Schlagwort: interview

  • So Soon im Interview: »Es passieren gerade so viele überwältigende Dinge«

    So Soon im Interview: »Es passieren gerade so viele überwältigende Dinge«

    So Soon sind die Multiinstrumentalisten, Songwriter und Producer David Stöbener und Marco Braun. Oder um es in unseren Worten zu sagen: So Soon sind die Newcomer-Empfehlung, die die nächsten Jahre unsere Indie-Folk Bubble von innen aufrümpeln werden. Das ist auch der Grund, warum wir ihre im Dezember startende Headline-Tour mitpräsentieren dürfen! Mit einem gefühlvollen und impressionistischen Ansatz im Sounddesign schaffen sie es, kleine Songs ganz laut werden zu lassen und große Gefühle ganz klein zu verpacken. Wie genau sie das machen und was ihr noch alles über das Duo und ihr Debütalbum Whether You Like It Or Not wissen müsst, erfahrt ihr hier im Interview.

    So Soon im Interview

    Anna: Hey ihr beiden, wie geht’s euch? Wollt ihr euch für alle, die euch noch nicht kennen, einmal vorstellen?

    So Soon: Hallo Anna, vielen Dank, dass ihr uns die Möglichkeit gebt, das hier zu machen, wir freuen uns riesig! Wir sind David & Marco von So Soon und kommen ursprünglich aus kleinen Dörfern in Rheinland-Pfalz. Wir sind seit der Schulzeit befreundet und machen seit einigen Jahren zusammen Musik. Seit 4-5 Jahren hatten wir den Traum ein Konzeptalbum zu veröffentlichen und letzte Woche war es wirklich soweit. Es hat eine Weile gedauert, und es gab einige Umwege, aber wir sind sehr glücklich. Wir sind unfassbar dankbar dafür, dass wir die Chance haben, unsere Musik auf Deutschlandtour den Menschen zu zeigen. Es fühlt sich ein wenig komisch an, dass in so vielen Städten Leute zu unseren Konzerten kommen. Wir fühlen uns sehr geehrt und geben unser Bestes, dass die Shows für alle schöne und unvergessliche Momente werden. Es passieren gerade einfach so viele überwältigende Dinge.

    Anna: So Soon gibt es seit 2020, ihr macht aber schon sehr viel länger Musik. Wie habt ihr beide zum Musikmachen aber auch zueinander gefunden?

    David: Als jüngster von vier Brüdern habe ich das gemacht, was meine großen Geschwister so machten, und die haben in Indie Rock Bands gespielt. Da unser großes Kinderzimmer sowieso eine Art Proberaum war, fingen wir irgendwann an, Songs meines ältesten Bruders zu spielen. So entstand unsere gemeinsame Band My Friend The Immigrant als ich 14 Jahre alt war. Mit der Zeit fing auch ich an Songs zu schreiben, und ein paar davon spielen wir jetzt mit So Soon.

    Marco: Ich bin mit 10 Jahren eines Tages aufgewacht und hatte die Idee, dass ich Gitarre lernen muss, weil ich unbedingt in einer Band sein wollte. Davor hat mich Musik nie so richtig interessiert. Mein ältester Kindheitsfreund hat damals Schlagzeug gespielt und wir sind wir zu zweit zB beim Geburtstag seiner Schwester aufgetreten. Er mit seinem Drumset und ich mit einer Spielzeuggitarre. Irgendwann fand ich, dass es Zeit war das Instrument mal richtig zu lernen und fing an Unterricht zu nehmen und in meiner Band zu spielen. 

    Wir beide kennen uns seit der Schulzeit und haben in der Oberstufe angefangen zusammen Musik zu machen. Anschließend zogen wir zum Studium eine gemeinsame WG. In dieser Zeit entstand die Idee zusammen ein Album zu schreiben, bzw zusammen Musik zu machen. Kurz vor der Corona Pandemie haben wir angefangen erste Ideen zu schreiben, die jetzt Teil unseres Albums Whether You Like It Or Not sind.   

    So Soon, So Soon Tour, Whether You Like It Or Not, Golden Ticket, untoldency, untoldency proudly presents, tour, verlosung, live
    „Wir mögen Songs, die klein und nahbar starten und mit der Zeit größer werden.“

    Anna: Eure erste Single-Veröffentlichung hieß Silent Moment – welche Bedeutung hat für euch Stille? Vor allem in der Musik kann ein gut gewählter Moment der Stille viel Macht haben.

    So Soon: Bei diesem Song geht es um das Bedürfnis bei der Person, die einen am besten kennt Ruhe finden zu können. Bezogen auf unsere Musik kommen ruhige Momente ziemlich häufig vor. Wir mögen es wenn Songs klein und nahbar starten und mit der Zeit größer werden. Wir sind Fans von solchen Dynamikunterschieden, weil dann Parts, die laut sind, noch intensiver sein können. Umgekehrt natürlich genauso. 

    Anna: EureKompositionen zeichnen viel Gefühl für genau solche Momente aus, was mich von Anfang an sehr in den Bann gezogen hat. Wie sieht der Prozess hinter euren Songs normalerweise aus?

    So Soon: Vielen Dank! Das bedeutet uns sehr viel. 

    Ehrlich gesagt fängt es meistens mit Ideen an, die einfach aus dem Nichts beim Üben, Proben oder Rumprobieren entstehen. Eigentlich ist immer erst Musik und eine gewisse Stimmung da und ab dann taucht man ab und probiert solange aus bis die Idee immer konkreter wird. Dann probieren wir einfach viel aus und behalten, was uns gefällt. Manchmal gibt es auch Lyrics, die dann musikalische Ideen triggern.

    „Plötzlich ist man erwachsen.“

    Anna: Nach eurer ersten EP Then (2022) kommt nun euer Debütalbum Whether You Like It Or Not raus. Direkt in eurem ersten Song beschäftigt ihr euch mit dem Älter werden. Wie habt ihr die Zeit zwischen der ersten EP und eurem Album wahrgenommen? Inwiefern seid ihr mit eurer Musik älter geworden?

    So Soon: Viele Grundideen der Albumsongs sind tatsächlich schon mehrere Jahre alt. Sie sind also mit uns zusammen gealtert. Wir hatten von Anfang an die Idee, ein Album zu schreiben, dass einen Zusammenhang hat und eine Art Gesamtwerk ist. Es war für uns direkt klar, dass wir uns unserem aktuellen Leben, Gefühlen und Wahrnehmungen widmen, weil noch nie so viel in unserem Kopf los war, als zu dieser Zeit. Die meisten Songs sind schon 4-5 Jahre alt und in der Zeit entstanden, wo wir gerade unser Zuhause verlassen hatten, um in eine neue Stadt zu ziehen und zu studieren. Eigentlich dachten wir, es geht genau so harmlos und sicher weiter wie bisher, doch plötzlich ist man erwachsen. Zum ersten Mal muss man sich mit komischen Ängsten und Sorgen rumschlagen, die man zuvor nie kannte und fragt sich wie die Zukunft wird.

    Als hätten wir unser kindliches Paradis aufgeben müssen, um uns dann in einer neuen Welt wiederzufinden, auf die man nicht vorbereitet war – ob wir wollten oder nicht. Denn so ist einfach der Lauf der Dinge. 

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen

    Anna: Eure erste Single-Auskopplung All About The Sunshine handelt von der egoistischen Denkweise der Gesellschaft, vor allem im Kontext von sozialen Medien. Wie geht ihr mit dem Druck der sozialen Medien und Algorhithmen um, vor allem als Band, die zu Teilen sehr auf darauf angewiesen ist?

    So Soon: Es liegt tatsächlich nicht in unserer Natur, Social Media besonders viel nutzen. Manchmal ist es etwas mühsam, weil uns das nicht immer leicht fällt guten Content herzustellen. Aber ist natürlich mega cool einen (mehr oder weniger) direkten Kanal zu den Leuten zu haben, die gut finden was man macht. Das motiviert dann! Aber natürlich gerät man auch oft ins Vergleichen, und sieht was andere Bands so auf die Beine stellen und viel cool deren Content ist. Aber wir versuchen uns da immer wieder von zu lösen und einfach unser Ding zu machen. 

    „Wir hoffen, dass sich Leute in unserer Soundwelt verlieren können.“

    Anna: Musik ist eins der stärksten Mittel, um Gefühle universell miteinander zu teilen. Was sind die Alben und Songs, bei denen ihr das Gefühl hattet, sie sprechen euch aus der Seele?

    So Soon: Eigentlich alle Bon Iver Alben. Besonders die ersten drei. 

    Das Album Two Star & The Dream Police von Mk.gee.

    Hortelã von Maro

    Vincent von Don McLean.

     Friendly Travelers von Brian Blade und Wolfgang Muthspiel.

    Das Album Bridge Over Troubled Water von Simon And Garfunkel.

    Die ersten vier Coldplay Alben. 

    Das Album Songs of Leonard Cohen

    The Freewheelin’ Bob Dylan

    Anna: Ihr geht mit eurem Album auch auf große Deutschland-Tour. Habt ihr die Songs schon mal live gespielt? Auf was freut ihr euch am meisten?

    So Soon: Ja, wir spielen den Großteil der Songs schon länger live. Aber für eine eigene Show haben wir nochmal einiges an neuem Repertoire mit in unser Tourset genommen. Wir freuen uns einfach darauf, eine gute Zeit mit unserer wahnsinnig guten Crew zu haben und endlich das Album und die Songs mit der Welt teilen zu können. Wir hoffen, dass wir den Leuten einen schönen Abend bereiten können und dass sie für die Konzertdauer ein bisschen abtauchen und sich in unserer Soundwelt verlieren.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen
    Ein vergessener Bass und eine Nike-Narbe

    Anna: Es geht so langsam Richtung Ende des Jahres zu und das Album und die Tour werden wahrscheinlich eure größten Highlights von 2024 sein – was sind eure Ziele/Wünsche für nächstes Jahr? Habt ihr Sachen auf eurer (auch persönlichen) To-Do Liste, die ihr euch unbedingt erfüllen wollt?

    So Soon: Wir hoffen, dass wir gut erholt ins neue Jahr 2025 starten können und eine erfolgreiche Tour hatten. Wir haben sehr viel Lust neue Musik zu schreiben und an Ideen zu arbeiten, die zurzeit in den Untiefen unserer Festplatten schlummern. Wir hoffen, dass wir unseren ersten Festivalsommer spielen können und weitere Konzerte vor uns liegen.

    Anna: Die letzte Frage bezieht sich bei uns immer auf eine untold story, etwas, was ihr bisher in keinem Interview erzählt habt. Das kann alles Mögliche sein, was ihr gerne loswollen möchtet.

    So Soon: Vor einigen Jahren hatte David mal einen Gig und sollte Bass spielen. Er hat allerdings seinen Bass vergessen. Zum Glück war es ein Auftritt mit mehreren Bands und jemand hatte noch einen Bass. 

    Marco hat eine Narbe an der linken Hand die aussieht wie das Nike Logo. 

    Wer die David & Marco aka So Soon im Dezember auf ihrer ersten Tour live erwischen möchte, bekommt hier alle Infos.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen

    Fotocredit: Flemming Fuchs

  • Mulay im Interview: »Musik ermöglicht es mir, schmerzhafte Erfahrungen in etwas Schönes zu verwandeln«

    Mulay im Interview: »Musik ermöglicht es mir, schmerzhafte Erfahrungen in etwas Schönes zu verwandeln«

    Es gibt wenig Künstler*innen, die uns so begeistern wie Mulay. Zu ihrer damaligen Debüt-EP schon bei uns im Interview hat die Alternative-R&B Musikerin aus Berlin nun ihr langerwartetes Debüt-Album LAVENDER veröffentlicht. Ein intimes Heartbreak-Album, was so viel mehr behandelt als nur schmerzhaften Liebeskummer. Es geht um toxische Liebe, Enttäuschung und die Kraft wieder zu selbst zu finden. Aus Verletzung schöpft Mulay Stärke und Empowerment, und verpackt all das in ein Gesamtkunstwerk, das uns tief berührt. Über all das und viel mehr haben wir mit ihr gesprochen.

    Mulay im Interview

    Anna: Hey Mulay, das letzte Mal haben wir uns 2021 zu deiner Debüt-EP ANTRACYTE gehört. Seitdem ist sehr viel passiert. Wie hast du die die letzten Jahre wahrgenommen?

    Mulay: Wow, das ist eine umfangreiche Frage. Die Zeit ist einerseits unglaublich schnell vergangen, andererseits ist auch unglaublich viel passiert. Wenn ich an meine Debut-EP und den Entstehungsprozess denke, wird mir bewusst, wie sehr ich als Mensch und Künstlerin seitdem gewachsen bin. Ich habe viele Erfahrungen dazu gewonnen und gelernt, meinen Instinkten, Visionen und Skills noch mehr zu vertrauen. Mit meiner ersten Vinyl “Antracyte/Ivory habe ich mir einen Traum erfüllt. Und auch andere Meilensteine erreicht, wie meine erste eigene Tour zu spielen. Ich bin unglaublich dankbar für alles, was ich in den letzten Jahren umsetzen konnte. Für all die inspirierenden Menschen, die mir begegnet und zu Freunden geworden sind. Obwohl ich langsam spüre, dass ich seither keine wirkliche Pause eingelegt habe und nach dem Album erstmal neue Kräfte tanken muss, fühlt es sich dennoch wie ein Anfang an: Mein erstes Album, auf das hoffentlich viele weitere folgen.

    Anna: In dieser Zeit hast du auch dein Debütalbum LAVENDER geschrieben. Wie hast du bemerkt, dass die Zeit reif für ein Album war?

    Mulay: Für mich war von Anfang klar, dass ich sobald wie möglich ein Album machen wollte. Ich bin selbst ein großer Fan von und habe großen Respekt vor dem Album als Kunstform. Ich höre lieber Alben von Anfang bis Ende durch, als Playlists.

    Besonders liebe ich dabei in die Welt und den Kopf eines Künstlers eintauchen zu dürfen. Auf emotionaler und kreativer Ebene sich selbst zu entdecken und inspiriert und berührt zu werden. Man kann nur soviel von sich in einen Song stecken. Ein ganzes Album bietet da etwas mehr Raum, verschiedene Seiten und Perspektiven zu beleuchten und in mehr Dimensionen zu reflektieren.

    mulay, mulaymusic, lavender, betterthingsberlin, untoldency, interview, untold stories, untoldency magazine
    „Nichts und niemand kann meine Kreativität aufhalten.“

    Anna: Ein Album schreiben ist ja nochmal was ganz anderes. An welchen Dingen bist du während dieser Zeit gewachsen? Was hat dir besonders Spaß gemacht?

    Mulay: Es ist wirklich ein unglaublich intensiver Prozess, auf so vielen Ebenen… Ich denke, das Schreiben der Songs hat mir auf der einen Seite erlaubt, mich von sehr viel Schmerz und Wut zu befreien. Es war eine Form der Katharsis, die mir geholfen hat, all diese Emotionen raus- und loszulassen. Auf der anderen Seite habe ich in Jule Minck und Elie Zylberman zwei neue, unglaublich talentierte kreative Partner gefunden und sehr viel Spaß und Inspiration aus der Zusammenarbeit mit ihnen geschöpft.

    Ich glaube, eine der größten Herausforderungen dieses Projekts war, dass ich unglaublich viele Aufgaben gleichzeitig übernehmen musste, um meine Vision trotz fehlenden Fundings irgendwie umzusetzen. Dadurch war ich praktisch gezwungen, auf vielen Ebenen über mich hinauszuwachsen und mehrmals über meine eigenen Grenzen zu gehen. Dem mentalen Druck – den man sich einerseits aus Leidenschaft und Perfektionismus selbst macht, andererseits aber auch durch den Zeitdruck, Deadlines einzuhalten – standzuhalten, war eine echte Übung in Resilienz. Daran bin ich definitiv gewachsen. Es hat mich erneut darin bestärkt, dass nichts unmöglich ist und nichts und niemand mich und meine Kreativität aufhalten kann.

    „Step by step by step…“

    Anna: LAVENDER ist sehr persönlich, voller intimer Einblicke in einen sehr schmerzvollen Heartbreak, aber auch in eine sehr toxische Beziehung. Was waren die Phasen, durch die du während und nach der Trennung gegangen bist?

    Mulay: Da es bei der Erfahrung, die LAVENDER verarbeitet, nicht nur um einen Heartbreak, sondern auch um eine für mich traumatische Erfahrung geht – was oft zusammenwirkt, jedoch sehr unterschiedliche Gefühle und Gedanken auslöst –, musste ich beide getrennt für sich verarbeiten. Auf der einen Seite war da der Schmerz und die Sehnsucht nach einem Menschen, den ich vermisste und die Erinnerung an eine gemeinsame Zeit, die ich betrauerte. Auf der anderen Seite standen das Unverständnis über das Verhalten dieser Person mir gegenüber, das Unverständnis mir selbst gegenüber, wie ich mich so täuschen lassen konnte, und schließlich die Wut über beides und die gesamte Situation.

    mulay, mulaymusic, lavender, betterthingsberlin, untoldency, interview, untold stories, untoldency magazine

    Wenn ich den Verarbeitungsprozess in Phasen beschreiben müsste, würde ich sagen, erst kam die Depression, das Tief-in-sich-Blicken, dann die Erkenntnis, den Fokus für eine Weile auf mich selbst, mein Innenleben und meine Bedürfnisse zu legen. Dann kam die Verarbeitung durch das Schreiben und die Musik, die Ablenkung durch kreative Arbeit. Und dann das nach und nach Loslassen: weniger an die Person denken, weniger Sehnsucht, mehr Wut. Mich selbst wieder stärker spüren und neu sortieren, was ich möchte und was nicht, was ich brauche und was nicht. Schließlich ging es darum, Teile von mir loszulassen, die mir nicht mehr guttaten und durch Therapie und das Album eine Art Katharsis zu erreichen. Step by step by step…

    „It’s my superpower.“

    Anna: Du hast vielem Luft gelassen, was sich angestaut hat. Was hat dir geholfen, die toxische Beziehung zu verlassen?

    Mulay: In meinem Fall ging das alles zum Glück sehr schnel. Im Sinne von “lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende”. Erst war alles zu gut um war zu sein und sehr schnell unglaublich intensiv und dann ist das Kartenhaus zusammen gefallen. Ich wurde mit Fakten konfrontiert, die mir das wahre Gesicht der Person gezeigt und damit keine andere Wahl gelassen haben. Es war so als wäre ein Schleier gefallen und plötzlich erblickt man alles in einem anderen Licht. Die Realität der letzten Monate stellt sich als Inszenierung heraus und der Traum wir zum Albtraum.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen
    „Dated keine Künstler.“

    Anna: Wie hast du dich selbst auf dieser Reise wiedergefunden?

    Mulay: Ich glaube, das Schwierigste ist, dass man Vertrauen in seine eigene Wahrnehmung und Instinkte verliert. Man hat jemanden so nah an sich rangelassen und vertraut und dieses Vertrauen wurde missbraucht. Zum Glück habe ich sehr gute Freunde, auf die ich mich verlassen kann, die für mich da waren, mich unterstützt haben. Und zum Glück habe ich die Musik und das Schreiben, das mir einen direkten Draht zu meinem Unterbewusstsein gewährt und stets dabei hilft in mich selbst einzuchecken. Mich künstlerisch auszudrücken hilft mir dabei mich daran zu erinnern, wer ich bin und meine innere Stärke zu spüren. It’s my superpower.

    Anna: Was sind Sachen, die du aus diesem gesamten Prozess gelernt hast? Für dich persönlich, aber auch für andere.

    Mulay: Dated keine Künstler. Haha.

    Ich habe über mich selbst gelernt, dass meine Empathie zwar eine Stärke ist, ich aber auch lernen muss, mich selbst zu schützen, damit diese nicht ausgenutzt wird. Außerdem habe ich erkannt, wie wichtig es ist, mich selbst zu nähren und mir das zu geben, was ich sonst in anderen suche.
    In vielen Gesprächen über diese Erfahrung habe ich festgestellt, wie viele Menschen ähnliche Erlebnisse teilen und wie verbreitet toxische Dynamiken sowie emotionaler und sogar physischer Missbrauch sind. Das hat mir wirklich die Augen geöffnet. Wichtig ist dabei, sich bewusst zu machen, dass man keine Schuld trägt, wenn einem Unrecht widerfährt. Und dass man dem Impuls widerstehen sollte, sich selbst dafür verantwortlich zu machen. Eine weitere wichtige Erkenntnis war, dass Opfer von Manipulation zu werden nichts mit Schwäche oder Naivität zu tun hat – es kann wirklich jedem passieren. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir uns austauschen und offen über unsere Gefühle und Erfahrungen sprechen. Ohne Scham, sondern mit Stolz und neu gewonnener innerer Stärke.

    „Musik ermöglicht es mir, schmerzhafte Erfahrungen in etwas Schönes zu verwandeln.“

    Anna: Du empfindest Verletzlichkeit als Stärke – warum?

    Mulay: Ich hab das Gefühl durch das Schreiben und Performen meiner Songs, Verletzlichkeit zulassen und in Stärke umwandeln zu können. Oft kann ich meine tiefsten Gedanken und Gefühle ehrlicher auf Papier bringen, als sie auszusprechen. Die Musik hilft mir, all das nach außen zu tragen und auszudrücken, was mir sonst schwerfällt, mit meiner Außenwelt zu teilen – paradoxerweise, weil ich mich damit zu verletzlich fühlen würde. Die Musik ermöglicht es mir, diese Gefühle zu transformieren, die schmerzhaftesten Erfahrungen oder düstersten Gedanken in etwas Schönes zu verwandeln, etwas Kraftvolles, das im besten Fall sogar andere berührt und bestärkt. Was vorher mit Scham bedeckt war und tief vergraben werden sollte, wird nun zum leuchtenden Schmuck. Sichtbar für alle und entwaffnend für jeden, der dachte, darin Munition zu finden. ‚Turning tears into diamonds‘ eben.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen

    Anna: Deine Musik drückst du auch weiterhin sehr visuell aus – Videokonzepte und Styling spielen eine große Rolle beim Release deiner bisherigen Singles und das merkt man. Was macht dir am meisten Spaß beim Drehen und Entwickeln eines Musikvideos?

    Mulay: Am meisten Spaß macht wahrscheinlich der Dreh selbst, denn das ist der Moment, in dem die Vision, die man so lange im Kopf entwickelt und gesponnen hat, endlich in die Realität umgesetzt wird. Zum ersten Mal fügen sich dann alle Bausteine und Details, die man geplant und vorbereitet hat, zusammen.

    Ein großer Teil des Spaßes liegt natürlich auch in der Zusammenarbeit mit anderen. Ob es um das Styling, die Produktion, das Casting oder den Dreh selbst geht – ich bin immer unglaublich dankbar, so vielen talentierten und inspirierenden Menschen zu begegnen, die mich unterstützen. Für dieses Projekt habe ich einige Aufrufe auf Social Media gemacht, z. B. für das Casting oder für Behind-the-Scenes-Fotografie, und ich war überwältigt von den Reaktionen. So viele Menschen wollten Teil des Projekts sein, was für mich eine unglaublich schöne und bestärkende Erfahrung war. Gerade als jemand, der sehr viel alleine macht, hat es mir noch einmal vor Augen geführt, was für eine tolle Community ich hinter mir habe, die jeden Dreh zu etwas besonderem gemacht haben.

    mulay, mulaymusic, lavender, betterthingsberlin, untoldency, interview, untold stories, untoldency magazine
    „I hope you love it as much as I do.“

    Anna: LAVENDER ist bald draußen und nicht mehr nur deins. Freust du dich aufs Loslassen des Albums? Was kommt jetzt?

    Mulay: Es ist ein ganz komisches Gefühl… Einerseits kann ich nicht darauf warten endlich loszulassen und die Vinyl in meinen Händen zu halten. Andererseits geht damit auch ein unglaublich langer Prozess zu Ende und ein unglaublich großes Projekt findet seinen Abschluss. Es ist auf jeden Fall befreiend und ich bin sehr dankbar für die Erfahrung, für alles, was ich daraus mitnehmen durfte und stolz das Ergebnis endlich mit der Welt zu teilen. Der Gedanke, dass es bald zum ersten Mal von Menschen gehört wird ist verrückt! I hope you love it as much as I do.

    Danach werde ich versuchen mal ein bisschen Urlaub zu machen, da die letzten Jahre dafür entsprechend keine Zeit war und 2024 dann LAVENDER auf die Bühne bringen und touren. Allgemein wieder mehr Live spielen, natürlich neue Musik machen, neue Projekte realisieren, sich vllt mal wieder verlieben und weiter wachsen. Als Mensch und als Künstlerin.

    Anna: Die letzte Frage bezieht sich bei uns immer auf eine untold story, etwas, das du in noch keinem Interview erzählt hast. Hier ist dein space, alles loszuwerden, was du möchtest.

    Mulay: You called it end game and I believed you, I blame myself because I didn’t mean to, it’s so unlike me, like to keep things lightly, thought I brushed it off, but I still pictured you beside me.‘ – Diese Phrase hatte ich in meinem Handy, als ich in Paris mit Elie und Jules an Songs arbeitete. Ich wollte daraus einen Song namens End Game machen, der sehr dunkel und beatlastig sein sollte.

    Eines Tages, als wir im Studio waren, schien die Sonne, und wir entschieden, eine Pause einzulegen und in den Park zu gehen. Wir nahmen die Akustikgitarre mit, legten uns ins Gras, schauten den Wolken zu und improvisierten. Plötzlich nahm die Musik eine folky Richtung und alles passte – die vorbeiziehenden Wolken, die warmen Akkorde. Zurück im Studio versuchten wir, diesen Moment nachzustellen – erst kläglich, dann ein wenig erfolgreicher.

    Es war bereits Nacht, als die Gitarrenaufnahme lief. Ich schrieb und schrieb, und es floss einfach nur aus mir heraus. Ich machte eine schnelle Aufnahme mit dem Handy, um die Idee festzuhalten, bevor wir Schluss machten. Als ich sie im Flugzeug nach Hause wieder anhörte, war ich schockiert, wie schön sie war. Direkt nach meiner Ankunft in Berlin setzte ich mich an den Computer und nahm Demo-Vocals auf. Als ich die Vocals editiert hatte und den Song hörte, weinte ich – jedes Mal. Solche Momente passieren mir selten. Ich entschied, die Vocals nicht noch einmal aufzunehmen. Der Song war genau so, wie er sein sollte. Eine Spiegelung meines Innersten, eine Umarmung an mich selbst und hoffentlich jeden der in hörte.

    Fotocredit: Lotte Thor, Tilo Wandelt

  • Friedberg im Interview: »Hauptsache kein Stillstand«

    Friedberg im Interview: »Hauptsache kein Stillstand«

    2020 hatten wir die vierköpfige Girlband Friedberg bereits im Interview. Zu ihrer damaligen Debüt-EP hat uns Frontsängerin Anna viel um den Hype, den Struggle mit Covid und alles rund um Cowbells erzählt. Vier Jahre später und Friedberg sind in einen wirbelnden und hypnotischen Dance-Punk-Indie-Gitarren-Pop gewachsen, mit dem sie live alle Bühnen abreißen, auf die sie dürfen. Ihr Debüt-Album Hardcore Workout Queen ist seit ein paar Tagen draußen und wir haben dies als Chance genutzt, um nochmal über diesen einzigartigen Sound zu sprechen, den Friedberg so ausmacht.

    Friedberg im Interview

    Anna: Hey Anna, das letzte Mal haben wir uns 2021 zu eurer Debüt-EP Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah gehört. Diese acht Yeahs haben meinen Corona-Lockdown damals sehr aufgeheitert. Würdest du immer noch denselben EP-Titel wählen?

    Friedberg: Gute Frage. Vielleicht würd ich’s jetzt auch einfach Lizzy nennen, den Song mag ich immer noch sehr 🙂 Oder auch Your Hollywood. Freut mich jedenfalls voll, dass dich die EP damals aufgeheitert
    hat!!

    Anna: Von eurem spontanen ersten Gig in einem kleinen Pub in London zur Support bei Placebo – eure Bühnen sind größer geworden. Wie habt ihr die Entwicklung eurer Band in den letzten Jahren wahrgenommen? Hast du ein Highlight, von dem du immer noch nicht ganz glauben kannst, dass es passiert ist?

    Friedberg: Ich denke, die Tour mit Hot Chip in den USA war ein absolutes Highlight. Dass ich geschafft habe, diese Tour fast komplett alleine auf die Beine zu stellen und die Finanzierung klarzumachen, erscheint mir jetzt noch fast als Wunder. Und dann war es echt die most fun tour ever. Wir waren eine big Family, Hot Chip war die beste Band zu touren, weil die einfach alles mit uns geteilt haben, mit uns gefeiert haben, uns den Kühlschrank mit Wein vollgemacht haben etc. Und dass sie uns nach der Tour auch noch eingeladen haben, für sie in der Brixton Academy in London zu eröffnen und Alexis (Sänger von Hot Chip) einen Song mit uns performed hat in unserem Set, war wahrscheinlich eins der absoluten Highlights bisher.

    Friedberg, Hardcore Workout Queen, Friedberg music, untoldency, untold stories, interview, betterthingsberlin, independent music magazine
    „Girlbands sind 10/10, obviously“

    Anna: Ihr wart zuletzt auch mit Giant Rooks auf US-Tour. Als absolute Fred Fangirl muss ich wissen: wie war das?

    Friedberg: Das war auch mega. Ich liebe die USA zu touren. Man hat zwar so krasse Strecken jeden Tag zu fahren und man sieht so arge Landschaften, aber auch Menschen, dass man sich wie auf einem anderen Planeten fühlt. Man hat jeden Tag stundenlang Zeit über Dinge nachzudenken, einen Kaffee to go für 8 Dollar zu kaufen und vielleicht sogar noch ein Cowboy Café am Weg zu besuchen haha. Die Leute bei den Shows waren so krass enthusiastisch, dass wir jetzt echt sowas wie Hardcore Fans dort haben, die sich sogar unsere Cowbell tätowieren haben lassen 🙂

    Anna: Von 1 bis 10, wie geil ist aber eine Girlband?

    Friedberg: 10 out of 10, obvs.

    Anna: Euer Debütalbum heißt Hardcore Workout Queen. Würdest du euch als Harcore Workout Queens bezeichnen?

    Friedberg: Manchmal ja, manchmal nein. In dem Song geht es eher darum, dass man gerade nix hinkriegt und man jede Möglichkeit ergreift faul zu sein und z.b. Chat GPT statt einem selbst ins Museum zu schicken „Gotta love you Chat GPT, can you live out this weekend for me, Hit the Saatchi, paintings bore me“.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen
    Free Coffee und ein Notizbuch

    Anna: Wie war der Schreibprozess für die einzelnen Songs auf dem Album? Ich kann mir vorstellen, dass jeder seine eigene Geschichte hat.

    Friedberg: Ja, es sind viele ganz verschiedene Geschichten und Beobachtungen der letzten Jahre. Viele sind auf Reisen entstanden oder manche Texte nehmen den Ursprung im Cafée meines Nachbarn. Mein Nachbar ist ein genialer Maler, der jeden Tag sein Fenster zum Hof öffnet und Free Coffee für jeden ausschenkt. Da treffen wir uns dann alle kurz, haben oft echt richtig interessante Gespräche, die dann wiederum in meinem Notizbuch landen.

    Anna: Was für einen Einfluss hat für dich der Ort, an dem du beim Schreiben bist?

    Friedberg: In Bewegung sein, neue Orte sehen finde ich einfach inspirierend. Weirde Orte, schöne Landschaften, Züge, alles mögliche. Hauptsache kein Stillstand.

    Anna: Hardcore Workout Queen ist ein Album ohne Ort, es ist der Soundtrack für den perfekten Roadtrip. Was macht für dich die Romantik eines Roadtrips aus?

    Friedberg: Mit offenem Fenster beim Sonnenaufgang oder -untergang dahinzucruisen, Landschaften beobachten und natürlich super Musik hören. Und spontan irgendwo ein Motel buchen und da übernachten.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen

    Anna: Neben diesem Album, welche Musik hörst du auf einem Roadtrip?

    Friedberg: Ich finde J.J. Cale eignet sich so genial für Roadtrips.

    „Ich fürchte mich vor Luftballons.“

    Anna: Der Sound auf eurem Debütalbum hat sich weiterentwickelt und ist gewachsen, ohne jedoch euren unverkennbaren Friedberg-Schlif zu verlieren. Du bist auch deiner Kuhglocke treu geblieben! Vielleicht lieb ich So Dope deshalb so doll. Hast du einen Lieblingssong auf dem Album?

    Friedberg: Haha, das freut mich, dass du den Song wegen der Cowbells so gern magst. Dann hab ich ja mein Ziel erreicht 🙂 Mein derzeitiger Favourite ist 100 Times.

    Anna: Mit eurem Debütalbum geht ihr im Dezember endlich auf Headline-Tour in Deutschland! Worauf freut ihr euch am meisten? Gibt es Songs, die ihr unbedingt live spielen wollt?

    Friedberg: Ich freu mich 100 Times endlich mal live zu spielen. Ich freu mich auch auf unser Eisbär Cover. Aber am meisten freu ich mich, dass wir unsere eigenen Shows haben und daher endlich ein längeres Set spielen können und uns ne Dramaturgie überlegen können.

    Friedberg, Hardcore Workout Queen, Friedberg music, untoldency, untold stories, interview, betterthingsberlin, independent music magazine, tour,

    Anna: Die letzte Frage bezieht sich bei uns immer auf eine untold story, etwas, was du in keinem bisherigen Interview erzählt hast. Hier ist dein safe space, um alle (oder ein paar) Geheimnisse zu teilen.

    Friedberg: Ich fürchte mich vor Luftballons.

    Fotocredit: Lewis Vorn

  • Leyya im Interview: »Ein Schreibprozess ist für mich wie Therapie.«

    Leyya im Interview: »Ein Schreibprozess ist für mich wie Therapie.«

    Dass der richtig gute Indie aus Österreich kommt, ist kein großes Geheimnis mehr. Vor allem die Newcomer-Bubble ist voller spannender Acts, und inkludieren eben auch Leyya. Nur dass sie schon sehr viel länger mitmischen! Ihre Indie-Pop Melodien sitzen uns seit Superego (2016) tief im Ohr. Die letzten Jahren wurde es ein wenig ruhiger um Sophie Lindinger und Marco Kleebauer, die nebenbei auch bei Projekten wie My Ugly Clementine oder Sharktank mitwirken. Jetzt haben sie sich für ihr neues Album „Half Asleep“ wieder zusammengefunden, und zeigen, wie heilsam es ist, wieder bei sich selbst anzukommen. Wir haben sie ein paar Dinge dazu gefragt.

    Leyya im Interview

    Anna: Ihr macht als Duo schon lange zusammen Musik und veröffentlicht mit „Half Asleep“ nun eurer drittes Studioalbum. Daneben seid ihr sowohl solo als auch bei verschiedenen großen österreichischen Projekten wie My Ugly Clementine oder Sharktank mit – ihr habt aber immer wieder in Leyya zurückzueinander gefunden. Was macht dieses Projekt so besonders?

    Leyya: Wir haben begonnen mit 11/12 Jahren gemeinsam Musik zu machen, wir sind zusammen persönlich und musikalisch miteinander aufgewachsen. Was sich seitdem entwickelt hat über diese Jahre, ist die unausgesprochene musikalische Konversation, die wir während des Schreib- und Produktionsprozesses miteinander führen. Wir vertrauen uns blind und gehen kompromisslos in die gleiche Richtung. Das war bei unserem ersten Album nach 10 Jahren gemeinsam Musik machen schon so und hat sich über die letzten Jahre bis hin zu Half Asleep verstärkt. Mittlerweile geht alles fast wortlos.

    Jedes mal wenn wir zu diesem Projekt zurückkehren (auf welche Art und Weise das auch sein mag) fühlt es sich an wie heimkommen. Eine vertraute, sichere Umgebung in der man sich von Äußerem loslösen kann.

    Anna: Ich hab euch erst in der Pandemie entdeckt und die EP Longest Day Of My Life auf Dauerschleife gehört. Was bedeutet diese EP für euch?

    Leyya: Es freut uns, dass unsere EP dich in dieser Zeit begleiten durfte! Ich denke, dass die Songs der EP genauso eine ausweglose Unveränderbarkeit beschreiben. Zumindest habe ich mich beim Texten so gefühlt und ich konnte damit festsitzender Anxiety und Depression einen Namen geben. Musikalisch haben wir uns da auch einfach reinfallen lassen können, weil es so stark in der Luft lag, obwohl die Pandemie selbst bei manchen Songs noch gar nicht begonnen hatte. Ich denke, die EP bzw. die Thematiken habe uns auch die Augen geöffnet, dass wir einen Schritt langsamer machen müssen, um unsere mentale Gesundheit mehr in den Vordergrund zu rücken und zu lernen, diese auch in Zukunft zu schützen.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen
    „Wir haben jeden Tag eine Songidee gemacht“

    Anna: Was waren die Platten oder Künstler*innen, die eure Monate der Pandemie geprägt haben? Hatten einige davon auch einen musikalischen Einfluss auf euer kommendes Album?

    Leyya: Für mich war das „WIIMP3 von Haim. Es ist sehr selten, dass ich ein Album finde, dass ich von vorne bis hinten durchhören will – ein sogenanntes „No Skip“ Album weil man bei keinem Song weiterschalten möchte.

    Ich kann jetzt nicht sagen, dass dieses Album per se den Sound unseres neuen Albums geprägt hat. Sowas hängt von ganz vielen Faktoren ab und wir setzen uns ja auch nicht hin und entscheiden, dass wir jetzt einen Song machen wollen, der so und so klingt. Aber jede Musik, die man intensiv hört, prägt sich ein und inspiriert. Aber da fällt viel so viel mehr rein als nur ein Album, das man gerne gehört hat.

    Anna: Auf Longest Day Of My Life wird Half Asleep folgen, welches ihr innerhalb einer Woche fast komplett produziert habt. Wie sah diese Woche aus?

    Leyya: Innerhalb einer Woche ist auf jeden Fall übertrieben. Wir haben sehr viele ausschlaggebende Ideen und Songskizzen gesammelt und teilweise Songs fertiggestellt, aber ein Album beinhaltet mehr Arbeit als nur eine Woche. Ich denke diese Woche hat auf jeden Fall den Weg zum Album gelegt. Anfangs wollten wir einfach nur mal schauen, was passiert und hatten nicht mal an eine Veröffentlichung gedacht. Wir haben in dieser Woche jeden Tag eine Songidee gemacht, die es alle auf das Album geschafft haben. Es gab im generellen Prozess keinen einzigen Song, den wir dann nicht da drauf gepackt haben, weil wir so happy mit jedem Song waren, der entstanden ist.  Es war ein sehr unbeschwerter und druckloser Prozess und vor allem auch ein unglaublich kreativer Austausch und das hat sehr viel Spaß gemacht.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen

    Anna: Bei all den vielschichtigen Songs stechen vor allem die unterschiedlichsten Instrumente und Sounds, die ihr nutzt, hervor. Welcher Sound ist besonders an euch hängen geblieben, vielleicht auch durch die Geschichte, wie er entstanden ist?

    Leyya: Die Hookline in Pumped Up High ist eine uralte Saxophon Aufnahme von uns, eine übriggebliebene von der Produktion zu Sauna, unserem zweiten Album, das 2018 erschien. Marco hat die auf einer alten Festplatte gefunden. So etwas ist immer spannend in aktuelle Produktionen zu implementieren. Eine schöne Verbindung von damals zu heute und daher auch sehr passend zur Thematik von Half Asleep.

    „Den Themen ein Gesicht zu geben, hilft.“

    Anna: Eure Songs sind wie immer vor allem lyrisch sehr stark. Half Asleep fühlt sich an wie eine Ansammlung von Themen, die einen Nacht für Nacht wachhalten und den Schlaf klauen. Was waren die Hauptthemen, die euch beschäftigt haben?

    Leyya: Vergangenes in der Gegenwart, unheilbare Schmerzen, Akzeptant und Resignation, Soziale Strukturen und Regeln, Einsamkeit und aber gleichzeitige Überforderung im sozialen Umfeld, Weltschmerz, …

    Anna: Habt ihr durch den Albumprozess ein paar Themen davon für euch lösen können?

    Leyya: Ein Schreibprozess, vor allem im lyrischen Kontext, ist für mich wie Therapie. Eine Betrachtung jener Themen, die in meinem Unterbewussten sitzen und Schmerz bereiten. Die Themen und Geschichten hervorzuholen, ihnen ein Gesicht zu geben, und sie vielleicht sortieren zu können, hilft. Aber Lösungen gibt es dadurch nicht, nur vielleicht eine gewisse Ordnung bzw. Übersicht, um mit ihnen besser umgehen zu können.  

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen
    „Alle Sounds sind komplett handgemacht.“

    Anna: Ihr werdet nach langer Zeit auch wieder live auftreten. Wie hat sich eure Beziehung zum Live-Spielen in den letzten Jahren entwickelt?

    Leyya: Wir haben 2021 verkündet eine Live Pause zu machen und erst dann wieder zu spielen wenn wir tatsächlich Lust darauf haben. Die 8 Jahre davor haben wir wirklich alles bespielt, was wir konnten. Das war teilweise sehr aufwendig und mühsam. Wir sind zwar sehr viel herumgekommen, was auch wirklich bereichernd war, aber man ist ab irgendeinem Zeitpunkt so ausgelaugt, dass die Essenz verloren geht. Daher haben wir beschlossen, das so lange ruhen zu lassen bis die Essenz wieder kommt. Mit diesem Album haben wir bemerkt, dass wir sehr große Lust haben, das auf die Bühne zu bringen und uns entschieden eine kleine Tour zu spielen. Wir werden auch so immer wieder mal auftreten, aber der Kontext muss passen. Unsere Musik passt einfach nicht auf manche Veranstaltungen und darum wollen wir damit bewusst umgehen.

    Anna: Auf welchen Song freut ihr euch am meisten, live zu spielen?

    Leyya: Ich liebe live alle Songs besonders, wo mehrere Stimmen zusammenkommen. Oder, wo die Energie und Stimmung sich innerhalb des Songs verändert. Aber mehr kann ich dazu nicht sagen, das ist als würde man fragen welches seiner Kinder man am liebsten hat. Alle!

    Anna: Die letzte Frage bezieht sich bei uns immer auf eine untold story, etwas, was ihr in keinem bisherigen Interview erzählt habt. Hier könnt ihr loswerden, was ihr noch nicht loswerden konntet.

    Leyya: Alle Sounds, die wir auf Half Asleep verwendet haben (das war auch bei den anderen Alben bisher so) sind komplett handgemacht und aufgenommen. Da gibt’s keine Soundsamples von Splice oder sonst wo. Das einzige sind so Dinge wie das Läuten eines Telefons oder ein zwei Aussagen aus einem Gespräch einer externen Person, die bei zwei Songs eine andere Ebene rein bringen.

    Fotocredit: Leyya

  • maïa im Interview: »Ich habe das Gefühl, ich sauge jede Emotion auf, die jeder Fremde um mich fühlt«

    maïa im Interview: »Ich habe das Gefühl, ich sauge jede Emotion auf, die jeder Fremde um mich fühlt«

    „ich hoff du brichst mir das herz“ heißt die neueste und zugleich zweite EP der Sängerin maïa. Zusammen mit ihrem Team hat sie eine gefühlvolle und zugleich energetische Platte produziert, die stärker die Größe der Popmusik sucht. Im Interview sprechen wir über ihre Live-Erfahrungen als Support Act, wie ihr Umfeld und ihre Heimatstadt Duisburg ihr emotionales Innenleben beeinflussen, welchen Stellenwert Literatur und Poesie in ihrem Leben haben und inwiefern sich ihre Musik im Vergleich zur letzten EP weiterentwickelt hat (hier geht’s zur Rezension von „tatendrang und todmüde“). Außerdem verrät maïa ihren aktuellen favourite Artist!

    maïa im Interview

    Lucas: Du warst letztens bei Ahzumjot Voract in Berlin (6. Mai 2024). Wie war der Auftritt für dich?

    maïa: Ich hatte keinen guten Tag, weil ich so eine Panikattacke hatte und die ganze Zeit nicht wusste, ob ich es packe. Ich weiß nicht, ich war nicht zufrieden mit der Performance, aber egal.

    Lucas: Ich glaube, das gehört auch dazu, ab und zu. Ich stelle es mir in jedem Fall fies vor, dann auf die Bühne zu gehen. Aber ich denke, dir verzeihen alle. Du warst bei anaïs ebenfalls als Support Act dabei in Berlin, richtig? Wie war es da im Vergleich? Gleiche Stadt, anderer Tag.

    maïa: Die Leute bei Ahzumjot waren dadurch, dass so lange von ihm selber nichts kam, super offen für die Musik, die da gespielt worden ist, sowohl bei ihm als auch bei mir und dadurch hatte ich wirklich eine sehr, sehr aufmerksame Crowd. Das ist nicht allzu oft der Fall und deswegen bin ich immer sehr, sehr dankbar, wenn das der Fall ist. Es ist einfach pure Wertschätzung, wenn da 500 Leute vor dir stehen und niemand gibt einen Mucks von sich und hört dir zu, wie du deine Songs singt. Aber der Unterschied war auch nicht so groß, weil bei anaïs war die Show ein bisschen kleiner. Da waren die Leute genauso aufmerksam und genauso lieb. Deswegen hatten die Auftritte das gemeinsam.

    Lucas: Wie ist deine Erfahrung bei anderen Acts gewesen, wenn du sagst, bei Ahzumjot und anaïs war das Publikum sehr aufmerksam? Das heißt, du hast vielleicht auch schon andere Auftrittserfahrungen gemacht, bei denen du mehr ankämpfen musstest?

    maïa: Ja, ich glaube, sobald sich meine Musik ein bisschen von der Musik des Hauptacts entfernt, ist die Zuhörerschaft da weniger offen für das, was dann auf der Bühne vom Support gespielt wird. So war es bisher bei mir. Je näher ich am Genre des Hauptacts war, desto aufmerksamer waren die Leute einfach. Aber ich hatte bisher das ganz große Privileg, dass ich sehr, sehr tolle Crowds erfahren durfte und sehr, sehr viel Liebe bei den meisten Liveshows gehabt habe, und es waren immer tolle Schows.

    Lucas: Okay, schön zu hören! Eigentlich weiß man ja auch schon vorher so ein bisschen, ob man in die Musik des Main Acts reinspielt. Wie gehst du dann damit um, wenn du eigentlich schon vielleicht weiß, es könnte anspruchsvoll werden?

    maïa: Also es gibt den Versuch, die Songs zu picken, wo ich denke, dass die vielleicht mit der Crowd am besten passen würden. Aber im Endeffekt ist es mir dann irgendwie auch ein Stück weit egal, weil Fakt ist, ich bin dann der Support Act des Abends. Und wenn dann nur die fünf bis zehn Leute, die vorne stehen, mir zuhören, dann spiele ich halt eben nur für diese fünf bis zehn Leute, und dann sind wir irgendwie in unserer eigenen Welt, und was hinten passiert, ist egal. Ich glaube, man hat das eh nicht so sehr in der Hand, und dann versuchen, das zu kontrollieren, macht keinen Sinn. Hauptsache, ich spiele die Musik, die ich mach‘, und wenn ich dann ein, zwei Leute dazu gewinne, dann ist das auch okay. 

    Lucas: Fair! Und ich glaube, das steckt auch in dem drin, was du sagst. Wenn man selber die Songs fühlt, dann ist man auch in der Lage, das zu transportieren.

    maïa: Ja, voll!

    „Ich habe das Gefühl, ich sauge die Leute um mich rum fast schon auf“

    Lucas: Du hast bei Ahzumjot gesagt, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, dass du Duisburg nicht so feierst. Magst du nochmal sagen, was an Duisburg der Grund ist, warum du nicht so Fan von der Stadt bist?

    maïa: Ich glaube, das ist ein sehr weites Thema. Im Endeffekt stammt diese Wut daher, dass es eine Stadt ist, die im Stich gelassen worden ist und eine Stadt, die alleine nicht gut klarkommt, ohne Hilfe von oben. Ich meine, wer kümmert sich um Städte wie Duisburg oder Marxloh und Hamborn und um solche Orte. Weißt du? Es ist im Endeffekt irgendwie dasselbe. Da sind Menschen, die Hilfe gebraucht haben, die aber keine Hilfe bekommen haben. Es sind Menschen, die nicht wissen wohin, wenn sie Hilfe brauchen. Das resultiert irgendwie darin, dass die Lebenslust von den Leuten verschwindet, was total legitim ist, und das übersetzt sich dann halt in Unfreundlichkeit oder in Dreck auf den Straßen und sowas. Das ist irgendwie immer, was ich mir vor Augen führen muss, wenn ich mich über diese Stadt beschwere, dass sie einfach im Stich gelassen worden ist und dass sie das alleine irgendwie nicht packt, wieder auf die Beine zu kommen.

    Lucas: Und würdest du sagen, dass dieses Gefühl in dieser Stadt zu leben, mit all den Gedanken, die du gerade geäußert hast, auch ein Auslöser war beziehungsweise ein Thema ist, das in deiner Musik vorkommt?

    maïa: Ja, vollkommen! Ich glaube, jeder Song, den ich schreibe, ob es dann textlich durchkommt oder nicht, fängt oft mit einer Inspirationsquelle aus dieser Stadt an. Also es fließt sehr, sehr viel in die Musik rein. Ich glaube dadurch, dass ich oft das Gefühl habe, dass ich auch Dinge um mich rum stärker oder anders wahrnehme als andere Menschen, hat‘s mir irgendwie auch einen anderen Blick auf diese Stadt gegeben, einen viel aufmerksameren auf die Menschen um mich rum. Ich habe das Gefühl, ich sauge die Leute um mich rum fast schon auf. Ich kann es gar nicht verhindern, dass das in die Musik einfließt, und ich würde es auch gar nicht verhindern wollen.

    „Ich hab‘ schon immer das Gefühl gehabt, seitdem ich ein Kind bin, dass ich diese Melancholie in mir habe, die gleichzeitig unergründlich, aber auch ergründlich ist.“

    Lucas: Du sagst, du hast so eine stärkere Auffassungsgabe oder Beobachtungsgabe, was deine Umwelt betrifft. Wie genau spürst du das?

    maïa: Ich weiß nicht, ob ich es Gabe nennen würde. Ich glaube, es ist Fluch und Segen zugleich. Ich hab‘ schon immer das Gefühl gehabt, seitdem ich ein Kind bin, dass ich diese Melancholie in mir habe, die gleichzeitig unergründlich, aber auch ergründlich ist, und dass das mir einen anderen Blick auf die Welt gibt. Dinge, die für andere ein bisschen banal erscheinen, treffen mich voll hart. Es gibt so Momente, wo ich einfach in der Bahn sitze und ich fühl‘ mich voll konsumiert von meinem Umfeld und ich habe das Gefühl, ich sauge jede Emotion auf, die jeder Fremde um mich fühlt. Ich weiß gar nicht, woher das kommt und wie man das so richtig beschreiben kann. Aber ich glaube, es ist einfach. Ich glaube, ich bin eine sehr passive Beobachterin, wenn’s um die Welt und mich rumkommt.

    Lucas: Würdest du sagen, es gibt Situationen, in denen du dich in einer aktiveren Rolle siehst?

    maïa: Ich denke immer, wenn ich maïa bin, die Musik macht, bin ich in einer sehr aktiven Rolle, immer wenn ich auf der Bühne stehe. Und das ist dann auch die Zeit, wo ich sehr genieße, im Mittelpunkt zu stehen. Als Privatperson habe ich das gar nicht so gerne. Ich bin gerne jemand, der einfach nur dasitzt und zuhört. Aber wenn ich dann maïa die Musikerin bin, dann stehe ich gerne im Mittelpunkt und nehme gerne eine aktive Rolle ein.

    Lucas: Du hast auch das Stichwort Melancholie gedroppt. Ich finde ganz spannend, dass dieses Gefühl, das erste Wort ist, was in jedem Artikel aufploppt, den es da draußen bereits über dich gibt. Wie fühlt sich das von außen an? Ich weiß gar nicht, was zuerst da war, ob du es erst ins Universum geschickt hast oder ob die Leute es aus deiner Musik rauslesen.

    maïa: Sobald das irgendwie so beschrieben wird, dass es etwas Schlechtes wäre, melancholisch zu sein – was ich auch verstehe, weil es klar, irgendwie eine negative Konnotation hat – was bisher, um ehrlich zu sein, gar nicht der Fall war, dann würde es mich sehr stören. Aber bisher haben die Leute, glaube ich, verstanden, dass mir diese Melancholie nichts ausmacht und im Gegenteil, dass ich sie voll willkommen heiße und dass ich mich als sehr privilegiert ansehe, diese Melancholie mit mir zu tragen, weil sie mir eben diesen Blick auf mein Umfeld gibt. Sie gibt mir diesen Segen, Dinge anders wahrzunehmen und das Schöne im Schmerz oder in der Melancholie zu sehen. Deswegen ist es bisher ganz okay, aber sobald es negativ konnotiert wird, dann vielleicht nicht mehr.

    Lucas: Ich frage mich, wenn du sagst, dass du häufig die Umgebung aufsaugst, ob du manchmal vielleicht auch gar keine Melancholie spürst, sondern ob diese Umgebung manchmal auch Freude in dir auslöst. Es gibt ja schon auch Alltagssituationen, in denen man denkt, irgendwie schön, was ich gerade sehe.

    maïa: Ja, voll! Ich hab das Gefühl, ich fühle extrem. Wenn ich mich sehr freue, dann freue ich mich sehr, und dann bin ich sehr glücklich, und alle um mich herum werden es dann sehen. Und wenn ich traurig bin, dann bin ich sehr traurig und alle um mich rum werden es sehen. Es sind meistens eben diese banalen Momente um mich rum, die mich dann fröhlich machen. Sei es ein alter Mann, der mit seiner alten Frau spazieren geht und das füllt mich dann total auf. Und wenn ich dann irgendwas anderes sehe, dann macht es mich total leer. Das passiert immer in Extremen mit allen Gefühlsarten, auf jeden Fall.

    „Ich weiß, wenn ich in einer kreativen Blockade bin, dass ich zur Literatur zurückkehren kann und die diesen kreativen Ort in meinem Gehirn wieder ankurbelt.“

    Lucas: Ich fühle mich ein bisschen wie ein Stalker, aber ich hab auf Instagram immer mal gesehen, dass du Ausschnitte aus Büchern oder kleine Gedichte in die Story postest. Was für eine Rolle spielen Lyrik, Poesie und Literatur in deinem Leben?

    maïa: Das alles hat schon als Kind eine ganz große Rolle gespielt. Dadurch dass man irgendwie in so einem Ort aufwächst, wo es scheint, dass es kein Ausweg gäbe, war Kunst und Literatur für mich dieses Licht am Ende des Tunnels. Ich hatte das Gefühl, vor allem in meiner weiterführenden Schule, dass es sehr wichtig für unsere Lehrer war, dass das auch gefördert wird. Ich finde, das ist so wichtig, weil für die Kinder, die in so einem Ort dann zehn Jahre zur Schule gehen und denken, dass das irgendwie alles ist, was das Leben bietet, ist Kunst und Literatur vielleicht die einzige Hoffnung. Das war es für mich auf jeden Fall. Ich habe sehr gerne gelesen. Ich lese immer noch sehr gerne, und ich verkrieche mich auch immer noch sehr gerne in andere Welten und diese Wörter. Dadurch dass ich so früh in Kontakt mit Literatur kam, hat es wahrscheinlich auch das gefördert, was ich heute mache, und die Art, wie ich heute schreibe. Ich habe mich sehr verstanden gefühlt jedes das mal, wenn ich gelesen habe, und das ist auch heute oft so. Wenn man irgendwie denkt, es gibt keine Worte für das, was man fühlt, liest man ein Buch, und dann wird es genau so beschrieben, und man denkt sich, ich bin nicht die einzige Person, die das fühlt. Vor allem, wenn man ältere Literatur liest, und das Buch ist 100 Jahre alt, und er schreibt immer noch vom selben Gefühl, was du 100 Jahre später fühlst. Das ist total validierend und es gibt ein sehr tröstendes Gefühl. 

    Lucas: Glaubst du, das ist auch eine Motivation für dich, selber Musik zu machen und Texte zu schreiben: so ein Gefühl einzufangen, das überlebt?

    maïa: Ja! Ich glaube aber, ich bräuchte gar keine Motivation. Ich könnte gar nicht anders, als alles um mich rum zu beschreiben. Ich muss das einfach machen.

    Lucas: Kannst du erkennen, dass Themen oder Bilder, die in der Literatur auftauchen, von denen du liest, dass die direkt in deine Texte und in deine Musik einfließen?

    maïa: Nee, ich glaub nicht. Ich bin auch gar nicht so, dass ich, wenn ich lese und mir irgendwas gefällt, dass ich dann darüber schreibe. Es ist eher so: Ich weiß, wenn ich in einer kreativen Blockade bin, dass ich zur Literatur zurückkehren kann und die diesen kreativen Ort in meinem Gehirn wieder ankurbelt. Ich habe das Gefühl, lesen ist so eine Zwischenwelt, in der ich wieder alleine mit mir bin, anstatt, wenn ich zum Beispiel ganz blöd gesagt, auf Tiktok rumscrolle. Dann tut sich gar nichts in meinem kreativen Bereich.

    Ich finde, die neuen Songs sind ehrlicher geworden und ich fühle mich sehr, sehr wohl und sicher an dem Ort, an dem ich mich bewege

    Lucas: Wie würdest du deine kommenden Releases beschreiben, im Vergleich zu den Songs, die du bisher releast hast, insbesondere im Vergleich zu deiner vorherigen EP „tatendrang und todmüde“?

    maïa: Ich finde, die neuen Songs sind ehrlicher geworden und ich fühle mich sehr, sehr wohl und sicher an dem Ort, an dem ich mich bewege, mit meiner Musik gerade. Vorher war ich noch ein bisschen in der Findungsphase und jetzt hab‘ ich das Gefühl, dass ich angekommen bin in der Art, wie ich meine Sprache benutze, in der Art, wie die Musik das dann ummantelt. Es ist sehr viel voller als vorher und vielleicht gewagt, vielleicht aber auch nicht. Es ist auf jeden Fall anders, als was davor kam, aber irgendwie auch immer noch gleich, weil es am Ende immer noch ich bin und immer noch meine Worte sind.

    Lucas: Mir ist auch der klangliche Wandel aufgefallen, auch wenn ich natürlich noch nicht so viele Songs kenne, wie du, weil noch nicht alles draußen ist. Ich habe mich gefragt, ist es ein Impuls, der von dir kommt, oder von den Leuten, mit denen du zusammenarbeitest, oder ist es ein gemeinsames Entwickeln des Klangs? Ich finde, es klingt ein bisschen ein bisschen poppiger und geht zum Teil mehr nach vorne, auch was du sagst, es ist größer und voller. Kommt der Wunsch von dir, oder ist es ein Teamergebnis?

    maïa: Also würde sagen, es war weder Wunsch noch Ziel. Ich habe das Gefühl, nach der ganzen Musik, die ich releast hab‘, war ich irgendwie an einem Punkt, wo es mich gelangweilt hat, in Sessions zu gehen und dann denselben Ablauf zu machen, wie man es irgendwie bei jedem Song macht. Ich schreibe jetzt eine Strophe, und dann machen wir einen Pre-Chorus und dann den Refrain. Es hat mich voll gelangweilt und ich war irgendwie an einem Punkt, wo ich realisiert hab‘: sobald ich in einem Raum gehe und mir und den Leuten mit mir in diesem Raum Regeln und Grenzen setze, dann hört Kunst auf mutig und ehrlich zu sein. Und das will ich nicht! Dann hat sich das einfach total organisch ergeben, sobald wir in dem Raum sind, wir jede Idee ausprobieren und wir jedes Instrument nehmen, auch wenn ich das vorher nicht gerne gemacht habe. Ich habe vorher nicht gerne Drums benutzt und guck dir meine Musik jetzt an. Sie ist voll mit Drums. Das war auf jeden Fall eine große Veränderung in der Art, wie ich und die Leute um mich herum, die mit mir daran arbeiten, Musik machen, dass wir da ohne Regeln rangehen und alle alles einfach ausprobieren.

    Lucas: Magst du noch einmal sagen, mit wem du an deiner Musik arbeitest?

    maïa: Ja! Mit RGB, das ist mittlerweile eigentlich der Hauptproduzent geworden. Er hat fünf Songs auf dem ersten Tape produziert und Ismail, mein Manager, mit dem ich aber gleichzeitig eigentlich jeden Song zusammen mache. Die zwei! Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, mit jemanden anderen Musik zu machen, um ehrlich zu sein. Und Wanja hat „Ambulanz“ gemacht und das ist auch ein ganz, ganz toller Song geworden. Es war auch ein total regelfreier Raum und ein ganz magischer Prozess, dieses ganze erste Tape zu machen, und ich freue mich jetzt schon an den nächsten Songs mit den Leuten zu arbeiten. Ich glaube, das wird ganz schön.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen
    „Ich höre gerade sehr gerne das Album „Messy“ von Olivia Dean“

    Lucas: Ich würde dir eine letzte Frage stellen, bevor wir das Interview beenden, damit ich deine Zeit nicht zu sehr beanspruche: Und zwar hast du eine Musik Empfehlung für mich und für die anderen Menschen dieser Welt?

    maïa: Ich muss meine Playlist öffnen, weil immer wenn ich so eine Frage bekomme, vergesse ich jeden Song, den ich jemals gehört habe. Eine Empfehlung oder mehrere?

    Lucas: Nenn‘ mir gerne deine Top 3.

    maïa: Also, ich höre gerade sehr gerne das Album „Messy“ von Olivia Dean. Dann … Oh Gott! Jetzt bin ich nervös. Nee, wir lassen es bei dem Album, sonst wird es zu viel. Ich höre grad sehr gerne dieses Album!

    Lucas: Dann frage ich vielleicht doch noch nach, weil ich liebe Olivia Dean: Hast du einen favourite Song auf dem Album?

    maïa: „Carmen“ und „Dive“!

    Lucas: Die Single „Dive“ ist nur logisch und „Carmen“ ist, finde ich, der Secret Hit. Der ist ein Grower!

    maïa: Hast du diese Akustik Sessions gesehen, die sie gemacht hat? Die waren grandios. Dadurch habe ich sie entdeckt, tatsächlich.

    Lucas: Ja, die sind super schön! Es ist ein bisschen fies, weil jetzt könnten wir ein ganzes Interview nur über Olivia Dean führen. Hast du sie schon live gesehen?

    maïa: Leider nicht, aber würde ich sehr, sehr gerne. Alles was ich auf Tiktok von ihr sehe, ist grandios.

    Lucas: Du musst tatsächlich wirklich alles dafür geben, sie einmal live zu sehen, weil es ist krass schön! 

    maïa: Ja, das glaube ich dir. Bucketlist!

    Lucas: Genau, pack es darauf und liebsten Dank für das schöne Interview!

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen

    Fotocredits: Aysan Lamby

  • Alfie Templeman im Interview: »I’d rather have a mind that thinks fairly deeply and face the wobbles that comes with it«

    Alfie Templeman im Interview: »I’d rather have a mind that thinks fairly deeply and face the wobbles that comes with it«

    Alfie Templeman ist eigentlich kein richtiger Geheimtipp mehr. Mit seinem mittlerweile zweiten Album Radiosoul hat sich der Multi-Instrumentalist nicht nur Musik-Legenden wie Nile Rodgers ins Boot geholt, sondern begeistert auch immer mehr Fans weltweit. Und das ist auch kein Wunder, bei so viel musikalischem Talent in so jungen Jahren, macht es wirklich nur Spaß ihn auf seiner Karriere zu begleiten. Zu seiner damaligen EP „Happiness In Liquid Form“ (2020) hatten wir ihn schon im Interview und freuen uns deshalb sehr, zu seinem neuem Album nochmal mit ihm zu sprechen!

    Alfie Templeman im Interview

    Anna: Hey Alfie, I hope you’re doing good! It’s been a while since we last talked, a lot has happened. How did you experience the last four years? 

    Alfie: Hi! I’m doing good thank you. These last 4 years have been a ride for sure. Every year has been very different from the last. 2020 saw an influx of streams and new listeners due to the pandemic, so 2021 and 2022 was all about touring the music people got to love whilst they were isolating. I released my first album in 2022 and did my first ever world tour which was good fun but very intense. 2023 ended up being a lot more relaxed and I ended up moving out of my parents place and going to London. I wrote my new album during that process. 

    Anna: It’s still as fun as it was back then to watch your musical career unfold in so creative and beautiful ways. What were the highlights of your career so far that you will never forget? 

    Alfie: That’s a really sweet thing to say! My dream as a kid was to release records and build a good discography that feels aesthetically pleasing. So taking action on that and maintaining it honestly feels like one of the main highlights of my career. But there’s also touring the world and meeting people that enjoy your music all over the place. And working with Todd Rundgren and Nile Rodgers is of course another highlight!

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen
    „Don’t rush art!“

    Anna: What is something you learned during these years?

    Alfie: Don’t rush art! But also don’t slouch around. Focus and energy is key. I’m still finding the perfect environment to create music. It’s yin and yang. Being comfortable but taking risks. Remember to excite yourself!

    Anna: Your new songs on Radiosoul are about entering the new decade of your life: the 20’s. As someone who has been there, I can tell you: it’s gonna be lot. How do you feel about the 20’s? What are you most excited for? 

    Alfie: Yeah I’m already overwhelmed to be honest! I’ve put pressure on myself to work hard during this decade of my life as I know musicians tend to create some of their best work in their 20s. I think Radiosoul is a really nice way of entering this period. It’s a bridge that my adolescence took a walk over to get to the present. 

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen

    Anna: Are you someone who thinks about the meaning of life a lot? 

    Alfie: Too much. I think sometimes it’s okay to be existential and tap into your mind a bit. But I definitely go down that route a little too much and sometimes it affects my work flow and day to day attitude – especially recently for some reason. But I think I’ll channel it into something good later on down the line. I’d rather have a mind that thinks fairly deeply and face the wobbles that come with it. 

    „My songs are like a diary entry.“

    Anna: When we’re already in a deep-talk, what kind of role does music play in your approach to finding your own path in the world and expressing yourself in it? 

    Alfie: Sometimes my songs are like a diary entry. I don’t really mean to do it but I end up oversharing things and processing my emotions through writing songs. I like this because in the bigger picture it paints a nice image of the different stages of my life and all the highs and lows of being a recording artist. 

    Anna: It feels like a random thing to say, but I really love your lyrics and your way with words. How do you approach writing songs? 

    Alfie: Thank you! Sometimes songs just fall out of the sky. The track “Beckham” wrote itself in a weird way. I just wrote a bunch of lyrics down without really knowing how I was going to sing them. But normally I just think of a really good melody and then write things that fit into it. I often write down little words and phrases that I think of in the shower or on a plane.  

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen
    A jungle of instruments

    Anna: You’ve worked with a lot of talented people on this album. What is something that you most enjoy when working with other people on somethings that’s as personal as your music? 

    Alfie: Well, for a lot of my songs I’ve sat in the hot seat when it comes to producing. When I started writing this album I had a hard time producing anything I was happy with. So I gathered together a small list of producers that I wanted to work with. This meant that I could focus on writing the best material possible without worrying about restricting myself when it came to executing the song. 

    Anna: Is there a song on the album that kinda stands out for you? In meaning or in the creative process? 

    Alfie: Beckham.” Dan Carey and I recorded it in two afternoons with a few sandwiches. It just came from nowhere. Dan has an incredible studio, a jungle of instruments. We messed around with lots of different instruments until this song kinda just pieced itself together and I chucked my lyrics on top. It felt so good. 

    „I miss playing in Germany.“

    Anna: You’ll be playing some intimate release shows over the UK in June – do you have plans on coming back to Germany yet? 

    Alfie: I hope so. I’ve just been out to Berlin to hang with some fans of the album and I also mastered my album over there too. I miss playing in Germany. They have the best riders of all time. You get treated amazingly and the people are so lovely and excited to see you play. But yeah, I reckon by the end of this year we’ll be back over there to play some shows!

    Anna: For our last question we always ask for an untold story – it’s your space to share whatever you like.

    Alfie: Germany was the first place I ever played outside of England. My dad and I flew out to Reeperbahn when I was 16 and I did this small set at Molotow with just a guitar. I was so nervous but it was really fun! I remember being so excited because I could buy beer over there as the drinking age is 16. Luckily I didn’t go crazy before the performance! Thanks so much for having me and hopefully it won’t be 4 whole years before we speak again! 🙂

    Radiosoul ist ein Album der Selbstfindung in den 20ern, voll mit catchigem Indie-Pop Hits, tiefen Lyrics und viel Humor. Alfie Templeman auf dem Schirm zu haben, lohnt sich immens. Wer weiß, wo die reflektierte Reise des junges Songwriters und Produzenten noch hingehen wird, aber eins ist sicher: Spaß machen wird sie!

    Alfie Templeman, Radiosoul, untoldency, untold stories, betterthingsberlin
     

    Fotocredit: Blacksocks

  • Charlotte Fever im Interview: »Paris Cyclone is our very own make-believe paradise«

    Charlotte Fever im Interview: »Paris Cyclone is our very own make-believe paradise«

    Das französische Pop-Duo Charlotte Fever kommt Ende Juni im Rahmen der Fête de la Musique für ein Konzert nach Berlin. Vorab haben wir sie ausquetscht: über ihr aktuelles Album „Paris Cyclone“, ihre Dynamik als Duo und Sommer in Frankreich mit all seinen Facetten. Wir können jetzt nicht nur die garantierte Gute Laune empfehlen, die man bekommt, wenn man ihr Album hört, sondern sind jetzt auch riesen persönliche Fans der sympatischen Pariser. Wer sommerliche Landschaften und 80s Pop mag, ist hier genau richtig.

    Charlotte Day im Interview

    Anna: You’re a “french band with fresh sounds” as you say in your Insta-Bio. What is it that makes your sound so fresh?

    Charlotte Fever: As much as we love Paris, the city has a slightly anxiety-inducing vibe. So when we begin working on a new song, we rely on our imagination to design ideal sonic and visual landscapes where we feel good in order to start creating. These imaginative spaces become our sanctuary, allowing us to craft our fresh new universe.

    Our creative process often begins with visions of tropical paradises — sipping cocktails by a poolside oasis or strolling along sun-kissed beaches on a torrid day. We are usually infusing our music with elements of sunny percussion, dreamy 80s synths and echoes of good memories. Then we weave together melodies that transport us to these idyllic scenes.

    Anna: How did you find your way to making music? What’s the origin story behind Charlotte Fever?

    Charlotte Fever: We met about ten years ago through mutual friends and hit it off right away. We had our first musical experience together in a psychedelic rock band. But we both wanted to do something fresher, lighter, more spontaneous — just the dynamic duo of us. We realized that together the whole creative process was so much easier. Probably because we feel free to play and sing anything in front of each other. Whether it’s crafting melodies, weaving lyrics or delving into themes, our complicity fuels our creative flow effortlessly.

    „When we’re composing, our minds wander between the streets of Paris and tropical daydreams.“

    Anna: You released your debut album last November. After two EPs it’s a milestone called Paris Cyclone and packed with songs I wanna play on repeat at my fictional pool. What’s the story behind the album title?

    Charlotte Fever: From start to finish, we do pretty much everything on our own in our Parisian-sized studio. That’s probably one of our strengths, because we record with each other with complete freedom and no time limits. But we still crave to get away from these few square metres and therefore we chat together a lot! We usually talk about things we like in general, like idyllic beaches, dreamy holidays and the occasional natural disasters…  Writing about these ‚fantasies‘ gives us a sense of freedom.

    Our very first album Paris Cyclone is a blend of solar tracks and a good summary of what’s going on in our imagination. When we’re composing, our minds wander between the streets of Paris and tropical daydreams. The album is resolutely designed to get people dancing to the rhythm of exotic percussion. We really tried to take people with us, to places where they can escape their everyday lives. In the end, like your fictional pool, Paris Cyclone is our very own make-believe paradise!

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen

    Anna: What would you play at your fictional (or non-fictional) pool? Do you have a favorite summer album/playlist or artists that you connect deeply with the sense of summer?

    Charlotte Fever: To party on the day that we will get a non-fictional pool on the roof of our studio, the top of the playlist will be:

    Anna: What are some of your favorite memories of summer in France?

    Charlotte Fever: August transforms Paris into a tranquil haven. The city is (almost) empty and it’s the moment of the year we like it the most. Any summer day spent basking in the sun, playing Mölkky with friends would be a favourite memory. Especially this time when we stumbled upon THE perfect spot in Les Tuileries, the experience was even more magical haha.

    „Perhaps the next album will tell that tale?“

    Anna: What’s your current favorite song on Paris Cyclone? And why?

    Charlotte Fever: Our standout favorite would probably have to be Septembre, as it is a step away from our usual style. It had us dive into nostalgia, which proved to be quite the challenge!

    Since the beginning, we’ve strived to keep our songwriting detached from personal experiences, delivering a rather neutral message. Yet, Septembre was a deliberate break from that norm where we intended to capture the bittersweet essence of summer’s end with a story we’ve all experienced to some extent.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen

    As we both have a tendency to turn to music to let off steam, sadness is really not our go-to… Melancholic music is the only kind of sad tune we are able to feel at ease with. Therefore crafting a track like this one was a bit of a risk but also an intriguing experiment. And in the end, we are super happy that we ventured into this unfamiliar territory. So who knows, maybe someday we’ll explore the depth of outright sorrow. Perhaps the next album will tell that tale?

    Anna: What topics do you cover on the album and in your music? As a (sadly) non-french speaking person, I only understand so much.  

    Charlotte Fever: Charlotte Fever is more than just two collaborators — we’re friends who chat a lot and share everything. Our songs are born from the very conversations we have, delving into topics like love, heartbreaks, parties, natural disasters, erotica, holidays… and even aquagym.

    Overall, with this album we’re trying to make the summer season last all year round, to conjure up a sensual universe whisking you away on a journey away from everyday life. Paris Cyclone immerses you in an eternal, tropical, and sensual summer, inviting you to escape the ordinary and embrace the extraordinary.

    „80s pop inspires us a lot.“

    Anna: Who would you list as your musical influences? Is there a dream-collab you would like to make happen some day?

    Charlotte Fever: Clearly, 80s pop inspires us a lot, but if we’re going to do a collab we might as well do it with someone who’s still alive. We would probably jump at the chance to work with Sébastien Tellier, Tame Impala, Niagara, Polo&Pan or Daft Punk

    Anna: Talking about collabs, you’re deeply rooted in the Parisian music bubble. Can you rec us some local artists we should check out?

    Charlotte Fever: Absolutely! We assume that you are undoubtedly already familiar with L’Impératrice, but if not, do something about it as it’s a must-know haha. We even had the chance to collaborate with them at the very start of Charlotte Fever. And while you’re at it, don’t miss out on discovering other incredible talents like Edouard Bielle, Lewis OfMan, Zaho de Sagazan, and many others featured in our curated Spotify playlist La Fièvre F.M.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen
    „It was both totally out of the blue and truly magical.“

    Anna: You’ve been touring and playing (sold out) shows not just in Paris or France but globally. Is there one show that stands out to you? It has to be really exciting to play your music in a completely different country.

    Charlotte Fever: Tokyo was absolutely surreal. We had the incredible opportunity to perform at Spotify o-nest, a renowned venue for indie music. The energy was electrifying, the show sold out, and the audience was super welcoming. It was like stepping into a dream come true, we did not even expect half of this!

    Another unforgettable experience for us was not a traditional concert. Picture this: we were touring Central America, and while in Honduras, we received the unexpected request from the Alliance Française to play in a school. So, at 10 AM, we found ourselves performing in the schoolyard of a local school. The children, who were all learning French, surprised us with handcrafted signs adorned with our photos and lyrics written in bold felt pen and as we performed, they sang along with us. After the concert, they presented us with banknotes, plaster casts, pencil cases, erasers — anything they could find for us to sign. It was both totally out of the blue and truly magical.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen
    „It was both totally out of the blue and truly magical.“

    Anna: A few weeks ago you’ve played a c/o pop, in June you’re going to play the final show at Fête de la Musique in Berlin. We’re already excited for you to be here, have you ever been here before/know some artists from here?

    Charlotte Day: A few years back, we had the chance to go to Berlin on holidays and we love this city for many reasons. Yet, what truly stole our hearts was its culinary scene: you have the finest vegan pizza and the most incredible vegan blue cheese on the planet! Now, as we prepare for our first show in the city, our excitement extends beyond just the food to the legendary Berlin atmosphere. Parties in Berlin are said to be memorable and we’re eager to see if the live music scene lives up to the vibrant hype.

    Even though Nena, Kraftwerk, and Nina Hagen may not hail from Berlin, they’re German icons we admire. And during our time in Berlin, we’re hoping that we will get the time to explore the city’s record stores, hoping to unearth gems and discover new local indie artists.

    Charlotte Fever, Paris Cyclone, French Night, Fete de la Musique, Berlin, Kesselhaus, untoldency, untoldency magazine, live concert

    Anna: For our last question we always ask for an untold story– something you’ve never shared in an interview before. That can be totally random, serious, funny or music connected, whatever you feel like sharing now.

    Charlotten Day: Oh wow, this is going to be hard because we are an open book… It’s not untold but it’s a truth bomb: nobody’s actually called Charlotte in our band.

    The real story goes like this: we have been super close friends for years and started making music together purely for fun. It all started on a rainy summer day in our Parisian apartment, where our friend Charlotte was staying with us. She was crashing on the couch due to a fever, which inspired us to jokingly name our very first song „Charlotte Fever“ after her… It eventually stuck and was adopted as our band name.

    Wer Lust hat, das sympatische Pop-Duo live zu sehen, am 21.06. spielen sie im Kesselhaus, Berlin im Rahmen der French Night der Fête de la Musique! Der Eintritt ist frei, bis dahin verliert euch gerne noch ein wenig in der idyllischen Sommer-Welt von Charlotte Fever:

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen
     

    Fotocredit: Kevin Blain

  • Mine im Interview: »Ich mache immer, wonach mir die Nase gewachsen ist«

    Mine im Interview: »Ich mache immer, wonach mir die Nase gewachsen ist«


    Die BAUM TOUR 2024 zum gleichnamigen Album von Sängerin Mine ist vor etwas mehr als einer Woche zu Ende gegangen. Untoldency hat diese Tour mitpräsentiert und Redakteur Leif hatte die Gelegenheit das Konzert in Hannover im Capitol zu besuchen und vorab ein Gespräch mit Mine zu führen.

    Triggerwarnung/Content Note: Drogen, Drogenkonsum und Sucht
    In der letzten Frage dieses Interviews geht es um die Thematisierung von Drogen und Drogenkonsum. Bitte achtet auf euch selbst und eure Gesundheit.

    Mine im Interview mit untoldency zu ihrem Album BAUM

    Leif: Hallo Mine! Schön, dass du dir Zeit nimmst, ich freu mich richtig. Zum Warmwerden beginne ich mit einer Frage zu deiner Musik. Du hast deine eigene Musik schonmal als „Deutschsprachigen Folk mit Hip Hop-, Jazz- und elektronischen Elementen“ beschrieben. Würdest du das noch so unterschreiben?

    Mine: Deutschsprachiger Folk? Ne, eigentlich nicht. Habe ich das mal gesagt? (lacht) Wenn man mich fragt, sage ich immer ganz grob Deutscher Indiepop mit verschiedenen Genreeinflüssen. Ich finde es voll schwierig mich da festzulegen, weil ich voll gerne mit verschieden Genres arbeite. Manchmal fühle ich mich mehr in die Richtung Dance, andermal eher in Richtung Chanson, manchmal wiederum Klassik. Deswegen überlasse ich das lieber anderen Menschen, meine Musik einzuordnen. Jeder hört es anders und nimmt es anders wahr.

    Leif: Auf die Klassikeinflüsse kommen wir später noch zu sprechen, sie ist ja auch eine Charakteristik deines neuen Albums. Wobei das ja auch schon seit Februar draußen ist.

    Mine: Das gilt noch als neu!

    Leif: Und deshalb: Gratulation zu deinem Album BAUM! Bald ist es zehn Jahre her seit der Veröffentlichung deines Debütalbums Mine, ein Jubiläum also! Seitdem hat sich viel getan. Bist du rückblickend zufrieden und gibt es etwas, das dich bei mehr als zehn Jahren Musikmachen immer begleitet?

    Mine: Es hat sich viel getan, aber hallo! Und ich bin mehr als zufrieden – zufrieden ist gar kein Ausdruck. Ehrlicherweise läuft alles viel viel besser, als ich es mir jemals erträumt habe. Ich hatte ja gar nicht vor, das beruflich zu machen und dachte, dass sich das gar nicht vereinen lässt. Also diese freie künstlerische Arbeit mit künstlerischer Musik als Beruf. Deswegen fühle ich mich gerade sehr privilegiert und dankbar dafür, dass ich das machen darf. Und was mich bis jetzt in den letzten zehn Jahren begleitet hat, ist auf jeden Fall meine Crew. Wir sind schon so lange unterwegs. Das ist ein sehr familiäres Gefühl.

    Leif: Das ist ja richtig toll! Cool, dass ihr euch auch nach zehn Jahren dann noch „treu geblieben“ seid.

    Mine: Voll, wir sind halt auch Freunde und arbeiten sehr gern zusammen. Es ist alles immer sehr harmonisch.

    Über die freie Kunst und die Frage nach dem Besonderen

    Leif: Du hast eben schon das Künstlerische in deinem Schaffen angesprochen. Deine Leidenschaft erstreckt sich auch auf Videodreh von zum Beispiel Musikvideos. Und auf Social Media hast du ein kleines Reel-Format namens SWEETE INSTRUMENTE, was ich persönlich ganz cool finde. Wie kam es denn dazu?

    Mine: Ich weiß auch nicht, ich hatte einfach Bock. Ich bin so eine Instrumentensammlerin und interessiere mich für neue Klänge, die ich noch nicht kenne und wollte selbst ein wenig mehr über die Instrumente, die ich bereits habe, herausfinden. Da lag es nahe als Format kurze Instrumentenkunde zu machen. Aber wo genau das herkam, kann ich gar nicht so genau sagen. Ich hatte einfach Bock drauf.

    Leif: Es passt ja bei deiner Musik auch total ins Bild – und damit kommen wir auch schon zu deiner Musik und zum Album BAUM. Auf den ersten Blick fällt auf, dass es viele Intros und Reprisen gibt. Hört man rein, vernimmt man zum einen Pop, Hip Hop, Electro, Funk, viele außergewöhnliche Instrumente und starke Arrangements. Zum anderen sind viele Elemente aus der Klassik verbaut. Hast du als studierte Musikerin hohe Erwartungen an „das Besondere“ in deinen Songs?

    Mine: Ne. (lacht) Ich mache immer, wonach mir die Nase gewachsen ist.

    Leif: Das ist eine sehr tolle Antwort!

    Mine: Ich bin einfach ein sehr neugieriger Mensch und bin auch sehr schnell gelangweilt und hungrig. Aber das bezieht sich auf alles im Leben. Ich google alles, ich will alles wissen und ich lese mir alles durch. Wenn ich eine Künstlerin geil finde, schaue ich mir alle Videos und Interviews an. Und so geht’s mir eben auch bei der Musik, die ich selbst mache. Ich höre super viel Musik und wenn mich etwas catcht, überlege ich: Was ist da so drin und wieso klingt es so, wie es klingt? Dann versuche ich mich weiterzubilden, weil es mir Spaß macht Dinge zu machen, die ich vorher noch nie gemacht habe. Diese Euphorie im Musikmachen will ich dann nie verlieren. Das würde passieren, wenn ich immer das gleiche machen würde.

    Leif: Also nicht stehen bleiben, sondern immer weiter. BAUM ist bisher dein chartmäßig größter Erfolg. Wie fühlt sich das an?

    Mine: Stimmt, da habe ich gar nicht so viel Ahnung von. Ich wüsste auch gar nicht auf welchem Platz es war. (lacht)

    Leif: Das kann ich dir sagen: Platz 7.

    Mine: Ahh, sieben. Ich bin da gar nicht so interessiert, mein Management schon eher. (lacht) Für mich ist das immer so gewesen, dass ich von dem Job nicht abhängig bin. Ich wollte eigentlich als Musiklehrerin arbeiten, damit ich freie Kunst machen kann, ohne über des Geldverdienen nachzudenken. Mir ist es wichtig, dass ich nicht so einen Druck habe und meine Kunst frei bleibt. Deshalb können mir Zahlen auch egal sein. Diese Unabhängigkeit genieße ich sehr.

    Leif: Dieses Privileg befreit deine Kunst bestimmt sehr.

    Mine: Total. Für mich ist es auch die einzig richtige Herangehensweise. Unter Druck könnte ich gar keine freie Kunst machen. Das Musikmachen an sich ist ja das Schöne an dem Job. Und wenn das verloren geht, dann hätte ich gar keinen Bock mehr das zu machen.

    Leif: Das verstehe ich sehr. Du kannst das am besten beurteilen: BAUM ist voll mit persönlich und biografisch wirkenden Songs. Wie viel Mine steckt in den Texten?

    Mine: Es ist schon sehr persönlich, ich denke mir da nichts aus. Für mich ist das Musikschreiben immer Safe Space und Dinge aussprechen, die ich mir vor anderen Menschen so nicht traue. Deshalb ist das alles eigentlich privat. (lacht) Bei jedem Song geht es um eine gewisse Situation, die ich empfunden habe. Und den Dampf lasse ich dann in der Musik raus.

    Leif: Es gibt ja auch Storytelling im Songwriting, aber du musst da schon einen persönlichen Bezug zur Handlung haben?

    Mine: Ich finde es fühlt sich dann so an, als würde man sich selbst covern. Es ist dann eher die Schauspielerei. Und ich finde das auch voll geil, wenn das Leute können. Die haben dann auch ein Alter Ego und schreiben dann Sachen, zu denen sie gar keine Gemeinsamkeiten haben. Aber so ist es bei mir nicht. Ich bin genau die gleiche Person wie hinter der Bühne. Zumindest fühle ich mich nicht anders.

    Der BAUM zieht sich bei Mine als optisches und rhetorisches Mittel wie ein roter Faden durch Album und Bühnenbild.


    Leif: „Werde geboren und werde dann groß, lerne zu leben und dann bin ich tot“ – Hören wir da Kritik an einem kapitalistischen Mittelmaß im Titelsong BAUM?

    Mine: Ich liebe diese Interpretation, auch wenn sie nicht die Gedanken waren, als ich den Song geschrieben habe. (lacht) Aber ich kann sehr zu ihr relaten. Weil ich auch richtig abgef*ckt bin vom Kapitalismus. (lacht lauter) Ich finde es ganz schlimm, wie das Schulsystem kleine Arbeitssoldat*innen zusammenschustert, die, sobald sie außerhalb dieser Leistungsgesellschaft keinen Platz finden, durch das System fallen. Deshalb finde ich diese Interpretation super.
    Aber eigentlich hatte ich beim Schreiben eher an den Zyklus gedacht, den zwar jeder Mensch individuell durchlebt, der sich aber auch ganz unemotional ständig wiederholt. Das soll gar nicht so emotional aufgeladen sein. Es ist einfach Fakt, dass unsere Großeltern, Eltern und Kinder das Gleiche machen. Du wirst da reingeworfen, dann versuchst du klarzukommen, denn gehst du wieder und nach zwei Generationen kann sich keiner mehr an dich erinnern. Ich glaube, dass Menschen sich selbst prinzipiell ein bisschen zu wichtig nehmen. Manchmal ist es gut sich bewusst zu machen, dass das Allerwichtigste ist, dass man Menschen gut behandelt. Alles andere, wie „Ich hinterlasse Fußspuren“ finde ich etwas lächerlich.

    Die BAUM TOUR 2024

    Leif: Die nächsten Fragen zielen auf deine BAUM TOUR 2024 ab. Tourst du gern?

    Mine: Ja, ich lieb‘s! Für mich ist das total Quality Time. Ich bin Mutter von Zwillingen und arbeite sehr viel. Daher habe ich nie so viel Zeit für mich selbst wie jetzt auf Tour. Das genieße ich sehr. Und auch, dass ich mein Team um mich herumhabe. Das sind alles meine Freunde und mit denen unterwegs zu sein fühlt sich an wie eine Klassenfahrt. Ich liebe es mit ihnen Musik zu machen. Aber die Tour ist generell so krass! Es läuft alles so gut und es ist sehr erfüllend.

    Leif: Die ausverkauften Veranstaltungen und die hochgebuchten Konzerte machen es doch sicher noch besser, oder?

    Mine: Ich habe ab dieser Größe hier nach unten alles gespielt. Jede Größe von 30 Leuten bis zu dem, was ich momentan spiele. Ich fand’s auch vorher cool. Was es natürlich mit sich bringt, wenn man mehr Zuschauer*innen hat, ist, dass man alle aus dem Team gut bezahlen kann. Für mich ist das sehr entspannend, wenn ich weiß, alle können davon leben. Denn man investiert super viel Zeit. Aber vom Publikum her ist es ganz egal, es ist immer ein geiles Gefühl. Diesbezüglich ist es bei uns auch nie schlechter geworden. Es kamen immer etwas mehr Leute dazu als vorher. Es gab da nie einen Sprung, sondern ging konstant weiter nach oben. Total angenehm, aber crazy, dass wir jetzt so groß unterwegs sind. Und total entspannt.

    Leif: Entspannt?

    Mine: Ja! Ey, früher sind wir noch hunderte Kilometer selbst auf der Autobahn gefahren mit einem Sprinter. Danach ist man anders müde.

    Leif: Und dann muss noch performt werden!

    Mine: Genau. Das war zwar auch cool, aber jetzt haben wir natürlich Luxus.

    Leif: Was machst du denn beim Touring zwischen den Auftritten am liebsten?

    Mine: Sport! Ich mache jeden Tag Sport. Und heute habe ich noch einen Beat produziert. Sonst geht der Tag ziemlich schnell rum. Wir fangen schon um 14 Uhr an, so viel Zeit ist dann gar nicht mehr. Sport, Duschen, Bühne vorbereiten, Einsingen, Essen und Interviews geben. (lacht und klopft mir auf die Schulter)

    Leif: Du hast eben deine Zwillinge angesprochen. Was fehlt dir am meisten, wenn du unterwegs bist?

    Mine: Auf jeden Fall meine Kinder. Meine Kinder, das Studio und das Alleinesein. Man hat immer Menschen um sich rum und Zurückziehen ist da eher rar. Und meine Freunde in Berlin fehlen mir auch sehr. Aber sonst vermisse ich ehrlich gesagt gar nicht so viel.

    Leif: Das reicht ja auch! Selbst eine Sache zum Vermissen kann ja schon schwer wiegen.

    Mine: Im Großen und Ganzen sind es auch eigentlich nur meine Kids. Alles andere ist nicht der Rede wert. Die sind so süß. (lacht)

    An dieser Stelle sei erneut auf die anfängliche Triggerwarnung hingewiesen:
    Sollte euch die Auseinandersetzung mit den Themen Drogen und Drogenkonsum schwerfallen, lest diesen Artikel ab dieser Stelle bitte nicht weiter.

    Leif: Bei uns endet ein Interview immer mit einer Anekdote oder etwas, was du noch nie über dich erzählt hast. Was ist deine untold story?

    Mine: Eine Sache kann ich dir verraten. Was ich noch nie gesagt habe, weil ich das eigentlich nicht verherrlichen will, ist, dass es bei einem Song von mir um LSD geht. Ich habe das noch nie erzählt, denn ich bin nicht so ein Fan davon, über Drogen in der Öffentlichkeit zu reden. Ich denke, das Thema muss mit sehr großer Vorsicht betrachtet werden. Und ich rate Leuten prinzipiell erstmal davon ab, weil es sehr gefährlich ist für Leute mit psychischen Vorerkrankungen und man sehr aufpassen muss.

    Leif: Der Titel des Songs bleibt daher an dieser Stelle lieber unerwähnt. Und damit endet unser Interview! Ich danke dir für deine Zeit, für das schöne Gespräch und freue mich auf’s Konzert!

    Mine: Mich hat es auch gefreut! Wir geben heute alles!


    Dass zum Beinahe-Tourende alles gegeben wurde, verspürte man in jeder Sekunde des Konzertes. Die kraftvolle und energiegeladene Performance zeichnete sich durch einen abwechslungsreichen Mix aus Mine-Klassikern und neuen Songs des Albums aus. Auch die Support Acts Shelly Phillips und ffortissibros heizten dem Saal ordentlich ein.

    Am Ende wird hier die klare Empfehlung ausgesprochen, ein Mine-Konzert zu besuchen. Auch, wenn die Tour nun vorbei ist, stehe weitere Daten in der bald startenden Festivalsaison an.


    22.06.2024 – Duisburg, Traumzeit Festival
    24.07.2024 – Freiburg, Zelt-Musik-Festival
    25.07.2024 – Marburg, KFZ
    16.08.2024 – Leipzig, Parkbühne Geyserhaus
    17.08.2024 – Hamburg, MS Dockville
    07.09.2024 – Berlin, Lollapalooza
    08.09.2024 – Berlin, Lollapalooza


    Wer sich das Album BAUM bisher noch nicht angehört hat, sollte es schleunigst tun. Die Möglichkeit zum Reinhören gibt es hier.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen


    Fotocredit: Bastian Bochinski

  • Hidden Gemz im Interview: »Es war sehr überwältigend, wie viele Leute auf einmal vor der Bühne stehen«

    Hidden Gemz im Interview: »Es war sehr überwältigend, wie viele Leute auf einmal vor der Bühne stehen«

    Hidden Gemz zu hören macht einfach Spaß. Die Newcomerband aus Österreich, die letztes Jahr quasi aus dem Nichts kam und Supportslots von Bilderbuch spielte, hat nun ihre Debüt-EP The Gemz Mixtape veröffenlicht. Passend zum Frühling und all seiner Endorphine ist The Gemz Mixtape genau das: ein Mixtape voller überragend guter Songs. Irgendwo zwischen Brockhampton, Dominic Fike und Gorillaz finden Hidden Gemz ihren ganz eigenen Style. Und der macht einfach Spaß. Was genau da drin steckt, wie alles gestartet ist und vieles mehr erfahrt ihr hier, denn wir haben sie all das mal selbst gefragt.

    Hidden Gemz im Interview

    Anna: Eure erste Single Miss Monroe hat erst im Oktober 2023 das Licht erblickt, ihr macht aber schon sehr viel länger Musik. Wie habt ihr zur Musik aber auch als Band zusammengefunden?

    Didi: Zur Musik haben wir alle auf verschiedene Weisen gefunden. Für mich war es durch meine Familie und vor allem durch meine Geschwister, wo ich mich viel durch deren Lieblingsmusik durchgehört habe. Als Band haben wir uns alle im Kontext Schule kennengelernt und gemerkt, wie gut wir zusammen passen.

    Jonas: Meine ersten Berührungungspunkte mit Musik hatte ich mit sechs Jahren auf meinem ersten Konzert. Schon damals hatte mich der Schlagzeuger der Band sehr fasziniert und ab diesem Zeitpunkt wollte ich dann auch Schlagzeug lernen. Bis zu meinem ersten Schlagzeugunterricht trommelte ich auf allen Kochtöpfen, die wir zuhause hatten. Didi, David und Mateo habe ich dann erst viel später in der Oberstufe kennengelernt. Nachdem ich schon ein Jahr in der Oberstufe war, wechselten die drei auf meine Schule und es hat sich schnell herauskristallisiert, dass wir vier sehr gerne gemeinsam Musik machen. Nach den ersten Schulauftritten wollten wir das Ganze auch außerhalb der Schule präsentieren und seitdem arbeiten wir zielstrebig an unserer Karriere.

    Anna: Was ist die Geschichte hinter Miss Monroe? Wieso habt ihr euch entschieden, die Single nicht mit auf die EP zu nehmen?

    David: Miss Monroe gab es schon sehr lange. Ursprünglich ist er so entstanden, dass ich am Keyboard die Akkorde von Sunset To Sunrise in einem anderen Rhytmus gespielt habe. Eigentlich zum Spaß. Wir haben dann durch unsere Konzerte bemerkt, dass der Song zu einem Favoriten des Publikums wurde, und so dachten wir uns, dass Miss Monroe perfekt als Debut-Single geeignet wäre.

    Didi: Es war auch ein Statement Song für uns. Wir wollten den Leuten einen passenden Einstieg in unsere Musikwelt geben. Von dort aus kann man uns als Band gut mitverfolgen und sich mit uns gemeinsam entwickeln. Die EP hatte nochmal den Zweck eine andere Geschichte zu erzählen, in die Miss Monroe nicht passte.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen
    „Ich hätte Paranoia, dass ich auf Butterfly Effekt irgendwas anrichten würde.“

    Anna: In eurer Debüt-EP The Gemz Mixtape geht’s viel ums Reminiszieren der Vergangenheit und die Essenz eurer Teenie-Jahre. Was ist es, was ihr am meisten aus der Vergangenheit vermisst? Würdet ihr gerne ab und zu zurückkehren und Dinge nochmal erleben/anders machen?

    Jonas: Aus meiner Vergangenheit vermisse ich am meisten das unkomplizierte Leben, in dem ich mir weniger Gedanken über gewisse Themen gemacht habe. 
Ab und zu denke ich schon darüber nach zurückzuspulen und Momente nochmal zu erleben. Jedoch hält dies meistens nur kurz an, weil ich meinen jetzigen Lebensabschnitt auch sehr schätze. Dinge konkret anders machen würde ich nicht.

    David: Ich vermisse die Freiheit von Sorgen und die Gelassenheit. Nach der Schule bin ich heim gegangen und habe mein Instrument geübt, Songs geschrieben oder mich mit Freunden getroffen. Und ich hatte alle Energie der Welt trotz Schule, Hausaufgaben und Lernen. 

    Mateo: Auf jeden Fall kommt Nostalgie hoch wenn ich an die Zeit denke, wo man sich um nichts geschert hat außer Spaß mit Freunden zu haben und die Schulzeit zu überstehen. Das war ein „anderes“ Gefühl von Freiheit.

    Didi: Das schöne Gefühl der Gegenwart vergisst man oft ein wenig im Moment und erinnert sich dann erst wieder daran wenn es schon in der Vergangenheit liegt. Es gibt schöne Zeiten, an die ich gerne zurückdenke, aber sie noch einmal erleben wollen tu ich nicht. Ich versuch so gut es geht meinem eigenen Wort zu folgen und zu erkennen welche schönen Seiten meines Lebens ich aktuell leben darf. Anders machen will ich auch nichts. Ich bin zu froh darüber, wie es mir heute geht und hätte Paranoia, dass ich auf Butterfly Effekt irgendwas anrichten würde und plötzlich alles anders wäre.

    Hidden Gemz, The Gemz Mixtape, untoldency, untold stories, Interview, Ink Music, Österreich, music magazine, Bilderbuch

    Anna: Outside könnte glatt zu meiner Frühlings-Hymne werden, so oft wie es momentan höre. Wie verbringt ihr eure Frühlings- und Sommertage am liebsten?

    Didi: Mit Freunden so viel es geht. Die Tage, an denen es möglich ist, versuche ich immer zu nutzen und Sommer ist sowieso meine Jahreszeit. Sich irgendwo draußen treffen und schwimmen gehen oder Fußball oder auch Volleyball spielen während wir Musik hören, das fühl ich.

    Mateo: Am Liebsten verbringe ich diese Tage mit rausgehen Leute treffen und auf jeden Fall auch Songs hören, die einem dieses Sommer-Gefühl geben.

    David: Ich persönlich: Ein guter Tee mit dem Album „The Peaceful Side of Jazz“ von Billy Strayhorn oder ein Spaziergang durch den Prater.

    „Das Lied hittet bei mir komplett.“

    Anna: Welche Musik hört ihr, wenn ihr draußen mit euren Freunden unterwegs seid?

    Didi: Das ist unterschiedlich da gibt’s bei mir persönlich eigene Playlisten zu verschiedenen Vibes. Aber welches Lied ich zum Beispiel jetzt schon tot höre und sicher noch im Sommer hören werde ist „11 y once“ auf dem neuen Album von Tainy. Das Lied ist zu gut und hittet bei mir komplett.

    Jonas: Viel Hip-Hop wie zum Beispiel unter anderem Jay-Z, Anderson Paak, Mac Miller oder Remi Wolf.

    Mateo: Also man kann auf jeden Fall nicht viel falsch machen mit klassischen R&B/Hip Hop Songs von Künstler*innen wie Tyler the Creator, SZA oder Kanye West.

    Anna: Welche Songs und Artists haben euren Sound inspiriert? Ich hör viel von Outcast zu Brockhampton, Dominic Fike oder Gorillaz und liebe diesen Mix vollkommen.  

    Didi: Das sind ehrlich geile Künstler. Ich mein, irgendwo her kommt Inspiration immer, aber bei unserer Musik denken wir nicht bewusst an irgendwelche Inspirationen sondern einfach was aus uns so rauskommt. Wir spielen und spielen und schauen, was uns gefällt. Im Endeffekt entsteht dann vielleicht ein ganzer Song auf diese Weise.

    David: Mein „Bass-Spiel-Style“ (wenn man das sagen kann) ist sehr beeinflusst von dem Album „All Eyez On Me“ von 2Pac. Songs wie „Scandalouz“ oder „Only God Can Judge Me“ haben bis heute für mich die besten Bass-Lines.

    Mateo: Mich persöhnlich haben Künstler wie Dominic Fike, Kendrick Lamar aber auch Bands wie Pink Floyd oder RHCP total inspiriert.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen
    „Es hat sich angefühlt wie auf einer Klassenfahrt.

    Anna: Bevor ihr überhaupt Musik veröffentlicht habt, habt ihr schon live gespielt. Zuletzt auf Supporttour mit Bilderbuch – zu dem Zeitpunkt war nur die Single Miss Monroe veröffentlicht. Wie ist es dazu gekommen und wie war das für euch, am Anfang von eurer Karriere vor so vielen Menschen zu spielen, die euch nicht kennen?

    Jonas: Das ist sehr richtig, wir haben vor unserem ersten Release auch schon viel live gespielt. Vorrangig in den Wiener Gürtellokalen. Als wir mitbekommen haben, dass Bilderbuch uns als Vorband möchte, hat uns das natürlich sehr gefreut und es war eine komplett neue Erfahrung für uns. Vor so vielen Leuten zu spielen war ein sehr aufregendes Erlebnis, doch was an diesen beiden Gigs besonders war, war das gemeinsame herumreisen. Es hat sich angefühlt wie auf einer Klassenfahrt.

    David: Es war sehr überwältigend wie viele Leute auf einmal vor der Bühne stehen. Gleichzeitig hat es einfach total viel Spaß gemacht auf einer Bühne mit dieser Größe zu performen.

    Anna: Bilderbuch sind eine der größten Band aus Österreich, die die deutsche Indie-Bubble dominiert haben und es immer noch tun. Dabei wimmelt es in eurer Wiener Bubble nur so von unfassbar guten Newcomer-Artists. Und weil wir natürlich nichts davon verpassen wollen, vielleicht die Frage direkt an die Quelle: Wen aus eurer Bubble sollten wir auf jeden Fall auf dem Schirm haben?

    Didi: Ehrlich gesagt sind wir gar nicht so in dieser „Bubble“. Aber es ist immer eine gute Idee seine Augen und Ohren offen zu halten für interessante Charaktere. Man kann da echt überall Sachen finden, die zu einem passen, man muss nur offen sein. Wenn man das ist, gibt es so viel zu sehen.

    David: Die Rockband Venice Blue.

    Anna: Ihr habt die gesamte EP selbst aufgenommen und produziert – wie war diese Erfahrung für euch? Und wie hat sich die Dynamik eurer Band dabei entwickelt?

    Didi: Es war echt was Neues für uns, aber wir haben auch dabei, ähnlich wie im Songwriting und Performen, so einen Spaß drin finden können. Studio-Arbeiten war manchmal sehr anstrengend für den Kopf, aber die Momente, in denen man rumprobiert und auf was geiles kommt, sind zu wild gewesen. Hat mir persönlich absolut gefallen mal mehr im Studio zu sein und da zu hustlen. Ich glaub, wir lernen uns gegenseitig immer besser kennen bei sowas und deswegen schweißt es einen auch mehr zusammen und stärkt das Verständnis zum anderen.

    David: Jeder hat einfach Aufgaben in seinem Möglichkeitsbereich erledigt. Meine Kenntnisse beim Aufnehmen sind leider nicht die stärksten, reichen aber aus wenn Jonas am Schlagzeug sitzt und deshalb nicht selbst aufnehmen kann. 

    Jonas: Wir haben in diesem Prozess auch sehr viel dazu gelernt. Dadurch, dass jeder von uns seine Stärken und Schwächen hat, haben wir uns sehr gut ergänzt. In der Produktionszeit der EP haben wir uns fast täglich gesehen und wir sind somit nochmal ein Stück näher zusammengewachsen.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen

    Anna: „I think I finally understand that I’m in love with cake.” mag fast meine Lieblingszeile aus der gesamten EP sein. Die offensichtliche Frage: was ist euer Lieblingskuchen?

    Jonas: Für mich ist es absolut ein Himbeerkuchen.

    Didi: Für mich ist es vielleicht sogar ehrlich gesagt Sachertorte. 

    David: Oblatentorte.

    Mateo: Erdbeerjoghurttorte.

    Anna: Die letzte Frage bezieht sich bei uns immer auf eine untold story. Das mag eine Anekdote aus dem Studio, eine Empfehlung von Herzen oder etwas komplettes Random sein. Hier ist euer Space, zu sagen, was ihr wollt.

    Didi: Schwierig, aber eine Sache, die mir aufgefallen ist, ist, dass in dem Stress, den wir teilweise stark zu spüren bekommen haben, es immer wichtig ist, verbunden mit Leuten zu bleiben. Man sollte sich nicht in Einsamkeit abschotten. Sich mit den Leuten in dem eigenen Umfeld auszutauschen kann einem so sehr helfen aus diesem Tunnel zu kommen. Das ist mir aufgefallen und würde ich gern weitergeben an Leute, die etwas ähnliches erfahren haben oder gerade erfahren.

    Jonas: Ein lustiges „Easter Egg“ gibt es in unserem Song Chops. In jedem Chorus hört man einen von uns, als rhythmische Element, atmen/hauchen. Das ist auch das entscheidende Element, welches den Bounce im Song ausmacht.

    Mateo: Was oft missverstanden wird, ist dass Musik Kunst ist und es da kein richtig oder falsch gibt.

    Wir lassen Mateos Schlusswort nochmal eine Minute wirken und dann hören wir die Kunst, die The Gemz Mixtape und Hidden Gemz sind, nochmal von vorne. Ihr auch?

     

    Fotocredit: Amin Zaazou

  • some sprouts im Interview: »Es war nie dafür gedacht, mal auf eine Platte zu kommen«

    some sprouts im Interview: »Es war nie dafür gedacht, mal auf eine Platte zu kommen«

    Sommer, Sonne, gute Laune: Genauso klingen die Songs von some sprouts. Die Indie-Band aus dem Süden Deutschlands klingt nach einem Strandtag im Urlaub an der spanischen Küste oder einem Sommer-Flirt im Campingtrip. Auf den Synthie-Sounds von some sprouts lässt es sich perfekt in die Leichtigkeit des Sommers träumen. Für das perfekte Gefühlsbad gibt es aber auch noch eine Portion Melancholie dazu.

    Ja, lange haben uns die Indie-Boys aus Regensburg auf ihr Debütalbum warten lassen. Sporadisch wurden Singles oder mal eine EP veröffentlicht, aber das Album ließ warten. Dabei gehören some sprouts seit 2017 zum Repertoire einer jeden Indie-Klassiker Playlists. Mit Songs wie „Someone you love“ und „She longs for you“ wurden Ohrwürmer in die Welt gesetzt, die nur schwer wieder wegzubekommen sind. Mit ihrem Debütalbum „sweet bug“ liefern die Jungs jetzt ein volles Paket an neuen Ohrwürmern. Im Interview sprechen sie darüber, warum das Album so lange warten ließ, welcher Song eigentlich nur Zufall war und wie es zu dem Namen „sweet bug“ kam.

    some sprouts im Interview

    Anna: Mögt ihr euch einmal kurz vorstellen?

    Jakob: Ich bin Jakob. Ich spiele Gitarre. Alek spielt Bass.

    Jonny: Und ich bin der Schlagzeuger Jonny. Ich bin noch recht neu dabei.

    Anna: Ihr macht jetzt seit gut 6 Jahren zusammen als some sprouts Musik. Wie kommt es, dass euer Debütalbum erst jetzt rauskommt?

    Jakob: Wir haben eigentlich immer so von Song zu Song gearbeitet. Das war für uns nie so ein Ding, ein Album zu machen, wie es vielleicht früher mal wichtig gewesen ist. Das man dann mit einem Debütalbum irgendwie mal rauskommt und dass das so der Ritterschlag ist. Das war für uns irgendwie in Zeiten des Streamings gar nicht mehr so relevant. Ob es jetzt ein Album ist oder eine EP oder man geht irgendwie von Projekt zu Projekt – das war egal. Und zum Beispiel bei der letzten EP war das auch nicht konzeptionell gedacht, sondern das hat sich dann im Nachhinein so ergeben. Okay, wir haben jetzt sechs Lieder. Lass doch eine Platte machen. So ist es dann irgendwie oft gewesen. Genau. Und dieses Mal war es dann irgendwie so, dass wir eine Phase hatten, wo wir viel geschrieben haben und dann auf einmal relativ viele Songs da waren. Und dann dachten wir, das könnten wir jetzt nutzen und da gleich ein Album draus machen.

    Der Kleber, der das Album zusammenhält: Das Schöne im Unperfekten

    Anna: Beschreibt doch mal: Worum geht es thematisch in „Sweet bug“?

    Jakob: Man macht sich dann ja irgendwie doch immer Gedanken und man könnte das jetzt schon so voll bedeutungsschwanger aufladen. Aber im Endeffekt glaube ich am Anfang stand an dem Namen so ein bisschen das Wortspiel oder der Gag. Ich glaube, es war eine Nachricht, die der Joshi mir mal geschrieben hat oder ich Joshi geschrieben habe, aber keiner konnte sich so genau dran erinnern, warum eigentlich oder wer es wem geschrieben hat. Aber irgendwie war dieses „sweet bug“ dann da und das fanden wir irgendwie witzig und auch, dass „bug“ einerseits als Käfer, andererseits wird es ja dann in der Computersprache auch als Fehler verwendet. Dieses Positive durch „sweet bug“, also das Positive in einem Fehler sehen oder dass ein Fehler auch eine Tür zu einer ganz neuen Welt sein kann. Das war dann, was uns irgendwie an dem Namen gefallen hat. Das ist eigentlich auch das, was das Album ein bisschen zusammenhält. So dieses schöne in dem Unperfekten zu sehen.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen

    Anna: Würdet ihr sagen, das spiegelt sich dann auch in den Songs inhaltlich wieder?

    Jakob: Von den Lyrics würde ich sagen: Da ist es glaube ich gar nicht so klar, weil die dann doch tendenziell hauptsächlich über zwischenmenschliche Sachen gehen. Romantisch, aber auch platonische Beziehungen. Aber im Sound würde ich sagen, da kann man es schon auf jeden Fall raushören. Und wir haben auch zum Beispiel einen Song drauf, der das eigentlich ganz gut trifft. „My Idea 84“ – das war nur eine Demo, wo wir dann doch irgendwie gedacht haben: ganz nett, könnte man draufpacken und da haben wir zum Beispiel die Drums nur mit einem iPhone aufgenommen. Das haben wir aber bewusst so gelassen und auf die, auf die, auf die Platte gepackt. Also auch wie es entstanden ist. Es war nie dafür gedacht, dass es mal auf eine Platte kommt, geschweige denn irgendwie mal online geht. Es war eigentlich nur eine spontane Recording Session und die ist natürlich ziemlich voller Fehler. Und genau da glaube ich, kann man es auf jeden Fall raushören.

    Alek: Das ist dann wieder der Vorteil an dem Album, dass du das wir halt jetzt mal so einen Song haben, der eigentlich mehr so demomäßig ist oder ein Instrumental Song. Das würde man sich bei einer fünf Song EP halt dann irgendwie zweimal überlegen.

    Jakob: Ja, das stimmt. Wir haben vorher drüber geredet, wie sich das Streaming in den Recording Prozess quasi eingeschlichen hat oder die Art wie Musik gehört wird. Aber so ein Album gibt dann schon noch mal Freiheiten für unkonventionellere Sachen und aus dem Schema F ein bisschen auszubrechen.

    „Wenn man nicht zu sehr auf sich selber achtet, dann feiert man den Song mehr“

    Anna: Habt ihr denn einen Lieblingssong auf der auf dem Album? Und wenn ja, warum?

    Jonny: Das tatsächlich der einzige, auf dem keine Drums drauf sind: „Crave„. Der ist also entstanden, bevor ich überhaupt bei euch gespielt habe. Dann habe ich irgendwann mal die Demo oder nicht die Demo, sondern ja schon den fertigen Song gehört und fand den ziemlich ziemlich nice und war dann irgendwie richtig froh, dass der das dann auch auf die Platte geschafft hat.

    Alek: Ja, Witzig. Ich glaube, mein Lieblingssong ist auch einer, wo ich quasi nicht selbst drauf bin. Also da hat der Tobi Blessing in der Session den Bass eingespielt. Ich finde „Green Feather“ einfach am nicesten. Vielleicht ist es aber auch so ein Phänomen, das, wenn man nicht zu sehr auf sich selber achtet, dass man den Song mehr feiert.

    Jakob: Ja, das stimmt, wenn man das Gefühl hat, man könnte noch was ändern, dann will man es auch irgendwie ändern, wenn man es jemand anders eingespielt hat, dann hat man nicht so einen kritischen Blick drauf.

    Anna: Ich hab mal irgendwo gelesen, dass eure Musik nach Sommer klingt – find ich sehr passend. Was meint ihr, wie würde ein some sprouts song klingen, der sich nach Winter anhört? Was müsste der für Elemente haben?

    Alek: Also ich finde der Opener ist zum Beispiel so ein herbstlich, winterlicher Song von der Stimmung her. Ich glaube nicht, dass der nur nach Sommer klingt.

    Jakob: Vielleicht bräuchte es noch Glocken, um mehr nach Winter zu klingen. Müsste auf jeden Fall auch langsamer sein. Natürlich in Moll.

    Alek: Die Frage ist: Welche Songs klingen generell wie Winter? Mir fallen eigentlich nur so melodische Metal Sachen ein oder irgendwie so Weihnachtssongs.

    Jakob: Müssen wir mal ausprobieren. Das wäre vielleicht mal eine Challenge, um aus unserer Komfortzone rauszukommen.

    Die Magie der englischen Sprache in Songs

    Anna: „Es ist einfacher, Gefühle und Erfahrungen auf Englisch zu schreiben, da versteht man das nicht sofort. Wenn man auf Deutsch singt, ist man ein bisschen nackter.“ – Das ist ein Zitat aus einem Interview von 2019 (damals war ich noch bei Ernst.FM) – unterschreibt ihr das noch immer so?

    Jakob: Es ist schon so, dass Yoshi schon auch in letzter Zeit, in den letzten Jahren, auch hin und wieder mal Songs auf Deutsch geschrieben hat. Von dem her würde ich sagen, da hat sich schon ein bisschen was getan, oder Ich höre jetzt auch hin und wieder mal deutschsprachige Sachen. Genau. Aber im some sprouts-Kontext kann ich mir das nicht vorstellen. Aber es gibt auf jeden Fall Songs von unserem Sänger Joshi, die auf Deutsch sind.

    Anna: In besagtem Interview habt ihr auch erzählt, dass ihr teilweise noch mehr oder weniger im Studium hängt – wie sieht‘s an der Front denn jetzt 5 Jahre später aus?

    Jakob: Die Phase haben wir jetzt alle überwunden. Außer Jonny. Der ist genau mittendrin, sozusagen.

    Jonny: Genau, ich studiere soziale Arbeit, aber auch noch gar nicht so lang.

    Jakob: Der Rest von uns ist jetzt ins Arbeitsleben eingetreten.

    Alek: Also Jakob ist Arzt.David macht so Projektmanagement-Zeug. Ich bin wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni.

    Jakob: Joshi ist auch schon fertig mit Studium und in der Medieninformatik tätig. Aber er arbeitet nicht voll und hat noch etwas mehr Zeit für die Musik.

    Demos = finale Songs und warum das gut ist

    Anna: Was hat sich bei euch über die Jahre verändert – entstehen die Songs auf andere Weise oder bleibt ihr da beim Altbewerten?

    Jakob: Ja, hat sich schon verändert, würde ich sagen. Früher ist schon noch viel mehr im Proberaum entstanden. Das war aber auch als wir noch viel mehr live gespielt haben und da hat sich mehr ergeben. Da gab es dann mal eine Demo, die am iPad entstanden ist und jetzt genau produktionstechnisch weit gedacht war. Hatte eigentlich nur den Zweck, dass man es festhält. Dann haben wir halt die Songs gespielt und dann haben sie sich meist erst entwickelt und sind runder geworden. Erst dann sind wir ins Studio gegangen und haben die aufgenommen. Und jetzt bei dem Album ist viel mehr am PC entstanden. Und da haben wir dann noch viele Sachen, die in den Demos drin waren, auch in die finalen Versionen übernommen.

    Anna: Eine Frage habe ich noch: Habt ihr eine untold story für mich parat?

    Alek: Jakob dachte, dass Kraftklub an Stelle von „Wenn du mich küsst, schreibt Noel wieder Songs für Liam“ „… schreibt Bohlen wieder Songs für Liam“

    Jakob: Ich habe es einfach so hingenommen. Ich dachte klar, natürlich, Dieter Bohlen macht voll Sinn. Aber jetzt macht es wirklich viel mehr Sinn.

    Anna: Aber wenn man das halt einmal gehört hat, dann hört man das ja auch immer so weiter. Das Problem daran?

    Jakob: Ja voll, ich hab das eine Zeit lang echt nur gehört.

    Anna: Mein Beileid an dieser Stelle. Aber trotzdem danke, dass ihr diese Story geteilt habt und danke für’s Interview.

    Jakob: Danke dir und viel Spaß beim Album hören!

    Für alle, die es noch nicht getan haben, hier könnt ihr „sweet bug“ von some sprouts streamen:

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen