„Es tut mir leid, dass du wegen mir geweint hast“ – das sind die ersten Worte, die mir auf dem neuen Oehl-Album von Ariel in die Ohren geflüstert werden, nachdem ich ohne zu zögern auf Play gedrückt habe. Dass mich emotional vollgeladene Texte erwarten, war mir bewusst. Doch so eine persönliche Ansprache trifft dann doch nochmal anders.
„Keine Blumen“ ist das zweite Album von Oehl. Bereits die erste Single des Albums „Weitergehen“ kündigte ein textstarkes Album an. Mir geben die Texte von Ariel oft das Gefühl ich würde einen Einblick in seine Gedanken bekommen – fast so als wäre ich exklusiv dabei, wenn er diesen einen Gedanken zum ersten Mal formuliert und fühlt. Es gibt wenige deutschsprachige Pop-Künstler*innen, die es (für meinen Geschmack) so gut schaffen, sich zwischen gefühlvollen Texten und verspielten Sounds nicht im Kitsch verlieren.
„Gib mir mein Herz, gib es zurück. Denn ich hab lieber einen Stein als so ein Loch in meiner Brust„
Auf „Keine Blumen“ geht es um das Leben. Es stellt das Leben in Frage. Es geht um Abschied, Geschlechterrollen, Zukunft, Sucht und Mental Health. „Du hast gesagt: Bitte keine Blumen mehr“ singt Oehl auf dem titelgebendem Song. Genau diese Ehrlichkeit zieht sich durch das gesamte Album.
Ich habe Ariel von Oehl auf dem Appletree Garden Festival in Diepholz Anfang August getroffen und mit ihm nach seiner Show gequatscht. Im Folgenden reden wir über „Keine Blumen„. Ariel erzählt, wie es für ihn ist, jetzt als Solo-Künstler zu erscheinen und wie ihm sein Autismus schon das ein oder andere Mal im Weg stand.
Oehl im Interview
Anna: Magst du dich zu Beginn einmal vorstellen?
Ariel: Ich bin ein bisschen zwiegespalten: Bin ich jetzt eine Band oder ein Solo Act? Also live bin ich auf jeden Fall eine Band. Und ansonsten bin ich vor allem der Ariel, der Musik macht und in Wien wohnt, und jetzt ein Album rausbringt – und das zum ersten Mal alleine.
Anna: Das passt perfekt zu meiner Anschlussfrage: Wie ist es für dich, jetzt alleine Musik zu machen? Vorher hast du ja immer zusammen mit Hjörtur veröffentlicht.
Ariel: Ach, das hat sich gar nicht so sehr verändert. Also ich sehe Hjörtur ja eh, wenn er in Wien ist – eigentlich jede Woche. Und im Studio-Prozess hat sich in den letzten Jahren eh dahin entwickelt, dass ich halt sehr viel zu Hause mache. Durch Corona hab ich auch sehr viel selber produziert. Dann kam es an den Punkt, wo auch er gemerkt hat, dass es am Anfang wichtiger war, dem Projekt Flügel zu geben, indem wir es gemeinsam machen, aber dann funktioniert es auch so. Da bin ich ein bisschen mehr zum Solo-Produzenten geworden. Für ihn war das auch, dass er noch seine anderen Projekte machen kann.
Mir ist es aber wichtig, wenn wir live sind, dass wir als Band auftreten. Ich wollte nie so ein Artist sein, der mit der Gitarre da sitzt und allein spielt. Also ich glaube, Musikmachen lebt davon, dass Menschen gemeinsam etwas kreieren und schaffen. Deswegen fühlt es sich auch nicht so an als ich würde alleine Musik machen, weil ich immer Leute mit dabei habe. Hjörtur fehlt mir natürlich trotzdem in der Band, aber ich sehe ihn ja zum Glück auch so noch. Er hat einfach so eine Energie. Ich habe ihn ja auch kennengelernt, als er sich auf einer Bühne bewegt hat und ich war so begeistert davon. Also das werden wir vielleicht nicht wieder einholen und ersetzen können. Aber ich kann mein Bestes tun, seine Energie irgendwie aufzufangen.
Oehl wäre nicht Oehl ohne die Sounds des Isländers Hjörtur
Anna: Meinst du, dass es Oehl ohne Hjörtur auch nicht so geben würde, wie es jetzt ist?
Ariel: Auf jeden Fall! Das ganze erste Album haben wir ja ganz viel zu zweit geschrieben und da haben wir auch diesen Sound entwickelt. Es hat angefangen mit einer Drum Machine und Hjörtur hat dazu Bass gespielt und gesungen. Dann hat er noch Keyboard gespielt und das war’s. Unsere ersten Demos zu „Keramik“ klingen auch so. Ich muss sagen, es hat seinen eigenen Charme.
Anna: Stand es für dich/euch jemals zur Debatte, auf Englisch zu Singen?
Ariel: Also Hjörtur spricht ja eher Englisch als Deutsch, einfach weil die Sprache ihm viel näher ist. Deswegen war das schon ein Ding. Er ist so ein kreativer Kopf und für ihn war das Singen für Oehl nie ein Thema. Deswegen singe ich auf Deutsch. Aber auf Englisch singen würde ich jetzt eher nicht. Was mich am Musikmachen interessiert, ist, irgendwas zu machen, was noch keiner gemacht hat oder ich will es zumindest probieren. Auf Englisch ist das viel schwieriger, nach mir zu klingen. Wenn ich Deutsch singe, dann weiß ich, es klingt nach mir.
Musikmachen ist, etwas zu machen, was noch keiner so in der Form gemacht hat – das ist so meine Grundannahme der Musik. Es ist auch eine gewisse Challenge, den Song so zu schreiben, dass es nicht peinlich klingt. Es ist einfach nur super ehrlich. Du spürst, auch wenn es nicht ehrlich ist. So viel Deutsch-Pop klingt zwar mega emotional, aber ich spüre es nicht so als ehrlich. Es kann trotzdem gut sein, aber im Endeffekt kannst du jedes Wort umdrehen und auf die Waagschale legen.
Anna: Würdest du sagen, dass man jetzt bei dem zweiten Album hört, dass du das alleine produziert hast?
Ariel: Auf jeden Fall! Also es ist sowieso noch sehr viel im Austausch mit zwei Produzenten entstanden, aber ganz viel stand jetzt aber auch schon bei mir zu Hause. Es entwickelt sich ja oder so immer weiter, aber da ist es mir wichtiger, was Spezielles zu erhalten. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht so genau, ob man es so stark hört. Das einzige, was auffällt, ist Hjörtur’s spezielles Bassspiel. Aber er hat auf diesem Album auch ein paar Sachen eingespielt. Also er ist auf dem Album auch nicht komplett weg und das ist auch gut so. Er wird auch in Zukunft vielleicht mal was einspielen. Aber für uns ist eher wichtiger, das nach außen zu trennen. Man wird es auf den Songs wahrscheinlich daran merken, dass der Bass meist etwas mehr im Hintergrund ist. Das war einfach so Hjörtur’s Rolle, die halt etwas weniger präsent ist jetzt.
Anna: Ich hatte auch das Gefühl, dass dieses Mal wirklich der Text noch mehr im Vordergrund steht.
Ariel: Vielleicht auch, weil ich bewusst mehr drauf geachtet habe. Das könnte es sein. Also ich schreibe jetzt einfach auch die Songs sehr persönlich. Also das erste Album war da etwas politischer, aber auch ein Mix aus allen möglichen Dingen, die mich beschäftigen. Ich hatte dieses Mal das Gefühl, ich kann da jetzt auch mehr meine Stimmung.
„Wir sollten auch einfach mal mit weniger zufrieden sein können“
Anna: Gibt es ein Überthema, eine Klammer auf „keine Blumen“?
Ariel: Abschied ist ein großes Thema auf dem Album – gar nicht primär im Sinne vom Tod. Also es gibt auch ein paar Songs, wo der Tod eine Rolle spielt, aber für mich ist es mehr ein Symbol auch für Abschiede im Allgemeinen. Ich glaube, wir leben in einer Zeit, in der wir das Verabschieden noch lernen müssen. Also einerseits merken wir, dass es nie wieder so ökonomisch und ökologisch wird, wie es mal war. Das wissen wir halt einfach. Wir sind die erste Generation seit langem, die einfach weiß, dass es nicht mehr besser wird. Deswegen ist diese Übung im Verabschieden so ein Thema, was sich durchzieht auf dem Album.
Abschied mit Chance zur Erneuerung
Ariel: Ich will es aber auch nicht unbedingt als ein Weltuntergangs-Szenario sehen, sondern eher die Werte dahingehend verschieben, dass man genügsamer wird. Wir sollten einfach auch mit weniger zufrieden sein können. Deshalb geht es auch um den Abschied von gewissen Privilegien, die wir in unserer Zeit haben. Sehen wir es mal ganz pragmatisch: Es ist ein Privileg, dass wir einfach in einen Laden gehen können und vier Avocados, 20 Orangen und sonst was kaufen können. Ach und wenn die Küche nach acht Jahren kaputt ist, dann kauft man einfach eine neue bei Ikea. Da müssen wir einfach mal uns, die Gesellschaft und wie wir leben wollen, hinterfragen. In dem Sinne hat Abschied auch eine Chance zur Erneuerung für mich.
In „Schönland“ geht es zum Beispiel auch darum, dass ich mich in gewisser Weise bei meinem Sohn entschuldige. Kinder zu kriegen ist zwar das schönste, was ich mir vorstellen. Aber es ist auch einfach sehr naiv. Ich muss ihm ja jetzt schon erklären, dass wir nicht wissen, was in 50 oder 60 Jahren ist. Das ist irgendwie eine große Verantwortung, die man da auch übernimmt. Ich merke auch, dass ich eine gewisse Schuld dem Kind gegenüber empfinde. Ich möchte einfach nicht noch mehr Scheiße bauen jetzt. Zumindest ein bisschen will ich dafür kämpfen, dass er auch noch eine Zukunft hat.
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Anna: Ich habe gesehen, dass du im Podcast „Danke, gut“ von Miriam Davoudvandi über deinen Autismus gesprochen hast. Wie war das für dich? War das das erste Mal, dass du öffentlich darüber geredet hast?
Ariel: Ja, es ist das erste Mal. Ich bin eigentlich eher so jemand, der seine Persönlichkeit nicht so in den Vordergrund drängen möchte. Ich dachte mir immer, das ist gar nicht so wichtig, denn es geht ja um die Musik. Aber ich habe erkannt, dass es jetzt, wo solo unterwegs bin, auch eine Chance sein kann. So habe ich vielleicht die Möglichkeit, über Themen zu reden, denen ich vorher keinen Platz gegeben habe.
Der Podcast ist schon eine tolle Ehre, weil da noch ganz viele andere tolle Künstler*innen zu Besuch waren, die sich auch sehr ehrlich und verletzlich gezeigt haben. Gerade bei so einem persönlichem Thema möchte man ja auch eine Bühne haben, wo es wertgeschätzt wird, dass man das teilt und die man auch selbst wertschätzt. Dafür war der Podcast extrem gut. Ich hätte mich jetzt glaube ich nicht in eine Talkshow gesetzt mit sieben weiteren Leuten, um dann über meinen Autismus zu reden.
„Es ist ein Missverständnis, dass Autisten nicht empathiefähig sind“
Anna: Gab es schon einmal eine Situation, wo dich der Autismus in eine sehr unangenehme Lage gebracht hat oder dir im Weg stand?
Ariel: Ja, auf jeden Fall. Ein großes Missverständnis ist ja zum Beispiel, dass Autisten nicht empathiefähig sind. Also die Asperger, die ich kenne, sind alle sehr viel weniger durch emotionale Reaktionen geleitet, sondern mehr durch Impulse – also in ihrer Sprache. Das heißt für Menschen, die das nicht wissen, sind wir oft schwer zu durchschauen. Mein Learning daraus ist auch, die Grenzen und Bedürfnisse anderer besser erkennen zu können. Es gibt Situationen, da ist es einfacher und dann gibt es noch so klassische Situationen, wie beispielsweise im Supermarkt, da kann es auch ein Struggle sein. Aber es ist natürlich permanent die Gefahr im Alltag, dass eine gewisse Überforderung da ist. So ein Festival kann ich auch privat kaum besuchen. Im Arbeitsmodus geht es viel besser. Da weiß ich, ich funktioniere jetzt. Privat sind mir da zu viele Menschen und Sounds.
Anna: Das kann ich sehr gut verstehen, das geht mir auch manchmal so. Ich habe noch eine Frage zum Schluss: und zwar ist das die Frage nach deiner „untold story“?
Ariel: Ah, da fällt mir was ein: Der Song „Keramik“ wäre fast nicht veröffentlicht worden. Irgendwie fand ich die Version ein paar Monate, nachdem ich den Song geschrieben hab, gar nicht mehr so gut und ich war kurz davor, den Song bei dieser Albumproduktion zu kicken und gar nicht rauszubringen. Ich weiß noch, es gab diesen einen Moment, als ich ihn gehört habe und mir gedacht habe: Oh Gott, ist es das? Gefällt mir dieses Intime? Gebe ich mich zu verletzlich? Ich weiß nicht, was es war, aber irgendwie konnte ich es nicht locker flockig rausgeben.
Und dann saßen wir irgendwann mit unserem Booking im Büro in Wien und irgendwer meinte so: „Das ist mein Lieblingssong, wenn du den nicht rausbringst …“. Dann habe ich mich echt überreden lassen von Hjörtur. Naja, ich finde es jetzt auf jeden Fall auch gut, dass wir ihn mit drauf genommen haben. Es ist auch immer schön, wenn wir den Song live spielen. Mittlerweile würde ich sogar sagen, dass „Keramik“ für mich mit ein Grund war, weiterzumachen. Es ist ja der bekannteste Song von Oehl und ich merke einfach, wie gut er bei den Leuten ankommt und wie viele Türen er geöffnet hat.
„Keramik“ handelt von der Zerbrechlichkeit seines Sohn bei der Geburt
Ein weiterer Fact über den Song ist mir gerade auch noch eingefallen: Ich habe den Song gerade geschrieben, als mein Sohn im Bauch seiner Mutter war. Er war zwei Monate zu früh auf der Welt und die Zeit war nicht so einfach für uns. Diese Zerbrechlichkeit des Kindes, die ich in der Zeit gefühlt habe – die habe ich in dem Song beschrieben. Ich glaube, dass diese Intimität in dem Song und das Persönliche, Verletzliche eine besondere Stärke ist. Es ist halt einfach sehr ehrlich und ich kann nichts verstecken.
Anna: Aber ich glaube, dass der Song gerade dadurch so gut funktioniert.
Ariel: Der Song ist auch in einer Writing-Session entstanden. Also das ging so von Herz und Kopf in Schrift über.
Anna: Danke, dass du die Geschichte geteilt hast. Jetzt wünsche ich dir noch viel Spaß hier auf dem Festival!
Ariel: Gerne doch, dir auch!
Wenn ihr es nicht schon längst getan habt, könnt ihr euch hier „Keine Blumen“ von Oehl anhören. Habt ihr schon einen Liebling auf dem Album? Meiner ist momentan „Schönland„, knapp gefolgt von „Weitergehen„.
Und ihr eure Emotionen zu den Oehl Songs jetzt auch genauso wenig im Zaum halten könnt, dann lest doch auch gerne Anna’s (nein, nicht ich) Review zu „100% Hoffnung“ und sichert euch als Sahne-Häubchen obendrauf auch einfach schon Tickets für die Tour im Herbst.
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Seit dem 20.07.2022 gibt es neue Musik von Diana Goldberg. ‚BLOSSOM IN THE DARK‘ heißt die brandneue EP der münchner Künstlerin und liefert uns feinsten Alternative-Dark-Pop. Zusammen mit Diana Goldberg durchleben wir beim Hören der EP den Niedergang einer toxischen Beziehung, das Aufsteigen des eigenen Selbst und gleichzeitig das In-seinen-Gedanken-gefangen-Sein.
In den Texten finden wir Wahrheit, in den Melodien Trost. ‚SAME OLD SORRY‘ ist der erste Track. Beim Hören befinden wir uns zusammen mit Diana Goldberg im Teufelskreis einer Beziehung, die Versprechen und Vertrauen immer wieder aufs neue bricht. Dann versuchen wir uns in unserem Zorn aus den bisherigen Umständen zu reißen und es wird blutig in ‚DRIPPING IN MY BLOOD‘. Langsam aber sicher kommen wir dem Wendepunkt näher und fokussieren uns in ‚FOCUS…‘ ganz auf uns selbst. Doch nicht nur das, sondern auch die Erkenntnis zur Selbstakzeptanz tritt zum Vorschein: „Now I know I couldn’t love you if I never loved myself“. Aber wären da nicht immer diese kleinen plagenden Kreaturen in Form von Gedanken, denn vor denen ist niemand sicher: ‚BLOSSOM IN THE DARK‘.
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Passend zum EP-Release haben wir noch ein Interview für euch! Anschauen könnt ihr es hier ebenfalls, denn dieses Interview ist das vierte der Kooperationsreihe VPBy x untoldency.
Am 24.04.2022 habe ich Diana Goldberg, im Rahmen der durch BY.on geförderten Bavarian Export Session, auf dem c/o Pop Festival in Köln zu einem Interview getroffen. BY.on ist das SpitzenförderprojektdesVerband für Popkulur in Bayern e.V.s(VPBy) für Newcomer:innen aus Bayern.
Diana Goldberg im Interview
Amélie: Hallo liebe Diana! Vielleicht möchtest du dich zu aller erst vorstellen.
Diana Goldberg: Hi, ich bin Diana Goldberg und komme aus München. Ich mache Alternative-Dark-Pop und mich gibt es seit 2020.
Amélie: Sehr cool. Du hattest ja gerade deinen Auftritt. Da haben wir auch deine Single ‚FOCUS…‘ gehört. Worum geht es in dem Track?
Diana Goldberg: Bei ‚FOCUS…‘ geht es darum, dass man nach einer toxischen Beziehung, die man beendet, endlich den Fokus wiederfindet. Und zwar, dass der Fokus oder die Priorität auf einem selbst liegen sollte und nicht darin, andere zu daten oder sein Glück woanders zu finden, sondern einfach sich selbst zu lieben und sich selbst zu akzeptieren. Ganz nach dem Motto: „thanks for teaching me that I should be with no one else“ und „focus on myself“, so die Key-Message von dem Song.
Amélie: Ja, voll wichtig! Wie schreibst du Songs? Entwickelst du Ideen alleine oder schreibst du mit deinem Produzenten zusammen?
Diana Goldberg: Also meistens ist es so, dass ich mich ans Klavier setze und dann einfach eine Melodie entsteht oder ich einfach ein bisschen rum klimpere und Melodien finde, die mich für Songs inspirieren. Ich habe immer mein Handy auf Sprachmemo und nehme das einfach auf und lass mich fallen. Also im Endeffekt weiß ich dann, was ich da verarbeitet habe und es ist wie so eine Art Therapie für mich, weil meistens weiß ich nicht, was ist das, was mich wirklich belastet. So ist auch „SAME OLD SORRY“ entstanden, weil ich mich wirklich emotional so traurig gefühlt habe nach dieser Beziehung. Ich hab mich ans Klavier gesetzt und der Text ist wie von alleine entstanden.
Dann verfeinere ich das ein bisschen mit Joseph, meinem Co-Writer und Produzenten, und auch Paris. Also ich habe ein kleines Team mit denen ich das re-worke, aber so die Grundidee des Songs entsteht schon im Voraus und die Vision dafür am Klavier.
Mental Health
Amélie: Wir haben eben über ‚FOCUS…‘ gesprochen. Der Song hat ein bisschen BY.on-Bezug. Bei einem Mental Health Seminar des Förderprojekts haben wir über Routinen vor der Show gesprochen. Hast du bzw. deine Band ein Ritual vor der Show?
Diana Goldberg: Ja, tatsächlich haben wir so eine Playlist, die wir eigentlich immer am Tag vor der Show hören. Da hat jeder verschiedene Songs rein gewürfelt. Zum Beispiel „Feel Good“ von Gorillaz und einfach ein paar Songs, die wir feiern. Und kurz vor der Show machen wir ein paar Warm-Ups, um alles zu aktivieren und sind beisammen und fokussieren uns auf den Auftritt. Das habe ich auch aus dem Seminar mitgenommen, dass man sich einfach auch die Zeit nimmt, nicht stressig in den Auftritt reinzugehen, sondern sich ein Ritual gemeinsam erschafft, das für alle passt und das jeder irgendwie feiert. Dann hat man Spaß und geht mit so einem guten Gefühl in den Gig.
Amélie: Mega cool, dass ihr etwas gemeinsames gefunden habt! Apropos BY.on, was bedeutet die Förderung für dich?
Diana Goldberg: Also ich habe wirklich das letzte Mental Health Seminar mega genossen. Ich hatte eine schwierige Phase vor diesem Workshop und es hat mir total viel geholfen, Tools zu lernen, die selbstverständlich sind, aber die man manchmal vergisst. Wie die Bauch-Atmung, dass man einfach tief ein und ausatmet und dann ist das Problem schon nicht mehr so groß. Man macht sich ja auch wenn man sich stresst oder nicht auf sich achtet, viel mehr Sorgen und ist dann nicht ausgeglichen. Das Coaching-Angebot von BY.on schätze ich mega und auch sich zu vernetzen mit anderen aufstrebenden Bands aus Bayern, die viel touren, das ist richtig cool. Also das ganze Netzwerken, das Community-Feeling, dafür bin ich mega dankbar. Auf dem c/o Pop Festival bin ich ja auch Dank des VPBy. Endlich gibt es echt viele Möglichkeiten auch mehr live statt zu finden.
Amélie: Voll schön. c/o Pop hast du schon erwähnt. Wie ist es für dich hier zu sein?
Diana Goldberg: Mega nice! Wir sitzen einfach mal in der krassesten Location ever (lacht). Wir haben hier in so einer Art Vintage-Laden gespielt. Hier sind auch überall selbst geschneiderte Sachen. Generell auch die Möglichkeit easy Door-zu-Door bei anderen Bands zuzuhören. Der Vibe ist richtig cool, alle Leute sind gut drauf. Man lernt viele andere Musiker:innen kennen. Und es ist ein schönes Gefühl, wieder mal auf einem Festival zu sein und auch zu spielen.
kurze Frage – ein Wort
Amélie: Ich habe jetzt noch eine kleine Quickfire-Runde vorbereitet – „kurze Frage – ein Wort“. Wer ist dein absolutes Vorbild?
Diana Goldberg: Wenn ich ein Vorbild nennen würde, dann ist es meine Mutter und meine Oma.
Amélie: Deiner Meinung nach dein bester Song live?
Diana Goldberg: ‚BLACKBLUEYELLOW‘.
Amélie: Der war beim Auftritt auch mega!
Diana Goldberg: Ja, jeder hat mitgesungen, das war Hammer!
Amélie: Und dagegen: beste Studio Produktion?
Diana Goldberg: Ein Song, der rauskommen wird. Der heißt ‚DANCE ON THE BATTLEFIELD‘. Generell der Song fängt super stark an, sehr reduziert und dann ist der Chorus riesig und wir haben einfach super viele geile Sachen gemacht, was die Produktion angeht. Wir haben zu dritt einen Chor nach produziert! Wir waren dann zusammen im Studio und haben einfach den Chorus laut eingesungen von so verschiedenen Positionen. Und ganz hinten versteckt ist auch Schwanensee, das Sample. Das hört man im allerletzten Chorus und deshalb definitiv einer der besten produzierten Tracks.
Der Song kam jetzt mit der EP im Juli raus, also unbedingt reinhören! Findet ihr das Schwanensee-Sample?
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Amélie: Jetzt Entscheidungsfrage: Köln, Berlin oder München?
Diana Goldberg: Oh, schwierige Frage. In München bin ich zu Hause. Deshalb München. Aber Berlin ist auch… Sehr, sehr schwierig (lacht). Ich bin in München und in Berlin zu Hause. Aber wegen Family würde ich sagen München.
Amélie: Wenn du das schon verraten kannst, wie viele Releases stehen dieses Jahr noch an?
Diana Goldberg: Also meine Ep steht jetzt im Juli an. Mit ihr kommen sechs neue Songs raus und dann gibt es noch nach dem EP-Release was im Herbst. Aber ich kann noch nicht genau verraten, was, weil ich das noch ein bisschen auswählen muss. Also auch, in welche Richtung ich gehe, denn es wird eine neue Richtung. Die wird schon ein bisschen angeteasert in der EP. Und jetzt schaue ich mal, welche Songs ich dafür zusammenwürfel.
untold story
Amélie: Da sind wir sehr gespannt! So jetzt als letztes ist die untold story an der Reihe. Hast du für uns eine witzige unerzählte Story parat?
Diana Goldberg: Ich war mit Freunden im Urlaub und wir haben uns so einen heiligen Ort, also was Kulturelles angeschaut. Ich bin so ein Tollpatsch, mir passieren immer Dinge, die anderen nicht passieren (lacht). Dann standen wir in einer Schlange, um überhaupt in diesen Ort reinzukommen. Plötzlich höre ich nur einen komischen Ton und irgendwas wird feucht von oben und dann fasse ich mir auf die Haare und dann hat einfach eine Taube auf mich draufgeschissen (lacht). Das war total ekelhaft, aber natürlich versuche ich Sachen immer positiv zu sehen und ich hab dann so ein Mindset, was dann sagt: „Hey, gar nicht so schlimm, weil im Endeffekt bringt es bestimmt Glück“ (lacht). Eigentlich sollte ich dankbar sein?! Jaa, I guess thats my untold story (lacht). Jetzt weiß das auch die Welt;))
Amélie: Okay, dann schließen wir mit dieser Story mal ab (lacht). Danke dir für deine Zeit!
Diana Goldberg: Ja, danke dir für das liebe Interview, hat Spaß gemacht!
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Es kribbelte in meinen Fingern, ich skippte Song für Song weiter, nichts war genug, irgendetwas fehlte mir. Ich sehnte mich nach einer musikalischen Veröffentlichung, die sich aus all den anderen herausriss. Etwas, das mich verstand und mir nah lag, aber mich gleichzeitig aus der Fassung brachte. Genau diese Erlösung brachte mir Mia Morgan im April in Form ihres Debüt-AlbumsFLEISCH. Nach ihrer ersten, zurecht, geliebten und gefeierten Gruftpop EP, setzte Mia nicht einfach „einen drauf“, sondern ging tausend Schritte nach vorne. Nicht nur sich selbst voraus, sondern auch allen anderen.
So blutig, bestimmt und eindringlich wie sein Titel, fühlt sich das Album auch an. Aber genauso ist Fleisch eben auch das, worin wir alle leben und atmen und das, was wir täglich mit uns rumtragen. Meine Faszination für das Album wird vorrangig damit gefüttert, dass es in der deutschsprachigen Musikszene keinen angemessenen Mitstreiter gibt. FLEISCH behandelt Themen wie Weiblichkeit, Freundschaft, Jugend, Fantasie, Neid, Lust und Verlangen mit einer fesselnden Intensität, Klugheit und Vielfalt. Mal klingt dies sehr düster und verrucht, mal ganz hell und poppig. Mal sind es Fantasien, die beim Hören in eine tiefere Wunsch- und Gedankenwelt abschweifen lassen, mal die zerrende Realität. Aber Mia zeigt eben sehr greifbar, dass genau das Hand in Hand gehen kann. Und vielleicht auch muss. Sie zeigt darin nicht nur musikalisch, sondern auch von sich selbst verschiedenste Facetten, die kontrastreich sind, sich aber nie ausschließen.
Dass Mia als Person in (ihrem) FLEISCH steckt und FLEISCH in all dem, wie sich Mia als Person und Künstlerin präsentiert, sollte klar sein. In den Texten und Sounds finden sich Hörer:innen aber erschreckend genau wieder, fühlen sich manchmal vielleicht sogar eher ertappt. Denn Mia ist rhetorisch sehr geschickt und auf dem Album nahbar, ehrlich und hat keine Scham, ihr Innerstes zu äußern. Dabei gelingt es ihr, den künstlerischen Aspekt nie zu verringern. Ich erinnere mich an die ersten Tage, an denen ich das Album gehört habe, zurück. Am liebsten hätte ich jeden Satz verschlungen und noch ewig gefühlt. FLEISCH ist ein Album, in dem so viel Schmerz, so viel Persönlichkeit und Aufrichtigkeit zu sein scheint. Ich wünsche mir, dass es so viele Leute genau an den Punkten trifft, wie es mich getroffen hat.
Was sich hier wie ein Liebesbrief an Mia Morgan anhören mag – ist vielleicht auch einfach einer. Und ich finde, das ist auch okay. Den Rest erzählte mir Mia aber selbst, als ich sie auf ihrer fast komplett ausverkauften FLEISCH-Tour besuchte.
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Dascha:Wie fühlst du dich gerade? Ich habe das Gefühl, dass du eine der Künstlerinnen bist, bei denen man am meisten merkt, wie viel dir deine Musik bedeutet und dass das voll dein Ein und Alles ist. Wie fühlt es sich jetzt an, dass du dein Album mit der Welt geteilt hast?
Mia Morgan: Gar nicht so echt. Ich habe das irgendwie auf so zwei Shows gehabt, wo es mich immer so kurz aus den Socken gehauen hat. Wo ich kurz dachte „Oh fuck, it’s happening!“ Und die Leute singen mit und die sind auch wegen mir da. Und dann gab es auch mal so Momente, wo ich irgendwie ins Publikum geguckt habe und da waren Leute, die zitternd geweint haben. Da hat es mich dann auch zu Tränen gerührt. Und einmal vor der Zugabe, als ich nochmal Backstage gegangen bin, habe ich einen richtigen Heulkrampf bekommen.
Aber dann wird es sehr schnell wieder so, dass man zurück in diesen Arbeitsmodus geht und du weißt, okay, du spielst die Show, morgen musst du wieder fit sein, fährst weiter und es passiert alles superschnell. Also ich hatte noch gar nicht richtig die Zeit, um das so richtig zu realisieren, so richtig sacken zu lassen. Ja, aber es ist super schön. Es ist unglaublich und überwältigend und es ist anstrengend. Und es tut auch weh. Auf eine gewisse Art und Weise, irgendwie, weil es immer alles anders ist als in der Vorstellung. Aber es ist schöner als befürchtet.
Dascha: Das ist schön. Sind dir Meinungen von aussen zu deiner Musik generell wichtig?
Mia Morgan: Ja, aber ich wünschte, es wäre nicht so. Aber wenn mir die Meinungen von außen egal wären, dann könnte ich das halt als Hobby machen und nicht als Job. Das ist für mich nicht was, wo ich jetzt irgendwie so eine Passion für habe, dass ich nicht anders kann, als zu musizieren. Also ich bin ja gar keine Instrumentalistin, die, die die Finger nicht von ihrem Instrument lassen kann, sondern es ist ja für mich auch einfach irgendwie ein allumfassendes Ding, was Performance mit einbezieht und was eben auch so was wie das gerade einbezieht. Interviews zu machen oder irgendwie Radio oder auch visuell einfach präsent sein in Videos und anderen Formaten.
Und deswegen ist es für mich halt ein Job, es ist mein Traumjob. Also ich bin halt darauf angewiesen, dass eine gewisse Anzahl an Leuten das gut findet, weil sonst kann ich das nicht machen. Und es wird auch immer Leute geben, die das scheiße finden. Ich kann mir zehn gute Kritiken durchlesen. Wenn die elfte schlecht ist, dann denke ich, es ist scheiße. Ich bin da leider sehr sehr empfindlich und lese mir auch viel zu viel durch, aber habe bis jetzt, was die Platte anbelangt, fast überwiegend schöne Sachen gehört und auch viele Sachen, die ich mir gewünscht habe, zu lesen oder zu hören.
Dascha: Was sind die schönsten Komplimente für dich zu deiner Musik?
Mia Morgan: Viele Leute, die in meinem Alter sind, schreiben, sie wünschten die Platte gehabt zu haben, als sie in dem Alter waren, über das ich singe. Es geht ja sehr viel um die Zeit als Teenager.
Dascha: Tatsächlich habe ich genau das auch aufgeschrieben.
Mia Morgan: Ah echt? Nice! Ja, also irgendwie sagen Leute, dass sie das damals irgendwie gebraucht hätten, weil ihnen das ein bisschen Mut macht. Aber es ist ja aus der Retrospektive geschrieben. Ich hätte das Album als Teenager nicht machen können, weil ich kann nur darüber schreiben, jetzt, da es vorbei ist und da es überstanden ist. Dann ist es natürlich auch sehr schmeichelhaft, wenn man mit Künstlerinnen verglichen wird, die man selber bewundert. Wenn irgendwie gesagt wird, ja, man checkt, dass ich mich mit MARINA und Rina Sawayama befasst habe. Und dass Leute halt auch sagen, dass sie sowas bisher auf dem deutschen Markt nicht kennen. Das finde ich immer besonders und schmeichelhaft, wenn noch mal irgendwie betont wird, dass es etwas ist, was es so nicht gibt und vorher noch nicht gab.
Dascha: Ja, das finde auch! Ich habe lange nicht mehr einen Song gehört, der mich beim ersten Hören so krass gepackt hat wie VON AUSSEN. Und dann dachte ich auch direkt, ich wünschte, der wäre schon rausgekommen, als ich 15 war, das war so genau dieses eingefangene Feeling, richtig toll. Obwohl ich den jetzt natürlich auch schätze. Wenn dein Album eine eigenständige Person wäre, was hätte es für Charaktereigenschaften?
Mia Morgan: Oh mein Gott, sie wäre sehr sexy und sich dessen bewusst. Sie hätte aber auch keine Angst, verletzlich zu sein. Sie hätte keine Angst, über ihre Gefühle zu reden und würde sich nicht scheuen. Vielleicht wäre sie ein bisschen zu empfindlich und ein kleines bisschen zu dramatisch und sie müsste auch in Therapie. Aber sie wäre kein hoffnungsloser Fall. Sie wäre bei dem Ganzen irgendwie bei sich und sie würde auch sehr schick sein. Ja, sie wäre einfach wie ich.
Dascha: Das passt sehr gut! Ich verfolge dich, wie viele andere auch, schon seit deinem aller ersten Release. Und ich hatte von Anfang an schon das Gefühl, dass du, zumindest so von außen gesehen, genau weißt, was du machst und was du machen willst. Aber ich habe das Gefühl, dass sich das trotzdem noch mehr verfestigt hat in der vergangenen Zeit. Was ist für dich deine positivste Entwicklung, die du in der Zeit gemacht hast?
Mia Morgan: Dass ich mich selber in dem, was ich mache, ernst nehme. Das ist ja so, dass Musik am Anfang und bei manchen Leuten auch immer nie genug Geld bringt, vor allen Dingen nach zwei Jahren Pandemie Einschränkungen, sodass man das nicht als Hauptberuf machen kann. Ich habe die Schule abgebrochen, ich habe keine Ausbildung. Ich bin zwar an der Kunsthochschule eingeschrieben, dank einer Eignungsprüfung, aber ich habe kein Abitur und habe dadurch irgendwie so sehr viele Komplexe bezüglich meines Standes in dieser sehr erfolgsorientierten Gesellschaft entwickelt und habe oft damit gekämpft. Oft habe ich überlegt: Gehe ich noch mal zurück zur Schule? Obwohl ich mich da so unwohl gefühlt habe, weil ich immer diese Angst hatte, dass ich nichts Gescheites machen kann. Aber von Anfang an war ja Musikmachen mein Traum. Und es war ja auch schon immer irgendwie die Karte, auf die ich alles gesetzt habe.
Aber ich habe immer darauf gewartet, dass ich halt die Kraft dafür entwickle, mir einen sicheren doppelten Boden zu bauen, der halt kein schlecht bezahlter Nebenjob in irgendeinem Einzelhandelsgeschäft oder in einem Café ist. Und auf die war ich aber die letzten Jahre immer angewiesen. Ich bin auch immer noch quasi darauf angewiesen. Ich habe nur einfach keine Zeit mehr dafür. Und ich war halt sehr, sehr lange oder bin halt sehr, sehr lange in diesem Modus gewesen von „Ja, ich kann das nicht zu 100 % ernst nehmen, weil es bringt mir noch nicht genug Kohle und ich habe keine Errungenschaft, die ich abhaken kann.“ Ich habe auch ganz starkes Impostor-Syndrom, sodass ich sowieso immer so denke, alle anderen, die das machen, machen es richtig und bei mir ist es irgendwie. So: ich bin eine ausgedachte Sängerin und ich bin eine ausgedachte Musikerin und das ist alles gar nicht real.
Aber ich habe mich ein bisschen selber angefangen in den Arsch zu treten, wenn diese Gedanken aufkommen und versuche mir zu vergegenwärtigen, dass ich eine eigene Tour spiele, dass ich wirklich ein Album rausgebracht habe und dass ich jetzt wirklich auch kein so allzu junges Mädchen mehr bin, das so schlimm unsicher bezüglich der eigenen Zukunft ist, sondern dass ich sehr genau weiß, was ich möchte und dass ich auch arbeite. Ich habe immer das Gefühl, ich arbeite nicht genug, aber das hält mich auch am Arbeiten. Also das hält mich ja motiviert, noch mehr zu machen, weiter zu machen und so. Und ja, ich habe langsam so den Dreh raus, wie ich das als Beruf sehe und gleichzeitig aber nicht als einen Zwang, sondern als etwas, was aus meinem Innersten kommt.
Dascha: Voll schön, dass du beginnst das zu sehen. Es kommen ja gerade so viele Leute zu deiner Tour, die dich und deine Musik erleben wollen.
Mia Morgan: Ja, das ist total crazy! Ich meine am Anfang so die ersten Berechnungen… die Leute haben halt erst keine Tickets gekauft, weil die alle gedacht haben, es findet eh nicht statt. Und dann beziehst du das natürlich auf dich und denkst die haben keinen Bock auf dich. Dann aber zu sehen: they show up und die stehen da die singen mit und die haben deine Shirts an und die heulen auch. Das ist einfach so crazy.
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Dascha: Das ist so schön! Du hast schon sehr lange her angefangen, an dem Album zu schreiben, oder? In welchem Jahr?
Mia Morgan: Der erste Song, also der älteste ist IN WIEN. Und den habe ich 2018 geschrieben, so im Sommer 2018.
Dascha:Und gibt es auch einen Song, den du schon lange her angefangen hast zu schreiben, wo du jetzt denkst, du würdest den vielleicht jetzt aus der Position heraus nicht mehr so schreiben? Also, wo sich dein Standpunkt oder Blick vielleicht irgendwie verändert hat?
Mia Morgan: Also man entfernt sich natürlich von den Themen, die man besingt, wenn die mit einer Beziehung zu tun haben. Aber das wäre jetzt nichts, wo ich sage, ich sing den jetzt nicht mehr, weil das ist so ein geschlossenes Werk und ist ja das gleiche wie mit so Google Images. Also wenn du mich googelst, kommen so Bilder von 2017, wo ich ganz anders aussehe als jetzt. Und da bin ich auch manchmal so „Ey, wen muss ich jetzt irgendwie bezahlen, um die da zu entfernen und da andere Bilder rein zu machen?“ Aber auf der anderen Seite denke ich mir, das war echt so. So sah ich aus, das ist ein Teil meines Lebens. Genauso sind Songs, die irgendwelche Themen behandeln, die mich jetzt nicht mehr belangen, auch einfach Teil meines Lebens. Sie gehören halt zu mir.
Aber natürlich, ich würde auch alleine soundmäßig Sachen anders machen, als wie ich die früher gemacht habe. Aber ich habe ein bisschen gelernt, mir da zu vergeben und es einfach anzunehmen. Es war halt zu dem Zeitpunkt so und jetzt würde ich es halt anders machen. Ich glaube, sonst wird man noch wahnsinnig. Ich war auch früher so, dass ich mir keine Fotos von mir selber angucken konnte, die älter waren als ein halbes Jahr, weil ich immer gedacht habe (Würgegeräusch). Aber damit geht es einem ja einfach nicht gut. Man tut sich ja keinen Gefallen damit, weil man dann ständig in so einer Angst lebt, erwischt dabei zu werden, dass man sich entwickelt. Wir alle entwickeln uns ständig weiter und es ist auch okay, da einfach zu sagen: „Ja, das war so und so, jetzt ist es so, konzentrier dich auf die Gegenwart!“
Dascha: Aber ich finde, es ist sehr schwer sich das erst mal einzureden. Vergangenheits-Ich ist immer irgendwie mit so viel Cringe verbunden.
Mia Morgan: Total, ist es auch! Ich habe auch ein paar Sachen aus meiner Vergangenheit, also nichts problematisches oder so, aber Sachen die ich so peinlich finde. Ich hatte mal mit 14 einen YouTube Kanal. Und manchmal passiert mir das so ganz ganz selten, dass Leute mir auf TikTok oder Instagram schreiben „Kann es sein, dass ich dich von früher von YouTube kenne? Hießt du so und so?“ Und dann bin ich direkt so: LÖSCH, falls da noch irgendwas von rumfliegt! (lacht) Das ist mir so, so peinlich. Irgendwann wird wahrscheinlich der Zeitpunkt kommen, wo ich mir sagen kann: „Okay, ja, ich war mal so und wenn es jetzt irgendjemand sieht, dann ist es halt so“. Aber gerade bin ich da noch nicht.
Dascha: Wobei du ja 14 warst, ich glaube da nimmt es dir niemand übel, sowas in dem Alter zu machen. Aber ich glaube, so wird es auch sehr vielen Teenies später gehen, die jetzt aktiv auf TikTok sind.
Mia Morgan: Ja, wahrscheinlich. Oder zum Beispiel letzte Woche, als wir in Wien waren, war ich übel besoffen und dann habe ich ein TikTok gemacht. Da war so eine Statue von zwei Frauen, die sich umarmt haben und es gibt doch diesen einen Sound „And they were both boys“. Ich war hacke dicht, film dann so auf mich komplett wasted, komplett crusty Make Up und meine Augengucken in zwei verschiedene Richtungen und ich sag so: „And they were both girls“ und poste das direkt. Als ich so um halb 5 im Bett war und schon wieder am Ausnüchtern war, fiel mir ein, dass ich das TikTok gepostet habe. Ich öffne die App und da sind so Kommentare „Ohje, da ist jemand aber wasted“, hab’s direkt gelöscht. Aber ja, ich bin froh, dass es das noch nicht gab, als ich so jung war.
Dascha: Oh Gott, sowas könnte mir auch passieren. Wieder zurück zu meinem Song-Liebling VON AUSSEN. Ich würde gerne ein bisschen näher auf den eingehen. Magst du mal dieses Gefühl von diesem „außen sein“ für dich beschreiben?
Mia Morgan: Ich habe den Song geschrieben, nachdem ich zum Ersten Mal Gast auf einer größeren Veranstaltung mit berühmten Leuten gewesen bin. Und ich habe mich an dem Abend sehr albern gefühlt. Ich hatte tatsächlich, wie in dem Song beschrieben, einfach zu große Schuhe an. Das waren Designer Schuhe, ich wollte die unbedingt tragen, aber die haben mir halt nicht gepasst. Und dann so ein super teures Outfit, die teuerste Kleidung, die ich jemals getragen habe. Ich dachte so „Oh, das ist mein Abend“. Und dann kam ich da an und hab mich halt gefühlt wie so ein Alien, was gerade auf der Erde gelandet ist. Niemand hat es wahrscheinlich bemerkt, aber mir selber ging es an dem Abend gar nicht so gut. Ich war sehr, sehr verunsichert. Dann war ich noch für einen Preis nominiert, den ich nicht bekommen habe. Und es war alles in allem so ein bisschen melodramatisch. Einerseits cool, Teil von irgendwas zu sein, aber andererseits auch so ein fremdes Gefühl selbst in der eigenen Freundesgruppe.
Und das lässt sich ganz gut übertragen auf andere, insbesondere soziale Situationen, die ich in meinem Leben hatte oder auch akut noch habe. Manchmal bin ich in Gruppen unterwegs und merke „Okay, alle reden gerade miteinander und ich nicht“. Und wenn ich mich einbringe, dann höre ich mich wie aus der Vogelperspektive und denke mir „Was laber ich gerade? Die haben übel keinen Bock auf mich. Ich passe nicht hier rein.“ Das sind glaube ich, größtenteils einfach Quatsch-Gedanken. Ich glaube, dass andere Leute das gar nicht so wahrnehmen, aber man selbst kann sich da ganz dolle reinsteigern. Gerade, wenn man in der Jugend mit psychischer Gesundheit oder Ungesundheit zu tun hat Und dann eine verunsicherte Erwachsene wird, die dann vielleicht irgendwann einen Freundeskreis hat, aber trotzdem noch das Gefühl hat, selbst da, wo sie dazugehört, gehört sie nicht dazu. Dann schleppt man das einfach so mit sich fort.
Und bei mir ist noch ein ganz großer Faktor, dass ich halt so gerade unter den Musiker:innen, mit denen ich befreundet bin, viel mehr mit Musikern befreundet bin. Und einen Freundeskreis habe, der überwiegend männlich ist. Es ist nicht so, dass ich mir das bewusst ausgesucht habe. Ich habe auch Momente, wo ich mir wirklich wünsche, es wäre anders. Aber es hat sich einfach so ergeben. Es sind alles nette Männer, auf die ich nichts kommen lasse. Die sind alle gescheit und toll und cool. Aber es sind halt Männer. Wenn ich mit denen unterwegs bin, habe ich auch oft dieses Gefühl von, ja, wir mögen uns zwar sehr nahestehen und wir vertrauen einander alles an, aber ich werde niemals dieselbe Connection haben wie die unter einander. Werde ich auch etwas neidisch auf diese Freundschaften, die andere Männer-Bands, die miteinander abhängen, haben. Und ich bin dann halt dabei und als Frau dann einfach außen vor.
Dascha:Ich verstehe das total! Und ich finde auch, man kann den Song wirklich auf viele Situationen übertragen. Irgendwie fasst er ein ganz besonderes Gefühl zusammen. Das hab ich als Song gebraucht.
Mia Morgan: Ja, so universell irgendwie. Freut mich, dass er dir so gefällt. Ich habe irgendwie das Gefühl, die letzten beiden Songs auf dem Album werden immer gar nicht angesprochen.
Dascha: Auch, wenn das Album natürlich für alle Personen da ist, finde ich es sehr weiblich. Also das hat mir vorher auch wirklich richtig gefehlt. Ich finde, das hat die Musik-Szene auch genau gebraucht. Und was fehlt dir so in Musik momentan? Also generell.
Mia Morgan: Also die kurze Antwort ist: Frauen. Aber die Frauen, die Musik machen und für die das ein wichtiges Thema ist und deren Mission es auch ist, auch zu betonen, dass ihnen Frauen in der Branche fehlen, sind mir manchmal zu plakativ. Ich kann natürlich niemandem vorschreiben, wie Feminismus funktioniert und nehme mich damit auch ein bisschen zurück, weil ich ein Problem damit habe, wenn Leute mich da zu einer Galionsfigur machen wollen. In der Bewegung spreche ich immer als krass privilegierte Person, die mit sehr, sehr vielen Problemen, mit denen andere Frauen zu tun haben, allein wegen meinen Lebensumständen, wegen meinem Aussehen, meiner Gesundheit, meiner Sexualität etc. nichts zu tun hat, weil ich da einfach privilegiert bin und ich tue, was ich kann. Mir ist auch wichtig, den Standpunkt zu vertreten, anderen Leuten eine Plattform zu bieten. Und auch zu suggerieren, dass ich da bin für andere Frauen.
Aber ich kann da keine Galionsfigur sein. Und es gibt ganz viele Leute, die in der gleichen Position sind wie ich, aber sich so ein bisschen anmaßen, diese Figur zu sein. Das finde ich manchmal schwierig, weil das dann sehr schnell plakativ wirkt und sehr schnell klingt wie „Hey, lasst doch mal einen feministischen Song machen! Lasst uns doch jetzt mal diese Welle an H&M T-Shirts, wo „Girl Boss“ draufsteht nutzen und hoch in die Charts reiten!“ Ich finde es krass, dass wir berühmte Frauen in Deutschland haben, aber die sind fast alle im Rap. Was ja auch cool ist, weil das auch ein sehr männerdominiertes Feld ist und das auch nicht zu erwarten ist, dass es da gut funktioniert.
Ich fände es einfach schön, wenn wir ein bisschen davon weg kämen, das dann auch so krass einzuteilen und dann auch gerade so weiblichen Künstlerinnen immer so aufzudrücken man müsse jetzt feministische Mucke machen, weil du eine Frau bist und du musst es appreciaten, dass dir der Slot zugeteilt wird als dritter Headliner auf einem Festival zu spielen, da müsse man doch auch einen Song über Frauenpower singen und sing halt nicht über Koks und Ficken oder so. Also das ist auch so eine gesellschaftliche Erwartungshaltung an weibliche Künstlerinnen, über die wir ein bisschen hinwegkommen müssen. Lass mich doch als Frau einfach mal Mucke machen. Das muss nicht alles ein Manifest werden und es muss nicht alles politisch sein.
Dascha: Voll! Und das ist genau dasselbe mit Frauen, die einfach nur sehr im Internet präsent sind, aber halt mit so Body Positivity. Dass man automatisch als feministische Aktivistin oder whatever gesehen wird.
Mia Morgan: Ja, genau! So, vor allem als mehrgewichtige Person musst du automatisch Body Positivity Aktivist:in sein, um deinen Körper zu präsentieren.
Dascha: Wow you’re so brave for showing your body!
Mia Morgan: Ja, isso. Da postet jemand ein Foto in ihrem neuen Bikini und die Leute schreiben „Du bist so mutig“. Hä? That’s literally just my body.
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Dascha: Dementsprechend finde es auch total schön, dass es auch auf dem Album so viel um weibliche Freundschaft geht, weil das auch ein Thema ist, was mich voll beschäftigt. Aber das höchste was man da sonst so bekommt sind Liebeslieder und man muss sich halt vorstellen, dass es sich dabei auch um eine Freundschaft handeln könnte. Also ich beziehe vieles dann sehr auf mich irgendwie. Und bei deinem Album ist es ja so, dass man endlich mal Songs bekommt, die wirklich darüber handeln. Was ist so deiner Ansicht oder deiner Erfahrung nach das Besondere an weiblichen Freundschaften?
Mia Morgan: Ich habe mich immer nach einer sehr, sehr tief gehenden weiblichen Freundschaft gesehnt und bin aber oft daran gescheitert. An der einen, also die gescheitert ist, habe ich mich so ein bisschen bei dem Prozess des Albums orientiert, weil dann halt Männer, oder Jungs damals noch, ins Spiel gekommen sind und leider Gottes weibliche Solidarität so krasse Grenzen hat, wenn Männer da dazukommen und praktisch diese Grenzen aufstellen. Es gab jetzt erst wieder irgendwie so einen Fall in Amerika, wo auf einer Hochzeit der Bräutigam eine der Brautjungfern vergewaltigt hat. Das heißt, die Braut wurde praktisch an ihrem Hochzeitstag betrogen und der Brautjungfer wurde Gewalt angetan. Die Braut hat sich auf die Seite ihres Ehemanns gestellt, vor Gericht. Und das ist für mich wieder so etwas. Warum? Also auf der einen Seite verstehe ich Abhängigkeit in Beziehungen, gerade in so heteronormativen Gesellschaftsschichten, wo das irgendwie so gang und gäbe ist, dass Frauen sich den Männern fügen. Damit kann ich mir das ein Stück weit erklären.
Aber auf der anderen Seite ist es auch einfach so tragisch, weil es unter Frauen halt irgendwie so eine magische Verbindung gibt, aber die ist eben auch sehr, sehr fragil und die fällt oft hinten weg, wenn Männer dazukommen. Wenn in eine Beziehung gegangen wird, geben Frauen in der Regel viel mehr auf als Männer. Und ich habe es in meinem bisherigen Leben nicht geschafft, mit einer Frau eine Freundschaft nachhaltig aufzubauen, die so allumfassend intensiv ist. Ich habe eine beste Freundin, der ich alles anvertraue, aber mit der verbringe ich unfassbar wenig Zeit. Ich sehe sie ganz, ganz selten. Und wir sind miteinander befreundet, weil wir Vergangenheit haben und weil wir seit vielen Jahren Freundinnen sind. Aber es ist nicht dieses ständige Schreiben und so, wie man das mit einem Partner oder einer Partnerin hat oder wie ich das mit meinen männlichen Freunden habe. Deswegen hat das für mich gleichzeitig so eine Faszination, aber auch ein bisschen was abschreckendes, bedrohliches. Weil die Male, wo ich es probiert habe, war es halt komisch und ist kaputt gegangen. Ich hatte auch mal eine Freundschaft mit einem Mädchen, die quasi eine Beziehung gewesen ist und es gab einen Zeitpunkt, wo ich mit ihr darüber reden wollte, ob wir eigentlich mehr sind als Freundinnen, weil wir auch was miteinander hatten. Da hat sie komplett abgeblockt und monatelang nicht mit mir geredet. Seitdem ist es für mich halt ein sehr sensibles, aber auch sehr interessantes Thema.
Dascha: Das ist wirklich ein sehr besonderes Thema, ich denke man könnte Stunden lang darüber reden. Genauso hab ich auch das Gefühl, dass in deiner Musik oft das Thema so Fantasien und so Wunschgedanken vorkommt. Begleitet dich das auch so häufig in deinem Alltag?
Mia Morgan: Ich habe halt meine Jugend so aus meinem Zimmer heraus verbracht. Ich habe nie viel gemacht. Ich habe mir mein Sozialleben immer nur vorgestellt und viele Sachen erträumt. Außerdem habe ich sehr viel gelesen und das hat mich eine Zeit lang immer so aus Löchern rausgeholt. Als Kind hatte ich halt Harry Potter wie alle Millennials. Und dann war ich 13, 14 und mir fing es an, psychisch sehr schlecht zu gehen. Dann war Twilight da und das hat irgendwie was los gekickt mit Fantasieren von Liebe und Fantasien, von einer anderen Welt, in der ich der Main Character bin. Da habe ich mich sehr stark in diese Main Character Fantasien geflüchtet und meine ganzen Teenie Jahre so verbracht.
Ich hatte kein Sozialleben. Ich bin ja auch sehr selten überhaupt zur Schule gegangen und hatte gar nicht die Möglichkeit, da großartig was zu formen. Und deswegen ist vieles nur in meinem Kopf und auf Tumblr passiert und ich bin das nicht richtig losgeworden. Und ich wünsche mir auch, dass ich das nicht loswerde, weil das das Leben einfach noch ein bisschen schöner macht, wenn man alles durch einen Filter sehen kann. Man muss alles ein bisschen romantisieren, weil die meisten Sachen so öde und sehr langweilig sind. Selbst Sachen, die einem von außen sehr glamourös und toll vorkommen. Am Ende des Tages ist so ein Tour-Tag Arbeit und anstrengend und viel mehr dreckige Raststättentoilette als irgendwie glamourös im Backstage Champagner trinken. Aber ich habe Angst diesen Filterblick zu verlieren. Wenn das passiert, kann ich, glaube ich, auch keine Songs mehr schreiben.
Dascha: Das ist total schön. Ich finde es auch sehr wichtig, weil ich habe das Gefühl, sehr viele Leutehaben diese Fantasie ab einem gewissen Alter gar nicht mehr. Dann wird das generell als kindlich und realitätsfern abgestempelt.
Mia Morgan: Ja, es ist so traurig. Ja, das ist super traurig! Ich finde einfach Fantasie zu haben sau wichtig, auch als erwachsener Mensch. Man muss ja jetzt keine Romane schreiben oder so, aber es fängt ja auch schon bei Sexualität an. Wenn du zum Beispiel als Mensch darauf angewiesen bist, dir irgendeinen Porno anzugucken, um überhaupt irgendwas zu fühlen. Das ist ja auch eine Abstumpfung und irgendwie fragwürdig. Und es geht ja auch um Ideen, Entwicklung im Berufsleben. Selbst, wenn du einen Bürojob machst, ist es ja eigentlich voll praktisch, wenn du Fantasie hast und dir was vorstellen kannst. Ich finde es schade, dass man sich so auf die harten Fakten stürzt und wenig Freiraum dafür lässt, Vorstellungen und auch Träume zu haben.
https://www.youtube.com/watch?v=awKYAX8uwxk
Dascha: Wo wir schon bei deiner Fantasie sind: Wie ähnlich bist du Jennifer Check wirklich?
Mia Morgan: Ich bin eigentlich viel mehr Needy als Jennifer. Deswegen bin ich auch so fasziniert von Jennifer, weil ich selbst viel mehr Needy bin. Ich glaube, Leute, die in der Schule nicht so cool gewesen sind, werden diesen Druck, was zu reißen, nie los. Und deswegen passiert es oft, dass Leute, die in der Schule nicht cool waren, dann als Erwachsene so vermeintlich „cool“ werden. Also ich lege viel Wert auf meine Klamotten, ich lege viel Wert auf meine Internetpräsenz, ich habe gemachte Nägel, wenn meine Haare so aussehen wie jetzt, habe ich einen Scheißtag.
Das ist halt einfach so, dass es jetzt für mich sehr, sehr relevant ist, weil ich früher einfach überhaupt nicht so war. Aber du wirst es ja nicht los. Du bleibst ja innerlich irgendwie so. Also ich war kein Main Character in der Schulzeit. Ich wäre es gern gewesen, aber ich war eine komische Person, die so in Bücher vernarrt gewesen ist und immer so als weird abgestempelt worden ist, nirgends so richtig dazugehört hat und auch immer sehr nach anderen Leuten geguckt hat. In der Art und Weise wie Needy in ihrem Leben navigiert, ist sie viel mehr ich, als ich Jennifer bin. Aber Jennifer steht auf Emo Boys, we have that in common. (lacht)
Dascha:Na das letzte ist ja das Wichtigste! Aber ja, dann freut mich das erst recht, dass du jetzt so deine Bubble gefunden hast, die dich so schätzt.
Mia Morgan: Mich auch!
Dascha: Dann kommt jetzt meine letzte Frage. Bei uns immer eine untold story, also ein kleines Geheimnis oder eine Geschichte, die du noch nicht öffentlich erzählt hast.
Mia Morgan: Ich habe ganz lange Improvisationstheater gemacht und das finde ich rückblickend cringe, weil das immer komische Leute sind, die übel Mundgeruch nach Kaffee und Zigaretten haben. Nur Komische Leute machen Improvisationstheater und ich habe das lange und super, super gerne auch gemacht. Und ich bin sowieso auch eigentlich noch so ein Theater Kid zusätzlich.
Dascha: Oh mann, ich aber auch komplett.
Mia Morgan: Ich habe in der Schule Darstellendes Spiel gehabt und immer meine 15 Punkte. Und ich war am Kindertheater als Kind. Ich habe in der Grundschule auch den Regenbogen Fisch gespielt.
Dascha: Ich wollte unbedingt der Regenbogenfisch sein und war so enttäuscht, dass ich es nicht wurde.
Mia Morgan: Wer warst du?
Dascha: So ein irrelevanter random Fisch.
Mia Morgan: Ein normaler Standard-Fisch also, traurig. (lacht) Ja, aber es war auch so ein bisschen ein Kickstart, weil da hatte man als Regenbogen Fisch zwei Solo Nummern. Einmal „Ich bin der schönste Fisch im Meer“ und dann „Traurig bin ich und allein“. Das ist einfach Borderline – The Musical. (lacht) Ja, das ist so auch eine gute Analogie zu mir. Da war ich acht Jahre alt und habe da diese Hauptrolle gespielt und gesungen, die sich so gut auf mein Leben übertragen lässt. Plus als ich gemobbt wurde, wurde ich immer Fisch genannt wegen meinen Augen. Also passt es einfach zu mir.
Dascha: Wer hätte das gedacht, dass die Geschichte vom Regenbogenfisch so deep sein kann.
Mia Morgan: Wow, ist echt so! (lacht)
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Die Acoustics Concerts2022 sind mittlerweile im letzten Drittel angelangt und neigen sich langsam, aber sicher dem Ende zu. Leider mussten zwischendurch ein paar Konzerte aus diversen Gründen abgesagt werden und somit bleiben noch neun Gelegenheiten im August, um Mittsommernächte den perfekten Soundtrack zu verleihen. Bis jetzt gab es eine Menge schöner Konzerte mit wunderschönen Settings und traumhafter Musik. Das versprechen auch die Konzerte, die noch darauf warten, besucht zu werden. Aus Erfahrung kann ich sagen: Es lohnt sich! Kauft Euch diese Karte und seid bei einem der zauberhaften Konzerte mit dabei! Neulich, am 12. August, war ich selbst in Essen und habe mich von einem der Acoustics Concerts überzeugen lassen. An diesem Abend wurde es unter anderem mit Rhodes sogar ein wenig international. Ich hatte das Glück, den britischen Musiker ungefähr einen Monat zuvor per Videocall interviewen zu können. Rückblickend war es ein unfassbar schönes, emotionales und privates Interview mit viel Sentimentalität und Selbstreflexion. Aber lest selbst:
About escape and sanctuary
Leif: Hello I’m Leif from music magazine untoldency, nice to meet you! How are you doing and how was your day so far?
Rhodes: Thanks man, I’m doing good! Right now, I’m in London spending two weeks of time between touring. I have a little studio room here, where I can work on any ideas maybe for the next album.
Leif: Sounds very creative then!
Rhodes: Of course! Right now I’m spending most of my time doing songwriting and working on new ideas.
Leif: First of all: How do you want to be called? Rhodes or David?
Rhodes: Rhodes will do fine.
Leif: Alright then, Rhodes. This is going to be a little introducing interview about yourself, and I would like to put focus on your music and how you came to make music but also on some of your new songs, if it’s okay for you. But since this is an introducing interview, would you please introduce yourself and tell me how you would describe your music to poeple who never listened to your music before?
Rhodes: I’m a kind of ballad songwriter. So, most of my music is quite cinematic, introspective, heartfelt, real-life stories about struggling with those feelings of doubt, anxiety, and depression. But also, I really strive to bring an element of hope with my music, because music was my saviour when I grew up, and it still is my escape and my sanctuary. I hope that my music provides a bit of an escape for the people who hear it.
Leif: I think especially in the new releases you can listen to this dealing with anxiety and as you said there’s always a little hope in your songs. But let’s go back to where it all started. How did you get in touch with making music for the very first time and how did it go on?
Rhodes: I grew up with a very musical and creative household. My dad played guitar and I grew up watching him play and wanting to pick up a guitar as soon as I could. I actually still write and record most of my songs with his old guitar. It still is my main tool in the studio. That was really fortunate, and I think because I was surrounded by that I had this expansive and beautiful musical collection from a really young age. Even in primary school I used to try it and get a group of friends together and play whenever I could even if I could imagine that it sounded absolutely terrible. I’ve been in bands throughout my teenage years and when I moved to London for uni I started to play in more serious bands. We took ourselves more seriously and tried to get out there and do it for real. It was during my early twenties when I started to write my own music and although the guitar is my first instrument, somehow, I found myself playing bass in some bands. I started to really get lost into my own creativity, so I left that band and started to write my own songs. They were very small and very strict it was just like vocal and guitar, but it put together some bedroom demos.
„You have to be honest with yourself, you have to be honest with the song“
Leif: You are from England. Did your origin affect your way of understanding music and writing songs in general?
Rhodes: I grew up in a small town just outside of London and it was very much one of those towns where wasn’t really much to do. Also, when I was young, I had a kind of fractured home life because my parents lived apart. That all formed my need for music. And looking back now and seeing a lot of my friends and what they’re doing, music is a huge part of everyone’s lives. I think living so close to a major city like London always felt like it was on my doorstep all the time. So, the big dream was always to go to London and do a show. That was what everyone was working for. The way I grew up and where I grew up gave me the feeling that it was possible and that it is down to you that you chase your dreams.
Leif: Speaking of songwriting: In your opinion, what are the most important ingredients when it comes to writing a good song?
Rhodes: This is a good one. Because I think it is easy to get caught up in writing something that you think people want to hear. I’ve been signed to major labels, and I’ve been there, I’ve done that, and I’ve tried to do the thing that I think will please anybody. But actually, I think the most important thing – especially with the kind of music that I do – is honesty. You have to have honesty, you have to be honest with yourself, you have to be honest with the song. And you have to almost allow those initial, great ideas to hit you and then you have to nurture them.
Leif: With that being said: Are your songs rather biographic or is it mostly storytelling?
Rhodes: They’re biographic. They have evolved through the years. I have experimented with different things. Since opening my eyes up to collaboration and working with different people I’ve tried to explore this idea of storytelling and using my experiences to try and highlight things that other people might be feeling. But almost every song I’ve ever written comes from my own experience, so they’re mostly biographical.
Leif: So, with the biographical songs mixed with the honesty you mentioned before you aim to create a specific intimate feeling, right?
Rhodes: You can write ten songs about the same thing. It’s those moments when you land upon a really powerful statement. And then you can write a song around that. Some of them are more playful than others. Some of them are deep and introspective and hard to write. And on my next record I experimented more with the fun songs to write. But ultimately, I believe my favourite songs are the ones that I write in the middle of the night feeling nostalgic and melancholy. I try to capture these emotions I feel like everybody relates to. Because we might not tell the same stories, but the feelings stem from the same experiences. We’ve all experienced heartbreak and we’ve all experienced anxiety. And whilst we might not have all experienced things like, you know, depression, and medically kind of diagnosed mental health conditions, we’ve all experienced low days, we’ve all experienced these feelings of doubt and hopelessness. And I think, that’s a very important place to draw inspiration from because you can take that sadness and turn it into something positive, which is a song. And the song can help other people as much as it helps you. Just getting it out and just laying it down, creating something from nothing. That’s the best feeling, man. Like, that’s an amazing feeling. And if that day, you’ve spent labouring over this idea, and this feeling that you have inside can connect with someone else. That’s it’s just an incredible feeling.
100 conversations at once
Leif: It is, it really is. You can tell that there is a lot of deep and personal emotions going on in all of your songs and especially the new releases float between being truly in love and self-doubt. Would you consider yourself emotional or overthinking?
Rhodes: Yeah, 100%. Like I, I’m deeply, deeply emotional, and connected spiritually to every nuance around me. I’m very affected by things and very affected by people and my relationships. And, you know, I’ve been affected by life just up to this point. We all carry trauma with us. And it’s difficult to let go of things. And they resurface, and they kind of come back and you find yourself in these, kind of, downward spirals. But I think ultimately, I do have amazing people in my life, and I do have amazing relationships, and I’m very grateful for them. And I acknowledge them a lot in my songs. I don’t know why I don’t know if there’s a reason for that. But I do. I do write a lot of songs about my love for people and how they affect me and the way I know I should be living my life. I also have ADHD as well, which is like a neuro diverse kind of condition that I’ve had since I was a kid. So, my head is just absolutely thinking all different outcomes or different possibilities, every single emotion, 100 conversations happening at once in my in my mind. It’s really easy for me to just absolutely downward spiral into these, kind of strange, murky depths of my brain and just like trying to figure stuff out. But luckily, I have people around me who can pull me out of that. Yeah, very important. And I guess that inspires quite a lot of my music.
Leif: Alright. Yeah, your new song suffering? Yeah, I love the song. By the way. It’s a really good one.
Rhodes: Thank you so much.
Leif: “Suffering” is about the fear of hurting another person and the fear of not being enough because of the own doubts and mental state, I would guess. What advice would you give a person in that very situation?
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Rhodes: Well, I think it’s tricky. I mean, you’re right. That is what it’s about. Ultimately, it’s about just not wanting to hurt somebody. But kind of knowing that you are, or you have. If someone’s in that position, I think it goes back to the honesty thing. You have to be honest with yourself. You have to be open, you have to be able to talk to somebody that you love, you know, I find that’s really important. I also find it really strange that it’s just not how a lot of people are. Some people are very, very closed and that makes it difficult to communicate. And I think people can end up running away from things whether that be with drinking, going out partying or just like having a relationship share it with someone and then just letting it break down and leaving. Because you’re unable to actually articulate the way you really feel, or you’re scared of what they might think. And yeah, I’ve been guilty of this in the past before just like running away from stuff, running away from my problems, and just not facing up to stuff. And I ended up making it worse. And that’s what the song is about. The message is, well, the message is clear in itself, but I think beneath the surface, it’s a song about what I would want to say to somebody, if I was in that position. I was, I knew I was making mistakes, I knew I was hurting somebody. And then the ultimate bottom line is, I don’t want to hurt this person. „I can’t, I don’t want to hurt you. So, I’m being honest with you. I’m being open with you about the way I feel.“.
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Auch, wenn Rhodes das Trinken als einen Weg bezeichnet, vor den eigenen Gefühlen zu flüchten: In seinem neusten Song „Drink to this“ besingt er die guten Tage des Lebens.
Leif: That’s really an important message. It sounds very reflecting and grown up. You beautifully managed to wrapped that into a song. In „The Love I Give“, another great song, you sing about the ups and downs in a relationship. Regarding love and life in general, do you think there is a no-good-without-bad-ying-and-yang-balance? And if so, why is that?
Rhodes: Yeah, I really do think there is this kind of quest for happiness going on the whole time. And we’re all constantly told about this certainly is this inner peace kind of feeling. And to me, that’s hard because there are going to be struggles, there always will be. And it’s not going to be easy. A lot of the time, it’s going to be hard. A lot of the time it’s going to be good days and bad days. And I think you have to try and find a way to find balance in life, that’s for sure. But when you are happy, it’s important to just take hold of those moments and keep them and make them sacred and understand that happiness isn’t a moment. It’s not a constant state of being either. I don’t think anyone can be that. It’s just not how we’re programmed. Especially if you’re an empathetic person. And you’re constantly faced with what’s going on in the world. You are going to agree and disagree with people the whole time, you’re going to have to deal with things in life. It’s just impossible to imagine life without those hardships. But I think what it goes down to again, is just this feeling that, as long as you have people around you, who you love and who you trust, it goes the other way as well. You have to be that to somebody else too. You have to be somebody else’s rock. You know, even if that’s a friend or a partner, it’s important to make sure that you give out what you what you want to have back. We’re all going to have moments where we are feeling like a terrible person, and you’re going to make mistakes and you’re going to have things. But then, that’s what life is. It’s about experiences and it’s about learning and about working through those things. And that’s what the song really is about. It’s about “listen, I’ve got to tell you that this is how it is. But just know one thing, I love you. And this is what’s going to admit, and this will always remain there for you. Like, I’ll always be there for you. Just don’t beat yourself up on the bad days.”. That’s the sentiment. I do. I do think there is this kind of yin yang thing. It’s just always been there written into folklore and into religion and into everything. So, it is always going to be that. It’s just one of those.
Just me on my guitar
Leif: I totally agree on that. Coming on to the acoustic concerts. You are going to perform 7 shows during the acoustic concert series for example in Dresden, Berlin, and Hamburg. What do you like most about performing acoustically or unplugged?
Rhodes: It’s amazing. It’s like music at its rawest form. One of the things I’ve really experienced first-hand is taking things all the way to the highest possible level of production, and then stripping it right back down to nothing. And the experience you get when it’s stripped right back down to nothing is incredible. When you’re playing a stadium, when I’ve played big arenas and big festival stages, you need a bit more of that production behind you when you’re onstage because it’s just so vast and big. Also, to hold people’s attention. I did a tour with Hozier back in 2016. And I played a bunch of massive arenas with him all around the world. And it was just me on my guitar. I was really lucky during that, because it showed his fans wanted to see someone with a guitar playing their songs. And they were there for a beautiful, peaceful spiritual experience. They weren’t there to party and get wasted. Because it’s Hozier, you know. But when I was up on that stage, I was like “Shit, you can do this just with a guitar.”. You don’t need a whole thing where I am in my career – I’m rebuilding from COVID, having these two years. I can’t wait to get on to these intimate little stages and just with a guitar and I’d bring a piano as well. I think the set is only half an hour every night. It’s just about me getting out there and showing people my voice and my songs in their rawest form. And they can really hear them. I love to perform like that. It’s great.
Leif: But I think those are the hardest, like the most intimate concerts in bars or something with like 20 people in it. Those seem the hardest to me.
Rhodes: Yeah, they are. They are the hardest. But it’s one of those things where it’s like, you’re pushing yourself to really be in the moment. And to really experience the whole thing with everyone else who’s there. Sort of, when I’ve done a big show or a big thing before in the past, people are like “Are you scared up there?” and I’m like I literally can’t see anyone when the lights are off and the spotlights on. I can’t see anybody out past the front row. So, it’s not scary at all. But when you’re in those smaller places, you can see everybody. You can see the guy in the back talking, like “Oh shit, you’re just talking did you enjoy it?”. But these are just the things that we do. I think back to one of my favourite artists of all time, Jeff Buckley. He started his career playing in coffee shops. So, it’s like, he’s playing in coffee shops, to people who are talking, chatting, doing other things, making coffee, ordering coffee, and he’s just playing. I love that. I think it’s really cool. And plus, at the end of the day, everyone’s going to be there to watch. That’s why they’re going to go buy a ticket. It’s going to be one of those things, I hope, where people want to enjoy it and not like talk the whole time.
Leif: That’s true. Also, it would be quite disrespectful. As we do in all of our interviews, the last question is about an untold story. Is there any story, sidenote or fun fact of you, that you never told anybody and want to share with us right now?
Rhodes: Oh my god, you’re putting me on a spot!
Leif: I do!
Rhodes: I have told this story before in the UK but not to Germany. When I was growing up, I had a really, really, really deep intense fear of singing. I don’t know what it stemmed from, but I resigned myself to just being a guitar player. And then it was my stepmother who pretty much begged me to sing a song with my dad on his 50th birthday party. I got up on stage and I was really drunk, and I sang “Crossroads” by Cream. And everybody loved that, and everybody wanted me to sing that again. From that day onwards, I was like “Okay, I think I can do this.”. That was my first experience of singing, like, the first time being on stage and opened my mouth and sung anything. Then I wrote two songs and one of them was the one that got me signed as a singer. I don’t know if that’s interesting enough, but I hope that it’s inspiring to somebody. Because I feel like so many people are afraid of expressing themselves. I know that it makes you feel naked and it’s very exposing. But if people are afraid of it, they just shouldn’t be, do you know what I mean?
Leif: I do. But I can totally relate to the feeling of being exposed while singing or even performing. Otherwise, I think the story you told us is really helpful and inspiring to those who feel like this.
Rhodes: I’d say you just gotta do it!
Leif: With that being said, we came to the end of this interview. I am looking forward to these beautifully emotional concerts in august! Thank you for your time, I hope you enjoyed it a bit! Also thank you for this amazing interview, it was fun to me!
See you on august 12th in Essen!
Rhodes: I did! I really enjoyed it. Thank you so much and I see you in Essen on the 12th!
Straßenmusik spielt in der Geschichte der Kids of Adelaide eine ziemlich große Rolle. Für die Band könnte also das Format der Acoustics Concerts passender nicht sein. Aber auch der Zusammenhalt über mehr als ein Jahrzehnt hinweg, prägt die beiden Musiker noch heute. Im Juli war Benni bei Leif im Interview. Über Freundschaft, Melancholie und Dankbarkeit.
Leif: Hey! Schön, dass Du Zeit gefunden hast und bei dem Interview mit dabei bist. Ihr habt ja momentan richtig viel zu tun: Angefangen bei Eurem vollen Tourkalender bis hin zum neuen Single-Release. Daher eine wichtige Frage: Wie geht es Euch und welche Emotionen begleiten Euch in den letzten Tagen?
Benni: Hey Leif, danke der Nachfrage. Ich sitze gerade mit Covid zuhause, aber an sich geht‘s uns super! Es ist einfach schön, nach der langen Zeit ohne Konzerte wieder live zu spielen. Und auch, dass jetzt die ersten Singles von unserem am 09. September erscheinenden Album The Cabin Tapes veröffentlicht werden, fühlt sich sehr gut an. Gerade, weil wir es erstmals auch in wirklich große kuratierte Spotify-Playlisten geschafft haben. Zu sehen, dass die neuen Songs gut ankommen, tut richtig gut.
Vom Duo zur Band, vom Folk zum Indie-Rock
Leif: Das kann ich mir sehr gut vorstellen, ist aber auch einfach gute Musik, die ihr da macht. Bei der nächsten Frage mache ich es mir ein wenig einfach. Stellt Euch gern selbst vor! Wer seid ihr? Wo kommt ihr her? Wo wollt ihr hin? Und wie klingt Eure Musik?
Benni: Also wir sind Severin und Benni, zusammen die Kids of Adelaide. Allerdings kommen wir nicht aus Adelaide, sondern aus Stuttgart. Wir waren über 10 Jahre als Duo unterwegs, haben uns jetzt aber mit dem neuen Album dazu entschieden, live noch einen Drummer und einen Keyboarder mit ins Boot zu holen. Die beiden sind gute Freunde, die wir auch schon länger kennen. Früher war unser Sound eher folkig, mit dem neuen Album hat es sich aber klar in Richtung Indie-Rock entwickelt. Wir haben ziemlich viel The War on Drugs gehört. Aber auch Sharon van Etten, Queens of the Stoneage oder Big Thief haben uns beeinflusst. Wie das genau klingt, davon sollte man sich am besten selbst ein Bild machen *zwinker*. Im Moment ist für uns erstmal wichtig, mit dem Album, der anschließenden Tour und unserem Team wieder Wind in die Segel zu bekommen und ins Bewusstsein der Leute zu gelangen. Man merkt natürlich in der ganzen Branche, dass sie erst wieder in Fahrt kommen muss. Auf der einen Seite haben die Leute Lust auf Konzerte, auf der anderen merkt man schon eine gewisse Zurückhaltung zu Beispiel bei den Ticketverkäufen.
Leif:Oh ja, die Ticketverkäufe sind ja momentan ein echtes Problem… Euch verbindet eine lange Freundschaft. Zwar existiert Kids of Adelaide schon länger als eine Dekade, aber wie man in Eurer Bio nachlesen kann, liegen die Wurzeln Eurer Freundschaft noch weiter zurück. Wie wichtig ist Euch das Thema Freundschaft, vor allem beim Songwriting? Braucht ihr auch mal ein wenig Abstand voneinander, wenn ihr viel tourt?
Benni: Klar ist uns das sehr wichtig. Freundschaften sind denke ich eine der wichtigsten Sachen im Leben. Fürs Songwriting spielt das jetzt nicht die große Rolle aber für unser ganzes Selbstverständnis als Band auf jeden Fall. Wir sind kein Projekt, das sich bei Rückschlägen oder Enttäuschungen einfach wieder trennt. Da steckt schon eine große Verantwortung gegenüber der Sache und dem jeweils anderen mit drin. Severins Bruder Sebi ist zum Beispiel auch unser Produzent und Live-Mischer, eigentlich das dritte Bandmitglied. Ohne die Freundschaft hätten wir es angesichts von über 20.000€ Schulden, die wir hatten, vielleicht auch sein lassen können. Aber wir haben uns da gemeinsam zusammengerauft und geschaut, wie wir das hinbekommen. Würde einer hier aussteigen, wären die anderen eben auch aufgeschmissen. Sich aus sowas wieder rauszuziehen, schweißt zusammen und macht uns als Gruppe stärker. Wir machen ja nicht nur seit über zehn Jahren Musik zusammen, sondern haben auch bis letzten Sommer noch für gut sieben Jahre zusammengewohnt. Klar hat sich auch unsere Freundschaft verändert und ist nicht mehr so, wie vor zehn Jahren, als wir kiffend Straßenmusik gemacht haben. Aber das ist ja normal. Früher haben wir eigentlich die ganze Zeit miteinander rumgehangen. Heute braucht auch jeder mal ein bisschen Raum für sich, aber wir sind ja auch keine 20 mehr. Ich würde sagen, dass das gegenseitige Verständnis für die Bedürfnisse und Eigenheiten des anderen noch viel stärker geworden ist. Wir haben heute eine noch tiefere Freundschaft.
Leif:Wo kommt eigentlich der Name her?
Benni: So heißen wir einfach 🙂
Unzertrennliche Brüder
Leif:Kommen wir nun zu Eurer Musik. Besser gesagt zur neuen Single „The Five Minute Drive“. Seid Ihr gern unterwegs? Auch mal so für fünf Minuten?
Benni: Wir sind gern unterwegs, aber kommen auch gerne wieder nach Hause. Wir müssen jetzt nicht ständig auf Achse sein, sondern können auch sehr gut unsere Zeit im Garten oder der Werkstatt verbringen. Die Fahrt, um die es in dem Song geht hat sich zugetragen als Severin und Sebi vor einigen Jahren mit ihren Eltern umgezogen sind. Im gleichen Dorf, sodass es immer etwa fünf Minuten gedauert hat vom alten zum neuen Haus. Den Song hat Severin für seinen Bruder Sebi geschrieben, mit dem er so vieles zusammen erlebt hat. Und heute ja immer noch erlebt. Die beiden sind sich sehr nah und es ist ja auch nicht selbstverständlich, dass Geschwister sogar zusammenarbeiten können und das so gut und harmonisch funktioniert.
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Leif:Das hört sich nach einem besonderen Verhältnis zwischen den beiden an. Ich habe das Gefühl, dass Ihr Euch in dem Song zurück an Eure Vergangenheit erinnert – korrigiert mich, wenn ich falsch liege. Schwelgt Ihr gerne in Erinnerung? Was für Gefühle kommen dabei in Euch auf?
Benni: Wie schon gesagt, ist es nicht unsere gemeinsame Vergangenheit, sondern in dem Fall die von Severin und Sebi. Aber generell liegst du da schon richtig. Gerade auf dem neuen Album haben wir sehr viel in die Vergangenheit geschaut, vielleicht auch weil mit Corona die Zukunft so ungewiss erschien. Für uns ist es aber auch eine schöne Art und Weise sich zu erinnern und das, was man hatte wertzuschätzen. Sich daran zu erfreuen, auch wenn gerade bei mir häufig auch sehr viel Melancholie mitschwingt. Es kommt ja nichts davon je wieder. Melancholie, Dankbarkeit, Freude und das Gefühl, im Laufe der Zeit nur ein unbedeutender Teil zu sein. Das sind so die Gefühle, die da aufkommen.
„Something good started then, Something new began“
Leif:Und trotzdem ist die Zukunft doch ziemlich vielversprechend. Nach dem 24. Juli habt ihr erstmal ein paar Tage Pause von Auftritten, so verrät mir zumindest Euer Kalender mit den Tour Dates. Was macht ihr in der Zeit? Habt ihr was Bestimmtes geplant?
Benni: Eigentlich wollte ich in den Urlaub fahren, was aufgrund der Covid-Infektion jetzt gerade aber noch ein bisschen in den Sternen steht. Ansonsten kommt am 5. August unsere neue Single Chimney Sweeper raus. Da wir nach wie vor sehr viel Organisatorisches selbst machen, gibt es genug zu tun.
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Chimney Sweeper inklusive Video ist seit wenigen Tagen raus. Den Song könnt Ihr bei uns in der new untold releases Playlist auf Spotify hören. Das Video habe ich natürlich hier verlinkt.
Ein Hauch akustische Nostalgie
Leif:Bei den Acoustics Concerts habt ihr auch viel zu tun. Für Euch geht es eine ganze Woche lang quer durch Deutschland und mit sieben Gigs seid Ihr durch die Bank weg vertreten. Steht Ihr gerne akustisch, unplugged auf der Bühne?
Benni: Auf jeden Fall! Wir haben in unseren ersten Jahren jeden Samstag Straßenmusik gemacht und waren auch mal auf einer ganzen Straßenmusik-Tour in den Niederlanden unterwegs. Momentan genießen wir die neuen musikalischen Möglichkeiten, wenn wir mit der ganzen Band auf der Bühne sind. Allerdings hat das mit dem ganzen Geschleppe und dem viel größeren Aufwand auch seine Nachteile. Da wir in einigen Städten, die wir jetzt im Rahmen der Acoustics bespielen auch im Herbst auf Tour sein werden, freuen wir uns riesig darauf, uns den Leuten in der akustischen, ganz direkten Art zu präsentieren.
Leif:Das wird auf jeden Fall ein direktes und etwas privateres Erlebnis! Privat ist ein gutes Stichwort. Denn für die letzte Frage ist es bei Untoldency gang und gäbe, einer untold story einen Platz zu geben. Was ist also eine Anekdote oder Fun Fact, die/den Ihr noch nie erzählt habt?
Benni: Severin findet manchmal schlaftrunken und orientierungslos nachts im dunklen Hotelzimmer die Toilette nicht und ich muss ihm dann den Weg weisen. Sonst könnte da was schiefgehen…
Leif: Ich sehe schon, ohne den einen, ist der andere aufgeschmissen. Ich danke Euch für Eure Zeit und für das tolle Interview und freue mich ganz doll auf Eure Gigs bei den Acoustics! Aber zuallererst wünsche ich Dir natürlich eine gute Besserung!
Benni: Vielen Dank Dir! Hat Spaß gemacht und hoffentlich sehen wir uns bei einer der Shows.
Ehrliche Texte, laute Gitarrenriffe und eine große Portion Energie stecken in den Songs von Pabst. Das Berliner Trio ist bekannt für seinen Garage Rock Sound. Seit ihrer ersten EP 2016 haben die Jungs das ein oder andere Mal ordentlich an ihrer Musik gepfeilt. Anfang September erscheint das mittlerweile dritte Album unter dem Namen „Crushed by the Weight of the World„. Die bisher veröffentlichten Singles mit starken Titeln wie „No Future? No Thanks!“ oder „Locker Room“ geben bereits den Ton an – auf dem neuen Pabst-Album geht es um Überforderung, Zweifel und das Gefühl von „I’m too fucking old for teenage angst“ (aus „No Future? No Thanks!„).
Bassist Tilman spricht im Interview über die Einflüsse auf die Musik von Pabst, die Gedanken und Gefühle hinter „Crushed by the Weight of the World“ und seinen Eindruck von der deutschen Rock-Musikszene.
Tilman von Pabst im Interview
Anna: Hallo Tilman, schön, dass du dir die Zeit nimmst für das Interview heute. Magst du zu Beginn erst einmal die Band Pabst vorstellen (für alle, die euch noch nicht kennen sollten)?
Tilman: Ja klar! Also wir sind eine klassische Power Rock Band in Drei-Mann-Besetzung, wenn man das so sagen kann – also mit also Schlagzeug, Gitarre und Bass. Wir kommen aus Berlin. Das ist ein relativ simples Konzept, würde ich sagen. Und ich glaube, darum ging es auch als die Band damals gegründet wurde. Ich war lustigerweise nicht dabei, als die Band gegründet wurde, sondern das haben Tore und Erik zusammen gemacht. Aber so die Prämisse des Ganzen war einfach: Nachdem wir alle in verschiedenen anderen Bands gespielt haben, die so ein bisschen elektronischer orientiert waren und wo dann das Songwriting immer komplizierter wurde und immer technischer, dass wir gesagt haben, nein, wir wollen mal wieder zurück zu unseren Wurzeln und uns einfach nur an die Instrumente setzen und dann zusammen Musik machen. Und das hat genau dazu geführt, dass Pabst gegründet wurde.
Anna: Also würdest du sagen, das macht den typischen Pabst Sound aus: dieser „back to the roots“-approach? So in dem Sinne „Wir haben jetzt wieder klassische Rockmusik“.
Tilman: Genau. Ich glaube schon, dass es auf jeden Fall eine bewusste Entscheidung von uns war, auch wenn wir jetzt nicht unbedingt nur auf so eine Musik irgendwie versteift sind. Wir haben auch viele andere Genres, die uns beeinflussen. Es ist jetzt gar nicht so, dass wir nur so was wollen wie wir selbst machen. Aber das ist halt das, was wir wahrscheinlich am besten können irgendwie. Und das macht uns auch am meisten Spaß.
Anna: Ich finde, das hört man auch, dass es euch Spaß macht. Oder zumindest kommt das für mich so rüber. Ich habe gelesen, dass euer Bandname nach der amerikanischen Brauerei „Pabst Brewing“ benannt ist. Welchen Einfluss hat die amerikanische Kultur sonst noch so auf euch und eure Musik oder wie sehr hat sie überhaupt einen Einfluss?
Tilman: Ja, also ich denke definitiv, dass es ein großer Einfluss ist. Also auch gerade was die Musik angeht. Und das ist ja auch eine Entscheidung als deutsche Band, englische Musik zu machen. Und da ist es bei uns allen so der Fall gewesen, dass eigentlich so die größten musikalischen Vorbilder eigentlich immer aus dem englischsprachigen Raum kamen. Wir haben zwar auch alle irgendwie Punk gehört früher, aber das war wahrscheinlich so eine der grundlegenden musikalischen Erfahrungen und da gab es zwar auch eine deutsche Entsprechung oder sowas, aber bis die rüber geschwappt ist, es hat alles ein bisschen länger gedauert. Aber auch das Thema Grunge ist eigentlich ganz lustig. Das wird uns ja auch immer mal wieder vorgehalten, dass wir so klingen am Ende des Tages. Das ist sicherlich auch voll nachvollziehbar, aber ein Großteil davon haben wir gar nicht bewusst irgendwie konsumiert. Also klar, haben wir alle Nirvana gehört, aber wurden immer mal wieder mit Dinosaur Jr. oder so was verglichen und lustigerweise haben wir alle diese Musik vorher gar nicht gehört bis wir damit irgendwie verglichen wurden. Also vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass es so unbewussten Einfluss auf uns hatte. Manchmal ist man sich seinen Einflüssen wahrscheinlich gar nicht so sehr bewusst. So mag es schon sein, dass gerade die amerikanische Kultur wahrscheinlich einen großen unbewussten Einfluss auf uns hatte, was man gar nicht so sehr nennen kann.
Anna: Ich finde es auch immer schwierig, das zu vergleichen. Also für mich steht ihr halt eher so in diesem deutschen Band Kosmos zwischen Leoniden, Drens und Bands, mit denen ihr auch zusammenarbeitet. Und ich finde, da hört man dann die Parallelen. Aber das kommt ja wahrscheinlich dann auch. Man hat eben zusammen Songs aufnimmt, dass man dann einen ähnlichen Sound hat.
Tilman: Es ist spannend irgendwie, weil das ist ja auch eher was, was irgendwie gewachsen ist. Also gerade so mit den Leoniden. Das ist erst seit ein paar Jahren, dass wir uns besser kennengelernt haben. Und da gibt es sicherlich Ähnlichkeiten zwischen unseren Bands, aber sagen wir mal, als das erste Album rauskam, da hatten wir noch überhaupt gar keine Berührungspunkte mit denen. Also ich würde eher sagen, dass wir wie andere Bands klingen aus dem Ausland, aber nicht so sehr wie Leoniden oder Drens oder so was. Obwohl wir natürlich irgendwie eher mit den Jungs verbunden sind, auf eine gewisse Art und Weise.
Anna: Wie kommt das denn eigentlich? Wie muss ich mir das vorstellen? Klopft dann irgendwann Jakob bei euch an der Tür an und sagt: Ey, lasst doch mal einen Song zusammen aufnehmen oder wie entsteht so was?
Tilman: Das ist eine gute Frage. Also, wie wir uns das erste Mal getroffen haben, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr so zu 100 %. Auf jeden Fall wurden wir irgendwann eingeladen auf deren Tour damals. Ich glaube, das war 2018 oder 2019. Das war schon mal so einigermaßen überraschend und auch echt cool, dass das alles geklappt hat. Da hat man da irgendwie schon relativ schnell mitgekriegt, dass wir häufig auf ähnlicher Wellenlänge sind. Dann glaube ich, gibt es halt noch eine Verbindung zwischen unseren Produzenten. Also der Produzent von den Leoniden und auch von uns ist der Magnus Wichmann aus Leipzig. Mit dem haben wir immer unsere letzten Alben aufgenommen. Da gibt es, glaube ich, so einige Überschneidungspunkte mit den Leoniden. Und dann war das auch irgendwie in dem Zeitraum, in dem wir unser Album aufgenommen haben. Erik war irgendwie auch im Studio und da kam dann irgendwann die Idee, dass Erik einfach mal zu den Leoniden ins Studio fährt und schaut was geht irgendwie. Daraus hat sich dann das Feature ergeben.
Anna: Hast du denn auch das Gefühl von der Musikszene, dass es eher so ein Support-Denken ist? Oder auch noch dieses Ellenbogen-Denken?
Tilman: Schwierig ehrlich gesagt. Ich glaube, man kann sich da schon einen gewissen Zusammenhalt aufbauen. Ich glaube, wenn man Bands erst mal so kennengelernt hat, dann funktioniert es auch ganz gut. Und da ist es eher nicht so, dass man sich so mit den Ellenbogen gegenseitig wegdrückt, sondern schon versucht, irgendwie gemeinsam zu wuppen. Aber ich glaube, es ist relativ schwer, überhaupt Kontakte so richtig gut herzustellen. Wir sind zum Beispiel auch nicht irgendeiner bestimmten Szene oder sowas angehörig. Also es gibt ja genug Szene-Musik, die dann in bestimmten Szenen gut funktioniert und da haben wir zumindest nicht irgendwie das Gefühl, dass wir da irgendwo so rein gehören. Vielleicht gibt es ja eine Rock oder Garage-Szene oder so in Deutschland und wir wissen einfach nur nicht davon. Aber so richtig haben wir das Gefühl, gibt es das nicht. Ich glaube, das basiert nicht auf Ellenbogen-Denken in dem Fall. Also es ist jetzt nicht so, als würden sich die Bands es nicht gegenseitig gönnen, sondern da muss schon irgend so eine Art Hürde davor sein.
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Anna: Ja gut, das Empfinden habe ich auch, aber es ist natürlich auch ein bisschen herum philosophiert. Ich bin gestern so ein bisschen durch euren Instagram Feed gescrollt und habe mich da bei jedem zweiten Foto gefragt, wie viele Instrumente ihr auf so einerdurchschnittlichen Tour zerstört?
Tilman: (lacht) Also, ich weiß, dass Erik als wir jetzt in Madrid gespielt haben, am Wochenende zum Ersten Mal eine Gitarre kaputt gemacht hat live. Aber nicht willentlich. Also nicht, dass er die irgendwie geschrottet hatte, wie auf einen Verstärker oder sowas gekloppt hat, sondern es ging dagegen einfach nur was kaputt. Wir sind eigentlich relativ vorsichtig mit den Instrumenten, die wir haben, weil wir kein Bock haben, dass die Dinger kaputtgehen. Wir könnten es uns auf jeden Fall nicht leisten, alle dre Tourtermine neue Instrumente anschaffen zu müssen. Also klar, Drumsticks gehen schon so gefühlt zehn bei einem Konzert durch. Aber so was wie Gitarren und was das angeht, da sind wir dann doch relativ vorsichtig. Sieht dann vielleicht ein bisschen wilder aus, als es ist.
Anna: Okay, das beruhigt mich etwas.
Tilman: Also wir haben in dem einen Video zu „No Future? No Thanks!“, da haben wir tatsächlich mal Instrumente zerstört. Es war wirklich das erste Mal, dass wir das gemacht haben und so den Rockstar-Traum ausgelebt quasi. Aber normalerweise sind wir da eigentlich sehr verhalten, was das angeht und wollen, dass alles so bleibt.
Anna: Aber fühlt sich das gut an, die zu zerstören auf der einen Seite oder denkt man sich „Scheiße, jetzt muss ich ein neues holen“?
Tilman: Also es waren extra Sachen, die wir gekauft haben, damit die kaputt gehen können. Also wir haben wirklich für den Videodreh so für 100 € oder so was die Gitarren geholt oder weniger. Ich glaube so 60€.Auf jeden Fall war es irgendwie das Billigste, was es bei Ebay Kleinanzeigen gab und auch einigermaßen cool aussah. Wie sich das anfühlt, ist eigentlich mega lustig, weil sich das super schwer anfühlt. Es sieht immer so easy aus, dass einer mit einer Gitarre auf den Boden einkloppt, aber so einfach ist das gar nicht. Du musst da wirklich zehnmal rauf kloppen, bis irgendwas passiert. Die sind echt mega robust!
Anna: Okay, dann lass uns mal ein bisschen über das neue Album reden, das ja Anfang September rauskommt. Und das wird „Crushed by the weight of the World“ heißen. Was können wir uns von dem Album erhoffen? Nach den ersten drei Singles, die jetzt schon raus sind.
Tilman: Ich glaube, es wird das Album, wo wir ein bisschen spielerischer geworden sind. Es ist nicht mehr so geradlinig wie das vorherige. Und wir haben versucht, uns unseren Ideen noch mal ein bisschen mehr hinzugeben und denen mehr Raum zu lassen. Es gibt zum Beispiel ein paar mehr Synthesizer. Das wurde in den ersten Singles des neuen Albums ja auch schon so ein bisschen angedeutet, dass alles etwas gradliniger ist. Also das Album „Deuce ex Machina“ war halt wirklich so, dass wir da ins Studio gegangen sind, die Songs fertig gemacht haben und dann hat man nicht mehr viel Zeit damit verbracht. Oder wir hatten auch generell nur wenig Zeit, weil wir halt nicht so ein Budget hatten. Diesmal haben wir uns aber bewusst ein bisschen mehr Zeit genommen und irgendwie links und rechts noch ein paar Sachen ausprobiert. Ich glaube, das hört man dem Album auch an, dass es etwas durchdachter an der einen oder anderen Stelle ist.
Anna: In den Songs merkt man auch, dass ihr thematisch sehr direkt da rangeht und sagt „hey, wir fühlen uns irgendwie komisch, aber es ist nicht mehr so dieses Teenage Angst Ding“. Ist das auch so das Thema, was sich durch das Album durchzieht oder kommen da noch andere Dinge auf?
Tilman: Das ist durchaus das große Überthema, da es auch relativ pragmatisch mit dem Albumtitel zusammenhängt. Wir sagen es ganz deutlich mit dem „Crushed by The Weight Of The World“ Gefühl, also dass es so viele schreckliche Dinge gibt auf der ganzen Welt. Es können ja auch so kleine Tragödien sein, die nur für einen selber gelten. Da fragt man sich manchmal einfach selbst: Wie halte ich das alles noch aus? Wo ist der Ausweg bei dem Ganzen? Da gibt es wirklich viele Sachen, die da irgendwie mit reinspielen. Deshalb ist es auch ein bisschen dunkler geworden. Das Artwork ist auch komplett schwarz und weiß. Das war auch eine sehr bewusste Entscheidung. Die alten Alben waren da alle eher sehr bunt, kindisch und verspielt gestaltet.
Anna: Bei welchem Song freust du dich am meisten, ihn jetzt auf Tour und auf Festivals live zu spielen?
Tilman: Gute Frage. Ich glaube momentan ist das „Mercy Stroke“. Der macht richtig Spaß. Man merkt, die Leute haben ihn auch schon gehört und Bock, da mitzumachen. Aber ich mag auch „Daddy’s Boy“ sehr gerne. Der ist nämlich wirklich ein bisschen anders als unsere bisherigen Songs, würde ich sagen.
Anna: Auf welche Weise anders?
Tilman: Wir gehen nicht ganz so stark nach vorne, würde ich sagen. Also es ist auf jeden Fall nicht so eine schnelle Nummer, sondern ein bisschen langsamer, ein bisschen anders aufgeschrieben. Jetzt wird es spannend das live umzusetzen. Also wir haben ihn natürlich so geschrieben, dass wir den auch live spielen können. Und es gibt aber noch so ein paar Feinheiten, die wir gerne an dem live noch irgendwie verändern wollen würden. Ich würde da noch gerne ein weiteres Instrument mit hinzufügen. Also in meiner Vorstellung funktioniert es gut. Leider fehlt noch dieses eine Instrument, was ich mir leihen muss und dann kann es losgehen. Aber ich glaube auf der Tour spätestens wird das.
Anna: Welches Instrument fehlt dir denn noch?
Tilman: Ein Bass Synthesizer, der dafür gedacht ist, dass man ihn mit dem Fuß spielt. Also da hat man dann quasi so eine große weiße Klaviatur vor sich, die man halt wirklich mit den Füßen bedient. Und da kommen dann Bass Töne raus. In meinen Gedanken stelle ich mir das sehr cool vor!
Anna: Ja, da bin ich gespannt, wie das dann live klingt. Dann lass uns doch noch kurz mal rüber zum Sziget Festival Kosmos wechseln – da spielt ihr ja als nächstes. Wart ihr oder warst du schon mal privat oder als Band in Budapest?
Tilman: Also nicht auf dem Festival. Ich habe schon mal mit einer anderen Band auf so einem Boot gespielt. Ich bin aber sehr gespannt auf das Festival! Die ganze Band ist richtig heiß drauf.
Anna: Worauf freust du dich da schon am meisten?
Tilman: Wir hatten ja jetzt vor kurzem das erste andere große internationale Festival und ich finde, dass es so viel mehr Spaß macht, im Ausland auf Festivals zu gehen, als irgendwie zu Hause. Also da freuen wir uns auf jeden Fall schon mega drauf, dass wir in dem Umfeld von so vielen Künstler*innen unterwegs sein können und auch so ein paar echt gute Bands zu sehen bekommen. Leider bleibt nur meistens nicht so viel Zeit, sich selbst Bands anzuschauen, weil wir schon direkt zum nächsten Gig weiterfahren müssen – vor allem, wenn es etwas weiter weg ist. Also wir sind wahrscheinlich insgesamt drei Tage unterwegs mit allem.
Anna: Das klingt auch echt nicht ohne! Aber trotzdem cool, dass ihr zumindest noch ein paar Konzerte mitnehmt. Kommen wir zur letzten Frage im Interview und das ist bei uns immer die Frage nach einer untold story!
Tilman: Da fällt mir sogar direkt was ein! Das muss auch direkt in einer unserer ersten Festival Sommer gewesen sein. Es war glaube ich 2018 oder so. Wir haben auf dem „Jenseits von Millionen“ Festival in Fridland, irgendwo in Brandenburg gespielt. Es war schon relativ spät am Abend und wir hatten echt so einen ganz coolen Slot eigentlich. Wir hatten alle schon richtig Lust irgendwie, aber es war auch schon ein langer Tag, weil wir sehr lange gefahren sind. Dann hat sich jeder schon so sein erstes alkoholisches Kaltgetränk geholt und vielleicht auch noch ein zweites und drittes getrunken. Naja, auf jeden Fall waren dann alle recht hyped als wir gespielt haben. Irgendwann mitten im Set war ich ganz gut dabei und habe mich dann mehrfach um mich selbst gedreht, was ich so manchmal mache. Und irgendwann hatte ich aber keinen Boden mehr unter den Füßen. Ich hab es gar nicht mitgekriegt im ersten Moment. Und dann, eine Sekunde später, lag ich im Graben zwischen Bühne und Publikum und bin dann so ein bisschen benebelt wieder aufgewacht. Ich weiß gar nicht, ob ich da kurz benommen war oder nicht oder ob ich nur so runtergefallen bin und direkt wieder los. Ich lag dann da und hab mich gefragt: Wie bin ich denn hier gelandet? Irgendwie dachte ich in dem Moment nur, ich muss sofort weiterspielen. Ich muss sofort wieder auf die Bühne. Der Song ist noch nicht zu Ende. Das muss weitergehen. Und dann bin ich auf die Bühne und hab schnell versucht, den Song zu Ende zu spielen. So gegen Ende des Set ging es mir langsam durch meinen Kopf, was gerade passiert ist. Als wir dann danach zusammengebaut haben, habe ich mir das mal angeguckt und ich hatte echt ein mega Glück gehabt, dass ich da nicht irgendwo drauf gefallen bin. Das waren wirklich nur so ein paar Abstufungen. Direkt daneben war irgendwie noch der Ständer für so eine Lichtanlage oder sowas. Das war halt wirklich so eine riesige Schraube, die war einen Meter hoch und ich bin so ganz knapp daneben gelandet. Ja, das war auf jeden Fall Glück im Unglück, würde ich sagen. Aber schon immer wieder crazy, wenn ich drüber nachdenke.
Anna: Klingt auf jeden Fall so! Da sind wir alle froh, dass du an die richtige Stelle gefallen bist und nicht diese Schraube mitgenommen hast. Danke trotzdem, dass du die Geschichte geteilt hast und danke für das Interview!
Tilman: Gerne doch, hat mich auch gefreut. Mach’s gut!
Das Album „Crushed by the Weight of the World“ kommt zwar erst am 02. September raus, hier könnt ihr euch aber schonmal ordentlich einstimmen und die bisher veröffentlichten Songs von Pabst pumpen:
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Blickt man retrospektiv auf die großen Indiebands der Nullerjahre, wird einem schnell etwasauffallen. Ein bedeutend großer Teil ist nämlich von der Bildfläche verschwunden. Die wenigsten erleben Jahre bzw. Jahrzehnte nach ihrem Durchbruch immer noch neue Karrierehöhepunkte. Eine Band, die (glücklicherweise) nicht zu diesen verschollenen Bands zählt, sind eindeutig The Kooks.
Kennengelernt und gegründet haben sich The Kooks in den frühen Nullerjahren in Brighton, UK. Mit ihrem damals lang ersehnten Debütalbum Inside In/Inside Out, können sie sich einen ersten Namen in der Branche machen. Auch mit ihrem zweiten Album Konk, benannt nach dem Studio in welchem es aufgenommen wurde, gingen The Kooks 2008 durch die Decke. Ohrwürmer wie Naive, oder She Moves In Her Own Way sind wohl allen Fans des guten Gitarren Pops bekannt. Auch 10 Jahre später, 2018, schaffen sie es mit ihrem Album Lets Go Sunshine erneut in die europäischen Charts.
Und nein, das war natürlich nicht alles. Über den Werdegang der Kooks könnte man noch mindestens 3 Seiten schreiben, dass erspare ich uns jetzt aber. Viel wichtiger ist nämlich: Ein weiteres Album erwartet uns! Und das schon diesen Freitag. Es trägt den schönen Namen 10 Tracks to Echo in the Dark und ist laut Hugh Harris “more indie than ever”.
Interview
Lara: Hey! Im glad this worked out. How are you, shortly before the big albumrelease?
Hugh: Yeah, I’m doing good. Thank you. It is right before the album release, isn’t it? It’s a big step for us making it to this album as a band. Not many bands get the privilege to last to the seventh record. But, it’s getting on a bit. And I’m immensely excited and appreciative of the fact that we’re still going. I mean, it’s just great. We’re still playing music, you know, 15-20 years on? Like, what? That’s crazy.
Lara: As you said, your band have been a part of the music business for almost 20 years. How have the releases changed over time? Are you still nervous after all this time?
Hugh: A good question. It’s totally different. It’s not a case of nervous or not nervous, it’s a case of back in the day. I’d say with our first album, you know, you’ve got nothing to lose. So there’s no nerves, it’s just whatever, who cares, just throw it out there, give it a go and see what happens. There’s no nerves, there’s no pressure. And the same with the second, because you’re just kind of fresh and young and excited and impressionable. And the nerves don’t really come into it. But you want to be received well.
And now, at this stage, we have a really great, amazing, wonderful fan base all over Europe. And that’s really important for us, so we have more experience with releasing records. So there’s a certain nervousness when it comes to inspiring our fans and creating something that they like. But that’s also part of our journey. And also, I mean, at this stage, if we had fallen from grace, if we had just blown up, for whatever reason, it would have been a great time, you know, it would have been a fucking great time. I mean, if the band died on this record, what we’re supposed to recover from, but in a way that also calms the nerves. So it’s a complex answer to a simple question. I’m sorry.
Berlin, Bauhaus & Bautiful World
Lara: 10 tracks to echo in the dark is produced by Tobias Kuhn. How did you guys met each other?
Hugh: It was first a writing session with Luke and Tobias in Berlin. Then we, the band, joined in once. A few songs were kind of structurally born already. I remember the first time I worked with him. First of all, I got along really well with him. He’s a great producer to work with, he’s very receptive, he can see where you’re going with the idea, and he also shows you other doors. And that’s the sign of a really special producer, who can’t stop your progress with the idea you have in the studio, but also reminds you of the other ways.
And I remember after the first day of working with him in the studio, I was riding the bus. I don’t know why, I never ride the bus. But I got on the bus. And I thought in my head that this was a very special session. And I was also thinking that no one has ever called me Rainbow Fox before. So I was flattered and confused and puzzled. But he seemed to have a similar melodic mind to me and a similar attention to detail. He’s very detailed, and there are no frills.
Lara: Your song „Beautiful World“ features the band Milky Chance. How come you decide to do a song together?
Hugh: We have the same producer. I think we wanted to work with a contemporary band that we kind of related to and that was part of our group, and it was also a departure from the nineties when bands were pitted against each other and despised each other. It’s nice to work with a band that you respect and that’s in the same league. And that felt kind of fresh, it felt like a new thing. And also, they’re just great. They’re just nice people. They’re just great, great guys. And brilliant musicians, great songwriters. Yeah, why not?
Say cheese!
Lara: How do you wanted to sound like on the new album?
Hugh: There were a few conversations about the sound. The main references were to keep things very simple and strong. We didn’t want to add too much, not too many layers, just strong melodies. And we talked a lot about 80s guitar pop music, which we’re all obsessed with. The Cure came up, Talking Heads. Van Halen at one point, so the reference points were kind of cheesy, but the fun kind of cheese, not the bad kind of stinky cheese.
We wanted to create something that was very strong. When I say strong, I mean what I mean. It’s very deconstructed and ergonomic, architecturally. Like a Bauhaus thing where you can see the inner workings of the song, the anatomy of the song. You can hear the synthesizer, you can hear the guitar, you can hear the beat, you can even hear the vocals, you can just see four elements, four or five elements that are really strong together. That’s really important, I think.
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Lara: I have to admit that I am a really big fan of the very first sound of the album. It’s just a drum, but with such a beautiful sound that it triggers something positive in my head. I really don’t know exactly why, but it’s just great.
Hugh: I know exactly what you mean. That’s the nature of this rich kind of electronic sound.
So beautiful, so pleasing to the ear. And a lot of that is because of Craig Silvey, the mixer. He really gave the record a sonic identity. He really brought everything out. I don’t know what he has in his studio, but it’s damn good stuff. It’s creamy, analog, punchy, all kinds of stuff. I’m not an engineer. But yeah, he changed the direction of the whole record, sonically, because we wanted to go the indie route, but then we decided on kind of, I guess, like the identity of the record.
I think industrial is a good word to describe the sound. There’s something industrial about it. And that’s what I mean, I think that’s the influence of Berlin, like Bauhaus, coming through. Just very, very natural.
Lara: In the press text for the album it says that you have left your old demons behind. And I think you can hear that in the album as well. But can you say how you left them or how they left you? What has changed?
Hugh: Yes, I think a lot has changed in the band since we started. We work in a very different way. I think with the invention of the laptop. We used to sit in a room together and try 25 different arrangements for one song. And that could take all day. And then you have to decide, we have to try to vote on it. And then that takes another day. And then you change your mind and go back. And then you hear it in the studio and you think, oh, we should have done it differently.
But now you can just do it all on the computer. And I don’t know if we’ll ever – I’m sure purists will – but I don’t think we’ll ever record like that again. I mean, I’d love to, but I think that’s what we’ve given up on. I don’t think we’ve given up our stride or our ethos as an indie band. I think we’re more indie now than ever. Very independent, very self-sufficient. And we’re not mainstream, but we’re sort of on the cusp of it. We’re not alternative. But as I said, we’re kind of through and through. And that’s actually always been the case. But what’s different. Is there anything that we’ve thrown away?
I think it’s just evolved away from the difficult, tedious kind of recording that we used to do. But hey, people used to say that was negative. Maybe it’s better to record that way. Maybe we had more success that way. Maybe we should do it again. Maybe that’s why the first album was our best record. And we missed a trick. Fuck.
Lara: So the big project, the album, is done now. Are you glad that it’s done, or do you want to jump right into the next project? What are your plans for the near future?
Hugh: Oh, that’s right. I’m going to get a lot of plans. I guess the plan with The Kooks is to talk the album, learn how to play as a first step, and tour with it.
Then I’m going to write some kind of musical theater piece. That’s going well and I just tackled as many things as I could. I think we’re at a stage now where it’s totally doable to have all kinds of projects. It’s nice to be busy for the brain as well. But yeah, for The Kooks, it’s about promoting hard, strong promotional tools and and just hoping that people receive the record.
Lara: Do you will have shows in Germany?
Hugh: Yeah, we’re coming to Germany in February next year. We’ve got a European tour. I think everywhere like Frankfurt, Berlin, Hamburg. Everywhere. You should come!
Lara: Oh yes, probably! At the end of each interview we asked the artists for an untold story, something they’ve never told in an interview before. It can be something funny, an anecdote, for example, something that happened during the making of the album, or just anything that’s on your mind that you want to share with the world.
Hugh: This is something like a therapy session. Actually, the mind is very empty. Most of the time it needs some stimulation from a word or a conversation. But I can tell you something about the process of making the album, if that’s okay. Because that’s still fresh in my mind.
So there’s one song that didn’t make it onto our record. And it’s a beautiful song. I really love it. But nobody else liked it. So it didn’t make the record. And I especially loved it because it basically has the most awkward solo in the world. And it made me tap my fingers on my guitar. But the reason I started finger tapping is because it was recorded the day Van Halen died. And so it’s kind of a tribute to him. And I really hope we get that song out on a bonus CD or something, because it means a lot to me. It’s not really an anecdote. It’s just a piece of information.
10 Tracks to Echo in the Dark wird am 22.07.2022 unter dem Label Lonely Cat veröffentlicht.
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Mittlerweile sind sie schon eine feste Größe im Indie-Kosmos Deutschland’s und dürfen in keiner guten Release-Playlist fehlen: Razz. Die vier Jungs aus Berlin haben ihr drittes Album unter dem Namen „Everything You Will Ever Need“ veröffentlicht. Mit einem deutlich poppigeren Sound und nachdenklichen Texten zeigt sich die Band in neuem Gewand. Für die alteingesessenen Razz-Fans dürfte das aber kein Schock sein, denn mit der zuletzt veröffentlichten EP „Might delete later“ kündigten Niklas, Steffen, Christian und Lukas bereits an: So wird Razz 2.0 nach gut drei Jahren Release-Pause klingen!
Sänger Niklas gibt im Interview einen Einblick hinter die Fassade und erklärt, wie es zu dem neuen Sound kommt. Außerdem gibt’s zu lesen, warum er sich nicht mehr mit den Songs aus 2015 identifizieren kann, wie es zu dem Kurzfilm in den Musikvideos zum Album kam und welches Verhältnis er noch zu seiner Heimat hat. Wer dazu noch wissen will, was es mit dem Mann und der Kettensäge auf sich hat, dem empfehle ich bis zum Ende dran zu bleiben. Lohnt sich, versprochen. Jetzt geht’s aber los!
Razz im Interview
Anna: Hallo Niklas. Schön, dass du dir die Zeit genommen hast und mit mir ein bisschen über euer neues Album „Everything You Will Ever Need“ redest. Zu Beginn aber erstmal eine ganz andere, banale Frage: Gibt es ein Konzert, auf das du persönlich hingehst in nächster Zeit oder hast du da gar keine Zeit zu?
Niklas: Also 24/7 nur beschäftigt sind wir zum Glück nicht. Nein, ich habe Gott sei Dank ein Privatleben. (lacht) ich muss mal schauen. Ich hatte gerade überlegt, das letzte Konzert, auf dem ich war, war bei KAYTRANADA. Der hat im Festsaal gespielt. Das war unfassbar gut. Und dann sehe ich gerade in meinem Kalender – da hätte ich mich drauf gefreut – Olivia Rodrigo. Das habe ich aber leider nicht geschafft. Dann habe ich noch überlegt, zu Betterov zu gehen.
Anna: Oh ja, das Konzert hab ich vorhin auch in meine Mails eintrudeln sehen und würde super gerne hingehen. Da ärgere ich mich dann jedes Mal, dass ich nicht in Berlin wohne. Sing also ne Runde für mich mit!
Niklas: Ah, wie ärgerlich. Er spielt auf jeden Fall im gleichen Club, wo wir jetzt auch auf der Tour waren. Dennis, der Gitarrist von Betterov, hat unser Album mitproduziert und ist da jetzt live als Gitarrist dabei. Hab ihn noch letzte Woche getroffen und da haben wir darüber gequatscht. Da hätte ich auf jeden Fall mega Bock drauf.
Anna: Die Vorband ist auch ganz cool: Cinemagraph! Ich weiß nicht, ob du die schon kennst.
Niklas: Warte mal, das sagt mir sogar was. Lass mich mal kurz schauen. Ich öffne mein Spotify. (vertieft in sein Handy) Nee, kenn ich doch nicht, aber sieht gut aus. Welchen Song kannst du empfehlen? In welchen Song muss ich reinhören?
Anna: Ich glaube, der bekannteste ist „Smiling Face“. Aber ich mag auch den neuen ganz gerne „I Hate That We’ll Be Strangers In A While“ – das gibt mehr sehr große The 1975-Vibes.
Niklas: Oho, dann bin ich ja gespannt. Ich hab beide Songs jetzt mal gespeichert. Danke. Ich freue mich immer über neue Musikempfehlungen.
Von Tour-Alltag und Zukunftsgedanken
Anna: Gerne doch! Aber kommen wir zurück zu Razz und dir. Wie fühlst du dich jetzt gerade vor Release des Albums? Ich glaube, Konzerte und Touren habt ihr jetzt gerade durch und es kommt so ein bisschen die Ruhe vor dem Sturm auf.
Niklas: Ja, wir spielen jetzt noch einige Festivals. Haben nach der Tour auch schon wieder zwei, drei Festivals gespielt. Die Tour an sich hat mir ultra viel gegeben. Auf jeden Fall. Nach dieser langen Durststrecke war es mal wieder krass geil. Deswegen machen wir ja auch Musik. Das mit den Leuten interagieren oder halt auch die Songs live zu spielen war schon immer sehr essenziell und eine große Komponente. Und sonst? Ja, wir sind in den letzten Zügen von den Vorbereitungen. Das ist dann immer so mega unromantisch. Also ich freue mich schon, aber es ist gar nicht so die krasse Vorfreude, die man eigentlich immer erwartet, weil dieses Album ja schon ein bisschen länger fertig ist. Und man hat jetzt die alten Songs schon tausendmal gehört. Ich freue mich dann immer eher wieder die Songs live zu spielen. Ja und dann ist gerade mehr so die Planung in die Richtung: was geht danach schon wieder? Und so was.
Die Entstehungsgeschichte von „Everything You Will Ever Need“
Anna: Krass, ja das ist dann wohl mein Zeitpunkt, jetzt mal ein bisschen auf das Album direkt einzugehen. Wie, wann und in welcher Phase sind die Songs so entstanden? Das sind ja ganz schön ne Menge Songs. Aber dann sind natürlich auch zwei Singles von der EP mit dabei. Wie ist es dazu gekommen?
Niklas: Die EP und das Album sind so ein bisschen aus einem Guss. Also es ist ganz witzig, weil wir sehr viele Sessions hatten und ein paar Songs schon fertig waren. Und wir haben dann immer wieder weitergeschrieben und sind ins Studio. Aber das gehört für mich so ein bisschen zusammen. Ich weiß gar nicht, wie lange es war. Ich glaube, wir haben Ende 2019 angefangen zu schreiben und uns ein bisschen überlegt: Wie soll es klingen und in welche Richtung soll es gehen? Von daher hat sich das ziemlich gezogen und EP und Album sind zusammen entstanden. Deswegen ist das auch so ein bisschen der Grund, warum „Like You“ und „1969 – Conrad“ mit aufs Album gekommen sind. Sie schlagen glaube ich eine gute Brücke zu dem Album. Aber wir haben schon irgendwie so knapp zwei Jahre dran geschrieben. Das war erst ein kleiner Hustle, weil wir nicht genau wussten, ob das jetzt wirklich die Songs sind, die Razz 2.0 einläuten. Dann hatten wir aber so schnell noch mehr Songs geschrieben und „Ocean“ stand irgendwie auch so für sich, da musste einfach eine EP her. Wir hatten auch einfach Lust und haben uns dann entschieden, jetzt schon mal was rausbringen. Wir haben Songs, mit denen wir happy sind und dann machen wir einfach weiter und machen ein Album danach.
Anna: Heißt das, dass „might delete later“ dann auch gelöscht wird, sobald das Album raus ist?
Niklas: (lacht)Ne! Aber das wäre auf jeden Fall ein starker Move, wenn wir einfach so das Album oder die EP löschen würden. Es bleibt zumindest erstmal noch überall verfügbar und man kann es auch kaufen. Aber vielleicht in irgendeiner Zukunft. Das wäre auch eigentlich mal ein guter Kaufanreiz.
Wenn man selbst der größte Fan vom eigenen Merch ist
Anna: Du gehst ja auch mit gutem Beispiel voran und trägst euren eigenen Merch, wie ich sehe.
Niklas: Haha ja, aber das war gar nicht mit Absicht. Ich find das T-Shirt einfach echt cool. Christian designt ja unseren Merch selbst. Von daher ist es ja gar nicht so sehr als unser Merch zu sehen. Aber ich bin da eher ein Fan von Christian’s Design, auch wenn das quasi meine Kritzeleien und meine Schrift ist. Aber zumindest Christian’s Idee. Ich supporte also auch Christian damit.
Anna: Du musst dich gar nicht rechtfertigen, ich finde den Merch auch ziemlich schön. Da hat Christian einen guten Job gemacht. Ich finde es ist ja auch nicht so „in your face – das ist Razz Merch“, es stehen halt Lyrics von Songs drauf.
Niklas: Ja, genau, das war uns auch sehr wichtig, dass es so ist. Ich mag das auch gar nicht, wenn auf dem Merch fett Albumtitel und vielleicht Bandname steht oder was weiß ich. Von daher war irgendwie das Augenmerk bei uns, ein bisschen mehr darauf, was irgendwie cool aussieht.
Anna: Ich bin auch gespannt, wie die die Shirts alles aussehen, die ihr letztens selbst bemalt habt für die Sondereditionen von den Vinyls.
Niklas: Da bin ich auch sehr gespannt. Aber ich glaube, einige trägt Christian gerade schon so ein bisschen warm. Also wir haben es ja selbst gemacht und hatten einen Kumpel dabei, Olli, der ultra gute Ideen hatte. Christian fand die Shirts so geil, dass er sich so zwei drei Stück gesneaked hat und die einfach andauernd selbst trägt. Wir müssen ihm noch irgendwie beibringen, dass die auch wieder mit in die Deluxe-Box müssen.
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Anna: So ein, zwei Wochen hat er dann ja noch. Ok, zurück zum Album: Würdest du sagen, es gibt ein Hauptthema auf dem Album, das sich so thematisch durchzieht?
Niklas: Im Gegensatz zu der EP ist das Album auf jeden Fall ein bisschen introvertierter, also auch sehr viel persönlicher. Also die EP ist ein bisschen mehr nach außen gerichtet und auf die Gesellschaft bezogen.Bei dem Album ist ein Thema, was auf jeden Fall dominiert oder häufig vorkommt dieser Heartbreak-Trennungs-Kosmos. Und ja, gleichzeitig auch so meine Gefühlslage,die ein bisschen in die deprimierende Musikrichtung geht und die ich hatte, als wir das Album geschrieben haben. Und das sind so die zwei Hauptthemen. Teilweise ist da aber auch so ein Funke an Euphorie oder Hoffnung immer dabei. Aber es ist schon sehr viel Nachdenkliches auf jeden Fall so grundsätzlich.
Anna: Ich finde gerade auch die zwei Singles, die von der EP schon kommen, sind eher euphorisch als der Rest.
Niklas: Textlich sind beide relativ euphorisch, das stimmt. Also ich finde es persönlich immer interessanter, wenn es ein bisschen offen gehalten ist. Aber die Hintergedanken bei den Songs sind auch schon sehr dystopisch. Vielleicht ein bisschen übertrieben, aber es sind Dinge, die mich genervt haben. Also beispielsweise dieses ständige Vermarkten müssen oder sich präsentieren müssen auf irgendwelchen Social Media Plattformen. Während und generell beim Album schreiben ist mir aufgefallen, dass wir in unserer Generation viel Wert auf Selbstverwirklichung legen. Also uns ist es wichtig, dass wir nicht nur sagen, dass wir welchen Job auch immer nehmen, sondern es soll schön sein und es muss Spaß machen. Du musst einfach happy damit sein. Und genau diese Generationsfrage ist da glaube ich noch mehr dabei in den Texten. Ich glaube, Corona war ein bisschen wie ein Brennglas, dass jeder sich so krass mit sich selbst konfrontiert fühlte und konfrontieren musste. Das hat das Album auf jeden Fall auch maßgeblich mit beeinflusst.
„Manchmal frage ich mich auch: Was ist genau überhaupt das Problem? Da hilft das Songwriting“
Anna: Hilft dir das dann, wenn du die Songtexte schreibst, selbst zu reflektieren und das aufzuschreiben und dadurch besser damit klar zu kommen?
Niklas: Gute Frage. Ich glaube grundsätzlich, also ganz grundsätzlich glaube ich, dass Tagebuch führen oder Gedanken aufschreiben, super hilfreich sein kann. Dementsprechend glaube ich auch, dass es hilft, wenn man seine Gedanken ordnet und es in Songs aufschreibt. Manchmal frage ich mich auch: Was ist genau überhaupt das Problem und warum fühle ich gerade so? Ich glaube, da helfen Songs oder allgemein das Runterschreiben von Dingen auf jeden Fall, um das zu ordnen und klarer zu gestalten.
Anna: Ja. Kann ich mir vorstellen. Ich wünschte auch manchmal, ich wäre so ein Mensch, der Tagebuch schreibt.
Niklas: Aber das kannst du ja ganz einfach anfangen.
Anna: Ja, das sagt man sich dann immer, aber macht es dann doch nicht.
Niklas: Aber du musst es ja auch nicht regelmäßig machen. Ich schreibe auch kein Tagebuch, aber ich weiß von vielen Freunden auch oder Freundinnen, die das machen und das dann vielleicht auch eher unregelmäßig machen. Nur, wenn man vielleicht gerade den Drang dazu hat, etwas runter zu schreiben oder sich über irgendwas klar zu werden, kann es auf jeden Fall sehr hilfreich sein. Also dementsprechend einfach ein kleines Büchlein kaufen. Dann kann man immer wenn es einem gut geht oder vielleicht auch nicht gut geht, das dann runter zu schreiben.
Anna: Ja doch, ich glaube auch, dass es wirklich hilft zur Reflexion.
Niklas: Ja, voll! Also einfach den Vergleich zu haben, dann zu merken, wie habe ich die Situation vielleicht gehändelt und wie würde ich das eigentlich machen.
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Anna: Ich wollte auch noch mal auf die Musikvideos eingehen zu den Singles, die bisher veröffentlicht sind. Es ist ja quasi ein durchgängiger Kurzfilm, wenn man die alle hintereinander schaut. Aber wie seid ihr auf die Geschichte gekommen? Sie hat sich jetzt irgendwie auch noch nicht so ganz fertig angefühlt.
Niklas: Ja, das war so ein bisschen auch die Intention, das offen zu lassen. Die vierte Episode ist tatsächlich aber auch die letzte Episode. Wir haben uns ganz am Anfang gedacht: Okay, wir haben nicht so Bock auf einzelne Musikvideos. Wir hatten das Gefühl, dass wenn wir ein Musikvideo einfach so ins World Wide Web rein schießen, dann verpufft es einfach so. Das ist als Musiker*in glaube ich sehr schwierig. Es hat für mich irgendwie so was Belangloses. Und auch, weil so ein Album ein ganzes, zusammenhängendes Konstrukt ist, war unsere Idee eben einfach, vielleicht auch bei den Musikvideos was Zusammenhängendes zu machen. Also warum keinen Kurzfilm, der vielleicht mit einer Handlung zusammenhängt? Wir haben schnell gemerkt, dass eine Handlung vielleicht ein bisschen zu aufwendig oder zu verwirrend ist und haben dann diese drei Handlungsstränge genommen, die aber untereinander verwoben sind. Das Ganze haben wir im Oktober letzten Jahres geplant. Dann haben wir Jen Krause angeschrieben auf Instagram ganz spontan und die hatte da auch Bock drauf. Wir haben so zwei, drei Monate mit der Planung verbracht. Ich glaube die Stories können ein bisschen verwirrend sein, weil man sich manchmal den Sinn noch selbst suchen muss. Aber das finde ich manchmal ganz interessant und man muss es wahrscheinlich auch sehr aufmerksam schauen, dass man alle Storylines untereinander checkt. Aber wir mussten das schon ein bisschen vereinfachen. Also das heißt, das Grundgefühl haben wir dann von den Songs genommen und das in den Videos verpackt. Aber es war uns eben wichtig, dass es zusammenhängend ist und nicht nur so ein einzelnes Musikvideo.
Anna: Ich finde, das hat echt gut geklappt!
Niklas: Das freut mich, danke.
Zwischen Hoffnung und Sicherheit
Anna: Gibt es irgendwelche bestimmten Hoffnungen und Erwartungen, die du dem Album gegenüber hast? Oder hast du Angst vor bestimmten Reaktionen?
Niklas: Angst tatsächlich nicht so. Ich habe generell immer so ein paar grundlegende Selbstzweifel, aber das ist jetzt nicht bei dem Album schlimmer. Ich kann auch sagen, dass ich mich relativ wohlfühle mit dem Album. Ich finde es ist ein sehr guter Querschnitt von Razz geworden. Eigentlich genauso, wie wir uns das vorgestellt haben. Naja und so eine klassische Hoffnung ist natürlich, dass wir gut in die Charts einsteigen. Aber es kommt immer darauf an, welche Releases noch da sind. Ich weiß nur, dass wir mit den letzten Alben auch immer direkt eingestiegen sind. Also es war schon so eine kontinuierliche Steigerung. Von daher müsste jetzt das jetzige Album, wenn man dem nachgeht, höher starten als das letzte. Das wäre natürlich schön.
Wie klingt denn jetzt Razz 2.0?
Anna: Das bringt mich auch zum anderen Punkt, den du bereits angesprochen hast: Razz 2.0. Ihr seid als Band ja 2012, 2013 gestartet. Das ist offensichtlich schon sehr lange her und seitdem ist sehr viel passiert, ihr wart sehr jung und in einer ganz anderen Lebensphase. Das ist jetzt ein ziemlicher Break, der zwischen „Nocturnal“ und „Everything You Will Ever Need“ liegt. Was ist der grundlegende Unterschied zwischen Razz 1.0 und Razz 2.0 und warum?
Niklas: Es gibt auf jeden Fall mehrere Sachen, die anders sind. Gerade bei den ersten beiden Alben, beim ersten aber noch viel mehr. Da habe ich sehr viele der Songs auf der Gitarre geschrieben, mit so einer gewissen Naivität. Und das gleiche haben wir jetzt bei dem Album gehabt, wo ich sehr viel auf dem Klavier geschrieben habe und. Ich bin jetzt nicht kein hammermäßig guter Pianist, aber vieles funktioniert und ich verstehe alles, wenn ich es analysieren würde. Aber ich finde es immer ganz spannend, wenn man sich an ein Instrument setzt und nicht zu sehr drüber nachdenkt und dann auch einfach Sachen passieren, die man nicht überlegt, sondern einfach macht, weil es gerade funktioniert. Und damit hatten wir diesen Effekt, den wir früher an der Gitarre hatten. Aber wie du ja auch meintest, es liegen knapp zehn Jahre dazwischen. Also die Texte behandeln auf jeden Fall andere Themen. Gleichzeitig hat sich natürlich auch unser Musikgeschmack verändert. Ich höre immer noch oft, dass wir mit Kings of Leon verglichen werden, aber die habe ich zum Beispiel schon ewig nicht mehr gehört oder würde sie auch nur voll selten hören – auch eher aus nostalgischen Gründen. Es ist also auch schon so ein bisschen ein anderer Stil. Ich glaube auch poppig, ohne es irgendwie abwertend zu meinen. Ich mag Popmusik und ich glaube, das Album ist auf jeden Fall auch Popmusik im guten Sinne.
„Es fällt mir schwer, mich mit den Songs von vor zehn Jahren zu identifizieren“
Anna: Würde ich auch so unterschreiben. Vor allem auch im Vergleich zu den älteren Songs, die ja eher rockig sind. Magst du die alten Songs trotzdem noch? Spielt ihr die auch noch gerne auf Konzerten oder ist es eher so, dass ihr die einfach nicht mehr fühlt?
Niklas: So eine Mischung, würd ich sagen. Für mich macht Musik mehr aus als nur schön zu sein. Unterhalten zu werden ist auch wichtig. Und das soll nicht heißen, dass unsere Musik mich nicht unterhält. Aber dadurch, dass ich die Songs schon tausendmal gehört habe und selbst geschrieben habe, weiß ich, was passiert ist und mir ist diese Spannung irgendwie genommen. Und wenn man halt andere Musik hört, dann ist man natürlich überrascht von Melodien oder Ideen, auf die man persönlich nicht selbst gekommen ist. Das fällt natürlich bei der eigenen Musik weg. Ich denke aber auch, ich finde es interessant, wenn Leute ihre eigene Musik hören. Finde ich immer faszinierend. Ich finde es nur teilweise schwer. Oder es fällt mir schwer, mich mit den Songs von vor zehn Jahren, die ich geschrieben habe, als ich 14 oder 15 war, zu identifizieren. Wir spielen einige der Songs teilweise trotzdem noch. Auch wenn immer man sich immer mit den aktuelleren Sachen mehr identifizieren kann, weil es einfach näher an dem persönlichen Geschmack ist. Also wir spielen schon mehr von den neuen Songs.
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Anna: Hast du einen persönlichen Lieblingssong auf dem Album?
Niklas: Das variiert immer so ein bisschen. Also bis vor ein paar Wochen war es „Lately„. Den finde ich gut, weil es ein Song ist, der ein bisschen heraussticht und einen etwas anderen Vibe hat. Finde ich zumindest. Wir haben auf der Tour auch „Rome“ gespielt, einer der Songs, die vorab noch nicht veröffentlicht waren. Der hat live ultra gut funktioniert und kam auch super gut an. Die Jungs wurden erst teilweise auf der Tour von dem Song überzeugt. Deswegen ist das jetzt gerade so ein bisschen mein Favorit. Obwohl es auch ein Song ist, den man nicht beim ersten Mal direkt bemerkt oder der direkt auffallen würde. Den muss man kurz bewusst hören.
Ein bisschen Nostalgie für die Seele
Anna: Genau, da muss ich leider gestehen, dass es mir bisher genauso ging, aber vielleicht bekomme ich jetzt einen besseren Zugang zu dem Song. Springen wir noch einmal etwas zurück in der Zeit: das letzte Mal, dass ich dich interviewt habe war 2018 auf dem Rocken am Brocken. Damals noch für das Campusradio Hannover. Ist also schon ein bisschen länger her. Das Interview habe ich mir gestern auch noch angehört und es ist echt einfach cringe.
Niklas: Wahrscheinlich für beide Seiten.
Anna: Ja, das stimmt wahrscheinlich. Naja, aber worauf ich hinaus wollte ist, dass du damals gesagt, dass du dich potenziell noch deiner Heimat immer sehr verbunden fühlst. Und ich wollte mal fragen, ob das jetzt immer noch so ist. Würdest du das jetzt vier Jahre später auch noch so unterschreiben?
Niklas: Witzig, weil 2018 sind wir umgezogen. Rocken am Brocken war sogar genau das Wochenende, an dem wir umgezogen sind.
Anna: Ach echt? Was ein Zufall!
Niklas: Ja, an dem Wochenende vom Rocken am Brocken haben wir die ganze Zeit unseren ganzen Musik Kram dabei gehabt, aber dann hatte jeder noch so ein, zwei Koffer dabei und dann sind wir direkt weiter nach Berlin. Aber auf die Frage zurück: grundsätzlich ja. Heimat ist irgendwie immer Heimat. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Heimat und Zuhause. Und ich glaube, diese kleine, komische, abgefuckte, ländliche Gegend, aus der wir kommen, wird auch immer noch unsere Heimat bleiben. Oder zumindest meine.
Anna: Du darfst sie ruhig benennen, wenn du möchtest. Das ist nämlich auch meine Heimat.
Niklas: Ok, also es geht um das Emsland. Wo kommst du dort her?
Anna: Ich bin in eine Vorort von Lingen aufgewachsen.
Die Heimat auf dem Land als Reset-Knopf vom Großstadt-Chaos
Niklas: Achja, lustig, aber da ist Schöhningsdorf dann wohl doch nochmal etwas kleiner. Ich spüre die Verbundenheit zu dem Ort auf jeden Fall noch. Aber ich fühle mich auf jeden Fall jetzt gerade wohler in Berlin. Einfach weil das Angebot größer ist. Alleine die Leute, die man hier trifft. Wenn ich Lust habe, mega krasse Musiker oder Musikerinnen zu sehen, dann ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass die in den nächsten ein, zwei Wochen hier irgendwo spielen und ich die Möglichkeit habe, die zu sehen. Das ist einfach mega geil. Aber auch das kulturelle Angebot ist einfach so viel besser. Ich bin echt ein enormer Großstadt Fan geworden. Aber ich mags auch immer wieder nach Hause zu kommen, weil es halt einfach wie so ein kleiner Reset Knopf ist und meine Familie ist ja noch da. Also so ganz weg werde ich davon eh nicht kommen. Aber das ist auch, solange die da sind, noch gut.
Anna: Da ich muss sagen, ich habe das auch in den Corona-Zeiten ein bisschen mehr wertschätzen gelernt. Weil man halt einfach dadurch, dass in der Großstadt dann nichts ging, man dann da so einen Ort der Zuflucht hatte. Also einfach im Emsland in den Wald gehen und rauskam. Man hatte halt viel mehr Möglichkeiten sich irgendwo aufzuhalten.
Niklas: Ja voll! Wenn man mal so bedenkt, dass alles was eine Großstadt wie Berlin ausmacht, weg ist, wenn Corona ist. Also all die Vorzüge sind irgendwie nicht mehr da. Aber all die Vorzüge, die man in ländlichen Regionen hat, bleiben aber bestehen, weil sie nicht so abhängig sind von irgendwelchen Restriktionen oder was auch immer. Deswegen war es da auf jeden Fall entspannter, da zu sein.
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Anna: Da stimme ich dir voll und ganz zu! Okay, ich habe noch zwei Fragen. Undzwar gibt es, bis auf das Feature mit Giant Rooks vor ein paar Jahren, nur eigene Songs von euch und keine Features – ich habe zumindest keine gefunden. Hat das einen bestimmten Grund?
Niklas: Nö, nicht so richtig. Ich finde halt Features ergeben sich meistens einfach so und bei den Rookies war es so. Findest du nur ein Feature untypisch?
Anna: Gefühlt schon, ja – vor allem dafür, dass ihr schon ein paar Alben draußen habt, ist ja sonst oft.
Niklas: Ich glaube das ergibt sich einfach wirklich. Also es war gar keine bewusste Entscheidung bei uns.
Der Mann mit der Kettensäge
Anna: Die Abschlussfrage in allen unseren untoldency Interviews ist die nach einer untold Story: also eine Geschichte, die du am besten bisher in keinem Interview erzählt hast und die irgendwie catchy oder besonders oder weird ist.
Niklas: Ich glaube, das war letztes Jahr auf dem Rocken am Brocken. Musste vorhin dran denken als du das Festival angesprochen hasr. Das auch so eine absurde Geschichte, wo ich schon ewig nicht mehr drüber nachgedacht hab, aber wir haben letztes Jahr so ein kleines Corona-Konzert in abgespeckter Form dort gespielt. Alle Leute hatten natürlich ultra Bock und wir waren auch super hyped und sind mega lange noch dort geblieben. Wir haben uns alle Acts angeguckt waren dann noch auf dem Dancefloor hinten. (denkt drüber nach) Und es war einfach so eine absurde Story. Irgendwann sind wir wieder zurück ins Backstage und es war schon so zu 80 % leergefegt. Wir haben uns ein Bierchen zum Hotel mitgenommen. Wie aus dem Nichts stand dann irgend so ein Typ im Weg – ich weiß bis heute nicht, ob das ein Festivalhelfer war oder ob er einfach ein Zuschauer war – aber er stand auf einmal mit einer Kettensäge im Backstage. Meine Erinnerung ist da auch etwas getrübt, aber irgendwann hat er random Bäume umgesetzt im Backstage. Die nächste Erinnerung, die ich habe, war, wie unser Lichttechniker auch mit der Kettensäge neben mir stand. Also da stand er auf einmal mit einer Kettensäge im Backstage. Das ist so ein Bild, was ich auf jeden Fall noch im Kopf behalten habe. Die Situation war einfach so absurd. Stell dir mal vor: Backstage letztes Bier, einfach kurz dem Heimweg und auf einmal ist da so eine Kettensäge, die kursiert und wir waren alle so mega perplex. Was passiert hier gerade? So eine Mischung aus „ganz funny“, wenn man so leicht beschwipst ist, bis hin zu „okay, so fangen Horrorfilme an“.
Anna: Ich habe auch direkt an einen Halloween- oder Horrorfilm gedacht. Aber weißt du woran mich das auch erinnert hat? Es gibt auf dem Rocken am Brocken immer eine Person aus dem Team, die über das Wochenende verteilt eine Figur aus Holz erarbeitet. Ich meine das wird auch mit Kettensäge gemacht. Aber ich weiß nicht, ob das letztes Jahr auch so gemacht wurde, weil es ja nicht so das richtige Festival war.
Niklas: Das würde einiges erklären. Aber komisch ist es trotzdem noch. Was macht man mit so einer Kettensäge nachts um vier im Backstage?
Anna: Ja, eigentlich machen die das auch nur tagsüber, wenn es hell ist.
Niklas: Na gut, vielleicht hat da jemand nicht ganz so aufgepasst.
Anna: Das hätte mich auf jeden Fall auch verwirrt. Aber danke, dass du diese Geschichte geteilt hast.
Niklas: Sehr gerne. Ich kann Fotos nachliefern. Obwohl, vielleicht besser nicht. (lacht)
Anna: Da müsste man die Person auf dem Foto wahrscheinlich auch erst einmal fragen, aber ich würd’s schon gerne sehen. Naja, danke dir! Vielen Dank für deine Zeit.
Niklas: Hey, danke dir und noch einen schönen entspannten Tag!
Hier könnt ihr das neue Album „Everything You Will Ever Need“ von Razz ab jetzt rauf und runter hören bis euch die Ohren bluten:
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Zum Beginn unserer Interview-Reihe zu den Acoustics Concerts stelle ich euch Masha The Rich Man vor, beziehungsweise wird sie das im Interview gleich direkt selbst machen. Deswegen möchte ich auch gar nicht so viel vorweg nehmen. Freut euch auf einen super interessanten Mix aus filmreifer Indie Pop-Folk Musik der ukrainisch-stämmigen Singer-Songwriterin. Für die Acoustics Concerts steht Maria Raykhman am 11.07. in Dresden, 12.07. in Berlin, 13.07. in Hamburg, 15.07. in Essen, 16.07. in Magdeburg und am 17.07. in Offenbach auf der Bühne.
Masha The Rich Man im Interview
Anna:Hallo Mascha. Schön, dass du dir die Zeit genommen hast. Ich wollte heute mal mit dir über dein Projekt „Masha The Rich Man“ reden. Du hast auf Spotify ja erst einen Song veröffentlicht und auch erst in diesem Jahr gestartet.
Mascha: Ja, das stimmt. Ich mache eigentlich schon länger Musik, auch mit verschiedenen Projekten. Aber dieses Projekt ist jetzt tatsächlich sehr neu und deswegen auch kein Wunder, dass es noch nicht so bekannt ist.
Anna: Genau, magst du dich und „Masha The Rich Man“ einfach mal vorstellen?
Mascha: Okay! „Masha The Rich Man“ – das bin ich, Mascha. Eigentlich ist das Ganze aus Versehen entstanden oder mit langem Prozess des Dahinfindens oder wie auch immer man das betiteln möchte. Also ich hatte tatsächlich nicht so richtig vor, das zu machen und dann hat sich irgendwie das alles so dazu entwickelt. Dann kam halt Corona und ich eigentlich das Nichtstun irgendwann dann so ein bisschen angefangen habe zu genießen. Da habe ich gemerkt habe, dass irgendwas ziemlich stark gefehlt hat. Weil ich wie gesagt, schon recht aktiv Musik gemacht hab in verschiedenen anderen Projekten oder auch Songwriting, Sessions für andere, mit anderen, aber halt nie persönlich so richtig. Also ich habe irgendwie vorher nie versucht mein Innerstes nach außen zu bringen. Aber ja, Corona hat mir dann irgendwie gezeigt, dass mir das fehlt. Da hatte sich sehr lange viel aufgestaut, was dann doch raus wollte und verarbeitet werden wollte. Ein Kollege von mir hat mich auch schon seit Ewigkeiten dazu motiviert, dass ich irgendwie mal mein eigenes Ding machen sollte. Dann dachte ich mir immer: Warum? Was habe ich denn Großes zu sagen, dass ich jetzt noch ein weiteres Projekt in diese Welt schießen soll? Ich hab einfach nicht gesehen, was ich noch so relevantes Persönliches mit in diese ganze Welt hinaus katapultieren sollte. Und in der Corona-Zeit habe ich dann viel über konkretere Konzepte nachgedacht und überlegt, was mir denn wirklich wichtig ist. Allein das habe ich mir vorher nie so wirklich überlegt. Ich habe nicht darüber geschrieben, was mir wichtig war, sondern was halt irgendwie grad so anstand und gut ankam. Dann hatte ich plötzlich so viele Themen auf dem Radar, die ich jetzt auch gar nicht alle unterbringen konnte auf dem Album und deswegen auch schon ein zweites Album geplant habe. Ja, und das ist halt einfach sehr, sehr persönlich und autobiografisch und trotzdem überwältigend. Ich habe da quasi mein ganzes Leben rekapituliert. Alles, was ich irgendwie vorher versucht habe zu vermeiden: wie sich verletzlich oder klein zu zeigen – alles das war dann irgendwie auf einmal im Mittelpunkt. Das Ziel war, die ganzen Sachen, für die ich mich immer geschämt habe mal auszusprechen. Vielleicht motiviert das ja irgendwie irgendwen, auch zu Dingen zu stehen.
Therapie-Stunden im Sinne von Mascha
Anna: Das klingt sehr therapeutisch. Haben dir die Songs dann auch geholfen mit den Gefühlen besser umzugehen?
Mascha: Ja mega, vor allem auch rückblickend auf bestimmte Situationen. Also vieles war gar nicht so aktuell unbedingt, sondern ich habe mal vieles verarbeitet, was halt schon passiert war, aber was ich vielleicht nie so richtig verarbeitet hatte. Das habe ich dann in Angriff genommen. Auch musikalisch wollte ich da auch alles reinpacken, was mich selbst irgendwie wirklich mitnimmt und berührt. Das sind auch musikalische Einflüsse, die ich oft mich vorher nicht getraut habe, anzugehen, weil es nicht cool genug war oder nicht dies oder das genug. Das war tatsächlich sehr schwierig, da dran zu bleiben. Ich habe das Gefühl, ich habe oft Musik umgesetzt, die ich nicht zu 100 % wollte. Einfach nur, weil ich dann doch lieber mit dem Trend mitgeschwommen bin. Ich dachte, das würde besser ankommen. Naja, aber nach langen Überlegungen habe ich dem Genre den Titel Cinematic Folk Pop gegeben.
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Anna: Ja, das schließt auch perfekt an meine nächste Frage an: Was steckt hinter dem Begriff Cinematic Folk Pop? Wie bist du darauf gekommen?
Mascha: Also ich habe wirklich super viel Zeit mit Brainstormen verbracht, um überhaupt von vornherein auf eine Idee zu kommen, was ich da vermitteln möchte. Dann habe ich ganz viele Begriffe gesammelt, die mich ansprechen, mit denen ich irgendwie was verbinde. Da war eben auch dieses klangliche Cinematische mit dabei. Und jetzt musikalisch konkret sind es dann wahrscheinlich die Streicher, die ich da einfach sehr schön finde. Das ist sowieso etwas, was mich sehr bewegt in Songs. Also ein bisschen dieses Dramatische, Epische. Einfach so filmisch, dass Bilder entstehen.
Anna: Ja, das klingt auf jeden Fall sehr schön. Würdest du sagen, dass so traditionellere Musik da auch einen Einfluss drauf hat? Weil du ja eben ukrainischen Wurzeln hast und die Musik dort ja doch nochmal deutlich anders geprägt ist.
Mascha: Ja, die Überlegung war auch ursprünglich das Ganze Cinematic Folklore Pop zu nennen. Also ja, das hat es auf jeden Fall und das war auch voll die Intention. Ich wollte halt irgendwie eine Balance finden, dass das nicht Überhand nimmt. In meiner Studienzeit an der Popakademie in Mannheim bin ich auch sehr in diese traditionelle Polka-Richtung gedrückt worden. Es ist mir aber auch wichtig, zu zeigen und zu wissen, dass ich nicht nur diese Seite habe.
Zwischen Freddy Mercury und Mine – Inspiration findet Mascha an vielen Ecken
Anna: Gibt es bestimmte Künstler oder Künstlerinnen, die dich inspirieren?
Mascha: Also, ich hatte mir tausende von diesen Spotify Listen erstellt mit Referenzen zu dem Sound, den ich machen möchte. Das war noch bevor die Songs so richtig standen. Das sollte ein bisschen vorgeben, in welchen Klangwelten ich mich denn so aufhalten will. Am Anfang als noch nichts stand, war das nämlich ganz chön schwierig, sich festzulegen. Es gab da sowieso auch ganz viele schreckliche Momente, in denen ich gar kein Bock mehr hatte. Aber das kennen wir ja alle und das gehört auch mit dazu. Sonst wird es nicht gut. Manche Einflüsse, von denen ich dachte, dass sie zum Beispiel wichtig werden, waren dann gar nicht so wichtig. Aber Marina Diamonds mit den älteren Sachen habe ich viel gehört. Dann waren irgendwie auch immer viele Musicals dabei. Das feier ich auch sehr. Wer mich als Person aber auch noch sehr inspiriert, ist Freddy Mercury von Queen. Aber auch Queen generell. (überlegt weiter) Mine ist auch noch eine tolle Künstlerin. Im Laufe der Zeit habe ich dann auch immer mehr Anklang mit Aurora gefunden. Naja, aber wie du schon merkst: Die Liste war sehr lang.
„Der Krieg in der Ukraine hat auch mein Verständnis für die Musik geändert“
Anna: Worauf ich noch gerne eingehen würde ist deine Verbindung zur Ukraine in der momentanen Situation. Ich weiß nicht, ob du es noch hören kannst, aber durch deine ukrainischen Wurzeln, finde ich, kann man das halt einfach nicht ausklammern. Wie fühlst du dich gerade in der Kriegssituation? Beeinflusst es dein Denken und die Musik und verändert es dich in gewisser Weise?
Mascha: Ja, also die Songs haben sich nicht verändert. Die waren nämlich schon größtenteils fertig. Aber mein Verständnis für die Musik und generell hat sich alles komplett geändert. Alleine meine Sicht auf Social Media. Ich habe gesehen, dass erstens alles super krass relativ ist. Aber andererseits auch doch, was man alleine für eine Macht hat, Dinge zu verändern, beziehungsweise einen Unterschied zu machen. Also ich habe vorher auch nicht so richtig viel gepostet oder Sachen geteilt. Und dann habe ich das sehr exzessiv gemacht und habe irgendwie versucht, an jeder Ecke, wo ich irgendwas Kleines gesehen hab, etwas nützliches zu verbreiten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das echt viel bringt. Das hilft den Menschen hilft. Ich habe auch irgendwie gemerkt, dass alles politisch ist. Vorher habe ich das noch nie so am eigenen Leib gespürt. Alles wurde auf einmal so wichtig: Wie wer wozu steht und was man worüber denkt. Das war mir vorher nie so sehr bewusst.
Auch auf der Straße zeigt Mascha ihre Anteilnahme und teilt dieses Foto später auf Instagram.
Anna: Also ich musste sagen, ich habe sonst keine so starke Verbindung zur Ukraine gehabt, aber das hat mich natürlich trotzdem sehr mitgenommen. Und so die Nachrichtenlage dann auch immer zu checken und permanent ein komisches Gefühl dabei zu haben, das war neu. Man hat sich auch so eingeengt und unwohl gefühlt, obwohl mich das selbst ja eigentlich nicht wirklich betroffen hat.
Mascha: Ja, total. Also ich hatte auch überhaupt kein Bedürfnis, irgendwas außerhalb dieser Thematik zu machen, weil wie gesagt alles dann komplett sinnlos erschien.
KiKa und der Downfall danach
Anna: Ok, es ist schwierig, jetzt mit so einem harten Cut das Thema zu wechseln, aber wollte nochmal über einen anderen Punkt in deiner Biografie sprechen. Undzwar habe ich gesehen, dass du bei „Dein Song“ auf KiKa mitgemacht hast. Wann genau warst du da? Wie kam es dazu und wie war es?
Mascha: Ich war 2013 da. In dem Jahr, wo Lina gewonnen hat. Zu dem Zeitpunkt war das eine unfassbar tolle Sache für mich. Es war eigentlich das Beste, was mir je hätte geschehen können. Man fühlt sich da wie so ein kleines Sternchen. Man wird plötzlich überall hingefahren und darf nach Ibiza, bekommt Hotel, Essen und Trinken, kann ins Tonstudio und dreht Musikvideos. Und ich weiß nicht, es war schon echt verrückt und ich habe auch ganz viele tolle Menschen kennengelernt, mit denen ich immer noch zu tun habe. Tatsächlich habe ich ja auch mit einem der Produzenten von der Show ein paar der Songs gemacht. Aber die Zeit danach war erstmal hart. Weil dann natürlich irgendwann alles vorbei war und wie man das so kennt, erhofft man sich natürlich trotzdem mehr davon. Es wurden von Seiten bestimmter Jurymitglieder auch irgendwie Hoffnungen geschürt, die sich dann aber verlaufen haben. Da hatte ich schon echt lange dran zu nagen, glaube ich.
Anna: Das kann ich voll verstehen. Da werden ja auch irgendwie die Hoffnungen eines jungen Mädchens zerstört. Aber kommen wir mal wieder zu etwas Positiverem. Reden wir noch mal kurz über deine erste Single „His Rebel Heart“. Worum geht es in dem Song?
Mascha: Also ich habe ja schon angekündigt, dass es viel um meine Vergangenheit und die Bewältigung von Dingen geht. Es geht zurück ins Jahr 1999. Da bin ich nämlich umgezogen, von Kyiv nach Deutschland. Und ich hatte in der Ukraine ein sehr enges Verhältnis mit meinem Bruder. Ich war vier und er war zwei Jahre älter. Wir haben die ganze Zeit abgehangen zusammen. Unsere Verbindung war sehr eng und er war für mich ein riesiges Vorbild – was ja bei kleinen Geschwistern oft so ist. Aber dann sind wir halt umgezogen. Und das ist einfach sehr krass für ein Kind, wenn man in ein anderes Land emigriert. Wir haben uns da etwas auseinandergelebt. Ich kann und will mir gar nicht ausmalen, wie das jetzt für die die Menschen, die Kinder, ist, die hier gerade ankommen – speziell aus der Ukraine. Vor allem, weil es bei mir sehr lebensverändernd war. Es hat viel in unseren Abläufen verändert und irgendwie auch in den Persönlichkeiten. Und wir sind mit vielen Dingen nicht so richtig klargekommen und mussten es irgendwo anders kompensieren. Es ist sehr schwierig und schade für mich, weil ich mich immer sehr gesehnt habe nach dieser alten Beziehung, die ich zu meinem Bruder hatte. Dadurch, dass er ein kleines Problemkind war, war die Aufmerksamkeit meiner Eltern auch oft auf ihm und ich musste da als jüngere Schwester immer mit umgehen. Über diesen ganzen Konflikt ist irgendwie das Lied.
Ziegen retten auf Abo und was die Tiefen des Internets noch so zu bieten hat
Anna: Das ist eine sehr schöne Erklärung. Da merkt man den autobiographischen Zusammenhang, den du vorhin schon meintest. Ich habe noch eine letzte Frage, die wir in jedem Interview stellen und das ist die Frage nach deiner untold story!
Mascha: Ich habe eine Idee! Also ich muss dazu sagen, dass ich ein großer Fan von Schafen und Ziegen bin. Vor ein paar Jahren bin ich da mal auf eine Seite gestoßen, die kümmern sich um behinderte Ziegen. Man kann da Mitglied werden und spenden und ja, was soll ich sagen? Das bin ich seitdem. Ich bezahle 1 € monatlich, dass sich die Leute um die behinderten Ziegen kümmern. Die posten dann auch Fotos von sich und den Ziegen auf ihrer Facebookseite. Das ist total total süß und toll, was die machen die. Die bauen dann nämlich, wenn die Ziegen keine Beine mehr haben, so diese Rollen, womit sie laufen können.
Anna: Oh, die Geschichte ist sehr wholesome. Ich freue mich gerade sehr für die Ziegen. Danke dir für die Story und danke für’s Interview!
Mascha: Danke dir für das Interview, das war schön!
Bisher gibt es erst zwei Songs von Masha The Rich Man auf Spotify zu hören, das Album steht aber schon in den Startlöchern und wartet nur darauf, das Licht der Welt zu erblicken. Also merkt euch die Sängerin besser und hört in der Zwischenzeit „His Rebel Heart„:
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Trennungsschmerz ist sicherlich etwas, was wir alle gern in die hinterste Ecke der hintersten Schublade stecken würden und so schnell wie möglich vergessen würden. Marie Bothmer dagegen hat sich bewusst mit ihrer Trennung im letzten Jahr auseinandergesetzt und den stechenden Schmerz in eine pointierte, dynamische und extrem starke Debüt-EP namens „Swimmingpool“ verwandelt.
Ich habe mit der zuckersüßen Marie über ihr toughes letztes Jahr und die Musik, diedaraus hervorgegangen ist, im Interview gesprochen.
Marie Bothmer im Interview
Evelin: Heute reden wir insbesondere über eine EP “Swimmingpool”, die letztens erschienen ist. Erstmal Glückwunsch dazu!
Marie: Dankeschön!
Evelin: Es geht um das Ende einer Beziehung, genau genommen deiner. Releases sind ja immer mit sehr viel Aufregung verbunden und auch Erleichterung, besonders wenn’s ums Debüt geht. Da die EP so wahnsinnig persönlich und schmerzerfüllt ist, wie hast du dich gefühlt vor und jetzt nach dem Release?
Marie: Ich glaube, ich bin dieses Mal irgendwie wahnsinnig entspannt gewesen und normalerweise geht mir richtig doll die Düse. Ich kann tagelang davor nicht schlafen und bin dann so: “Ist alles schon da? Haben wir ein Video? Was kann ich tun und was kommt auf mich zu?” Und das ist jetzt so abgerundet fertig geworden, dass ich dachte, es ist schon irgendwie ziemlich cool und alles was passiert, passiert. Und wenn auch mal was nicht klappt, dann ist es auch okay und dann macht man einfach weiter. Und ich bin sehr stolz auf diese EP.
Evelin: Ist das eigentlich komisch, seine Gefühle und die Trennung immer aufs Neue auseinanderzunehmen, wie jetzt hier mit mir im Interview?
Marie: Ja (lacht). Die EP ist fast chronologisch über diese Trennung und über das letzte Jahr. Live versuche ich richtig lustig über diese Trennung zu reden, weil dann ist hoffentlich keiner suizidgefährdet, wenn ich so wahnsinnig traurig singe. Ich versuche das ein bisschen aufzulockern und dadurch fasse ich das immer relativ knapp zusammen. In den Songs ist auch oftmals so, dass nicht jedes Bild komplett zutreffend ist zum Beispiel. Mein Expartner zum Beispiel kann gar kein Deutsch, der ist nämlich Däne. Ich hoffe, dass er das nicht in Google Translate eingibt. Weil da natürlich ein paar Dinge sind, wo ich mir denke: “schon sehr persönlich”. Aber wie gesagt, es ist auch die künstlerische Freiheit. Und es hat mir sehr geholfen, darüber wegzukommen.
Evelin: Ich meine, okay, er spricht kein Deutsch, aber hattest du je den Gedanken gehabt, ob das jetzt das Richtige ist, alles Persönliche so in die Öffentlichkeit zu tragen?
Marie: Muss er durch (lacht). Also keine Ahnung. Er ist auch Musiker. Deswegen ist es etwas, was er auch verstehen kann, denke ich. Und unsere Beziehung war auch teils öffentlich. Aber jetzt glaube ich nicht, dass die Leute checken, um wen es geht. Und ich würde niemals sagen, das ist übrigens über den und den. Aber er hat nichts gesagt und er hat auch über mich geschrieben. So verarbeitet man irgendwie. Und dann halt immer dieses Fiktive.
„Ich bin ein totaler Quatschkopf“
Evelin: Das Album ist in einem sehr kollaborativen Weise entstanden. Unter anderem haben Künstler:innen wie Nina, Madeleine Juno oder Blinker mitgeschrieben. Wo lag da der Mehrwert für dich speziell? Hast du das auch gebraucht, nicht allein zu sein während du alle deine Gedanken und Gefühle durchgehst?
Marie: Das Schöne ist bei allen, die mitgeschrieben haben ist, dass die richtig gute Freundinnen und Freunde sind. Blinki (Blinker) ist ein richtig guter Freund. Und auch Nina (Chuba) kenne ich ganz lange schon. Madeline (Juno)auch. Wir saßen eh im Studio und die wussten eh, wie es mir ging. Die haben das alles in Realtime mitbekommen und dadurch war das relativ einfach als wenn man sich mit jemand Neues im Studio setzt und dann sagt: “So, das war so. An einem kalten Wintertag musste ich leider aus der Wohnung ziehen… (lacht)”
So war alles klar und dann hat man richtig schön zusammen geschrieben. Ich schreibe auch lieber gemeinsam. Ich schreibe ab und zu noch zu Hause allein, aber manchmal fehlt mir die Motivation. Und wenn man dann zusammen im Studio ist, dann freut man sich so richtig, was zusammen zu schaffen.
Evelin: Du bist jemand, die viel aus ihrem Leben teilt und viele wichtige, auch Tabuthemen anspricht und das oft mit viel Humor. Was möchtest du damit erreichen?
Marie: Ich trage mein Herz schon sehr auf der Zunge. Und manchmal ist es auch ein bisschen zu unüberlegt, vielleicht. Ich als Künstlerin, meine Persönlichkeit und mein Charakter spielen so sehr in die Songs mit, dass ich niemals einen Song singen könnte, den ich nicht selbst geschrieben habe. Wenn die Leute mir auf Instagram folgen, dann ist das meine komplette Person und natürlich zieh‘ ich da auch oftmals Grenzen. Ich bin ein totaler Quatschkopf auf Instagram und manchmal geht es mir scheiße und dann bin ich so “Fuck, ich muss jetzt ‘ne Story machen”. Das ist auch für meine Mutter manchmal extrem schwierig, weil die sagt: “Ja, dir scheint es ja jetzt gerade total gutzugehen” und ich: “Eh ja auf jeden Fall…”
Und dann auch gewisse Werte zu vertreten und einen gewissen Einfluss zu haben, seien es jetzt feministische oder politische Themen. Also ich versuche nicht so crazy aktivistisch zu sein. Das würde ich mir nicht rausnehmen. Ich bin keine öffentliche Aktivistin, sondern ich gehe gern auf Demos. Aber ich würde nie eine Demo unter meinem Namen veranstalten, weil ich mich darüber auch nicht profilieren will. Aber ich möchte auf jeden Fall eine gute Botschaft in die Welt senden und dann hoffen, dass Leute, die mich cool finden, sagen: “Marie fand das cool, dann mach‘ ich das vielleicht auch”.
„Ich war gefangen in einem Loch“
Evelin: Und was erhoffst du dir, dass deine Zuhörer:innen mitnehmen, wenn sie die EP hören?
Marie: Ich hoffe, dass Leute, die auch durch Trennungen gegangen sind, ein bisschen Trost finden. “Temporär” zum Beispiel, da ging es mir schon wieder total gut und ich war so: “Ja, das tut manchmal noch weh. Es kommt immer mal wieder hoch, aber man weiß dann irgendwann, zum Glück okay, jetzt ist auch wieder gut. Morgen tuts dann nicht mehr so doll weh”. Und so sind halt Trennungen.
Evelin: Das ist wahrscheinlich schwer zu entscheiden, weil jeder Song so persönlich ist, aber welcher Song liegt dir besonders am Herzen?
Marie: Ich glaube, tatsächlich ist “Dopamin” der wichtigste. Während Corona habe ich kurz gedacht, ich hör‘ auf mit Musik. Ich hatte keine Muse und ich war gefangen in einem Loch, auch krass depressiv. Und dann war das der erste Song, den ich auch mit Nina geschrieben habe. In einem komplett neuen Setup und ich bin ins Studio gegangen, habe gesagt, ich will einfach einen Song machen, den ich fühl‘, ohne darüber nachzudenken, was ist. Der hatte auch gar keine richtige Struktur, sondern ist einfach nur ein Vibe. Ich glaube, deswegen musste das auch der erste Song auf der EP sein. Und es sind immer noch die Demo Vocals, komplett roh. Es geht um das Thema Depressionen, was Beziehungen auf jeden Fall erschweren kann und darüber, dass es nicht so leicht ist, damit umzugehen.
„Ich wäre lieber kein analytischer Mensch“
Evelin: In “Swimmingpool” hört man dich, wie du dir selbst vormachst, dass es dir gut geht nach der Trennung, es fast schon einfach unter Teppich kehrst, um es zu vertuschen. Konntest du deine Trauer akzeptieren? Wie kamst du zu dem Schritt?
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Marie: Also „Swimmingpool“ habe ich geschrieben, da war ich auch noch mit dem zusammen. Es war eher so eine recycelte Geschichte, aber ich wusste schon die ganze Zeit okay, diese Beziehung ist jetzt bald zu Ende und das wird so schlimm. Wir haben den gleichen Freundeskreis und wie soll ich das machen? Es war wie ein Ausblick darauf. Tatsächlich habe ich mich dann nach der Trennung sehr darin gesuhlt und bin sehr viel aufgefangen worden. Dieses “Kugelsicher”-Thema passt auch ganz gut dazu, weil dann hab ich ganz schnell gesagt: “Jetzt bin ich nicht mehr traurig. Jetzt mache ich das und das.” Dann bin ich wahnsinnig viel rausgegangen und habe versucht mich abzulenken und habe mich komplett taub gemacht. Aber das Problem ist ja, dass du das dann nicht verarbeitest. Das musste dann irgendwann kommen, dass man dann einbricht und sich dem widmet, weil sonst bleibt man für immer in dieser Spirale.
Evelin: Dieses Betäubtmachen in “Kugelsicher”. War das eine Art Schutzmechanismus und wie arbeitest du daran, diese aufgerichtete Wand wieder abzubauen?
Marie: Ja, ich hab auch noch voll Probleme, neu zu daten. Weil ich denke, ich bin noch gar nicht so weit und ich will noch gar nicht wirklich. Und andererseits ist es aufregend, neue Leute kennenzulernen. Aber ich merke, dass ich total vorsichtig bin, mich neu zu öffnen und auch dieses Commitment Ding. Dass wenn ich jetzt loslegen würde mit jemand Neues, dann muss da alles perfekt stimmen, weil was, wenn das nicht passt? Und dann committe ich mich und es passiert das gleiche nochmal. Ich bin 26, eigentlich müsste ich das mittlerweile wissen (lacht). Aber es ist immer wieder schwer und das ist jetzt ein bisschen über ein Jahr her und ich glaube, es wird langsam. Ich muss mal ein bisschen loslegen (lacht).
Evelin: Also bist du jemand, der jedes einzelne Gefühl und Gesagtes analysiert?
Marie: Ja, ganz schlimm. Ich bin ganz, ganz, ganz doll reflektiert, was gut ist. Aber manchmal glaube ich zu reflektiert, und sag so: “Okay, das muss daran liegen. Das ist wahrscheinlich aus dem Grund. Und mein Vater und meine Mutter und meine Geschwister und was nicht alles.” Ich bin auch in Therapie, deswegen macht das total Sinn. Aber das ist manchmal gar nicht so gut. Manchmal wäre ich lieber kein analytischer Mensch, sondern eher Gefühlsmensch.
“If you want to get over someone get under someone”
Evelin: “Deadline”, das einzige Feature auf der EP. Auch wahnsinnig toller Track. Wie kam das Feature mit YRRE zusammen und in welchem Zeitpunkt des Verarbeitungsprozesses treffen wir dich in dem Song an?
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Marie: Das gibt es auch als Originalversion mit zwei Strophen von mir. Und da war ich in dieser Phase, wo ich wusste, ich muss mich mit irgendwem ablenken. Im Live-Set sage ich immer: “If you want to get over someone get under someone”. Mir war das klar, dass ich da keine Beziehung anfangen möchte und keine neuen Gefühle aufbauen will. Aber dass ich wahnsinnig doll diese Nähe brauchte und dann dieses: “Ich muss es beenden, es geht ja gar nicht anders, aber es war ja auch nie etwas.” Also total komisch. Wir hatten das doch damals irgendwie abgesprochen, dass auf keinen Fall irgendwas daraus wird. Also sehr autobiografisch.
Und YRREfand ich super toll, habe ich ganz lange schon gehört und dem habe ich einfach auf Instagram geschrieben, ob er Bock hat und ihm ein paar Songs geschickt. Er hat sich “Deadline” rausgepickt, was total schön ist, weil das jetzt für mich auch total Sinn macht, dass er diesen Song singt. Weil das der einzige ist, der nicht über mein Expartner ist, sondern über jemand Neues. Das gibt dem Ganzen so ein gutes Gefühl. Dann hat er einfach seinen Part draufgeschrieben und ich hab’s sofort abgesegnet. Wir haben uns erst vor zwei Wochen beim Videodreh gesehen. Zum ersten Mal in echt, aber voll der tolle Mensch.
„Ich hab‘ diesen Cut gebraucht“
Evelin: Zu “Temporär”: Wie hast du gegen die Momente angekämpft, wo man einfach wieder versuchen will, alles zu reparieren und die Beziehung wieder zu flicken?
Marie: Also, wir teilen uns ja einen Hund. Mein Exfreund und ich. Und das ist natürlich immer schwierig, weil eigentlich ging es mir dann schon total gut. Aber immer wieder, wenn wir diese Hund-Übergabe hatten – der liegt hier übrigens auch ganz brav – muss man sich sehen und ich habe mir am Anfang gedacht, jetzt schminke ich mich, jetzt mache ich mich total schön und ich kriege alles auf die Kette und bin ganz toll. Und er denkt sich, jetzt wird es bestimmt scheiße. Aber ich glaube, was mir da geholfen hat, war dieses: “Ey, wenn der nicht mit mir zusammen sein will, dann will ich auch nicht mehr mit ihm zusammen sein.” Warum sollte ich das versuchen, wenn es eh nicht geht? Und man kann ja auch niemanden überreden. Irgendwann habe ich gelernt, wenn ich ihn gesehen habe und danach traurig war, vor allem, wenn er den Hund abgeholt hat. Dass ich wusste, ich muss jetzt erstmal die Mama anrufen und dann geht es mir morgen aber auch schon viel besser. Es ist wie so ein kleiner Schnitt in den Fingern, der morgen aber wieder verheilt ist.
Evelin: Für mich wär das extrem schwierig. Anderes Thema aber: Besonders in “Filmriss” merkt man den Stil-Change im Vergleich zu vorherigen Singles. Sehr gelungen, meiner Meinung nach. Alles klingt so wahnsinnig rund und einfach geil. Wie war das für dich so einen anderen Stil zu präsentieren?
Marie: Das war der erste Song, den ich nach der Trennung geschrieben habe, nach einer Woche oder so. Ich war richtig doll traurig und wollte was richtig Düsteres machen, auch mit Nina zusammen und es war auch eher dieses “Komm, wir machen einfach mal irgendwas. Mal gucken, ob was daraus wird.” Da war genau dieses Thema, auch wieder mit “Kugelsicher” und ich brauch‘ einen Filmriss.
Ich will jetzt fünf Monate pennen und dann wache ich auf und es ist Sommer und eh alles wieder gut. Und so funktioniert es ja leider nicht. Aber ich dachte dann, ich muss den rausbringen, weil es so ein krasser Cut ist. Auch zu dem, was ich davor gemacht habe. Ich wollte den eigentlich als Erstes rausbringen und nicht “Swimmingpool”. Ich habe das Gefühl gehabt, zum ersten Mal fühle ich die Songs zu 100.000 %. Nicht, um das Alte zu diskreditieren. Aber ich glaube, da war ich auch noch jünger und war noch nicht so gesettelt in dem, was ich will. Aber jetzt ist alles komplett meins und dann ich hab‘ diesen Cut auch gebraucht.
„Hot Girl Summer und so“
Evelin: Um beim Thema Neuanfänge zu bleiben: Du bist vor einiger Zeit nach Berlin gezogen. Wie hat der Umzug deine Musik beeinflusst?
Marie: Sehr. Ich war ja davor in München und da hat mein Produzent damals auch gewohnt, deswegen hat es total Sinn gemacht. Also in München ist sehr heile Welt und irgendwie passiert auch nicht so viel. Ich musste andauernd nach Berlin oder nach Hamburg reisen, für die Musik. Und ich dachte auch, ich brauche ein kleines Netzwerk an anderen Künstler:innen und Writer:innen und was nicht alles. Um mich so ein bisschen mehr zu etablieren, weil einfach niemand in München ist. Ich glaube, man kann wieder zurück nach München ziehen, wenn man dann Berlin lange genug erlebt hat. Und ich fühle mich hier auch sehr viel wohler. München war ein guter Start. Aber Berlin war auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Ich glaube, ich bleibe auch hier.
Evelin: Glaube, jeder gefühlt haha. Dann zur letzten Frage schon: Hast du eine untold story für uns? Etwas, was du noch nirgends geteilt hast?
Marie: Ich muss mal überlegen, es gibt so ein richtig unnecessary Talent, aber das habe ich schon so oft gezeigt. Das ist gar nicht mehr untold. Aber es war noch nie in der Presse, glaube ich. Ich kann Tiergeräusche imitieren, zum Beispiel.
Evelin: Was ist dein Go-To Tier?
Marie: Der Delfin. Willst du ihn hören?
Evelin: Das ist gar keine Frage.
Hier für alle also: Marie, die Delfinflüsterin
Marie: Also kannst du gern mit reinnehmen, aber das gibts schon auf TikTok. Ansonsten fällt mir gerade gar nichts ein, was ich noch nicht erzählt hätte. Ich teile wahrscheinlich auch einfach wahnsinnig viel… Ich habe bei Nina gewohnt. Ein Monat nach der Trennung. Das habe ich, glaube ich, noch nicht erzählt. Nach der Trennung hat sie mich direkt eingesammelt mit der Tram und gesagt: “Marie, Hot Girl Summer und so.” Dann habe ich da einen Monat bei denen im freien WG–Zimmer gewohnt. Das war sehr schön. Die erste Nacht auch mit Nina in einem Bett, weil ich so viel geweint habe.
Evelin: Na ja, jetzt sind bessere Zeiten.
Marie: Ja, auf jeden Fall. Ich habe heute Abend noch ein Date. Jetzt geht’s rund.
Evelin: Dann halte ich dich nicht länger hier. Viel Spaß beim Date! War schön, mit dir gesprochen zu haben.
Marie: Danke für das Interview. Ciao!
Obwohl die Tiergeräusche nicht in der EP gefeatured sind, ist „Swimmingpool“ definitiv ein Reinhören wert. Jetzt aber mal ohne Spaß: Die Richtung, die Marie mit der EP eingeschlagen hat, ist wahnsinnig erfrischend und so gut ausgearbeitet, dass jeder Song richtig rund und einfach geil klingt. Unten könnt ihr in die 6 tollen Songs reinhören 😊
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