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Van Holzen im Interview: »Wir haben das neue Album ordentlich an die Wand gefahren«

So richtige “Auf die Fresse”-Musik zum Moshen, Pöbeln oder einfach Mitfühlen – das ist für mich Van Holzen. Die drei Ulmer Florian, Jonas und Daniel sind gerade einmal 22 und veröffentlichen heute ihr drittes Album “Aus der Ferne”. Im Gegensatz zu den vorherigen Alben, haben die Jungs diesmal auf eigene Faust im bandeigenen Studio produziert. Beweisen müssen sie sich und ihrer Musik aber schon längst nicht mehr, denn die Van Holzen-Jungs wissen genau, was sie machen und was sie wollen. Ich habe im Interview mit Sänger und Gitarrist Florian einen Blick auf die Bandhistorie geworfen und über die Hintergründe zum neuen Van Holzen Album “Aus der Ferne” gequatscht.

VAN HOLZEN im Interview

Anna: Hi, schön dich zu sehen. Darf ich fragen wo du gerade bist? Ist das euer Proberaum im Hintergrund?

Florian: Ja! Ich sitze nur gerade draußen, weil anscheinend ist WLAN irgendwie im Arsch ist. Deswegen versuche ich es jetzt mit meinem Hotspot. Schau mal, so ist gerade mein Ausblick hier. (dreht die Kamera um, man sieht Felder und Wald)

Anna: Sehr idyllisch, aber ziemlich grau und nebelig.

Florian: Ja, ich bin in Ulm und Ulm ist so ein richtiger Nebelkessel. Da scheint die Sonne sehr wenig. Hitze in der Jahreszeit hier. Aber genau, ich sitz hier vorm Studio.

Anna: Das ist ja auch irgendwie das klassische Novemberwetter. Naja, kommen wir mal weg vom Wetter und hin zu Van Holzen. Ich fang mal einfach ganz vorne an in eurer Bandhistorie. Ihr habt ja als Schülerband gestartet. Wie war das für euch quasi so früh schon die Musik in den Vordergrund zu stellen? Meinst du, dass dadurch der Druck auch größer ist, wenn man so früh anfängt?


Anfänge als Schülerband

Florian: Es kam irgendwie so. Wir waren sogar noch jünger eigentlich, als wir zum ersten Mal angefangen haben. Da waren wir so zehn Jahre alt, würde ich sagen. Also Jonas und ich, Daniel war damals noch gar nicht in der Band. Das war eher so, dass die einen halt irgendwie Handball oder Fußball gespielt haben und wir haben halt einfach Musik gemacht und haben damit unsere Wochenenden voll geballert. Am Anfang war da gar kein Druck. Es war wirklich eigentlich wie so ein Sportverein und auch vergleichbar vom Arbeitsaufwand gewesen. Wir haben zu der Zeit auch noch gar keine Konzerte gespielt und dann irgendwann so mit 12 haben wir begonnen die ersten Shows zu spielen. Da war dann der Daniel auch dabei. Und ja, dann haben wir relativ schnell gemerkt, als wir dann mit 15 Van Holzen gegründet haben, dass wir das so richtig ernst machen möchten. Dann ist da natürlich auch ein bisschen mehr Druck dahinter. Aber erstmal auch Druck, den man sich dann selbst macht, weil man natürlich auch gewisse Leute erreichen möchte und jetzt nicht für immer in irgendwelchen Jugendhäusern zocken will – auch wenn es geil war. Aber es soll ja auch so ein bisschen größer werden. Solange der Spaß den Druck überwiegt oder solange der Spaß da ist, ist auch mit dem Druck völlig klarzukommen. Da ist gar kein Problem für uns. Solange wir drei uns hier einschließen können und Musik machen dürfen. Also ich würde nicht sagen, dass es irgendwie mehr Druck war, weil wir so früh angefangen haben. Eher im Gegenteil. Also als wir aus der Schule rauskamen hatten wir schon einen ordentlichen Erfahrungsschatz, aus dem wir schöpfen konnten. Wir waren auch sehr relaxed in ganz vielen Situationen im Vergleich zu Bands, die jetzt mit 18 oder 19 beginnen und da ihre ersten Erfahrungen machen. Und dann kommt natürlich auch die Frage: Wann studiert ihr? Was studiert ihr? Und zu dem Zeitpunkt, wussten wir schon, dass wir Musik machen wollen. Das hat glaube ich vieles auch einfacher gemacht.

Selbständigkeit und Unterstützung der Eltern

Anna: Haben eure Eltern euch da von Anfang an unterstützt oder waren sie eher skeptisch? Ich meine sie mussten euch ja immerhin auch zu den Gigs hinfahren und euch da die ganze Zeit unterstützen?

Florian: Die haben uns volle Kanne unterstützt! Das ist eigentlich das größte Glück für uns. Ich glaube sonst würde es die Band so auch gar nicht mehr geben. Wie du sagst, sie haben uns halt zu den Gigs gefahren bis wir 18 waren. Also wir hatten dann irgendwann so ab 16/17 auch mal eine Crew, die hat uns dann gefahren und so, da waren dann die Eltern nicht mehr die ganze Zeit dabei. Das wollten wir schon möglichst früh dann nicht mehr. Aber wir sind denen übelst dankbar, dass sie das immer noch für uns tun und da voll hinter uns stehen. Und ohne das wär es gar nicht möglich. Wie gesagt, es ist auch ein riesiger Zeitaufwand, den wir da betreiben. Und hätten wir jetzt Eltern im Nacken sitzen, die sagen ‘Ihr müsst jetzt aber auch mal studieren’ oder ‘macht mal was Vernünftiges’ oder so, dann gibst du da auf. Aber die stärken uns schon sehr den Rücken. Früher wie heute.

Anna: Also war das für euch quasi auch nie so wirklich eine Option, jetzt zu studieren zu gehen oder ‘was vernünftiges’ zu machen? Sondern es war einfach von Anfang an klar, dass ihr mit der Musik euer Ding durchzieht nach der Schule?

“Wir haben schon immer unser Ding gemacht”

Florian: So war es! Also hat sich ganz natürlich entwickelt, weil wir 2017 Abi gemacht haben und da dann kurz vor unserem Abi das Debütalbum rauskam. Und dann waren wir halt erst mal das ganze Jahr auf Tour und das was andere dann so als Gap-Year oder Auslandsjahr machen, da haben wir einfach Touren gespielt. Und dann waren wir halt auch so … Ja okay, also solange wir hier was zu tun haben, solange wir das Gefühl haben, wir kommen voran und das ist das, was wir lieben und woran wir Spaß haben, machen wir es einfach weiter. Und es gab dann auf jeden Fall mal ne Phase, so Ende 2018, da hatte ich das Gefühl, ich müsste noch etwas anderes machen. Ich glaube, das kam aber auch so ein bisschen aus dem Umfeld. Wir sind ja hier in einer sehr dörflichen Gegend, sehr ländlich. Und natürlich fragen auch die Leute, ob man nicht noch einen Plan B hat. Irgendwas Vernünftiges mit ganz viel Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit! Das wollen hier ja alle immer. Und ich glaube, da habe ich mich so ein bisschen von verleiten lassen. Und weil ich mich sowieso auch für Psychologie interessiere, habe ich dann ein Fernstudium angefangen und versucht, so ein bisschen nebenher das zu machen. Obwohl es interessant war, habe ich dann auch gemerkt, das es zu viel ist. Die Zeit, die ich dafür benötige, habe ich einfach gar nicht. Und seitdem kann ich stolz sagen, dass ich einfach Selbststudium mache und wir unser Ding hier machen, Musik machen. Denn das ist das, was wir lieben.

Anna: Puh, vor allem Psychologie stell ich mir auch besonders krass vor als ‘Nebenbei-Studium’. Aber ich finde man muss ja auch gar nicht immer in dieses perfekte Raster reinpassen, was einem den Weg vorschreibt. Ich habe heute Morgen das Interview geschaut, was ihr vor circa zwei Jahren mit Diffus gemacht hat, diese Coverstory. Und da habt ihr auch viel über diese schwäbische Mentalität geredet. Dieses klassische: Du machst die Schule fertig, du machst einen Job und dann baust oder kaufst du ein Haus und gründest Familie und so was alles. Habt ihr das mittlerweile komplett abgelegt oder hast du immer noch mal wieder das Gefühl, es kommen so Phasen auf, wo du dir denkst ‘Oh shit, ich muss jetzt auch irgendwie in dieses Raster reinpassen’? Ihr habt ja auch immer noch euer Studio auf dem Land und seid in derselben Umgebung. Das beeinflusst dann ja irgendwie schon, oder?

Einfach mal aus dem Raster fallen

Florian: Also es braucht auf jeden Fall viel Kraft, merke ich immer wieder. Und in Momenten, in denen man dann vielleicht auch mal Rückschläge hat und es in der Musik gerade mal nicht so läuft, da hinterfragt man es natürlich schon mal. Aber an sich ist der Zug voll abgefahren für mich. Ich kann jetzt zwar gerade nur für mich sprechen, aber von den anderen weiß ich es auch. Wir können es so nicht. Ich glaube, jeder von uns wird früher oder später irgendwas selbst auf die Beine gestelltes arbeiten. Und deshalb wir machen hier unser Ding und ich habe da zum Glück auch einen coolen Freundeskreis. Wir supporten uns da gegenseitig. Und ich sehe auch, dass sie ihr Ding machen und wie dann der Weg genau aussieht, ob das ein Studium ist oder was anderes. Aber klar, es gab auch mal Momente, wo es anstrengend war da seiner Linie treu zu bleiben und zu sagen ‘Nee, ich mach das jetzt so, ich habe mir das jetzt so vorgenommen’. Und dieser Versuch mit dem Psychologiestudium hat das noch mal bestätigt, dass  ich auch auf anderen Wegen zu meinem Ziel komme. Und jetzt bin ich auch Mitte des Jahres nach Berlin gezogen und da ist ein bisschen einfacher sein Ding zu machen. Obwohl ich sagen muss, dass ich auch noch viel Zeit hier verbringe, weil wir die Platte fertig machen. Aber Berlin fragt niemand mehr, was du studierst oder arbeitest. Da macht jeder sein Ding.


Anna: Kann ich total nachvollziehen. Ich bin auch auf dem Dorf aufgewachsen und die typischen Sprüche, die man dort immer wieder zu hören bekommt. In der Großstadt ist das gleich ganz anders. Aber man stellt sich dann doch manchmal selbst in Frage. Das ist glaub ich normal. Meinst du, es hat auch einen Einfluss auf die Musik und wie ihr Musik macht? Dadurch, dass sie quasi in Ulm aufgewachsen sei, dort euer Studio habe, dort noch größtenteils wohnt ist es ja einfach ein Großteil eures Lebens. Auch, wenn es wahrscheinlich schwierig zu trennen ist. Macht es einen großen Unterschied?

Florian: Auf jeden Fall. Aber ich muss sagen, ich glaube unsere Musik hat es hier ganz gut getan. Es gibt zwar auch hier in Ulm eine Musikszene, aber die floriert nicht so richtig. Da geht nicht wirklich viel ab. Und wir haben uns eigentlich isoliert von vielen anderen Bands hier entwickelt und unseren Musikstil gefunden. Ich glaube, wenn du in der großen Stadt bist, wo du gleichgesinnte Menschen triffst und dich aneinander orientierst, da schlägt man vielleicht eher so in eine Kerbe und findet dann da auch so eine Szene, die dann eine bestimmte Musikrichtung ausmacht. Und bei uns war es halt nicht so. Wir waren hier in keiner Szene. Deshalb konnten wir auch einen sehr speziellen Sound entwickeln. Wir haben uns einfach nur an uns selbst und was uns gefällt orientiert. Hier auf dem Dorf gibt es auf jeden Fall niemanden, der noch so eine Band hat.

“Ohne Weiterentwicklung wäre unsere Musik ganz schön langweilig”

Anna: Würdest du sagen, dass eure Musik so ein bisschen mit euch erwachsen geworden ist? Ich finde es immer schwierig zu sagen, ab wann man sich erwachsen fühlt. Aber würest du sagen, dass sie mit euch wächst?

Florian: Auf jeden Fall. Also ich habe mir jetzt vor kurzem auch mal wieder unsere alten Platten reingezogen und es ist schon witzig. Ich finde es voll geil so von 15 bis 22 Alben rausgebracht zu haben und dann zu hören, wie sich alles verändert. Die Stimme, die Texte, die Inhalte, die Stimmungen und so. Ich hoffe, das hört nie auf, sich weiterzuentwickeln und kommt nie zu diesem Punkt, wo man sagt jetzt ist es ausgereift, jetzt ist es erwachsen. Also wenn wir alle zwei Jahre ein Album rausbringen, dann fühlt man sich schon auch alle zwei Jahre irgendwie ein bisschen anders oder ist woanders oder macht sich andere Gedanken. Man sucht ja dann auch immer nach Inhalten, um die Texte zu schreiben. Also ich musste schmunzeln, als ich unsere Ideen von 2016 gehört habe und was wir da so sagen. Ich liebe aber auch den Spirit, den wir damals hatten. Es war halt so übelst rotzig und scheißegal. Ich feier es, dass wir das so durchgezogen haben. Aber ich hänge da jetzt auch nicht irgendwie so nostalgisch dran. Ich will nicht denken ‘früher war alles geiler’. Sondern es ist einfach schön, das aufgenommen zu haben und festgehalten zu haben.

Anna: Das kann ich mir gut vorstellen. Es ist ja auch irgendwie eine schöne Momentaufnahme. Ich glaube, wenn ihr den Song jetzt auf den Konzerten dann noch mal spielt, fühlt sich das auch wieder anders.

Florian: Ja und das muss es auch. Ohne Weiterentwicklung wäre unsere Musik ganz schön langweilig.

Den aufmerksamen Zuschauer:innen sollte die Person im Bett hier im Video zu “Schlafen” bekannt vorkommen. Die Jungs von Van Holzen haben sich Luke Noa dazu geholt.
“Aus der Ferne” und ein gewohnt düsterer Sound

Anna: Kommen wir doch mal zum neuen Album. Ich habe natürlich vorab schon reingehört. Beschreib mal, wie klingt deiner Meinung nach das neue Album? Und dann verrate ich dir, was ich denke.

Florian: Ich finde, das neue Album klingt stellenweise sehr hart. Das liegt vor allem auch an der Art und Weise, wie wir es produziert haben. Wir haben es schon ordentlich an die Wand gefahren, haben geguckt, dass es Extremen und Kanten hat. Es ist aber auch wieder sehr düster geworden. Und dann gibt es hier und da aber auch mal schöne Momente und Momente, die so ein bisschen über den Tellerrand des Alternative Rocks schielen und sich so ein bisschen an anderen Musikstilen orientieren. Das würde ich sagen. Aber soundmäßig auf jeden Fall hard und Volume 100. Ja, was sagst du?

Anna: Ich würde auf jeden Fall nicht empfehlen es mit Kopfhörern auf Volume 100 zu hören! Ansonsten finde ich, dass es auf jeden Fall mehr über die Genregrenzen hinausgeht. Also mehr tatsächlich so Richtung Alternative oder vielleicht auch Indie. Ich finde es eh immer schwierig, Genres festzulegen. Ich fand es ein bisschen weniger punkig als die ersten beiden Alben, aber gefühlt auch sehr viel Fokus auf den Texten. Also kommt natürlich immer auf den Song drauf an. Aber an mehreren Stellen ist der Sound eher so ein bisschen zurückgenommen und dafür der Fokus auf Texten, die irgendwie viel Nachklang haben.

“Wir sind eine Band, die sehr kryptisch schreibt”

Florian: Cool. Das freut mich! Also das war auch tatsächlich der Anspruch dieses Mal. Ich meine, wir sind eine Band, die sehr kryptisch schreibt. Immer noch, aber vor allem auf den ersten beiden Alben. Das erste war super, super kryptisch. Da haben Leute sich teilweise auch nach dem zehnten Mal anhören gefragt, um was es denn geht. Ich find’s auch eigentlich ganz geil, wenn man so viel drüber nachdenkt. Aber dieses Mal wollten wir ein bisschen mehr Futter zum Hören geben. Quasi einen Einstieg liefern, damit man auch mehr versteht und das bisschen konkreter wird.

Anna: Schreibt ihr eigentlich die Texte alle drei zusammen oder wie läuft es bei euch?

Florian: Also ich schreibe zu 90 Prozent die Texte. Aber es kommt schon auf jeden Fall vor, dass irgendwie ein Thema gemeinsam besprochen wird oder die Jungs mal eine Zeile reingeben und die dann auch im Song landet. Aber das ist bei uns sowieso alles sehr, sehr offen. Die beste Idee gewinnt. Jetzt klingt es so, als hätte ich immer die besten Ideen. (lacht) Ja gut, aber wir sind ja nunmal auch nur zu dritt. Da ist es einfacher sich zu einigen, als wenn man jetzt so eine super große Band dahinter stehen hat. Ich liebe es, dass wir ein Trio sind. Also du kannst easy einen überstimmen, wenn es mal Unstimmigkeiten gibt. Es ist eine geile Demokratie bei uns. Und du bist irgendwie nie zwei gegen zwei Stimmen. Ist einfach sehr smart bei uns.

Anna: Ja, stimmt. Das ist super praktisch. Zurück zum neuen Album. Als ich dann durch das Album so weiter durchgegangen bin und so von Song zu Song gesprungen bin, hatte ich das Gefühl, es geht sehr viel um die eigene Wahrnehmung und so ein bisschen der Umgang damit, aber auch um die Welt um euch herum. Und ich hatte schon das Gefühl, dass es auch viel um den Umgang mit dem letzten Jahr geht. Auch wenn ich jetzt natürlich nicht weiß, wann ihr angefangen habt mit der Produktion. Ich will jetzt nicht immer den den Elefanten im Porzellanladen ansprechen, aber ich glaube, du weißt, was ich meine. Beim Song “Arche” sprecht ihr ja zum Beispiel sehr deutlich den Aluhut an. Geht es um Querdenker und Leute, die sich gegen das System und gegen die allgemeine Wahrnehmung sträuben? Habt ihr da selbst Erfahrungen gemacht oder wie kommt es dazu, dass ihr euch entschieden habt, so einen Song zu veröffentlichen?

Zwischen Verschwörungstheorien und Gegenwartsgesellschaft

Florian: Also ursprünglich ist “Arche” lustigerweise zwei Wochen bevor Corona nach Deutschland kam geschrieben worden. Ursprünglich soll es in “Arche” um Klimaleugner gehen, also Klimawandelleugner. Und genau dann war der Song fertig, die Demo war geschrieben und es kam Corona. Dann gingen wir in den Lockdown und dann dachte ich, das ist ja ein gelegtes Ei und hab ein bisschen den Text umgeschrieben. Und klar, kann man den Song jetzt auch so verstehen, aber wenn du den anhörst und weißt, es geht um Klimawandelleugner, dann macht es auch Sinn. Mir war es wichtig, das auch beizubehalten und nicht das Wort Corona im Song fallen zu lassen, sondern da so bisschen Interpretationsspielraum zu lassen. Aber natürlich interpretiert ihn gerade jeder so, völlig zu Recht.

Anna: Meinst du, es tut dem Ganzen gut, wenn man so einen allgemeinen Welthass an den Tag bringt, wenn man solche Songs schreibt?

Florian: Hin und wieder ja. Ich würde es jetzt vielleicht nicht direkt Welthass nennen, aber starke Emotionen. Starke Emotionen gegenüber einem bestimmten Sachverhalt oder irgendetwas, das gerade der Welt passiert, hilft auf jeden Fall beim Texten. Weil dann kommt glaube ich auch die Emotion deutlicher bei den Hörer:innen an.

“Ich träume vom Leben, das keiner regiert”

Anna: Woher kommt diese Aussage? Was steckt dahinter?

Florian: Auch diese Aussage wurde im Verlauf der Produktion von “Aus der Ferne” etwas zweideutig. Es hat damot begonnen, dass wir 2020 entschieden haben, dass wir jetzt DIY weitermachen möchten. Wir hatten ja die zwei Platten davor mit Warner Music veröffentlicht. Nach den beiden Alben war die Zusammenarbeit quasi beendet und wir haben gesagt “Hey, wir wollen jetzt mal alles selbst machen und wir möchten bestimmen was rauskommt, wie das alles aussieht und so weiter”. Also nicht, dass wir das davor nicht durften, aber es ist doch dann immer mit so einem großen Team und natürlich auch viel finanziellen Mitteln etwas mehr Druck dahinter. Und damit hat der Song eigentlich begonnen. Während Corona hat es dann nochmal eine ganz andere Bedeutung bekommen. Nicht, weil wir keinen Bock haben auf die Beschränkungen und so weiter, sondern weil wir echt gemerkt haben, dass Leute, die da das Risiko nicht ernst nehmen und dafür sorgen, dass Lockdown nach Lockdown kommt, dass sie auch so ein bisschen die Kontrolle über unser aller Leben gewonnen haben und uns immer wieder in den Lockdown geschickt haben. Wir selbst waren jetzt nicht übervorsichtig, aber zählten schon zu denen, die gesagt haben, wir spielen so lange nicht, bis die Lage sich entspannt. Deswegen haben wir auch die Tour verschoben. Natürlich wünschen wir uns, dass irgendwie alle an einem Strang ziehen.

Um die Zeit bis zur Tour 2022 zu überbrücken, könnt ihr euch auf dem YouTube-Kanal von VAN HOLZEN Impressionen der letzten Tour aus 2019 anschauen.

Anna: Hast du momentan einen Lieblingssong vom neuen Album?

Florian: Ich mag “Deiner Meinung” total. Damit haben wir auch eine Live Session aufgenommen im Studio. Die bringen wir demnächst noch raus. Der Song macht einfach übelst Bock live zu spielen. Und ich glaube der wird auf den Konzerten der Tour dann auch richtig abgehen.

Anna: Wann steht das erste Konzert wieder an?

Florian: Erstes Konzert ist jetzt Ende November. Wir überlegen gerade aber noch, weil wir die Tour verschoben haben ins nächste Jahr. Das war uns noch ein bisschen zu unsicher.

Anna: Ihr wart aber im Sommer doch auch bestimmt auf Open-Air Konzerten …

Florian: Gar nicht. Das haben wir gar nicht gemacht. Das war natürlich dann auch ein großes Thema, gerade mit diesen ganzen Picknick Konzerten und so weiter. Aber wir haben uns dann einfach dazu entschieden, das Van Holzen da nicht reinpasst. Wir brauchen halt einfach das Moshpit. Wir brauchen Leute die sich irgendwie die Köpfe einschlagen können – liebevoll natürlich – und nicht auf Picknickdecke stehen. Ich fand das eigentlich ein cooles Konzept. Aber wir haben gesagt, wir müssen geduldig bleiben und kommen dann mit einem richtigen Bang zurück.

Anna: Ja, also ehrlich gesagt kann ich mir auch nur schwer ein Van Holzen Picknick Konzert vorstellen. Okay, wir haben am Ende von Interviews bei uns immer die tolle Kategorie “untold stories”. Ich weiß, das ist immer super schwierig auf Teufel komm raus jetzt eine krasse Geschichte zu droppen. Aber fällt dir gerade eine lustige, absurde oder interessante Geschichte ein, die ihr bisher in keinem Interview erzählt habt?

Die Geheimwaffe des Van Holzen-Bassisten Jonas

Florian: Lass mich kurz überlegen. Sie sollte wahrscheinlich schon jugendfrei sein, oder? (lacht) Aber nee, ich hab was. Das ist kein einzelnes Erlebnis. Es ist nicht an einem Tag passiert oder so. Aber es war ein ganzes Jahr und ich musste gestern wieder daran denken. Unser Bassist Jonas – liebe ihn – hat ein super nices Selbstbewusstsein und früher war das noch viel krasser, so von wegen: Wir sind die Geilsten, wir sind einfach die Geilsten. Und ja, 2016 haben wir ziemlich viele Band Contests gespielt. Und Jonas wurde im Verlauf des Jahres zu so einem richtigen Orakel. Er hat ganz oft gesagt, als wir dann auf dem Weg zur Bahn waren: “Leute, ich habe heute ein echt gutes Gefühl. Wir gewinnen das und wir sind gut.” Und dann haben wir gewonnen. Und manchmal war es aber auch so, dass er meinte: “Leute, ganz ehrlich, das wird heute gar nichts, das wird heut einfach nichts.” Dann haben wir da nicht gewonnen, egal wie klein und unbekannt der Contest war. Jonas beweist heute noch einen richtig guten Riecher bei sowas. Das wissen die Leute nicht. Und jetzt erfahren sie es. Und ich hoffe, dass sie ihn nicht als Orakel uns wegnehmen und ihn für externe Jobs buchen. (lacht)

Anna: Es funktioniert halt auch einfach nur bei Van Holzen Auftritten.

Florian: So ist es! Ich hoffe unsere Mailbox ist demnächst nicht mit so kranken Anfragen voll.

Anna: Ich drück die Daumen! Hey, vielen Dank für das Interview und ich will dich auch gar nicht weiter vom Proben abhalten!

Florian: Anna, Vielen Dank dir! Hat Spaß gemacht.

Fotocredit: Ilkay Karakurt

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