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Friedberg im Interview: »Jetzt hab ich das Gefühl, dass ich wieder da bin, wo ich eigentlich immer hin wollte.«

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Mit ganz viel Trommelwirbel und super viel Freude dürfen wir euch heute eine der spannendsten britischen All-Female-Bands vorstellen. Mit ihrer neuen und ersten EP Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah (ja, das sind acht Yeahs und ja, das ist beabsichtigt) hat die Band Friedberg nicht nur vor, England ordentlich aufzuwirbeln, sondern auch in Deutschland müssen wir uns an unseren Homeoffice-Stühlen festhalten. Es gibt feinsten Alt-Rock gemischt mit upbeat Synths und der temperamentvollen Stimme der österreichischen Leadsängerin Anna. Jetzt für euch im Interview mit Stories zur Songentstehung, die Liebe zur Cowbell und die Angst vor Luftballons.

 
Friedberg im Interview

Anna: Hey Anna, cool, dass das geklappt hat! Wie geht’s dir in diesen durchwachsenden ersten Märzwochen?

Friedberg: Hey! Ich fand’s ganz gut, jetzt mal bissl Sonne. Ich hab gemerkt, Berliner Winter, das ist nichts (lacht). Eigentlich bin ich ja Anfang Dezember mit Handgepäckskoffer los, wollt nur zu Weihnachten zu meinen Eltern, und dann wieder zurück nach London. Jetzt bin ich seit drei Monaten in einer Wohnung von einem Freund in Berlin und warte darauf, dass ich zurück kann… Also ja, war schon auch mal ein bisschen schlecht drauf die Wochen (lacht).

Anna: Oh no. Aber in good news: Bald kommt die Debüt EP deiner Band Friedberg raus – auch wenn es nicht dein erstes Release als Künstlerin ist, wie aufgeregt bist du?

Friedberg: Eigentlich ziemlich aufgeregt! Kurz vor jedem Release krieg ich so kurz die Panik (lacht). Und auf Vinyl hab ich auch noch nie was rausgebracht vorher. Mein Manager hat mir vorhin ein Unpack-Video geschickt, weil die in London angekommen sind, jetzt hab ich schon mal auf Video gesehen, wie’s ausschaut.

Anna: Ihr seid eine all-female-band based in London. Wie würdest du eure Musik beschreiben für Leute, die euch noch nicht kennen?

Friedberg: Puh, das find ich immer voll schwer die Frage. Aber da gibt’s ein Zitat, das such ich mal kurz raus, das find ich beschreibt es sehr gut (verschwindet in Tiefen ihres Laptops): „Their music is often described…“ – das klingt ja so als würd’s uns schon seit 20 Jahren geben (lacht) – „…is described as blend of post-punk and alt-rock doused in alluring pop sensibilities“. Das gefällt mir schon sehr gut.

 
„Ich bin jetzt wieder bei dem, wo ich eigentlich immer hinwollte.“

Anna: Gerade schon angedeutet, bist du ja schon länger als Künstlerin aktiv. Als Anna F. hast du schon vor knapp 10 Jahren Musik rausgebracht, mehrfache Preise gewonnen und sogar schon Support für Leute wie Lenny Krawitz oder James Blunt gespielt. Wie hast du es damals wahrgenommen, Musik zu veröffentlichen im Vergleich zu jetzt?

Friedberg: Damals wars auf jeden Fall so, dass das alles relativ schnell ging. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich irgendwie gar nicht so richtig weiß, was ich will, aber es passieren schon so viele Sachen. Zum Beispiel die Tour mit Lenny Krawitz. Da hab ich einen Song auf MySpace draußen gehabt, der von da dann irgendwie ins Radio kam. Und dann waren wir direkt mit Lenny Krawitz auf Tour (lacht). Also es ging relativ schnell und ich hab eigentlich wenig Zeit gehabt, das richtig zu reflektieren und zu überlegen, was ich eigentlich will. Ich hab dann halt alles, was so daher gekommen ist, einfach gemacht. Gar nicht so proaktiv.

Dann hab ich mir nach den zwei Alben mal die Zeit genommen, rauszufinden, welchen Sound ich wirklich machen, mit welchen Leuten ich zusammenarbeiten will. Bin in die Wüste nach Californien gefahren und hab mir da so ne Airbnb-Hütte im Nichts gemietet. Ich hatte vorher schon Songs rumliegen, an denen hab ich dann weiter geschrieben und mit meinen zwei Produzenten auch direkt angefangen, zu produzieren. Ich hab jetzt nicht so ne Version vorher gehabt, sondern ich hab einfach ganz viel ausprobiert und dadurch erst so richtig rausgefunden, was ich eigentlich will.

Anna: Wie hast du deine eigene musikalische Entwicklung wahrgenommen? Hat sich seit damals viel verändert?

Friedberg: Natürlich, klar. Ich glaub, ich hab früher in der Jugend so das gemacht, was ich jetzt eher mach und bin von abgekommen. Und jetzt hab ich das Gefühl, eben weil ich ein bisschen was verloren und mich aus Unsicherheit herumschubsen lassen hab, dass ich jetzt wieder bei dem bin, wo ich eigentlich immer hinwollte.

 
„Ich hab das noch nie vorher erlebt, das war schon besonders“

Anna: Mit Cheryl, Laura und Emily hast du die drei Mädels gefunden, die Friedberg komplett machen. Auf deinem Insta-Account hab ich einen Post gefunden von euch in der Badewanne mit der Caption „Where it all started“. Ich bin jetzt natürlich sehr an dieser Badewannen-Geschichte interessiert. Wie ist Friedberg entstanden?

Friedberg, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, friedbergband, anna f., midi 8, yeahx8, yeah yeah yeah yeah yeah yeah yeah yeahFriedberg (lacht): Es war eigentlich so, dass ich in London ja niemanden kannte. Bin da einfach hin mit der Musik, die ich aus Californien mitgebracht hab, und hab dann ein Label gefunden. Die haben mir von zwei mega coolen Gitarristinnen erzählt, die sie grad bei einem Gig gesehen haben, und so hab ich mich dann mit der Emily getroffen. Sie wohnte mit Laura, der Drummerin, zusammen und wir haben uns alle super verstanden. Wir haben dann auf Facebook gepostet, dass wir eine Bassistin suchen und ich glaub eine Woche später sind wir dann schon in Proberaum gegangen. Ich hab das vorher noch nie erlebt, dass man innerhalb von so wenigen Tagen schon so einen Sound zusammen hat, das war schon besonders.

Wir haben dann einen Slot in einem kleinen Pub von London gespielt, von dem keiner was wusste, weil wir niemanden eingeladen haben. Wir sind da ganz alleine hin, ohne Soundcheck, direkt losgespielt vor einem Publikum, in dem wir niemanden kannten. Ich war extrem nervös. Wir haben Go Wild als erstes gespielt und die Leute sind aufgesprungen und haben gejubelt. Irgendwelche wildfremden Leute, die da ihren Burger gegessen haben! (lacht). Den Moment werd ich nie vergessen. Vier Wochen später haben wir ein Showcase gemacht, bei dem wir ein paar Leute eingeladen haben. Dort hat uns dann die Booking Agentur in London unter Vertrag genommen. Und dann ging’s erst so richtig los, das war alles bevor irgendein Song veröffentlicht wurde.

 

 
„Wir waren in so einem coolen Run“

Anna: Eure erste Single kam dann 2019 mit Boom, es folgten weitere Singles, aber nur eine in 2020. War das die Zeit, in der ihr intensiver an der EP gearbeitet habt, oder wie kann man sich die Timeline ungefähr vorstellen?

Friedberg, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, friedbergband, anna f., midi 8, yeahx8, yeah yeah yeah yeah yeah yeah yeah yeahFriedberg: Naja und Corona kam auch noch dazwischen. Wir haben im Januar letzten Jahres auf der Eurosonic gespielt, haben so viele Festivals danach gehabt. Ich hatte das Gefühl, wir waren grad so auf einer Welle, aber die sind dann alle natürlich abgesagt worden. Es wäre unser erster Festivalsommer gewesen, wir waren in so einem coolen Run. Wir haben dann eigentlich mit verschiedenen Labels gesprochen, mit wem wir die nächsten Sachen rausbringen, und das dauert eigentlich schon immer ein bisschen Zeit. Und parallel natürlich hab ich ganz viel geschrieben, zuhause, im Lockdown.

Anna: Eure EP heißt Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah. Was ist die Geschichte hinter dem (langen) Titel?

Friedberg: Eigentlich hauptsächlich der Song Yeah. Hab gedacht, das ist eigentlich ganz witzig. Ich wollt ja den Song dann auch Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah nennen, aber da haben dann ein paar Leute gemeint, das ist dann vielleicht ein bisschen nervig, vielleicht spielen die dann den Song nicht im Radio, weil die denken, oh Gott, jetzt müssen wir da irgendwie acht Mal Yeah sagen. Ich hätts ja ganz lustig gefunden, aber da hatte ich ein bisschen Gegenwind (lacht). Und jetzt haben wir zumindest die EP so genannt.

 
„Kann ich das schnell aufnehmen?“

Anna: Willst du uns einen inhaltlichen Einblick hinter den Songs geben? Welche Messages verarbeitest du in den einzelnen Liedern?

Friedberg:  Zu Lizzy: Cheryl, unsere Bassistin, die hat mit der Bassistin von SAVAGES, einer Punkband aus England, zusammengewohnt. Und die hat Geburtstag gefeiert und es war halt voll die coole Party, die haben beide haben ne Double-Bass-Session gemacht und dann sind mir, warum auch immer (lacht), random Zeilen des Gedichts von T.S. Eliot „The Love Song of J. Alfred Pufrock“ um die Ohren geflogen. Zum Beispiel „In the room the women come and go, talking of Michelangelo”. Und dann stand da auf einmal Michelangelo mit der Cheryl und hat n Gin Tonic getrunken. Als es mir dann ein wenig besser ging später, hab ich auf dem Heimweg eigentlich schon so ein bissl angefangen, die Melodie da irgendwie reinzusingen. Zwei Tage später im Studio in London hab ich dann mit unserem Produzenten den Song innerhalb von einer Stunde gemacht, das ist so schnell gegangen.

Hollywood hab ich in der Wüste geschrieben an dem Beginn des Trips. Mir gings eigentlich ziemlich schlecht, weil ich in so einer beschissenen Beziehung war und eigentlich gar nicht schreiben konnte. Und dann hat ein Freund zu mir gesagt „probier doch mal die Cut Up-Technik“. David Bowie hat die viel verwendet, da kopiert man Zeitungsartikel und Seiten aus Büchern raus, schneidet randomly Wörter und Phrasen aus, schmeißt sie auf den Tisch schmeißt und setzt sie zusammen. Man sieht quasi Sachen, über die man unterbewusst eh schreiben will. Und so hab ich dann einen Teil eigentlich von dem Song mit dieser Methode geschrieben und den Rest war ein Gedicht, das ich eh schon geschrieben hatte. Das fand ich eigentlich ziemlich cool mit der Technik.

Midi 8 zum Beispiel war einfach nur ne ganz wilde Session (lacht). Das hat nur so 20 Minuten gedauert, mein Produzent Daniel Brandt hatte schon den Beat und Bass eingespielt. Ich bin gerade mit Rucksack ins Studio rein, hör das so und mir ist sofort die Melodie eingefallen (singt die Synths). Hab den Rucksack noch aufgehabt und gefragt „kann ich das schnell aufnehmen?“ Das Mikrofon war irgendwie auch nur so kniehoch, ich hab mich so ganz komisch gebeugt und diese Melodie schnell eingesungen. Synthesizer eingespielt, Tamborines und dann war das auch schon fertig. Das war so eine ganz kurze, wilde Berlin-Session.

 
„Das war der Beginn der Lovestory mit der Cowbell“

Anna: Zu Midi 8 wollt ich auch zu sprechen kommen, weil der ja wirklich deutlich aus der EP heraussticht. Ist deutlich elektronischer und eine (gigantische) Kuhglocke spielt eine wichtige Rolle. Kuhglocken scheinen dich allgemein sehr begeistert zu haben.

Friedberg, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, friedbergband, anna f., midi 8, yeahx8, yeah yeah yeah yeah yeah yeah yeah yeahFriedberg: (ganzes Gesicht leuchtet auf) Das begeistert mich sehr, ja. Ich weiß auch nicht, ich bin einfach riesen Cowbell-Fan. Das hat sich aber erst in LA ergeben, weil wir da so wenig Instrumente hatten. Wir konnten von hier ja nichts mitnehmen und haben uns dann von Freunden Sachen ausgeliehen. Die haben uns aber immer die schlechteste Gitarre, den schlechtesten Bass gegeben und dann noch die Kuhglocke. Das war der Beginn der Lovestory mit der Cowbell. Ich wollte dann eigentlich noch eine eigene Instagram-Seite für die Cowbell machen (lacht). Aber jetzt ist sie erstmal Teil meiner eigenen Instagram-Seite, obwohl sie ja eh ein bissl traurig ist, weil sie braucht sehr viel Aufmerksamkeit und würd schon eigentlich gern mehr meinen Kanal übernehmen. Da hab ich gemerkt, das ist mir schon ein bisschen zu Kopf gestiegen (lacht).

Anna: Würdest du auch für Midi 8 entscheiden, wenn ich dich nach deinem Lieblingssong frage?

Friedberg: Boah, das ist echt ur-schwer. Also es ist auf jeden Fall live definitiv mein Lieblingssong. Live geht der so krass ab auch. Mhm, generell hab ich keinen Lieblingssong, das ändert sich die ganze Zeit. Was ist denn dein Lieblingssong?

Anna: Ich find glaub ich Pass Me On ziemlich geil, den Opener.

Friedberg: Ah ja, geil! Den mag ich auch sehr gerne.

Anna: Damit sind wir auch schon fast am Ende. Unsere Schlussfrage richtet sich ein bisschen nach unserem Konzept bei Untoldency und fragt nach einer untold story. Kannst du uns da was erzählen, was du so vorher noch nie in einem Interview erzählt hast?

Friedberg: (überlegt) Ich hab Angst vor Luftballons.

Anna: Wenn sie platzen oder wenn sie einfach existieren?

Friedberg: Beides. Also eigentlich vorm Platzen, aber wenn sie schon existieren, dann gibt’s ja immer die Chance, dass sie platzen, deswegen…

Anna: Möchtest du sagen, warum?

Friedberg: Ich weiß nicht, also ich glaube ein Kindheitstrauma wahrscheinlich oder so. Ich hab auch nicht nur vor Luftballons Angst, sondern auch vor allen anderen lauten Knallen. Vor Prosecco-Korken, vor Feedback in Monitor Boxen, vor Feuerwerk. Silvester kann ich nie außer Haus gehen. Ich weiß nicht, woher das kommt. Ich hab aber auch schon zwei Leute in meinem Leben getroffen, die das gleiche haben. Das Schlimmste ist es, wenn Kinder Luftballons in der Hand halten!

Anna: Ich hatte immer Angst vor Sektflaschen aufmachen, und das kann ich jetzt auch nur, weil ich lange in der Gastro gearbeitet hab. Dieses Gefühl, dass da so viel Druck drauf ist, dass man einfach nicht genau weiß, wann der Knall kommt.

Friedberg: Genau! Vielleicht ist das wirklich Kontrollverlust, das kann natürlich auch sein. Man kann nicht kontrollieren, wann’s passiert.

Anna: So deep wollte ich jetzt auch gar nicht gehen, sorry (lacht). Aber danke für’s Sharen und für’s Interview!

Friedberg: Danke dir!

 

Hört hier in Friedbergs Debüt-EP rein:

 

Fotocredit: Henry Gorse, Max Parovsky

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