band die größte Realitätsflucht. Es gibt wohl keine Droge, die so allumfassend das bietet, was Musik machen, schreiben, singen, auf Tour gehen und Konzerte geben mit uns macht. Wir brauchen eher zwischendurch Anker, um wieder in der Realität anzukommen, aber grundsätzlich würde uns das reichen, um in keinem klassischen Alltagsleben zu versinken. Wir waren zwar noch nicht dizzy auf dem Coachella, aber immerhin betrunken auf dem Melt! Festival. Das kommt doch schon fast ran 😉

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    Franzi: Eure EP trägt den Namen Easy, ich kann mir trotzdem vorstellen, dass dabei trotzdem nicht immer alles so einfach abgelaufen ist. Wollt ihr uns ein bisschen mit hinter die Kulissen schauen lassen? Gab es irgendwelche besonderen Herausforderungen bei eurer Arbeit an der EP? Und was nehmt ihr vielleicht daraus für eure nächste Platte mit?


    Soft Drug: Die größte Herausforderung war, dass wir alles über den Haufen geworfen haben. Es gab nichts, wo wir einfach gesagt haben, dieser Part von unserer Band ist gut so. Das bleibt. Alles wurde mehrmals umgedreht, ausprobiert, wir waren auf der Suche nach einer komplett neuen Vision für uns. Und da sind wir zwischenzeitlich fast verrückt geworden, weil wir nicht mehr wussten, woran wir uns eigentlich halten sollen. Diese Fragen haben wir uns Schritt für Schritt beantwortet, haben uns aber auch oft im Kreis gedreht. Nach gefühlt zwei geschriebenen Alben (die Songanzahl könnte tatsächlich hinhauen), sind wir bei den letzten Versionen gelandet, die es jetzt auf die EP geschafft haben und mit denen wir richtig glücklich sind. Von hier an weiterzuarbeiten wird auf jeden Fall sehr viel Spaß machen und auch leichter bzw „easier“.

    Franzi: Auch wenn in jedem eurer Songs viel Liebe und Mühe steckt, habt ihr trotzdem einen heimlichen persönlichen Favoriten?


    Soft Drug: Wir mögen tatsächlich alle, wir haben eher gemerkt, dass ihre Funktion eine unterschiedliche ist. Man Up z.B. ist jetzt nicht der easy Summer Song, der mal so eben nebenbei läuft, dafür ist er eine richtige Wucht live und macht super Bock ihn zu performen. Bei Female waren wir vor allem glücklich wie er sich über die Jahre als Song entwickelt hat und sogar noch in den letzten Stufen des Mixing und Mastering gewachsen ist. Dadurch haben wir ihn nicht nur durch seine Message besonders ins Herz geschlossen.


    Franzi: Bei uns ist die letzte Frage keine Frage, sondern Platz für eure untold story. Habt ihr eine Anekdote, Geschichte, Fun Fact oder etwas anderes, was ihr gerne noch an dieser Stelle teilen möchtet?


    Soft Drug: Wir haben mit unserer früheren Band Glass Animals und Khruangbin supportet, von denen wir seither große Fans sind. Das war natürlich noch bevor sie so bekannt waren wie heute. Jetzt gibt es das niedrigschwellige Ziel, das mit Soft Drug einfach noch mal zu schaffen, haha. Mal schauen wie lange es dauert. 😉

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    Foto: Alessandra Fochesato

  • Leoniden im Interview: „Sich still zulächeln und die Getriebenheit nicht verteufeln“

    Wenn man mich fragt, wer meine Lieblingsband ist, gibt es schon seit mehreren Jahren nur eine Antwort. Wie aus der Pistole geschossen erkläre ich sofort: die Leoniden. Selbst ein passendes Tattoo hat es mittlerweile schon auf meine Haut geschafft. Deshalb freue ich mich umso mehr mit einem Teil der Band über ihre neue Single „Smile“ zu sprechen. Irgendwo zwischen 2000er Indie und dem klassischen DIY Leoniden Sound siedelt sich das neue Release an und hat mich damit von Sekunde eins gecatcht.

    Es ist nicht das erste Mal und wird auch sicher nicht das letzte Mal sein, dass wir die sympathische Truppe auf ein Pläuschchen zu uns einladen. Dieses Mal haben wir über die Liebe zur live-Musik, den neuen Song und das Künstler*innen Dasein in politisch stürmischen Zeiten gequatscht. Wer einen ganz besonderen Fact zu ihrem neuen Release hören möchte, sollte kein (Achtung schlechtes Wortspiel) Quacksalber (Auflösung gibt es später) sein und auf jeden Fall bis zum Ende dranbleiben! 🙂

    Auf unserem Instagram-Kanal gibt es für alle Interessierten außerdem noch bis zum 27.05.22 die Chance die Single als 7″ inch Vinyl zu gewinnen :))

    Leoniden im Interview

    Paula: Hey ihr Beiden.  Schön, dass es jetzt klappt! Wie geht es euch so kurz vor dem Release und nach den ersten Shows, die ihr endlich wieder spielen durftet ?

    Lennart: Sehr gut geht es uns!

    Jakob: Uns geht es echt gut! Die Kampagne zu „Complex Happenings“ hat ja schon 2020 mit „L.O.V.E.“ gestartet und eigentlich wollten wir dazu immer eine Tour spielen aber bis nach dem Release hat es leider nie wirklich geklappt. Jetzt waren wir auf Tour und das macht das Puzzle endlich vollständig. Irgendwie fühlt es sich jetzt endlich zusammenhängend an. Wir haben zwei Jahre darauf gewartet Songs, die wir released haben, in einem Club-Setting live zu spielen und das ist super erlösend und diese ganzen guten Gefühle aus 2019 sind endlich wieder da.

    Lennart: Für uns gehört schon zu jedem Album auch eine ausgiebige Tour und das planen wir eigentlich auch immer im Vorfeld so, dass Album und Tour sinnvoll miteinander verbunden werden können und darauf haben wir jetzt ganz schön lange warten müssen. Das hat ja auch viel Chaos angerichtet in dem ganzen Releaseprozess.

    Jakob: Ja auch in der ganzen Musikwelt eigentlich. Wir sind ja auch nicht exklusiv von der Pandemie betroffen. Umso schöner war es jedoch, dass wir relativ direkt nach dem „Complex Happenings“ Release wieder angefangen haben, neue Musik aufzunehmen. Dieses Mal haben wir das Studio zu uns in den Proberaum geholt und konnten während des Schreibens schon direkt etwas aufnehmen. Und jetzt fühlt es sich echt gut an, einfach einen Song rauszubringen, ohne Release-Kampagne. Ich mag den Song echt und freue mich da jetzt richtig drauf.

    Single-Cover zu „Smile“

    Der Song heißt „Smile“ – gibt es etwas, dass euch am heutigen Tag schon zum Lächeln gebracht habt?

    Lennart: Klar!

    Jakob: Ja einiges.

    Lennart: Als wir heute morgen in unseren Proberaum gekommen sind, stand zum Beispiel Magnus Wichmann hier.

    Jakob: Das ist unser Homie und Producer, der gerade nebenan saugt. Danke Magnus!

    Ja cool. Ihr habt den Song ja kreiert und wisst natürlich am Besten von was er handelt. Beschreibt doch mal in euren eigenen Worten, um was es bei „Smile“ geht.

    Jakob: Ich würde sagen bei „Smile“ geht es ein bisschen darum, dass man dem manischen Wahn, in dem man sein kann, auch immer mal wieder entkommen muss, indem man innehält und aussteigt. So fällt einem manchmal auch auf, wie man sich mit einem falschen Wohlgefühl in so etwas hinein legt. Dann realisiert man wie es zum Küntsler*innen Dasein auch dazugehören muss, mal zu Reflektieren und ehrlich zu sich zu sein. Natürlich soll es aber auch keine Ode an das alt und langsam werden sein!

    Lennart: Ne, null! Es geht eher darum, dass man dieses Getrieben sein auch mal ein bisschen hinterfragt oder zumindest mal richtig einordnet, indem man auch mal kurz nach rechts und links und vorne und hinten guckt und sich nicht immer in einen Aktionismus flüchtet.

    Jakob: Ja. Ein Teil des Songs ist aber auf jeden Fall auch, dass man nicht mit sich selbst so hart ins Gericht geht. Der Song heißt ja auch „Smile“ und nicht Cry. Es geht darum sich still zuzulächeln und die Getriebenheit nicht zu verteufeln.

    Total Spannend! Ich finde das eine Reflexion der eigenen Lebensumstände aber auch oft mit einer Versöhnung mit sich selbst zusammenhängt.

    Jakob: Genau das ist der Punkt. Das man den Frieden bewahrt und vor allem annehmen kann.

    „Smile“ geht nochmal in eine ganz neue Richtung

    Euer neues Album war genremäßig ja eher experimentell und neu im Vergleich zu den Alben davor – dieser Song ähnelt musikalisch aber nun wieder früheren Releases – war das eine bewusste Entscheidung?

    Jakob: Ich kann mir vorstellen, dass bei dem Song ganz viele Menschen unterschiedliche Dinge sagen würden. Ich wüsste nicht mal ob Lennart und ich die gleichen Sachen sagen würden. Für mich ist der Song schon nochmal ein Schritt ganz woanders hin, wo wir vorher so noch nicht waren.

    Lennart: Ich kann das manchmal gar nicht so auseinanderhalten. Ich würde die Alben vor allem immer an der Art und Weise wie sie aufgenommen sind und wie sie klingen unterscheiden.

    Jakob: Gut, dann ist es aber neues Terrain.

    Lennart: Ja genau. Aber auch die Art und Weise wie er geschrieben ist, erinnert mich nicht so stark an unsere früheren Alben.

    Jakob: Aber woran machst du das denn fest? Siehst du einen konkreten Nachbar zu „Smile“ auf unseren früheren Alben?

    Das ist super schwer zu sagen. Ich glaube es geht mir mehr um den generellen Vibe des Songs. Als ich „Complex Happenings“ zum ersten Mal gehört habe, war das zum Beispiel komplett neu für mich aber bei Smile habe ich einen wiedererkennbaren Leoniden-Sound rausgehört.

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    Jakob: Ist das jetzt gut oder schlecht?

    Das ist auf jeden Fall gut! Da kommen schöne Nostalgie-Gefühle hoch und der macht echt gute Laune.

    Jakob: Ja cool. Was ich auf jeden Fall unterschreiben würde, ist das „Smile“ sich auch sehr ehrlich an Musik orientiert, die wir früher auch viel selbst gehört haben. Ich höre da schon auf viel 2000er Indie raus. Aber ey ich bin mir sowieso sicher – es gibt mehr Meinungen zu dem Song als Menschen! Ich bin gespannt, was wir da noch so hören werden.

    Ja klar! Jeder hört Musik ja auch anders und hat andere Einflüsse.

    Emotionen beeinflussen die Musik, die man kreiert

    Unsere Gesellschaft befindet sich zur Zeit ja in sehr stürmischen und turbulenten Zeiten, wie fühlt es sich in dieser Zeit an Musik zu releasen, aber vielleicht auch Musik zu kreieren? Ist euer Dasein als Musiker für euch hier eine willkommene Ablenkung oder dient die Musik hier vielleicht eher auch als ein Mittel sich geladenen Themen von einer neuen Seite zu nähern und sie vielleicht auch zu verarbeiten?

    Jakob: Total Beides. Es gibt logischerweise zwei unterschiedliche Themen, die sich gerade in unterschiedlicher Weise auf die Frage „Wie wohl fühle ich mich in meiner Rolle als Musiker“ auswirken. Da ist auf der einen Seite die Pandemie, die echt richtig reingeschlagen hat. Das was man so gerne tut und das was man als ein so großes Privileg begriffen hat, wurde auf einmal sehr viel blasser und man wusste nicht so richtig wie es weiter geht. Seit der Tour wissen wir aber, es geht zum Glück genauso weiter wie es aufgehört hat. Und der Krieg in der Ukraine zeigt einem dann nochmal sehr deutlich, was für ein privilegiertes Luxusleben wir eigentlich haben.

    Ja, das auf jeden Fall. Was ich mich jetzt aber frage ist, ob ihr diese ganzen Themen und Krisen mit in die Musik nehmt? Oder trennt das eher ab?

    Lennart: Die Musik, die wir machen und die wir schreiben, ist zu 100 Prozent von dem was wir aufnehmen und was uns beeinflusst geprägt. Und zwar von hinten bis vorne. Wir schreiben ja keine Auftragsmusik – also machen nicht Musik für Leute, die etwas bestellen, was dann eben nach bestimmte Vorgaben erstellt wird.

    Jakob: Wir gucken halt auch nicht die Tagesschau um inhaltlich inspiriert zu sein und dann ein Album darüber zu schreiben, was die letzten Monate passiert ist. Bei uns ist es vermutlich eher so, dass die Krisen auf der Welt uns entweder dazu bringen explizit fröhliche Musik zu Schreiben und was Schönes zu hinterlassen oder dass man sagt – ey das hat mich jetzt total umgehauen. Der Weltschmerz ist richtig real heute – Wir müssen was trauriges schreiben. Wir glauben auch dass unsere politische Kraft eher darin besteht in unseren Songs auf Probleme aufmerksam zu machen, sie aber nicht in 3:30 min und 16 Zeilen zu lösen. Das wäre glaube ich ganz schön arrogant, wenn man glaubt man könnte das. 

    Lennart: Ein Lied mit zwei Strophen ist auch das falsche Medium um so komplexe Themen zu erklären. Aber es geht in unseren Songs natürlich um Gefühle und Einflüsse, die den ganzen Tag auf uns einprasseln. Und wir verarbeiten sie dann peux a peux in Musik.

    Ich finde es eine total spannende Frage, wie man äußere Umstände seinen Alltag beeinflussen lässt.. Und in eurem Fall ist ja nunmal das Kreieren von Musik euer Alltag.

    Lennart: Ich glaube alle Leute, die Kunst machen, bringen das irgendwie in ihre Kunst auch ein.

    Jakob: Ja ich glaube das macht auch die meiste Kunst, die uns umgibt. Wir sind ja alle eher umgeben von konkreter und weniger abstrakter Kunst. Dahin zieht es Einen ja auch. Zu authentischen Gefühlen und Verarbeitungen, wie auch immer diese dann bei unterschiedlichen Menschen aussehen. Es würde Einen ja glaube ich sonst gar nicht so abholen. Aber es ist wirklich zwischen – „ich bin todtraurig ich will einen Song drüber schreiben“ und ey ich habe einfach das erste At the Drive-In Album gehört – es ist so unfassbar geil – wollen wir mal probieren einfach einen Punksong zu schreiben. Auch das kann passieren und das sind auch die Freiheitsgrade, die wir uns auf jeden Fall bewahren wollen. Wir wollen nicht sagen, wir schreiben jetzt nur noch über Beziehungen oder nur noch über Politik. Das wäre ja wie zu sagen, ich rede mit Lennart nur noch über eine Sache. 

    Leoniden-Konzerte sind Club-Konzerte

    Das stimmt natürlich! Aber von hier nun mal zu den ersten paar Konzerten, die ihr nach Corona wieder im altbekannten Setting spielen konntet. Was war bisher der schönste Moment?

    Lennart: Es ist jeden Abend der schönste Moment, wenn die Leute anfangen mitzusingen. Das ist halt total heftig das wieder mitzuerleben. Wir habe letztes Jahr einige der corona-konformen Konzert gespielt, wo die Leute weit auseinander gesessen haben und da merkt man jetzt doch schon den Unterschied. Man kann natürlich auch im Sitzen mitsingen, aber jetzt ist es einfach eine ganz andere Energie und eine ganz andere Stimmung, wenn die Leute wirklich vor der Bühne stehen, tanzen und dann bestimmte Songs kommen, wo mitgesungen wird, sowie das vor zwei bis drei Jahren der Fall war. Da wieder reingeworfen zu werden, war für mich der schönste Moment. Und auch zu sehen, dass das nicht einmalig, sondern jeden Abend wenn wir auf die Bühne gehen passiert. Dass es halt einfach geile Konzerte sind.

    Jakob: Ja es ist auch erst jetzt wieder was wirklich richtig Besonderes.

    Lennart: Auch wenn man als Band wahrscheinlich nie sagen sollte irgendwas ist schlecht, sind Sitzkonzerte glaube ich auch einfach nichts für unsere Band. Das haben wir letztes Jahr mal ausprobiert und es waren unter diesen Umständen auch tolle Konzerte. Es war toll, dass wir überhaupt auf die Bühne konnten und da war ja auch ein Bedürfnis auf beiden Seiten. Aber ich würde es glaube ich nicht nochmal machen. Da sollten wir alle ehrlich zu uns sein. Es gibt Bands zu denen passt das und es gibt Bands, zu denen passt halt einfach ein Club-Konzert und bei uns ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht.

    Ja das kann ich nachvollziehen. Ich war 2019 ja auch bei ein paar Shows von euch und das ist schon immer sehr besonders.

    Jakob: Wo warst du dabei?

    In Kassel, Nimwegen, beim Reeperbahnfestival und beim Sound of the Forest.

    Lennart: Ja das waren coole Konzerte.

    Jakob: Sound of the Forest war geil und spät, das weiß ich noch.

    Ja stimmt, ihr habt als letzter Act glaube ich nach Bilderbuch gespielt. Bei euch merkt man auch echt, dass eure Band ja quasi von Live-Auftritten lebt – ich habe das Gefühl, dass ihr darin unglaublich aufgeht und auch Energie daraus schöpft

    Lennart: Ja das ist der Antrieb von dieser Band.

    Jakob: Was ich krass finde, ist dass diese ganzen „Nicht-Pandemie“ Konzerte, die jetzt gerade stattfinden, auf Instagram auch gefühlt alle gleich aussehen. Überall sieht man Wall of Deaths, alle stagediven. Wir sind jetzt natürlich ein bisschen in einer Rolle, wo man als Autoverkäufer seine eigenen Autos bewerben muss, aber bei uns passieren irgendwie Sachen, die auf anderen Konzerten nicht passieren. Und das liegt auch echt viel am Publikum und den Leuten, die manchmal auch einfach die Shows komplett übernehmen.

    Lennart: Manchmal spielen wir zwar das Konzert, aber die Regie hat eigentlich jemand ganz anderes. Das ist ein Hochgeschaukel und es sind auf jeden Fall, die Leute, die unsere Konzerte zu etwas besonderem machen.

    Wie nice, wenn das aber auch so organisch ineinander übergeht und Band und Publikum werden zu einer großen Masse.

    Jakob: Ja es ist genau das! Nur so drüber zu reden, fühlt sich manchmal ein bisschen komisch an. Das könnte vielleicht ein bisschen arrogant rüber kommen, soll es aber echt nicht! Kommt einfach vorbei! 🙂

    Lennart: Ja die Magic muss man auch einfach mal für sich selbst erleben; das kann man gar nicht so gut beschreiben.

    Ich bin mir sicher, dass vieler unsere Leser*innen euch auch schonmal live gesehen haben und die oben genannten Punkte gut nachvollziehen können! 

    Konzert-Empfehlungen sind immer gut!

    Aber abgesehen  von euch selbst – was sind eure TOP 3 Acts, die man live mal gesehen haben muss?

    Jakob: Pabst ohne Frage; wenn man sich Zouj live angeguckt hat, ist alles vorbei, bei Philine Sonny würde ich auf jeden Fall richtig weinen. Es sollten nur drei werden oder?

    Wenn du möchtest auch gerne mehr 🙂

    Jakob: Blush Always – endlich gibt es wieder richtig laute gute alternative Musik.

    Lennart: Ich habe jetzt überlegt, was für mich die größten Konzerte waren in den letzten 5 bis 10 Jahren. Ich werde zum Beispiel Bilderbuch und Mojo nie vergessen. Das war wirklich unglaublich. Ich habe mal mit Djamin Faber in der großen Freiheit gesehen und dachte mir erstmal nichts dabei. Und die Leute sind halt total ausgerastet. Da erinnere ich mich immer gerne dran. Ich bin aber auch großer Fan von Turnstile und freue mich, dass so eine Band mit dieser Musik gerade wieder so riesengroß geworden ist und dass das so eine Renaissance hat. Die haben wir auch 2019 zweimal live gesehen auf Festivals und das war irgendwie total witzig. Auf der einen Seite hat Dendemann gespielt und auf der anderen Seite Turnstile. Das ist zum Beispiel auch eine Band, für die ich schon seit nem Jahr ein Ticket aufhebe.

    Jakob: Alle die nah an Großstädten wohnen wissen das schon lange und wir hinken da ein bisschen hinterher, aber Idles ist auch eine heftige Liveband. Pom Poko ist noch mein Geheimtipp. So… reicht jetzt auch. 

    Das ist schnell ausgeartet. Aber ey, gute Konzerttipps gibt es doch nie genug!

    Jakob: Ja, das ist aber auch ein Thema über das ich Stunden reden könnte!

    Das holen wir ein anderes Mal nach! Für heute kommen wir aber schon zum Ende und meine letzte Frage ist, ob ihr mir noch eine untold story erzählen könnt, die ihr vorher noch nie in einem Interview erwähnt habt? Ich bin gespannt!

    Lennart: Hmmm.. wir könnten über das „besondere“ Geräusch am Ende von „Smile“ reden…

    Jakob: Welches Geräusch?

    Lennart: Die Ente.

    Jakob: JAAAAAA… Die Ente stimmt. Wir haben zwei Songs aufgenommen und bei Beiden gibt es im Song-Finale den „Dissapearing Duck“ Sound. Warte ich zeige ihn dir kurz, dann hast du den Sound auch und wirst ihn dein Leben lang nicht mehr los. (holt sein Handy raus) Das ist auch echt ein starkes Video muss man sagen. Aber ja hört mal genau hin und dann hört man am Ende so ein quack.

    https://youtu.be/rYAJB7Ddbi0
    Für alle, die nun auch von der quackenden Ente in den Schlaf verfolgt werden wollen <3

    Ich bin gespannt! Dann höre ich da nochmal rein. Vielen Dank für diesen Fact und das schöne Interview.

    Jakob: Danke dir und bis bald! See you!

    Lennart: Danke, Tschüss!

    Und wer sich von diesem ominösen Entengeräusch nun selbst überzeugen will, hört am besten direkt rein in die neue Single! 🙂

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  • Mavi Phoenix im Interview: „»Marlon« ist frech, erfinderisch aber trotzdem irgendwie klassisch“

    Mavi Phoenix im Interview: „»Marlon« ist frech, erfinderisch aber trotzdem irgendwie klassisch“

    Marlon ist nicht nur Mavi Phoenix‘ bürgerlicher Name, sondern nun auch der Titel seines zweiten Studioalbums. Passend zum Release, durfte ich (Lara) mit Marlon, über Marlon sprechen, was am 25.02.2022 erschienen ist.

    Musikalisch bewegt sich Mavi Phoenix zwischen Lo-Fi-Pop, Trap und modernem R&B. Ausserdem finden sich auf seinem neuesten Release Gitarrensounds wieder. Nach dem Coming Out als Transmann und der Veröffentlichung seines Debütalbums „Boys Toys“ verabschiedete sich Marlon Nader 2020 von Social Media, nahm eine Auszeit und widmete sich seiner persönlichen sowie musikalischen Transition.

    In wie fern Mavi Phoenix seinen neuen Gitarrensound seinem Vater zu verdanken hat, wie der Albumprozess bei Marlon ablief und was seine persönlichen Lieblinge der Platte sind, könnt ihr jetzt hier im Interview lesen.


    Interview mit Mavi Phoenix

    Lara: Hallo Marlon, schön dass das geklappt hat. Du steckst ja aktuell mitten in der Promophase. Zum Einstieg frage ich dich erstmal, was du heute schon so gemacht hast.

    Mavi Phoenix: Ich war heute tatsächlich schon bei einem Interview, mal wieder Face to Face, in einem Cafe, für ein österreichisches Magazin. 

    Lara: Face to Face ist ja auch mal wieder ganz nice. Wie geht es dir? In 2 Wochen ist es soweit, dann kommt dein zweites Album Marlon raus. Wie geht es dir, so kurz vor dem Release? 

    Mavi Phoenix: Ja eigentlich ganz gut! Ich freue mich echt mega auf’s Album und ich realisiere auch gerade eigentlich erst, dass es bald wirklich rauskommt. Ich freue mich einfach wirklich sehr und auch, dass es danach dann auch endlich weitergehen kann.

    Lara: Das kann ich gut nachvollziehen. Unterscheidet sich der Release von Marlon zu dem von Boystoys? 

    Mavi Phoenix: Ich glaube, ich bin tatsächlich ein bisschen entspannter. Wahrscheinlich auch, weil ich voll an das Album glaube. Ich habe das Gefühl, dass es ein gutes Album geworden ist und freue mich einfach. Natürlich ist mir auch voll wichtig, was die Leute dann damit machen und wie sie es finden, aber ich bin da ziemlich gefestigt und denke schon, dass es den Leuten gefallen wird. Hoffentlich.(lacht)

    Lara: Also ich hab natürlich schon mal etwas reingehört und ich bin mir ziemlich sicher, dass es den Leuten gefallen wird. Weisst du schon, wie du den Release feiern wirst? 

    Mavi Phoenix: Jaa, ich werde in Berlin tatsächlich meine erste Releaseparty überhaupt machen! Beim letzten Album war da ja der erste Lockdown und da kam dann leider nichts zu Stande. Jetzt ist es natürlich auch irgendwie blöd mit Corona, aber wir werden dann hoffentlich mit 2G+ vielleicht auch mal ein Bisschen den Release feiern können.

    Lara: Nice, muss ja auch mal wieder sein. Jetzt back zum Album; wie lief der Albumprozess ab und wann hast du angefangen, die ersten Songs für Marlon zu schreiben?

    Mavi Phoenix: Bei mir ist es eigentlich so, dass ich ständig schreibe. Es ist nicht so, dass ich mir denke „jetzt habe ich das eine Album fertig und jetzt mache ich eine Pause“ sondern ich mache das natürlich voll gerne und es hat für mich auch irgendwie etwas therapierendes dabei. Ich brauche das Musik machen auch einfach irgendwie und deshalb mache ich echt ständig Musik. Nach Boystoys gab es dann ein paar Monate in denen ich auch Musik gemacht habe, aber davon ist dann zum Beispiel auch nichts auf dem Album gelandet. Da war ich dann auch kind of in einer Findungsphase um zu schauen, was mir überhaupt gefällt, zu schauen was ich in Zukunft machen möchte und um mich auszuprobieren.

    Irgendwann hat es klick gemacht

    Dann ist es aber auch eigentlich ganz schnell gegangen! Ich habe meine Gitarre gepackt, neu herumexperimentiert und auch wieder selbst produziert. Dazu hat sich auch noch meine Stimme verändert und dann hat einfach alles voll schön zusammengepasst! Richtig entstanden ist das ganze Album dann also zwischen Sommer 2020 bis Sommer 2021.

    Irgendwann hat es dann wie klick gemacht. Ich muss dazu sagen, dass ich zu der Zeit auch von den Demos her einen echt krassen Output hatte. Wir haben auch sicher die Hälfte der Songs weggehauen, die dann nicht aufs Album gepasst haben. Es war dann auf jeden Fall genug Output dabei, dass es für ein Album gereicht hat (lacht).

    Lara: Ja, verstehe ich auf jeden Fall voll. Next Question: Du hast einige unterschiedliche Sounds auf Marlon, unter anderem die Gitarre. Gitarren waren ja vorher nicht so typical Mavi Phoenix. Wie kam es dazu?

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    Albumcover Boys Toys

    Mavi Phoenix: Ja true! Auf Boys Toys gibt es den Song Family, da habe ich das erste mal Gitarren etwas in meine Musik einfliessen lassen. Also da gab es schon so erste Anzeichen dafür, dass, es mich reizen würde, aber dann bei dem Album Marlon habe ich es dann tatsächlich so als mein neues Instrument entdeckt.

    Lara: Ich finde auch, dass es auf jeden Fall stimmig ist und total gut zu allem passt. Was hat dich denn letztendlich zur Gitarre gebracht?

    Mavi Phoenix: Es war so, dass mein Papa mir die Gitarre geschenkt hat, als ich 15 war. Die steht auch tatsächlich gerade neben mir! Die ist eigentlich wirklich Jahrelang in Linz in meinem Elternhaus verstaubt. Irgendwann habe ich die dann einfach mal hergeholt. Durch die Hormontherapie habe ich dann auch gemerkt, dass sich die Stimme verändert und ich die Töne die ich vorher erreicht habe, jetzt nicht mehr erreichen kann. Und irgendwie hat die Gitarre für mich dann so etwas neues aufgetan, auch beim Musik schreiben.
    Ich schreibe ja wirklich schon lange Musik, aber irgendwie hatte ich dann durch die Gitarre plötzlich auch einen ganz anderen Blickwinkel gesehen, weil du mit der Gitarre eben auf ganz andere Melodien kommst. Das hat mir was das Album betrifft echt einige Türen geöffnet und das Album zeigt glaube ich, auch einfach voll dieser Moment, als ich die Gitarre und dadurch auch mich neu entdeckt habe.
    Deswegen klingt es glaube ich auch glaube ich so fresh, im Sinne von innocent und neu an.

    Lara: Was für eine schöne Story dahinter! 

    Mavi Phoenix: Jaa, vor allem wollte ich früher auch die in den Gitarrenunterricht gehen! (lacht)

    Lara: Das fühle ich.  Jetzt zur nächsten Frage: Hast du einen Lieblingstrack auf dem Album?

    Mavi Phoenix: Boah, schwer zu sagen. Natürlich mag ich eh alle Tracks, aber meine aktuellen Favoriten sind aber glaube ich trotzdem gerade Nothing good und So Happy I’m Useless.

    Lara: Und wie kommt’s?

    Mavie Phoenix: Bei Nothing good ist es glaube ich so, dass ich das auch mega feiern würde, wenn den jemand anderes gemacht hätte. Ich hab mir bei dem Track halt auch nicht so viel bei gedacht und ich finde das merkt man auch. Ich finde ihn frech und es kommt einfach so natürlich heraus. Da hatte ich auch einen Moment, wo ich dann mit der Gitarre ein Riff entdeckt habe und rumexperimentiert habe. Und es war auch einer der ersten Tracks, den ich überhaupt ganz mit Gitarre geschrieben habe.

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    Lara: Jetzt zu einem leider unvermeidbaren Thema: Die Pandemie. Welche Einflüsse hatte diese auf den Albumprozess?

    Mavi Phoenix: Wäre die Pandemie nicht dazwischen gekommen, wäre ich eigentlich auf Boys Toys Tour gegangen, was sicher auch mega nice gewesen wäre. Durch die Pandemie war das Musikmachen meine Prio. Das war dann in sofern nice, dass ich dann wirklich die Zeit hatte, mich neu zu erfinden und halt neue Sachen auszuprobieren. Aber to be honest, jetzt wäre es auch mal nice, wenn die Pandemie ein Ende findet. (Lacht)

    Lara: Mit welchen Worten würdest du dein Album Marlon beschreiben?

    Mavi Phoenix: Hm, ich würde auf jeden Fall sagen, irgendwo frech, erfinderisch, aber trotzdem irgendwie auch klassisch. Einfach, weil ich einen Mix aus all dem drauf habe.

    Lara: Und passend zur vorherigen Frage; mit welchen Worten würdest du dich, Marlon beschreiben?

    Mavi Phoenix: Ich würde sage, ich bin kreativ, aber auch nervös (lacht) und ich glaub ich hab einfach Lust aufs Leben? Lebenslustig? Wenn man das so sagen kann.

    Lara: Bevor wir zum Ende kommen, interessiert es mich, wie es in naher Zukunft bei dir ausschaut. Bist du froh, dass jetzt erstmal alles done ist, oder magst du dich am liebsten gleich ins nächste Projekt stürzen?

    Mavi Phoenix: Ich bin froh, dass es jetzt done ist, aber vor allem auch, weil das jetzt abgeschlossen ist und jetzt wieder neu starten kann. Bei jedem Album fängt man halt bei Null an. Also zumindest ist es bei mir so, dass ich dann nicht nochmal Sachen aufgreife, die ich gemacht habe, sondern ich versuche immer etwas neues machen. Aber nicht mit dem Gedanken, „uh, das muss jetzt neu sein!“ Sondern eigentlich entsteht das voll natürlich. Wenn ich jetzt zum Beispiel einen Song machen würde, der klingt, als würde er auf das Marlon Album passen, fände ich das wahrscheinlich sehr fade.
    Aber ich bin wie gesagt schon froh, dass es done ist, ich werde mir bald auch mal etwas Urlaub gönnen und dann kann es weitergehen (lacht).

    Lara: Alright!  Damit sind wir auch schon am Ende. Unsere Schlussfrage richtet sich ein bisschen nach unserem Konzept bei Untoldency und fragt nach einer untold story. Kannst du uns da was erzählen, was du so vorher noch nie in einem Interview erzählt hast? Das kann eine kleine Anekdote sein, gerne irgendetwas witziges oder einfach irgendetwas, was dir auf dem Herzen brennt und du unbedingt in die Welt hinaustragen möchtest.

    Mavi Phoenix: Jaa, da gibt es einen random fact! Während meiner Transition habe ich auf dem Laptop mit dem ich jetzt hier mit dir rede, auf Fotobooth Videos über meine Transition aufgenommen, die ich aber höchstwahrscheinlich doch nicht posten werde (lacht). Jetzt in der Retrospektive waren die wohl doch eher nur so für mich. 

    Lara: Ah nice! Ich habe mir mal dein This is my Voice… Video angesehen.

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    Mavi Phoenix: Jaa, das habe ich mich dann auch getraut zu posten. Aber die anderen Videos finde ich jetzt irgendwie fast etwas cringe und werde sie wahrscheinlich nicht veröffentlichen.

    Mavi Phoenix‘ zweites Studioalbum Marlon ist am 25. Februar 2022 bei LLT Records erschienen. Hier könnt ihr nun herausfinden, wie dieses klingt

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    Fotos: Tereza Mundilova

  • Samuel Breuer im Interview: » Ich dachte, es muss immer alles kompliziert sein. Aber das braucht es nicht«

    Samuel Breuer im Interview: » Ich dachte, es muss immer alles kompliziert sein. Aber das braucht es nicht«

    Letzten Freitag veröffentlichte Samuel Breuer mit seiner neuen Band die erste Single seit sechs Jahren. „Wackelkontakte“ ist ein surfrockiger Song über flatterhafte Beziehungen und on-off Freundschaften, ohne einen Schuldigen finden zu wollen. Außerdem der Vorbote für das im Herbst angekündigte Debütalbum, denn obwohl Samuel schon sehr lange Musik macht, gab es bisher keinen Langspieler.

    Samuel Breuer kommt eigentlich aus Düsseldorf, aber ist einfach ein Bonner Original und kannte dort Gott und die Welt. Wenn man mit ihm durch die Straßen schlenderte, kam er meistens nicht unerkannt voran. Wir kennen uns von gemeinsamen Konzerten und schönen Abenden, tauschen uns auch heute noch über neue Musik aus und schätzen unser gegenseitiges Feedback. Auch wenn er und ich vielleicht auch so etwas wie „Wackelkontakte“ sind. Deswegen war es umso schöner, mit ihm hier ausführlich über seine Vorstellung von Freundschaft, sein neues Label und sein Umzug nach Berlin sprechen zu können.


    Lukas: Lieber Samuel, schön, dass du dir Zeit für uns nimmst! Wir beide haben uns vor gefühlt ewigen Jahrtausenden in Bonn kennengelernt, bevor wir beide dann von dort wegzogen. Du bist dann vor ein paar Jahren in Berlin gelandet. Erzähl doch mal, was dich dorthin verschlagen hat und was Berlin mit dir gemacht hat!

    Samuel: Ich habe in Bonn studiert und war dort sehr viele Jahre als Singer-Songwriter unterwegs. Bin durch die Lande gefahren mit meiner Akustikgitarre und habe das total genossen. Aber ich habe dann, vor allem zum Ende hin, immer mehr das Gefühl gehabt, dass es nicht ganz das ist, wonach mein Herz schreit. Ich war aus Bonn irgendwie rausgewachsen. Ursprünglich wollte ich die Stadt schon nach dem ersten Semester wieder verlassen, bin dann aber doch zehn Semester geblieben. (schmunzelt)

    Samuel Breuer, Wackelkontakte, Indie Rock, Interview, Singer Songwriter, untoldency, untold stories

    Ich bin dann für meine Masterarbeit nach Berlin gezogen und wusste auch irgendwie, das wird ein kompletter Neuanfang. Sowohl für meine Persönlichkeit, als auch für mein musikalisches Schaffen. Als ich hier ankam, habe ich erstmal super viele Pop- und Schlagersessions gemacht und Songs für viele Künstler mitgeschrieben. Das war eine schöne Erfahrung und gleichzeitig konnte das gut parallel neben meiner Masterarbeit laufen. Aber sobald ich diese abgegeben hatte, war nur noch Platz für meine eigenen Songs, für meine Musik.

    Ich habe mir dann hier eine neue Band zusammengesucht. Und ich wollte diesmal eine Band, die einfach fix am Start ist. Ich habe auch vorher auch schon in Duos, Trios, oder Quartetten gespielt, aber es war immer so, dass ich die Konzerte organisiert habe und diese Konstellationen immer sehr lose und unverbindlich waren. Ich wollte zwar immer noch meine Songs spielen und meine Geschichte erzählen, aber mit einem Team, auf das ich mich verlassen kann. Und das habe ich jetzt! Wir haben im Laufe der letzten zwei einhalb Jahre ganz viele tolle Dinge zusammen erlebt, trotz Corona, und dafür bin ich richtig dankbar.

    Lukas: Deine letzte Veröffentlichung ist mittlerweile sechs Jahre her. Da ist einiges an Wasser den Rhein runtergeflossen, wie man bei uns im Rheinland sagt. Wenn wir jetzt mal bei deiner Musik bleiben: Sind diese neuen Songs jetzt irgendwie Songs, die du von früher mitgenommen hast? Inwiefern knüpft da die neue Musik an deine Musik von früher an?

    Samuel: Da sind teilweise Songs dabei, die wie eine Übergangsphase für mich sind. Hier und da erkennt man noch meine Handschrift, zum Beispiel die abstrakten Bilder in meinen Texten. Gleichzeitig markiert das Album einen Neustart, weil kein einziges Mal eine Akustikgitarre in den Songs auftaucht. Das, was ich mitgenommen habe sind tendenziell die sprachlichen Bilder, die ich benutze. Da merke ich allerdings sehr, welche Songs auf dem Album älter sind.

    Meine Schreibe hat sich im Laufe dieses Neustarts sehr stark verändert. Ein großer Einfluss war sicherlich die Celler Schule. Eine Songwriting Masterclass, bei der ich sehr viel Input bekommen habe. Da konnte ich lernen, mit einer kritischeren Distanz auf meine Texte zu schauen. Manchmal klangen Texte in meinem Kopf halt irgendwie geil, aber es war überhaupt nicht verständlich, was ich damit sagen wollte. Die Sprache in den neueren Songs ist sehr viel klarer geworden.

    Lukas: Möchtest du denn, dass deine Zuhörer*innen immer direkt kapieren, was du meinst? Oder findest du es nicht auch interessant, diesen abstrakten Gedanken Raum zu lassen, ohne dass sie jemand versteht?

    Samuel: Ich finde das vom Prinzip total interessant, sonst hätte ich es auch lange Zeit nicht so gemacht. Allerdings hat sich das auch einfach bei mir selbst geändert. Ich denke weniger abstrakt als früher und das spiegelt sich in meinen Songs wider. Ich höre immer noch total gerne Musik, die versteckt schreibt. Aber das, was im Moment aus mir raussprudelt, ist von der Sprache immer klarer geworden. Noch vor vier oder fünf Jahren hätte ich das nicht nur für nicht möglich gehalten, ich habe sogar Musik, die so klar und eindeutig war, ein bisschen belächelt. Ich dachte, es muss auch immer alles kompliziert sein. Aber das braucht es nicht.

    Lukas: Deine Musik wirkt nicht nur sehr authentisch, sie ist sehr authentisch. Ich merke, dass du alles so singst, wie du es meinst. Und obwohl ihr jetzt ja eine feste vierköpfige Band seid, trägt das Ganze noch deinen richtigen, bürgerlichen Namen. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

    Samuel: Das war auch ein Prozess. Als ich mit unserem Gitarrist Simeon angefangen habe, die Songs zu arrangieren, habe ich ihm gesagt: „Simeon, ich will keine Akustikgitarre mehr. Ich möchte Indierock machen!“ Wir haben dann an den Songs gearbeitet und durch den Bandcharakter kam dann die Idee, das „Samuel“ zu streichen und das Projekt einfach nur „Breuer“ zu nennen. Ich habe das dann längere Zeit mit mir rumgetragen, aber letztendlich gemerkt, dass diese Songs einen Vornamen brauchen. Diese Songs sind eben so persönlich für mich und so sehr meins, dass ich da den Eindruck hatte, die Songs verlangen, dass ich mit meinem vollem Namen dahinterstehe.

    Lukas: Vielleicht hättet ihr euch sonst irgendwann auch über einen dämlichen Bandnamen geärgert, so etwas entsteht ja auch nicht selten aus einer Laune heraus…

    Samuel: Ja, und hinzu kam noch, dass ich diese Musik ja auf jeden Fall für immer mache. Ich wollte mich nie abhängig machen von einem Bandkonstrukt, das nur als solches besteht. Ich liebe meine Band und mein Traum ist, dass wir das einfach ewig so weitermachen können. Wir haben so tolle Dinge gemeinsam erschaffen und sind ein grandioses Team. Aber sollten sich ein oder zwei dazu entscheiden, irgendwann andere Wege zu gehen, möchte ich nicht in die Lage geraten, nach einem neuen Namen, einer neuen Identität suchen zu müssen.

    Lukas: Ihr wart dann für die Produktion des Debütalbums im Tonstudio in Hennef (meiner Heimatstadt btw) mit eurem neuen Produzenten. Wie kam es dazu?

    Samuel: Ich habe unseren Produzenten Thorsten 2017 kennengelernt. Ich hatte ihm ganz viele Demos von meinen anderen, alten Songs gezeigt. Und als wir die neuen Demos fertig hatten, haben wir ihm das geschickt und er wollte das mit uns ausarbeiten. Tja, dann haben wir einen Studiotermin festgelegt im Oktober 2019. Und ich habe noch ganz blauäugig gedacht, wir spielen da in zwei Wochen das gesamte Album ein, obwohl wir uns in dieser Formation vielleicht vier Monate kannten. Ich bin dann im Laufe des folgenden Jahres wirklich oft hin und her gefahren, um die Songs fertigzustellen. Und es war anstrengend, aber jedes Mal wenn ich da war, gab es die restliche Welt nicht mehr.

    Samuel Breuer, Wackelkontakte, Indie Rock, Interview, Singer Songwriter, untoldency, untold stories

    Lukas: Lass uns zu deinem Release kommen! „Wackelkontakte“ ist letzten Freitag erschienen, die erste Singleauskopplung aus dem kommenden Album. Was sind für dich denn eigentlich Wackelkontakte?

    Samuel: Es gibt verschiedene Arten von Wackelkontakten. Sie eint, dass man immer wieder in Kontakt ist und dann immer mal wieder Ewigkeiten nicht. Aber ohne, dass es jemand böse meint. Und man weiß, dass man sich total gerne hat. Man kommt einfach nicht dazu, sich beieinander zu melden, obwohl man es so lange unbedingt mal wieder hätte machen wollen. Und manchmal braucht so ein nächstes Mal eben ein paar Jahre.

    Lukas: Findest du denn, man braucht solche Wackelkontakte im Leben? Oder anders, brauchst du welche in deinem Leben?

    Samuel: Ich habe lange gebraucht um zu verstehen, dass das Teil des normalen Lebens ist. Ich musste lernen zu akzeptieren, dass man nicht mit allen Menschen so eng Kontakt halten kann, wie man es vielleicht möchte. Ich kann durch die Verarbeitung in diesem Lied jetzt viel besser damit umgehen. Manche Menschen sehe ich halt nur einmal in drei Jahren und höre auch sonst nichts von ihnen, aber wenn wir uns sehen ist alles total schön und ich freue mich total. Im Song habe ich schon fast einen sarkastischen Blickwinkel darauf gewählt, der zum größtem Teil aus meinem damaligen Frust entstanden ist. Mittlerweile hat sich dieser Frust gelegt, ich kann das inzwischen mit einem lachenden Auge sehen. Ob ich Wackelkontakte brauche – würde ich verneinen.

    Lukas: Es ist ja so eine unerklärliche Mischung aus Faulheit und Pflichtbewusstsein. Ich finde das Thema total interessant. Ich denke mir oft, irgendwie werden gerade ganz viele Freunde in meinem Leben zu Wackelkontakten. Der Song ist so herrlich unentschieden, denn es ist ja keine Anschuldigung, sondern einfach eine Feststellung. Da habe ich mich gefragt, ist der Song für dich ein Wunsch den Status Quo zu ändern, oder ist es die Akzeptanz dieser Beziehungen?

    Samuel: Das hat sich sehr gewandelt! Ich kann das mittlerweile viel entspannter betrachten. Es gab aber Zeiten, da hatte ich wirklich eine regelrechte Wut auf solche Situationen. Immer kommt das Leben dazwischen und das hat mich richtig wütend gemacht. Er ist so herrlich unentschieden… Ich finde es schön, dass du das sagst!

    Lukas: Ja ich weiß einfach nicht, ob ich jetzt abhaten oder mich freuen soll, denn wenigstens besteht ja überhaupt noch Kontakt. Ich dachte auch beim ersten Hören, es kommt vielleicht noch ein Twist in deinem Text. Also, dass dann die Rache folgt, von wegen „du kannst mich mal“. Aber das kommt eben nicht! Ich glaube, viele Hörer*innen können solche Beziehungen gut nachvollziehen. Vor allem weil ich auch glaube, dass es etwas mit unserem Alter zu tun hat. Wie siehst du das?

    Samuel: Ich glaube das auch. Das ganze kommende Album handelt ja auch vom Älter- und Erwachsenwerden. Und da ist genau das auch einer dieser Punkte. Unsere Freunde gehen ihres Weges und es bleibt nicht mehr für alle Platz. Und die Zeile, die für mich den Song auf den Punkt bringt, ist „keine böse Absicht“. Es ist ein „tut mir Leid“ und ein „ist schon okay“ zugleich. Eine Bitte um Entschuldigung und eine Vergebung!

    Lukas: Du hast ja jetzt auch ganz frisch noch ein Label gegründet! Wie kam es denn dazu?

    Samuel: Wir haben lange überlegt, wie wir die Veröffentlichung angehen wollen. Und ich habe von Anfang gedacht, es wäre ja schon geil, ein eigenes Label zu gründen. Die Musikindustrie hat sich sehr verändert im Laufe der letzten zehn Jahre. Und ein Label macht im Endeffekt wenig mehr, als du ohnehin als Künstler oder Band in unserer Größenordnung selbst machen musst. Ich fand den Gedanken charmant, alles selbst in der Hand zu haben und alles selbst bestimmen zu können. Wir hätten auch einfach eine Selbstveröffentlichung machen können, aber das hätte sich unvollständig angefühlt. Und unsere Bewerbungen bei den Labels stieß nie auf die gewünschte Resonanz. Dazu kam noch, dass viele kleine Indie-Labels wegen Corona gerade so ein bisschen untergehen. Und dann dachte ich, let’s do it, lass es uns einfach selber machen. Harry Potter hat am Anfang ja auch keiner gewollt.

    Lukas: Ich weiß nicht ob es wirklich etwas mit „nicht wollen“ zu tun hat. Viele gehen ja gerade diesen Schritt, eben weil man sowieso fast alles selber machen muss. Und wenn dann was übrig bleibt, kannst du es wenigstens alles behalten. Ich finde das mutig und ziemlich cool! Kritzel Records finde ich auch einen einprägsamen Namen. Wie seid ihr darauf gekommen, hat das eine tiefere Bedeutung?

    Samuel: Ich habe den Slogan „Ich kritzel Bilder für deine Ohren“ für mich gefunden, einfach weil meine Texte sehr visuell sind. Weniger Leonardi Da Vinci-Style, sondern halt eher gekritzelt. Und Thorsten kam dann am Ende auf die Idee, dem Ganzen diesen Namen zu geben.

    Lukas: Wie stellt ihr euch das denn jetzt weiterhin vor, wächst dieses Label jetzt parallel zur Musik eigenständig weiter oder ist das eher ein Mittel zum Zweck?

    Samuel: Ich träume schon davon, dass das ein richtiges Label wird! (grinst breit) Ich habe Bock auf diese Arbeit. Ich habe Bock, Künstler zusammenzubringen, die ähnliche und geile Mucke machen! Kitzel Records ist ein Zuhause für diejenigen, die sich in der popkulturellen Musiklandschaft obdachlos fühlen.

    Lukas: Sehr schön gesagt. Das könnte ja schon weitreichendes Interesse regen! Arbeit gibt es ja genug und sicherlich auch viele Künstler*innen, die sich bei dir melden würden.

    Samuel: Erstmal geht es aber um unseres eigenes Ding. Kritzel Records ist ein Hafen für unser eigenes Boot, welche Boote dann dazu kommen, werden wir sehen!

    Lukas: Wir bleiben gespannt. Vielen Dank für dieses schöne Gespräch! Viel Erfolg mit eurer Musik – bis bald!

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  • Maverick Sabre im Interview: »Real change never needed everyone«

    Maverick Sabre im Interview: »Real change never needed everyone«

    Bei manchen klingelt’s sofort, wenn sie den Namen Maverick Sabre hören. Anderen geht erst ein Licht auf, wenn Sie den Klang seiner Stimme hören, denn die ist wirklich unverwechselbar. Vor ein paar Wochen ist sein viertes Album „Dont Forget To Look Up“ erschienen und ich habe mit dem charismatischen Soul-Sänger gesprochen.

    Die Einleitung halte ich beabsichtigt kurz, denn in der halben Stunde, die ich zusammen mit Maverick hatte, hat sich so ein ausführliches und überaus interessantes Interview ergeben inklusive einem Abschweifen in ein paar brennende Existenzfragen. Lest selbst, es spricht für sich selbst.


    Maverick Sabre im Interview

    Evelin: Welcome, I’m happy this worked out! How are you?

    Maverick: I’m doing very well, thank you!

    Evelin: Congratulations on your album release! How has the response been so far since the record came out on Friday?

    Maverick: Yeah, it’s been beautiful. I think most musicians can vote for this. But once the music’s finally out there, it’s not really yours anymore and becomes everybody else’s. So it’s a nice space to let people live and breathe with a record and it’s been beautiful so far, people are connecting with it.

    Evelin: Are the reactions what you’ve expected or wished for? Or what did you want people to take away from this album?

    Maverick: Um, it’s hard to ever know what people will take away from songs. You might write a song, and for it to have a specific theme or a feeling. And then the audience takes away something completely different from it. So for me, it’s always just about: Are people connecting with it, and does it hit people’s hearts? And I think with this record it seems to be doing that. So, I’m happy.

    Evelin: The album centers around the broad theme of love. What facets of love are you touching on and why was it important for you to address those in particular?

    Maverick: I think for me with this record, it was just about being very honest about how I felt over the last 2-3 years. And every situation that I was writing about I was in or I was feeling. So I think if anything, this was maybe like an anti-lockdown album, not as an “anti lockdown”. It was everything else that was going on indoors, it wasn’t the world. Everything that was going on outside, in my head, my relationships. It was anti what was going on in the world. I would say it was just everything that was going on within.

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    „It just took me away from everything“

    Evelin: In the past you have addressed a lot of societal as well as political issues. Now that you focused more internally on yourself: What is the difference in your writing process when you write about other people’s stories vs. your own internal ones?

    Maverick: I don’t know if there is a difference really. I think it just comes down to inspiration. And I think, for anyone who’s a creative or expresses themselves in some form of art, I think you just go with what strikes you first. Maybe the only difference is if I write about the world around me,I think I can figure out a way of presenting it. Like I pre-plan it a bit more. So I’ve got an idea of how I want my message to be in a song. Whereas when I write about myself, and what’s going on inside, it just kind of comes out and there’s no pre-plan. Whatever pure emotion comes out, comes out and that’s it.

    Evelin: Were there special moments during the process of „Don’t Forget To Look Up“ that still stick with you? I think you wrote and/or recorded the album in Jamaica, is that right, or at least partly?

    Maverick: No I didn’t. One of the tunes “Something Special” was written in Jamaica. Because it was initially going to be a four track EP, which because of the prolonged period over the last two years, I ended up continuing to write and it formed into an album. There was a period at the end of 2019, where I’d put my last album out. And then when I got to the end of the year, I hit a bit of a stomp creatively. I couldn’t write, there was nothing coming out.

    So I went to Jamaica, and I was meant to bring all my equipment with me. I was going to start a new project there. Anyway, I got to my friend’s house and I realized, by the time I got to the airport, I brought all my equipment, but no laptop. So I had nothing to connect anything to. So when I got to my friend’s house in Jamaica, she lived in the countryside. I found a guitar and I just started writing songs on it. I had no phone or laptop, none of that for about 10 days. It was beautiful. It was meant to be because it took me away from everything. And I wrote one of the songs out there, but that was part of the process that was kind of needed.

    Evelin: Do you need to get away from everything that’s happening at home from time to time to spark some creativity?

    Maverick: Yeah, I think what I’ve realized definitely over the last two years is that I need to force myself sometimes to just switch off. It’s the same for a lot of people, I think. Once you know, you can work off your laptop. And once you know you can work at home, the work never stops. My passion is both my work, my hobby, what pays the bills, but what I also have fun with so it’s all the same thing. I have to, well, let’s say I’m figuring out a better way of being able to switch off and go: “Right just stop for a minute, switch it off and let your mind be clear for a moment”. I think that’s healthier to come back in. And you’re more focused when you come back in.



    „Find as much peace in your life as you can“

    Evelin: Overall, I really enjoy the album, I love the vibe and that it is so vulnerable. It addresses heavy and sensitive topics in a sort of soft tone. I think my favorite song on the record is „Like This“. Because rap verses are so gripping, almost hypnotic. Can you tell me more about what the song is actually about?

    Maverick: I suppose that’s more like an inner confessional moment at that point. The rest of the record are quite vulnerable love songs, or reflections around love. I think we’ve all had moments where you feel like you’re on the edge mentally. Yeah, and I think that in the mix of everything is what that song really reflects. It’s a kind of inner conversation about feeling just on the edge.

    Evelin: You can tell that you are very emotionally aware of yourself and your surroundings. Does opening up about personal subjects natural to you? Or did you have to actively work towards becoming someone who’s that self-aware and put your own ego behind to achieve spiritual growth?

    Maverick: I think it’s both to be honest. I’ve always been a pretty open sensitive soul as. One side of that question I can’t really answer because I’ve got music in my life. Because of music, I’ve probably found my space where I can write and say whatever I want. And that then has come back into just me as an individual anyway. So if I didn’t have music, it’d be probably more of an interesting answer to who I’d be in what I would be and how I would be because I know I’d still be a sensitive soul.

    Or if I didn’t have music, would I have gone down the path of self reflection as much and being able to speak about what’s going on? Maybe not, I don’t know. So yeah, I find it very easy to speak about what’s going on in my head because I need to. If I didn’t write about it, I don’t know where I would be, to be honest. But then, as well, no matter how easy it is to speak about how you feel, I think we all need work. So I definitely still have to sit and go: “Could I have done that better? What am I learning from this? Let me not make that mistake again“.

    We carry things through life that can weigh heavier on us as we grow older, if we don’t get rid of them. And sometimes certain things are very hard to get rid of. So you have to consciously make an effort to work through them. I’ve tried to do that as much as I can and I continue to try and do that because you want to try and find as much peace in your life as you can. I think that’s the goal for most of us, right? It’s peace and whatever that means.

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    „It’s definitely me being particular“

    Evelin: Good that music is already like doing some of the therapy work. What was one song that was the most fun creating and which one was a rather challenging one? 

    Maverick: I think probably the funnest tune to make was probably “Get Down” which is the last record on the album. I’ve got a beat tape, a producer project that I’ve had mid-lockdown at the end of 2020 and I haven’t put it out yet. It’s just a collection of beats. And there was a beat on it, an instrumental, almost felt like KAYTRANADA inspired 4-to-the-floor wonky, dance house tune. I played it to Zach Nahome who’s the producer of “Get Down” and we turned it into an organic funk record. It’s wonky and it’s still strange. And we got Nile Rodgers to play some guitar on it. That’s probably the funnest song on the record. It came together very easily, it feels very light hearted and fun. It just always gets me in the same movement when I put it on.

    The toughest record to finish was probably “Time Away”, because I always have songs on each album that normally end up having about 40 different versions. And that was the one on this record. So I had a lot of different verses. Production sounded different at points and yeah there’s always one on a record for me anyway. I’ve got his track record of always having one song on an album ends up having about 50 versions and you’re not sure what one to go with. So that was the song I was probably toughest on that.

    Evelin: Why do you think it was the toughest to work on? Was it the subject matter or just you being particular.

    Maverick: It’s definitely me being particular that’s guaranteed. I just think sometimes there’s certain records on the album where there’s something special or a place in time or that the record just was what it was. I made it and it didn’t really change from the very first time I made it. Like the mix might have got a bit better or whatever. In essence those songs were what they were. And then “Time Away” just had many different versions. I think for me if I don’t nail exactly what it’s meant to sound like in that first second, it can go around and around and I start overthinking.



    A love for album covers

    Evelin: As a film-enthusiast yourself, you obviously have an eye for visuals. I was wondering what the idea behind the album cover was?

    Maverick: I can’t really take any credit for the cover. It’s a friend of mine called Rashid Babiker. He was the director for the video to “Slow Down” that I had with Jorja (Smith) on the last record and did a couple of visuals on the last record. He came to my flat, we took some really plain photos and then sent me the album cover a couple of days later. And when I saw the album cover, it then sparked me off to call the album “Don’t Forget To Look Up” and then it just tied the record together. It was more of his input.

    And I always love album covers. When I go into a record store, I try and pick out a record every now and then that I buy just for the album cover. I’ve never heard it. I go through sh** and if I see something I’m like: “That looks really interesting” and I buy it. So when he sent me that, it gave me that feeling that I thought: For the life of this record, for however long there’s a physical version or stream version of this record online, for people to be able to get that album, this cover will always drag me in.

    Evelin: You feature some powerful women on the record, which is amazing to see. Who are some other rising female artists that you’re loving right now?

    Maverick: Well the obvious: Demae, Sasha Keable. There’s a brilliant singer from North London called Raheaven. I’ve worked quite a lot with another Irish artist called Biig Piig. Jamilah Barry is another great singer from the UK. Lily Moore is another wicked singer. Yeah, there’s some great female vocalists at the moment in a wide variety of sounds as well. But they’re the first ones that come to the top.

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    *** Achtung, hier geraten wir in eine sehr interessante philosophische Diskussion. Lohnt sich zu lesen, aber wer nicht mag, weiter unten geht’s wieder ganz normal weiter 😉

    Evelin: A more existential question because I’m quite curious about your answer. Looking at the current state of the world, how do you feel?

    Maverick: (laughs) It’s quite a broad question, it’s a difficult one. I think that answer has got to be split into two, because there’s two sides to it. We’re probably at a time in humanity’s history where we’re the closest connected that we’ve ever been. If you look at the positive side of it, right? The world has become the smallest it’s ever been, where news, opinions can travel immediately, whether that’s a positive or negative. A 16 year old now probably has more in common with other 16 year olds around the world, creatively, artistically and culturally, than there ever has been before. Because everyone’s listening to the same stuff.

    It’s all instant. It’s not like back in a day where we used to have to wait for four weeks for an American album to come out and go to the shop. Everything’s instantly connected. Culture, lifestyle, fashion, hopefully thoughts and way of thinking are all being shared very quickly. So in that, I think that potentially these and the next generations have the greatest possibility to gather together some momentum for change, right? Because if the world’s the smallest it’s ever been, potentially, then you can use that that the next generation can unify and go: “Right, we want a better world for the next generation, for ourselves or for our kids”. And I think there’s something quite powerful in that.


    „Everything’s fake“

    Maverick: On the other side, there’s a couple of dangerous places we’re moving towards. Our interaction with technology, I don’t think, is balancing on the healthy side. I think as much as we could potentially be unified and connected through technology, we’re probably becoming more disconnected in one sense, where we’re not looking at each other anymore. We’re spending more of our time in this fake reality. How many people do you know that only put pictures of their faces up or their kids’ faces up with filters on it? So we’re constantly living in an augmented reality. Everything’s fake, from followers to perception of personas online. It’s all this strange, weird world, It’s not actually real. It’s just living for something else. I think that’s quite dangerous, because who controls that world? What narrative do you spin and how does that make us feel about ourselves?


    And then I think what’s just become more evident is that as a society, we’re still – no matter how connected or progressive we are, – we’re still driven by fear a lot. Whether it’s fear of the way we look or who we are, how we’re manipulated by companies to buy into stuff or what’s a perfect look, what’s a perfect style. And how easily manipulated we are by fear. I think it’s a concerning thing. When you add that up with corrupt politics, and technology that seems to only be for making money and advancement in technology and not the advancement of humanity. I think that’s a dangerous route to go down.

    So there’s that side, which is quite concerning. But then there’s the other side where I do feel something’s happening in society. It might not be everyone. But real change never needed everyone. At any point of real change or any point in history, it wasn’t because the masses changed together. It was because a small, consistent amount of people were like: “No, we need change”. From whatever revolutions there were to any real acts of change. It was never really a mass change at one time. So there’s positives there. 


    „We need to have understanding discussions“

    Evelin: Yeah, it’s scary. But then also, you can see that there’s hope in some parts. When it comes to gender identity, environmental issues and so on. You can now actually feel a bit of the change, hopefully.

    Maverick: Yeah. I think the one thing we’ve got to maintain in all of this, is conversation and discussion. And realize that there’s loads of discussions that are being brought up in the last couple of years that are being brought up all at one time. And that’s a lot for people to take in. So I think we’ve got to remember that we’re not always right, we’re gonna make mistakes, we have to allow people to be at different levels of understanding than we are.

    Have empathy, and understand that not everyone is going to be at the same page on certain things. And it’s better to have a discussion with someone than shut people down or cancel people, because I don’t think that gets us anywhere. And I think that even ends up playing into the hands of the corrupt. Because if we’re not unified, and we’re not having discussions, we’re easily manipulated. So I think, with any of these discussions – gender identity, with sexism, racism, corruption in politics, climate change, – we need to have very real and honest discussions. But we need to have understanding discussions and make sure we’re not banishing people to the side, because that’s only going to create more problems. We need some harsh discussion, but we do need immediate change.

    Sorry to keep rambling (laughs). I might be misquoting this. But someone said: “You need to be a romantic to be a revolutionary”. Not that I’m sat here calling myself a revolutionary, I’m saying to want real change. Or we might as well not think about it. I might as well just go buy McDonald’s every day. That’s a simple metaphor, but I might as well just not care. We can have ways of thinking in our minds that go: “Right, actually, as our individual selves together, collectively, we can implement change”. But I think you’ve got to have a romantic view of the world to think of any real revolutionary change.

    Evelin: Yeah, because otherwise you shut yourself down.

    Maverick: Yeah, and just give up. There’s loads of things to think about right now that make it feel pretty heavy, and pretty pessimistic. So that won’t get us anywhere.


    *** Hier geht’s wieder um die leichteren Dinge im Leben

    Evelin: What else is coming up for you after the release? Is there something you’re particularly looking forward to?

    Maverick: I’m looking forward to being back on the road and being back touring, because I think in everything we’ve just discussed, going back and seeing live music and being around people … there’s something natural in us as humans that makes us want to sing together, and dance together. I just think there’s something very pure in us that no matter how far we’ve advanced or gone with technology or whatever, being in a room with other people and singing, there’s this feeling that I know everyone who’s experienced it gets. And I think we need more of that. I think that’s part of a solution. 



    „There was a point where I fell out of love with the whole album“

    Evelin: You said numerous times that music is all about a message for you, about untold stories. As our magazine is called untoldency, we always ask for an untold story at the end of every interview.

    Maverick: I don’t know if I have told this. I may have mentioned it, but there was a point where I wasn’t even gonna put the out the album. It was probably because doing this record was a bit different than any other records that I’ve done before because initially, it wasn’t going to be an album and then I was kind of in lockdown. So I wasn’t out playing shows. I wasn’t really playing them to my family. They are all my testers. I’m like: “What do you think it is?” It’s different ears and they as a collection dictate what I feel about records. Obviously, I’ve got the records that I really love. But there’s also this general consensus of certain records.

    So there was a point where I fell out of love with the whole album if I’m being honest. Because I’d heard it so much, I was just way too close to it. And I was like, I don’t know what I want to do with this. I don’t know if I want to do any of it with anything. Maybe I just need to step back from everything for a moment. So I went and I sat down with Dan Utters, who ended up finishing the album for me.

    He mixed it and added production on it. He’s someone that I’ve worked with since I’ve been 19. He’s worked on pretty much every album at some point. I just really trusted his ear and I brought this collection of songs to him. I was like: “I don’t know what else to do with these. I’m done, here. I need your ears”. And he was like: ”No, I really like this as a feeling. Here’s a couple of things I’d do to it”. And that was it. So yeah, there was a point where I completely fell out of love with this. That’s the untold story. It nearly never was now.

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    Evelin: Well, I’m glad you fell in love with it again.

    Maverick: I did I did.

    Evelin: So that was everything. Thank you for talking. I hope that despite some things we discussed, our outlook will remain a bit more positive on the world. 

    Maverick: Thank you. It was a lovely interview. No, it is. You have to reflect on the reality of the situation, which sometimes can be dark or heavy. But you got two choices. It’s like, alright, the world is either burning and we leave it burn, or we keep some hope and go: “What can I do to implement some change that if I die tomorrow, at least we’ve left some bit of positivity”. And that’s all we can do, or else we just give up and then we never have this conversation again. We either go down that lane or we don’t.

    Evelin: That’s a good way to end the interview (both laugh). Thank you and have a good day.

    Maverick: You do too and take care. Bye bye!

    Hier gibt es das neueste Album „Don’t Forget To Look Up“ von Maverick Sabre zu hören!

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    Fotocredits: Rashid Babiker, Mike Excell
  • Wet Leg im Interview: „Whatever it is you want to do: You can do it!“

    Wet Leg im Interview: „Whatever it is you want to do: You can do it!“

    (Bild von Hollie Fernando)

    Na, wie oft habt ihr schon Songs darüber gehört, dass der Ex erzählt hat ihr seid in seinem feuchten Traum letzte Nacht erschienen? … Wet Leg nehmen sich selbst nicht so ernst, denn die beiden machen eigentlich einfach nur das, was sie schon immer machen wollten: Musik ganz nach ihren eigenen Vorstellungen. „Es soll einfach nur Spaß machen“, so Rhian. Genau deshalb entstehen vermutlich solch geniale Zeilen wie „Is your muffin buttered? Would you like us to assign someone to butter your muffin?“.

    Das Debütalbum des Duos aus Großbritannien erscheint am 8. April – und ich (Sarah) hatte am Freitag die Chance, die beiden persönlich in Berlin kennenzulernen um sie dazu ein bisschen auszufragen. Und eins soll gesagt sein: Ich habe selten eine Band getroffen die es schafft, SO … effortlessly cool zu sein wie Rhian und Hester von Wet Leg.

    Im Moment haben die beiden nur vier Songs auf Spotify – wenn ihr wissen wollt wie es um die nächste Single Release steht bleibt dran, denn es ist schon bald soweit!

    In einem von außen etwas unscheinbaren Wohnhaus in Prenzlauer Berg sitze ich in der Küche und mache noch schnell einen Coronatest, als plötzlich die Tür aufgeht und die beiden hereinkommen um sich noch eine Tasse Tee aufzusetzen. Wir quatschen kurz, aber dann müssen wir auch gleich weiter, denn ein Interview mit Wet Leg? Heiß begehrt und knapp!

    Hester und ich setzen uns also auf das Sofa in den Raum nebenan, und los geht’s!

    Sarah: First of all – thank you so much for taking the time! How are you doing?

    Hester: I’m good, thank you! It’s just been a whirlwind of a week, we’ve been doing a press tour. So it’s all new and scary! (laughs)

    Sarah: That sounds fun though! Now, I apologize in advance if people keep asking this question – but how did you come up with the name Wet Leg? I tried to find answers online, but all I know now are alternatives for the name you ended up with.

    Hester: Oh, really? It was just one day that Rhian dropped her water bottle on the floor and it got on her leg, and she was like „WET LEG!!“. It was just a fun thing to say, and it just kinda stuck I think? We were looking for other names at the time so it was a relief to feel like „this is the one“.

    Sarah: You’re releasing your debut album April 8th – let’s talk about that: How was the process of working on the album? Did you have a clear picture in mind or did you kind of just go along with whatever you came up with?

    Hester: It wasn’t really planned at all, we went to the studio with our file of demos… I think usually there is an element of preparation, like knowing what songs you want to do, or knowing the arrangement, but none of that was really set in stone! So it was amazing to work with Dan Carey, because he was kind of like leading us and we were like „Yeah! That’s how the song is supposed to sound!“.

    Sarah: In your interview with Alt Press you said you had finished the entire album before even dropping a single: Did that affect how you felt about releasing the first few songs? Like, do you think that it added some nervousness about how people would like them? Since the rest of ‚em were already in the bag?

    Hester: Yeah we were nervous, but also I think the fact that it was all recorded before Chaise Longue came out… it really meant that we could just not have any noise from the outside, kind of like expecting a certain sound. We feel really lucky that we got to do it this way round! I think the album would have inevitably sounded a lot different, had we released the first singles before we went in to recording. I think for us it feels a bit more pure… 

    Sarah: … just what you REALLY wanted your music to be like?

    Hester: Exactly! Which is a really important thing for artists in general. It feels the most authentic that way I think.

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    Sarah: I don’t remember exactly how I found Chaise Longue all those months ago, but I immediately realised that your music scratches a very specific itch in my brain. Maybe it is the fact that you don’t take yourselves too seriously? I mean, I don’t know many songs about being in someone’s Wet Dream…. As for the album: do you have any topics that you found yourself writing about more often than others?

    Hester: Well most of the songs are written by Rhian, so I can’t really speak too much on her behalf about it. I think a lot of people have been expecting a more positive sounding album but it actually is sprinkled with the sadness that we all feel. It’s a ying and a yang, a push and a pull. We write from our own life experiences, that’s just the good and the bad, happy and sad…

    Sarah: Like someone said: Sad music for party people, party music for sad people.

    Hester: (laughs) Yes!

    Sarah: Out of the songs you haven’t released yet – which one is your favourite and why? I think mine is Ur Mum.

    Hester: Oh, that one is really cool! We love playing it live. My favourite is actually a song called Angelica, because it was written before we were signed and we had such a fun time recording it. And it’s another one that’s just so much fun to play live!

    Sarah: What I’m also very curious about: can we expect another release before the album drops?

    Hester: Yeah! Angelica is coming out in TWO WEEKS!! I don’t know if it’s announced yet but I’m telling everyone because I’m so excited!!! (laughs)


    „I don’t know what I’m even doing here
    – I was told that there would be free beer“

    „Angelica“ – Wet Leg

    Sarah: You’ve already played shows opening for Declan McKenna and Inhaler, gave a performance on Saturday Night Live, and you’re gonna be at South By South West next month, which is IMPRESSIVE considering you only have four released songs right now …… Do you have a bucket list festival, or band you would like to tour with?

    Hester: Well, we did get to support Idles, which was really wild for us because it was something we joked about since we started the band – so the fact that really happened is mind blowing. Also  End of the Road Festival, it’s our favourite festival that happens every year in Dorset in the UK. We’ve played there a couple of times before with previous projects, but it’s where Wet Leg was born, we’d just really like to …

    Sarah: … go full circle?

    Hester: Yeah! And just have a really cool weekend there. But right now there’s so much in our calendar that’s really overwhelming and we’re like „how has this happened??“

    Sarah: You are one of our „Artists to Watch 2022“. Is there any artist or band that you want to recommend to our readers?

    Hester: We saw some great bands last year at the festivals we went to. There’s a band called Honeyglaze, they are so good to watch live! Also Katy J Pearson, it just feels like she’s from another era. She writes these beautiful anthems. Those are two I’d say!

    Foto: Hollie Fernando

    Sarah: Well thanks for your recommendation, I’ll make sure to check them out! Now, our last question is always asking for an untold story: Something you’ve never shared in an interview before but want to share now. That can be anything from a funny tour anecdote, a random fun fact or just something you really want to tell your German fans.

    Hester: Whoever needs to hear it – if you want to do something but you’ve got no experience, give yourself the chance and try it. Because it would be like a gift to yourself. It may open up a whole new world! No matter how big or small it is, just lean into the fear and do it anyway! When lockdown happened, Rhian and I bought longboards, those longboards you see all over Instagram. We’d just go to the carparks on Isle of Wight and we would fall loads trying to learn these tricks and stuff, but it was so fun to try something we were scared of but wanted to do! I’m not saying this very eloquently, but I feel like ……..

    Sarah: It’s a message from the heart?

    Hester: Yeah! And it’s something I would have liked to hear earlier in my life, because it is really easy to let fear stop you from exploring things.

    Sarah: Ugh, that kinda makes me want to start learning how to play guitar.

    Hester: Do it!! Yeah, do it!!!

    Sarah: I tried, so many times! But I just couldn’t get it right, and then my hand kept cramping. And I was like „I am NOT made for this.“

    Hester: Honestly… Rhian had never played guitar before we started Wet Leg, which I find SO inspiring. Do you have any friends that play guitar?

    Sarah: Yeah, I feel like half my friends are musicians. (laughs)

    Hester: Cool!! Then you could just ask them to teach you a simple progression. But yes, you should definitely do it!! Also, to women and girls: there are so many amazing roles in the music industry, and it is definitely male dominated. We need equality! So whatever it is you want to do: You CAN do it!

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  • Tocotronic im Interview: „Das Ergötzen am Hass passt einfach nicht mehr in die Zeit“

    Tocotronic im Interview: „Das Ergötzen am Hass passt einfach nicht mehr in die Zeit“

    Könnt ihr es fassen? Ehrlich gesagt bin ich immer noch platt. Wenn ich mir vor Augen führe, dass ich tatsächlich mit Tocotronic über ihre neue Platte sprechen konnte… Mit f*cking TOCOTRONIC!!! Zum Glück fiel es nicht zu sehr auf, wenn mir die Worte fehlten, weil mir mit Bassist Jan Müller ein sehr eloquenter und aufgeschlossener Gesprächspartner gegenüber saß. Naja, zumindest digital, im Videocall.

    Tocotronic, wahrscheinlich die einflussreichste deutschsprachige Band seit den 1990er Jahren, veröffentlicht morgen ihr neues Album „Nie wieder Krieg“. Und mir kommt es immer mehr so vor, als käme hier einfach das Beste aus fast 30 Jahren ihres Wirkens zusammen: Die ikonischen Texte von Dirk von Lowtzow machen betroffen, treffen aber auch mitten ins Herz. Die Band ist musikalisch perfekt eingespielt und scheint sich blind zu verstehen. Und die Entwicklung ihres Sounds wird auch nach dem 13. Album nicht gestoppt; immer mehr Facetten und Nuancen bilden sich heraus und machen dieses neue Werk einfach unheimlich spannend.

    Dass Dirk, Jan, Rick und Arne, trotz ihres verdienten Erfolgs, alles andere als abgehoben sind, merkte ich schon in den ersten paar Sätzen unseres gleich folgenden Interviews. Bevor ich die Audioaufzeichnung überhaupt starten konnte, teilte Jan Müller schon Erinnerungen an Gigs in heute längst geschlossenen Locations meiner Wahlheimat Trier mit mir. Weiterhin sprachen wir dann über die Entstehung des neuen Albums, den Hass in unserer Gesellschaft, seine Arbeit als Podcaster und Musikjournalist und die perfekte TK-Pizza. Ich wünsche euch viel Spaß!

    Jan Müller von Tocotronic im Interview

    Lukas: Lieber Jan, ich freue mich wirklich sehr, dich kennenzulernen. Und natürlich, dass du Zeit für ein kleines Interview mit untoldency hast. „Nie wieder Krieg“ ist euer 13. Studioalbum: Wie fühlt sich das an, mit diesem umfangreichen Œuvre im Rücken, ein neues Album zu machen?

    Jan: Gut! Sonst hätten wir es nicht gemacht! Es ist eigentlich ein ganz spannendes Oszillieren. Man sollte versuchen, sich als Musiker:in zumindest grundsätzlich zu hinterfragen: Hat man wirklich noch den Drive, neue Musik zu machen? Andererseits merkt man natürlich irgendwann, dass man als Band gut zusammen funktioniert, dass es Spaß macht, Musik zu machen. Da gerät man auch schnell in eine Routine rein. Bei diesem 13. Album war das vielleicht auch so ein Sonderfall, dadurch dass wir dieses eine Jahr extra hatten. Vor allem, nachdem das Meiste schon fertig war. Klar, da kamen dann noch so Sachen wie Artwork und Titelfindung, aber wir hatten eigentlich ein Jahr Zeit, zu reflektieren: Wo stehen wir als Band? Und wir sind im Nachhinein zu dem Ergebnis gekommen, dass es immer noch Menschen gibt, denen unsere Musik etwas sagt und gefällt. Und dass es uns auch noch Spaß macht.

    Generell versuchen wir aber, Routinen zu vermeiden, mit unterschiedlichen Techniken. In den ersten Jahren haben wir sehr schnell unsere Alben veröffentlicht, die haben wir sehr schnell rausgehauen. Und dann ging bei uns dieser Prozess los, bei dem wir uns gefragt haben: „Hat es noch Sinn, Musik zu machen?“. Dann kam so ein Album wie „K.O.O.K“., bei dem wir einiges anders gemacht haben. Was Texte betrifft und die Art und Weise, wie wir aufnehmen. Solche Brüche gab es immer wieder. Zwischendurch gerät man mal in einen Schaffensrausch, zum Beispiel, als wir mit Moses Schneider angefangen haben. Das letzte Album hatte dann so ein Oberthema, nämlich Dirks Biografie. Und von da aus konnten wir jetzt ganz befreit weitermachen. Im Moment arbeiten wir daran, wieder eine etwas einfachere Sprache zu finden. Eigentlich schon seit dem roten Album. Und so ist man immer in diesem Gedanken drin, wie macht man weiter. So dass man eigentlich nie zu dieser Frage kommt, was wir dann beim nächsten Album machen. Man ist einfach sehr in diesen Prozessen drin.

    Lukas: Wie können wir uns denn so einen Prozess vorstellen; habt ihr einen Proberaum, in dem ihr euch Freitagabends trefft? Eine Kiste Bier leerproben, Pizza bestellen und nach und nach entsteht dann das neue Album?

    Jan: (Lacht) Ne, Kiste Bier leer auf gar keinen Fall! Allenfalls wird mal eine Flasche Wasser getrunken. (lacht) Der Proberaum kommt eigentlich später erst ins Spiel tatsächlich. Wenn wir noch auf der Tour des vorherigen Albums sind, fängt Dirk meistens schon wieder an, erste Stücke zu schreiben. Er macht dann Skizzen am Smartphone, ganz einfach aufgenommen. Wir reden über die Musik, auch viel über die Texte. Dann kommen immer mehr Lieder dazu und irgendwann schält sich heraus, was die Grundidee des Albums sein könnte, das Konzept. Das passiert eigentlich, bevor wir überhaupt im Proberaum waren.

    Für das rote Album und „Die Unendlichkeit“ waren wir gar nicht im Proberaum. Diesmal war das anders, weil wir einen Teil der Lieder live aufgenommen haben, im Hansa Studio. Früher war es tatsächlich so mit der Kiste Bier, aber das hat sich sehr geändert. Meist proben wir tagsüber. Das ist dann schon eine sehr konzentrierte Atmosphäre. Es wird auch sehr viel geredet, fällt mir gerade ein. Als Rick dazu kam, hat er sich sehr gewundert, wie viel wir reden und wie wenig wir eigentlich musizieren. (lacht) Und das hat sich eigentlich kaum geändert.

    „Ich finde, man sollte es sich auch nicht zu bequem machen“

    Lukas: Vermisst du die alten Zeiten oder bist du auch so zufrieden, wie es jetzt läuft?

    Jan: Nee, ich bin sehr zufrieden. Ich finds aber auch super, wie es damals lief. Das ist für mich nach wie vor eine ganz tolle Art, seine Zeit zu verbringen. Mit Freunden zusammen laute Musik zu machen, in einem möglichst unansehnlichen Raum. Damals hatten wir einen Bunker, heute proben wir übrigens auch noch in einem Keller. Ich finde, man sollte es sich auch nicht zu bequem machen.
    Wir waren auch alle Sporthasser, als wir uns gefunden haben. Die Sportstunde war damals auch schon unser Austauschraum. Das war nicht mal eine freiwillige Verweigerung, ich hatte schlicht nie eine Ader dafür. Viel später habe ich erst bemerkt, dass es auch gut tun kann, sich zu bewegen. Aber im Mannschaftszusammenhang ist das bei mir so geblieben, dass ich eine Abneigung gegen Wettkämpfe habe. Deswegen finde ich auch die Musik so toll, weil der Wettkampf da eine geringe Rolle spielt. Wenn man sich diese komischen Formate im Fernsehen anschaut — das finde ich einen völlig perversen Gedanken, dass man Talent durch einen Wettbewerb herausfinden will. Entschuldigung, ich schweife ab…

    Lukas: Nein, nein, das ist ja die perfekte Überleitung zum Titel des neuen Albums: „Nie wieder Krieg“. Denn ein Krieg ist ja im weitesten Sinne auch ein Wettkampf, wenn auch ein sehr drastischer. Wenn man jetzt so in die Welt schaut, muss man eigentlich gar nicht lange suchen, um Kriege jeglicher Art zu finden. Ob es jetzt die Ukraine ist, oder Syrien oder Mali. Der Titel steht da natürlich erstmal in einem krassen Kontrast, weil es offensichtlich keine Ist-Beschreibung darstellt. Was hat der Titel für euch zu bedeuten?

    Jan: Es gab immer Kriege, seit ich lebe. Und außerdem ist ein Bewusstsein hinsichtlich des zweiten Weltkriegs und des Faschismus präsent. Kriege kommen jetzt wieder näher, zumindest die Kriegsgefahr. Das schwingt natürlich mit, das wollen wir auch nicht verleugnen, wenn wir „Nie wieder Krieg“ zitieren. Der Slogan geht auf ein Plakat von Käthe Kollwitz und einen Aufsatz von Kurt Tucholsky zurück. Das ist natürlich auch eine Verbeugung vor diesen beiden Menschen und überhaupt vor dem Antimilitarismus. Aber unsere Intention geht ein bisschen weiter: Wo entsteht da eigentlich der Krieg? Eine Betrachtung nach Innen, das ist die Idee. Wir haben viel über diesen Titel diskutiert, ob er nicht auch missverständlich sein könnte.

    In jenen Tagen begannen auch die Aktivitäten der rechtsoffenen bis rechtsextremen Coronaleugnerszene. Es ist geradezu grenzenlos und völlig frei von Scham, was sich dort angeeignet wird. Wir kamen zu der Überzeugung, dass der Titel „Nie wieder Krieg“ auch ein Statement ist, dass man den antiaufklärerischen Kreisen nicht die Begriffe und das Feld überlässt. Und davon unabhängig finde ich es interessant, hinter einer altbekannten Parole, einen für den Zusammenhang überraschenden Text zu haben.

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    „Das Ergötzen am Hass passt einfach nicht mehr in die Zeit“

    Lukas: Also wolltet ihr euren Hörer:innen eine bestimmte Botschaft mit auf den Weg geben?

    Jan: Auf den Weg geben… Da kann ich nicht so viel mit anfangen. Das sind ja irgendwie immer Angebote. Ich finde, das Schöne an Musik ist ja, man kann damit machen, was man will. Man muss ja nicht einmal die Sprache verstehen. Ich zum Beispiel höre sehr textinteressiert Musik, anderen Leuten ist das vielleicht gar nicht so wichtig. Naturgemäß ist das bei uns vielleicht eher so, dass unsere Stücke die textaffinen Hörer:innen anzieht.

    Lukas: Ich bin auf den Gedanken gekommen, weil sich „Nie wieder Krieg“ ja auch als Appell verstehen lässt, also als Aufforderung. Ihr beschreibt das Album selbst unter anderem als „Lieder über allgemeine Verwundbarkeit, Einsamkeit und Angst“. Wenn ich mir aber die Titelliste anschaue und mich quer durchhöre, bemerke ich Songtitel wie: „Nie wieder Krieg“, „Komm mit in meine freie Welt“, „Hoffnung“, „Liebe“. Das sind ja alles sehr friedliche, man könnte schon fast sagen, pazifistische Motive. Ich dachte, vielleicht war es daher Teil eurer Intention, eine Art Empowerment zum Ausdruck zu bringen…

    Jan: Achso ja, ich verstehe, was du meinst! Musik kann Trost spenden. Und wenn unser Album das irgendwie schafft, dann würde mir das schon vollkommen reichen. Die erste Zeile auf unserem ersten Album „Digital ist besser“ lautet: „Ich weiß nicht, warum ich euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt“. Wir haben viel Zeit damit verbracht, unserem Hass auf die bizarrsten Dinge freien Lauf zu lassen. Jetzt, wo aber der Hass etwas so Gegenwärtiges ist, in den Diskursen, die stattfinden… Und so viel antidemokratisches Potential freisetzt, haben wir einfach kein großes Bedürfnis mehr danach. Es gibt zwar noch ein Lied auf dem Album mit dem Titel „Ich hasse es hier“, aber das ist ja eher ein ungewollter Hass auf einen Ort, der aus einer gescheiterten Liebe resultiert. Das Ergötzen am Hass passt einfach nicht mehr in die Zeit, finde ich.

    Lukas: Als die Single „Jugend ohne Gott gegen Faschismus“ erschien, dachte ich, wie viele andere wahrscheinlich, an meinen Deutsch-LK zurück und natürlich direkt an den Roman „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horváth. Ein Roman über Wahrheit, Gewissen und Moral. Ist das ein Zufall? Wie stehen Song und Roman im Zusammenhang?

    Jan: In keinem so konkreten. Ich kenne den Roman und finde ihn ganz toll, ich weiß aber von Dirk, dass er ihn gar nicht gelesen hat. Ihm ist dieser Titel über den Weg gelaufen und er war interessiert an der Zusammensetzung der Parolen „Jugend ohne Gott“ und „Youth against fascism“, dem Song von Sonic Youth. Als er mir den Titel vorstellte, ergab sich bei mir auch erstmal so ein Moment der Irritation. Diese Verzahnung von „ohne“ und „gegen“ hat ja etwas Merkwürdiges. Ich fand es aber im nächsten Moment sehr interessant, weil es in Bezug auf die Sprache etwas Spielerisches hat. Der Bezug zu Horváth ist gar nicht so groß. Sag ich jetzt einfach mal. Außer, wenn Dirk das neuerdings anders sieht. (lacht)

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    „Grundsätzlich versuchen wir schon sehr stark, Wiederholungen zu vermeiden“

    Lukas: Ich habe euch letztes Jahr live sehen können und auf eurer Tour „Let there be Tocotronic – The Hamburg Years“ habt ihr ausschließlich Songs der ganz frühen Alben gespielt. Ihr schreibt auch im Pressetext zum Album, dass ihr vieles wieder so gemacht habt, wie in den 90ern. Zum Beispiel die Songs nicht einzeln, sondern als Band gemeinsam in einem Raum aufzunehmen. Sogar mit live vocals. Bringt das das Alter mit sich, oder warum werdet ihr jetzt nostalgisch?

    Jan: (Lacht) Nostalgisch bin ich nicht! Aber ich glaube, ich bin sehr sentimental, um ein noch negativeres Wort zu benutzen. Das war ich aber auch schon in frühester Jugend. Eigentlich war das nur so eine schrullige Idee, die Konzerte sollten auch ursprünglich nur einmal stattfinden. Also in Hamburg sollte das „The Hamburg Years“– Konzert und in Potsdam, also bei Berlin, das „The Berlin Years“-Konzert stattfinden. Coronabedingt war das aber zu diesem Zeitpunkt nicht mehr so durchführbar. Da aufgrund der Pandemie die Festivalsituation sehr kompliziert war, hatten wir dann die Idee, unser Hamburg-Years-Konzept auszuweiten.

    Schlussendlich wurden daraus pandemiegerechte Konzerte und einiges mussten wir leider auch absagen, als klar wurde, dass es bestuhlte Konzerte sein werden. Da dachten wir zunächst, dass das ja sehr dialektisch sei, diese schnellen Lieder von damals vor bestuhlten Reihen zu spielen. Wir sind dann auch mit geringen Erwartungen gestartet, haben dann aber gemerkt, dass es eigentlich ganz toll ist. Für mich waren diese Shows durch die chronologische Setlist viel mehr, als eine Nostalgieshow. Weil wir auf der Bühne die Entwicklung, die wir mit der Band von 1993 bis ins Jahre 2002 vollzogen haben, erleben konnten.

    Lukas: Und was die Produktion der Platte angeht?

    Jan: Liveaufnahmen haben wir tatsächlich auch in späteren Jahren noch häufiger gemacht. Das ist im Grunde das Markenzeichen unseres Produzenten Moses Schneider, mit dem wir seit dem Jahr 2004 zusammenarbeiten. Für die live aufgenommenen Songs von „Nie wieder Krieg“ hatte er nun allerdings Dirk den Vorschlag gemacht, sogar den Gesang bei den Live-Sessions gleich mit aufzunehmen. Das ist eine ziemliche ungewöhnliche Methode. Das hat sich schon sehr angefühlt wie bei „Digital ist besser“, weil wir das damals auch so gemacht haben.

    Ein paar Lieder haben bei mir auch ein ähnliches Gefühl ausgelöst, wie manche Songs des ersten Albums. „Nachtflug“ zum Beispiel. Das könnte jetzt so natürlich nicht auf „Digital ist besser“ sein, auch textlich ist das in einer anderen Welt angesiedelt, aber wenn wir das zusammen spielen, setzen sich bei mir zumindest ähnliche Emotionen frei. Grundsätzlich versuchen wir schon sehr stark, Wiederholungen zu vermeiden. Das wäre ja schlicht langweilig. Aber irgendwie scheint da manchmal etwas in uns zu ruhen, was dann wieder hervorkommt.

    Lukas: So viel also zum „blast from the past“. Zu Anfang hast du ja schon erwähnt, dass ihr auch an eurem letzten Album gut anknüpfen konntet. Was sind denn deiner Meinung nach die größten Unterschiede zu „Die Unendlichkeit?“

    Jan: Hmm… Vielleicht eine eher technische Sache, die ich aber dennoch wichtig finde: Der Schlagzeugsound ist ganz anders. Das ist ein großer Unterschied, jetzt rein musikalisch. Ansonsten geht der Blick, was Dirks Texte betrifft, ein bisschen von ihm selbst weg. Das Stück „Nie wieder Krieg“ zum Beispiel ist fast wie eine Kurzgeschichte mit verschiedenen Protagonisten. Es geht zwar um das Innere dieser Menschen, aber eben auch weg aus dem eigenen Ich.

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    „Irgendwann hatte ich tatsächlich Sorge, dass der Musikgenuss in meinem Leben zu kurz kommt“

    Lukas: Da ich ja jetzt das Vergnügen habe, mit dir zu sprechen, möchte ich ein bisschen auf deine Person eingehen. Denn du bist ja nicht nur Bassist, sondern inzwischen auch ein renommierter Podcaster und Musikjournalist…

    Jan: (Lacht) Danke, ja, danke, dass du das so einordnest!

    Lukas: Ja, auf jeden Fall! Ich bin großer Fan von Reflektor, ich höre dich oft zum Einschlafen! (lacht) Natürlich nicht, weil es langweilig ist! Ich habe mich gefragt, inwiefern hat dich diese Arbeit als Interviewer in deiner bzw. eurer eigenen Musik beeinflusst? Also gibt es konkrete Beispiele, Bands oder Musiker:innen, die dich beim neuen Album stark inspiriert haben?

    Jan: (Überlegt) Das glaube ich nicht, ehrlich gesagt. Weil ja dann doch jede:r ganz eigene Sachen macht. Das finde ich auch das Tolle an Bands, dass man mit anderen zusammen eine kleine Zelle bildet, mit einer ganz eigenen Ästhetik. Natürlich auch mit vielen Einflüssen, aber das funktioniert irgendwie indirekter, glaube ich. Das war auch einer der Gründe, warum ich mich entschlossen habe, Reflektor zu machen. Weil wir als Band so lange über Distinktion und Abgrenzung funktioniert haben. Das hat mich dann irgendwann ermüdet und ich dachte mir, guckst du doch mal woanders hin.

    Einerseits mache ich natürlich Interviews als Fan, gerade die Sachen aus dem Punk. Wenn ich jetzt Frank Z von Abwärts, oder Annette Benjamin von Hans-A-Plast interviewe, dann mache ich das, weil ich einfach Fan dieser Musik bin. Aber ich suche mir auch Sachen, bei denen ich nicht so den Zugang habe. Zum Beispiel aus dem Hip Hop, oder bei Bands mit einer eher mainstreamigen Auffassung von Punk. Oder bei Musik, die an den Schlager grenzt. Um dann einfach mal herauszufinden, warum Menschen die Musik machen, die sie machen.

    Durch Reflektor höre ich wieder sehr viel mehr und sehr gezielt Musik. Als junger Mensch habe ich immer Musik um mich gehabt, beim Arbeiten, beim Essen, eigentlich bei jeder Tätigkeit. Irgendwann hatte ich tatsächlich Sorge, dass der Musikgenuss in meinem Leben zu kurz kommt. Das vorbereitende Hören ist für mich jetzt eine neue Art, mir Musik sehr gezielt zu erarbeiten. Ich bereite mich recht intensiv auf meine Reflektor-Interviews vor. In dieser Zeit höre ich wirklich nur diese eine Band oder die ein:e Künstler:in. Ich finde das total schön, da so einzutauchen. Und zum Schluss kommt dann eben dieses Gespräch und man sieht, ob sich diese ganzen Ideen, die man zu dieser Person hatte, bestätigen. Oder eben nicht.

    „Erstens Mu-Err Pilze, zweitens Gummibärchen“

    Lukas: Du hattest auch vorhin schon den Song „Ich hasse es hier“ angesprochen. Als ich mir das Album das erste Mal angehört habe, kam „Ich hasse es hier“ und ich musste so lachen über die Zeilen mit der Pizza! Mir ist dann aufgefallen, dass ich solche Momente eigentlich auf jedem Tocotronic-Album habe. Das ist euch schon wichtig, dass es neben aller Ernsthaftigkeit auch mal etwas zum Schmunzeln gibt, oder?

    Jan: Ja, auf jeden Fall! Uns umgibt immer so ein ganz ernsthafter, theoretischer Nimbus und wir versuchen das schon deutlich zu machen, dass das eben nicht ganz den Tatsachen entspricht. Das ist ja keine akademische Tätigkeit, der wir hier nachgehen. Keiner von uns hat eine Ausbildung für das, was wir tun. Das ist irgendwie alles selbst angeeignet und für uns gefühlt immer nahe der Hochstapelei. (lacht) Da tut so ein bisschen Humor auch ganz gut, finde ich. Im Endeffekt sind wir ja Gaukler. Und es verunsichert mich manchmal, wie weihevoll man wahrgenommen wird. Das ehrt uns natürlich einerseits, allerdings sollte die unseriöse Seite, die wir ins uns tragen, nicht zu kurz kommen. (schmunzelt)

    Lukas: In diesem Song haben wir dann also gelernt, dass Kräuter der Provence und Dosenchampignons nicht die richtigen Mittel sind, um eine Tiefkühlpizza aufzupeppen. Wenn es so nicht geht, wie geht es dann? Was ist dein heißer Tipp?

    Jan: Ok, warte mal… Lass mich mal überlegen. Also erstens Mu-Err Pilze, zweitens Gummibärchen, natürlich. Das ist ja eh klar. Ehm, vier Knollen Knoblauch. Und… Gurken. Gewürzgurken. Cornichons. Und zum Schluss mit Cola ablöschen.

    (Beide lachen)

    Lukas: Das klingt köstlich, das werd ich gleich mal ausprobieren! Danke für dieses schöne Interview, viel Erfolg mit der Platte und bis bald!

    Fotocredit: Gloria Endres de Oliveira

  • Goldroger im Interview: »Ich finde es uncool, wenn man beim ersten Hören direkt alles rafft«

    Goldroger im Interview: »Ich finde es uncool, wenn man beim ersten Hören direkt alles rafft«

    Kryptische Texte, Märchen über Schwarze Magie und ehrliche Lines über Panikattacken und Tobsuchtsanfälle. Der Deutschrapper Goldroger verpackt in seinen Songs thematisch so ziemlich alles von Liebeskummer bis Vollrausch. Es gibt viele Arten seine Musik zu beschreiben, aber ich finde Jan Kawelke vom COSMO Podcast Machiavelli hat es perfekt auf den Punkt gebracht. Er betitelt ihn den Voldemort des Deutschraps – passend zum Song „Horcrux„, in dem Goldroger ja bereits sein Faible für Harry Potter Referenzen deutlich macht.

    Wer meinen Jahresrückblick (ja, das ist Eigenwerbung) gelesen hat oder meine musikalischen Vorlieben kennt, der weiß, dass Deutschrap nicht gerade mein Spezialgebiet, geschweige denn mein Lieblingsgenre ist. Aber seit „Diskman Antishock I“ von Goldroger hat sich das grundlegend geändert. Goldi’s Art zu rappen, seine ehrlichen Texte und die perfekt flowenden Beats haben mich einfach in ihren Bann gezogen. Denn Goldroger Songs hört man nicht einfach nur so, man hört sie rauf und runter und versucht jede Line zu entschlüsseln (ihr wisst also, was ihr jetzt zu tun habt).


    Deutsche Sprachkunst mit Liebe zum Detail

    Im Interview mit Goldroger bin ich den Hintergründen einiger Texte auf „Diskman Antishock“ auf die Spur gegangen. Er erzählt von seinen musikalischen Einflüssen, philosophiert über Raum und Zeit und erklärt, warum er schon das ein oder andere Mal seine Prinzipien über den Haufen geworfen hat.


    Goldroger im Interview

    Anna: Hi Goldroger, schön, dass du dir die Zeit nimmst!

    Goldi: Hi Anna, ja klar, freu mich voll!

    Anna: Ich weiß immer gar nicht, wo ich bei denen Songs anfangen soll. Du verarbeitest ja so ziemlich alles von kritisch-politischen Statements, verrauschten Nächten bis hin zu privaten Einblicken in vergangene Beziehungen. Für mein Gefühl ist die „Diskman Antishock“ Trilogie (größtenteils) etwas dunkler als deine vorherigen Songs von den ersten Alben und auch irgendwie textlastiger, falls das Sinn ergibt. Was waren deine musikalischen Einflüsse für „Diskman Antishock“? Waren die anders als in den Jahren zuvor?

    Goldi: Ja, also es gab auf jeden Fall viel Kanye bei mir. Ich weiß nicht, ob man das hören kann, aber auch die Herangehensweise hat sich etwas geändert. Ich habe echt exzessiv das „The Life of Pablo“ Album gehört. Sonst auch Brockhampton und sowas. Aber es ist auch immer schwierig zu sagen. Am Ende hört man das vielleicht nicht mal so raus. Aber dieser Ansatz, ich mache auch einfach mal ein paar aufwändigere Sachen, die aber trotzdem klar und auch Hip Hop sind. Ich finde „Avrakadavra“ war es vielleicht mehr, dass es ist irgendwie nicht so klassisch rapmäßig war und diesmal wollte ich ein Rap Album machen, was aber halt so ein alternatives Rap Album ist.

    Anna: Ich finde es auch immer super schwierig zu sagen, ob man jetzt halt diesen einen Song oder so raus hört, weil es ist ja im Endeffekt immer noch der eigene Song, der neue Song ist, den du dann neu geschaffen hast.

    Goldi: Ich glaube es ist auch die Herangehensweise an einen Song. Ich würde zum Beispiel Dissy als Deutschrapper da in die ähnliche Sparte packen. Einfach von unserer Herangehensweise.


    Zwischen kryptischen Texten und einprägsamen Beats

    Anna: Würdest du sagen, deine Songs sind eher so zum Nebenbei hören oder aufmerksam Texte hören und analysieren? Beziehungsweise wie hättest du es gerne, dass die Leute deine Musik hören?

    Goldi: Am liebsten hätte ich so eine Mischung aus beidem. Am liebsten hätte ich, dass die Songs funktionieren, ohne dass man hinhört und dass wenn man hinhört, es trotzdem immer noch was zu entdecken gibt. Das steigert auf jeden Fall auch den Wiedererkennungswert. Ich finde es uncool, wenn man beim ersten Hören direkt alles rafft. Persönlich auch so, also wenn ich Mucke höre. Aber ich finde es auch cool, wenn einfach nur der Beat und der Flow cool sind. Und so wie ich jetzt auch einen türkischen Rapper oder so höre und auch kein Wort verstehe und es trotzdem fühle, so soll das auch funktionieren.


    Referenzen, die das Millenial-Herz höher schlagen lassen

    Anna: Ich glaube mir fallen kaum andere deutsche Rapper:innen ein, die so viele 90s/2000er Referenzen droppen wie du es jetzt in „Diskman Antishock“ gemacht hast. Dabei sind neben dem offensichtlichen Namen der Trilogie „Diskman Antishock“ ja Dinge wie die Lavalampe auf „Lavalampe Lazer“ oder Anspielungen auf Filme wie Harry Potter in „Horcrux“. Es ist immer so ein bisschen wie eine Schatzkiste zu öffnen, wenn ich einen Song von dir höre, in der ich immer wieder neue Dinge entdecke. Ich könnte jetzt wahrscheinlich noch tausend andere Referenzen nennen, aber das sprengt den Rahmen und mir fallen auch bei jedem Hören wieder irgendwelche neuen Lines auf, die ich vorher noch gar nicht so beachtet hatte. Es versteht auch längst nicht jede:r jede einzelne Referenz. Würdest du sagen, du hast eine bestimmte Zielgruppe, die du mit deiner Musik erreichen möchtest?

    Goldi: Nein, ich finde das tatsächlich schwierig. Also ich bin mir sicher, dass es nicht jede:n catchen wird. Ich bin mir auf jeden Fall im Klaren, dass je nerdiger es ist, desto weniger Leute das checken werden. Ich habe für mich auch immer festgestellt, dass wenn ich so was checke bei anderen Rapper:innen oder so, dass gibt einem so ein Gefühl des Eingeweihtseins. Und ich versuche – also bei „Horcrux“ jetzt nicht, weil Harry Potter ist natürlich sehr bekannt – in der Regel diese Lines nicht in der Hook zu haben, damit der Song auch funktioniert, wenn Leute ein, zwei Lines in einem Track überhaupt nicht checken, dass trotzdem der Track irgendwie für die Leute funktionieren kann. Es ist immer eher so ein Goodie. Ich glaube aber auch zum Beispiel, so jemand wie Drake oder auch Kendrick – da sind auch so viele Lines dabei, die man glaube ich nicht checkt, ohne dass man irgendwie alles kennt oder auf Genius nachgeguckt hat oder so. Und ich finde das macht es cool. Das macht es dann weniger beliebig. Ich finde es immer sehr belastend, wenn Mucke so aufgebaut ist, dass es für alle funktioniert, nämlich für den kleinsten gemeinsamen Nenner, dass jede:r alles checken muss und sich wird jede:r allein auch selber identifizieren können muss. Das das ist dann irgendwie nicht cool und das finde ich persönlich nicht cool.


    Anna: Ja, kann ich voll verstehen. Ich habe das auch manchmal, dass ich dann, wenn ich die Line nicht verstehe und dann sie aber verstehen möchte, auf Google nachschaue und dadurch findet man ja auch irgendwie dann coole neue Filme oder andere Musik, auf die man dann wieder stößt, die man vielleicht auch total feiert, die man vorher gar nicht kannte.

    Goldi: Genau das ist dann so der nächste Punkt, dass es dann auch eventuell Leuten Sachen empfiehlt, die sie noch nicht kannten und so. Und das finde ich dann auch wieder geil. Man kann auch mit einer Line meist viel mehr sagen als, wenn man zum Beispiel ein Wort wie „Horcrux“ nimmt, weil ja hinter dem Wort wiederum eine ganze Idee und ein ganzer Eindruck steht. Und da ist es cool, sich solcher Dinge zu bedienen, kann viel mehr sagen in viel weniger Worten.


    „Ist es ok mich an deinen Tränen zu bereichern?“

    Anna: Was ich mich schon öfters gefragt habe: Wie ist das, wenn du einen Song über eine Trennung veröffentlichst? Fragst du die Person, über die es in dem Song geht, vorher? „Wie leicht“ zum Beispiel ist ja schon sehr persönlich. Den Song dann immer wieder zu hören, erinnert ja auch wieder sehr stark an den Schmerz, der damit verbunden ist.

    Goldi: Ja, habe ich da tatsächlich gemacht. Ich kenne ja auch die Jungs von Annenmaykantereit und da habe ich mal mitbekommmen, dass das Mädchen, um das es in diesem Pocahontas-Song ging, sehr oft darauf angesprochen wird. Und dann dachte ich so „Oh mein Gott, ist es nicht total toxisch eigentlich, einen Ex-Freund zu haben, der nicht nur komisch ist, sondern auch noch Sachen macht, die dir dann noch hinterherrennen, wenn du eigentlich schon längst versuchst, über die Nummer hinwegzukommen.“ Da ist ein Song ja so ziemlich das Schlimmste. Und deshalb habe ich vorher gefragt. Also ist ja auch nur das Fairste. Ich meine, ich mache ja dann auch Geld damit. In „Horcrux“ hört man das ja auch in der Line „Ist es okay, mich an deinen Tränen zu bereichern?“. Es ist ja schon paradox. Aber ich habe ja offensichtlich ein Go bekommen, sonst hätte ich das so nicht machen können.

    Anna: Gab es da auch mal Songs, bei denen du nachgefragt hast, die du dann deswegen nicht veröffentlicht hast, weil die Person das nicht wollte?

    Goldi: Tatsächlich gab es da bisher keinen Song. Da frag ich mich auch manchmal, warum. Aber wenn dann natürlich ein Song sehr allgemein gehalten ist und man jetzt nicht unbedingt tracken kann, um wen es geht, dann geht das schon klar. Wenn es jetzt eine speziellere Anspielung hat, sodass auf jeden Fall alle im Bekanntenkreis wissen, um wen es geht, dann frag ich halt nach.

    Anna: Ja, finde ich auch nur fair. Aber „Pocahontas“ ist natürlich auch echt fies, weil das ja rauf und runter gespielt wurde im Radio.

    Goldi: Ja, das ist natürlich noch mal ein ganz, ganz anderes Level, wenn es ein Hit ist. Das konnte ich bei mir schon abschätzen, dass das nicht passieren wird. Aber es ist natürlich dann glaube ich trotzdem so, dass einem solche Songs dann unweigerlich auch irgendwie über gemeinsame Bekannte, die irgendwie ein Trailer teilen oder so was, immer wieder in die Timeline gespielt werden. Oder im Spotify Algorithmus oder Mix der Woche oder sowas. Habe ich dann auch selber erst hinterfragt. Und aus dieser Frage ist dann auch das „Horcrux“ Ding entstanden.


    Die Endlichkeit aller Momente

    Anna: Ja, voll. Also ich weiß nicht, ob das jetzt irgendwie eine super philosophische Frage ist, aber ruft es nicht auch irgendwie das Bedürfnis hervor, die Zeit zurückzudrehen, wenn du in deinen Songs so etwas verarbeitest?

    Goldi: Nein, eigentlich nicht. Ich bin mittlerweile an den Punkt angekommen, dass ich weiß … ok, das klingt wahrscheinlich super hippiemäßig … aber man lebt nur einmal und ist eigentlich auch gemessen an so einer Zeitspanne wie dem Universum ist es so eine sehr kurze Zeitspanne, die wir zu leben haben. Diese Momente, die irgendwann passiert sind, die waren ja schön und egal wie es dann endet, egal was man verbockt hat, das bleibt ja so. Ich kann solche Sachen relativ gut hinter mir lassen und einfach wissen, ich habe eine Erinnerung daran und die ist schön oder auch eine Erinnerung, die scheiße ist und kann es trotzdem schön finden, weil ich sie mit Abstand betrachte. Ich versuch im Moment zu hängen und mir nicht viele Gedanken über die Vergangenheit zu machen. Egal ob das jetzt ein Tag her ist oder fünf Jahre, in der Vergangenheit ist alles gleich unerreichbar. Ich glaube, solche Sachen tun immer nur weh, wenn man das Gefühl hat, das Leben geht ewig. Aber das muss man irgendwie ablegen und dann verliert das auch alles irgendwie so ein bisschen seinen Ernst.


    Wie aus „ich schreibe niemals einen Song über Sex“ ein Song über Sex wurde

    Anna: Ja voll, ich wünschte ich könnte das auch immer so sehen. Gibt es Themen, wo du sagst, die würde ich niemals in einem Song verarbeiten wollen?

    Goldi: Hmm, da habe ich jetzt gerade nichts vor Augen. Aber es muss ja irgendwelche Sachen geben, über die ich einfach unbewusst nicht schreibe. Andererseits gibt es dann halt auch immer einen Zugang dazu. Also ich hab zum Beispiel gesagt, ich würde niemals einen Song über Sex machen wollen, weil es oft einfach cringe ist. Aber dann habe ich es irgendwann halt doch gemacht. Es gibt diesen einen Song auf „Diskman Antishock II„, da geht es eigentlich auch um Sex, und das war tatsächlich aus der Emotion heraus, dass ich dachte sowas würde ich nie machen. Dann habe ich überlegt, wie ich es machen kann, dass ich es cool finde. Das war dann so ein Experiment. Nee, ich glaub, ich könnte bei fast jedem Thema irgendwie den Blickwinkel finden, dass es dann doch für mich funktioniert.

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    Der Teenie, der durch Punk politisiert wurde

    Anna: Thema Rap und Politik: Wenn du in deinen Songs politische Themen verarbeitest, ist das dann eine Art für dich die Situation zu verarbeiten? Erhoffst du dir dadurch etwas verändern zu können?

    Goldi: Mittlerweile weniger als früher. Ich habe mir auch als Hörer, gerade in meiner Teenie Zeit so viel Punk gehört. Da hab ich immer das Gefühl gehabt Musik muss politisch sein, weil das irgendwie so die Menschen sind und die dort eine Plattform haben, die sie nutzen müssen. Mittlerweile habe ich aber den Punkt, dass die Musik nicht zwingend politisch sein muss. Ich finde es teilweise sogar befremdlich, wenn Leute sich zum Beispiel in ihrem sonstigen Leben null politisch engagieren, aber mit politischer Musik Geld verdienen. Es ist ganz wichtig, dass man sich auch abseits der Musik irgendwie politisch engagiert, außer man ist halt so jemand wie zum Beispiel Kendrick oder so und spricht irgendwie für eine bestimmte Gruppe. Ich finde, jeder Mensch sollte sich irgendwie politisch außerhalb der Musik engagieren für eine bessere Welt. Aber in der Musik muss das nicht zwingend stattfinden. Ich finde es auf jeden Fall cool, ich glaube, gerade Teenager können über Popkultur überhaupt politisiert werden. Es ist völlig okay, finde ich, wenn jemand zum Beispiel zu Fridays for Future geht, weil er oder sie einfach die Musik feiert, also nur weil’s cool ist und alle anderen da hingehen, wenn es am Ende darin mündet, dass sich die Person vielleicht damit beschäftigt und dann wirklich irgendwann politisch wird. Ich glaube, so starten die meisten. Ich habe auch damals angefangen, es war einfach cool und ich bin dadurch politisiert worden. Das geht schon, aber ich glaube, so richtig was ändern, außer Leute dafür zu begeistern, kann man und möchte ich auch gar nicht.

    Anna: Ja, ich kann das schon verstehen, weil man irgendwie ja durch Musik jetzt auch nicht direkt Einfluss auf die Politik hat. Es hilft einem selbst vielleicht darüber zu singen. Und ich als Hörerin fühle ja dann irgendwie. Und das ist dann ja auch ein Weg, quasi in die Politik einzusteigen und mir selbst eine Meinung drüber zu machen.

    Goldi: Ich glaube, ein Lied ist auch ein relativ schlechtes Medium, wenn es drei Minuten geht oder so, um die Themen umfassend zu behandeln. Man kann Ausschnitte aus der Realität abbilden und die vielleicht wertungsfrei so stehen lassen und dann zwingt man die Leute, sich vielleicht selber dazu zu positionieren. Vom Kopf her. Das kann man schon, das ist glaube ich cool. Ich glaube gerade jüngere Leute kann man cool mit so was erreichen. Wahrscheinlich ändert das dann mehr. Unter Umständen inspiriert man ja jemanden, der oder die dann wirklich krass politisch im Rest seines oder ihres Lebens betätigt.


    „Diskman Antishock III“ und seine Feature Songs

    Anna: Ja cool. Kommen wir mal wieder zurück zu „Diskman Antishock“ und quasi so ein Rückblick auf die drei Teile. Auf Teil III sind 3 Feature Songs, die auf den ersten beiden nicht so stark vertreten sind. Auf dem ersten ist zwar „Coup de grâce„, aber auf dem zweiten ja gar keiner. Wie kam es dazu?

    Goldi: Ich hätte auch gerne noch einen zweiten einen gehabt, aber das hat sich dann einfach nicht ergeben. Ich hatte immer schon relativ konkrete Vorstellungen. Was konkret für mich wichtig ist, ist auf jeden Fall, dass die Teile ausgewogen sind zwischen Songs, die düster sind und Songs, die ich als nicht-düster empfinde. Und da hatte dann keiner von den Songs, die jetzt am Ende auf Teil 2 gelandet sind. Am Ende ist das für mich eh ein großes Album, deswegen auch vier Features, das sind alles Homies von mir. Es war mir auch sehr wichtig, dass keiner dabei ist, der übers Management oder Label kommt, wo ich dann ewig hinterherlaufen müsste. Und es war mir einfach wichtig, dass es Leute sind, mit denen ich persönlich auch gut bin. Zum Beispiel mit Yrre war ich auf Tour, Lugatti kenne ich aus Köln sehr gut. Das ist bei dem ganzen Projekt „Diskman Antishock“ irgendwie so der Zugang für die Musik gewesen: worauf habe ich Bock und worauf überhaupt nicht? Was ergibt es am meisten Sinn und wie?

    Anna: Ja, das sehe ich genauso. Das passt einfach sehr gut in das Album rein. Also es fällt dadurch jetzt nicht irgendwie raus. Ich habe manchmal das Gefühl, man merkt bei Künstler:innen, dass sie halt so gezwungen ein Feature machen wollten, dass es dann einfach nicht passt.

    Goldi: Ja, also ich habe tatsächlich auch direkt als das Album fertig war gedacht, dass ich auch voll gern ein Feature mit LGoony drauf hätte. Das wäre auch wieder ein Kölner gewesen, der gut auf die Platte gepasst hätte. Ich hatte da irgendwie ein Brett vorm Kopf und man hat sich auch gar nicht so oft gesehen in der Zeit. Hätte ich schon sehr cool gefunden, aber das kommt dann irgendwann. Auf der neuesten Platte sind ja auch zehn Tracks und nicht nur sieben wie zuvor, da passte das jetzt ganz gut mit den Features. Mehr wollte ich dann aber auch nicht, sonst hätte es sich so angefühlt als würde ich gar nicht selbst rappen auf meinem Album.


    Kommt ein vierter Teil?

    Anna: Würdest du sagen, dass die Trilogie jetzt abgeschlossen ist oder hast du das Gefühl, da ist noch was offen ist und es kommt noch mehr? Vielleicht sogar ein weiterer Teil?

    Goldi: Hm nee. Also das Ding war, dass ich irgendwann Ende 2018, Anfang 2019 so einen krassen Rush hatte. Das war nach einer Zeit, wo ich echt gar nichts rausbekommen habe. Da habe ich mir gesagt „Scheiß drauf“, ist alles nicht so wichtig, ich mach einfach Mucke, so wie ich Bock hab. Und dann habe ich 50 Demos oder so gemacht in einem sehr komprimierten Zeitraum und das war so der Ideenpool, aus dem sich die Diskman-Trilogie gespeist hat. Und ich wusste von vornherein, dass das nicht alles auf einem Album alles Platz haben wird. Dann dachte ich, so ne Reihe, das finde ich geil. Und mit „Diskman Antishock III“ habe ich teilweise so Songs wie „Schwarz„, wo die Idee schon sehr lange rumlag und ich wusste, dass ich das noch fertig machen will, dass bestimmte Lücken, die mir irgendwie wichtig sind, was ich noch sagen wollte, noch gefehlt haben und da habe ich dann jetzt irgendwie einen Haken runtergemacht. Deswegen weiß ich, dass das jetzt für mich abgeschlossen ist. Kann natürlich trotzdem sein, dass das nächste Album wie „Diskman IIII“ klingt. Aber der Punkt war auf jeden Fall, dass das alles ein Pool an irgendwelchen Dingern war, irgendwelche Fässer, die ich irgendwann mal aufgemacht habe und wo ich wusste, ich will die abarbeiten. Das klingt so uninspiriert, wie sage ich es schöner? Ich wollte sie irgendwie ausfüllen und das hab ich jetzt geschafft. Und deswegen ist das für mich auf jeden Fall vorbei. Und das nächste wird dann entweder ganz anders oder ich muss mal gucken. Ich habe da noch nicht so krass konzeptionell angefangen, außer dass das Konzept irgendwie war: Ich flash gerade auf diese Idee und die will ich fertig machen und hoffe am Ende gibt das ein kohärentes Ganzes.

    Von kreativen Geistesblitzen und Ernüchterungsphasen

    Anna: Würdest du sagen, dass es so geworden ist, wie du dachtest, dass es wird? Also wie du vor dem ersten „Diskman Antishock“ da rangegangen bist?

    Goldi: Das erinnert mich daran, dass ich letztens ein Meme gesehen hab, wo es um den kreativen Prozess geht. Meistens, wenn man eine Idee hat, ist die ultra krass. Dann setzt irgendwann die Ernüchterungsphase ein, wo man merkt, man wird dieser reinen Idee nicht gerecht. Am Ende wird’s dann aber doch geiler, als man zwischenzeitlich geglaubt hätte. Das ist schon nah dran. Es hat die Sachen, die Boxen, die ich irgendwie für mich gesetzt habe, auf jeden Fall gecheckt. Aber natürlich ist jede Idee geil, bis man sie umsetzt. Meistens ist die Vorstellung davon, was man macht, lange unerreichbar. Ich glaube, das hält einen auch irgendwie an der Stange. Ich wollte halt durch das Ding auf jeden Fall irgendwie besser werden in dem, was ich mache. Irgendwie wollte ich festgefahrene Sachen bei mir aufbrechen, ein paar Facetten ausprobieren und im Nachhinein gucken, ob mir das Spaß gemacht hat.


    Den Perfektionismus einfach mal ablegen

    Anna: Kann ich voll verstehen.Ich glaube auch, dass es diesen Prozess irgendwie braucht, um weiterzukommen und zu merken: okay, so klappt das jetzt und so nicht. Ich merke das selbst, wenn ich Artikel schreibe und mir irgendwie vorher sage, jetzt mache ich einen richtig krassen Kommentar über politische Musik zum Beispiel und hatte so voll das Konzept. Und dann mittendrin verliert man sich und denkt irgendwie weiß ich jetzt gar nicht mehr, was ich machen wollte. Und dann kommt man aber wieder auf die Spur. Am Ende ist es richtig geil und daraus hat man dann auch gelernt für die nächsten Projekte.

    Goldi: Und genau sowas war das an dem Punkt irgendwie auch bei mir. Meistens bevor ich anfange Musik zu releasen. Man schreibt in einer Anfangsphase mit dem Wissen, dass das wahrscheinlich für die Tonne ist, aber hat ständig Erfolgserlebnisse. Und ich hatte auf jeden Fall das Gefühl, ich brauch so eine Phase, wo ich eine gewisse Quantität an Sachen einfach anfange, ohne Klares, ohne zu viel Perfektionismus. Ich wollte letztlich die Leute erreichen, die dann am Ende nicht nur einen Song kennen, sondern ich wollte , dass die Leute, die neu dazukommen, auch Kernhörer:innen werden. Also das ist jetzt nicht so ein Hit-Single-Publikum war, die dann nur die Zugabe auf dem Konzert können, sondern idealerweise Leute, die die ganze Album hören. Und ja, ich will einfach relativ ungefiltert meinen Film machen und hoffen, dass die Leute anbeißen und das feiern, was ich fühle und nicht nur eine Facette, die ich dann unter Umständen immer wieder wiederholen müsste, weil die Leute sonst wieder wechseln.

    Anna: Ah ja, das stelle ich mir auch sehr nervig vor sonst. Ok, meine liebste Killerfrage: Hast du momentan einen Lieblings Track auf „Diskman Antishock„?

    Goldi: Ja, es schwankt natürlich immer, aber jetzt gerade auf jeden Fall „Frag mich wie„. Da sind so kritische Stimmen mitdrin, das fühle ich voll. Also ich finde den Song mega geil, aber zwischenzeitlich war es auch mal „Schwarz„. Es wechselt eigentlich immer. Das Intro finde ich auch ziemlich gut. Das ist halt so ein typisches Rap-Intro. Ich weiß nicht, ob man das über seine Musik sagen würde, aber es hat so eine Dringlichkeit. Es klingt irgendwie, als müsste ich das erzählen. Das ist etwas, was ich geil finde.


    „Diskman Antishock“ in der „Director’s Cut“-Version

    Anna: Ich finde auch irgendwie, dass die drei einzelnen Teile, also von „Diskman Antishock„, ein bisschen wie so einzelne Geschichten sind. Und du fängst halt an, so dieses Buch quasi zu öffnen und jeder Teil ist dann wie eine Geschichte. Und wenn man die aber dann alle drei zusammen hört, dann ergibt es eine größere Geschichte. Also irgendwie ist es so sehr abgeschlossen dadurch.

    Goldi: Ja, das ist auch etwas, womit ich mich so langsam auch mal mit auseinandersetzen müsste, weil sonst wird’s stressig. Ich würde eigentlich gerne auch noch mal eine Tracklist machen, wo ich alle drei Alben mische. Es ist natürlich nie chronologisch. Also so ein Song wie „Schwarz“ ist eigentlich in der Erzählung das Kapitel vor „Horcrux“ und ein Song wie „Wie leicht“ auf dem ersten Album ist eigentlich was, was nach dieser Trennung schon war. Und ich würde gerne mal für die einzelnen Sachen eine Art „24 Track Album Playlist Geschichte“ machen, wo ich mir überlege, wie ich die Geschichte erzählen würde. Ist aber auch wichtig für mich, dass alle drei einzelnen Teile als so was funktionieren. Da müsste ich mir mal überlegen, ob ich das chronologisch ordne oder so wie es am meisten Sinn ergibt im Kontext. Aber ich muss mal für mich so ne „Director’s Cut“-Version erstellen.


    Wie aus einer 6 in Mathe ein Song wurde

    Anna: Damit sind wir auch schon bei der Schlussfrage, die nach einer „untold story“ fragt. Was ist eine Geschichte hinter einem Song, die du so noch nie in einem Interview erzählt hast?

    Goldi: Warte, ich muss dafür mal kurz Spotify öffnen und schauen, was ich überhaupt alles für Songs gemacht hab (denkt laut) Hmm, jaa.. ich weiß nicht, ob das cool ist… Also ich habe zwei kleine Stories. Und zwar einmal bei „Speedball Drive“ steige ich ein mit der Line „ne Pulle Grey Goose vor der Show, trink allein“. Ich habe mir beim Maifeld Derby wirklich vor der Show alleine eine Flasche Grey Goose reingepfiffen, die wir irgendeinem größeren Artist geklaut haben, weil wir sonst keinen 60-Euro-Wodka kriegen. Ich war mega besoffen, war aber trotzdem eine gute Show. Nummer zwei: Bei „Kalkulation“ rappe ich „Ich hatte in Mathe ne 6“ und ich hatte auch in Mathe ne 6. Deshalb bin ich sitzen geblieben in der elften Klasse, weil meine Lehrerin mir eine 6 reingewürgt hat, obwohl wir uns eigentlich drauf geeinigt hatten, dass er mir ne 5- gibt. Dann musste ich ein Jahr wiederholen. Ihre Begründung war „das muss man doch für’s Leben können“. Eigentlich ist dieser Track auch ein Diss-Track an meine Mathelehrerin. Das sind so meine beiden Stories, die auch noch nicht allzu düster sind.

    Anna: Dann danke dir, dass du dir die Zeit genommen hast und bis zum nächsten Mal!

    Goldi: Danke dir, bis dann!

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    Fotocredit: Carlo Glanville, Robert Winter

  • Annelu im Interview: »Mit den Songs habe ich meine eigenen Unsicherheiten verarbeitet«

    Annelu im Interview: »Mit den Songs habe ich meine eigenen Unsicherheiten verarbeitet«

    Ihr wisst ja, wir lieben unsere Newcomer:innen und möchten euch die versteckten Schätze der Musiklandschaft nicht vorenthalten. Heute möchten wir euch einen dieser Schätze vorstellen, einer der besonders am Glänzen ist. Nämlich Annelu! Annelus Musik zeichnet sich durch coming of age Themen aus, die uns alle tagtäglich beschäftigen. Über den Struggle erwachsen zu werden, in der ganzen Oberflächlichkeit etwas Mehrwert zu finden und gleichzeitig nicht an seinen eigenen Unsicherheiten zu zerbrechen. Das alles und noch viel mehr thematisiert die junge Künstlerin in ihrem neuen organischen Sound, der teilweise an The War On Drugs erinnert.

    Aus dem tiefsten Bayern stammend, lebt Annelu mittlerweile mitten in Köln in einem selbstgebauten Studio. In diesem hat sie unter anderem an ihrem Debüt-Album sth. to feel, das am 21.04.2022 über ihr eigenes Label hithome erscheint, gewerkelt. Ich habe mit der sympathischen Sängerin über ihre Musik, ihren persönlichen Zufluchtsort und über die Dinge gesprochen, die ihr am meisten am Herzen liegen.


    Annelu im Interview

    Evelin: Hey Annelu! Erstmal wie geht’s dir gerade? Wie fühlst du dich?

    Annelu: Hey liebe Evelin! Danke, dass ich hier sein darf zum Fragen beantworten. Heute fühl ich mich gut, war schon beim Sporteln und habe bisschen was erledigt bekommen, das tut immer ganz gut, finde ich. 

    Evelin: Für einige Leute bist du ja noch ein neuer Stern am Himmel. Für die, die deine Musik noch nicht zu hören bekommen haben, würdest du dich und deine Musik kurz vorstellen?

    Annelu: Ich bin Anne, 28 Jahre alt und lebe in Köln. Aufgewachsen bin ich in Bayern bei Garmisch. In Köln habe ich meine Band, unser Studio und unser Label und habe dort 2015 angefangen, als Annelu Musik zu machen. Ich würde meine Musik als Indie Pop beschreiben, find es aber immer super schwer die eigene Musik vorzustellen. Daher interessiert es mich immer brennend wie andere Hörer:innen meine Musik wahrnehmen … 🙂

    Evelin: Du arbeitest ja schon seit längerem an deinem Debüt-Album sth. to feel, worauf ich sehr gespannt bin. Wann genau kommt es raus und wie wichtig war es dir, dir Zeit bei dem Prozess zu lassen?

    Annelu Untoldency 2

    Annelu: Das Album wird am 20. April 2022 rauskommen. Tatsächlich war es mir super wichtig, dass das Album nicht unter Zeitdruck entsteht und der Prozess genau so viel Zeit bekommt, wie er eben braucht.

    Evelin: Kannst du uns verraten, worum es in dem Album gehen wird? Was sind die tragenden Themen der Songs?

    Annelu: Ich glaube ich habe mit den Songs viel meine eigenen Themen und Unsicherheiten verarbeitet, mit denen man beim Erwachsenwerden konfrontiert wird. Ich hab über Konflikte in Freundschaften und Beziehungen geschrieben, Zukunftsängste und Selbstzweifel ausgesungen, aber auch Sehnsüchten und
    Träumen Raum gegeben.


    “Momente, in denen die Unsicherheit Überhand nimmt”

    Evelin: Du hast ja bereits einige Singles veröffentlicht, unter anderem den Song kindapeaceofmind. Den find ich übrigens klasse! Du singst darin über Angst, Überforderung, die verzweifelte Suche nach etwas wie einem Zufluchtsort. Erklär‘ doch mal aus deiner Perspektive, um was es dir in dem Song ging und ob du diesen „Ort“ gefunden hast?

    Annelu: Freut mich sehr, dass dir der Song gefällt! 🙂 Der Song beschreibt eigentlich kompletten ‘Overload’. Momente, in denen die Unsicherheit Überhand nimmt und ich einfach nur überfordert bin und alles infrage stelle. Gleichzeitig gibts ‘nen kleinen Hoffnungsschimmer im Song. Denn ich schaffe es das zu erkennen, dass ich mich verloren und verirrt habe und das zu reflektieren. Daraus resultiert ein tiefer Wunsch nach Ruhe und innerem Frieden.

    Ob ich diesen „Ort“ schon gefunden habe, ist eine super Frage. Das ist schwierig, weil ich glaube, ich gar nicht 100 % sagen kann, wie dieser Ort aussieht oder was diesen Ort ausmacht. Aber ich weiß, dass es Momente gibt, da bin ich dort. Das sind vielleicht Momente, in denen ich mich unbeschwert fühle, diese Unsicherheit nicht alles schwieriger macht und ich einfach machen kann und das sich gut anfühlt. 


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    Evelin: Wenn man sich durch deine Diskografie hört, ist der Umschwung in Genres über die unterschiedlichen Releases deutlich zu erkennen. Besonders in kindapeaceofmind merkt man das. Der Song klingt kraftvoll, organisch, einfach richtig rund. Wie fühlst du dich mit deinem Sound momentan? Meinst du, du hast etwas für dich gefunden, was sich für dich gut anfühlt?

    Annelu: Ich mag den Sound sehr und fühl mich gut damit, ich glaube, dass das vor allem live richtig schön wird. Generell ist der Sound organischer und bandmäßiger geworden, damit bin ich super happy! 

    Evelin: Gibt es einen Song auf dem Album, der in der Produktion besonders Spaß gemacht hat oder auf den du besonders stolz bist?

    Annelu: kindapeaceofmind ist auf jeden Fall ein Favorit, aber auch die nächste Single blank&pale geht mir sehr nahe, weil ich mich darin mit einem sehr intimen Thema beschäftige: Bodyshaming.  In dem Song habe ich super viele Vocals übereinander gesungen und mag das Arrangement, das daraus entstanden ist, total gern. 


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    “Nicht easy im selben Space zu wohnen und zu arbeiten”

    Evelin: Ich habe gesehen, dass du nicht lange her ein eigenes Studio mit deinen Freund:innen gebaut hast, wo du zeitweise (oder immer noch?) gewohnt hast. Außerdem hast du das Label hithome mitgegründet. Das alles sprüht vor Zusammenhalt und Gemeinschaft. Wo siehst du den Mehrwert in dieser kollektiven Energie?

    Annelu: Dieses Kollektiv von nummerdrei, dem Studio und dem Label hithome sind meine engsten Menschen und wie eine zweite Familie. Wir wohnen da derzeit auch noch, das ist ein Traum, aber gleichzeitig manchmal auch gar nicht so easy im selben Space zu wohnen und zu arbeiten. Trotzdem ist das, was wir gemeinsam schaffen eine Sache auf die ich sehr stolz bin und dankbar, dass wir das so hinbekommen. 

    Evelin: Gibt es neben dem neuen Album noch irgendetwas, worauf du dich in naher Zukunft besonders freust?

    Annelu: In der jetzigen Ausgangssituation ist es schwer von ‘naher Zukunft’ zu sprechen, aber ich hab richtig Bock, mit dem neuen Album auf Tour zu gehen und die Songs live zu spielen. 

    Annelu Untoldency 3

    Evelin: Am Ende jedes Interviews bitten wir immer um eine untold story. Das kann ein random Fakt über dich sein, eine kleine Anekdote, irgendwas Witziges, das im Studio passiert ist, usw. Kurz gesagt irgendwas, was du noch nicht mit der Welt geteilt hast, was du jetzt aber gern wollen würdest. 😊

    Annelu: Es ist nicht wirklich eine untold story … aber ein Fakt, der mir gerade wieder bewusst wird und wofür ich sau dankbar bin. Nämlich, dass meine Band (es folgen unofficial Spitznamen) Kerem, Micko und Coco schon seit so langer Zeit am Start ist … eigentlich ging es 2014 los und auch mein Mgmt Dave alias Frau Holle 😀 Es ist echt nicht selbstverständlich, dass man so tolle Menschen so lange an seiner Seite hat die Zeit und Kraft investieren … i love you! <3

    Evelin: Danke für deine Zeit!

    Annelu: Liebsten Dank dir!

    Schreibt euch den Namen Annelu auf jeden Fall hinter die Ohren! Denn ich bin mir sicher, von der liebenswerten Newcomerin können wir noch einiges Eindrucksvolles erwarten. Wer die Zeit bis zum Debüt-Album nutzen will und sich der Welt von Annelu öffnen will, hört sich auf jeden Fall in die bereits veröffentlichten Singles kindapeaceofmind und blank&pale rein und setzt sich einen Reminder auf dem Handy für das am 21.04.22 erscheinende Debüt-Album sth. to feel.


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    Fotocredits: David Schweikart

  • Van Holzen im Interview: »Wir haben das neue Album ordentlich an die Wand gefahren«

    Van Holzen im Interview: »Wir haben das neue Album ordentlich an die Wand gefahren«

    So richtige „Auf die Fresse“-Musik zum Moshen, Pöbeln oder einfach Mitfühlen – das ist für mich Van Holzen. Die drei Ulmer Florian, Jonas und Daniel sind gerade einmal 22 und veröffentlichen heute ihr drittes Album „Aus der Ferne“. Im Gegensatz zu den vorherigen Alben, haben die Jungs diesmal auf eigene Faust im bandeigenen Studio produziert. Beweisen müssen sie sich und ihrer Musik aber schon längst nicht mehr, denn die Van Holzen-Jungs wissen genau, was sie machen und was sie wollen. Ich habe im Interview mit Sänger und Gitarrist Florian einen Blick auf die Bandhistorie geworfen und über die Hintergründe zum neuen Van Holzen Album „Aus der Ferne“ gequatscht.

    VAN HOLZEN im Interview

    Anna: Hi, schön dich zu sehen. Darf ich fragen wo du gerade bist? Ist das euer Proberaum im Hintergrund?

    Florian: Ja! Ich sitze nur gerade draußen, weil anscheinend ist WLAN irgendwie im Arsch ist. Deswegen versuche ich es jetzt mit meinem Hotspot. Schau mal, so ist gerade mein Ausblick hier. (dreht die Kamera um, man sieht Felder und Wald)

    Anna: Sehr idyllisch, aber ziemlich grau und nebelig.

    Florian: Ja, ich bin in Ulm und Ulm ist so ein richtiger Nebelkessel. Da scheint die Sonne sehr wenig. Hitze in der Jahreszeit hier. Aber genau, ich sitz hier vorm Studio.

    Anna: Das ist ja auch irgendwie das klassische Novemberwetter. Naja, kommen wir mal weg vom Wetter und hin zu Van Holzen. Ich fang mal einfach ganz vorne an in eurer Bandhistorie. Ihr habt ja als Schülerband gestartet. Wie war das für euch quasi so früh schon die Musik in den Vordergrund zu stellen? Meinst du, dass dadurch der Druck auch größer ist, wenn man so früh anfängt?


    Anfänge als Schülerband

    Florian: Es kam irgendwie so. Wir waren sogar noch jünger eigentlich, als wir zum ersten Mal angefangen haben. Da waren wir so zehn Jahre alt, würde ich sagen. Also Jonas und ich, Daniel war damals noch gar nicht in der Band. Das war eher so, dass die einen halt irgendwie Handball oder Fußball gespielt haben und wir haben halt einfach Musik gemacht und haben damit unsere Wochenenden voll geballert. Am Anfang war da gar kein Druck. Es war wirklich eigentlich wie so ein Sportverein und auch vergleichbar vom Arbeitsaufwand gewesen. Wir haben zu der Zeit auch noch gar keine Konzerte gespielt und dann irgendwann so mit 12 haben wir begonnen die ersten Shows zu spielen. Da war dann der Daniel auch dabei. Und ja, dann haben wir relativ schnell gemerkt, als wir dann mit 15 Van Holzen gegründet haben, dass wir das so richtig ernst machen möchten. Dann ist da natürlich auch ein bisschen mehr Druck dahinter. Aber erstmal auch Druck, den man sich dann selbst macht, weil man natürlich auch gewisse Leute erreichen möchte und jetzt nicht für immer in irgendwelchen Jugendhäusern zocken will – auch wenn es geil war. Aber es soll ja auch so ein bisschen größer werden. Solange der Spaß den Druck überwiegt oder solange der Spaß da ist, ist auch mit dem Druck völlig klarzukommen. Da ist gar kein Problem für uns. Solange wir drei uns hier einschließen können und Musik machen dürfen. Also ich würde nicht sagen, dass es irgendwie mehr Druck war, weil wir so früh angefangen haben. Eher im Gegenteil. Also als wir aus der Schule rauskamen hatten wir schon einen ordentlichen Erfahrungsschatz, aus dem wir schöpfen konnten. Wir waren auch sehr relaxed in ganz vielen Situationen im Vergleich zu Bands, die jetzt mit 18 oder 19 beginnen und da ihre ersten Erfahrungen machen. Und dann kommt natürlich auch die Frage: Wann studiert ihr? Was studiert ihr? Und zu dem Zeitpunkt, wussten wir schon, dass wir Musik machen wollen. Das hat glaube ich vieles auch einfacher gemacht.

    Selbständigkeit und Unterstützung der Eltern

    Anna: Haben eure Eltern euch da von Anfang an unterstützt oder waren sie eher skeptisch? Ich meine sie mussten euch ja immerhin auch zu den Gigs hinfahren und euch da die ganze Zeit unterstützen?

    Florian: Die haben uns volle Kanne unterstützt! Das ist eigentlich das größte Glück für uns. Ich glaube sonst würde es die Band so auch gar nicht mehr geben. Wie du sagst, sie haben uns halt zu den Gigs gefahren bis wir 18 waren. Also wir hatten dann irgendwann so ab 16/17 auch mal eine Crew, die hat uns dann gefahren und so, da waren dann die Eltern nicht mehr die ganze Zeit dabei. Das wollten wir schon möglichst früh dann nicht mehr. Aber wir sind denen übelst dankbar, dass sie das immer noch für uns tun und da voll hinter uns stehen. Und ohne das wär es gar nicht möglich. Wie gesagt, es ist auch ein riesiger Zeitaufwand, den wir da betreiben. Und hätten wir jetzt Eltern im Nacken sitzen, die sagen ‚Ihr müsst jetzt aber auch mal studieren‘ oder ‚macht mal was Vernünftiges‘ oder so, dann gibst du da auf. Aber die stärken uns schon sehr den Rücken. Früher wie heute.

    Anna: Also war das für euch quasi auch nie so wirklich eine Option, jetzt zu studieren zu gehen oder ‚was vernünftiges‘ zu machen? Sondern es war einfach von Anfang an klar, dass ihr mit der Musik euer Ding durchzieht nach der Schule?

    „Wir haben schon immer unser Ding gemacht“

    Florian: So war es! Also hat sich ganz natürlich entwickelt, weil wir 2017 Abi gemacht haben und da dann kurz vor unserem Abi das Debütalbum rauskam. Und dann waren wir halt erst mal das ganze Jahr auf Tour und das was andere dann so als Gap-Year oder Auslandsjahr machen, da haben wir einfach Touren gespielt. Und dann waren wir halt auch so … Ja okay, also solange wir hier was zu tun haben, solange wir das Gefühl haben, wir kommen voran und das ist das, was wir lieben und woran wir Spaß haben, machen wir es einfach weiter. Und es gab dann auf jeden Fall mal ne Phase, so Ende 2018, da hatte ich das Gefühl, ich müsste noch etwas anderes machen. Ich glaube, das kam aber auch so ein bisschen aus dem Umfeld. Wir sind ja hier in einer sehr dörflichen Gegend, sehr ländlich. Und natürlich fragen auch die Leute, ob man nicht noch einen Plan B hat. Irgendwas Vernünftiges mit ganz viel Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit! Das wollen hier ja alle immer. Und ich glaube, da habe ich mich so ein bisschen von verleiten lassen. Und weil ich mich sowieso auch für Psychologie interessiere, habe ich dann ein Fernstudium angefangen und versucht, so ein bisschen nebenher das zu machen. Obwohl es interessant war, habe ich dann auch gemerkt, das es zu viel ist. Die Zeit, die ich dafür benötige, habe ich einfach gar nicht. Und seitdem kann ich stolz sagen, dass ich einfach Selbststudium mache und wir unser Ding hier machen, Musik machen. Denn das ist das, was wir lieben.

    Anna: Puh, vor allem Psychologie stell ich mir auch besonders krass vor als ‚Nebenbei-Studium‘. Aber ich finde man muss ja auch gar nicht immer in dieses perfekte Raster reinpassen, was einem den Weg vorschreibt. Ich habe heute Morgen das Interview geschaut, was ihr vor circa zwei Jahren mit Diffus gemacht hat, diese Coverstory. Und da habt ihr auch viel über diese schwäbische Mentalität geredet. Dieses klassische: Du machst die Schule fertig, du machst einen Job und dann baust oder kaufst du ein Haus und gründest Familie und so was alles. Habt ihr das mittlerweile komplett abgelegt oder hast du immer noch mal wieder das Gefühl, es kommen so Phasen auf, wo du dir denkst ‚Oh shit, ich muss jetzt auch irgendwie in dieses Raster reinpassen‘? Ihr habt ja auch immer noch euer Studio auf dem Land und seid in derselben Umgebung. Das beeinflusst dann ja irgendwie schon, oder?

    Einfach mal aus dem Raster fallen

    Florian: Also es braucht auf jeden Fall viel Kraft, merke ich immer wieder. Und in Momenten, in denen man dann vielleicht auch mal Rückschläge hat und es in der Musik gerade mal nicht so läuft, da hinterfragt man es natürlich schon mal. Aber an sich ist der Zug voll abgefahren für mich. Ich kann jetzt zwar gerade nur für mich sprechen, aber von den anderen weiß ich es auch. Wir können es so nicht. Ich glaube, jeder von uns wird früher oder später irgendwas selbst auf die Beine gestelltes arbeiten. Und deshalb wir machen hier unser Ding und ich habe da zum Glück auch einen coolen Freundeskreis. Wir supporten uns da gegenseitig. Und ich sehe auch, dass sie ihr Ding machen und wie dann der Weg genau aussieht, ob das ein Studium ist oder was anderes. Aber klar, es gab auch mal Momente, wo es anstrengend war da seiner Linie treu zu bleiben und zu sagen ‚Nee, ich mach das jetzt so, ich habe mir das jetzt so vorgenommen‘. Und dieser Versuch mit dem Psychologiestudium hat das noch mal bestätigt, dass  ich auch auf anderen Wegen zu meinem Ziel komme. Und jetzt bin ich auch Mitte des Jahres nach Berlin gezogen und da ist ein bisschen einfacher sein Ding zu machen. Obwohl ich sagen muss, dass ich auch noch viel Zeit hier verbringe, weil wir die Platte fertig machen. Aber Berlin fragt niemand mehr, was du studierst oder arbeitest. Da macht jeder sein Ding.


    Anna: Kann ich total nachvollziehen. Ich bin auch auf dem Dorf aufgewachsen und die typischen Sprüche, die man dort immer wieder zu hören bekommt. In der Großstadt ist das gleich ganz anders. Aber man stellt sich dann doch manchmal selbst in Frage. Das ist glaub ich normal. Meinst du, es hat auch einen Einfluss auf die Musik und wie ihr Musik macht? Dadurch, dass sie quasi in Ulm aufgewachsen sei, dort euer Studio habe, dort noch größtenteils wohnt ist es ja einfach ein Großteil eures Lebens. Auch, wenn es wahrscheinlich schwierig zu trennen ist. Macht es einen großen Unterschied?

    Florian: Auf jeden Fall. Aber ich muss sagen, ich glaube unsere Musik hat es hier ganz gut getan. Es gibt zwar auch hier in Ulm eine Musikszene, aber die floriert nicht so richtig. Da geht nicht wirklich viel ab. Und wir haben uns eigentlich isoliert von vielen anderen Bands hier entwickelt und unseren Musikstil gefunden. Ich glaube, wenn du in der großen Stadt bist, wo du gleichgesinnte Menschen triffst und dich aneinander orientierst, da schlägt man vielleicht eher so in eine Kerbe und findet dann da auch so eine Szene, die dann eine bestimmte Musikrichtung ausmacht. Und bei uns war es halt nicht so. Wir waren hier in keiner Szene. Deshalb konnten wir auch einen sehr speziellen Sound entwickeln. Wir haben uns einfach nur an uns selbst und was uns gefällt orientiert. Hier auf dem Dorf gibt es auf jeden Fall niemanden, der noch so eine Band hat.

    „Ohne Weiterentwicklung wäre unsere Musik ganz schön langweilig“

    Anna: Würdest du sagen, dass eure Musik so ein bisschen mit euch erwachsen geworden ist? Ich finde es immer schwierig zu sagen, ab wann man sich erwachsen fühlt. Aber würest du sagen, dass sie mit euch wächst?

    Florian: Auf jeden Fall. Also ich habe mir jetzt vor kurzem auch mal wieder unsere alten Platten reingezogen und es ist schon witzig. Ich finde es voll geil so von 15 bis 22 Alben rausgebracht zu haben und dann zu hören, wie sich alles verändert. Die Stimme, die Texte, die Inhalte, die Stimmungen und so. Ich hoffe, das hört nie auf, sich weiterzuentwickeln und kommt nie zu diesem Punkt, wo man sagt jetzt ist es ausgereift, jetzt ist es erwachsen. Also wenn wir alle zwei Jahre ein Album rausbringen, dann fühlt man sich schon auch alle zwei Jahre irgendwie ein bisschen anders oder ist woanders oder macht sich andere Gedanken. Man sucht ja dann auch immer nach Inhalten, um die Texte zu schreiben. Also ich musste schmunzeln, als ich unsere Ideen von 2016 gehört habe und was wir da so sagen. Ich liebe aber auch den Spirit, den wir damals hatten. Es war halt so übelst rotzig und scheißegal. Ich feier es, dass wir das so durchgezogen haben. Aber ich hänge da jetzt auch nicht irgendwie so nostalgisch dran. Ich will nicht denken ‚früher war alles geiler‘. Sondern es ist einfach schön, das aufgenommen zu haben und festgehalten zu haben.

    Anna: Das kann ich mir gut vorstellen. Es ist ja auch irgendwie eine schöne Momentaufnahme. Ich glaube, wenn ihr den Song jetzt auf den Konzerten dann noch mal spielt, fühlt sich das auch wieder anders.

    Florian: Ja und das muss es auch. Ohne Weiterentwicklung wäre unsere Musik ganz schön langweilig.

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    Den aufmerksamen Zuschauer:innen sollte die Person im Bett hier im Video zu „Schlafen“ bekannt vorkommen. Die Jungs von Van Holzen haben sich Luke Noa dazu geholt.
    „Aus der Ferne“ und ein gewohnt düsterer Sound

    Anna: Kommen wir doch mal zum neuen Album. Ich habe natürlich vorab schon reingehört. Beschreib mal, wie klingt deiner Meinung nach das neue Album? Und dann verrate ich dir, was ich denke.

    Florian: Ich finde, das neue Album klingt stellenweise sehr hart. Das liegt vor allem auch an der Art und Weise, wie wir es produziert haben. Wir haben es schon ordentlich an die Wand gefahren, haben geguckt, dass es Extremen und Kanten hat. Es ist aber auch wieder sehr düster geworden. Und dann gibt es hier und da aber auch mal schöne Momente und Momente, die so ein bisschen über den Tellerrand des Alternative Rocks schielen und sich so ein bisschen an anderen Musikstilen orientieren. Das würde ich sagen. Aber soundmäßig auf jeden Fall hard und Volume 100. Ja, was sagst du?

    Anna: Ich würde auf jeden Fall nicht empfehlen es mit Kopfhörern auf Volume 100 zu hören! Ansonsten finde ich, dass es auf jeden Fall mehr über die Genregrenzen hinausgeht. Also mehr tatsächlich so Richtung Alternative oder vielleicht auch Indie. Ich finde es eh immer schwierig, Genres festzulegen. Ich fand es ein bisschen weniger punkig als die ersten beiden Alben, aber gefühlt auch sehr viel Fokus auf den Texten. Also kommt natürlich immer auf den Song drauf an. Aber an mehreren Stellen ist der Sound eher so ein bisschen zurückgenommen und dafür der Fokus auf Texten, die irgendwie viel Nachklang haben.

    „Wir sind eine Band, die sehr kryptisch schreibt“

    Florian: Cool. Das freut mich! Also das war auch tatsächlich der Anspruch dieses Mal. Ich meine, wir sind eine Band, die sehr kryptisch schreibt. Immer noch, aber vor allem auf den ersten beiden Alben. Das erste war super, super kryptisch. Da haben Leute sich teilweise auch nach dem zehnten Mal anhören gefragt, um was es denn geht. Ich find’s auch eigentlich ganz geil, wenn man so viel drüber nachdenkt. Aber dieses Mal wollten wir ein bisschen mehr Futter zum Hören geben. Quasi einen Einstieg liefern, damit man auch mehr versteht und das bisschen konkreter wird.

    Anna: Schreibt ihr eigentlich die Texte alle drei zusammen oder wie läuft es bei euch?

    Florian: Also ich schreibe zu 90 Prozent die Texte. Aber es kommt schon auf jeden Fall vor, dass irgendwie ein Thema gemeinsam besprochen wird oder die Jungs mal eine Zeile reingeben und die dann auch im Song landet. Aber das ist bei uns sowieso alles sehr, sehr offen. Die beste Idee gewinnt. Jetzt klingt es so, als hätte ich immer die besten Ideen. (lacht) Ja gut, aber wir sind ja nunmal auch nur zu dritt. Da ist es einfacher sich zu einigen, als wenn man jetzt so eine super große Band dahinter stehen hat. Ich liebe es, dass wir ein Trio sind. Also du kannst easy einen überstimmen, wenn es mal Unstimmigkeiten gibt. Es ist eine geile Demokratie bei uns. Und du bist irgendwie nie zwei gegen zwei Stimmen. Ist einfach sehr smart bei uns.

    Anna: Ja, stimmt. Das ist super praktisch. Zurück zum neuen Album. Als ich dann durch das Album so weiter durchgegangen bin und so von Song zu Song gesprungen bin, hatte ich das Gefühl, es geht sehr viel um die eigene Wahrnehmung und so ein bisschen der Umgang damit, aber auch um die Welt um euch herum. Und ich hatte schon das Gefühl, dass es auch viel um den Umgang mit dem letzten Jahr geht. Auch wenn ich jetzt natürlich nicht weiß, wann ihr angefangen habt mit der Produktion. Ich will jetzt nicht immer den den Elefanten im Porzellanladen ansprechen, aber ich glaube, du weißt, was ich meine. Beim Song „Arche“ sprecht ihr ja zum Beispiel sehr deutlich den Aluhut an. Geht es um Querdenker und Leute, die sich gegen das System und gegen die allgemeine Wahrnehmung sträuben? Habt ihr da selbst Erfahrungen gemacht oder wie kommt es dazu, dass ihr euch entschieden habt, so einen Song zu veröffentlichen?

    Zwischen Verschwörungstheorien und Gegenwartsgesellschaft

    Florian: Also ursprünglich ist „Arche“ lustigerweise zwei Wochen bevor Corona nach Deutschland kam geschrieben worden. Ursprünglich soll es in „Arche“ um Klimaleugner gehen, also Klimawandelleugner. Und genau dann war der Song fertig, die Demo war geschrieben und es kam Corona. Dann gingen wir in den Lockdown und dann dachte ich, das ist ja ein gelegtes Ei und hab ein bisschen den Text umgeschrieben. Und klar, kann man den Song jetzt auch so verstehen, aber wenn du den anhörst und weißt, es geht um Klimawandelleugner, dann macht es auch Sinn. Mir war es wichtig, das auch beizubehalten und nicht das Wort Corona im Song fallen zu lassen, sondern da so bisschen Interpretationsspielraum zu lassen. Aber natürlich interpretiert ihn gerade jeder so, völlig zu Recht.

    Anna: Meinst du, es tut dem Ganzen gut, wenn man so einen allgemeinen Welthass an den Tag bringt, wenn man solche Songs schreibt?

    Florian: Hin und wieder ja. Ich würde es jetzt vielleicht nicht direkt Welthass nennen, aber starke Emotionen. Starke Emotionen gegenüber einem bestimmten Sachverhalt oder irgendetwas, das gerade der Welt passiert, hilft auf jeden Fall beim Texten. Weil dann kommt glaube ich auch die Emotion deutlicher bei den Hörer:innen an.

    „Ich träume vom Leben, das keiner regiert“

    Anna: Woher kommt diese Aussage? Was steckt dahinter?

    Florian: Auch diese Aussage wurde im Verlauf der Produktion von „Aus der Ferne“ etwas zweideutig. Es hat damot begonnen, dass wir 2020 entschieden haben, dass wir jetzt DIY weitermachen möchten. Wir hatten ja die zwei Platten davor mit Warner Music veröffentlicht. Nach den beiden Alben war die Zusammenarbeit quasi beendet und wir haben gesagt „Hey, wir wollen jetzt mal alles selbst machen und wir möchten bestimmen was rauskommt, wie das alles aussieht und so weiter“. Also nicht, dass wir das davor nicht durften, aber es ist doch dann immer mit so einem großen Team und natürlich auch viel finanziellen Mitteln etwas mehr Druck dahinter. Und damit hat der Song eigentlich begonnen. Während Corona hat es dann nochmal eine ganz andere Bedeutung bekommen. Nicht, weil wir keinen Bock haben auf die Beschränkungen und so weiter, sondern weil wir echt gemerkt haben, dass Leute, die da das Risiko nicht ernst nehmen und dafür sorgen, dass Lockdown nach Lockdown kommt, dass sie auch so ein bisschen die Kontrolle über unser aller Leben gewonnen haben und uns immer wieder in den Lockdown geschickt haben. Wir selbst waren jetzt nicht übervorsichtig, aber zählten schon zu denen, die gesagt haben, wir spielen so lange nicht, bis die Lage sich entspannt. Deswegen haben wir auch die Tour verschoben. Natürlich wünschen wir uns, dass irgendwie alle an einem Strang ziehen.

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    Um die Zeit bis zur Tour 2022 zu überbrücken, könnt ihr euch auf dem YouTube-Kanal von VAN HOLZEN Impressionen der letzten Tour aus 2019 anschauen.

    Anna: Hast du momentan einen Lieblingssong vom neuen Album?

    Florian: Ich mag „Deiner Meinung“ total. Damit haben wir auch eine Live Session aufgenommen im Studio. Die bringen wir demnächst noch raus. Der Song macht einfach übelst Bock live zu spielen. Und ich glaube der wird auf den Konzerten der Tour dann auch richtig abgehen.

    Anna: Wann steht das erste Konzert wieder an?

    Florian: Erstes Konzert ist jetzt Ende November. Wir überlegen gerade aber noch, weil wir die Tour verschoben haben ins nächste Jahr. Das war uns noch ein bisschen zu unsicher.

    Anna: Ihr wart aber im Sommer doch auch bestimmt auf Open-Air Konzerten …

    Florian: Gar nicht. Das haben wir gar nicht gemacht. Das war natürlich dann auch ein großes Thema, gerade mit diesen ganzen Picknick Konzerten und so weiter. Aber wir haben uns dann einfach dazu entschieden, das Van Holzen da nicht reinpasst. Wir brauchen halt einfach das Moshpit. Wir brauchen Leute die sich irgendwie die Köpfe einschlagen können – liebevoll natürlich – und nicht auf Picknickdecke stehen. Ich fand das eigentlich ein cooles Konzept. Aber wir haben gesagt, wir müssen geduldig bleiben und kommen dann mit einem richtigen Bang zurück.

    Anna: Ja, also ehrlich gesagt kann ich mir auch nur schwer ein Van Holzen Picknick Konzert vorstellen. Okay, wir haben am Ende von Interviews bei uns immer die tolle Kategorie „untold stories“. Ich weiß, das ist immer super schwierig auf Teufel komm raus jetzt eine krasse Geschichte zu droppen. Aber fällt dir gerade eine lustige, absurde oder interessante Geschichte ein, die ihr bisher in keinem Interview erzählt habt?

    Die Geheimwaffe des Van Holzen-Bassisten Jonas

    Florian: Lass mich kurz überlegen. Sie sollte wahrscheinlich schon jugendfrei sein, oder? (lacht) Aber nee, ich hab was. Das ist kein einzelnes Erlebnis. Es ist nicht an einem Tag passiert oder so. Aber es war ein ganzes Jahr und ich musste gestern wieder daran denken. Unser Bassist Jonas – liebe ihn – hat ein super nices Selbstbewusstsein und früher war das noch viel krasser, so von wegen: Wir sind die Geilsten, wir sind einfach die Geilsten. Und ja, 2016 haben wir ziemlich viele Band Contests gespielt. Und Jonas wurde im Verlauf des Jahres zu so einem richtigen Orakel. Er hat ganz oft gesagt, als wir dann auf dem Weg zur Bahn waren: „Leute, ich habe heute ein echt gutes Gefühl. Wir gewinnen das und wir sind gut.“ Und dann haben wir gewonnen. Und manchmal war es aber auch so, dass er meinte: „Leute, ganz ehrlich, das wird heute gar nichts, das wird heut einfach nichts.“ Dann haben wir da nicht gewonnen, egal wie klein und unbekannt der Contest war. Jonas beweist heute noch einen richtig guten Riecher bei sowas. Das wissen die Leute nicht. Und jetzt erfahren sie es. Und ich hoffe, dass sie ihn nicht als Orakel uns wegnehmen und ihn für externe Jobs buchen. (lacht)

    Anna: Es funktioniert halt auch einfach nur bei Van Holzen Auftritten.

    Florian: So ist es! Ich hoffe unsere Mailbox ist demnächst nicht mit so kranken Anfragen voll.

    Anna: Ich drück die Daumen! Hey, vielen Dank für das Interview und ich will dich auch gar nicht weiter vom Proben abhalten!

    Florian: Anna, Vielen Dank dir! Hat Spaß gemacht.

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    Fotocredit: Ilkay Karakurt