Kategorie: untold stories

  • futurebae im Interview: »Das ganze Leben ist Inspiration, wenn man dafür bereit ist«

    futurebae im Interview: »Das ganze Leben ist Inspiration, wenn man dafür bereit ist«

    Obwohl sie erst zu Coronazeiten angefangen hat Musik zu machen, steht futurebae jetzt schon auf den Festivalbühnen und hat Features mit Dissy, Tropikel Ltd. oder Juicy Süß. Im Oktober 2020 erschien ihre erste EP “K.T.U.L.E.S.” – “Keine Termine und leicht einen sitzen”, mit welcher sie sich schon einen Namen in der deutschen Musikszene machen konnte. Jetzt, knapp zwei Jahre später, veröffentlichte futurebae ihre zweite EP „Willst du mit mir gehen?“. Wie sie die letzten Jahre und ihren neusten Release erlebt hat, mit wem sie gerne mal essen gehen würde und wie sie die deutsche Musikbranche als weibliche Musikerin erlebt, könnt ihr jetzt hier im Interview lesen!

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    Lara: Hi! Schön, dass das geklappt hat. Magst du dich zu Beginn erstmal vorstellen, für alle, die deine Musik noch nicht kennen?

    futurebae:  Ich bin futurebae. Und ich mache deutsche Musik, die gar nicht so leicht in ein Genre zu fassen ist. Ich bin immer noch am überlegen, ob ich vielleicht einfach mein eigenes Genre kreiere, um nicht immer sagen zu müssen, es ist irgendwie alles und gleichzeitig nichts. Es ist wahrscheinlich irgendwas zwischen 80s und Rap. Und es macht gute Laune. Es ist eine bunte Blumenwiese!

    Lara: Das mit der guten Laune kann ich auf jeden Fall unterschreiben. Wie geht es dir, so kurz nach dem großen Release?

    futurebae: Das ist mein allererstes Release, wo ich mich jetzt dazu entschieden habe, wirklich all in zu gehen mit der Musik und habe das ja über Virgin releast und das war ganz spannend und aufregend, weil ich ja völlig neu in der ganzen Musikbranche bin und gar nicht so richtig wusste, wie das funktioniert.  Und ich freue mich voll, dass die Songs ankommen, dass die Leute Bock drauf haben und die Musik verstehen und auch nicht abgeschreckt davon sind, dass ich eben ziemlich viel experimentiere, was die Beats angeht.

    Lara: Und wie hast du das Releasewochenende verbracht? 

    futurebae: Richtig gute Frage! Ich habe keine Party gemacht, glaube ich. Ich schau mal in meinen Kalender, ich kann mir sonst nichts merken.  Mein Kalender ist ein bisschen wie mein Tagebuch.  Oh, ich weiß, was ich gemacht habe! Ich habe doch gefeiert, ich war in Hamburg. Ich hab nämlich in der Nacht von Donnerstag auf Freitag mit Satarii zusammen ein Konzert gespielt. Ich weiß nicht, ob die du kennst. Das ist so ne Hamburger Rapperin und die hat auch ihre EP releast. Und wir haben zusammen gefeiert! Es war wild.

    Lara:  Wie unterscheidet sich der Release von der deiner EP Willst du mit mir gehen? Zu deiner ersten EP?

    futurebae: Ich war gleich aufgeregt, würde ich sagen. Aber auf eine irgendwie andere Art als vorher. Die erste EP, die habe ich halt einfach so gemacht, weil ich dachte, ja, okay, die Songs sind da und irgendwie hab ich Bock.
    Ich wusste zu dem Zeitpunkt ja gar nicht, dass es den Leuten so gut gefällt, ich das weitermachen kann und davon leben kann. Das ist bei der neuen EP einfach anders, da ich ja schon eine Erwartungshaltung hatte, vielleicht auch ein bisschen im Sinne von Versagensangst. Es ist ja so, dass sobald etwas wovon abhängt, einen ganz anderen Wert bekommt.  
    Vorher habe ich gearbeitet und das nur nebenher gemacht und da war es irgendwie egal, ob die Leute es hören oder nicht. Und jetzt hoffe ich natürlich, dass ich davon irgendwie leben kann.

    Lara: Wie lief der Prozess von der EP ab?

    futurebae: Wann ich konkret damit angefangen habe, weiß ich gar nicht.  Mir war da aber auch noch nicht wirklich bewusst, dass ich noch eine EP mache, sondern ich habe einfach Musik gemacht. Das ist momentan auch immer noch so. Also ich gehe ins Studio und mache einfach was. 
    Und bei den Songs, die auf der EP gelandet sind, war das dann einfach klar, dass die gut ineinander greifen. Und ich habe es geschafft, beim Entwickeln der Song irgendwie eine Gesamtgeschichte zu entwickeln. 
    Der älteste Song ist deine Haut, das war einer der ersten Songs, die ich überhaupt geschrieben habe. Und der jüngste ist überall und nirgendwo. Ich wollte eigentlich nur ein Outro machen. 

    Lara: Hast du einen Liebling auf der Platte?

    futurebae: Ja, ich dachte, das ändert sich über die Zeit vielleicht noch, aber es war von Anfang an und ist es auch immer noch sowas wie ja.

    Ich mag die Energie und auch die Art, wie ich da die Geschichte erzähle. Ich kenne auch kaum Songs, die das Thema Unsicherheiten in der Art und Weise so aufgreifen, wie in diesem Song.

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    Lara: Die EP wurde ja von Tilmann Jarmer Produziert. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

    futurebae: Das ist ziemlich zufällig entstanden. Ich habe eine ganze Zeit lang in Erfurt gewohnt und er kommt auch aus der Ecke. Und wir haben irgendwie einen ziemlich großen Freundeskreis, wo man sich eben irgendwie so ein bisschen kannte. Aber wir haben uns nie persönlich getroffen. 
    Als ich dann angefangen habe Musik zu machen, hat er mich auf Instagram angeschrieben und gefragt, ob ich nicht Lust hätte, was mit ihm zusammen zu machen. 

    Er hat mir super viel beigebracht und mir mit seiner ruhigen Art geholfen, mich ein bisschen zu formen.  Er hat mir einfach viel Raum gegeben und hat alle meine Ideen unterstützt, egal wie verrückt die waren.  Und so hat es angefangen und es hat nie aufgehört. 

    Lara: Das hört sich ja richtig traumhaft an!

    futurebae: Ja, das ist wirklich eine richtig gute Seele, ich bin sehr froh. Das sind die schönen Seiten des Internets!

    Lara: Ich finde, man hört es auch meistens am Endprodukt, wenn alles so harmoniert. 

    futurebae: Ja, ich kann mir auch tatsächlich nicht vorstellen, mit fremden Leuten zu arbeiten. Also wenn ich für mich Musik mache, ich schreibe ja sehr persönlich, dann muss es auch jemand sein, mit dem ich mich einfach wohlfühle und wo ich das Gefühl habe, das ist nicht nur so ein Arbeitsding, sondern da ist einfach die Leidenschaft hinter.

    Ich hoffe, ich komme nie an den Punkt, wo sich das alles wie eine Maschine anfühlt und nicht mehr die Musik im Vordergrund steht, sondern die Seele ist mir das Wichtigste.

    Lara: Ich durfte dich letztes Jahr in Gießen beim Stadt ohne Meer ansehen und anhören. Bald wirst du ja auch auf dem Splash auftreten. Du machst noch nicht so lange Musik, wie ist das für dich, so plötzlich auf den großen Bühnen zu stehen?

    futurebae: Voll geil. Also ich kann das selber noch gar nicht fassen, dass das alles passiert. Ich habe ja vor zwei Wochen auch auf dem Melt gespielt und ich hatte so Angst! Ich habe im Moment immer noch bei jedem Auftritt, nicht Angst auf der Bühne zu stehen, sondern Angst, dass einfach nur fünf Leute oder so kommen. Es ist so schön zu sehen, dass dann aber doch Leute kommen und es auch wirklich fühlen. Das hätte ich einfach nie erwartet. Vor allem, wenn man bedenkt, dass ich noch so eine kleine Künstlerin bin.

    Aber ich find’s voll geil, es ist das allerschönste Gefühl und die Bühnen können von mir aus einfach immer größer werden.

    Lara: Wobei, so klein bist du ja jetzt auch nicht mehr. Ich meine, ich habe vorhin bei Spotify gesehen, dass du mittlerweile 150.000 monatliche Listener hast.

    futurebae: Es fühlt sich auch immer noch so an wie gestern, als bei Spotify die 250 standen und ich mir den Arsch abgefreut hab, dass 250 Leute meine Musik fühlen. Mir jetzt vorzustellen, dass es 150.000 sind, ist einfach nur absurd. Und dann denke ich aber auch, wie müssen sich denn Leute fühlen, bei denen da irgendwie 3 Millionen stehen?

    Lara: Ich glaube, ab einem gewissen Punkt sind diese Zahlen auch einfach gar nicht mehr so greifbar. Es ist dann einfach eine Zahl. Nicht wie bei einem Konzert oder Festival, wo man dann die Masse an Menschen wirklich sehen kann.

    futurebae: Ja, voll! Dass da dann auch noch so viele sind, die die Texte können und mitsingen, das ist der Wahnsinn.  Dass man eine Geschichte geschrieben hat, die mich natürlich berührt oder auch mein Umfeld betrifft und dann damit andere Leute erreicht ist einfach krass.

    live, live, live!

    Lara: Wo wir jetzt schon bei live Auftritten sind, hast du einen Song den du live am liebsten performst?

    futurebae: Oh, ja. Richtig krass ist auf jeden Fall immer noch Coca Cabana. 

    Lara: Hast du eine Traumlocation wo du mal spielen magst?

    futurebae: Puh, in Deutschland, würde ich auf der Fusion gerne mal spielen. Ich glaube aber auch, dass die Fusion in Amerika völlig abgedreht ist, das wäre richtig krass.

    Lara: Wo wir schon bei Liveshows sind, hast du schon Pläne für eine Tour?

    futurebae: Also ich hoffe, dass ich eine machen kann. Vielleicht nächstes Jahr oder so, aber speziell geplant ist da jetzt noch nicht. Jetzt erstmal die Festivals und dann mal schauen, ob da dann immer noch Menschen stehen und Bock haben (lacht). Und wenn ja, dann wäre das schon cool.

    Lara: Na hoffen wir mal! Aber ich bin mir da ehrlich gesagt schon ziemlich sicher. 

    „Ich bin nicht da, weil ich eine Frau bin, sondern weil ich einfach krass bin!„

    Lara: Kommen wir mal zu einem ganz anderen Thema. Und zwar habe ich gesehen, dass du z.B. auf Playlists wie „Girls to the Front“ zu hören bist. Ich habe das Gefühl, dass langsam zumindest etwas Bewegung in das Thema „Frauen in der Musikbranche“ gekommen ist. Siehe auch Kampagnen wie  Cock am Ring oder Musequality.  Wie erlebst du das, als weibliche Musikerin?

    futurebae: Also ich habe ja während Corona angefangen Musik zu machen. Ich weiß nur vorher als Konsumentin, dass ich schon immer gedacht habe, dass das einfach kein Verhältnis zwischen Männern und dem Frauenanteil ist. Gerade auch auf großen Festivals ist es ja immer noch ein Fakt, dass einfach so viel mehr Männer als Frauen gebucht werden. Und das kann einfach nicht sein. 

    Es ist einfach ein absolutes Unding, weil es gibt super viele talentierte Künstlerinnen und ich finde, es sollten z. B. solche Quoten gar nicht nötig sein müssen. Die Leute müssen einfach verstehen, dass ein ausgeglichenes Booking einfach alles ist. Die Fans haben da ja auch Bock drauf!
    Es ist ja nicht so, dass weibliche Artists nicht bekannt sind. Also wir haben so viele großartige Künstlerinnen in Deutschland. Sei es eine Nura im Rap oder eine Mine im Pop. 

    Es gibt einfach so, so viele große Namen und auch so viele kleine Namen, die vielleicht die Chance bekommen sollten, mal zu spielen. 

    Und ich habe das Gefühl, es ändert sich, aber es sollte sich schneller ändern. Und es ist cool, so Listen wie „Girls to the front“ zu haben, aber gleichzeitig denke ich auch, es sollte auch in den großen Playlisten, welche nicht nur für Frauen ausgelegt sind, einfach Frauen vertreten sein.

    Es ist schon auch anstrengend, immer etwas reduziert zu werden.  Sätze wie: „Ach ja, weil du eine Frau bist“ oder auch auf Festivals zu sein, weil du eine Frau bist.  Ich bin nicht da, weil ich eine Frau bin, sondern weil ich einfach krass bin!

    Lara: Ja, das kann ich auf jeden Fall unterstreichen. Ich muss auch zugeben, dass mir das als Konsumentin erst recht spät aufgefallen ist. Aber als ich das dann erstmal gecheckt und reflektiert habe, war ich einfach nur shocked. 

    futurebae: Wenn ich da retrospektiv drauf schaue, habe ich da auch ganz lange einfach nie drüber nachgedacht. Also ich höre schon richtig lange Rapmusik und es war einfach so normal, dass das im Prinzip so eine Männerdomäne ist. Ich habe das am Anfang gar nicht so hinterfragt. Es muss einfach Leute geben, die das ansprechen, die das transparent machen und einfach mal darüber reden, damit man eben selber auch anfängt darüber nachzudenken.

    Also die Veränderung kann erst geschehen, wenn Leute einfach darauf hingewiesen werden. Und es muss nicht immer pöbelnd und laut und mit einem großen Schlag ins Gesicht sein, sondern man kann auch einfach mal darüber sprechen. Einfach sagen: hey, krass, es ist aber schon komisch irgendwie vier Männer und nur eine Frau als Line-up zu haben. Warum das wohl so ist?

    Lara: Da kann ich dir wirklich nur zustimmen. 

    Wir neigen uns dem Ende des Interviews zu. Deine EP trägt ja den schönen Namen „Willst du mit mir gehen?“. Mit wem würdest du denn gerne mal essen gehen?

    futurebae: Oh, ich glaube da bin ich momentan bei Harry Styles. Ich hab mich so in das Album verliebt! Und auch seine ganze Ästhetik und diese Welt, die er erschaffen hat. Das ist echt beeindruckend.

    Lara: Da wirst du wohl nicht die Einzige sein.

    futurebae: Das glaube ich auch nicht. Aber ich kann mich dem Charme auch nicht ergeben, wenn ich ehrlich bin (lacht). Ultra inspirierend.

    Lara: Was inspiriert dich denn sonst noch so?

    futurebae: Alles!  Gute Erfahrungen, schlechte Erfahrungen. Mein Leben und auch das Leben meiner Freund:innen. Es kann auch eine Ausstellung sein, es kann ein Buch sein, Film, manchmal auch andere Musik. Manchmal reicht da auch einfach ein simpler Spaziergang.

    Ich glaube, das ganze Leben ist Inspiration, wenn man einfach hinguckt und dafür auch bereit ist.

    Lara: Damit sind wir auch schon am Ende unseres Interviews angekommen. In dieser fragen wir immer nach einer Untold Story. Irgendetwas, was du bisher in keinem anderen Interview erzählt hast. Das kann etwas Lustiges sein, z.b. vom Albumprozess, aber auch irgendetwas anderes, was du gerne mal mit der Welt teilen möchtest.

    futurebae: Ich habe gestern zum ersten Mal einen Song live performt. Und auf dem Weg dahin ist mir aufgefallen, dass sich eine Zeile in dem Song habe, die auf der Demo anstatt „um Happiness zu fühlen“ nach „um Herr Penis zu fühlen“ klingt. Ich hätte auch einfach schreiben können „um mich happy zu fühlen“ oder so schreiben können. Ein schönes Schlusswort, na ja.

  • BROCKHOFF im Interview: »Aus vermeintlich banalen, unwichtigen Situationen entstehen meine Songs«

    BROCKHOFF im Interview: »Aus vermeintlich banalen, unwichtigen Situationen entstehen meine Songs«

    Dass wir eine besonders große Vorliebe für Newcomer*innen aus der deutschen Indie-Bubble haben, ist wohl kein Geheimnis mehr. Deswegen freuen wir uns aber immer umso mehr, wenn wir euch mal wieder neue Künstler*innen vorstellen dürfen. Heute soll es um BROCKHOFF gehen.

    Im März kam mit „2nd Floor“ die erste Single der 22-Jährigen Sängerin aus Hamburg raus. Mit einer ordentlichen Portion E-Gitarre und rockigen Indie-Sounds reiht sich Lina Brockhoff in unseren Playlists easy neben Genre-Größen wie Phoebe Bridges oder Soccer Mommy ein. Ende Juni ist mit „Sharks“ die Debüt-EP von BROCKHOFF erschienen. Spätestens jetzt sollte die Indie-Rockerin auf dem Radar aller Liebhaber*innen des Genres angekommen sein. Im Interview mit Anna gibt Lina Einblicke in die Entstehungsgeschichte von BROCKHOFF und verrät, woher sie ihre Inspiration zieht.

    BROCKHOFF im Interview

    Anna: Hallo Lina! Schön, dass du hier bist. Ich würde sagen, für die meisten Leute ist BROCKHOFF noch ein sehr unbekannter Name. Magst du dich deshalb zu Beginn erst einmal vorstellen?

    Lina: Ja, ich bin Lina Brockhoff. Und ich arbeite jetzt seit zwei Jahren an dem Projekt BROCKHOFF. Im März diesen Jahres ging es endlich mit der ersten Single los. Ich wohne in Hamburg und hier fing es auch eigentlich alles an. Die ersten Songs hab ich im ersten Lockdown geschrieben. Also kurz nachdem ich hierher gezogen bin von meiner Heimat in der Nähe von Hildesheim.

    Anna: Wie bist du denn zur Musik gekommen? Kam das erst durch die Corona-Langeweile? Oder war das für dich immer schon präsent?

    Lina: Das war schon immer ein sehr, sehr präsenter Teil. Ich mach schon super lange Musik. Ich glaube, ich habe mal angefangen mit Flöte spielen und dann habe ich sogar lange Klavierunterricht gehabt, so seit ich acht Jahre alt bin. Irgendwann habe ich immer mehr angefangen zu singen, mich mit Klavier zu begleiten und dementsprechend dann auch mir irgendwann Gitarre beigebracht, weil es einfacher war zu transportieren. Vor diesem Projekt hatte ich noch ein Singer-Songwriter Projekt unter meinem richtigen Namen. Und so seit zwei Jahren arbeite ich jetzt an BROCKHOFF.

    BROCKHOFF als Startrampe in den Indie-Rock-Kosmos

    Anna: Gibt es davon noch Musik oder hast du’s einfach nur für dich selbst gespielt?

    Lina: Nee, da gibt es aktuell nichts zu hören von den alten Sachen. Das war für mich ein sehr großer Neustart.

    Anna: Wie kommt es, dass du dich dazu entschieden hast, deinen richtigen Nachnamen zu nehmen?

    Lina: Tatsächlich brauchte ich da auch erst mal lange, mich dafür zu entscheiden. Es wurde mir von unterschiedlichen Leuten unabhängig voneinander, als ich auf der Suche nach einem Künstlernamen war, so in den Raum geworfen. Und am Anfang dachte ich, ich will eher so nach einem nicen Fantasienamen oder so gesucht habe und es mir im ersten Moment eher fremd vorkam. Was ja auch total komisch ist eigentlich. Wenn man mit dem Namen geboren wird, dann ist einem der ja auch nicht fremd. Aber je mehr ich darüber nachgedacht habe, so cooler fand ich es auch irgendwie, weil es ein relativ ungewöhnlicher Nachname einfach ist, den es nicht so super oft gibt. Und er auch irgendwie erst mal ein bisschen hart klingt und auch eher männlich anmutend. Aber das fand ich dann irgendwie auch cool, weil es so im Kontrast steht zu mir als Person.

    Anna: Und dann muss man nicht immer erklären, wie man auf den ausgedachten Namen gekommen ist.

    Lina: So ist es eigentlich immer simpel. Es wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Also es gab auch keine wirklichen anderen Optionen. Irgendwie war das dann doch das, was es ja was relativ schnell mir auch am besten gefallen hat. Und ich weiß noch, dass ich meine Eltern und meine Cousine auch beide gefragt hab. Meine Eltern fanden es erst etwas komisch, aber meine Cousine war direkt sehr gehyped. Das war damals irgendwie lustig.

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    Anna: Ok, kommen wir mal zu deiner EP ‚Sharks‘, die ich mir natürlich fleißig angehört habe. Magst du einmal vorstellen, worum es thematisch auf der EP geht?

    Lina: Es gibt kein übergeordnetes Thema, sondern es sind irgendwie einzelne Songs, die in unterschiedlichen Gefühlslagen und Lebenslagen entstanden sind oder aus unterschiedlichen Gefühlen heraus. Es ist jetzt nicht so, dass es ein Konzept gibt oder so, aber die Songs sind schon alle ungefähr in selben Phase entstanden. Sie verarbeiten unterschiedliche Geschichten. Und es sind vor allem sehr persönliche Erfahrungen von Beziehungen oder auch zwischenmenschlichen Erlebnissen, die mich zu der Zeit sehr beschäftigt haben.

    Anna: Wie und wann sind die Songs entstanden?

    Lina: Vor allem der Umzug nach Hamburg war für mich einer der größten Momente in meinem Leben, weil ich das erste Mal von zu Hause weg war und alleine wohnen musste. Man lernt ja auch super viele neue Leute kennen. Irgendwie habe ich in der neuen Stadt neue Inspirationen bekommen, vor allem auch musikalisch. Ich habe sehr viel auch erst mal ausprobiert, bevor dann überhaupt auf diesen Sound gekommen bin. Aber es geht in den Songs gar nicht konkret um meinen Umzug nach Hamburg oder die Erfahrungen, die ich durchs Leben gebracht habe, sondern über einzelne Beziehungen oder auch gescheiterte Beziehungen. Oder zum Beispiel bei ‚Sharks‚ einfach um eine super blöde Party, auf der ich war, die noch nicht mal in Hamburg war. Also das sind eher kleinere Geschichten, die ich in den Songs behandele und gar nicht das große Ganze mit dieser Lebensphase.

    „Eine Situation, die so vermeintlich banal und unwichtig ist“

    Anna: Aber ich finde, es funktioniert gerade deswegen ganz gut, weil es eine bestimmte Geschichte ist, durch die man sich trotzdem identifizieren kann mit der Situation.

    Lina: Das ist halt irgendwie schön, wenn das so ein bisschen automatisch passiert, dass man anhand von einem Erlebnis oder einer kleinen Geschichte oder Erfahrung sich mit dem Gefühl identifizieren kann. Also so funktioniert bei mir meistens auch das Songwriting generell, dass mir so eine kleine Situation vorschwebt, die so vermeintlich banal oder unwichtig war, aber ich irgendwie darum herum und den Song baue, weil es irgendwas in mir getriggert hat oder weil ich mich durch dieses Detail an etwas Bestimmtes erinnere. Und dann so die Geschichte drum herum baue, die dann noch irgendwie viel mehr ausdrückt als nur so eine kleine Sache.

    Von Pop zu Rock: Phoebe Bridges als Inspiration für den BROCKHOFF-Sound

    Anna: Wo wir gerade bei den Texten sind: Wie ist das bei dir? Schreibst du zuerst die Texte und überlegst dann, welcher Sound dazu passen würde oder kommt das organisch zusammen?

    Lina: In meinen Teenie Jahren habe ich super viel hauptsächlich Popmusik gehört. Aber ich glaube vor allem durch Phoebe Bridges bin ich dann in diesen Indie Rock und Rock Kosmos gezogen worden und über sie ich auch weitere Künstlerinnen gefunden, die ja bis heute meine größten Inspirationen auch für BROCKHOFF waren. Also durch die ganzen Sachen habe ich dann auch gemerkt, dass es mir viel mehr Spaß macht mit E-Gitarre zu spielen. Dann war mir auch schnell klar, dass ich mehr Indie-Rock machen möchte anstatt irgendwie Synth Pop. Und dann habe ich angefangen auch eine Playlist zu erstellen, mit Songs und mit Künstler*innen, die ich cool fand und bin damit zu meinem Produzenten Christian Hartung gegangen. Er hat da auch noch Songs reingepackt, die ihn sehr geprägt haben. Also es passte dann irgendwie ganz gut, wie wir beide von unterschiedlichen Seiten an diese Referenzen herangingen. Die Playlist ist mittlerweile so lang geworden, dass ich sie glaub ich noch mal aussortieren muss, bevor ich sie irgendwann teile. Aber sie ist eigentlich zu gut dafür, dass ich sie nicht irgendwann mal teilen kann.

    Anna: Gibt es einen bestimmten Song, wo du sagst, der bedeutet dir vielleicht persönlich am meisten auf der EP oder den fühlst du gerade am meisten?

    Lina: Es gibt nicht den einen Song. Manchmal wechselt es tatsächlich sehr, weil die Songs auchvon der Dynamik her sehr unterschiedlich sind. Es gibt ruhigere Nummern und eher so Tracks wie ‚Sharks‚. Das variiert total, in welcher Phase ich irgendwie mal so einen kleinen Liebling habe, aber im Moment würde ich tatsächlich sagen, dass es ‚Missing Teeth‚ ist.

    Anna: Woher hast du diese super genialen Fisch-Slipper, die man auf dem Cover der EP sieht?

    Lina: Die sind von Lotti, einer Freundin von mir, mit der ich auch die Artworks gemacht habe. Als wir uns auch gerade kennengelernt hatten lagen die bei ihr im Flur. Ihre Mitbewohnerin und sie hatten beide die selben Schuhe. Und wir haben die dann auch nur aus Spaß mitgenommen. Es war eigentlich gar nicht der Plan, damit wirklich Fotos zu machen. Wir haben die aus Spaß einfach spontan mit eingesteckt und damit dann irgendwie so ein bisschen rum experimentiert. Dann ist es wirklich einfach aus Zufall entstanden. Und da gab’s auch glaube ich den Song ‚Sharks‚ noch nicht mal. Also das Ganze ist ehrlich gesagt gar nicht so mit dem Hintergedanken entstanden, sondern wir fanden es einfach super cool und gegen Ende war dann irgendwie relativ schnell klar, dass das auf jeden Fall das Cover wird.

    Anna: Ich finde die ja genial und meine die irgendwo schon mal gesehen zu haben, aber ich weiß nicht mehr wo.

    Lina: Ich glaube, die gibt es im großen, weiten Internet zu kaufen. Es gibt sie auch in unterschiedlichen Farben.

    Der längst nötige Wandel in der Musikszene und die Frauenquote

    Anna: Haha klar, es gibt alles im Internet. Aber kommen wir zurück zur Musik. Du hast ja vorhin schon Künstlerinnen, ausschließlich Künstlerinnen genannt, die dich inspirieren. Und da finde ich immer ganz interessant sich mal die Frauenquote in seinen eigenen Playlists anzuschauen. Ich hab das Gefühl, dass vor allem die deutsche Musikszene noch ziemlich männerdominiert ist. Hast du einen ähnlichen Eindruck? Und hast du manchmal sogar das Gefühl, dass gewisse Vorurteile gegen Frauen, vor allem auch jüngere Frauen, mitschwingen?

    Lina: Auf jeden Fall ist mir das schon aufgefallen. Eben weil diese ganzen Namen, die ich vorhin genannt habe – Snail Mail, Beabadoobee, Soccer Mommy – sind ja alles weibliche Künstlerinnen, die da gerade vor allem hauptsächlich aus den USA irgendwie in dem Genre auftauchen. Und dass das hier noch nicht so verbreitet ist, ist mir auf jeden Fall aufgefallen. Ich finde schon, dass sich da gerade einiges tut und das finde ich auch sehr, sehr schön zu sehen. Ich sehe auch, dass es gerade schon zunehmend mehr junge Künstlerinnen gibt, die sich auch trauen, über den eher glatten Pop hinaus Musik zu machen und damit rauszugehen. In der Vergangenheit habe ich schon öfters auch mal das Gefühl gehabt, dass man mich nicht hundertprozentig ernst nimmt. Und tatsächlich habe ich das ja auch in dem Song ‚Sharks‘ mit verarbeitet. Also auf der Party, um die es in dem Song geht, gab es eben auch einige Anspielungen darauf und ich habe mich auch nicht ernst genommen gefühlt. Also ja, ich hatte schon Situationen, aber ich finde, dass da ein Wandel stattfindet. Das ist das, was ich gerade irgendwie fühle und mitbekomme.

    Für mehr Frauenpower in eurem Playlist-Kosmos, checkt gerne mal unsere „female fronted bubblegrunge“ Playlist aus:

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    Anna: Das Gefühl habe ich auch. Ich finde, wenn man einmal anfängt sich damit zu beschäftigen, dann findet man noch viel mehr tolle Künstlerinnen. Aber sie sind eben (noch) nicht so groß.

    Lina: Ja, ich glaube das ist so, weil es einfach erst seit gar nicht so langer Zeit diese Awareness gibt, dass zum Beispiel auf Festivals eine Quote eingeführt wird oder man speziell darauf achtet mehr Frauen ins Line-Up zu bekommen. Also das ist ja auch erst seit ein paar Jahren, wenn überhaupt so der Fall. Und da gab es ja auch diesen Shitstorm beim Rock am Ring, glaube ich, dass das so männerdominiert ist. Da fragt man sich dann auch, wie das eigentlich noch geht in der heutigen Zeit. Durch Freunde und Freundinnen, die bei kleineren Festivals auch aktuell arbeiten, bekomme ich mit, dass es da sehr viel Wert draufgelegt wird und sehr viel da rein gehangen wird dafür, dass sich da was ändert. Und deswegen kann ich selber nicht verstehen, wieso das auf so einem großen Festival nicht geht.

    Anna: Ich hoffe auch, dass es sich bei den großen Festivals im nächsten Jahr mal ändern wird. Genug gute Künstlerinnen gibt es ja. Was können wir uns denn in Zukunft noch von BROCKOFF erhoffen?

    Lina: Also es liegen einige Songs noch in der Schublade, bei denen ich es auch kaum erwarten kann, damit rauszukommen. Mit den Erfahrungen, die ich jetzt durch die ersten Veröffentlichungen und die erste EP gesammelt habe, habe ich noch mehr Lust bekommen, damit ins Studio zu gehen und daran zu feilen und zu arbeiten und auch irgendwie natürlich noch weitere neue Songs zusätzlich zu schreiben. Also es ist auf jeden Fall noch einiges in petto und es wird auch nach der EP noch einiges geben.

    Brocki’s Big Thief-Fangirl Moment

    Anna: Das ist eine gute Nachricht. Da freue ich mich schon drauf! Noch eine letzte Frage zum Abschluss: Was ist deine untold story?

    Lina: Wir haben letztens in Berlin auf einem Festival gespielt. Da haben auch Big Thief gespielt und ich bin riesengroßer Fan der Band. Dann habe ich tatsächlich relativ kurz vor unserem Auftritt – ich war so super nervös, muss ich dazu sagen – meine In-Ear Kopfhörer auf der Toilette vergessen vor dem Soundcheck. Ich musste also zurück sprinten auf die Toilette. Ich bin eine super vergessliche Person. Also sowas passiert mir eigentlich ständig. Sie lagen aber zum Glück noch genau da. Als ich mir dann nochmal die Hände gewaschen habe, habe ich auf einmal gesehen, dass Adrianne Lenker ein paar Meter weiter nehmen mir stand am Waschbecken. Das war glaube ich bisher mein einziger krasser Starstruck-Moment. Vor allem habe ich überhaupt nicht damit gerechnet, weil ich halt selber so im Stress war, wegen unseres eigenen Auftritts. Ich habe mich nicht getraut, irgendwas zu sagen. Ich hab nur ganz still die Hände gewaschen und dann im Spiegel  versucht ein paar Blicke zu erhaschen. Dann bin ich aber rausgegangen, habe mich nicht getraut, was zu sagen. Seitdem denke ich so viel darüber nach, was ich für lustige, coole, was auch immer Sachen hätte sagen können, aber mich einfach nicht getraut.

    Anna: Ich weiß aber auch nicht, ob ich mich an deiner Stelle in dem Moment getraut hätte, sie anzusprechen. Vor allem, wenn man selbst auch eigentlich gerade im Stress ist. Aber danke dir für diese Story und vielleicht ermutigt das ja, demnächst sich einfach mal zu trauen!

    Falls ihr es noch nicht gemacht habt, checkt jetzt unbedingt die Debüt-EP von BROCKHOFF aus. Für alle Indie-Rock-Liebhaber, Powerfrauen-Supporter und Menschen mit gutem Musikgeschmack:

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    Fotocredit: Charlotte Krusche

  • Aze im Interview: »Wir akzeptieren die Schattenseiten mit offenen Armen«

    Aze im Interview: »Wir akzeptieren die Schattenseiten mit offenen Armen«

    „Aze? Den Namen hab ich doch schon mal irgendwo gehört, oder?“ Vielleicht habt ihr euch den Namen des österreichischen Pop-Duos seit unserer Review von ihrer Doppel-Single „Sweet Talk / Sidewalk“ bereits hinter die Ohren geschrieben. Wenn nicht, dann bekommt ihr hier eure nächste Chance. Selbst beschreiben die zwei ihre Musik als „sad, sexy Pop“ und dieser überzeugt auf voller Länge.

    Die zwei Aufsteiger haben im Interview mit Evelin über ihr frisch erschienenes Debütalbum „Hotline Aze“, mentale Gesundheit und die Bedeutung ihrer engen Freundschaft gesprochen. Und was Justin Bieber mit der ganzen Sache zu tun hat, erfahrt ihr am Ende.



    Aze im Interview

    Evelin: Erstmal ein herzliches Hallo, Beyza und Ezgi! Wie geht es euch? Wie ist die Stimmung so kurz vor dem Release eures Debüt-Albums “Hotline Aze”?

    Beyza: Hiiii! Ich muss sagen, ich bin seit ein paar Tagen schon sehr aufgeregt, weil das Datum immer näher kommt. Es fühlt sich teilweise noch so surreal an, dass das jetzt wirklich passiert. Es war mir zu langsam und zu schnell zugleich haha. Aber ich würde sagen, meine Stimmung ist, trotz Nervosität, dennoch sehr positiv gestimmt – I’m simply excited for everything that is still to come!

    Ezgi: Hellooo!! Same here! Ich weiß echt nicht, was ich gerade fühlen soll. Meine Moods gehen von super exited bis super anxious und schwanken die ganze Zeit hin und her. Ich hab zwar kein Kind, aber ich schätz‘ mal, dass es sich so anfühlen muss als Elternteil, wenn ein Kind vom Elternhaus wegzieht hahah.

    Evelin: Den Vergleich mit dem Kind find‘ ich super, haha. Wie würdet ihr eure Musik denn, jemandem, der/die zum ersten Mal davor ist, eure Musik zu hören, beschreiben?

    Aze: Am liebsten würden wir sie gar nicht beschreiben wollen und uns wünschen, dass sich die Person einfach mal drauf einlässt und selbst fühlt. Uns würde es interessieren welche Gesichtsausdrücke das erste Mal Aze hören bei den Leuten auslöst. Aber wir beschreiben unsere Musik selbst immer als sad & sexy und wir finden, das trifft’s schon sehr gut.


    Hotline Aze, how can I help you?
    Aze Hotline Aze untoldency indie pop music magazine Amelie Strobl

    Evelin: Das Album dreht sich ja um das Konzept einer Art Mental Health Hotline, deswegen auch der Name. Auch durch das Album hinweg werden Sprachmemos und Telefongespräche als Stilmittel verwendet. Wie fiel die Entscheidung auf genau dieses Konzept?

    Beyza: Wir sind ins Studio gegangen, um einfach mal draufloszuschreiben und ohne viel nachzudenken, damit wir mal ein Gefühl kriegen, was überhaupt alles möglich ist. Die Idee mit den Sprachmemos war anfangs nicht ausgedacht, sondern hat sich ergeben. Ich habe ein paar Tage vor dem Studio, eine Sprachmemo mit einem Guitar Riff und einer Chorus-Idee an Ezgi geschickt, was dann zu „Sweet Talk“ geworden ist. Das war der erste Song, den wir geschrieben haben. Irgendwann sind wir auch musikalisch in diese Richtung abgeschweift und im richtigen Moment kam noch eine Sprachmemo von Ezgi’s Schwester, die perfekt auf ein Instrumental gepasst hat. Die Konzeptidee an sich hat dann eigentlich als Joke begonnen. Aber da wir eben genug Instrumentals hatten, die nach einer Warteschlange geklungen haben, haben wir diesen Joke einfach weitergeführt and here we are.

    Evelin: Wo kommt diese Affinität für die 90’s her?

    Aze (B&E): Wir wollen uns jetzt nicht so vehement auf bestimmte Jahre eingrenzen, aber wir feiern einfach die künstlerische Leichtigkeit, die die meisten Artists in den 90ern und 2000er hatten. Wir sind immer schon Riesenfans von Hip-Hop und R’n’B gewesen, und für uns ist diese Zeit sehr von diesen Genres geprägt. Nicht nur was Musik angeht, sondern auch mehr Lifestyle, Fashion, usw. Für uns sind die 90er eine perfekte Mischung aus Kitsch und Gangster and we love it. 

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    „Wir wollen nicht mehr in unserer Trauer versinken„

    Evelin: Gab es spezielle Momente während des Entstehungsprozesses von “Hotline Aze”, die euch in Erinnerung geblieben sind?

    Aze (B&E): Wir haben das Album in einer Woche geschrieben und für uns war der ganze Entstehungsprozess sehr besonders, da wir anfangs schon nervös waren, ob jetzt überhaupt was Gutes dabei rauskommt, aber wir dann einen Song nach dem anderen geschrieben haben, weil es so gut geflowed hat. Wir tun uns schwer einzelne spezielle Momente zu wählen, weil für uns das Ganze mit all dem Drum und Dran einfach sehr schön war. Für uns steckt im Album nicht nur Musik, die wir selbst gerne hören, sondern auch random Gespräche, die wir geführt haben oder die Chipspackung, die wir dabei gesnacked haben. Wir sagen immer, dass es sich für uns ein bisschen so anfühlt wie ein Kind auf die Welt zu setzen und dann mit 18 loslassen zu müssen. Die Freude und Aufregung in unseren Gesichtern nach jeder nicen Hook oder jedem Riff werden wir auf jeden Fall immer in Erinnerung behalten. 

    Evelin: Im Album geht es ja viel um den eigenen Struggle, toxische Verhaltensweisen, Weltschmerz etc. In welchem Mindset ist das Album entstanden?

    Aze (B&E): Das Album ist eigentlich in einem sehr lockeren und lighthearted Mindset entstanden. Es repräsentiert auch sehr gut, wo wir persönlich grade stehen. Wir wollen nicht mehr in unserer Trauer versinken und dem ganzen so viel Macht geben, sondern haben über die Jahre hinweg gelernt, dass ein lockerer Umgang mit bedrückenden Themen und ein bisschen Distanz und Humor, um das Ganze auch mal von außen betrachten zu können, sehr guttun kann. Die EP war für uns sehr intense, da es uns persönlich auch so ging. Wir haben uns weiterentwickelt und sind gewachsen, und so auch unsere Musik. Inzwischen akzeptieren wir die Schattenseiten mit offenen Armen aber wissen auch, dass sie uns nicht ausmachen.


    Eine wichtige Lektion über mentale Gesundheit
    Aze Hotline Aze untoldency indie pop music magazine Amelie Strobl

    Evelin: Ihr thematisiert den Umgang mit den eigenen mentalen Problemen ja auch teilweise ironisch. Man nehme allein schon das Konzept des Hilfetelefons, was ja eigentlich gar keins ist, sondern fast das Gegenteil. Ich finde das manchmal auch problematisch, wenn man anfängt Traurigkeit und Depression zu romantisieren. Wie sieht euer Umgang mit mentaler Gesundheit aus?

    Aze (B&E): Es ist auch irgendwo problematisch, Traurigkeit und Depressionen zu romantisieren, aber wir denken, wenn man sich so in diesen Gedanken und Gefühlen gefangen fühlt, kann es schwer sein, das zu erkennen. Mentale Gesundheit ist zwar etwas, das viele Menschen betrifft, aber dennoch sehr individuell und subjektiv. Es ist ein sehr wichtiges Thema, auf das oftmals nicht so viel Wert gelegt wird und eines, das sehr entfremdet dargestellt wird. Uns persönlich hilft Humor und Ironie, das Thema an uns ranlassen zu können, ohne dass es erdrückt. An seiner mentalen Gesundheit zu arbeiten, braucht viel Kraft und Zeit, wobei wir denken, dass man nie auslernt.

    Wir denken, es ist wichtig, es nicht als eine Aufgabe zu sehen, die einen gerade belastet und hoffentlich bald wieder vorbei ist, sondern als Gefühle und Gedanken, die, aus verschiedenen und validen Gründen, einen zurzeit begleiten und dass das okay ist. Es gibt keinen Leitfaden, wann welche Gefühle verschwinden und wann neue kommen müssen. Manchmal tut es gut es einfach mal so stehenzulassen wie es ist und es versuchen nicht zu zerdenken. Es gelingt uns natürlich auch nicht immer, aber dann erinnern wir uns, dass sowieso alles so kommt wie es kommt. Jede/r muss für sich seine Wege finden und das auch in seiner eigenen Zeit, ohne Druck und Erwartungen von anderen oder von sich selbst.

    Evelin: Richtig schöne Worte! Würdet ihr sagen, dass das Album ein optimistisches oder eher verbittertes ist?

    Aze: Es ist ein sehr lighthearded Pop Abum geworden. Ein bisschen Melancholie ist immer dabei bei uns, aber der Umgang ist auf jeden Fall optimistischer und lockerer geworden.


    „Ohne großes literarisches Ramtam„

    Evelin: Gibt es einen Song, der euch am meisten Spaß gemacht hat? Ob während des Schreibens, der Produktion oder einfach beim Hören.

    Beyza: Ich hab in jedem Song so meine favourite parts und meine Lieblingssongs vom Album ändern sich auch immer wieder mal, aber „Sad Sensations“ bleibt immer in der Liste. Ich finde, mit dem Song haben wir mal ein bisschen was anderes probiert und er gibt mir so ein richtiges old school – Band Feeling. „Showbiz, Baby!“ hat beim Schreiben sehr Spaß gemacht und macht mir beim Performen auch immer gute Laune. Und „Sweet Talk“ wird natürlich auch immer einen special place in meinem Herzen haben, weil damit alles angefangen hat. 

    Ezgi: Natürlich gibt’s in jedem Song favorite Parts und für mich als die, die den Text schreibt, verschiedene Sparten des “sich ausleben”. „My own Business“ hat mir gezeigt, dass nicht jeder Song gesungen sein muss, um “belebt” zu werden. „Waterfalls“ auf der anderen Seite, hat mich beim Aufnehmen im Studio so viel Kraft gekostet und am Ende bewiesen, dass der erste Take manchmal einfach der Beste ist. „Silk“ hat mir die Mut gegeben, meine Texte so zu formulieren, wie ich mir’s denk – ohne großes literarisches Ramtam. „Showbiz“ hat mir erlaubt meine RnB-Vocalist Fantasien auszuleben, mit Slow Fade am Ende und alles und „Talk Away“ berührt mich jedes Mal, wenn ich’s hör‘. Helins und Jakobs Stimme auf dem Track sind für mich die Manifestation der Liebe und Geborgenheit. Production-technisch hat mir das Pannen am meisten Spaß gemacht – I love a good stereo experience hahah.


    „Vor dem Album mussten wir immer in getrennten Räumen Musik schreiben„

    Evelin: Wie hat eure Freundschaft euren Musikschaffungsprozess beeinflusst?

    Beyza: Die Innigkeit und Verbundenheit spürt man denke ich in der Musik auch. Wir harmonieren und verstehen uns, ohne viel sagen zu müssen. Vor dem Album mussten wir immer in getrennten Räumen Musik schreiben. Inzwischen haben wir gelernt, dass es auch zusammen gut funktioniert, haha.

    Ezgi: Ich bin sehr froh, dass wir zwei miteinander in einer Band sind und nicht in getrennten – auch wenn man gerade viel arbeitet und nicht großartig viele Leute außerhalb der Band treffen kann, trifft man so halt automatisch die beste Freundin, hahah. Außerdem ist es auch sehr angenehm, gemeinsam wachsen zu dürfen. Ich bin sehr dankbar für die Situation in der wir uns befinden.


    Die Geschichte beginnt und endet hier mit Justin Bieber

    Evelin: Am Ende jedes Interviews fragen wir nach einer untold story. Das kann was sein, was während des Entstehungsprozesses des Albums passiert ist, ein random fact oder alles andere, was ihr noch nicht mit der Welt geteilt habt 😊

    Aze: Most random Aze Fact ever ist, dass der Grund, warum wir überhaupt so gut befreundet sind – glauben wir jetzt retrospektiv – Justin Bieber ist. Wir waren halt wie ca. alle round 2009 hardcore Beliebers. Die meisten Songs aus seinen ersten zwei Alben trauen wir uns zu wetten heute noch plus minus zu beherrschen. Unsere Eltern haben uns damals extra vom Land zum Konzert nach Wien gefahren, wo wir ca. 6 Stunden vor Beginn schon da waren, um realistisch einen okayen Platz zu bekommen. Und wir versprechen, wir waren davon überzeugt das nächste “One less lonely girl” würde eine von uns sein hahaha.

    Evelin: Wie geil ist bitte diese Story?! Lieb’s! Danke für eure Zeit, hat mich total gefreut 😊


    Das neue Album „Hotline Aze“ von Aze möchte ich euch hiermit nochmal ganz stark ans Herz legen. Das Konzept stimmt, der Sound stimmt und man merkt wie viel Arbeit hier reingesteckt wurde. Obendrein sind die zwei auch bezaubernd. Hört definitiv unten mal rein und wählt euch selbst in die Hotline ein (so gute Musik habt ihr noch in keiner Warteschleife gehört, da bin ich mir sicher)!

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  • Elena Steri im Interview: »Am Ende vom Spaziergang bin ich heim gerannt und hab den Song gemacht«

    Elena Steri im Interview: »Am Ende vom Spaziergang bin ich heim gerannt und hab den Song gemacht«

    Dieses Interview ist der erste Teil der Kooperationsreihe VPByXUntoldency. Elena Steri ist Teil des Spitzenförderprojekts BY.on des Verband für Popkultur in Bayern e.V.s für Newcomer:innen aus Bayern.

    Endlich hat der erste Vorgeschmack auf ihr kommendes Album das Licht der Welt erblickt. “reset” heißt die neue Single von Elena Steri. Der Track vereint Gesellschaftskritik, Mehrstimmigkeit und Tanzbarkeit. Sie stellt die Ungleichberechtigung weiblich gelesener Personen authentisch und ohne aufdringlich zu sein, auch in einem beeindruckenden Musikvideo dar. Ich war beim Dreh des Musikvideos in Nürnberg vor Ort und habe Elena zum Interview getroffen. 


    Elena Steri im Interview

    Amélie: Hallo liebe Elena! Willst du dich erstmal kurz vorstellen?

    Elena Steri: Ich bin Elena Steri aus Nürnberg. Ich mache Indie-Elektro-Pop und bin 23 Jahre alt.

    Amélie: Wir haben gerade eine wilde Nacht hinter uns gebracht bei deinem Musikvideodreh. Ich wollte noch sagen, dass dein Outfit richtig cool war! Aber in dem Video wird es sicherlich wärmer aussehen als es tatsächlich an dem Abend in den Hallen des Bühnenfundus war, oder?

    Elena Steri: Ja, es war extrem kalt! In der ersten Dreh-Nacht hat es in den Hallen 3 Grad gehabt, gestern ging es dann aber sogar.

    Amélie: Stimmt, gestern war es mit ganz viel Tee auf jeden Fall aushaltbar (lacht).

    Der Musikvideodreh war zur ersten Single “reset” deines kommenden Albums. Single und Musikvideo sind jetzt veröffentlicht, also hört und schaut es euch unbedingt an!

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    Wie lange hast du denn an dem ganzen Album gearbeitet und wie geht es dir vor Release?

    Elena Steri: Das Album angefangen zu schreiben, habe ich so vor 3 Jahren. Dann haben sich die Songs daraus entwickelt. Meine EP kam ja letztes Jahr im Juli raus und eigentlich bin ich danach sofort weiter und habe Albumdemos produziert. Da war schon klar, dass ich im Dezember im Studio bin. Ich hatte echt nicht mehr so viel Zeit und war dann wirklich 2 Monate lang einfach jeden Tag in meinem Zimmer und hab diese Demos produziert. Es war mir voll wichtig die selbst zu machen. Im Dezember war ich dann im Studio und alles lief super kompakt hintereinander. Das ist aber auch cool, weil das Album eine Story erzählt und einen großen Themenkomplex behandelt. Es ist gut, dass die Songs näher beieinander sind, auch zeitlich, weil man dann besser den roten Faden entdeckt. Mir geht es sehr gut damit! Es ist ein sehr anstrengender, aber auch schöner Prozess gewesen, der sehr erfüllend war. Ich habe mit sehr vielen coolen Menschen gearbeitet. 


    “Es hat sich eigentlich gar nicht so viel verändert in mir drin, ich bin jetzt aber fähig, das was in meinem Kopf ist auch umzusetzen“

    Amélie: Neulich haben wir schon bei einer Show in Regensburg darüber gesprochen, dass deine neuen Sachen ein bisschen anders sind als das Bisherige. Was hat sich verändert und was ist der neue Einfluss bei deiner Musik?

    Elena Steri: Ich hab immer gesagt, dass ich nie elektronische Musik machen will. Jetzt mache ich aber genau die Sachen, die ich nie machen wollte (lacht). Das ist super krass und auch voll schön. Es hat sich eigentlich gar nicht so viel verändert in mir drin, ich bin jetzt aber fähig, das was in meinem Kopf ist auch umzusetzen. Ich hab angefangen und hatte gar kein Wissen wie man Musik produziert. Ich hatte meine kleine Ukulele als einziges Instrument, deswegen hab ich darauf gespielt. Das hat sich graduell weiterentwickelt. Eigentlich war das schon immer da, es ist nur jetzt auch hörbar.

    Amélie: Sehr cool! Das hat auf der Bühne auch in zweier Besetzung schon einen tollen Effekt gehabt mit den ganzen Synthesizern und der Loopstation.

    Als nächstes würde mich interessieren, wer waren deine musikalischen Einflüsse und Vorbilder in dem Mach-Prozess deines Albums?

    Elena Steri: Ich bin tatsächlich zu dem zurückgegangen was ich von klein auf schon kannte. Ich habe als Kind ganz viel Sophie Hunger gehört. Ich fand es immer sehr faszinierend, dass sie so viele unterschiedliche Songs hat, man sie aber trotzdem erkennt. Das war auch mein Ziel. Meine Konstanten sind, dass überall tausend Stimmen drin sind und die zum Teil ungewöhnliche Instrumentierung. 

    Maria Basel ist auch eine Künstlerin, die mich sehr inspiriert hat. Mit ihr habe ich auch einen Song für das Album gemacht. So auch Novaa. Ich habe also mit vielen Leuten gearbeitet, die mich auch musikalisch inspirieren. Das war cool!

    Amélie: Ich stelle es mir auch total schön vor mit Leuten zusammenzuarbeiten, die einen inspirieren. Du hast eben schon angesprochen, dass sich durch dein Album eine Art Leitfaden durchzieht. Ist deine neue Single “reset” dein Album-Favorit oder wird die Spannung für den Star noch gehalten?

    Elena Steri: Es ist ganz schwierig diesmal! Die Songs sind wirklich wahnsinnig unterschiedlich. Es gibt einen Song, bestehend aus nur Streichern und Stimme. Ich hab das komplett selbst arrangiert und auch viel ausprobiert. “reset” ist einer von den elektronischeren Songs, es gibt aber auch welche, die sehr laid back sind. Ich hab immer einen anderen Lieblingssong, kommt auf meine Tagesform an (lacht). Für jede Stimmung ist was drin, das macht es auch interessant.

    Amélie: Und welcher ist gerade im Moment dein Favorit?

    Elena Steri: “reset” ist auf jeden Fall gerade einer meiner favorites und ich höre gerade gerne einen Song, der nach “reset” kommt, “you sat there” heißt der. Es geht so um Gaslighting. Der hat einen richtig krassen Bass, das feiere ich!

    Amélie: Da bin ich gespannt! Aber bleiben wir nochmal bei “reset”. Worum geht es denn in dem Song?

    Elena Steri: In “reset” geht es darum, dass wir in einer Gesellschaft leben, die Frauen immer verspricht die gleichen Rechte zu haben. Aber dieses Versprechen wird nicht gehalten. Im Chorus singe ich “you broke your promise”, das ist damit gemeint. Auch, dass Frauen gegeneinander ausgespielt werden, zum Beispiel von der Schönheitsindustrie, und dass es viel cooler ist, wenn sich Frauen gegenseitig empowern. Ich habe mit so vielen Frauen geredet und diese eine Konstante ist immer Sexismus oder Diskriminierung. Ich glaube da kann jede Frau etwas zu erzählen, weil es etwas ist was uns verbindet. Durch diese Verbindung kann man auch irgendwie wachsen.

    Amélie: Das ist so ein wichtiges Thema was du damit ansprichst. Die Lyrics lauten ja auch “when parts of the industry already get uns to point at one and another”. In der Musikindustrie bekommt man das auch sehr mit. Meintest du auch explizit diese Branche?

    Elena Steri: Teilweise finde ich es schon sehr krass in der Musikbranche. Ich kam als Frau rein und dachte mir: “Krass, ich bin eine von sehr wenigen Frauen und hier sind ja nur Typen”. Erst dachte ich, es sei nur Zufall, aber dann war das immer so. Wenn andere Frauen mal mit mir im Line-Up waren, war immer von Konkurrenz die Rede. Ich hab mich aber immer voll gefreut, wenn sie da waren, dann ist es nicht so unangenehm. Es gibt einfach Sachen, die Männer nicht verstehen können. Deshalb war es mir auch voll wichtig, noch eine Frau in der Band zu haben.

    Oft wird auch gesagt, es gebe schon eine Frau im Line-Up. Es passiert immer noch zu wenig Auseinandersetzung und auch gerade beim Thema Musikerinnen als Mamas. Dann wird immer gefragt, wer denn jetzt auf die Kinder aufpasse und bei Männern wird es als voll cool abgetan.

    Amélie: Auch super wichtiges Thema. Ich glaube zu dem könnte die Line auch den Vergleichskampf von vor allem FLINTA-Personen bei Social Media meinen. Ich hab das Gefühl, dass man sich dort gegeneinander ausspielt, was eigentlich gar nicht sein müsste. Wolltest du dieses Thema auch in dieser Songzeile verpacken?

    Elena Steri: Ja, auf jedem Fall! Ich hatte das gerade am Anfang, als ich abrasierte Haare hatte. Es waren immer Typen, die nach Konzerten zu mir kamen und mir Tipps geben wollten. Sätze wie: “Du bist voll gut für eine Frau” und “Krass, dass du dich auf die Bühne stellst, du siehst ja auch nicht so normal aus”, fielen dann. Da wird gleich wieder eine Schublade aufgemacht und dass man nicht stimmt, so wie man ist. Als bedürfe es Mut sich vor Leute zu stellen, wenn man außergewöhnlich ist. 

    Durch sowas vergleicht man sich mit anderen und auch auf Social Media. Ich hatte super lang Komplexe damit wie ich aussehe beim Singen. Ich bin dann voll konzentriert und schaue nicht so viel ins Publikum, weil ich so drin bin. Das musste ich erstmal lernen, dass das okay ist nicht immer perfekt auszusehen.


    “Am Ende vom Spaziergang bin ich heim gerannt und hab den Song gemacht“

    Amélie: Ja, klar es ist voll der Prozess und es muss noch sehr viel passieren beim Thema Akzeptanz. Die Line “you broke your promise” hast du ja vorhin angesprochen. Meinst du mit “you” die Gesellschaft?

    Elena Steri: “You broke your promise” bedeutet für mich das Versprechen, dass wir alle gleich sind, aber es wird dieser Halbsatz weggelassen “wir sind zwar alle gleich, aber wir werden halt nicht alle gleich behandelt”. Das gilt für ganz viele Gruppen in der Gesellschaft auch hinsichtlich des Themas Rassismus oder sonstige Diskriminierung. 

    Der Song ist voll aus dem Bauch heraus entstanden. Ich wollte eigentlich erst einen anderen Song aufs Album machen, aber kam damit nicht weiter. Dann bin ich spazieren gegangen und als ich 20 Meter aus dem Haus raus war, ist mir der Anfang der Melodie eingefallen. Am Ende vom Spaziergang bin ich heim gerannt und hab den Song gemacht. Innerhalb von einem Tag war er fertig.

    Auch vor dem Hintergrund, dass mir kurz davor jemand sowas mit Konkurrenz und schon anderen Frauen im Line-Up gesagt hat. Das war dann die ganze Zeit in meinem Unterbewusstsein.

    Amélie: Das ist dann super authentisch und so gut, dass du die Realität so offen in deinen Songs ansprichst. In der Branche ist noch so viel gespielt, da tut das gut!

    Apropos gespielt, Queen der Überleitungen (lacht), kommen wir nochmal auf den Musikvideodreh zurück. Auch dort haben wir nur mit FLINTA-Personen gedreht. Worum geht’s und wie kam die Idee zu dem Musikvideo?

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    Elena Steri: In dem Video geht es um eine Protagonistin, die ich nicht selbst spiele. Ich wollte nicht nur meine Geschichte erzählen, deswegen war es mir total wichtig, dass dort eine andere Frau sitzt. Diese erlebt einen Übergriff auf dem Nachhauseweg von einer Party. Das Video erzählt die Hinführung und zeigt in Kamerakreisfahrten verschiedene Situationen davor, währenddessen und danach, wie der Übergriff sie verändert hat. Man sieht wie sie zur Polizei geht und voll aufgelöst ist und ihre Freundinnen, die ihr Support geben. 

    Mir war es total wichtig, dass da nur Frauen drin sind. In dem Verhörraum, spiele ich die Polizistin. Frauen können schon sehr ignorant gegenüber anderen Frauen sein. Ich hab früher bestimmt auch Sachen gesagt, die sexistisch waren, weil ich es nicht besser wusste und nicht so drin war in dem Thema. 

    Ich wollte also einmal die Konkurrenz zeigen, aber auch das Empowernde.

    Wir haben Kameratechnisch sehr aufwendig gedreht mit Kreisfahrten für unsichtbare Schnitte und wir haben die Kamera auf ein Gerüst montiert und über der Szene hin und her geschwungen. Ich bin schon sehr gespannt, wie das am Ende aussieht.

    Amélie: Ich auch! Es war super cool für mich am Set und ich habe mich auch mit den Leuten dort sehr wohl gefühlt.

    Elena Steri: Es war mir auch super wichtig, dass sich alle wohlfühlen. Viele Leute kannten sich nur über Ecken oder gar nicht. Ich hab ja über Instagram einen Aufruf gestartet, dass ich FLINTA-Personen für den Musikvideodreh brauche. Dadurch waren Leute da, die ich gar nicht kannte und auch gute Freundinnen von mir. Dafür hat es echt erstaunlich gut funktioniert, das fand ich sehr schön.


    “Ich finde es super wichtig, dass man als Musiker:in selbst weiß wie Dinge gehen, auch wenn man sie outsourced“

    Amélie: Kommen wir jetzt zu dem Thema BY.on. Du bist Teil des Spitzenförderprojekts BY.on des Verband für Popkulur in Bayern e.V.s (VPBy) für Newcomer:innen aus Bayern.

    Was hat sich seitdem bei dir verändert?

    Elena Steri: Extremer Vorteil ist die Reisenkostenförderung bei Shows. Wenn man niemanden hat, der das gut aushandelt, ist das oft sehr schwierig. Man bekommt dann die Gage und muss erstmal Reisekosten abziehen. Wir hatten das letzten September, da habe ich meine erste Show mit der Band gespielt und zwar gleich im Knust in Hamburg. Wir hatten die Gage und die Fahrtkosten waren nicht drin, sodass es eine Nullrechnung war. Dafür ist die Förderung super cool.

    Aber auch das Connecten mit den anderen Künstler:innen finde ich voll spannend. Vor BY.on kannte ich auch schon alle aus der letzten Runde und es ist voll schön, die Leute dann auch bei z.B. den Coachings zu sehen. Der Umgang ist sehr liebevoll und ich hab das Gefühl, dass man hinschreiben kann, wenn was ist oder man eine Frage hat.

    Natürlich gibt’s auch Plätze für Showcases. Die Komponente ist für uns extrem schön, gerade bei so Sachen wie dem c/o Pop-Festival.

    Amélie: Mit der Auftrittsförderung warst du jetzt und gehst noch auf Tour mit Me and Reas. Wie hast du das bis jetzt wahrgenommen?

    Elena Steri: Es ist schon lustig, wenn man als 23 jährige Frau mit fünf Männern auf Tour geht. Zwei sind schon verheiratet, haben Kinder und sind alle mindestens sechs Jahre älter. Ich hab mich davor schon ein bisschen gefragt wie es wohl wird, aber die sind alle super sympathisch. Es ist auch immer schön, wenn man viel unterwegs ist und sich die Städte am Nachmittag anschauen kann. Ich dachte immer, dass ich nicht gerne unterwegs bin, aber irgendwie hat sich das total geändert. Wenn ich dann mal länger Zuhause bin, fehlt es mir total.

    Amélie: Jetzt kommen wir dem Ende schon etwas näher. Was erhoffst du dir weiterhin von der Förderung? Hast du Ziele für die nächsten zwei Jahre, die durch die Förderung klarer werden können?

    Elena Steri: Ich nehme alle Coachings mit die gehen. Ich möchte voll viel lernen! Ich finde es super wichtig, dass man als Musiker:in selbst weiß wie Dinge gehen, auch wenn man sie outsourced. Und ich würde ultra gerne das Reeperbahnfestival spielen! 

    Ich möchte mich so viel wie möglich connecten, weil ich gemerkt habe, was das für eine Chance ist, wie viel Spaß es macht und wie gut man sich pushen kann, wenn man sich gegenseitig unterstützt.

    Amélie: Yes, Netzwerken ist Key! (lacht) 

    Jetzt folgen wir noch dem Konzept von Untoldency, was du auch schon kennst. Hast du für uns eine untold story, also etwas was du noch nie in einem Interview erzählt hast?

    Elena Steri: Als wir den Song “reset” gemacht haben, hatte ich am Anfang Trompeten und Streicher drin. Wir hatten dann kurz Kontakt mit Meute, der Techno-Marching-Band, und dann war die Überlegung, ob wir zusammen den Song machen wollen. Das hat dann zeitlich nicht hingehauen. Die Richtung vom Song hat sich dann in dem Moment ein bisschen geändert, als wir, Antonia aka Novaa und ich, eigentlich nur ein Drumsample gesucht haben. Wir sind aus versehen zu lange auf der Taste des Midi-Keyboards drauf geblieben und dann kam ein ganzer Techno-Beat raus. Wir saßen beide da und fanden es cool. Antonia meinte, wenn wir das so machen wollen, müssten wir den ganzen Song umshiften. Ich meinte nur: “Let’s do it!”. Einen Tag später war dann der Song so, wie er jetzt ist.

    Amélie: Das ist eine schöne untold story! Danke für all die Einblicke, die du gegeben hast, es hat super viel Spaß gemacht.

    Elena Steri: Mir auch. Danke dir!

    Wer Lust hat ein bisschen durch die Wohnung zu tanzen und neugierig auf den neuen Stil von Elena Steri geworden ist, sollte sich ihre neue Single “reset“ jetzt anhören!

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    Foto Credits: Ivana Marija Hope, Amélie Ostara Freund

  • Anoki im Interview: »Nach einem jahrelangen Prozess hat sich alles ganz intuitiv zusammengefügt«

    Es ist wohl nicht mal mehr ein offenes Geheimnis, dass wir große Fans von Anoki sind. Nicht umsonst hat er es zwei Jahre in Folge in unsere artists to watch geschafft. Im April 2022 hat er nun seine EP „Irgendwann wird alles leichter“ veröffentlicht. Jule hat sich dazu Ende Mai mit ihm zum Brunchen getroffen, um über die zentralen Themen der EP – Rassismus, mentale Gesundheit und eine bessere Welt – zu sprechen. Das, und warum ihr Anoki in seiner freien Zeit zukünftig nur noch zu Wasser antreffen werdet, erfahrt ihr jetzt. Viel Spaß.


    Anoki im Interview

    Jule: Hey Anoki. Erst einmal freue ich mich stark, dass das heute geklappt hat. Wie geht’s dir?

    Anoki: Mir geht es heute ausgesprochen gut, weil ich sitze jetzt hier mit dir, bei einem Kaffee und einem Croissant und das ist sehr schön. Mir geht’s wirklich gut. Wir sind gerade viel im Studio und machen eine neue Single für den Sommer fertig. Und der Sommer wird auch richtig gut, wir spielen viele Konzerte. Deswegen geht’s mir gerade… heute ist ein echt guter Tag, ja.

    Jule: Das freut mich zu hören. Es ist jetzt knapp zwei Monate her, seit deine Platte „Irgendwann wird alles leichter“ erschienen ist. Ist für dich seitdem schon etwas leichter geworden?

    Anoki: Ey, tatsächlich, also: Das Große und Ganze ist natürlich immer noch schwer. Aber diese Platte rauszubringen war für mich schon ein Schritt dahin, dass es leichter für mich ist, zu sagen: „Das ist, was ich mache, das ist die Musik, die ich mache, dafür stehe ich“. Das ist für mich auf jeden Fall immer ein großes Ding gewesen, zu Sachen richtig stehen zu können und in dem ganzen Wahnsinn, den wir jeden Tag zu tun haben, so eine Sache zu finden, die MEIN Ding ist. Ich habe in meinem Leben schon in super vielen unterschiedlichen Jobs gearbeitet. Aber das ist für mich eine so große Sache, dass es mir jetzt leicht fällt zu sagen, dass ich Musiker bin, das ist meine Musik, das ist mein Baby, da bin ich sehr stolz darauf – das ist schön.

    Jule: Das war vorher anders?

    Anoki: Ja, auf jeden Fall. Also jetzt nicht unbedingt, was den Musik-Anteil betrifft. Aber es ist ja trotzdem immer so, „Musik ist ja kein Job“. Bestes Beispiel: Stell dir vor, du bist auf einem Klassentreffen. Der eine sitzt im Autohaus, die andere arbeitet bei der Sparkasse. Dann gibt es vielleicht welche im Studium oder so, aber alle können handfest erzählen, was sie in ihrem Job machen, wie viel sie im Monat verdienen, dass sie sich irgendwo ein tolles Haus hingestellt haben. Und dann saß ich dabei und dachte mir „Ja keine Ahnung, ich mache halt Musik“. Da kommen dann natürlich die immer gleichen Fragen. Ich hatte da oft nicht die Energie, alles immer wieder zu argumentieren und zu rechtfertigen, es kommt trotzdem immer wieder dieses „Ah, und kann man davon leben? Ah, und wie lange willst du das noch machen? Und wie ist das? Und ist der und die, sind die nett?“. Dann habe ich halt sowas wie „Aber ich studiere ja auch“ oder „ich arbeite da und da“ gesagt, obwohl das dann vielleicht gar nicht stimmte, aber ich hatte meine Ruhe. Das hat sich auf jeden Fall geändert, ich kann jetzt freier sagen „Hey, das ist meine Musik, da kannst du sie hören, viel Spaß“.

    Jule: Ist das echt immer noch so, dass man so oft gefragt wird, ob man damit Geld verdienen kann?

    Anoki: (lacht) Ja, aber man ist ja auch so ein bisschen in einer Bubble. Wir arbeiten in dieser Branche, für uns sind die Strukturen klarer. Aber ich vergesse oft, dass es immer noch ein Außen gibt, eine Welt, die damit gar keine Berührungspunkte hat. Und das ist dann so die Schwelle, da gibt es sehr viele offene Fragen. Ich kann mir vorstellen, was man macht, wenn man in der Sparkasse arbeitet. Aber viele können sich nicht vorstellen, wie das ist, einen Song zu machen oder sowas. Du machst ja als Musiker*in erstmal alles: Du fährst auf Konzerte, kümmerst dich um den ganzen Ablauf. Das fängt schon bei Bus-Miete an, bei der Kalkulation, kannst du das mit der Gage überhaupt fahren? Du hast eine Band, die musst du bezahlen. Dann musst du gucken, macht das strategisch Sinn, wenn ich jetzt dreimal hintereinander in Hamburg spiele? Und währenddessen solltest du auch noch neue Songs schreiben. Nicht zu vergessen, Social Media: wäre schon cool, wenn du noch bisschen mehr auf TikTok machst. Es ist halt ultra kleinteilig und die Aufgaben und ihre Gewichtung verändern sich ständig, je nach Jahreszeit. Wir merken gerade beide, es gibt da einfach viel zu erzählen und dementsprechend auch viele offene Fragen.


    „Das alles kann Rap sein, das macht Spaß, es gibt Möglichkeiten“

    Jule: Apropos nicht wissen, wie man einen Song macht. Lass uns doch ein bisschen über die Entstehung deiner Platte quatschen. Wie ist „Irgendwann wird alles leichter“ zu dem geworden, was es heute ist?

    Anoki: Also, ich wollte schon sehr, sehr lange eine EP machen, das war der große Plan, für viele Jahre. Ich habe super viele Songs geschrieben und nichts davon rausgebracht, weil ich, wenn ich ehrlich bin, nie zufrieden war mit dem, was da entstanden ist. Irgendwas klang immer ein bisschen zu sehr nach dem oder die Inspiration war nicht weit genug von dem entfernt. Und dann kam 2020, Lockdown, Stillstand. Alles war leer, es gab keine Events, keine Produktionen mehr, es war alles auf Null. Im April 2020 war dann die erste Session für diese Platte und wir haben „Sie bauen eine Mall“ geschrieben. Wir haben Instrumente in die Hand genommen, wir haben das alles eingespielt und das war für mich so – das alles kann Rap sein, das macht Spaß, es gibt Möglichkeiten. Und das war so der zündende Funke für mich, die Blaupause, wie ich das machen möchte. Und dann habe ich das mit Tim Tautorat und Dennis Borger möglich gemacht. Wir haben uns fast jeden Tag im Studio getroffen und an den Songs gearbeitet. Der Bremshebel war umgelegt, es hat sich ganz intuitiv einfach alles zusammengefügt. Wir sind dann 5 Tage und Nächte in die Freudenhaus Studios gegangen, haben tonnenweise Equipment im Studio aufgebaut und aufgenommen. Irgendwann war das auf einmal alles da. Nach diesem jahrelangen Prozess war es einfach da.

    Jule: Aber warum nennst du die Platte EP und nicht Album, es sind ja immerhin 9 Songs drauf.

    Anoki: (lacht) Das fragen sich einige. Ich bin einfach mit dem festen Wunsch rangegangen, dass es eine EP wird. Weil das Thema „Album“, ich finde das sehr holy irgendwie. Und ich weiß, dass „Irgendwann wird alles leichter“ einfach eine EP ist. Auch wenn sie einen roten Faden hat, auch wenn sie soundästhetisch zusammenpasst, auch wenn die Geschichte zusammenpasst, der Titel das alles zusammenfasst. Ich weiß, dass wenn ich das Album mache, dass das nochmal anders wird und ich weiß, dass es nochmal ein Schritt mehr wird. Ich wollte hier einfach auch ein paar Sachen ausprobieren so, weißt du? Bei einem Album möchte ich mir aber sicher sein, mit allem, was ich tue. Bei der EP bin ich mir im Nachgang auch sicher, aber der Weg dahin war super viel trial and error. Und jetzt weiß ich genau, wie ich möchte, dass das Album funktioniert.

    Jule: Du hast gerade die zusammenpassenden Geschichten angesprochen. Deine Texte sind ja auch sehr intim, tun an den wichtigen Stellen weh, machen aber zum richtigen Zeitpunkt noch die Biege, sodass man gerade so nicht anfängt zu heulen. War es dir wichtig, dass die Platte diesen Funken Hoffnung behält? Sie ist ja schon sehr schwer, das muss man zugeben.

    Anoki: Das hast du voll schön zusammengefasst, danke. Also der Titel alleine ist ja schon eine Kernessenz: Wir machen gerade so viel Scheiß mit, beißen uns irgendwie durch, weil wir alle davon ausgehen, dass es leichter wird. Sonst würden ganz viele Sachen auch gar nicht funktionieren. Ganz viele Leute könnten ihre schweren Jobs nicht machen und durch ihre schweren Tage kommen, wenn diese Hoffnung nicht da wäre. Und diese Perspektive zu haben, das ist der rote Faden der Platte. Ich habe genau das gesagt, was in mir vorgeht. Das sind oft sehr dunkle Sachen, aber wir haben die so in Instrumental-Gewänder eingebettet, dass es trotzdem irgendwie eine Leichtigkeit mitgibt. Es war eine krasse Challenge, aber ich finde, die Balance ist gut durchgekommen. Deswegen: Ja, war es mir sehr wichtig, dass diese Perspektive, das Leichte, auf jeden Fall fühlbar und erlebbar ist.


    „Ich lege mich in die Sonne, lese ein Buch oder male irgendeinen Quatsch“

    Jule: Du sprichst auch schon länger offen über Panik, Angst, Depression. Wie schaffst du es, dich selbst aus einem Loch rauszuholen? Ist das für dich auch die Musik oder gibt es auch andere Sachen, die dir helfen?

    Anoki: Ich habe für mich rausgefunden, dass es mehr gibt als Arbeit. Guck mal, ich liebe ja, was ich tue und das macht mich immer happy. Das ist immer geil, aber es ist trotzdem alles Arbeit. Und rauszufinden, dass es auch andere Dinge gibt, die mich erfüllen können, die nicht Arbeit sind, also Sachen, die keinen verwertbaren Output haben: Ich lege mich in die Sonne, lese ein Buch oder male irgendeinen Quatsch. Das hat mir geholfen, nicht mehr in eine Panik reinzurutschen. Panik kommt bei mir immer mit einer ganz krassen Überforderung zusammen, wenn alles ballert und von allen Seiten über lange Zeit die Belastung hoch ist. Aber natürlich war das auch zwei Jahre Therapie. Das ist auf jeden Fall ein heißer Tipp für ganz viele Leute, auch wenn der Weg dahin super schwer ist – auch, sich das selbst einzugestehen. Es ist nicht normal, morgens aufzuwachen und müde zu sein oder abends im Bett zu liegen und Angst zu haben, dass es zu Ende geht. Nur mit einem guten Mindset und zu sagen „Ich mach Pausen und nur schöne Sachen“ ist eine Panikstörung oder Depression einfach nicht zu behandeln. Es ist einfach ein normales Krankheitsbild. Wenn du Rückenschmerzen hast, gehst du auch zum Arzt, das ist ganz normal. Aber eine Therapie nicht? Bestes Beispiel: Berufsunfähigkeitsversicherung. Kriege ich nicht, weil ich eine Therapie gemacht habe. Was zur Hölle ist das? Ich meine, ich gehe doch zur Therapie, damit ich noch ein bisschen mehr vom Leben habe und eventuell auch länger dabei bin. Aber für solche Versicherungen ist das einfach ein Ausschlusskriterium, da bist du einfach raus. Das ist doch nicht normal. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der das normal ist, ich möchte darüber offen sprechen können und nicht dafür bewertet und absolut nicht institutionell bewertet werden. Das finde ich ganz, ganz furchtbar.

    Anoki, Irgendwann wird alles leichter, IWAL, Interview, Hiphop, Rap, EP, Geister, Schüsse, Indie, Blog, Magazine, untoldency, Janos Götze


    Jule: Auch ein großes Thema der EP ist Rassismus, dem du selbst ausgesetzt warst und bist, dem andere ausgesetzt sind. In „Schüsse“ geht es um den Anschlag in Hanau am 19.02.2020 – einer von vielen, das muss man ja leider auch einfach mal sagen. Begleitet und beeinflusst dich sowas in deinem täglichen Leben?

    Anoki: Auf jeden Fall, ja, klar. Das ist aber auch super vielschichtig. Ich komme ja aus einer Kleinstadt, bin in Bayern aufgewachsen und da habe ich das tagtäglich, physisch und psychisch, erlebt. Ob Polizei, Lehrkräfte, Mitschüler*innen, das war Gang und Gebe. Es gibt einfach hierarchische Strukturen, die sich aufbauen und oben stehen einfach selten Leute, die Migrationserfahrung haben. Kennst du diese Racial Stress Theorie? Durch das Aufwachsen in diesen Strukturen ist dein Stresslevel grundlegend einfach höher, weil du immer eine Bedrohungssituation siehst. Du bist einmal am „falschen Ort“ und bekommst die Fresse poliert. Das passiert dir ein-, zweimal. Dann siehst du eine Person, die sieht aus wie die, die dir das angetan hat. Das könnte jetzt also wieder eine Gefahrensituation sein. Damit ist dein Stresslevel ist die ganze Zeit angespannt. Ich war dann immer so, ich bin jetzt extra nett zu Leuten, ich spreche extra gut Deutsch mit ihnen, damit die sehen, okay, der ist gut integriert, bla bla bla. Das lässt sich auch direkt zusammenführen mit dem Thema Depression und Angststörung – was ich eben ja schon erzählt habe. Es gibt tagtäglich solche Situationen, das ist ein großes Thema.


    „Ich würde mir wünschen, dass es gerechter zugehen würde“

    Jule: Wie würde eine bessere Welt für dich aussehen?

    Anoki: Also ich würde erst einmal ganz viel umverteilen und viele Leute enteignen (lacht). Das war jetzt ein bisschen plakativ gesagt, aber Fakt ist: Vieles ist einfach super ungerecht. Viele unserer Sorgen, Ängste, Nöte und Krankheiten basieren darauf, dass jeder Tag ein Struggle ist. Wie zahle ich die Miete? Wie bringe ich meine Familie durch? Will ich diesen Job? Das fußt alles darauf, dass für viele Leute jeder Tag ein Kampf ist. Es gibt Menschen, die sind über 50 und müssen drei Jobs machen, um zu überleben, das ist doch geisteskrank. Man redet immer so über diese Leistungsgerechtigkeit – das ist ja so ein geiles Wort von neoliberal argumentierenden Leuten. Wenn du viel leistest, verdienst du viel. Ja, haben wir in den letzten Jahren ja gesehen. Wenn du im Krankenhaus auf der Intensiv arbeitest, dann leistest du anscheinend sehr wenig, weil du verdienst ja auch sehr wenig. Ich würde mir wünschen, dass es gerechter zugehen würde. Wir hätten ein viel längeres Leben, wenn Armut nicht tabuisiert wird, sondern normalisiert wird und wenn Programme greifen und nicht stigmatisiert werden. Ich glaube, das wäre eine gute Welt. Im Song „Irgendwann wird alles leichter“ habe diesen Ort in meinem Kopf gebaut. Wo es egal ist, welche Schuhe wir tragen. Wo es egal ist, wo wir herkommen.

    Jule: Auch ein zentraler Punkt auf deiner EP ist das Fragen und Hinterfragen. Und du traust dich aber auch, manche Fragen unbeantwortet zu lassen, weil du sie gerade einfach nicht beantworten kannst. Bei mir ist beim Hören angekommen, dass du dir über sehr viele Sachen Gedanken zu machen scheinst. Bist du ein nachdenklicher Mensch?

    Anoki: Ich glaube, das ist Teil dieses Abwägens von Situationen: Ist die Situation gerade gut oder schlecht für mich, ist sie gefährlich oder nicht gefährlich. Meine Freund*innen nennen das „Grübeln“ und fragen mich oft „Grübelst du gerade wieder?“ (lacht). Ich merke das ja auch, ich mache das sehr viel und ich merke auch, dass ich das ein bisschen weniger machen muss, weil mir damit auch echt auch viel Energie und Freude flöten geht. Aber ich kann sehr schwer abschalten irgendwie. Das wird ein bisschen besser gerade, was aber auch damit zu tun hat, dass ich mich wohler fühle. Aber ja, ich denke ein bisschen zu viel nach und wünsche mir oft, das einfach mal ausmachen zu können und einen Moment einfach so geil zu finden. Das ist mein Projekt für den Festival-Sommer. Wir spielen so viele Shows, meine wunderbare Band und ich haben da so lange drauf hingearbeitet. Ich weiß nicht, wie lange wir das noch machen können, deshalb will ich es einfach nur genießen.

    Jule: Du überzeugst ja nicht nur mit genre-übergreifenden Sounds, darauf war ich vorbereitet. Aber auf die Wortgewandtheit und Texte, darauf war ich nicht so ganz vorbereitet. Und die hat mir beim ersten Hören der EP ein bisschen den Boden unter den Füßen weggezogen. Weißt du eigentlich, wie gut du mit Worten bist?

    Anoki: Wow Jule ey, danke (lacht). Also ich schreibe ja schon sehr lange Texte. Ich habe immer Musik gemacht, habe aber nie ein Instrument gelernt – mit Zettel und Stift konnte ich aber trotzdem immer an einer Band teilnehmen. Das habe ich schon immer gemacht und deshalb auch Linguistik studiert, weil ich das super geil finde. Ich schreibe ja auch für viele andere Künstler*innen, weil ich Sprache liebe. Ich meine schon, dass ich ein gutes Gespür habe für Wortästhetik und so.

    Jule: Das meine ich auch!

    Anoki: … das freut mich wirklich sehr, weil mir Texte super wichtig sind. Ich habe jetzt diesen einen Schritt gemacht. Früher habe ich immer eine Grenze gezogen, dass ich Texte nicht zu nah werden lasse. Ich wollte immer noch so eine Mauer haben zwischen dem, was in meinem Inneren abgeht und dem, was ich sage. Und das habe ich jetzt einfach mal versucht einzureißen. Ich habe diese Worte, dann kann ich sie doch auch benutzen. Warum versperre ich mich dagegen, die Dinge zu sagen, die tatsächlich in mir vorgehen? Deshalb finde ich es sehr schön, wenn Leute diese Texte gut finden und mit diesen Aussagen etwas anfangen können. Wir haben auf der Platte auch komplett auf den Aufbau von typischen Popsongs geschissen. Und diese Texte stehen irgendwie trotzdem so im Vordergrund und die Songs bauen sich so um diese Texte rum auf, das war ein cooler Step irgendwie.


    „Auf der eigenen Tour zu zocken, das wird ultra geil“

    Jule: Ein nächster cooler Step ist auch, dass du im September gemeinsam mit Kaltenkirchen auf Tour gehst. Wie sind deine Gefühle dazu?

    Anoki: Jetzt richtig gut. Wir haben ja gerade OK KID auf ihrer „Kleiner Drei“-Tour supportet, durch kleine Clubs. Und das sind fast die gleichen Clubs, in denen wir auch im September auf unserer Tour spielen. Ist natürlich geil, dass ich den Leuten halt schon vorab meine Musik präsentieren konnte (lacht). Ich merke auch, die Leute kaufen wieder Konzertkarten. Das war direkt nach Corona natürlich sau schwer, weil alle halt noch 1.000 Karten am Kühlschrank hängen hatten. Aber ja, im September touren wir dann und ich hoffe, dass das alles funktioniert. Ich habe sooo Bock. Natürlich habe ich auch Bock auf diese 40 Konzerte im Sommer aber dann nochmal im September auf der eigenen Tour zu zocken, das wird ultra geil. Ich kann es wirklich nicht erwarten. Es juckt so sehr, also kommt alle dahin, wir sind auch in eurer Nähe (lacht).

    Jule: Dann kommen wir auch schon zu letzten Frage, die traditionell bei uns die nach einer untold story ist. Etwas, dass du noch nie in einem Interview erzählt hast.

    Anoki, Irgendwann wird alles leichter, IWAL, Interview, Rap, Hiphop, EP, Geister, Schüsse, Indie, Blog, Magazine, untoldency, Paul Weber.jpg

    Anoki: Okay, also, das hat aber gar nix mit Musik zu tun. Ich habe letztes Jahr, es war Corona, ein bisschen zu viel Zeit im Internet verbracht, wie ungefähr alle. Ich habe damals noch studiert und an meiner Uni kommt man relativ cheap in so Segelkurse rein, also habe ich einen Segelkurs gemacht. Dann bin ich immer so 4 Stunden auf dem Wannsee gesegelt und danach ins Studio gefahren, um Mucke zu machen – wie geil isses? Dann bin ich aber leider in so ein rabbit hole gefallen und habe auf eBay Kleinanzeigen ein altes Segelboot gefunden, das in einer Scheune in Sachsen-Anhalt stand. Das Ding war eine richtige Ruine, kannst du dir nicht vorstellen. Aber ich bin hingefahren und das war alles suuuuper dubios (lacht). Da ist so ein freilaufender Pitbull mit Nietenhalsband rumgelaufen, der an der Pfote geblutet hat und der Besitzer meinte nur so: „Das ist ganz normal, wenn der gestresst ist, beißt der sich immer“ – und das beschreibt eigentlich den ganzen Vibe (lacht). Und naja, dann habe ich dieses Boot halt gekauft.

    Jule: Hahahaha! (Anm.: Ich weiß, dass sich ein „hahaha“ eher awkward liest, aber das war der einzige Weg, mein lautes Lachen zu verschriftlichen, verzeiht mir)

    Anoki: Es wird noch besser. Ich habe das Boot dann an der Grenze zu Brandenburg ins Wasser gelassen. Dann habe ich es 4 Tage am Stück nach Berlin überführt. Durch sieben Schleusen. Das habe ich natürlich noch nie vorher gemacht. Ich war nervlich ein Wrack, wir waren zwar zu zweit, aber es war trotzdem die blanke Superhölle (lacht). Jetzt habe ich aber einen Stellplatz gefunden in einem wunderbaren Segelverein. Es ist so funny da, wie ein Kleingartenverein, aber mit Leuten, die gerne chillen und Bier trinken. Da konnten wir das Boot jedenfalls ordentlich reparieren, mit Freund*innen, die auch handwerklich Ahnung davon hatten. Uuuuuund, vor einer Woche waren wir endlich das erste Mal richtig damit segeln. Das war so geil, so geil. Ich werde also im Sommer, wenn ich in Berlin bin, nicht Zuhause sein, sondern die Zeit ausschließlich auf dem Segelboot chillen, den Anker auswerfen, Aperol saufen und mein Maul halten (lacht).

    Jule: Und dabei wünsche ich dir den größten Spaß. Und Respekt, ich habe bei noch keiner untold story so viel gelacht, vielen Dank fürs Teilen. Und natürlich auch vielen Dank für deine Zeit!


    Wenn ihr jetzt auf der Suche nach einem Soundtrack für eure nächste Segeltour seid oder jetzt einfach nur Bock habt, Anokis EP auf Repeat zu hören, dann könnt ihr das hier gerne tun:

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    Fotocredits: Janos Götze (Titelbild, Bild 2), Jens Krahe (Bild 1), Paul Weber (Bild 3, Screenshot)

  • OK KID im Interview: „Wir sind über jeden einzelnen Song happy, das war bisher nie so“

    OK KID im Interview: „Wir sind über jeden einzelnen Song happy, das war bisher nie so“

    Es ist September 2021, eine warme Sommernacht in Gießen folgt einem bunten Tag, auf dem Gelände des Stadt ohne Meer Festivals wird es ruhiger – scheinbar. Eine große Überraschung haben OK KID auf ihrem eigenen Festival natürlich noch parat. Mit unangekündigtem Auftritt, eindrucksvoller Lichtinstallation und Feuerwerk kündigte die Band ihr neues Album DREI an. Inklusive Vorgeschmack auf die bis dahin unveröffentlichte Single Mr. Mary Poppins und Album Cover-Reveal. Nun sind Monate vergangen und DREI erblickte am 13.05. das Licht unserer Streaminganbieter und Plattenregale. Der spektakulären Ankündigung auf dem Festival sind OK KID auf jeden Fall gerecht geworden.

    Auf 11 Tracks, die aktueller und greifender kaum sein könnten, beweisen sie, wie viel Energie und Kreativität noch in ihnen steckt. Von mächtigen Rock-Sounds, politisch cleveren Bemerkungen bis hin zu gewohnt tiefgründigen Zeilen voller Melancholie decken OK KID alle Facetten gelungen ab. Facetten, die uns vielleicht bis hierhin noch gar nicht bewusst waren. Und eine Breite an Themen, die wir nur nach wiederholtem Hören vollständig begreifen. Zwar ist es nicht ihr drittes Album, doch mit dem Albumtitel knüpft die Band an ihr zweites Album Zwei (2016) an und zeigt seinen Hörer*innen, um wen es sich hier handelt. Nämlich um Jonas, Moritz und Raffi. Wie der Song „Nur wir 3„ schon in 2019 sehr ehrlich die Geschichte erzählte: Von Label, Management, Produzenten und Bookingagentur getrennt, arbeiteten die drei Wahlkölner nun völlig eigenständig. Und man hört, dass ihnen das gut tut! Auch die neu gesammelte Energie nach der ersten Auszeit von einander in 10 Jahren Bandgeschichte, scheint sich wohl gelohnt zu haben. 

    Man bekommt die Auf- und Umbruchstimmung als Hörer*in mit voller Wucht zu spüren. Sowohl die, die Bandintern geherrscht hat, als auch die, die musikalisch darin steckt. Mit höchstem Maß an Reflexion, sich selbst, seinem Umfeld und der Gesellschaft gegenüber, vermittelt das Album den Eindruck einer neu begonnenen Zeit. Oder ist alles doch schon immer so gewesen? OK KID wissen, wie sie mit ihrem kritisch betrachtendem Auge zum Nachdenken anregen und anstoßen. Und Sänger Jonas bewies schon immer, dass er weiß, wie er geschickt die passenden Worte findet. Selbst für die Dinge, die man weder aussprechen, noch wahrhaben möchte. Doch auf diesem Album ist es der Band vor allem gelungen, die Inhalte auch soundtechnisch genauso angemessen, überzeugend und ja, manchmal sogar angreifend, zu gestalten, wie ihre Aussagen. Die anhaltende Diskussion darüber, ob ihre Musik denn Rap oder Pop sei, ist nun noch irrelevanter als zuvor. Egal, wie sehr man drücken und pressen würde, DREI würde in keine Schublade hinein passen.

    Ursprünglich hatte ich keine bestimmten Erwartungen an das Album, ich war eigentlich bloß neugierig. Jetzt, wo ich das Album nun schon eine Weile hören und an mich ranlassen durfte, kann ich sagen, dass es objektiv und subjektiv die beste Veröffentlichung von OK KID ist. Als Cold Brew, der vierte Teil der Kaffee Warm-Reihe zum Release angesetzt war, hatte ich ein wenig Angst. Die bisherige Trilogie schien so perfekt, geliebt und gefeiert, wie ein langjähriger Begleiter. Und plötzlich eine Fortsetzung? Ja. Und im nachhinein kann ich nicht glauben, dass ich überhaupt eine Sekunde daran gezweifelt habe, dass sie dem nicht nochmal gerecht werden könnten. OK KID haben auch mir bewiesen, dass sie nicht einfach nur beständig sein können, sondern sich sogar steigern können. Wenn man durch die Tracklist stöbert, wird die Emotionalität der Songs wie Cold Brew und Leben light von totalen Überraschungen wie Bubblegum und Es regnet Hirn umklammert. DREI ist kein Album, das spurlos vorbeigeht und dann in der verstaubten Ecke der totgehörten Spotify-Playlist landet. Mal ist es eine verständnisvolle Umarmung und mal ein Tritt in den Magen, aber in beiden Richtungen verbleibt ein anhaltender Eindruck.

    Ehrlicherweise ist eine Sache, die mich an OK KID immer begeistert hat, das Gefühl, dass sie niemals aufhören zu sein. Auf erste Veröffentlichungen, die bis heute zeitlos wirken, folgten immer wieder neue Ideen, neue Anstöße, neue Projekte, Selbsterfindung und Wiederfindung. Und zwischen ihrem dauerhaften Streben nach Optimierung und angenehmer Konstante war das Gefühl beständig, dass “OK KID” das ein und alles für sie ist. DREI weist Gründe auf, um nachts nicht mehr schlafen zu können und bietet im selben Moment Hoffnung, um es doch endlich wieder zu tun. DREI fühlt sich wie ein aufbrechender Neuanfang und ein grandioses Finale in Einem an. Ich bin so froh, dass nun alle die Möglichkeit haben, dieses Album in das eigene Leben willkommen zu heißen. Und es hoffentlich nicht mehr gehen zu lassen.

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    Kurz vor dem Album Release trafen sich vier Gießener*innen per Zoom, drei davon sind Jonas, Moritz und Raffi.

    OK KID im Interview

    Dascha: Wie fühlt ihr euch so kurz bevor das Album endlich erscheint?

    Jonas (OK KID): Es ist schon so surreal, weil es auch schon mal verschoben wurde. Im September haben wir es angekündigt und dann gab’s die ganzen Verschiebungen, weil es keine Vinyl mehr gab und die Tourverschiebung, das ganze hin und her… Wir haben zwei und halb Jahre keine richtige Show mehr gespielt und sind sehr froh, dass jetzt was neues da ist, mit dem wir wieder auf Tour gehen können. Wir sind auch gespannt wie es ankommt, heute haben die ersten Menschen schon ihre Vinyl bekommen. Mega aufregend, was in den nächsten Tagen so abgehen wird.

    Dascha: Voll schön, dass da jetzt so viel passiert! Nennt mal ein paar Sachen, die für euch auf diesem Album ein erstes Mal waren?

    Raffi (OK KID): Wir haben zum ersten Mal auf Albumformat alles selber gemacht. Angefangen bei der Produktion, wir hatten ja keinen externen Produzenten, außer auf einem Song Tim Tautorat, ansonsten haben wir alles selbst produziert. Alles was drum herum passiert machen wir auch selber. Wir managen uns selber. Wir haben quasi noch ein Produktmanagement, also Leute die für uns in verschiedenen Promo-Bereichen arbeiten, aber alles mit unserer Abstimmung. Es ist alles ein riesen Haufen Arbeit. Aber das führt natürlich dazu, dass das Album einfach wir sind. In jedem Bereich. Es sieht alles ganz genau so aus, wie wir das wollten. Alles läuft genau so, wie wir das zusammen gebaut haben. Nicht nur die Mucke, sondern eben auch alles andere.

    Dascha: Ich finde, dass man das auch hört.

    Jonas (OK KID): Was ist deine Meinung zum Album? Du kennst uns ja schon so lange.

    Dascha: Ihr schon habt oft betont, dass Frühling Winter der dringlichste Song ist, den ihr je geschrieben habt. Aber ich finde das komplette Album klingt so super dringlich und reflektiert. Sowohl inhaltlich, als auch soundtechnisch klingt alles so episch und groß, viel mehr als früher. Da habt ihr euch krass weiterentwickelt.

    Jonas (OK KID): Geil, dankeschön! Wir haben Frühling Winter rausgebracht, als das Album noch gar nicht stand. Der Song war da und es war spannend das Album da anzusetzen, dass die Geschichte von DREI da beginnt. Auch, wenn es kein klassisches Konzeptalbum ist. Zum Beispiel welche Farben das Album braucht, was genau wir eigentlich erzählen wollen. Da hatten wir zum ersten Mal das Cover, bevor der Rest stand. Und das hat uns vergewissert und dabei geholfen zu wissen, wo es überhaupt hingeht. Gerade kriegt das Cover ja noch mehr Aktualität mit einem Twist, den wir damals gar nicht auf dem Schirm hatten.

    Dascha: Und wie kam es dazu, dass ihr so ein dringliches, wichtiges Album gemacht habt? Ich meine, ihr macht schon lange Musik, ihr könntet genauso gut sagen, hey wir machen jetzt nur noch was leichtes zum Spaß.

    Moritz (OK KID): Als wir uns im April 2020 nach einer Bandpause zusammengesetzt haben und gesagt haben, dass wir ein Album machen, waren wir uns einig, dass es keine Zeit für ironische und humorvolle Songs ist. Genau wie du das mit der Dringlichkeit gesagt hast, wir wollten etwas machen, was Relevanz hat und dringend raus muss. Das ist total schön zu hören, dass es bei dir auch so angekommen ist. Es war für uns klar, dass es ein Album werden muss, das mit der aktuellen Zeit und unserer aktuellen Stimmung geht.

    Dascha: Ich hab aber schon öfters mitbekommen, dass Menschen sagen, eure neuen Songs würden sie eher so ansprechen wie eure ersten Alben. Und ich meine mich zu erinnern, dass ihr auch schon gesagt hättet, dass die neue Musik eher an die vom Anfang anknüpft, die Fans der früheren Musik anspricht und wieder das „wahre OK KID“ sei. Wobei ich nicht finde, dass eure neue Musik wie die alte ist. Legt ihr denn viel Wert auf Feedback von außen? Sind euch andere Meinungen zu eurer Musik wichtig?

    Jonas (OK KID): Also uns ist relativ bewusst gewesen, dass als wir Sensation rausgebracht haben, es auf jeden Fall Leute abschrecken kann. Weil es was komplett anderes ist. Bei DREI wussten wir zum Beispiel bei Cold Brew, also Kaffee Warm 4, dass die Leute, die uns schon kennen, das feiern werden. Da sehen wir unsere Musik mit viel Objektivität. Wobei Es regnet Hirn auch was komplettes neues war. Vor allem vom Sound, wir hatten noch nie so einen tanzbaren Song wie den, aber trotzdem mit einem krassen Thema. Wir haben eine kleine Blase von Leuten, die wir gut kennen und denen wir vertrauen, denen spielen wir das dann vor. Wenn jemand von denen sagen würde „Ey, was ist das denn für Musik?!“, würden wir wahrscheinlich hinhören. Aber wenn wir den Song veröffentlichen, sind wir einfach happy damit. Wir sind über jeden einzelnen Song mega happy, das war bisher nie so. Es gab bisher auf jedem Album Songs, wo ich persönlich im nachhinein dachte: „Joa, in dem Moment fand ich’s geil, aber ich weiß nicht, ob ich mir den noch jeden Abend reinziehen würde“.

    Dascha: Voll schön zu hören, dass ihr euch jetzt so sicher fühlt!

    Raffi (OK KID): DREI ist schon nicht genau wie die alten Sachen. Es ist nicht wie das Album Zwei, aber es schließt eher daran an. Es ist eher die Fortführung und Weiterentwicklung von Zwei. Echt schön von dir zu hören, dass du die Weiterentwicklung bemerkst, weil ich sehe das genauso. Ich glaube wir haben uns in allen Bereichen sehr weiterentwickelt, sowohl inhaltlich, als auch soundlich. Bei diesem Album fallen auch jegliche Filler weg. Bei anderen Alben waren doch noch Tracks mit drauf, weil sie einfach gut reingepasst haben. Jetzt konnten wir glücklicherweise komplett auf sowas verzichten, jeder Song hat die Dringlichkeit vom ganzen Album. Da gibt es keinen Song, der irgendwie rausfällt.

    Dascha: Wo wir schon bei Feedback sind – Was sind die schönsten Komplimente zu eurer Musik? Was hört ihr gerne von anderen?

    Jonas (OK KID): Ich finde persönliche Worte eh viel schöner, als irgendwas im Internet zu lesen. Im Internet schmeißt man sehr gerne mit Superlativen rum. Ein mal in die positive und ein Mal in die negative Richtung. (lacht) Ich glaube es ist schön, wenn Menschen Musik nicht egal ist und sie sie in irgendeiner Weise berührt. Völlig egal wie. Es kann sein, dass jemand sagt “ Ey, ich hab durch die Musik mega Hass auf etwas bekommen“, dann ist das auch okay. Für mich ist Musik etwas gegen emotionale Stumpfheit. Etwas, das Sachen in dir aufrüttelt, was vielleicht ohne Musik gar nicht rausgekommen wäre. Wir wurden auch schon oft gefragt „Ihr seid doch so politisch, wünscht ihr euch, dass mehr Bands solche Statements in der Musik machen?“, dann sagen wir nein. Es muss auch nicht jede Band politisch sein, ich selbst hör gar keine politische Musik. Aber trotzdem krieg ich viel davon raus und es bringt mir sehr, sehr viel Musik hören, auch wenn sie keine Haltung hat. Wenn Leute sagen, unsere Musik hat sie zum Nachdenken angeregt oder berührt – das ist das Beste!

    Was wiederum unangenehm ist, ist wenn Leute ihr gesamtes ich auf uns projizieren. Wenn uns jemand sagt „Ohne euch hätte ich mich umgebracht“. Und sowas kam schon vor. Da wird man einfach in so eine große Verantwortung gebracht. Das ist too much. Mit so einem Feedback ist es sehr schwer umzugehen, auch wenn es natürlich schön ist, dass die Musik Leuten hilft. Aber wenn jemand zu krass von deiner Musik positiv berührt ist, kann es genau so 180 Grad in’s Negative gehen, wenn du eine Sache machst, die der Person missfällt. Wir hatten auch schon Leute, die Bücher über uns geschrieben haben. Und letztens haben wir ein Tattoo gesehen, da hat einer seine komplette Brust, seinen ganzen Oberkörper, mit einem Foto von uns tätowiert. Da sagen wir nicht unbedingt „Ey, geil!“, das wollen wir nicht positiv oder negativ bewerten. Das muss der oder diejenige für sich wissen, ob man das wirklich so sehr feiert.

    Dascha: Das ist krass! Als ich beim Prelistening das Album zum ersten Mal gehört habe, ist mir Hausboot am See am meisten hängengeblieben. Der lag mir sehr schwer im Magen. Deswegen würde ich gern inhaltlich darauf eingehen. Was würdet ihr raten, ab wann sollte man eine zwischenmenschliche Beziehung, oder eher Freundschaft, beenden? Ab wann sollte man sein Umfeld oder seine Bubble aussortieren?

    Jonas (OK KID): Der Song ist der persönlichste Song auf dem Album, das ist keine Überraschung. Es gab diesen Junggesellenabschied, es gab dieses Hausboot. Die Dinge haben sich dort so zugespitzt, dass es dazu geführt hat, dass wir keine Freunde mehr sind. Das ist also keine Geschichte, die ich nur für das Album genutzt habe. Nicht jede Zeile ist eins zu eins so in der Abfolge passiert, aber es ist eins zu eins die Situation, die es gab. Voll oft hängt man sich bei alten Freundschaften und Beziehungen an Bindungen fest, die in der Vergangenheit liegen, weil man früher mal eine tolle Zeit miteinander hatte. Dann sieht man sich ein paar Jahre nicht und der Gedanke sich wieder zu treffen ist mit einer wunderschönen Romantik erfüllt. Und wenn man sich dann endlich trifft merkt man, es ist gar nicht mehr so. Außer der Vergangenheit gibt es kaum noch etwas, was dich mit den anderen Personen verbindet.

    Das ist also ein bisschen eine Aufforderung an Freundschaften zu arbeiten. Die Freundschaften und Beziehungen müssen im jetzt existieren können. Eine Freundschaft muss hier und jetzt von Vertrauen, Inspiration, von Sachen teilen können, sich Geborgenheit geben, leben. Das kann die Vergangenheit oft eben nicht mehr. Mir ist es in den letzten Jahren oft passiert, dass ich mich von solchen Beziehungen aktiv entfernt habe, weil sie mir einfach nichts mehr bringen. Dann sagen andere „Du musst doch loyal sein, ihr habt so viel zusammen erlebt“. Und wahrscheinlich wäre ich wie bei Familie auch wieder da, wenn etwas ganz Ernstes passieren würde, aber man braucht keinen Kontakt und keine aktuellen Verbindungen mehr.

    Dascha: Ich glaube auch, dass es sehr wichtig ist, das zu können.

    Jonas (OK KID): Ja, ich glaube das braucht viel Mut und Kraft. Gerade auf dem Dorf stell ich mir das noch viel schwieriger vor. Da hast du meistens nur diese drei Leute, mit denen du halt abhängen musst.

    Dascha: Ja, das stimmt wirklich. Was würdet ihr den früheren Moritz, Raffi und Jonas sagen oder als Rat mitgeben, wenn ihr jetzt um 10 Jahre zurückreisen würdet?

    Raffi (OK KID): 2012, das war also sogar noch vor dem ersten Album. Dann würde ich sagen: „Jungs, freut euch, das wird jetzt richtig geil!“ Eine Fehleranalyse aus der Vergangenheit würde ich nicht machen, ich würde empfehlen, wenn du es machen willst, dann mach es einfach. Nicht über irgendwelche anderen Optionen nachdenken und was man im nachhinein anders machen könnte. Ich glaube, wir drei können über die letzten 10 Jahre ziemlich glücklich sein. Natürlich kann man im nachhinein irgendwelche Moves anders bewerten, als zu dem Zeitpunkt, aber im Großen und Ganzen sind wir ziemlich happy.

    Jonas (OK KID): Ja. Mir selbst würde ich „Lass doch mal los“ sagen. Das kann ich jetzt besser als früher.

    Moritz (OK KID): Der Band hätte ich gesagt „Lasst uns mal nach Berlin ziehen“.

    Raffi (OK KID): Geil, in dem Interview in dieser anderen Realität sagst du dann: „Ey Jungs, zieht auf keinen Fall nach Berlin!“ (alle lachen)

    Moritz (OK KID): Wir haben ja damals als Band entschieden nach Köln zu ziehen. Ich war eigentlich immer für Berlin, aber letztendlich bin ich der Band auch dankbar. Ich glaube meine damalige und jetzige Beziehung hätte das sonst nicht ausgehalten. Hier hat es also privat sehr viele Vorteile, beruflich wahrscheinlich auch. Man weiß ja nie, wo wir jetzt stehen würden, wenn wir nach Berlin gezogen wären. Aber das würde ich der Band damals trotzdem sagen.

    Dascha: Haha, trotzdem nochmal versuchen zu überzeugen. Dann kommen wir jetzt zu unserer letzten Frage, der untold story. Also einem kleinen Geheimnis oder einer Geschichte, die ihr noch nicht öffentlich erzählt habt. Habt ihr was auf Lager?

    Jonas (OK KID): Wir haben nie richtig von unserem schlimmsten Gig ever erzählt. Das war als wir mal vor Deichkind gespielt haben.

    Dascha: Ey, ich war da! Damals auf dem Hessentag, richtig?

    Jonas (OK KID): Ach stimmt, du warst da! Auf dem Hessentag in Herborn. Nichts gegen Deichkind, die können nichts dafür, aber die Leute, die wegen denen da waren, waren einfach extrem strange. Wir waren da nicht als klassische Vorband, aber schon so reingebucht. Die waren alle nur wegen Deichkind da, das war ja auch ganz früh, 2014 oder so. Dann stehen wir auf dieser Bühne „Hallo, wir sind OK KID aus Gießen“ und dann buhen alle, weil für die Herborn so cool ist und Gießen in dem Kontext so „Naja, die aus der Großstadt, oder was?!“ war. Dann kommt auch noch die Moderatorin auf die Bühne und bestimmt um die 200 Vollottos brüllen auf ein mal „Ausziehen! Ausziehen!“. Wir haben uns gefragt, auf welchem Jahrmarkt wir hier gelandet sind. Danach fingen wir an zu spielen, es waren schon um die 10 Tausend Leute da und wir guckten einfach in nichtssagende, starrende, leere Gesichter. Naja, die Positiven waren nichtssagend, der Rest war so „Fickt euch, wir wollen Deichkind“. Und wir mussten einfach eine ganze Stunde spielen.

    Dascha: Witzigerweise ist meine Erinnerung von eurer Deichkind Show gar nicht so schlecht.

    Jonas (OK KID): Dann warst du da wohl irgendwie verblendet, der Vibe war auf jeden Fall furchtbar. Das war die schlimmste Konzerterfahrung für uns. Obwohl, als wir noch mit der alten Band als Jona:S mal in Frankreich in einer Kneipe gespielt haben, war das noch schlimmer. Wir waren da bei so deutschen Surfcamps dabei und konnten da dann Musik machen. Dann dachten wir, wir mieten uns mal einen Laden für einen Gig und dann können die Deutschen dahin kommen. Was wir nicht wussten ist, dass an dem Tag auch holländischer Karneval war. Die einen dachten „Juhu, es kommt eine Band“ und haben halt Leute mitgebracht und die anderen 300 in dem Club waren verkleidet und eigentlich nur da, um Karneval zu feiern. Als wir gespielt haben wurden die dann so aggressiv, dass sie angefangen haben die Kabel rauszureißen.

    Raffi (OK KID): Die sind zum Gitarristen hin und haben die Saiten verdreht und irgendwelche Dudes wollten Bier über meinen Laptop kippen.

    Jonas (OK KID): Ja, diese besoffenen Holländer haben uns dafür gehasst, dass wir deutsch sind. Dann haben die auch noch „The Germans are gay“ gesungen. Das war das einzige Mal, dass wir eine Show abgebrochen haben.

    Raffi (OK KID): (Singt in der Melodie von Seven Nation Army) All the Germans are gayyy!

    Um zu verhindern, dass sich solche Gigs wiederholen, könnt ihr die Band hier auf ihrer großen DREI-Tour im Herbst besuchen.

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    Foto Credits: Niren Mahajan
  • Soft Drug im Interview: „Wir waren auf der Suche nach einer komplett neuen Vision für uns“

    Soft Drug im Interview: „Wir waren auf der Suche nach einer komplett neuen Vision für uns“

    Das Berliner Trio Soft Drug hat mir gleich mit ihrer ersten Single Same einen wochenlangen Ohrwurm verpasst. Seit dem hab ich mich auf ihre erste EP gefreut und nun ist sie endlich da! Zu diesem Anlass hab ich mit den drei Jungs über ihre Musik gequatsch. Über Gender-Rollen, Realitätsflucht, Herausforderungen beim Musik schreiben und Inspirationen. Aber lest und hört am besten selbst. Viel Spaß!

    Franzi: Hey ihr Drei, das Allerwichtigste vorweg: Happy Release!! Wie geht es euch? Wie fühlt es sich an, jetzt wo ihr eure erste EP Easy endlich mit der Welt teilen könnt?


    Soft Drug: Hey, danke dir!! Wir freuen uns natürlich riesig und sind unglaublich happy endlich aus dem Studio damit hinaus zu dürfen. Es war zwar für uns eine sehr lange Entwicklung und Reise, um an diesen Punkt zu kommen, wo wir jetzt sind und das Ergebnis mit dieser EP zu teilen ist richtig schön!

    Franzi: Für alle, die euch bisher noch nicht auf dem Radar hatten, wollt ihr euch noch einmal kurz vorstellen und uns erzählen, wie ihr zu Soft Drug zusammengekommen seid?


    Soft Drug: Wir sind Soft Drug, machen Alternative Pop mit RnB Einflüssen und uns gibt es jetzt seit diesem bzw. letzten Jahr. Wir haben zu dritt früher schon in einer bzw. mehreren Bands zusammen gespielt und sind auch zusammen aufgewachsen. Als Freunde und als Brüder. Da teilt man so viel miteinander, dass wir unserer Musik und der Band einen neuen Anstrich verpasst konnten, ohne unser beständiges Bonding zu verlieren.

    Franzi: Same war die erste Singleauskopplung eurer EP, deren Videopremiere wir hier schon mit euch feiern durften. Was war der Grund, dass Same eure erste Veröffentlichung wird?


    Soft Drug: Wir wollten einen starken Opener als erste Single haben und die Melodie von Same ist uns selbst oft nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Zudem bringt er viele Vibes aus der EP zusammen und hat sich aus einer spontan zusammengestellten EP-Reihenfolge heraus als super Starter entpuppt.

    Franzi: In euren Songs verarbeitet ihr auch wichtige gesellschaftliche Themen, wie z.B. in Female, in dem ihr die Weiblichkeit zelebriert und aller Homophobie und Abwertung von weiblichen Zügen ein großes „Fuck You“ entgegensetzt. In dieselbe Kerbe, aber aus einer anderen Perspektive, schlägt der Song Man Up. Wie leicht oder schwer fällt es euch, solche sensiblen Themen in euren Songs zu verhandeln?


    Soft Drug: Die Texte zu schreiben ist uns leicht gefallen, da alles aus einem klaren Gefühl heraus kam. Damit an die Öffentlichkeit zu gehen war dagegen schon etwas schwieriger. Wir wollen zwar anecken, aber natürlich vor allem bei Menschen auf die wir eh keinen Bock haben. Sexualität und Gender-Rollen ist für viele Menschen ein sehr persönliches und sensibles Thema, bei dem ein Pop Song zu kurz gedacht wirken kann. Wir finden aber auch, dass darin ein großes Potenzial liegt und wir gerne unsere Beitrag dazu leisten wollen. Es gibt noch zu wenige Cis-Männer, die sich zu diesen Themen positionieren. Deswegen fühlen wir uns inzwischen sehr wohl in der Rolle und freuen uns über jeden Dialog, den wir damit anstoßen.

    Franzi: Ihr streut auf eurem Instagram Kanal und in euren Artworks auch immer mal ein paar Hints zu Frank Ocean ein. Auch das Cover zu Man Up ist eine kleine Hommage an nostalgia, ULTRA oder? Also einmal Hand auf‘s Herz bitte: wie große Fanboys seid ihr? Und aus was schöpft ihr noch eure Inspiration?


    Soft Drug: Haha, das mit dem Cover ist wirklich ein großer Zufall. Wir hatten schon das Cover für Same von Thomas Pirot, einem Fotograf aus Mainz, ausgewählt und wollten für andere Cover auch Bilder von ihm verwenden. Und das war einfach das passende zu dem Song. Thomas selbst ist aber auch schon die Ähnlichkeit zu Frank Ocean aufgefallen.
    Wir stehen einfach auf Verletzlichkeit, sei es in Musik oder in Texten. Es ist insgesamt als Thema noch nicht so populär, wie wir uns das wünschen würden und Frank Ocean deckt da sehr viel ab. We love him. Wir ziehen aber aus sehr viel verschiedener Musik unsere Inspiration. Sei es Produktionen von Timbaland oder Hudson Mohawke, Bands wie Glass Animals und Portugal. The Man sowieso. Und dann lassen wir uns jeweils auf sehr unterschiedliche Eindrücke ein. Das ist auch wichtig, um sich gegenseitig zu überraschen oder zu fordern.

    Franzi: Ihr seid vor knapp zwei Wochen auf dem Great Escape Festival in England aufgetreten. Das war euer erster Festivalauftritt oder? Und wie hat es sich angefühlt, wieder zurück in der UK zu sein, nachdem ihr auch eine Weile in Manchester gelebt habt?


    Soft Drug: Das war unser erster Festivalauftritt und unsere zweite Show überhaupt. Es war wunderschön dort zu sein. Auch wenn jetzt leider ganz andere Zollauflagen sind als damals und die Hinfahrt fast aufregender war als unser Gig, haha.
    Wir waren zum ersten Mal in Brighton, was ungefähr 10x posher und doppelt so teuer ist wie Manchester. Aber dafür war es ein super schönes Festivalfeeling mit echt tollen Leuten und Acts. Es war wie ein kleiner Bandurlaub. Und das British English hat uns auch wieder sehr in die Manchester-Zeit befördert.

    Franzi: Apropos Festivals: in dem Track Dizzy redet ihr von Coachella und der Thematik rund um Eskapismus und Flucht aus dem Alltag. Wart ihr selbst schonmal dizzy auf dem Coachella unterwegs? Und was bedeutet für euch Realitätsflucht?


    Soft Drug: Für uns ist unsere Band die größte Realitätsflucht. Es gibt wohl keine Droge, die so allumfassend das bietet, was Musik machen, schreiben, singen, auf Tour gehen und Konzerte geben mit uns macht. Wir brauchen eher zwischendurch Anker, um wieder in der Realität anzukommen, aber grundsätzlich würde uns das reichen, um in keinem klassischen Alltagsleben zu versinken. Wir waren zwar noch nicht dizzy auf dem Coachella, aber immerhin betrunken auf dem Melt! Festival. Das kommt doch schon fast ran 😉

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    Franzi: Eure EP trägt den Namen Easy, ich kann mir trotzdem vorstellen, dass dabei trotzdem nicht immer alles so einfach abgelaufen ist. Wollt ihr uns ein bisschen mit hinter die Kulissen schauen lassen? Gab es irgendwelche besonderen Herausforderungen bei eurer Arbeit an der EP? Und was nehmt ihr vielleicht daraus für eure nächste Platte mit?


    Soft Drug: Die größte Herausforderung war, dass wir alles über den Haufen geworfen haben. Es gab nichts, wo wir einfach gesagt haben, dieser Part von unserer Band ist gut so. Das bleibt. Alles wurde mehrmals umgedreht, ausprobiert, wir waren auf der Suche nach einer komplett neuen Vision für uns. Und da sind wir zwischenzeitlich fast verrückt geworden, weil wir nicht mehr wussten, woran wir uns eigentlich halten sollen. Diese Fragen haben wir uns Schritt für Schritt beantwortet, haben uns aber auch oft im Kreis gedreht. Nach gefühlt zwei geschriebenen Alben (die Songanzahl könnte tatsächlich hinhauen), sind wir bei den letzten Versionen gelandet, die es jetzt auf die EP geschafft haben und mit denen wir richtig glücklich sind. Von hier an weiterzuarbeiten wird auf jeden Fall sehr viel Spaß machen und auch leichter bzw „easier“.

    Franzi: Auch wenn in jedem eurer Songs viel Liebe und Mühe steckt, habt ihr trotzdem einen heimlichen persönlichen Favoriten?


    Soft Drug: Wir mögen tatsächlich alle, wir haben eher gemerkt, dass ihre Funktion eine unterschiedliche ist. Man Up z.B. ist jetzt nicht der easy Summer Song, der mal so eben nebenbei läuft, dafür ist er eine richtige Wucht live und macht super Bock ihn zu performen. Bei Female waren wir vor allem glücklich wie er sich über die Jahre als Song entwickelt hat und sogar noch in den letzten Stufen des Mixing und Mastering gewachsen ist. Dadurch haben wir ihn nicht nur durch seine Message besonders ins Herz geschlossen.


    Franzi: Bei uns ist die letzte Frage keine Frage, sondern Platz für eure untold story. Habt ihr eine Anekdote, Geschichte, Fun Fact oder etwas anderes, was ihr gerne noch an dieser Stelle teilen möchtet?


    Soft Drug: Wir haben mit unserer früheren Band Glass Animals und Khruangbin supportet, von denen wir seither große Fans sind. Das war natürlich noch bevor sie so bekannt waren wie heute. Jetzt gibt es das niedrigschwellige Ziel, das mit Soft Drug einfach noch mal zu schaffen, haha. Mal schauen wie lange es dauert. 😉

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    Foto: Alessandra Fochesato

  • Leoniden im Interview: „Sich still zulächeln und die Getriebenheit nicht verteufeln“

    Wenn man mich fragt, wer meine Lieblingsband ist, gibt es schon seit mehreren Jahren nur eine Antwort. Wie aus der Pistole geschossen erkläre ich sofort: die Leoniden. Selbst ein passendes Tattoo hat es mittlerweile schon auf meine Haut geschafft. Deshalb freue ich mich umso mehr mit einem Teil der Band über ihre neue Single „Smile“ zu sprechen. Irgendwo zwischen 2000er Indie und dem klassischen DIY Leoniden Sound siedelt sich das neue Release an und hat mich damit von Sekunde eins gecatcht.

    Es ist nicht das erste Mal und wird auch sicher nicht das letzte Mal sein, dass wir die sympathische Truppe auf ein Pläuschchen zu uns einladen. Dieses Mal haben wir über die Liebe zur live-Musik, den neuen Song und das Künstler*innen Dasein in politisch stürmischen Zeiten gequatscht. Wer einen ganz besonderen Fact zu ihrem neuen Release hören möchte, sollte kein (Achtung schlechtes Wortspiel) Quacksalber (Auflösung gibt es später) sein und auf jeden Fall bis zum Ende dranbleiben! 🙂

    Auf unserem Instagram-Kanal gibt es für alle Interessierten außerdem noch bis zum 27.05.22 die Chance die Single als 7″ inch Vinyl zu gewinnen :))

    Leoniden im Interview

    Paula: Hey ihr Beiden.  Schön, dass es jetzt klappt! Wie geht es euch so kurz vor dem Release und nach den ersten Shows, die ihr endlich wieder spielen durftet ?

    Lennart: Sehr gut geht es uns!

    Jakob: Uns geht es echt gut! Die Kampagne zu „Complex Happenings“ hat ja schon 2020 mit „L.O.V.E.“ gestartet und eigentlich wollten wir dazu immer eine Tour spielen aber bis nach dem Release hat es leider nie wirklich geklappt. Jetzt waren wir auf Tour und das macht das Puzzle endlich vollständig. Irgendwie fühlt es sich jetzt endlich zusammenhängend an. Wir haben zwei Jahre darauf gewartet Songs, die wir released haben, in einem Club-Setting live zu spielen und das ist super erlösend und diese ganzen guten Gefühle aus 2019 sind endlich wieder da.

    Lennart: Für uns gehört schon zu jedem Album auch eine ausgiebige Tour und das planen wir eigentlich auch immer im Vorfeld so, dass Album und Tour sinnvoll miteinander verbunden werden können und darauf haben wir jetzt ganz schön lange warten müssen. Das hat ja auch viel Chaos angerichtet in dem ganzen Releaseprozess.

    Jakob: Ja auch in der ganzen Musikwelt eigentlich. Wir sind ja auch nicht exklusiv von der Pandemie betroffen. Umso schöner war es jedoch, dass wir relativ direkt nach dem „Complex Happenings“ Release wieder angefangen haben, neue Musik aufzunehmen. Dieses Mal haben wir das Studio zu uns in den Proberaum geholt und konnten während des Schreibens schon direkt etwas aufnehmen. Und jetzt fühlt es sich echt gut an, einfach einen Song rauszubringen, ohne Release-Kampagne. Ich mag den Song echt und freue mich da jetzt richtig drauf.

    Single-Cover zu „Smile“

    Der Song heißt „Smile“ – gibt es etwas, dass euch am heutigen Tag schon zum Lächeln gebracht habt?

    Lennart: Klar!

    Jakob: Ja einiges.

    Lennart: Als wir heute morgen in unseren Proberaum gekommen sind, stand zum Beispiel Magnus Wichmann hier.

    Jakob: Das ist unser Homie und Producer, der gerade nebenan saugt. Danke Magnus!

    Ja cool. Ihr habt den Song ja kreiert und wisst natürlich am Besten von was er handelt. Beschreibt doch mal in euren eigenen Worten, um was es bei „Smile“ geht.

    Jakob: Ich würde sagen bei „Smile“ geht es ein bisschen darum, dass man dem manischen Wahn, in dem man sein kann, auch immer mal wieder entkommen muss, indem man innehält und aussteigt. So fällt einem manchmal auch auf, wie man sich mit einem falschen Wohlgefühl in so etwas hinein legt. Dann realisiert man wie es zum Küntsler*innen Dasein auch dazugehören muss, mal zu Reflektieren und ehrlich zu sich zu sein. Natürlich soll es aber auch keine Ode an das alt und langsam werden sein!

    Lennart: Ne, null! Es geht eher darum, dass man dieses Getrieben sein auch mal ein bisschen hinterfragt oder zumindest mal richtig einordnet, indem man auch mal kurz nach rechts und links und vorne und hinten guckt und sich nicht immer in einen Aktionismus flüchtet.

    Jakob: Ja. Ein Teil des Songs ist aber auf jeden Fall auch, dass man nicht mit sich selbst so hart ins Gericht geht. Der Song heißt ja auch „Smile“ und nicht Cry. Es geht darum sich still zuzulächeln und die Getriebenheit nicht zu verteufeln.

    Total Spannend! Ich finde das eine Reflexion der eigenen Lebensumstände aber auch oft mit einer Versöhnung mit sich selbst zusammenhängt.

    Jakob: Genau das ist der Punkt. Das man den Frieden bewahrt und vor allem annehmen kann.

    „Smile“ geht nochmal in eine ganz neue Richtung

    Euer neues Album war genremäßig ja eher experimentell und neu im Vergleich zu den Alben davor – dieser Song ähnelt musikalisch aber nun wieder früheren Releases – war das eine bewusste Entscheidung?

    Jakob: Ich kann mir vorstellen, dass bei dem Song ganz viele Menschen unterschiedliche Dinge sagen würden. Ich wüsste nicht mal ob Lennart und ich die gleichen Sachen sagen würden. Für mich ist der Song schon nochmal ein Schritt ganz woanders hin, wo wir vorher so noch nicht waren.

    Lennart: Ich kann das manchmal gar nicht so auseinanderhalten. Ich würde die Alben vor allem immer an der Art und Weise wie sie aufgenommen sind und wie sie klingen unterscheiden.

    Jakob: Gut, dann ist es aber neues Terrain.

    Lennart: Ja genau. Aber auch die Art und Weise wie er geschrieben ist, erinnert mich nicht so stark an unsere früheren Alben.

    Jakob: Aber woran machst du das denn fest? Siehst du einen konkreten Nachbar zu „Smile“ auf unseren früheren Alben?

    Das ist super schwer zu sagen. Ich glaube es geht mir mehr um den generellen Vibe des Songs. Als ich „Complex Happenings“ zum ersten Mal gehört habe, war das zum Beispiel komplett neu für mich aber bei Smile habe ich einen wiedererkennbaren Leoniden-Sound rausgehört.

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    Jakob: Ist das jetzt gut oder schlecht?

    Das ist auf jeden Fall gut! Da kommen schöne Nostalgie-Gefühle hoch und der macht echt gute Laune.

    Jakob: Ja cool. Was ich auf jeden Fall unterschreiben würde, ist das „Smile“ sich auch sehr ehrlich an Musik orientiert, die wir früher auch viel selbst gehört haben. Ich höre da schon auf viel 2000er Indie raus. Aber ey ich bin mir sowieso sicher – es gibt mehr Meinungen zu dem Song als Menschen! Ich bin gespannt, was wir da noch so hören werden.

    Ja klar! Jeder hört Musik ja auch anders und hat andere Einflüsse.

    Emotionen beeinflussen die Musik, die man kreiert

    Unsere Gesellschaft befindet sich zur Zeit ja in sehr stürmischen und turbulenten Zeiten, wie fühlt es sich in dieser Zeit an Musik zu releasen, aber vielleicht auch Musik zu kreieren? Ist euer Dasein als Musiker für euch hier eine willkommene Ablenkung oder dient die Musik hier vielleicht eher auch als ein Mittel sich geladenen Themen von einer neuen Seite zu nähern und sie vielleicht auch zu verarbeiten?

    Jakob: Total Beides. Es gibt logischerweise zwei unterschiedliche Themen, die sich gerade in unterschiedlicher Weise auf die Frage „Wie wohl fühle ich mich in meiner Rolle als Musiker“ auswirken. Da ist auf der einen Seite die Pandemie, die echt richtig reingeschlagen hat. Das was man so gerne tut und das was man als ein so großes Privileg begriffen hat, wurde auf einmal sehr viel blasser und man wusste nicht so richtig wie es weiter geht. Seit der Tour wissen wir aber, es geht zum Glück genauso weiter wie es aufgehört hat. Und der Krieg in der Ukraine zeigt einem dann nochmal sehr deutlich, was für ein privilegiertes Luxusleben wir eigentlich haben.

    Ja, das auf jeden Fall. Was ich mich jetzt aber frage ist, ob ihr diese ganzen Themen und Krisen mit in die Musik nehmt? Oder trennt das eher ab?

    Lennart: Die Musik, die wir machen und die wir schreiben, ist zu 100 Prozent von dem was wir aufnehmen und was uns beeinflusst geprägt. Und zwar von hinten bis vorne. Wir schreiben ja keine Auftragsmusik – also machen nicht Musik für Leute, die etwas bestellen, was dann eben nach bestimmte Vorgaben erstellt wird.

    Jakob: Wir gucken halt auch nicht die Tagesschau um inhaltlich inspiriert zu sein und dann ein Album darüber zu schreiben, was die letzten Monate passiert ist. Bei uns ist es vermutlich eher so, dass die Krisen auf der Welt uns entweder dazu bringen explizit fröhliche Musik zu Schreiben und was Schönes zu hinterlassen oder dass man sagt – ey das hat mich jetzt total umgehauen. Der Weltschmerz ist richtig real heute – Wir müssen was trauriges schreiben. Wir glauben auch dass unsere politische Kraft eher darin besteht in unseren Songs auf Probleme aufmerksam zu machen, sie aber nicht in 3:30 min und 16 Zeilen zu lösen. Das wäre glaube ich ganz schön arrogant, wenn man glaubt man könnte das. 

    Lennart: Ein Lied mit zwei Strophen ist auch das falsche Medium um so komplexe Themen zu erklären. Aber es geht in unseren Songs natürlich um Gefühle und Einflüsse, die den ganzen Tag auf uns einprasseln. Und wir verarbeiten sie dann peux a peux in Musik.

    Ich finde es eine total spannende Frage, wie man äußere Umstände seinen Alltag beeinflussen lässt.. Und in eurem Fall ist ja nunmal das Kreieren von Musik euer Alltag.

    Lennart: Ich glaube alle Leute, die Kunst machen, bringen das irgendwie in ihre Kunst auch ein.

    Jakob: Ja ich glaube das macht auch die meiste Kunst, die uns umgibt. Wir sind ja alle eher umgeben von konkreter und weniger abstrakter Kunst. Dahin zieht es Einen ja auch. Zu authentischen Gefühlen und Verarbeitungen, wie auch immer diese dann bei unterschiedlichen Menschen aussehen. Es würde Einen ja glaube ich sonst gar nicht so abholen. Aber es ist wirklich zwischen – „ich bin todtraurig ich will einen Song drüber schreiben“ und ey ich habe einfach das erste At the Drive-In Album gehört – es ist so unfassbar geil – wollen wir mal probieren einfach einen Punksong zu schreiben. Auch das kann passieren und das sind auch die Freiheitsgrade, die wir uns auf jeden Fall bewahren wollen. Wir wollen nicht sagen, wir schreiben jetzt nur noch über Beziehungen oder nur noch über Politik. Das wäre ja wie zu sagen, ich rede mit Lennart nur noch über eine Sache. 

    Leoniden-Konzerte sind Club-Konzerte

    Das stimmt natürlich! Aber von hier nun mal zu den ersten paar Konzerten, die ihr nach Corona wieder im altbekannten Setting spielen konntet. Was war bisher der schönste Moment?

    Lennart: Es ist jeden Abend der schönste Moment, wenn die Leute anfangen mitzusingen. Das ist halt total heftig das wieder mitzuerleben. Wir habe letztes Jahr einige der corona-konformen Konzert gespielt, wo die Leute weit auseinander gesessen haben und da merkt man jetzt doch schon den Unterschied. Man kann natürlich auch im Sitzen mitsingen, aber jetzt ist es einfach eine ganz andere Energie und eine ganz andere Stimmung, wenn die Leute wirklich vor der Bühne stehen, tanzen und dann bestimmte Songs kommen, wo mitgesungen wird, sowie das vor zwei bis drei Jahren der Fall war. Da wieder reingeworfen zu werden, war für mich der schönste Moment. Und auch zu sehen, dass das nicht einmalig, sondern jeden Abend wenn wir auf die Bühne gehen passiert. Dass es halt einfach geile Konzerte sind.

    Jakob: Ja es ist auch erst jetzt wieder was wirklich richtig Besonderes.

    Lennart: Auch wenn man als Band wahrscheinlich nie sagen sollte irgendwas ist schlecht, sind Sitzkonzerte glaube ich auch einfach nichts für unsere Band. Das haben wir letztes Jahr mal ausprobiert und es waren unter diesen Umständen auch tolle Konzerte. Es war toll, dass wir überhaupt auf die Bühne konnten und da war ja auch ein Bedürfnis auf beiden Seiten. Aber ich würde es glaube ich nicht nochmal machen. Da sollten wir alle ehrlich zu uns sein. Es gibt Bands zu denen passt das und es gibt Bands, zu denen passt halt einfach ein Club-Konzert und bei uns ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht.

    Ja das kann ich nachvollziehen. Ich war 2019 ja auch bei ein paar Shows von euch und das ist schon immer sehr besonders.

    Jakob: Wo warst du dabei?

    In Kassel, Nimwegen, beim Reeperbahnfestival und beim Sound of the Forest.

    Lennart: Ja das waren coole Konzerte.

    Jakob: Sound of the Forest war geil und spät, das weiß ich noch.

    Ja stimmt, ihr habt als letzter Act glaube ich nach Bilderbuch gespielt. Bei euch merkt man auch echt, dass eure Band ja quasi von Live-Auftritten lebt – ich habe das Gefühl, dass ihr darin unglaublich aufgeht und auch Energie daraus schöpft

    Lennart: Ja das ist der Antrieb von dieser Band.

    Jakob: Was ich krass finde, ist dass diese ganzen „Nicht-Pandemie“ Konzerte, die jetzt gerade stattfinden, auf Instagram auch gefühlt alle gleich aussehen. Überall sieht man Wall of Deaths, alle stagediven. Wir sind jetzt natürlich ein bisschen in einer Rolle, wo man als Autoverkäufer seine eigenen Autos bewerben muss, aber bei uns passieren irgendwie Sachen, die auf anderen Konzerten nicht passieren. Und das liegt auch echt viel am Publikum und den Leuten, die manchmal auch einfach die Shows komplett übernehmen.

    Lennart: Manchmal spielen wir zwar das Konzert, aber die Regie hat eigentlich jemand ganz anderes. Das ist ein Hochgeschaukel und es sind auf jeden Fall, die Leute, die unsere Konzerte zu etwas besonderem machen.

    Wie nice, wenn das aber auch so organisch ineinander übergeht und Band und Publikum werden zu einer großen Masse.

    Jakob: Ja es ist genau das! Nur so drüber zu reden, fühlt sich manchmal ein bisschen komisch an. Das könnte vielleicht ein bisschen arrogant rüber kommen, soll es aber echt nicht! Kommt einfach vorbei! 🙂

    Lennart: Ja die Magic muss man auch einfach mal für sich selbst erleben; das kann man gar nicht so gut beschreiben.

    Ich bin mir sicher, dass vieler unsere Leser*innen euch auch schonmal live gesehen haben und die oben genannten Punkte gut nachvollziehen können! 

    Konzert-Empfehlungen sind immer gut!

    Aber abgesehen  von euch selbst – was sind eure TOP 3 Acts, die man live mal gesehen haben muss?

    Jakob: Pabst ohne Frage; wenn man sich Zouj live angeguckt hat, ist alles vorbei, bei Philine Sonny würde ich auf jeden Fall richtig weinen. Es sollten nur drei werden oder?

    Wenn du möchtest auch gerne mehr 🙂

    Jakob: Blush Always – endlich gibt es wieder richtig laute gute alternative Musik.

    Lennart: Ich habe jetzt überlegt, was für mich die größten Konzerte waren in den letzten 5 bis 10 Jahren. Ich werde zum Beispiel Bilderbuch und Mojo nie vergessen. Das war wirklich unglaublich. Ich habe mal mit Djamin Faber in der großen Freiheit gesehen und dachte mir erstmal nichts dabei. Und die Leute sind halt total ausgerastet. Da erinnere ich mich immer gerne dran. Ich bin aber auch großer Fan von Turnstile und freue mich, dass so eine Band mit dieser Musik gerade wieder so riesengroß geworden ist und dass das so eine Renaissance hat. Die haben wir auch 2019 zweimal live gesehen auf Festivals und das war irgendwie total witzig. Auf der einen Seite hat Dendemann gespielt und auf der anderen Seite Turnstile. Das ist zum Beispiel auch eine Band, für die ich schon seit nem Jahr ein Ticket aufhebe.

    Jakob: Alle die nah an Großstädten wohnen wissen das schon lange und wir hinken da ein bisschen hinterher, aber Idles ist auch eine heftige Liveband. Pom Poko ist noch mein Geheimtipp. So… reicht jetzt auch. 

    Das ist schnell ausgeartet. Aber ey, gute Konzerttipps gibt es doch nie genug!

    Jakob: Ja, das ist aber auch ein Thema über das ich Stunden reden könnte!

    Das holen wir ein anderes Mal nach! Für heute kommen wir aber schon zum Ende und meine letzte Frage ist, ob ihr mir noch eine untold story erzählen könnt, die ihr vorher noch nie in einem Interview erwähnt habt? Ich bin gespannt!

    Lennart: Hmmm.. wir könnten über das „besondere“ Geräusch am Ende von „Smile“ reden…

    Jakob: Welches Geräusch?

    Lennart: Die Ente.

    Jakob: JAAAAAA… Die Ente stimmt. Wir haben zwei Songs aufgenommen und bei Beiden gibt es im Song-Finale den „Dissapearing Duck“ Sound. Warte ich zeige ihn dir kurz, dann hast du den Sound auch und wirst ihn dein Leben lang nicht mehr los. (holt sein Handy raus) Das ist auch echt ein starkes Video muss man sagen. Aber ja hört mal genau hin und dann hört man am Ende so ein quack.

    https://youtu.be/rYAJB7Ddbi0
    Für alle, die nun auch von der quackenden Ente in den Schlaf verfolgt werden wollen <3

    Ich bin gespannt! Dann höre ich da nochmal rein. Vielen Dank für diesen Fact und das schöne Interview.

    Jakob: Danke dir und bis bald! See you!

    Lennart: Danke, Tschüss!

    Und wer sich von diesem ominösen Entengeräusch nun selbst überzeugen will, hört am besten direkt rein in die neue Single! 🙂

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  • Sam Vance-Law im Interview: »Ich hatte nichts mehr in mir – keine Wut, keine Trauer, war einfach nur noch da«

    Endlich ist es da! Über vier Jahre (gefühlt: siebenundvierzig Jahre, mindestens!) mussten wir warten: Sam Vance-Law, der beliebteste in Berlin lebende kanadische Musiker ever, hat endlich sein zweites Album „Goodbye“ veröffentlicht. Nach seinem bis heute allseits beliebtem Debüt „Homotopia“ lässt er uns nun an einer Trennung teilhaben, die wir auf keinen Fall selbst erlebt haben wollen. Und doch reißt er uns mit seiner unvergleichlichen musikalischen Kraft direkt mit in Schmerz, Trauer und auch irgendwie Humor. Für Fangirl Jule ist ein kleiner (großer) Wunsch in Erfüllung gegangen, als sie sich kürzlich mit Sam Vance-Law zum Interview getroffen hat. Es geht – natürlich! – um die Entstehung des neuen Albums, aber auch um Witze und Weinen im Taxi. Viel Spaß beim Lesen!


    Sam Vance-Law im Interview

    Jule: Hey Sam, freut mich, dich zu sehen. Zuerst mal: Wie geht’s dir?

    Sam Vance-Law: Mir geht’s blendend. Wir haben Sommer, die Platte ist draußen in der Welt und ich habe frei. Also nein, das stimmt nicht so richtig, weil wir eben geprobt haben und ich dafür ja üben musste. Aber ansonsten habe ich mir die letzten Tage freigenommen, das finde ich sehr schön. Ich habe meine Steuern nicht gemacht, die schreiben mir ständig. Ich habe auch nicht abgewaschen. Es ist super gewesen (lacht). Irgendwann muss ich damit wieder anfangen, aber ja, also mir geht es gut, alles super.

    Jule: Das freut mich sehr! Du hast ja in den letzten Tagen bestimmt schon ein paar Reaktionen zu deinem neuen Album „Goodbye“ bekommen. Wie waren die für dich bis jetzt?

    Sam Vance-Law: Die sind bisher super gewesen, das finde ich top. Also die Kritiker*innen waren natürlich die ersten, die die Platte gehört und dann darüber geschrieben haben. Das war ein bisschen überfordernd, aber auch sehr schön. Jetzt kommen auch so „normale“ Menschen dazu und die finden die Platte bisher auch gut. Das sind auch eher Fans und Leute, die mich schon kennen, weil die eben die ersten sind, die Bock haben, eine neue Platte zu hören. Aber die sind bisher auch alle Fans davon und finden sie gut. Bisher kann es also echt nicht besser laufen.

    Jule: Dein Debütalbum „Homotopia“ hatte 2018 ziemlich großen Erfolg und ist sowohl in der queeren als auch besonders in der schwulen Musikkultur ein ganz wichtiges Werk. Hast du vor dem zweiten Album irgendwie Druck verspürt, so nach dem Motto „ich muss jetzt nachliefern, das muss genauso geil werden“?

    Sam Vance-Law: Ja, Leute haben mich ständig gefragt, wann „Homotopia 2“ kommt (lacht). Aber ähm, nein, eigentlich nicht. Hätte ich keine Trennung gehabt, wäre das wahrscheinlich ein Ding gewesen, dass ich mich gefragt hätte: „Worüber möchte ich schreiben? Was wollen die Leute? Was möchte ich? Habe ich noch was zu sagen?“. Aber das ist ja eh das Zweite-Platte-Problem. Anyway, ich habe dieses Problem nicht gehabt, denn da gab es eben diese Trennung. Ich war gar nicht glücklich und konnte daher auch nichts Anderes schreiben. Dann habe ich das geschrieben, was ich eben geschrieben habe. Also das hat es für mich auf jeden Fall viel einfacher gemacht, thematisch.


    »Irgendwas zu bereuen, worüber man keine Kontrolle hat, ist Irrsinn«

    Jule: Auf der anderen Seite muss man aber auch dazu sagen, dass, diese Trennung, von der „Goodbye“ handelt, ja rund um den Release von „Homotopia“ passiert ist.

    Sam Vance-Law: Ja genau, das war kurz vor dem Release.

    Jule: Wie war diese Zeit für dich? Konntest du diesen emotional-schönen Input, den du ja bekommen hast – die Reaktionen waren ja ziemlich lange ziemlich geil –genießen? Hast du das überhaupt mitbekommen? Oder hat es dich vielleicht sogar beflügelt?

    Sam Vance-Law: Nein, gar nicht, ich habe eigentlich alles verpasst. Es gab Freunde, Fans oder die Band, die gesagt haben „Ach, war das schön“ – und ich war nur so: „Ja, für euch, hoffentlich“ (lacht). Aber für mich war das so… Es war natürlich sehr schön, dass die Reaktionen so gut waren, aber ich konnte die absolut nicht annehmen, emotionalwise. But it’s a bit of a silver lining – dafür bin ich nicht super egoistisch oder eitel oder so was geworden, weil ich das alles nicht so richtig mitbekommen habe. Also weißt du, dieses Star-Gefühl, „ich bin es jetzt“ oder so (lacht). Also es hat mir schon was bedeutet, aber im Vergleich zu dem, was ich parallel noch alles erlebt habe, war es ziemlich wenig eigentlich. Jedenfalls in diesem Moment.

    Jule: Auch wenn es Blödsinn ist, aber würdest du das ändern, wenn du könntest?

    Sam Vance-Law: Irgendwas zu bereuen, worüber man keine Kontrolle hat, ist ja Irrsinn, das mache ich nicht. Ich bereue es nicht und ärgere mich daher auch nicht. Ja, vielleicht wäre es unter anderen Umständen schöner für mich gewesen. Vielleicht. Aber ziemlich viel wäre vielleicht irgendwie schöner gewesen.

    Sam Vance-Law, Goodbye, Homotopia, Interview, Album, NDW, Indie, Canada, Berlin, Blog, Magazin, untoldency, Alexander Coggin


    Jule: Kommen wir mal ein bisschen zur Entstehung von „Goodbye“. Einige Songs scheinst du ja schon kurz nach dieser Trennung geschrieben zu haben. „Been Drinking“ habe ich schon 2018, also im „Homotopia“-Jahr auf deinen Konzerten gehört. Sind alle Songs zu dieser Zeit entstanden oder hast du manche auch so als eine Art Recap geschrieben, um das für dich nochmal zu verarbeiten?

    Sam Vance-Law: Nicht alle, aber ja, fast alle Songs wurden innerhalb des ersten Jahres angefangen. Außer „Get Out“, den habe ich erst drei Jahre später geschrieben. Aber du hast Recht, „Been Drinking“ war auf jeden Fall schnell da. Ich schreibe zuerst den Text und die Gesangsmelodie. Manchmal dauert es aber auch einfach, bis ich Lieder zu Ende schreibe, manchmal so anderthalb, zwei Jahre. Aber nee, ich musste nicht irgendwie zurückgehen, um die Lieder zu schreiben. Ich musste zurückgehen, um die Lieder zu arrangieren und aufzunehmen halt. Aber das Schreiben passierte einfach. Das ist auch das Ding an dieser Trennung, die ging, für mich zumindest, ewig. Also hatte ich eigentlich vier Jahre, in denen ich schreiben konnte, ohne zu sagen, dass ich es faken oder recapen muss.

    Jule: Und damit hast du uns jetzt einen allumfassenden Soundtrack für Herzschmerz geschenkt. Hast du denn auch Songs, die du selber gerne hörst, wenn es dir schlecht geht? So wie meine Freundin, die bei Herzschmerz IMMER James Blunt hört.

    Sam Vance-Law: Nein, gar nicht. Ich habe in der Zeit auch eigentlich gar keine Musik gehört, einfach weil ich nicht wollte. Aber ich habe ab und zu ein paar Sachen so für mich gecheckt. Ich saß mal in einem Taxi, nach einer Show. Und dann lief im Radio ein Lied von Robyn. Ich saß hinten im Taxi und habe einfach angefangen zu weinen. Das kam aus dem Nichts. Just Robyn doing her Robyn things. Aber dann habe ich mich auch gefragt: „Was meinte Joni Mitchell eigentlich? Oder Bill Withers? Oder Beyoncé?“ Es gibt so viele Lieder, die schön sind, aber mir persönlich nichts bedeutet haben, im Sinne von „das habe ich auch erlebt“. Aber nein, ich höre keine Musik, um mir zu helfen oder sowas. Ich schreibe, ich glaube, genau deswegen schreibe ich.


    »Ich finde ich es gut, wenn Leute sich das Album anhören, um sich zu helfen«

    Jule: Und wie ist das Gefühl für dich zu wissen, dass wir uns jetzt dein Album anhören werden, um uns zu helfen?

    Sam Vance-Law: Ich habe schon gecheckt, dass die Reaktionen diesmal ziemlich viel doller sind als bei „Homotopia“, viel mehr emotionaler. Damals war das mal ein „das war aber ein schönes Lied“ oder sowas. Und jetzt gibt es eben manchmal Tränen dabei. Also ich bin völlig okay damit, ich habe es ja auch geschrieben, um mir zu helfen. Wir wollen immer Musik schreiben und produzieren, die unfiltered ist. Aber das ist sie ja eigentlich gar nicht. Jedes Wort kann man umschreiben. Die Texte werden bearbeitet, die Musik arrangiert, komponiert, gemischt, gemastert. Und in jeder Sekunde, in der ich nicht happy damit bin, was andere Leute hören könnten, kann ich es ändern. Also das, was du jetzt hörst und die anderen hören, das ist genau das, womit ich okay bin, dass ihr es hört. Das war meine Entscheidung. Ich finde es also sehr gut, dass Leute sich das anhören, auch um sich zu helfen. Das war auf jeden Fall der Plan.

    Jule: Und er ist aufgegangen (lacht).

    Sam Vance-Law: Ja, und das finde ich super, dass die Leute sich mit Musik weniger allein fühlen. Wie deine Freundin, wenn sie James Blunt hört (lacht). Ich finde es sehr schön, wenn Menschen etwas haben, wo sie sagen können „heute geht es mir nicht gut, deswegen höre ich James Blunt oder deswegen höre ich Sam Vance-Law„ oder was auch immer.

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    Jule: Wer dich schon mal kennenlernen durfte oder auf einer Bühne erlebt hat, weiß, dass du ein sehr humorvoller Mensch bist. Das kann man aktuell ja auch auf TikTok erleben. Und auch auf „Goodbye“ gibt es Textstellen, die sehr humorvoll und manchmal fast ein bisschen zynisch sind. Ist Humor etwas, was dir in dieser Zeit geholfen hat, wieder mit dir selbst klar zu kommen?

    Sam Vance-Law: Oh mein Gott, ja, Humor rettet mich. Ich habe auf jeden Fall immer so einen kleinen Sam auf meiner Schulter sitzen, der mich auslacht. Ständig. Nicht auf eine gemeine Art und Weise. Aber dieser kleine Sam hilft mir auf jeden Fall, mich nicht zu verlieren in Trauer, Glück, Stolz oder was auch immer. Der ist immer da und sagt „yeah well, thats kinda funny though“.

    Jule: Hast du deshalb auch mit diesen TikTok-Videos angefangen, in denen du, na sagen wir mal, „Witze“ erzählst?

    Sam Vance-Law: (lacht) Hey, das sind Witze! Was daran ist kein Witz?

    Jule: Hm. Also. Weißt du… Weißt du, was halt einfach zu 95 % noch viel witziger ist als die Witze selbst? Dein Lachen danach.

    Sam Vance-Law: (lacht). Ja, also ich liebe Witze. Alle sagen, Witze seien out, aber ich finde Witze sehr funny. Und ich habe mich gefragt, was ich social-media-mäßig machen kann – besonders bei TikTok, das ist ganz neu für mich. Ich wollte etwas machen, womit ich ein bisschen austesten kann, wie das funktioniert und was das eigentlich ist. Und dann dachte ich mir: „Witze, ich liebe Witze, ich erzähle einfach Witze“.

    Jule: Kannst du mir jetzt einen Witz erzählen?

    Sam Vance-Law: Ich habe einen deutschen Witz, den finde ich top. Eigentlich ist es ein Schweiz-Witz. Also: Schweizer reden ja sehr komisches Deutsch, deren Grammatik ist super crazy und Verben sind… die sagen „gesein“ statt „gewesen“ und sowas. Also das ist das Setup für den Joke. Der Joke ist Folgender: Eine Deutsche geht über die Grenze in der Schweiz und steht am Zoll. Da fragt der Zoll-Mensch „Haben Sie Waren?“. Dann sagt die Deutsche: „Meinen Sie nicht „sind Sie gewesen“?

    (Sam lacht. Sam lacht sehr doll. Ich lache mit. Was soll ich denn machen? Habt ihr ihn schon mal lachen sehen?)

    Sam Vance-Law: Das ist so herrlich. Gut, oder? Also, siehst du, Witze sind funny. Heutzutage sind nur noch Memes unterwegs. Aber Witze sind doch auch geil.

    Jule: Ich erinnere mich noch, wie du vor einigen Jahren auf der Bühne einen ewiiiig langen Witz erzählt hast.

    Sam Vance-Law: Jaaa, der Motte-Witz (lacht).

    Jule: Ah, Motte, ich dachte, es wären Ameisen gewesen, naja. Ich habe vor ein paar Tagen noch überlegt, wie dieser Witz ging.

    Sam Vance-Law: Der ist ein Klassiker, leider nicht meiner, aber man kann ihn immer ändern, je nach Gefühl. Es gibt Setup und Punchline und man könnte den innerhalb von fünf Sekunden erzählen. Odeeeeer. Oder man redet ein bisschen in der Mitte und kommt mit einer random Geschichte raus und dann kann er 5 Minuten, 20 Minuten dauern, ein paar Tage, Monate. Aber die Punchline ist immer noch dieselbe und funktioniert einfach.

    Jule: Es war wirklich witzig, weil NIEMAND verstanden hat, was du da machst und worum es geht.

    Sam Vance-Law: „Was labert der denn? Was passiert denn hier überhaupt?“ (lacht)


    »Ich habe das Album so geschrieben, dass man sich nicht darauf vorbereiten kann«

    Jule: Kommen wir wieder zurück zu den ernsten Themen. Mit der Veröffentlichung von „Goodbye“ durchlebst du ja gezwungenermaßen nochmal deinen Kummer, den Schmerz, die Trauer. Und ich weiß, du bist nicht die erste Person, die das macht, aber: Hast du dich darauf irgendwie vorbereitet, auch im Hinblick auf die anstehenden Konzerte, dass du dich damit auf die Bühne stellst? Ich stelle mir das… schwierig vor.

    Sam Vance-Law: Wir haben letzte Woche zum ersten Mal geprobt, also so richtig. Und durch all die Lieder zu kommen, ohne zu weinen, ist schwierig. Aber auch durch die „Homotopia“-Lieder zu kommen, ist schwierig. Das sind für mich jetzt auch Lieder, die ich geschrieben habe, als ich ein anderer Mensch war. Oder wenn nicht ein anderer Mensch, dann ein glücklicherer, vielleicht naiverer Mensch. Es ist auch wieder dieser Humor, diese Humor-Trauer. Ich denke, das ist nicht unwichtig, weil Menschen wie ich… wir können uns sehr oft vor Gefühlen schützen, wenn wir das brauchen. Du sagst „Hey, es wird traurig“ und wenn ich nicht traurig sein möchte, dann bereite ich mich vor, no problem. „Es wird lustig, aber du darfst nicht lachen“ – das kann ich wahrscheinlich auch, wenn ich mich darauf vorbereitet habe. Aber wenn du sagst „Hey, hier ist ein Witz und by the way, hier ist was super Trauriges“, während ich noch beim Lachen bin, dann fange ich einfach an zu heulen, weil ich keinen Schutz mehr habe. Und das auf die Bühne zu bringen ist dann weird, because then I fall on my own sort. Ich habe gemacht, dass ein Publikum offen und verletzlich ist. Aber dann singe ICH das, und ich bin das ja auch. Leider. Ich kann mich darauf dann nicht vorbereiten, weil ich habe es ja genauso geschrieben, dass man sich nicht darauf vorbereiten kann. Aber es ist schön, dass man das auf der Bühne dann mit den Menschen teilen kann. Das ist viel besser als alleine. Und meine Gefühle sind auch nicht mehr die, die sie waren, als ich die Songs geschrieben habe. Ich bin dann nicht mehr mitten drin in meinem Leid, vielleicht einfach nur ein bisschen sad.

    Jule: Sad Vance-Law.

    Sam Vance-Law: Ja, Sad Vance-Law (lacht). Geil, I’m taking that. Thank you very much (lacht).

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    »Ich bin gespannt, wie das Publikum die neuen Songs finden wird«

    Jule: Du hast in den letzten Monaten ja öfter mal wieder auf einer Bühne gestanden, warst z.B. mit den Mighty Oaks auch auf Tour. Aber bald geht es wieder los, dass du wieder mit deinen eigenen Songs auftreten wirst.

    Sam Vance-Law: Wir haben neulich eine kleine Radioshow gespielt. Das war zwar nur die Hälfte der Band, aber zumindest live. Es gab ein Mini-Publikum und das war einfach so schön. Ich freue mich so sehr drauf, mit den neuen Liedern, und mit meiner Band – ich liebe meine Band – wieder auf Tour gehen zu können und auf Bühnen stehen zu dürfen und für Leute zu spielen. Ich bin auch so gespannt, wie das Publikum die neuen Songs finden wird.

    Jule: Oh ja, ich bin auch gespannt, wie ich reagiere, wenn ich „Goodbye“ das erste Mal live höre. Das ist ja doch nochmal ganz anders.

    Sam Vance-Law: Ja, und vielleicht wird es so, dass wir alle miteinander weinen, wenn ich die Setlist richtig bastele, mal sehen. Oder einfach nur… schöne Unterhaltungsmusik (lacht).

    Jule: Weißt du, wann ich beim ersten Mal „Goodbye“ hören wirklich Tränen in den Augen hatte? Ich habe mir die Singles vorher nicht angehört, weil ich mir diesen ersten Album-Moment nicht nehmen wollte. Ich wusste, worum es geht, habe mir Zeit genommen, aber ich war trotzdem… so unvorbereitet? Und dann kommt der letzte Song, „Thanks Again“. Dieser Text und dann deine gebrochen klingende Stimme, da war es bei mir wirklich vorbei.

    Sam Vance-Law: Oh wie schön, dass du das sagst. Das war mein Plan, der Plan dieser ganzen Platte, den ich so geil finde. Dieses Album ist so sad, sad, sad und du denkst, das hälst du durch. „Icarus“, „Get Out“ – sad but fun. Dann „Blissful Times“ in der Mitte, kann man auch durchhalten. Dann kommst du langsam zum Ende und „Too Soon“ hittet dann schon ein bisschen. „Been Drinking“, ALTER. Naja, zumindest der letzte Song kann ja jetzt nicht so schlimm sein. Und dann ist er einfach so sau viel schlimmer?! Das finde ich so top.

    Jule: Also dann hat dein Plan bei mir auf jeden Fall geklappt (lacht).

    Sam Vance-Law: Yes, YES, YES, ich liebs, danke schön. Sorry about that but that was the plan. Ich liebs so sehr, dass es bei dir geklappt hat. Und danke, dass du dir so viel Mühe gemacht und Zeit genommen hast.

    Jule: Und ich würde es immer wieder so machen! Aber hey, hören wir auf den Konzerten eigentlich auch Songs von deiner „NDW“-EP?

    Sam Vance-Law: Das kann ich doch noch nicht verraten (lacht). Ich möchte auf jeden Fall hauptsächlich meine eigenen Lieder spielen. Aber vielleicht auch ein oder zwei „NDW“-Hits, mal sehen… Das war sehr diplomatisch, oder? (lacht)

    Jule: Ja schon, also lassen wir uns einfach überraschen. Und damit komme ich auch schon zu meiner letzten Frage, die bei uns immer die nach einer „untold story“ ist – etwas, was du noch nie öffentlich erzählt hast, etwas zum Album, deine Morning Routine, was immer du willst.

    Sam Vance-Law: Also, du hast eben von „Thanks Again“ gesprochen und dazu möchte ich dir etwas erzählen. Dieser Text ist wie viele andere auch in Schottland entstanden, wo ich mit einem Kumpel war. Irgendwann habe ich mich gefragt, was das letzte Lied sein soll. Wir sind da im Winter 30 Kilometer durch die Highlands gewandert, haben uns so richtig ausgepowert, die ganze Zeit nur geredet. Irgendwann hatte ich nichts mehr in mir drin. Keine Wut, keine Trauer, war einfach nur noch da. Plötzlich sagt er zu mir, dass er uns was kochen geht. Und ich war so dankbar. Dann dachte ich: „You know what? Ich glaube, das ist es: einfach thank you“. Dann habe ich losgeschrieben, seitenlang. Später wollte ich den Song mit Wallis Bird aufnehmen, die die Gitarre spielt. Und ich hatte immer noch nur diesen seitenlangen Text aus Schottland. Also sage ich Wallis, dass ich es nicht geschafft habe, es zu kürzen. Und sie antwortet: „Oh don’t worry, it will take me 15 minutes to set up the microphones“. Weißt du, das ist der letzte Song, ich habe so viel zu sagen und muss es in nur einen einzigen Song packen. Und dann gibt mir Wallis einfach 15 Minuten (!), bis sie die Mikrofone vorbereitet hat. (lacht). Also das finde ich super.

    Jule: (lacht) Das ist eine sehr schöne und unterhaltsame untold story. Danke schön, Sam! Und auch danke für deine Zeit und dieses sehr schöne Interview, es war mir wirklich eine große Ehre und Freude! Wir sehen uns ja dann bald auch wieder im echten Leben!

    Sam Vance-Law: Darauf freue ich mich schon! Danke dir!


    Wer es bisher noch nicht getan hat oder, wie wir, nicht genug davon bekommen kann, der kann sich hier jetzt gerne „Goodbye“ auf Dauerschleife anhören und dann später in diesem Jahr auch unbedingt ein Konzert von Sam Vance-Law besuchen. Es wird sich lohnen, versprochen!

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    Fotocredit: Alexander Coggin

  • Juicy Gay im Interview: »Nach zwei Jahren Arbeit war ich nervös, dafür jetzt umso glücklicher«

    Juicy Gay im Interview: »Nach zwei Jahren Arbeit war ich nervös, dafür jetzt umso glücklicher«

    Es blitzt und donnert in der Nacht, wenn Juicy Gay sein Tape dropped. Ich habe in dem Wetterbericht vom 29.04. nachgeschaut, allerdings – zumindest in meiner Umgebung – keine Unwetterwarnungen gefunden. Laut wurde es bei mir zum Hause aber auch ohne Gewitter, denn ich habe in voller Alexalautstärke das Album Blitz und Donner von Juicy Gay und Mosa gepumpt. Und weil das so gut war, habe ich mich nicht nur mit meiner Alexa, sondern auch mit Juicy Gay über sein zweites Album unterhalten.


    Hallo, wie geht’s?

    Lara: Hallo Juicy Gay, ihr habt gerade frisch euer Album veröffentlicht. Wie geht es dir so kurz nach dem Release?


    Juicy Gay: Also jetzt kurz nach dem Release bin ich sehr froh, dass es draußen ist, weil wir sehr, sehr viel Zeit investiert haben. Also es war schon eine sehr intensive Zeit, vor allem vorher alles zu organisieren wie Musikvideodrehs, Interviews und ja, ich bin sehr froh und ein bisschen erleichtert, dass es jetzt raus ist. 

    Aber an sich, abgesehen vom Album, war es auch danach übelst stressig. Ich habe Release Party gefeiert, habe übelst gesoffen, dann hatte ich nur zwei Stunden gepennt. Dann musste ich nach Hause zu mir in die Heimat. Meine Mama hatte Geburtstag und da haben wir extrem viel Alkohol getrunken und dann musste ich wieder mega besoffen zurück. Ich hatte kaum gepennt, musste arbeiten und gestern habe ich dann, ich schwöre, zwölf Stunden geschlafen. Ich bin beim Serie gucken einfach eingepennt. Und heute ist der erste Tag, wo ich mich wieder ein bisschen fresh fühle.

    Lara: Na, das hört  sich ja nach einem sehr guten Release Wochenende an.


    Juicy Gay: Ja, wir haben voll schön reingefeiert. Wir sind dann noch in die Kneipe und haben auf dem Spielplatz reingefeiert. Kennst du da diese Schaukeln? Eigentlich eher wie eine Seilbahn. Da habe ich die ganze Zeit Leute angestupst und bin mit gerannt. Dabei habe ich erst mein Portemonnaie verloren, das dann wiedergefunden und dann meine Bankkarte verloren.  


    Lara: Oh Shit, Funfact:… (an dieser Stelle haben wir noch das Thema betrunkene Spielplatzabenteuer vertieft, darüber schreibe ich vielleicht ja mal ein anderes Mal)


    Lara: Na ja, auf dem Spielplatz ist immer am besten. Weiter geht’s. Hast du schon Autotune für das Interview angestellt?

    Juicy Gay: (Lacht) Das hast du bei Twitter gelesen, stimmt’s? Ich würde es machen, wenn ich die Interviews aufnehmen würde. Gestern wurde es mir leider nicht erlaubt.

    Lara: Merke ich mir auf jeden Fall fürs nächste mal. Du hast ja jetzt schon den ein oder anderen Release hinter dir, auch wenn es jetzt erst dein zweites offizielles Album ist.


    Juicy Gay: Ja, aber ich bin mir selber immer unsicher, was ein Mixtape und was ein Album ist. Ich definiere das selber für mich immer nur als Projekt.


    Nach zwei Jahren Arbeit war ich nervös, dafür jetzt umso glücklicher

    Lara: Haben sich die Releases mit der Zeit verändert? 


    Juicy Gay: Dadurch, dass jedes Release einen bestimmten Arbeitsaufwand mit sich bringt, habe ich das Gefühl, dass ich eigentlich je nach Arbeitsaufwand eigentlich nervöser werde, je mehr es ist. Zum Beispiel habe ich die Quarantäne EP vor zwei Jahren gemacht und die habe ich dann an einem oder zwei Tagen festgestellt und dann einfach hochgeladen. Und da war ich natürlich gar nicht nervös, weil das ja einfach so das ist, was ich eben mal so mache. Bei dem Album haben wir jetzt aber echt zwei Jahre, wenn nicht noch länger dran gearbeitet und da ist man doch schon relativ nervös, wie das ankommt. Nach zwei Jahren Arbeit war ich nervös, dafür jetzt umso glücklicher, wie gut es angekommen ist.

    Lara: Wie lief so der Prozess ab? 

    Juicy Gay: Der erste Song ist tatsächlich schon 2018 entstanden. Und zwar Villa und Yacht, den haben wir dann erst mal übers Internet gemacht. Ich habe nämlich damals von Alpha Mob, einem Memphis Underground Produzenten Beats bekommen und der meinte dann yo, der Beat ist mit Mosa und macht doch mal was zusammen. Und dann hatten wir aber erst ein, zwei Jahre gar nichts mehr gemacht. Und tatsächlich ist auch Villa und Yacht in einem Kinofilm mal gewesen. In so einem deutschen Kinofilm. Bonnie und Bonnie heißt der. Es geht da um lesbisches Paar. Ich habe den selber noch nicht gesehen, aber soll wohl ganz okay sein. Ich weiß es nicht. Deutsche Filme immer schwierig (lacht).

    Dann hatten wir uns Anfang 2020 wieder getroffen, weil ich dann in Berlin gelebt habe und er sein Studio und Kreuzberg bei mir in der Nähe hatte. Und da haben wir dann angefangen, Songs zu machen. Fresher denn je, glaube ich als erstes, allein manchmal als Zweites und dachten dann, nach so vier, fünf Songs, jetzt können wir eine EP machen. Und dann hatten wir uns mit Alpha Mob, der auch den Villa und Yacht Beat mitproduziert hat, noch mal zusammengesetzt und das besprochen. Er meinte, dann macht doch ein Album. Dann haben wir noch vier fünf Songs dazu geschraubt, was aber auch nochmal ein Jahr gedauert hat. Wir haben die ganzen Songs zusammen gemacht. Also recorded haben wir alles zusammen. Ideen kamen eigentlich alle von mir, aber bei der Umsetzung kam dann auch viel von Mosa.

    Wir haben auch sehr viel zusammen gemischt. Wir hatten sehr viele Gastmusiker/innen. Bzw. glaube ich eigentlich nur Gastmusiker, jetzt abgesehen von den Rap Features. Es hat jemand Posaune eingespielt und wir hatten verschiedene Gitarristen die uns geholfen haben. Und genau, so war der Prozess. Eigentlich war ich immer bei Mosa im Studio. Mosa ist nämlich Sounddesigner und macht Sounddesign für Filme, Musikvideos und Werbung und hat dementsprechend ein krasses Studio, wo wir uns dann musikalisch ausleben konnten.


    Lara: Wie war das mit der Pandemie? Hat sie auch in den Albumprozess miteingespielt? 


    Juicy Gay: Ja. Ähm, also die Pandemie hat auf jeden Fall auf dieses Album einen großen Einfluss gehabt, weil es in dem Album ja auch irgendwie viel um Einsamkeit geht. Ich hatte dann auch eine Trennung in der Pandemie und das habe ich irgendwie alles verarbeitet auf diesem Album. Und es gab ja auch die Quarantäne EP, die ein bisschen lustiger war, wo ich mich damit auseinandergesetzt habe. Aber auf dem Album habe ich versucht, irgendwie ernst meine Probleme in dieser Zeit, gerade auch in der Pandemie umzusetzen.

    Albumcover Blitz und Donner


    Lara: Habt ihr einen Lieblings Track auf dem Album?

    Juicy Gay: Mein liebster Track ist die Stadt brennt, einfach weil er so einen Hyper Pop Vibe hat. Und von Mosa, da weiß ich gar nicht den Lieblingssong. Ich würde sogar vielleicht auch sagen, dass er Die Stadt brennt sagen würde, weil der einfach so super experimentell ist und wir uns da einfach freien Lauf gelassen haben und es so gemacht, wie wir wollten. Aber es wechselt auch gefühlt wöchentlich was mein Lieblingssong ist.


    Lara: Die Stadt brennt ist tatsächlich auch mein Favorit.

    Juicy Gay: Cool freut mich voll. Ja, ich meine bei so einem Colabo Album muss man ja auch immer viele Kompromisse eingehen. Und eigentlich ist das gerade genau mein Film, da ich eigentlich sehr, sehr viel Hyper Pop höre und auch diesen Einfluss dann in dem Song unterbringen wollte. Es ist aber auch Soundtechnisch viel, viel Einfluss von Mosa mit reingekommen. Aber natürlich auch von mir.

    Lara: Gab es Tracks, die es nicht aufs Album geschafft haben?

    Juicy Gay:: Tatsächlich nicht. Da wir eigentlich an jedem Song so lange gefeilt und rumgeschrieben haben, Beats neu gemacht, tausendmal abgemischt haben, bis der für uns perfekt war und deswegen hatten wir gar keinen. Ich meine, wenn ich Songs alleine mache, dann mache ich super viele Songs und habe auch viele Wegwerf Songs, wo ich einfach im Nachhinein denke, ja lohnt sich nicht den rauszubringen. Ich  glaube die Hälfte oder so von den Songs die ich sonst so mache, kommt eigentlich gar nicht raus. Aber bei dem Album war das jetzt nicht so, weil wir eigentlich versucht haben, das, was wir gemacht haben, zu perfektionieren.

    Lara: Wie sieht es eigentlich bei dir live mäßig aus? Ist da schon was geplant mit dem Album?

    Juicy Gay: Mit dem Album jetzt spezifisch keine Tour. Allerdings habe ich ein zwei Solo Auftritte jetzt die nächsten Monate und dann kommt noch ein cooles Album mit MC Smook. Wahrscheinlich im September oder vielleicht auch vorher. Und dazu machen wir eine Tour im September und planen da gerade und haben da auch schon einige Gigs fest. Und wenn dann die ganze Tour zu Ende geplant ist, dann nutzen wir das. Und da freue ich mich sehr drauf. Da werden dann natürlich auch viele Songs von mir präsentiert.

    Lara: Wie nice!

    Juicy Gay: Ja, man, ich freue mich schon mega drauf. Ich wäre eigentlich zum Anfang der Pandemie auf Tour gewesen, das musste aber ja leider ausfallen. Super schade. Das hittet richtig hart im Nachhinein.

    Lara: Das glaube ich. Hast du einen Song, auf den du dich ganz besonders freust live zu performen?

    Juicy Gay: Ähm, eigentlich auf 100.000 Ketten. Da habe ich den auch so geschrieben, dass der live irgendwie gut performed werden kann. Und ja, eigentlich performed man am liebsten immer die Banger. Da freue ich mich am meisten drauf. Ich freue mich aber auch, allein manchmal und Songs, die ich bisher nicht in meiner Diskographie hatte, auch mal live zu spielen und bin gespannt, wie das ankommt. Da habe ich noch gar keine Erfahrung mit.

    Ehrlich, gefährlich

    Lara: Jetzt zu einer Frage, die nichts mit dem Album zu tun hat, mich aber trotzdem brennend interessiert. Und zwar gibt es bei Instagram bei @hiphoparchiv so ein schönes Bild von dir mit einem Graffiti aus 2015. Was hat es damit auf sich?

    Juicy Gay: (Lacht) Ich bin manchmal bei mir in der Heimatstadt, in Borken. Und jetzt mal hier an die Polizei In Borken: Das ist nicht von mir! Weil das wäre auch noch nicht verjährt. Das haben wir nämlich auf Facebook gesehen und wir wussten dann auch, wo das ist. Und dann haben wir ganz schnell das Foto gemacht, einen auf den (lacht). Aber ich habe es damals auch nur so gepostet, als hätte ich das gemacht. Also Shoutout an den Gay Mob. Das sind meine Freunde aus Borken, mit denen habe ich in der Heimatstadt immer viel Schabernack gemacht.

    @hiphoparchiv auf Instagram

    Lara: Achso, na dann, alles klar. Du bist ja generell ein sehr gefährlicher Typ und polizeibekannt. Wobei, jetzt ja nicht mehr, das hast du ja gerade geklärt.

    Juicy Gay: (Lacht) Doch doch, in Borken bin ich auch Polizeibekannt. Aber wegen sowas wie auf der falschen Straßenseite Fahrrad fahren, oder weil mein Fahrradlicht kaputt war. Da war auf jeden Fall viel Action.

    Lara: Ach herrje. Und wann rechnest du mit der nächsten Anzeige von der AfD?

    Juicy Gay: Also das Ding ist, ich habe ja noch nie eine Anzeige von der AfD bekommen. Die hatten mir immer nur gedroht damit. Bzw. haben die schon sowas geschrieben wie „Anzeige an diesen jungen Herren ist raus“. Da hatte ich auch ein bisschen Angst, dass was kommt. Und ich weiß auch aus persönlicher Erfahrung, dass jemand aus meiner Heimatstadt auch immer wieder AfD Plakate abreißt. Und ja, ich hoffe, dass das keine Folgen hat und denke das auch. Also ich bin da eh komplett raus und bin sicher, dass da keine Anzeige kommen wird. Und Björn Höcke dürfen wir auch ein Faschisten, denn da kann auch nichts passieren.

    Lara: Das stimmt, na dann ist ja gut. Damit sind wir schon fast am Ende von unserem kleinen Interview. Unsere Schlussfrage bei untoldency richtet sich immer ein bisschen nach unserem Konzept hier. Und zwar fragen wir immer nach einer untold story, also irgendwas, was du vorher noch in keinem Interview vorher erzählt hast. Das kann eine kleine Anekdote sein oder irgendwas witziges, was beim Albumprozess passiert ist oder irgendetwas, was dir einfach auf dem Herzen liegt und du gerne in die Welt hinaustragen möchtest.

    Juicy Gay: Muss ich kurz überlegen. Ich bin ja so ein Vollidiot der immer sofort alles twittert. Also, was ich bis jetzt nur einmal erzählt habe, war, dass ich mit 14 bei Haftbefehl mal auf der Bühne war und gerappt habe, weil der in Münster aufgetreten ist. Das war zur Chabos wissen wer der Babo ist Zeit. Da habe ich gerade auch selber erst angefangen Texte zu schreiben unter dem Namen Kellerkind. Da waren dann vielleicht so 300 Leute und er hat dann gefragt ob irgendwer hier Rappen will. Dann hat niemand was gesagt und dann habe ich eben irgendwann so kleinlaut aufgezeigt und er meinte nur so Bruder, komm hoch! Dann habe ich da so mega schlecht Acapella gerappt. Aber die Leute haben mich mega abgefeiert.
    Das habe ich zwar schon einmal erzählt, aber das weiss eigentlich keiner.

    Lara: Na gut, das geht aber durch.

    Nach so einem lieben Interview kann man doch nur Bock bekommen haben das Album zu hören. Also hier, have fun:

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