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Das Tagebuch einer zwiegespaltenen Indie-Seele: Annas Jahresrückblick

Liebes Tagebuch,

Ich hoffe du nimmst es mir nicht übel, dass ich dir dieses Jahr wieder so wenig geschrieben habe. Das ist nicht wieder aufzuholen. Das ist mir bewusst. Aber ich nehme dich jetzt mal mit auf den Versuch meine wirren Gedanken über das musikalische Jahr 2021 zu sortieren. Denn dieses Jahr ist da so einiges passiert und auch doch wieder nicht. Spoiler alert: Meine deutsche Indie-Rock Seele wurde dieses Jahr so einige Male auf die Probe gestellt. Ich habe nicht nur in den verschiedensten Sprachen gestreamt, sondern auch die Komfort-Zone meiner heißtgeliebten Indie Bubble verlassen und mich durch indonesischen Post Punk, deutschem Hip Hop, russischen New Wave und kitschen Scandi-Pop probiert.

Ich habe mir unter meinen Freunden mittlerweile den Status des „speziellen aber guten Musikgeschmack’s“ angelacht. Positiv: Ich kann, ohne regelmäßig Hass abzubekommen, über Ed Sheeran, Robin Schulz und Felix Jaehn, oder wie auch immer all diese Platzhüter:innen der deutschen Charts heißen, ablästern. Negativ: Meine Euphorie über die Neuentdeckung einer Indie Band kann ich meist nur mit mir selbst teilen. Lösung des Problems: Ich bin seit Juni Teil des untoldency-Teams mit 18 weiteren Musik-Nerds, die ähnlich nischige Musikvorlieben haben wie ich.

Ich habe ein Problem und das nennt sich Indie Rock

Ich beginne mal mit einer Band, die mich seit 2013 treu begleitet: The Neighbourhood. Laut Spotify Wrapped 2021 ist die Band auf Platz 1 meiner meistgehörten Artists. Das hat mich ehrlich gesagt dieses Jahr zum ersten Mal etwas überrascht, weil ich gar nicht das Gefühl hatte, sie dieses Jahr so sehr gesuchtet zu haben wie sonst. Zudem hat die Band dieses Jahr mit „Fallen Star“ nur eine Single veröffentlicht. Aber gut, wahrscheinlich höre ich The Neighbourhood schon unbewusst im Schlaf und brabble die Texte zu „Prey“ oder „Void“ vor mich hin. Das 2015er-Album „Wiped Out“ bleibt auf jeden Fall unangefochten auf meiner Nummer 1 der Komfort-Alben, von denen ich nie genug bekommen kann, was natürlich nicht heißt, dass ich die anderen Alben nicht genauso sehr feiere.

Unimportant fact on the side: Wusstest ihr, dass Devon Lee Carlson, die Freundin von Jesse, dem Frontsänger von The Neighbourhood, das Styling für Olivia Rodrigo’sgood 4 u“ Video übernommen hat? Jetzt wisst ihr es. Ich bin nicht nur ein großer Fan des Stylings in den Musikvideos von Olivia Rodrigo, sondern auch der Songs. An „sour“ kam wohl dieses Jahr keiner so wirklich vorbei und auch ich wurde von dem Hype heimgesucht. Irgendwie schafft Olivia es, mich wieder in meine Teenie-Jahre zurückzuversetzen, sodass ich die Zeilen „I’m so sick of 17, where’s my fucking teenage dream?“ in „brutal“ fühle als wäre ich selbst 17 (haha, schön wär‘s). Vermutlich sind es die Paramore-Vibes und punkigen Rockelemente, die man ja sonst in den globalen Charts vergeblich sucht, die es mir so angetan haben. Wenn eine 18-jährige also dieses Jahr die Wiedergeburt eines Sounds zwischen Taylor Swift, Paramore und Avril Lavigne angestoßen hat, dann bin ich sehr bereit für alles, was 2022 kommt.

Selbstverschriebene Frauenquote
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Das passt sowieso perfekt in meinen Vorsatz die Frauenquote meiner Playlists zu erhöhen. Vor allem im Indie Rock und Post-Punk fehlt mir oft noch die Frauenpower. Sanfte weibliche Stimmen, die zu gefühlvollen Balladen und entspannten Soul-Pop Beats singen fallen mir hingegen direkt ein. Arlo Parks, THALA, Amilli, Lorde und Holly Humberstone sind Künstlerinnen, die mir da sofort in den Sinn kommen. Mir ist dieses Jahr auch erst so richtig bewusst geworden, wie stark meine Playlists durch männliche Indie Bands dominiert sind. In meinen Spotify Top 100 Songs 2021 befinden sich schwache 23 Songs mit weiblichen Stimmen. Meine Forderung an mich selbst lautet also: Mehr Diversity im Spotify-Algorithmus!

Ein Kategoriensystem zur Klassifizierung meines Musikgeschmacks, weil ich Listen liebe

Beim Zusammenstellen der Playlist ist mir aufgefallen, dass es bestimmte Kriterien gibt für meine Top Songs 2021, die sich wie ein roter Faden durch die Playlist ziehen. Deswegen liste ich sie hier einmal auf:

  1. Ich muss ihn lauthals mitkreischen können während ich versuche in meinem Zimmer alleine ein Moshpit nachzustellen. Liebe Grüße an meinen Nachbarn im Erdgeschoss!
    Dazu eigenen sich besonders gut “Taximann” von Schmyt, “Gras” von Van Holzen und “brutal” von Olivia Rodrigo

  2. The Lyrics hit differently.
    Texte, die ich zum Beispiel sehr fühle sind “Halt” von Goldroger, “diditagain” von THALA und „1119“ von Edwin Rosen

  3. Ich verbinde den Song mit einer bestimmten Situation.
    Schöne Erinnerungen bringen bei mir folgende Songs hervor. „ich mags“ von JEREMIAS teleportiert mich direkt wieder in den Sommer zurück. Ich liege in der Hängematte direkt an einem See in der Nähe von Göteborg. Ich lese ein Buch in der Sonne und ab und zu gehe ich mit Freunden zur Abkühlung im See schwimmen. Das funktioniert ähnlich gut mit „ocean view“ von easy life. Diesmal sitze ich allerdings am Pier in Saltholmen, dem Fährterminal in Göteborg, und warte auf die Fähre zu einer der Schäreninseln außerhalb der Stadt. Ok, zugegebenermaßen klappt es irgendwie mit Sommerszenarien am besten. „Farbiges Licht” von International Music erinnert mich allerdings sehr an kalte, aber sonnige Wintertage im Februar und die Spiegelung eines warmen Sonnenuntergangs auf dem Meer, das mit kleinen Eisschollen gedeckt ist.

  4. Sehr tanzbare Songs – in a groovy way.
    Da eignet sich eigentlich so ziemlich alles von den Parcels. Vom neuen Album „Day/Night“ ist es besonders „Comingback“ für mich. Mein all time favourite und auch dieses Jahr wieder ganz oben dabei ist „Music Sounds Better With You“ von NEIL FRANCES.

  5. Alles zum Mitfühlen, viben und einfach mal an nichts denken.
    Lost in Thoughts“ von Zimmer90 und „Lovesong“ von Tussilago vertreten diese Kategorie.

  6. Songs, die Nostalgie-Gefühle hervorrufen.
    Bestes Beispiel hierfür ist „Feels Like We Only Go Backwards“ von Tame Impala.

  7. Songs, die sich perfekt zum Sonnenuntergang beobachten eignen. Zur Erklärung: Ich bin ein bisschen obsessed damit jeden Sonnenuntergang zu beobachten und bekomme fomo, wenn ich es einmal nicht schaffe einen guten Sonnenuntergang zu sehen.
    Meine Empfehlung in dieser Kategorie sind „kippers/curtains“ von EASY EASY und „Seeing Red“ von Mac DeMarco. Mein Liebling ist allerdings „Into your arms“ von Giant Rooks. Der Song erinnert mich an eine krasse Nacht in Stockholm, in der ich Sonnenuntergang und -aufgang in der kürzesten Nacht des Jahres beobachtet habe. Und das Ganze in einer Zeitspanne von drei Stunden. „Into your arms“ wirft mich direkt in diesen magischen Moment zurück und würde somit auch in Kategorie 3 passen.
Heja Sverige!

Dass ich dieses Jahr in Schweden gewohnt habe, macht sich ebenfalls bemerkbar. Wenn ich letztes Jahr noch dachte, dass die Sprache leicht komisch klingt für deutsche Ohren, habe ich mich dieses Jahr Hals über Kopf in sie verliebt. 24/7 schwedische Indie Musik zu hören hilft dabei enorm. Besonders angetan haben es mir die Bands Mares und bob hund. Letztere haben es sogar in meine CD-Kollektion geschafft mit ihrem Album „Jag rear ut min själ“ aus 1998, was sich in „Ich verkaufe meine Seele“ oder „Meine Seele ist im Angebot“ übersetzen lässt. Einfach ein toller Titel, oder? Die südschwedische Band hat es mir besonders für ihre ehrlichen, rauen und energiegeladenen Songs angetan. Sänger Thomas Öberg scheut nicht davor einfach mal ein paar Zeilen zu kreischen, auszurufen oder was auch immer ihm grad so in den Sinn kommt. Hauptsache es ist vollgepackt mit einer ordentlichen Portion Dramatik. Ich habe selten so authentische Musik gehört.

Deutsche Sprachkunst

Mein 16-jähriges würde mich wahrscheinlich dafür hassen, denn in meinen Teenie-Jahren habe ich jegliche deutschsprachige Musik verabscheut. Wenn man mich damals gefragt hätte, was ich so höre, hätte ich wahrscheinlich „Hauptsache nichts Deutsches“ geantwortet. Das hat sich zum Glück geändert, denn es gibt so viele verdammt gute deutsche Künstler:innen, die ich sonst verpasst hätte. Vor allem das textliche Genie hinter Goldroger-Songs zieht mich immer wieder aufs Neue in seinen Bann. Die „Diskman Antishock“-Trilogie ist ein bisschen wie eine Schatzkiste, in der ich bei jedem Hören neue Schätze entdecke. Von Harry-Potter Referenzen, Nostalgie-Schwärmereien bis hin zu philosophischen Fragestellungen verpackt in Computerspiel-Referenzen ist – selbst in einem kitschigen Liebeslied geht es bei Goldroger nie alleine um seine Gefühle. Es gibt immer mindestens eine weitere Ebene zu entdecken.

Neue und alte Liebe

Wie habe ich es bisher geschafft in den mehr als 1200 Wörtern nicht einmal meinen meistgestreamten Song zu erwähnen? Gute Frage, aber das wird jetzt schnell geändert. Ganze 59 Mal habe ich “Roccastrada” von Luke Noa gehört. Ehrlich gesagt hört sich das gar nicht viel an, aber das könnte auch der Tatsache geschuldet sein, dass ich seine EP „Bleach“ rauf und runter gehört habe. Luke Noa ist einer meiner liebsten Newcomer:innen Entdeckungen des Jahres. Ich hab eine ungesunde Vorliebe für Künstler:innen, die nur 5 monatliche Hörer:innen auf Spotify haben. Es gibt mir irgendwie einen Adrenalinschub zu wissen, dass ich etwas Neues entdeckt habe. Gut, Luke Noa hat natürlich mittlerweile deutlich mehr Hörer:innen, aber die hat er sich auch deutlich verdient. Weitere Newcomer:innen, die mir sehr ans Herz gewachsen sind, sind Cinema Nova, Sweed, THALA und Zimmer90.

Der Release, auf den ich mich, neben dem neuen Lorde und dem Leoniden-Album wohl am meisten gefreut habe, war die EP „Might Delete Later“ von Razz. Die Indie Rocker aus meiner Heimat haben nach 4 Jahren Funkstille mit leicht verändertem Sound wieder einmal mein Herz erobert und werden sich wohl dauerhaft dort einnisten. Meine Review zur EP findet ihr hier. „Complex Happenings Reduced To A Simple Design“ ist definitiv auf Platz 2 wiederzufinden. An dem Album beeindruckt mich besonders die Komplexität an Themen, die die Leoniden einfangen. Zum Release der Single „Blue Hour“ hat Sänger Jakob Amr mich mit seinem Statement zu Depressionen und Panikattacken total mitgenommen. Der Song fühlt sich seitdem noch tausend Mal persönlicher an und bestätigt, was ich auch schon vorher wusste: Die Leoniden sind für mich einer der authentischsten deutschen Indie Bands und einfach tolle Menschen!

Am Ende ist alles genauso durcheinander wie vorher

Lustigerweise habe ich am Anfang geschrieben, dass ich versuche meine Gedanken zu ordnen und habe das Gefühl jetzt nur noch ein größeres Wirrwarr in meinem Kopf und auf diesem Bildschirm produziert zu haben. Es gibt einfach zu viele gute Songs und Artists, die mich dieses Jahr begleitet haben, dass es fast unmöglich ist, allen in diesem Beitrag einen fairen Anteil an Platz einzuräumen. Also auch, wenn ich bestimmte Künstler:innen hier jetzt nicht erwähnt habe, möchte ich kurz festhalten, dass ich sie trotzdem genauso lieb habe. So, jetzt reicht’s aber auch. Chapeau an alle, die bis hier hin durchgehalten haben. Es ist Zeit, das Tagebuch wieder bis zum nächsten Jahr zu schließen. Für die volle Dröhnung aller meiner Lieblinge der letzten 12 Monate, geht’s hier zur Playlist:

Fotocredit: Anna, Morgan Miller, Niren Mahajan

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